indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 9. Mai 2005

Ascheplatz

Rummenigge spricht von Reform, obwohl er nur mehr Geld will

Karl-Heinz Rummenigge fordert und fordert, doch was bieten er und die Liga ihren Kunden und Partnern? Michael Horeni (FAZ 9.5.) empfiehlt mehr Attraktivität durch Play-Offs: „Verhandlungsführer Rummenigge von der IG Bayern München unterscheidet sich nur in der Größenordnung von den Gewerkschaftlern der IG Metall – nicht aber in der starren und ideenlosen Haltung, mit der er eine siebzigprozentige Steigerung fordert. Flexiblere Arbeitszeitregelungen und substantielle Veränderungen im Spielbetrieb etwa mag Rummenigge – und mit ihm der gesamte in der DFL organisierte Profibetrieb – den Fernsehsendern nicht anbieten. Die minimale Gegenleistung für die maximale Forderung ist bisher ein vages Angebot für einen späteren Übertragungsbeginn der Spiele in der Sportschau zugunsten des Pay-TV. Was die Bundesliga derzeit aber in der Praxis als Unterhaltungsprodukt zu bieten hat, ist nicht gerade das Angebot eines Premiumprodukts (…) Rummenigge spricht von Reform, obwohl er nur mehr Geld will. Eine wirkliche Reform wäre es, wenn die Bundesliga ihren Modus änderte. Dies sollte sie nicht nur aus Vermarktungsgründen tun, weil die ökonomischen Rahmenbedingungen den sportlichen Wettbewerb immer weiter einschränken, sondern auch unter sportlichen Leistungsaspekten.“

Ermattet und langweilig

Thomas Kilchenstein (FR 9.5.) teilt dieses Urteil: „Der Bundesliga, seit einiger Zeit schon nicht mehr die stärkste Liga in Europa, geht die Puste aus. Ermattet taumelt sie in Richtung Ziel und verbreitet selbst unter uns Fußball-Junkies derzeit nur noch gähnende Langeweile. Die Meisterschaft? War allenfalls ein, zwei Wochen lang spannend. Der Abstiegskampf? Da hat sich seit der Winterpause nichts Gravierendes getan. Und ob nun Leverkusen, der HSV oder Werder im Uefa-Cup spielt, ja nun, das haut wirklich keinen vom Stuhl.“

Die Spannung eines nordkoreanischen Wahlabends

Markus Völker (taz 9.5.) stimmt ein: „Stünden nicht noch die Scharmützel um Podestplätze an, über die letzten zwei Spieltage der Bundesliga legte sich die Spannung eines nordkoreanischen Wahlabends.“

Legitim

Torsten Rumpf (Welt 9.5.) hingegen hält Rummenigges Geldforderung für berechtigt: „Mit welchem Recht beschweren sich die kleineren Vereine? Sie profitieren schließlich in erheblichem Maß davon, daß die Bayern vor sechs Jahren einer zentralen Vermarktung der Fernsehrechte zugestimmt haben. Der Rekordmeister hätte überhaupt keine Probleme, seine Spiele für einen wesentlich höheren Betrag dezentral zu vermarkten. Doch welcher Sender würde dann noch Millionen für Heimspiele des VfL Wolfsburg, von Arminia Bielefeld oder des VfL Bochum ausgeben? Zudem sollten die kleineren Klubs nicht vergessen, daß ihnen die Bayern mit ihren vielen Stars die Stadien füllen. Es ist legitim, daß der Deutsche Meister versucht, die ihm durch die zentrale Vermarktung entstandenen Verluste an anderer Stelle aufzufangen.“

