indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 2. November 2006

Champions League

Gehemmte Bayern und unerbittliche Bremer

Bayern München zieht durch ein 0:0 gegen Sporting Lissabon ins Achtelfinale ein, doch die Presse bemängelt den Stil / Die Nüchternheit der Bremer beim 3:0 in Sofia empfinden die Journalisten hingegen als Abwechslung

Klaus Hoeltzenbein (SZ) fehlen die dem Genre angemessenen Worte, um das 0:0 zwischen Bayern und Lissabon zu beschreiben: „Hätte sich dieses Fußballspiel ins Feuilleton verlaufen, wäre vermutlich von einer Kakophonie berichtet worden – von einem Werk, bei dem sich fast alle beflissen mühen, aber trotzdem kein Zusammenhang zu erkennen ist.“ Über die Gründe der bayerischen Spielhemmung heißt es: „Der Binnendruck im Bayern-Kader scheint zu niedrig zu sein: Gegen Sporting bekam die zweite, dritte Reihe ihre Chance, doch weder Lell noch Salihamidzic, weder die eingewechselten Dos Santos oder Karimi setzten Signale, daß sie jene herausfordern werden, die unpäßlich waren. Oder die, wie Pizarro oder Santa Cruz, für alle Hobbyfußballer einen tiefen Trost darstellten, denen jetzt, in des Herbstes Nässe, die Bälle vom Fuß springen.“

Auch Elisabeth Schlammerl (FAZ) klopft der zweiten Reihe der Bayern auf die Brust – und hält sie für zu schwach: „Der Blick auf die Reservebank offenbarte eine ganz ungewohnte Schwierigkeit der Münchner. Dort saßen neben Karimi und dos Santos zu Beginn nur Spieler mit viel Regionalliga-, aber fast ohne Bundesligaerfahrung. In den vergangenen Jahren aber war der FC Bayern oft genug deshalb der Konkurrenz einen Schritt voraus, weil Ausfälle aufgrund eines sehr ausgeglichenen Kaders besser kompensiert werden konnten. Noch eine Qualität, die den Bayern derzeit fehlt.“

Viel Durchschnitt

Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) diagnostiziert bei den Bayern, auch im Vergleich mit dem nationalen Konkurrenten, Stillstand: „Die Normalität dieser Mannschaft ist nicht die gute erste Halbzeit, die sie gegen Hertha BSC zeigte. Sondern es sind die vielen durchschnittlichen, wenn nicht schwachen Halbzeiten gegen nahezu jeden Gegner. Während diese Bayern gegenüber der maroden Mannschaft von vor drei Jahren, damals unter Ottmar Hitzfeld, kaum vorangekommen sind, ist Werder Bremen auf dem besten Weg, sich als der Primus des deutschen Fußballs festzusetzen.“

Zielorientierter Zweckfußball

Achim Lierchert (FAZ) unterstreicht die Nüchternheit des Bremer Erfolgs in Sofia (3:0): „Neben der erfreulichen Aussicht, womöglich auch nach der Winterpause zum erlauchten Kreis der europäischen Fußball-Elite zu gehören, sorgte eine weitere Erkenntnis für Zufriedenheit im Bremer Lager: Es muß auf dem Platz nicht immer ein beschwingter Walzer sein. In Sofia war es mehr der disziplinierte Marsch, der den Erfolg brachte. Zielorientierter Zweckfußball, dem auch die Bulgaren nicht im Wege stehen wollten.“ Christof Kneer (SZ) achtet die Unerbittlichkeit der Bremer: „Werder hat dieses Spiel gewonnen, weil die Mannschaft inzwischen über eine bemerkenswerte Eigenschaft verfügt: Sie nimmt Fehler dankend an – und reitet auf den Fehlern so lange herum, bis der Gegner sich ergibt.“

FAZ: Hamburgs Champions-League-Zwischenbilanz (vor dem 1:3 gegen Porto)

Mittwoch, 1. November 2006

Ball und Buchstabe

Ohne Sachkenntnis

DFB und DFL gründen eine Task Force gegen Gewalt und Rassismus im Stadion – Wolfgang Hettfleisch (FR) wirft ihnen Weltfremdheit vor und empfiehlt ihnen, sich Rat bei den Praktikern zu holen: „Wenn die Fußballfunktionäre damit fertig sind, ein neues Gremium zu installieren und die Nummernspeicher ihrer Handys weiter zu füllen, sollten sie sich die Mühe machen, hinzuhören. Etwa dann, wenn Fan-Beauftragte und szenekundige Polizeibeamte von ihren Erfahrungen berichten und ihre an der harten Praxis geschulten Lösungsansätze präsentieren. Ein bißchen Ahnung von der Materie schadet nicht. So lassen sich abwegige Forderungen wie jene der Polizeigewerkschaft vermeiden, für Spiele der dritten und vierten Liga künftig die Sicherheits- und Personalstandards von Bundesligapartien anzulegen. Auch wer schärfere bauliche Auflagen für die Stadien von Dritt- und Viertligisten fordert und für die Beseitigung der Mängel vage Unterstützung vom DFB in Aussicht stellt, zeigt, daß seine hübschen Worte von keinerlei Sachkenntnis getrübt sind. Das Ausmaß des Sanierungsbedarfs ist biblisch, die Kassenlage praktisch aller abgerutschten Traditionsklubs katastrophal. Und just deren Klientel bildet den Kern des Gewaltproblems.“

Tsp: Die alten Reflexe funktionieren noch, erst mal schieben die Fußballfunktionäre die Schuld an Fan-Gewalt der Polizei und der Politik in die Schuhe
Theo Zwanziger im Welt-Interview: „Wir sind nicht die Reparaturwerkstatt des deutschen Volkes“
BLZ: DFB und DFL gründen eine Task Force – doch warum erst jetzt?
taz: Der DFB will eine Task-Force gegen Gewalt in den Stadien installieren und bekennt sich zur Zusammenarbeit mit den Fanprojekten; die fürchten sich vor allem vor mehr Repressalien

