indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 29. Juni 2006

WM 2006

Party schlägt Sachverstand

Podolski-Rufe und Holland-Schmähungen bei allen Spielen – Ralf Wiegand (SZ) stört sich am Hedonismus der Fans und fordert die Mannschaften auf, besser zu spielen: „Im Achtelfinale, so scheint es, hat die Abkopplung dieser Veranstaltung von ihrem eigentlichen Zweck einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Tatsache, dass viele Zuschauer den Spielen ja nicht aus freien Stücken folgen, sondern vom Ticketing-Computer irgendwohin gelost worden sind, schlägt nun durch. Waren die Vorrundenabläufe noch planbar für die Fans aller Herren Länder und die Stadien daher fast ausschließlich in der Hand der direkt beteiligten Anhänger, kondensiert in der K.o.-Runde nun die überhitzte Nachfrage an der kühlen Zufallsarithmetik der Kartenverteilung. Dieses emotional zum Teil ungebundene Tagespublikum macht eben, wenn schon keine Karten fürs deutsche Spiel zu haben waren, aus jedem anderen ein deutsches Spiel. Party schlägt Sachverstand. Über allen Arenen liegt nach wie vor eine rummelplatzhafte Aufgeregtheit – ein Einheitsbrei der guten Laune. Was dieser WM aber fehlt, ist das große Gefühl, die einmalige Emotion, der entsetzte Schrei, der aus dem Nichts kommt und die jähe Stille, die verfrühtem Jubel folgt. Was fehlt, ist die bedingungslose Abhängigkeit des eigenen Wohlbefindens vom Spielverlauf. Was fehlt, ist der Klassiker, der ein paar tausend Zuschauer über die drei Millionen anderen erheben würde: Die waren zwar alle zu Gast bei der Party-WM, aber nur ein Bruchteil hatte dieses eine Fußballspiel gesehen.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) stimmt zu: „Die Deutschen berauschen sich ein bisschen an ihrer unerwartet mitreißenden Elf und der neuen Rolle als Party-Weltmeister. Das schlug sich bei Spielen ohne deutsche Beteiligung zuletzt auch in gast-unfreundlichen Sprechchören nieder, die just dann angestimmt wurden, wenn bei den Kontrahenten auf dem Rasen gerade mal der Vorwärtsgang klemmte.“ Thorsten Jungholt (Welt) ergänzt: „Die Liebhaber des fußballerischen Raffinements blicken enttäuscht auf das Achtelfinale zurück. Die Ästhetik des Spielerischen stand hinter der Dominanz des Körperlichen zurück.“

Funke

Christian Eichler (FAZ) schildert den 3:1-Sieg Frankreichs gegen Spanien als einen Erfolg von Jung und Alt: „Acht Jahre sind eine lange Zeit. Im Fußball machen sie den Unterschied zwischen einem jungen Spieler und einem alten. Oder zwischen einem dünnen und einem dicken. Aber nicht zwischen einem guten und einem schlechten. Nicht bei Spielern wie Zinedine Zidane. Er war ein junger Spieler, als er im WM-Finale 1998 den großen Favoriten Brasilien schlug. Er wird ein alter Spieler sein, wenn er das abermals versucht. Aber er ist immer noch Zidane. Natürlich war er nicht mehr so schnell wie früher. Doch Einsatz, Beweglichkeit, Übersicht stimmten. Und dann war da wieder diese Gabe, die nur die ganz großen Spieler haben und behalten: in den großen Spielen etwas Großes zu tun. (…) Wie ein Urknall fürs Team war vor allem der Ausgleich des 23 Jahre alten Neulings Ribery. Wie er erst an der Abwehr und an Torwart Casillas vorbeistürmte und dann die Außenlinie entlang zur eigenen Bank, die Arme weit ausgestreckt, das hatte etwas Mitreißendes, wie es dem altbackenen Franzosen-Kick jahrelang gefehlt hatte. Daheim sprang der Funke über, Motto: Der alte König macht noch ein bißchen weiter, der neue zeigt schon sein Gesicht. Die dynamischste Jubelszene der WM illustrierte aber auch die Verwerfungen zwischen Team und Trainer. Ribery stürmte an Raymond Domenech vorbei, der sich mit Zidanes schmachvoller Auswechslung gegen Südkorea bei vielen die letzten Sympathien verspielt haben dürfte – das Team ließ den Trainer beim Jubeln links liegen.“

Ralf Itzel (BLZ) schreibt: „Die gesamte Equipe altert nun in Ehren. Sie besitzt nicht mehr die Jugend und Frische der Spanier, aber sie ist reif und weise genug, das zu erkennen und sich anzupassen. Wie jemand, der vor einem Berg steht und einsieht, dass er ihn nicht mehr hoch rennen kann, und das Ziel dann eben erreicht, in dem er außenrum läuft. Frankreich ist sich nicht mehr zu fein, zu reagieren statt zu agieren und auf Konter zu setzen.“

Jugend bedeutet gar nichts

Ronald Reng (BLZ) kann seiner Bewertung Spaniens, die er bereits vor dem Turnier mitgeteilt hat, treu bleiben: „Dieses Spanien hat nicht versagt, sondern eine ordentliche WM gespielt. Es hätte, an einem besseren Tag, es auch ins Viertelfinale schaffen können, aber dort gehört diese Elf hin: irgendwo zwischen die besten sechs und sechzehn. Nur wer sie vorher nie hatte spielen sehen, konnte nach dem 4:0 gegen die Ukraine darauf reinfallen, in ihnen einen Favoriten zu entdecken. Wer dagegen die zweijährige Lebenszeit des Teams unter Trainer Luis Aragones verfolgt hatte, wusste, jenes 4:0 war ein toller Tag, aber all die Schwächen der vergangenen zwei Jahre würden nicht über Nacht verschwunden sein. Die Schwierigkeit, mit Rückschlägen fertig zu werden, oder die Unterlegenheit gegen physisch starke Teams würden sich wieder melden. Frankreich, eine biedere, aber muskulöse Elf mit einer klaren Idee, was sie will und kann, wies Spanien in seine Kategorie ein. Es ist eine junge Mannschaft, das wird im Fußball immer als Wert an sich verklärt: jung sein. Jugend jedoch bedeutet gar nichts in diesem Spiel, schon gar nicht eine gesicherte Zukunft. (…) Für Schönheit gibt es keinen Preis, heißt es immer. Wirklich? Bei einer WM verlieren 31 Teams, und wenn nun bald England mit seinem grausigen Fußball ausscheidet, bleibt ihm nichts. Spanien aber hat die Erinnerung an schöne Tage in der Vorrunde, die Befriedigung, dass Spieler wie Cesc Fabregas und Fernando Torres die Phantasie des Publikums gefangen nahmen.“

Solidarität gestärkt

Peter Heß (FAZ) wünscht sich den Spaniern mehr Leid und Trübsal: „Die Spanier gingen mit ihrem Scheitern um, als hätten sie von Anfang an damit gerechnet. Ein paar Spieler ließen die Köpfe hängen, aber tiefere Verzweiflung drückte sich nicht in ihrer Körpersprache aus. Die Fans in den rot-gelben Landesfarben applaudierten sogar, als sich ein paar Profis vor ihren Tribünenblock begaben. Rechtsverteidiger Ramos zog daraufhin sein Trikot aus und schleuderte es auf die Tribüne. So friedlich vereint in der Niederlage sind nur Verlierer mit Erfahrung. (…) Die Hoffnungen [auf die Zukunft] werden sich aber nur erfüllen, wenn die Spanier eine größere Abneigung gegen Niederlagen entwickeln. Talent, Fleiß und Athletik reichen nicht mehr aus, um bei großen Turnieren in ein Finale zu kommen. Unbedingter Siegeswillen gehört dazu. Und diese Tugend war die einzige, die die Franzosen den Spanier voraushatten.“ Georg Bucher (NZZ) ergründet die spanische Gelassenheit nach der Niederlage: „In vielen Belangen und über weite Strecken dominierten die Franzosen. Spanien wurde aus luftigen Höhen auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dass die Landung weniger schmerzt als seinerzeit in Asien, liegt wohl auch an den positiven Nebenwirkungen des WM-Turniers auf die spanische Gesellschaft. Politische Kommentatoren betonen, in Zeiten, da die Gliedstaaten ihre eigene Identität hervorkehrten und vom allmählichen Zerfall der Nation die Rede sei, habe das Auswahlteam die Spanier wieder näher zusammengerückt, Gemeinschaftsgefühle geweckt und Solidarität gestärkt.“

Prozentfußball

Weitere Kommentare über Brasiliens Sachlichkeit: Javier Cáceres (SZ) warnt: „Möge sich niemand täuschen: Auch dieses Brasilien – vielleicht sogar: gerade dieses Brasilien – ist trotz aller Kritik weiterhin der erste Kandidat auf den Titel. Das Programm der Mannschaft heißt ‚Effizienz.exe‘, die Phantasie muss erst noch gebootet werden. Das Problem mit den auseinanderklaffenden Parametern Anspruch und Wirklichkeit liegt ja darin begründet, dass alle Welt weiß, dass sie es besser können. Brasilien in den Händen von Parreira aber ist, als würde man das aus Brasilien stammende Topmodel Giselle Bündchen mit einem Ganzkörperschleier über den Laufsteg schicken. Man würde alles ahnen können, aber nichts sehen.“ Thomas Klemm (FAZ) fügt an: „Daß die Fußballwelt von den eifrigsten Titelsammlern etwas mehr erwartet, als mit Prozentfußball zum sechsten WM-Erfolg zu kommen, das läßt Trainer Parreira kalt. Sogar die Pfiffe des Publikums gegen seine Spieler, die sich bei dieser WM weiterhin weigern, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, mochte der Weltmeistertrainer von 1994 nicht als Verdruß deuten. Der Slogan ‚jogo bonito‘, mit dem der zuständige Sportartikelausrüster den brasilianischen Ballzauber preist, entpuppt sich zunehmend als Werbegag. Sein Spielchen, mit minimalem Aufwand zum maximalen Ertrag zu kommen, trieb der Titelverteidiger im Achtelfinale auf die Spitze. Ganz und gar auf die eigenen Geistesblitze vertrauend, überließen die Brasilianer den eifrigen Ghanaern den aktiven Part, gerieten dabei in der Defensive gehörig ins Straucheln, waren dem Gegner aber an Abgeklärtheit ein gutes Stück voraus.“

Warten auf den Paukenschlag

Eine Empfehlung von Roland Zorn (FAZ) für Ghana, Togo und Angola: „Ein besseres Torschußtraining, eine sauberere Spielweise brächte so manches afrikanische Team um den entscheidenden Schritt hin zur internationalen Spitzenklasse voran. Das intensiv zu üben ist lohnenswert, da sich bei der nächsten WM in Südafrika auch endlich das große Schaufenster für den afrikanischen Fußball öffnen soll. An Mannschaften mit Qualität fehlt es nicht – zu den etablierten, aber in Deutschland nicht vertretenen Nationen Kamerun, Nigeria und Senegal sind bei dieser WM Ghana und die Elfenbeinküste gekommen –, wohl aber an der Fähigkeit, entscheidende Momente auszunutzen. Afrika hat auch in Deutschland für seinen Fußball getrommelt, auf den großen Paukenschlag muß es weiter warten.“

BLZ: Wie reagiert der Italiener Fabio Cannavaro auf den mutmaßlichen Selbstmordversuch Gianluca Pessottos, eines Offiziellen Juventus Turins und seines ehemaligen Mitspielers

FR: Owen Hargreaves` Wandlung vom Prügelknaben zum Schlüsselspieler

Deutsche Elf

Kritiker blamiert (1)

Jürgen Klinsmann hat durch seinen Fleiß, seine Strategie, den Erfolg an dieser WM, kurz: seine glänzende Arbeit seine Kritiker blamiert. Besser: nicht seine Kritiker, sondern die, die gegen ihn noch vor wenigen Wochen eine Kampagne geführt haben. Natürlich haben sie das längst gemerkt, und sie haben fünf verschiedene Weisen entwickelt, damit umzugehen.

Erstens: Schweigen, Warten und Abtun, wie zum Beispiel Franz Beckenbauer, der kurz davor schien, Klinsmann zu stürzen. Ihn sehen wir auf allen Kanälen und staunen, daß er es schafft, Extrem-Groundhopping und Eheschließung in Einklang zu bringen. Essentielles über den Fußball, den Klinsmann spielen läßt, haben wir von ihm aber noch nicht gehört. Auch die Bundesliga hält sich sehr zurück, von Rudi Assauer, der wohl die größte Abneigung aller Klinsmann-Gegner hegt, haben wir lange nichts gehört – was man nicht nur mit seinem zwischenzeitlichen Absturz in Schalke erklären kann. Und einige Landesfürsten des DFB murmeln Undefinierbares vor sich hin.

Zweitens: Bestreiten, wie etwa Karl-Heinz Rummenigge. Die Bayern sind nie ein Gegenpol gewesen, haben Klinsmann gegenüber einen Wechselkurs gehalten, sind aber stets darum bemüht, Wortführer und Machthalter zu sein. Daß Michael Ballack unter Klinsmann „die Autorität des deutschen Spiels“ (SZ) geworden sei, sollte Rummenigge, Hoeneß und Magath drei mal kräftig schlucken lassen, haben sie ihm doch nachgerufen, ihm mangele es an Führungsqualität.

Heuchelei oder Starrsin?

Drittens (verwandt mit zweitens): Sich nicht mehr daran erinnern, was juckt mich mein Gezeter von gestern?! Dafür steht die Bild-Zeitung. Nach dem 1:4 in Italien am 1. März hat sie Klinsmann, den sie noch nie akzeptiert hat, respektlos verhöhnt und mit Hilfe von Effenberg und Co einen Nachfolger gesucht. Seit Beginn der WM-Euphorie ist sie umgeschlagen und zählt jeden an, der nicht in „schwarz-rot-geiler“ Bettwäsche schläft, etwa den WDR-Reporter Manfred Breuckmann, weil er es wagt, die WM mit kritischer Distanz zu verfolgen. Übrigens, Breuckmann hat zu einer Zeit, als Bild Klinsmann zum Mond schießen wollte, ihn öffentlich sehr gelobt. Aus der SZ erfahren wir, daß Klinsmann Matthias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, in einem persönlichen Gespräch vor der WM auf das gemeinsame Ziel WM eingeschworen haben soll.

