Mittwoch, 5. Juli 2006
Ascheplatz
Neudeutsch
Dirk Peitz (SZ) langweilen die Fußball-Werbespots im Fernsehen: „Ein bisschen fad war es also bislang im Werbeblock. Der hat zwar keinen Bildungsauftrag, auch nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber einen gewissen Unterhaltungswert erwartet man schon als Konsument, wenigstens einen Grund, seinen Flüssigkeitsaustausch nicht während der Halbzeitwerbung zu erledigen. Ziemlich neudeutsch waren die Spots, nicht nur von der Besetzung, sondern auch vom Ansatz her: Selbstironie, die neueste aller deutschen Tugenden, musste unbedingt drin sein. Doch leider gilt Selbstironie nicht umsonst als eine erlernbare Fähigkeit und eben nicht als eine, die genetisch vererbbar oder gar einer nationalen Prägung zuzurechnen sei.“
Allerdings entdeckt er auf youtube.com eine Ausnahme und bedauert, daß dieser Sport nicht im deutschen Fernsehen gesendet wird: „Es ist zumindest vorstellbar, dass dieser Film deshalb nicht im deutschen Fernsehen läuft, weil Pepsi den Vorwurf fürchtete, überkommene nationale Stereotypisierungen zu verbreiten. Aber ist bei der WM-Eröffnungs-Feier nicht ein ganzes Rudel deutscher Männer freiwillig in vollem Trachtenstaat im Münchner Stadion herumgehüpft? Gewinnen am Ende im Spot nicht die Richtigen? Beweist der Spot nicht eine prophetische Ahnung, weil doch Ronaldinho, Roberto Carlos und David Beckham längst mit ihren Mannschaften aus dem Turnier ausgeschieden sind, während die Deutschen überraschend schön und erfolgreich spielten? Und würde dieses Fußballvolk nicht eben genau jene Selbstironie beweisen, die man ihm neuerdings nachsagt, wenn es über diesen sehr, sehr komischen Werbespot herzlich lachen würde? Mensch, Pepsi: Habt ihr denn überhaupt keinen Humor?“
Deutsche Elf
An Leichtigkeit und Perspektive gewonnen
Nach der Niederlage gegen Italien – Michael Horeni (FAZ) unterstreicht die Leistung Jürgen Klinsmanns: „Daß offensiver und leidenschaftlicher Fußball in diesen Wochen den Deutschen so viel Freude gebracht und die professionellen Bedenkenträger in die Defensive gedrängt hat, ist ein Gewinn, der Jürgen Klinsmann auch durch die Niederlage so leicht nicht mehr zu nehmen sein wird. Es ist nun am Bundestrainer, seinem Anspruch von kontinuierlicher Arbeit auch seine persönliche Entscheidung folgen zu lassen. Der deutsche Fußball hat in diesen Wochen dank Klinsmann eine nicht zu erwartende Leichtigkeit und auch eine neue Perspektive gewonnen. Sie nicht zu nutzen und das entfachte Feuer wieder verlöschen zu lassen, wäre ein weit größerer Verlust als die Niederlage in einem WM-Halbfinale – ob mit oder ohne Klinsmann.“
Das Optimale gemacht
Sven Goldmann (Tsp) betont dieses Urteil durch den Hinweis auf den starken Gegner: „Jürgen Klinsmann hat aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Optimale gemacht, aber diese Mittel sind nun mal begrenzt. Berauscht von der Unterstützung im Land, begünstigt von ein wenig Glück bei der Auslosung und ausgestattet mit einem überraschenden Schuss Kreativität haben es die Deutschen bis ins Halbfinale geschafft. Sie haben mit einem nicht für möglich gehaltenen Kraftakt den WM-Favoriten Argentinien ausgeschaltet und damit viel zurückgewonnen von dem Ansehen, das in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist. Auf Dauer aber setzt sich individuelle Klasse durch, und Italien ist nun mal auf so gut wie jeder Position besser besetzt.“
Ralf Köttker (Welt) zieht begeistert ein Fazit: „Unter dem Strich bleibt die deutsche Mannschaft die positivste Überraschung der WM. Sie hat im Gegensatz zu vielen anderen Teams mit ihrer offensiven Art zu spielen begeistert und einer an spielerischen Höhepunkten armen Weltmeisterschaft einige unvergeßliche Momente gegeben.“
Halbfinale auf Weltklasseniveau
Moritz Müller-Wirth (zeit.de) schreibt verzückt: „Die Enttäuschung über das Ausscheiden schien grenzenlos. Bei den Spielern, im Stadion, auch in der Stadt. Dies ist das größte Kompliment – man verlor nicht als Mickey-Mouse-Gegner, der durch eine Volte des Schicksals in dieses Semifinale vorgedrungen war. Dann hätten Spieler, Betreuer und Fans schnell das Positive in der Niederlage gesucht und gefunden. Nein, dieses deutsche Team war Teil des vielleicht besten Spiels der WM. Es bot einer italienischen Mannschaft Paroli, die gleichermaßen überraschte: Selbst in der Verlängerung zogen die Italiener sich nicht zurück, um auf Konter zu lauern, sondern drückten und drängten in Richtung des Strafraums von Jens Lehmann. So wurde es ein Halbfinale auf Weltklasseniveau und mit zwei Mannschaften, die sich auf Augenhöhe begegneten. Mit einem verdienten Sieger und einer unterlegenen deutschen Mannschaft, die nun auch die letzten Zweifler davon überzeugt haben dürfte, dass sie in der Weltspitze wieder fest verankert ist. Wer dies nach dem Ausscheiden bei den Europameisterschaften vor zwei Jahren, ja, wer dies vor nicht einmal vier Wochen zu prognostizieren gewagt hätte, wäre verspottet worden.“
Das System muss bleiben
Peter Stolterfoht (StZ) pocht auf eine Fortführung der Methoden Klinsmanns, auch in der Bundesliga: „Allerdings reichen dreieinhalb Wochen Imagewandel noch nicht, um das Bild des deutschen Fußballs auf Dauer zu ändern. Deshalb gilt es jetzt, die Chance zu nutzen und alle Anstrengungen darauf zu verwenden, dass das Modell Spiel, Spaß und Erfolg auch in Zukunft von allen bewundert wird. Dazu muss der Ball, der von der Nationalmannschaft so wunderschön gepasst wurde, vom DFB, von den Bundesligavereinen, aber auch von den kleinen Klubs an der Basis aufgenommen werden. Andernfalls könnten die mitreißenden Spiele der Klinsmänner ein süßer, aber kurzer Sommertraum gewesen sein. Jürgen Klinsmann hat mit der Nationalmannschaft gezeigt, wie man verkrustete Strukturen ändern kann und muss, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Fußballspiel zu schaffen. Die Niederlage schmälert nicht die Leistung des Bundestrainers. In seinen zwei Amtsjahren hat er mehr in die richtige Richtung bewegt als mancher seiner Vorgänger. Die Namen der Spieler können ausgetauscht werden, das System aber muss bleiben – in der Nationalmannschaft und im Verein.“
Verantwortung und Versprechen
Philipp Selldorf (SZ) nimmt Klinsmann beim Wort und fordert ihn auf, sein Werk zu vollenden: „Das Publikum in Deutschland hat sich binnen vier Wochen verwandelt und vereint: Radikale Idealisten und gemäßigte Realisten bilden nun eine große Koalition. Das ist das Verdienst von Jürgen Klinsmann und seinem Kabinett. Der Bundestrainer hat mit seinem Stab und seinen Fußballern Erstaunliches geleistet. Sie haben ein großes Turnier gespielt. Die deutsche Mannschaft hat durch ihre Auftritte begeistert wie seit dem Titelgewinn 1990 nicht mehr. Sie hatte ein klares Programm für ihr Spiel, und sie arbeitete es nicht pflichtgemäß ab, sondern erfüllte es mit Fantasie und Leben. (…) Aus diesem Sommer und der wundersamen Auferstehung der Nationalelf sollten die Akteure im deutschen Fußball ihre Lehren ziehen. Eine dieser Lehren muss wohl sein, dass Klinsmanns Denkschule nicht gleich wieder geschlossen werden darf. Nicht alles, was punktgenau für das Turnier geschaffen wurde, lässt sich dauerhaft in die Post-WM-Zeit übertragen. Aber vieles, von der offensiven Orientierung des Spiels bis zur Individualisierung des Trainings, von der Kommunikation bis zur persönlichkeitsstiftenden Pädagogik, könnte auch in der Bundesliga nützlich sein. Klinsmann hat durch seine erfolgreiche Arbeit bewiesen, was sich im deutschen Fußball bewegen lässt. Daraus ergibt sich für ihn aber auch Verantwortung. Schließlich hat er ein Versprechen gegeben, das noch einzulösen ist.“
Antipathie verflogen
Ralf Wiegand (SZ) sieht seine Sorgen um eine feindliche Stimmung im Stadion allenfalls teilweise begründet: „Die deutschen Fans sind von ihrem Stammplatz im siebten Himmel jäh vertrieben worden. Italien, besser über die gesamten 120 Minuten, entschied den Kampf auf Biegen und Brechen erst ganz am Schluss, gegen zermalmte Deutsche. Die wurden trotzdem gefeiert wie ein Weltmeister. (…) Es war, wie nicht anders zu erwarten gewesen ist, ein zähes Ringen von Anfang an um das eine Tor, von dem viele erwarteten, dass es dieses Spiel entscheiden würde. Aber es war immerhin ein Ringen mit Stil, ein gepflegter Kampf um die eine, die beste Gelegenheit. Die Fairness in der Partie war so nicht unbedingt zu erwarten gewesen, denn es stecken eine Menge Emotionen im deutsch-italienischen Verhältnis dieser Tage, da je ein Prominenter beider Nationalitäten aus dem Spiel genommen wurde, der Bär Bruno und der dreitage-bärtige Torsten Frings. Aber in der monströsen, vereinenden Spannung verflog bald jede Antipathie unter den Zuschauern.“
Das Ereignis war größer als die Sperre
Jens Weinreich (BLZ) sieht das ähnlich: „Es ging dann doch einigermaßen gesittet zu in diesem ganz speziellen Kulturtempel. Ganz ehrlich, man hatte die Atmosphäre viel giftiger erwartet nach dieser rasanten Vorgeschichte dieses Klassikers der WM-Geschichte. Nachdem zahlreiche deutsche Medien, allen voran das Zentralorgan Bild, die Italiener beschuldigt hatten, die Spielsperre für Torsten Frings gewissermaßen im Doppelpass mit der Fifa-Disziplinarkommission organisiert zu haben.“ In der FAZ liest man: „Die nachträgliche Sperre von Frings riß ein zuletzt perfekt funktionierendes Team auseinander, das sich von Spiel zu Spiel gesteigert hatte und dem Land einen unvergeßlichen Fußball-Sommer schenkte – aber sie vergiftete nicht die Atmosphäre, weil sich die Legendenbildung, die Italiener hätten den Ausschluß von Frings betrieben, im Stimmungsbild nicht durchsetzen konnte.“
Christof Kneer (SZ) ergänzt: „Vor ein paar Tagen hätte sich noch niemand Gedanken über die Lautstärke von Pfeifkonzerten gemacht, aber seit Montagabend ist ja alles anders. Am Montagabend wurde öffentlich, dass die Italiener den Deutschen ihren Heldenfußballer Torsten Frings weggenommen haben, zumindest war dies die Version, die so manche Schlagzeile nahe legte. Die Wahrheit war das natürlich nicht; in Wahrheit waren es natürlich offizielle Fifa-Kameras gewesen, die Frings‘ Handwischer eingefangen hatten, aber es blieb die spannende Frage, ob das deutsche Publikum den Italienern die Sperre nachtragen würde – und das in diesem Westfalensignaliduna-WM-Stadion, in dem angeblich das beste Publikum dieser Welt wohnt. Die Antwort auf die spannende Frage: Ja, die Deutschen haben nachgetragen, anfangs zumindest. Zumindest eine hörbare Minderheit pfiff, als die Hymne der Italiener zum Vortrag kam – das hatte es bisher noch nicht gegeben bei dieser WM. Das Stadion war geladen, aber im Laufe des Spiels verlagerte sich die Stimmung immer mehr weg von den Italienern und hin zum eigentlichen Ereignis: dem WM-Halbfinale. Es knisterte, wie es in einem WM-Halbfinale knistert, das Ereignis war größer als die Sperre von Torsten Frings.“
bildblog über die Bild-Berichterstattung über die Frings-Sperre (inklusive Video auf youtube)
Lehmann super
Drei Spieler in der Einzelkritik: „Vor allem Christoph Metzelder lieferte in seinem Heimstadion eine sensationell starke Partie, die an seine besten Zeiten der WM 2002 erinnerte“, lobt die SZ. „Jens Lehmann super“, schreibt die FAZ, und der Tagesspiegel pflichtet bei: „Steht im deutschen Tor, weil er ein mitspielender Torhüter ist. Gegen Italien konnte er dies zum ersten Mal so richtig zeigen. Sehr umsichtig und aufmerksam, wenn die Italiener mit langen Pässen die deutsche Abwehr überspielten, dazu majestätisch bei hohen Bällen und reaktionsschnell. Bei den Toren ohne Chance.“ Die SZ schaut auf den Frings-Ersatz: „Sebastian Kehl hat Frings kaum vermissen lassen und seine Sache ebenso gut gemacht wie Tim Borowski. Beeindruckende Leistung.“
FR-Portrait Roland Eitel, Berater Jürgen Klinsmanns
FR-Portrait Georg Behlau, Berater Oliver Bierhoffs
faz.net-Bildstrecke: Deutschland trauert
BLZ-Portrait Fabio Cannavaro
NZZ-Portrait Gianluigi Buffon
Pressestimmen aus dem Ausland
Ein grossartiges Duell
Felix Reidhaar (NZZ) würdigt die Leistung beider Teams und kennzeichnet den Unterschied: „Ein grossartiges Duell – es wurde ein weiteres Mal in der langen Geschichte dieser umstrittenen Classique offensichtlich, wie nahe sich die beiden Auswahlen leistungsmässig sind. Obwohl konzeptionell wie individuell in keiner Weise vergleichbar, lieferten sich beide Teams einen faszinierenden, mehrheitlich ausgeglichenen Match, sehr kampfbetont, physisch engagiert und in hohem Rhythmus. Die Azzurri standen mit ihrer stupenden Ballbehandlung und der imponierenden Spielorganisation dem Erfolg klar näher. Die Deutschen versuchten es in eher bekannter Manier, mit Kraft, unbeeinträchtigtem Siegeswillen, aber wenig Einfallsreichtum und in der Angriffsauslösung zu gleichförmig, als dass die glänzend antizipierenden Italiener dadurch in Bedrängnis zu bringen gewesen wären. Was in diesen Tagen in deutschen Landen zu lesen war und in Klinsmanns Team hineininterpretiert wurde, erfuhr die notwendigen Korrekturen. Die spielerischen Grenzen blieben eng.“
So viel Zweifel wie Inspiration
Die englische Presse ist geteilter Meinung. Was bei dieser WM auffällt ist, daß englische Zeitungen das „Kraut-Bashing“ spätestens seit dem Achtelfinale aus ihrem Repertoire gestrichen haben. Kein Gerede von Stechschritt, keine Kriegsmetaphorik mehr. Sogar die Sun titelt nur „Magnifi-KO“. Der Independent stellt jedoch fest, daß Glauben und Selbstvertrauen doch nicht genügen, um in ein Finale vorzustoßen: „Für eine mächtige Fußballnation wie Deutschland, die sieben WM-Finale erreicht hat und, wie es scheint, eine erfolgreiche Mannschaft aus bescheidenen Ressourcen machen kann, war es eine rauhe Lektion: Bis gestern hat Deutschland nie in Dortmund verloren. Jürgen Klinsmann konnte das Momentum, das sein Land erwartete, nicht aufrechterhalten. Den Glauben des deutschen Teams ließen die Italiener unglaublich zerbrechlich ausschauen.“ Die Times stellt der deutschen Mannschaft ein gutes WM-Zeugnis aus: „Es war ein zutiefst unteutonischer Abschied – sie kassierten zwei Tore in der Verlängerung. Aber Klinsmanns Team hat sich bei der WM über Stereotypen hingweggesetzt. Die Nationalmannschaft wurde neu zusammengesetzt als ein Team, das offensiv spielt. Das Land hat seine Flagge wieder entdeckt.“ Der Guardian widmet sich dem italienischen Spiel: „Bei den Italienern war genau soviel Zweifel wie Inspiration zu spüren, bei diesem verdientem Sieg. Mit den beiden Toren in der letzten Minute der Verlängerung entkamen sie der schrecklichen Aussicht des Elfmeterschießens.“
Italia irresistibile
(sh) „Italien geht ins Paradies, und Klinsmanns kalifornischer Traum endet ausgerechnet in Dortmund. Die Festung fällt, und die Kanzlerin kann nichts mehr tun, um das zu verhindern. „Bellissimo, bellissimo“, sagt Prodi am Ende des Spiels, „wo ich der Kanzlerin gerade gesagt hatte, daß ich Elfmeter hasse!“, schreibt der Corriere della Sera in einem ausführlichen Bericht über die VIP-Tribüne.
