indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Sonntag, 6. März 2005

Interview

Wir sind längst noch nicht da, wo der FC Bayern ist

Klaus Allofs mit Andreas Burkert & Klaus Hoeltzenbein (SZ 5.3.):
SZ: Wenn Sie die Spieler ziehen sehen, leidet da nicht Ihr Selbstwertgefühl?
KA: Ich weiß doch, wo ich meinen Vertrag unterschrieben habe, ich kenne die Rahmenbedingungen. Schlimm wäre es gewesen, wenn ich nach Ailtons Weggang hier Klose als Nachfolger vorgeschlagen hätte, und es hätte geheißen: Wir teilen die Auffassung, aber wir können es nicht, das Geld ist nicht da.
SZ: Die Bayern, von denen Sie selbst in dieser Woche erst behauptet haben, dass sie Ihre Bremer fürchten würden, haben solche Sorgen nicht.
KA: Wir sind längst noch nicht da, wo der FC Bayern ist. Auch wenn wir in den letzten Jahren große Sprünge gemacht haben, obwohl wir mit unseren Verpflichtungen sehr gut lagen. Besonders was die Champions League angeht, da sind die fehlenden Jahre nicht zu überspringen. Wenn wir uns aber weiterentwickeln wollen, sollten wir vielleicht manchmal ein bisschen bayern-mäßig spielen. Ein kleines bisschen wenigstens.
SZ: Was meinen Sie damit?
KA: Wir kennen ja fast nur eine Richtung: immer nach vorne.
SZ: Zur Freude des Publikums. Schon früher hieß es: Wenn das Flutlicht eingeschaltet wird, rennt Bremen los. Das scheint der Grundcharakter geblieben zu sein, auch unter Thomas Schaaf: Der einstige Verteidiger lässt stürmen.
KA: Das wollen wir auch nicht ändern. Aber zum Beispiel zuletzt beim 4:0 gegen Bochum: Da kommt es bei den Bayern nicht vor, dass der Gegner in der letzten Viertelstunde noch zweimal alleine aufs Tor zuläuft. Ich fände es auch gut, wenn man mal sagt: So, jetzt machen wir den Sack zu! Jetzt lassen wir die anderen laufen. Andererseits ist es natürlich auch toll, wenn die Spieler sagen: Weiter so, mein Dienst ist noch längst nicht beendet für heute.

Den Gebührenzahler zahlen zu lassen, finde ich vermessen

Willi Lemke mit Kai Niels Bogena (Welt 5.3.)
Welt: Wie beurteilen Sie den Finanzskandal um die Borussia? Muß die DFL ihr Lizenzierungsverfahren verschärfen?
WL: Nein, aber die Auflagen müssen genau eingehalten werden – nämlich für alle gleich. Ich kann mich erinnern, daß wir mit Werder vor etwa 20 Jahren mit dem Bus zu einem Benefiz-Turnier nach Dortmund gereist sind, weil es denen zu diesem Zeitpunkt finanziell auch sehr schlecht ging. Unsere Einnahmen haben wir damals deshalb in Dortmund gelassen. Daran wurde ich in den letzten Jahren häufig erinnert, als die Borussia den einen oder anderen Supertransfer getätigt und wenig auf das Geld geachtet hat. Da habe ich immer gesagt: irgendwann fahren wir mit dem Bus wieder nach Dortmund.
Welt: Wie muß die DFL mit dem Klub jetzt umgehen?
WL: Ich hoffe und bin mir sicher, daß der Lizenzierungsausschuß jetzt keine Lex Dortmund macht, denn ein Klub wie der BVB hat natürlich eine gewisse Lobby. Aber bei der DFL arbeiten ehrenwerte Leute, die nicht zwischen einem kleinen Klub und Borussia Dortmund unterscheiden werden. Das ist auch durch die Öffentlichkeit sichergestellt, die jetzt ganz genau hinsieht, was dort passiert.
Welt: Bei Werder wäre solch ein Finanzdesaster undenkbar?
WL: Solange meine Kollegen in der Geschäftsführung und ich im Aufsichtsrat irgend etwas zu sagen haben, wird so bei uns nicht gewirtschaftet werden. Unsere Fans können sich auf uns verlassen.
Welt: Uli Hoeneß sprach sich kürzlich dafür aus, bei den anstehenden Verhandlungen über einen neuen TV-Vertrag 500 Millionen Euro herauszuschlagen zu wollen. Wenn nötig, sollten dafür sogar die Gebühren für ARD/ZDF erhöht werden. Teilen Sie seine Ansicht?
WL: Es ist zunächst absolut positiv, über das Fernsehen mehr Geld einzunehmen. Aber es vom Gebührenzahler bezahlen zu lassen, finde ich vermessen. Der Weg, es über Pay-TV zu machen, ist viel vernünftiger, weil so jeder selbst entscheidet, ob er sich das leisten kann. Der kleine Mann darf nicht dafür zur Kasse gebeten werden. Ich könnte mir vorstellen, daß durch den Börsengang von Premiere eine deutlich bessere Ausgangssituation entsteht, um zu neuen Verhandlungsergebnissen zu kommen.

