indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 14. Juni 2006

Deutsche Elf

Es ist gar nicht so viel, was noch fehlt

Tiefen- und Breitenstaffelung, ballorientiertes Verteidigen, kurze und enge Mannschaft – für andere Länder eine Selbstverständlichkeit, für viele Deutsche neues Zeug. Peter Heß (FAZ) mit einer Expertise der deutschen Abwehr: „Auslöser der Malaise ist natürlich Jürgen Klinsmann. Sein Hang zur Vorneweg-Verteidigung bringt Deutschland zwar früheren Ballbesitz, kürzere Wege zum gegnerischen Tor und damit mehr Durchschlagskraft in der Offensive. Aber überwindet der Gegner die erste Welle des Forechecking, dann hat er vergleichsweise viel Zeit und Raum, um die deutsche Viererkette auszuspielen. Außer, Klinsmanns Team ist so fein aufeinander abgestimmt, daß sich ballführende Gegner gleich einer zweiten Welle gegenübersehen. Und genau daran hapert es mitunter. Der Abstand zwischen den einzelnen Spielern ist zu groß. Am Willen fehlt es den deutschen Nationalspielern nicht. Kein Stürmer und Mittelfeldspieler ist sich nach Ballverlust zu schade, nach hinten zu laufen. In der Fachsprache heißt das: hinter den Ball zu kommen. Während die argentinische Mittelfeldreihe blind voneinander weiß, wie sich die Mitspieler bewegen, weil diese mit diesem System groß geworden sind und seit Jahren zusammenspielen, überraschen sich die Deutschen manchmal selbst. (…) Es ist gar nicht so viel, was dem deutschen Defensiv-Kollektiv noch fehlt. Und in vielen Situationen verhält es sich schon jetzt vorbildlich, vor allem dank der immensen Laufbereitschaft. Nun gilt es Automatismen zu entwickeln und die Konzentration über 90 Minuten aufrechtzuerhalten. Jetzt nervös zu werden und mit Umbaumaßnahmen auf die Abwehrlöcher zu reagieren wäre kontraproduktiv. Dann finge Klinsmann wieder von vorne an.“

Feuereifer

Christof Kneer (SZ) schreckt vor der drastischen Rhetorik Jürgen Klinsmanns und seiner Spieler zurück: „Die deutsche Nationalmannschaft ist ziemlich debattengestählt, sie hat zum Beispiel eine Wohnsitz- und eine Torwartdebatte hinter sich, aber diese Debatte braucht sie wirklich nicht. Unter anderem ist das ja ein Sportfest, das hierzulande zur Austragung kommt, und womöglich wundert sich das Sportfest gerade, dass es nicht von Politikern, sondern von den Sportlern selbst mit einiger Schwere aufgeladen wird. Am Tag vor dem Spiel gegen Polen ist Jürgen Klinsmann vor die Presse getreten, und auch er hat einige Sätze gesagt, die martialischer klangen, als sie gemeint waren: ‚Wir wissen, dass die Polen mit dem Rücken zur Wand stehen‘, sagte er. Er hat dann noch gesagt, dass im polnischen Umfeld ‚große Aggression herrscht‘, dass ‚da die Nerven angespannt sind‘ und dass er davon ausgehe, dass ‚es zur Sache gehen wird, dass es richtig zur Sache gehen wird‘. Dass Klinsmann derart grimmige Metaphern wählt, ist einigermaßen ungewöhnlich, aber oft begreift man über die Rhetorik mehr von einer Mannschaft, als wenn man sie spielen sieht. Klinsmann heizt das Spiel vor allem deshalb an, weil er meint, dass seine Mannschaft das braucht, und er nimmt in Kauf, dass die Sätze so klingen, wie sie klingen. Im Prinzip wird daran nichts anderes sichtbar als das, was er von seiner Mannschaft hält. Er weiß, dass sich diese Elf auch im eigenen Land nicht einfach zum Titel kombinieren kann, er weiß, dass sein riskanter Plan von offensivem, abwehrverachtendem Spiel nur aufgehen kann, wenn die Mannschaft vor lauter Feuereifer besser spielt, als sie kann.“

Ein sehr aufschlußreicher und lesenswerter Spiegel-Text über das schwierige Verhältnis zwischen Klinsmann und Franz Beckenbauer: „Erstaunlich viele Menschen im DFB sprechen von offen versteckten Aversionen zweier Alphamännchen, zwischen jenen Herren, von denen das Wohl der Nation abhängt bei dieser Weltmeisterschaft. Beckenbauer halte Klinsmann für einen Blender und seine Nationalspieler für fußlahm, so sagen sie es beim DFB. Klinsmann halte Beckenbauer für einen jener alternden Kritiker, die Jüngeren keine Erfolge gönnten, weil neue Erfolge die Erfolge von einst überlagern. Das berichtet ein Nationalspieler.“

taz: Michael Ballacks Rolle in der Klinsmann-Taktik

SZ: Michael Ballack wünscht sich gegen Polen ein Spiel ohne Gegentor – und nähme dafür auch Bayern-München-hafte Langeweile in Kauf

zeit.de: Spielt die deutsche Elf gut? Pro und Contra

FR-Portrait Oliver Kahn

SZ: Oliver Kahn hat als Ersatztorwart eine Vorbildrolle gefunden als seelische Stütze einer jungen Mannschaft

FAZ-Interview mit Sönke Wortmann

BLZ: Bernd Hölzenbein über das Deutschland–Polen (WM 1974)

FAZ: Polens Trainer Pawel Janas versucht es mit einer Charme-Offensive bei seinen Kritikern

FR: Janas hat sich mit seinem Hass auf die Medien und defensiver Spieltaktik zur Zielscheibe der Kritik gemacht

Dienstag, 13. Juni 2006

WM 2006

Satt?

Peter Heß (FAZ) bezweifelt die Göttlichkeit der Brasilianer und Ronaldos (für den wir den Spitznamen „Obelix“ vorschlagen): „Kann Brasiliens beste Auswahl den Anspruch erfüllen, perfekt zu sein? Im Zweifelsfall nicht. Wer in Deutschland ein brasilianisches Spektakel erwartet, der hat die WM 1994 vergessen und den Werdegang des Nationaltrainers Parreira verdrängt. Der heute 63 Jahre alte Coach führte damals in den Vereinigten Staaten sein Team mit einer ausgeprägten Defensivtaktik zum Titel. Nicht, daß spielerische Begabung Parreira suspekt wäre, aber er hat nun mal nie professionell Fußball gespielt und seine Laufbahn als Konditionstrainer begonnen. Die Dungas oder Emersons dieser Fußballwelt stehen ihm näher als die Ronaldinhos und Kakas. Die Partien würden durch Intensität und Ausdauer gewonnen. In dieser Hinsicht hatten Teams, die Parreira betreute, noch nie Defizite, diesmal könnte das anders sein. Die Außenverteidiger Roberto Carlos und Cafu sind in die Jahre gekommen. Dazu leisten die Offensivspieler Ronaldinho und Adriano genausowenig Defensivarbeit wie Ronaldo, der zudem den Nachweis seiner körperlichen Topform noch erbringen muß. Brasilien könnte bei Ballverlusten gegen starke, schnell und mutig konternde Gegner ein Abstimmungsproblem in der Rückwärtsbewegung bekommen. Zudem sind einige Spieler satt geworden. Ronaldo, zum Beispiel, empfindet mittlerweile jeden Zweifel an seinen Fähigkeiten als Majestätsbeleidigung. Pele bezeichnete er als Dummkopf. Die Legende hatte es gewagt, ihn zu kritisieren. Von den Fans seines Klubs Real Madrid forderte Ronaldo, ihn mehr zu lieben, weil er sonst nicht länger dort Fußball spielen könne. Immerhin hat er Staatspräsident Lula da Silva großmütig verziehen, daß er öffentlich fragte, ob Ronaldo nun zu fett sei oder nicht. Aber der Angreifer ließ erst Gnade walten, nachdem sich Lula per Fax entschuldigt hatte.“

