indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 16. Dezember 2004

Internationaler Fußball

Befehl von oben

Martin Hägele schreibt noch immer für die Frankfurter Rundschau, heute über die Fußball-Begeisterung in Japan: „Asiens beste Fußball-Nation ist zu einer stimmungsvollen Großmacht gewachsen. In der J-League kommen mittlerweile 19 000 Zuschauer im Schnitt, Tickets in den WM-Arenen von Saitama und Yokohama gehen innerhalb von zwei Stunden telefonisch und über Internet weg, selbst wenn Zicos Schützlinge nur gegen Indien oder Singapur antreten. Kein anderes Land hat einen vergleichbaren Boom erlebt. Ausgelöst haben diese Entwicklung nicht nur patriotische Sportfunktionäre: Es war ein Befehl von oben, Wirtschaftsmacht und Nation sollten sich auch im populärsten Sport der Welt produzieren. Politiker, Konzerne und Konglomerate setzten all ihre Werbekräfte hinter dieses Unterfangen, das unter dem gesellschaftlichen Slogan „vom Reisfeld zum Fußballfeld“ angelaufen war. Die J-Leage gilt inzwischen als Musterbetrieb. (…) Japan, das 120-Millionen-Volk, kann es sich nicht leisten, das nächste Familienfest des Fußballs zu verpassen – ein gar schreckliches Bild, und der blanke Horror, wenn stattdessen die armen Kicker aus Nordkorea auf Reise gehen würden.“

Liebedienern ist was anderes – Martin Hägeles Äußerungen über die FR vor einer Woche

Top Drie?

Bertram Job (NZZ 16.12.) über Feyenoord Rotterdam: “Die besten Zuschauer der Liga, aber längst nicht die besten Spieler: Das ist die derzeitige Situation im niederländischen Traditionsverein. Im Süden der Hafenmetropole ist man es gewohnt, sich zur führenden Dreifaltigkeit im Fussball zu zählen. Bis heute spricht man in der kleinen, aber stolzen Fussballnation von den „Top Drie“, womit der PSV, Ajax und Feyenoord gemeint sind. Doch ausser hohen Erwartungen ist auch in dieser Saison wenig am Vorzeigeverein der Hafenstadt optimal. Und das kann nur hartnäckige Optimisten überraschen. Seit Jahren bemüht sich die Vereinsführung vergeblich, mit einem relativ grosszügigen Budget (jetzt etwa 50 Millionen Euro) eine grosse Mannschaft aufzubauen.“

Ball und Buchstabe

Zwei Wellen

„Das ferne Deutschland ist für viele Japaner fast ein Synonym für Fußball“, erfahren wir von Anne Scheppen (FAZ 16.12.): „Der „Kahn-Boom“ kurz nach der Weltmeisterschaft brachte nicht nur Fernsehübertragungen von Bundesligaspielen mehr Zulauf, sondern auch Sprachschulen. Auf das Goethe-Institut in Tokio trafen in den vergangenen fünfzehn Jahren zwei Wellen lernwilliger junger Japaner, die sich in Deutschkurse einschrieben: eine große nach der Wiedervereinigung und eine kleine, nachdem Oliver Kahn am Pfosten seines Tores dem entgangenen Weltmeistertitel nachgetrauert hatte. Die Begeisterung ließ inzwischen merklich nach. Und weil das deutsche Image insgesamt in Japan mehr und mehr vergreist, ist 2005 ein aufwendiges „Deutschland-in-Japan-Jahr“ geplant. Das erste Länderspiel zwischen Japan und Deutschland kommt zwar etwas früh, wird aber als vorgezogenes „Auftaktspiel“ für die Imagekampagne genutzt.“