Zwei Themen beherrschen die ersten Seiten aller italienischen Tageszeitungen: der italienische WM-Triumph und der heimische Fußball-Sumpf. „Vom Tribunal auf den deutschen Rasen“ schreibt dazu La Repubblica: „Der verrückteste Fußballtag“. Denn es traf sich, daß die Beförderung der Azzurri ins Paradies mit den beinharten Plädoyers der Staatsanwaltschaft beim Sportgericht zusammenfiel. Die Forderungen nach Herabstufungen von Vereinen und Sperrungen ehemaliger Star-Akteuren des italienischen Fußballs durch Chefermittler Borelli wurden vom Ex-Ministerpräsidenten und AC Mailand-Besitzer Berlusconi umgehend als „späte Rache Borellis“ kommentiert, der aus der Zeit des „Mani-pulite“-Skandals noch eine Rechnung mit ihm offen habe. In Berlusconis Augen handele es sich ohnehin um nichts als einen politischen Prozeß – die Argumentation ist bekannt.
Doch eindeutig überwiegt die Freude über den als „historisch“ betrachteten Sieg in letzter Minute. „Historisches Italien, wir sind im Finale“ titelt La Repubblica: „Es ist sehr hart gewesen, aber es war schön anzusehen und am Rande mitzuerleben. Italien hat ein großartiges Spiel geboten mit all seinen Abwehrspielern, die Deutschland sehr wenig zugestanden haben. An einem gewissen Punkt war zu fürchten, daß das Glück erneut auf Deutschlands Seite sein könnte. Nach 90 auch von deutscher Seite sehr vorsichtig gespielten Minuten, in denen mehr darauf geachtet worden ist, kein Tor zu gestatten als eins zu schießen, hat sich Italien als die Mannschaft mit der besseren Kondition, der größeren Überzeugung und dem stärkeren Willen erwiesen.“ „L’Italia più bella“ (Italien, wie es am schönsten ist) ist das Motto des WM-Teils von La Repubblica. In dem Bericht „120 Wahnsinnsminuten“ heißt es: „Der längste Tag des italienischen Fußballs endet im Triumph. Aus der Hölle des Westfalenstadions ist die Nationalmannschaft wie bei Dante ins Paradies des Finales aufgestiegen, durch das Fegefeuer eines langen und schwierigen Spieles hindurch: zum mehr als verdienten Sieg kam es erst am Ende der Verlängerung.“
Der Corriere della sera sieht das ähnlich: „Der plötzliche Stolz im Stadion der Pfiffe. Italia irresistibile“ (Italien unwiderstehlich) ist der Titel und Tenor des WM-Teils des Mailänder Blattes. Kommentator Mario Sconcerti: „Wir sind da, wo wir nie dachten, nie glaubten zu sein, uns nicht einmal für würdig erachteten zu sein. Wir sind wieder auf dem Dach der Welt wie vor zwölf Jahren, weil dieser Sport des Zubehörs und des Gleichgewichts, von Leuten von überall her, aller Rassen, weil dieser Sport unser Sport ist, ein plumpes Spiel, das wir zu spielen in der Lage sind wie niemand sonst. Deutschland war schwächer, und das wußte es. Die Italiener sind nicht die richtigen Gegner für die Deutschen. Zu ordentlich, zu gut eingerichtet in ihrem Ur-Chaos. Das ist der echte Fußball. Der Fußball des Instinktes und des Herzens. Es ist an der Zeit wieder zu siegen.“
Dienstag, 4. Juli 2006
Ball und Buchstabe
Zu ernst
Dirk Schümer (FAZ/Feuilleton) beschreibt die Haßliebe und den Liebhaß zwischen Deutschen und Italienern: „Esgibt in Europa keine zwei Völker, die sich ähnlich gern haben und trotzdem gerne mißverstehen. Diese verzwickte Zweierbeziehung begann allerspätestens mit Mussolini, vertiefte sich mit Millionen Gastarbeitern und Touristen und führte mit der kollektiven Toskanatherapie der deutschen Bourgeoisie seit den achtziger Jahren zur Vergötterung alles Italienischen. Die Vollendung dieses Prozesses der Italianisierung Deutschlands, welche Cimbern, Teutonen, Goten, Staufer und Wehrmacht sogar durch einen Kollektivumzug herbeiführen wollten, ist die konsequente Auswahl des Kochs für die deutsche Nationalmannschaft 2006: Saverio Pugliese tischt leichte Pastaküche auf, denn mit nichts anderem sind Klinsmanns Schützlinge sozialisiert worden. Würstel, Sauerkraut, Starkbier – das alles würden deutsche Spieler gar nicht herunterbekommen. Und auf eine Vespa, in einen kleinen Fiat würden sich italienische Spieler höchstens zu Werbezwecken setzen, denn sie schwören naturgemäß auf deutsche Luxuslimousinen. So kreuzen und ergänzen sich die Träume der germano-italienischen Kultur harmonisch. (…) Daß das deutsche Vorurteil über die vermeintlich leichtfüßigen, oberflächlichen, chaotischen Italiener ziemlich verkehrt ist, müßte ein Studium ihrer Fußballtaktik eigentlich klarstellen. Alles ist hier genau geplant, kein Team hält taktische Disziplin derart ein und baut zuerst auf Sicherheit. Wir kommen aus der Armut, wir mußten mit wenig auskommen – so erklären Mentalitätshistoriker den Catenaccio. Und nicht mal ihre Lieblingsdisziplin, das Jubeln, will den Italienern mehr richtig gelingen, selbst ihre berühmten Autocorsi rollen bislang mit angezogener Bremse, dazu ist der kollektive Abhörskandal einfach zu ernst, weil das Geflecht von mafiösen Strukturen in Fußball, Banken, Mafia, Adel, Politik und Medien vielen Italienern einfach nur peinlich ist. Besser erst mal kein Aufsehen erregen.“
Ein bisschen Recht
Oliver Meiler (FTD) rechnet Klischee gegen Klischee: „Vielleicht, das sei hier ketzerisch als These erlaubt, necken sie sich nur darum so gern, weil sie sich ganz gut leiden können, die Deutschen und die Italiener. Und wenn sie sich necken, dann tun sie es mit dem Hammer. Bum, bum! Fast schon Liebe. Laut muss es sein. Stereotypen stumpfen mit der Zeit ab, da bedarf es schon des immer neuen Variierens des alten Repertoires. Letzte Woche versuchte sich Spiegel online darin, kitzelte den italienischen Mann als ‚Muttersöhnchen‘ und ‚Parasiten‘, worauf die italienische Zeitung La Stampa schrieb, ein bisschen Recht habe der Deutsche ja schon, wenn er den Italiener so sehe, aber eben nur ein bisschen, etwa so, als sage ein Italiener, der Deutsche sei einer, dem der Bierbauch über die Hose rage, der mehr rülpse denn rede, und noch immer, wenn er zu viel trinke, davon träume, Polen zu überfallen.“
FR: Parade der Plattitüden – vor dem Duell hauen sich Italiener und Deutsche Klischees um die Ohren: „Spaghetti gegen Sturmtruppe“
Weltmeister von Moggis Gnaden?
Im Schatten des Moggi-Skandal – Bernd Graff (sueddeutsche.de) widert die Vorstellung an, Italien würde Weltmeister werden: „Es ist ein Skandal im Skandal. Und er trifft die WM wie ein Angriff. Man möchten den Edel-Kickern Italiens nicht unterstellen, dass sie von diesem abgefeimten Schachspiel gewusst haben, in dem sie nun die Figuren abgeben – hier gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung. Dennoch ist die bloße Möglichkeit, dass der wertvollste Pokal, den der Fußballsport zu vergeben hat, unter Umständen von einem ekelhaften nationalen Manipulationsskandal besudelt werden könnte, eine Katastrophe für diese Weltmeisterschaft. Wenn Italien Weltmeister werden sollte, dann ist es so, als ob die Tour de France von einem Fahrer gewonnen würde, von dem man nicht weiß, ob er selber weiß, dass er gedopt war. Weltmeister Italien von Moggis Gnaden? Eine Vorstellung, die keinem Italiener behagen dürfte, ja niemandem, der den Fußball liebt.“
SZ: Die Schuldigen des Skandals haben auch im Falle des Titelgewinns keine Amnestie zu erwarten; trotzdem könnte ein Sieg der Azzuri das Land einen
Es gibt drei Fan-Gruppen, bei denen ich mich unwohl gefühlt habe: England, Holland und Deutschland
Andrei Markovits, amerikanischer Politologe und zurzeit Dozent in Deutschland, im Interview mit Christoph Biermann (SZ) über Gefahren und Grenzen der Identifikation mit Fußballmannschaften
SZ: Haben Sie bei der fünften WM, die Sie besuchen, den Eindruck, dass das Turnier internationalisiert ist?
Markovits: Im Gegenteil: Mir ist die zunehmende Nationalisierung des Fußballs aufgefallen, das immer lautere Grölen der Hymnen.
SZ: Für Sie kommt kein heiterer Patriotismus zum Ausdruck, von dem hierzulande viel geschrieben wurde?
Markovits: Nein, denn beim Halbfinale von Deutschland gegen Italien werden ein liberaler, aufgeklärter Postnationaler und ein Neonazi im selben Boot sitzen. Das wird im Stadion keine Feier des Internationalismus werden.
SZ: Täuscht der Eindruck von der Völkerverbindung bei den Spielen?
Markovits: Ich habe bislang 15 Spiele gesehen und es gab drei Fan-Gruppen, bei denen ich mich unwohl gefühlt habe: England, Holland und Deutschland. Als David Beckham vor dem Spiel gegen Portugal eine Erklärung gegen Rassismus vorgelesen hat, haben ihn Fans in meiner Nachbarschaft unglaublich beschimpft. Mich schockiert wenig, aber das war unglaublich. Sie waren wütend auf Beckham. Sie waren wütend, weil er etwas liest, wütend auf die Portugiesen und später auf den Schiedsrichter. Genauso widerlich sind hinterher die englischen Spielerfrauen beschimpft worden, als sie das Stadion verlassen haben. Ähnliche Erfahrungen habe ich auch beim Spiel der Deutschen gegen Polen gemacht mit diesen Bier saufenden, grölenden, sexistischen Typen.
SZ: Macht Ihnen das Angst?
Markovits: Nein, das ist nicht systemändernd, denn die Bundesrepublik ist eine wunderbar funktionierende liberale Demokratie. Die nationale Dimension bei der WM ist zu 99 Prozent harmlos, aber es bleibt ein kleiner Rest, der mich unwohl fühlen lässt. Deshalb bin ich ein großer Fan des Klubfußballs, weil der wirklich international ist.
SZ: Frankreich ist acht Jahre nach dem Triumph von Paris wieder im Halbfinale. Damals galt diese französische Mannschaft als Beispiel für die geglückte multikulturelle Gesellschaft. Seither hat sich die Mannschaft nicht gravierend verändert, aber in diesem Jahr gab es Aufstände in den französischen Vorstädten. Welcher Schluss ist daraus zu ziehen?
Markovits: Dass beides nichts miteinander zu tun hat. Zwei Jahre vor dem WM-Sieg schnitten die Franzosen bei der Europameisterschaft 2000 nicht so gut ab. Außerdem hatten einige Spieler die Marseillaise nicht mitgesungen, weshalb Le Pen und andere Rechte gesagt haben, dass sie eben auch keine richtigen Franzosen seien. Es ist so, wie Albert Einstein sagte: ‚Wenn ich erfolgreich bin, bin ich für die Deutschen ein Deutscher und für die Franzosen ein Europäer. Bin ich es nicht, bin ich für die Franzosen ein Deutscher und für die Deutschen ein Jude.‘ Ich denke, das gilt auch beim Fußball: Sind die Spieler erfolgreich, gehören sie allen; sind sie es nicht, werden sie ausgegrenzt.
WM der Torverweigerer
WM-Zwischenfazit I – Thomas Kistner (SZ) hat sich mehr Offensive erhofft: „Es geht bei dieser WM nur um Schadensbegrenzung. Es geht darum, Fehler und Rückstände zu vermeiden. Viel wird wieder erzählt von den Vorzügen der Teambildung, tatsächlich sind es just diese allzu festgefügten Teams, die kompakt jeden Raum zustellen und jedes Angriffsrisiko vermeiden. Den Unterschied machen die letzten Einzelkünstler. Reanimierte Helden wie Zidane, für den gleich zwei Mann nach hinten schuften, oder Lahm und der wunderbare Klose bei den Deutschen. Dazu die gute Nachricht: Die Gastgeber profitieren bei dieser WM nicht nur von beispiellosen patriotischen Energien, sondern wohl auch davon, dass ihre zuvor belächelte Abwehr ja tatsächlich noch in keiner Partie ernsthaft unter Druck geriet. So besehen, sind die Defizite dieser WM sehr zu begrüßen. (…) Es ist die WM der Torverweigerer.“
Nicht viel
WM-Zwischenfazit II – auch Tobias Schalls (StZ) Erwartungen wurden nicht erfüllt: „60 von 64 Spielen sind absolviert, und was wurde nicht alles erwartet: Hochgeschwindigkeitsfußball, Tempofußball, totaler Fußball. Angespornt von den Teams mit offensiver Spielweise in der Champions League – der Gradmesser für den modernen Fußball und mit dem Klub FC Barcelona ein leuchtendes Vorbild, weil schöner Fußball erfolgreich sein kann – träumte man von einem Spektakel, wie es die Welt noch nie gesehen hat. Gesehen hat man aber nicht viel. Man hat in diesen Wochen wenig gefunden, was Eingang in die Taktikbücher der Trainer finden wird. Es gab sie nicht, die großen Neuerungen, das Spektakuläre fehlte weit gehend, die unbekannten Akteure, die sich ins Rampenlicht spielen, ebenfalls. Und es gab bisher nicht diese Partien, von denen man sich noch in ein paar Jahren erzählen wird, und wobei jeder stolz ist, wenn er einmal berichten kann, bei diesem oder jenem Spiel live im Stadion gesessen zu haben.“
Religiöser Führer, Gauner, Meisterstück
WM-Zwischenfazit III – Christoph Biermann (SZ) prüft die Behauptung, der Star sei der Trainer: „In den vergangenen Tagen hat sich die These eingeschlichen, diese Weltmeisterschaft sei eine der Trainer. Das ist deshalb nicht abwegig, weil das Turnier weniger von auffälligen Leistungen einzelner Spieler bestimmt wird, als die Kompaktheit der Mannschaften der prägende Eindruck der meisten Partien ist. Außerdem haben Jürgen Klinsmann, Luiz Felipe Scolari und Marcello Lippi ihre Mannschaften zweifellos in die richtige Richtung gelenkt. Während Klinsmann zum fast religiösen Führer seines Teams aufgestiegen ist, gibt Scolari den Gauner. Der brasilianische Trainer Portugals ist ohne Zweifel der raffinierteste Coach des Turniers, der über ein riesiges Arsenal von Möglichkeiten verfügt. Mit großem Geschick sucht er Streit, wo er ihn braucht, und schließt Frieden, wenn es besser passt. Er bietet immer die richtigen Spieler auf, wählt die passende taktische Ausrichtung und verliert nie die Nerven. Marcello Lippi hingegen ist es gelungen, sein Team auf den Trümmern des italienischen Fußballskandals zu errichten. Auch das ist ein Meisterstück, wenn man bedenkt, dass viele Spieler im Moment nicht wissen, wo sie im nächsten Jahr ihr Geld verdienen werden.“
BLZ: Über das Mißtrauen Parreiras gegenüber der Jugend und die zwei Wechselfehler Pekermans im Deutschland-Spiel
NZZ: Hinter (fast) jedem guten Torhüter steht ein spezieller Trainer
Keine Charakterfrage mehr
Christoph Biermann (SZ) unterstreicht lobend die Sachanalysen Jürgen Klopps: „Klopp führt etwas fort, was es vor seinem Debüt beim Confederations Cup so noch nicht gegeben hatte: Er spricht einfach über das, was auf dem Platz passiert. Klopp redet darüber, wo ein Verteidiger hätte stehen und erklärt, wohin die Stürmer hätten laufen müssen. Er macht für die Zuschauer mithilfe der im Kinosaal ausgewählten Szenen nachvollziehbar, warum ein Spiel statisch blieb oder warum es unverhofft Schwung aufgenommen hat. Er benennt auch Fehler, doch ist er dann nicht strenger Richter, sondern ein Lehrer, der gerne helfen würde. Klopp streitet ab, dass er mit seinen Auftritten ein Programm vertritt. ‚Ich möchte nur ein bisschen Fußball an die Stammtische bringen‘, sagt er. Doch das ist schon eine ganze Menge, denn hierzulande wurde der Fußballdiskurs früher fast ausschließlich psychologisch geführt – und das galt nicht nur für die Stammtische. Sieg und Niederlage waren dabei vor allem als Charakterfragen zu verstehen. Es galt zu klären, warum eine Mannschaft nicht genug Zweikämpfe gewonnen hatte oder warum sie ‚nicht in die Zweikämpfe gekommen‘ war. Daraus wurde abgeleitet, ob die Spieler die richtige Einstellung mitbringen würden: Sie waren Helden oder Verlierer. Oder Erfolg und Misserfolg wurden als Ausdruck von Dynamiken innerhalb der Mannschaften bewertet, Niederlagen wiesen auf interne Differenzen hin, Siege zeigten außergewöhnlichen Zusammenhalt. Noch heute ist das so in der Welt von Udo Lattek, für den Fußballmannschaften auf immer Versammlungen potenzieller Faulpelze bleiben, denen man ordentlich einheizen muss. Vornehmer ist da Günter Netzer, doch auch seine Herrenreiter-Prosa entfernt sich während der WM selten von der Charakterdiskussion, selbst wenn er lustlos auf dem Analyse-Tisch der ARD herummalt.“
Hojatohoho
Kurt Kister (SZ) fürchtet den WM-Blues am Fernsehgerät: „Am Sonntag ist Schluss. Dann kommt noch das große Aufräumen am Montag. Delling und Netzer, die sich wahrscheinlich dauernd kabbeln, weil sie eine homoerotische Anziehung füreinander empfinden, werden sich noch einmal miteinander kabbeln. Die Süddeutsche wird ein letztes Mal 143 WM-Sonderseiten machen. Die Zeit wird uns am Donnerstag noch einmal, allerdings leider nicht das letzte Mal, in einem großäugigen Leitartikel erklären, wie alles mit allem zusammenhängt und dass schon die Gräfin auf ihrem Ritt von Ostpreußen einen Ball in der Satteltasche hatte. Man wird nicht mehr sehen, im Fernsehen und in Deutschland: langhaarige Argentinier, weinende Engländer, Waldemar Hartmann und seine Schwester im Geiste Sarah Kuttner, Deutschland-Fahnen an Autos sowie Angela Merkel, die nach Art einer bearmten Kaulquappe auf dem Ehrensitz jubelt. Aber was soll man eigentlich machen, wenn alles vorbei ist? Am Sonntag nach dem Endspiel-Sonntag zum Beispiel kommen im Fernsehen so schreckliche Dinge wie das Traumschiff, der Presseclub und, endlich wieder, Sabine Christiansen. Besonders freuen wir uns am Sonntag, dem 16. Juli auf den Auftakt der Sommer-Interviews: St. Peter Hahne empfängt fürs ZDF den Bundespräsidenten. Hojatohoho, das wird reinhauen nach der langweiligen WM.“
BLZ: WM im DSF und auf Eurosport
Am Grünen Tisch
Inkompetenz
Die deutschen Zeitungen wissen nicht so recht, was sie von der Sperre halten sollen, kritisieren aber im Einklang die Fifa für ihr Verfahren, weniger für die Strafe selbst.
