indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 24. Februar 2005

Ball und Buchstabe

Erste Chance genutzt

Roland Zorn (FAZ 24.2.) kommentiert die Einigung der DFB-Spitze am Dienstag: „Theo Zwanziger übernahm für jedermann sichtbar und unüberhörbar endgültig die Regentschaft im DFB, wollte aber noch nicht wie der Chef des Ganzen reden, weil er bis nach der WM 2006 nur als Geschäftsführender Präsident registriert ist. (…) Zwanziger, der genauso machtbewußt ist, wie es der jüngere Mayer-Vorfelder einmal war, hat gleich seine erste Chance genutzt, den alten Präsidenten zu einem bloßen Präsidentendarsteller zu machen. Ob aber die nur noch so genannte Doppelspitze zu retten ist, wenn der eine ganz viel und der andere ganz wenig zu sagen hat? Das Mißtrauen untereinander wird bleiben. Die spannende Frage lautet: Wird der domestizierte alte Löwe nun tatsächlich zahm, oder beißt er dem Kollegen Zwanziger bald wieder in die Hand, die der am Dienstag arg gönnerhaft ausgestreckt hat?“

WM 2006

Alle Register werden gezogen

Über Marketing heißt es bei Javier Cáceres (SZ/Politik 24.2.): „Nicht nur Unternehmen, auch Kommunen und Konsumenten bekommen den monopolistischen Anspruch der Fifa zu spüren. Die Übertragung von WM-Spielen auf Großbildleinwänden stand auch deshalb auf der Kippe, weil ungeklärt war, ob die Kommunen lokale Sponsoren einwerben dürfen oder nicht. Fans, die ein WM-Ticket bestellen wollen, lernen unter anderem, dass die Zahlung per Kreditkarte nur möglich ist, wenn das Plastik des Fifa-Partners verwendet wird. Ambush-Marketing heißt daher ein Schlagwort, das die Werbeszene bis zur WM beherrschen wird. Alle Register werden gezogen – vom erfindungsreichen Product-Placement bis zur Trittbrettfahrerei. Lufthansa pries unlängst ausländischen Journalisten die touristischen Vorzüge Deutschlands – mit besonderer Beachtung Frankfurts und Münchens, zweier WM-Städte. Andere Firmen setzen auf Fußballaffinität durch Ikonen: Bei der EM 2004 etwa war Coca-Cola offizieller Sponsor – Branchenrivale Pepsi warb dort ausgiebig mit David Beckham von Real Madrid. In Deutschland dürfte Ähnliches dräuen: Franz Beckenbauer ist das Gesicht von Firmen wie O2, Yello und Paulaner – Konkurrenten der Fifa-Partner Telekom, EnBW und Anheuser. Kurios genug: Beckenbauer ist Chef des WM-Organisationskomitees.“

SZ: „Zickenkrieg“ beim FC Deutschland 06

Ascheplatz

So hat auch das Dortmunder Desaster angefangen

Was ist dran an Schalkes Schulden, Daniel Theweleit (taz 24.2.)? „Der Schuldenstand des Klubs beläuft sich auf 110 Millionen Euro, die Kredite für den Arena-Bau sind da noch nicht einmal enthalten. Die laufen über die Betriebsgesellschaft, eine Tochter des Klubs, auch hier müssen noch weit über 100 Millionen Euro getilgt werden. Die Verluste dürften deshalb keine Sache auf Dauer sein, gab Schnusenberg zu, er zeigte sich allerdings zuversichtlich, dass bald wieder Gewinne erzielt werden. Wie, wusste er indes nicht genau zu erklären, erstmals gaben die Schalker Macher zu, dass dies jedenfalls nicht über eine höhere Auslastung der Arena möglich sei. Auf dem Markt der Veranstaltungsarenen ist der Konkurrenzkampf nicht zuletzt durch das neue Stadion in Düsseldorf äußerst hart geworden. Man ist also abhängig vom internationalen Geschäft – so hat auch das Dortmunder Desaster angefangen. Der eingeschlagene Weg ist vergleichbar, nur wie weit die Schalker ihn schon gegangen sind, lässt sich wohl erst erkennen, wenn ein versierter unabhängiger Finanzkenner einen umfangreichen Einblick in das Geflecht aus 17 Tochtergesellschaften erhalten hat. Geschäftsführer all dieser Töchter ist übrigens Rudi Assauer.“