Bundesliga

Das Teamgefüge stimmt, nicht nur in der Kleingruppe Angriff

Wie machen die Bremer das mit ihren Stürmern, Frank Heike (FAZ 5.3.)? „Werder Bremen hat eine Tradition starker Offensivkräfte. Das liegt an Allofs‘ Gespür für Stürmer. Er war ja selbst ein Angreifer. In seine Amtszeit seit 1999 fallen Einkäufe wie Claudio Pizarro und Charisteas; Ailton wurde unter Allofs/Schaaf erst groß; natürlich darf man Johan Micoud nicht verschweigen, Offensivkräfte, die für Bremer Erlebnisfußball stehen. (…) Niemand in Bremen spricht mehr von Ailton. (…) Der Mann hinter den Spitzen ist Thomas Schaaf. Wie er mit den gemeinsam mit Allofs zunächst gesichteten, dann erworbenen Spielern umgeht, zeigt seine klare Linie der Mannschafts- und Menschenführung – niemand fühlt sich hervorgehoben oder zurückgesetzt: bei schwachen Leistungen stellt sich Schaaf auch bei der fünften Nachfrage vor die Profis. Auch deswegen reist Bremen mutig nach München – weil das Teamgefüge stimmt, nicht nur in der Kleingruppe Angriff.“

BLZ: Die Musen des Bremer Spielmachers Johan Micoud

FR: Fabian Ernst steht vor dem Abschied aus Bremen voll im Saft

FR: Torsten Frings passt das Bayern-Trikot noch nicht

Es scheint, als habe den Sportclub seine eigene Nische verschluckt

Christof Kneer (BLZ 5.3.) bedauert die sportliche Regression des SC Freiburg: „Ach ja, der SC Freiburg. War er nicht immer so etwas wie der gemeinsame Nenner aller deutschen Fans? Er spielte schöner, als das Land erlaubt, er hatte einen Trainer, der aus einem Strandkorb heraus angenehm ironische Blicke auf die überhitzte Branche warf, er hatte Spieler, die alle Willi hießen, und die Willis trugen alle einen Brilli und lasen Schopenhauer. Und die Stadt, die lag in einem brasilianischen Bezirk namens Breisgau. Inzwischen, so scheint es, hat irgendwer die Stadt umgetopft. Sie liegt jetzt nicht mehr in Brasilien. Sie liegt jetzt nirgendwo. Es scheint, als habe den Sportclub seine eigene Nische verschluckt, und man kann es traurig finden, dass man den Verein nur deshalb wieder wahrnimmt, weil er 0:7 gegen Bayern München verloren hat. (…) Man hat sich ja schon daran gewöhnt, dass der selbst ernannte Ausbildungsverein zwischendurch immer wieder mal absteigt, weil er lieber in Sonnenkollektoren auf dem Stadiondach investiert als in einen Mittelstürmer. Neu ist aber, dass die Niederlagen nicht mehr niedlich sind; die Freiburger sind nicht mehr die bessere Elf, die unglücklich gegen einen hoch gerüsteten Gegner verliert. (…) Es hat eine bittere Ironie, dass die Freiburger ausgerechnet in jener Saison abstürzen, in der ihr Konzeptfußball mit Verspätung die Liga erreicht hat.“