Viertens: Hart am Kurs festhalten und behaupten, das sei ein Beweis für Rückgrat, wie Peter Neururer, der sich nicht damit abfinden kann, daß der DFB einen Einsteiger als Trainer engagiert hat; in einem Interview mit der FAZ schlägt er in dieser Woche den gleichen aggressiven Ton an wie zuvor. Oder die Sport Bild, die gerade versuchen muß, die Kurve zu kriegen. Vor einer Woche noch (also vor dem Ecuador-Spiel) hat sich der Chefredakteur darüber beklagt, daß die derzeitige Stimmung Kritiker an Klinsmann als Miesmacher stempele (was nicht stimmt), übrigens bevor er ein Loblied auf Franz Beckenbauer angestimmt hat. Rudi Gutendorf hat die Redaktion ein paar Brocken entlockt: „Bei dieser Abwehr wird mir kotzübel.“ Auch einige DFB-Offizielle sind mißmutig zitiert worden; die amerikanischen Konditionstrainer hat die Redaktion belächelt. In dieser Woche hat die Sport Bild keinen Rentner mehr gefunden, der sich über Klinsmann ausläßt. Nun lobt man ihn für sein „Leistungsprinzip“, nämlich für seine Äußerung, daß ein Ausscheiden im Viertelfinale eine „Katastrophe“ sei. Als wäre das ein Kurswechsel Klinsmanns! Das sind wohl die Vorboten von Krokodilstränen. Vor sechs Wochen hat man ihn noch dafür gerügt, daß er sich nicht auf eine Vertragsverlängerung nach der WM festlegen wolle. Ein perfides Argument, um am Stuhl des Trainers zu sägen. Außerdem tut Sport Bild die Euphorie für die „Klinsmannschaft“ als „Bierlaune“ ab. Doch: Es gibt auch Anerkennung für Klinsmann, die nicht dem Alkohol geschuldet ist. Und: Nicht alle haben sich vom Genörgel der letzten Monate anstecken lassen. Nicht alle, die jetzt jubeln, müssen zurückgerudert sein! (Was ist abstoßender: drittens oder viertens, Heuchelei oder Starrsinn?)

Fünftens: Sich entschuldigen. Uns ist nur einer bekannt: Franz-Josef Wagner, der Irre der Bild-Zeitung. Halt, es gibt noch einen sechsten Weg, Kindsköpfigkeit: Sport-Bild-Kolumnist Lothar Matthäus empfiehlt seinem Lieblingsfeind Klinsmann abwechselnd dies und das. Mal den Libero Nowotny, dann, nachdem man ohne den Libero Nowotny glänzend gesiegt hat, wie in dieser Woche, den Verzicht auf Manndeckung – als hätte das irgendjemand vorgehabt. Vermutlich würde er sich nach einem Sieg gegen Argentinien auf die Schulter klopfen: Hab ichs nicht gesagt?!

Der DFB muss sich zur neuen Spielweise bekennen

Mit dem Interview, das Klinsmann heute der Zeit gibt, wird er die Zahl seine Freunde nicht erhöhen. Große Töne meiden wollend, hält er der Bundesliga sehr deutlich vor, wo es hapert: „Unser Wunsch war von Anfang an, dass unser System für die Nationalelf auch auf alle übrigen Auswahlmannschaften des DFB übertragen wird. Und: dass auch die Bundesligaklubs diese Spielweise übernehmen. Der Anfang ist gemacht: Jeder sieht bei dieser WM, dass deutsche Spieler ein hohes Tempo spielen können, über 90 Minuten und notfalls auch darüber hinaus. Dass sie schnellen Fußball praktizieren können, mit nur ein oder zwei Ballkontakten. Jeder weiß jetzt: Das alles können deutsche Fußballer! Wenn sie richtig geführt werden und richtig trainieren. Bis kurz vor der WM hat man doch eine ganze Generation deutscher Fußballer für unfähig erklärt. Die ganzen letzten Jahre hieß es: ‚Wir haben die Spieler nicht, um so einen Fußball zu spielen, von dem ihr da redet.‘ Aber wir haben jetzt die Antwort gegeben: ‚Wir haben diese Spieler doch. Man muss ihnen nur die Möglichkeit geben, sich zu entfalten.‘ Wenn man Spieler auf die Bank setzt in den Klubs oder ihre Stärken nicht richtig fördert, muss man sich nicht wundern.“

Die Frage, ob die WM auch ein persönlicher Triumphzug für ihn sei, antwortet er: „Ich meine es konstruktiv: Dass Spieler wie Schweinsteiger und Metzelder so auftreten, wie sie auftreten, das hat auch mit unserer Arbeit zu tun. Das hilft ihnen – und kann auch den Vereinen helfen. Ich stecke nicht drin im Tagesgeschäft des FC Bayern. Ich kann nur sagen, dass wir uns sehr, sehr viel Mühe geben, mit jedem Einzelnen zu sprechen, auf jeden Einzelnen sehr individuell einzugehen. Aber wir sind dabei nicht immer nur nett, das nicht! Aber wir reden mit ihnen. Die Spieler spüren, dass wir es mit jedem von ihnen als Person ernst und gut meinen. Diese junge Generation, auch Bastian Schweinsteiger, braucht Kommunikation, ehrliche Kommunikation.“ Das Schweigen des deutschen Establishments und der Bundesliga kommentiert Klinsmann: „Es gäbe einiges zu sagen, das hat aber gar nicht so viel mit unserer Arbeit zu tun, sondern mit der Entwicklung des internationalen Fußballs der vergangenen Jahre. Zum Beispiel, dass die Champions League das Maß aller Dinge im internationalen Vereinsfußball ist – und nicht die Tabellenspitze der Bundesliga. In der Champions League sieht man, dass es unerlässlich ist, sein Team als kompakte Einheit zu definieren, in der sich alle Mannschaftsteile gemeinsam verschieben müssen, vorn, hinten, links, rechts, alle zusammen! Viel Arbeit.“ Das Schweigen der Gurus von Beckenbauer bis Netzer zeige, „wie zerbrechlich die ganze Sache ist. Obwohl jeder sieht, dass das, was wir tun, was José Mourinho bei Chelsea tut, Frank Rijkaard in Barcelona, Arsène Wenger bei Arsenal, dass das für das Fortkommen des deutschen Fußballs alternativlos ist – richtiger wäre zu sagen: für das Aufholen des deutschen Fußballs alternativlos ist. Alle wissen das. Und trotzdem sage ich Ihnen, wenn wir rausfliegen würden gegen Argentinien, ginge die Diskussion wieder los: Wäre es nicht besser gewesen, abzuwarten? Erst mal hinten dichtzumachen? Auf Konter zu lauern? Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir weiterkommen, noch weiter, bis zum Endspiel. Vor allem, damit dieser Prozess das einzig entscheidende Gütesiegel bekommt: den Erfolg. Und wir werden ihm dieses Gütesiegel verpassen.“

Doch er nennt Ausnahmen, darunter aber nicht den FC Bayern: „Thomas Doll macht es vor, wie es gehen kann, er interessiert sich und arbeitet in Hamburg ähnlich wie wir. Auch dass Jürgen Klopp sich mit seinem doch offensichtlich begrenzten Kader in der Liga halten kann, hat viel mit seiner Spiel- und Trainingsphilosophie zu tun, die unserer sehr ähnelt. Und auch einige andere Bundesligatrainer gehen neue, verheißungsvolle Wege. Aber klar ist: Wenn wir international den Anschluss nicht auf Jahre verpassen wollen, muss ein gewaltiger Ruck durch Fußballdeutschland gehen. Vor allem der Deutsche Fußball-Bund muss sich bekennen. Er muss sich erklären: Steht er für diese Spielphilosophie? Oder steht er nicht dafür?“

Triebfeder

Michael Horeni (FAZ) kommentiert die Aussagen Klinsmanns: „Klinsmann kämpft für seine Vorstellungen von selbstverantwortlichen Spielern, Teamgeist, Eigenmotivation und konsequentem Leistungsdenken. Er tat das jahrelang auch als Kapitän der Nationalmannschaft. Der EM-Titel 1996 war ein Anfang, aber mit dem jämmerlichen Ausscheiden zwei Jahren später versanken auch die Ideen Klinsmanns. Danach bestimmte wieder das ‚System Matthäus‘, diese unheilvolle Mischung aus Populismus und Boulevardmacht, den deutschen Fußball. Am Ende aber über das Fußball-Establishment mit seinen Vorstellungen zu siegen, dies war wohl nicht zuletzt eine Triebfeder von Klinsmann für den Bundestrainerjob. Das Gefühl, daß er in Deutschland noch was zu erledigen habe, ist in diesen Tagen so stark wie lange nicht. Das Schweigen der Liga wundert ihn nicht. Das Establishment freut sich zwar über die gute Stimmung und die guten Leistungen, aber von einem Systemwechsel zum temporeichen Offensivspiel spricht bisher nur Theo Zwanziger – kein Beckenbauer, kein Netzer und auch kein Hoeneß.“

Michael Ashelm (FAZ) sammelt die Reaktionen auf Klinsmanns Worte und Taten: „Als sich diese Woche einige Verbandsfunktionäre, Manager und Trainer aus der Bundesliga in dieser Zeitung äußerten zum sportlichen Erfolg der Nationalmannschaft, waren eher zurückhaltende Töne zu hören. Die Nationalmannschaft profitiere schließlich von der Arbeit der Klubs, außerdem sei doch noch kein durchschlagender Erfolg erzielt worden, hieß es. Im Umfeld von Klinsmann war daraufhin Enttäuschung zu spüren. ‚Haben die denn keinen Stolz? Wollen die uns jetzt nicht motivieren?‘ Der Bundestrainer selbst wird nicht überrascht gewesen sein von den Urteilen der Liga. Deren Fachleute hatten ihn schon in den vielen Monaten zuvor ins Kreuzfeuer der Kritik genommen wegen seiner Arbeit und Arbeitsweise. Klinsmann hat nie versucht, diese Kritiker zu überzeugen, sondern wie ein Politiker im Wahlkampf darauf gesetzt, vor allem den unentschlossenen Wähler für sich zu gewinnen. In seinem Fall die Masse der Fußballfans. Ein Phänomen dieser WM ist bezogen auf Fußball-Deutschland, daß die Straße ihrer Mannschaft zujubelt, während die verunsicherten Experten nicht wissen, was sie vom Erfolg zu halten haben und wie sie reagieren sollen.“

In seinem Denken sehr weit voraus

Aus Christoph Metzelder, der heute der FAZ ein sehr langes Interview gibt, spricht die höchste Anerkennung für Klinsmann: „Wir sind optimal vorbereitet worden, nicht nur körperlich. Auch in vielen Bereichen, die auf den ersten Blick mit dem Kerngeschäft Fußball nichts zu tun haben. Die Mannschaft wurde mit Dingen konfrontiert, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen, das beginnt jetzt zu greifen. Wir haben außerdem Spieler in unserer Mannschaft, die schon viel erreicht und erlebt haben und das Team führen. Es hat sich bei uns aus dieser Mischung ein Gefühl entwickelt, das man mit Worten nicht erklären kann. Es ist ein Gefühl, wie wir es auch einmal in unserem Dortmunder Meisterjahr hatten, als wir acht Spiele nacheinander gewannen, und das man auch nicht mit Daten belegen kann. Aber wenn man auf den Platz geht, dann weiß man, was es ist: Das Gefühl, daß man ein Spiel nicht verlieren kann – das ist eine unglaubliche Ausstrahlung, die eine Mannschaft in solchen Momenten gegenüber ihrem Gegner hat. Im Moment glauben wir, daß wir Bäume ausreißen können, ohne daß es dafür fundamentale Gründe gibt.“

„Wenn ich den persönlichen Ehrgeiz habe, als einzelner Spieler in die Weltspitze vorzudringen, dann muß ich realisieren, daß das normale Mannschaftstraining nicht reicht. Ich muß alles ausschöpfen, was zur Verfügung steht, um meine Leistung zu steigern. An dieser Entwicklung hat Jürgen Klinsmann einen entscheidenden Anteil. Er war der Mannschaft in seinem Denken, in seiner Ansprache und in seinem Optimismus immer sehr weit voraus. Er hat uns von Dingen erzählt, die wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht glauben und begreifen konnten. Er hat dafür sehr viel Kritik geerntet, auch in den Medien. Aber er hat uns optimal auf dieses Turnier vorbereitet. Heute profitieren wir alle davon. Die Mannschaft ist bereit, neue Methoden aufzunehmen, über die man am Anfang vielleicht gelächelt hat.“

Ich habe schon vor zwei Jahren bewundert

„Klinsmann ist im deutschen Fußball ein Reformer. Und die Situation, die wir jetzt hier erleben, beschreibt treffend die Situation in allen Bereichen unseres Landes: Wir schreien alle nach Reformen – aber Reformer wollen wir nicht haben. Ich bin ja selbst relativ spät wegen meiner Verletzung zur Nationalmannschaft gekommen. Aber ich habe schon vor zwei Jahren bewundert, wie er den Job mit dem klaren Ziel, Weltmeister zu werden, angegangen ist. Das hat es in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht gegeben. Es gibt in unserem Land seit einiger Zeit eine Kultur, uns schwächer zu sehen, als wir sind. Wenn man aber bei so einem Ereignis mit diesem Druck und dieser Erwartung bestehen will, dann muß man eine Mannschaft zwei Jahre lang auf dieses Ziel vorbereiten und einschwören. Jürgen Klinsmann hat selbst nach Spielen wie beim 1:4 gegen Italien immer nur an den Turnierstart gedacht und sich nicht beirren lassen. Klinsmann hat mir aber auch in Phasen, wo ich nicht gespielt habe, gesundheitliche Probleme hatte und im Verein viele Dinge gegen mich liefen, ein fast unglaubliches Vertrauen geschenkt. Er hat immer gesagt: ‚Du mußt nur gesund werden, nicht mehr. Fit machen wir dich schon.‘ Wenn es jemand gibt, der an dich glaubt, selbst wenn du am Boden liegst, kann man es schaffen. Das ist unglaublich wichtig. So jemanden wie Klinsmann zu haben, der vordenkt und sich nicht beirren läßt, den haben wir für dieses Ereignis gebraucht.“

Mit einer Umsetzung der Klinsmann-Methoden in der Bundesliga rechnet Metzelder nur bedingt: „Ich halte es für sehr schwierig, einzelne Elemente aus der Nationalmannschaft direkt auf die Bundesliga zu übertragen und umzusetzen. Ich bin aber überzeugt, daß sich manche Dinge trotzdem nicht mehr aufhalten lassen. Die individuelle Arbeit im Fitness-Bereich wird einfach kommen. Da kann sich keiner mehr davor verschließen.“

Verwegen

Jorge Valdano (SZ), Sportdirektor Real Madrids, Torschütze im WM-Finale 1986 und eleganter Buchautor, preist Klinsmann: „Ich habe vor ein paar Wochen einen Artikel von Franz Beckenbauer gelesen, in dem er behauptet, Deutschland brauche mindestens 20 Jahre, um zu lernen, ohne einen Libero – eine überholte Figur – spielen zu können. Klinsmann hat bewiesen, dass es eben entweder diese 20 Lehrjahre braucht, um verwegene Wechsel zu wagen oder einfach einen mutigen verwegenen Trainer, einen wie ihn. Er weiß den Spielern einen Sinn von Freude und Abenteuer zu vermitteln. Beides strahlt diese deutsche Mannschaft auch aus. Das Deutschland der neuen Ideen – die Idee ist Klinsmann. Jeder scheint zudem auf Klinsmanns Art und sein jugendliches Aussehen einen neuen Habitus zu projizieren. Wir haben hier schließlich auch die WM des Konsums. Aber was er wagt und erreicht, schafft er nicht wegen seiner Ausstrahlung, sondern meiner Meinung nach ausschließlich mit Hilfe seiner Ideen. Um so höher schätze ich seine Courage ein: Klinsmann arbeitet nicht mit dem Konsum, sondern mit dem Kopf.“

Zeit: Spekulationen über Klinsmann und das Traineramt in den USA – „Jürgen Klinsmann war schon immer zu amerikanisch für Deutschland. Nur eine Niederlage, Klinsi, dann ruft Amerika!“

Nebenbei, wenn Klinsmann Trainer von den USA werden sollte – zieht er dann nach Deutschland?