Mittwoch, 23. Februar 2005

Interview

Weggeworfen wie Servietten

Valérien Ismaël im Interview mit Jörg Marwedel (SZ 23.2.)
SZ: Warum ist Bundesliga-Star Giovane Elber in Lyon gescheitert?
VI: Ich weiß genau, es lag nicht nur an seinen Verletzungen. Als Giovane nach Lyon kam, hatte er längst gezeigt, dass er ein großer Stürmer ist. Aber was du schon geleistet hast, interessiert in Frankreich niemanden. Es interessiert nur: Wie viele Tore schießt er jetzt? Das ist die französische Mentalität.
SZ: Ihm fehlte die Anerkennung?
VI: Genau. Ein Stürmer braucht diese Hilfe, er hat sie in Frankreich nicht bekommen. Stattdessen gab es sofort Kritik, wenn er kein Tor geschossen hat. Das tat ihm sehr weh.
SZ: Vielleicht hat er nach neun Jahren Bundesliga zu deutsch gedacht?
VI: Ja. Wenn ich jetzt nach Frankreich zurückkehren würde, könnte mir das auch passieren, dass mein Herz in Deutschland bleibt. Ich möchte nicht wieder in Frankreich spielen. Auch Bixente Lizarazu hatte in Marseille die gleichen Probleme wie Giovane. Dass er Weltmeister war und Champions-League-Sieger mit Bayern, zählte nichts. Viele französische Weltmeister haben sich beklagt, dass sie erst groß gefeiert wurden und nach Niederlagen einfach weggeworfen werden wie Servietten.
SZ: Warum sind die Leistungen von Johan Micoud und Ihnen in Frankreich nie richtig anerkannt worden?
VI: Johan und ich haben einen starken Charakter, aber in Frankreich ist es besser, du sagst nichts, sonst giltst du als schwieriger Spieler, egal, was du auf dem Platz leistest. Aber das ist nicht die Wahrheit über uns beide.
SZ: Ist Johan Micoud etwa kein schwieriger Spieler?
VI: Nein, wir reden viel über das Team und wie man es noch besser machen kann. Er macht sich viele Gedanken. Obwohl er aus Südfrankreich kommt und ich aus Straßburg im Norden, haben wir die gleiche Einstellung. Es geht um Respekt, Professionalität und Seriosität.
SZ: Wie sind die Südfranzosen sonst?
VI: Oberflächlicher. Sonne, Meer, alles ist schön. In Straßburg gibt es eine Grenze zu Deutschland. Dort ist man ernsthafter.

Champions League

Synchronschwimmer gegen Freistil

Ronald Reng (BLZ 23.2.) erläutert anhand Frank Rijkaards Bescheidenheit („eine einzelne Person ist niemals für den Erfolg eines Teams verantwortlich“) den Unterschied zwischen ihm und José Mourinho: „In einer Zeit, in der der Posten des Trainers eine Überhöhung wie noch nie erfährt, ist das ein schockierendes Bekenntnis. 2004 war das Jahr, als das System die Stars ersetzte, die Strategie der Trainer machte aus kleinen Teams große Sieger: Champions-League-Gewinner der FC Porto, Europameister Griechenland. Ein Trainer braucht keine Ausnahmefußballer mehr – er ist selber Star; ein Feldherr, der dank seiner systematischen Taktik aus einer ordentlichen Elf eine besondere macht. An Beispielen mangelt es nicht, ob José Mourinho, Co Adriaanse, Rafael Benitez oder gar Uwe Rapolder in Bielefeld. Der Fußball jedoch hat sich schon immer einen besonderen Spaß daraus gemacht, Gewissheiten gerade dann zu entkräften, wenn alle Welt an sie glaubt. Also kam Rijkaard, gibt statt des großen Strategen nur den netten Helfer seines Teams, und formte in Barcelona die spektakulärste Mannschaft dieser Saison. Am Mittwoch misst sich Barça mit dem FC Chelsea, ein Achtelfinale mit dem Flair eines Endspiels, die souveränen Anführer der beiden stärksten nationalen Ligen unter sich. Da wird der ganze Unterschied deutlich: Chelsea wird vom Portugiesen Mourinho trainiert, dem Prototypen des neuen Supertrainers. Mourinho steuert sein Team fern. Die Spieler sind Diener seiner Strategie, Synchronschwimmer auf Rasen. Rijkaard dagegen weist den seinen nur die Richtung. 4-3-3-System, aggressives Forechecking, das ist bei ihm ein Rahmen, den die Spieler im Freistil füllen. Mourinho will der beste Trainer sein. Rijkaard will nur das Beste in seinen Spielern stimulieren.“

NZZ-Bericht Bayern-Arsenal (3:1)

NZZ-Bericht Liverpool-Leverkusen (3:1)

NZZ-Bericht Real-Juve (1:0)

Ball und Buchstabe

Wo bleiben seine Freunde?

