Freitag, 6. Januar 2006
WM 2006
Nur mit Fußball kann man in Deutschland noch Staat machen
Andreas Platthaus (FAZ/Feuilleton) versucht den Rang der WM für unser Land zu erfassen: „Ein Volk, ein Land, ein Fußball. So muß man sich jene vier Wochen wohl vorstellen, in deren Schatten die anderen achtundvierzig des Jahres stehen werden. Und in deren Schatten schon die zweihundertfünfundvierzig standen, seit Deutschland das Turnier zugesprochen bekam. Seit damals wird das deutsche Jahr beschworen, die Wiederkehr unseres Landes auf die Weltkarte, nachdem wir ökonomisch, außenpolitisch und olympisch in den Untergrund gegangen sind. Ganze Regierungen knüpften ihr Schicksal an den Verlauf des Turniers. Eine Fußballweltmeisterschaft sei für ein Land ein kombiniertes Sozial-, Verkehrsentwicklungs- und Tourismusprogramm, heißt es. Mit einem Wort: Das Turnier ist bares Geld wert. Deshalb gilt auch: Treue um Treue, was diesen Schatz betrifft. Jede Kritik ist defätistisch. Das konnte man schon spüren, als das Satiremagazin Titanic eine fingierte Bestechungskampagne zugunsten Deutschlands durchführte. Statt daß man das Blatt nach erfolgreicher Abstimmung dafür feierte, wurde es des Landesverrats bezichtigt. Man sollte unseren Satirikern wie vor Bundestagswahlen auch vor der WM eine Auftrittspause von sechs Wochen nahelegen. (…) Wir können jeden Stimmungsaufschwung gebrauchen – mehr noch als einen Wirtschaftsaufschwung, wie uns alle diejenigen dauernd erzählen, die nicht selbst in die Tasche greifen wollen, um die Nachfrage anzuregen. Statt Volk ohne Raum sind wir heute ein Volk ohne Traum. Nur an den Titelgewinn glaubt immer noch ein Viertel aller Deutschen. Nur mit Fußball kann man in Deutschland noch Staat machen.“
FAZ/Wirtschaft: „Ein Konjunkturprogramm ist die WM nicht”
Bundesliga
Kleiner Strohhalm
Mirko Slomka ist neuer Trainer; Andreas Morbach (FR) zählt die Schalker an: „Besonders peinlich wirkt die Notlösung der Strippenzieher aus dem Revier dadurch, dass die Verantwortlichen nach Rangnicks Entlassung nicht sofort dessen Assistenten zum Chef gemacht hatten, sondern Slomka beim letzten Vorrundenspiel lieber den frisch mit dem Trainer-Diplom ausgestatteten Torwarttrainer Oliver Reck vor die Nase setzten. (…) Schalkes zuständiger Trainersucher Andreas Müller bestritt, in den vergangenen Wochen mit einem der gehandelten Kandidaten gesprochen zu haben. ‚Also konnten sie uns auch gar nicht absagen’, begegnete der Teammanager der nahe liegenden Vermutung, dass Schalke mit seinen seit Sommer 2002 fünf verschlissenen Cheftrainern plus dem bekanntermaßen herrschsüchtigen Manager Rudi Assauer ein ernstes Imageproblem hat. Speziell, wenn man einen namhaften Trainer sucht, der den mit rund 90 Millionen Euro verschuldeten Klub wieder in die Champions League führen soll. ‚Sehr überrascht’ sei er gewesen, gestand Slomka, dessen aus dem Ostpreußischen abstammender Nachname sehr passend zur Situation des FC Schalke auf Deutsch ‚kleiner Strohhalm’ bedeutet.“ Richard Leipold (FAZ) teilt die Skepsis: „Wenn Profivereine einen neuen Trainer vorstellen, geht es nicht nur darum, Personen auszutauschen. Der neue Mann ist zumeist ein Zeichen zum Aufbruch: ein Signal an die Spieler, die Fans, die Medien und das gesamte Publikum. Der neue Trainer steht oft auch für die Ambitionen eines Klubs. Welche Signalwirkung geht von Slomka aus? Im günstigsten Fall erst einmal gar keine.“
Hektik-und-Durcheinander-Sonderpreis
Christoph Biermann (SZ) fühlt sich gut unterhalten: „Eigentlich hatte er sich auf dem Weg zur entscheidenden Besprechung im Stau auf der Autobahn vier Stunden lang hinter einem Lastwagen, der Klärschlamm verloren hatte, auf seine Entlassung eingestellt. So mag auf der Verpflichtung von Slomka auch in metergroßen Lettern VERLEGENHEITSLÖSUNG stehen, falsch muss sie nicht sein, und der freundliche Coach darf gleich den Stinkend-ins-Glück-Award für den nur im Wortsinne anrüchigsten Trainerwechsel der Session entgegen nehmen. Doch die anderen Bundesligisten dürfen ebenfalls nicht ohne entsprechende Prämierung ausgehen. Den Komm-Wolfgang-wir-trauen-uns-was-Preis erhält Michael Meier für die Überredung von Overath, einen Schweizer zum 1. FC Köln zu holen. Der Von-Leverkusen-lernen-heißt-siegen-lernen-oder-so-Award geht zum Konzernverein nach Wolfsburg für die Verpflichtung des beim anderen Konzernverein abgelegten Klaus Augenthaler. Den Ich-kenn-auch-einen-und-den-verpflichte-ich-jetzt-einfach-mal-Award erhält Walter Hellmich, der Jürgen Kohler einen ersten Vertrag als Cheftrainer gab. (…) Schließlich soll mit dem Hektik-und-Durcheinander-Sonderpreis dem FC Schalke noch einmal für sein über Jahrzehnte verlässliches Heuern und Feuern gedankt werden.“ Wird aus Assauer „Schalkes Beckenbauer“, wie Aufsichtsrat Clemens Tönnies prophezeit? Roland Zorn (FAZ) deutet Zeichen einer Entmachtung: „Daraus kann schon deshalb nichts werden, weil die Aura des Münchners einzigartig ist, die des Schalkers aber nicht; Assauer würde zum Grüßgottrudi. Sicher ist, daß die Umstände der Trennung von Rangnick, die der Trainer in Gang setzte und nicht der Manager, Assauers Ansehen erheblich geschadet haben. Der listige Schwabe wußte zwar, daß er bei diesem Klub keine Weiterbeschäftigungschance mehr hatte, doch hat er seinen letzten Auftritte dazu genutzt, seinen größten Schalker Widersacher mit einer genüßlichen Ehrenrunde vor dem Arena-Publikum zu desavouieren und zu demontieren. (…) Rudis Rolle in Zukunft, wenn er sie denn annimmt, wäre nicht die eines Schalker Beckenbauer, sondern die eines neuen Charly Neumann.“
FTD: Assauers Stern verglüht
Wortgewandter Motivator
Hanspeter Latour ist neuer Trainer in Köln – eine „originelle Lösung“, findet die SZ. „Latour gilt als Meister der Motivation und der Metaphern“, hat die Welt gehört. Aha. Erik Eggers (FTD) schildert seinen ersten Eindruck: „Theoretisch scheint Latour alle Anforderungen zu erfüllen für die heikle Aufgabe inmitten der aufgeregten Medienstadt Köln. Sein Talent als Entertainer hat er jedenfalls schon unter Beweis gestellt. Auf die Frage eines Journalisten, ob er denn wisse, dass es sich beim FC um keinen gewöhnlichen Klub handle, antwortete er keck: ‚Ja, das ist ein verrückter Klub, sonst hätten sie keinen Schweizer geholt!’ Und gefragt nach anstehenden Spielerverpflichtungen, juxte er: ‚Wenn ich meinen Kontrakt so ansehe, ist da sicher noch viel Luft.’ Diese Äußerungen dürften die Befürchtungen des Boulevards, in Latour komme ein Schweizer Double des spröden Marcel Koller, vorerst entkräftet haben. Latour eilt der Ruf voraus, aus einem bescheidenen Kader das Optimum herauszuholen und nicht den Sinn für die Realität zu verlieren. (…) Die Kölner Spieler haben sich nicht auf große Systemdebatten einzustellen, sondern auf einen wortgewandten Motivator, der schon mal zu ungewöhnlichen Maßnahmen greift.“