FAZ: Die Kirch-Krise wirkt noch nach – aber viele Klubs kriegen die Kurve

Tsp: Nach Robert Hoyzer gilt nun auch Schiedsrichter Dominik Marks als schuldig

Ascheplatz

Deutlich größere Wertschwankungen als Anteilsscheine von Industriekonzernen

Die FAZ (2.3.) warnt vor Fußball-Aktien: „Von der schönsten Nebensache der Welt erwarten Fußballfans Spaß sowie sportliche Erfolge ihrer Teams – und werden oft nicht enttäuscht. Bei Fußball-Aktien sieht es dagegen anders aus: Sie taugten in den vergangenen Jahren nur in seltenen Fällen als Gewinn bringende Geldanlage und brachten den Investoren statt dessen selbst bei erfolgreichen Klubs wie Ajax Amsterdam herbe Verluste. Zu unvorhersehbar sind die Spielergebnisse, zu groß die Abhängigkeit von einzelnen Partien etwa in internationalen Pokalrunden. Und nicht selten tragen noch Managementfehler in den Führungsetagen der Vereine zu einem finanziell Abstieg bei. (…) Fußball-Aktien unterliegen deutlich größeren Wertschwankungen als Anteilsscheine von traditionsreichen Industriekonzernen.“

Freitag, 4. März 2005

DFB-Pokal

Störende Zwischenbeschäftigung

Peter Heß (FAZ 4.3.) beklagt leise die Freiburger Sinnverkehrung des DFB-Pokals: „Klein gegen Groß, das macht den Reiz des DFB-Pokals aus. Und wenn die Großen keine rechte Lust haben, sich mit den Kleinen abzugeben, wenn sie die Fußballzwerge unterschätzen, dann passiert es ab und an, daß sie nicht nur straucheln, sondern gar aus dem Wettbewerb stolpern. Und Fußball-Deutschland jauchzt schadenfroh. Was passiert aber, wenn es der Kleine ist, der die Sache nicht ganz ernst nimmt? In Freiburg gab es dieses seltene Phänomen zu beobachten. Der SC Freiburg empfand das Viertelfinale nicht als Spiel des Jahres, sondern als störende Zwischenbeschäftigung vor der Begegnung beim FSV Mainz 05. Das Resultat sprach Bände – 0:7, Freiburg leistete einen fußballerischen Offenbarungseid, Bayern München spazierte ins Halbfinale. So richtig böse kann dieser braven, harmlos-netten Mannschaft niemand sein. Mit mildem Spott begleiteten die Fans die Schlappe, anstatt sich über einen entgangenen Pokalkampf aufzuregen.“

Andreas Burkert (SZ 4.3.) wirft ein: „Eine Million Euro hat der Sportclub mit dem Cupduell verdient, doch Finkes Vabanquespiel hat ihm womöglich teures Ansehen und die letzten Promille Selbstbewusstsein des Personals gekostet.“