NZZ-Bericht Barcelona–Chelsea (2:2)
NZZ-Bericht Liverpool–Bordeaux (3:0)

FR: Celta de Vigo – die Unbekannten aus Galicien

FAZ: Aaron Hunts stürmische Unruhe imponiert auch Klose

Dienstag, 31. Oktober 2006

Vermischtes

Aktuelle Links: Bulgarien nach der Korruption, Umgang mit Schiedsrichtern, Klinsmann Trainer der USA?

taz: Soll Klinsmann die USA trainieren? Pro und Contra
SZ: Der frühere Bundestrainer träfe in den Vereinigten Staaten auf fast ideale Bedingungen – nur ist der Fußball dort Nebensache
american arena zitiert den Präsidenten des amerikanischen Fußballverbands zum Thema Klinsmann

taz: Nach einer Epoche der Korruption und mafiösen Geschäftsbeziehungen ist wieder Normalität in den bulgarischen Fußball eingekehrt: die Erfolge von Lewski Sofia spiegeln diese Entwicklung wider

NZZ: Tarragona, Aufsteiger in die Primera Division

NZZ: Austria Wien mit dem 12. Coach in sechs Jahren aus der Krise?

BLZ: Der DFB muß die Sicherheitsstandards der Profiligen nach unten ausdehnen und die drastischen Strafen der Fifa auch dort anwenden
FR-Interview mit dem DFL-Präsidenten Werner Hackmann: „Das, was in den Bundesligen teilweise mit Schiedsrichtern und deren Assistenten auf dem Spielfeld geschieht, ist sicher nicht förderlich und ein schlechtes Vorbild gerade für die unteren Spielklassen. Dort glauben dann die Spieler und Zuschauer, es sei ihr gutes Recht, auf Schiedsrichter loszugehen“

Allgemein

Der Michael Schumacher des Fußballs

Raphael Honigstein begleitet in Rund den Einstand Michael Ballacks in Chelsea. Deutlich wird, daß die Engländer ihm mit großem Respekt entgegentreten: „Reiner Calmunds uralte Worte vom ‚kleinen Kaiser‘ werden seitdem bei jeder Gelegenheit zitiert; die Engländer sind überzeugt, daß der Görlitzer in seinem Heimatland tatsächlich so gerufen wird. Und sie glauben, noch etwas über ihn zu wissen: Ballack gilt als arrogant. Ein vom Observer zu Rate gezogener Spiegel-Artikel von 2001, der ihn als verhätschelten, kritikunfähigen Jungprofi beschrieb, ist Ursprung dieser Mär, aber auch seine aufrechte Spielweise. Arrogant nennt man auf der Insel solche sichtbar von sich selbst überzeugten Spieler, der Begriff ist jedoch nicht ausschließlich negativ besetzt. Die im Verlieren geübten Engländer halten Ballacks Siegermentalität für etwas typisch deutsches. Kompetent, verläßlich, emotionslos, titanisch-teutonisch – als ‚Michael Schumacher des Fußballs‘ (Sun).“ Ballacks neuem Haarschnitt schreibt Honigstein durchaus Bedeutung zu: „Ballack hat sich wie sein Trainer Mourinho (‚Ich bin bereit für den Krieg‘) den Schädel rasiert. Das soll Härte im Nehmen suggerieren. Und auch Demut. Sträflinge und Soldaten bekommen traditionell so eine Nichtfrisur verpaßt; sie negiert Individualität. Ballacks Verzicht auf den Mittelscheitel ist ein Zeichen: Ich will einer von vielen sein.“

Die Schmähungen und Beleidigungen der Bayern-Vereinsführung am Ende der vergangenen Saison führt Honigstein auf die „Enttäuschung nach einer gescheiterten Beziehung“ zurück. Die Bayern wollten einen Effenberg-Nachfolger, der „die eigenen Männer kommandiert und dem Gegner wehtut“. Doch Ballack sei nie der „starke Mann“ gewesen. Fazit der Bayern/Ballack-Ehe: „Ballack hat die Erwartungen des FC Bayern nicht erfüllt. Umgekehrt war es ähnlich.“ Und sie haben wohl noch immer nicht verstanden: „In München hat man mit ein paar Wochen Verspätung angefangen, Ballack doch noch zu vermissen. Aber bezeichnenderweise aus dem falschen Grund“, behauptet Honigstein und zitiert Franz Beckenbauer: „Er war der Mannschaftskapitän auf dem Platz, um ihn drehte sich alles, er gab den anderen Halt.“ Honigstein hält fest: „Vermißt werden also nicht die Tore, gewonnene Zweikämpfe oder Pässe. Nein, was nun fehlt ist Ballack, das Alphamännchen, das er doch nie sein wollte. Merkwürdig, erzählten doch die Weltmeisterschaft und Ballacks Deutschland von nichts anderem als der gewaltigen Kraft des Kollektivs. Das Ballack mit seiner taktischen Intelligenz anführte – aber immer bereit, sich den Interessen des Teams unterzuordnen.“

Den Nachteil, nun in England in einem starken Kollektiv zu spielen, habe Ballack bereits kennengelernt: „Ballacks Flucht hat sich nicht nur finanziell gelohnt. Er wird in London nach einfachen, objektiven Maßstäben bewertet werden. Das Ende der unfreiwilligen Sonderrolle hat aber auch negative Seiten: In der Bundesliga hätte ihn sein Ballack-Bonus bei den Schiedsrichtern vor einer Roten Karte wie im Spiel gegen Liverpool bewahrt.“ Wie äußert sich Ballack über die Bayern und die Bundesliga? Er habe sich Diplomatie auferlegt, um den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, mit der Ballack ein schwieriges Verhältnis hat, zu entgehen: „Solange er Kapitän des Nationalmannschaft bleibt, wird er sich auch nicht vollständig von der einen oder anderen deutschen Obsession abkapseln können. Der lange Arm des Boulevards reicht über den Ärmelkanal. Ballack will zum Beispiel das Niveau der Bundesliga lieber nicht mit dem der Premier League vergleichen. Er weiß wahrscheinlich, daß er sonst am nächsten Tag womöglich ‚Ballack verhöhnt die Liga!‘ lesen müßte.“

Auf dem Weg zum zahnlosen Zirkuslöwen?

