Donnerstag, 20. Januar 2005
Allgemein
Marko Rehmer ist nur noch Ballast
„Der einst gefeierte Star Marko Rehmer ist bei Hertha nur noch Ballast“, schreibt Michael Reinsch (FAZ 19.1.): „Rehmer, bald 33 Jahre alt, erschien vor acht Jahren wie aus dem Nichts auf der Bühne Bundesliga. Trainer Frank Pagelsdorf hatte ihn in der Winterpause 1996/97 von Union Berlin in der Regionalliga zum Tabellenletzten Hansa Rostock geholt. So, wie er spielte, machte Rehmer Karriere: im Sprint und ohne sich zu schonen. Nach anderthalb Jahren nominierte ihn Berti Vogts für die Nationalmannschaft. Ein weiteres Jahr darauf holte Hertha BSC ihn für sechs bis sieben Millionen Mark Ablösesumme zurück in seine Heimatstadt Berlin. Nun droht Rehmer dort zu verschwinden, wo er hergekommen schien: im Nichts. Bei Hertha ist er aus dem Spiel.“
Radikaler Imagewechsel
Lincoln, Schalker Spielmacher – Felix Meininghaus (FR 19.1.): „Noch erstaunlicher als die Vorstellungen auf dem Rasen mutet Lincolns Entwicklung außerhalb des Platzes an: Selten hat es wohl einen Spieler gegeben, der innerhalb eines halben Jahres einen so radikalen Imagewechsel vollzogen hat. In Kaiserslautern erklärten sie ihn zur persona non grata. Ein exzentrischer Querulant sei dieser Spieler, eine Diva mit allen negativen Eigenschaften des brasilianischen Söldners.“
Interview
Gibt es noch einen deutschen Fußballer, der in drei Ligen Meister war?
Jens Lehmann mit Henning Sußebach (Zeit 20.1.)
Zeit: Können Sie es nachempfinden, dass Ihre Karriere in der öffentlichen Wahrnehmung etwas sehr Vergebliches, fast Albtraumhaftes hat?
JL: Total. Was Sie da sagen: Das sind meine Gedanken. Ich habe vor unserem Treffen überlegt, wieso die negativen Nachrichten, die über mich verbreitet werden, bei weitem die positiven überwiegen. Sie kommen ja auch nur, wenn’s schlecht läuft.
Zeit: Wenn’s was zu bereden gibt.
JL: Weil’s schlecht läuft. Wenn ich die Berichterstattung der letzten 15 Jahre verfolge, dann komme ich mir vor, als hätte ich über weite Strecken meiner Laufbahn versagt. Diese Berichterstattung haben sonst nur Spieler, die einige Male abgestiegen sind – wobei: Über die wird dann nicht mehr berichtet. Grundsätzlich tendieren wir Deutschen dazu, alles schlechter zu sehen, als es tatsächlich ist. Unsere Nachbarn jedenfalls haben einen besseren Eindruck von unserer Stärke als wir selbst.
Zeit: Lars Ricken hat über Sie gesagt: „Normalerweise verblassen im Fußball die negativen Erinnerungen an einen Spieler. Beim Jens scheinen nur die positiven zu verblassen.“ Woran liegt das?
JL: So genau kann ich mir das auch nicht erklären. Ich habe bei vier Topklubs gespielt. Schalke, Milan, Dortmund, Arsenal. Ich habe mit Schalke den Uefa-Pokal gewonnen, mit Dortmund die deutsche Meisterschaft, mit Arsenal die englische, und in meinem halben Jahr beim AC Milan habe ich auch einige Spiele gemacht. Milan ist am Ende Meister geworden. Also sage ich: Ich war beteiligt. Gibt es noch einen deutschen Fußballer, der in drei Ligen Meister war? Mir fällt keiner ein, doch bei mir heißt es, ich sei gescheitert. Dabei bin ich mit meiner Laufbahn sehr zufrieden, wie sie verlaufen ist. (…)
Zeit: Beneiden Sie Oliver Kahn manchmal darum, dass er beim FC Bayern schon lange die Heimat hatte, die Sie bei Arsenal gefunden zu haben glaubten?
JL: In Bezug auf die Nationalmannschaft: sicherlich, weil er da immer eine bessere Unterstützung hatte. Sonst aber nicht. Ich glaube, dass mir mein Leben, wie ich es gewählt habe, sehr viel gebracht hat. Bei Schalke hätte ich damals einen Zehnjahresvertrag unterschreiben können – aber ich finde es besser, an mehreren Orten Erfahrungen zu sammeln. Es ist ja auch meistens gut gegangen.