Allgemein

In der Gosse des gängigen Verhaltens

Sehr lesenswert! Heinz Stalder (NZZ 4.3.) schildert José Mourinhos Assimilation in England: „Dieser Mann war ganz anders als seine aus gröberem Holz geschnitzten Kollegen und Widersacher. Er trank nicht, flegelte nicht herum, war zwar immer bloss halbwegs rasiert und trug einen Mantel, in dem sich andere Seitenlinien-Vedetten weigern würden, fotografiert zu werden. Er sah so gut aus, dass schon damals, als er noch Turnlehrer war, kein Mädchen mehr mit Ausreden dem Unterricht fernblieb. Doch irgendwie scheint England ein Pflaster zu sein, auf dem selbst ein humanistisch gebildeter Fussball-Purist leicht vom sicheren Weg abkommen und in der Gosse des gängigen Verhaltens landen kann. Jose Mario dos Santos Mourinho Felix schaut mittlerweile grimmiger in die Welt als Alex Ferguson, wenn der geadelte Schotte vor Wut seinen Kaugummi verschluckt oder Arsène Wenger Gift und Galle spuckt. (…) In Cardiff, wo der portugiesische Zauberlehrling nach dem Sieg im Liga-Cup seinem russischen Chef den ersten Pokal präsentierte, verhöhnte er in perfekter Wayne-Rooney-Manier die Liverpool-Fans und musste von Offiziellen vom Feld verwiesen werden. Macht ihm alles keinen Eindruck. Er steckt die Hände in die Taschen seines abgetragenen Mantels, lächelt wie Mona Lisa und zitiert Oscar Wilde: „We are all in the gutter, but some are looking to the stars.““

Ball und Buchstabe

Vorverurteilt

Michael Jahn (BLZ 4.3.) kritisiert die Entscheidung des DFB, die Spielleitung Dominik Marks’ (Hertha BSC Berlin (A) gegen Arminia Bielefeld (A)) wegen Manipulationsverdacht zu annullieren: „Natürlich kann man den DFB einerseits verstehen, wenn er auf Drängen der Öffentlichkeit die Affäre schnell und vollständig abhandeln will, aber es darf schon als zweifelhaft gelten, dass nun mit Marks, der seine Unschuld weiter beteuert, ein zweiter Schiedsrichter vorverurteilt wurde. Möglich, dass er in den Fall verstrickt ist – dieser Fall aber ist von den Justizbehörden noch gar nicht verhandelt worden. Marks, schon lange von Hoyzer beschuldigt und deshalb vom DFB bereits am 15. Februar mit einer Vorsperre belegt, ist noch nicht einmal von der Staatsanwaltschaft verhört worden. Zwischen DFB-Gerichtsbarkeit und der ermittelnden Justiz klafft eine große Lücke.“

Disziplin war ihm der Boden der Phantasie

Christian Eichler (FAZ 4.3.) verfasst einen Nachruf auf Rinus Michels: „Er strahlte calvinistische Strenge aus. Man nannte ihn „General“, was mehr von Respekt als von Sympathie zeugte. Doch die Spieler beschieden ihm Witz und Warmherzigkeit. Mit Rinus Michels erlebte der niederländische Fußball seine großen Erfolge: den Aufstieg von Ajax Amsterdam zum besten Klubteam der Welt, das WM-Finale 1974, den EM-Sieg 1988. Als einziger Trainer gewann er den wichtigsten europäischen Titel für Vereins- wie für Nationalteams. Mehr noch: Gerade durch ihn, der so freudlos wirkte, entdeckte Europas Fußball die Freude wieder. Das war Anfang der Siebziger, als der „totale Fußball“ der Amsterdamer Michels und Cruyff mit Ajax und Oranje das Spiel aus der Zange des italienischen Catenaccio löste. Die Disziplin war ihm der Boden der Phantasie. Am Donnerstag ist dieser Befreiungsheld des Fußballs im Alter von 77 Jahren in der belgischen Stadt Aalst an den Folgen einer Herzoperation gestorben. (…) Rentner Michels war stolz auf eine historische Leistung: daß jene glorreiche Ära keine Eintagsfliege einer begnadeten Elf blieb (wie Ungarn 1954), sondern daß es den Holländern gelang, eine Fußballmacht zu werden.“

Disziplin und Kreativität in Einklang

Mathias Klappenbach (Tsp 4.3.) ergänzt: „Er war einer der größten Trainer des internationalen Fußballs. Weil jeder bei ihm machen durfte, was er wollte. Zumindest, wenn er dabei auf ihn hörte. Michels galt als ein Coach, der Disziplin und Kreativität wunderschön in Einklang bringen konnte.“

