Freitag, 30. September 2005
Internationaler Fußball
Im Fußball ist Mafia ein reines Phänomen des Nordens
US Palermo, FC Messina, Cagliari Calcio, US Lecce in der Serie A – Dirk Schümer (FAS 25.9.) erklärt den anhaltenden Aufschwung des süditalienischen Fußballs: „Italiens Süden mit vielen Millionen Menschen hat kaum Industrie, liegt statistisch von den boomenden Metropolen in der Lombardei und im Veneto weiter entfernt als Bayern von Polen. Die pure Armut, die der Grund für die Zweitklassigkeit der Südklubs war, ist allerdings nicht beseitigt. Nur haben sich in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen verschoben. Der schmerzliche Rückgang der Fernsehgelder und die Wirtschaftskrise der Industrie drehten einigen ehrgeizigen Vereinen im Norden den Hals um. Während Venedig, Parma, Como, Torino pleite gingen und Brescia, Bergamo, Modena und Verona in die Serie B abstiegen, schlug die Stunde kleiner Vereine, die sich mit ihrem Etat auf Zuschauereinnahmen, die regionalen Mittelständler und preiswerte italienische Nachwuchsspieler stützten. (…) Unzweifelhaft hat der Aufschwung ihrer Klubs den gerne verspotteten und diskriminierten Süditalienern Würde und Stolz zurückgegeben. Umgekehrt befeuern sie den Calcio, dem derzeit im Norden die Fans davonlaufen, mit ungekannter Leidenschaft. Die Spiele im engen Hexenkessel des ‚Stadio Renzo Barbera’ von Palermo sind für Zuschauer ein Erlebnis und werden von den distanzierten Millionärskickern aus dem Norden gefürchtet. Den wohlfeilen Vorwurf, die Mafia könnte etwas mit ihrem Aufschwung zu tun haben, können die Sizilianer lässig kontern. Schließlich ziehen im Millionengeschäft Calcio seit Jahrzehnten immer dieselben Mächtigen aus Turin und Mailand die Fäden. Die Folgerung: Im Fußball ist Mafia ein reines Phänomen des Nordens.“
Champions League
Ganz bei sich
Christoph Biermann (SZ 30.9.) lobt Schalke für das 2:2 gegen den AC Mailand: „Zum ersten Mal im nun schon achten Spiel in der Champions League war eine Schalker Mannschaft ganz bei sich gewesen. Die sechs Partien im Herbst 2001 waren fast rundum verkorkst gewesen, und der Start beim PSV Eindhoven endete als Pleite. Doch gegen Milan ging der Schalker Auftritt endlich über teilnehmende Beobachtung hinaus.“
Ganz Schalke hat verstanden
Christian Poulsen, Prototyp des Schalker Spiels – Thomas Klemm (FAZ 30.9.): „Den Schalkern war es herzlich egal, daß ihre aggressive Spielweise beim Gegner, der sich nach dem Unentschieden wie ein schlechter Verlierer gebärdete, nicht ankam. Ihnen war es völlig gleichgültig, daß Poulsen von den Mailändern zum Bösewicht stilisiert wurde, weil der dänische Nationalspieler schon bei der EM in Portugal angeblich den Italiener Francesco Totti zu dessen Spuckattacke provoziert hatte. (…) ‚Fußball ist Kampf’, sagte Poulsen, und ganz Schalke hat verstanden.“
Respekt verdient
Wolfgang Hettfleisch (FR 30.9.) tut hinzu: „Als Milans bärtiger Mittelfeld-Terrier Gattuso nach dem Abpfiff auf Poulsen zulief, fürchtete Ralf Rangnick schon um die körperliche Unversehrtheit seines Spielers. Grundfalsch. Gattuso, als Ex-Spieler der Glasgow Rangers des Englischen mächtig, reckte Poulsen mannhaft die Rechte entgegen und sprach: ‚Kompliment, du bist ein Verrückter.’ Den Respekt des Gegners hatten sich alle Schalker an diesem stimmungsvollen Abend verdient.“
Pressestimmen aus Italien, BLZ
Bildstrecke Schalke-Milan (2:2), faz.net
NZZ-Bericht FC Porto-Artmedia Bratislava (2:3)
Donnerstag, 29. September 2005
Champions League
Alternative mit Herz
Christof Kneer (SZ 29.9.) kommentiert mit Weitblick das Hin und Her um Willy Sagnol: „Die Personalie Sagnol könnte eine stilbildende werden in dieser WM-Saison, in der der Markt überhitzt ist wie selten zuvor. Längst überholt ist der Trend, wonach die Profis ein Weltchampionat zum Schaulauf in eigener Sache nutzen; der neue Trend besagt, dass sie schon im Herbst provokativ Stellengesuche schalten, so wie Sagnol, der kündigt, ohne einen neuen Klub zur Hand zu haben. Die Spieler stellen sich frech auf den Markt, weil sie wissen, dass die großen Klubs gerade in einem WM-Jahr gern so früh wie möglich tätig werden. (…) Natürlich hat auch Hoeneß seinen FC Bayern längst auf dem Markt positioniert. Er weiß, dass sie in München nicht die Gehälter zahlen wie bei Chelsea oder Barcelona, weshalb er den Klub listig als Alternative mit Herz inszeniert. Er glaubt einerseits wirklich daran, dass es sich lohnt, für Sagnol zu kämpfen; andererseits weiß er auch, dass so ein großzügiges Angebot gut ankommt in der Branche, nach dem Motto: Hey, da ist ein Klub, der zahlt ganz gut, aber vor allem hat er Seele und ist nicht nachtragend. So, ungefähr, soll Sagnol die Geschichte erzählen, wenn er geht. Und wenn er nicht geht, auch.“
Vorm Umbruch?