Die Schweiz ist nun auch Qualitätssiegel im Fußball, meint Jan Christian Müller (FR), verweist aber auf die komischen Arbeitsverhältnisse in Köln: „Der Schweizer Fußball hat erheblich an Image gewonnen: Der Schweizer Marcel Koller, engagierter Förderer der Jung-Nationalspieler Lukas Podolski und Lukas Sinkiewicz, erarbeitete sich nach seinem unglücklichen Deutschland-Debüt beim 1. FC Köln eine zweite, verdiente Chance beim VfL Bochum; der Schweizer René Jäggi sanierte den 1. FC Kaiserslautern; der Südbadener Joachim Löw genoss die Trainerausbildung in der Schweiz; der Schweizer Querdenker Urs Siegenthaler hat sich als Scout der deutschen Nationalmannschaft einen hervorragenden Ruf erarbeitet; das Schweizer Nationalteam qualifizierte sich gegen den WM-Dritten Türkei für die WM 2006; das Schweizer Ausbildungssystem gilt als vorbildlich auch für den deutschen Fußball; der Schweizer No-name-Klub FC Thun schlug sich wacker in der Champions League; in der Schweiz findet zudem in zwei Jahren die Europameisterschaft statt, die dem dortigen Fußball einen zusätzlichen Schub geben wird. (…) Es fällt auf, dass in der Bundesliga zuletzt diejenigen Neulinge reüssiert haben, die sich in jenen Klubs, in denen sie zum Cheftrainer befördert wurden, bereits vorher hervorragend auskannten und über ein entsprechendes Netzwerk verfügen: Schaaf, Klopp, Doll und Götz. Für den temperamentvollen Latour wird es nicht nur darauf ankommen, die Kölner Profis anzuleiten. Er muss es auch schaffen, sich geschickt in der aufgeregten Kölner Medienlandschaft zu bewegen. Anerkanntes Schweizer Fachwissen reicht dazu nicht aus.“
Synonym für eine masslose Transferpolitik
Stefan Osterhaus (NZZ) veranschaulicht: „Bloss vordergründig steht der Name Michael Meier für Erfolg: Insgesamt dreimal wurde Dortmund unter seiner Leitung zwar Meister, gewann zudem 1997 die Champions League, dazu den Interkontinentalcup. Meier aber hat im Verbund mit Gerd Niebaum die Borussen auch an den Rand des Kollapses manövriert. Meier gilt in der Bundesliga inzwischen als Synonym für eine masslose Transferpolitik. Der Manager zeigte sogleich, dass er die Mechanismen des Geschäfts noch immer gut verinnerlicht hat: Er initiierte ein Scheingefecht, in dem er Thomas Doll vorwarf, unseriöse Äusserungen zu treffen. (…) Vielleicht dämmerte dem Schweizer in diesem Augenblick, wohin er geraten ist, was ihn hier erwarten wird, dass es hier nicht um Inhalt gehen wird, sondern vor allem um die Frage, wer mit welchem Reporter den besseren Draht pflegt. Und vielleicht beziehen sich Overaths Sorgen vor allem darauf, ob er in Latour einen Mann gefunden hat, der kompatibel ist in Köln mit seiner recht aggressiven Medienlandschaft. Der neue Unbekannte steht vor einer heiklen Mission.“
Bildstrecke „Funkemariechen Latour“, sueddeutsche.de
Wir haben zu viele Trainer und Manager auf die Mannschaft losgelassen
Klaus Fuchs, Geschäftsführer beim VfL Wolfsburg, im Interview mit Frank Hellmann (FR)
FR: Beim ersten Training unter Klaus Augenthaler waren 1.200 Zuschauer auf dem Trainingsgelände: Das bedeutet Vereinsrekord. Ist da eine neue Begeisterung entfacht?
Fuchs: Ich habe sogar 2.000 Leute geschätzt. So einen Rummel hatten wir noch nie in Wolfsburg. Von dem Stimmungsumschwung war ich aber nicht überrascht.
FR: Weil Sie schon längst wussten, dass Holger Fach und Thomas Strunz nicht mehr zu halten waren?
Fuchs: Die Atmosphäre bei der Anhängerschaft war vergiftet, eigentlich im gesamten Umfeld. Die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle, die Angestellten im Ticket- und Fanshop wurden angemeckert. Plötzlich sind auf einmal alle wieder freundlicher. Eine Frau hat mir gesagt, jetzt schmecke den Leuten auch die Bratwurst wieder. Aber ich weiß auch: Diese gute Stimmung löst kein einziges sportliches Problem, es ist lediglich eine bessere Arbeitsbasis.
FR: Das Arbeiten mit der Mannschaft obliegt nun Klaus Augenthaler. Was hat er, was Ralf Rangnick nicht haben soll?
Fuchs: Vorweg: Beide Kandidaten hatten mich und die Mitglieder des Aufsichtsrates überzeugt. Und es spricht für unseren Verein, dass sich zwei richtig gute Trainer für uns entschieden hatten – das ist ja heute auch nicht selbstverständlich (lacht). Für Augenthaler sprach, dass wir ihn mehr als ruhenden Pol sehen, um den sich eine Mannschaft scharen kann.
FR: Kann er dem als untrainierbar geltenden Team den notwendigen Tritt in den Hintern versetzen?
Fuchs: Ich bin mir nicht sicher, ob man auf die Mannschaft einschlagen muss. Es ist eine willige Truppe, aber es ist ein hohes Maß an Verunsicherung vorhanden. Das Team muss hart trainieren, hart arbeiten. Im Kern geht es darum, dass man bei Negativerlebnissen nicht auseinander fällt, dass sich nach Rückschlägen nicht Auflösungserscheinungen zeigen.
FR: Zeugt solch ein Verhalten nicht davon, dass bei der Kaderzusammenstellung elementare Fehler begangen wurden?
Fuchs: Wir haben sicher in den vergangenen Jahren zu viele verschiedene Trainer und Manager auf die Mannschaft losgelassen – und darunter hat die Zusammenstellung gelitten. (…)
FR: Die vergangenen Diskussionen haben dem Image des Klubs sehr geschadet. Inwieweit ist zu befürchten, dass der Mehrheitseigner VW einmal Konsequenzen zieht?
Fuchs: Klar ist, dass für den VfL Wolfsburg mit dem achthöchsten Budget in der Liga nicht Platz zwölf das Ziel sein kann. Wir sind nicht davor gefeit, dass Spitzensponsoring einfach erhalten bleibt, wenn die sportliche Talfahrt weitergeht. Wenn Bayern München mal nur noch Zehnter werden sollte, würde die Telekom ihr Engagement ja auch hinterfragen.
Das riecht nach Konflikt
Mathias Schneider (StZ) beäugt die Beförderung Horst Heldts zum Stuttgarter Manager: „Dass Heldt bei Fans, Sponsoren, Mannschaft und Vorstand große Wertschätzung genießt, erleichtert seinen Einstieg – leicht hat er es deshalb aber noch lange nicht. Noch im Herbst empfing er als Ersatzspieler von Trapattoni seine Befehle, nun ist er gleichgestellt. Das riecht nach Konflikten. Dazu kommt, dass Heldt mit keinerlei Erfahrung in das Amt geht. Nur wenn er von Beginn an selbstbewusst seine Position vertritt, wird er seine Wertschätzung nicht in kürzester Zeit verloren haben. Somit ist auch die Vereinsspitze um Erwin Staudt und Dieter Hundt gefragt, den Neuen diesmal gleich mit Kompetenzen auszustatten.“
Tsp: Heldt ist neuer Teammanager beim VfB Stuttgart – Herbert Briem wird degradiert
Welt-Interview mit Erwin Staudt
FAZ: Michael Ballack – Bayern oder doch Real?
