Montag, 19. Juni 2006
WM 2006
Fernwirkung
Nina Klöckner (FTD) erlebt die Italiener beim 1:1 gegen die USA unter dem Eindruck des Moggi-Skandals: „Sie haben sich so fest vorgenommen, für positive Schlagzeilen zu sorgen. Sie wollten den Leuten zeigen, dass sie gewinnen können, auch ohne dass vorher jemand dafür sorgt. Doch wie verunsichert die Mannschaft ist, zeigt sich, sobald nicht mehr alles nach Plan läuft. Der Trubel um den Wettskandal in der Heimat scheint auch im fernen Deutschland noch zu wirken. Viele Kicker der Auswahl wissen weder wo noch in welcher Liga sie demnächst kicken werden. Sie befinden sich auf einer heiklen Mission. Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre eine Katastrophe.“
Krieg auf der Festung Betze
Ulrich Hartmann (SZ) verabscheut die Kriegsmetaphern einiger Spieler und die ungehörige Spielweise: „Vielleicht hatten die Amerikaner diesen Erfolg ganz nüchtern und minutiös in ihrem Militärstützpunkt in Ramstein vorbereitet, jenem Fliegerlager in der Pfalz, in dem sie vor dem Spiel zwei Tage und zwei Nächte zugebracht hatten in nächster Nähe zu ihren Soldaten. Im dazu passenden Jargon hatte der Nationalspieler Eddie Johnson vom Fußball als ‚Krieg‘ und ‚Schlacht‘ gesprochen, und man hatte das schon für eine misslungene Metapher gehalten, bevor sich ein Fußballspiel ereignete, nach welchem der verbal sehr viel bedächtigere amerikanische Torwart Kasey Keller über seine Kameraden sagte: ‚Diese Jungs haben heute für ihr Land geblutet!‘ Das war nicht mal übertrieben. Drei Feldverweise und eine blutende Platzwunde bildeten die Bilanz eines martialisch anmutenden Spiels.“ Bernd Müllender (taz) pflichtet bei: „Am vierten Todestag von Fritz Walter (16 Sekunden Gedenkminute) hatten sie mit Leidenschaft gespielt, druckvoll und mit viel Teamspirit, aber auch auffallend schematisch, ohne Pfiff und überraschenden Witz: Schablonen-Soccer vom Reißbrett. Vielleicht war es Soccer, Fußball war es kaum. Eher: Krieg auf der Festung Betze, voller Blutgrätschen, Giftigkeit und am Ende mit drei Platzverweisen.“
taz: Mit dem großartigen, irrealen Psychospiel Italien–USA ist das Ende der Vorhersagbarkeit da. Nun kann das Turnier ein großes werden. Und Italien? Muss den Furz im Kopf wieder loswerden
FR: Totti bleibt die Spucke weg
SZ: Italiens Trainer nimmt seine Spieler in Schutz
NZZ-Portrait Daniele de Rossi, der Übeltäter
Entfesselter Angriffswirbel
Christoph Biermann (SZ) ergötzt sich am 2:0-Erfolg Ghanas über Tschechien: „Nun ist auch die Suche nach dem Außenseiter beendet, der die Herzen des Publikums erobert. Endlich passierte bei dieser WM einmal das Unerwartete, und sofort adoptierte das Kölner Publikum die ghanaische Mannschaft mit einer Begeisterung, als ob auf dem Rasen der 1. FC Köln noch den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffen könnte.“ Ingo Durstewitz (FR) ergänzt: „Der Auftritt der Black Stars war trotz fehlender Kaltschnäuzigkeit vor des Gegners Tor beeindruckend und hinreißend, leichtfüßig und elegant, athletisch und dynamisch. Die Afrikaner, allesamt technisch perfekt ausgebildet, zelebrierten das Spiel, sie berauschten sich an ihrer eigenen Schönheit. Und sie rissen gar die neutralen deutschen Zuschauer von ihren Sitzen, die voller Inbrunst den Klassiker ‚Oh, wie ist das schön‘ in ohrenbetäubender Lautstärke intonierten. Die Stadt Würzburg begrüßte ihre neuen Helden mit einem rauschenden Empfang. Selbst Karel Brückner, der weise Trainer der Tschechen, rieb sich verwundert die Augen. Einen solch entfesselten Angriffswirbel hatte er, hatte kein Mensch auf diesem Planeten erwartet.“
Auslaufmodell
Roland Zorn (FAZ) beschreibt die Hilflosigkeit der Tschechen: „Mit ihren Serienattacken zerbröselten die Ghanaer die verteidigungsunfähige tschechische Defensive. Trainer Karel Brückner sah mit eisiger Miene zu, wie sein Spielkonzept schon nach 66 Sekunden durchlöchert und auch danach nicht mehr zu flicken war. Der 66 Jahre alte Gentleman hatte wie seine Spieler auch Fehler gemacht, indem er sein Team so uninspiriert weiterwurschteln ließ, wie es begonnen hatte.“ Freddie Röckenhaus (SZ) fügt an: „Ob eine offensiv so starke Mannschaft wie die Tschechen es so weit kommen lassen musste, ist eine Frage, die sich der vermeintliche Trainer-Professor Brückner nach der WM wird stellen müsste. Selten hat man bei dieser WM so eindrucksvoll sehen dürfen, dass defensives Taktieren zum Auslaufmodell wird. Trotz eines Otto Rehhagel und seiner Griechen – jenem Modell, das bei der EM 2004 noch vorne lag.“
Ascheplatz
Auslaufmodell
Roland Zorn (FAZ) kommentiert die Reaktion des Fifa-Präsidenten auf die Verfehlung des botswanischen Exekutiv-Mitglieds Ismail Bhamjees, der sich durch Ticketverkäufe auf dem Schwarzmarkt bereichern wollte: „Blatter, der selbst schon mit Korruptionsanschuldigungen zu kämpfen hatte, kam der Fall Bhamjee, so unangenehm er für die Fifa ist, vielleicht gar nicht so ungelegen. So kann der Schweizer, der dem Fifa-Kongreß vor dem WM-Auftakt mit vielen hehren Sätzen die Gründung einer neuen, unabhängigen Ethikkommission schmackhaft machte, den starken Worten sogleich Taten folgen lassen. Der geständige Bhamjee, dazu gehört nicht viel Prophetie, wird sich nach seinem Abschied vom Turnier auch von seinem gut dotierten Posten im Exekutivkomitee trennen. Ein paar eindringliche Warnungen dürften in seinem Fall genügen, letzte Zweifel am freiwilligen Rückzug zu zerstreuen. Um Blatter herum sitzen aber noch immer Fußballgranden, deren Leumund nicht als überragend gilt. Ob sich der Walliser im Zeichen der neuen Fifa-Moral und mit Hilfe frischer, unverbrauchter Kräfte in den Konföderationen von alten Kameraden lossagen kann? Erst wenn dieses zuweilen an ein Politbüro postsowjetischer Provenienz erinnernde Gremium offener, liberaler, demokratischer anmutete, würde der Fifa-Kampf um mehr Reputation auch in Deutschland glaubwürdiger. Vielleicht kommt der große Schnitt aber erst, wenn der persönlich um weltweite Anerkennung kämpfende Blatter gegangen sein wird. Jetzt ist er 70, im kommenden Jahr läßt er sich noch einmal zum Fifa-Boss wählen. Wenn er dann mit 75 aufhört und die jetzige Fifa-Exekutive mit Blatter auf dem Thron noch weiter ergraut, wird kaum noch jemand an eine Fifa-Reform von innen heraus glauben – mag es bis dahin noch so viele Ethikkommissionen geben.“
Thomas Kistner (SZ) erkennt zweierlei Maß: „Bhamjee ist ein Fifa-Auslaufmodell, keine Schlüsselfigur wie Kollege Jack Warner aus Trinidad. Jack, der nun auch über Bhamjee urteilt, ist jüngst selbst beim Versuch erwischt worden, sich an WM-Tickets zu bereichern, die er über seine Familienfirma in Trinidad anbot. Dabei ging es um 10.000 Tickets – wie ehrenhaft ist also das Rechtsempfinden im Weltfußball? Zumal Warner schon seit Jahrzehnten exklusiv Geschäfte mit dem Landesverband betreibt und zudem wiederholt die TV-Rechte für die Karibik von der Fifa abkaufen durfte: für, hoppla, einen Dollar pro WM. Hier macht einer Millionen, dort wird einer mit 2.400 Euro geschnappt. Der Vorwurf an Bhamjee kann daher nur lauten: Sorry, Sportsfreund, du hast das Spiel nicht begriffen. Und Stümper fliegen raus.“
BLZ: Hintergrund, Bhamjee
Mediatorin