1:0 gegen Brügge – verkrampfen die Bayern, Elisabeth Schlammerl (FTD 29.9.)? „Es könnte sein, dass die Spieler den Druck der letzten Chance spüren, mit Bayern in dieser Saison die Champions League gewinnen zu können. Der Klub steht vielleicht wieder einmal vor einem Umbruch, und damit gleicht die Situation ein wenig der von vor vier Jahren. Damals haben sich die Münchner auch reif gefühlt für die europäische Krone, dem Triumph in der Champions League fast alles untergeordnet, mehr denn je zuvor auf Ergebnis- statt Erlebnisfußball gesetzt und sind dafür am Ende belohnt worden. 2001 aber waren die Bayern, anders als jetzt, auf dem Zenit ihrer Leistungsfähigkeit angekommen, die Schlüsselpositionen mit Spielern kurz vor dem Verfallsdatum besetzt, wie Stefan Effenberg, Patrick Andersson oder Paulo Sergio. Jetzt sind die Leistungsträger, abgesehen von Oliver Kahn, noch alle im besten Fußballalter. Dass die Mannschaft dennoch vor einem Neuaufbau steht, liegt vor allem an vielen zum Saisonende auslaufenden Verträgen. Zu den zwölf Spielern, die im nächsten Sommer ablösefrei den Verein verlassen können, zählen aber nicht nur Profis, die ihre Karriere wohl beenden werden, wie Bernd Dreher oder Bixente Lizarazu, sondern auch Michael Ballack. Es ist derzeit vieles ungeklärt beim FC Bayern, und das könnte leistungshemmend wirken.“
Bildstrecke Bayern-Brügge (1:0), faz.net
Null Punkte
1:2 in Athen – Sven Bremer (BLZ 29.9.) gibt Werder schlechte Noten: „Die Bremer gingen mit der Cleverness einer Schülermannschaft zu Werke. (…) Werder ist meilenweit entfernt vom ergebnisorientierten Rasenschach eines FC Bayern. Das mag den Bremern Sympathiepunkte einbringen, in der Tabelle aber stehen null Punkte.“
Verschlechtert
Kai Niels Bogena (Welt 29.9.) lenkt den Blick auf die Vereinsführung: „Auch Klaus Allofs und Thomas Schaaf rücken stärker ins Zentrum der Kritik, weil die Einkaufspolitik mehr und mehr Fragen aufwirft. Die Zugänge Owomoyela, Naldo sowie Linksverteidiger Van Damme verfügen offensichtlich nicht über ausreichende Champions-League-Qualität. Sieht fast so aus, als hätten sich die Bremer im Gegensatz zur Vorsaison verschlechtert, als sie mit begeisterten Gruppenspielen ins Achtelfinale des Wettbewerbs einzogen.“
Wende oder Ende
Nach dem 2:1 gegen Benfica empfiehlt Christian Eichler (FAZ 29.9.) Manchester United Reform und Neuerung: „Trotz des Sieges wurde abermals die wachsende Verunsicherung Alex Fergusons und seiner Mannschaft deutlich. Diese hatte in den 90er Jahren mit ihrem klassisch-englischen 4-4-2-System die Insel beherrscht und am Ende auch Europa erobert. Nun kommt sie mit dem schnellen Paßspiel und dem geschickten Manövrieren gut geschulter Teams aus Italien, Spanien, Portugal, zunehmend auch aus der eigenen Liga, oft nicht mehr zurecht. Ferguson, der mit 60 Jahren aufhören wollte, hat mit fast 64 offenbar immer noch kein funktionierendes Konzept für die Zeit nach sich selbst entwickelt. Er sieht nun, wie sich in seiner 20. Saison bei United der Bonus von acht Meistertiteln, fünf Pokalsiegen und zwei Europapokal-Erfolgen allmählich aufgezehrt hat. (…) Den neuen Klubbesitzer Malcolm Glazer interessieren alten Geschichten nicht; nur neue Erfolge. Bei den Fans ist das erfahrungsgemäß auch irgendwann so. Für Ferguson heißt das in dieser Saison: Egal ob Legende – Wende oder Ende.“
NZZ-Bericht Liverpool-Chelsea (0:0)
Sprungbrett
Daniel German (SZ 29.9.) befasst sich mit dem siegreichen FC Thun: „Die Namen der Thuner Spieler sind außerhalb der Schweiz kaum bekannt. (…) Für die meisten ist der FC Thun ein Sprungbrett. Wem sich die Gelegenheit bietet, der zieht weiter. Nach der letzten Saison, welche die Thuner auf Platz zwei beendeten, wechselten sechs Spieler zu den finanzstärkeren Ligakonkurrenten nach Basel, Bern, St. Gallen und Zürich. Die Fachleute prognostizierten dem Team den Einbruch. Thuns Klubpräsident Kurt Weder konterte: ‚Niemand zerfällt so schön wie wir.’ Weder hat gelernt, mit Skepsis umzugehen. Denn schon der Aufstieg Thuns in die Super League vor dreieinhalb Jahren galt in der Schweiz als kleines Wunder, dessen Ende nur eine Frage der Zeit sei. Doch der FC Thun widersetzt sich der Prognose beharrlich. (…) Warum Thun siegt und siegt, kann niemand genau erklären.“
NZZ: Der FC Thun gewinnt jetzt auch, wenn’s ernst wird, aber die Leichtigkeit ist verflogen
BLZ: Der erstaunliche FC Thun glaubt ans Weiterkommen
Mittwoch, 28. September 2005
Champions League
Stabilitätspakt