FTD: Der FC Bayern rätselt um Ballacks Zukunft, Felix Magath schert das nicht
Ascheplatz
Zur Kasse gebeten
Live-Rechte – Michael Hanfeld (FAZ/Seite 1) erörtert den Zuschlag für eine Kabelgesellschaft: „Vielleicht hat Georg Kofler doch recht gehabt. Vielleicht hatte er keine Chance. Vielleicht ist er der erste, der existentiell zu spüren bekommt, wie es im Zeitalter des digitalen Rundfunks zugeht. Kofler hätte mehr bezahlen sollen für weniger Gegenleistung. Bisher konnte er für 180 Millionen Euro pro Saison alle Spiele live zeigen – und das allein. Er mußte nur ertragen, daß ihm die ARD mit ihrer Sportschau auf dem Fuße folgte. Jetzt sollte es der Senderchef für 250 Millionen Euro oder mehr hinnehmen, sowohl die ARD senden zu sehen, kaum daß seine Übertragung zu Ende ist, als auch die Telekom, die, während er die Spiele im Fernsehen übertrüge, dasselbe zur selben Zeit im Internet veranstaltete. Das wäre aus der Sicht des impulsiven Managers verständlicherweise ein miserables Geschäft gewesen. Aus der Sicht der Börse aber hätte er es wohl doch abschließen müssen. (…) Entkommen kann der Digitalisierung niemand. Das bedeutet für die einen ungeahnte Möglichkeiten, Geld zu verdienen, für die anderen, daß sie aus dem Geschäft sind, und für die Fernsehzuschauer und Internetnutzer, daß sie zur Kasse gebeten werden.“
Samstag, 31. Dezember 2005
Ball und Buchstabe
Leicht zu unterschätzen
Ralf Wiegand (SZ 30.12.) verfasst einen Nachruf auf Franz Böhmert: „Böhmert wurde 1970 Klub-Präsident, blieb es bis 1999, wechselte in den Aufsichtsrat. Er war all die Jahre der Kopf, die Mitte und die Basis des Vereins. Wer mit Franz Böhmert reden wollte, brauchte Zeit. „Lassen Sie uns einen Kaffee trinken“ – das konnte schon mal drei Stunden dauern. Eine kleine Zeitreise wurde das durch den Fußball, wie er ihn verstand. Franz Böhmert, ein unscheinbarer, freundlicher Mann, war leicht zu unterschätzen. Die kleine Gestalt, das manchmal wirre Haar, die vielen Zigaretten. Liebte Modelleisenbahnen. Aber er glaubte schon an Fußballvereine als Aktiengesellschaften, als andere Präsidenten noch mit der Spendenbüchse um den Weihnachtsbaum liefen. Und doch ließ er die fertigen Pläne länger in der Schublade liegen als andere, die dem schnellen Geld folgten. Chance und Risiko abzuwägen, Herz und Hirn auszubalancieren – so wurde aus Werder ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen und ein funktionierender Sportverein. Franz Böhmert war so wie dieser Verein.“
Spezielle Vergangenheitsbewältigung
Jörg Marwedel (SZ 28.12.) würdigt die Offenheit des Hamburger SV mit seiner Geschichte: „Kein anderer Bundesligaklub hat sich bislang so ausführlich mit dieser Seite seiner Geschichte befasst wie der HSV. Im neuen, erst im Februar 2004 eröffneten HSV-Museum in der AOL-Arena machen schon jetzt diverse Fundstücke diesen Abschnitt greifbar. Eng arbeitet der Museumsbeauftragte Dirk Mansen mit der Gedenkstätte des KZ Ahlem bei Hannover und dem Autor Werner Skrentny zusammen, der dieser Zeit in seinem mit Jens R. Prüß verfassten Buch „Immer erste Klasse – die Geschichte des Hamburger SV“ (Verlag Die Werkstatt) ausführlich nachspürte. Unlängst besuchte sogar eine Gruppe ehemaliger Ahlemer Häftlinge das Museum; etliche waren das erste Mal seit Kriegsende wieder in Deutschland. Zwar hat sich auch Borussia Dortmund dieser speziellen Vergangenheitsbewältigung gestellt, doch im früheren Arbeiterklub aus dem Ruhrgebiet bildeten Juden eine winzige Minderheit. Der großbürgerliche HSV, dessen Herz sich im noblen Stadtteil Rotherbaum befand, zog viele Wohlhabende und Gebildete aus den nahen Villenvierteln rund um die Alster an und verzeichnete mehr als doppelt so viele jüdische Mitglieder, als im Bevölkerungsdurchschnitt in Hamburg lebten.“
Mit der Emphase des wahren, kritischen Fans
Rüdiger Falksohn (Spiegel 1/2005) empfiehlt ein Buch über Fußball in Brasilien: „Keine andere Nation betreibt den Fußballsport, der 1894 von dem Schotten Charles Miller nach Santos gebracht wurde, mit solch quasireligiöser Inbrunst. Keine Nationalmannschaft verkörpert einen derart harmonischen Völker- und Rassenmix. Keine berauschte in ihren Glanzzeiten mit einem solchen Maß an kreativer Improvisation – und wurde dafür so geliebt. (…) Die Zahl brasilianischer Fußball-Legionäre übertrifft bei weitem die der Diplomaten. Rund 5000 Spieler verdienen ihr Geld derzeit in der Ferne. Selbst die Färöer verpflichteten ein halbes Dutzend (minder begabter) Akteure, um technische Finesse und Samba-Laune zu importieren. Ausgerechnet ein Engländer namens Alex Bellos hat während seiner vier Jahre als Südamerika-Korrespondent für den Guardian und den Observer die Geschichte des brasilianischen „Futebol“ rekonstruiert und dessen Faszination anekdotenreich geschildert. Bellos recherchierte für sein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch mit der Emphase des wahren, kritischen Fans, und er ging weite Wege.“
Samstag, 24. Dezember 2005
Interview
Solche Berichte zeichnen ein Bild, auf dem ich als völliger Idiot dastehe
Giovanni Trapattoni mit Sven Flohr (Welt)
Welt: Ist der Umbruch in Stuttgart nun abgeschlossen?
Trapattoni: Teilweise. Sehen Sie, manche Fußballspieler sind wie Schüler. Dem einen fällt alles in den Schoß und er kann in der dritten Klasse schon Probleme lösen, die andere vielleicht erst in der fünften Klasse beherrschen. Ich wußte, daß die Zeit für meine Mannschaft spielt.
Welt: Zeit wollten Ihnen aber weder Fans, Medien noch Vereinsführung geben. Haben Sie in Ihrer Karriere schon einmal solch massive Kritik erlebt?
Trapattoni: Natürlich, in Italien geht es noch viel schlimmer zu. Ich habe gelernt, damit umzugehen, und kann zwischen berechtigter Kritik und oberflächlicher Polemik unterscheiden. In Stuttgart konnte ich die Kritik in Teilen der Medien oft nicht ernst nehmen, da sie sich nicht damit auseinandergesetzt hat, was auf dem Platz wirklich vor sich geht.
Welt: Gibt es Unterschiede zwischen schwäbischer und italienischer Kritik?
Trapattoni: In Deutschland gibt es Sachen, die einfach nicht gesehen werden. Das sind viele Kleinigkeiten, die wir Tag für Tag verbessern. Deutsche und italienische Fans haben dagegen viel gemein. Sie fühlen sich in oft übertriebener Weise als Teil der Mannschaft. Sie kritisieren schneller und heftiger.
Welt: Kann Kritik Ihnen noch weh tun?
Trapattoni: Normal nicht mehr. Es sei denn, es wird geschrieben, daß ich Hinkel im Training aus Versehen Klinsmann rufen würde. Solche Berichte zeichnen ein Bild von mir, auf dem ich als völliger Idiot dastehe. So etwas über mich zu behaupten, ist unverschämt und ungezogen.
Welt: In der Vorrunde wurden gleich acht Trainer entlassen. Ist dies ein deutsches Phänomen?
Trapattoni: Nein, ich glaube sogar, wir Italiener waren die Ersten, die sich die Gewohnheit des schnellen Trainerwechsels zu eigen gemacht haben. Mein Eindruck ist jedoch, daß man sich in Italien mehr an fachlichen Gründen ausrichtet, während in Deutschland eher äußerem Druck nachgegeben wird und das Sportliche in den Hintergrund tritt. Es ist berechtigt, den Trainer zu entlassen, wenn die Spieler ihm nicht mehr folgen. In meinem Fall war es aber so, daß die Spieler freistehend vor dem Tor gescheitert sind oder individuelle Fehler gemacht haben. Da kann der Trainer gehen, diese Dinge bleiben.
Welt: Neben Ihnen gibt es in Bert van Marwijk nur noch einen zweiten ausländischen Trainer in der Bundesliga. Würde mehr internationaler Einfluß guttun?
Trapattoni: Ja, weil der Fußball wie die ganze Welt immer mehr globalisiert wird. Es gibt doch in der Realität längst keinen deutschen, italienischen oder englischen Fußball mehr. In diesen Zeiten muß man sich öffnen und international denken.
Welt: Ist dies dem deutschen Vereinsfußball gelungen?
Trapattoni: Der deutsche Fußball hat sich seit meiner Bayern-Zeit sehr verändert und ist besser geworden. Zum Teil, weil sehr viele gute ausländische Spieler in die Liga gekommen sind, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen mitgebracht haben. Aber auch, weil die Liga taktisch wieder auf Augenhöhe ist.
Welt: Inwiefern?
Trapattoni: In den 90er Jahren hatte Deutschland ein großes Problem. Nach dem Weltmeistertitel hat sich die Bundesliga ein paar Jahre lang kaum weiterentwickelt. Jetzt hat man endlich den Libero abgeschafft und diese Entwicklung aufgeholt. Es setzt sich auch die Idee durch, daß sich nicht nur die Außenverteidiger, sondern auch die beiden Spieler in der Mitte am Spielaufbau beteiligen. Mit diesem System hätten eigentlich alle aufwachsen müssen.
Welt: Wo steht die Liga im internationalen Vergleich?
Trapattoni: Sie steht besser da als viele meinen.
Welt: Wie Norbert Meier damit lebt, der Rüpel der Bundesliga zu sein
Dopium des Geistes
Philosophieprofessor und Ruder-Olympiasieger Hans Lenk im Spiegel-Interview
Spiegel: In wenigen Tagen beginnt das Mega-Sportjahr 2006 mit der Fußball-WM. Wissen Sie schon, wie und wo Sie das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica erleben werden?