Schwarz-Weiss-Berichterstattung

Felix Reidhaar (NZZ) warnt vor vorläufigen Erkenntnissen der WM: „Fussballerische Schönheit lieferte der World Cup 2006 bisher keine. Man ist, ohne dies schon abschliessend festhalten zu wollen, erinnert an das spielerisch enttäuschende Turnier 1990 in Italien. Vielleicht trägt man mit diesem Fazit der Mannschaft aus dem Gastgeberland, ihrem kurzzeitigen Kurssprung und dem landesweiten Goodwill unzureichend Rechnung. Aber auch hier sind Vorbehalte nicht der schlechteste Rat, zumal viele überschwängliche Reaktionen auch in den sogenannt seriösen Medien mehr auf Schwärmerei und Wunschdenken zu beruhen scheinen und – kein Wunder in Zeiten der Schwarz-Weiss-Berichterstattung – augenfällig mit verbalen Holzhammermethoden aus naher Vergangenheit kontrastieren. Was von Klinsmann tatsächlich zu lernen ist, dafür reicht die Bilanz einer zwanzigminütigen Sturm-und-Drang-Periode gegen übertölpelte Schweden nun doch noch nicht ganz aus.“

BLZ: Der Trainerstab der deutschen Nationalmannschaft sucht nach Schwächen bei den Argentiniern

taz-Interview mit Joachim Löw über seine Zukunft, Jürgen Klinsmanns Arbeit und die Aussagen Peter Neururers

BLZ-Portrait Torsten Frings

Dorfheilige

Paul Ingendaay (FAZ) beschreibt Argentiniens Elf als Sammlung gebrochener Fußballbiographien: „Mustert man die argentinische Mannschaft, besteht sie großenteils aus Rohdiamanten, Stars im Halbschatten oder Leuten, die in ihren (meist spanischen) Klubs wie Dorfheilige oder Feuerwehrmänner oder beides wirken. Riquelme scheiterte in Barcelona und leuchtet seitdem in der spanischen Provinz, beim kleinen FC Villarreal. Saviola scheiterte ebenfalls beim FC Barcelona und bereichert jetzt den FC Sevilla. Cambiasso scheiterte bei Real Madrid und verstärkt das Mittelfeld von Inter Mailand. Aimar soll beim FC Valencia ausgemustert werden, weiß aber noch nicht, wohin die nächste Reise geht. Komplizierte Fälle, diese Argentinier, als müßten sie allesamt beweisen, daß ihre Heimat zu Recht die höchste Dichte an Psychoanalytikern in der südlichen Hemisphäre aufweist. Während Brasilien überall als Favorit gehandelt wurde, weil es die weltweit sichtbaren Bannerträger Ronaldinho, Kaka und Ronaldo hat, schwebte über den Männern mit den himmelblauen Streifen auf der Brust die große Frage, wie sie als Team unter Turnierbedingungen funktionieren würden. Schon jetzt kann Trainer Jose Pekerman als einer der wenigen Betreuer neben Klinsmann von sich behaupten, ein Konzept zu haben. Er vertraut der Jugend, aber er verschleißt sie nicht. Und er hat die Fähigkeit, den Weg seiner Spieler über Jahre hinweg aufmerksam zu verfolgen, wo immer sie auch spielen.“

Mittwoch, 28. Juni 2006

Am Grünen Tisch

Diese WM ist dank Blatter gründlich verpfiffen

In einem Interview mit der Berliner Zeitung wird der ehemalige Kult-Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder nach den Leistungen der Schiedsrichter an der WM gefragt. Tenor: Fifa-Präsident Joseph Blatter trage die Schuld an den vielen Fehlern. Die vielen Gelben und Roten Karten beim Spiel zwischen Portugal und Holland schreibt Ahlenfelder der Fifa zu: „Dem Schiedsrichter Iwanow gebe ich nicht die Schuld. Der war letztlich eine arme Sau. Weil er nur getan hat, was ihm und seinen Kollegen der Herr Fifa-Präsident Joseph Blatter aufgetragen hat. Der hat an alle WM-Schiedsrichter den Oberbefehl erlassen, für jeden Wimpernschlag die Gelbe Karte zu zeigen. Ohne Wenn und Aber. Damit hat er alle Schiedsrichter total verrückt gemacht. Indem sie früh Gelb zeigen, bringen sie sich selbst ungeheuer unter Druck. Diese WM ist gründlich verpfiffen, und daran trägt vor allem der Herr Blatter die Schuld.“ Auf die Frage, wie er auf Blatters Vorgabe, härter durchzugreifen, reagiert hätte, antwortet Ahlenfelder: „Ich hätte genauso gepfiffen, wie ich immer gepfiffen habe. Nämlich so reell und gewissenhaft wie möglich. Ich hätte dem Blatter was gehustet.“ Auch andere Schiedsrichterfehler nennt er beim Namen, den Engländer Graham Poll nimmt er wegen seiner drei Gelben Karten für Josip Simunic nicht in Schutz: „Das Allerschönste daran war, dass sich der Herr Urs Meier, der ZDF-Schiedsrichter, hinterher noch hinstellt und erzählt, dass das tiptop gewesen sei. Die Schiedsrichter pfeifen teilweise so einen Kokolores zusammen, und diesen Stuss verteidigt der Herr Meier durch die Bank. Der hatte doch im WM-Halbfinale 2002 Michael Ballack fürs Finale gesperrt. Über so ein Foul sehe ich hinweg.“ Die Ursache des falschen Elfmeterpfiffs Markus Merks für Ghana verortet Ahlenfelder ebenfalls bei Blatter: „Es tut mir weh, über Merk, den ich sehr schätze, sagen zu müssen: Lieber Markus, da hast du falsch gelegen. Auch als er die Engländer pfiff, sah er nicht gut aus: Von Frank Lampard umgerannt zu werden, um eine Minute später von ihm auch noch angeschossen zu werden, zeugt von miserablem Stellungsspiel. Dies ist nicht Merks WM. Blatter hat alle verrückt gemacht! Seit der WM 2002, also seit seiner Ära, fallen mir äußerst mysteriöse Schieds- und Linienrichter-Entscheidungen auf.“

FAZ-Interview mit Heribert Fandel über Schiedsrichterfehler

taz: WM auf Phoenix

WM 2006

Im Bau

Gunter Gebauer (BLZ) zieht die Experten wegen ihrer Voraussage über das Achtelfinale auf: „Von den Experten ist uns versprochen worden, dass mit den K.o.-Runden der spannende, schöne Teil der WM beginnen würde. Der Austragungsmodus verlange von den Mannschaften ein couragiertes Auftreten, um die nächste Runde erreichen zu können. Das hat sich bestätigt. Die meisten Teams beweisen einen Mut, den man ihnen nicht zugetraut hätte: Italien und England den Mut zu einem total öden Spiel, Portugal und Holland den Mut zum hemmungslosen Erfolg, die Ukraine und die Schweiz den Mut, das Spiel völlig lahm zu legen. Dass ausgerechnet dieses Spiel verlängert worden ist, kann man nur als Strafe für die Zuschauer ansehen. Die Spieler beider Mannschaften hatten eine so große Angst vor dem K.o., dass man meinen kann, sie würden in einem Erdloch des Müngersdorfer Stadions verschwinden. Unter der Grasnarbe der Arena schien sich ein verzweigter Kaninchenbau zu befinden, in dem sich weit mehr ereignete als auf der Oberfläche. Es gibt eine Erzählung von Kafka, ‚Der Bau‘, in der ein ängstliches Wesen geschildert wird, das in einer halb tierischen, halb menschlichen Existenz in einem unterirdischen Tunnelsystem lebt. Wenn man sich beim Betrachten der Aktionen beider Mannschaften vorstellt, das meiste geschehe nicht auf dem Feld, sondern in einem solchen Bau, wird das Spiel wieder interessant.“

Selbstentleibung

Christoph Biermann (SZ) attestiert den Ghanaern beim 0:3 gegen Brasilien Leichtfertigkeit: „Die Zuneigung des Publikums war der Trostpreis, doch wenn die Afrikaner sich einmal in Ruhe mit ihrer Chance aufs Viertelfinale beschäftigen, werden sie vielleicht eher deprimiert als stolz auf das Spiel zurückschauen. Gegen Brasiliens Nationalfußballkünstler verpassten sie nämlich eine große Chance. Man kann es zwar für einen Fall besonderer Tapferkeit halten oder für strategische Naivität, aber Ghana vollführte einen kompletten Rollentausch. Es war nämlich nicht etwa der große (wenn auch inzwischen nicht mehr ganz so große) Favorit auf den Gewinn der Weltmeisterschaft der das Spiel machte. Wie ein Rudel satter Raubkatzen schlichen die Brasilianer über den Platz, während die Afrikaner eifrig das Spiel machten. Schon früh attackierten die Ghanaer den Titelverteidiger, schoben ihre Abwehrreihe bemerkenswert weit nach vorne und stellten eine Abseitsfalle. Nun kann eine Abseitsfalle kein Eigentor sein, die gleiche Wirkung hatte dieses Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen soll, aber doch. Wie die Lemminge stürzten die Verteidiger nach vorne, es war das fußballerische Äquivalent zur Selbstentleibung, denn alle brasilianischen Chancen ergaben sich, weil die Abseitsfalle nicht zuschnappte.“

Fahrkartenschützen

Die Schweiz muß nach ihrem Ausscheiden gegen die Ukraine heute viel Kritik und Hohn in deutschen Zeitungen lesen. Roland Zorn (FAZ) mokiert sich über ihre Elfmeterversuche: „Zwei ihrer drei mißlungenen Strafstoßversuche wirkten, als ob sie einer Monty-Python-Show entlehnt wären: grotesk, slapstickhaft, komisch. So wie Streller, der vor lauter Angst kaum zum Elfmeter anlaufen konnte, und Cabanas Torhüter Schowkowski den Ball zuspielten, so erproben elfjährige Kinder ihre Fertigkeiten am Ball, wenn Papa ins Tor geht. Zum Schießen! (…) Das Elfmeterschießen wurde wie ein letzter Verwaltungsakt eines langen Tages begriffen und endete, weil nicht in der Balance zu halten, im Desaster. Wie ein Profi ein Elfmetergeschenk des Schiedsrichters als elementare Chance begreifen muß, demonstrierte Francesco Totti. Ihm öffnete sich im allerletzten Moment der Partie gegen Australien das Tor zum Viertelfinale – und er schritt frei von Skrupeln und Ängsten hindurch. Die Schweizer Fahrkartenschützen hätten fünf Tottis gebraucht – und hatten nicht mal einen. Was hätte dazu Wilhelm Tell gesagt?“

Schablonenfußball

Wolfgang Hettfleisch (FR) wendet sich ab: „Die Schweizer haben bei der WM langweiligen und uninspirierten Beamtenfußball geboten. Sie standen stets perfekt organisiert, ließen wenige Chancen des Gegners zu, offenbarten aber in drei der vier Spielen (Ausnahme: Südkorea) spielerische Armut. Die Spieler sahen das freilich anders, sie wurden geradezu fuchsig, wenn sie mit dem erbärmlichen Spielniveau konfrontiert wurden. Marco Streller schoss den Vogel ab: Der Stürmer monierte das Verhalten des Kölner Publikums, das die Langeweile singend bekämpft hatte. ‚Es ist unheimlich schwer, wenn man auf dem Feld versucht, ein WM-Spiel zu absolvieren, und die Zuschauer singen ganz unbeteiligt ‚Lukas Podolski‘ oder ‚Ohne Holland fahren wir nach Berlin‘.‘ Nachtreten nach einem Grottenkick – die allseits als ach so sympathisch gepriesenen Schweizer Spieler entpuppten sich als schlechte Verlierer.“ Auch Christoph Biermann (SZ) läßt Strellers Beschwerde ins Leere laufen: „Angesichts der bedingungslosen Treue der Kölner zu ihrem Fußballklub hatte sich bei Streller wohl der Irrglaube eingeschlichen, dass die Kölner allen zujubeln, die hinter einem Ball herlaufen – und seien sie Mittelstürmer aus der Schweiz, deren Beiträge zum Spiel vor allem Stürmerfouls sind.“

Jens Weinreich (BLZ) fügt an: „Es war ein grässliches Achtelfinale von zwei Teams, die dummerweise einen ähnlichen Stil pflegen. Beide überlassen den Gegnern gern die Initiative und setzen vorzugsweise auf Konter. In Köln haben sie sich neutralisiert.“ Bernd Müllender (taz) erkennt eine Schweizer Kluft zwischen Wort und Tat: „Im Rückblick war der Turnierauftritt der Schweiz deutlich enttäuschender, als er vielfach kommentiert wurde. Nie haben sie zu ihrem avisierten schnellen Kurzpassspiel gefunden. Sie propagierten die Moderne und zeigten nur biederen Schablonenfußball. Und so reicht es nur für einen Eintrag in das Geschichtsbuch: Die Schweiz ist gegentorlos ausgeschieden, das haben in der WM-Historie nicht einmal italienische Destruktiv-Akrobaten geschafft.“ Biermann (SZ) allerdings gibt zu bedenken: „Das Ausscheiden im Achtelfinale ist für die Schweiz nur eine Zwischenstation und kein Endpunkt. Es wird keine großen Umbrüche geben, denn die Mannschaft ist sehr jung, und selbst die erfahreneren Spieler werden bei der EM 2008 noch dabei sein. Dazu könnten noch etliche talentierte Spieler aus den Juniorenmannschaften nachrücken.“