Verteidiger stürmen und Angreifer verteidigen

Ulrich Hartmann (SZ 4.3.) stimmt ein: „Es heißt, Michels habe den Fußball erfunden. Jedenfalls den niederländischen und vor allem den der Moderne. Er selbst hat ihn aus Überzeugung „Totalfußball“ genannt. Ein Fußball, in dem alle alles können sollen: Verteidiger stürmen und Angreifer verteidigen. Ein Fußball der totalen Ansprüche. Michels hat diese Ansprüche an seine Spieler bei Ajax Amsterdam und in der niederländischen Nationalmannschaft gestellt, und sie damit über Grenzen geführt.“

Von Peter Riesbeck (BLZ 4.3.) erfahren wir: „Seine Spieler sprach er stets nur mit ihrer Rückennummer an.“

Donnerstag, 3. März 2005

Ball und Buchstabe

Großspieler

Hans Leyendecker, Thomas Kistner & Klaus Ott (SZ/Seite 3 3.3.) recherchieren den erstaunlichen Gewinn des Ante S. – und seinen Nachnamen: „Der 28-Jährige habe beim Tippen eben „das gewisse Stechen im Urin“, meint ein Freund Sapinas aus der Berliner Zocker-Szene, viel Bewunderung schwingt mit. Ob da wirklich nur der Urin gestochen hat? Sapina hatte allein in dieser Wettrunde 280500 Euro gesetzt. Ein Vermögen, das er auch leicht hätte versenken können. Die Berliner Klassenlotterie, die gemeinsam mit den Lottogesellschaften der andern Bundesländer Oddset veranstaltet, hatte Sapina schon im August mehr als eine Million ausgezahlt. Im September waren es weitere 783228,50 Euro gewesen. Sein Jahresgewinn allein bei Oddset betrug im Vorjahr 3025280, 85 Euro – wofür er nur sieben Wettrunden brauchte. Weitere Millionen hat er bei Firmen wie dem britischen Wettanbieter Willhelm Hill Credit oder der „Gesellschaft Interwetten Cyprus Ltd.“ abkassiert. (…) Er ging vor seiner Festnahme einem Beruf nach, den die staatliche Arbeitsvermittlung nicht kennt. Er ist „Großspieler“, so wurde er in den Akten von Oddset geführt. Mitarbeiter der Berliner Klassenlotterie haben sich im vergangenen Jahr sogar mit Ante Sapina getroffen, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Die Wettfirma fragt beim Tipper an – das ist so ungewöhnlich wie die gesamte Geschichte. Und Oddset in höchstem Maße unangenehm. Details aus dieser bizarren Gesprächsrunde mag Oddset-Chef Erwin Horak nicht preisgeben, er mag nicht einmal das Wort „Großspieler“ akzeptieren – dieser Begriff sei „offiziell nirgends beschrieben“, er sei nur ein Produkt der Berichterstattung. Kennt der Oddset-Chef die eigenen Akten nicht? Die Berliner Klassenlotterie legte für „Großspieler“ sogar ein spezielles Register an, das nun der Staatsanwaltschaft vorliegt.“

Die Sache soll schnellstmöglich vom Tisch

Der DFB verhandelt heute über den Einspruch einiger Vereine gegen Wertungen von Spielen, die eventuell manipuliert gewesen sind; Michael Kölmel (BLZ 3.3.) kritisiert den Zeitpunkt: „Um zu verstehen, wie absurd das ist, lohnt sich ein Rückblick: Vor vier Wochen erklärte Zwanziger, dass nur die Staatsanwaltschaft mit ihren Mitteln einen Betrug zweifelsfrei nachweisen könne. Genau dies wird nun den Klubs zugemutet. Und das Ganze mit ein paar dünnen Unterlagen aus Hoyzers Vernehmungen – Unterlagen, die der DFB den Klubs zur Verfügung stellt. Die Justiz übrigens hat die beiden Referees noch gar nicht vernommen – sie sieht noch erheblichen Ermittlungsbedarf. Die Sportgerichts-Verhandlungen sind deshalb viel zu früh angesetzt, weil der DFB den Eindruck schnellstmöglicher Aufklärung vermitteln will. In Wahrheit soll die Sache nur schnellstmöglich vom Tisch. Aber vielleicht kann der DFB seiner bizarren Mehrfach-Besetzung gar nicht gerecht werden. Er ist gleichzeitig Ankläger (in der Rolle des ermittelnden Kontrollausschusses), Verteidiger und Beschuldigter (als Dienstherr der Schiedsrichter) sowie Richter (als DFB-Sportgericht). Wie soll da ein gerechtes Urteil gefällt werden?“