Lenk: Keine Ahnung, ich weiß nicht einmal, wann es ist. Ich habe keinen direkten Kontakt mehr zum Fußball. Diese ganze Angelegenheit ist ein Faszinationsspektakel, das für mich zu hoch gespielt wird. Fußball, Fußball über alles! Da sage ich: ‚Nein danke’, obwohl ich einst erfolgreicher Jugendfußballer war.
Spiegel: Für manche gilt Bundestrainer Klinsmann als Hoffnungsträger, der mittels einer erfolgreichen WM den Deutschen den Aufbruch bescheren kann.
Lenk: Mit dieser penetranten Selbststilisierung: ‚Wir werden Weltmeister’? Mit Sicherheit nicht! Wir sind Weltmeister im Jammern und im Ankündigen sowie im Recht-haben-Wollen. Aber diese Großsprecherei gehört in der Mediengesellschaft natürlich auch dazu.
Spiegel: Sie werden die WM also nicht ernsthaft verfolgen im Fernsehen?
Lenk: Natürlich werde ich sie verfolgen, aber nicht ernsthaft. Ich werde mich amüsieren, hoffe auf brasilianische Kabinettstückchen der Ball-Eleganz! Mal sehen, ob die Deutschen, die Großathleten des Fußballs, sich wieder einmal so blasiert hinstellen und den Ball hin- und herschieben, als ob sie nicht laufen könnten, weil sie nicht anständig trainiert sind. Denn was ein Fußballer an körperlicher Fitness vorweist, das ist selbst bei Profis noch heute geradezu lächerlich gegen jeden Skilangläufer oder Ruderer oder Marathonläufer.
Spiegel: Was bedeutet es für die Befindlichkeit der Bürger, die WM im eigenen Land zu erleben?
Lenk: Zunächst einmal ist es ein ökonomisches Großereignis, und das Bruttoinlandsprodukt wird natürlich davon profitieren. Und insofern kann es sein, dass eine Art von Aufschwung mitverursacht oder beeinflusst wird. Es ist ein weiteres Glied in der Kette von teleökonomischen Superspektakeln, diesmal auf deutschem Boden.
Spiegel: Einen gesellschaftlichen Nutzen – neben dem ökonomischen – trauen Sie dieser WM in Deutschland nicht zu?
Lenk: Eine Fußball-WM ist ein großes Panem et circenses, zweifellos eine Art Opium des Volkes, man könnte es auch Dopium des Geistes nennen. Aber gesellschaftlicher Nutzen? Wenn Sie Ehrgefühl meinen, ja, das wird es in gewissem Sinne geben, wobei der größte Nutzen wäre, wenn sich die Deutschen präsentieren könnten als glänzende, faire Gastgeber. Ich denke, dass das deutsche Publikum besser sein wird als das griechische in Athen oder das italienische. Das wird eine positive Wirkung haben – vorausgesetzt, es gibt keine Zwischenfälle wie terroristische Akte.
Spiegel: Kann eine WM heute noch zur Völkerverständigung beitragen? Immerhin sind Spieler aus 31 Nationen zu Gast.
Lenk: Ich glaube nicht, dass sie von diesen Hochprofis ausgehen kann, die doch abgehoben sind gegenüber dem Normalverständnis. Der eigentliche sportliche Verständigungsgeist ist heute weniger bei einer Fußball-WM oder bei Olympischen Spielen zu finden als vielmehr bei den World Games der nichtolympischen Sportarten. Wir hatten die ja in Deutschland vor einiger Zeit, das war wirklich begeisternd. Da gab es Fair Play im alten Sinne: Ich erinnere mich an einen Tauziehwettbewerb, wo einer wegen Verletzung ausfiel, und dann ist auf der anderen Seite ebenfalls einer aus der Mannschaft rausgegangen – obwohl es da auch um einiges ging, und obwohl die Gegenmannschaft, soweit ich weiß, dazu nicht verpflichtet war. Stellen Sie sich das mal bei olympischen Endkämpfen heutzutage vor! Oder in einem Fußballfinale! Wenn einer wegen Verletzung ausfällt und nicht mehr ersetzt werden kann, ob dann bei der anderen Mannschaft auch einer rausgeht. Im Gegenteil, die werden gerade das kaltschnäuzig ausnutzen.
Spiegel: Für den WM-Titel hat der DFB für jeden Spieler 300.000 Euro ausgelobt. Ist in so einer Leistungsgesellschaft Fair Play überhaupt möglich?
Lenk: Das Dilemma beginnt ja schon im Kleinen. Es gibt berühmte Ex-Nationalspieler, die verlangen als Trainer von ihren Jugendlichen, sie müssten lernen, foul zu spielen – wenn auch ein einigermaßen ‚faires Foul’, was immer das heißen mag. Das sind ja Grotesken – leider reale und verbreitete.
FAZ: Theologe Hans Küng: „Fußball macht der Religion Konkurrenz”
Tsp-Interview mit Georg Buschner, Nationaltrainer der DDR
Der Schweizer Bundespräsident Samuel Schmid im NZZ-Interview über die EM 2008: „Der Politiker verhält sich nicht wie ein Unternehmer“
Welt: Wie Norbert Meier damit lebt, der Rüpel der Bundesliga zu sein
Georg Kofler im FAZ-Interview: „Wir werden unsere Abonnentenzahl stabil halten”
SZ-Interview mit Kofler
Ein Kaufmann, der sein Gut nur einem Schiffe traut,
Ist hochgefährlich dran, indem es bald kann kommen,
Dass ihm auf einen Stoß sein Ganzes wird genommen.
Der fehlt, der allzu sehr allein auf ein Glück baut.
(Paul Fleming / 1609-1640)
Freitag, 23. Dezember 2005
WM 2006
Ascheplatz
Anmaßung
Das WM-OK wird vom Gericht dazu gezwungen, den Kartenverkauf zu bessern, und Markus Völker (taz) drückt seine Genugtuung aus: „Ein Korrektiv war dringend nötig, um den Monopolisten zur Einsicht zu bringen; die Politik spielte die Rolle des Schlichters. Das OK und der DFB mokierten sich vor der Entscheidung und vergriffen sich mehr als einmal im Ton. Man ereiferte sich, denunzierte die Gegenseite und sprach von einer Wohltat am Kunden. Franz Beckenbauer machte unter den Verbraucherschützern ‚Tagediebe’ aus. Wolfgang Niersbach meinte, diese Mäkelei sei typisch deutsch. Richtig ist, dass das Angebot typisch dreist war und obendrein dem Motto folgte: Abzocke ist erlaubt, die Fußballfans stehen ja sowieso Schlange. In der Tat, das Angebot ist knapp und die Nachfrage riesig, aber gerade in so einer Situation, in der ein Branchenführer sich in Anmaßung übt, müssen Widerstreiter auf den Plan treten, die im Interesse der Verbraucher sprechen. Diese als Nörgler zu desavouieren und darauf hinzuweisen, man zwinge ja niemanden zum Kauf, wie es Horst R. Schmidt getan hat, zeigte nur die galoppierende Beratungsresistenz des OK.“
Michael Kölmel (BLZ) kritisiert die Hybris des WM-OK: „Wer sich nur lange genug einredet, er allein würde allen anderen etwas Großartiges, Einzigartiges, Überwältigendes schenken, der ist zwangsläufig irgendwann überzeugt, dass er alles darf. Nur so ist zu erklären, wieso die Herren seit Monaten so viel Unsinn reden. Selbst jetzt, wo sie beim Abzocken ertappt wurden. Seit Beginn des Ticketverkaufs im Januar gibt es Beanstandungen. Von Datenschützern, Parlamentariern, Wettbewerbshütern und Fans, welche die Geschäftsbedingungen in ihren Foren debattieren. An vielen Punkten mussten die WM-Organisatoren nachgeben. Nicht aus Einsicht, sondern auf Grund von Druck. (…) Wieso sollten Käufer mit Gebühren ohne Gegenleistung das OK finanzieren? Weil uns der DFB die WM schenkt? Deutschland zahle die WM – Stadien, Sicherheit, Infrastruktur, Steuerbefreiung. Geschenkt, sagen fast alle. Als Gegenleistung wäre Fairness schön. Und jetzt, nach dem Kompromiss, Schweigen.“ Frank Hellmann (FR) ergänzt: „Dass dem OK jemand (über den Klageweg) auf die Finger gehauen hat, war gut. Zustell- und Servicegebühren mögen noch vertretbar sein, doch in Verbindung mit überhöhten Vorauszahlungen und gestreckten Rückzahlungen sind sie dreist.“
Deutsche Elf
Weltmeistertitel in Kleinkariertheit
