indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 6. Juni 2005

Internationaler Fußball

Realitätssinn

Nach dem 2:0 über Rumänien – Christian Eichler (FAZ 6.6.) sieht etwas reifen in Holland: „Marco van Basten hat eine renovierte Mannschaft mit neuem Realitätssinn zusammengefügt. In ihr haben Schönspieler wie Kluivert oder Seedorf keinen Platz mehr, dafür viele frische Jungprofis aus der holländischen Liga. Ihre Fortschritte sind klein, aber kontinuierlich, und van Basten behält auch im Erfolgsfall das scharfe Auge des Kritikers.“

Ende in Bitterkeit?

Trotz dem guten Spiel beim Comeback gegen die Slowakei, das Portugal 2:0 gewinnt – Ronald Reng (taz 6.6.) rät Luís Figo zum baldigen Karriere-Ende: „Den wenigsten Sportstars ist es vergönnt, in Würde Abschied zu nehmen. Die Sehnsucht, für immer jung zu bleiben, versperrt ihnen den Blick auf die Wirklichkeit. Luís Figo, Weltfußballer des Jahres 2001, der erste galático in der legendären Elf der so genannten Außerirdischen von Real Madrid, schien es richtig zu machen. Er trat vor einem Jahr nach dem verlorenen Europameisterschaftsfinale aus der Nationalelf zurück. Am Samstag war er wieder da, „nervös wie beim ersten Mal“, sagt er. In einem attraktiven Spiel gewann Portugal 2:0 gegen die Slowakei. Für einen Abend genoss Figo die Illusion, alles sei wie immer. (…) Die großen Sportstars wie Figo können offenbar nie so einfach gehen. Sie schaffen es nicht, das Alter und damit eine bescheidenere Rolle akzeptieren. Luís Figo läuft wie so viele außergewöhnliche Sportler vor ihm Gefahr, seine Karriere in Bitterkeit zu beenden. Das Comeback in der Nationalelf vertuscht die Probleme nur.“

FR: Türkei – Griechenland (0:0)

WamS-Interview mit Otto Rehhagel

NZZ: Irland – Israel (2:2)

Tsp: Ekuador – Argentinien (2:0)

Tsp: Norwegen – Italien (0:0)

Unterhaus

Gewinn an Rhein und Main

Ralf Weitbrecht (FAZ 6.6.) gratuliert Kickers Offenbach zum Aufstieg in die Zweite Liga: „Der ganze Klub, ja die ganze Stadt um ihren sportbegeisterten Oberbürgermeister Gerhard Grandke hatte sehnsüchtig auf diesen 4. Juni 2005 hingearbeitet. Der Verein, kurz vor der Jahrhundertfeier 2001 sportlich und wirtschaftlich am Boden liegend, hatte sich personell runderneuert und den langen Marsch Richtung Profifußball angetreten. (…) In Offenbach haben sie die Nacht zum Tag gemacht. (…) Für den Sport an Rhein und Main ist die Rückkehr der Kickers in das Profigeschäft durch und durch ein Gewinn. Vor zwei Wochen erst hat die Frankfurter Eintracht mit ihrem unverhofften Aufstieg mit einem Schlag neue Begehrlichkeiten geweckt und dem Schmuckstück Commerzbank-Arena neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnet. Und auch beim Nachbarn von der anderen Mainseite sollte durch die Klassenversetzung neue Schubkraft ausgehen.“