Chancen leichtsinnig vertändelt

H.G. Pflaum (SZ/Feuilleton 16.12.) rezensiert „Aus der Tiefe des Raumes“, ein Film über Günter Netzer als zum Leben erweckte Tipp-Kick-Figur: „Netzer als nicht von Menschen gezeugte Kunstfigur, der erste echte Popstar der deutschen Kicker, ein Alien auf dem Spielfeld – diese Fiktion hat, wenn wir den realen, cleveren Vermarkter außen vor lassen, durchaus ihren Reiz und kommt dem Phänomen Fußball vielleicht näher als manche Bemühung, dem populären Sport irgendeine realistischere Spielfilmstory abzugewinnen. (…) Ein Jammer nur, dass Gil Mehmert seine absurde Geschichte unbedingt als Komödie inszenieren wollte. Die Zugeständnisse und die Anpassung an das Genre, die Unterordnung unter die Regeln erlauben dem Film nur wenige freie, gänzlich unerwartete Spielzüge. Die Anfänge der Bundesliga und Günter Netzer hätten zum Exempel werden können für die rasanten Veränderungen in der Bundesrepublik in den Sechzigerjahren. Diese Chancen hat der Autor und Regisseur in seinem Spiel manchmal etwas leichtsinnig vertändelt.“

Die, sehr schöne, Homepage zum Film

Unterhaus

Die Millionen-Wetten werden im spielfreudigen Asien gesetzt

Klaus Hoeltzenbein (SZ 16.12.) befasst sich mit der Spekulation um den Oberhausener und Auer Wettbetrug: „Gerade der deutsche Erst- und Zweitliga-Spielbetrieb ist kurz vor der WM 2006 für sein großes wirtschaftliches Glück darauf angewiesen, ein Spielbetrieb frei von jeder Irritationen zu sein. Wenn in zwei Jahren die „Welt zu Gast bei Freunden“ erwartet wird, sollte die feine Gesellschaft auch ihre Feinde kennen. Schon 2002, vor der WM in Japan und Südkorea, sprach der asiatische Verband eine offizielle Warnung vorrangig an die Teilnehmer seines Kontinents aus, sich vor jedwedem Kontakt zur Wett-Mafia zu hüten. Hier zu Lande wissen die wenigsten, dass die Millionen-Wetten im spielfreudigen Asien gesetzt werden, dort werden die Fußball-Kurse gemacht, an denen sich der Rest der Welt orientiert.“

Hintergrund, SZ

Ascheplatz

Die Asien-Reise

Die Asien-Reise, auch eine Chance, Geld zu erwirtschaften – Daniel Theweleit (taz 16.12.): „Die DFL hinkte in den vergangenen Jahren stets hinterher in der Konkurrenz mit den Spaniern, den Italienern und den Engländern. Das soll sich jetzt ändern. Sportlich sieht es gut aus für die deutschen Teams, wirtschaftlich sind die Klubs vergleichsweise gesund, und nun schickt man sich an, den Rückstand auf den fernen Fußballmärkten der Welt aufzuholen. Die Asienreise soll dazu dienen, der Bundesliga im bevölkerungsreichsten Erdteil zu größerer Präsenz zu verhelfen. Der Blick wird sich aufgrund der nahenden WM in den kommenden Monaten ohnehin verstärkt auf Deutschland richten, aber nicht nur deshalb ist die Ausgangslage äußerst günstig für die DFL. In den anderen großen Ligen sind die Zuschauerzahlen rückläufig, sportlich ist die Bundesliga ausgeglichener als die Konkurrenz, in Spanien und Italien wird das Spiel kontinuierlich von Finanzskandalen begleitet, in der Bundesliga fallen viele Tore, und außerdem biete „Deutschland mit seinen neuen Stadien die besten Fernsehbilder überhaupt“, sagt Ilja Kaenzig, Manager von Hannover 96. Die Möglichkeiten sind auch den Verantwortlichen der DFL bekannt, nur erreicht haben sie lange Zeit nicht sehr viel.“

Deutsche Elf

Die ewige Debatte um Ballacks Rollenspiel ist nichts weiter als Folklore

Michael Ballack, unumstrittener Kapitän – Jens Weinreich (BLZ 16.12.): „Ein deutscher Rückblick auf das WM-Finale 2002 reduziert sich zu oft auf den Namen Oliver Kahn. Dabei wäre doch immer auch ein zweiter Profi zu nennen, obwohl der gar nicht dabei war: Michael Ballack. Es gibt Menschen, die vom Fußball relativ viel verstehen und deshalb glauben, mit Ballack hätte Deutschland – Kahns Fehler hin oder her – gegen die Seleção gewonnen. (…) Ballack ist mittlerweile in seinem Gewerbe als absolute Autorität anerkannt. Die ewige Debatte um Ballacks Rollenspiel – ist er nun ein kleiner Kaiser oder ein Grande Lider? – ist nichts weiter als Folklore.“