Stimmen aus der Bundesliga zu Rummenigges Forderung nach mehr Geld, WamS

Samstag, 7. Mai 2005

Interview

Der Fußball gehört reformiert, wie unsere gesamte Gesellschaft reformiert gehört

Karl-Heinz Rummenigge mit Klaus Hoeltzenbein & Philipp Selldorf (SZ 7.5.)
SZ: Der FC Bayern ist wieder Meister, das Fest in vollem Gange, schon hört die Öffentlichkeit wieder vom Streit ums Geld. Sie drohen: Die ARD-Sportschau, erste Informationsquelle des Fanvolks, reanimiert im Jahre 2003, soll wieder sterben.
KR: Das ist nur eine Option. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Sportschau bleibt, wenn sie bereit ist, ein Wesentliches mehr für den Fußball zu zahlen. Die ARD hat 2003 für einen Dumpingpreis die Bundesligarechte für das Free-TV erworben. 60 Millionen pro Saison – das ist ein Geiz-ist-geil-Schnäppchenpreis…
SZ: …mit dem der Bundesliga damals aus der Klemme geholfen wurde …
KR: … mit dem sie die Sportschau reanimiert hat. Aber jetzt hat sich der Markt dramatisch geändert. Zum Glück zu Gunsten des Fußballs, nicht zu Gunsten der TV-Sender. 2003 stand die letzte Verhandlungsrunde noch unter dem Eindruck der Kirch-Krise. Damals war das in etwa so, als würde hier unterm Fenster einer mit dem Ferrari vorfahren und hoch rufen: Ich kann Ihnen den jetzt für zweieinhalb Tausend Euro verkaufen! Und dann schmeiß ich ihm aus dem Fenster einen Scheck runter und sag: Schmeiß mal den Schlüssel hoch!
SZ: Und jetzt wird der Ferrari wieder teurer?
KR: Ich sehe dieses Spiel mit einem offenen Ausgang. Wir alle sind im Augenblick mit der Sportschau gut bedient. Die Quote stimmt, es ist eine gute, seriöse Berichterstattung. Die ARD hat die Chance, die Sportschau aufrecht zu erhalten, wenn sie bereit ist, ihre Schatztruhe, die sie unzweifelhaft besitzt, zu öffnen und für die Bundesliga ein Wesentliches mehr bezahlt. Wenn sie das aus politischen Gründen aber nicht kann und nicht will, dann trägt die ARD dafür die Verantwortung, nicht der Fußball.
SZ: Ab Herbst wird verhandelt, der Termin ist günstig: In der Euphorie vor der WM soll abgeschlossen werden.
KR: Ich führe diese Diskussion relativ leidenschaftslos: Woher die 500 Millionen für die Bundesliga-Rechte im Endeffekt kommen, ist mir eigentlich völlig egal. Entscheidend ist, dass wir sie erreichen. Da kann eine Bewegung in der Öffentlichkeit stattfinden, wie sie will, das muss unpopulistisch verhandelt werden. Wenn die Sportschau abgeschafft wird, wird es einen Aufschrei der Politik geben. Da wird sich jeder melden, und zwar ungefragt. Die Dinge sind nicht in Stein gemeißelt wie die zehn Gebote. Ich habe nichts gegen die ARD, ich habe nur was gegen diesen unfairen Preis. (…) Es geht mir nur um die Wettbewerbsfähigkeit. Ich bin ein überzeugter Freund des freien Marktes. Aber wir haben unsere Situation hier doch gerade mal wieder vor Augen geführt bekommen mit Robert Kovac. Wir haben ihm ein mehr als sehr ordentliches Angebot gemacht. Trotzdem geht er. Angeblich zu Juventus Turin. Das ist unsere fehlende Wettbewerbsfähigkeit: dass schon der Marktführer Bayern München einen solchen Spieler nicht halten kann, und zwar exklusiv aus finanziellen Gründen. (…)
SZ: Sie führen derzeit zwei Debatten. Eine über die 500-Millionen-Forderung, in der sich alle Klubs der DFL einig sein werden. Und eine zweite, interne, darüber, wie diese 500 Millionen verteilt werden sollen.
KR: Über das, was wir hier als Verteilerwahnsinn bezeichnen.
SZ: Zitat von Ihnen: „Wenn es um die Verteilung der Fernsehgelder geht, höre ich nur noch das Wort Solidarität, welches ich inzwischen hasse wie die Pest.“ Sehr provokante Bemerkung.
KR: Bei uns verdient ein Michael Ballack auch anders als ein Owen Hargreaves. Ein Kahn verdient mehr als ein Rensing. Ich bin ein großer Freund des Verdienstes. Man stützt die Kleinen nicht, indem man die Starken schwächt. Der Fußball gehört reformiert, wie unsere gesamte Gesellschaft reformiert gehört. Wir sind hier ein Land der Gleichmacherei geworden. Das muss aufhören. Der Fußball muss da möglicherweise auch gesellschaftspolitisch eine Vorreiterrolle spielen. Was er wunderbar kann. Wo finden überhaupt noch Leistung und Wettbewerb statt? Und zwar auf einer öffentlichen Bühne? Jeden Samstag kann jeder in diesem Land verfolgen, wer welche Leistung gebracht hat, als Mannschaft, als einzelner Spieler. Es wird Zeit, dass wir auch in der Bundesliga eine Grundsatzdebatte führen.