Inkompetenz
Peter Heß (FAZ) stört sich an der Chronologie der Urteilsfindung: „Die Fifa hat sich bis auf die Knochen blamiert. Obwohl die Suche nach der Gerechtigkeit das höhere Gut ist als die Befindlichkeit des Täters, muß ein Sportverband alle Möglichkeiten ausschöpfen, die Suche nicht unnötig zu verlängern. Die Fifa hätte Klinsmann und seinen Spielern eine Menge Ungewißheit ersparen können, wenn sie die Tumulte nach dem Elfmeterschießen systematisch untersucht hätte. Dabei war die Beweisaufnahme ein leichtes.“ Ralf Köttker (Welt) fügt hinzu: „Wahrscheinlich hat die Fifa auch deshalb ein für alle Seiten akzeptables Urteil gefällt, um vom eigenen Dilettantismus abzulenken. Was gestern verhandelt wurde, hätte schon viel früher entschieden sein können, wenn die Funktionäre nicht so schlampig gearbeitet hätten. Das Verfahren wurde voreilig abgeschlossen, es vermittelt Inkonsequenz. Vor allem zeigt es die Inkompetenz der Disziplinarkommission.“
Im Zweifel für den Angeklagten
Auch Mathias Schneider (StZ) hält den Spruch für einen faulen Kompromiß: „Die Fifa hat entschieden. Und doch ist es keine echte Entscheidung. Sie hat nur ein Urteil gesprochen. Die Sperre gegen Frings mutet wie der Versuch an, einerseits nicht mit zweierlei Maß zu messen, andererseits aber auch eine Lappalie nicht unverhältnismäßig zu sanktionieren. Heraus kam ein Kompromiss, der keinem gerecht wird.“ Philipp Selldorf (SZ) kann der Urteilsbegründung nicht folgen: „Die Entscheidung besteht im Kern aus einem Widerspruch. Entweder handelt es sich um eine Tätlichkeit, die den schlechten Vorsatz bedingt. Dann müsste die Strafe härter ausfallen. Oder es wird – zumal bei Betrachtung und Anrechnung der chaotischen Umstände – eine erhebliche Provokation anerkannt. Dann müsste Frings wegen geringer Schuld freigesprochen werden.“ Christian Gödecke (SpOn) bringt es auf den Punkt: „In diesem Fall hätte eines der ältesten Rechtsprinzipien zur Anwendung kommen müssen. Im Zweifel für den Angeklagten.“
Frank Hellmann (FR) faßt zusammen: „Der Fall wirft ein schlechtes Licht auf die Fifa. Noch am Sonntag hieß es zunächst, kein deutscher Spieler habe eine Strafe zu erwarten. Wenn eine 19-köpfige Kommission Untersuchungen für abgeschlossen erklärt, wo doch längst nicht alle Bilder ausgewertet worden waren, ist das schlicht fahrlässig. Die Fifa hat sich nun in ein Urteil nach vertrackter Gemengelage geflüchtet: Das deutsche Lager ist aufgebracht, und das Ausland erhält nicht den Eindruck, dass der Gastgeber ähnlich bevorteilt wird wie vor vier Jahren, als die Schiedsrichter oft die Südkoreaner begünstigten.“
Vertretbar
Allein Jürgen Schmieder (sueddeutsche.de) stimmt der Strafe, wenn auch mit Bedauern, zu: „Seine Absichten waren wahrscheinlich die besten. Menschlich ist sein Eingreifen nachvollziehbar. Wer würde nicht einen Kameraden verteidigen, der eben auf die übelste aller Arten von einem gegnerischen Spieler angegriffen wurde? (…) Frings hat eine Tätlichkeit begangen. Für seine Kollegen kann in diesem Moment nur gelten: Jetzt erst recht. Dennoch ist die Entscheidung der Fifa vertretbar. “
Schlachtengemälde
Ein Versuch, die Gemüter zu beruhigen von Philipp Selldorf (SZ): „Nein, so weit bekannt, hat kein italienischer Offizieller oder Nationalspieler eine Strafe für Frings gefordert. Und nein, die Deutschen werfen den Italienern auch nichts dergleichen vor. Und nein, die deutschen Fußballer werden sich keineswegs bewaffnen vor der Begegnung mit den Italienern. Es ist daher auch überhaupt nicht nötig, dass sich die Fans aus beiden Lagern mit Bratwürsten und Pizzastücken bewerfen.“ Gleichzeitig weist Selldorf auf die Wirkung der Prognose des deutschen Nebenaußenministers hin, die Italiener würden wegen des Manipulationsskandals nicht lange in Deutschland verweilen: „Beckenbauers arglos geäußerte Meinung entwickelte in der italienischen Fußballöffentlichkeit eine beachtliche, ausschließlich giftige Wirkung. Eine gezielte Gemeinheit des Deutschen wurde unterstellt und der perfide Versuch, den Titelkonkurrenten zu schwächen.“
Markus Völker (taz) rechnet mit dicken Schlagzeilen: „Man muss nicht fantasiebegabt sein, um sich auszumalen, wie der Boulevard auf diese Nachricht reagiert. Von einer Intrige der Italiener wird die Rede sein. Die deutsche Mannschaft, die den Globus wieder in Schrecken versetzt (Oliver Bierhoff: ‚Die Welt hat Angst vor uns‘), sei absichtsvoll geschwächt worden. (…) Warum wird vorm Halbfinale in grellen Farben ein Schlachtengemälde gezeichnet? Warum sprießen aus dem Boden, den unter anderem die ‚positiven Patrioten‘ bestellt haben, Vorurteile, giftige Keime, gegen die auf dem Fußballplatz kein Kraut gewachsen ist? Liebe Fifa, wie wäre es mit einer Kommission zur Klärung dieser Fragen? Sepp Blatter, ermitteln Sie!“
FR: Der Fall Frings, Stoff für Verschwörungstheorien
Hintergrund (FR)
Hintergrund (SZ)
BLZ: Die Fifa, der Verlierer
FR-Interview mit Per Mertesacker über sein Image und die Tritte gegen ihn
NZZ: Italiens Coach Lippi wehrt sich gegen Polemik, die Italiener hätten die Bestrafung Frings‘ gefordert
taz: Die Bild-Zeitung ist Fußball, und Fußball in der Bild-Zeitung, das ist
Alfred Draxler. Aber diese WM ist für ihn so schwer wie keine zuvor
Deutsche Elf
Stabilitätspakt
Armin Lehmann (Tsp) rückt „Wahrheiten“ über italienischen Fußball zurecht: „Auch bei dieser WM werden die Klischees über die Italiener gebraucht, und deshalb wird wieder davon gesprochen, dass sie defensiven, hässlichen Fußball spielen. Richtig ist, die Italiener spielen aus einer sehr sicheren Defensive heraus. Richtig ist aber auch, dass kein Team der Welt defensiven Fußball so hinreißend schön und perfekt zelebriert wie das aus Bella Italia. Defensiver Fußball, von einer italienischen Mannschaft gespielt, ist höchste Kunst.“ Michael Horeni (FAZ) erinnert an die deutsche 1:4-Niederlage in Italien im März: „Aus dem Endpunkt, den die Niederlage gegen Italien hätte einleiten können, ist der eigentliche Meilenstein des WM-Projekts geworden, sein entscheidender Wendepunkt. Das hilflose Abwehrverbündchen von ehedem hat sich mittlerweile in einen Stabilitätspakt verwandelt, der auch über die europäischen Grenzen hinaus seine Wirkung nicht verfehlt hat.“
NZZ: Deutschland, wie es singt und lacht – die plötzliche Metamorphose vom häßlichen Entlein zum schönen Schwan
SZ: Wer wird Torsten Frings ersetzen? Sebastian Kehl oder Tim Boowski
SZ: Deutschland gegen Italien am Taktik-Tisch analysiert
SZ-Portrait David Odonkor
SZ-Portrait Per Mertesacker
FAZ: Die italienische Elf in Einzelportraits
Montag, 3. Juli 2006
Ball und Buchstabe
Das sind wir
Christian Eichler (FAS/Politik) erklärt, warum der Dopingfall Jan Ullrich im Schatten der Fußball-WM liegt: „Die Deutschen haben ihre größten Individualsportler stets bewundert, ja vergöttert, Schmeling, Becker, Graf, auch Ullrich. Doch das ist nicht vergleichbar mit der Identifikation, die seit bald hundert Jahren die Nationalelf auslöst. Bei den Einzelsportlern, den Solitären der Leistung, ist man gepackt und stolz zu sagen: einer von uns. Und doch weiß man, daß Helden kommen und gehen, daß irgendwann in jeder Sportlerkarriere der Zauber weg ist – nur der Zeitpunkt ist manchmal überraschend. Bei der Nationalelf ist es anders. Sie ist immer da, nicht immer gut, aber immer nah am Herzschlag der Nation. Wenn es ihr alle Jubeljahre gelingt, dieses Herz höher schlagen zu lassen, den Takt eines ganzen Volkes für einige Wochen zu bestimmen, so wie sie es bei dieser WM tut, dann lautet die emotionale Gleichung anders. Nicht: Er ist einer von uns. Sondern: Das sind wir.“
Wandlungsfähig und weltoffen
Daniel Bax (taz) kann sich mit den Identifikationsbekundungen von Einwanderern anfreunden: „Dieser Patriotismus bedeutet keine Relativierung der Vergangenheit, im Gegenteil: Die Erinnerung an den Holocaust und die Verantwortung, die daraus erwächst, ist unverrückbarer Bestandteil deutscher Identität geworden. Die Soziologin Viola Georgi hat in einer Studie festgestellt, dass sich auch Einwandererkinder dieser Verantwortung stellen und mit diesem Teil der deutschen Geschichte identifizieren, ja dass die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust ein wesentliches Merkmal ihrer Integration ist. Vor einem neuen Patriotismus muss man deshalb keine Angst haben. Nicht nur, weil er mit albernen Hüten und schwarzrotgelben Papiergirlanden verspielt und vergnügt, und nicht so verbissen und bierernst daherkommt wie einst unter Helmut Kohl. Sondern auch, weil er sich wandlungsfähig und weltoffen zeigt. Die Tradition des fahnenschwenkenden Autokorsos haben die Deutschen jedenfalls erst von den Türken und Italienern übernommen. Für beinharte ‚Deutschland den Deutschen‘-Nationalisten muss diese Entwicklung ein Graus sein: Jetzt nehmen ihnen die ‚Ausländer‘ auch noch die Fahne weg.“
Gefasel
Birgit Schönau (SZ) widert die deutsche Berichterstattung über Italiens Fußball an: „Unglaublich, wie ungeniert deutsche Reporter in die Klischeekiste greifen, wenn sie ein Spiel der Italiener beschreiben, obwohl doch Brasilien diesmal viel unverblümteren Catenaccio zeigte. Ungerecht, wie das 3:0 im Viertelfinale als positiver Ausrutscher gegen einen schwachen Gegner abgetan wird. Andere genießen da von vornherein eine freundlichere Behandlung. Unfassbar, dass selbst Intellektuelle wie Klaus Theweleit nach Jahrzehnten noch von homosexuellen Beziehungen und deren prüder Unterdrückung in der Weltmeisterelf von 1982 faseln, nur weil Paolo Rossi einmal einen nicht jugendfreien Witz über seine heißen Trainingslager-Nächte mit Antonio Cabrini gemacht hat. Es gibt eben Dinge, die stellt man sich in Deutschland nur allzu bereitwillig vor, wenn es um Italiener geht. Und umgekehrt.“
if: Über die Abneigung deutscher Medien gegen Italiens Fußball
Zeit: Fußball, Fernsehen, Prostitution: Die Korruptionsskandale in Italien reißen nicht ab, die Republik ist erschüttert. Doch die Justiz will jetzt aufräumen
Tiefgekühlt-selbstreferentielles Geplänkel
Benjamin Henrichs (SZ) lobt Gerhard Delling: „Fußball im Fernsehen, das ist Fußball mit Netzer und Delling. Das war immer so, das wird immer so bleiben. Keine Ahnung, wann es angefangen hat. Die älteren Kollegen jedenfalls schwärmen immer noch vom Auftritt der beiden 1954, nach dem Wunder von Bern. Am Anfang dieser WM 2006 sah Netzer ziemlich müde aus. Was umso mehr auffiel, als nebenan im ZDF der Kollege Jürgen Klopp den jugendlichen Kraftkerl gab. Doch dann war es wie beim dicken Ronaldo und beim mürben Zidane: Von Spiel zu Spiel wurde der alte Netzer besser und frischer, und dieses Wunder hat (wie alle Wunder) die Liebe getan. Dellings Liebe. Mit seinem ironischen Schabernack, mit seinem knabenhaften, niemals aber pubertären Frohsinn brachte der Zauberlehrling seinen alten Meister zurück ins Spiel.“
Auszug einer Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen von Michael Hanfeld (FAZ): „Der ‚Scheibenwischer‘ vom vergangenen Donnerstag war ein Tiefpunkt des Fernsehjahrs, hatten die Kollegen sich doch offenbar fest vorgenommen, den Leuten die Stimmung zu vermiesen. Trauriger Höhepunkt war der erste Auftritt von Richard Rogler anstelle von Georg Schramm. Wer an solchen Tagen fordert, die Bundeswehr abzuschaffen, und sich an Angela Merkels ‚Sanierungsfall‘ Deutschland abarbeitet, hat nicht nur einen schweren Stand, sondern steht verdientermaßen auf verlorenem Posten. Ob die überhaupt begreifen, was in diesem Land gerade passiert? Wahrscheinlich nicht, genausowenig wie die beiden trüben Tassen Gerhard Delling und Günter Netzer in ihrem weltabgewandten WDR-Studio. Wir warten gespannt, wann Netzer seine Drohung wahr und dem tiefgekühlt-selbstreferentiellen Geplänkel ein Ende macht. Wobei wir dem ZDF fürs nächste Mal schon anraten möchten, auf den Schiedsrichter im großkarierten Hemd doch besser zu verzichten. Denn Urs Meier zeichnet mit einer solchen Begeisterung noch jedes kleine Karo seiner pfeifenden Kollegen nach, daß wir erwarten durften, er hätte auch noch die zwölfte gelbe und dritte gelb-rote Karte im Spiel Holland gegen Portugal ganz großartig gefunden.“
of: Mir ist zudem Meiers schlimme Auslegung des passiven Abseits beim Spiel Schweiz gegen Togo aufgefallen, die hoffentlich Meiers Schweiz-Brille geschuldet ist. Denn es wäre bedenklich, wenn einer der renommiertesten Schiedsrichter der jüngeren Fußballgeschichte nicht passiv von aktiv unterscheiden kann. Allerdings wäre es für einen TV-Experten ein Armutszeugnis, wenn er nicht nur seine Kollegen, die Schiedsrichter, verteidigen und bevorzugen würde, was ihm alle vorhalten, sondern auch noch seine Landesauswahl. Doppelte Parteilichkeit.