Ein Schweizer Fazit der NZZ-Redaktion

Eine WM kennt keine B-Note

Christian Eichler (FAZ) verbittet sich fast die Kritik am Stil des Viertelfinalteilnehmers Ukraine: „Werden die Ukrainer die Griechen dieser WM? Einmal verprügelt, beim 0:4 von den Spaniern, dann dank schwacher Gegner und taktisch getöteter Partien durchgewurstelt – klingt fast wie das Rehhagel-Rezept der EM 2004. Natürlich spielen die Ukrainer einen etwas anderen Fußball, aber die Grundidee ist ähnlich: hinten dicht, und vorne hilft, wenn schon nicht der liebe Gott, dann aber vielleicht Schewtschenko oder der Schiedsrichter. Nun stehen sie im Viertelfinale, was für einen WM-Debütanten eine große Leistung ist; nur daß gar nichts Begeisterndes oder Mitreißendes an diesem Durchkommen war. Von allen Viertelfinalisten hat die Ukraine am wenigsten zu dessen Schauwert beigetragen: keine Fans, kein Flair, keine Phantasie. Lobanowskis Idee von einem offensiven ‚totalen Fußball‘ nach Art der Holländer der Ära Cruyff hat sich bei seinen spielerischen Enkeln in jenen organisierten Sicherheits- und Erstickungsfußball verwandelt, den die Globalisierung des Spiels noch bis in fast jede Liga und jedes WM-Team verbreitet hat. Das Know-how dieser defensiven Netzarbeit verwandelt anno 2006 selbst mittelmäßige Teams wie die Schweiz und die Ukraine in Abwehrbollwerke. (…) Doch eine WM kennt keine B-Note, so geht jede Stilkritik ins Leere. Schon gar nicht kann man damit dem Außenseiter kommen.“

Teufelskerl

Christian Zaschke (SZ) ehrt die Australier nach ihrem klaglosen Ausscheiden gegen Italien: „Selten wohl hat ein Team ein derart unglückliches Aus bei einer WM derart gelassen hingenommen. In Kaiserslautern hatte ihr Weg durch das Turnier begonnen, mit einem Sieg gegen Japan. In der Pfalz endete der Weg, und statt Trauer oder Wut zeigten die australischen Spieler etwas, das im Fußball so gut wie verloren schien: Gelassenheit in der Niederlage. Sie nahmen es sportlich. Dabei sind die Australier keine Mannschaft, die diese Gelassenheit auf dem Platz verströmt und deshalb verloren hat.“ Ralf Weitbrecht (FAZ) pflichtet bei und drückt seine Bewunderung für Guus Hiddink aus: „Sie hätten aufschreien können. Sie hätten protestieren können. Sie hätten auf den Schiedsrichter losgehen können. Doch sie haben all das nicht getan. Größe zeigen in der Stunde des unglücklichen K.-o.-Schlags. Haltung bewahren und vielmehr die eigenen Stärken herausstellen. Australien hat verloren – durch einen mehr als zweifelhaften Elfmeter in der letzten Sekunde der Nachspielzeit. Der spanische Schiedsrichter Medina Cantalejo hielt den Stolperer und Umfaller des Italieners Fabio Grosso über den Australier Lucas Neill hinweg für strafstoßwürdig – und bereitete damit dem couragierten Auftritt der Männer aus Down under das sportliche Ende. Vielleicht gab es noch in der Kabine, in der reichlich Tränen geflossen sein sollen, so etwas wie eine offizielle Sprachregelung gegenüber der Öffentlichkeit. Tatsache ist: Sämtliche Spieler des auch gegen Italien überzeugenden Teams der Australier erwähnten den Schiedsrichter mit keiner Silbe. (…) Was ist das bloß für ein Teufelskerl, dieser Guus Hiddink? Geht vor vier Jahren in das Fußball-Entwicklungsland Südkorea, hebt die Männer aus Fernost auf die Landkarte des Weltfußballs und führt das Team bis ins Halbfinale. Und jetzt? Wiederholt das gleiche Bravourstück mit den eigentlich wegen ihrer Fußballkünste nicht gerade sonderlich gerühmten Australiern.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) ergänzt: „Die WM in Deutschland ist vorbei für die großartigen Fußball-Botschafter aus Down Under. Und während die meisten von ihnen jetzt in ein, zwei Flugstunden an ihre europäischen Arbeitsplätze zurückkehren, soll ihr Abenteuer, das die Massen im fernen Australien begeistert hat, am anderen Ende der Welt eine nachhaltige Wirkung entfalten. Hiddink, der ambulante Ein-Mann-Hilfsdienst des Weltfußballs, der nun dem siechen Fußball-Riesen Russland auf die Beine helfen soll, hinterlässt nach nur elf Monaten im Amt deutliche Spuren in den unermesslichen Weiten der vormaligen Fußball-Diaspora zwischen Darwin, Sydney und Perth.“

Gegenentwurf

Raphael Honigstein (FTD) erwartet im Spiel zwischen England und Portugal ein Duell der Trainer: „Aus Sven-Göran Eriksson, dem notorischen Viertelfinaltrainer, muss in Deutschland endlich ein Halbfinaltrainer werden. Und das geht nur, wenn er im dritten Anlauf seinen Angstgegner besiegt: Luiz Felipe Scolari. Der Brasilianer steht kurz vor einem Hattrick. Mit Brasilien warf er in Asien Erikssons Elf aus dem Viertelfinale, in Portugal gelang ihm das mit den Portugiesen. Scolari wäre vor ein paar Monaten beinahe Erikssons Nachfolger geworden, der Verband wollte ihn, weil er der Gegenentwurf zu Eriksson ist. Aufbrausend, arrogant – und ein ganzes Stück erfolgreicher. Scolari sagte erst zu und dann wieder ab; er wollte nicht, dass hunderte von englischen Journalisten in den kommenden vier Jahren sein Leben durchleuchten. Verliert Eriksson das Duell ein weiteres Mal, wird er als kompetenter, netter Mann in die Annalen des englischen Fußballs eingehen. Als Trainer, dem die Härte und der Mut fehlte, unangenehme Entscheidungen zu treffen. Als Trainer, der immer von Scolari besiegt wurde.“

SZ: Die englische Mannschaft zeigt Mut zur Hässlichkeit, gewinnt Spiel um Spiel und ist stolz darauf

Deutsche Elf

Kleines Finale

Andreas Lesch (BLZ) bewertet das Verhalten und die Aussagen der deutschen Spieler vor dem Spiel gegen Argentinien: „Es ist der schmale Grat zwischen Mut und Übermut, den die deutsche Mannschaft in diesen Tagen beschreitet. Sie hat ihre Grenzen in diesem Turnier noch nicht kennen gelernt, sie hat noch keinen einzigen Rückschlag erlitten. Sie ist immer losgestürmt, sie hat mit ihrer Überfalltaktik immer Erfolg gehabt, sie ist immer euphorisch bejubelt worden. Sie kennt bisher im Zusammenspiel mit den Fans nur die eine Rechnung: Spiel gleich Sieg gleich Autokorso. Sie hat durch ihre eigene Stärke und die Schwäche ihrer Gegner bislang nur eine Art Testphase gehabt; umso schwieriger wird die Aufgabe gegen Argentinien sein. In diesem Duell messen sich zwei der herausragenden Erscheinungen der WM deren Leistungen sich deutlich abheben von den Gurkereien der Italiener, Engländer und der Ukrainer. Deutschland gegen Argentinien, das ist nach bisherigem Kenntnisstand eine Partie, die zu früh kommt; es ist ein kleines Finale. Sportlich müssen die Spieler von Jürgen Klinsmann in dieser Begegnung nach wie vor als leichter Außenseiter gelten, denn Argentinien paart Klasse und Zusammenhalt, Technik und Torgefährlichkeit in Perfektion. Aber die deutsche Mannschaft schiebt solche Gedanken beiseite. Sie kommt daher wie der gefühlte Weltmeister. Sie erstarrt nicht in Demut, sondern sie hat sich eine erstaunliche Respektlosigkeit antrainiert.“ Ludger Schulze (SZ) stört sich an Per Mertesacker: „Mertesackers Benehmen legt den Schluss nahe, dass er die Sache mit dem Selbstbewusstsein unter den Klinsmännern etwas missverstanden hat. Mokantes Verhalten in diesen WM-Tagen zeigt, dass der 21-Jährige gerade im nahtlosen Übergang von spätpubertärer Schüchternheit in arrogantes Schnöseltum begriffen ist. Kein Wunder, dass einer zum Abheben neigt, den eine Blitzkarriere binnen kurzem unvermittelt aus der A-Jugend von Hannover 96 auf die Weltbühne des Fußballs torpediert hat.“

Tagesspiegel-Interview mit Joachim Löw: „Argentinien ist die Mannschaft, die bisher am überzeugendsten gespielt hat. Mit uns“

BLZ: Radikal klinsikal vertikal – die Lobeshymnen für die Methoden Jürgen Klinsmanns setzen die Bundesligaklubs unter Druck

Tsp: Armin Lehmann wünscht sich, dass Deutschland auch verlieren kann

BLZ: Gerhard Mayer-Vorfelder zieht eine Zwischenbilanz der WM

FR-Interview mit Sönke Wortmann: „Ich bin ein Betreuer“

FAZ: Deutschlands sportliche Konfliktgeschichte mit Argentinien

taz-Interview mit dem argentinischen Autoren Gustavo Veiga über die enge Verbindung von Fußball und Politik in seinem Land

taz-Portrait José Pekerman

Dienstag, 27. Juni 2006

Ball und Buchstabe

Niederschmetternde Bilanz

Christoph Biermann (SZ) hält die schwachen Leistungen der vier asiatischen Mannschaften fest: „Vier Jahre nach der Weltmeisterschaft in Fernost haben sich die vermeintlichen Fortschritte von damals als Scheinblüte erwiesen. Die Behauptung von Südkoreas Trainer Dick Advocaat, dass sich das Team weiterentwickelt habe, darf man seiner Emotion zuschreiben, richtig ist sie aber nicht. Eher war das Auftreten seiner und der anderen Mannschaften aus Asien Ausdruck einer Rückentwicklung. Der Trend zeigt wieder nach unten. Nach der historischen Kuriosität, dass Nordkorea bei der WM 1966 bis ins Viertelfinale stürmte, überstand erst 1994 mit Saudi-Arabien erneut ein Team die WM-Vorrunde, das dem asiatischen Fußballverband angehört. Japan schaffte es vor vier Jahren im eigenen Land ebenfalls bis ins Achtelfinale, und Südkorea schied sogar erst im Halbfinale aus. Seither ist auf hohem Niveau nur die Begeisterung der japanischen und koreanischen Fans geblieben, die bei den Spielen ihrer Teams ein wenig von der Atmosphäre des Turniers in ihren Ländern wachriefen. Auf öffentlichen Plätzen der südkoreanischen Hauptstadt Seoul hatten dem Spiel gegen die Schweiz morgens um vier Uhr immerhin 300.000 Menschen zugeschaut. Doch das Interesse entsprach nicht der Güte der Leistungen. Sowohl die beiden Teams aus Fernost als auch die beiden aus dem Mittleren Osten waren auf dem Niveau einer WM nicht konkurrenzfähig. Vier Unentschieden und ein Sieg aus den zwölf Spielen von Saudi-Arabien, Iran, Japan und Südkorea sind eine niederschmetternde Bilanz; drei von vier Teams schieden gar als Gruppenletzte aus. (…) Die gebeutelten asiatischen Teams werden sich zudem mit einem neuen Konkurrenten auseinander setzen müssen, der nach den Erfahrungen dieser WM schon fast als Großmacht erscheint. Nach Ende des Turniers wird Australien an den Wettbewerben der asiatischen Konföderation teilnehmen.“

taz: Afrikanischen Fußballern mangelt es nicht an Potenzial, sondern an guten Trainern

Zugehörigkeit

Wenn Türken Deutschland-Fahnen schwenken – Majid Sattar (FAZ/Leitartikel) mißt die Tiefe, die Echtheit und die Bedeutung der Signale: „Beide, Deutsche und Einwanderer, nähern sich gegenwärtig auf unterschiedliche Weise ihrem Land an. Viele Deutsche, die ihr Vaterland lange mit dem scheinbar unvermeidlichen Attribut ’schwierig‘ beschrieben haben, gehen nun mit einer Leichtigkeit mit nationalen Symbolen um, präsentieren sich als selbstbewußte Gastgeber und schmettern zu 60.000 im Berliner Olympiastadion so fröhlich ihre Hymne in die Mikrofone der Welt, daß selbst den öffentlich-rechtlichen Kommentatoren, denen sonst keine politische Korrektheit zu peinlich ist, eine mahnende Erinnerung an 1936 nicht über die Lippen kommen will. Und viele Einwanderer bekennen sich auf einmal in einer Offenheit zu dem Land, das sie bislang allenfalls ihr Geburts-, aber auf keinen Fall ihr Heimatland nennen wollten und durften, die wohl noch über Jahre soziologische Universitätsseminare, kirchliche Akademien und Redaktionsstuben beschäftigen wird. Das Bekenntnis ist sicher Ausdruck eines Überschwangs, und ein bißchen postmodernes ‚Anything goes‘ mag in dem Farbenmeer auch mitschwimmen. Es ist keine staatsbürgerliche Deklaration in der aktuellen Integrationsdebatte, kein politisches Statement gegen Parallelgesellschaften und Extremismus. Aber gerade das unterscheidet es von den stets Beklemmungen auslösenden Aufrufen der Anständigen an unsere ausländischen Mitbürger und den zur Schau gestellten Bekenntnissen zum Grundgesetz durch deren Verbandsvertreter. Diese neue Unbefangenheit von Deutschen und Neu- oder Noch-nicht-Deutschen gegenüber ihrem Land ist schlicht Ausdruck eines ganz persönlichen, durchaus impulsiven Empfindens von Zugehörigkeit. Wie nachhaltig der Impuls ist, ob daraus eine kollektive Identität erwächst, läßt sich sicher noch nicht sagen.“

WamS: Ein Sommer des Vergnügens

Labersender

WM auf Premiere – Ulrich Kaiser (SZ) steckt sich den Finger in den Hals: „Nirgendwo wird soviel gelabert wie bei Premiere, und das will viel heißen, weil im Moment überall alle Laber-Rekorde gebrochen werden. Um auch gleich die Ausnahme loszuwerden: Der Herr Reif wirft einem manchmal minutenlang weiter nichts als die Namen der Darsteller zum Fraße vor, was völlig ausreicht. Aber beim nächsten Spiel entwickelt ein anderer einen abenteuerlichen Gedanken: ‚Er geht in jedes Kopfballduell, das ihm vor die Nase kommt!‘ Was soll man dazu sagen? Dem Herrn Reif glaubt man sogar, wenn er sich irrt, was man wohl als höchste Kompetenz bezeichnen kann. Wahrscheinlich ist er in das Spiel verliebt – na und!? Es ist ein bisschen wie beim Kindergeburtstag, wo ein Dutzend Kerlchen gleichzeitig ihre Meinung loswerden möchten – dabei haben sie alle Recht, nur ist ein Fußballspiel nicht unbegrenzt diskutierbar. Irgendwann ist jede Perspektive mehrere Mal durchgekaut worden, und schließlich wird ein Thema nicht fesselnder, wenn Herr Hitzfeld und Herr Rehhagel und Herr Effenberg und Herr Daum alle der gleichen Meinung sind.“