Ein gutes Zeichen für hirnlose Fans, die rassistische Parolen brüllen

Der spanische Verband hat seinen Nationaltrainer Luis Aragonés durch eine Geldstrafe (3000 Euro) eher verschont als bestraft, nachdem er Thierry Henry einen „negro de mierda“ („Scheißneger“) bezeichnet hat; Christian Zaschke (SZ 3.3.) rügt die Urteilsfindung: „Das Sportblatt As teilt mit, das Gremium habe sich bei seinem mildem Urteil auf einen Artikel des Schriftstellers Javier Marías gestützt. Dieser habe darauf hingewiesen, dass der Begriff „negro“ nicht unbedingt rassistisch sei. Marías habe weiter ausgeführt, niemand erhöbe Rassismusvorwürfe, wenn jemand Oliver Kahn als Scheiß-Blonden bezeichne. Sollte As den Schriftsteller richtig wiedergeben, so muss man ihn sich als einen Idioten vorstellen. Ferner muss man sich die entsprechende Kommission des Verbandes als ein Gremium von Idioten vorstellen. Da Aragonés sich mittels seiner Beleidigung bereits als Idiot zu erkennen gegeben hat, ist die Angelegenheit so etwas wie ein Gipfeltreffen der Idioten. Erstaunlich, was da zusammenkommt: ein Nationaltrainer, der sich rassistisch äußert, ein Verband, der das nicht wirklich sanktionieren will, und ein Schriftsteller, der eine Rechtfertigung findet. Das milde Urteil ist ein gutes Zeichen für hirnlose Fans, die rassistische Parolen von der Tribüne brüllen, und ein schlechtes Zeichen für jene, die dagegen kämpfen.“

Bundesliga

Nichts bringt Werder aus dem Tritt

Werder Bremen fühlt sich genötigt und siegt mit 3:0 gegen die Zweite Mannschaft des großen Konkurrenten – Holger Gertz (SZ 3.3.): „Die Bayern-Amateure hatten drauf bestanden, im Grünwalder Stadion zu spielen, auf Schneeboden, sie hatten in den widrigen Bedingungen eine Chance gesehen, die Bremer um ihre Stärke zu bringen: den zarten Umgang mit dem Ball. Es gab Theater deswegen (…) Das aufgezwungene Schneespiel war für sie mehr als ein kleiner, guerillamässiger Trick der kleinen Bayern, schließlich geht es Samstag gegen die großen Bayern, da entscheidet sich vielleicht schon die Meisterschaft. Also, Klaus Allofs war sauer, aber er ist ein Diplomat und kann das nicht so rauslassen wie die Fans in ihrem Internetforum werder-online, wo der User WerderNRW die Angelegenheit bündig zusammenfasst: „Es ist ein Skandal, dass wir auf so einem Platz spielen müssen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Uli H. dahinter steckt. So eine Entscheidung kann nur von ganz oben kommen! Für so einen schlechten Menschen halte ich ihn.“ Trotz Schalke und Assauer ist der Bayern-Manager noch immer der Lieblingsfeind der Bremer Fans. (…) Die Kopfnuss von Micoud neulich, die Klatsche gegen Lyon, das Schneeattentat von Giesing. Nichts bringt Werder aus dem Tritt.“