Sehr dezent und sehr deutlich wünscht Hans Leyendecker (SZ 23.2.) Gerhard Mayer-Vorfelders Rücktritt: „Mit der Revolution tun sich bekanntlich die Deutschen schwer und auch in der 105-jährigen Geschichte des DFB hat es noch keine ordentliche Revolte gegeben. So fiel denn auch auf der außerordentlichen Sitzung des DFB-Präsidiums der von manchem Beobachter erwartete Putsch gegen den schwerhörigen DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder aus. (…) Der Affären-gestählte Kämpe verstand es in seiner Amtszeit, fast den gesamten Apparat gegen sich aufzubringen. Seinen loyalsten Mitarbeiter, Generalsekretär Horst R. Schmidt, hat er verprellt und auch der sehr korrekte Theo Zwanziger hat seit einiger Zeit immer mehr an Mayer-Vorfelder auszusetzen. (…) Gern erzählt Mayer-Vorfelder, er habe vor Jahren mit ein paar Freunden abgesprochen, die sollten ihn warnen, wenn es Zeit sei zu gehen. Wo bleiben seine Freunde?“

Ascheplatz

Tomas Rosicky

Dem Tagesspiegel (23.2.) entnehmen wir: „Gestern erfuhr Tomas Rosicky Erstaunliches: Sollte er den BVB verlassen – und damit wird spätestens in der Sommerpause gerechnet –, kassiert die Transfersumme nicht der Klub, sondern ein Kreditgeber aus dem Münsterland. Der hatte sich als Sicherheit für ein Privatdarlehen von 15 Millionen Euro unter anderem die Transferrechte am tschechischen Star hinterlegen lassen. Doch das ist nicht alles: Rosicky ist damit nicht allein im gelb-schwarzen Trikot. Nach Informationen des Handelsblatts hat Borussia Dortmund offensichtlich alle Spieler-Transferrechte an seine Gläubiger als Sicherheit verpfändet.“

Dienstag, 22. Februar 2005

Internationaler Fußball

Ich vertraue in die heimischen Profis

England debattiert über eine Ausländerklausel, nachdem Arsenal kürzlich ohne Briten gespielt hat; Clemens Martin (NZZ 22.2.) fasst zusammen: „Dabei waren es die Blues gewesen, die 1999 gegen Southampton erstmals eine rein nicht-britische Mannschaft formiert hatten. Das soll laut José Mourinho nicht mehr vorkommen. „Ich vertraue in die heimischen Profis.“ Als ausländischer Manager trage er auch Verantwortung für das Nationalteam und die englischen Internationalen. Mourinho ist überzeugt, dass von seinen Internationalen und am höchsten salarierten Spielern wie Lampard und Terry (je 3 Millionen Pfund Jahreslohn) Vorbildwirkung wie Anziehungskraft für den eigenen Nachwuchs ausgeht. Deshalb investiert Chelsea in den Jugendfussball und will in ein paar Jahren die Richtlinien der Uefa erfüllen. Die Uefa fordert ab Saison 06/07, dass die Klubs mindestens vier Spieler aus dem eigenen Land im Kader haben – und deren acht zwei Jahre später. Mindestens die Hälfte davon müssen aus der eigenen Juniorenabteilung hervorgegangen sein. Von Arsenal ist Opposition gegen diese Pläne zu erwarten. (…) Manchester United fühlt sich in dieser Debatte zu Recht nicht angesprochen. Die United hatte lange als Vorbild für gute Nachwuchsförderung gegolten. Immerhin entstammen neben Paul Scholes und Gary Neville auch dessen Bruder Phil sowie David Beckham, Nicky Butt und der walisische Nationalspieler Ryan Giggs diesem Reservoir.“