Ich bin dankbar, dass sich mein Weltbild vom Fußball aufrechterhalten ließ

Jürgen Klopp mit Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ 7.5.)
BLZ: Sie haben den Klassenerhalt mit Mainz 05 fast sicher. Was war für Sie die wichtigste Lehre in Ihrem ersten Bundesliga-Jahr?
JK: Dass die Mannschaft ihr System konsequent und unbeeindruckt von allen Widrigkeiten durchgezogen hat – in zweierlei Hinsicht: Sie hat ihr Spiel verbessert, wenn sie selbst im Ballbesitz war, aber vor allem, wenn der Gegner den Ball hatte. Dass überwiegend der Gegner im Ballbesitz sein würde, war nach dem Aufstieg zu erwarten. Also haben wir daran gearbeitet, darauf eine Erfolg versprechende Antwort zu finden. Weil uns das gelungen ist, waren wir in der Lage, Spiele gegen überlegene Gegner zu gewinnen.
BLZ: Was von dem, das Sie gelernt haben, hat Sie am meisten überrascht?
JK: Dass wir sieben Mal in Folge verloren haben. Nie und nimmer hatte ich mir vorher vorstellen können, dass es einmal dazu kommen könnte, in keiner Liga, auf keinem Planeten. Diesen Fahrplan hatte ich nicht auf der Rechnung. Jede Niederlage nagt extrem am Selbstvertrauen – und dann verliert man sieben Mal. Normal kommt es dazu gar nicht erst, weil nach dem fünften verlorenen Spiel der Trainer entlassen wird. Aber wir haben die Geduld bewahrt und an unserem System festgehalten. Das wurde mit der zweiten großen Phase belohnt, in der wir punkten konnten.
BLZ: War das auch eine Lehre für Sie – nicht gefeuert zu werden trotz einer langen Durststrecke?
JK: Das stand nicht zur Debatte. Aber es gab tatsächlich diesen Punkt, an dem wir gemeinsam überlegt haben, ob wir gegenüber der Mannschaft auf eine andere Art reagieren und vielleicht mal dazwischen hauen sollen. Wir waren uns schnell einig: Das kann, das darf und wird nicht der Weg von Mainz 05 sein. Damit lagen wir goldrichtig. Das war für mich wirklich eine wunderbare Erfahrung: dass es sich lohnt, weiter an das zu glauben und weiter daran zu arbeiten, was vorher den Erfolg brachte. Ich bin dankbar, dass sich auf diese Weise mein Weltbild vom Fußball aufrechterhalten ließ: Menschen sind bereit, für etwas zu arbeiten, solange man ihnen Vertrauen schenkt.