Eine Liste der deutschen WM-Torhüter, sortiert nach Alter

Mittwoch, 15. Dezember 2004

Allgemein

Übersteigerter Spieltrieb

Alexander Hleb, ein sehr wichtiger Spieler für den VfB Stuttgart – Michael Ashelm (FAZ 15.12.): „Das individuelle Können überstrahlt an einem guten Tag alle anderen sichtbaren Talente auf dem Platz, doch noch immer muß dem Jungspund viel Aufmerksamkeit und Geborgenheit entgegengebracht werden, damit er seine Extravaganz richtig einsetzt. Als er zuletzt mehrere Wochen seinem Leistungsvermögen hinterherlief, rutschte der ganze VfB in ein Tief. Da zeigte sich plötzlich wieder der eigenwillige Hleb, der zu selten an Nebenleute und Mannschaft denkt, die Defensivarbeit kläglich vernachlässigt. Und das nicht unbedingt aus Überheblichkeit – ein übersteigerter Spieltrieb verdrängt dann bei ihm alle logischen taktischen Maßgaben.“

Ball und Buchstabe

Vorübergehend Panik

Die SZ meldet: „Victoria und David Beckham haben für rund 1600 Euro am Tag einen Butler eingestellt, damit die Festtage reibungslos über die Bühne gehen, so Ananova.com. Nachdem ihr langjähriger Diener kürzlich gekündigt hatte, sei vorübergehend Panik bei Beckhams ausgebrochen, wird ein Vertrauter zitiert. Der neue Butler solle nicht nur die Geschenke für die Beckham-Söhne und den Rest der Familie auspacken: Vor dem Essen soll er alle Handys einsammeln, damit es bei Tisch nicht zu Störungen kommt.“

Deutsche Elf

Das ganze Land scheint sich hinter Klinsmanns schmalen Schultern sammeln zu wollen

Klinsmann-Euphorie – eine Ode von Philipp Selldorf (SZ 15.12.): „Seit Klinsmann den Posten des Bundestrainers übernommen und programmatisch revolutioniert hat, sind Länderspiele keine isolierten Sportveranstaltungen mehr, sondern kulturschaffende Ereignisse. Seine natürliche Offenheit, Unabhängigkeit und Entschlossenheit bilden einen Kontrast in diesem irgendwie immerzu wimmernden Land, das sich ständig fragt, wie es endlich ein bisschen glücklicher werden könnte. Nun scheint er die Formel seines persönlichen Segens auf die Fußballnation zu übertragen. (…) Von Klinsmanns verbindender Kraft wollen alle profitieren. Seitdem er ein Volksvergnügen ist – seit dem frühen 20. Jahrhundert also – wird Fußball politisiert. Aber in Deutschland ist er, die WM 2006 im Visier, ein Politikum. Wenn die Nationalelf auf Reisen geht, befinden sich Wirtschaftsvertreter in ihrem Gefolge wie bei einer Staatsvisite. Das ganze Land scheint sich hinter Klinsmanns schmalen Schultern sammeln zu wollen.“

In der NZZ lesen wir über Deutschlands Gegner: „Im Vergleich mit Deutschland ist die japanische Nationalmannschaft eine Teilzeitfabrik: Das Treffen mit der Equipe von Coach Klinsmann zählt bei Chefcoach Zico als zweiundzwanzigstes (in Zahlen: 22!) des Jahres.“

Dienstag, 14. Dezember 2004

Allgemein

Aus dem Rahmen der am Reißbrett geplanten Karrieremuster

Richard Leipold (FAS 12.12.) skizziert den Aufstieg Patrick Owomoyelas: “Owomoyela schickt sich an, im beschleunigten Verfahren Nationalspieler zu werden. Da ist er nicht der erste und wird vermutlich nicht der letzte sein. Dennoch ist seine Geschichte eine, die aus dem Rahmen der am Reißbrett geplanten Karrieremuster fällt. Sein Aufstieg in die Elite verlief nicht so folgerichtig wie der anderer Profis, die nach kurzer Probezeit in der Bundesliga schon in den Stand eines Nationalspielers erhoben wurden. Bevor Uwe Rapolder sich seiner annahm, ihn forderte und förderte, hatte Owomoyela fast abgeschlossen mit dem Traum, Berufsspieler in der ersten oder zweiten Liga zu werden. Fünf Jahre lang hatte er sich als Amateur bei Vereinen wie Lüneburg, Osnabrück oder Paderborn verdingt. Einer seiner Trainer soll sogar gesagt haben, er möge doch lieber Schach spielen.“