Richard Leipold (Tsp 28.9.) kommentiert die Stimmung in Schalke vor dem Spiel gegen den AC Mailand: „Die Niederlage von Eindhoven hat gezeigt, welch große Wirkung ein kleiner Fehler haben kann, weit über den Tag hinaus. Nach dieser ersten und bisher einzigen Pflichtspielniederlage in dieser Saison wurden alle in Frage gestellt: die Profis, der Trainer, sogar der längst nicht mehr allmächtige Manager. Das Beben von Eindhoven, von Assauer als sportliche Katastrophe beschrieben, schüttelte den ganzen Verein durch. Fortan kam jedes Unentschieden in der Bundesliga wie eine Niederlage daher – zumindest sah das die im Revier tonangebende Boulevardpresse so. Vielleicht hat gerade der Umstand, dass ausnahmsweise nicht allein der Trainer in Bedrängnis geriet, eine Solidarität gefördert, wie sie vom Prinzip her bei anderen, wirklichen Unglücksfällen zu beobachten ist. In solcher Lage bricht normalerweise entweder das Chaos aus oder die Ordnung wird mühevoll und allmählich wiederhergestellt. Worauf es in Schalke hinausläuft, ist derzeit noch nicht sicher. Der neue Stabilitätspakt wirkt jedenfalls ein wenig fragil. Die Wahrheit über das Schalker Leistungsvermögen liegt irgendwo auf dem weiten Feld, das sich zwischen den Fußballwelten Hannover und Mailand auftut, vermutlich in der Nähe von Eindhoven.“
FR: Andreas Müller, Vermittler zwischen Schalkes Fronten
SZ: Auf Schalke hat nur einer das Sagen: Rudi Assauer. Doch der Patron tritt langsam ab. Es folgt ein Ex-Spieler, der schon seit fünf Jahren Teammanager ist: Andreas Müller
Welt-Interview mit Ralf Rangnick
Zeitpunkt für Verjüngung verschlafen
Stagniert der AC Mailand? Dirk Schümer (FAZ 28.9.) vermutet Konservatismus als Ursache: „Es scheint, als hätte die Vereinsführung den Zeitpunkt für eine Verjüngung des Kaders verschlafen, gerade die Abwehr um das siebenunddreißigjährige Vereinsidol Paolo Maldini ist nicht mehr die jüngste. (…) Man sonnt sich lieber im Glanz der Feierlichkeiten, bei denen Kapitän Maldini mit 571 Ligaspielen soeben den Rekord der Torwartlegende Dino Zoff brach und einen wohl nicht mehr zu schlagenden Rekord beim selben Verein aufstellte. Doch droht der moderne Fußball solche eheliche Treue zwischen Angestelltem und Arbeitgeber irgendwann zu bestrafen. Auch die sentimentale Männerbeziehung zwischen dem Torjäger Schewtschenko und seinem Vereinspatron und frischem Kindspaten Silvio Berlusconi gibt dem Trainer keinen Ansatz für ein gesundes Konkurrenzklima. Es sieht so aus, als sei der AC Mailand in den letzten Jahren mit seinen gepamperten Stars gerade so hinreichend erfolgreich gewesen, um dem Manager Adriano Galliani die Lust auf schmerzliche Schnitte zu verleiden.“
SZ: Milan-Trainer Carlo Ancelotti wird nach dem mäßigen Start mit seinem früheren Verlierer-Image konfrontiert. Gerücht um Nachfolger Marco van Basten?
BLZ: Der AC Mailand leidet immer noch unter der Niederlage im Finale der Champions League
Ball und Buchstabe
Süßtraurig
Dirk Schümer (FAS 25.9.) empfiehlt ein Buch: „Von der strahlenden Aura der Event-Arenen sind die Äcker in der Provinz zahllose Ligen entfernt. Vor mir liegt das schöne Buch ‚Fußballplätze in Deutschland’; Rainer Sülflow hat hier ein paar Dutzend Dorf- und Stadtteilplätze fotografiert. Der Reiz liegt in der Anonymität: ein einsames Tor vor grauen Gasbehältern in Schwarmstedt, eine zerrupfte Kuhweide vor Zwiebelturm in Volkach, ein an die Backsteinmauer gemaltes Tor-Rechteck in Vehlefanz, ein öder Aschenplatz vorm Kraftwerk in Arzberg oder die wacklige Anzeigentafel des SV Rotation Neu Kaliß – das alles ist so menschenleer, so süßtraurig, so allgemeingültig wie ein früher Film von Wim Wenders. Daß auf solchen archaischen Feldern die Jugend des Landes körperlich ertüchtigt und charakterlich ausgebildet werde, kann man nach dem Durchblättern des Bildbandes nur hoffen. Daß hier, in diesem ernsten Universum, auch zuweilen Kinderlachen erklingt, daß frühe Leidenschaften hier keimen, will man kaum für möglich halten. Deutschland – ein Territorium ausgestorbener Fußballplätze, das ist eine tieftraurige Utopie, aber man sollte sie sich beim Anblick der VIP-Lounge-Arenen für die kommende Weltmeisterschaft nicht ersparen.“
Besprochenes Buch:
Sülflow, Rainer (2005): Fußballplätze in Deutschland: Football pitches in Germany. Gva & Kunst. 132 S., viele Abbildungen., 29,90 Euro.
Bildstrecke aus der Luft über Fußballplätze, SpOn
Dienstag, 27. September 2005
Champions League
Neue Interpretation der Leitwolf-Position
Elisabeth Schlammerl (FAZ 27.9.) beschreibt den Rang Michael Ballacks in München: „Er hat die Rolle, die der FC Bayern für ihn schon bei seiner Verpflichtung 2002 vorgesehen hatte, nach langem Zögern endlich angenommen: die des Führungsspielers. Lange hat er gesucht nach einer Interpretation der Leitwolf-Position, die seinem Naturell entspricht, denn er wollte und konnte sich nicht verbiegen, nicht Stefan Effenberg kopieren, der ihm lange als Vorbild vorgehalten wurde. Ballack hat den Spagat geschafft, ist außerhalb des Platzes der nette, umgängliche Kerl geblieben, gibt aber im Spiel den Aggressiven und Kampfeslustigen. Manchmal geriert er sich im Kampfgetümmel zornig wie ein HB-Männchen – und setzt gerade mit seinen impulsiven Auftritten Zeichen für die lieben Kollegen.“
FAZ: Klose und Klasnic, Bremer Hoffnung
SZ: Hat Bayern München ein Sturmproblem?
Tsp: Die Bayern glauben, dass die erste Niederlage der Saison sie nur stärker macht
NZZ: Sparta Prag aus dem Tritt – Personalprobleme und interne Querelen
NZZ: Demontage des Schalke-Managers Rudi Assauer
NZZ: Hearts of Midlothian – reif für den Titelkampf?
Ball und Buchstabe
Politischer Champion?