Champions League

Fußball de luxe

Im Achtelfnale treffen die Besten Europas aufeinander – Roland Zorn (FAZ 22.2.) reibt sich die Hände: „Seit ihrer Gründung 1992 hat die anfänglich wegen der Einführung von Gruppenspielen mißtrauisch beäugte Champions League als Nachfolgerin des Europapokals der Landesmeister einen langen Weg hinein ins gleißende Licht zurückgelegt. Heute halten nur noch ignorante Nostalgiker die Rückkehr zum Status quo ante für erstrebenswert. Die Verhältnisse sind längst so weit geklärt, daß an der Faszination der Champions League, ob in der Gruppenphase oder der anschließenden K.-o.-Runde, nicht mehr zu rütteln ist. (…) Für die Erstbesten und nachfolgenden Mitgewinner der höchstrangigen Vereinskonkurrenz der Welt bleibt noch immer ein großer Preis übrig, verziert mit viel Prestige. Der Fußball de luxe, der nun wieder zwischen Madrid und London rollt, lohnt sich also für alle, die daran teilhaben: sei es aktiv im Stadion oder passiv am Fernsehschirm.“

NZZ: „ein optimistisches deutsches Trio“

Duell zweier grundverschiedener Fußballkulturen

Bayern München trifft auf Arsenal – Michael Horeni (FAZ 22.2.) berechnet den Stellenwert für Verein und Torwart: „Ob die Bayern eine Saison für eine normale, eine sehr gute oder eine herausragende halten, entscheidet der europäische Pokalwettbewerb. Aber Oliver Kahn schweigt. Und trainiert. Denn das Achtelfinale gegen den FC Arsenal, dieses Duell zweier grundverschiedener Fußballkulturen auf höchstem Niveau, ist nicht nur wegweisend für den FC Bayern in dieser Spielzeit, es ist auch der pikante Höhepunkt um das Duell im deutschen Tor zwischen Kahn und seinem Herausforderer Jens Lehmann. Aber darüber möchte Kahn kein Wort verlieren. Diese betonte Zurückhaltung des Kapitäns unterstreicht um so mehr die Bedeutung der Partie für ihn.“

SZ: „Vor dem Duell mit Jens Lehmann hat sich Oliver Kahn aufs Wesentliche besonnen: immer weiter trainieren“

Binnensicht

Christof Kneer & Andreas Lesch (BLZ 22.2.) geben zu bedenken: „Es ist eine scheußlich langweilige Debatte, nicht nur, weil das Duell zwischen Kahns FC Bayern und Lehmanns FC Arsenal nicht entscheiden wird, wer 2006 das Tor bewacht. Diese Debatte braucht auch deshalb keiner, weil sie aus einer deutschen Binnensicht heraus geführt wird, so, als starre die Welt gebannt auf den Ausgang des Duells.“

Welt-Interview mit Jürgen Klinsmann über das Torwart-Duell

Wie eine schwarze Mauer

Erik Eggers (Tsp 22.2.) teilt den Eindruck Klaus Augenthalers von der Atmosphäre in Liverpool: „Wenn der Bayer-Trainer über die Leidenschaft der Fans und der Spieler des FC Liverpool spricht, dann aus eigener Erfahrung. 1981 verlor er mit Bayern München im Halbfinale des Landesmeister-Wettbewerbs beim englischen Rekordmeister – und schied aus. Das Publikum war damals fanatisch, daran hat sich bis heute nichts geändert. Auf der legendären Tribüne „The Kop“ – benannt nach einem Hügel im Burenkrieg, den die Engländer unter schweren Verlusten eroberten – stehen die Fans wie eine schwarze Mauer und singen immer noch inbrünstig die inzwischen weltberühmte Hymne „You’ll never walk alone“. Seit 28 Jahren (!) hat kein deutsches Team auch nur ein Tor erzielt an der Anfield Road.“

Geschichte seines persönlichen Scheiterns

Raphael Honigstein (FR 22.2.) beschreibt die Eitelkeit Thierry Henrys: „Henry wird sich heute die Stutzen bis über die Knie hochziehen, aber das hat gar nichts mit der beißenden Kälte im Olympiastadion zu tun. Es ist eine dem gemeinen englischen Fan etwas suspekte, modische Marotte, Teil der Ästhetik, des Gesamtkunstwerks auf der grünen Leinwand – die außerordentliche Begabung des französischen Stürmers wird nur von seinem Sendungsbewusstsein übertroffen. Vornehm blasiert wie ein Großstadt-Dandy auf Besuch in der Provinz steht er gerne an der linken Außenlinie, um dort auf den Ball und das Scheinwerferlicht zu warten. (…) Trotzdem ist gerade die rätselhafte Erfolglosigkeit von Arsenal in der Königsklasse die Geschichte seines persönlichen Scheiterns.“