Matti Lieske (BLZ) nervt Jürgen Klinsmanns Entscheidung, den Nationalspielern die Teilnahme am UN-Benefizspiel in Düsseldorf zu verbieten: „Den Weltmeistertitel in Kleinkariertheit hat Klinsmann damit bereits gewonnen, denn wie ein paar Minuten Kicken in einem Benefizspiel, einen Tag nach den letzten DFB-Pokalpartien, die WM-Chancen gefährden sollen, weiß wohl nur der Bundestrainer allein. Es ist auch hier ein armseliges Bild, das der deutsche Fußball abgibt, dem Wohltätigkeit offenbar nur dann wichtig ist, wenn sie von ihm selbst organisiert wird und er den entsprechenden Imagegewinn einheimsen kann.“
Ball und Buchstabe
Polizisten einstellen
Innere Sicherheit bei der WM – Joachim Käppner (SZ/Meinungsseite) lehnt den Einsatz der Bundeswehr ab: „Es gibt in der deutschen Armee Spezialeinheiten, die in fernen Ländern geheime und gefährliche Aufträge erledigen: Terroristenjagd in den Bergen Afghanistans, Festnahme serbischer Kriegsverbrecher in ihren Verstecken auf dem Balkan. Die Soldaten haben sich bei den Verbündeten hohes Ansehen erworben. Nur einen Job können die Spezialisten nicht erledigen, für eine solche Mission fehlen Zeit und Leute: ihre eigenen Kasernen zu bewachen. Das übernimmt ein privater Sicherheitsdienst, für den der Steuerzahler aufkommt. Dass sich die Bundeswehr aus Mangel an Männern und Mitteln also selber bewachen lassen muss, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Forderungen von Wolfgang Schäuble, die Soldaten zum Schutz der WM heranzuziehen. Einmal davon abgesehen, dass sich das Land bei der WM (‚Die Welt zu Gast bei Freunden’) eigentlich nicht präsentieren will, als habe die Regierung gerade das Kriegsrecht ausgerufen, ist die Truppe mit den Auslandseinsätzen, milde gesagt, ausgelastet. (…) Wem zum Schutz der WM das Personal fehlt, der muss nicht das Militär als Hilfssheriff rufen. Gegen den Mangel an Polizisten gibt es ein bewährtes Rezept: Polizisten einstellen.“
DFB-Pokal
Gut, daß es den DFB-Pokal gibt
Udo Muras (Welt) freut sich über beste Fußball-Unterhaltung: „Der Pokal ist also wieder wer. Vorbei die Zeit, als die Stunde der Reservisten schlug. Das leisten sich nur noch die wenigsten Trainer, und schon gar nicht mehr in diesem Stadium des Wettbewerbs. Natürlich liegt das mit an der Aufwertung durch lukrative Garantiesummen fürs Weiterkommen und Fernsehübertragungen. Aber vielleicht erkennen die großen Vereine, daß sie hier zum Glück gezwungen worden sind. So wie sie hoffentlich erkennen, daß sie nicht nur für sich selbst spielen. Der Pokal wird von den Fans wieder angenommen wie zu allerbesten Zeiten. (…) Gut, daß es den DFB-Pokal gibt.“
Ante-S.-Pokal
Klaus Hoeltzenbein (SZ) versucht, alle Fußball-Meldungen, Spiele und Kopfstöße vom Mittwoch unter einen Hut zu kriegen: „Die Energie des Mittwochs ging drauf für das Erlernen jener neuen Vokabeln, die der Bundesliga frische Millionen bringen: Arena, Unity Media, cross-mediale Vermarktung, Tele Columbus, Iesy und Ish. Doch nur wer Iesy wie Ish umdribbelte, sich durchkämpfte bis zur Fußnote des TV-Kontraktes, der fand versteckt die große Botschaft: betandwin, ein Sportwettenanbieter aus Wien, erwirbt und makelt die Auslandsrechte der Bundesliga. Künftig lässt sich die Liga zum Beispiel in Asien, dem Welthandelszentrum der Zockerei, nur noch von Experten vertreten. Hätte es eine treffendere Pointe für das Sportjahr 2005 geben können? Für das Schiedsrichter- und Wettskandaljahr, das im Januar mit der Enttarnung von Robert Hoyzer begann und im November mit dessen Verurteilung endete? Dass der deutsche Fußball zockertauglich ist, bestätigte er im Pokal. Denn was gibt es für den Profi Schöneres, als eine Halbzeit-Endstand-Wette wie diese: Erstligist (Hertha) führt 2:1, Drittligist (Pauli) siegt 4:3? Oder so eine Live-Wette: Hält der Feldspieler den Elfmeter? Wohlgemerkt, betandwin erwarb die Auslandsrechte der Liga, noch nicht die des DFB-Pokals, in dem der Wettskandal begann. Sollte es je dazu kommen, wäre eine Umbenennung schon aus Dankbarkeit geboten: In Ante-S.-Pokal.“
FC St. Pauli–Hertha BSC Berlin 4:3 n.V.
Old School
St. Pauli kämpft und siegt – ein Fest für Romantiker. Jörg Marwedel (SZ) kämpft mit den Tränen: „Erlebt hatten die Zuschauer ein Kampfspiel mit einer ganz eigenen Poesie. Mit Millerntor-Poesie, die noch kein Stück erreicht hat, das Theaterboss Littmann auf die Bühne von ‚Schmidt’s Tivoli’ an der Reeperbahn gebracht hat, und die stark an die Atmosphäre beim legendären 2:1 gegen den FC Bayern am 6. Februar 2002 erinnerte. Es war ein Abend, an dem man fühlen konnte, was dem großen Fußball in Deutschland fehlt, seit der Hamburger Stadtteilklub vor zweieinhalb Jahren in die dritte Liga abgestürzt ist. (…) Die Spieler des Regionalliga-Dritten haben mit ihrem grandiosen Auftritt Bewerbungen für eine höhere Spielklasse abgegeben.“ René Martens (FTD) feiert einen Sieg der Fußball-Kultur: „Es macht einen Unterschied, ob man vor der stimmungsvollen Kulisse einer modernen Arena spielt oder vor einem bis zum letzten VIP-Fan völlig entfesselten Old-School-Publikum, das trotz aller sportlicher Demütigungen der letzten Jahre weiterhin willens und in der Lage ist, ein Spiel gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner maßgeblich zu beeinflussen. Die Berliner scheiterten, weil sie der Leidenschaft St. Paulis nicht gewachsen waren – vielleicht auch nicht gewachsen sein konnten, weil sie eher wie eine Abteilung qualifizierter Angestellter wirken, aber nicht wie eine Mannschaft.“ Frank Heike (FAZ) sagt Hertha Tschüs: „Hertha hat in den vergangenen zwanzig Jahren genau einmal das Viertelfinale erreicht. Sonst war immer früher Endstation im Pokal. Andere fahren nach Berlin, die Hertha bleibt dort.“
Hannover 96–Werder Bremen 1:4
Epischer Sieg
Javier Cáceres (SZ) schreibt: „Hannover hatte mit einer an Real Madrid gemahnenden Masse an Offensivkräften nach einem epischen Sieg getrachtet und sich auch Chancen erspielt. Doch die taktisch reiferen Bremer hatten stets die Gewissheit, mit wohltemperierten Kontern Panikschübe bei 96 zu provozieren. Erst als Markus Merk auf Nummer sicher gehen wollte, auch wirklich in der Sportschau erwähnt zu werden, und einen weiteren hanebüchenen Elfmeter verhängte, kam Hannover zu einem Treffer.“
Welt-Interview mit Torsten Frings
Eintracht Frankfurt–1. FC Nürnberg 5:2 n.V.
Wille, Konzentration und Glück
Ein Hoch auf die Eintracht von Detlef Esslinger (SZ): „Die Zuschauer bekamen viel geboten, eigentlich alles – abgesehen vielleicht von einem schönen Spiel. Ein klassischer Pokalkampf war es, in dem nicht fußballerische Momente, sondern die Mischung aus Willen, Konzentration und Glück den Ausschlag gab. Es sah zunächst danach aus, als bahne sich eine klare Sache an, als strebe Nürnberg die unmittelbare Nachfolge des FC Schalke an, der hier ein 0:6 geschehen ließ: Kurzpass-Spiel am eigenen Strafraum, Rückgaben in Form von Bogenlampen, Fehlpässe als Aufforderung zum Konter; die Gäste erweckten den Eindruck, als wollten sie eigentlich nicht groß stören. (…) Die Gastgeber haben ein Jahr hinter sich, das ihnen selbst noch ein wenig unheimlich ist: erst die Aufholjagd in der Rückrunde der zweiten Liga, jetzt Platz zehn nach der Hinrunde in der ersten Liga, neun Punkte von den Abstiegsplätzen entfernt (…) Dieser Trainer und diese Mannschaft sind zu einer wirklichen Einheit verschmolzen in diesem erhebenden Jahr.“
Bayern München–Hamburger SV 1:0 n.V.