Lane Hartill betrachtet in der Washington Post (25.9.) ein außergewöhnliches Engagement außerhalb des Strafraums: „George Weah, ein Millionär, der sich vom Sport zurückgezogen hat, ist für viele arme, junge Liberianer zu einem politischen Champion geworden. In einem Feld von 22 Präsidentschaftskandidaten tritt er gegen viele professionelle Widersacher an. Weah, der keinen Schulabschluss besitzt, gilt als einer der Favoriten. (…) ‚Wissen Sie, neben wie vielen Präsidenten ich schon gesessen habe?’, fragt der immer noch athletisch wirkende Weah bei einem Gespräch in seinem Haus. Er scherzt ein wenig und spricht im informellen liberianischen Englisch, doch wenn er über politische Themen redet, wird er ernst und lässt kein gutes Haar an seinen Gegnern: ‚Ein gebildeter Mensch ist, wer den Menschen Erziehung und Ausbildung ermöglichen will. Und haben Sie gesehen, wie viele Schulen die Doktoren gebaut haben?’ (…) Dennoch, nicht alle in Liberia glauben, dass Weahs Sorge um das Leiden seines Landes genügt, um ihn einen guten Präsidenten werden zu lassen.“
Sie werden ihn vernichten
Thilo Thielke (Spiegel 26.9.) schreibt: „Wenn Weah erklären soll, wie er Ordnung ins Chaos bringen will, dann hat er nur Allgemeinplätze zu bieten. Er sagt, das ethnisch gespaltene Land müsse geeint werden, Schulen müssten gebaut werden und Krankenhäuser, die Korruption wolle er bekämpfen und die Kindersoldaten in die Gesellschaft integrieren. Und manchmal sagt er auch, Politik sei wie Fußball. Jeder stelle ein Team auf, und am Ende gewinne der Bessere. (…) Es gibt Menschen, die halten es für ‚schwachsinnig’, dass ausgerechnet Weah Liberia aus den Abgründen von Gewalt und Korruption führen soll: Menschen wie George Wesley Miller. Der Automechaniker kennt die weite Welt, seit er vor 20 Jahren bei Mercedes in Stuttgart gearbeitet hat. In seiner Lieblingskaschemme in Downtown Monrovia genießt Miller unter seinen Zuhörern großen Respekt. ‚Dieses Land braucht einen starken Mann, der in jeder Hand eine Peitsche hält’, sagt Miller und schwingt die rechte Faust durch die Luft. ‚Was sollen wir mit George Weah?’ Der sei ein braver, frommer Bürger, der dem liberianischen Fußballverband die Schulden bei der Fifa bezahlt und Schulen errichtet habe. Einer, der gut sei in einer schlechten Welt. Aber keiner, der mit den ‚vielen Hyänen fertig wird, die nur darauf lauern, die Macht in diesem Land an sich zu reißen’. Schwer lässt sich Miller auf seinen Stuhl sinken. ‚Sie werden ihn vernichten.’“
Montag, 26. September 2005
Unterhaus
Bittere Erfahrung
Erfolg in Bochum – Christoph Biermann (SZ 26.9.) blickt zurück auf Marcel Kollers Zeit in Köln: „Leise und unaufdringlich macht sich Marcel Koller die Welt des VfL Bochum zu eigen, und man spürt, dass er sich darin wohl zu fühlen beginnt. ‚Hier ist alles sehr familiär und auf Vertrauen aufgebaut’, sagt er. Auf die Frage, ob er das in Köln anders erlebt hat, lacht Koller nur. Doch heiter ist dieses Lachen nicht, denn sein halbes Jahr beim 1. FC Köln war eine bittere Erfahrung. Im November 2003 verpflichtet, konnte er den Abstieg nicht abwenden. Obwohl die Mannschaft unter ihm deutlich besser spielte und Koller die heutigen Nationalspieler Lukas Podolski und Lukas Sinkiewicz ins Profiteam holte, wurde er nach dem Saisonende geschasst. In einer populistischen Geste sicherte sich Präsident Wolfgang Overath damit den Beifall auf der Jahreshauptversammlung des Klubs.“
taz: Alemannia Aachen will aufsteigen und sucht mühebeladen einen Platz für sein neues Stadion
Bundesliga
Kollektiver Seufzer der Erleichterung
2:0 gegen Bayern, nicht nur für Hamburg ein Sieg – Christian Eichler (FAZ 26.9.): „So hört es sich also an, wenn eine ganze Liga aufatmet – ein kollektiver Seufzer der Erleichterung quer durch Fußball-Deutschland, als Anzeigetafeln und Radios das 2:0 des HSV meldeten. Anders als in der Politik tun im Fußball dem Land keine stabilen Mehrheiten gut. Man will keinen, der jahrelang ungestört regiert. 15 Bayern-Siege hatten ein deutsches Stimmungsbild angerichtet, als wär’s die Verlängerung der Wahlnacht: Wie soll sich in diesem Land je was ändern? Das Gute am Fußball: Dort gibt es jede Woche wechselnde Mehrheiten. Folge der schleichenden Bequemlichkeit, die leichter Erfolg bewirkt; des stillen Glaubens an den Kontrollfußball in einer Liga, die mangels Klasse vom einzigen Klasseteam kontrollierbar schien. Es ist das Schöne für die Liga, daß sie Jahr für Jahr wenigstens einen hervorbringt, der die Bayern aus ihrer Lethargie reißt. Es ist das Schöne für die Bayern, daß es immer ein anderer ist.“
Erste Rendite
Jörg Marwedel (SZ 26.9.) erörtert die Frage nach der Dauer des Hamburger Erfolgs: „Die Wiederbelebung des einzigen Bundesliga-Gründungsmitglieds, das in allen 42 Spielzeiten dabei war, bedeutet Belebung für die Branche. Immerhin hat sich ein potenzieller Rivale, Borussia Dortmund, im Duell mit den Bayern unlängst lebensgefährlich verhoben; ein anderer, Schalke 04, ist womöglich dabei, in eine ähnliche Falle zu laufen. Auch der HSV ist beim Versuch, an die großen Erfolge der siebziger und achtziger Jahre anzuknüpfen, als man zwei Europapokale gewann und schon einmal der große nördliche Gegenpol der Bayern war, ein hohes Risiko gegangen. Rund 20 Millionen Euro haben Vorstandschef Hoffmann und Sportchef Beiersdorfer seit Sommer 2004 investiert, doch offenbar taten sie das mit Verstand und ernten jetzt die erste Rendite. Ein starker HSV wäre ein Hoffnungsträger der Liga in Europa.“