Ball und Buchstabe

Ernüchternde wirtschaftliche Realität

Michael Reinsch (FAZ 7.5.) sorgt sich um Gegenwart und Zukunft des ostdeutschen Fußballs, den Abstieg von Hansa Rostock vorwegnehmend: „Die Zeit der Orientierung ist, so schmerzhaft sie gewesen sein mag, keine vertane Zeit. „Der Breiten- und Nachwuchssport hat eine gute Infrastruktur“, sagt Hans-Georg Moldenhauer, Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes und Vizepräsident des DFB. „Gucken Sie sich nur die Kunstrasenplätze und Vereinsheime in Merseburg oder Halberstadt oder Alvesleben an.“ Was die Nachwuchsförderung angeht, hält er sie sogar für besser als noch im sportverrückten Arbeiter-und-Bauern-Staat: „Das ist deutschlandweit beispielgebend. In den Sichtungen bis 15 Jahre kommt das Gros der Talente aus Magdeburg, Jena, Erfurt, Rostock und Dresden. In den U-17-, U-18- und U-19-Mannschaften finden sie später dieselben Spieler, aber sie treten für die Leistungszentren des Westens an, für Bayer Leverkusen, FC Kaiserslautern und den anderen.“ Der Zug der Talente folgt weiterhin den Matthias Sammers und Michael Ballacks aus Dresden, Chemnitz und anderen Städten des Ostens mit ihren fünfzehn sportorientierten Schulen in den Westen; nicht nur die Aussichten der Spieler, auch die ihrer Eltern sind dort besser. So bildet die Bundesliga ohne Klubs aus der einstigen DDR, bildet die zweite Liga bald mit Rostock sowie dem wackerem FC Erzgebirge Aue, mit Dresden und Cottbus und vermutlich ohne Rot-Weiß Erfurt, bildet auch die Regionalliga Nord mit dem kämpfenden Chemnitzer FC und dem hoffnungslosen Schlußlicht FC Union Berlin bestimmt keine schnöde Einöde ab. Aber doch eine ernüchternde wirtschaftliche Realität.“

Welche Zukunft hat der Fußball im Osten? Ist Ost-Gewalt ein Medienphänomen? Ihre Meinung zählt in der Ostkurve!

Freitag, 6. Mai 2005

Interview

Her mit dem Leibchen!

Jürgen Klopp mit Udo Muras (Welt 6.5.)
Welt: Mainz 05 ist nach einer Umfrage der beliebteste Bundesligaverein. Warum?
JK: Weil man wußte, daß wir zweimal dramatisch gescheitert waren, daß wir kein Geld haben und der absolute Abstiegsfavorit sind. Da freut sich jeder mit, zumindest ein bißchen. Sogar mein Sohn, der war Frankfurt-Fan und ist jetzt übergelaufen.
Welt: Sie sind Kultfigur. Fanklubs heißen nach Ihnen, ein „Kloppomobil“ fährt bei jedem Auswärtsspiel durch die Lande, und als ZDF-Experte werden Sie 2006 der erste Mainzer WM-Teilnehmer sein. Ist Ihnen soviel Aufmerksamkeit als Teamplayer unangenehm?
JK: Unangenehm ist mir, daß ich sagen muß, daß man natürlich andere Leute viel mehr in den Mittelpunkt stellen müßte. Ich betone oft, daß ich mit meinem Trainerstab auf Augenhöhe bin, aber die Leute denken immer: Ach, das sagt er nur so. Für mich ist das klar, das zählt. Bei Bayern München gibt es auch so viele wichtige Leute, doch nach der Meisterschaft stand Felix Magath im Mittelpunkt. Das ist so in der Bundesliga.
Welt: In der Sie nie gespielt haben, geschweige denn international. Wieso hat Sie das ZDF für die WM nominiert?
JK: Das weiß ich auch nicht. Aber es ist eine große Ehre, dieses Ereignis elektrisiert mich. Hätte mich einer gefragt, ob ich Platzanweiser in Frankfurt werden will, hätte ich gesagt: „Her mit dem Leibchen!“

Confed-Cup

Heuchelei

Hans-Joachim Waldbröl (FAZ 6.5.) kommentiert die Doping-Strafe gegen Senad Tiganj und RW Erfurt sowie den Protest der Erfurter: „Es muß in die Köpfe der Profis, daß man im Hochleistungssport nicht mit Medikamenten spekulieren darf. (…) Dem Gebot der Verhältnismäßigkeit von Strafen wird dieses Doppel-Urteil nicht gerecht. Aber nun, wie es Tiganjs und Erfurts Anwalt Schickhardt anklingen ließ, Unterhaching vorzuwerfen, der Klub habe durch einen unfairen Einspruch auch noch Kapital aus der Ungereimtheit von Regeln geschlagen, ist Heuchelei. Rot-Weiß Erfurt hätte in dieser Situation sicher nicht anders gehandelt.“