BLZ: Kroatien will der Übermacht der Brasilianer mit einer Kontertaktik begegnen

WM 2006

Streitlustig

Van Persie lästert über Robben – Christof Kneer (SZ) diagnostiziert das Holland-Syndrom: „Puh. Es ist jetzt also wieder so weit: Holland streitet. Es ist ja eine seltsame Art von Todessehnsucht, die dieser Fußball in sich trägt; immer wenn ein Titelgewinn bedrohlich näher rückt, muss man sich schnell einen Streit einfallen lassen. Die legendäre 1990er-Mannschaft war ebenso streitlustig wie die Generation darauf, in der die Surinam-Fraktion um Kluivert, Seedorf und Davids, den Torwart van der Sar nicht beim Jubeln dabei haben wollte. Es war keine gute Nachricht für den Rest der Welt, dass die aktuelle Elf jetzt als die friedliebendste seit Erfindung der Tulpenzwiebel angekündigt wurde. Denn wenn Holland sich lieb hat, ist es schwer zu schlagen, und als Gewährsmann des neuen Waffenstillstandes galt Teamchef Marco van Basten, dem die Kampfhandlungen von 1990 noch so prägend in Erinnerung sind, dass er die Veteranen Kluivert, Seedorf und Davids aus seinem WM-Kader ausgeladen und durch Pazifisten ersetzt hat. Und jetzt das: van Persie versus Robben.“ Sven Flohr (Welt) erachtet die Kritik van Persies als Kleinigkeit: „Zwar gelten van Persie und Robben nicht als Freunde, dennoch waren sie am Tag danach bemüht, den ersten Riß in der niederländischen WM-Harmonie zu kitten. Der Rechtsaußen wollte seine Kritik als konstruktiv verstanden haben, der Linksaußen nahm die ausgestreckte Hand entgegen und verzieh dem Konkurrenten. Er habe es bestimmt nicht böse gemeint. Vielleicht hatte Robben am Morgen ja schon gehört, daß der große Johan Cruyff den Streit für nichtig erklärt hatte. Und was er sagt, ist rund um Amsterdam immer noch Gesetz.“

Heimatliga-Auswahlteam

Christian Eichler (FAZ) ergründet den 3:1-Erfolg der Mexikaner über Iran: „Die Kraft des Kollektivs und der Kontinuität: Solche Heimatliga-Auswahlteams, aus Spielern, deren Namen in Europa kaum einer kennt, eröffnen die Möglichkeit des langen Einspielens und Abstimmens, die europäischen Trainern zumeist fehlt. Die Mexikaner haben sich mehr als acht Wochen lang auf die WM vorbereiten können. Die Liga machte so lange Pause. Der schnauzbärtige Trainer Ricardo La Volpe, ein Argentinier, der sonst eher aussieht wie der Finsterling aus einem Karl-May-Film an einem besonders schlechten Tag, rang sich nach dem Sieg ein Lächeln ab und dankte pflichtschuldigst ‚den Präsidenten und Klubbesitzern dafür, daß wir uns so lange auf die WM vorbereiten durften‘.“

Flaneur im Sturm

Andreas Burkert (SZ) findet einen Grund für die Niederlage des Irans: „Kein WM-Team erlaubt sich einen 37-jährigen Flaneur im Sturm, wie dies Trainer Ivankovic stur mit Kapitän Ali Daei durchzieht. Der frühere Bundesligaprofi ist weder Anspielstation noch wirkungsvolle Vorhut im von läuferischem Aufwand gestützten 4-4-2-System. Der alte Mann mit dem Schnäuzer stand 90 Minuten auf dem Feld, viel lief er nicht, und irgendwann konnten die Kameraden diesen Nachteil nicht mehr ausgleichen in der Hitze. Möglicherweise löst sich ein Problem der Iraner nun von selbst: Daei hat sich am Rücken verletzt.“ Wiebke Hollersen (BLZ) hat denselben Eindruck: „Am riesigsten und steifsten wirkte Ali Daei. Der Kapitän der Iraner ist immer noch 1,92 Meter groß, seine Positionsbezeichnung lautet immer noch: Stürmer, er füllt sie nur nicht mehr aus.“ Die FR geht einen Schritt weiter und fordert, dass der Routinier auf die Bank gesetzt wird: „Einig waren sich die Beobachter ob der Leistung des ohnehin umstrittenen einstigen Bundesligaspielers. Der Veteran des iranischen Fußballs hat seinen Zenit längst überschritten. Der Kapitän muss von Bord.“

Zunehmende Erwartungen

Thomas Klemm (FAZ) erklärt den Mißmut über die Portugiesen, die Angola 1:0 bezwingen: „Es ist ihr guter Ruf, an dem die Nationalmannschaft zu leiden hat, wenn sie sich schmucklos ins Ziel schleppt. Als ‚Brasilien Europas‘ wird die europäische Selecção gerne bezeichnet, und weil die Ballkünstler aus Lusitanien in den vergangenen sechs Jahren nicht nur schön, sondern auch ziemlich erfolgreich spielten, sind die Erwartungen zunehmend größer geworden.“ Christoph Biermann (SZ) wagt einen Vergleich zwischen Fernando Meira und Werner Liebrich: „Für Abwehrspieler ist die Mittellinie schon lange keine Grenze ihres Arbeitsbereiches mehr, Vorstöße ins Territorium des Gegners gehören eigentlich sogar fest zur Spielweise der Defensivleute von heute. Aber Fernando Meira scheute das Übertreten der Mittellinie, als würde ein Werner-Liebrich-Gedächtnispreis vergeben. Dem knorrigen Verteidiger des deutschen Weltmeisters von 1954 hatte Sepp Herberger einst nämlich streng eingeschärft, bloß nicht in des Gegners Hälfte aufzutauchen, und der portugiesische Abwehrspieler hielt sich mehr als fünf Jahrzehnte später immer noch daran.“