Einst war er ein Gott, jetzt singt er bei Kerner
Benjamin Henrichs (SZ) goutiert Béla Réthys Kommentierung des Brasilien-Spiels und äußert Mitleid mit Pelé: „Es war eine Wohltat, ja fast eine Wonne, Réthy als Kommentator von Brasiliens Desaster zu erleben. Réthy will vermutlich nicht unsterblich werden, nicht der neue Herbert Zimmermann, er will nicht genial sein, sondern nur gut. Er ist kein Talk- und Showmaster wie die alten Jünglinge Beckmann und Kerner, sondern tatsächlich ein Fußballkritiker, der sich nicht so schnell besoffen machen lässt. Der nicht den Schlachtenbummler spielt, nicht den röhrenden Fan – und der deshalb als wohl erster Fernsehmensch ins allgemeine Glücksgelalle hinein die ernüchternde Wahrheit sprach: dass diese WM 2006 zwar eine gigantische Kirmes ist, aber kaum ein Fest der Fußballkunst. Zidane zauberte, Ronaldo verschwand, Brasilien ging unter. Réthy, Liebhaber des brasilianischen Fußballs, fing aber nun nicht etwa zu heulen und zu schnulzen an, sondern sprach grimmig das Schlusswort: ‚Wir sahen heute den Beamtenfußball der vermeintlichen Genies.‘ Aber das brasilianische Elend begann ja nicht erst im Stadion, sondern bereits vor dem Spiel, in der so genannten ZDF-Arena. Pelé (den Johannes B. Kerner wieder einmal mehrfach kratzfüßig als ‚größten Fußballer aller Zeiten‘ begrüßte), debütierte als Schlagersänger. Es war ein peinigender Auftritt, wie gemacht für die Seniorenheime dieser Welt, zwischen Berlin, Mainz und Rio de Janeiro. Es war grauenvoll, auch wenn der Moderator alles natürlich wieder ‚großartig‘ fand. Pelé. Einst war er ein Gott, jetzt singt er bei Kerner. Das Ende ist nahe.“
Jörg Thadeusz (BLZ): ARD und ZDF setzen auf die Alten
NZZ: Um das Kulturprogramm der WM ist es sehr ruhig geworden
taz: Deutschland wird cool – Nationen funktionieren heute wie Marken, die Deutschen haben ihr Image erfolgreich renoviert
Am Grünen Tisch
Es fehlt an Raum
Frank Hellmann (FR) denkt darüber nach, wie mehr Tore zu erzielen wären: „In den K.-o.-Spielen regiert eine Vorsicht, an der Trainer nicht schuldlos sind, die nur noch eine Sturmspitze aufbieten. Die Verantwortlichen aus Italien, England, neuerdings auch Frankreich, Portugal und sogar Brasilien hatten in der Anfangself zuletzt nur noch Platz für einen Angreifer. Es dominiert das Verlangen, das Spiel zu ordnen. Perfektionierte Ausbildung und systematisierte Laufwege sind die Voraussetzungen dafür, dass in der Mitte des Platzes das Fußballspiel erstickt. Dazu kommt: Die Spieler sind viel athletischer geworden. Die Regeln wurden zu einer Zeit gemacht, als Spielfläche und Tore den Fußballern sehr weit und groß erschienen. Allein von der WM 1974 bis heute sind die Hauptdarsteller durchschnittlich weitere fünf Zentimeter größer geworden ist. Die Athleten in feldumspannenden Systemen spinnen ein dichtes (Defensiv-)Netz, aus dem es kein Entkommen gibt. Es fehlt weniger an der Technik als am Raum für das befreite Spiel. Die langfristige Lösung kann nur lauten: Über den einst von Sepp Blatter ins Spiel gebrachten und sogleich als schwachsinnig verworfenen Vorschlag, die Spielerzahl zu verringern oder die Tore zu vergrößern, muss neu nachgedacht werden.“
Deutsche Elf
Ständiger Wechsel von Regeln und Freiheit
Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer (Spiegel) würdigen die Menschenführung Jürgen Klinsmanns: „Es stimmt ja nicht, was Kritiker diesem Klinsmann unterstellten: dass er nur Unmündige ertrüge. Sein Geheimnis ist dieser ständige Wechsel von Regeln und Freiheit, von Befehl und Diskussion, von Schemata und der Aufforderung zum Ausbruch aus jedem Schema. Es hat wohl selten einen Bundestrainer gegeben, der derart konsequent Lehren aus der eigenen Profizeit zieht wie dieser: Den Stürmer Klinsmann störte einst diese verdammte deutsche Passivität, und darum lässt der Trainer Klinsmann seine Deutschen stürmen; den Stürmer Klinsmann ereilte der Lagerkoller, darum gewährt der Trainer Klinsmann freie Zeit. Jedoch: Viele seiner Jünger wollen lieber trainieren. Die wenigen Konflikte verstand Klinsmann zu moderieren. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Trainern und Michael Ballack, der mehr taktische Vorsicht forderte, führten dazu, dass sich der Kapitän selbst in die Pflicht nahm und verteidigt – das war der Schlüssel zu bislang fünf deutschen Siegen. Als Oliver Kahn sagte, er habe nie eine Erklärung erhalten, warum er nicht spiele, reagierte der Trainer sehr gelassen und sagte: ‚Es ist okay. Er fühlt sich noch immer als Nummer 1.‘ Und nachdem Miroslav Klose seinen Angriffspartner Lukas Podolski zu mehr Bewegung aufgefordert hatte, bewegte sich der gegen Schweden und bekam Pässe von Klose und schoss auf einmal Tore. Der Lukas, bilanzierte Klinsmann, habe halt ‚versucht, seine Arbeit zu verrichten‘. Es kam zu einer Kommunikation zwischen Spielern und Publikum, wie es sie bei der Nationalelf kaum je gegeben hatte. Vier Tore gegen Costa Rica – patriotischer Karneval in München. Das späte Tor gegen Polen – Ekstase in Dortmund. Und diesmal, gegen Argentinien, spielte die Mannschaft abgeklärt, lauernd, und die Anhänger trällerten nicht, sie waren natürlich laut, doch vor allem gebannt.“
Radikalaufstieg
Markus Völker (taz) fordert Klinsmann auf, seinen Vertrag zu verlängern: „Klinsmann, der Chef-Guide, hat den wackeren 23 die Wegbeschreibung zugesteckt, er hat sie fit gemacht und im Glauben an das Große bestärkt. Und siehe da: Das junge Team, das die WM als Gipfelsturm begreift, hat seine erste große Reifeprüfung in luftiger Höhe bestanden. Die Frage ist nun allerdings: Was wird aus dem Bergführer Klinsmann und seinem Projekt des Radikalaufstiegs, der Umgestaltung auf hohem Niveau? Hat sein Projekt eine Zukunft? Hat Klinsmann eine Zukunft? Alles hängt von seiner Vertragsverlängerung ab. Der sture Schwabe steht in der Pflicht. Er hat sich selbst mit markigen Sprüchen exponiert. Er und seine Mitstreiter, Joachim Löw und Oliver Bierhoff, könnten den deutschen Fußball entrumpeln, den Laden auseinander nehmen und einheitliche Strukturen schaffen. Aber ist so eine Umgestaltung ohne Klinsmann überhaupt möglich? Noch braucht die Nationalmannschaft, dieser Staat im Staate des Fußball-Bundes, einen halsstarrigen, sendungsbewussten Anführer, einen Guru vom Schlage Klinsmanns. Verlässt er nach dem Turnier die deutsche Mannschaft, macht er sich unglaubwürdig. Flüchtet er nach Kalifornien, entlarvt er sich als Ego-Shooter erster Güte. Bleibt er jedoch, kann der Kilimandscharo in vier Jahren, beim WM-Turnier in Südafrika erklommen werden. Falls es nicht schon diesmal klappt.“
Tempo und Richtung eingewechselt
Christof Kneer (SZ) macht Klinsmanns Einwechslungen für den Sieg gegen Argentinien verantwortlich: „Klinsmann wird einem langsam unheimlich. Er ist ja nie zuvor Cheftrainer gewesen, er ist als Berufsanfänger ins Turnier gestartet, und man kann sagen, dass er im Viertelfinale endgültig auf der Trainerbank angekommen ist. Er hat erst Odonkor eingewechselt, der nach Herzenslust auf Gegenspieler Sorin draufsprinten konnte, weil Sorin schon verwarnt war und dem Raser sicherheitshalber aus dem Weg ging; und weil man bei Odonkor ja nie weiß, ob er auch in die richtige Richtung rast, hat er ihm noch ein Navigationssystem mit auf die Reise gegeben. Er hat zusätzlich den Strategen Borowski eingewechselt, der einen so guten Orientierungssinn hat, dass er Klose den Ball sogar dann zum Kopfballtor auflegt, wenn er ihn gar nicht sieht. Klinsmann und Löw haben Tempo und Richtung eingewechselt, und diese beiden Qualitäten waren es auch, die Deutschland auf den richtigen Weg zurückbrachten.“
Sieg der Willenskraft, der Nervenstärke und des Glaubens
Peter Heß (FAZ) betont die Stärke des Verlierers aus Argentinien: „Als Klinsmann vor zwei Jahren den WM-Titel als Ziel seiner Arbeit ausgab, wurde er belächelt: Seine jungen Spieler würden sich spätestens an den alten Fußballmächten die Milchzähne ausbeißen, dachten viele. Jetzt haben sie bewiesen, daß sie nicht nur im Hurrastil weiterkommen können, sondern auch geduldig, hartnäckig und zäh ihren Weg verfolgen. Aber es war knapp. Die Argentinier hatten schon die Finger am Lichtschalter, um der deutschen WM-Party das Licht auszuknipsen. Es war der Einsatz aller Kräfte nötig und wurde ein Sieg der Willenskraft, der Nervenstärke und des Glaubens. Denn die fußballerischen Primärtugenden waren beim Gegner etwas stärker ausgeprägt. Was als Fußballparty geplant war, wurde zum Rasenschach, aus einem sportlichen Wettbewerb wurde ein Intelligenztest. (…) Das Treffen mit der taktisch besten Mannschaft der Welt war zwar kein Fußball-Klassiker, aber es hat den Reifeprozeß der jungen Deutschen noch einmal beschleunigt.“
Naivität in 120 Minuten abgelegt
Ludger Schulze (SZ) lobt die Disziplin der deutschen Elf: „Einen Preis für Eleganz gab es wahrlich nicht zu verleihen, aber es war der härteste Kampf, den eine DFB-Elf seit vielen Jahren erfolgreich bestritt. Kampf ist ein Teil des Fußballs, und auch ein glücklicher Sieg ist ein legitimer Sieg. Das sehr junge Team hat mit jugendlicher Leidenschaft und verblüffender Cleverness der augenblicklich neben Brasilien besten Auswahl der Welt enervierenden Widerstand geleistet. Wenn das 2:0 gegen Schweden die Aufnahmeprüfung ins Fußball-Gymnasium war, so ist die Niederwerfung der Argentinier im Elfmeterschießen die Reifeprüfung. Wer solche Spiele besteht, in denen jeder kleine Fehler die unwiderrufliche Entscheidung herbeiführen kann, zählt sich zu Recht zu den Meistern des Fachs. Deutschlands noch vor kurzem so erfrischend unbedarfte Mannschaft hat ihre Naivität in diesen 120 Minuten abgelegt.“
Der erste Assistent des Kapitäns
Michael Horeni (FAS) streicht die Leistung Torsten Frings‘ voraus : „Zum besten Spieler des Tages wählte die Technische Kommission der Fifa zwar seinen Chef und Kapitän Michael Ballack. Doch wer sich nicht den Blick von Hierarchien trüben ließ, und Status nicht mit tatsächlicher Leistungsfähigkeit verwechselte, erkannte, wer das deutsche Unternehmen entscheidend in Richtung Halbfinale führte: der erste Assistent des Kapitäns. Frings war in dieser denkwürdigen Begegnung nicht nur der beste Spieler, Frings machte gegen die argentinische Fußballmaschinerie vermutlich sogar die Partie seines Lebens. Ballack jedenfalls war als aufmerksamer Chef und Freund des Leistungsprinzips nur noch hingerissen von der atemraubenden Formsteigerung seines zuletzt nicht immer hochgeschätzten Helfers, der aber mittlerweile zu einem gleichberechtigten Partner Ballacks in der Zentrale des deutschen Spiels aufgestiegen ist.“
FAZ-Portrait Frings
FR-Portrait Frings
SZ-Portrait Frings
Sicherheitsdenken
Michael Ashelm (FAZ) bemerkt zur Steigerung Arne Friedrichs: „Sicher hätte Friedrich lieber weniger zu tun gehabt, doch gerade der rechte Außenverteidiger stand in der ersten Halbzeit im Mittelpunkt der behutsam, aber dann zielstrebig vorgetragenen argentinischen Angriffe. Friedrich, der bislang in diesem Turnier nicht überzeugen konnte und als Schwachpunkt im deutschen Team zu sehen war, mußte ran – und löste seinen Job im heimischen Stadion zu aller Zufriedenheit. Der gleich nach ein paar Sekunden gewonnene Zweikampf gegen den Stürmerstar Tevez gab Auftrieb, aber letztlich keine Sicherheit. Doch Friedrich hakte nach, unterstützt von seinen Kollegen, die schnell merkten, daß der Gegner die vermeintliche Schwachstelle auf der rechten deutschen Seite nutzen wollte für seine Zwecke. Meist wurden die argentinischen Stürmer in engstes Gewahrsam genommen – gleich von drei deutschen Spielern. Ein Sicherheitsdenken von höchster Priorität dominierte die Partie.“
Unverschämtes Gepfeife
Tumulte nach dem Spiel – Thomas Kistner (SZ) weist auf die Atmosphäre im Stadion hin: „An den Ausrastern der als Hitzköpfe verschrieenen Gäste ist nicht zu rütteln. Die Vorgänge im Berliner Stadion hatten jedoch auch einen Kontext, der schon erkennbar Teil der Geschichte dieser WM wird. Es reicht zur Bewertung nicht aus, den Sachverhalt nur auf Cufres Ausraster nach Spielende zu reduzieren. Tatsache ist, dass es wenig Spaß macht, zurzeit Fußball in Deutschland zu spielen, jedenfalls, wenn man gegen die deutsche Elf antreten muss. War dies im Achtelfinale wohl noch der unbändigen Energie und strahlenden Willenskraft (aktueller Turnierjargon) der DFB-Elf geschuldet, die den Schweden allen Mut raubten, war es diesmal die gewaltige Kulisse im geschichtsträchtigen Olympiastadion, die den Gästen spürbar aufs Gemüt schlug.“ Peter Burghardt (SZ) ärgert sich: „Torwart Roberto Abbondanzieri musste unter dem unverschämten Gepfeife deutscher Sportfreunde vom Feld getragen und durch Leonardo Franco ersetzt werden. Das war beim finalen Wettschießen ein erheblicher Nachteil, denn Abbondanzieri gilt bei Schüssen aus elf Metern als Experte.“ Wiebke Hollersen (BLZ) fügt hinzu: „Abbondanzieri krümmte sich am Boden, die Berliner Fans hielten es für Zeitspiel und zeigten, wie grob unfair sie sein können. Abbondanzieri musste mit einer Trage aus dem Stadion geschafft werden, die Zuschauer pfiffen, bis sie ihn nicht mehr sahen.“
Ikone
Moritz Müller-Wirth (zeit.de) ist gerührt von der Begegnung zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann: „Die Szene, in der Lehmann zu einem von zwei Hauptdarstellern wurde, spielte sich allerdings schon unmittelbar vor Beginn des Elfmeterschießens ab. Oliver Kahn, am Daumen bandagierter Ex-Titan und in dieser Funktion Held diverser Elfmeterschießen, bückte sich hinab zu dem Konzentration suchenden Rivalen, ergriffen dessen Hand, streichelte sein schütter gewordene Haupthaar und flüsterte ihm, so muss es gewesen sein, aufmunternde Worte ins Ohr. Diese Bilder, die schon mit in Jubel mündendem Raunen im Stadion gefeiert wurden, als sie auf den Videowürfeln erschienen, werden die Bilder sein, die als Ikonen von dieser WM im kollektiven Gedächtnis bleiben werden.“
SZ: Das dramatische Spiel gegen Argentinien hat elf Sieger – und einen Helden
SZ: Lehmanns Liste – mit einer Datenbank von Huub Stevens hat sich der Torwart perfekt auf das Elfmeterschießen gegen Argentinien vorbereitet
WamS-Interview mit dem Fitnesstrainer Mark Verstegen: „Ich kann mich noch an die Pressekonferenz erinnern, auf der wir vorgestellt wurden; fast jeder Dritte wollte von uns wissen, ob wir als Amerikaner überhaupt wissen, worum es beim Fußball geht.“
FAS-Interview mit Oliver Bierhoff
Verprellt
Jan Christian Müller (FR) befaßt sich mit dem Impuls Klinsmanns auf die Bundesliga: „Vielleicht kann die verwegene Spielweise des deutschen Nationalteams doch vorbildlich für die Bundesliga werden und ein Umdenken bewirken bei jenen, die sich noch verprellt fühlen von der Kritik, die Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw in den vergangenen Tagen immer wieder in Richtung der Klubs formuliert haben. Einige Vereins-Verantwortliche müssen sich diesen Schuh nicht anziehen. Aber sie sind in der Minderheit. Noch.“
Daniel Cohn-Bendit (taz) sagt: „Wer immer anarchistisch ist, das ist Klinsmann. Er hat ideal ausgewechselt. Alle müssten wegen der Aufstellung von Odonkor auf die Knie vor Klinsmann. Klinsmann – das ist Anarchie. Sich etwas auszudenken für die letzte halbe Stunde, wenn die anderen müde sind, dann brauche ich diesen Überraschungseffekt. Und das ist Odonkor.“
Clever
Oskar Beck (StZ) hält den Klinsmann-Nörglern ihre Worte aus der Vergangenheit vor: „Franz Beckenbauer strahlt den ganzen Tag. Er hat geheiratet, die Sonne scheint, wir werden Weltmeister – und mit keinem störenden Wort erinnert der Kaiser daran, dass er den Bundestrainer unter großer Anteilnahme von Bild (‚Franz macht Klinsi platt!‘) noch im März derart gesteinigt hat, dass Klinsmann heute noch stöhnt: ‚Es war lehrreich zu sehen, wie man mich kippen wollte. Es war lehrreich zu sehen, mit welcher Freude da einige 18 oder 19 Monate Arbeit kaputtmachen wollten.‘ Johannes B. Kerner bringt es in der ZDF-Arena jetzt nicht übers Herz, seinen Experten Beckenbauer danach knallhart zu fragen – und erinnert sich auch seiner eigenen Dialoge mit Klinsmann (‚Müssen Sie Ihre Zielsetzung Weltmeister nicht korrigieren?‘) in jenen zerstörerischen Zeiten nur dunkel. Günter Netzer macht es ebenfalls clever. Als ARD-Experte gibt er sich so nachdenklich tiefsinnig, dass ihn mit dem gleichnamigen (und klinsmannkritischen) Bild-Kolumnisten Günter Netzer keiner mehr verwechselt. Und Stefan Effenberg, der als WM-Experte durch Premiere geistert, verdrängt seine Schlagzeilenvergangenheit als Bundestrainervernichter (‚Weg mit Klinsi! Holt Hitzfeld!‘) komplett – mitunter erweckt er sogar den Eindruck, als halte er Klinsmann gegen alle Heckenschützen den Rücken frei.“
Klinsmann hat immer recht
Peter Stützer (WamS) ergänzt: „Klinsmann hat immer recht. Nicht, daß er das behaupten würde, aber was will man ihm noch vorhalten? ‚Jetzt wollen wir auch Weltmeister werden‘, sprach er noch einmal. Was ihm vor Monaten noch als Größenwahn ausgelegt worden war, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Zwischen Wollen und Können liegen manchmal Welten, der WM-Titel wäre deshalb eine ziemlich gute Pointe auf sein Tun, die letzte Pointe, die vorletzte hat er am Freitag gesetzt. Als Jens Lehmann zwei Elfmeter der Südamerikaner gehalten hatte, war auch die letzte Personalentscheidung des Bundestrainers aufgegangen: die Berufung des Torhüters. Das hatte sogar Oliver Kahn eingesehen. Merke: Klinsmann hat immer recht. Hallo Christian Wörns (‚Falschspieler‘)! Hallo Peter Neururer (‚Lehrling‘). Hallo Sepp Maier (‚Schleimer‘)! Erinnern wir noch mal kurz, wirklich ganz kurz, an all die Nörgler, die in den Monaten vor der WM nichts Besseres zu tun hatten, als den Bagger oder sonstwas aufzureißen, um Klinsmann ohne besseren Wissens an den Karren zu fahren. ‚Eine reine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme für ehemalige Nationalspieler‘, hatte Rudi Assauer gemosert, als Klinsmann berufen wurde. Das Zitat nur noch mal für den Fall, das der Zigarrenkopf von sich geben sollte, das habe er schon immer gewußt, daß Klinsmann ein Guter sei. Assauer ist mittlerweile übrigens geschaßt worden. Er wäre für eine Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme ganz dankbar. Klinsmanns Karriere als Bundestrainer ist bislang eine ziemliche Achterbahn gewesen, es ging rauf wie runter, zumindest in der öffentlichen Betrachtungsweise. Er selbst hat seinen Plan einigermaßen gradlinig durchgezogen, das Unternehmen Weltmeisterschaft akribisch vorbereitet, sich mit WM-reifen Beratern umgeben, auf moderne Management- und Marketingmethoden zurückgegriffen, und er hat bereits jetzt bewiesen, daß Erfolg planbar ist. (…) Von Klinsmanns Planungen hat man vor dem Turnier gewußt, auch von seinen personellen Vorstellungen. Was verwundert ist, daß beinahe alles so gekommen ist, wie von ihm ausgedacht. Es ist ein Projekt vom Reißbrett, das trotzdem Emotionen weckt.“
Noch besser hätten wir es gefunden, wenn die Springer-Zeitung Welt am Sonntag auch die zwei größten Giftspritzen genannt hätte: die Bild-Zeitung und die Sport Bild.