Zusammengehörigkeit
Frank Heike (FAZ 26.9.) ergänzt: „Der Hamburger SV hat eine Mannschaft zusammen, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat. Jeder Profi schwärmt von der Zusammengehörigkeit. (…) Beim HSV ist eine Entwicklung zu beobachten, die Großes ahnen läßt. Das muß in dieser Serie nicht die Meisterschaft sein, dazu kommt von der Bank zu wenig, wenn die Stützen der Gesellschaft einmal ausfallen. Aber ein Platz unter den ersten drei könnte der HSV schaffen.“
Bildstrecke HSV-Bayern (2:0), faz.net
Dissonanz
Nach dem 2:0 gegen Hannover – Ulrich Hartmann (SZ 26.9.) spürt schlechte Vibrationen an der Schalker Vereinsspitze: „Es stimmt überhaupt nicht zwischen Ralf Rangnick und Rudi Assauer. Beide wurden unabhängig voneinander zu ihrem Verhältnis befragt, und was sie darauf antworteten, spricht eine klare Sprache: ‚Ich habe zu Rudi Assauer ein offenes und ehrliches Verhältnis’, sagte Rangnick, fügte aber hinzu: ‚Wie das umgekehrt ist, kann ich nicht beurteilen.’ Assauer wurde ebenfalls gefragt, wie sein Verhältnis zu Rangnick sei, und er sagte nach ein paar Sekunden Bedenkzeit mit der mimischen Untermalung von Unwohlsein: ‚Gut!’ Er sagte es so, als meinte er das Gegenteil und setzte noch einen drauf, als er gequält mitteilte: ‚Wir verstehen uns einigermaßen!’ Diese Dissonanz ist offenbar die Essenz all jener Debatten und Streitereien, die Schalke jüngst erschütterten. Sie ist just offen zutage getreten, nachdem die Schalker endlich wieder guten Fußball gespielt hatten und ihren Trainer noch auf dem Feld am liebsten demonstrativ in die Luft geworfen hätten. ‚Wir brauchen über den Trainer nicht zu diskutieren’, sagte Lincoln und brachte in seinem gebrochenen Deutsch einen schönen Satz zustande: ‚Er macht uns glücklich!’ Doch der Trainer ist stinksauer. Er war trotz des Erfolgs wütend, weil hinter den Kulissen mit harten Bandagen gekämpft wird. (…) Bekannt ist in Gelsenkirchen, dass Assauer ein gutes, effektives und äußerst eigennütziges Verhältnis zur Boulevardpresse pflegt. Doch innerhalb des Vereins zählt das Wort des Managers schon lange nicht mehr so viel wie früher.“
Anwalt
Richard Leipold (FAZ 26.9.) lobt die zwei Auftritte Lincolns: „Lincoln hatte wieder das große Ganze im Blick, als kreativer Kopf auf dem Rasen und als Advokat vor den Kameras. Das zuweilen statisch wirkende Spiel des FC Schalke bedarf dringend seiner Ideen. Nach dem Schlußpfiff sah Lincoln sich aber auch als Anwalt gefordert. Er hielt ein Plädoyer mit dem Tenor: Freispruch für Ralf Rangnick, der die Mannschaft nach dem 1:1 in Nürnberg selbst angeklagt hatte. Auf dem Spielfeld und in den Katakomben wurde deutlich, wie nah Lincoln seinem Trainer steht. Das erklärt sich vermutlich aus seinem beruflichen Werdegang. In Kaiserslautern gemobbt und schließlich vom Hof gejagt, hat der sensible Stratege die häßliche Seite des kickenden Gewerbes zur Genüge kennengelernt. Er weiß es offenbar zu schätzen, wie pfleglich Rangnick nach der Spuckattacke im Ligapokal mit ihm umgegangen ist. Nun zahlt Lincoln zurück, mit Worten wie mit Taten.“
Lust an der Macht
Till Schwertfeger (WamS 25.9.) befasst sich mit Macht und Einfluss Assauers: „Daß Assauers Worte trotz seines Machtverlusts schwerer ins Gewicht fallen, als der Schalker Führung lieb ist, liegt vor allem an der Bild-Zeitung, die mit dem boulevardfernen, taktikfixierten Rangnick nichts anzufangen weiß. Assauers Kritik in Eindhoven nahm das Blatt als Startschuß, um Front gegen Rangnick zu machen. In der Vorsaison auf Grund der sportlichen Erfolge quasi unantastbar, muß sich Rangnick seither als ‚Rangnix’ verspotten lassen. Den exklusiven Bericht über einen Spieleraufstand gegen den Trainer dementierte der Verein energisch. ‚Das ist komplett erfunden’, empört sich Ersatzkapitän Frank Rost. Der offensichtlich angeschlagene Manager dagegen wird mit Schlagzeilen wie ‚Assauer: Sieg im Machtkampf’ gestützt. Mit einigen leitenden Bild-Redakteuren verbindet Assauer eine lange Freundschaft – und die Lust an der Macht.“
Resignation
0:2 gegen Mönchengladbach – Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 26.9.) prognostiziert Arminia Bielefeld den wahrscheinlichen Abstieg: „So, wie die Arminen kickten, ist ihr Abstieg in die zweite Liga vorgezeichnet. Deshalb war es am Tage eins nach Herbstbeginn so etwas wie der Beginn der Eiszeit auf der ehemaligen Alm. Ein Wintereinbruch der Gefühle. Dem Bielefelder wird nicht mehr warm ums Herz, wenn er in diesen Stunden an seine Arminia denkt. Zur Halbzeitpause pfiff der gemeine Fan auf der Tribüne noch ziemlich ungehemmt, am Ende machte sich oben wie unten auf dem Rasen Resignation breit. Da rührte sich wenig. Die Elf ist schlicht und ergreifend nicht konkurrenzfähig.“
Trainerstimmen über den 7. Spieltag, sueddeutsche.de
Bildstrecke, sueddeutsche.de
Samstag, 24. September 2005
Bundesliga