Verkopfte Partie
Die Pokalpartie, ein Spiegel der Bundesligatabelle – Elisabeth Schlammerl (FAZ): „Der Hamburger SV sieht sich in der Rolle des ersten Herausforderers des deutschen Meisters – und wird auch von den Münchnern so betrachtet. ‚Die Mannschaft war besser als Juventus Turin’, sagte Magath. Die Hanseaten haben gezeigt, was sie so erfolgreich werden ließ in dieser Saison – und warum sie dennoch nicht ganz rankommen an die Bayern. Die Viererkette ist vielleicht die beste in der Bundesliga und war selbst für die Münchner schwer zu knacken. Im sicheren Gefühl, hinten kaum einmal in brenzlige Situationen zu geraten, lauern die Hamburger mit erstaunlicher Ruhe und Abgebrühtheit auf ihre Chancen in der Offensive. Am Mittwoch aber haben sie zuwenig gelauert. Womöglich hatten sie einfach zu großen Respekt vor den Bayern. Das unterscheidet den Ersten der Bundesliga vom Zweiten. Die Münchner haben in dieser Vorrunde nie an sich gezweifelt.“ Andreas Burkert (SZ) applaudiert dem Hamburger Tormann: „Sascha Kirschsteins Reflexe zählten neben Hargreaves’ Siegtor und einigen netten Rangeleien zu den raren Höhepunkten einer reichlich verkopften Partie.“
Tsp: Sascha Kirschstein handelt sich Lob vom FC Bayern ein – und das entscheidende Tor
Ascheplatz
Die Furcht geht um, dass die Großen die Kleinen fressen
Wofür sollen die Bundesligisten das neue Geld ausgeben, Frank Hellmann (FR)? „Der neue TV-Vertrag ist auch eine Chance für alle: Dann nämlich, wenn das Geld mit Vernunft investiert wird – etwa in eine nachhaltige Nachwuchsförderung, schlaues Scouting oder ausgewählte Topstars vom Kaliber Rafael van der Vaart. Elementar wichtig ist, dass nicht wie vor der Kirch-Krise der aus dem Markt gepresste Mehrerlös reflexartig in die Taschen der Spieler und Berater umgeleitet wird.“ Wie muss das neue Geld verteilt werden, Frank Hellmann (FR)? „Wie sinnvoll ist es, die ohnehin wirtschaftlich wie sportlich davon galoppierenden Trendsetter überproportional besser auszustatten? Damit sich die Topklubs um internationalen Lorbeeren bewerben, aber spielend den nationalen Ligabetrieb beherrschen? Die Furcht geht um, dass die Großen die Kleinen fressen.“
FR: Vorstellung der Sportrechte-Agentur Arena
SZ: Das Gezocke um den Fußball lässt einen Konflikt sichtbar werden, der seit Jahren schwelt und schon das Bundeskartellamt beschäftigte: Kabel-Konzerne und Premiere streiten um die Kontrolle über die Kunden
FAZ/Wirtschaft: Die Kabelbetreiber steigen ins Mediengeschäft ein
Tsp: Premiere droht das Aus
Wir müssen immer darauf achten, daß der sportliche Wert gewahrt wird
Uefa-Generaldirektor Lars-Christer Olsson im Interview mit Markus Lotter (Welt)
Welt: Jahr für Jahr vermeldet der Fußball neue, atemraubende Wachstumszahlen. Wann platzt diese Blase?
LCO: Ich denke nicht, daß das Fußballgeschäft zu schnell wächst oder die Beteiligten damit überfordert sind. Es gibt kein Problem in der Verbindung Fußball und Business. Wenn es überhaupt eines gibt, dann ist es die Verteilung des vielen Geldes. Wir müssen immer darauf achten, daß der sportliche Wert gewahrt wird.
Welt: Aber gerade die Champions League vergrößert die Kluft zwischen armen und reichen Klubs und gefährdet den Wettbewerb in den nationalen Ligen.
LCO: Ich glaube nicht, daß die Champions League für all das verantwortlich gemacht werden kann. Es hat sich doch gezeigt, daß viele Ligen durch die Doppelbelastung der Spitzenklubs spannender geworden sind. Der Wettbewerb in den nationalen Ligen ist doch eher in Gefahr, weil die Fernsehgelder dort zumeist nicht gerecht verteilt werden. Und viele der Fehlinvestitionen, die so mancher großer Verein in den vergangenen Jahren getätigt hat, sind auf lokale Begebenheiten zurückzuführen. Auch wenn Klubs als Saisonziel die Qualifikation für die Champions League ausgeben und damit ihrem riskanten Finanzgebaren ein Alibi geben. Aber es gibt einen Trend, was die Finanzen der Vereine anbetrifft. Viele sind auf Grund der Lizenzierungsverfahren vorsichtiger geworden.
Donnerstag, 22. Dezember 2005
DFB-Pokal
1. FC Kaiserslautern–FSV Mainz 3:4 n.E.
Welcher Vorwurf ist Schiedsrichter Weiner zu machen?
Viel Aufregung um ein Eigentlich-Tor beim Elfmeterschießen. Michael Eder (FAZ) stellt fest, dass Wolfgang Wolfs Colt recht locker sitzt: „Jubel und Depression, so hätte das Spiel zu Ende gehen können, doch der High-noon ging noch einmal in die Verlängerung, und als Wolf vor die Fernsehkameras trat, wurde richtig scharf geschossen.“ Tobias Schächter (BLZ) ergänzt: „Wolf versuchte, die in der Pfalz kollektiv als Ungerechtigkeit empfundene Niederlage zu nutzen, um die Fangemeinde auf den Abstiegskampf einzuschwören.“ Frank Hellmann (FR) nimmt den Schiedsrichter in Schutz: „Welcher Vorwurf ist Weiner und seinem auf Höhe der Torlinie postierten Assistenten Kadach zu machen? Dass sie in Realgeschwindigkeit einen aufspringenden Ball, mit wuchtigem Spannstoß mit rund 100 Stundenkilometern vom Elfmeterpunkt abgegeben, nicht dort sahen, wo ihn die Super-Zeitlupe des Fernsehens festhielt?“
Soll Mainz der Moral wegen den Sieg verweigern? Daniel Meuren (FTD) erklärt die Herkunft dieser Frage, die Jürgen Klopp gestellt worden ist und der nicht merkt, dass das ein Kompliment ist: „Es gibt ein Vorbild für Fairplay in einer vergleichbaren Situation: Arsene Wenger erzwang 1999 die Wiederholung des Pokalspiels zwischen seinem Klub und Sheffield United. Seine Mannschaft hatte 2:1 gesiegt, Wenger konstatierte jedoch: ‚Wir haben nicht auf ehrliche Weise gewonnen, wie wir das sonst immer tun.’ Die Unehrlichkeit lag im Verstoß gegen ein ungeschriebenes Gesetz: Sheffield hatte den Ball ins Seitenaus geschlagen, weil einer seiner Spieler verletzt am Boden lag. Arsenal gab den Ball nicht wie üblich zurück. Das Leder kam stattdessen zu Marc Overmars, der unbedrängt das Siegtor schoss. Das verstieß gegen keine Regel, aber gegen das Gebot der Fairness. Wenger hatte die Größe, dem Gegner eine neue Chance zu geben. Das Spiel gewann Arsenal erneut. Mainz, in diesem Jahr dank einer Fairplay-Wertung in den Uefa-Cup gerutscht, sieht keinen Anlass zu einer vergleichbaren Geste. ‚Es ist ja klar, dass wir als das kleine, liebe Mainz 05, das mit großem Herzen gerne alles herschenkt, jetzt so etwas gefragt werden’, hämte Klopp. ‚Uns fragt aber auch keiner, wie viele Fehlentscheidungen uns in dieser Saison Punkte gekostet haben.’ Man kann es auch anders sehen: Kaum einem anderen Verein wäre so ein Ansinnen vorgetragen worden – weil man eben nur tadellosen Sportsleuten ein solches Verhalten zutraut.“
Mittwoch, 21. Dezember 2005
Bundesliga
Darstellungswahn