FAZ-Portrait Jürgen Klopp

FR: Kritik am Jargon in der taz

NZZaS: Über die Arbeit eines Spielervermittlers an der WM

WM 2006

Raubtierkäfig

Holland tritt Portugal, Portugal tritt Holland – Jens Weinreich (BLZ) hält sich die Augen zu: „Wer die Verantwortung allein beim Referee sucht, nimmt die Täter und deren Anstifter in Schutz. Ja, hier darf man ruhig von Tätern reden, denn einige Attacken waren reine Körperverletzung. Also: Hat sich etwa einer der Treter und Schauspieler anschließend entschuldigt? Oder einer der beiden Trainer? Nein. Nicht Schiedsrichter Walentin Iwanow allein ist schuld am üblen Treiben. Er war einfach nur überfordert in diesem Raubtierkäfig, in den man ihn eingesperrt hatte mit zwei Dutzend zähnefletschenden Bestien.“

Pulverfaß mit 20 Zündschnüren

Christian Eichler (FAZ) schildert den Funkenschlag zur Eskalation: „Es war die falsche Art von Fußballfeuer, und der größte Brandstifter von allen war ein Holländer mit einem Engelsgesicht und großen Kinderzähnen, einer, der in Abweichung vom Motto des Abends keinen Gegner, sondern nur den Ball getreten hatte. Heitinga hatte niemanden umgetreten, nicht mal eine Gelbe Karte erhalten, womit er einer bedrohten Minderheit angehörte. Was hatte Heitinga getan? Er war nur mit dem Ball zwanzig, dreißig Meter nach vorn gelaufen. Das war Mitte der zweiten Halbzeit, sie lagen 0:1 zurück, ein ganz normaler Angriff also. Nur daß in der Szene zuvor das Spiel unterbrochen worden war, um einen Portugiesen zu behandeln (was mit Fortdauer der Partie immer öfter geschah und den Spielfluß tötete). Ein ungeschriebenes Gesetz verlangt, daß danach der Ball zurückgeht an das Team, das ihn zuvor hatte. Heitinga aber gab ihn nicht her, er lief los, Tausende pfiffen, brüllten, Deco kam, senste ihn um, das Volk jubelte. Von da an war das Fußballspiel Portugal gegen die Niederlande kein Fußballspiel mehr. Sondern ein Pulverfaß mit 20 Zündschnüren.“

Streng strafen nach unten, streng gehorchen nach oben

Roland Zorn (FAZ) kritisiert die Schiedsrichterpolitik der Fifa: „Wer seine Schiedsrichter derart intensiv unter Druck setzt wie die Fifa, darf sich über die aus Versagensängsten rührenden Ergebnisse nicht wundern. So wie Iwanow seinen Pflichten im Zweifel autoritär nachzukommen versuchte und dann doch die schlimmsten Grobheiten nicht mit Roten, sondern nur Gelben Karten sanktionierte, hatte der Engländer Graham Poll, der es zunächst auf die nette Tour versuchte, den Überblick beim Spiel Australien gegen Kroatien verloren. Poll hielt dem Kroaten Simunic drei Gelbe Karten vor – auch ein Rekord für die Geschichtsbücher. Diese Momente verdeutlichten, daß die Schiedsrichter für eine Weltmeisterschaft besserer psychologischer Schulung bedürften und nicht einer von Mal zu Mal verschärften Regulierungssucht. Gerade Blatter hat sich immer wieder für den Profischiedsrichter eingesetzt. Voila, Poll geht diesem Beruf nach – und ist wie mancher Kollege, zum Beispiel auch der während dieser WM bei seinem zweiten Einsatz weit unter Bestform gebliebene Markus Merk, dem allseitigen Druck nicht gewachsen gewesen. Streng strafen nach unten, streng gehorchen nach oben – und am Ende von Meister Blatter abgekanzelt werden: Das ist etwas viel auf einmal, um auf Dauer die souveräne oberste Regelhüterinstanz bleiben zu können.“ Christoph Biermann (SZ) wirft ein: „Der Referee ging auch deshalb verloren, weil er auf zwei Teams traf, die sich für die Regeln nur soweit interessierten, wie man sie dehnen, umgehen oder unbemerkt brechen kann.“

Eichler weist auf die Mängel im holländischen Spiel hin: „Das Team, das Spiel, es zerfiel in seine Einzelteile. Robin van Persie und Arjen Robben, die beiden Außen, spielten ohnehin nur für sich selbst, ließen dann und wann mal ein, zwei Gegner stehen, aber nie so, daß ein Mitspieler davon profitierte. Und aus dem Mittelfeld wurde wild und blind aus der Distanz geschossen. Beinahe gelang trotzdem der Ausgleich, Cocu traf kurz nach der Pause die Latte. Doch dann galt mehr und mehr das archaische Gesetz des Nervenspiels, in dem das Stammhirn das Kommando übernimmt und das Großhirn Feierabend macht: Angst essen Fußball auf.“

SZ: Trotz chronischer Fehlentscheidungen der Schiedsrichter betreibt die Fifa nur Aktionismus

Gute Geschichte mit schlechtem Ende

Italien besiegt Australien 1:0 – Christian Zaschke (SZ) hätte sich ein Happy-End gewünscht: „Die Australier waren das aktivere Team, das den attraktiveren Fußball spielte. Es wäre eine schöne Geschichte gewesen, eine nahezu klassische Geschichte, vom Underdog, der getragen vom Glauben an sich selbst gegen den Meister des zynischen Spiels besteht und vielleicht sogar gewinnt. Nun aber wirkte es so, als habe jemand diese Geschichte sehr gut erzählt und auch die Fehler der Australier nicht verschwiegen, als habe jemand auf die richtige Dramaturgie beim Erzählen geachtet und dann, am Ende der Geschichte, einfach gepfuscht. Läse der Erzähler die Geschichte vom Blatt ab – jeder Zuhörer würde das Blatt haben wollen, um zu sehen, ob das wirklich so da steht. Es war eine dieser Situationen im Strafraum, in denen man Elfmeter pfeifen kann, aber nicht muss.“

Lieblingsfeind der internationalen Fußballkritik

England spielt, Roland Zorn (FAZ) gähnt: „Ecuador ließ sich zu keiner Sekunde von einem der selbsternannten Turnierfavoriten beeindrucken. Zwar rauschten auch die Südamerikaner nicht gerade im Eiltempo nach vorn, wenn sie im Ballbesitz waren, doch waren ihnen zumindest eine gewisse Spielkultur und auch taktisches Geschick zu eigen. Die Engländer aber agierten wie die Deutschen in der Spätphase des Teamchefs Rudi Völler. Langsam, ohne Witz, ohne Konzept, eigentlich ohne alles, was mit ihrem hohen Anspruch hätte verknüpft werden können. Weil auf dem Platz nichts passierte, machten sich die einheimischen Zuschauer einen Spaß daraus, nach ‚Deutschland, Deutschland‘ zu rufen. Die Engländer konterten ganz feierlich: durch Singen ihrer Nationalhymne. Als der Schiedsrichter zur Pause pfiff, war sich das Publikum aber wieder einig: So gut wie alle pfiffen auf dieses Stück WM-Sommerfußball. Dieses K.o.-Spiel hatte eher die Wirkung von K.o.-Tropfen.“ Wolfgang Hettfleisch (FR) beobachtet, wie der Schwarze Peter die Seite wechselt: „Die Mannschaft um Beckham, Rooney und Co. mausert sich zum Lieblingsfeind der internationalen Fußballkritik – eine Rolle, die zumindest in jüngerer Vergangenheit traditionell deutschen Teams vorbehalten war. Dass ausgerechnet die DFB-Elf die Welt nun mit ansehnlichem und schnellem Offensivspiel beeindruckt, entbehrt auch deshalb nicht einer gewissen Ironie, weil englische Zeitungen stets vorneweg marschieren, wenn es gilt, den geist- und ideenlosen teutonischen Rumpelfußball zu geißeln.“

Raphael Honigstein (SZ) über den Protagonisten: „Es fiel ausgerechnet dem unter einem kleinen Hitzschlag leidenden Beckham zu, seine Mannschaft zu erlösen. Beckham quälte sich relativ unauffällig durch die Partie, aber am Ende war er doch der Hauptdarsteller. Er traf, übergab sich auf den Rasen und blieb nach dem Schlusspfiff als Letzter im Stadion, um den Applaus entgegenzunehmen. Das Passionspielchen ‚Beckham bei Weltmeisterschaften‘ ist so wieder um ein Kapitel reicher.“

Der letzte weltumspannende Traum

Dirk Kurbjuweit (Spiegel) stellt Brasilien als eine Art Ableitung der Harlem Globetrotters vor: „Von niemandem wurde in dieser Zeit so viel erwartet wie von Ronaldo. Und niemand, der so oft enttäuscht hat, hat so oft begeistert. Erwartungen sind etwas Teuflisches. Das spürt gerade die gesamte brasilianische Mannschaft. Zur WM will die Welt erlöst werden. Sie baut über Jahre riesige Erwartungen auf an ein Fest der Schönheit [!], und diese Erwartungen sollen vor allem die brasilianischen Abenteurer erfüllen. Doch bis zum Donnerstag feierte die Welt in Deutschland ein fröhliches Fest, bei dem vieles glänzte und schillerte, nur Brasilien nicht. Über Brasilien hing ein Grauschleier. Brasilien hatte die Erwartungen bei den knappen Siegen über Kroatien und Australien enttäuscht. Zwar spielte die Mannschaft beim 4:1 gegen Japan verbessert, aber noch immer stellt sich die Frage, ob diese Brasilianer die Welt erlösen können. An der Mannschaft hängt ein Traum, vielleicht der letzte weltumspannende Traum, der nicht industriell gefertigt wurde, so wie die Träume, die aus Hollywood kommen. Ein paar Jungs, die dem Elend entronnen sind, deren Land der Welt politisch wenig zumutet, streifen sonnengelbe Trikots über und bezaubern die Welt mit herrlichem Spiel. Es ist der Traum vom Triumph des Guten. Es geht um soziale Gerechtigkeit, um Friedfertigkeit und um Schönheit, und das alles ist auch noch siegreich. Deshalb tragen Menschen in aller Welt gern Sonnengelb. Wer sich ein Trikot von Brasilien anzieht, ist zugleich Erfolgs- und Gutmensch, was sonst eher nicht zusammengeht. Im Trikot von Brasilien steckt die Vermutung von Lockerheit, Fröhlichkeit und unfassbarem Sex. (…) Arroganz ist ein Problem der gesamten Mannschaft geworden.“

Der Topfavorit zeigt Nerven

Axel Hunzinger (FR) ist enttäuscht von der Leistung der argentinischen Elf beim 2:1 gegen Mexiko: „Das merkwürdig fahrige und unpräzise Spiel der Argentinier allein an dem starken Kontrahenten festzumachen, wäre zu einfach. Der aufgrund der Leistungen der Vorrunde zum Topfavoriten aufgestiegene Weltmeister von 1978 und 1986 zeigte angesichts des Umstands, dass eine Niederlage erstmals im Turnier nicht mehr reparabel gewesen wäre, Nerven. Der Druck, als hoch gehandeltes Team bereits frühzeitig zu scheitern, ließ den bisher auf Hochtouren laufenden argentinischen Motor erstmals ein wenig stottern (…). Dass es dann mit Maxi Rodriguez einer der Vasallen der großen Stars richten musste, hätte logischer nicht sein können.“ Axel Kintzinger (FTD) hingegen schreibt die Leistung Argentiniens der starken Leistung der Mexikaner zu: „Traumwandlerisch sicher war Argentinien durch die Vorrunde marschiert und zum Top-Favoriten des Turniers avanciert – doch im ersten Spiel, in dem es um alles ging, war davon über weite Strecken nicht viel zu sehen. Allein die Entstehungsgeschichte des 0:1 offenbarte eine Schwäche des argentinischen Teams, die von schnellen deutschen Stürmern ausgenutzt werden könnte. Die Innenverteidigung mit Gabriel Heinze und Roberto Ayala ist klein und langsam. Da aber Mexiko über keine herausragenden Stürmer verfügt, hätte dieser Umstand allein den Favoriten nicht in Bedrängnis bringen müssen. Entscheidend für die Probleme waren die Härte und Hartnäckigkeit, mit der die Balldiebe aus Mexiko den Gauchos zusetzten. Nicht einmal Riquelme konnte verhindern, dass sie ihm den Taktstock aus der Hand rissen.“

Thomas Kistner (SZ) runzelt die Stirn über die Kollegen aus Mexiko: „Trainer La Volpes Problem ist das altbekannte: Mexiko Sportjournaille. Die reiste für alles gerüstet ins WM-Land, allein Fernsehsender Televisa, der Fifa traditionell eng verbunden, hat ein kleines Medienimperium in München installiert, doch gilt diese Sportpresse in Lateinamerika als eher unverdächtig, mit großer Fachkenntnis zu Werke zu gehen. Im Falle von Niederlagen wird ungeachtet der Begleitumstände die Feder schnell zum Seziermesser, weshalb La Volpe seit längerem eine herzliche Feindschaft mit den heimischen Medien pflegte, Presseboykott inklusive.“