Christian Eichler (FAZ) stellt Ronaldinho ein schlechtes Halbjahreszeugnis aus: „Seit seinem genialen Paß auf Giuly im April gegen den AC Mailand hat der bis dahin unumstritten beste Spieler der Welt in keinem großen Spiel mehr überzeugt. Das Finale gegen Arsenal gewann Barcelona fast ohne sein Zutun. In Brasiliens WM-Team wirkte Ronaldinho wie sein eigener Doppelgänger. Und in den wichtigen Spielen der neuen Saison sah er hilflos aus. Den Mann, den gut zwei Jahre lang in Europa keiner stoppen konnte, degradieren nun schon bessere Bundesliga-Arbeiter wie Fritz (Werder Bremen) oder Boulahrouz (inzwischen Chelsea) zum teuersten Statisten der Showbühne Fußball.“

Eichler sorgt sich um die Entwicklung Ronaldinhos, der als zahnloser Zirkuslöwe enden könnte: „Der matte Star wirkt derzeit ausgezehrt vom Erfolg und der ruhelosen Existenz des wandelnden Weltwunders, von dem jederzeit alle Welt etwas will. Zidane schaffte es, sich in sich selbst und seine abgeschottete Welt zurückzuziehen. Ronaldinho ist ein ganz anderer Typ, der alle Erwartungen offenbar zu gern erfüllen will. Um davon nicht aufgefressen zu werden, wird er in der zweiten Halbzeit der Karriere zu einer defensiveren Art finden müssen, das öffentliche Spiel aus Laufbahn und Leben zu gestalten.“ Zu seiner Zukunft heißt es: „Daß Ronaldinhos Zeit schon abläuft, mag sich keiner so richtig vorstellen“, schreibt Eichler, nennt aber Spekulationen über einen Vereinswechsel: „Aber vielleicht: daß Ronaldinhos Zeit in Barcelona abläuft. Die Konkurrenz hat ein Gespür für die feinen Signale von Formkrisen, die manchmal nur Beziehungskrisen sind. Und so zementiert, wie die Liebes-Liaison von ‚Barça‘ und ‚Ronnie‘ schien, scheint sie nun nicht mehr.“

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Allgemein

Auslaufmodell

Fortsetzung

Unter dem Titel „Abstieg einer Pop-Ikone“ ist es auch Eichler, der in der Sonntag-FAZ den Aufmacher des Sportbuchs verfaßt – Thema: der sportliche und ökonomische Marktwertverlust David Beckhams: „End it like Beckham: Schlußpfiff für den Glamour-Fußball. Moderne Klubs analysieren mit Datenbanken und Scoutingnetzen ihr Personal und Potential immer nüchterner und gründlicher. Heutigen Tempo- und Netzwerkfußball prägen Spieler, die sportlich multifunktional sind, privat aber einförmig. Und die seit Jahren ihre Frisur nicht geändert haben: wie Lampard, Gerrard, Henry, Pirlo, Deco. Motto: Substanz schlägt Verpackung. Beckham hat gelernt. Lange schon hat der Mann, der früher seinen Leibfriseur einfliegen ließ, den Schnitt nicht gewechselt: einen konventionellen, ungefärbten Kurzschopf. Ob das noch hilft, nach seiner Fasson glücklich zu werden?“

Beckham gleiche einem Symbol für eine illusionäre Personalpolitik, die Real Madrids italienischer Trainer aber verabschiedet hat: „Real hat unter Trainer Fabio Capello den großen Schnitt gemacht. Wo es früher um Schaueffekte ging, sorgt heute ein 6er-Defensivblock für Sicherheit – kein Platz mehr für zweikampfscheue Luxus-Kicker. Es ist die Konsequenz aus dreijährigem Irrflug, in dem man die Elf komponierte wie ein Sechstkläßler sein Sammelalbum: Hauptsache Namen. Das neue Vorbild in Europa gibt Chelsea ab: ein Starensemble, in dem Teamgeist über alles geht; in dem Weltklassespieler sich klaglos darin fügen, glanzlos zu sein. (…) Die Fußballbranche ist längst auf der Suche nach einer neuen Nüchternheit.“

Treffend beschreibt Eichler das Phänomen, daß Beckham in ferneren Gefilden noch ein großer Name ist: „Sportlich braucht Real Beckham nicht, wirtschaftlich aber kann man ihn noch gebrauchen: für Trikotverkäufe, für Präsenz in den neuen Fußballmärkten in Asien und Amerika, wo Real, seit Beckham kam, Manchester überholt hat. Sein Glanz mag mit den ‚Galaktischen‘ verglüht sein. Doch in entlegenen Teilen des Fußballuniversums kommen seine Lichtjahre entfernt abgesonderten Strahlen noch an.“ Wenn die Sonne erlischt, merken wir Erdenbürger es nun mal erst achteinhalb Minuten später.

