Samstag, 20. November 2004
Interview
Die Mannschaft hatte alle Symptome einer verhätschelten und verwöhnten Truppe
SpOn-Interview (19.11.) mit Ralf Rangnick
SpOn: Trainieren Sie zurzeit die beste Mannschaft Ihrer Karriere?
RR: In Stuttgart waren sich die Führungsspieler nicht grün, da gab es keine Einigkeit. Wenn man diese Dinge hinzuzieht, dann glaube ich schon, dass ich jetzt hier sehr gute Voraussetzungen habe – vielleicht die besten, die ich bisher als Trainer hatte. Die Köpfe der Mannschaft sind Spieler, die mitdenken, die auch mal sagen: Trainer, können wir da noch mal drüber sprechen. So sollte es auch sein.
SpOn: Sie haben sich vor kurzem bei Krassimir Balakow bedankt. Hat Ihr Konflikt damals Sie als Trainer verändert?
RR: Es war ja nicht nur Balakow, es waren viele eigenwillige Typen in dieser Mannschaft. Es war für mich ein Schnellkurs, was in der Bundesliga passieren kann. Die Stuttgarter Mannschaft hatte damals alle Symptome einer verhätschelten und verwöhnten Truppe. Es war nicht einfach, als Trainer mit diesen Egoismen umzugehen. Es gab Momente, da habe ich gedacht: Bist du eigentlich völlig bescheuert, was tust du dir da eigentlich an? Aber im Rückblick waren diese Erfahrungen für meine Entwicklung als Trainer gut.
SpOn: Helfen diese Erfahrungen im Umgang mit Spielern wie Ailton?
RR: Na klar. Wenn man Stars hat und dann speziell noch aus Südamerika, muss man sich im Klaren sein, dass die anders ticken. Beim Toni muss man jeden Tag darauf vorbereitet sein, dass etwas passiert. Dem kann man nicht nur mit Strenge oder Sanktionen begegnen. Man muss sich auch damit beschäftigen, warum das jetzt so ist. Das habe ich schon gelernt.
SpOn: Ist Ailton richtig integriert?
RR: Das kann er noch nicht sein, dafür ist er viel zu kurz hier. Mit einem Spieler wie Toni reibt man sich auch mal, das ist auch okay. Wenn man ihn holt, muss man versuchen, das Optimum aus ihm herauszuholen. Aber auch ihm muss klar sein, dass es sich hier nicht nur um den FC Ailton 04 handelt. Es kann sich nicht alles um Toni drehen. Er muss selber auch seinen Beitrag für die Mannschaft leisten. Darum geht es in der täglichen Auseinandersetzung. Und das hat er verstanden.
Ball und Buchstabe
Berührungsangst vor der Psychologie
Die Berührungsangst des deutschen Profifußballs vor der Psychologie (FAZ) – die Sorge, die Fans könnten die Bindung ans Spiel verlieren (FAZ) – Rassismus in Spaniens Fußball? (Tsp) – Dietrich Weise (ein Ossi?) wird 70 (FR)
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Leichtigkeit und Spaß an der freien Bewegung
Höchst lesenswert! Nicole Geffert & Karsten Mentasti (FAZ 20.11.) empfehlen den Fußballvereinen, sich durch Psychologen unterstützen zu lassen: „Für die hochbezahlten Kicker ist noch nicht opportun, was Leistungsträger in großen Unternehmen als begleitende Maßnahme auf ihrem Karriereweg in Anspruch nehmen. Coaching – dazu zählt mentales Training ebenso wie Verhaltensreflexion – wird dort als effektive Form der persönlichen Weiterentwicklung gefordert und gefördert. In den Bundesligaklubs dagegen ist kaum Bereitschaft vorhanden, sich psychologische Unterstützung von außen zu holen; auch dann nicht, wenn Leistung und Einstellung nicht mehr stimmen oder es im Team zu anhaltenden Spannungen kommt. (…) Jürgen Klopp überraschte seine Fußballer mit einer viertägigen Teambildungsmaßnahme in der schwedischen Wildnis. Die Erfahrung, gemeinsam eine Herausforderung gemeistert zu haben, wirkte begeisternd. Um diese Stimmung zu konservieren, bat Klopp am Lagerfeuer jeden Spieler, einen Brief an sich selbst zu schreiben – über die Erfahrungen und Eindrücke, die ihm dieser Schwedentrip gebracht hat. „Die Briefe wurden in beschriftete Umschläge gesteckt und eingesammelt“, erzählt der Trainer. „Sollten wir irgendwann als Mannschaft in eine Krise geraten, werden die Briefe an die jeweiligen Spieler verschickt. Jeder soll dann in Ruhe noch einmal durchlesen, was er damals am Feuer, im Kreise der Mannschaft, niedergeschrieben hat, und sich damit auch wieder in die besonderen und stärkenden Gefühle zurückversetzen.“ (…) „Fußball-Lehrer“, fordert der Hamburger Psychologe Meiss, „müßten in ihrer Ausbildung stärker für psychologische Aspekte sensibilisiert werden.“ Das fange schon mit rhetorischen Fähigkeiten an. Werden bei der Kabinenansprache Formulierungen verwendet wie „Versucht mal …“, bleibe es in der Regel auch beim Versuch. Noch schlimmer: Sätze, die mit „Ihr müßt …“ beginnen. Das führe zu Verkrampfungen, die sich sogar körperlich niederschlagen könnten, bis hin zum Muskelfaserriß. Grundsätzlich sollten Leichtigkeit und Spaß an der freien Bewegung vermittelt werden. Jürgen Klinsmann scheint in diesem Punkt alles richtig zu machen. Seit seinem Amtsantritt propagiert der Schwabe in der Nationalmannschaft gute Laune und Spielfreude.“