Daniel Theweleit (taz) kritisiert die Verbände Afrikas und die Fifa: „Es ist ein kleines Drama, dass Trainer in Afrika noch weniger geschätzt werden als in Europa. Die Posse um Togos Trainer Otto Pfister nahm derart skurrile Wendungen, dass sie irgendwann einen gewissen Unterhaltungswert entwickelte. Der Hintergrund dieser Geschichte ist vielleicht das schwerwiegendste Problem des afrikanischen Fußballs: Ein Nationalverband nimmt über Antrittsprämien – vor allem aber über Zuwendungen der Fifa – für afrikanische Verhältnisse gigantische Devisensummen ein. Eigentlich sind diese Gelder für die Mannschaften und zur Re-Investition in den Fußball gedacht, ‚aber die Fifa kontrolliert viel zu lax, was mit dem Geld passiert‘, hat Claude Le Roy, der Trainer des Kongo, einmal gesagt. Die Fifa, die sich so gern als Weltstaat des Fußballs und moralische Superinstanz profiliert, schert sich nicht um diese Strukturen, sie ist aber die einzige Macht, die Einfluss nehmen könnte, indem sie Sanktionen verhängt, Gelder zurückhält. Das tut sie nicht, warum also sollten die Funktionäre etwas rausrücken von dem schönen Geld? Kritiker sagen, dass Sepp Blatter hier gezielte Ignoranz walten lasse und sich so die Stimmen der Nationalverbände sichere.“
Peter B. Birrer (NZZ) fordert die Fifa auf, beim togoischen Prämienstreit eine aktivere Rolle zu spielen: „Die Spieler suchen im WM- Schaufenster den Weg an die Öffentlichkeit, weil sie zu Recht befürchten, dass die Fifa- Prämien im verfilzten Polit- und Funktionärs-Klüngel des eigenen Landes verschwinden. Die Aufgabe der Fifa kann nicht sein, die Probleme in Togo und anderswo zu lösen. Aber darum geht es nicht. Die Fifa verteilt Millionen und weiss, was dies in autokratisch geführten Ländern der Dritten Welt bedeuten kann. Deshalb muss sie in solch (absehbar) harten Fällen früher als Mediatorin auftreten und so weit wie möglich kontrollieren, wohin das Geld fliesst. Nicht in ihrem Sinn kann sein, wenn sieben Millionen Franken irgendwo versickern sollten. Die Togo-WM-Saga ist bedenklich – und nicht etwa lustig.“
FR: Afrikanische Fußballmannschaften verlassen sich gerne auf Voodoo und Schwarze Magie beim sportlichen Wettkampf
SZ: Die Fifa kommt den Vereinen entgegen und zahlt, wenn Spieler wegen WM-Verletzungen ausfallen
taz: Puma rennt ihren Konkurrenten im Fußballgeschäft hinterher. Bis zur WM 2010 will man aufholen. Die Strategie: Afrikas Markt früh erobern. Dabei soll die Installation von Trainern helfen
FR: Milliarden vom Steuerzahler – was sich die öffentliche Hand die WM kosten läßt, Stadioninvestitionen mit hohem Risiko verbunden
Deutsche Elf
Wir brauchen starke Hierarchien
Joachim Löw im SZ-Interview
SZ: Zu den Abstimmungsproblemen gehört wohl, dass ein Abwehrspieler sagt, man würde auf Abseits spielen und ein anderer sagt, man würde es nicht.
Löw: Wir wollen nicht auf Abseits spielen, das muss man jetzt mal klar sagen. Man hat Arne Friedrich ja vorgeworfen, er sei gegen Costa Rica zweimal zu spät rausgelaufen und hätte damit die Abseitsstellung aufgelöst. Das ist einfach nicht wahr. Da haben sich eindeutig die Innenverteidiger falsch verhalten. Beim zweiten Tor steht Arne völlig richtig, nur ein Innenverteidiger steht falsch. Beide rennen raus, einer hätte bleiben müssen. Wir haben der Mannschaft noch mal eingebläut: Wenn einer rausrückt, müssen sich die anderen zur Absicherung fallen lassen. Wenn Gefahr droht, erst mal zurückweichen! Den Rücken stärken! Das ist das Grundprinzip, nichts anderes. Auf Abseits spielen, das kann vielleicht eine Vereinsmannschaft, die das ein Jahr lang einstudiert.
SZ: Zuletzt war immer wieder auffällig, dass die deutschen Gegner durch Löcher im Mittelfeld spazieren konnten.
Löw: Deswegen haben wir der Mannschaft auch gesagt: Das Zentrum muss zu sein! Wenn außen mal einer frei steht, ist die Situation zunächst mal weniger gefährlich. Aber ein Pass in die Mitte kann, wie man gegen Costa Rica gesehen hat, sofort tödlich sein.
SZ: Sie haben gegen Costa Rica auf Michael Ballack verzichtet. Das wurde gelegentlich als Strafaktion interpretiert und als Versuch, die Hierarchie noch flacher zu machen, nach dem Motto: Du, Michael, bist auch nur einer von 23.
Löw: Auf keinen Fall. Die Hierarchie flacher zu machen, wäre bei unserer jungen Mannschaft das Falsche. Wir brauchen eher stärkere Hierarchien. Aber in Michaels Fall hat der Arzt eben am Spieltag nach der Kernspin gesagt: Vorsicht, der Muskel ist noch nicht in Ordnung, auch wenn Michael vielleicht nichts mehr spürt. Der Arzt hat gesagt, ein Einsatz sei ein hohes Risiko, und deshalb haben wir gesagt: Michael, nein!
SZ: Wenn man Sie über Taktik reden hört, drängt sich die Frage auf: Ist Deutschland überhaupt eine Klinsmannschaft? Oder ist es nicht eher eine Löw-Mannschaft?
Löw: Das kann man nicht beantworten. Diese Mannschaft ist ein Produkt gemeinsamer Arbeit.
SZ: Aber Sie sind ja nicht mehr der klassische Assistent. Zumindest ist in der Nationalmannschaft noch nie so viel über Taktik gesprochen worden.
Löw: Mir geht es darum, dass wir in Deutschland lernen müssen, im Training noch seriöser zu arbeiten. Das sind oft einfache Dinge: Wenn ich als Trainer sage, der Ball muss flach gespielt werden und er kommt in 30 Zentimeter Höhe angeflogen, dann ist das falsch. Dann muss ich sagen: Fehler, Übung nicht korrekt ausgeführt. Ich habe vor drei Jahren bei Barcelona hospitiert, und da gab’s eine Übung: Ein Abwehrspieler spielt einen 20-Meter-Flachpass ins Mittelfeld, ein Mittelfeldspieler nimmt den Ball an, aber natürlich nicht mit dem Rücken zum Tor, und spielt ihn direkt weiter in die Spitze, scharf und flach. Der Stürmer nimmt den Ball an, macht eine Finte und schießt. Wenn diese Aktion abgeschlossen ist, geht’s hinten wieder los, und das machen die hundertmal. Hundertmal! Und im Spiel kommt der Ball nicht auf die Brust oder ans Knie, sondern?
SZ: Flach.
Löw: Flach, genau. Wer hier die Spanier gesehen hat, weiß, was ich meine.
SZ: Kann man das so einfach auf Spieler von Hannover 96 oder Hertha BSC Berlin übertragen?
Löw: Wir versuchen das. Klar gab’s am Anfang der Vorbereitung mal das eine oder andere Problem. Wir haben den Spielern gesagt: Wir wollen das aber so, das ist unsere Vorstellung, und wenn wir verschieben, dann bitte nicht so, sondern anders. Wir sind von unserem Ansatz überzeugt, und deswegen arbeiten wir dran. Und ich glaube, dass die Spieler inzwischen mehr Fußball denken. Sie spielen weniger intuitiv, sie machen mehr Dinge bewusst. Und unterm Strich laufen sie dann in einem Spiel weniger und sparen mehr Kraft, als wenn sie vor sich hin kicken. Natürlich war unsere Fitness gegen Polen vor allem deshalb gut, weil wir daran viel gearbeitet haben – aber auch, weil wir strukturierter spielen. Das geht noch nicht immer, siehe Costa Rica, das war nicht immer diszipliniert, da war viel Überschwang und Nervosität. Aber im Prinzip wird das immer besser.
SZ: Sollte die deutsche Elf eine gute WM spielen, würde das auch Ihnen als Erfolg angerechnet. Ist diese WM Ihre große Karrierechance?
Löw: Ich fühle mich in der gegenwärtigen Konstellation sehr wohl. Mein Arbeitsbereich ist absolut zufriedenstellend, und ich habe Verantwortung.
SZ: Machen Sie Ihre Karriere von Jürgen Klinsmann abhängig oder haben Sie eigene Pläne?