taz: Eintracht Braunschweig steigt auf

taz: Die Sportfreunde Siegen steigen auf

taz: SC Paderborn steigt auf

taz: Osnabrück und Lübeck bleiben Regionalligisten

Bundesliga

Es fehlt ihm die Fähigkeit, Begeisterung zu wecken

Sehr lesenswert! Richard Leipold (FAS 5.6.) nennt die Mängel Matthias Sammers: „Der 37 Jahre alte Sachse gilt in der Branche als Dogmatiker. Die reine Lehre des erfolgreichen Fußballs aber hat er in Stuttgart nicht vermitteln können. Auch deshalb, weil es ihm an pädagogischem Geschick fehlt. Kritiker werfen ihm vor, seine taktischen Varianten seien zu begrenzt, um ein Team dauerhaft voranzubringen. Daran ließe sich arbeiten. Die Hauptschwäche Sammers erwächst aus einer vermeintlichen Stärke. Als hätte er lauter Sammers vor sich, predigt er Disziplin, Bescheidenheit, Leistungswillen, Loyalität. Eines aber fehlt ihm: die Fähigkeit, Begeisterung zu wecken. Sammer ist so von seinem moralischen Anspruch überzeugt, daß er es nicht für nötig hält, sich eine Hausmacht aufzubauen, in der Mannschaft oder in den Gremien. (…) Berti Vogts hat als Bundestrainer einst gesagt, Sammer denke schon als Spieler wie ein Trainer. Das ist zehn Jahre her. Zu Sammers Schwächen gehört es, daß er sich seither nicht weiterentwickelt hat. Er propagiert dieselben Primärtugenden, dieselben Taktiken, aber er spricht nicht über Innovation, schon gar nicht über die Lust am Spiel, das ist zumal für einen jungen Trainer ein Defizit. Der fünfte Platz wäre für den VfB zu verschmerzen gewesen, sagen Insider. Aber die matte, geradezu desinteressierte Art, wie das kickende Personal seine europäische Chance erspielt hat, offenbarte Sammers Ohnmacht – wie einst bei seinem Mentor Vogts, dessen Witz und Motivationskunst ähnlich limitiert waren.“

Deutsche Elf

Skepsis

Michael Horeni (FAZ 6.6.) liest das 4:1 in Nordirland als Fortsetzung des Disputs zwischen den Bayern und der Führung der Nationalelf: „Dieser eitle Streit, wer denn nun der Schönste im ganzen Fußball-Land sei – der FC Bayern, der strahlende und reiche Herrscher im Land, oder doch der Fußballprinz Klinsmann hinter den sieben Bergen am großen Meer mit seinem Hofstaat?– hat etwas ganz anderes deutlich gemacht: die große Skepsis, die dem Bundestrainer auch zehn Monate nach seinem Amtsantritt in weiten Teilen des Landes noch immer entgegenschlägt. (…) Michael Ballack hat nun Unterstützung für Klinsmann gefordert und dessen System verteidigt. Das geschah nicht zufällig. Denn auch der Kapitän weiß, daß der deutsche Fußball ein Jahr vor der WM von Geschlossenheit genauso weit entfernt ist wie vom Titel.“

Bayern-Block

Thomas Kilchenstein (FR 6.6.) über die Bedeutung der Bayern-Spieler: „Klinsmann und Co. können nur beten, dass sich Michael Ballack nicht ernsthaft verletzt und – aber das nur heimlich – hoffen, dass die Bayern am besten nicht allzu weit kommen in der Champions League. Der Bayern-Block, so viel scheint sicher, wird einiges zu schultern haben im nächsten Jahr – erst für den Klub, dann für die Nation. Ausgebrannte, überspielte Bayern wäre das letzte, was Klinsmann gebrauchen könnte – was das Konfliktpotenzial nur unwesentlich verringert.“

Drei-Stände-Gesellschaft

Michael Horeni (FAZ 6.6.) fügt hinzu: „Deutlich wie noch nie zeichnete sich in den vergangenen zehn Monaten unter Jürgen Klinsmann eine neue Drei-Stände-Gesellschaft in der Nationalmannschaft ab, die da heißt: Ballack, der Bayern-Block und der große Rest. (…) Angesichts des seit der vergangenen Woche anschwellenden bayerischen Herrschaftsgemurmels versuchte Kapitän Ballack, die diplomatische Ordnung in der Nationalelf trotz der augenfälligen Bestätigung in Belfast zu bewahren.“

Galionsfigur

Hans Schwarz (FR 6.6.) rühmt Michael Ballack: „Ballack ist in allen Bereichen die Galionsfigur der deutschen Mannschaft – als Mittelfeldstratege, als Spielmacher, als Torschütze, als Garant für Erfolge, zuletzt mit elf Siegen in Serie beim Rekordmeister Bayern. In Belfast war es Ballack, der mit seiner Aggressivität das Ruder herumriss.“

Aus der Einzelkritik auf sport1.de: „Jens Lehmann wirkte wie schon in der Partie gegen Bayern München unsicher. Leistete sich Flüchtigkeitsfehler und unterlief Flanken. Beim Elfmeter in der falschen Ecke.“

if: In der Tat – ein unverzeihlicher Fehler. Hat Rummenigge diese Kritik in Auftrag gegeben?