Zeit: Oliver Kahn hat Sepp Maier. Wen haben Sie?
JL: Im Vergleich dazu niemanden.
of: Wieso hat Jens Lehmann einen fraglichen sportlichen Ruf? Teilen Sie uns Ihre Antwort und Ihre Meinung in der Südkurve („Jens Lehmanns Image“) mit!
Internationaler Fußball
Unrefereable
Raphael Honigstein (FTD 19.1.) schildert den Streit zwischen Alex Ferguson und Arsène Wenger: „Die seit der „Battle of the Buffet“ im Old Trafford eskalierte Fehde ist mehr als der Ausdruck tiefer Abneigung zwischen den beiden Meistertrainern. Die Sache hat, was Fergusons Rolle anbelangt, durchaus Methode – der Schotte weiß, dass seine Mannschaft gegen die spielerisch überlegenen Londoner immer dann gut aussieht, wenn die Partie sehr hart – um nicht zu sagen: brutal – geführt wird. Es ist ganz in seinem Sinne, bei Arsenal die Emotionen zu schüren. Gleichzeitig beweist das Theater aber auch, dass sich die Machtverhältnisse in der Liga verschoben haben. „Was wir hier sehen, ist die Politik von Schimpansen“, sagte der Psychologe Mark Van Vught dem Daily Telegraph. Wenger reagiert auf die Herausforderung von Ferguson, „weil er selber nicht mehr der unberührbare Anführer ist. Aber beide streiten in Wahrheit nur um den zweiten Rang – Mourinho ist jetzt das Alpha-Männchen“. Man darf gespannt sein, ob sich Ferguson bald den Portugiesen vorknöpfen wird, und ob der Chelsea-Trainer heute, wenn beide im Ligapokal aufeinander treffen, die Herausforderung ranggemäß ignorieren wird. Aber es ist die Aussicht auf eine neuerliche Pizzaschlacht, die die Massen elektrisiert. Beide Teams treffen sich am 1. Februar, und schon jetzt gilt das Spiel als „unrefereable“, unpfeifbar. TV-Kommentator Rodney Marsch hat deshalb empfohlen, in Italien um Hilfe zu bitten. Pierluigi Collina, bitte melden.“
Haßtirade
Christian Eichler (FAZ 20.1.) fügt hinzu: „Nun hat der Hooligan ein neues Biotop erobert: die Trainerbank. Mit seiner Haßtirade gegen den Rivalen Arsène Wenger in einem Zeitungsinterview hat der von der Queen geadelte Alex Ferguson den Schlagabtausch der Manager-Stars auf eine solche Härte gebracht, daß nun ein ganz unerwarteter Oberschiedsrichter aufgetreten ist: die Polizei.“
Am Grünen Tisch
Eine kommentierte Link-Liste
Schönspielerei
Die Minutentabelle auf kanzlerfussball.de
Der VFLog – Weblog für alle Fæns von VfL Borussia Mönchengladbach und VfL Osnabrück
Die sehr schöne Homepage zu Aus der Tiefe des Raumes, ein Film, der klarstellt, dass Günter Netzer eine zum Leben erweckte Tipp-Kick-Figur ist
fussballperspektiven, das Online-Magazin für Fußball in Medien und Gesellschaft
kleinster Kicker der Welt: auf gerade mal 18×18 Pixeln kann man auf the ORIGINAL world’s smallest website in einer Flash-Version gnadenlos gegen einen virtuellen Gegner bolzen. Suchtgefahr und Augenschäden inklusive! (Manuel Heinrich)
soccercorner.de – eines der ältesten Fußball-Foren Deutschlands mit regelmäßigen Forumstreffen. Große, aufgeschlossene Community, die sich in entspannter Atmosphäre über Fußball und sonstige Dinge des Lebens austauscht.
Die Werner-Hansch-Maschine auf kanzlerfussball.de
Dürfte bekannt sein: ugly footballers. Fußballer sind Vorbilder. Und als solche auch modische Trendsetter, Gerade was die Frisurmode betrifft. Als Zusatzangebote: häßliche Fans und
häßliche Verletzungen.