Die Disziplin hat ihn nach ganz oben gebracht

Birgit Schönau (SZ 14.12.) gratuliert Andrej Schewtschenko zur Wahl zum besten Fußballer Europas: „Dynamo und der AC Mailand sind die einzigen Klubs, in denen Schewtschenko jemals gespielt hat. Sie könnten nicht verschiedener sein. Dort die Kaderschule von „Oberst“ Lobanowski, der seiner Elf einmal in der Halbzeitpause befahl, die Wollstrumpfhosen aus- und die Sommertrikots anzuziehen. Dynamo war im Rückstand, bei einer Temperatur von minus acht Grad. Sie gewannen 2:1. Und dann, wie als Kontrastprogramm, der AC Mailand mit seinen Rothko-Gemälden im Trainingszentrum, den weißen Pfauen auf dem perfekt gepflegten Rasen, dem traditionell vor wichtigen Spielen servierten Lorbeer-Risotto. Die Disziplin hat ihn nach ganz oben gebracht. Mit Leichtigkeit. Für Milan die richtige Mischung. (…) Die Familie ist in der Ukraine geblieben, wo der Offizierssohn Schewtschenko wie ein Volksheld verehrt wird. Weswegen es einen Sturm der Entrüstung gab, als er sich kürzlich auf die Seite des Noch-Präsidenten Janukowitsch schlug. „Schäm“ dich, Sheva“, hatten ukrainische Fans auf Spruchbänder geschrieben, die sie bei der Partie Milan-Shakhtar Donetsk hochhielten. Er habe Janukowitsch doch nur als Sportsmann gemeint, präzisierte da Schewtschenko in perfekter Milan-Dialektik.“

Jenseits der in Italien üblichen theatralischen Wehleidigkeit

Peter Hartmann (NZZ 14.12.) fügt hinzu: „Er war mit seinem Mut, in die zuschnappende Mechanik des Catenaccio zu laufen, in den Clinch mit den Zerstörern, die mit den Ellenbogen austeilen und sich an sein Trikot klammern, der vielleicht wichtigste Spieler in der Milan-Mannschaft, die letzte Saison die wahrscheinlich härteste und schmutzigste Meisterschaft der Welt gewann. (…) Die schwerelose Art, wie er seine Pirouetten dribbelt, wie er Gegner ins Leere laufen oder, jenseits der in Italien üblichen theatralischen Wehleidigkeit, wie ein Rammbock an seinem athletischen Körper aufprallen lässt, erinnert an seine Kinderzeit, als er in den langen Wintern Eishockey spielte.“

Interview

Wir Spieler saugen seine Worte auf

Michael Ballack mit Lars Gartenschläger (WamS 12.12.)
WamS: 2004 neigt sich dem Ende zu, und es war für Sie sehr bewegt. Was ist hängengeblieben?
MB: Es war eine große Erfahrung für mich, in meinem zweiten Jahr bei den Bayern „nur“ Zweiter geworden zu sein. Dazu sind wir in der Champions League im Achtelfinale ausgeschieden. Da habe ich das erste Mal gespürt, wie gewisse Dinge ablaufen, wenn man in München nicht Erster wird und Schuldige gesucht werden. Die Art und Weise der Kritik, die es teilweise an meiner Person auch von Vereinsseite gab, hat mich enttäuscht. (…)
WamS: Jürgen Klinsmann hat binnen weniger Monate einen Stimmungswandel bewirkt, indem er unkonventionell an die Arbeit herangegangen ist, das Führungspersonal ausgetauscht, das Team verjüngt und verstärkt psychologisch gearbeitet hat. Gefällt Ihnen das?
MB: Die Lösung, ihn als Bundestrainer zu berufen, kam überraschend. Aber er hat in der Kürze der Zeit, die er im Amt ist, schon sehr viel bewegt. Sicherlich hat er Maßnahmen getroffen, die nicht immer auf Gegenliebe gestoßen sind. Aber er hat mit guten Argumenten seine Entscheidungen vertreten und ist deshalb sehr überzeugend. Er ist immer gut drauf und wirkt im Umgang mit uns Spielern sehr positiv. Ich habe in meiner bisherigen Karriere selten einen Trainer gehabt, der so unheimlich positiv eingestellt ist und Menschen so derart begnadet für eine Sache begeistern kann. Das ist genial. Er hat eine Gabe, die ihresgleichen sucht. Wir Spieler saugen seine Worte regelrecht auf. Was sogar den Effekt hat, daß wir nach Länderspielen zurück zu unseren Klubs kommen und unsere positive Einstellung dort weiter ausleben.
WamS: Inwieweit sehen Sie es in einer Zeit, in der viele Menschen in diesem Land zum Jammern neigen, auch als Auftrag an, mit dem Nationalteam Mut, Entschlossenheit und Risikofreude zu verkörpern?
MB: Viele Fans würden ihr letztes Hemd dafür geben, um ein Fußballspiel von uns live erleben zu dürfen. Ich denke, wenn wir den Menschen etwas zurückgeben und sie ihre Nationalmannschaft siegen sehen, gehen sie vielleicht etwas positiver an bestimmte Dinge heran, haben mehr Freude an der Arbeit oder haben auch nur ein gutes Gefühl.