In großer Form

Ralf Itzel (BLZ) ist es eine Freude, Luis Figo zuzuschauen: „Zwar endete die Partie mit langweiliger Ergebnisverwaltung, aber den Iberern blieb neben den Punkten die Erkenntnis, dass sich Luis Figo in großer Form befindet. Vor einem Jahr bei Real Madrid aussortiert, hat er sich nun bei Inter Mailand gefangen und geht sichtlich motiviert in sein letztes großes Turnier. Er ersetzte im offensiven Mittelfeld den angeschlagenen Deco. Immer wenn er sich die Kugel schnappte, gewann Portugals Spiel an Klarheit.“

Viva Colonia

Angola-Rufe hallten durch das ganze Stadion – Daniel Theweleit (taz) bekommt Gänsehaut „‘Orgulho‘ – stolz war das von den Angolanern meist gebrauchte Wort nach der Partie, und es war angemessen wie selten. Wenn man ein neutrales Publikum, das zunächst aus Langeweile über ein wenig berauschendes Fußballspiel ‚Viva Colonia‘ und ‚Kölle Alaaf‘ singt, wirklich hinter sich bringt, ist das schon allerhand. Schließlich setzt sich das angolanische Team weitgehend aus Spielern unterklassiger Klubs in Europa sowie aus in Angola kickenden Akteuren zusammen.“

Ball und Buchstabe

Sklavenhalter-Mentalität

Der Brasilianer Dida hat die Chance, als erster schwarzer Torhüter den Weltmeistertitel zu erringen. Der brasilianische Bestseller-Autor („Futebol“) Alex Bellos (taz) knüpft daran seine Hoffnung, daß Brasilien ein Stück freier werden könnte könnte: „1958 war Brasilien das erste multirassische Team, das die WM gewann. Der einzige andere WM-Gewinner mit einer Vielfalt an Farben ist Frankreich (1998). Doch in Frankreichs Fall lag es an der künstlichen Immigration aus den Ex-Kolonien, nicht an der Rassenmischung. Brasilien hat den Ruf der Rassentoleranz, oft verknüpft mit der Pro-Rassenmischung-These, die in den 1930ern von dem Soziologen Gilberto Freyre verbreitet wurde. Und das ist vermutlich eines der größten Missverständnisse. Es stimmt, dass die Rassenfrage in Brasilien sich stark von jener in den USA oder Europa unterscheidet. Dass die afrobrasilianische Kultur viel stärker akzeptiert und gefeiert wird als die afroamerikanische Kultur in den USA. Demokratie ist das trotzdem nicht. Statistiken bringen das zutage. Schwarze verdienen in Brasilien viel weniger als Weiße, und zwar 50 Prozent laut einem UNO-Bericht. Afrobrasilianer stellen fast die Hälfte von Brasiliens 180 Millionen Einwohnern, aber 63 Prozent der Armen. Das Fehlen gleicher Chancen ist offensichtlich, wenn man durch eine beliebige Stadt fährt. Je ärmer, desto schwärzer. Vor allem schockiert die Ausbeutung von Hausmädchen durch die Mittelklasse. Besserverdienende Familien sind fast alle weiß und haben schwarze Hausmädchen. Diese Hausmädchen arbeiten fast rund um die Uhr für wenig mehr als den Mindestlohn. In der Regel dürfen sie nicht an einem Tisch mit den Weißen essen. Sie leben in winzigen, fensterlosen Bereichen im hinteren Teil des Hauses. Ganz so, als sei die Sklaverei nie abgeschafft worden. Sie wurde selbstverständlich abgeschafft. 1888, das ist mehr als ein Jahrhundert her. Aber das war später als in jedem anderen Land im Westen. Die weiße Elite hat sich eine Sklavenhalter-Mentalität bewahrt, das soziopolitische Profil des Landes hat sich seit der Kolonialzeit dementsprechend kaum verändert. (…) Wenn Brasilien die WM 2006 gewinnt, wird Ronaldinho als Anführer in den Klub der Allergrößten aufsteigen, zur Rechten Pelés, Garrinchas und Maradonas. Aber wenn Brasilien mit einem schwarzen Torhüter den Pokal gewinnt, macht es einen echten Schritt in Richtung echter Rassendemokratie. Pelé war Rollenmodell für alle Schwarzen. Dida kann den nächsten Durchbruch bringen. Nicht nur für Brasilien, sondern auch für die ganze Welt. Und eines Tages wird ein schwarzer Trainer die WM gewinnen.“

taz: Fußballverbände in Afrika sind von Korruption und Vetternwirtschaft befallen, siehe Togo. Doch die Söldnerriege weißer Fußballtrainer spielt munter mit beim Ausverkauf afrikanischer Mannschaften

taz: Der togoische Oppositionelle Sese Rekuah Ayeva über den Fußball-Verband seiner Heimat und den richtigen Trainer

Prozentfußball

Roland Zorn (FAZ) bemäkelt die 1:0-Siege Englands, Hollands und – besonders – Portugals: „Die besten Kicker dieser drei Länder verfolgen auf ihrer Deutschlandtournee nur ein Ziel: den Titelgewinn. Der Weg dorthin ist lang, die Hitze derzeit groß, so daß die Spieler zu Beginn des Turniers das tun, was sie in ihren Spitzenklubs bei den Duellen mit Außenseitern auch zu tun pflegen: Sie sparen Kraft, verdichten ihre Konzentration auf das Nötigste und bringen einen knappen Vorsprung mehr oder weniger sicher über die Zeit. Heraus kommt genau der Prozentfußball, der den Betrachtern berechnend, kühl und emotionsarm vorkommt. Die atmosphärisch heiß aufgeladene Warm-up-Phase in den Punktspielen fördert eben jene Punktspielmentalität zutage, die den Profis über die Saison eingetrichtert wird. Am zuschauerfeindlichsten haben die Portugiesen den Spagat zwischen der nötigen Gewinnpflicht und der Vermeidung unnötiger Kollateralschäden hinbekommen. Sie schossen ihr Siegtor gegen die nicht weiter aufmuckenden Angolaner derart früh, daß sie ihr Energieprogramm danach schon auf Schongang umschalten konnten. Die Pfiffe des Publikums, das in festlicher Erwartung gekommen war, nahmen die Portugiesen lächelnd und billigend in Kauf. (…) Was tun auf der Seite der Konsumenten? Vielleicht mal den Biergarten vorziehen und auf die Knock-out-Runde warten. Spätestens vom Achtelfinale an heißt es dann, die oder wir; wer dann nicht die Bremse lockert, wird sowieso überholt und abgehängt – im höchsten Tempo.“

FR: Zur WM herrscht in der umstrittenen Sportwettbranche in Deutschland eine Art Waffenstillstand – aber das große Geschäft wird für die Anbieter dennoch ausbleiben