Löw: In erster Linie mache ich meine Entscheidung von Jürgen abhängig. Ich habe erstmals in meinem Leben keinen Zukunftsplan. Die Situation ist eben so, dass erst nach der WM entschieden wird, und Jürgen wird mein erster Ansprechpartner sein. Wir werden uns fragen: Was wurde erreicht, wie geht’s weiter?
FR: Joachim Löw verschafft sich zunehmend Anerkennung
SZ: Aus dem Zauderer Klose ist ein aggressiver Torjäger geworden
Welt-Interview mit Michael Ballack
FR-Interview mit Ballack
Sonntag, 18. Juni 2006
WM 2006
Klasse fehlt
Jens Weinreich (BLZ) faßt die „Todesgruppe“ zusammen: „Die Holländer, die neuerdings so gern und sogar ganz passabel verteidigen, vor allem aber die Argentinier versprechen noch viel in diesem Turnier. Dass sich die Serben und Montenegriner verabschieden, dürfte außerhalb Belgrads kaum jemanden interessieren, und es ist auch kaum von Belang für den Fortgang des Titelkampfes. Sie können jetzt in aller Freundschaft darüber diskutieren, ob es sich hier um eine Fußball- oder eine Box-Weltmeisterschaft gehandelt hat. Im Training haben sie sich jedenfalls geprügelt, so wurde kolportiert. Schade ist es nur um die Elfenbeinküste. Gerade das Team um Kapitän Didier Drogba hatte so viel versprochen. Die Ivorer haben sich prächtig gewehrt gegen Argentinien und Holland, doch man muss auch sagen, dass sie als Mannschaft nicht die Klasse hatten, um mehr auszurichten.“
Extraklasse
Thomas Klemm (FAZ) applaudiert den Argentiniern beim 6:0 gegen die Serben: „Gegen eine serbisch-montenegrinische Defensive, die das Auftreten des Gegners mehr bewunderte als störte, bewiesen die Argentinier eine Extraklasse, mit der sie sich bei dieser WM bislang aus allen Konkurrenten herausheben. Wann immer sie ein Tor schießen wollten, so schien es, trafen sie auch.“ Bernd Müllender (taz) über eine Art göttlichen Auftritt: „Beim Einlaufen der Teams hatte sich die gesamte Haupttribüne noch respektlos vom Rasen abgewandt. Die aktuellen Stars? Egal! Denn er war erschienen: Diego Armando Maradona. Und die vergötterte Legende gab wieder den kaspernden Fäusteschwinger, tausende Jünger huldigten dem hüpfenden Maskottchen. Zur Entourage des faxenden VIP-Prolls im argentinischen 10er-Trikot gehörte auch eine sonnenbebrillte Gestalt wie aus dem Box-Comic. ‚Bei dem‘, lachte ein Polizist kopfschüttelnd, ‚würden unsere Drogenhunde sofort anschlagen, woll!‘ Und bei jedem Tor drehten sich immer wieder Hunderte um, zum Jubel mit dem Idolissimo. Zwölf Jahre spielt Maradona schon nicht mehr, die Zahl seiner Skandale passen auf keine Richterskala. Aber immer noch ist die ‚10′ das häufigste Fantrikot – und Maradona steht häufiger drauf als der aktuelle Mittelfeldherrscher Riquelme. Die desolaten und hölzernen Serben, völlig überfordert, und ihr montegrinischer Torwart Jevric dürfen sich verabschieden. Schon vor dem Duell in der Schalke-Halle hatte in ihrem Land der Pessimismus regiert. Nach dem 0:1 gegen Holland gab es Reibereien, angeblich im Team sogar Handgreiflichkeiten und Streit um die Defensivtaktik. Gestern gab es noch nicht einmal Defensive.“
BLZ: Mit zauberhaftem Kombinationsspiel und sechs traumhaften Toren gewinnt Argentinien gegen Serbien-Montenegro
BLZ: Oranje erfindet sich neu – ein bisschen deutsch, ein bisschen holländisch
BLZ: Adieu, ihr Elefanten – eie Elfenbeinküste kann ihr Versprechen nicht einlösen
WM 2006
Zehn Minuten Lieblingsfußball
Ulrich Hartmann (SZ) beschreibt den Stilverrat der Holländer beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste: „Es gibt ein schönes Gerücht über Marco van Bastens Vertrag als Nationaltrainer der Niederlande. Wenn das Gerücht stimmt, dann ist er vertragsbrüchig geworden. Es besagt, in seinem Kontrakt stünden zu stürmischer Spielweise verpflichtende Vokabeln wie ‚offensiv‘ und ‚dominierend‘, aber selbst wenn dies nicht der Wahrheit entspricht, ist zumindest bekannt, dass van Basten genau diesen offensiven Fußball favorisiert. Der holländische ‚Totaal Voetbal‘ mit seinen angreifenden Abwehrspielern und den abwehrenden Angreifern, wie er vom Altmeister Rinus Michels erfunden und vom Großmeister Johan Cruyff immer wieder gefordert wurde, hat sich nur im herkömmlichen 4-3-3-Schema der Niederländer gespiegelt. Zu spielen vermochten sie ihren Lieblingsfußball hingegen nur zehn Minuten lang, und das Irritierende ist, dass diese zehn Minuten mit den beiden Toren durch Robin van Persie und Ruud van Nistelrooy gereicht haben zum 2:1.“
Trauriges Lob
Christian Eichler (FAZ) bedauert das Ausscheiden der Elfenbeinküste: „Es ist die erste wirkliche Verlustmeldung dieser WM: die Elfenbeinküste. Ein offensiv großartiges und mutiges Team, das wohl beste aus Afrika, das aber bei seinem WM-Debüt zu früh zwei großen Titelfavoriten vor die Füße lief. Das ist schade für Afrika, schade aber auch für den Unterhaltungswert der kommenden WM-Runden. Denn es ist eines der wenigen Teams, die so gut wie jede Partie bereichern – weil sie offensiv so viel wagen, defensiv aber auch manches zulassen. Es ist das alte Lied von Afrika. Henri Michel ist es leid. Ihm schien der Glaube auszugehen – daran, daß er einmal, ein einziges Mal bei einer WM Glück haben könnte. 1986 war Henri Michel Trainer der französischen Nationalmannschaft, die in einer großartigen Partie Brasilien besiegte – und dann im Halbfinale gegen eine biedere deutsche Mannschaft durch einen Torwartfehler nach Brehmes Freistoß verlor. 1994 verpaßte er mit Kamerun den möglichen Auftaktsieg gegen den späteren WM-Dritten Schweden. Und 1998 verlor er mit einer famosen marokkanischen Mannschaft nur gegen Brasilien – um dann, im letzten Vorrundenspiel, zu erleben, wie der bereits für das Achtelfinale qualifizierte Weltmeister den Norwegern einen Sieg schenkte und ihn ausbootete. Wie 1998 ist Michel nun das traurige Lob sicher, das beste und das unglücklichste Team zu trainieren, das in der Vorrunde ausschied.“
Grober taktischer Fehler
Richard Leipold (FAZ) beanstandet die Selbstverliebtheit des serbischen Trainers, als er seinen Rücktritt verkündet: „Es wäre ein weltmännischer Auftritt gewesen, wenn Ilija Petkovic nicht kleinkariert sein Mütchen gekühlt hätte. Mit versuchter Ironie stellte er serbischen Reportern scheinbar einen Freibrief aus. Sie sollten doch schreiben, was sie wollten; sie hätten ohnehin alles vorher und alles besser gewußt. Er hingegen habe alles richtig gemacht, behauptete Petkovic. Als Beleg für diese These führte der Fußball-Lehrer einen diffusen Quervergleich an. Nach diesem Debakel erscheine das 0:1 gegen Holland in einem anderen Licht. ‚Vergleichen Sie doch diese beiden Spiele. Dann sehen Sie, daß ich recht hatte. Ich habe das Beste gemacht, auch wenn es nicht gut genug war.‘ Petkovic wird es sich wohl so schnell nicht verzeihen, auf öffentlichen Druck hin von seiner Verteidigungslinie abgerückt zu sein. Lange hatte er auf eine altbackene, aber stabile Abwehr gesetzt und seine Mannschaft so mit leichter Hand zur Weltmeisterschaft geführt. Aber die Art zu spielen oder manchmal auch nicht zu spielen, war in der Heimat ohne Begeisterung aufgenommen worden. Es ist dem Trainer letztlich nicht gelungen, das Volk von seiner Strategie zu überzeugen. (…) Es gibt Niederlagen, die weh tun, und solche, die solche Schmerzen verursachen, daß man es kaum aushalten kann. Das 0:6 gegen Argentinien gehört für die Serben zur zweiten Sorte.“ Christoph Biermann (SZ) fügt hinzu: „Als grober taktischer Fehler erwies sich auch, dass Petkovic Riquelme in Manndeckung nehmen ließ. Der Gegner freute sich über die Freiräume und das Durcheinander, das sich dadurch ergab.“
FR: Serbien-Montenegro zerfleischt sich nach dem WM-Aus
FR: Der 18-jährige Lionel Messi erscheint den Argentiniern als Re-Inkarnation des Messias‘, auf den sie nach Diego Maradona so lange gewartet haben
Operettenfußball