Ein kurzer Seitenblick ins Familienleben gestattet sich Eichler: „Wie der Gatte steht auch die knochige Mrs. Beckham, Kleidergröße 32, mit ihren Maßen, ihrer Mode und ihrer Musik als Auslaufmodell des Zeitgeistes da. Im festen Glauben daran, daß alles aus ihrem öffentlich gestylten Leben Relevanz habe, trat Victoria Beckham mit Bekenntnissen in die Welt, die zuletzt nur noch Stirnrunzeln auslösten: daß der Stoff ihrer Haarverlängerungen von russischen Gefängnisinsassinnen stamme; daß sie mit ihrer Freundin Katie Holmes, künftige Frau des Filmstars Tom Cruise, ihr Interesse an der Scientology-Sekte diskutiert habe.“

Kombination aus Kraft, Finesse und Teamdenken

Hanspeter Künzler (NZZ) porträtiert Wayne Rooney als Tier, das mit „rhinozeroshaftem Tatendrang den Gegner in Panik versetzen“ könne. Seine rauhe Spielweise diene ihm dazu, sich vom kontinentalen Fußballstil abzugrenzen: „Die vielen roten Karten sind ein Pfeiler seines Status als Volksheld. Sie sind gleichermaßen ein Echo aus den guten alten Zeiten, in denen Fußballer – so der Mythos – noch hart, aber ehrlich waren. Rooney, der ganz im Sinne des modernen Macho-Mannes jeden Ball als sein persönliches Eigentum erachtet, verliert ihn und verpaßt dem Gegner mittels Tritts in die Hoden einen Denkzettel – vielleicht nicht ganz fair, aber auf jeden Fall hart und ehrlich.“ Gleichzeitig gewinne Rooney so die Herzen der altenglischen Fans: „Dafür eine rote Karte? Pervers! Endlos sind die Diskussionen am englischen Fernsehen, wie man den natürlich im Ausland erfundenen Schwalben und ähnlichen faulen Tricks Einhalt gebieten könnte. Rooney kann man vieles vorwerfen, aber Schwalben nicht. So verhält sich die Nation bei einer Roten Rooney-Karte so wie Jose Mourinho bei jedem Schiedsrichterpfiff gegen Chelsea: Man ist überzeugt, das Opfer eines Komplotts zu sein.“ Doch auf Rooneys Technik und Spiel weise läßt Künzler nichts kommen: „Roy Keane war der Prototyp des modernen Spielers, der für den Sieg über Leichen ging. Wayne Rooney ist ein technisch viel versierterer Spieler, ein Instinkt-Spieler noch dazu, bei dem an einem guten Tag Kraft, Finesse und Teamdenken zu einer atemraubenden Kombination zusammenfinden.“

Tsp: Der Mineralwasser-Profi – der FC Bayern kann schon heute ins Achtelfinale einziehen, auch dank Andreas Ottl

BLZ: Haken im Höchsttempo – Bremens überragender Regisseur Diego strebt in die brasilianische Nationalmannschaft
FR: Mertesacker und Naldo, zwei Bremer Laternen

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Bundesliga

Ganz Deutschland ist überrascht

5:1 gegen Aachen, Tabellenplatz 5 – Arminia Bielefeld hat Erfolg, und keiner merkt’s. Bis auf wenige Ausnahmen, Peter Penders (FAZ) zum Beispiel, der auf die Verläßlichkeit des Klubs hinweist: „Das kennt man ja auch aus dem richtigen Leben – wie verletzend das ist und wie sehr es auf die Laune drückt, wenn immer nur die anderen gelobt werden und die eigene Leistung kaum Beachtung findet. In diesem Gefühlszustand befindet sich stets die Bielefelder Arminia, die landauf, landab stets als großer Abstiegskandidat gehandelt wird. Fast spurlos ist die Entwicklung in Ostwestfalen an der öffentlichen Wahrnehmung vorübergegangen, denn die einstige Fahrstuhlmannschaft ist längst drauf und dran, sich trotz eines vergleichsweise bescheidenen Etats und überschaubarer Zuschauerzahlen in der höchsten Spielklasse zu etablieren. Doch nach wie vor scheint ganz Deutschland völlig überrascht, wenn diese Bielefelder wieder nicht verloren haben.“

Ein alter Junger

Bernd Dörries (SZ) schreibt über den 3:0-Sieg Stuttgarts gegen Schalke: „Es ergab sich ein Gesamtbild zweier Mannschaften, von denen die eine sich berechtigte Hoffnungen machen kann, für längere Zeit im oberen Teil der Tabelle zu stehen“, und es dürfte klar sein, daß er damit den Sieger meint. Am besten spielte, neben den Stuttgarter neuen Jungen, ein alter Junger: der Torwart. Dörries klopft ihm auf die Schulter: „Timo Hildebrand zeigte die beste Leistung seit Monaten und hielt in der Schlußphase noch Bälle, die man nicht halten muß. Bei Hildebrand hatte man in der vergangenen Saison oft das Gefühl einer fortschreitenden inneren Emigration. Manchmal mag er sich vorgekommen sein wie der letztverbliebene der Jungen Wilden des VfB, der vergessen hatte, den Verein zu wechseln.“

FR: Serdar Tasci und Sami Khedira, Stuttgarts Zukunft ist 19 Jahre alt
Tsp: Beim VfB Stuttgart hat der Nachwuchs beste Chancen

Abschied vom Konzept Assauer

Benedikt Voigt (Tsp) nimmt den Verlierer in Schutz, indem er die besonnene Neuausrichtung der Personalpolitik hervorhebt: „Schalke 04 ist gerade dabei, sich vom Konzept Assauer zu verabschieden. Für die Schuldentilgung ist der aufsehenerregende Vertrag mit Gasprom vorgesehen. Und mit den Millioneneinkäufen ist schon länger Schluß. In Stuttgart kam Kuranyi für den 18-jährigen Verteidiger Boenisch ins Spiel, fünf Jugendliche sind unter Trainer Mirko Slomka vor dieser Saison in den Profikader Schalkes aufgerückt. Das ist in der Öffentlichkeit nur noch nicht so richtig aufgefallen, weil dem Schalker Nachwuchs im Gegensatz zu dem Stuttgarter zurzeit das fehlt, was jedes Konzept dringend braucht: der Erfolg.“

Welt: in diesem Jahr halten viele Bundesliga-Klubs trotz Erfolglosigkeit an ihren Coaches fest – aus Loyalität und weil geeignete Nachfolger fehlen

stern.de: Hans Meyer ist berüchtigt für seine Sprüche. Sein jüngster Verbal-Faux-Pas hat die Grenze der Geschmacklosigkeit deutlich überschritten

NZZ: Borussia Dortmunds Sanierungskurs zeitigt deutliche Erfolge, doch es gibt sportliche Widrigkeiten

Montag, 30. Oktober 2006

Bundesliga

Was ist ihm vorzuwerfen?