Sehr lesenswerte Interviews
taz-Telefongespräch (16.7.04) mit Oliver Fritsch über die EM-Berichterstattung
Urs Meier (SZ 24.12.04) über die Schikanen der Engländer gegen ihn
Bei der Fußball-EM in Portugal hat der Schweizer Alexander Frei (BLZ 24.12.04) einen Gegenspieler angespuckt – jetzt hat er die Patenschaft für ein Lama übernommen
Sehr lesenswerte Zeitungstexte
Zeit (5.1.05): Schalke 05 – der Mythos um Carmen Thomas
NZZ (4.1.05): über die Väter und Herkunft Antonio Cassanos
taz (3.1.05): „Der münsterländische Sportwissenschaftler Reinhard Jansson sorgt für Verwirrung unter den Fußball-Trainern“
SZ (20.12.04): „Netzwerk in Übersee – wie Jürgen Klinsmann mit Hilfe seiner Lehrmeister in Amerika die Aufgabe als Bundestrainer organisiert“
taz (31.12.04): “Verbalien des Sporthares 2004”
SZ (24.12.04): “Immigrantenkinder aus den Vororten erobern die noblen Dachterrassen der Altstadt Roms“
SZ (13.12.04): „Lull und lall – Gericht stoppt Radio-Satire über den DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder“ (Vorsicht! Nicht vor dem Foto erschrecken)
Sonstiges
Die Dissertation Herdin Wippers (2003): „Sportpresse unter Druck“
WM 2006
Einen versierteren Referee hätte der Kanzler gar nicht nominieren können
Aus ausländischer Perspektive – Alexander Jung (NZZ 20.1.) kommentiert die Diskussion um die Imagekampagne „1. FC Deutschland 06“: „Der Schlagabtausch zwischen Opposition und Regierung, obwohl nach einer Runde schon eingestellt, hat das Format einer Posse: Da geisselte die CDU mit harten Worten das Unterfangen. Die Einwände klangen schlüssig. Die Kampagne, finanziell ausgestattet wie ein Bundestagswahlkampf, soll kurz vor der Landtagswahl im umkämpften Nordrhein-Westfalen starten. Im September 2006, drei Monate nach den Titelkämpfen, stehen die Bundestagswahlen an. Doch die Opposition gab klein bei, was nur auf den ersten Blick überraschend ist (…) Nicht im Kanzleramt, wo alles seinen Anfang nahm, wird die Kampagne koordiniert, nein, ausgerechnet der BDI, von Schröder eingeschworen, wird Doppelpass mit dem Innenministerium spielen. Für Neutralität soll der Bundespräsident Horst Köhler, ein Wirtschaftsfachmann, als Schirmherr garantieren. Einen versierteren Referee hätte der Kanzler gar nicht nominieren können. Der Wahlkampf ist eröffnet.“
Besitz ergriffen vom Alltag
Wie wirkt die Vorfreude auf die WM auf die Bundesliga? Philipp Selldorf (SZ 20.1.) fasst ein Gespräch mit Felix Magath zusammen: „Anderthalb Jahre vor dem Anstoß des Turniers hat das Ereignis längst Besitz ergriffen vom Alltag im deutschen Fußball, Wirtschaft, Kommunen, Politik und Medien befinden sich in einem Rausch der großen Erwartungen, die Branche sowieso. Da wirkt es, als seien die verbleibenden Bundesligarunden nur noch ein Vorspiel der WM und ein Forum für das Schaulaufen der Kandidaten. (…) Die Spieler lassen sich davon gern mitreißen, für die Vereinstrainer wird die Sache jedoch schwierig. “
Wenn man Gäste einlädt, muss man auch die Tore öffnen
Sepp Blatter im Interview mit Reinhard Sogl (FR 20.1.)
FR: In Deutschland sorgt das Ticketing für Aufregung, weil die Fans zu wenig Karten bekommen.
SB: Deutschland hat die WM unter dem Motto platziert: Zu Gast bei Freunden. Also wenn man Gäste einlädt, muss man auch die Tore öffnen. Von 80 Millionen Deutschen wollen sicher 30 Millionen ein Ticket haben, das ist nicht möglich. Aber es gibt ja eine Lösung mit öffentlichen Großbildwänden in den Städten.
FR: Sind die rechtlichen Probleme gelöst?
SB: Nein, aber die Klärung kommt in den nächsten zehn Tagen. Ich kenne die Details noch nicht, aber die Lösung wird ganz sicher allen gerecht. Alle werden zufrieden sein.