Portugal besiegt Iran 2:0 – Michael Eder (FAZ) verschmäht die Buttercremetorten Christiano Ronaldos und sättigt sich an Deco: „Er ist schnell, robust, jung. Er kann schießen, rechts, links, zielgenau, knallhart. Er ist ein genialer Techniker; er kann alles, was man nicht lernen kann, viel mehr muß ein Weltstar nicht mitbringen an Können und Talent. Und doch ist Ronaldo noch kein großer Spieler, sondern nur ein egozentrischer Kleinkünstler. Er hat wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, wie sehr sein Spiel unter fortgeschrittener Arroganz leidet. Ronaldo könnte ein Löwe sein, aber er ist nur ein Pfau. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, lieber den Gegner lächerlich machen als den Ball zum wartenden Kollegen passen. Die durch die Bank spielstarken Portugiesen litten gegen eine in jeder Beziehung überforderte iranische Mannschaft lange unter ihrer Überheblichkeit, deren Verkörperung Ronaldo war. Es ist die gleiche Krankheit, die auch den Brasilianern im Spiel gegen Kroatien einen holprigen Start ins Turnier beschert hatte. Die Überheblichkeit kann zum brasilianischen Ronaldo-Syndrom wachsen, dazu, daß ein Fußballgenie und einer der besten Torjäger aller Zeiten auftritt wie der späte Buffy Ettmayer. Und sie kann in der portugiesischen Ronaldo-Variante dazu führen, daß sich ein Ausnahmespieler wie ein egomanischer Alleinunterhalter aufführt. Wäre nicht Deco gewesen, das Gegengewicht zu den eitlen Selbstdarstellern im Team, die Portugiesen hätten trotz aller Überlegenheit wohl auch nach der Pause kein Tor erzielt. Auch der gebürtige Brasilianer Deco ist ein brillanter Kicker, aber er ist auch ein Teamplayer. Er fordert den Ball – und gibt ihn wieder her. Schnörkel flicht er nur ein, wenn notwendig, um mal einen Gegner zu überlupfen, ansonsten zelebriert er ein klares, feines Spiel. (…) Welches portugiesische Modell setzt sich in den kommenden Partien durch: Art Deco, die Verbindung von Eleganz und Nutzen – oder Ronaldos Operettenfußball auf dem linken Flügel?“
Sportlich bedauerlich
Christian Zaschke (SZ) über das Ausscheiden Irans: „Es wurde oft genug behauptet, dass Fußball mit Politik nichts zu tun habe, aber es ist das Schicksal dieses iranischen Teams, dass sein Auftritt sehr wohl eine politische Bedeutung hatte. Im schlimmsten Fall wäre es mit einem sportlichen Erfolg Propaganda-Mittel für den Präsidenten geworden. Politisch betrachtet ist Irans Scheitern für alle Seiten das Beste, sportlich ist es bedauerlich. (…) Ihre Hauptmängel waren fehlende Kondition und Cleverness.“
Im eigenen Saft
Jörg Marwedel (SZ) traut den Mexikanern nach dem 0:0 gegen Angola nicht mehr viel zu: „Die vermeintlich beste mexikanische Elf der Geschichte, immerhin Vierter der Fifa-Rangliste, ist wieder einmal an ihre spielerischen Grenzen gestoßen. Aus der anfänglichen Selbstsicherheit war Ratlosigkeit geworden, und nun kann sich kaum jemand vorstellen, wie denn in der nächsten Runde die Argentinier oder die Holländer besiegt werden sollen. Natürlich: Die Mexikaner haben ein paar gute Spieler, das hatten sie immer. Aber sie haben auch diesmal nur einen Mann von Weltklasse, nämlich Rafael Marquez vom FC Barcelona. So droht sich die Geschichte zu wiederholen. Und wer eine Erklärung für dieses immer gleiche Spiel sucht, der wird sie noch immer dort finden, wo sie schon immer lag: Profis wie Marquez, die eine Herausforderung in der Fremde suchen, sind die Ausnahme. Die Mexikaner schmoren im eigenen Saft, weil es sich für Fußballer zu gut lebt in dem armen Land, in dem die Unternehmen und einige Milliardäre am liebsten in Fußball investieren und sich eigene Teams leisten.“
taz: Der weiße Angolaner – zuerst hielt João Ricardo das 0:0 gegen Mexiko fest, nun hofft der vereinslose Torhüter auf einen Vertrag
Ball und Buchstabe
Uns selbst besser kennenlernen
Alexander Marguier (FAZ/Leitartikel) deutet die WM als Deutschlands Spiegel: „In diesen Tagen staunt Deutschland vor allem über sich selbst. Soviel Weltoffenheit, solch eine Unbeschwertheit, eine derart unverkrampfte Gastfreundschaft hätten wir uns gar nicht zugetraut. Klinsmanns Team spielt munteren Offensivfußball, nicht einmal auf das Wetter scheint noch Verlaß: Die hochsommerliche Atmosphäre versetzt das angeblich notorisch trübe Gemüt eines angehenden Globalisierungsverlierers geradezu in Wallung. Sind wir am Ende gar nicht so, wie wir glaubten zu sein? Die große Chance dieser Weltmeisterschaft liegt nicht im gestiegenen Absatz von Turnschuhen, Erfrischungsgetränken, Staubsaugerbeuteln, Schwarzwälder Schinken, Dinkelbrötchen oder was neuerdings sonst noch über eine behauptete Nähe zum Thema Fußball unters Volk gebracht wird. Und natürlich ist das sportliche Großereignis eine zwar nicht einmalige, aber gewiß seltene Möglichkeit, sich dem Ausland als einigermaßen entspannte Nation zu präsentieren, in der Organisation auch ohne Ordnungswahn funktioniert. Der wahre Segen aber besteht darin, daß wir uns bei dieser Gelegenheit selbst ein bißchen besser kennenlernen und vielleicht das eine oder andere Vorurteil in eigener Sache korrigieren können. Der Blick unserer Besucher auf unser Land ist genau dafür ein wertvolles Gastgeschenk: Nicht nur Reisen bildet, sondern auch, besucht zu werden.“
Zwiespalt
Auch Gustav Seibt (SZ/Meinung) kommentiert die Patriotismus-Debatte: „Junge Deutsche sind heute so kosmopolitisch und vielsprachig wie in keiner Epoche früher; der hartnäckige Fremdenhass einer Minderheit gehört zur hässlichen Symptomatik eines verhockten, oft regional beschränkten Verlierertums wie in den anderen Industrienationen auch. Mit der Spaßgesellschaft in Schwarzrotgold hat er wenig zu tun. Wer im Jahr des Mauerfalls geboren wurde, macht in Kürze Abitur – und hatte wenig Anlass und Gelegenheit, ‚an Deutschland zu leiden‘, dafür nicht selten ein reiches Beobachtungsfeld im Ausland, wo keineswegs alles besser ist, aber immer noch viele antideutsche Ressentiments blühen. Und darum sind es derzeit auch weniger die Professoren und Historiker, die wie einst in den achtziger Jahren das Wort des Patriotismus führen, als vielmehr jüngere, agile und oft weitgereiste Publizisten, die ein mechanisches Deutschland-Bashing mit gutem Grund abgestanden finden. Unangenehm wie je ist dabei nur der zuweilen markige Tonfall. Historisches Bewusstsein lehrt, dass Nationalismus immer auch Krieg sein konnte, wie der große Patriot François Mitterrand sagte, weil er sich in der Abgrenzung von Feinden stabilisierte; andererseits bleibt er eine wichtige moderne Form überindividueller, also großherziger Gefühle. Diesen ewigen Zwiespalt spielerisch aufzulösen, dafür ist jetzt gute Gelegenheit. Der Zeichenwelt der Trikoloren muss Ritterlichkeit nicht fremd bleiben, und wenn die Massenkommunikation beim Fußball dazu beiträgt, ganze Völker dafür zu gewinnen, dann hat sich die teure Party gelohnt.“
Der gute alte Schwarzmarkt
Felix Reidhaar (NZZ) fühlt sich gut aufgehoben: „So und nicht anders hat man sich die Weltmeisterschaft bei unserem Nachbarn im Norden vorgestellt. Abermillionen vor den Bildschirmen, Hunderttausende auf den Strassen der Städte, vornehmlich in Dortmund, Berlin und München, den Heimstätten des Gastgeberteams. Überall volle Arenen mit neugierigen Menschen, natürliche und erfrischende Freundlichkeit, wohin man blickt, und bis jetzt eine Organisation, die – wen wundert’s bei deutscher Gründlichkeit – keine Wünsche offen lässt.“ Roland Zorn (FAZ) verweist auf die Funktion des Schwarzmarkts: „Dem Fan gehören die Stadien – auch das ist eine angenehme Erkenntnis aus der ersten WM-Woche, nachdem zuvor immer wieder behauptet worden war, es stehe eine Weltmeisterschaft der Bonzen und Bosse mit allerlei Leerstellen in den Arenen bevor. Der gute alte Schwarzmarkt hat die Dinge im Sinne des Fußballs reguliert.“
Den Teufel an die Wand malen, um ihn zu bannen