Die einzig denkbare Lösung

Auch Markus Schäflein (SZ 6.5.) bejaht das Urteil: „Das Thema führt zu der Frage, wie Doping in Mannschaftssportarten zu bestrafen ist. Besonders bizarr wirkt, dass Tiganj nicht nur dem eigenen Klub geschadet hat, sondern auch Vereinen, die mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatten. Trier, Karlsruhe, Essen und Ahlen hatten sich allesamt Hoffnung gemacht, Haching im Abstiegskampf zu überrunden. Dem DFB sind diese Probleme bewusst. Er hat sich dennoch dafür entschieden, die Klubs ohne Ausnahme in die Verantwortung zu nehmen. Mitgehangen, mitgefangen. Das ist im Einzelfall brutal, aber die einzig denkbare Lösung, damit Dopingbekämpfung nicht zur Farce wird.“

Hintergrund, sid/SZ

Champions League

Die ewig rätselhafte Überlebenskunst des italienischen Fußballs

AC Mailand, der passende Sieger? Christian Eichler (FAZ 6.5.) zweifelt: „Die Spieler des AC Mailand sahen wie Entkommene aus. Hauchdünn schrammten sie daran vorbei, sich wie im Vorjahr zu blamieren, als sie nach einem 4:1-Heimsieg gegen La Coruna 0:4 verloren. Richtig schlecht sein und gewinnen – es ist diese ewig rätselhafte Überlebenskunst des italienischen Fußballs, die besonders die holländischen Antipoden – richtig gut sein und verlieren – immer wieder ins Mark trifft. (…) Nach der Leistung muß Milan nicht als Favorit gegen den FC Liverpool gelten. Die Engländer schafften ihre entscheidenden Schritte ins Finale mit drei Zu-Null-Partien gegen Juventus und Chelsea. Doch die Holländer zeigten, daß gegen die routinierte Milan-Defensive auch die offensive Karte stechen kann. Sieben Champions-League-Spiele lang hatten sie kein Gegentor erhalten. Dann ließ der Abend von Eindhoven ahnen, daß sie ihrem Verfallsdatum näherrückt.“

Die Kraft der Anfield Road

Felix Reidhaar (NZZ 6.5.) misst den Anteil der Zuschauer an Liverpools Sieg: „Selbst ältere Semester mit besten Erinnerungen an glorreiche Anfield-Nächte hielten ob der Eruption aus dem Stadioninnern den Atem an. Dann suchten sie nach Worten für die zweistündige Lärmkulisse, die zuweilen wie eine Druckwelle dem Chelsea FC entgegenschlug, und stimmten in den Befunden überein: Alles, was sie aus eigener Erfahrung wussten von den glühenden, freudetrunkenen Verehrern der „Reds“, vom explosionsartigen Freudengeheul in dieser Arena, war bestimmt noch weit übertroffen worden während des zweiten innerbritischen Halbfinals. Er habe die „Kraft der Anfield Road“ jetzt auch gespürt, führte José Mourinho nachdenklich aus. Roman Abramowitsch schien vom Klangkörper und Farbenzauber ebenso ergriffen. Und Rafael Benítez machte kein Hehl daraus, wem ein Hauptverdienst am Aussenseitersieg zukam: „dem besten Publikum Europas, nein, auch der Welt“. This is Anfield ist ein traditioneller, seit Dienstagnacht neu belebter Slogan. Ohne diese unvergessliche Unterstützung hätte der eiserne Wall der defensiven Red Army kaum gehalten.“