Internationale Pressestimmen
Genuss für Taktikliebhaber
Flurin Clalüna (NZZ) unterstreicht die Nüchternheit des Spiels: „Was eine Halbzeit lang geschah, war die öffentliche Darstellung eines Geheimpaktes, dessen einziger Inhalt nur eines gewesen konnte – man musste sich bereits vor Matchbeginn freundschaftlich auf ein Elfmeterschiessen verständigt haben. Offensichtlich war es im Fall der Deutschen, die den Ball gar nicht erst haben wollten. Es spielte ein deutsches Team, das es nach der Klinsmann’schen Indoktrination der letzten Wochen eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen – ängstlich, passiv, risikoscheu. Doch auch die Argentinier verloren sich im Querpass und der Selbstbeschränkung. Der Ball verliess die neutrale Zone fast nie, das Spielfeld schien virtuell verkleinert, so sehr wurden die beiden Strafräume zu Tabuzonen erklärt. Exzellent standen nur die beiden Verteidigungsreihen; in Genuss kamen einzig die Taktikliebhaber.“
Gründlichkeit
El Mundo aus Spanien schreibt beeindruckt: „Deutschland wächst immer weiter. Vergessen sind die Traumata und kritischen Stimmen vor der WM, die deutsche Mannschaft hat sich erneut in die größte Bedrohung für alle Titelfavoriten verwandelt. Diesmal ließ die bestätigte Gründlichkeit von Klinsmann und seinen Jungs Argentinien auf der Strecke – in einem nervenaufreibenden Elfmeterschießen, bei dem die Mannschaft ihre Kaltblütigkeit präsentiert hat. Argentinien fummelte von Anfang an nur herum. Riquelme gab den phlegmatischen Rhythmus vor, in dem der Tango getanzt wurde.“
Vielleicht hätte England einen deutschen Teamchef engagieren sollen
Der Daily Mirror beantwortet die deutsche Torwartfrage: „Die Deutschland-Fans, die Jens Lehmanns Stärke bezweifelten, müssen nun eingestehen, daß sie falsch lagen. Und Kahn, der ewige Feind von Lehmann, ist unter den ersten Gratulanten des neuen, deutschen Helden.“ Der Independent empfindet es nicht als Überraschung, daß Deutschland das Elfmeterschießen für sich entscheidet: „Jose Pekerman betrügt das Talent seines Teams, indem er sie dazu zwingt, die Führung auszusitzen. Klinsmann hingegen schart seine Truppe zusammen und wird belohnt, als Miroslav Klose den Ausgleich erzielt. Das führt zum Elfmeterschießen – und jeder weiß doch, daß die Deutschen das Elfmeterschießen immer gewinnen.“ Auch die Times geht näher auf die typische Stärke Deutschlands ein: „Jens Lehmann wächst mit dem Ereignis. Nur ein deutscher Torhüter kann Bälle von Cambiasso und Ayala halten. In einer Nacht, in der es aussah, als hätte sie das Momentum verlassen, kehren sie zurück zur Freude mit endlosem Rennen, überwältigendem Willen und der außergewöhnlichen Tradition, brillante Elfmeter zu schießen. Vielleicht hätte England einen deutschen Teamchef engagieren sollen.“ Die Daily Mail warnt die künftigen Gegner: „Man kann die Deutschen nicht im Elfmeterschießen besiegen. Wenn es dazu kommt, zum letzten Test der Nerven, der Geschicklichkeit und der Sehnen – Bang! Bang! Bang! Bang! Und du bist draußen! (…) Das war ein Viertelfinale, das viel zu früh kam. Die Argentinier fluchten, weil sie den schweren Heim-Brummer so früh als Gegner bekamen.“ Der Independent ist begeistert von dem deutschen Spiel: „Dieses deutsche Team ist bemerkenswert, ausgestattet mit Seele und Selbstbewußtsein. Unter den eifrigsten Fans ist ihre Kanzlerin, Angela Merkel (…). Ballack treibt seine Mannen nach vorne. Dieses Spiel war mehr als Fußball. Es entwickelte sich zu einem der größten Tests des Willens.“
Der Antiheld entscheidet
(sh) Die beiden großen italienischen Tageszeitungen sind sich einig: „Italien ist schön“ (La Repubblica), „Italien ist groß“ (Corriere della Sera) und: „Jetzt ist Deutschland dran!“ (beide unisono auf ihren Titelseiten). Die Online-Ausgabe der Repubblica wird noch deutlicher: „Jetzt ist es an Deutschland, Angst vor Italien haben!“. Auf den Innenseiten geht die psychologische Kriegsführung weiter, nichts scheint mehr unmöglich: „Deutschland, da sind wir!“ – immer wieder: „Bella Italia!“ – „Buffon zu Wundern fähig!“ – „ Jetzt ist alles möglich, Lippi euphorisch“ (Überschriften aus La Repubblica) und: „Deutschland – auf uns beide!“ – „Lippi jauchzt: Wehe, wir geben uns jetzt zufrieden!“ – „Italien siegt auf der ganzen Linie, fliegt zum Halbfinale und muß sich angesichts des Spiels der anderen nicht mehr schämen. Der nächste Gegner wird die deutsche Mannschaft sein, die nur mit Elfmetern vorwärtsgekommen ist.“ (Corriere della Sera). Die Mailänder Tageszeitung widmet dem Argentinien-Spiel eine Seite. Unter dem Titel „Lehmann der Held, Argentinien von Deutschland bestraft“ heißt es: „Deutschland erobert das Halbfinale, Deutschland ist noch nicht über alles, ist aber auf alle Fälle über Argentinien. Jens Lehmann läuft diesmal nicht, wie er es in Dortmund getan hat, 35 Meter, um Marcio Amoroso zu packen. Jens Lehmann hält zwei Elfmeter der Argentinier und bringt Deutschland ins Halbfinale. (…) Keine große, aber eine solide Mannschaft.“ Unter dem Motto „Der Triumphator“ versucht sich der Kommentar an einer Entschlüsselung des „Klinsmann-Geistes“, der das ganze Land erfaßt habe: „Deutschland geht ins Paradies und Jürgen Klinsmann ist der Prophet. Als Jens Lehmann den Elfmeter von Esteban Cambiasso hält, öffnet er nicht nur das Tor zum Halbfinale in Dortmund, sondern er setzt auch das Siegel unter die deutsche Revolution. Der WM-Traum geht weiter und nährt das enthusiastische Delirium von Millionen Menschen, die kurz nach der entscheidenden Parade vom Olympiastadion in die Straßen aller Städte und Dörfer strömen. Von Hamburg bis Bayern, von der Hauptstadt bis zum Rhein, die Deutschen scheinen auf einmal in jenes Jahr 1989 zurückversetzt, als der Fall der Mauer und das Ende der Teilung sie zum „glücklichsten Volk der Erde“ machte.“
„Festa Germania“ heißt es in La Repubblica und: „Lehmann, der Antiheld entscheidet“: „Es gewinnt der Mann, der gar nicht hätte da sein sollen. Es entscheidet der Torhüter, den in ganz Deutschland nur ein Mann im Tor wollte. Nur weil dieser Mann der Bundestrainer ist, steht Jens Lehmann im Tor. Er hat zwei Spezialitäten: Er läßt vermeidbare Tore durch, und er pariert Elfmeter. Was von ihm bleiben wird, ist der Sprung, mit dem er die Tore erst von Ayala und dann von Cambiasso abwehrt. Und das Gesicht, mit dem er sich entfernt, nachdem er die Mannschaft ins Halbfinale gebracht hat. Er schreit nicht, er wechselt nicht den Ausdruck, er bewegt nur den Finger, als wolle er sagen: So macht man das. Er ist nicht überschwänglich und nicht glücklich, er hat einfach seinen Job gemacht.“ In der römischen Tageszeitung wird in einem zweiten Artikel die in italienischen Augen zentrale Eigenschaft der deutschen Mannschaft durchleuchtet: „Die, die niemals nachgeben“ heißt es in der Überschrift. Und: „Der Grund für diese unbeugsame Zähigkeit, die sie von anderen unterscheidet, ist in ihrer DNA zu suchen, in ihrer Geschichte, wer weiß wo. Tatsache ist, daß sie immer so sind: im Fußball wie in anderen Dingen, sie geben nie nach, auch wenn sie technisch unterlegen sind – wie gestern gegen Argentinien. (…) Klinsmann hat eine richtige Fußballmannschaft geschaffen, auch wenn der Rohstoff nicht von exzellenter Qualität war. Diese Gruppe ist sich einig.“
SZ: Internationale Pressestimmen
faz.net: Internationale Pressestimmen
Samstag, 1. Juli 2006
Deutsche Elf
Welche Bild-Kampagne? (1)
Alle Zeitungen drucken nun Dokumentationen, aus denen hervorgeht, wer Jürgen Klinsmann in seinen zwei Jahren Amtszeit alles angemault hat; das liest man mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln, Faszination und Entsetzen. Leider jedoch werden diese Stammtischtypen um Basler, Effenberg und Assauer nicht groß darunter leiden müssen. Sie werden weiter im DSF als „Experte“ vorgestellt werden.
Die argumentierende Presse, die Klinsmann lange wohlwollend begleitete, hat in den Monaten vor der WM seinen Reformkurs nicht mehr gestützt und, bis auf Ausnahmen, wie Spiegel, Spiegel Online oder die FR, auch nicht mit Nachdruck gegen die unfaire Kritik verteidigt. Vermutlich eine der größten Enttäuschungen, daß sich selbst die SZ und die FAZ von der grimmigen Anti-Klinsmann-Stimmung, die Deutschland im März und April 2006 im Griff hatte, anstecken ließen. Viele Zeitungen haben immerhin nun die Größe, auch ihre eigenen Zitate in die Sammlung „Klinsmann-Bashing“ aufzunehmen – eine Abbitte.
Daß die Bild-Zeitung ihn nicht mag, damit war ja zu rechnen, und das Fernsehen interessiert so was ohnehin nicht. Als ich auf den Marler Tagen der Medienkultur im April das Podium, besetzt mit prominenten TV-Sportreportern, fragte, ob es sie als Journalisten nicht einmal reizen würde, zum Beispiel die Bild-Kampagne gegen Klinsmann zu recherchieren, zu bewerten und das Ergebnis zu senden, erhielt ich vom Premiere-Vertreter die Antwort: „Welche Bild-Kampagne? Ich kann da nichts entdecken.“ Tja, welche Bild-Kampagne? Guten Morgen! Von den anderen mußte ich mir vorhalten lassen, „überkritisch“ zu sein. Die ARD übrigens sendet so ein Thema, wenn überhaupt, in einem Politmagazin, auf die Sportschau braucht man da nicht zählen.
Bild und Sport Bild fallen übrigens im Moment dadurch auf, daß sie den Schwarzen Peter den DFB-Funktionären zuschieben, deren Aussagen sie noch vor Wochen als Vorlage für rabiate Kritik an Klinsmann verwertet haben. Bild schreibt heute über Klinsmanns Rücktritt: „Ihn nervt die zum Teil kleinliche Kritik einiger DFB-Funktionäre. Eine andere Wunde ist nie verheilt. Daß der DFB seinen Hockey-Trainer Bernhard Peters als Sportdirektor abgeschmettert hatte, schmerzt bis heute.“ Welch Heuchelei! Bild war der größte Kritiker an der Idee, Peters zu engagieren. Meine Herren vom DFB, laßt Euch das eine Lehre sein! Laßt Euch von Bild nicht mehr in den Wald locken!
- Rund: Die Anti-Klinsmann-Kampagne der Bild-Zeitung
- SpOn: Höhepunkte der Polemik gegen Klinsmann vor der WM
- FAZ: Dokumentation der „Maul-Fouls gegen Klinsmann“
- SZ: Klinsi-Schlagzeilen in Bild (Fotostrecke)
- bildblog-Dokumentation
Lesen Sie folgend die Highlights aus den freistoss-Kommentaren des letzten Jahres, in denen ich mich mit der schlichten und unsachlichen Klinsmann-Kritik auseinandergesetzt habe.
Sportdirektor – Peters oder Sammer?