Die englische Berichterstattung ist von Fachverstand geprägt

Dietmar Hamann mit Christian Eichler (FAZ 22.2.)
FAZ: Man muß im Archiv weit zurückblättern, um eine Geschichte über Sie zu finden. Fühlen Sie sich zuwenig beachtet?
DH: Nein, ich bin frei von Neid oder persönlichen Eitelkeiten. Ich hatte nie ein Problem damit, mich unterzuordnen. Das ist erforderlich für den Erfolg des Teams. Daran scheitern viele Mannschaften.
FAZ: Als Stürmer, Spielmacher oder Torwart bekommt man mehr Aufmerksamkeit. Fällt die Rolle des Mannes vor der Abwehr eher Fachleuten als Fans auf?
DH: In England sind Zuschauer viel dankbarer für die Leistung von Defensivspielern. Für gute Tacklings gibt es Applaus. Man schätzt es, wenn jemand alles gibt. Das hat auch mit der Berichterstattung zu tun, die von viel Fachverstand geprägt ist. Es wird tiefgründiger analysiert. Fragen drehen sich rein ums Spiel. Deshalb wird die Rolle des defensiven Mittelfeldspielers gewürdigt. (…)
FAZ: Entschädigt die Erinnerung an die WM 2002 für ein Verpassen der WM 2006?
DH: Das war eine wunderschöne Zeit in Asien. Aber sportlich bleibt in meinem Kopf immer das Schlechte hängen. Das ist auch gut so, sonst bildet man sich noch was darauf ein. Wenn ich ans Finale denke, dann immer an die Szene vor Ronaldos Tor – hätte ich den Ball nicht verloren, hätte Olli Kahn den Fehler nicht machen können. Und dann meine Torchance: Ich spürte einen Brasilianer rangrätschen und hatte vielleicht unbewußt Angst vor einer Verletzung. So rutschte mir der Ball leicht über den Fuß und ging vorbei.

Spanische Klubs vor wichtigen Auftritten, NZZ

NZZ: Milan, Juve, Inter zittern vor Europa-Examen

Ball und Buchstabe

Italienische Fans sind an verdächtige Schiedsrichterentscheidungen gewöhnt

Sehr lesenswert! Tim Parks (Spiegel 7.2.), englischer Schriftsteller, in Verona lebend, schildert das Gruppenleben im italienischen Fußball: „Sport ist eine Welt jenseits der Realität, in der wir versuchen, alte Werte zu leben und ein Gefühl für Gemeinschaft zu entdecken – und deshalb empören uns krumme Touren auf dem Spielfeld heftiger als Betrug oder Raub: Die Medien in Italien und Deutschland schenken Herrn Hoyzer und seinen Kumpanen im Augenblick weit mehr Aufmerksamkeit als einem ganz gewöhnlichen Mord. Italienische Fans sind an verdächtige Schiedsrichterentscheidungen gewöhnt. Wenn man ein kleines Team wie Verona aufmerksam verfolgt, weiß man, dass ein großer Club, der zu Besuch kommt, wahrscheinlich eine Vorzugsbehandlung erhält. Erst vor ein paar Wochen berichtete ein von Chievo Verona zu Juventus Turin transferierter Spieler in einem Interview, er bekomme jetzt viel weniger gelbe Karten, weil die Schiedsrichter sich den Erwartungen eines großen Vereins fügen. In Spielen von Juventus oder Mailand werden jede Menge zweifelhafter Freistöße für diese Teams gepfiffen; zusätzliche Nachspielzeit wird verordnet, wenn sie nicht rechtzeitig punkten. Offen gesagt: Auch ich bin nach 20 Jahren in Italien daran gewöhnt und habe sogar meinen Spaß daran. Es gehört einfach zu Italien, es hilft einem, die Gesellschaft zu verstehen, in der man lebt. Und wenn das eigene Team trotz der Schiedsrichterentscheidungen gewinnt, fühlt man sich fabelhaft. Und doch: Ein Schiedsrichter, der ein Spiel türkt, nur um sich selbst (und ein paar Wetter) zu bereichern, ohne auch nur von einer der beiden Seiten geschmiert worden zu sein – so was ist in Italien wohl noch nicht da gewesen. Andere Interessengruppen würden es ihm nicht durchgehen lassen. Er müsste befürchten, gelyncht zu werden. Weil Italien von Verschwörungstheorien lebt, weil jeder jeden verdächtigt, unterliegt jeder Schiedsrichterspruch einem wahnsinnigen Interesse. Wenn also ein Schiedsrichter ein bestimmtes Team begünstigt, braucht er einen Rückhalt, und der muss Teil eines allgemeinen, kulturell anerkannten Musters sein, eines nachvollziehbaren Befunds, über den große Einigkeit herrscht – etwa so: Dieser Verein ist dieses Jahr fällig für den Aufstieg, er braucht ein wenig Hilfe; jener Club gehört in dieser Saison wirklich in einen europäischen Wettbewerb.“

Diskutieren Sie in der Südkurve über die Gunst der Schiedsrichter!