Telepolis: Lückenlose Ticket-Kontrolle gescheitert

WM 2006

Es werden noch einmal Wunder von ihm erwartet

Ralf Itzel (FTD) freut sich auf die Abschiedstour Zinedine Zidanes: „Jetzt kann man ihn nochmal live beobachten, den genialsten Fußballer seit Maradona, den elegantesten seit Beckenbauer, den teuersten der Geschichte. Er ist eine Ikone, und die Nostalgie der Bewunderer, angetrieben durch das nahe Adieu, verklärt seine Heldentaten zusätzlich. Und so werden noch einmal Wunder von ihm erwartet. Er ist immer noch für Kostbarkeiten gut, vielleicht vier, fünf pro Halbzeit. Aber die gesamte Partie bestimmen wie früher? Das kann er wohl nicht mehr. Man wird bei dieser WM einen anderen Zidane sehen. Nicht mehr jeder Spielzug läuft jetzt über ihn; des öfteren lässt er sich den Ball schon weiter hinten geben, weil vorne zu viel Betrieb ist und er sich nicht mehr so vom Gegner lösen kann; Dribblings wagt er weniger. Der Kapitän ist jetzt auch auf andere Art wertvoll für die Mannschaft. An einem wie ihm, der alles erlebt hat, richten sich die Kollegen auf in den schwierigen Momenten. Die wird es geben bei diesem Turnier, auch für ihn. Wie schön, dass er nochmal dabei ist.“

Gescheiterter Revolutionär

Christian Eichler (FAZ) schildert die Wende in der Strategie des französischen Trainers: „Raymond Domenech hat sich für Barthez als WM-Torwart entschieden und damit gegen den zuletzt besseren Gregory Coupet, der vor Wut aus dem Trainingslager abreisen wollte und nur mit Mühe von einem Eklat abgehalten werden konnte. Man kann diesen Vorgang leicht als Kapitulation des früheren Idealisten Domenech interpretieren, der sich, ganz die klassische Geschichte des gescheiterten Revolutionärs, mit den Figuren und Strukturen, die er einst ändern wollte, arrangiert hat. Tenor: Die Alten haben ihn kleingekriegt, den fröhlich angetretenen Innovator. (…) Nun hoffen viele Franzosen auf den 23jährigen Franck Ribery, der bei drei Einwechslungen in den Vorbereitungsspielen als mutiger Tempodribbler begeisterte und dem viele eine WM-Rolle in der Startelf wünschen und nicht nur eine als Joker. Endlich ein neuer Impuls für das erstarrte französische Angriffsspiel, als Ersatz für Zidane? Domenech winkt ab: Ribery müsse noch warten. Was so viel heißt wie: bis nach der WM; bis nach Zidane. Denn den einst weltbesten Spieler, den er zurückgewann fürs Team, kann Domenech nicht auf die Bank setzen, ohne sich selbst zu demontieren. Der Mann, der antrat, das Team zu verjüngen, klammert sich nun an den großen Alten.“

Jahrfünft der Einmaligkeit?

Die Neue Zürcher Zeitung blickt gespannt auf den Einstand ihrer „Nati“: „Über den Schweizer Fussball wölbt sich ein Spannungsbogen. Zwischen 2004 und 2008 nimmt das Nationalteam an drei grossen Turnieren teil – eine Konstellation, die einmalig oder zumindest aussergewöhnlich ist. Trainer Köbi Kuhn, der Architekt des Projekts, liegt gegenüber dem 2003 entworfenen Bauplan zeitlich im Vorsprung. (…) Was wohl geschähe, würde das Schweizer Team in Deutschland kalt geduscht? Die Gewissheit, als Gastgeber an der EM 2008 dabei zu sein, mag Planungssicherheit vermitteln; und die Vorstellung, Kuhn werde Ende Juni nicht mehr fest im Sattel sitzen, scheint derzeit abenteuerlich. Doch ist eine Mannschaft einmal gescheitert, betritt sie einen Weg mit gar vielen Unwägbarkeiten. Dem Frieden bedingungslos zu trauen, ist selten klug. Die kühnsten Träume in Ehren – die Achtelfinal-Qualifikation bedeutete für die Schweiz einen grossen Erfolg. Will die SFV- Auswahl die Grenzen weiter nach oben verschieben, muss sie allerspätestens im Viertelfinal einen ‚Grossen‘ besiegen – was ihr seit 1993 und dem 1:0 gegen Italien nie mehr gelungen ist. Erst das Ende dieser Serie würde spürbar machen, dass sich im Jahrfünft 2004-2008 aus Schweizer Sicht eine Situation der Einmaligkeit verbirgt.“

Knorrig

Gregor Derichs (FAZ) stellt die Arbeit des südkoreanischen Trainers vor: „Die Arbeit mit seiner neuen Mannschaft gefällt ihm. Fast nichts mehr erinnert Dick Advocaat an seine vorletzte Trainerstation, obwohl er wieder in Gladbach ist. Allerdings nicht in Mönchengladbach, sondern in Bergisch Gladbach. ‚Die Arbeit in Korea ist für einen Trainer einfacher als bei einer europäischen Mannschaft. Die Spieler sind sehr diszipliniert‘, sagt Advocaat. In Europa hingegen sei es eine Lieblingsbeschäftigung der Spieler in Vereins- und Nationalmannschaften, ständig mit dem Trainer zu diskutieren, ‚in Korea folgen sie dem Trainer und machen ihren Job‘. Diesen Gehorsam schätzt der Mann. Bei seinem nicht einmal sechs Monate dauernden Gastspiel als Trainer von Borussia Mönchengladbach lernte Advocaat diesen von ihm kritisierten Wesenszug der Profis, ihren Coach zu hinterfragen, zur Genüge kennen. Der Holländer, den sie in der Heimat den ‚kleinen General‘ nennen, trat mit einem Erziehungsauftrag im November 2004 an. ‚Man muß mit Fußballprofis sprechen wie zu Kindern, sie müssen machen, was ich sage. Wenn nicht, dann kriegen sie ein Problem. Ich bin ein Disziplinmann‘, warnte er. Im April 2005 war das Regiment der strikten Richtlinien beendet. (…) Die Koreaner fragen sich, ob Dirk Nicolaas Advocaat wirklich ein Landsmann von Guus Hiddink sei. Der weltläufige, freundliche und redselige Hiddink hatte im Lande des Mitgastgebers der WM 2002 einen Heldenstatus erlangt, als er das südkoreanische Team in das Halbfinale führte. Hiddink wurde zum Liebling der Massen. Er ist vom Charakter und Wesen der Gegenentwurf zum knorrigen, oft verbissen wirkenden Advocaat.“

Er verkrampft vor lauter Wille

Ronald Reng (taz) schreibt über den Hintergrund der dauerhaften Formschwäche Ráuls: „Real Madrids Verpflichtung von Ronaldo vor vier Jahren nahm ihm seinen natürlichen Platz. Ronaldo braucht Raum und den Pass in die Tiefe, dann rollt er. Rául, eigentlich ein klassischer, lauernder Strafraumstürmer, musste sich für ihn aus der ersten Reihe zurückziehen, später krallte sich der Misserfolg Real, ein Trainer nach dem anderen hantierte an der Taktik herum und schob Raúl hin und her, bis ins linke Mittelfeld. Ronaldo aber behielt immer seine Position, Ronaldo, der feiern ging und die Arbeit scheinbar nicht so wichtig nahm. Raúl hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, man könnte auch sagen, er ist nachtragend. Seine Abneigung gegen Ronaldo ist ein offenes Geheimnis. Aber er hat nie vehement dagegen protestiert, dass er für Ronaldo geopfert wurde. Raúl hat sich in die Rolle des Staatsmannes des spanischen Fußballs drängen lassen, er fühlt sich bei Real für alles verantwortlich – er traut sich nicht mehr, zuerst an sich selbst zu denken. Er glaubt, er müsse immer für die Mannschaft einstehen. In einem Verein, der seit drei Jahren täglich für seinen Misserfolg unter Beschuss steht, ist das eine Position, die einen zerdrücken muss. In seiner Unbedingtheit, die alte Form zurückzuholen, scheint es ein Hindernis zu sein: Er verkrampft vor lauter Wille.“