Gesunde Wurzeln
Alle, fast alle, hoffen auf einen Sieg des Hamburger SV und auf Spannung in der Meisterschaft; auf Spannung hofft auch Stefan Hermanns (Tsp 24.9.), doch fordert er Nachhaltigkeit: „Wieso soll in Deutschland nicht funktionieren, was in Spanien, England oder Italien völlig normal ist? Dass die Liga von zwei oder mehr Mannschaften dominiert wird und nicht immer von derselben? Wer sich jedoch mit den Bayern auf Dauer messen will, braucht kein schnelles Wachstum, sondern gesunde Wurzeln; eine ruhige Entwicklung statt überzogener Ansprüche. Sollte der HSV heute gewinnen, ist es in Hamburg mit der Ruhe fürs Erste vorbei. Für eine spannende Bundesliga wäre es nicht schlecht, wenn diese Saison völlig spannungsfrei verläuft.“
An Statur gewonnen
Frank Heike (FAZ 24.9.) beschreibt die Reifung Thomas Dolls: „Es ist in dieser Woche viel davon gesprochen worden, wie ein Amt den Menschen verändert. Gemeint war natürlich das Amt des Bundeskanzlers, nicht der Job eines Bundesligatrainers. Doch wer Thomas Doll in den vergangenen elf Monaten und dieser Tage vor dem Gipfeltreffen beobachtet hat, konnte die Entwicklung von Duzobjekt Dolly zum respektierten Herrn Doll sehen. Der Trainer des Hamburger SV hat seit dem 15. Oktober 2004 deutlich an Statur gewonnen. Und das ist keinesfalls zu seinem Nachteil, auch wenn nun nicht mehr jeder Wunsch erfüllt wird. Es gibt ihn noch, den netten, unverbindlichen, harmlosen Thomas Doll, der immer noch mehr Spieler ist als Trainer. Aber er wird immer häufiger vom kritischen, diplomatischen, im Sinne des großen Ganzen denkenden Herrn Doll überlagert. Doll hat sich zu einem angesehenen Teil der Bundesliga-Gesellschaft entwickelt. (…) Die Spieler lernen in dieser Saison einen anderen Trainer kennen. Einen, der sich nicht mehr bei jedem Fehltritt vor sie stellt.“
Fußball-Nomade
Nicht nur Jörg Marwedel (SZ 24.9.) frisst einen Narren an Timothee Atouba: „Wenn er im eigenen Stadion an der linken Seitenlinie zu einem seiner Sturmläufe ansetzt, raunt das Publikum wie bei einer gewagten Zirkusnummer ohne Netz, denn Atouba beherrscht viele Tricks. Eigentlich ist Atouba Außenverteidiger. Solche Spieler sind im Fußball selten für die Unterhaltung zuständig. Sie sollen für Sicherheit sorgen, für schnörkelloses Spiel nach vorn statt für riskante Manöver. Er selbst sieht das freilich anders. (…) Erst wenige Wochen ist Atouba in Deutschland, und längst ist er eine der größten Attraktionen in der Bundesliga. Neben Rafael van der Vaart gilt er als eindrucksvollster Beleg für die hochgelobte jüngere Personalpolitik des HSV, die selbst den anspruchsvollen Münchner Experten Hoeneß, Rummenigge, Beckenbauer Respekt abringt. (…) Atouba ist einer dieser modernen, anpassungsfähigen Fußball-Nomaden, die sich überall auf der Welt zurechtfinden, und sei es am Nordpol.“
FR: wie der HSV zum Branchenführer Bayern München aufschließen will
NZZ: der HSV zwischen Modernisierung und Denkmalpflege
Schritt nach oben
Daniel Theweleit (BLZ 24.9.) prophezeit dem 1. FC Köln den Aufschwung: „Dieser 1. FC Köln ist auf dem Weg, einer jener Klubs zu werden, die sich um Plätze im oberen Tabellendrittel bewerben. Vielleicht noch nicht sofort – das Ziel in dieser Spielzeit lautet, 40 Punkte zu erreichen. Und im Gegensatz zu den Träumereien der jüngeren Vergangenheit fußt die Zuversicht diesmal keineswegs auf rheinischem Größenwahn. Finanziell ist der Klub gesund, das neue Stadion funktioniert, und endlich scheint jener entscheidende Schritt zu gelingen, an dem der Klub in den vergangenen drei Jahren wiederholt scheiterte. Unter Friedhelm Funkel und Huub Stevens gelangen zwar Aufstiege, aber Spielkultur, eine Idee von zeitgemäßem Fußball und eine Mannschaft mit Perspektive blieben unerfüllte Wünsche. Jetzt ist Uwe Rapolder da, der alles andere ist als ein Ergebnistrainer vom Schlage Funkel und Stevens. (…) Beim 1. FC Köln versteht man Rapolder immer besser.“
Tsp: wie Uwe Rapolder in Köln zurechtkommt
FR: wie der VfL Wolfsburg in dieser Saison Platz 9 meiden will
FAZ-Kommentar zur Sperre für Jermaine Jones und zum Freispruch für Daniel van Buyten
Welt: Sebastian Deisler – glücklos in München
Freitag, 23. September 2005
Bundesliga
Viele fiese Beispiele
Rote Karten, Tritte auf Liegende, Rudelbildung, Aufforderungen zum Foulspiel (Uwe Rapolder) – Klaus Hoeltzenbein (SZ 23.9.) beanstandet Manieren: „Sind dies bereits die Vorboten der WM 2006, die zu Nervosität und Gereiztheit führt, da alle im nächsten Sommer in Tabelle und Bilanz blendend dastehen wollen? Oder war es doch nur das Flutlicht des ersten Nachtspieltages, das stimulierend auf Adrenalin und Endorphine wirkte? (…) Profis werden behaupten, dass es ein normaler Spieltag war, dieser sechste der Saison. Amateure und Jugendliche aber haben wieder viele fiese Beispiele gefunden, von denen sie annehmen könnten, sie seien fürs nächste Wochenende zur Nachahmung empfohlen.“
Zweck-Ehe