Fortsetzung von: Prekariat der Fußballfans und kickende Unterschicht

Stefan Hermanns (Tsp) rät den Gladbachern zu Geduld mit Jupp Heynckes: „In Mönchengladbach wirkt es fast wie ein Kulturschock, daß die Borussia nun – zum ersten Mal seit Hans Meyer – wieder einen Trainer mit Konzept beschäftigt. Mit einem Konzept wie gemalt für den Verein. Jupp Heynckes will junge Spieler fördern, er will genau den schnellen und ansehnlichen Fußball sehen, mit dem es die Gladbacher sogar in den latent fußballfeindlichen Siebzigern zu Helden des Feuilletons gebracht haben. In einer Woche aber, in der die Mannschaft dreimal verliert, rücken solch Details schnell in den Hintergrund. Die Boulevardmedien streuen erste Zweifel an Heynckes. Doch was ist ihm vorzuwerfen? Daß das Konzept, das von vornherein auf mehrere Jahre angelegt war, nach vier Monaten noch nicht seine volle Wirkung entfaltet? Wer ein Konzept haben will, sollte schon wissen, daß er keinen Neururer bekommt.“

Cottbus, die spielstärkere Elf

Alle Zeitungen berichten nach dem 2:0 der Cottbuser gegen Hertha über Dieter Hoeneß‘ Wut auf Schiedsrichter Lutz Wagner, der sein Team seiner Meinung nach schon öfter benachteiligt habe. Hoeneß fordert sogar, daß Wagner nie mehr Spiele der Berliner pfeifen solle. Die Reaktion in der Presse: Stirnrunzeln. Javier Cáceres (SZ) führt den Mißerfolg auf Berliner Spielschwäche zurück: „Daß die Ursache für die Niederlage zuvorderst in Herthas erstaunlichen Unzulänglichkeiten zu suchen war, gestand auch Hoeneß ein, wenn auch erst auf Nachfrage. Aber immerhin. Auch Trainer Götz hatte nicht seinen besten Tag. Die Einwechslung von Hitzkopf Andreas Neuendorf mutete an wie der Versuch, Glut mit Feuer zu ersticken. Die Cottbuser stellten ihrerseits stolz die Federn senkrecht, angefangen damit, daß sie freudig auf den Besuch von Spähern von Manchester United und Tottenham Hotspur verwiesen. Was diese sahen, war Ungeahntes: Die Führung machte die überraschenderweise bis in Uefa-Cup-Platz-Regionen vorgedrungenen Platzherren so spielsicher, daß man sogar meinen konnte, die Mehrheit der Energie-Kicker hätte diesmal ihre rechten Füße in die rechten Stiefel, und die linken Füße in die linken Stiefel gesteckt.“ Matthias Wolf (FAZ) fügt hinzu: „Cottbus, das war diesmal wirklich die spielstärkere Elf: mehr Ideen, mehr Esprit, clever konternd. Auch wenn das mancher nicht wahrhaben wollte.“

Tsp: Hertha BSC fühlt sich von Schiedsrichtern benachteiligt – in letzter Zeit vor allem von Lutz Wagner

Kickende Unterschicht

Bochum spielt gegen Wolfsburg (0:1), und Richard Leipold (FAZ) schlägt die Hände vorm Gesicht zusammen: „Weder der VfL Bochum noch der Namensvetter aus Wolfsburg stehen in dem Ruf, die Bundesliga zu bereichern. Im unmittelbaren Vergleich sind die beiden Klubs aus der spielerischen Grauzone diesem Ruf gerecht geworden. Über dieses Spiel zu sprechen bereitete keinem der beiden Trainer Vergnügen.“ Leipold zitiert Klaus Augenthaler: „‘Ich habe damit gerechnet, daß wir schlecht spielen und gewinnen, aber daß wir so schlecht spielen, hätte ich nicht erwartet.‘ Das läßt ahnen, wie armselig dieses Treffen der kickenden Unterschicht war.“ Wie Bochum noch die Kurve kriegen will – Leipold hat keine Ahnung: „Der Tabellenletzte festigt seine Position und wirkt ganz so, als fügte er sich in ein sportliches Schicksal, das ihm alle paar Jahre bestimmt zu sein scheint. Keine andere Mannschaft hat im ersten Viertel der Saison so wenig Ermutigendes geboten wie das konturlose Ensemble aus Bochum.“

Andreas Morbach (FR) pflichtet bei: „Das Duell zwischen den grauen Mäusen aus Bochum und Wolfsburg hielt alles, was es vorher nicht versprochen hatte.“ Christoph Schurian (taz) schreibt: „Auch wenn im Verein keine Trainerdiskussion geführt wird, wenn die Presse lieber andere Sündenböcke sucht, auf die Fußball-Fotografen ist Verlaß: Im Presseraum stellten sie ihre Objektive nur auf Marcel Koller ein und warteten. Als der Trainer sich das eine Mal mit der Hand ins Gesicht fuhr, rasselten die Auslöser. ‚Hingerichtet‘, murmelte jemand.“

Tsp: Der Feind in meinem Trikot – Claudio Pizarro hindert Roy Makaay am Torschuß und vereitelt einen höheren Sieg der Bayern