Bundesliga
Etwas vom Glanz der großen Fußballwelt zurück
Rudi Völlers Einstellung als Sportdirektor Leverkusens – Michael Horeni (FAZ 19.1.) ist skeptisch: “Bayer gewinnt mit Völler etwas vom Glanz der großen Fußballwelt zurück. Wie stark jedoch der Sportdirektor den Klub sachlich und fachlich voranbringen wird, ist eine weit spannendere Frage. Das Geld sitzt in Zeiten der Konsolidierung längst nicht mehr so locker wie ehedem, was auch andere Qualitäten eines Sportchefs nötig machen wird, als mit Sympathiebonus und ausgezeichneten Kontakten durch die Fußballwelt zu schlendern.“
Die Zeit der übervollen Taschen ist bei Bayer vorbei
Christoph Biermann (SZ 19.1.) deutet die Worte Wolfgang Holzhäusers: „Ein wenig, so machte es den Eindruck, wand er dem neuen Sportdirektor aber Stacheldraht ins Blumenbouquet. „Die Ikone des Weltfußballs“, sprach der Geschäftsführer, werde nun „die Verantwortung für den sportlichen Erfolg und Misserfolg übernehmen“. Der Adressat für Nachfragen zu Krisenzeiten ist damit schon frühzeitig benannt. Ganz so kuschelig wie es bei seiner Vorstellung klang, wird es für Völler sowieso nicht werden. Zwar wird er mit großen Kompetenzen ausgestattet, aber die Zeit der übervollen Taschen ist bei Bayer vorbei.“
Keine Überraschung
Gregor Derichs (FAZ 19.1.) ergänzt: „Zahlreiche Angebote aus dem In- und Ausland für eine Trainer- oder Manager-Tätigkeit hatte Völler erhalten. Vor allem Olympique Marseille soll sich intensiv um seine Dienste bemüht haben. Daß Völler sich für die bodenständige Lösung entschied, ist keine Überraschung.“
Ein Abzockerimage wird man schwerer wieder los als eine abgefangene Flanke
Jan Christian Müller (FR 20.1.) warnt vor den Folgen der gescheiterten Verhandlung zwischen Timo Hildebrand und dem VfB Stuttgart: “Das Scheitern der Verhandlungen birgt Risiken für beide Seiten: Beim VfB könnten unzufriedene Jungstars zurückbleiben, die in nicht allzu ferner Zeit auf einen vorzeitigen Abschied drängen und das dynamisch gewachsene Umfeld sabotieren. Hildebrand seinerseits hat in dem Spiel eine viel schlechtere Figur abgegeben als zwischen den Pfosten. Ein Abzockerimage wird man schwerer wieder los als eine abgefangene Flanke.“
Der VfB muß nach einem neuen Markenzeichen suchen
Roland Zorn (FAZ 20.1.) sucht nach der Ursache des Scheiterns: „Hildebrand wollte, soviel sagen alle, die ihn gut kennen, eigentlich auf dem Wasen bleiben. (…) Daß der Spieler selbst bei dem inzwischen monatelangen Hin und Her um die Modalitäten der Vertragsverlängerung nicht entschlossen eingriff, als die Sache auch für ihn zu kippen drohte, überraschte diejenigen, die dem Torwart mehr Unabhängigkeit zugetraut hätten. Mag Hildebrand auch einen schneidigen und in der Szene nicht besonders beliebten Berater haben und am Ende von einem Ultimatum des VfB unter Druck gesetzt worden sein, so hätte es ihm doch jederzeit freigestanden, sich von den Fesseln seiner Einflüsterer oder Einschüchterer zu befreien und ein deutliches Ja-Wort an die Adresse seines Heimatklubs zu richten. (…) Der Klub muß nach einem neuen Markenzeichen suchen – und wirkt dabei im Moment ein bißchen desillusioniert.“
Genug von Gefeilsche und Gepoker
Gibt es dennoch einen Gewinner dieser Partie, Martin Hägele (SZ 20.1.)? „Womöglich wird man in ein paar Jahren einmal sagen, dass der Seiteneinsteiger Staudt erst in den Januartagen 2005 zu einem richtigen VfB-Präsidenten geworden ist, auf den die momentan rund 26 000 Mitglieder und zwei, drei Millionen Sympathisanten stolz sind. Weil Staudt ein anderes Bild abgibt als sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder. Der hatte sich einst von Dusan Bukovac den Jahrhundertvertrag mit Krassimir Balakov aufdrängen lassen; an den Millionen-Verpflichtungen gegenüber seinem bulgarischen Regisseur wäre der VfB fast erstickt. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Staudt genug hatte von Gefeilsche und Gepoker. Das lag auch daran, dass ihm durch den Kopf ging, dass es beim Bayern München keine Verträge mit Ausstiegklauseln und sonstigen Vereinbarungen gibt, die dem ursprünglichen Sinn eines Kontrakts entgegenstehen. Uli Hoeneß würde derlei Ansinnen als Beleidigung empfinden und den Agenten mitsamt Klienten auf die Säbener Straße setzen.“