8. Februar 2006
Faule Tricks
Was sagt eigentlich der Emotionsjournalist zum Thema Peters? Die Sport Bild findet das ‚fiese Spiel von Klinsmann‘ ganz gemein. ‚Wie der Bundestrainer Matthias Sammer austricksen wollte‘, verspricht sie uns auf Seite 1 Aufklärung. Bei der Lektüre stellt sich jedoch heraus, daß Klinsmann nur, was ja interessant genug ist, seine Idee mit den Bayern abgesprochen hat. Wie er’s macht, macht er’s falsch. Genau das wurde von den gleichen Autoren doch immer verlangt: daß er den Kontakt zur Liga hält. Genau deswegen wurde nach etlichen Kampagnen ein ‚Arbeitskreis Nationalmannschaft‘ eingeführt, dessen Sprecher, na wer wohl?, der Bayern-Manager Uli Hoeneß ist. Nun lautet die Anklage: ‚Mit Bayern unter einer Decke‘. Auch im Editorial der Sport Bild gibt’s heute Kraut und Rüben. Es heißt, Klinsmann mache kein Geheimnis daraus, warum er Sammer ablehne, nämlich aus Angst vor einem Konkurrenten; das wirft ihm die Sport Bild vor: ‚Seinen Torhütern mutet Klinsmann Konkurrenz zu, in eigener Sache möchte er jeden Leistungsdruck vermeiden.‘ Das ist aus vier Gründen Unsinn: 1. Ein Trainer, besonders der deutsche Nationaltrainer, besonders Klinsmann, steht immer unter Beobachtung; Klinsmann weiß das und macht zum Beispiel die Verlängerung seines Vertrags vom Erfolg abhängig. 2. Spieler und Trainer sind zwei verschiedene Jobs. Spieler haben vor allem Konkurrenz von innen, Trainer ausschließlich von außen. Wie sollen wir uns das Szenario denn bitte schön vorstellen, wie es sich die Sport Bild wünscht? Zwei konkurrierende Trainer in einer Mannschaft? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. 3. Klinsmann hat gar nicht gesagt, wie ihm unterstellt wird, daß er die Konkurrenzsituation mit Sammer scheue. Zumindest ist uns nichts bekannt, und auch die Sport Bild kann nur indirekte Zitate liefern. 4. Selbst wenn er es gesagt hätte, selbst wenn er Angst vor Sammers scharrenden Hufen hätte – na und, was wäre daran verwerflich?
Also nichts mit faulen Tricks – jedenfalls, was Klinsmann betrifft. Wie sehr die Diskrepanz zwischen Titel und Text bei der Sport Bild Methode hat, zeigt ein Bericht über die Arbeit Bernhard Peters‘, worin sehr genau darstellt wird, wie professionell er vorgehe und daß er übers Wasser gehen könne und so weiter. Doch die Überschrift lautet: ‚Das blüht dem DFB‘. Welche Blüten treibt das Silikon-Fachblatt Bild heute? ‚Klinsi droht Klatsche‘, reibt man sich die Hände und berechnet die Erfolgswahrscheinlichkeit von Klinsmanns Wunschmodell Peters auf ein Prozent. Was noch? Bild zeigt ein Foto des Konferenzsaals, in dem die Entscheidung heute getroffen wird (gähn), und den tiefen Ausschnitt von Sarah Connor. Ach ja, Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus schreibt auch dies und das.
Nach dem Italien-Spiel
13. März 2006
Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern
Leben wir in Parallelgesellschaften? Auf den Fußball scheint das zuzutreffen. Auf der einen Seite steht die Qualitätspresse (selten war dieses Etikett so berechtigt und begründbar), sie schöpft aus vielen Quellen und erörtert viele Argumente, um die Krise des deutschen Fußballs zu erforschen und die Arbeit Jürgen Klinsmanns zu bewerten. Auf der anderen Seite geifern die Brüder von Bild und die DSF-Bierrunde gegen den ‚Amerikaner‘ mit geschlossenen Augen und Ohren und Schaum vorm Mund.
Höchst lesenswert ist die Story des heutigen Spiegels, sie befaßt sich mit Klinsmann, auf dem Titel als Atlas dargestellt, einen platten Fußball auf seinen Schultern stemmend. In einer sehr langen Reportage erklärt Dirk Kurbjuweit, warum Reformen in Deutschland so schwierig sind und der Widerstand gegen Klinsmann so groß ist: ‚Die Geschichte des Reformers Klinsmann ist auch eine Geschichte über die Reformfähigkeit Deutschlands. Im deutschen Fußball herrscht eine Fritz-Walter-Haftigkeit, gegen die Klinsmann seit zwei Jahren anrennt. Fritz Walter war ein Segen für den deutschen Fußball in den fünfziger Jahren, aber er strahlt so sehr, dass sich, stehen Änderungen an, immer noch mancher fragt, ob Fritz Walter einverstanden wäre. Ein Problem für alle Reformer hierzulande ist, dass die Bundesrepublik naturgemäß junge Gründungsmythen hat, jung und deshalb sehr lebendig. Sie stammen aus den Nachkriegsjahren, als zwölf Jahre Hitler überwunden werden mussten. Im Fußball ist es das Wunder von Bern, verkörpert durch Fritz Walter und Sepp Herberger. Nach dem Sieg bei der WM 1954 trauten sich die Deutschen wieder, selbstbewusst zu sein. In der Politik ist einer der Gründungsmythen der Sozialstaat, der den wachsenden Wohlstand gleichmäßig verteilt hat und eine Versicherung gegen einen neuen Hitler war. Geschichte ist eine starke Macht in Deutschland. Das Schicksal des Reformers ist die Beschädigung. Irgendwann wird er zurückgepfiffen, weil er gegen deutsche Geschichtlichkeit verstößt, traditionelle Milieus verstört, weil er Privilegien beschneidet, Verlierer erzeugt. Es gibt aus all diesen Gründen keinen Mut zur Radikalität bei jenen, die eine Reform billigen müssen. So wird die Verstümmelung zum Schicksal jedes Projekts. Klinsmann hat das Ziel, den DFB umzukrempeln, fürs Erste aufgegeben. Er konzentriert sich auf die Mannschaft und das Ziel, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. (…)
Die Verlierer bestimmen die Stimmung. Als Klinsmann Christian Wörns nicht aufstellte, nannte der ihn ‚link und unehrlich‘. Sofort fand Wörns breites Echo in den Medien. Er war die Story. Er bestimmte die Grundstimmung, und die war nun schlecht. Ein Motzkopf macht schon eine Krise. Die nächste wartet schon. Eines Tages wird sich Klinsmann für einen Torwart entscheiden müssen, es wird einen Verlierer geben, und der, nicht der Gewinner, wird wieder die Stimmung bestimmen. Schon jetzt droht Beckenbauer. So steht der, der anderen etwas zumutet, immer als umstritten da, als eine Figur, die Hass auf sich zieht. Das macht es auch den anderen schwer, sich ganz auf seine Seite zu schlagen. Man zweifelt an ihm, weil die Stimmung ja schlecht ist. Je mehr einer ändert, desto mehr wird er zum Außenseiter. (…) Nur der Außenseiter kann ein System grundlegend ändern, weil ihm die Bindungen fehlen. Er muss nicht so viel Rücksicht nehmen. Als Außenseiterin pfropfte Angela Merkel der CDU ein Reformprogramm auf. Auch Schröder hatte keine engen Bindungen in seine Partei. Dieser Vorteil wird zum Nachteil, wenn Erfolge ausbleiben. Die Kritik an Klinsmann ist jetzt auch deshalb so vehement, weil sich ihm kaum einer verpflichtet fühlt. Alle waren immer außen und sind es noch. Wenn Klinsmann die Heimspiele des VfB Stuttgart besucht, geht er nie in die Lounge der Ehemaligen, wo er die alten Gefährten Karlheinz Förster oder Hansi Müller treffen könnte. Er kann nicht allen auf die Schulter klopfen wie Rudi Völler, den alle mochten, auch weil er niemandem weh tat. ‚Einem Jürgen Klinsmann wird nichts verziehen‘, sagt Michael Horeni, Sportredakteur der FAZ, der eine Biografie des Bundestrainers veröffentlicht hat. Während des Gesprächs bekommt Horeni einen Anruf. Ein Kollege erzählt ihm, dass Horeni in der Sport Bild vom Fernseh-Entertainer Harald Schmidt angegriffen werde. Schmidt hat offenbar den Eindruck, der Sportredakteur schreibe so viel in der FAZ über Klinsmann, damit sich die Biografie besser verkaufe. Horeni macht seinen Job, der Vorwurf ist absurd, aber so wie die Lage derzeit ist, kann man als Biograf von Klinsmann kaum ungeschoren davonkommen. Zwar nennt sein Buch alle Punkte, die nicht günstig sind für Klinsmann, aber insgesamt ist es wohlwollend. In der Stimmung dieser Tage reicht das schon, um zum Lager Klinsmann gerechnet zu werden. Schmidt gehört zum anderen Lager. Er hat Klinsmann einst als ‚Schwabenschwuchtel‘ geschmäht und wurde gerichtlich zur Unterlassung aufgefordert. In seiner Show lässt er derzeit jedes Mal ‚Tschö Klinsi‘ einblenden. Dahinter steht die Zahl der Tage bis zur WM. Die Medien haben im System Fußball mindestens eine so große Bedeutung wie im System Politik. (…)
Holzen
Auch nach dem 1:4 kann Klinsmann ein Segen für den deutschen Fußball werden. Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht erreicht. Wenn es nach Alfred Draxler ginge, sollte das Kapitel Klinsmann allerdings jetzt abgeschlossen werden. Draxler ist stellvertretender Chefredakteur von Bild und zuständig für Sport. ‚Fußball – das ist Boulevard und Stammtisch‘, hat Klinsmanns Freund Roland Eitel gesagt. Für Schröder zählten ‚Bild, Bams und Glotze‘. So weit sind die beiden Sphären in diesem Punkt also nicht auseinander. Allerdings dürfte der Einfluss von Bild auf den Fußball noch größer sein als auf die Politik. Als die deutschen Journalisten auf den Abflug nach Florenz warteten, las mindestens die Hälfte Bild. Draxler ist der mächtigste Mann des deutschen Sports. Gleichzeitig ist er die ganz große Unschuld des deutschen Sports. Seine beiden zentralen Sätze lauten: ‚Der Vorwurf einer Kampagne gegen Klinsmann ist völlig absurd. Wir berichten sachlich.‘ Ist ‚Grinsi-Klinsi‘ sachlich? ‚Grinsi-Klinsi ist eine Boulevard-Zeile.‘ Da ist er natürlich fein raus, wenn alles, was eine Boulevard-Zeile ist, nicht im Widerspruch zur Sachlichkeit steht. Da kann er fleißig holzen, und das macht er auch. Aber Klinsmann macht es ihm auch leicht. Es mag ja sein, dass es an den Erfolgsaussichten für die deutsche Mannschaft nichts ändert, wenn er nach Kalifornien fliegt. Aber er bewegt sich mit seinem WM-Projekt in einer Mediengesellschaft, und da zählt symbolisches Handeln, wie er von Schröder hätte lernen können. Hier sein, im Stadion sein, Commitment zeigen – die Stimmung wäre nicht ganz so schlecht. Wobei immer noch die Frage ist, wo die Stimmung eigentlich herkommt. Aus dem Volk? Oder aus der Feder von Alfred Draxler und seinen Leuten?
Das Ausland lacht über Deutschland, aber über wen genau?
22. März 2006
Drei deutsche Sorgen: Fußball, Amerika, Wetter
Die Sport Bild hat Jürgen Klinsmann letzte Woche vorgehalten, das Ausland würde über den deutschen Fußball lachen. Stimmt! Nur: über wen und was denn? Über die Torwartfrage, Fitness-Training oder den Sportpsychologen? Nein, es ist die Hysterie über Klinsmanns Wohnsitz und seine Methoden, das einige internationale Zeitungen den Kopf schütteln macht: etwa den Economist, vielleicht das wichtigste Magazin der Welt; die FAZ zitiert heute daraus.
Diese Woche amüsiert sich die New York Times, das liberale Weltgewissen, köstlich, aber auch befremdet, über die Verbohrtheit des deutschen Fußball-Establishments: ‚Deutschland, Gastgeber der WM, gerät in Panik und fürchtet, sein Trainer sei ein ‚Baywatch‘-Blonder, der sich mehr um seinen Teint kümmert als darum, ein großes Fußballturnier zu gewinnen. Seit Jürgen Klinsmann Trainer der deutschen Nationalmannschaft geworden ist, verbringt er die Hälfte seiner Zeit mit seiner amerikanischen Frau und zwei jungen Kindern in Südkalifornien. Dieses transkontinentale Pendeln hat in den Deutschen drei ihrer beliebtesten Sorgen erweckt: Fußball, Amerika, Wetter. (…) Die Reformen des Weltbürgers Klinsmann, der vier Sprachen spricht, haben den Deutschen Fußball-Bund durcheinandergerüttelt, eine engstirnige und konservative Organisation, die Wechsel fordere und gleichzeitig fürchte, sagt Oliver Bierhoff. Deutschland sei gespalten zwischen denen, die Klinsmann verehren und denen, die Angst vor einer Amerikanisierung des deutschen Fußballs bekämen, fügt Andrei Markovits an, Professor für Germanistik an der Universität Michigan und Buchautor über Klinsmann und europäischen Antiamerikanismus. ‚Es ist ein Zusammenstoß zwischen Alt und Neu in Deutschland‘, sagt Markovits am Telefon. ‚Es gibt eine Kluft zwischen dem linksliberalen, städtischen Milieu, das Klinsmann mag, und den ‚echten‘ Kerlen, die sich in der Kneipe besaufen und ihn für eine Art Intellektuellen halten – mit amerikanischen Methoden und amerikanischer Frau.‘
Let’s go for it
Die USA werden in Deutschland noch immer als Fußballemporkömmling betrachtet. In den Augen von einigen Funktionären, Journalisten und Politikern könne das, was Klinsmann in der Neuen Welt gelernt hat, eine Altweltfußballmacht wie Deutschland nicht helfen. ‚Ich denke, den Deutschen mangelt es an Respekt für unseren Fußball‘, sagt US-Coach Bruce Arena und verweist auf das knappe 0:1 der USA gegen die Deutschen im WM-Viertelfinale 2002. Bei den traditionellen Fußballnationen spüre er generell Neid und Mißgunst gegen die stärker werdenden Teams aus Nordamerika, Afrika und Asien. Deutschlands Wetterwahn – und es ist sehr lange kalt in diesem Winter – könne die Unzufriedenheit mit Klinsmann verstärkt haben, vermutet Peter Zygowski vom Goethe-Institut San Francisco am Telefon. ‚Sie sind vollkommen besessen von Sonne und Strand, und was sie über Klinsmann in Kalifornien hören, läßt sie an Ferien und Faulenzen denken.‘ Doch Klinsmann liebt einfach nur das ungestörte Privatleben in den USA, das seinen Söhnen eine Entwicklung außerhalb seines großen Schattens ermöglicht. Außerdem reize ihn die ‚let’s go for it‘-Haltung der Amerikaner.
Klinsmanns Management provoziert: Er verbringt die Hälfte jedes Monats in Kalifornien und kommuniziert mit seinen Spielern über E-Mail und Telefon, ihre Spiele sieht er im Sattelitenfernsehen. Er würde ja das gleiche tun, wenn er in Berlin oder Rom leben würde, entgegnet er. Aber für Fußballfunktionäre seien E-Mail und Powerpoint amerikanischer Schickschnack, sagt Bierhoff, Klinsmanns ’second in charge‘. Und weiter: ‚Jeder seiner Vorschläge wird verdächtigt und beäugt.‘ Neulich wollten gar einige Politiker aus der zweiten Reihe Klinsmann zum Rapport bestellen und ihn tadeln. Markovits schmunzelt: ‚Das ist so, als würden wir Larry Brown vor den Kongreß zitieren, weil er aus Athen nur Bronze mit nach Hause gebracht hat. Absurd.‘ Das deutsche Team habe nicht die Fähigkeit Brasiliens oder Argentiniens, auch nicht die taktische Kultiviertheit wie die Italiener, räumt Klinsmann ein. Aber das Team sei in der Lage, sich vom großen Heimvorteil beflügeln zu lassen. ‚Die Wahrheit liegt auf dem Platz‘, sagt er. Wenn Deutschland die WM gewinnen sollte, wird Klinsmann erneut zur nationalen Ikone. Wenn es schiefläuft, prophezeit Markovits, werde Klinsmann in seinem Heimatland zu einer persona non grata: ‚Vielleicht dürfte er seine Verwandten besuchen, aber er müßte mit Schmähung rechnen. Ich würde mich ernsthaft um seine Unversehrtheit sorgen, wenn er im Viertelfinale ausscheidet.'‘
Das Wetter, in der Tat, scheint manchmal der gewichtigste Vorwurf zu sein, den die Bild-Zeitung und einige DFB-Greise Klinsmann machen. Neulich ist ihm ein Bild-Reporter, Focus-TV hat’s gesendet, in Kalifornien hinterhergeschlichen und wollte wohl Strand- und Surffotos oder so von ihm machen, hat ihn aber nur bei einem Behördengang ‚erwischt‘. Welch eine langweilige Fotostrecke!
Klinsmanns Medien-Schelte nach dem USA-Spiel
24. März 2006
Beleidigt
Jürgen Klinsmann rechnet nach dem 4:1 gegen die USA mit seinen Gegnern unter den Journalisten ab, und nur weil er sie nicht beim Namen nennt, fühlen sich prompt viele Falsche angesprochen – obwohl doch jeder weiß, wen er meint: die Bild-Zeitung wegen der indirekten Rücktrittsforderung an ihn und die tz wegen der Verleumdung Bastian Schweinsteigers (und Paul Agostions und Quido Lanzaats). Nun ergibt sich ein paradoxes Ergebnis: Die Bild-Zeitung, Ziel Klinsmanns, nimmt ihn aus den Schlagzeilen, besser: gibt ihm eine Verschnaufpause; einige der Zeitungen, die Klinsmanns Arbeit bisher wohlwollend begutachtet und ihn gegen Bild verteidigt haben, sind tief beleidigt. Oder sie tun tief beleidigt: ‚Sonderling‘ (FR), ’schlechter Verlierer‘ (SZ), ‚Sektierer‘ (BLZ), ‚der Selbstgerechte‘ (taz). Wir müssen reden, ich zieh zu meiner Mutter …
Klar, Klinsmanns Predigt war unsouverän, und er hat die Aufmerksamkeit von der Mannschaft weggelenkt, was nach einem Sieg die falsche Strategie ist. Aber muß man so gekränkt reagieren? Ist das der Solidarisierungsreflex mit den gescholtenen Kollegen? Muß man deswegen das 2:0 Oliver Neuvilles, das 3:0 Miroslav Kloses und das 4:0 Michael Ballacks, alles Treffer Marke ‚Tor des Monats‘, zu statistischen Meldungen degradieren? Muß man deswegen in den Hintergrund drängen, daß wir endlich einen Bundestrainer haben, der es wagt, Franz Beckenbauer, etwa in der Torwartfrage, öffentlich den Gehorsam zu verweigern? Hey, da will der Münchner WM-Boß seinen Münchner Kandidaten mit dem ‚Argument‘ durchsetzen, er müsse aus Rücksicht auf die Stimmung im Münchner Stadion die Nummer 1 sein. Wenn die deutsche Elf nach solchen (Münchner) Kriterien ausgewählt wird, braucht sie im Sommer erst gar nicht antreten – mal davon abgesehen, daß wir bisher davon ausgegangen sind, daß die WM-Tickets ausgelost worden sind. Herr Beckenbauer, Herr der Tickets, haben Sie Deutschlands Nichtmünchnern etwas mitzuteilen?