Zeit zur Besinnung angesichts der vielen Entlassungen in der Hinrunde – acht Trainer, so viele wie noch nie. Und, das ist der letzte Schrei, drei Offizielle. Den Schluss macht der VfL Wolfsburg und stellt Holger Fach und Thomas Strunz frei – ein „Erdbeben auf der Führungsebene“ (FAZ); der Verein wird nun ausschließlich von Auto-Managern geführt. Viele Autoren rätseln über die Ursache dieses bedenklichen Liga-Trends. Michael Kölmel (BLZ) schildert das Rattenrennen der Vereine: „Immer mehr Personen reden mit, die Klubs wollen dauernd präsent sein (Darstellungswahn) und der Finanzdruck wächst. Die Umsätze zwischen Champions League und Uefa-Cup gehen immer weiter auseinander, auch die Zuwendungen der Sponsoren, dazu wächst bei den meisten Klubs die Schuldenlast: Ein Abstieg wäre der Ruin. Das fördert Aktionismus, und weil Andere trotz Schulden kaufen, rüstet der nächste nach. Oder zieht freiwillig zurück.“ Skepsis – Tobias Schall (StZ) schließt aus wissenschaftlichen Studien über Zweck und Erfolg von Trainerwechseln: „Die Möglichkeiten eines neuen Trainers sind begrenzt, da er im Normalfall mit den vorhandenen Spielern auskommen muss. Entweder, er stellt die Hierarchie einer Mannschaft auf den Kopf, was aus psychologischer Sicht oft mit einer Leistungssteigerung der bisher zu kurz gekommenen Spieler verbunden ist, auf der anderen Seite aber auch mit großer Unruhe innerhalb des Kaders und Unzufriedenheit bei den bisherigen Köpfen – was im Abstiegskampf kontraproduktiv wirken kann. Deshalb setzen die Neuen oft auf die bereits vorhandenen Strukturen, mit wenigen Änderungen. Dass Trainerwechsel nach einiger Zeit, wenn sie nicht aus dem Affekt heraus vollzogen werden, durchaus Sinn haben, das ist auch in der Wissenschaft unumstritten. In Mannschaftssportarten wie Fußball nutzt sich ein Trainer im Laufe der Jahre schlicht und ergreifend ab.“
Zweites Karussell
Roland Zorn (FAZ) widmet sich dem Arbeitsplatzverlust von Thomas Strunz und Andreas Rettig: „Die einseitige Kündigung hochdotierter Verträge scheint sich dem Ende zuzuneigen. Manager werden längst von den Controllern, sprich Finanzgeschäftsführern, oder Aufsichtsräten in den Klubs kritischer begutachtet als noch vor wenigen Jahren. Vor allem dann, wenn sie sich als Teil des Profi-Showgeschäfts verstehen. So haben der zum Manager zweifellos taugende Rettig und der in diesem Job von vornherein enttäuschende Strunz ihre Öffentlichkeitsarbeit so offensiv vorangetrieben, daß sie sich damit auch überaus angreifbar machten. Der emotionale Rettig hätte seinen Job vielleicht noch, wäre er auch unter dem Druck eigener Fehlentscheidungen eine Spur kühler, dezenter, reservierter gewesen. So aber warf er sich in jede Bresche und mischte sich sogar in Rangeleien auf dem Platz ein. Managerneuling Strunz wiederum demonstrierte sein Jobverständnis auch aus eigener Unsicherheit derart autoritär, daß er sich überall Feinde machte. (…) Auf dem Fußballjahrmarkt scheint sich ein zweites Karussell in Gang zu setzen – wenn auch nicht in derselben Drehgeschwindigkeit wie bei den Trainern.“ Philipp Selldorf (SZ) glaubt an Zufall: „So viele vakante Stellen in vorderster Position hatte die Liga noch nie auf einen Schlag zu bieten: Schalke sucht einen Trainer, der das Werk von Rangnick aufnimmt; Wolfsburg einen Trainer, der das Werk von Fach vergessen macht, sowie einen Manager, der bloß nicht das Werk von Strunz fortsetzt; Köln braucht einen Ersatzmann für Rapolder und Kaiserslautern eine Führungskraft, die Jäggi ersetzt. Nie wurde so viel entlassen, beurlaubt, freigestellt, zurückgetreten wie heute. Selbstverständlich kommt einem da die These in den Sinn, dass die Liga im Jahr der Weltmeisterschaft verrückt geworden ist. Aber bei genauer Betrachtung finden sich keine überzeugenden Anhaltspunkte dafür, dass die WM der Antrieb fortschreitender Hysterie sein sollte. Eher trifft wohl zu, dass sich lauter lokale Sonderfälle zum Rekord summieren.“
Schwache Spiele, Disziplinlosigkeit, Entfremdung
Strunz und Fach, eine „offenkundige Fehlbesetzung“, beanstandet die FAZ. Besonders der Manager hat eine schlechte Presse und den schlechten Ruf als großmäuliger Emporkömmling. Sven Flohr (Welt) hat auf seine Entlassung gewartet: „Selten schien die Ablösung eines Führungsduos in der Bundesliga so logisch wie in diesem Fall. Das Duo steuerte seit Wochen auf den Abgrund zu: Strunz hatte es sich am Ende der schlechtesten Hinrunde seit dem Aufstieg 1997 mit Spielern, Fans und Vorstand verscherzt. Der Trainer war indes in der Mannschaft nicht unbeliebt. Fachs Problem war vielmehr, daß er sich an Strunz kettete und immer wieder die Nähe zum Manager herausstrich. Auch sein Umgang mit den lokalen Medien wurde zunehmend zum Problem. So herrschte Fach in einer Pressekonferenz die zurückhaltenden Reporter an, ob sie nur zum Essen gekommen seien. Fach selbst hat nun viel Zeit und auch Geld, um gut dinieren zu können.“
Javier Cáceres (SZ) meint, dass Strunz sein Scheitern ausgerechnet durch Bescheidenheit und Realitätssinn beschleunigt habe: „Nicht nur an seiner Unfähigkeit, ein Auskommen mit der Belegschaft herzustellen, scheiterte Strunz, sondern vor allem daran, dass er Harakiri beging, ohne es zu merken: Nämlich als er darauf bestand, offiziell die Abkehr vom Ziel Champions League zu verkünden. Das erschien zwar angesichts von 33 Punkten im Kalenderjahr 2005 als logisch, zumal Wolfsburg mit Personalkosten von 26,4 Millionen Euro weit hinter der Ligaspitze herhinkt. Im System VW war allerdings die Abkehr von dem Traum, den der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz Anfang 2002 ausgegeben hatte, ein irreparabler binnenpolitischer Fehler. VW unterhält seine fußballspielende Tochtergesellschaft nämlich vor allem zwecks Imagepflege und PR. Und die ist angesichts eines 99-prozentigen Bekanntheitsgrads der Marke VW in Deutschland vor allem international ausgerichtet.“ Auch Frank Heike (FAZ) hält die Entscheidung der Vereinsführung für folgerichtig: „Am Ende rotierte der VfL in der Krise um schwache Spiele, Disziplinlosigkeiten und Entfremdung zwischen Profis und sportlicher Führung mit einer solchen Geschwindigkeit, daß die Entlassung der sportlich Verantwortlichen kaum noch überrascht.“
Hasardeur
Thomas Kistner (SZ) kann und will nicht glauben, dass Köln Michael Meier unter Vertrag nimmt: „Schöne Bescherung für die Bundesliga: Auch Meier kehrt zurück, Moneten-Meier, der Mann vom Fach, der beim Fast-Untergang Borussia Dortmunds so kundig Hand anlegte, als es darum ging, die immer aberwitzigeren Finanzkonstrukte des damaligen Klubchefs Gerd Niebaum diplomkaufmännisch souverän ins Werk zu setzen. Ein ausgewiesener Hasardeur also (…) Dabei lässt sich die Personalie nicht unbedingt in Einklang bringen mit den aktuellen Kölner Bedürfnissen. Meier hat sich in der Branche nie dem Verdacht ausgesetzt, ein großer Kenner der Fußballszene zu sein.“
Das kannst nicht Du gewesen sein!
Norbert Meier im Interview mit Ulrich Hartmann (SZ)
SZ: Die Sperre durch den DFB, die zu Ihrer Entlassung geführt hat, wurde auch ausgesprochen, weil Sie laut Ausbildungsstatut ihre Vorbildfunktion missachtet haben. Wie sehr kann man Vorbild sein, wenn man dermaßen unter Druck steht?
NM: Man sollte sich schon bemühen, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Andererseits bin ich ja auch nur ein Mensch und mache Fehler.
SZ: Trotzdem hat niemand verstanden, wie Sie Albert Streit eine Kopfnuss haben geben können und hinterher behaupten, Ihnen sei übel mitgespielt worden.
NM: Ich konnte unmittelbar nach dieser Szene wirklich nicht mehr sagen, was eigentlich passiert ist. Das ist als würden Sie einen Unfall bauen und hinterher nicht mehr wissen, was war. So war es bei mir auch. Ich habe die Sache in der Presskonferenz dargestellt, ohne die Bilder gesehen zu haben. Alle anderen hatten sie aber gesehen! Und wenn du das dann so darstellst, bist du natürlich auf dem falschen Weg. Wir brauchen gar nicht mehr darüber zu reden, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich will mich auch nicht mehr rechtfertigen müssen.