Markus Wehner (FAS/Politik) durchleuchtet die Funktion von Kritik, Warnung und Miesmacherei: „Zum ersten Mal seit dem Mauerfall feiert Deutschland sich selbst, ohne nationale Überhebung, aber mit gesundem Selbstbewußtsein. Die Mischung aus Freude und Gelassenheit, Euphorie und Disziplin kommt unangestrengt daher. Selbst Veranstaltungen mit 500.000 Fans auf der Straße des 17. Juni werden so zu einem friedlichen Fest. Daß die Stimmung sensationell ist, hat auch mit der sportlichen Leistung der deutschen Mannschaft zu tun. Klinsmanns junge Elf zeigt begeisternde Spielfreude, setzt auf Risikobereitschaft statt auf Versicherungsmentalität und Wahrung des Erreichten. Das ist auch anders, als wir uns bisher sahen. Bis kurz vor der WM ergingen sich Medien und Fachleute vor allem in der Beschreibung ihrer möglichen Probleme: Die einen pflegten Schreckensvisionen, in denen Horden britischer und polnischer Hooligans das Land brandschatzen, die anderen sahen braune Rotten auf dem Nürnberger Reichstagsgelände aufmarschieren, mit deutschem Gruß dem iranischen Führer huldigend, wieder andere warnten vor Polizeifestspielen im Hochsicherheitstrakt Deutschland, in dem jeder Bürger ausgeforscht und seine Daten mißbraucht würden. Doch wenig davon ist bisher wahr geworden. Selbst das Verkehrschaos ist ausgeblieben. Deutschland ist nicht das, was manche Phantomdiskussion den Bürgern als Zerrbild vorgaukelt. Aber vielleicht gehört auch das zu uns: daß wir stets den Teufel an die Wand malen, in der Hoffnung, ihn so am sichersten bannen zu können.“
Selbstzweifel
Die Lehrergewerkschaft GEW fordert, die Nationalhymne abzuschaffen, und Berthold Kohler (FAZ/Leitglosse) rauft sich die Haare: „Man muß schon ein außerordentlich problematisches Verhältnis zum Konzept des Nationalen und zu seinen Symbolen sowie eine sehr selektive Sicht der deutschen Geschichte haben, um dieser Deutung die Behauptung entgegenzustellen, Strophe drei sei ein nationalistischer Evergreen. Es gibt in modernen Gesellschaften nicht mehr viele Möglichkeiten, sich öffentlich zu der Nation zu bekennen, der man angehört. Doch existiert offenkundig ein solches Bedürfnis. Sind Plätze voller jubelnder Menschen und hupender Autos andererseits schon Beleg für einen neuen deutschen Bekenntnispatriotismus? Ein Grund, in die alten Rituale des nationalen Selbstzweifels zurückzufallen, sind sie jedenfalls nicht.“
SZ: So viel Schwarz-Rot-Gold war nie: Für viele Fans sind die Nationalfarben vor allem ein buntes Kostüm zum Feiern, den patriotischen Druck spüren die Spieler dafür umso mehr
FR: Waffenstillstand während der WM – ungeachtet des Konflikts sehen die Menschen in Nahost begeistert Fußball, der „die Welt vereint“
NZZ: In Afrikas Fußballteams prallen Erste und Dritte Welt aufeinander
Sehr lesenswert! Ein FAS-Stilkritik an den TV-Bildern: Vielen Deutschen ist die Dominanz der Totalen zu wenig emotional
Tagesspiegel: Welche Taktik dominiert die WM? Ein Zwischenfazit
taz: Schauen Frauen wirklich anders Fußball? Interview mit der Ethnologin Almut Sülzle
WM 2006
Mit der Eleganz einer pubertierenden Giraffe
Raphael Honigstein (SZ) erlebt beim 2:0 Englands gegen Trinidad und Tobago die Wandlung eines Stürmers: „Peter Crouch ist ein ausgesprochen netter Kerl, man kann das immer nur wieder betonen. ‚Peter Crouch ist ein sehr netter Kerl‘, hat auch sein Vereinstrainer Rafael Benitez oft festgestellt, meistens mit einem leicht verzweifelten Schulterzucken. Englische Stürmer dürfen nicht nett sein, Crouch aber tut auf dem Platz keinem weh, weil er in der Regel genug zu tun hat, seine langen Beine und Arme im Gleichklang zu bewegen, und zweitens so etwas einfach nicht macht. In Nürnberg blieb der kulante Gigant 83 Minuten lang seiner Linie treu, weh tat er nicht den Gegenspielern, dafür aber Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt. Uninspiriert, schludrig und teilweise hochgradig peinlich war sein Auftritt, genau wie der seiner Mannschaft. Seine beste Chance, ein unbedrängter Volley, vergab er ‚mit der Eleganz einer pubertierenden Giraffe‘, monierte der Daily Telegraph. Der Ball ging in etwa in Richtung Eckfahne. Crouch wusste, dass die Zeit besonders ihm persönlich weglief, genau wie seine Mannschaft gab er jedoch nicht auf. Als eine etwas schlaffe David-Beckham-Flanke aus dem Halbfeld auf ihn zusegelte, entschloss er sich, einen Moment lang weniger nett zu sein. Mit einer Hand zupfte er Brent Sancho unsanft am Rastalocken-Pfederschwanz, mit der anderen drückte er den Trinidader runter; ziemlich unfair war das, im Grunde gar nicht nötig und äußerst effektiv. Crouchs Tor erlöste England.“
Christian Eichler (FAZ) grübelt warnend: „Was soll man nun von diesen Engländern halten? Als WM-Mitfavorit angetreten, zum zweiten Mal mit müder Darbietung, aber andererseits auch Schritt für Schritt erfolgreich. Wer es regelmäßig schafft, daß die Resultate besser sind als die Leistung, kann es weit bringen – eine Übung, die deutsche WM-Teams den Engländern mehrfach vorgemacht haben. In Deutschland beginnt man sie bereits abzuschreiben. Doch das wäre fahrlässig.“
Image verbessert
Elisabeth Schlammerl (FAZ) bewundert die Leistung des Trainers von Trinidad und Tobago: „Leo Beenhakker hat die Spieler nicht nur taktisch geschult, sondern ihnen auch Disziplin beigebracht, und das dürfte noch wesentlich schwieriger gewesen sein. Denn die Spieler kommen aus einem Land, in dem die liebste Beschäftigung der Leute das Nichtstun, das Rumhängen ist. Erstaunlich gut kam die Mannschaft gegen Schweden und England mit dem viel höheren Tempo zurecht, als sie es gewohnt ist. Beenhakker weiß aber auch, daß sie am Limit spielt. Trinidad und Tobago hat eine ganze Menge getan. Für die Fans daheim auf der Karibikinsel, für die die WM-Spiele ihrer Mannschaft ein Fest sind. Wenn die ‚Soca Warriors‘ spielen, sitzen fast alle vor dem Fernseher. Die Mannschaft hat einiges für ihr Image getan, der eine oder andere Spieler ist nun vielleicht auch interessant für erstklassige Teams.“ Christian Zaschke (SZ) berichtet vom Spiel: „Es entwickelte sich eine Stimmung wie bei einem Pokalspiel, in dem das Publikum bemerkt, der FV Weinheim kann tatsächlich den FC Bayern besiegen. Die Fans des Favoriten aus England begannen nun allerdings nicht, ihre Mannschaft wegen der bescheidenden Leistung auszupfeifen, sondern feuerten sie um so intensiver an. So entwickelte sich eine mitreißende Stimmung rund um ein nicht hochklassiges, aber spannendes Spiel.“
Ähnlich
Nach dem 1:0 gegen Paraguay – Peter Heß (FAZ) beschreibt die Schweden als Verwandte der deutschen Elf: „Falls die deutsche Nationalmannschaft im Achtelfinale auf Schweden treffen sollte, wird sie ihrem Spiegelbild begegnen. Leicht verzerrt vielleicht, aber die Konturen der Teams von Jürgen Klinsmann und Lars Lagerbäck stimmen überein. Beide Mannschaften besitzen eine überragende Physis, eine hohe Moral und die Bereitschaft, mutig nach vorn zu spielen. Der kleine Unterschied: Die Deutschen wirken in der Offensive eine Spur durchschlagskräftiger, die Schweden in der Defensive einen Hauch stabiler und geordneter. (…) Wie gut ist nun das schwedische Team vom Jahrgang 2006? Kaum jemand weiß das besser zu beurteilen als Verteidiger Lucic. Schon 1994 gehörte er zum WM-Aufgebot, er bestritt gegen Paraguay sein 83. Länderspiel. ‚Wir sind gut genug, die Vorrunde zu überstehen und im Achtelfinale jeden möglichen Gegner aus der Deutschland-Gruppe zu bezwingen. Dann muß man sehen.‘ Das heißt nicht, daß Lucic keine gute Meinung vom deutschen Team hätte. ‚Die schwedischen Fans unterschätzen Klinsmanns Team, ich nicht. Die Deutschen haben bisher gut gespielt. Sie können Weltmeister werden, aber das können viele andere Teams auch.‘ Angst müßte Schweden jedenfalls nicht vor den Deutschen haben. Dazu sind sie sich zu ähnlich.“
BLZ: Schwedens Nationalmannschaft präsentiert sich innerlich zerstritten – der Sieg über Paraguay kann dies nur kaschieren
taz: Von der alles ändernden Kraft des Torerfolgs: Kann das Glück des 1:0-Siegs gegen Paraguay eine bislang zerstrittene schwedische Nationalmannschaft harmonisieren und durchs Turnier tragen?