Die Winterpause ist ein unschätzbarer Vorteil

Wilfried Kindermann, ehemaliger DFB-Arzt, mit Frank Hellmann (FR 13.12.)
FR: Sollte mit den Nationalspielern in dieser Spielzeit vor der WM schonender umgegangen werden?
WK: Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir in Deutschland eine Winterpause haben. Sie ist ideal, um nach einer Regenerationsphase über Weihnachten und Neujahr die Kondition wieder aufzubauen und Blessuren auszuheilen. Die Winterpause bedeutet damit sowohl Leistungsoptimierung als auch Gesundheitsvorsorge. Das ist ein unschätzbarer Vorteil. Als Arzt muss ich dringend vor der Abschaffung warnen.
FR: Ist die Zahl der Wettbewerbe weiterhin zu hoch? Treiben die Nationalspieler Raubbau mit ihrem Körper?
WK: Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass die letzten zehn Wochen einer Saison eine kritische Phase darstellen. Spieler, die bei der WM 2002 und der EM 2004 überdurchschnittliche Leistungen zeigten, hatten in den letzten zehn Wochen dieser Spielzeit weniger Spiele bestritten als Spieler mit unterdurchschnittlichen Leistungen. Das bedeutet, dass ein dichter Spielplan am Ende der Saison zu Übermüdung mit Leistungsabfall führen kann. Die Konsequenz daraus könnte lauten, dass Nationalspieler idealerweise gegen Ende der Saison nur einmal pro Woche spielen sollten. Aber grau ist alle Theorie, wenn Nationalspieler in den europäischen Club-Wettbewerben weit kommen.

Internationaler Fußball

Siegermentalität für die Generation X-Box

2:2 zwischen Arsenal und Chelsea – Raphael Honigstein (FTD 14.12.) schaut auf Kragen und Revers: „José Mourinho bleibt klarer Tabellenführer, auch in modischer Hinsicht. Premier-League-Trainer interessieren sich in der Regel nicht groß für Kleidung, doch der Portugiese weiß genau, dass Mode versteckte Botschaften transportieren kann. Am Anfang seines Engagements beim FC Chelsea trug der 41-Jährige nur Trainingsanzüge, um zu zeigen, dass nicht die vielen Abramowitsch-Millionen, sondern harte Arbeit den Erfolg bringt. Im Herbst, als die Blauen mit tiefgekühltem Ergebnisfußball die Puristen auf der Insel verstörten, ließ er sich nur in feinen Prada-Jacken blicken; die suggerierten, dass er durchaus einen Sinn für Ästhetik hat. Die Mourinho-Kollektion für den Winter kombiniert nun schwere Ledermäntel mit betont schlampig gebundenen Krawatten und gelangweiltem Gesichtsausdruck. Das erinnert an schlimme, coole Jungs, wie man sie früher auf dem Schulhof traf – wenn diese Typen nicht gerade rauchten, mit Mädchen rummachten oder ohne Führerschein Vespa fuhren, vermöbelten sie Schulanfänger. In der Rolle des arroganten Alpha-Tieres gefällt sich der Mann, er lebt sie für seine Mannschaft vor, so sieht Siegermentalität für die Generation X-Box aus. (…) Selbst Highbury, das gegnerische Fans gerne als „library“ verspotten, weil es in dem Stadion oft ähnlich leise ist wie in einer Bibliothek, hatte während dem feurigen und streckenweise hochklassigen Derby die Lust am Lärm entdeckt.“