Ascheplatz

Mut zur Lücke

Was ist der Grundstein des Erfolgs in der Champions League? Christian Henkel (BLZ 6.5.) widerspricht Uli Hoeneß: „Immer wieder werden Überraschungsteams, wie Eindhoven, Liverpool oder der FC Porto den Starensembles Paroli bieten. Nur vier der zwölf Finals der Champions League waren ein Exklusivtreffen zweier Giganten. Die Erfolgsformel im Fußball ist weitaus komplexer als das simple Gegenrechnen von Etats oder Transfermarktmillionen eines Uli Hoeneß’. Der FC Chelsea war nach einer aufreibende Saison mit über 70 Pflichtspielen müde, auch in seiner selbsternannten Rolle als bester Klub der Welt. Der AC Mailand konnte in beiden Spielen gegen Eindhoven nur schwer verbergen, dass das Psychoduell in der heimischen Liga mit Juventus Turin zu viele Kräfte bindet. Eingespielte Teams, aufopfernd kämpfend, mit einer klaren Handschrift des Trainers können daraus Profit schlagen. Das sollte auch Hoeneß und seinen nach immer höheren TV-Gelder schreienden deutschen Kollegen Mut zur Lücke machen.“

Mittwoch, 4. Mai 2005

Internationaler Fußball

Tulpenfeld zu Ostern

Bernd Müllender (BLZ 4.5.) beschäftigt sich mit dem (erneuten) Aufschwung des holländischen Fußballs: „Hollands Fußball blüht derzeit wie ein Tulpenfeld zu Ostern. Die Elftal scheint sich locker für die WM 2006 zu qualifizieren. Roy Makaay, Arjen Robben, wahrscheinlich Frank Rijkaard und womöglich Clarence Seedorf und Jaap Stam werden gerade in der Ferne Landesmeister. Bert van Marwijk wird in Dortmund geschätzt, und selbst das Missverständnis Dick Advokaat tat in Gladbach wenigstens am Ende das Richtige: Er ging. Der Export von Fachkräften klappte schon immer, von Willi Lippens über Jan Wouters und Erik Meijer bis zu Schalkes Holland-Abteilung und Barcelonas Fremdenlegion der 90er Jahre. Dafür galt Hollands Liga seit jeher als minderklassig, verglichen mit England, Italien, Spanien. Nicht so 2005.“

Ball und Buchstabe

Alles hier ist Fußball

Gerhard Matzig (SZ/Feuilleton 4.5.) besingt die Allianz-Arena: „Wer sich fragt, warum ausgerechnet Günter Netzer Recht behalten hat, warum also die Arena in München tatsächlich das „schönste Fußballstadion der Welt“ geworden ist, dem ist zu antworten: Weil es im Grunde das brutalste, radikalste und das im einfachen Sinn am wenigsten schöne, also harmonisch ausbalancierende, versöhnende, einnehmende Stadion ist. Und weil es die Modernität seiner Form mit der Archaik seines Inhalts kurzschließt – sowie auch das Business mit dem Sport. Wobei es all dies auch noch mit exhibitionistischer Wonne ausstellt – statt es zu verbergen. Das neue Stadion ist eine zu Architektur geronnene Ausweitung der Kampfzone, ein genuiner Ort der Entscheidung, wo es, selbst im Spiel, am Ende immer nur auf eine einzige Differenz ankommt: die zwischen Sieg und Niederlage. (…) Alles hier ist Fußball.“

Unterhaus

WM-Effekt und Wirtschaftskraft

Köln, ein Aufsteiger mit Gewicht – Christoph Biermann (SZ 4.5.): „Mit drei Ab- und nun drei Aufstiegen in den letzten sieben Jahren ist der FC in jene Welt zwischen der ersten und zweiten Liga geraten, in der auch Freiburg, Bielefeld, Bochum, Frankfurt, Nürnberg oder Rostock zu Hause sind. Doch mehr als bei den genannten Klubs gibt es in Köln die Chance, wieder ein auf Dauer etabliertes Mitglied der höchsten Spielklasse zu werden – vor allem, weil bislang nirgendwo sonst der WM-Effekt so spürbar ist wie in Köln. Seit das neue Stadion fertig ist, steigen die Zuschauerzahlen beharrlich, was immer auch auf dem Rasen geboten wird. Da der 1. FC Köln außerdem von Sponsoren fast überrannt wird, kehrt nun ein Klub mit Wirtschaftskraft in die Bundesliga zurück.“