Vermutlich ist Hildebrand schlecht beraten
Was macht Hildebrand nun, Michael Rosentritt (Tsp 19.1.)? „Vielleicht will Hildebrand ins Ausland wechseln, wo noch mehr Geld gezahlt wird. Womöglich will er nur zu einem großen Verein, der um Titel spielt und so seine Chancen auf das deutsche WM-Tor 2006 erhöhen? Oder will der 25-Jährige im Torwartduell Kahn/Lehmann nur etwas Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Vermutlich ist es ganz anders, und Hildebrand wird schlecht beraten.“
Christoph Kneer & Michael Kölmel (BLZ 20.1.) spekulieren: „Es darf verwundern, dass der Name Hildebrand nur dezent durch den sensationslüsternen britischen Blätterwald rauscht. Insider werten dies als Indiz dafür, dass doch sein könnte, was offiziell nicht sein darf: dass Hildebrand doch noch beim FC Bayern unterkommt, bei seinem Förderer Felix Magath. In München sehen sie längst, dass Kahn in die Jahre gekommen ist, und dies ist die vielleicht letzte Gelegenheit, um in dem 25-jährigen Hildebrand den Torwart der Zukunft ablösefrei zu engagieren. Noch dementieren beide Seiten, was damit zusammenhängen könnte, dass man erst Kahn einen reibungslosen Abgang ermöglichen müsste; er müsste einen Wechsel als Herausforderung begründen und so elegant den Weg freimachen für Hildebrand, der dann auch der naheliegende Kandidat für einen Stammplatz im Nationalteam wäre.“
Atmosphärische Wölkchen, deren Wirkung man noch nicht kennt
Jörg Marwedel (SZ 19.1.) spürt Disharmonie in Hannover: „Hannover 96 ist zweieinhalb Jahre nach dem Aufstieg dabei, eine feste Größe in der Bundesliga zu werden. (…) Doch ganz so unbeschwert wie gedacht, ist das Klima nicht mehr. Aufgezogen sind ein paar atmosphärische Wölkchen, deren Auswirkungen man noch nicht kennt. Ausgelöst worden sind sie: durch den Erfolg. Denn in Hannover erfährt man gerade, wie teuer ein dauerhafter Aufschwung in diesem Geschäft zu stehen kommt. Es begann damit, dass der in seiner Position gestärkte Trainer Lienen sich daran störte, dass seine Vertragsverlängerung schon vor konkreten Verhandlungen offenbar als Selbstgänger betrachtet worden waren. Also teilte Lienen vor dem Trainingslager in Jerez mit, er werde dort keineswegs mit Manager Ilja Kaenzig Vertragsgespräche führen, da die entscheidende Person der Präsident sei. Beobachter werteten das als Gerangel zwischen den beiden sportlichen Leitern, die nicht immer auf einer Wellenlänge lägen.“
Richard Leipold (Tsp 19.1.) beschreibt Mönchengladbacher Hierarchie: “Rund um den neuen Borussia-Park heißt es, Advocaat habe alle sportliche Gewalt an sich gerissen. Hochstätter, lange ein zuweilen undurchschaubarer Strippenzieher in der Klubführung, wirkt bloß wie ein ausführendes Organ.“
Ascheplatz
Ein weiterer Trick offenbar
Wie will sich Borussia Dortmund entschulden, Freddie Röckenhaus (SZ 20.1.)? „Rauball und Meier bemühen sich weiterhin um eine Sanierung und Umschuldung, insbesondere um einen Rückerwerb des an einen Commerzbank-Fonds verkauften Westfalenstadions. Experten sehen darin das wichtigste Instrument, den Klub zu sanieren. In vergangenen Woche hatten Meier und Niebaum berichtet, die Verbindlichkeiten des Klubs seien von 118 auf etwa 98 Millionen Euro gesenkt worden. Was den BVB-Fans wie ein Wunder vorkam, hat nach Auskunft von Insidern ganz weltliche Gründe. Offenbar hat der Klub Festgelder bei Banken aufgelöst und zur Darlehenstilgung genutzt. Allerdings war der Zugriff auf diese Festgelder angeblich lange schon nicht mehr möglich, weil sie an die entsprechenden Banken verpfändet waren. Ein weiterer Trick offenbar, um dem Anhang zu suggerieren, dass die Lage besser sei als sie ist.“
Almosen