WM 2006

Gruppenbildungen

Jörg Marwedel (SZ) befaßt sich mit dem Innenleben der Schweden: „Außerhalb des Teams wird nun auch über etwas diskutiert, was womöglich viel gravierender ist als ein Dissens über lange Bälle. Manche schwedische Beobachter mutmaßen, der Teamgeist habe generell gelitten während der vergangenen sechs Jahre, in denen bei Europa- und Weltmeisterschaften gerade mal zwei Siege in zwölf Spielen heraussprangen. Der Teamgeist galt immer als die große Stärke der Skandinavier, deren Gemeinschaft sich mancher so idyllisch vorstellte wie einst das Lindgren-Dörfchen Bullerbü. Das stimmte so absolut natürlich nie, eine Profimannschaft ist nun mal keine Idylle. Aber der Zusammenhalt war doch eine Stärke, die oft sogar fehlende Kreativität kompensierte. Die Turbulenzen nach dem Fehlstart in diese WM scheinen die Skeptiker zu bestätigen. Von Gruppenbildungen ist die Rede.“

Montag, 12. Juni 2006

WM 2006

Erste magische Nacht der WM

Jörg Marwedel (SZ) beschreibt begeistert den Auftritt der Elfenbeinküste beim 1:2 gegen Argentinien: „Die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste hat eine Menge dazu beigetragen, dass die WM 2006 ihre erste magische Nacht erlebt hat. Sie war eine richtig gute Mannschaft gewesen an diesem wunderschönen Sommerabend und viel mehr als der Star Drogba plus zehn willige Helfer. Zu sehen war eine im Prinzip beeindruckende Ordnung, eine faszinierende Eleganz und Dynamik, Spieler, die den Ball trotz rustikaler Störmanöver der Argentinier zeitweise wie an einem unsichtbaren Gummiband durch den Hindernis-Parcours aus Leibern und Beinen dirigierten. Aber eben auch ein paar wenige Momente, in denen ihnen der kühle Überblick abhanden kam wie ihren Torschüssen die Präzision fehlte, die sonst ihr Spiel prägte. Leider waren diese Momente entscheidend, sie sind fast immer entscheidend auf der Bühne der Besten.“ Jan Christian Müller (FR) stimmt ein: „Es war ein Spiel, von dem man hinterher zu Recht sagt, es sei mit 90 plus drei, vier Minuten viel zu kurz gewesen.“ Stefan Osterhaus (NZZ) lobt die Verlierer: „Ein Tor war zu wenig für die Mühen des Aussenseiters, der diese Titelkämpfe mit einer Fussballdemonstration bereichert hatte, die in ihrer wunderbaren Melange sowohl Athletik wie technische Finessen einschloss. Überlegen in fast allen Belangen, liefen die Afrikaner den Südamerikanern nur in Sachen Effizienz hinterher – und wurden dafür mit einer schmerzlichen Niederlage bestraft.“ Frank Heike (FAZ) preist die Manieren des argentinischen Trainers: „Eine packende Partie voller Schwung und Klasse mit der Anmutung des alles oder nichts. (…) Jose Pekerman bewies Stil, als er sich noch bei Hamburg und dem Publikum des stimmungsvollen Abends bedankte, dieses Abends, der Argentinien den Glauben spendete, nach zwanzig Jahren wieder den Titel holen zu können.“

Keine Offenbarung

Stefan Osterhaus (NZZ) macht den 1:0-Sieg der Holländer über Serbien/Montenegro an e i n e m Spieler fest: „Dank imponierender Leistung von Arjen Robben bleiben die Niederlande siegreich. (…) Am Limit waren die heimlichen Titelfavoriten nicht gefordert worden. Denn die Serben zeigten zwar bei allerlei Kabinettstückchen den höheren Schwierigkeitsgrad, erweckten aber durchwegs den Eindruck, körperlich nicht auf der Höhe zu sein. (…) Wozu Marco van Bastens Team fähig ist, vermochte der Match gegen Serbien nicht zu beantworten – ein passables erstes Spiel unter der schwierigen Prämisse hoher Temperaturen, doch längst keine Offenbarung.“

taz: Die große Robben-Show beim 1:0 Hollands gegen Serbien/Montenegro

Ball und Buchstabe

Entspannt

Unter dem etwas altfränkischen Titel „Sause mit Witz“ gratuliert Roland Zorn (FAZ) den Gastgebern zum WM-Einstand: „Machen die Deutschen so weiter wie zu Beginn des Turniers, werden sie manches Vorurteil fürs erste widerlegen können. Das fängt schon bei der deutschen Mannschaft an, die sich einer offenen Spielweise befleißigt wie kein deutsches WM-Team zuvor. Zwar ist noch nicht geklärt, ob man auch ohne Abwehr im klassischen Sinn weit kommen kann. Andererseits eröffnen muntere Begegnungen wie die vom Freitag, die gezeichnet sind vom wechselseitigen Geben und Nehmen, völlig neue Perspektiven. ‚Oh, it was Basketball‘, sagte ein amerikanischer Kollege nach dem deutsch-costaricanischen Tag des offenen Tors erfreut. (…) Die Massen, die in Deutschland einig Fußball-Land feiern wollen, stören sich auch nicht lange an Ergebnissen, die den Anhängern dieser oder jener Mannschaft nicht passen. Wer verloren hat, gewinnt vielleicht beim nächsten Mal. Fußballfans von heute sind, ob in Deutschland oder aller Welt, längst nicht mehr so verbohrt, witzlos oder gar nationalistisch wie in der Vergangenheit. Schon daß so viele junge Frauen mitmachen bei den Freiluftfeten, entspannt die Atmosphäre. Daß selbst der Fußball auch nur ein Spiel ist, wurde zum Glück schon an diesem ersten WM-Wochenende offenbar.“ Richard Meng (FR) lobt die Polizei: „Auch der Staat präsentiert sich in diesen Tagen – vor allem durch das Auftreten der Polizei. Selbst da war der Start gelungen. Derart gelassen, umsichtig und mitunter sogar in Mitfeierlaune, wie die Polizisten weithin agierten, könnte auch dies zur Visitenkarte eines zivilen, fröhlichen Landes werden. Ordnungsmacht einmal anders. Nicht als Verhinderer, möglichst als Förderer von guter Laune. Normalerweise ist die ja nicht gerade deutsche Spezialität.“