Alte Garde, junge Garde

Michael Wulzinger (Spiegel) erwartet beim Spiel Frankreich gegen Spanien das Muster Alt gegen Jung, Vergangenheit gegen Gegenwart und Zukunft: „Wie fatal es ist, wenn ein Coach die Macht alternder Stars und Diven nicht brechen kann, zeigt das Beispiel der Franzosen. Der Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000 scheint auf geradezu klassische Weise auf das Ende einer Epoche zuzusteuern – ein Imperium gerät ins Schwanken, weil es nicht in der Lage ist, sich von innen heraus zu erneuern. Bei der WM präsentierte sich die Équipe Tricolore bis zum 2:0 gegen Togo als notorisch zerstrittener Haufen, in dem Zinedine Zidane, Lilian Thuram und Claude Makelele den Ton angeben – drei Fußballhelden einer goldenen Generation, die sich von der Nationalmannschaft bereits verabschiedet hatten und deren Glanztaten Geschichte sind. Vor knapp einem Jahr kehrte das Trio, begleitet von einer Medienkampagne, zurück, und seither wirkt Trainer Raymond Domenech wie eine Marionette seiner Altstars. (…) Eifersüchteleien zwischen Spielern der beiden Erzrivalen Real Madrid und FC Barcelona prägten jahrzehntelang auch das Klima in Spaniens Auswahl. Die Mannschaft hatte keine Ausstrahlung, keinen Charakter, keine Identität. Ihr indifferentes Erscheinungsbild spiegelte die Unversöhnlichkeit der nach Autonomie strebenden Regionen und dem zentralistischen Staat mit seiner alles erdrückenden Kapitale Madrid. ‚Sie können sich in Spanien nicht entscheiden, ob sie sich am Stier oder am Torero orientieren sollen‘, stichelte einst der argentinische Fußball-Intellektuelle Cesár Luis Menotti. Vom Dualismus der rivalisierenden Großclubs ist nichts mehr zu spüren. Von den 23 Spielern kommen nur noch 4 von Real Madrid und 3 vom FC Barcelona. Der Rest rekrutiert sich aus den Kadern von Atlético Madrid, dem FC Valencia, dem FC Villarreal, dem FC Getafe und Betis Sevilla. Mit der jungen Garde haben die Spanier ihren Auftritten erstmals einen unverwechselbaren Stil verliehen. Das Mantra der Mannschaft lautet Ballbesitz, und das Team zelebriert ein Kurzpassspiel, das nach Möglichkeit immer den direkten Weg zum gegnerischen Tor sucht. Ein Spektakel.“

WamS: Spaniens junge Mannschaft hat endlich ihren eigenen, begeisternden Stil gefunden
taz: Als Spieler bekämpfte Nationaltrainer Luis Aragonés den radikalen Kombinationsfußball, den Spanien heute spielt

FR: Der Unsterbliche – eine Ode an Zinedine Zidane

BLZ: Frankreich kann noch nicht auf Zidane verzichten

Deutsche Elf

Populistischer Mist

Die FAZ fragt heute Offizielle aus dem deutschen Profifußball nach ihrer Meinung über Jürgen Klinsmanns Arbeit, darunter auch seine Kritiker. Peter Neururer, Hannovers Trainer, verbittet sich den Rat Oliver Bierhoffs, sich an den Methoden Jürgen Klinsmanns zu orientieren: „Oliver Bierhoff ist ein junger Mann, der in dieser Funktion noch nicht lange im Geschäft ist. Wenn er in einer euphorisierten Phase solch einen populistischen Mist erzählt, muß man ihm das nachsehen. Lehmann und Huth ausgenommen, werden doch alle aus der Bundesliga rekrutiert. So schlecht kann unsere Arbeit dann wohl nicht sein. Ich könnte viel dazu sagen, aber wir wollen während der WM Ruhe haben und die Nationalmannschaft unterstützen. Ich bin ja auch Fan der Nationalmannschaft.“ Auf die Frage, ob ein Bundesligatrainer aus dem Auftreten der Nationalelf etwas lernen könne, antwortet Neururer kurz und bündig: „Nein.“ Ein Lob kommt ihm nur schwer über die Lippen: „Ich bin nicht bei der Spielersitzung. Aber wir haben alle vier WM-Spiele gewonnen. Also macht Jürgen alles richtig.“ Neururer, der zu den härtesten Gegnern Klinsmanns zählt, ist stolz darauf, zu seiner Kritik zu stehen „Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten ändere ich meine Meinung nicht nur aufgrund der Tatsache, daß der eine oder andere Erfolg eingefahren worden ist. Ich bleibe dabei: Das, was hier vorher gelaufen ist mit Jürgen – ich habe ihm das auch selbst gesagt –, wird nicht plötzlich gut, weil die Ergebnisse stimmen. Ich hoffe, daß wir Weltmeister werden. Aber wir werden mit Sicherheit nicht Weltmeister, weil er in Kalifornien wohnt und von der Bundesliga nicht viel mitbekommen hat. Viele von denen, die vorher mit Dreck geworfen haben, müssen jetzt wohl die Klappe halten; zum einen, weil sie kein Rückgrat haben, zum anderen, weil sie von den Ergebnissen geblendet sind. Umfaller haben wir in dieser Republik doch reichlich.“

Herzerfrischender Fußball

Hans Meyer, Nürnbergs Trainer, gilt als moderater Unterstützer Klinsmanns; er bewundert ihn: „Es ist großartig, wie Klinsmann all die Schwierigkeiten gemeistert hat, wenn man bedenkt, daß die Boulevardpresse ihn noch sechs Wochen vor der WM in Frage gestellt hat. Er hat ein Konzept, er hat es mit viel Konsequenz und Standhaftigkeit durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat. Und wenn man nicht deren Ziehkind ist. Jürgen ist zum Glück nicht nur beratungsresistent, er ist auch resistent gegen all die Themen, die von außen konstruiert werden. In den letzten Wochen haben er und sein Team nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, auch die Weltöffentlichkeit völlig überzeugt. (…) Es ist in Deutschland etwas Neues, daß der Trainer der Nationalmannschaft einen neuen Stil einführt. Einen Stil, der mit mehr Aktivität im Spiel verbunden ist und dem Zuschauerwunsch nach attraktivem Fußball entgegenkommt. Wenn er bleibt mit seinen Leuten und diese Linie fortführt, wenn er dafür sorgt, daß Sportdirektor Matthias Sammer Rückendeckung bekommt, um die Ausbildung, das ganze System bis nach unten diesem Stil entsprechend zu reformieren, dann wäre das eine phantastische Sache für den deutschen Fußball. (…) Das Schlimmste aber wäre, wenn nach dieser phantastischen Leistung bei der WM wieder jemand käme und das Physische über alles stellt. Wenn Gummibänder und Schnellkraftübungen und so weiter im Mittelpunkt stehen. Und nicht das Wichtigste: wie Jürgen Klinsmann Fußball spielen läßt. Das ist sein größtes Verdienst: daß mit ihm ein deutsches Team wieder herzerfrischenden Fußball spielt.“

Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen

Auszug aus dem Gespräch mit Ralf Rangnick, dem neuen Trainer Hoffenheims
FAZ: Wie könnte ein WM-Erfolg durch Jürgen Klinsmann den deutschen Fußball ändern?
Rangnick: Ich glaube, die handelnden Personen in den Vereinen werden auch durch die positiven Entwicklungen bei dieser WM nicht ihr Verhalten ändern. Das werden keine anderen Menschen werden. Dem deutschen Fußball tut gut, zu wissen, daß wir wieder vorne dabei sind. Wir holen uns wieder etwas zurück vom verlorengegangenen Image.
FAZ: Gehen den Betonköpfen im deutschen Fußball nicht langsam die Argumente aus?
Rangnick: Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn du in Deutschland etwas ändern willst, dann stößt du meistens auf Widerstände, stärker als in anderen Ländern. Wir haben überall in Deutschland diese Trägheit. Warum sind in den Sommermonaten, wenn die Kinder große Ferien haben und unausgelastet sind, die Fußballplätze geschlossen? Wenn man da nachfragt, kommt die Antwort: Das war immer so. Die handelnden Personen sind bei uns schwer zu überzeugen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die WM gut läuft für unsere Nationalmannschaft.

Klinsmann hat alles richtig gemacht

Auszug aus dem Interview mit Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden Bayern Münchens
FAZ: Sie und Ihre Vorstandskollegen beim FC Bayern gehörten zu denjenigen, die Bundestrainer Klinsmann kritisiert hatten. Leisten Sie nun Abbitte?
Rummenigge: Natürlich waren wir bei gewissen Themen manchmal anderer Meinung. Aber ich muß widersprechen, daß wir Probleme mit Klinsmann hatten: Wir gehörten zu den wenigen, die ihn gestützt haben.
FAZ: Aber auch beim FC Bayern hat man die eher außergewöhnlichen Methoden des Jürgen Klinsmann schon mal belächelt.
Rummenigge: Ich fand die ganze Zeit, daß es zwar ein neuer, aber auch ein interessanter Weg ist. Denn was die Nationalmannschaft die letzten zehn Jahre geleistet hat in Form von fußballerischem Spektakel, das kann man vergessen. 2002 haben wir das Finale erreicht, aber fußballerisch keine Maßstäbe gesetzt. Jetzt setzen wir Maßstäbe. Und die Jungs waren bisher jeder Mannschaft bei diesem Turnier körperlich überlegen.
FAZ: Hat der Bundestrainer also alles richtig gemacht?
Rummenigge: Klinsmann hat alles richtig gemacht. Er hat es geschafft, alte Tugenden mit neuen Methoden aufleben zu lassen.

Mir gefällt Klinsmann sehr

Tostao, Brasiliens Weltmeister von 1970, teilt der SZ seine Freude an Klinsmann und der deutschen Mannschaft mit: „Es gibt keine Mannschaft, die Pressing spielt und im Feld des Gegners angreift – außer Deutschland. Alle Mannschaften ziehen sich zurück, alles ist taktisch und studiert, nicht vibrierend. Deutschland ist die Ausnahme. Ich wünschte mir, Brasilien würde spielen wie Deutschland. Mein Ideal ist der FC Barcelona. Er setzt den Gegner unter Druck und spielt dennoch technisch. Aber vibrierend. Nicht so langsam wie Argentinien. Die Argentinier verlieren den Ball und ziehen sich sofort zurück. Das wirkt einstudiert. Deutschland hat eine gute, keine außergewöhnliche Mannschaft, aber die Spieler spielen über ihren Möglichkeiten. Argentinien hat zwei Angreifer, die es nicht verdient haben, in der Anfangsformation zu stehen, bisweilen sogar schwache Verteidiger, und viel hängt von Riquelme ab. Wenn er inspiriert ist, spielt Argentinien gut. Klinsmann hat erkannt, dass Deutschland nur auf offensive Weise gewinnen kann. Mir gefällt das sehr.“

Wagemutiges Selbstbewußtsein

Matt Hughes (Times) beäugt skeptisch das deutsche Selbstbewußtsein: „Sogar in den türkischen Vierteln der großen Städte werden deutsche Flaggen gehisst. Die ganze ungleiche Nation scheint sich hinter der jungen Truppe von Klinsmann zu erheben. Das WM-Fieber lässt nicht nach. (…) Klinsmann scheint den WM-Virus zu verbreiten, da sich die Aussichten auf Erfolg sich mit jedem Tag verbessern. Nach dem Sieg gegen Schweden ist sich Klinsmann sicherer als je zuvor, daß Deutschland Argentinien schlagen kann. Das Selbstbewußtsein mutet sehr wagemutig an, hat Deutschland doch seit sechs Jahren keinen ‚Grossen‘ mehr schlagen können.“ Alan Pardew (Independent) hingegen empfiehlt den Engländern, sich an Klinsmann zu orientieren: „Nehmt euch ein Beispiel an Deutschland! Beim Fußball kritisieren wir immer die englischen Medien, weil sie uns so hart rannehmen. In der Vorbereitung hatten die Deutschen das auch – und noch viel mehr. Man sagte ihnen, sie seien nicht gut genug, sie würden sich bei der WM blamieren. Sie seien eine Schlachtbank. Aber sie kamen in Form. Der Geist, die Selbstsicherheit ist groß. Die Kritik hat sie stärker gemacht. Sie haben sich davon gelöst, die Fans haben sich davon gelöst – wir wissen alle, wie gewaltig ein Heimvorteil wirken kann. Mit diesem Selbstbewußtsein ist Deutschland nun Favorit auf den Titel (…). Für Deutschland ist Jürgen Klinsmann wiederbelebend. Er hat etwas, das nur wenige Trainer haben – er kennt keine Fehler. Er war ein herausragender Spieler, und er hat den Kern zu glauben. Dieser über allem stehende Glaube. Klinsmann benimmt sich wie ein Spieler. Er feiert Tore wie ein Spieler. Er lächelt, er ist glücklich und er vermittelt genau das.“

SZ: Der einstige Stürmer Jürgen Klinsmann ist auch als Trainer ein Turnierspieler
SZ: Mehr Gummiband wagen – die Bundesligisten versuchen sich an den DFB-Methoden

FAS-Portrait Miroslav Klose

taz-Portrait Per Mertesacker

FR-Portrait Christoph Metzelder

SZ: über die deutsche Reservebank

SZ: Die Argentinier bereiten sich gelassen auf ihr Viertelfinale vor und wollen vor allem einen schnellen Rückstand vermeiden

Montag, 26. Juni 2006

Deutsche Elf

Deutschland – Schweden 2:0

Das Ende des rumpelfüßigen Grauens

„War das Brasilien, verkleidet in deutschen Trikots?“, fragt die Stuttgarter Zeitung, sich die Augen reibend. „Nein, es war das neue Deutschland, verkleidet als das alte.“ Die FAZ feiert eine „rauschhafte Renaissance der deutschen Mannschaft“, die SZ erlebt „das Ende des rumpelfüßigen Grauens“ als Befreiung von Jahren (oder sind es Jahrzehnte?) der Entsagung schönen deutschen Fußballs. Der Sieg gegen Schweden verleitet die deutsche Presse dazu, über die Zäune auf das Spielfeld zu hüpfen. Marko Schumacher (StZ) ringt nach Luft: „Es ist lange her, dass eine deutsche Nationalmannschaft über einen solch grenzenlosen Glauben in die eigene Stärke verfügt hat. Und es ist noch viel länger her, dass eine deutsche Mannschaft einen solch atemraubenden Fußball gespielt hat, der nicht mehr das Geringste zu tun hat mit jener destruktiven Spielweise, die den Deutschen lange Zeit eigen war.“

Deutschland Hotspurs

Christof Kneer (SZ) beschreibt die Prägung, die Jürgen Klinsmann auf der Mannschaft hinterläßt: „Klinsmann hat bei vielen Vereinen gespielt, die ihn glücklich machten, weil sie ihn gut entlohnten. Glücklich wegen Fußball wurde er im Grunde aber nur in Tottenham, bei einem Verein, der sich Hotspurs nennt. Hotspur heißt übersetzt Heißsporn, man könnte auch sagen: Klinsmann. Eine Mannschaft ist immer auch das Spiegelbild ihres Trainers, und Klinsmann hat sich jetzt eine Mannschaft nach seinem Bilde geformt. Er kann jetzt endlich so spielen lassen, wie er das als Spieler gern gehabt hätte. Die Deutschland Hotspurs können leider keine Rücksicht darauf nehmen, dass Fußballspiele aufgrund einer weltweit gültigen Absprache mit einem Abtasten beginnen und einem Verwaltungsakt enden. Die Klinsmann Hotspurs sind so radikal wie ihr Trainer, sie schießen ihre Tore gerne an den Rändern des Spiels: ganz spät, wie gegen Polen; oder ganz früh wie gegen Costa Rica, Ecuador und Schweden, die wie in der Vorrunde abwartend starten wollten und aus dem Spiel waren, bevor es für sie begann.“ Auch Andreas Lesch (BLZ) sichtet Klinsmanns Spuren: „Klinsmanns entscheidende Leistung ist, dass er der Mannschaft einen fast übersinnlichen Glauben in die eigene Stärke vermittelt. Speziell die jungen Spieler beten voller Überzeugung die Sätze nach, die er ihnen vorgibt. Es ist nicht so, dass Klinsmann die Sprache der Spieler spricht – vielmehr sprechen die Spieler die Sprache des Trainers.“