Tue Gutes und rede darüber! Eine bayerische Strategie – Michael Horeni (FAZ 20.1.): “Irgendein Weg wird sich ganz sicher finden, wie die Bayern ihre Almosen beim BVB abliefern können – vielleicht durch ein Benefizspiel oder durch günstige Bedingungen bei Transfergeschäften oder zinsfreundliche Kredite. Denn die Vorstellung, nun in die Rolle des selbstlosen Helfers zu schlüpfen, der sich beim jahrelang schärfsten Rivalen generös zeigt, gefällt Hoeneß außerordentlich gut. Wie unvergleichlich schön es ist, sich vom Buhmann der Bundesliga zum gefeierten Retter zu wandeln, hat der Bayern-Manager schon vor einigen Jahren beim Fall des FC St. Pauli erlebt. Solche Momente genießt Hoeneß mehr als viele Siege im Fußballstadion.“
Markus Hesselmann (Tsp 20.1.) zweifelt: „Das Paradies hat uns der Prophet Jesaja als einen Ort geschildert, an dem Wölfe bei Lämmern liegen, Bären mit Kühen weiden und Löwen ihr Stroh mit Ochsen teilen. Ein moderner Prediger auf der Suche nach aktuelleren Gleichnissen würde im Paradies wohl Bayern und Borussen gemeinsam auf die Weide schicken.“
Bayern Münchens Großzügigkeit, Dortmunds Empfangsbereitschaft – Hintergrund, FAZ
Dienstag, 18. Januar 2005
Internationaler Fußball
Mannschaft der cabezas rapadas
Thomas Gravesen wird von den Real-Fans skeptisch beäugt – Walter Haubrich (FAZ 18.1.) berichtet: „Bis vor einem Jahr legte der Verein Wert darauf, daß wenigstens die Hälfte der Spieler Spanier waren. Vereinspräsident Florentino Pérez sagte einmal, seine Mannschaft setze sich aus „Zidanes und Pavones“ zusammen. (…) Das System war zunächst erfolgreich, scheiterte aber, als Pérez sich den Engländer Beckham holte. Mit David Beckham wurde zum ersten Mal bei Real Madrid Marketing genauso wichtig wie die Leistung auf dem Spielfeld. Gravesen erhielt gleich bei seiner Ankunft in Madrid einen Spitznamen. „Ogro“ (Menschenfresser) nannten ihn die großen Sporttageszeitungen. Was viele Real-Fans erschreckt, ist Gravesens kahlgeschorener Schädel. „Wir drohen zur Mannschaft der cabezas rapadas, der Skinheads, zu werden“, hörte man schon auf der Tribüne des Stadions. Ronaldo ist haarlos, weil ihm das Spaß macht, Roberto Carlos, weil er es schön findet, Beckham, weil eine Rasierklingenfirma ihm monatlich viel Geld für den rasierten Schädel zahlt, und Zinedine Zidane wohl nur, weil ihm kaum noch Haare wachsen. Wirklich bedrohlich sieht von den Haarlosen aber nur „der Stier aus Dänemark“ aus.“
Milan zugehörig
Peter Hartmann (NZZ 18.1.) schwärmt von Paolo Maldini: „Sogar das Anagramm des Namens Maldini („Di Milan“) erscheint schicksalshaft und bedeutet: Milan zugehörig. Noch immer haftet ihm das Etikett des „schönsten Fussballers“ an, aber Maldini ist ein Star, für den jenseits der Seitenlinie die Privatsphäre anfängt. Er bleibt in der gehypten Calcio-Szene mit ihren Gossip-Figuren wie Totti, Cassano, Vieri das saubere Gesicht: Nie ein Skandal, brillant und bescheiden, integer und uneitel, respektabel, treu, fair – Begriffe aus einem verschwundenen Wörterbuch. (…) Papa Cesare, inzwischen 73, tritt wie eine gealterte Karikatur von Paolo auf, wenn er im Ristorante Assassino (Mörder) Hof hält und seine Salatblättchen isst, besessen von einem narzisstischen Jugendwahn, mit schlecht gefärbten Haaren.“
Ball und Buchstabe
Ende der Cocktailkrise
St. Pauli in diplomatischer Mission – Jörg Marwedel (SZ 18.1.): „Die „Freibeuter der Liga“, wie sich der FC St. Pauli zu seligen Bundesliga-Zeiten gern titulierte, sind wieder aufgebrochen zu einem neuen Abenteuer: Diesmal hat man sein Trainingslager auf Kuba aufgeschlagen – als erste westeuropäische Fußballmannschaft, die der letzten Insel des realen Sozialismus ihren Besuch abstattet. Und schnell wurde klar, dass dieser 14-tägige Trip mehr ist als eine Folkloretour, auf der mitgereiste Fotografen schöne Kubanerinnen in St.-Pauli-Shirts stecken und ablichten. Die drittklassigen Hamburger sind in Kuba zum Politikum aufgestiegen, sogar zu einer Art Mittler zwischen kapitalistischer und sozialistischer Welt. Den Nachrichtensendungen des staatlichen Fernsehens waren die Kicker Topmeldungen wert. Bald war eine Audienz Corny Littmanns bei Sportminister Humberto Rodriguez Gonzales arrangiert und ein Trainingsspiel gegen Kubas Nationalelf. Und dann erlebte die rund 70-köpfige Hamburger Delegation (auch einige Fans begleiten das Team) noch einen historischen Moment: das Ende der sogenannten Cocktailkrise, jenes Boykotts westlicher Botschaften, die der Maximo Lider Castro vor zwei Jahren aus Protest gegen den Irak-Krieg verhängt hatte und soeben aufhob. Bei einer Gartenparty im Diplomatenviertel Havannas tummelten sich die Fußballer auf Einladung des deutschen Botschafters Bernd Wulffen unter internationaler politischer und heimischer sportlicher Prominenz.“