Catalonia is not Spain

Ein Zwischenruf aus Barcelona von Georg Bucher (NZZ 14.12.): „Einen Vergleich zwischen dem Dream-Team der Saison 1990/91 und dem Samba-Team von heute legen die Trainer nahe. Johan Cruyff und Frank Rijkaard sind Exponenten der Ajax-Schule, der gepflegte Fussball mit offensiver Ausrichtung liegt ihnen im Blut. (…) Transparente mit der Aufschrift „Catalonia is not Spain“ sieht man regelmässig im Camp Nou, auch Werbung für die Madrid konkurrenzierende Pariser Olympia-Kandidatur 2012. Befürchten diese Kreise etwa, Olympische Spiele in der Kapitale würden Real einen ähnlichen Schub verleihen wie jene von 1992 Barça?“

Aus der Abteilung „Abenteuerliches im Schweizer Fussball

Peter B. Birrer (NZZ 14.12.) kommentiert die Zahlungsunfähigkeit Servette Genfs: „Was sich im Super-League-Klub Servette ereignet, ist das nächste Lehrstück aus der Abteilung „Abenteuerliches im Schweizer Fussball“. Dass der Finanzhaushalt in einem Klub aus dem Ruder läuft, ist nicht neu. Seit Jahren passiert im vorwiegend irrational und emotional gesteuerten Geschäft Fussball Ähnliches, sei es in Lugano, Lausanne, Sitten, Bern oder Luzern. Ende 2004 ist der Servette FC zahlungsunfähig; er hat das Betreibungsamt im Haus und löst Negativschlagzeilen en masse aus. Die Oktober- und November-Löhne (1,5 Millionen Franken) können nicht überwiesen werden, Lügengebilde türmen sich auf, Geldgeber äussern sich widersprüchlich, weitere Donatoren werden gesucht – und die Verantwortlichen stehen mit dem Rücken zur Wand. Trotz den Parallelen mit anderen Sanierungsfällen ist der Fall Servette gesondert zu betrachten: Zum einen wegen des neuen Stadions, zum anderen wegen der darin involvierten öffentlichen Hand.“

Unterhaus

Duisburger Baustellen vor der Vollendung

Marcus Bark (FTD 14.12.) beglückwünscht dem MSV Duisburg zur Tabellenführung: „Walter Hellmich möchte „den MSV als einen der besten Klubs in Deutschland etablieren“. Ein konkurrenzfähiges Stadion hat er jedenfalls schon. Für 43 Mio. Euro wurde es in Rekordzeit hochgezogen. Ein blauer Neonstreifen am oberen Tribünenrand macht zusätzlich etwas her. Er erinnert an die Arena AufSchalke, an der Hellmichs Firma ebenfalls mitgebaut hat. Der Präsident liebt solche großen Projekte. Menschen, die mit solchem Ehrgeiz und entsprechend viel Geld ausgestattet sind, haben in der Regel wenig Geduld. Umso erstaunlicher ist die jüngste Geschichte des MSV. Als die Fans nach dem Schlusspfiff auf die Zäune stiegen, gab es Rufe: „Wir wollen den Trainer sehen.“ Es waren vermutlich etliche dabei, die Norbert Meier vor wenigen Monaten noch gerne irgendwo auf dem Globus gesehen hätten, aber nicht auf der Trainerbank ihres Vereins. Als die MSV-Arena im vergangenen Jahr noch das zugige und teils baufällige Wedaustadion war und der Verein gegen den Absturz kämpfte, schallte es anders von den Rängen: „Meier raus!“ Einmal sei es so laut gewesen, dass er sein eigenes Wort bei der Pressekonferenz nicht mehr verstand. Dabei, so Meier, hätten die Leute nicht begriffen, dass nicht nur ihr Stadion eine Baustelle gewesen sei. Auch die Mannschaft stand vor einem radikalen Umbau.“

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