Übermut

Ende gut, alles gut – Richard Leipold (FAZ 4.5.): „Kurz bevor er geht, ist Huub Stevens doch noch beim 1. FC Köln angekommen. Drei Runden vor dem Saisonende hat Stevens seinen Auftrag erfüllt. Nach dem Schlußpfiff ließen die FC-Spieler ihren Lehrer auf dem Rasen hochleben. Auch die Fans überwanden ihre Distanz zum Trainer und feierten ihn mit Huub-Rufen. Stevens erlebte noch einmal, welche Freude, welchen Übermut so ein Erfolg freisetzen kann: Feuerwerk, Huub-Konzerte, Verkehrschaos.“

Der Unverstandene

Dagegen erlebt Mathias Liebing (taz 4.5.) ein gewohntes Gesicht und die übliche Laune: „Auf diesen Augenblick hatte Huub Stevens seit Anfang August gewartet. Frisch geduscht, die noch nassen Haare streng zurückgekämmt, so saß er im Presseraum des Auer Erzgebirgsstadions und holte zum lang ersehnten Schlag aus. „An die Kölner Journalisten“, formulierte Stevens in zwar zurechtgelegten, aber doch gewohnt unrunden Worten, „will ich erinnern, was nach den ersten beiden Spielen geschrieben worden ist.“ Darauf wurde es still im Presseraum. Zu still, weil die Kollegen, die sich seit Anfang der Saison eher kritisch mit der Person Stevens auseinander gesetzt haben, gar nicht kontern konnten. Sie waren der Konferenz, die wegen der Aufstiegsfeierlichkeiten erst eine Stunde nach Spielende stattfand, fern geblieben, um bezeichnenderweise in der Mehrzahl bei bierseligen Kölner Kickern O-Töne zu sammeln. Aus der großen Abrechnung, die sich Stevens für diesen Moment gewünscht hatte, wurde also nichts, und der Unverstandene blieb auch in den erfolgreichsten Minuten der Saison unverstanden. Und dabei seltsam außen vor.“

Deutsche Elf

Nichts sonst

Roland Zorn (FAZ 3.5.) kommentiert die Absage Berti Vogts’ mit Blick auf Jürgen Klinsmann: „Dem Bundestrainer ist erstmals vor Augen geführt worden, daß bei den Entscheidungen, die über 2006 hinausreichen, seine Stimme nicht als erste und schon gar nicht als einzige zählt. Für ihn aber kann auch von Vorteil sein, wenn er sich ab sofort auf sein Kerngeschäft, die Mission Titeleroberung, konzentriert – und auf nichts sonst.“

Sportartenübergreifender Austausch von Rezepten

Gespräch unter Verwandten – Ronald Reng (BLZ 4.5.) berichtet die Zusammenarbeit zwischen Fußball und Hockey auf höchster Ebene: „Auf der Suche nach dem Neuen ist Hockey in Deutschland den meisten Sportarten traditionell voraus. „Es passiert viel zu wenig im deutschen Sport, es müsste eine zentrale Stelle geben, die den Austausch zwischen den Sportarten organisiert“, sagt Nationaltrainer Bernhard Peters. Beim sportartenübergreifenden Austausch von Rezepten hat Peters nun einen überraschenden Verbündeten gefunden: Jürgen Klinsmann. Klinsmann wohnt seit sieben Jahren in Los Angeles, er erlebt dort die Zusammenarbeit zwischen den Sportdisziplinen als Alltag: „Du siehst es schon bei den Kindern in den USA: Die gehen vielleicht dreimal die Woche ins Fußballtraining, und dann bezahlen die Eltern dafür, dass sie zudem noch Einzeltraining bei einem Sprint-Coach, bei einem Fitnesstrainer, bei einem Schusstrainer bekommen.“ (…) Sie tauschen sich regelmäßig aus, meist per E-Mail. Dass Klinsmann in Hans-Dieter Herrmann erstmals einen Sportpsychologen ins Trainerteam der Nationalelf berief, ist die sichtbarste Konsequenz ihrer Verbindung.“