WM 2006
Saubermann mit eigenem Kopf
Birgit Schönau (SZ) porträtiert Luca Toni als Pfand Italiens: „Früher hätte der Commissario Tecnico einen wie Toni mit seinen 1,93 Metern als Stopper eingesetzt, doch nicht in der Attacke. Vorn spielten Fliegengewichte wie Paolo Rossi oder Toto Schillaci, selbst Gigi Riva war einen Kopf kleiner als Toni und zehn Kilogramm leichter. Der klassische attaccante all‘italiana hatte den Körper eines Chorknaben – mager, schmächtig, wendig. Der Chorknabe im Angriff entwischte den gegnerischen Verteidigern, anstatt sich gegen sie durchzusetzen, er umdribbelte die mächtigen, aber hölzernen Abwehrtürme von Briten, Deutschen und Skandinaviern oder rannte ihnen davon, er spezialisierte sich auch gern auf Abstaubertore und scheute den Schwalbenflug nicht. Dann kam 1998 Christian Vieri, ein Koloss von 1,85 Metern. Sie nannten ihn ‚Widder‘. Vieri blieb bei internationalen Turnieren glücklos, aber als Stürmer der Squadra Azzurra symbolisiert er trotzdem eine Zeitenwende. Lippi stellt dem starken Toni inzwischen sogar einen zweiten Turm zur Seite, denn Vincenzo Iaquinta hat ein ähnliches Format. Und Alberto Gilardino, der Dritte im Bunde, ist auch nicht viel schmächtiger. Filippo Inzaghi könnte noch weiter auf der Bank schmoren, denn er passt Nationaltrainer Marcello Lippi viel zu sehr ins Italien-Klischee der Ausländer. Der Trainer ist allergisch gegen Schwalben. Wenigstens bei der WM. Wenigstens in Deutschland. Es geht diesmal ums Ganze. Nämlich ums Image. Lippis Kraftprotze sind deshalb diszipliniert und bodenständig. Und der bodenständigste von allen ist Toni. Die Ruhe in Person. Keine schillernde Diva, sondern ein bravo ragazzo, ein anständiger Junge. Einer, der sich nach oben gekämpft hat, dem nichts geschenkt wurde. Toni kennt die Niederungen der zweiten und dritten Liga. Toni ist allen, auch den gegnerischen Fans, sympathisch. Ein Saubermann mit eigenem Kopf, der keine fertigen Sätze von sich gibt, sondern sagt, was er denkt. Nie hatte ihn Italien so nötig wie heute.“
Melange aus Heimatliebe und internationalem Anspruch
Richard Leipold (FAZ) erklärt die Popularität Francesco Tottis: „Die Bedeutung des Römers läßt sich nicht allein an Toren, Taktik oder Temperament messen, obwohl diese drei Zutaten zu den wichtigsten Bestandteilen des Fußballs gehören. Totti ist das Gesicht des Calcio, ein Held von nationalem Rang. Er verleiht einem Fußball-Land Identität und gibt ihm Hoffnung, einem Land, dessen Nationalelf seit fast einem Vierteljahrhundert bei den großen Turnieren keinen Titel errungen hat. ‚Der Gladiator ist zurück‘, jubelt La Repubblica. Der römischen Vorstadt im Herzen treu geblieben, ist er so etwas wie der geborene italienische Fußball-Außenminister, elegant und beliebt. Daß er kein Englisch spricht und sich daheim bei Muttern (oder in deren Nachbarschaft) am wohlsten fühlt, scheint ihm sogar zuträglich. Totti ist nie aus Rom weggegangen, nach Mailand oder Turin. Er symbolisiert eine Melange aus Heimatliebe und internationalem Anspruch.“
taz: Trainer Marcello Lippi wäre wegen des Wettskandals fast entlassen worden; jetzt schenkt er Italien neue Hoffnung
Umflattert
Thomas Kistner (SZ) schreibt über das Umfeld der brasilianischen Elf: „Die Seleção ist ein hochsensibles Gebilde, umflattert von Wissenschaftlern und Scharlatanen, gehätschelt von Zauber- und Seelendoktoren, zum Erfolg verdammt von Landsleuten, die diesen Sport gern wie eine Droge konsumieren, in Ermangelung anderer Stimmungsaufheller fürs Gemeinwohl. Und über allem herrscht der mächtige Ausrüster Nike, der schon beim Finale 1998 ins Gerede kam und auch diesmal alles auf Grün-Gelb gesetzt hat, sowie ein mafiöser Verbandsboss: Ricardo Teixeira kann in der Heimat nur mit ständigen Erfolgen überleben. Bisher konnte die Seleção immer, wenn die Sportwelt höchste Erwartungen hegte, nicht liefern: 1950 und 1966, 1982 und 1998. Diesmal liegt ihre Chance darin, dass die Schwachstellen früh ersichtlich werden. Wenn es stimmt, dass Brasiliens zweiter Anzug überall sonst auf dem Planeten erste Wahl wäre, braucht sie nichts zu fürchten. Und der Genießer hoffentlich auch nicht.“
Ruhm als Fluch
Thomas Klemm (FAS) warnt die Brasilianer vor Hochmut: „Es ist das Brasilien-Gen, auf das die Südamerikaner setzen; also jene quasi naturgegebene Begabung für die Körperbeherrschung, die unmöglich erscheinende Fußballtricks möglich macht, an der sich Brasilianer ebenso berauschen wie der Rest der Welt. Nur sie beherrschen ‚ginga‘, jene akrobatische Übung, die aus dem anspruchsvollen Kampftanz Capoeira kommt. Daß das Brasilien-Gen aber beim Fußball durch einen Gegner manipuliert werden kann, daß es Konkurrenten gibt, die den Ballzauber stören oder sogar – wie die Argentinier – selbst Fußball in künstlerischer Vollendung zeigen können, das paßt nicht so recht ins Selbstverständnis der Brasilianer. Aber inwieweit kann sich eine Mannschaft auf sich selbst konzentrieren, wenn sie von Abermillionen Fans rund um die Welt verfolgt wird? Die Gefahr, daß der Ruhm zum Fluch werden kann, erkennt immerhin der eine oder andere aus dem Team.“
Provokateur
Wie gehen die Japaner mit Kritik um, wer darf sie äußern, Gregor Derichs (FAZ)? „Nakata, der Topstar, der für Perugia, AS Rom, Parma, Bologna und Florenz gespielt hat, ehe er im vorigen Sommer zu Bolton Wanderers wechselte, kritisiert das Fehlen einer größeren Eigenmotivation und verlangt mehr Härte. Ein gut funktionierendes Team müsse aus starken Einzelkämpfern bestehen, meint Nakata. Zu viel Anpassung bringe keine starken, konkurrenzfähigen Typen hervor. Das spielerische oder taktische Vermögen seiner Kollegen aber stellt er nicht in Frage. Auch Zico äußerte vor einigen Tagen, daß seine Mannschaft schwer zu trainieren sei, weil es an Führungskräften fehle. Dies sagte er allerdings nur den Medien seiner brasilianischen Heimat. Gegen über den Japanern verbietet es die Höflichkeit, diesen Mangel klar und öffentlich anzusprechen. Also ist Nakata der einzige, der das Problem beim Namen nennt. Aber nicht jeder in der Heimat nimmt ihn, den Einzelgänger, ernst. Ältere Japaner lehnen ihn ab, allein schon, weil er sich lange Zeit die Haare rot färben ließ. Der Profi, den junge Fans wie einen Popstar anhimmeln, paßt nicht richtig in die allseits gepflegte Konsensgesellschaft. Das markante Eigenprofil und den Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen finden seine Fans cool. Nationaltrainer Philippe Troussier, der nach der WM 2002 aufgehört hat, und Zico haben ihm wiederholt Egoismus vorgeworfen. Da Nakata polarisiert, wird seine Kritik oft als Provokation abgetan.“
FR: Trainer Guus Hiddink gilt in Australien bereits als Genie
Ascheplatz
Bonus nimmt ab