Tsp: Der Fluch des späten Gegentors – nach dem siebten Unentschieden in Folge herrscht Ratlosigkeit beim 1. FC Nürnberg

taz: Das 0:0 zwischen dem Hamburger SV und Hannover 96 ist für die Hannoveraner eine Bestätigung der gefestigten Grundstruktur; für den HSV ist das Remis ein Beleg für den Mangel an Spielideen

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Bundesliga

Prekariat der Fußballfans und kickende Unterschicht

Pressestimmen zum 9. Spieltag: Gewalt in den unteren Ligen stellt die Bundesliga in den Schatten / Forderungen an den DFB und die DFL / Presse findet Trost allein in Werder Bremen / Kritik an Jürgen Klopp / Bochum und Wolfsburg, das Duell der grauen Mäuse / Dieter Hoeneß fühlt sich verfolgt, die Presse schmunzelt

Wolfgang Hettfleisch (FR) betont aufrüttelnd auf die Diskrepanz zwischen dem Bild, was sich die Deutschen vom Fußball während der WM gemacht haben, und der gewaltvollen Realität in den Fan-Blöcken und S-Bahnen: „Es gibt gute Gründe, der allzu schlicht gestrickten Botschaft vom Blümchen-Patriotismus zu mißtrauen, der im Fußball ein perfektes Vehikel fand. An diesem Wochenende zeigte sich bei Fan-Ausschreitungen in Augsburg, Berlin und Pforzheim, daß der Deutschen liebster Sport unverändert auch als Transportmittel für Haß und Gewalt dient. Der Befund kann nur jene überraschen, die im Ausnahmezustand während der WM eine Art neuer deutscher Normalität sehen wollten. Der Alltag auf vielen Fußballplätzen insbesondere der dritten und vierten Ligen sieht anders aus. Dort tobt sich auf den Rängen eine Minderheit aus, die einem Milieu angehört, das aus der aseptischen Erlebniswelt Bundesliga mit ihren Logen, 40-Euro-Sitzplätzen und Anti-Rassismus-Kampagnen weitgehend verdrängt wurde. Es gibt ein Prekariat der Fußballfans.“

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) fordert das Investment des DFB und ein neues Gesetz: „Während die große Showbühne Bundesliga einigermaßen sicher geworden ist, spielt sich der Fußballterror mittlerweile abseits des grellen Rampenlichts ab – in der zweiten Liga, der Regionalliga, der Oberliga. Die großen Vereine haben das Geld für die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und investieren auch in präventive Fanprojekte. In den unteren Klassen werden die deutlich geringeren finanziellen Mittel dagegen fast ausschließlich in den sportlichen Bereich investiert. Sich einen Fan-Beauftragten zu leisten gilt vielerorts als unnötiger Luxus. Hier muß der Hebel angesetzt werden – und zwar vom DFB. Der reichste Sportverband der Welt müßte genug Geld übrig haben, um unterklassige Klubs im Kampf gegen Gewalt zu unterstützen. Im Gegenzug sollte die Lizenzvergabe auch davon abhängig gemacht werden, ob ein Verein der Gewalt und dem Rassismus entschieden entgegenwirkt.“

Welch frostiges Klima für Deutschlands Lieblingsspiel!

Klaus Hoeltzenbein (SZ) nimmt die Profiklubs und -spieler in die Verantwortung: „Gegen diese Gewalt der vielen Orte scheint nur eine Doppel-Strategie zu wirken: vorrangig die Fan- und Sozialarbeit, dann die Null-Toleranz-Politik. Auch die großen Klubs müssen runter von der Insel der WM-Beseelten. Es ist ihr Sport, der in den unteren Klassen geprügelt wird. In Italien haben Skandale und Krawalle das Publikum schon aus den Stadien vertrieben. Hier könnten die Nationalspieler auf Plakaten und in TV-Spots zu Anti-Gewalt-Botschaftern werden – jeder könnte dann ihre Botschaften gegen feige Fäuste sehen. Ob sie jeden erreichen, ist fraglich, aber auch nachrangig.“

Jörg Hahn (FAZ) beklagt die Folgenlosigkeit und Oberflächlichkeit von Politikersätzen – und findet Trost in Werder Bremen: „Politiker, die eben noch den Fußball als Erfolgsmodell für Gewaltprävention und Integration sowie als beste Werbung für das moderne Deutschland-Bild in der Welt gerühmt haben, echauffieren sich mit routinierter Rhetorik gegen eskalierende Gewalt in Fußballstadien, fordern hartes Durchgreifen. Wir warten auf Krisengipfel, Sofortmaßnahmen – und auf die Sondersendung zum Thema mit Sabine Christiansen. Zynisch könnte man bemerken, daß die Krawalle auch ihr Gutes haben: als Motor für dringend notwendige Investitionen in Stadionsicherheit jenseits des großen Fußballs. Welch frostiges Klima für Deutschlands Lieblingsspiel! Nur gut, daß ausgerechnet eine Mannschaft aus dem angeblich so kühlen Norden kräftig auf den Blasebalg tritt, um die Flamme der Fußball-Begeisterung am Leben zu halten.“