Samstag, 4. Juni 2005

Allgemein

Freude

Sebastian Deisler, der Schweiger – Michael Horeni (FAZ 4.6.): „Die Annäherung an Deisler ist immer noch schwierig. In den vergangenen Wochen, als er beim FC Bayern seine stärkste Zeit des Jahres hatte, wieder zur Stammformation zählte und Tore erzielte, lehnte er es ab, ausführliche Gespräche mit Medien führen. (…) Es mag übertrieben und falsch sein, aber bei Deisler werden trotzdem immer wieder Worte und Reaktionen mit seiner Krankheit, die von den Ärzten als überwunden betrachtet wird, in Zusammenhang gebracht. (…) Deislers Freude, wieder bei der Nationalmannschaft zu sein, ist unverkennbar.“

FR: Wenn der Körper fit und der Kopf frei ist, erfüllt der 25-jährige Mittelfeldspieler aus München Klinsmanns Anforderungsprofil perfekt

Zerstörer mit der Kreativität eines Regisseurs

Deco, ein neuer Startyp – Ronald Reng (BLZ 4.6.): „Niemand, auch nicht sein Kollege beim FC Barcelona, der Weltfußballer des Jahres Ronaldinho, beeinflusst das Spiel mehr. In einer Zeit, in der strikt zwischen offensiven und defensiven Mittelfeldspielern unterschieden wird, ist Deco beides: Spielmacher mit der Wachsamkeit eines Defensivmanns, Zerstörer mit der Kreativität eines Regisseurs. Er spielt die meisten Pässe, er raubt dem Gegner am häufigsten den Ball. Er ist schnörkellos, verlässlich, effektiv; eine Pracht in seiner Präzision. (…) Jedes seiner Schmuckstücke – die Haken, die er beim Dribbling schlägt, die aristokratische Art, den Ball zu stoppen – wird das Publikum entzücken.“

Spanischer Patient

Luis Figo, der Rückkehrer in die Nationalelf – Thomas Klemm (FAZ 4.6.): „Gerne leiden die Portugiesen am Schicksal – Luis Figo hat seines in die Hand genommen. Im April sprach er mit dem Verband, mit Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari, und alle päppelten den Mittelfeldspieler auf, der in Madrid zum spanischen Patienten geworden war.“

FR: Bei Ajax ist Angelos Charisteas wieder Stammspieler und weiter Schlüsselfigur der griechischen Nationalelf

Internationaler Fußball

Konfessionelle Verwünschungen

Martin Alioth (Tsp 4.6.) befasst sich mit dem Gegner Deutschlands: „Obwohl die nordirischen Spieler inzwischen nicht mehr allein aufgrund eines protestantischen Glaubensbekenntnisses ausgewählt werden, bleibt ihr Stadion in Belfast, der Windsor Park, fest in der Hand von Anhängern eines exklusiv protestantischen Weltbildes. Wann immer die – wesentlich erfolgreichere – Mannschaft der benachbarten Republik Irland im Windsor Park spielen muss, reisen kaum irische Schlachtenbummler nordwärts. Die konfessionellen Verwünschungen, denen sie dort ausgesetzt sind, ertragen nicht alle. Dunkelhäutigen irischen Spielern werden von der Tribüne aus schon mal Bananen zugeworfen, begleitet von entwürdigenden Dschungelgeräuschen.“

Erster Laptop-Trainer der Türkei

Türkei gegen Griechenland – Rainer Hermann (FAZ 4.6.) schildert die Bedeutung des Spiels für die Türkei und ihren Trainer: „Ohne Glanzlicht war die Saison, überschattet nur von ständigen Intrigen und Krisen bei Istanbuls Klubs. (…) Den Ruf der „Superliga“ fast ruiniert haben zudem einige verschobene Spiele und Schiedsrichterbestechungen. Nun aber hat die türkische Nation endlich den Blick nach vorn frei und will doch noch die Fahrkarte nach Deutschland. An Schicksal glaube er nicht, ließ Ersun Yanal seine erstaunten Landsleute vor dem entscheidenden Aufeinandertreffen mit den Griechen wissen, gegen die die Türkei noch nie verloren hat. Daher werde es auch kein Schicksalsspiel. Seine Art sei es ohnehin nicht, etwas dem Schicksal oder dem Zufall zu überlassen. Vielmehr arbeite er hart für den Erfolg, sagte Yanal, der sich einiges darauf zugute hält, als erster „Laptop-Trainer“ der Türkei zu gelten.“