Bundesliga
Das Kleinklein war seine Sache nie
Mit Skepsis kommentiert Wolfgang Hettfleisch (FR 18.1.) die Verpflichtung Rudi Völlers als Leverkusener Sportdirektor: „Der Nachweis seiner Alltagstauglichkeit steht aus. Als leitender DFB-Angestellter stand Völler nicht im Ruf, ein detailversessener Workaholic zu sein. Das Kleinklein war seine Sache nie. Er verließ sich auf sein Gefühl. Das muss auch im Management einer mittelständischen Fußball-Firma kein Fehler sein. Aber als Rüstzeug ist es doch ein bisschen wenig.“
Bayer fehlt ein Gesicht
Christoph Biermann (SZ 18.1.) hingegen wirft ein: „Für den Klub liegen die Vorteile einer erneuten Liaison mit dem Mann, der just im August 2000 ging, als er zum Nachfolger von Reiner Calmund aufgebaut werden sollte, ohnehin auf der Hand. In einer Phase wirtschaftlicher Konsolidierung hat der Verein deutlich die Kontur verloren. Zwar mögen der barocke Führungsstil von Reiner Calmund und seine spendable Vertragspolitik entbehrlich bleiben, doch fehlt Bayer seit dem Sommer ein Gesicht. Völler wird dieses Manko mit seiner ungeheuren Popularität problemlos beheben können. Vor kurzem kam er bei einer Umfrage nach den beliebtesten Deutschen auf den vierten Platz. Geschlagen geben musste er sich nur dem Sieger Günther Jauch, Steffi Graf und Thomas Gottschalk.“
In der SZ(17.1.) lesen wir: „Mit Geldstrafen ahndet Werder Bremen eine Attacke von Johan Micoud gegen Fabian Ernst. Der musste mit acht Stichen genäht werden.“
Frank Hellmann (FR 18.1.) ergänzt: „An der Weser wissen sie längst, dass ein Gebilde, in dem Micoud den Fixstern spielt, nicht mehr funktionieren kann. Wer aber wagt bei Werder, das dem Heißsporn zu erklären?“
Montag, 17. Januar 2005
Allgemein
Il capitano
Birgit Schönau (SZ 15.1.) rühmt Paolo Maldini: „Maldini verkörpert den italienischen Fußball, oder besser: Was der italienische Fußball einmal war – und irgendwann wieder sein möchte. Nie ein Skandal. Nie ein Moment des Sich-Gehen-Lassens, der ungezügelten Wut, der Unfairness. Maldini ist ein Aushängeschild geblieben, einer der ganz wenigen Überparteiischen, deren Fans nicht identisch mit den Tifosi des eigenen Klubs sein müssen. Der Klub ist Milan. Seit immer. Seit zwei Jahrzehnten. Längst ist Maldini Kapitän, mehr noch, er ist il capitano. (…) Paolo Maldini bringt es fertig, es elegant aussehen zu lassen, wie er dem Gegner den Ball abnimmt.“
Interview
Ich bin auch ein Bauernjunge
Udo Lattek, der gestern 70 geworden ist, mit Roland Zorn (FAZ 15.1.)
FAZ: Wie sind Sie Trainer geworden?
UL: Das war eher Zufall. Ich war während meines normalen Studiums zwischen meinem 20. und 23. Lebensjahr an der Kölner Sporthochschule. Da wurde auch ein Fußballehrer-Lehrgang angeboten, um in der Bundesliga trainieren zu können. Eines Tages war wunderschönes Wetter in Köln, und ich bin anstatt zum Fußballehrer-Lehrgang lieber zum Schwimmen gegangen. Da kam mir anschließend mein Ausbilder, Hennes Weisweiler, mit seiner Borgward Isabella entgegen, als ich pfeifend und singend mit meinem Freund vom Schwimmen kam. Weisweiler stoppte und raunzte mich an: „Warum sind Sie nicht zum Fußball gekommen, wenn Sie noch mal fehlen, fliegen Sie raus.“ Meine Antwort lautete: „Rutschen Sie mir doch den Buckel runter.“ Dann habe ich mich umgedreht, und damit war das Thema Fußball erst mal für mich erledigt. (…)
FAZ: Sie waren kein großer Spieler, Ihr jahrelanger Trainerwidersacher Otto Rehhagel auch nicht. Woher rührt Ihre Antipathie gegen den Kollegen, der Griechenland zum Europameister machte?