Symbolfigur für unsere Lage

René Rydlewicz, ein ganz normaler Fußballer – Matthias Wolf (FTD 3.3.): „Hansa ist offenbar zu einer Art Dependance von Sodom und Gomorrha mutiert. Der Ex-Kapitän, in Teamkreisen auch „der schöne René“ genannt, soll mit einem Video erpresst worden sein, dass ihn beim lustvollen Spieltrieb abseits aller Seitenlinien zeigt. Als er nicht zahlen wollte, soll er von Schlägern in den Fluss Warnow geworfen worden sein. (…) Rydlewicz tauge „als eine Symbolfigur für unsere Lage, wonach es einigen Spielern an der nötigen Berufsauffassung fehlt“, findet Vorstandsvorsitzender Manfred Wimmer. Mag sein, dass Rydlewicz, der einst zur Vertragsverlängerung ein Fertighaus am Meer vom Verein erhalten hat, sportlich träge geworden ist. Wie sich so viele an der Ostsee nach zehn Jahren Bundesliga allzu sicher fühlten. So haben die aktuellen Skandale zumindest einen kleinen Vorteil: Sie scheuchen alle beim FC Hansa Rostock auf.“

Mittwoch, 2. März 2005

Internationaler Fußball

Wunsch nach den großen Namen

„Es mag zunächst einen verzweifelten Eindruck machen, dass Bernd Krauss beim nordiranischen Klub Pegah Gilan unterzeichnet hat“, doch Christoph Biermann (SZ 2.3.) korrigiert ihn: „Wie groß die Fußballbegeisterung in Iran ist, konnte die deutsche Nationalelf im Oktober bei ihrem Länderspiel in Teheran erleben, das über 110 000 Zuschauer sehen wollten. Ähnliche Zuschauerzahlen erreichen zwar nur wenige Ligaspiele, aber im Lauf der vergangenen drei Jahre ist viel neues Geld geflossen. Aufgrund einer Gesetzesänderung, die den Sport fördern soll, können große Unternehmen ein Prozent ihrer Gewinne steuerfrei in den Sport investieren. Profitiert haben vor allem die Fußballklubs. Spieler und Trainer können nun auch in Iran Geld verdienen, das etwa dem von Topklubs der Zweiten Liga in Deutschland entspricht. So soll Rainer Zobel, der den Spitzenklub Perspolis Teheran trainiert, nach Angaben iranischer Quellen im Jahr rund 240 000 Euro erhalten. Mit steigenden Investitionen wächst in Iran aber auch der Wunsch nach den großen Namen. Einer der Spitzenklubs hatte in Deutschland vorgefühlt, um Ottmar Hitzfeld zu verpflichten. Vielleicht kann Bernd Krauss also froh sein, überhaupt einen Kontrakt im fernen Rascht bekommen zu haben.“

Unterhaus

Man muß nur fest und lang genug rütteln

1:3 gegen den MSV Duisburg – Gerd Schneider (FAZ 2.3.) schildert die Ambitionen bei Greuther Fürth: „Achtung, die Fürther kommen. Nur haben das anscheinend noch nicht alle mitbekommen in der alten Arbeiterstadt westlich von Nürnberg. Deshalb haben sie sich etwas einfallen lassen bei der Spielvereinigung Greuther Fürth, jenem etwas anderen Fußballklub, der eine Collage ist aus Fürther Tradition, einem Schuß Vestenbergsgreuther Provinz und dem wirtschaftlichen Know-How der dortigen Teefabrik. Seit ein paar Wochen begegnen einem in Fürth überall großflächige Plakate mit dem Konterfei der Spieler in Jubelpose. Die Botschaft, die diese Plakate verkünden, ist immer gleich und leicht zu verstehen: „Ich will rauf.“ Wie nötig solche Offensiven sind, wissen die Führungskräfte des Klubs seit Montag ganz genau. Selbst beim Spitzenspiel gegen Duisburg klafften große Lücken im bunt getrimmten Ronhof, der seit einigen Jahren Playmobil-Stadion heißt. (…) Ein nicht ganz unbekannter Politiker, der einst mit einem ähnlichen Spruch („Ich will rein“) am Kanzleramt auftauchte, hat vorgemacht, wie es geht: Man muß nur fest und lang genug rütteln.“