11 Freundinnen

Auf dem Prüfstand

Über die Frauen-EM in Nordengland lesen wir von Kathrin Steinbichler (SZ 4.6.): „Es geht nicht nur darum, dass acht Nationalmannschaften einen Titel ausspielen. Es geht auch um eine Demonstration: Nirgendwo sonst steht der moderne Frauenfußball mehr auf dem Prüfstand als in den männerdominierten englischen Stadien, in denen ein anständiges Tackling im Zweifelsfall mehr Beifall bekommt als ein sauber gespielter Pass.“

Unternehmen Abschiedsgeschenk

Die EM, das letzte Turnier für Tina Theune-Meyer – Bernd Steinle (FAZ 4.6.): „Eines reizt sie besonders: daß ihre Karriere ausgerechnet in England ausklingt, der Heimat des Fußballs und dem Land, dem sie sich auch persönlich besonders nahe fühlt. Für das Team ist das ein zusätzlicher Ansporn, mit EM-Titel Nummer sechs von der Insel zurückzukehren. (…) Unternehmen Abschiedsgeschenk läuft.“

FR-Interview mit Tina Theune-Meyer

Unterhaus

Minderwertigkeitskomplex

Detlef Esslinger (SZ 4.6.) beschreibt Stimmung und Hoffnung in Offenbach vor dem Spiel in Mainz, das über den Aufstieg entscheidet: „Es herrscht gemäßigte Euphorie in der Stadt. Offenbach ist anders als Frankfurt, der große Nachbar. In Frankfurt träumen sie nach dem Aufstieg vor zwei Wochen schon wieder von deutscher Meisterschaft und Europapokal; Hoch- und Übermut sind dort Teil des Selbstverständnisses. Offenbach, die alte Arbeiterstadt, schleppt eher einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herum. (…) Ein Aufstieg unmittelbar nach dem Aufstieg der Eintracht aus Frankfurt, er wäre auch gut für die Seele. Bezugspunkt des Offenbacher Minderwertigkeitskomplexes ist seit langem Frankfurt. Als dort das Waldstadion für die WM nicht mehr taugte, baute die Stadt, obwohl pleite, ein neues. Als in Offenbach die Stadt pleite war, zwang sie den Verein, das marode Stadion am Bieberer Berg zu übernehmen.“

Bundesliga

In Stuttgart sind die Spieler wichtiger als der Trainer

Benedikt Voigt (Tsp 4.6.) kritisiert die Entlassung Matthias Sammers: „Erwin Staudt hat seinen Trainer entlassen. Und einen großer Fehler begangen. Er hat Stuttgarts Spielern mehr Macht zugebilligt, als ihnen zusteht. Das Verhältnis zwischen Trainer und Spielern ist kein demokratisches, sondern ein autoritäres. In Stuttgart gehen unzufriedene Spieler wie Alexander Hleb, Andreas Hinkel oder Kevin Kuranyi gestärkt hervor, sie sind offenbar wichtiger als der Trainer. Und der künftige Trainer muss mit ihrem neuen Sonderstatus klar kommen. Natürlich ist Sammers Entlassung die Reaktion auf die schlechten Leistungen. Doch bei genauem Hinsehen war die abgelaufene Saison ein Erfolg, lediglich am letzten Spieltag rutschte der VfB aus den Champions-League-Plätzen. Das Gleiche ist im Vorjahr auch passiert, damals hieß der Trainer Felix Magath. Ein Grund mehr, sich nicht mit dem Trainer zu befassen. Sondern mit den Spielern.“