Sache des Westens

Wird sich Deutschland in der WM finden, wen und was symbolisiert sie? Dirk Kurbjuweit (Spiegel) befaßt sich mit deutscher Selbstdefinition: „Identität und Deutschland sind Widersprüche. Dafür war das, was Deutsch hieß, zu lange Reich mit unbestimmten oder ständig veränderten Grenzen und Bevölkerungen. Dafür ist der Holocaust zu sperrig. Man kann sich mit ihm nicht in einer Identität einrichten, schon gar nicht ohne ihn. Alle Versuche, dies in absehbarer Zeit zu tun, werden scheitern. In Wahrheit ist die Suche das Ziel. Sich suchen, ohne sich finden zu können – das ist deutsch, das ist auch ein deutsches Vergnügen. Leider hat die Weltmeisterschaft im Vorfeld nichts geleistet, um dem Deutschlandbild etwas Wichtiges hinzuzufügen. Vor allem das größte Projekt dieses Landes, die Einheit, hat keinen Fortschritt gemacht, eher im Gegenteil. Die WM ist eine Sache des Westens, nicht nur weil die Gäste den Osten meiden. Elf von zwölf Spielorten liegen in den alten Bundesländern. Und die ganze sportliche Mythologisierung des Fests basiert auf den drei WM-Titeln, die westdeutsche Mannschaften errungen haben. Das Land wirkt in diesen Tagen gespaltener denn je seit 1990. Der Westen erprobt sich in Weltoffenheit, der Osten sieht sich bestärkt im ewigen Verdacht, nicht dazuzugehören. Es ist nun Sache der Nationalmannschaft, ein Einheitsgefühl herzustellen. Das geht nur über Erfolge. Anders als bei den Olympischen Spielen 1972 in München ist es auch nicht gelungen, eine Ästhetik zu schaffen, die etwas sagt über das Land der Spiele. Das Olympiastadion in München war und ist ein Monument der Offenheit und Leichtigkeit. Die Piktogramme Otl Aichers schufen eine neue Klarheit und machten endgültig Schluss mit der Sütterlin-Seligkeit. Die lichten Farben auf den Fahnen verwandelten München in eine Stadt des Frohsinns. Diese lichten Farben gibt es nun als Zitat auf den WM-Fahnen. Etwas Neues, Eigenes ist jedoch nicht entstanden. Die krachbunten Lachhysteriker auf dem Emblem verweisen auf nichts anderes als eine allgemeine Infantilität, die ihren Ursprung eher im amerikanischen Comic hat. Die neuen Stadien sind gesichtslose Zweckbauten, mit Ausnahme der Münchner Arena von Herzog und de Meuron. Anders als das Olympiastadion ist sie ein geschlossener Raum, fast eine Muschel, aber auch darin liegt keine gesellschaftliche Aussage. In der Ästhetik der WM geht es nicht um Repräsentation, sondern um Präsentation. Die Industrie kann die WM konkurrenzlos als Hintergrund für Werbebotschaften nutzen. Es sind ökonomische Zeiten, nicht politische. Und Ökonomie ist international, nicht national. Diese WM ist eher ein Beispiel für die Hilflosigkeit der Nationen als für deren Triumph.“

SZ: Public-Viewing – Friede, Freude, Fußballgucken

SZ: Franz sei Dank: Die WM ist auch eine Leistungsschau der deutschen Promis

NZZ: Weshalb Film und Fußball ein schlechtes Team bilden – im Unterschied zu Fernsehen und Fußball

BLZ: Ballacks Wade, Calmunds Späße und immer wieder James Blunt: Die ersten WM-Tage im Fernsehen

taz: Jan Tomaszewski ist Polens größter Torhüter aller Zeiten. Vor dem WM-Spiel Deutschland – Polen klagt er die Zustände im polnischen Verband an

WM 2006

Wie ein Maultier in der Wüste

Christian Eichler (FAZ) amüsiert sich darüber, wie die Engländer ihr kümmerliches 1:0 gegen Paraguay rechtfertigen: „Manche mögen’s heiß: Das wäre kein passender Titel für den englischen WM-Film. Vierzig Jahre lang standen sich Englands Kicker selbst im Weg. Nun kommt ihnen auch noch die Erderwärmung in die Quere. Deutschland, das bekannte Tropenparadies, lähmte englische Beine und mußte nach einem lauen Sieg gegen ein biederes Team aus Paraguay als Entschuldigung herhalten. Vor allem für die zweite Halbzeit, in der sich ein erklärter Weltmeisterschaftsfavorit bei gerade mal 27 Grad so geballt nach rückwärts orientierte, zum eigenen Strafraum, als gäbe es dort Schatten oder kühle Cocktails. Schatten gab es aber nur an der Mittellinie, unter dem gigantischen Videowürfel am Dach der Frankfurter Arena. Torwart Paul Robinson demonstrierte die ganze Hilflosigkeit des englischen Aufbauspiels, als er einen Abschlag wie eine Silvesterrakete gegen den Videowürfel schoß. Es gibt einen englischen Hitze-Komplex, seit man 1970 als Titelverteidiger das Viertelfinale gegen Deutschland, die ‚Hitzeschlacht von Leon‘, nach 2:0-Führung noch verlor. Das letzte jener Hitzespiele, bei denen die sonst lauf- und konditionsstarken Engländer in der zweiten Hälfte plötzlich den Dienst verweigern wie ein Maultier in der Wüste, war das Viertelfinale gegen Brasilien vor vier Jahren. (…) Nachdem die Engländer es nicht schafften, den Vorsprung auszubauen, geriet ihr Versuch, das Spiel in der zweiten Hälfte einzuschläfern und Kräfte zu sparen, zu einer einzigen Notstandsdarbietung. Eriksson, einst Meistertrainer von Lazio Rom, versucht seit langem, das englische Spiel um italienische Coolness zu bereichern. Ohne Erfolg. Italiener verstehen es, das Leben aus einem Spiel zu nehmen. Wenn Engländer das versuchen, töten sie nur ihr eigenes Spiel.“

Ohne Einfall

Nach dem 0:0 gegen Trinidad und Tobago bewertet Ronald Reng (FTD) die Schweden neu: „Optimistisch betrachtet hat das 0:0 wenig an Schwedens Chancen aufs Achtelfinale geändert: Ein Sieg im Spiel gegen Paraguay würde wohl genügen. Doch Schweden kam in der Realität an. Besonders in deutschen Zeitungen war die Elf vor Turnierbeginn in den Himmel geschrieben worden; von Journalisten, die Schweden nie haben spielen sehen, sondern nur die Namen der Offensive lasen: Freddy Ljunberg, Zlatan Ibrahimovic, Henrik Larsson. Tatsächlich ist dieses Schweden eine gute, aber keine außergewöhnliche Elf.“ Richard Leipold (FAZ) fügt hinzu: „Manchmal lastet ein Unentschieden auf den Schultern der Spieler so schwer wie eine Niederlage. So muß es den Stars aus Schweden gegangen sein. Während die Kicker aus der Karibik sich von den Zuschauern feiern ließen, verschwanden die Skandinavier wie geschlagen in den Katakomben. Als einer der sogenannten Geheimfavoriten angetreten, hatten sie ihren Start ins Turnier verpatzt. Sie hatten nicht so schlecht gekickt, wie das Ergebnis vermuten läßt. Aber ihnen fiel nichts ein, den karibischen Gefühlen des Gegners etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen.“