Dienstag, 3. Mai 2005

Interview

Die Bundesliga ist nicht reif für Ronaldinho

Karl-Heinz Rummenigge mit Torsten Rumpf (WamS 1.5.)
WamS: Die Bundesliga ist in der Rangliste der europäischen Ligen auf Platz fünf abgerutscht.
KR: Über dieses Thema kann man diskutieren. Wir vom FC Bayern ziehen uns aber den Schuh nicht an. Sie können ja einmal eine Statistik aufstellen, wie viele Startplätze die Bundesliga für die Champions League hätte, wenn der FC Bayern international nicht so erfolgreich wäre. Wir hätten dann nur noch zwei anstatt drei.
WamS: Wie kann man das ändern?
KR: Eine Lösung ist die Erhöhung der TV-Gelder. Sie müssen extrem gesteigert werden, um gleiche Wettbewerbschancen zu haben wie Klubs aus Italien, England, Spanien oder Frankreich. Nur dann können wir auf Dauer mit Vereinen wie AC Mailand oder FC Chelsea mithalten.
WamS: Wurde darüber bei der Vollversammlung der DFL diskutiert?
KR: Natürlich. Wir haben uns darauf verständigt, daß wir die Verhandlungen über den neuen TV-Vertrag intelligent und vor allem unpopulistisch angehen müssen. Aber ich bin mir sicher, daß die bisherige Summe von 300 Millionen Euro pro Jahr deutlich gesteigert werden kann. Unser Ziel muß es sein, die Summe, die in Frankreich bezahlt wird, zu erzielen: 600 Millionen Euro. Ich bin zuversichtlich, daß uns das gelingt.
WamS: Auf Stars wie Ronaldinho müssen die Fans demnach verzichten.
KR: Ich glaube, die Bundesliga wäre überhaupt nicht reif für einen Star wie Ronaldinho. Weil Ronaldinho hier einen Amoklauf auslösen würde, und das jeden Tag. Er müßte jeden Samstag seine drei Tore schießen, um seine Ablöse zu rechtfertigen. Und das ist in unserer Neidgesellschaft, in unserer Kultur keinem Spieler zuzumuten. Ich glaube, Spieler wie Ronaldinho zu holen, wäre ein Kulturschock für die Liga. Den würde keiner überstehen.

Bei uns mäkeln die Zuschauer schneller

Ottmar Hitzfeld mit Heinz-Wilhelm Bertram & Axel Kintzinger (FTD 3.5.)
FTD: Warum spielen vor allem englische Spitzenklubs so viel schneller als Bundesligateams?
OH: Nicht alle Premier-League-Spiele sind so schnell. Wenn doch, dann hat das hohe Tempo auch mit der Begeisterungsfähigkeit des Publikums zu tun. Das pfeift wenig, jeder Einsatz wird belohnt. Bei uns mäkeln die Zuschauer schneller. In England wird das eigene Team immer angespornt, auch bei einem Rückstand. Das motiviert. So etwas fehlt in Deutschland. Und nicht zu vergessen: Die Schiedsrichter in England lassen viel mehr laufen als anderswo. Interessanterweise pfeifen auch deutsche Schiedsrichter in der Champions League anders als zu Hause. Herr Merk lässt dort sehr viel mehr durchlaufen als in der Bundesliga. Dadurch wird das Spiel schneller.
FTD: Sind englische Spieler weniger zimperlich?
OH: Natürlich. Das ist der Charakter des englischen Sportlers: dass man einsteckt und austeilt, sich aber fair bekämpft. Dem passen sich ausländische Profis auch an. Dietmar Hamann zum Beispiel, der in Deutschland gern mal liegen blieb, steht in Liverpool schnell wieder auf und spielt weiter.

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