1:2 gegen Hamburg – Jan Christian Müller (FR 23.9.) rechnet mit der Scheidung Stuttgarts von Giovanni Trapattoni: „Der Verdacht, dass sich die Liebesheirat VfB/Trapattoni bereits nach ein paar Wochen zur Zweck-Ehe destabilisiert hat, verdichtet sich. Es drängt sich die Annahme auf, dass einer Trennung von Trapattoni, Vertrag bis 2007, vor allem finanzielle Überlegungen entgegenstehen. In einem Anflug von Fatalismus sagte der Trainer zu seinem Verhältnis zum VfB: ‚Wir passen zusammen. Man muss freilich wissen: Frau und Mann lieben sich – und gehen trotzdem auseinander.’ Da klingt bereits ein kalter Hauch von Wehmut durch.“
Ratlosigkeit und Enttäuschung
Oliver Trust (FAZ 23.9.) blickt auf die Stuttgarter Vereinsführung und runzelt die Stirn: „Vor ein paar Tagen erst hat Dieter Hundt Forderungen aufgestellt, die nun wie unüberwindbare Berge wirken. Champions-League-Qualifikation, Halbfinale im Uefa-Cup, Trendwende – Schlagworte, die der Vorsitzende des VfB-Aufsichtsrates in einem Interview verwendet hat. Hundt hätte keinen unpassenderen Augenblick wählen können, um sich mit Aussagen, die Drohgebärden ähneln, als einflußreicher ‚Mr. Hire and Fire’ des VfB zu positionieren. Es offenbart sich vielmehr, daß die zahlreichen Führungskräfte aus der Wirtschaft, so umfassend ihre ökonomische Kompetenz auch sein mag, im Fußballgeschäft über wenig Erfahrung verfügen. So bestimmten Ratlosigkeit und Enttäuschung die Szenerie.“
Kündigungsschutz gelockert
Hätte Stuttgart Trapattoni überhaupt engagieren sollen, Peter Ahrens (SpOn 22.9.)? „War der Meistertitel für Benfica Lissabon dem Club nicht in den Schoß gefallen, weil der einzige Rivale von Rang, der FC Porto, ein Jahr lang nichts anders als post-Mourinhosche Trauerarbeit verrichtet hatte? Trapattoni ist das italienische Wort für Rückwärtsgewandtheit. Und das dürfen jetzt auch die Stuttgarter buchstabieren. IBM hat kürzlich angekündigt, weltweit 14 500 Stellen abzubauen. Es kann gut sein, dass der ehemals leitende IBM-Angestellte Staudt in nächster Zukunft ebenfalls eine Entlassung vornimmt. Retten könnte den 66-jährigen Defensivfanatiker Trapattoni höchstens, dass ja noch ein anderer Chef der deutschen Wirtschaft beim VfB kräftig mitmischt. Der frühere Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt leitet den Aufsichtsrat. Und zu dessen Credo gehörte schließlich stets die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Der Kündigungsschutz für Trapattoni ist zumindest schon gelockert.“
Bernd Dörries (SZ 23.9.) verweist auf die Leistung der Mannschaft: „Diesmal hatte man über weite Teile des Spiels das Gefühl, dass der Trainer nun eine Variante gefunden hatte, die ganz gut zusammen passt. Zumindest machte der VfB sein bestes Spiel der Saison, was angesichts der vorausgegangenen Leistungen zwar nicht schwierig war, sich aber teilweise durchaus ansehnlich gestaltete. Es liegt also eine gewisse Ironie darin, dass Trapattoni, jetzt, da seine Mannschaft das erste zarte Zeichen des Aufschwungs abgeliefert hatte, seiner Entlassung ein gutes Stück näher gekommen ist.“
Bolzerei
Nürnberg spielt gegen Schalke (1:1), und Philipp Selldorf (SZ 23.9.) schließt die Augen: „Die Besucher mochten den Eindruck haben, ein englisches Zweitligaspiel aus den alten Zeiten des Rick & Rush zu erleben. Woran zwar beide Seiten ihren Anteil hatten. Kaum zu glauben jedoch, dass feine Fußballer wie Lincoln, Kobiaschwili, Bordon oder Krstajic zu so einer geballten Menge planloser Bolzerei imstande sind. Rangnick konnte es selbst nicht wahrhaben: ‚Ich habe Sachen gesehen von meinen Spielern, da muss ich mich fragen, ob sie ihr Double geschickt haben. Was anderes fällt mir dazu nicht ein.’ Damit hatte er zwar prinzipiell recht, doch ist es erfahrungsgemäß kein gutes Zeichen, wenn Trainer in ihrer Enttäuschung als Kronzeuge der Anklage gegen die Mannschaft auftreten.“
Vorturner
Noch ein Sieg (2:1), diesmal gegen Köln – Gregor Derichs (FAZ 23.9.) nennt den Vorzug Rudi Völlers: „Warum Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser aus dem Sportchef Völler gerne dauerhaft den Cheftrainer gemacht hätte, wurde im Duell mit Köln deutlich. Bei der Einstellung der Mannschaft und der einzelnen Spieler, mit seinen taktischen Änderungen und speziell beim Coaching wirkte Völler deutlich engagierter als der frustrierte Augenthaler an seinen letzten Arbeitstagen. Das Team, das das vierte Spiel binnen zehn Tagen zu bestreiten hatte, benötigte wie beim 3:1 in Duisburg einen Vorturner, der mit seinem kämpferischen Optimismus zum Vorbild wurde.“
Karibisch
In der Welt lesen wir: „Der als karibisch, aber auch zu verbissen geltende Sammer muß die hartnäckigen Kritiker nun überzeugen.“
Mit dem Schlimmsten rechnen
Michael Eder (FAZ 23.9.) fühlt die Stimmung in Kaiserslautern nach dem 0:2 gegen Mainz: „Es herrscht schon nach sechs Spieltagen helle Aufregung, und Trainer Henke redet wie einer, der sich bereits vor der Entlassung fürchtet. Wenn seine Mannschaft weiter auf einem Niveau spielt gegen die in der Summe deutlich überlegenen Mainzer, dann tut er dies im Lauterer Umfeld mit Recht. Die Pfälzer hatten vor der Saison andere Ziele als Mainz, aber gemessen am Auftritt vom Mittwoch, wäre es auch für die Pfälzer ratsam, mit dem Schlimmsten zu rechnen und dagegen anzukämpfen.“
Flagellantismus