Klassisch holländischer Trainerstil

Christoph Biermann (SZ) referiert das Selbstlob des Trainers von Trinidad und Tobago: „Nach dem sensationellen 0:0 konnte Leo Beenhakker der Versuchung nicht widerstehen, die Welt in die Gesetze seiner Mathematik einzuführen. ‚Im Fußball sind zwei plus zwei nie vier, sondern meistens drei oder fünf‘, sagte er. Besonders wenn man ein so ausgeschlafener Bursche ist wie der ehemalige Trainer von Real Madrid, Ajax Amsterdam und der holländischen Nationalmannschaft. Kurz nachdem er seinen Außenverteidiger Avery John durch Platzverweis verloren hatte, stellte er nämlich ungewöhnlich um: Für einen Mittelfeldspieler setzte er den Stürmer Cornel Glen ein. Das ist klassisch holländischer Trainerstil, Johan Cruyff etwa hat solche Entscheidungen immer wieder für den Fall propagiert, dass ein Team stark unter Druck gerät. Denn auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich noch mehr gegnerische Spieler in den Angriff einschalten. Gegen Schweden klappte es, und Beenhakker war ganz aus dem Häuschen über seinen Coup.“

FR: Trinidads Star Dwight Yorke stellt sich selbstlos in den Dienst der Mannschaft und führt seine Kollegen zur ersten WM-Sensation

WM 2006

Kulturhistorisch eingeordnet

Wer wird für Italien spielen: Totti oder del Piero? Birgit Schönau (SZ) ruft die Musen an, ihr die Taten der vielgewanderten Männer zu sagen: „Seinen Teamkollegen Sammy Kuffour warnte Totti: ‚Wenn der mich am Montag tritt, sorge ich dafür, dass er die nächste Saison beim AS Rom nicht so oft spielt!‘ War Spaß, natürlich. Rivale Del Piero entfernte sich bei seiner Pressekonferenz derart himmelweit von diesem Niveau, dass ein Journalist aus Japan erstaunt fragte, ob man die Sorbonne besucht haben müsste, um diesem Fußballer folgen zu können. Sagen wir mal so: Ein bisschen humanistische Bildung kann nie schaden. Weil Lippi seinen Spielern die Playstation verboten hat, lesen sie eben jetzt abends den guten alten Homer. Im Original vermutlich. Von wegen Sorbonne. ‚Ich ziehe mich auf meinen Hügel zurück, um abzuwägen, zu denken, zu beobachten und mich zu konzentrieren‘, beschrieb Del Piero seine Gemütslage betreffs des Juve-Skandals. ‚Wie Achill sich aus dem Trojanischen Krieg zurückzog.‘ Und was den Einsatz gegen Ghana angeht: ‚Für Achill war es nicht wichtig, wie viele Schlachten er schlug, sondern wie er sie bestritt.‘ So also sieht es aus. Wenn Del Piero noch ein bisschen weiterlesen würde, hätte er aber auch Achill aus der Unterwelt zitieren können: ‚Besser ein Knecht auf Erden, als ein Fürst der Schatten im Hades.‘ Das war, als der stärkste Held der Griechen sich ungeachtet aller düsteren Orakel wieder ins Schlachtengetümmel gestürzt hatte und an seiner Ferse getroffen worden war. Andererseits: Hölderlin hat sich auch schon mit Achill verglichen – und er konnte wohl weit weniger gut Fußball spielen als Del Piero. Kulturhistorisch wäre das Match gegen Ghana also schon mal eingeordnet. Lippi könnte in der Nacht zum Montag noch mal nachgelesen haben, wie denn dieser Agamemnon war, der den starken Achill auf der Bank schmoren ließ. Unsympathisch übrigens. Am Ende gewannen die Griechen in Troja mit List und Tücke. Totti ist das alles sowieso egal. Er will spielen und basta.“

FR: Michael Essien ist mit 23 Jahren der herausragende Akteur Ghanas

BLZ: Die Bedeutung des Fußballs in den USA wird nur dann steigen, wenn die Nationalmannschaft konstant Erfolg hat

Welt-Interview mit Karel Brückner, dem Trainer Tschechiens

Ascheplatz

Berechtigter Streik

Christoph Biermann (SZ) billigt den Prämienstreik der togoischen Spieler: „Der Fall hat nichts mit der latent rassistischen Wahrnehmung zu tun, dass die Afrikaner halt so seien und immer so ein lustiges Durcheinander produzieren. Die größte Behinderung beim Fortschritt des Fußballs in Schwarzafrika ist vielmehr genau jene, die auch den sozialen oder wirtschaftlichen Entwicklungen im Weg steht. In vielen Ländern sind gerade die sozialen Eliten die größten Ausbeuter ihrer Völker. Das Beispiel Togos macht anschaulich, wie so etwas funktioniert: Das Geld von der Fifa und von Sponsoren, das Togos Kicker durch gute Leistungen für ihren Verband eingespielt haben, landet nicht einmal zu einem Teil bei ihnen. Der Verband ist durch dieses Geld plötzlich zu einer interessanten Adresse für alle geworden ist, die sich etwas in die Tasche stecken wollen. Es mag nachvollziehbar sein, dass der ein oder andere die Gelegenheit nutzen will, auf diese Weise zu einer Reise nach Europa zu kommen. Genau so verständlich ist es aber, dass Togos Spieler solchen WM-Tourismus nicht finanzieren wollen, indem sie auf zugesagte Prämien verzichten. Zumal längst nicht alle Spieler aus dem armen Land so hoch dotierte Verträge haben wie Stürmerstar Adebayor. Ihr Streik ist berechtigt gewesen.“

SZ: Pfister verlässt wegen eines seit Monaten offenen Prämienstreits die Mannschaft