Ein harter Hund ist übrig geblieben

Thomas Kistner (SZ 4.6.) verweist auf Sammers Fehler: „Ein halbes Jahr zehrte Sammers Tross von Magaths kraftvoller Vorarbeit, dann zerfiel er in die Einzelinteressen seiner Profis: Die Vertragspoker der Jungnationalspieler Hildebrand und Kuranyi setzten ebenso die Agenda wie die Ego-Shows von Meira oder Hleb. Sammer selbst hatte seinem Ensemble da die einst gefürchtete Aggressivität auf dem Rasen schon ausgetrieben, kleinmütig ging es in die Spiele und oft mit nur einer Sturmspitze. Auf Zögern und Taktieren fußte das System des Trainers Sammer, der im Grunde ein verkappter Spieler geblieben ist – so, wie er einst als Spieler ein verkappter Trainer war. Hinzu kamen Defizite in der Außendarstellung, was sich im Unterhaltungsgewerbe Profifußball stets verheerend auswirkt, wenn sportlicher Erfolg ausbleibt. (…) Ein harter Hund ist übrig geblieben im gemütlichen Schwabenländle.“

Leichtgewichte

Michael Jahn (BLZ 4.6.) lenkt den Blick auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt: „In seiner Rolle als Präsident parliert Hundt gerne und schön über die Schaffung neuer Arbeitsplätze, doch als Aufsichtsrat hat er nun etwas betrieben, was nicht unbedingt zu seinem Image passt: Er hat einem leitenden Angestellten den Arbeitsplatz gestrichen. Das klingt hart, und das ist es auch. Hundt hat sich durchgesetzt (…) Sicher hat Sammer, der als Trainer mit hohem Sachverstand gilt und als akribischer Arbeiter, in der jüngsten Vergangenheit Fehler begangen. In der Führung des Personals, in der Taktik, in der Ansprache der Mannschaft. Nun aber, nach der Trennung, droht dem VfB Stuttgart ein chaotischer Zustand. (…) Die beiden Manager sind Leichtgewichte der Branche, und der Präsident galt schon länger als führungsschwach.“

Aus kommunikativen Schwächen schnell lernen

„Stuttgarter Krankheit“ diagnostiziert Roland Zorn (FAZ 4.6.) und schaut in Sammers Zukunft: „Seit Freitag weiß alle Welt, daß sich auch Staudt, der erfolgreiche IBM-Manager, den Gesetzmäßigkeiten des Fußballs in Stunden der Not oder des Drucks von unten beugt. (…) Mannschaft und Trainer verspielten viel Kredit beim Anhang des VfB, der von Magath einen couragierten, frechen, angriffslustigen Fußball gewöhnt war. Nichts davon war in den vergangenen Wochen mehr übriggeblieben, als die Schwaben wie eine Ansammlung alter Männer über die Plätze der Bundesliga schlichen und Angriffsflächen zuhauf boten. (…) Dem Coach Sammer werden weiterhin Türen offenstehen – vielleicht demnächst in Wolfsburg. Er muß aber aus seinen kommunikativen Schwächen schnell lernen, will er auch in Zukunft zur schmalen Riege der Toptrainer in Deutschland gezählt werden.“

Freitag, 3. Juni 2005

Allgemein

Gelernt, Konflikte auszuhalten

Philipp Selldorf (SZ 3.6.) beschreibt die Reifung des Fabian Ernst: „Die Natur hat Fabian Ernst ein stilles und nachdenkliches Wesen zugeteilt. Aber sie hat ihm auch die Fähigkeit geschenkt, in seinem Sport auf einmal einen hitzigen Charakter anzunehmen und seine Interessen solide zu vertreten. Da er diese Eigenheiten mit wachsender Souveränität in Einklang bringt, hat er es gelernt, Konflikte einzugehen und auszuhalten. Es war ja alles andere als eine lässige Saison, die Ernst in Bremen gemeistert hat. Der zeitig bekannt gemachte Wechsel zum Bremer Lieblingsfeind Schalke machte ihn den Werder-Fans suspekt, es gab spektakulären und handfesten Ärger mit Johan Micoud, und einmal legte sich Ernst in einem Akt von Grundsatzkritik mit dem FC Bayern an. Trotzdem ließen seine Leistungen in keiner Weise nach. Klinsmann und seine Mitstreiter haben das gern gesehen.“