Wieder einmal findet man die wichtigen Fragen nur am Rand: Warum spielt Tim Borowski nur so kurz? Lukas Podolski als Linksaußen – geht das? Haben wir nicht vielleicht doch einen deutschen Rechtsverteidiger, der flanken kann – und nicht nur solide verteidigen? Wird man Klinsmann bald denselben Fehler vorwerfen müssen wie Rudi Völler, nämlich daß er Spieler aufgrund ihrer Verdienste in der Vergangenheit aufstellt, etwa Podolski, Bernd Schneider und Gerald Asamoah?
Entscheidung pro Lehmann – das Ende der Torwartdiskussion
8. April 2006
Fangfehler
Vorab die Meldung des Tages: Die ARD sendet keinen Brennpunkt über Jürgen Klinsmanns Torwartantwort. Aber es ist „das“ freistoss-Thema: Oliver Kahn, die Medienmacht und seine tatsächliche sportliche Leistung – daher eine persönliche Notiz. Auch wenn ich mich wiederhole, Kahn war selten so gut wie sein Ruf. Selbst der ‚Titan‘ der WM 2002 ist ein Märchen, ein Märchen der Bild-Zeitung, an dessen Zauber selbst die nüchternsten Schreiber glaubten. Es heißt ja immer, Kahn hätte die deutsche Mannschaft alleine ins Endspiel gebracht; sein Fehler im Finale sei tragischerweise sein einziger gewesen. Das stimmt nicht. Ich hab leider keine Bildrechte, sonst hätte ich schon längst ein Video veröffentlicht. Wer aber die Möglichkeit hat, der schaue sich noch mal die erste Halbzeit gegen Kamerun an: zwei grobe Fehler. Oder das Viertelfinale gegen die USA: Nach einigen tollen Paraden ließ Kahn einen sehr leichten Ball durch die Hände gleiten, Torsten Frings stoppte ihn auf der Linie mit der Hand, was der Schiedsrichter übersah. Es waren drei schlimme, aufgepaßt, Fangfehler! ‚Anscheinend hat Kahn Probleme, den neuen, kleinen Ball festzuhalten‘ – meine Standardsorge und gleichzeitig -prognose des Turniers. Das Ding gegen Ronaldo hat mich nicht überrascht. Ich hätte allerdings gerne unrecht behalten, zumal ich mich selten in meinem Leben so alleine fühlte wie mit meiner Kahn-Kritik.
Daher war ich ein wenig erleichtert, einige Wochen später von Christian Eichler in der FAZ zu lesen: ‚Kahn kann ja nichts für seine Überhöhung, er profitiert von seinem Stil. Wie anderswo im Berufsleben gibt es auch im Tor die anderen Typen, die ein Problem abwenden, bevor es andere merken, die den entscheidenden Schritt machen, bevor alle hinschauen, und bei denen der sichtbare Teil der Rettungsaktion dann ganz einfach aussieht. Kahn kann auch das, doch vorrangig ist er ein Vertreter der anderen Torwartschule, der spektakulären, deren Taten oft wie das Halten des Unhaltbaren aussehen.‘ Das ist natürlich alles andere als ein Kompliment – weder für den Torhüter noch für die Experten, gilt doch ein sachlicher Torwartstil, also Kahns Gegensatz, als die hohe Kunst. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß sich deutsche Sportjournalisten, besonders im Fernsehen, sehr schwer tun, das Torwartspiel zu analysieren.
Tabu
Mehr Vergangenheit: Kann ein Weltklasse-Torhüter nicht auch den zweiten Treffer Ronaldos, einen Schieber mit dem Innenrist aus 16 Metern, verhindern? Hat es je eine schlechtere Torhüterleistung gegeben als beim 1:5 gegen England? Zu seiner Ehrenrettung, Kahn war übrigens sehr selbstkritisch nach diesem Spiel. All die großen Fehler seit der WM – die meisten in wichtigen Partien: gegen Roberto Carlos (Real), gegen Ibrahimowitsch (Juventus), gegen Kevin Kuranyi (VfB), gegen Ivan Klasnic (Werder Bremen), gegen Steven Cherundolo (USA), gegen Guy Demel (HSV), Albert Streit (Köln) und all die mißlungenen Versuche und die vielen Verweigerungen, Flanken zu pflücken, etwa das 1:2 Nigel de Jongs (HSV) im März. Kahn scheint manchmal an seinem Tor festgebunden.
Warum überhaupt diese alten Geschichten? Das ist kein Nachtreten, sondern Grundlage meiner Medienkritik. Recht verstanden: Kahn hat 2002 ein sehr gutes Turnier gespielt, teilweise überragend, er hat Kraft und Selbstbewußtsein auf die Elf ausgestrahlt. Doch seine Erhöhung durch die Medien hatte mindestens drei negative Folgen: Erstens führte es dazu, daß er selbst an seine Unangefochtenheit glaubte. Zweitens war es eine Herabsetzung der Mannschaftskollegen. Ist es Zufall, daß die damaligen Leistungsträger Michael Ballack, Bernd Schneider, Oliver Neuville, Torsten Frings nicht bei Bayern München spielten? Drittens entstand das Tabu, Kahn in Frage zu stellen. Ein Bayern-Fan und guter Freund hat mir mal ernsthaft ‚Unsachlichkeit‘ vorgeworfen, weil ich es in einer Diskussion gewagt habe, Kahn als ‚guten‘ Torhüter zu bezeichnen – und nicht als Torwartgott oder was er für angebracht hält.
Lehmann-Lobby?
Tabus sind immer schlecht, und es mußte ein mutiger Trainer wie Klinsmann kommen, diesem Tabu zu mißtrauen. Nun werfen ihm einige Journalisten schlechten Stil und Geklüngel vor. Klinsmanns und Lehmanns gemeinsamer Anwalt und die Freundschaft Bierhoffs zu Lehmann hätten die Entscheidung beeinflußt. Vielleicht ist was dran, sehr stichhaltig klingt das nicht. Es stimmt ja, der Manager der Nationalmannschaft hat als Experte im Fernsehen nichts zu suchen, das ist uns am Mittwoch bei SAT1 vor Augen geführt worden. Aber soll das jetzt die Lehmann-Lobby sein? Und bitte auch Franz Beckenbauer mit gleicher Elle messen! Dieses ‚Expertentum‘ im Fernsehen schadet dem Journalismus und dem deutschen Fußball.
Daß ein deutscher Bundestrainer darüber stolpern könnte, den besseren Torhüter aufzustellen und nicht den mit den stärkeren Freunden, sollte uns innehalten lassen. An diesem bedenklichen Zustand tragen auch viele Journalisten eine Teilschuld; diejenigen, die Klinsmann jetzt Kalkül in der Wahl des Zeitpunkts vorhalten; diejenigen, die 2002 nicht richtig hingekuckt und ein Tabu zugelassen haben.
Schonung
Noch tiefere Vergangenheit: All die Roten Karten, die Kahn in seiner Karriere hätte kriegen müssen – Stichworte: Brdaric, Klose, Möller, Herrlich, Chapuisat, diese unerträglichen Dominanzgesten. Dank seines Trikots ist er immer verschont geblieben. Ja, die Schiedsrichter waren am Aufstieg Kahns kräftig beteiligt. Von wegen, Deutschland hatte keinen Schiedsrichterskandal in der Bundesliga. Vor ein paar Jahren hat Borussia Dortmund in Bayern gespielt, und Giovane Elber hat Lehmann, damals im Tor des BVB, mit aller Kraft gegen den Kopf getreten – mit Absicht. Elber sah nur Gelb, Lehmann wurde im selben Spiel wegen Lappalien mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen. Eine bittere Ungerechtigkeit und nur der Höhepunkt!
Lehmann im WM-Tor und nicht Kahn, sportlich, daran zweifelt kaum ein Bayern-Fan, die richtige Entscheidung. Und, auch wenn Klinsmanns Stil meinetwegen fraglich ist – ich kann seit gestern freier atmen. Nicht wegen irgendwelcher Sympathien für einen Menschen oder einen Verein; das zählt nicht. In der deutschen Elf gilt das Kriterium, daß die Besten spielen. Der Trainer stellt die Mannschaft auf, nicht Franz Beckenbauer und die Bild-Zeitung.
Auch muß ich vor meiner Tür kehren: Im vergangenen Herbst hab ich in den 11 Freunden meine Kolumne mit den Worten eingeleitet: ‚Oliver Kahn wird 2006 deswegen im Tor stehen, weil er die besseren und mächtigeren Fürsprecher hat als seine Kontrahenten.‘ Da hab ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt.
Kahn steht auch als Nr. 2 unter Artenschutz
10. April 2006
Niederträchtig und hinterhältig
Am deutschen Fußballstammtisch, für den stellvertretend die Altherrenrunde im DSF steht, stellt man sich immerzu die Frage: Was hat Jürgen Klinsmann falsch gemacht? Diese Querulanten, man könnte ja auch mal fragen: Was hat Jürgen Klinsmann richtig gemacht? Diese Offenheit im Kopf ist anscheinend zu viel verlangt, zumindest wenn es um ihren Titan geht. An zwei Punkten läßt sich die Schlichtheit der Argumente der Klinsmann-Gegner illustrieren:
1. Klinsmanns Wahl sei ‚abgekartet‘, die Entscheidung für Lehmann stehe schon seit August 2004 fest. Begründet wird das, auch in der SZ, mit den vielen Maßnahmen Klinsmanns, Kahn zu degradieren: Absetzung als Kapitän, Torwartrotation, Absetzung Sepp Maiers als Torwarttrainer, nach Warnung, wohlgemerkt. Aber: Das sind doch alles Zeichen dafür, daß Klinsmann von Beginn an mit offenen Karten gespielt hat. Der Vorwurf wäre stichhaltiger, wenn er Kahn im sicheren Glauben gelassen hätte, die Nummer 1 zu sein. Vielmehr ist es ein weiterer Beleg für Kahns Hybris, daß er all die Signale überhört hat. Zudem wollen Lattekmatthäusbildzeitung ihren Vorwurf mit dem Grund untermauern, den Klinsmann als entscheidenden für Lehmann anführt: Daß Lehmann besser ins Spielsystem passe, hätte Klinsmann doch schon von Beginn an wissen müssen. Warum das denn? Eine solche Erkenntnis muß, zumal bei einem jungen Trainer, auch erst reifen.
2. Nun werfen sie Klinsmann wieder den falschen Zeitpunkt vor: Dieses Mal soll es zu früh gewesen sein, schließlich habe Klinsmann immer den Mai als Termin genannt. Daß er bereits jetzt handelt, wird als Kalkül gewertet, denn die Stimmung steht gut dafür. Selbst wenn das stimmen würde, wäre dies kein essenzieller Vorwurf, so viel Spürsinn würde man jedem anderen Trainer als Geschick auslegen. Doch was ärgerlich ist: Derselbe Lattek, der vor einer Woche gefordert hat, Klinsmann solle bitteschön auf den Wunsch der Bayern und der Liga hören und sich endlich festlegen, kritisiert ihn nun dafür. Wie soll man das anders nennen als niederträchtig und hinterhältig?
Klinsmann hat alles richtig gemacht, vielleicht hätte er sich nicht unbedingt einen Tag vor dem Bremen-Spiel festlegen müssen, zumal wir nun in keiner Zeitung von heute die Freude darüber lesen, daß wieder etwas Spannung in die Bundesligaspitze einkehrt. Der Meistertitel wird nicht schon vor Ostern vergeben, wie viele Zeitungen monatelang klagten. Das ist doch großartig! Wo bleibt die Revision Ihres Pessimismus, liebe Redakteure?
Euphorie nach dem Spiel gegen Polen
16. Juni 2006
Klinsmanns Trümpfe beginnen zu stechen
Deutschland bezwingt Polen 1:0 – die deutschen Zeitungen lassen sich von der Euphorie im Stadion und auf der Straße anstecken. Ein tolles Spiel, keine Frage, aber der Einwurf sei gestattet: Der Gegner hieß nicht Argentinien oder England. Jürgen Klinsmann, der im letzten Vierteljahr eine sehr schlechte Presse hatte, ist der Gewinner des Tages. Auch deswegen, weil seine Trümpfe zu stechen beginnen: Oliver Neuville und David Odonkor auf dem Platz, aber auch die ausländischen Trainingsexperten Marc Verstegen (Fitness-Coach) und Urs Siegenthaler (Scout), für die man ihn ausgezählt hat. Selbst die Kritikaster von der Bild-Zeitung, die Klinsmann zum Teufel jagen wollten, feiern ihn nun. Welch Heuchelei! Fehlt ihnen der Mumm, ihre Position aufrechtzuerhalten? Haben Sie nicht das Rückgrat, zu ihren Worten und Kampagnen zu stehen? Das sind die Fragen, die das begeisternde Spiel der Deutschen nun aufwirft und deren Antworten wir mit Spannung harren. Und die lauten Nörgler des deutschen-Fußballstammtisches um Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Mario Basler und wie sie alle heißen sowie einer Reihe an DFB-Funktionären dürften fürchten, daß sie bald mit ihren Aussagen aus der letzten Zeit konfrontiert werden.
Klinsmanns Kritiker – Kehrtwende
29. Juni 2006
Kritiker blamiert
Jürgen Klinsmann hat durch seinen Fleiß, seine Strategie, den Erfolg an dieser WM, kurz: seine glänzende Arbeit seine Kritiker blamiert. Besser: nicht seine Kritiker, sondern die, die gegen ihn noch vor wenigen Wochen eine Kampagne geführt haben. Natürlich haben sie das längst gemerkt, und sie haben fünf verschiedene Weisen entwickelt, damit umzugehen.
Erstens: Schweigen, Warten und Abtun, wie zum Beispiel Franz Beckenbauer, der kurz davor schien, Klinsmann zu stürzen. Ihn sehen wir auf allen Kanälen und staunen, daß er es schafft, Extrem-Groundhopping und Eheschließung in Einklang zu bringen. Essentielles über den Fußball, den Klinsmann spielen läßt, haben wir von ihm aber noch nicht gehört. Auch die Bundesliga hält sich sehr zurück, von Rudi Assauer, der wohl die größte Abneigung aller Klinsmann-Gegner hegt, haben wir lange nichts gehört – was man nicht nur mit seinem zwischenzeitlichen Absturz in Schalke erklären kann. Und einige Landesfürsten des DFB murmeln Undefinierbares vor sich hin.
Zweitens: Bestreiten, wie etwa Karl-Heinz Rummenigge. Die Bayern sind nie ein Gegenpol gewesen, haben Klinsmann gegenüber einen Wechselkurs gehalten, sind aber stets darum bemüht, Wortführer und Machthalter zu sein. Daß Michael Ballack unter Klinsmann ‚die Autorität des deutschen Spiels‘ (SZ) geworden sei, sollte Rummenigge, Hoeneß und Magath drei mal kräftig schlucken lassen, haben sie ihm doch nachgerufen, ihm mangele es an Führungsqualität.
Heuchelei oder Starrsin?
Drittens (verwandt mit zweitens): Sich nicht mehr daran erinnern, was juckt mich mein Gezeter von gestern?! Dafür steht die Bild-Zeitung. Nach dem 1:4 in Italien am 1. März hat sie Klinsmann, den sie noch nie akzeptiert hat, respektlos verhöhnt und mit Hilfe von Effenberg und Co einen Nachfolger gesucht. Seit Beginn der WM-Euphorie ist sie umgeschlagen und zählt jeden an, der nicht in ’schwarz-rot-geiler‘ Bettwäsche schläft, etwa den WDR-Reporter Manfred Breuckmann, weil er es wagt, die WM mit kritischer Distanz zu verfolgen. Übrigens, Breuckmann hat zu einer Zeit, als Bild Klinsmann zum Mond schießen wollte, ihn öffentlich sehr gelobt. Aus der SZ erfahren wir, daß Klinsmann Matthias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, in einem persönlichen Gespräch vor der WM auf das gemeinsame Ziel WM eingeschworen haben soll.