Vorhang auf – doch da kommt nur ein Mainzer Mäuschen

Mit skeptischen Augen beobachten die Journalisten mittlerweile Jürgen Klopp, der mit seinen Mainzern 1:6 gegen Werder Bremen verloren hat. Christoph Kneer (SZ) hält Klopp stichelnd vor, daß er zu sehr auf dieses Spiel, auf diese eine Karte, gesetzt habe: „Es ist selten gut, wenn man ein Fußballspiel überlädt. Einen so hohen emotionalen Aufwand haben sie betrieben in Mainz, daß die Fallhöhe umso größer war. Sie haben nicht nur ihren Stadionsprecher in Stellung gebracht (‚Heute hören wir van Halen, wie im Aufstiegsjahr!‘ ‚Und jetzt die Wunderkerzen!‘), sondern unter der Woche auch ‚den besten Mannschaftsabend seit fünfzehn Jahren‘ gefeiert (Klopp). Sie haben den neuen Spielern DVDs aus dem Aufstiegsjahr vorgespielt, und auf der Mitgliederversammlung hat Klopp die Leute aufgefordert, zwanzig Sekunden die Augen zu schließen, um sich die alten Aufstiegsbilder vors geistige Auge zu rufen. Was er nicht wußte, ist, daß auch seine Abwehrspieler die Augen zumachten und daß sie sie nicht mehr aufgemacht haben bis zum Abpfiff (falls doch, haben sie schemenhaft Klose, Hunt oder Diego vorbeiflitzen sehen).“

Michael Eder (FAS) zersticht Klopps Wortballons: „Man muß sich das vorstellen wie im Zirkus. Riesiges Tamtam, volles Orchester, hektisches Ballyhoo, dann Vorhang auf – und statt des erwarteten Panthers kommt nur ein verwirrtes Mäuschen hervor, ein Mainzer Mäuschen, das vor einem echten Panther steht, einem Panther aus Bremen, der es in der Luft zerreißt. Alle Aktionen der Mainzer hatten sich als Schlagen im Schaum erwiesen – das ist das Risiko, das einer wie Klopp eingeht, wenn er unter der Woche trommelt wie ein Wilder, wenn er Emotionen schürt und einen Neubeginn ausgerechnet gegen diese überragende Bremer Mannschaft ankündigt. Das kann ins Auge gehen, das kann peinlich enden. Und so ist es gekommen.“ Die vorauseilende Entgegnung der Mainzer, die hohe Niederlage sei durch die Stärke des Gegners hinreichend erklärt, läßt Eder nicht gelten: „Die Hausherren selbst haben genügend dazu beigetragen, und das galt besonders für Klopp. Der Mainzer Trainer, als führender Kopf der WM-Plauderrunde des ZDF gerade erst mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, ist seit Wochen im Taktiktüftelrausch. Klopp muß seine schwer geschlagene Mannschaft wiederaufrichten, das ist seine erste Aufgabe, und er muß ihr endlich eine Ordnung verpassen, die keinen Nobelpreis für Fußballtaktiken gewinnen will, sondern die ganz einfach nur funktioniert. Schafft er dies nicht, wird sich Mainz von dieser fulminanten Niederlage so schnell nicht erholen.“

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Sonntag, 29. Oktober 2006

Ball und Buchstabe

Phänomen der Öffentlichkeit

Ronny Blaschke (BLZ) wehrt sich dagegen, die Fortschritte ostdeutscher Vereine in jüngster Zeit unter gesellschaftspolitischer Perspektive zu betrachten: „Die Schlagzeile ‚Abschwung Ost‘, die immer wieder zu lesen war, ist so übertrieben, wie es ‚Aufschwung Ost‘ jetzt wäre. Daß die Wirtschaft im Neufünfland weniger Geld für Fußball übrig hat, ist seit sechzehn Jahren bekannt. Dennoch ist der ostdeutsche Fußball wie er war – und bleiben wird. Klubs wie Energie Cottbus, Hansa Rostock oder Dynamo Dresden leiden ebenso unter sportlichen Schwankungen wie der VfL Bochum oder der Karlsruher SC. Das hat nichts mit dem Ost-West-Konflikt zu tun. Es muß nicht immer an einem ganzen System gerüttelt werden, wenn ein Ostklub fünf Spiele hintereinander verliert. Um die Vereine aus der ehemaligen DDR wieder in höhere Sphären zu bringen, sind keine Sozialfonds und politischen Appelle nötig. Sonst hätten sie in Schleswig-Holstein und im Saarland längst schreien müssen. Dort hat sich seit Ewigkeiten kein Klub in Liga eins blicken lassen. Die Debatte um Aufstieg und Fall des Ostfußballs ist nicht mehr als ein Phänomen der Öffentlichkeit. Der lästige Rucksack der DDR-Vergangenheit wird noch lange drücken.“

Ohne Rückgrat

Martin Endemann und Christoph Ruf bemäkeln in der aktuellen Ausgabe von Rund, daß Energie Cottbus seinen Fan-Beauftragten M. im Sommer wegen einer Kampagne des „Inferno Cottbus“, der rechtsextremen Klientel des Fan-Lagers, entlassen habe. „Inferno Cottbus“ habe den Anti-Rassismus-Kämpfer M. auf Flugblättern als „Drogendealer“ denunziert und damit auf eine Lappalie aus M.s Privatleben angespielt, die zehn Jahre zurückliege; zwar sei das Flugblatt anonym verteilt worden, doch die Frakturschrift und der Stil und die Wortwahl, „die der NS-Hetzschrift ‚Stürmer‘ nachempfunden sind“, ließen klar auf den Urheber schließen. Der Führung von Energie Cottbus wirft Rund nun mangelndes Rückgrat vor, weist aber darauf hin, daß der Verein in der Vergangenheit vorbildlich gegen Rechtsextreme vorgegangen sei und sich vom „Inferno“ distanziert habe. „Umso unverständlicher“, kritisieren Endemann und Ruf, „daß der Verein nun Wasser auf die Mühlen der rechtsextremen Fans leitet und dadurch seine eigene, an sich vorbildliche Antirassismusarbeit konterkariert.“

Freitag, 27. Oktober 2006

Vermischtes

Aktuelle Links

zeit.de: Jürgen Klinsmann, der wirkungsvollste Bundestrainer aller Zeiten, kehrt wohl bald zurück auf die Trainerbank – leider nicht auf eine deutsche

NZZaS: Ein Schweizer in Köln – Hanspeter Latour fährt Achterbahn

TspaS: Ein bißchen Skonto – Italiens Fußballskandal findet ein mildes Ende

28. Oktober 2006

SZ-Portrait Mario Gomez (VfB Stuttgart): „Draufgänger und Heimschläfer“

BLZ: Die Dortmunder Klubführung ähnelt zunehmend einem Zweckbündnis

sueddeutsche.de: Der lustige Bayern-Kalender – im August hieß es: Im September sind wir fit. Ende Oktober stottert der Bayern-Motor immer noch. Aber: „Im Januar, Februar kommt ein ganz anderer FC Bayern.“ Sagt Sagnol. Aber was ist bis dahin?