Interview

Der DFB ist auf einigen Gebieten zu hinterfragen

Jürgen Klinsmann mit Ludger Schulze & Dominik Wichmann (SZ-Magazin 3.6.) über DFB und Reform
SZ: Auf welche Widerstände treffen Sie?
JK: Es gibt natürlich immer wieder Leute, die quer schießen. Menschen, die sich mit allen Mitteln gegen Veränderungen stemmen. Wo Kompetenzen neu verteilt werden, ist das eine logische Konsequenz. In einem Verband wie dem DFB, in dem sich über Jahrzehnte fast alles mit allem und jeder mit jedem verwoben hat, überrascht das nicht besonders. Ich stoße schon allein deshalb auf Widerstand, weil die Leute befürchten, ich würde ihnen etwas wegnehmen.
SZ: Tun Sie ja auch.
JK: Ja, wir können 2006 aber auch nicht sagen: Sorry, wir sind in der Vorrunde ausgeschieden, aber wir hatten eine schöne Zeit und alle waren zufrieden! Wir haben Verantwortung übernommen und müssen handeln. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Nationalmannschaft zwar das Aushängeschild, aber im Gesamten nur ein kleiner Teil des DFB ist. In diesem Interview reden wir über die Nationalmannschaft – doch der DFB ist auch zuständig für andere Gebiete: Spielordnungen, Spielbetrieb. Das alles muss verwaltet werden. Und wenn dann die Nationalmannschaft ins Spiel kommt, ist es für die Funktionäre schwer, den Blick auf das Eigentliche – die Qualität des Fußballs! – zu bewahren. Oft habe ich den Eindruck, dass angesichts des Verwaltungsaufwands, 6,3 Millionen Mitglieder zu betreuen, die Qualität des Fußballs zunehmend unwichtig wird.
SZ: Also verwaltet sich dieser größte Sportverband der Welt nur noch selbst?
JK: Es gibt Bereiche, in denen verwaltet werden muss. Aber es gibt andere Gebiete, in denen es nur um die Qualität des Fußballs geht. An Letzterem werde ich vor allem gemessen. Führen heißt: einer Sache dienen.
SZ: Inwieweit ist der marode Zustand des DFB symbolisch für die Lethargie des ganzen Landes?
JK: Der DFB ist nicht marode, aber bestimmt auf einigen Gebieten zu hinterfragen. Ein so großer Verband ist immer beispielhaft für das Gemeinwesen, aus dem er hervorgeht. Wenn nicht wir, sondern zum Beispiel Südafrika die WM 2006 bekommen hätte, hätte der DFB massive Probleme bekommen: Das wäre eine Niederlage zu viel gewesen und dann wäre der Reformdruck wohl zu groß geworden.
SZ: Ihr Beispiel erinnert uns an die erstarrte Regierung Kohl von 1989: Allein die Wiedervereinigung verlängerte künstlich deren Agonie. Dringende Reformen wurden verschleppt.
JK: Was der ehemalige Kanzler für die Wiedervereinigung war, ist Franz Beckenbauer für die WM 2006: das Symbol, das Aushängeschild. Franz hat das Ereignis nach Deutschland geholt und damit ein Boot gebaut, auf dem jetzt alle mitfahren wollen.

Ball und Buchstabe

Angenehmer Regelverstoß

Eine Buchempfehlung von Andreas Merkel (taz 3.6.): „Natürlich ist Fußball nicht witzig. Es ist nicht witzig, Anhänger einer Zweitligamannschaft zu sein, deren Spiele man vor dem Fernseher angespannter und engagierter verfolgt als jeder der 22 Akteure auf dem Platz. Es ist nicht witzig, sich anderntags durch Spielberichte in der Flakhelfer-Prosa der Fachpresse zu lesen, in denen Sätze stehen wie „Scherz brach über links durch und bediente Streit, doch dessen Schuss hatte Ochs sicher“. Und es ist schon gar nicht witzig, wenn hippe Clubber das Thema als Party-Talk missbrauchen, auf große Experten machen und dann doch nur „irgendwie Werder gut finden“. Und weil das alles so ist, ist man umso dankbarer für jeden Regelverstoß im hoffnungslos dicht gequatschten Strafraum des vorweltmeisterschaftlichen Deutschlands. Einen solchen leistet Philipp Köster allmonatlich mit seiner „Günter-Hetzer-Kolumne“ im 11Freunde-Magazin für Fußballkultur.“

Philipp Köster: „Ballgefühl und Rassehasen – Die Günter-Hetzer-Kolumnen“. Tropen-Verlag 2005.

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