Das sind gute Jungs, die haben nichts falsch gemacht

Otto Pfister, der zurückgetretene Trainer Togos, im Interview mit Andreas Burkert (SZ)
SZ: Am Samstag haben die Verantwortlichen des togoischen Fußballverbandes den Wunsch geäußert, Sie mögen Ihren Rücktritt vom Freitag bitte noch einmal überdenken. Spieler und Verband meinten, vielleicht sehe alles wieder anders aus, wenn Sie eine Nacht drüber geschlafen hätten. Konnten Sie überhaupt schlafen?
Pfister: Natürlich konnte ich schlafen! Obwohl mich in beiden Nächten nach meinem Rücktritt mehrere Spieler zuhause angerufen haben. Mein Entschluss steht allerdings, ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht zurückkomme. Außerdem hat niemand aus dem Verband Kontakt mit mir aufgenommen. Natürlich bin ich deshalb am Boden zerstört, denn das wäre meine erste WM gewesen. Aber ich habe eine rein professionelle Entscheidung getroffen, und dazu stehe ich.
SZ: Mitten in der Nacht haben Sie also mit WM-Spielern Togos telefoniert?
Pfister: Ja, aber ich werde jetzt keine Namen nennen. Ich muss jetzt das Leben der Spieler schützen, denn Sie wissen ja, was sie mit Pierre Womé gemacht haben, dem Nationalspieler aus Kamerun von Inter Mailand …
SZ: … der mit einem verschossenen Elfmeter in der Nachspielzeit der letzten Relegationspartie die WM-Qualifikation Kameruns verhinderte. In seiner Heimat haben sie sein Haus zerstört.
Pfister: Genau, und ich weiß doch, was jetzt in Togo los ist. Aber wenn Leben gefährdet sind oder Kinder verletzt werden können, dann ist sofort Schluss bei mir. Und das ganze Land wird jetzt leider erstmal auf die Spieler losgehen, obwohl sie gar nichts dafür können. Deshalb habe ich den Spielern am Telefon auch gesagt, dass sie professionell denken müssen, und dass sie an ihre Zukunft und an ihr soziales Umfeld denken sollen. Genau so habe ich denen das wortwörtlich gesagt, diese Passage habe ich extra aus meinen Teamsitzungsunterlagen herausgeschrieben. Sie müssen an sich und ihre Familien denken, an ihre Sicherheit. Deshalb müssen sie die WM auch spielen.
SZ: Wieso zahlt der Verband partout nicht die verabredeten Prämien?
Pfister: Wie so vieles in einem armen Land dreht sich natürlich alles ums Geld. Dabei wollten die Spieler doch gar nicht das Geld dieses armen Landes haben! Sondern sie wissen natürlich, dass schon eine Tranche aus dem Antrittsgeld der Fifa geflossen ist. Die Spieler sind nicht unverschämt, sie verlangen keinen Pfennig, für den dieses arme Land aufkommen müsste. Und sie haben ja auch nicht das ganze Geld von der Fifa verlangt, sondern nur einen Teil davon. Es gibt ja auch noch Sponsorengeld vom Ausrüster, das ist noch einmal erhöht worden, und von einer italienischen Getränkefirma, oder für ein Testspiel in Saudi-Arabien. Die Spieler wissen, dass dieses Geld geflossen ist, und jetzt fragen sie sich: Wo wandert das viele Geld hin? Verschwindet es in dunklen Kanälen? Das ist alles sehr schade, denn schon beim Afrika-Cup im Januar waren die Prämien für die WM-Qualifikation offenbar ein Problem.
SZ: Jetzt ist die Sache eskaliert.
Pfister: Meine Einstellung ist ja immer: Ich gehe nicht an Politik und an Geld heran. Ich habe in Afrika oft darum kämpfen müssen, dass die Infrastruktur stimmte; meine Mannschaften und ich mussten das Minimum haben, damit wir arbeiten konnten. Aber dass jetzt die Spieler vor einer Weltmeisterschaft gestreikt haben, da muss ich sagen, das ist die tollste Sache, die ich erlebt habe – dass alles an einem Menschen hängt.
SZ: Sie meinen sicher Herrn Gnassingbe, der ein Bruder des Staatspräsidenten von Togo ist?
Pfister: Ja, von ihm sind doch dort alle abhängig. Da sitzen zwanzig Leute im Hotel rum, auch der togoische Botschafter, und wenn einer einen Pieps macht und dem Botschafter vielleicht dieser Pieps nicht passt, dann ist er weg. So geht das dort zu.
SZ: Was kann die Mannschaft bei der WM nach diesem Chaos noch erreichen?
Pfister: Durch diese drei Tage Trainingsverlust wird man sicherlich einen physischen Abfall spüren, das ist gar nicht anders möglich. Von der Psyche her ist die Mannschaft in Ordnung, und wir sind ja wirklich eine gute Einheit gewesen. Es hat doch auch niemals einer von ihnen auf dem Trainingsplatz gefehlt. Das sind gute Jungs, die haben nichts falsch gemacht. Ich werde ihnen jetzt am Fernseher zusehen.

FR: Die Zuschauer brauchen keinen Ausweis, um in die WM-Stadien zu kommen

Deutsche Elf

Fehleinschätzung

Michael Horeni (FAZ) resümiert und wundert sich über die Uneinigkeit zwischen Michael Ballack und Jürgen Klinsmann: „Die öffentlich gewordene Auseinandersetzung ist ein Rätsel. Beide hat immer ein gutes Verhältnis verbunden, trotz der unterschiedlichen Auffassungen über die taktische Ausrichtung der vergangenen Woche. Da ging es nur um Nuancen. Ballack verlangte mehr defensives Pflichtbewußtsein, er ist ohnehin der konservativere Fußballcharakter. Aber das war nichts im Vergleich zur Dankbarkeit, die Ballack dem Bundestrainer entgegenbringt, seit er ihn zum Kapitän gemacht hat. Aber vielleicht hat der Kapitän zuletzt tatsächlich geglaubt, eine Sonderstellung im System Klinsmann zu besitzen, die ihm erlaubt, Entscheidungen zu steuern. Eine schwere Fehleinschätzung. Der Bundestrainer, im Alltag bekennender Teamarbeiter, hatte ausdrücklich von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht. Die Botschaft war eindeutig: Der Chef heißt Klinsmann. Der Bundestrainer hat stets die besondere Bedeutung Ballacks hervorgehoben. Aber was heißt das konkret, eine besondere Bedeutung im System Klinsmann zu besitzen? Unter Rudi Völler war das einfacher. Da saß der Teamchef mit seinen wichtigsten Spielern zusammen, und die Loyalität beruhte auf Gegenseitigkeit. Das war auch eine Falle. Denn Völler mochte irgendwann harte Entscheidungen nicht mehr treffen, auch wenn er von ihrer Notwendigkeit eigentlich wußte. Vor Loyalität geht bei Klinsmann die Fitness – und seine eigene Glaubwürdigkeit vor den Spielern, die Verantwortung für das gesamte Projekt.“ Jan Christian Müller (FR) ergänzt: „Den Machtkampf hat Ballack erst einmal verloren. Er hätte das wissen müssen: Jürgen Klinsmann ist nicht dafür bekannt, öffentlichem Druck nachzugeben. Offenbar vermisst Ballack beim Bundestrainer aber jenes Einfühlungsvermögen, das einem Ausnahmespieler wie ihm seiner Meinung nach zusteht. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Ballack ein Star, entsprechend nimmt er auch sich selbst wahr und erwartet deshalb, dass Klinsmann an ihn andere Maßstäbe anlegt als an seine Mitspieler. Doch das tut der nicht.“

SZ: Michael Ballack und Jürgen Klinsmann sind empfindlich, aber auch aufeinander angewiesen

FR: Aller Nachhilfe in Theorie und Praxis zum Trotz – bei den Defensivaufgaben wirken die deutschen Nationalspieler bisweilen wie unreife Schüler

Tsp: Warum nicht nur die Deutschen mit der Klinsmann-Elf jubeln

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