Konrad Mrusek (FAZ/Wirtschaft) erforscht den Ruf der Fifa in Zürich und der Schweiz: „Daß die Fifa eine Geldmaschine ist, sieht man gleich hinter der Tür: Solch ein riesiges Foyer und derart üppige Ledersessel haben nicht einmal Zürcher Großbanken. Auch die Einfahrt in die Tiefgarage wurde so großzügig bemessen, daß selbst Stretch-Limousinen schwungvoll vorfahren können. Zwar wurde das Gebäude in der Nähe des Zoos in eine künstliche Bodensenke gestellt, damit man seine Dimensionen nicht auf Anhieb erkennen kann. Dennoch runzelten bei der Eröffnung etliche Zürcher die Stirn, weil der Prachtbau samt der aufwendigen Gartenarchitektur 153 Millionen Euro kostet und dennoch in frivoler Bescheidenheit ‚Home of Fifa‘ genannt wird. Außerdem hat der Verband am Zürichberg bereits ein sehr nobles ‚Home‘, das nicht nur einen prächtigen Blick auf den Zürichsee bietet, sondern auch ein Restaurant offeriert, in dem die Fußballfunktionäre gerne fürstlich tafeln. Die Behörden in Zürich sind stolz darauf, daß die Fifa, die heute mit 207 Mitgliedsverbänden größer als die Vereinten Nationen ist, seit 1932 ihren Sitz in der Stadt hat. Sie versprechen sich davon einen ähnlichen Imagegewinn wie Lausanne vom IOC. Zürich ist daher dem Verband stets zu Diensten, etwa bei der Grundstückssuche oder bei den sehr niedrigen Fiskalabgaben. Die Stadt bewilligte jetzt sogar eigens für den Neubau eine Fifa-Straße. Wegen all dieser, völlig unschweizerischen Aufschneidereien sind die Eidgenossen weit weniger Fifa-Fans als die Politiker. Sie sind zwar nicht ganz so kritisch wie die Deutschen, weil Fifa-Präsident Blatter schließlich ein Landsmann ist – das verschafft ihm einen gewissen Bonus, wenn er im Ausland attackiert wird. Doch dieser wird kleiner, auch wenn sich Blatter in Interviews weiterhin mit ‚Sepp‘ anreden läßt. Sein volkstümliches Getue kann nicht verbergen, daß selbst in seinem Heimatkanton Wallis die Kritik am selbstherrlichen Gebaren des Präsidenten zunimmt.“
Die FAZ billigt den Entschluß der Justiz, das Begehren der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi abzuwehren, den üblichen Ladenschluß während der WM wiedereinzuführen: „Zum Glück ist Verdi gescheitert. Deutschland ist in diesen Tagen ein einziges Fest, von mittags bis nachts sind die Straßen und Fußgängerzonen voll mit gutgelaunten Menschen. Spätestens seit der famosen Stimmung um das Spiel Deutschland gegen Polen sollte jedem klar sein: Ist die Welt zu Gast bei Freunden, dürfen Geschäftsleute nicht gezwungen werden, ihre Türen zu einer bestimmten Zeit abzuschließen. Laßt die Kaufleute ihre Geschäfte öffnen, wann sie es für richtig halten. Und wenn der Testlauf positive Ergebnisse bringt und die Händler auch nach der WM andere Öffnungszeiten wollen – bitte schön, dann hat diese WM noch einige Sieger mehr.“
NZZaS: Interview mit dem ehemaligen Spieler Gianni Rivera über den Skandal in Italien
Deutsche Elf
Vorurteile gegen Deutsche abgebaut
Michael Ashelm (FAS) adelt Jürgen Klinsmann als Impulsgeber der deutschen WM-Party: „Deutschland ist weiter, als die vielen Warner und Diskutanten meinen. Der völkerverbindende Charakter des Massenerlebnisses zeigt sich auch beim gemeinsamen Fernsehen, dem Public Viewing, wenn der Fußball aus dem begrenzten Raum des Stadions auf die öffentlichen Plätze hinausgetragen wird. Hier wird der Fan vom Konsumenten zum Mitspieler, hier erweist sich der Geist des Landes und der Menschen. Vielleicht hat Jürgen Klinsmann erst aus Sicht des Auslandsdeutschen diese lange verdeckten Potentiale erkannt. Der Amerikanoschwabe nutzt sie für seine Zwecke, verbindet geschickt die sportlichen Ziele der kleinen Einheit Nationalmannschaft mit dem Massenphänomen Fußball. Die Wahl des Mannschaftsquartiers in der Hauptstadt gehört zu diesem System der Symbole. Alles, was man vorbereiten kann, hat Klinsmann vorbereitet. Es wäre nicht verwunderlich, wenn er auch die deutsche Fußballbegeisterung auf dem Weg zum erhofften Titel eingeplant hätte. Wann hat das Land zuletzt so überschwenglich mit seinen Kickern mitgefiebert? Der mutige, dynamische, druckvolle, temporeiche und riskante Einsatz der Elf ist sicher der Ausgangspunkt der allgemeinen Begeisterung. Voran ging Klinsmanns selbstbewußter Weg der politischen Unkorrektheit gegenüber dem Fußball-Establishment, welches sich darauf verlegt hat, lieber alten Heldengeschichten nachzuhängen als Änderungen einzuleiten für die Zukunft. Klinsmann hat sich jetzt schon verdient gemacht am Abbau von Vorurteilen gegen Deutsche. Womit er und sein größter Kritiker Franz Beckenbauer, der ewig gutgelaunte WM-Oberbeauftragte, sich näher sind, als sie denken mögen.“
Gottheit mit dem Vornamen Jürgen
Radio- und TV-Moderator Jörg Thadeusz (BLZ) mokiert sich über den Beifall für Klinsmann von denen, die ihn bis vor kurzem auf den Mond schießen wollten, allen voran Franz Beckenbauers und der Bild-Zeitung: „Jetzt, wo Berliner Polizisten mit hochgekrempelten Kampfanzugshosen am Einsatzwagen lehnen, weil sie sich vor allem Sorgen um ihren Teint machen müssen. Wo sich in kunterbunten, rappelvollen Stadien kein Mensch um die Geldgier von Fifa-Blatter schert, weil die La Ola-Wellen dazu überhaupt keine Zeit lassen. Und wo ein Trainerteam offenbar in der Lage war, deutsche Verteidiger wirkungsvoll nachzuschulen. Im kaiserlichen Zentralorgan ist aus dem kalifornischen Gastarbeiter Klinsmann nach dem Polen-Spiel schon wieder ‚Klinsi‘ geworden. Seine Majestät selbst lässt sich mit den Worten zitieren, dass die Spieler ‚Jürgens Philosophie umgesetzt haben‘. Es geht also nicht mehr um Gummibänder, sondern um Gedanken, die sich ‚der Jürgen‘ gemacht haben könnte. Zum Beispiel auch über die Nachnominierung von Odo-Wer?, also von dem David Odonkor, der auf das Erlöser-Füßchen von Neuville flankte. Uns Medienmenschen bietet sich jetzt die wunderbare Gelegenheit in die entgegengesetzte Richtung zu übertreiben. Nach komplett ausgekosteter Miesmacherei jetzt die unkritische Verherrlichung des Personals. Wenn ein Oliver zum Titan werden konnte, muss es doch wohl eine Gottheit geben, die mit dem Vornamen Jürgen leben kann.“
Alles ist möglich
Ludger Schulze (SZ) mahnt seine Kollegen, das deutsche Spiel und den deutschen Trainer maßvoll zu beurteilen: „Die Anhängerschaft, die auf knapp 80 Millionen angeschwollen zu sein scheint, hat den schwer erkämpften Sieg emphatischer gefeiert als etwa die WM-Triumphe von 1954, 1974 oder 1990. Eine Steigerung auf der Jubel-Skala ist kaum noch denkbar, Deutschland befindet sich im schwarz-rot-goldenen Vollrausch, weswegen derzeit Mäßiger mancherorts als Miesmacher bezeichnet und als Partysprenger an den Pranger gestellt werden. (Natürlich von denen, die zuvor kaum ein gutes Haar am Bundestrainer und seiner Auswahl ließen.) Inhaltliche Debatten sind verpönt, weil sie als Verstoß gegen die deutsche Sache missgedeutet werden. (…) Klinsmanns Mannschaft hat einen wunderbaren Turnierstart hingelegt, wie es sich alle für ein Gelingen der Weltmeisterschaft gewünscht haben. Das Zeugnis ihrer Reife muss sie noch ablegen. Alles ist möglich – alles.“
Ohne Tradition