WM 2006

Groß und preiswert, auf den schnellen Effekt, nicht auf die lange Wirkung zielend

Andreas Mihm (FAZ/Wirtschaft 2.3.) bezweifelt die Wirkung der Image-Kampagne „Land der Ideen“: „Ganz Deutschland ein Fanclub? Ob das wirklich eine gute Idee war? Die allgemeine Verfassung des deutschen Fußballs könnte Zweifel daran nähren, ob dieser Sport derzeit das richtige Medium für eine Standortkampagne abgibt. Unternehmensberater würden vielleicht von strukturellen Defiziten sprechen: Die Doppelspitze im DFB arbeitet kontraproduktiv, erzeugt Konfusion und vermeidet Synergien; das Premiumprodukt Bundesliga ist einem noch nicht aufgeklärten Korruptions- und Betrugsskandal ausgesetzt; einer der wichtigsten Vertriebspartner, der BVB in Dortmund, ist aus eigenem Verschulden an die Grenze der Insolvenz geraten; im internationalen Wettbewerb können sich heimische Anbieter immer seltener durchsetzen. Über so einen Partner schweigt man gewöhnlich lieber, als auf dessen Werbeeffekte zu setzen. (…) Die in Styropor gehauene Illusion vom „Land der Ideen” erscheint wie eine perfekte Fortsetzung der Politik der Außendarstellung dieser Bundesregierung: groß und preiswert, auf den schnellen Effekt, nicht auf die lange Wirkung zielend.“

Bundesliga

Mitunter plump

Hört, hört! Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 2.3.) über Sebastian Deisler: „Der Hochgeschwindigkeitsfußball hat den unentwegt mit seinem Gewicht kämpfenden Mittelfeldspieler, dessen Bewegungen auch bei seinem allenfalls mittelmäßigen Spiel in Freiburg mitunter plump wirkten, einfach stehen gelassen. (…) Der Mittelfeldstar soll seine Reha-Maßnahmen nach seiner Knie-OP nicht so professionell absolviert haben, wie man das erwartet hatte. Wiederholt sollen Mitarbeiter der medizinischen Abteilung vom FC Bayern nur den Kopf geschüttelt haben über Deislers Unpässlichkeiten bei Terminen, Nachlässigkeiten und mangelnde Kooperation. All das war nur schwer in Einklang zu bringen mit einem sagenhaften Reichtum, den ihm der FC Bayern beschert hatte.“

Der SC wird vermutlich leise grummelnd in die Zweite Liga gehen

Andreas Burkert (SZ 2.3.) schreibt über die Lage beim SC Freiburg: „Die Menschen in Freiburg zucken jedes Mal zusammen, wenn der Fußballlehrer Finke das ganz normale Trainerunglück beklagt, und manchmal ist es ihnen einfach zu viel Larmoyanz. Samstag hatte Münchens Innenverteidiger Lúcio in der ersten Hälfte Gelb gesehen – weil ihm ein Freiburger aus etwa 80 Zentimeter Entfernung den Ball an die Hand geschossen hatte. Dass Lúcio nach diesem schiedsrichterlichen Eifern später nach einem Foulspiel nicht Gelb-Rot sah, war eigentlich nur erfreulich, doch Finke schlenderte abends bedient durch die Reihen der einheimischen Berichterstatter und maulte ihnen zu, Freiburg sei „die einzige Stadt in Deutschland“, in der solch eine Szene anschließend auf der Pressekonferenz nicht diskutiert würde. Die südbadischen Journalisten sagten lieber nichts. Und so wird der SC vermutlich leise grummelnd in die Zweite Liga gehen und sich dort neu sortieren.“

FR-Interview mit Christian Heidel, Mainzer Manager, über Jürgen Klopps Arbeitsplatz, die Mainzer Saison und den Streit mit Rudi Assauer

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 0,892 seconds.