SZ: Aber erklären?
NM: Es kommt jemand auf Sie zu und kommt nicht nur in Ihre Coaching-Zone, sondern auch in Ihre persönliche Zone. Ich weiß nicht, wie Sie reagieren, wenn sich jemand einen Zentimeter vor Ihnen aufbaut…
SZ: … kommt im Büro selten vor …
NM: … aber ich müsste als Trainer eben weggehen. Stattdessen stehen wir da wie zwei Jungs früher, ich mache den Schritt nach vorne nach dem Motto: ‚Was willst Du jetzt von mir?’ Aber ich will dem keine Kopfnuss geben, ich habe sogar die Arme verschränkt, sehen Sie sich das mal genau an, das ist eigentlich eine Abwehrreaktion.
SZ: Mit dem Kopf nach vorne zu gehen, ist durchaus eine Aktion der Aggressivität. Aber dass Sie sich danach haben hinfallen lassen, war das eine intuitive Reaktion, um die Situation für sich zu entschärfen? Sie wussten ja wohl, dass die Kopfnuss nicht in Ordnung war.
NM: Das kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich mich nur erschrocken. Ich weiß, dass ich als Trainer nicht aktiv irgendwelche Spiele beeinflussen kann, und ich brauche auch nicht hinzugehen, um für Herrn Streit eine Rote Karte zu provozieren. Ich habe mich erschrocken, weil ich solche Konfrontationen nicht gewohnt bin. Da ist nicht meine Art.
SZ: Zu welchem Zeitpunkt ist Ihnen bewusst geworden, was passiert ist?
NM: Als ich mir nachts zuhause die Bilder angesehen habe. Da habe ich mich noch einmal richtig erschrocken.
SZ: Wie hat sich Ihre emotionale Wahrnehmung der Szene dadurch verändert, dass Sie sie oft im Fernsehen sahen?
NM: Gar nicht. Es war nicht wie bei einem Mann, der plötzlich sein Gedächtnis wiederfindet. Ich habe die Szene gesehen und dachte: Da steht jemand anderes! Das kannst nicht Du gewesen sein!
Sieg der Old Economy über den Börsenwahn
Norbert Thomma (Tsp) zeichnet Kontinuität und Bodenständigkeit in München und Freiburg aus: „Die von Gerhard Schröder postulierte Politik der ruhigen Hand – in diesen beiden Vereinen ist sie zu bestaunen. Kontinuität hat Vorrang. Verträge per Handschlag werden eingehalten. Finanzielle Eskapaden überlässt man der Konkurrenz. Dabei ist Uli Honeß so etwas wie der Dagobert Duck der Liga: Geld lässt seine Augen leuchten. Seine Erdung hat der Metzgersohn trotzdem nie verloren. Achim Stocker hat lange in Freiburg die Oberfinanzdirektion geleitet, er weiß, dass auch Büroklammern ihren Wert haben. Bayern und Freiburg, das ist der Sieg der Old Economy über den Börsenwahn. Einmal als große Oper, einmal als Kleinkunstbühne. Applaus, Applaus!“
Rätsel
Ein überraschender Text von Heinz-Wilhelm Bertram (FTD): „Magath ist vielen Münchnern ein Rätsel geblieben. Befremdend wirkt etwa, dass er in der Hochburg des hellen Bieres seine Antworten mit rituell-zeremonieller Hingabe auf dem Grund seiner geliebten Tasse Pfefferminztee zu suchen scheint. Warum spricht er so provozierend leise? Um dann so laut zu werden, dass die Tonanlage kreischt. Wie ist zu erklären, dass er sachlich und pragmatisch referiert, um urplötzlich ohne erkennbaren Grund loszupoltern? Die ratlosen Beobachter können sich nicht erklären, warum der Bayern-Trainer bei seinen Antworten oftmals Mutmaßungen und Zweideutigkeiten hinterlässt.“
Welt-Interview mit Felix Magath
FR: Hans Meyer hat den 1. FC Nürnberg auf Vordermann gebracht
FR: Piotr Trochowski zieht die Fäden im Mittelfeld des Hamburger SV und hat die WM im Hinterkopf
BLZ: Der kultige FC St. Pauli empfängt Hertha BSC
Entscheidung bei den TV-Rechten: „Die Liga hat meisterhaft gespielt, sie hat die Wettbewerber am Nasenring durch die Manege geführt, man konnte spüren, wie die Nervosität von Tag zu Tag stieg“ (FAZ)
Dienstag, 20. Dezember 2005
Internationaler Fußball
Naivität
Chelsea siegt auswärts gegen Arsenal – kein Sieg der Sympathie. Christian Eichler (FAZ) hört und sieht Jose Mourinho und fletscht die Zähne: „Mourinho zieht vieles im Trainergewerbe so konsequent durch wie kein anderer – vor allem jene Fußballmoral, die gut und schlecht allein danach definiert, was gut und schlecht für den Erfolg ist. Dem TV-Sender Sky verweigerte er das Interview mit den wütenden Worten ‚Barcelona liebt euch’. Die Bilder des Senders hatten ein vom Schiedsrichter übersehenes Foul Michael Essiens so deutlich als Anschlag auf dessen Gesundheit vorgeführt, daß Essien für die Partien gegen den FC Barcelona gesperrt wurde. Schuld war natürlich nicht der Täter, sondern der Zeuge. Das ist die Perspektive des Erfolgsmenschen Mourinho. Er ist inzwischen ein Werbestar, und sein Team steht noch besser da als letzte Saison. Chelsea hat den Titelkampf zum Langweiler gemacht. Das Rezept: Fehler vermeiden, Fehler erzwingen, Fehler nutzen.“ Raphael Honigstein (SZ) kritisiert Arsène Wenger wegen einseitiger Romantik: „‚There’s only one team in London!’, skandierte der Chelsea-Block lange vor Abpfiff. Das ist nichts als die Wahrheit. Arsenal hat einige Könner und eine Menge interessante Talente aus aller Herren Länder, aber keine funktionierende Mannschaft. Man hat das Gefühl, Wengers Männer kickten dieses Jahr unter einer riesigen Vermisstenanzeige. Ohne den abgewanderten Kapitän Patrick Vieira sind die ohnehin notorisch schöngeistigen Gunners im harten Ligabetrieb nicht mehr konkurrenzfähig. Wenger hat aus unerklärlichen Gründen keinen Ersatz gekauft, die Folgen sind verheerend. Wenger, der unverbesserliche Verfechter des schönen Spiels, schickte Aliaksandr Hleb, Cesc Fabregas, und Mathieu Flamini gegen Chelseas Mittelfeld-Kampftrio Lampard, Makelele und Essien ins Gefecht. Es drängte sich die Frage auf, wo Idealismus aufhört und Naivität anfängt.“ Martin Pütter (NZZ) fügt hinzu: „Arsenal braucht wie fast kein zweites englisches Team Harmonie auf dem Spielfeld: Um gegen das physisch harte Einsteigen der Gegner zu bestehen, ohne dabei selber zu roher Aggression greifen zu müssen. (…) Mit stark patriotisch angehauchter Brille beklagen die englischen Medien, dass Wenger heimischen Talenten kein Vertrauen schenkt.“
NZZ: Aufbruch mit leichten Schwankungen in Vigo
Unterhaus
Zurückhaltung
Dass sich Greuther Fürth erneut für die Bundesliga bewirbt, damit war, nach der großen Personalrotation im Sommer, nicht zu rechnen. Marc Baumann (SZ) denkt an die letzte Saison und vergleicht: „Vor einem Jahr stand Fürth schon einmal ganz oben. Vom dritten bis zum elften Spieltag waren sie auf Platz eins und auch danach immer in Reichweite eines Aufstiegsplatzes. Damals ließen sie in Fürth der Euphorie freien Lauf. Es wurden Plakate in der ganzen Stadt aufgehängt mit den Konterfeis der Spieler und dem Slogan ‚Wir wollen rauf!’. Am Ende durften Köln, Duisburg und Frankfurt rauf, also in die Erste Bundesliga, Fürth wurde nur Fünfter und musste seine Plakate verschämt einsammeln. Die Mannschaft ist nicht mehr die gleiche wie im Vorjahr, es gab viele Ab- und Zugänge, doch der Erfolg blieb. Nun hat man sich in Fürth eine neue Strategie ausgedacht: konsequentes Understatement. (…) Fürth ist ein Kandidat für den Aufstieg, aber sicher kein Favorit.“ Florian Haas (FAZ) ergänzt: „Nach dem lautstarken Trommeln zum gleichen Zeitpunkt des vergangenen Jahres ist nun spürbar Zurückhaltung angesagt. Ewig soll die neue Bescheidenheit aber nicht dauern.“
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