Michael Horeni (FAZ) schildert die schwierige Ahnensuche Philipp Lahms: „Der hiesige Medien- und Werbe- und Marketingzirkus bedient sich mit Vorliebe der zwei ‚Schweinoldis‘, um das Bild einer jung-dynamischen Mannschaft zu präsentieren. Schweinsteiger und Podolski sind Kult, wie man wohl sagt. Lahm ist ein Verteidiger. Abwehrspieler in Deutschland haben zudem die Schwierigkeit, daß für sie kein modernes Rollenbild bereitliegt, mit dem sie sich identifizieren können. Der Kultur des technisch versierten, spielerisch intelligenten und taktisch klugen Abwehrspiels fehlt in der Nation der Kohlers und Försters die Tradition. Es ist daher wohl auch kein Wunder, daß Lahm sein Vorbild auch in Paolo Maldini gefunden hat, dem italienischen Abwehrstrategen.“
Tagesspiegel: Philipp Lahm ist er für die Rolle des Sidekicks in der Viererkette viel zu schade
BLZ: Lahm weckt mit seinen großen Leistungen die Begehrlichkeiten der großen europäischen Vereine
FR: Lahm-Portrait
FAS: Lukas Podolski, der Liebling
FAS-Interview mit Christoph Metzelder
fooligan: ein Jens-Lehmann-Video
Tagesspiegel: Interview mit Wolfgang Overath über Netzers starke Fernsehauftritte, die gemeinsame WM 1974 und die Chancen der deutschen Elf 2006
FAS: Tour de Franz – unterwegs mit dem OK-Chef
Samstag, 17. Juni 2006
Strafstoss
Strafstoss
Dem indirekten-freistoss seine Kolumne
#25: Der Queerkopf
#24: Die Paule-Situation
#23: Es regnet nie im südlichen Kalifornien
#22: Wasserprosa aus Frankfurt
#21: In den Niederungen der Verbandsliga
#20: Das letzte Hemd hat keine Maschen
#19: Kopfrechnen
#18: Gib mich die Kalebasse
#17: Entscheidend is auffer Spielerfrau
#16: Der Aufstand der Zeichen
#15: Their big fat greek editing
#14: Stoßgebete in Super Mario World
#13: Liebe ARD-Hotline
#12: Unruhige Träume
#11: Die Pfeifeprüfung
#10: Flasche leer
#9: Elementarspeicheln
#8: Deutschland – Eine Kontroverse
#7: Land der Dichter und Kränker
#6: Das ideale 2:1
#5: Wellenwollen
#4: Transparento ergo sum
#3: Bläh vom Leder
#2: Gefangen im Zeitlooping
#1: Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß
Freitag, 16. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Eine Wucht
Timm Kraegenow (FTD) kommentiert die Ausschreitungen in Dortmund: „Die Gewalttäter von Dortmund haben es nicht geschafft, dem bisher sensationell friedfertig und entspannt verlaufenden deutschlandweiten Fußballfest ihren Stempel aufzudrücken. Vieles am Sicherheitskonzept funktioniert: Gewaltbereite ‚Fans‘ werden schon vor Spielbeginn von szenekundigen Beamten lokalisiert und festgesetzt. Die Personalisierung der Tickets für die Stadien hält Hooligans fern – auch wenn in der Praxis die Personalausweise kaum kontrolliert werden. Entscheidend aber für das Gelingen einer friedlichen Weltmeisterschaft ist, wie sich die Masse der Fans verhält. In Dortmund war die Polizei überrascht, dass sich viele normale Fans spontan mit den Hooligans solidarisierten. Das aber ist bisher und zum Glück die ganz große Ausnahme. Bei allen anderen Spielen und in allen anderen Städten waren die Fans eine Wucht.“
Deutschland knutscht und flirtet, es singt und trinkt
Peter Heß (FAZ) kämpft sich durch Berlins Straßen und Fahnen: „Was treibt die Deutschen auf die Straßen? Partylaune, ein Wir-Gefühl oder das Bestreben, die Gunst der Stunde zu nutzen und endlich einen dumpfen Patriotismus ausleben zu dürfen? Wer die abziehenden Fanmassen von der Berliner Fanmeile gesehen hat, wer sich durch die Autokorsi in der Berliner Innenstadt geschlagen hat, kommt zum Urteil, daß die Gefahr eines aufziehenden falschen Nationalstolzes am Fußball-Horizont eher gering einzuschätzen ist. Zwar boomt die deutsche Flaggen-Industrie, die Produktion hat sich verzehnfacht, aber die Fans sehen die Deutschlandfarben eher wie eine Vereinsfahne. Das Publikum schwenkt nicht stolz und ehrfurchtsvoll, sondern wild und unbekümmert. Es verhält sich nicht viel anders als bei der Love Parade, obwohl die Bedröhnung durch Musik längst nicht so umfassend ist. Es knutscht und flirtet, es trinkt und singt. In dieser Berliner Nacht erscheint es unverhältnismäßig, wegen ein paar unverbesserlichen Freunden rechten Gedankengutes und einiger aggressiver Störenfriede die Party im ‚Klub Deutschland‘ schlecht zu reden. Es bleibt zu hoffen, daß sich an diesem Eindruck nichts ändert.“
Bescheidenheit statt Arroganz
Die NZZ bilanziert eine Woche Deutschland: „Schwerer Stand für Deutschland. Beim kleinen Bruder ist das Land der Dichter und Fussballer noch immer nicht in grosser Gunst. Wer dieser Tage in Schweizer Gesellschaft WM-Spiele der Deutschen verfolgt, ist als Sympathisant der Gastgeber allein gelassen. So wälzte jemand während des Spiels gegen Polen ein hinlänglich bekanntes Vorurteil. Betreff? Deutsche Hochnäsigkeit. Allein – wo ist sie geblieben? Die Ur-Einwohner Bad Bertrichs empfingen die Schweizer Gäste mit einem Hauch von Demut. Und wer sagt denn, er wolle Weltmeister werden? Der Schweizer Handballer Alex Frei oder der deutsche Pistenblitz David Odonkor? Odonkor sprach nach dem Sieg fast so schnell, wie er zu rennen pflegt, und bedankte sich bei X und Y in z-facher Ausführung für den Erfolg. Bescheidenheit statt Arroganz. Umdenken tut offenbar not.“
Den Abend vermiest
Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) lacht Lothar Matthäus aus, der an Klinsmann nach wie vor kein gutes Haar läßt: „Falls auch Sie zu uns entfesselten Deutschen gehören, die seit dem Polenspiel vor dem Fernseher vierfache Salti schlagen, halsbrecherisch auf dem Sofa tanzen und mit dem hohen Risiko des blutigen Genickbruchs an die Decke springen, geben wir Ihnen einen guten Rat: Buchen Sie ein Premiere-Abo! Dort spricht Lothar Matthäus. Unser Rekordnationalspieler versteht es, Sie von Wolke sieben wieder herunterzuholen. Als Sachverständiger saß der kommende Hilfstrapattoni von Red Bull Salzburg nach dem Spiel zwischen den Koryphäen Hitzfeld und Rehhagel – oder besser: Wie ein übel gelaunter Experte, dem das 1:0 den Abend verhagelt hatte. Jedenfalls hat er vor einem Millionenpublikum auf die Frage, wie er den deutschen Auftritt fand, ein Gesicht gemacht wie sieben Tage Sauwetter. Matthäus, muffig: ‚Es war ganz sicher kein gutes Spiel.‘ Hoffentlich ist uns nachträglich niemand böse, aber sicherheitshalber haben wir auf der Stelle hinübergezappt zur ARD und zum Sportskameraden Delling, der gerührt schwärmte: ‚Das war mitreißender Fußball.‘ ‚Erstklassiger Fußball‘, nickte Günter Netzer, ‚ich bin begeistert.‘ Na also, es geht doch. Den Grimmepreis hat sich wieder einmal das Duo Delling/Netzer verdient, und zwar diesmal unter dem Motto: Vier Augen sehen mehr als Matthäus. Jedenfalls fragen sich viele: Schaut sich Lothar die WM mit den Hühneraugen an – um nicht erleben zu müssen, dass sein Lieblingsfeind Klinsmann einen Geist entwickelt hat, der womöglich Berge versetzt?“
taz-Debatte Patriotismus
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