Viertens: Hart am Kurs festhalten und behaupten, das sei ein Beweis für Rückgrat, wie Peter Neururer, der sich nicht damit abfinden kann, daß der DFB einen Einsteiger als Trainer engagiert hat; in einem Interview mit der FAZ schlägt er in dieser Woche den gleichen aggressiven Ton an wie zuvor. Oder die Sport Bild, die gerade versuchen muß, die Kurve zu kriegen. Vor einer Woche noch (also vor dem Ecuador-Spiel) hat sich der Chefredakteur darüber beklagt, daß die derzeitige Stimmung Kritiker an Klinsmann als Miesmacher stempele (was nicht stimmt), übrigens bevor er ein Loblied auf Franz Beckenbauer angestimmt hat. Rudi Gutendorf hat die Redaktion ein paar Brocken entlockt: ‚Bei dieser Abwehr wird mir kotzübel.‘ Auch einige DFB-Offizielle sind mißmutig zitiert worden; die amerikanischen Konditionstrainer hat die Redaktion belächelt. In dieser Woche hat die Sport Bild keinen Rentner mehr gefunden, der sich über Klinsmann ausläßt. Nun lobt man ihn für sein ‚Leistungsprinzip‘, nämlich für seine Äußerung, daß ein Ausscheiden im Viertelfinale eine ‚Katastrophe‘ sei. Als wäre das ein Kurswechsel Klinsmanns! Das sind wohl die Vorboten von Krokodilstränen. Vor sechs Wochen hat man ihn noch dafür gerügt, daß er sich nicht auf eine Vertragsverlängerung nach der WM festlegen wolle. Ein perfides Argument, um am Stuhl des Trainers zu sägen. Außerdem tut Sport Bild die Euphorie für die ‚Klinsmannschaft‘ als ‚Bierlaune‘ ab. Doch: Es gibt auch Anerkennung für Klinsmann, die nicht dem Alkohol geschuldet ist. Und: Nicht alle haben sich vom Genörgel der letzten Monate anstecken lassen. Nicht alle, die jetzt jubeln, müssen zurückgerudert sein! (Was ist abstoßender: drittens oder viertens, Heuchelei oder Starrsinn?)
Fünftens: Sich entschuldigen. Uns ist nur einer bekannt: Franz-Josef Wagner aus der Bild-Zeitung. Halt, es gibt noch einen sechsten Weg, Kindsköpfigkeit: Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus empfiehlt seinem Lieblingsfeind Klinsmann abwechselnd dies und das. Mal den Libero Nowotny, dann, nachdem man ohne den Libero Nowotny glänzend gesiegt hat, wie in dieser Woche, den Verzicht auf Manndeckung – als hätte das irgendjemand vorgehabt. Vermutlich würde er sich nach einem Sieg gegen Argentinien auf die Schulter klopfen: Hab ichs nicht gesagt?!
Freitag, 30. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Lehrgeld
Peter B. Birrer (NZZ) bilanziert das WM-Turnier der Afrikaner: „Die Auswahlen des Schwarzen Kontinents präsentierten sich an der Endrunde 2006 summa summarum so, wie dies vor dem Turnier erwartet worden war: Sie überraschen (Ghana), sie diskutieren ausgiebig und im Chaos neben dem Spielfeld (Togo), sie gehen mit fliegenden Fahnen unter (Côte d‘Ivoire), oder sie fahren wie viele andere nach Hause, ohne dass man viel Notiz von ihnen genommen hätte (Angola, Tunesien). Vier Jahre vor der WM in Südafrika machen sie weder Rück- noch Fortschritte. Sie stagnieren. In Anbetracht des überraschenden Verdikts in der Qualifikation überrascht dies nicht. Nigeria, Kamerun und Senegal, die seit 1990 teilweise tolle WM-Geschichten geschrieben haben, blieben dem Turnier fern. Ausser Tunesien reisten ausschliesslich Neulinge nach Deutschland, die sich in der Afrika-Zone hauchdünn durchgesetzt hatten. Die Debütanten mussten Lehrgeld bezahlen.“
Wir haben auch sehr traurige Schicksale
Bernd Huck, Geschäftsführer der Web-Agentur „seaven dead cats“ und Webmaster vieler Nationalspieler, erläutert in der FAZ die Bedeutung von Spieler-Websiten: „Nach den Zugriffszahlen der Internetseiten gerechnet ist sicher Michael Ballack der ‚virtuelle Held‘. Wir haben in der Regel bei ihm zwischen 1,5 und 2 Millionen Seitenaufrufe pro Monat. Während dieser WM verdoppelt sich das. Sehr stark ist auch Christoph Metzelder, der sich sehr engagiert und häufig mit seinen Usern chattet. Er liegt wie Sebastian Kehl weit vor Oliver Kahn, der vergöttert wird. Christoph hat eine sehr engagierte Community, die er sich über Jahre aufgebaut hat. Bei Oliver Kahn handelt es sich hauptsächlich um Leute, die ihm in dieser für ihn schwierigen Situation Mut zusprechen. Seine User erklären, daß er die Nummer eins sei und es eine Unverschämtheit wäre, daß Jens Lehmann spiele. Das ist der Grundtenor bei ihm. Bei Christoph wird sehr viel diskutiert über das Spiel und auch das Leben überhaupt. Seine User kennen sich sehr gut untereinander, und einige veranstalten regelmäßig auch Chatter-Treffen. Sie treffen sich regelmäßig in der realen Welt. Bei Michael Ballack steht die Person im Vordergrund. Wenn ich das überspitzt formuliere, ist er der einzige wirkliche Popstar im deutschen Fußball. Das heißt, seine User interessieren sich nicht unbedingt für das Thema Fußball oder den FC Bayern, seinen ehemaligen Verein. Sie interessieren sich für die Person Michael Ballack.“ Gefragt nach der Bedeutung einer Fanpage, sagt Huck: „Der Spieler kann in Ruhe und ohne Druck seine Meinung sagen. Er kann sein Image positionieren, Fanarbeit oder Öffentlichkeitsarbeit leisten und einen Vertriebskanal öffnen für Fanartikel. Es gibt eine Studie, die besagt, daß eine Website für einen Fußballspieler den Marktwert im Schnitt um 13,8 Prozent steigert. (…) Interesse gibt es auf der ganzen Welt. Auf der zweisprachigen Seite von Michael Ballack kommen Einträge aus China, Japan, Neuseeland, Australien oder Brasilien. Die Zuschriften sehr skurriler Natur kommen aber in der Regel aus Deutschland. Sehr beliebt ist die Anfrage, ob der Spieler ein Hochzeitspaar vom Standesamt zur Kirche fahren könnte. Das läßt sich natürlich nicht umsetzen. Wir haben da auch sehr traurige Schicksale, Leute, die sich finanzielle Hilfe versprechen.“
FAZ: Fifa-Kampagne gegen Rassismus
BLZ: Gunter Gebauer deutet Diego Maradona mit Max Weber
taz: Der Lohn der Frauen, die in Thailand den offiziellen WM-Fußball herstellen, reicht kaum zum Leben
BLZ: WM im Radio (I)
FR: WM im Radio (II)
WM im Radio (III): Lukas` Tagebuch von Eins Live
taz: Wer es zur Weltmeisterschaft mit Handy-TV versucht, muss jede Menge Pioniergeist mitbringen
11-Freunde-Interview mit dem Ex-Schiri Wolf-Dieter Ahlenfelder: „Wenn Scheiße gepfiffen wurde, dann wurde Scheiße gepfiffen“
taz-Interview mit dem Bildregisseur Volker Weicker über die Bildsprache der TV-Übertragungen
Tagesspiegel-Interview mit Joseph Blatter: „Dies ist die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“
FAZ-Interview mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt im Interview über ihr Deutschland-Shirt
Deutsche Elf
Offenbarung
Philipp Selldorf (SZ) befaßt sich, auf die Bundesliga blickend, mit einem möglichen Ausscheiden Deutschlands und einem Rücktritt Jürgen Klinsmanns: „Es stünde das Vermächtnis einer Ära zur Disposition, die sich vielleicht nur als Intermezzo erweist. Die Kräfte des Beharrens in der Bundesliga sind erheblich, und sie haben sich schon aus Trotz gegen Klinsmanns radikalreformatorischen Anspruch vereint. Der beste Ort zwischen zwei Polen ist die Mitte. Klinsmanns maximierte Ansprüche sind auf den Ligaalltag nicht übertragbar. Aber das darf nicht bedeuten, dass man einfach weitermacht wie bisher, denn der deutsche Auftritt bei der WM hat sich als Offenbarung erwiesen. Um dies festzuhalten, braucht es auch keine pathetische Fortschrittsrhetorik. Ein Sieg gegen Argentinien würde helfen, aus dem Modell ein Versprechen für die Zukunft zu machen. Die Ligatrainer sollten sich nicht schämen, den fälligen Applaus zu spenden. Sie können mitgewinnen am Freitag.“
Zahl der Liebhaber wächst
Vor dem Spiel gegen Argentinien – Michael Horeni (FAZ) führt sich noch einmal die rasante Entwicklung der Deutschen vor Augen: „Im Berliner Olympiastadion findet, zumindest aus deutscher Sicht, schon ein gefühltes Finale statt – sportlich, psychologisch und perspektivisch. Vor zwei Monaten, ach, vor zwei Wochen noch wäre das Duell für die Gastgeber gegen das kombinierende Hochgeschwindigkeitskollektiv von Trainer Jose Pekerman als ein völlig unmögliches Unterfangen betrachtet worden. Aber das erstaunliche Sommerwachstum der Deutschen hat daraus ein Duell auf ‚Augenhöhe‘ werden lassen, wie Christoph Metzelder realistisch behaupten kann. (…) Über die argentinischen Stärken – das atemraubend schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff (und umgekehrt), die kühle Präzision im Paßspiel, dem mit Weltklassestürmern verschwenderisch ausgestatteten Sturm – verlieren die Deutschen nur die nötigsten, wenngleich ehrlich anerkennenden Worte. Aber viel lieber reden sie in diesen Tagen nur von sich und ihren Qualitäten. Und die Zahl ihrer Zuhörer und Liebhaber in der Fußballwelt wächst beständig.“
Auf rauen Pfaden zu den Sternen
Wie immer sehr lesenswert! Eine Portrait Miroslav Kloses als geerdeter Stürmer von Holger Gertz (SZ/Seite 3), der Klose schon vor einem halben Jahr eine herausragende Rolle an der WM prophezeit hat: „Was Klinsmann und sein Trainerstab mit ihnen gemacht haben, wie es ihnen gelungen ist, aus einer Loser-Mannschaft binnen Wochen ein Team werden zu lassen, dem viele alles zutrauen – es ist ein Geheimnis. Klar scheint zu sein, dass Klinsmann die Unterschätzung als Kraftquelle ausschöpft. Wer verhöhnt worden ist, oder wer nicht gesehen worden ist, der muss den Zeitpunkt erkennen, es den Kritikern zu zeigen. Sich beweisen wollen kann einen fliegen lassen. Per aspera ad astra, auf rauen Pfaden zu den Sternen. Der Zeitpunkt ist jetzt. Miroslav Klose, begabt und still, ehrgeizig und schüchtern, ist früher verhöhnt worden. Seine vielen Tore bei der vergangenen WM, was waren die wert, drei davon hatte er doch gegen Saudi-Arabien gemacht. Danach ist er übersehen worden, eigentlich bis zu dieser Weltmeisterschaft. Übersehen zu werden kann schlimmer sein als verhöhnt zu werden. Aber er hat es schon vielen gezeigt, den Jugendtrainern, die sein Talent nicht erkannt haben. Er hat die Zweifel wegtrainiert. Er hat es den Werder-Fans gezeigt, die seine Ablöse für zu hoch hielten. Klose kostete vor zwei Jahren fünf Millionen Euro, jetzt ist er das Sechsfache wert. Er hat es dem ehemaligen Bayern-Trainer Hitzfeld gezeigt, der ihn vor Jahren hätte holen können, aber lieber Roy Makaay wollte. Er hat es den Produktmanagern gezeigt, die vor der WM lieber mit Podolski und Schweinsteiger geworben haben und ihm erst jetzt die Bude einrennen. Poldi und Schweini sind die Helden der nabelgepiercten, über dem Steiß tätowierten Spaßgesellschaft, die im Stadion sitzt und ‚Viva colonia‘ brüllt, während die Schweiz sich gegen die Ukraine abmüht. Poldi und Schweini turnen durch die Träume der unruhigen Mädels, die sich ‚Mach mir ein Kind‘ auf den Bauch malen und aufgeregt kreischen, wenn die Kamera im Stadion ihr Bild auf den Videowürfel überträgt. Klose wirkt in diese Party-Gesellschaft wie hineinmontiert, gleichzeitig ist er im Moment ihr Zentrum. Er lässt die Massen toben, ausgerechnet er, Vater von Zwillingen, dessen Dialekt klingt wie der von Fritz Walter und der gerade vom ruhigen Bremen an den Stadtrand gezogen ist, weil es da noch ruhiger ist. Er hat es vielen gezeigt, aber es müssen immer noch welche überzeugt werden. (…) Manchmal sagt er Sachen, die nicht nach dem Klose klingen, der seine Karriere gebaut hat, ruhig und konzentriert wie ein Zimmermann einen Dachstuhl. Er hat Zimmermann gelernt. Er hat gesagt, Argentinien sei stark, ‚aber die haben leider das Pech, gegen uns zu treffen‘. Es klang gewollt martialisch. Klose sprach wie Mike Tyson, aber Klose sah wie Klose aus, und die Aussage verkehrte sich irgendwie ins Gegenteil. Es klang, als hätte ihm jemand den Auftrag gegeben, jetzt einen Spruch rauszuhauen. Klose hat inzwischen einen Medienberater, die beiden sollen geübt haben, wie man sich öffentlich verkauft, aber der sprechende Klose wirkt lange nicht so gefährlich wie der stürmende.“
Der erste Gang ist meistens in ein Nationalmuseum
Bemerkenswerte Sätze von Chefscout Urs Siegenthaler (FAZ) über seine Arbeit (um nicht zusagen: über seine Ästhetik): „Um ein Team wirklich beurteilen zu können, muß man auch kulturelle und politische Gegebenheiten eines Landes, eines Volkes und eines Menschen kennen. Erst dann bin ich in der Lage, diese Mitteilung zu geben, zu der ich stehen kann. Wir leben in einer Zeit, in der jeder sein Urteil über einen anderen ablegt, ohne ihn wirklich zu kennen. Ich habe Argentinien besucht. Der erste Gang ist meistens in ein Nationalmuseum. Das gibt mir den ersten Eindruck. Ich nehme jemanden mit, der sich auskennt, zu dem ich ein vertrauliches Verhältnis aufbauen kann. Ich will soviel wie möglich wissen über das Land, bis dahin, warum es Korruption gibt. Das sind Fragen, die sich auf Fußballspiele übertragen lassen. Zum Beispiel sagt es etwas darüber aus, in welchem Umfeld die Spieler aufwachsen. Diese kleinen Randgeschichten gewähren mir einen anderen Blick. Ich will mehr tun, als bisher in der Spielbeobachtung getan wurde. Enttäuschend für mich ist immer wieder, wie voreingenommen Menschen sein können. Wenn Sie nicht die Bereitschaft haben, gedankenneutral an eine Sache heranzugehen, dann sind Sie von Ihrer Vorgabe schon so gefesselt, daß Sie nur noch sehen, was Sie sehen wollen.“
FR-Portrait Michael Ballack, Diener der Mannschaft
SZ: Posieren auf dem Pausenhof – die DFB-Elf spielt mit ihren Muskeln und läßt es auch verbal ziemlich krachen
SZ-Interview mit Theo Zwanziger über den Bundestrainerposten
NZZ-Portrait Oliver Neuville
FR-Interview mit Philipp Lahm
SZ-Interview mit Cesar Luis Menotti über Jürgen Klinsmann, die deutsche Elf und die WM
NZZ-Portrait Oliver Kahn
FAZ-Portrait José Pekermann, kein Verlegenheitstrainer
Donnerstag, 29. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Rezension: „Korruption im Sport – Mafiose Dribblings, organisiertes Schweigen“ (1)
Der Sammelband „Korruption im Sport – Mafiose Dribblings, organisiertes Schweigen“ schließt eine Marktlücke. Eine derartige Kooperation von 24 Journalisten, Wissenschaftlern, Juristen und Sportfunktionären aus neun Ländern, sucht auf der Welt seinesgleichen. Ein Schwerpunkt, die Milliardenbranche Fußball, wird im WM-Jahr in elf von vierundzwanzig Kapiteln behandelt. Die Autoren, unter ihnen Hans Leyendecker und Thomas Kistner (beide SZ), Anno Hecker und Michael Reinsch (beide FAZ), Andrew Jennings und Jens Sejer Andersen, erkunden die Vetternrepublik Sport international und interdisziplinär: Journalistisch, ökonomisch, juristisch, sportartspezifisch, historisch, soziologisch, politisch und kulturell. Sie beschreiben Korruption als Teil des Sportsystems und untersuchen, was Sportorganisationen aus den vielen Bestechungsskandalen gelernt haben und wie wirksam jene Ethikregeln sind, die sich einige Verbände auferlegt haben. Das Handbuch zur Korruptionsbekämpfung im Sport umfaßt 320 Seiten, Herausgeber ist Jens Weinreich, Redakteur der Berliner Zeitung und Mitgründer des sportnetzwerks.
Sie können zum Gelingen dieses Projektes beitragen, indem Sie „Korruption im Sport“ bis zum 1. Juli zum attraktiven Subskriptionspreis (10,50 € plus Versand) bestellen und ein Abo für die Schriftenreihe buchen:
www.sportnetzwerk.org