UL: Der Mann ist mir zu unwichtig, um mich darüber weiter auszulassen. Nur soviel: Die Geschichte fing an mit einem Pokalspiel in München, als Rehhagel die Offenbacher Kickers trainierte. Damals ging Offenbach bei Bayern aus Versehen 1:0 in Führung und hat dann natürlich die Kiste vollgekriegt. Nach dem 1:0 aber tanzte der Rehhagel vor unserer Trainerbank herum mit Sprüchen wie: „Jetzt zeigen wir’s dir.“ Da habe ich mir gesagt, ich zeige es dir mein Leben lang. Ich schätze seine Arbeit, aber seine Außendarstellung gefällt mir nicht. Ich muß nicht ständig zeigen wollen, was ich für ein toller Kerl bin. Entweder ich bin es, oder ich bin es nicht. Wenn ich ihn in Talkshows gesehen habe, wie er die Augen verdreht hat, war mir ganz anders. Er hat seine Komplexe, ich habe studiert. Ich bin auch ein Bauernjunge. Was ist, verdammt noch mal, schlecht daran, wenn man Anstreicher gelernt hat?
Wenn der Chip zuverlässig ist, wäre das eine prima Sache
Knut Kircher mit Christoph Kneer (BLZ 15.1.) über den Chip im Ball
BLZ: Für viele in der Branche wäre der Chip im Ball eine Revolution.
KK: Für die Schiedsrichter nicht. Wir haben gelernt, uns auf so etwas einzustellen. Das ist ähnlich wie bei der Funkfahne des Assistenten. Früher hat der Linienrichter einen Stecken mit einem Lappen dran hoch gehalten, und wenn der Schiedsrichter nicht raus geschaut hat, hat er halt umsonst gewunken. Dann kam die elektronische Fahne, und man hat sich als Team neu einstellen müssen, aber man hat bald gemerkt, dass das Piepssignal die Kommunikation verbessert. Ähnlich wäre das mit dem Chip.
BLZ: Sie würden den Chip also begrüßen?
KK: Wenn das zuverlässig und in hundert Prozent aller Fälle funktioniert, wäre das eine prima Sache.
BLZ: Die Schiedsrichter würden das nicht als krassen Eingriff in ihre Kompetenzen werten, als Bevormundung?
KK: Gar nicht. Wieso sollten wir diese Hilfe nicht annehmen, wenn sie technisch möglich ist? Es ist ja nicht so, dass dem Schiedsrichter vor aller Augen ein Fehler nachgewiesen würde. Der Schiedsrichter muss sich ja gar nicht umentscheiden. Man muss sich das so vorstellen: Der Ball fliegt aufs Tor, knallt an die Unterkante der Latte, prallt auf den Boden, keiner weiß, ob Tor oder nicht, und in diesem Moment geht oberhalb des Tores ein rotes Licht an und blinkt wie wild. Dann weiß der Schiedsrichter: Aha, Tor, und kann so entscheiden, und der Zuschauer wird nie erfahren, ob der Schiedsrichter ohne Hilfsmittel auch so entschieden hätte. Der Schiedsrichter muss keine Entscheidung revidieren. Das ist der Unterschied zum Videobeweis.
BLZ:… der in der Schiedsrichter-Gilde auf wenig Gegenliebe stößt.
KK: Das Problem am Videobeweis ist: Er ist anders als das Chipsignal nicht spontan lieferbar. Es ist doch so: Die Kameras stehen irgendwo im Stadion, und es müsste dann ja irgendeinen geben, der alle Ansichten aller Kameras kurz durchsichtet und dann sagt: Hier, hallo, Kamera 17, die hat genau die richtige Einstellung. Und dieses Bild muss dann sekundenschnell auf einen Monitor überführt werden …
BLZ:… und dann rennen Sie zum Monitor, der am Spielfeldrand steht …
KK: … ja, entweder der Schiedsrichter selbst, wie im Eishockey, oder es gibt einen Oberschiedsrichter, der am Spielfeldrand sitzt. Aber da vergehen Minuten, und in dieser Zeit hat der Zuschauer Pause. Das macht die Spontaneität des Spiels kaputt.