BLZ: Für Jürgen Klinsmann könnte als Nationaltrainer der USA ein Traum wahr werden

NZZ: Strafmilderungen in Italien für die Betrügervereine – Weichspüler-Urteile im Rabatt-Prozeß

Welt: Das WM-Sommermärchen gibt es nur noch im Kino, auf Deutschlands Fußballplätzen ist der Alltag zurückgekehrt. Doch der Hooliganismus 2006 ist kein fußballspezifisches, sondern eine gesellschaftspolitisches Problem – und muß dementsprechend bekämpft werden

Ball und Buchstabe

Hat doch mit Fußball zu tun

Die Schlagzeilen und Leitartikel der Sportseiten gehören heute dem Becherwurf von Stuttgart; die Presse kritisiert die Funktionäre, weil sie das Problem Fan-Gewalt auf die Gesellschaft abwälzen wollen

Michael Horeni (FAZ) findet die Routine, mit der Fußballfunktionäre diese Tat und jede andere Form von Fan-Gewalt als Problem der Gesellschaft abtun wollen, falsch und faul: „Die Distanzierungsrituale sind nur zu bekannt. Rassistische Schmähungen, die zuletzt auch wieder in deutschen Stadien zu hören waren – hat mit Fußball nichts zu tun. Die seit Jahren bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft rassistischen und nazistischen Parolen der Glatzenträger – hat mit Fußball nichts zu tun. Die Probleme im Fußball, so die gängige Praxis, werden vergesellschaftet; die positiven Seiten privatisiert. Die Begeisterung in den Stadien jedenfalls hat noch kein Fußballfunktionär als gesellschaftliches Phänomen zu deuten versucht. Die Probleme auf den Rängen wären natürlich noch keineswegs gelöst, wenn sich der deutsche Volkssport auch zu denen bekennen würde, die in seinem Namen Schaden anrichten. Es gehört dazu, die Existenz der Unbelehrbaren und Schwererziehbaren in den eigenen Reihen zu akzeptieren und sich für sie verantwortlich zu fühlen. Das schafft zwar noch keine Ruhe im Stadion – aber es stärkt die Glaubwürdigkeit in diesem Kampf ungemein.“

Michael Kölmel (BLZ) fügt den Vergleich mit anderen Sportarten hinzu: „Es ist eindimensional, die Tat isoliert als die eines Spinners zu betrachten. Ebenso unzureichend ist die Sicht von Hertha- und Kickers-Funktionären, die in dem Vorfall nur ein gesellschaftliches Problem sehen, das dem Fußball aufgebürdet wird. Vom Handball oder Basketball sind solche Vorgänge hierzulande nicht bekannt, trotz krasser Fehlentscheidungen. Es ist traurige Tradition im Fußball, daß immer andere schuld sind – besonders gern der Mann mit der Pfeife. Nur die Beschimpfungen wechseln. Die Tat in Stuttgart entsprang der dem Fußball eigenen, aufgeladenen Atmosphäre, in der Verunglimpfungen allgegenwärtig sind, auf den Rängen wie auf dem Rasen.“ Da bin ich mir nicht so sicher. In den Handballhallen Mittelhessens, vermutlich nicht nur dort, kann es schon mal vorkommen, den Schiedsrichter, wenn man wütend auf ihn ist, nach dem Spiel mit Münzen zu bewerfen. Die Verletzungsgefahr beim Fußball ist wegen der Schwerkraft freilich größer, da der Gegenstand meist von einer Höhe von mehr als 10 Metern geworfen wird.

Kölmel nimmt diese archaische Form der Schiedsrichterschelte, wie sie nun in Stuttgart vorgekommen ist, zum Anlaß, den Videobeweis einzuführen: „Daß einige Kickers-Fans die Attacke auf den Linienrichter nicht dulden wollten und den Täter anzeigten, gibt Hoffnung. Aber der DFB muß dafür sorgen, daß die Referees mehr Respekt und Schutz genießen. Da ist der Videobeweis überfällig – weil er viele strittige Situationen von vornherein entschärfen kann.“

Reinhard Sogl (FR) hebt die Aufrichtigkeit hervor, mit denen Umstehende auf die Tat reagiert haben: „Es ist ein löblicher Akt von Zivilcourage und hat nichts mit Denunziantentum zu tun, daß Fans der Polizei die entscheidenden Hinweise gaben. Die in solchen Fällen von Hooliganismus oft praktizierte Wagenburgmentalität hatte keine Chance, weil verantwortungsbewußte Zuschauer beispielhaft handelten. Die jahrelange Aufklärungsarbeit von Verbänden und Fanprojekten, vielleicht auch die rigorose Bestrafung der in solchen Fällen ihrer Verantwortung offiziell nur unzureichend nachgekommenen Heimmannschaft, scheint Wirkung gezeigt zu haben. Als Kavaliersdelikt wird derartiges Rowdytum von der Mehrzahl der Fans nicht mehr sanktioniert. Die Botschaft lautet: Kein Krawallbruder darf sich seiner Anonymität in der Masse Mensch mehr sicher sein, er wird für seine Taten büßen müssen. Leider, und das ist die betrübliche Erkenntnis, gibt es aber immer noch genug sogenannte Fans, die sich als unbelehrbar erweisen.“

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Ball und Buchstabe

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