Bundesliga

Noch sucht die Mannschaft unter Matthias Sammer einen neuen Stil

Wird der Weg des VfB Stuttgart wieder nach oben führen? Martin Hägele (SZ 22.2.) ist nach dem 1:0 gegen Hertha BSC Berlin skeptisch: „Die These, wonach viele VfB-Profis lange Zeit über ihre Verhältnisse gespielt und sehr stark von den unter Ausbilder Felix Magath antrainierten Kraftreserven und einem entsprechend angelegten taktischen Koordinatensystem gelebt hätten, können Hildebrand und Vorderleute gegen den FC Parma und beim Angstgegner Bayer Leverkusen widerlegen. Noch sucht die Mannschaft unter Matthias Sammer einen neuen Stil.“

Montag, 21. Februar 2005

Allgemein

Familienmensch

Walter Mayr (Spiegel 21.2.) beschreibt das Verhältnis Andrej Schewtschenkos zu seinen Ziehvätern: „Der Ukrainer dankt seinem Chef Liebesbeweise mit anstandsloser Gefolgschaft. Korruption, Verfassungsbruch, Manipulation durch Medienmacht – Schewtschenko weiß, was die Kritiker abseits des Fußballfeldes Berlusconi vorwerfen. Es stört ihn nicht: „Für mich ist er der Kopf des AC Milan. Außerdem ist es mir gelungen, ihn als Menschen kennen zu lernen.“ Damit meint er vor allem: Berlusconi hat, diskret, dafür gesorgt, dass Schewtschenkos Vater, Fähnrich a. D. der Sowjetarmee mit Dienstort ehemals Potsdam, nach zwei Infarkten in die Klinik San Matteo zu Pavia kam, in die bewährten Hände von Professor Mario Vigano. Und dass er wieder auf die Beine kam. So etwas vergisst ein Familienmensch wie Andrej Schewtschenko nicht. (…) Wenn Schewtschenko heute vor Länderspielen im Dynamo-Camp schläft, in Zimmer 509 zwischen Kunstblumen und italienischen Stillleben, dann trifft er die Wegbegleiter von früher. Die alten Ärzte, den Physiotherapeuten Wiktor Iwanowitsch mit den goldenen Händen, und, vor allem, die Lehrsätze des Meisters: Unantastbar wie die zehn Gebote hängen im Besprechungssaal Lobanowskis Thesen für den Fußball des 21. Jahrhunderts. Lange vor der Erfindung des Wortes „Pressing“ im Westen war das Erfolgsrezept der „Roten Sputniks“ unter Lobanowski schon in den Siebzigern, zu Zeiten ihres Weltstars Oleg Blochin, die Verschiebung der Mannschaftsteile im Raum und die Fähigkeit des Einzelnen, jede Rolle zu spielen. Die Sputniks wirkten stets wie in Überzahl.“

Ein Talent ist erwachsen geworden

Frank Heike (FAZ 21.2.) befasst sich mit dem Aufstieg Fabian Ernsts: „Es gab genug Zwischenhalte auf dem Weg zum Stammgast der Nationalmannschaft (…) Um den nächsten Schritt zu machen und zum Stammspieler bei Klinsmann zu werden, wird Fabian Ernst zum FC Schalke 04 gehen. In Gelsenkirchen wird er Ailton, Rost und Krstajic treffen und die Werder-Filiale im Westen vergrößern. Seine Einkünfte auch. Das dürfte der Hauptgrund für den Wechsel sein. Einen wird er garantiert nicht vermissen: Johan Micoud. Der verpaßte Ernst im Winter-Trainingslager eine Kopfnuß. Die Wunde mußte genäht werden. Es spricht für Ernsts Professionalität, daß er seit dem Vorfall besser mit dem schwierigen Franzosen zusammenspielt als in der ganzen Vorrunde. Ein Talent ist erwachsen geworden.“

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