Wie kann man sich das nur freiwillig antun? Tobias Schächter (SZ 23.9.) blickt ins Publikum (und empfiehlt, indirekt, Klaus Wowereit als Schirmherren): „Auch wer kein Anhänger von Verschwörungstheorien ist, stellte sich während dieser ironiefreien Darbietung dilettierender Profifußballer Fragen wie diese: War der 21. September des Jahres 2005 der Beginn eines neu keimenden Flagellantismus? Sind diese 39 123 Menschen, die zum Spiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Mainz 05 pilgerten, Nachfahren jener schwärmerischen Laien, die im Mittelalter aus Bußeifer heraus durch Westeuropa zogen und sich bei entblößtem Oberkörper unter Psalmengesang öffentlich geißelten? Als Jürgen Klopp einen Mann namens Tom Geißler einwechselte, schien es an dieser Theorie keine Zweifel mehr zu geben. Als jedoch eine gute Viertelstunde später Schiedsrichter Franz Xaver Wack in seine Pfeife blies und der Tortur ein Ende setzte, hatten die Verfechter der Flagellantismustheorie plötzlich keine Argumente mehr. Die Reaktionen zeigten: Die Menschen waren nicht der Geißelung um ihrer selbst willen gekommen, sie hatten nach Erlösung gesucht.“
Welt: Hertha BSC staunt über den besten Saisonstart seit dem Aufstieg 1997
FR: Marcel Koller will beim VfL Bochum zeigen, dass er mehr kann als einst beim 1. FC Köln
NZZ: Mit Patrick Vieira gelingt Juve nochmals ein Qualitätssprung
Donnerstag, 22. September 2005
Bundesliga
Siegen, siegen, siegen – und nicht an die Zuschauer denken
Noch ein 1:0 für Bayern – Philipp Selldorf (SZ 22.9.) wendet sich ab: „Wenn Oliver Kahn in Anbetracht der minimalistisch anmutenden Serie seines FC Bayern den FC Chelsea als Vorbild für noch größere Spitzenleistungen preist, dann folgt er damit zwar einer verständlichen Faszination. Aber es ist auch ein gefährliches Götzenbild, das da in einigen führenden Klubs Europas verherrlicht wird. In Abwandlung von Helmut Markwort: Siegen, siegen, siegen – und nicht an die Zuschauer denken.“
Mit der Spielfreude übertrieben
Dagegen spielt Bremen schön und (diesmal) erfolglos: 1:2 in Mönchengladbach – Roland Zorn (FAZ 22.9.) fasst zusammen: „Für Werder kam alles zusammen: von der Souveränität im Umgang mit Ball und Gegner zum Hochmut gegenüber der Borussia bis zum selbstverschuldeten Sturz. Ganz anders die Gladbacher. In ihrer Kabine waren in der Halbzeit deutliche Worte gefragt. Horst Köppel verurteilte die Angst seiner Spieler, sich im Zweikampf mit den am Ball durchweg besseren Bremern zu blamieren. Doch dann baute der Schwabe sein Team um und auf. (…) Klaus Allofs schien ausnahmsweise eifersüchtig auf die Bayern, den Platzhirschen der Liga. Während die Münchner derzeit einen schmucklosen 1:0-Sieg an den anderen reihen, haben es die Bremer diesmal mit ihrer puren Spielfreude übertrieben.“
Bernd Müllender (FR 22.9.) ergänzt: „Gemeinsam war allen das Rätseln darüber, was grotesker gewesen war an diesem niederrheinischen Abend zwischen Rübenfeldern und Maisplantagen: Dass Werder Bremen ein unverlierbares Spiel verloren hatte oder der Gastgeber ein ungewinnbares gewonnen?“
Bewährungsproben
4:2 siegt Wolfsburg in Hannover; Achim Lierchert (FAZ 22.9.) blickt in die nahe Zukunft und malt beiden Vereinen Teufel an die Wand: „Mit dem ersten Sieg in Hannover und einer über weite Strecken ansprechenden Leistung steht Wolfsburg wieder einmal vor der Chance, sich durch einen Sieg über Eintracht Frankfurt im oberen Teil der Tabelle festzusetzen. Skepsis bleibt jedoch, oft genug verfehlte der VfL dieses Ziel, wenn sich die Gelegenheit ergab. Dramatisch könnte sich die Lage bei Hannover 96 zuspitzen. Es geht zum FC Schalke 04, und wenn Ewald Lienen dort die dritte Niederlage nacheinander kommentieren müßte, dürfte aus der unterschwellig schon länger spürbaren Kritik am Trainer eine öffentliche Debatte im Klub entstehen. Es wäre die erste große Bewährungsprobe für die neue Hannoveraner Klubführung mit dem profilierten Rechtsanwalt Götz von Fromberg an der Spitze, der erst seit gut zwei Wochen im Amt ist.“
Absinken
2:0 gegen Bielefeld, aber sie wissen nicht, was sie fühlen sollen und hoffen dürfen – Freddie Röckenhaus (SZ 22.9.) befasst sich mit Dortmunder Seelen: „Die Ansprüche sind bescheiden geworden in Dortmund. Mit 62 100 Zuschauern im Stadion, ein skurriler Minusrekord im meist ausverkauften Westfalenstadion, fand man sich achselzuckend ab. Und das Zittern zum 2:0 über Arminia Bielefeld wurde von Bert van Marwijk als ‚gutes Spiel’ deklariert. Fast wehmütig wünschten sich viele Fans etwas von jenem Größenwahn zurück, der einst durchs Westfalenstadion wehte. Jan Koller trägt zur allgemeinen Skepsis auf seine Weise bei. Er hat letzte Woche bekannt gegeben, den zum Saisonende auslaufenden Vertrag beim BVB nicht zu verlängern, sondern noch einmal in der Champions League spielen zu wollen, am besten bei einem englischen Klub. Koller hat damit den Fans beschieden, dass man die Borussia künftig nur noch als gehobenes Mittelmaß einstufen kann. Das tut weh in Dortmund, wo man viele Jahre mit gepumptem Geld einen G-14-Status aufrechterhalten hat. Kollers Weggang ist manchen ein weiteres Indiz des drohenden Absinkens.“
FAZ: Dem Sieg auf dem Platz folgt der höchste Verlust in der Bilanz
morgen: Pressestimmen über Teil 2 des 6. Spieltags
« spätere Artikel — frühere Artikel »