Es macht viel mehr Spaß als der alte Stiefel

Peter Unfried (taz) wirft alle Bedenken gegen Klinsmanns amerikanischen Arbeitsstil über Bord: „Klinsmann hat ein Team mit Perspektive zusammengestellt – auf und neben dem Rasen. Klinsmanns Arbeit ist nach vorn orientiert, nicht nach hinten. Er weiß, was er will, die anderen wissen und wollen es im Prinzip auch. Er hat den traditionell dösenden Laden DFB nicht wie angekündigt auseinander genommen. Aber er hat ihn DFB sein lassen und daneben eine neues System und eine neue Elite installiert. Für Deutschland, das Land, ändert sich nichts. Die Analogie ist freilich anwendbar: Ein Betrieb kann besser sein, wenn neues Know-how einfließt, wenn die Verfilzung reduziert wird, wenn – Entschuldigung – bessere Kräfte und Ideen die verbrauchten ersetzen. Wenn kreativ-innovative Dynamik nach vorne weist. Kurz: Wenn Leute sich gezielt so richtig den Arsch aufreißen. Das klingt hart, klar, aber anders geht das nicht mehr. Die Pointe, die wir in diesen Tagen erzählt bekommen, ist: Es macht viel mehr Spaß als der alte Stiefel.“

Auf Augenhöhe mit dem Titelkandidaten

Jan Christian Müller (FR) blickt mit Zuversicht auf das Viertelfinale voraus: „So viel Ausdruck und Hingabe war lange nicht mehr im Spiel einer deutschen Nationalmannschaft. Niemand kann vorhersagen, ob das reicht gegen eine abgebrühte und hochtalentierte argentinische Ausnahmemannschaft bestehen zu können. Eins aber ist gewiss: Eine Niederlage würde von den Fans nicht, wie vom Bundestrainer formuliert, als ‚Katastrophe‘ empfunden.“ Michael Horeni (FAZ) fügt nüchtern hinzu: „Der insgesamt überzeugende, in der ersten halben Stunde rauschhafte Auftritt deutete die überragenden Möglichkeiten an, die Klinsmanns junge Mannschaft in Zukunft besitzt. Aber so erfreulich die deutsche Fußball-Gegenwart auch erscheint – eine Klasse für sich stellt die Nationalelf noch nicht dar. Selbst nach dem verschossenen Elfmeter der Schweden strahlte das Team lange keine defensive Sicherheit aus; in der Offensive imponierte die Mannschaft aber wie seit endlosen Zeiten nicht mehr. Vor dem Duell mit Argentinien hat sie keineswegs die Favoritenrolle übernommen – trotz des Heimvorteils, trotz des Publikums, das die Spieler auf einer Woge der Begeisterung trägt. Doch Deutschland darf sich auf Augenhöhe mit dem Titelkandidaten aus Südamerika fühlen, und das ist viel mehr, als vor dem Turnier erwartet werden durfte.“

Klaus Theweleit (taz): „Ich habe meine Meinung geändert: Zwei triftige Gründe, warum die Klinsmannschaft Argentinien auch ohne Schiedsrichterhilfe schlagen wird

Keine symbolhaften Chefattitüden

Die Einzelkritik hebt vier Spieler hervor: Miroslav Klose, Lukas Podolski, Michael Ballack und Arne Friedrich. Die SZ schwärmt von Klose: „Es ist eine kleine Ungerechtigkeit, dass er keinen offiziellen Anteil an den beiden Treffern des aufregend explosiven Podolski gutgeschrieben bekommt. Unglaubliche Leistung. In dieser Verfassung für die Bundesliga unhaltbar.“ Auch Podolski wird gebusselt: „Alles, was er aufgrund seines unfertigen Stils und seiner Unreife als junger Fußballer in den vergangenen Wochen bei der Nationalelf und in den vergangenen Monaten beim 1. FC Köln falsch gemacht hat, hat Lukas Podolski in diesem Spiel abgelegt: Er bewegte sich intelligent, nahm effektiv am Pressing teil und half beim Spielaufbau. Nebenbei schoss er zwei Tore. Podolski entwickelt sich in höchstem Tempo weiter und braucht sich auch vor den superprofessionellen argentinischen Verteidigern nicht zu fürchten.“

Michael Ballack, den Karl-Heinz Rummenigge kürzlich als „ganz guten Kopfballspieler“ verunglimpft hat, kann heute die Ehrerbietungen der Presse entgegennehmen. Die SZ adelt ihn als Zentrum der deutschen Mannschaft: „Die Rückversetzung von Ballack ins tiefere Mittelfeld ist das wichtigste Geheimnis des deutschen Aufschwungs. In Anwesenheit von Stefan Effenberg, der als Guru fürs Fernsehen im Stadion war, hat Ballack nachgewiesen, dass er niemals ein so genannter Führungsspieler sein wird wie es Stefan Effenberg war. Das ist aber auch gut so. Ballack braucht keine symbolhaften Chefattitüden und kein schlechtes Benehmen, um seine natürliche Autorität zur Geltung zu bringen.“

FR-Interview mit Ballack

Der herthanische Rückpassautomat

Kritik gilt weiterhin dem Außenverteidiger Arne Friedrich. Die FAZ mag gar nicht an das Viertelfinale denken: „Wenn es auch für den Fußball gilt, dass eine Kette an ihrem schwächsten Glied bricht, dann muss Klinsmann sein Augenmerk auf die Position des rechten Außenverteidigers richten: Arne Friedrich fiel auch gegen Schweden wieder ab. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die quirligen Argentinier auf den Berliner zulaufen. Unwillkürlich kommt einem das Bild eines Skiläufers und einer Slalomstange in den Sinn.“ Die SZ spottet: „Arne Friedrich, der herthanische Rückpassautomat hemmt in dieser Verfassung den Lauf der Dinge. Schockierender Zustand. Beherrscht den tödlichen Pass – aber nur in der Form des Fehlpasses. Konnte froh sein, dass Michael Ballack nicht tätlich wurde gegen ihn nach dem furchtbarsten von etlichen Missgeschicken.“

Die Revolution hat begonnen

Noch mehr Lob hören die deutsche Elf und Jürgen Klinsmann aus dem Ausland. Die spanische Tageszeitung El País gibt alle Vorbehalte gegen das deutsche Spiel auf und erkennt in Klinsmann den Retter und Revolutionär: „Deutschland hat die Revolution ausgerufen. Es hat sich gegen das alte Spielsystem, das eine versteinerte Kraft darstellte, erhoben. Und das mitten in den Verdächtigungen und Kritiken gegenüber Klinsmann, dem Mann, der dem Establishment trotzt. Der Sprung ist von so einem solchen Kaliber, daß man von einer Neugründung des deutschen Fußballs sprechen kann, der in den letzten Jahren vor einem gewaltigen Abgrund stand. Klinsmann hat zwei Jahre lang in der Kritik der konservativen Kreise gelebt. Wenn es nach den Koryphäen der Führungsriege gegangen wäre, würde Deutschland weiter in seiner abgeschlossenen Welt aufgestellt bleiben: mit einem robotisierten Fußball und abgenutzten Ideen, mit seinen alten Liberos schön nah beim Torwart, mit zwei Hundertschaften, die den Libero schützen, mit den Dumpfbacken, die bereit sind, von irgendwo eine Flanke zu schlagen, mit einem selbstlosen Defensivverbund, um eine Mannschaft voller Verteidiger aufrechtzuerhalten, mit einem Kran im Angriff, der angespielt wird und mit seinem unbeweglichen Körper nicht klarkommt. (…) Und unter dem allen der schädliche Fingerabdruck von Bayern München – der Mannschaft, die versucht, jegliches Bestreben nach einem Wettbewerb in der Bundesliga kaputtzumachen – und seinen Gurus Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge. Klinsmann ist ein Mann mit Überzeugungen. ‚Es macht mir nichts aus, mit Beckenbauer zu diskutieren und mir seine Meinung anzuhören, aber ich gehöre nicht zu denen, die nur ja und Amen sagen‘, sagte er kürzlich. Der Nationaltrainer stand fast alleine da in einem Kampf, den man schon verloren glaubte. Es wurde bereits sein Rücktritt angekündigt. Es wurde ein Notfallkabinett einberufen, das nichts weiter als ein neues Druckmittel gegen ihn darstellte. Er wurde als inkompetent und faul angeklagt. Er wurde attackiert, weil er in Kalifornien lebt, weil er einen amerikanischen Fitnesstrainer angestellt hat, weil er nicht wie eine Marionette handelte. Nie zuvor hatte sich Deutschland so deprimiert gefühlt wie vor der WM. Als Verlierer etikettiert und ohne Hoffnung gingen sie ins Turnier. Passiert ist das Gegenteil. Mit einem neueren Fußball, in dem die Einflüsse von Barca, Arsenal und Milan evident sind, ist die Mannschaft zugleich unaufhaltsam und attraktiv. Deutschland spielte seine beste Partie in dieser WM. Seine beste Partie in vielen Jahren. Eine Partie, die seinen Rivalen als Botschaft dient und der Zukunft als Symbol. Es wird schwierig sein, in die Vergangenheit zurückzukehren, die die alte Nomenklatur verteidigt. Die Revolution hat begonnen.“

Über das Verhältnis zwischen Ballack und Klinsmann lesen wir: „Ballack, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, hatte alle Sonderrechte bei den früheren Trainern. Er konnte machen, was ihm gerade in den Sinn kam, ohne seine Stellung im Team in Gefahr zu bringen. Er war der Beste und hatte das Recht zu spielen. In dieser Rolle blieb er bis zum ersten Spiel. Klinsmann nahm ihn aufgrund seiner körperlichen Verfassung aus dem Team. Ballack protestierte, erhielt die Unterstützung durch die Medien und hielt sich für den Sieger in diesem Machtkampf. Er hat sich geirrt. Deutschland gewann die erste Begegnung mit Toren und sehr gutem Spiel. Und Ballack kam unter anderen Bedingungen ins Team zurück – unter denen, die Klinsmann aufgestellt hat. Das Bemerkenswerteste ist, daß Ballack spielt wie nie. Er nimmt am Spiel in einem bislang unbekannten Ausmaß teil, ohne dabei seinen Torinstinkt aus den Augen zu verlieren. Und davon, dass er gut spielt, profitiert das ganze Team.“ (ag)

Die legitime Freude eines Volkes in Feierstimmung

Weniger begeistert, aber ebenso erstaunt wird der Erfolg der deutschen Mannschaft in Italien betrachtet; vom „Deutschland-Effekt“ (La Repubblica) ist bereits die Rede, und erstaunlicherweise ohne die üblichen „Panzer“-Etiketten. Dem Schweden-Spiel widmet der Corriere della Sera eine Doppelseite mit dem Aufmacher: „Ein Land im Delirium. Deutschland liegt Podolski zu Füßen“ und zitiert die Bundeskanzlerin: „Diese Mannschaft glaubt an sich selbst und kann noch weit kommen!“ Kommentator Roberto Perrone fügt skeptisch hinzu: „Dazu muß sie aber auch beim Finale auf eine fröhliche Schwedenmannschaft stoßen, die prinzipiell auf Distanz zu der Zone geht, in der sich gerade der Ball befindet. Zwei Tatsachen sollten berücksichtigt werden (das sagen wir, die wir gerade dabei sind, unsere Nationalmannschaft zu zerfleischen): zum ersten die Leichtgewichtigkeit der bisherigen Gegner, zum zweiten die ‚kleinen Hilfen’ der Schiedrichter. (…) Deutschland also. Ballack hat noch kein Tor geschossen und wird langsam nervös. Bestes Einvernehmen zwischen Klose und Podolski. Im Ganzen eine nicht unbesiegbare, aber solide und vor allem entschlossene Mannschaft. Wenn sie nicht noch jemand Stärkeren findet, frißt sie alle Schwächeren.“ Ein kleiner Artikel mit dem Titel „Poldi, der polnische Totti“ widmet sich Podolskis Irritation über den Radiosender EinsLive: „Sprechen wir einmal von diesem Deutschland der polnischen Immigranten. Wenn die Helden eines Volkes, im Delirium Podolski und Klose heißen, 67 Jahre nach der großen Tragödie, die mit der Invasion Polens begonnen hat, dann ist das ein schönes Geschenk für die Geschichte Europas und eine Einladung, die Begeisterung Deutschlands mit heiterer Gelassenheit als das zu betrachten, was sie ist: die legitime Freude eines Volkes in Feierstimmung.“

In der Spielanalyse heißt es: „Vorangetrieben vom Enthusiasmus einer ganzen Nation, aber vor allem von der Kraft der eigenen Ideen, hat Deutschland Schweden in zwölf Minuten weggefegt, um danach das zu probieren, was der Mannschaft weniger gut gelingt, nämlich das betont spektakuläre Spiel. (…) Deutschland hat jedenfalls eine Sicherheit und eine Meisterschaft auf dem Spielfeld gezeigt, die auf Anhieb ihre Überlegenheit gegenüber den Schweden deutlich gemacht hat. Sie hat nicht einen Augenblick gezögert, zutiefst überzeugt davon, was zu tun war und was sie kann, auch dies ein Werk des Zauberers Klinsmann. In diesem Festival haben sich drei besonders hervorgetan: Podolski, der beide Tore geschossen hat, Klose, der alle beide inspiriert hat, und Ballack, der nach der Spielverteilung versucht hat, sei erstes Tor der WM zu schießen.“ (sh)

SZ: weitere Pressestimmen aus dem Ausland

Schlechtes Timing

Jürgen Schmieder (sueddeutsche.de) kommentiert den Mißmut Oliver Kahns, den er heute in einem Spiegel-Interview äußert: „Natürlich hat Kahn das Recht, seine Meinung öffentlich zu machen. Seine Verdienste sind unbestritten. Natürlich darf er über seine Situation sprechen, seinem Unmut Luft machen. Das ist nur verständlich. Aber warum gab er dieses Interview nicht schon lange vor dem Turnier oder – noch besser – nach dem 9. Juli? Das Timing war einfach schlecht gewählt. Man kann nur hoffen, dass Klinsmann und die Mitspieler gelassen und souverän mit dieser Situation umgehen. Die deutsche Mannschaft funktioniert über Teamgeist und den Glauben an sich selbst. Das sollte auch Oliver Kahn verstanden haben.“
Dem Spiegel hat Kahn verraten: „Auf der einen Seite versuche ich immer zu tun, was für die Mannschaft nötig ist, weil ich mich selbst zurücknehmen kann. Auf der anderen Seite habe ich ihm deutlich gesagt, dass ich das nie verstehen werde, warum ich nicht mehr die Nummer 1 bin. Es gab auch nie eine Erklärung. Es gab nur die Aussage: Wir machen das jetzt mal mit Jens Lehmann, der Jens ist die Nummer 1 bei der WM. Man sprach von einem ‚Tick’, den er besser sein solle. Entschuldigung, aber wechselt man die langjährige Nummer 1 aus, wenn diese konstant spielt, wenn ein anderer einen ‚Tick’ besser sein soll? Das ist für mich keine Begründung. Für Frankreich spielt Barthez, für Holland van der Sar, für Italien Buffon. Wo ist der Unterschied? Ich habe zwei Jahre auf höchstem Niveau gespielt, meine Champions-League-Spiele gut gemacht, bin zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger geworden und habe eine riesige Turniererfahrung. Es gab eigentlich keinen Grund, die Nummer 1 abzusetzen. Normalerweise hätte ich schon eine fundierte Erklärung erwartet. Aber da sie bis heute ausgeblieben ist, gibt es wahrscheinlich keine.“

FAZ: Kahns Leiden auf der Bank

Ich finde Klinsmann wunderbar

Der Stimmen von Prominenten zum Sieg gegen Schweden: Günter Grass jubelt: „Die ersten 25 Minuten sind unvergesslich. Es war sehr ästhetisch. Ich finde Klinsmann wunderbar.“ Daniel Cohn-Bendit sagt in einem Interview mit der taz: „Klinsmann hat mit der Mannschaft das geschafft, was Rot-Grün mit der deutschen Gesellschaft nicht geschafft hat: Eine Modernisierung durchzusetzen in einer Umgebung, die modernisierungs-resistent ist. Nicht die Deutschen sind modern, das ist Klinsmann. Was er durchgesetzt hat, ist die neue, offensive Spielweise. Klinsmann hat das gegen die Öffentlichkeit, gegen die Horrorachse Beckenbauer, Bild, Breitner, Netzer geschafft. In Deutschland war es aber auch einfacher. Die hatten keine Spieler mehr, nur noch eine anachronistische Philosophie. (…) Es ist unglaublich, wie voyeuristisch und sadistisch das Fernsehen jetzt mit Oliver Kahn umgeht, indem es ihn während des Spiels häufig in Großaufnahme zeigt. Das beweist, dass sie überhaupt kein Fingerspitzengefühl haben für die Dramatik, die in einem Menschen vorgehen kann. Deshalb hat Zidane das Spiel gegen Togo nicht auf der Bank angeschaut.“ Und Franz Beckenbauer möchten wir empfehlen, die Gelassenheit beizubehalten, die der Frischvermählte nun an den Tag legt. Auf die Frage, ob das Viertelfinale eine zu hohe Hürde sein werde, entgegnet er: „Für wen, für die Argentinier?“

SZ: weitere Stimmen zum Spiel

Turnierrekordhöhe deutlich unterschritten

Christof Kneer (SZ) tröstet Henrik Larsson, den erfolglosen Elfmeterschützen, ein wenig: „Der Elfmeter und die K.o.-Runde, das ist eine alte, immer neue Geschichte, und vielleicht darf sich Larsson mit dem Gedanken trösten, dass er die historische Turnierrekordhöhe deutlich unterschritten hat. Jenen Rekord hält weiterhin unangefochten Uli Hoeneß, der 1976 im EM-Finale einen Elfmeter derart himmelwärts jagte, dass der Ball bis heute als vermisst gilt. Wer suchen möchte, bitteschön, in Belgrad war das damals, aber es ist nicht auszuschließen, dass der Ball heute in einer der Teilrepubliken liegt. So herrlich versemmelt hat Larsson keineswegs, sein Schuss hätte es höchstens auf den Busparkplatz hinter der Arena geschafft, er hätte vielleicht im schwedischen Bus landen können und wäre dann nach Malmö oder Norköping transportiert worden. Aber heute fliegen keine Bälle mehr aus Stadien, und die Arena in München ist besonders steil, vermutlich wegen Uli Hoeneß.“

BLZ: Abgang in Finsternis – Schwedens Team hat seinen Zenit hinter sich

Samstag, 24. Juni 2006

Ball und Buchstabe

Egozentrik

Unter dem Titel „Menschenfeind“ – Peer Schader (FAZ/Medien) ist von Oliver Pochers WM-Sendung angewidert: „Mag ja sein, daß es ganz originell ist, während der Fußball-WM durch das Land zu reisen und sich gemeinsam mit ganz normalen Menschen die Spiele anzugucken: in Kleingartensiedlungen, auf Feuerwachen, in der Hotelküche. Beim Sender haben sie nur übersehen: Pocher ist der falsche Mann dafür. Er kann nicht mit Menschen umgehen, er kann sich bloß über sie lustig machen. Nirgendwo ist das offensichtlicher als bei ‚Pocher zu Gast in Deutschland‘, das Pro Sieben tatsächlich live sendet, was Pocher dazu nutzt, während der Sendung bei wildfremden Leuten zu klingeln, den Fernseher einzuschalten und seine Opfer damit zu erschrecken, daß man ihr Wohnzimmer gerade im Fernsehen sieht. Den Rest kann man sich schenken: Pocher macht Ratespielchen mit gelangweilten Zuschauern, Pocher verschenkt CDs, auf die er einen Fußball-Song gegrölt hat, Pocher nimmt ein Bad in der Menge. Soviel Egozentrik stört nicht nur, man müßte sie verbieten. Zumindest während der WM. Was sollen nur die Gäste denken?“

Klinsmann kann uns die Türken repräsentieren

taz-Interview mit dem Filmemacher Neco Çelik über den neuen Patriotismus der Deutschtürken
taz: Was ist bloß in den türkischen Communities passiert?
Çelik: Ja, unglaublich! Ich bin auch überrascht. Bei der letzten WM war es völlig normal, für die Türkei zu sein – aber das fühlt sich weit weg an. Wahnsinn, wie alle für Deutschland jubeln.
taz: Woher kommt die plötzliche Begeisterung?
Çelik: Ich glaube, das liegt an Jürgen Klinsmann. Dieser Mann strahlt eine Sympathie aus, die sogar den Türken auf der Straße erreicht. Rudi Völler verkörperte noch den Deutschen von nebenan, die Mannis oder Kalles. Deshalb fanden ihn die Deutschen ja so toll. Türken dagegen hatten das Gefühl: Der kann uns nicht repräsentieren. Bei Klinsmann ist das anders.
taz: Womit spricht er denn die Türken an?
Çelik: Er ist ein Held, der sich gegen die Reaktionäre beim DFB erhoben hat, der in Kalifornien lebt und sein Ding macht, der den Kahn vom Thron gestoßen hat …
taz: … die ewige Torwart-1 Oliver Kahn, der ja auch für den Urteutonen steht?
Çelik: Unter anderem, ja. Aber Kahn steht auch für etwas, das absolut nicht zu ändern war. Bis Klinsmann kam. Genauso wie er Odonkor hervorgeholt hat, also den jungen Leuten und den Migrantenkindern eine Chance gab.
taz: Das ist schon die Erklärung für all die Fähnchen an Döner-Buden und Autos?
Çelik: Nicht nur. Entscheidend ist, dass die WM in Deutschland stattfindet und die Immigranten sich plötzlich als Gastgeber fühlen.
taz: Warum lachen Sie? Weil Türken schon immer die besseren Gastgeber waren?
Çelik: Ja, das ist ein wenig absurd. Aber schön. Auch Deutschtürken fühlen sich angesprochen von dem Motto ‚Zu Gast bei Freunden‘, und das ja zu Recht. Selbst wenn wir uns lieber lokal definieren – ich bin eben Berlin-Kreuzberger – repräsentieren wir ein anderes Deutschland. Und das aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, nicht weil es jemand angeordnet hätte.
taz: Welches Interesse haben denn die Jugendlichen, etwa auch die gute Gastgeberrolle?
Çelik: Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass sie jetzt Deutschlandfähnchen an ihre aufgemotzten BMWs stecken – und davon nicht nur eine oder zwei. Ich glaube, das ist eher ein Trendphänomen. Nach dem Motto: Ah, Ali hat eine Fahne, dann will ich auch.
taz: Mit Nationalgefühl hat das Ganze demnach nichts zu tun.
Çelik: Nationalismus spielt keine Rolle.
taz: Was halten Sie von den Interpretationen, dass das ein Zeichen des Integrationserfolges sei?
Çelik: Ach, Blödsinn. Das Schlagwort Integration, das ist eh für den Arsch. Die Politiker haben vierzig Jahre nichts dafür getan. Dabei könnten Türken hier Berge versetzen, man muss sie nur ansprechen. Das passiert bei der WM.

taz: Diedrich Diederichsen über die WM-Party
NZZ-Interview mit Klaus Theweleit („Tor zur Welt“) über die Risiken des WM-Patriotismus

FR: Über die Schwäche Afrikas

SZ: Alles läuft streng nach Plan, wie am Reißbrett eines Organisationsweltmeisters entworfen. Keine besonderen Vorkommnisse, überraschend nur, dass es keine Überraschungen gibt

FAZ-Interview mit Michel Platini

FR: Allzu große Einkommensunterschiede drücken angeblich auf die Leistung von Fußballspielern, wie eine aktuelle Studie von Schweizer Wissenschaftlern zeigt

WM 2006

Keine Scheu vor unpopulären Entscheidungen

Frank Heike (FAZ) stellt den schwedischen Trainer vor: „Die Stars haben keinen Freifahrtschein bei Lars Lagerbäck; er scheut sich nicht vor unpopulären Entscheidungen. Lagerbäck ist Schwede, er denkt im Sinne der Gemeinschaft. Die Mannschaft akzeptiert Lagerbäcks Entscheidungen. Sie respektiert ihn, aber man geht deutlich distanzierter miteinander um als Klinsmann und seine Spieler. Schweden ist ja immer wieder als das Team der großen Namen Larsson, Ljungberg, Ibrahimovic betrachtet worden. Doch bei dieser WM hat Ibrahimovic noch gar nichts gezeigt, Larssons intelligentes Spiel aus Barcelona scheint nicht kompatibel mit dem schwedischen, und Ljungberg hat im Nationaltrikot wieder nicht überzeugt. Lagerbäck hat erfreut erlebt, wie andere die Kohlen aus dem Feuer geholt haben (wenn auch Ljungberg und Larsson natürlich wichtige Tore schossen): Teddy Lucic etwa spielt eine fehlerfreie WM. Er soll Klose stoppen. Tobias Linderoth stopft mit beeindruckender Laufstärke alle Löcher im Mittelfeld. Erik Edman schließt die linke Seite ab. Und Kim Källström ist der erwartete Spritzer Genialität im oft genug stereotypen Spiel der Skandinavier. (…) Lagerbäck selbst ist alles andere als unumstritten in der Heimat. Ihm fehlt die Vergangenheit als Profi; weder als Spieler noch als Trainer ist er über untere Klassen hinausgekommen.“

taz: Über Diskussionen in der schwedischen Öffentlichkeit vor dem Spiel gegen Deutschland: „Ein paar irre Weltverbesserer wollen, dass Deutschland gewinnt – damit es in Europa endlich wieder bergauf geht“
BLZ-Portrait Freddy Ljungberg

Verantwortung

Thomas Klemm (FAZ) erklärt die neue Stärke Luis Figos: „Während er bei der Europameisterschaft 2004, als er 31 Jahre alt war, nach den Spielen aussah wie mindestens 41, so ist er heute auf der Höhe seiner Lebenszeit: Er ist 33, sieht aus wie 33 und spielt auch so: effektiv. Er weiß seine Kräfte und Kunststücke einzuteilen. Seine Dribblings hat er sowenig verlernt wie seine Flanken, aber er beweist auf dem Feld außerdem eine Übersicht, die ihn neben Regisseur Deco zum spielbestimmenden Mann in der Seleccao macht. Luis Figo, früher zeitweise verbissen darum bemüht, dem hervorragenden Ruf der ganzen ‚Goldenen Generation‘ gerecht zu werden, übernimmt gelassen Verantwortung. Der 123malige Nationalspieler motiviert Mitspieler, oder er bremst ihren Ehrgeiz.“

taz-Portrait Deco
FR-Portrait Cristiano Ronaldo – Schnösel und Genie

taz: Wie Argentinien Weltmeister wird – Expertise eines argentinischen Journalisten

taz: Eriksson kritisiert Beckham

NZZ: Zwischenfazit nach der Vorrunde

WM 2006

Licht und Schatten

Sehr nüchtern begeht Flurin Calüna (NZZ) den Gruppensieg der Schweiz: „Es gibt ein Haar in der Suppe, die Kritik, die in der Euphorie nicht gehört werden will. Begeisternd haben die Schweizer Fussballer an dieser WM bisher kaum gespielt. Auch zuletzt gegen Südkorea nicht, obwohl ihr ein souveräner Match gelang, der vielleicht beste an diesem Turnier. Die Mannschaft hat Erwartungen geweckt, die schwierig zu erfüllen sind. Licht und Schatten wechselten sich bisher in rascher Folge ab. Spielerisch sind die Schweizer noch entfernt von der Form und der Konstanz jener leuchtenden Herbsttage, als sie in Bern die Franzosen an den Rand einer Niederlage drängten und die Türkei besiegten.“

NZZ: Frankreich siegt ohne Zidane

Gruppe H

Gelähmt

Ukraine qualifiziert sich durch ein 1:0 gegen Tunesien fürs Achtelfinale, und Peter Heß (FAZ) verdreht die Augen: „Tschechien, die Elfenbeinküste und die Vereinigten Staaten müssen abreisen, die Ukraine steht im Achtelfinale – so ungerecht kann die Fußball-Welt sein. Der Mannschaft von Trainer Oleg Blochin genügte ein 1:0 von der schmucklosesten Sorte. Der sonst schwache Andrej Schewtschenko erzielte das Tor per Foulelfmeter, den er unberechtigterweise für einen Sturz im tunesischen Strafraum zugesprochen bekommen hatte. Die Tunesier enttäuschten jeden, der sie im vergangenen Sommer im Confed-Cup erlebt hatten. Bei der WM-Generalprobe kämpfte die Mannschaft von Trainer Roger Lemerre noch. Als es darauf ankam, wirkte sie wie gelähmt. 70.000 Zuschauer sorgten auch in dieser Partie für eine der WM-würdige Stimmung. Leider beteiligten sich die Spieler nicht an den Bemühungen des Publikums.“

FR: Spanien läuft zur letzten Partie der Vorrunde mit seiner zweiten Garde auf, siegt mit einem Pflichttor und ödet die Fußballwelt einen Nachmittag lang an

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