Die Seele des Fußballs ist in Gefahr
Richard Leipold (FAZ 20.11.) sorgt sich um die Bindung der Fans an den Profifußball: “Die Menschen in der Kurve fühlen sich mißbraucht, ja beraubt. Der Hannoveraner Professor Gunter A. Pilz sieht trotz wachsender Besucherzahlen die Seele des Fußballs in Gefahr. Daß es in den Stadien relativ ruhig zugehe, sei kein Beleg dafür, daß die Anhänger mit allem zufrieden seien. Im Spannungsfeld zwischen Seelenheil und fast bedingungslosem Kommerz gerieten die ursprünglichen Fans immer häufiger ins Abseits. Sie sehnten sich nach Gefühl, Wärme und Geborgenheit, bekämen für ihre Hingabe und ihr Geld aber hauptsächlich Kälte und Distanz. (…) Eine Gruppe, die bei den Fans Mißtrauen hervorruft, sind die Investoren und Kreditgeber, die Einfluß ausüben wollen wie etwa Florian Homm. Homm forderte in dieser Woche die Entlassung des BVB-Trainers Bert van Marwijk und schlug als dessen Nachfolger den Bielefelder Uwe Rapolder vor. Vom Vereinspräsidenten Reinhard Rauball zur Rede gestellt, entschuldigte Homm sich dafür. Solche Vorgänge ärgern den Fan. Obwohl es um ein Dortmunder Thema geht, macht Ralf Rangnick sich zum Sprecher der Fans: „Wenn ich so etwas in der Zeitung lese, dann friert’s mich. Der Fußball darf nie von Sanierern ferngesteuert werden.“ Als Gehaltsempfänger akzeptiert Rangnick aber „verschiedene Arten von Fans und Kunden“. Der Berufsfußball, Handelsware Klasse eins und zwei, braucht sie alle: Konsumenten, Investoren, Produktmanager, Fans. Sie tragen dazu bei, daß Fußball eine gesellschaftliche Größe ist.“
SOS Rassismus
Julia Macher (Tsp 20.11.) befasst sich mit Rassismus in Spaniens Fußball und dem Konflikt mit England: „Nachdem am Mittwoch beim Länderspiel Spanien-England in Madrid dunkelhäutige englische Spieler aufs Übelste beleidigt und beschimpft wurden, ist die Stimmung im spanischen Fußball äußerst angespannt. Inzwischen untersucht die Fifa den Fall, sogar eine Platzsperre gegen Spaniens Nationalteam droht. Nationaltrainer Luis Aragones hatte einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Skandalnacht von Madrid geleistet, als er Thierry Henry als „Scheißneger“ bezeichnete. Für Aragones blieb diese Beleidigung ohne Konsequenzen. Die Fußballvereinigung Spaniens habe „unsensibel und nachlässig“ reagiert, sagte ein Sprecher der spanischen Sektion von „SOS Rassismus“. „Wenn Sven-Göran Eriksson solche Bemerkungen gemacht hätte, wäre er ohne Zweifel entlassen worden“, sagte Englands Verteidiger Rio Ferdinand. Auch die spanischen Sportzeitungen verstärkten den Eindruck, der Rassismus habe längst die Mitte der Gesellschaft erreicht. Sie hatten die Vorgänge während des Spiels weitgehend ignoriert und erst am Freitag nach Protesten aus England verurteilt. Die Stadt Madrid befürchtet nun sogar Auswirkungen auf ihre Bewerbung um die Olympischen Spiele 2012. Mit einer förmlichen Entschuldigung bemühte sich die spanische Regierung immerhin um Schadensbegrenzung.“
In der DDR geboren
_Dieter Hochgesand__ (FR 20.11.) gratuliert Dietrich Weise, „dem alten Ossi“, zum 70. Geburtstag: „In der DDR geboren, begann der ehemalige Auswahlspieler seine Trainerkarriere 1967 beim 1. FC Kaiserslautern als Assistent, ehe er 1973 als Nachfolger von Erich Ribbeck bei der Frankfurter Eintracht als Cheftrainer sein Bundesliga-Debüt gab. Und was für eins: Platz vier und der erste Gewinn des DFB-Pokals. Das Team um die Weltmeister Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein sowie Bernd Nickel, in den Jahren zuvor sehr wechselhaft, war wieder wer. Und blieb es auch: Der dritte Platz in der Bundesliga und der erneute DFB-Pokal-Sieg sicherten auch den Verbleib im europäischen Fußball. 1975 noch im Achtelfinale des Europapokals der Pokalsieger Dynamo Kiew unterlegen, erreichte Weise mit seinem Team 1976 sogar das Halbfinale. Zu dieser Zeit tat Weise, was er am liebsten tut: junge Spieler an höhere Aufgaben heranführen.“
of: Wie kann er denn in der DDR geboren sein, wenn er heute 70 wird?
Bundesliga
Jederzeit erkennbarer Stil
Uwe Rapolder vepasst Arminia Bielefeld einen „jederzeit erkennbaren Stil“ (FAZ) – „keine Brandreden in Freiburg“ (FR) – „in Leverkusen wird gespart“ (SZ)
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Jederzeit erkennbarer Stil
Fast hätte man Uwe Rapolder übersehen; ein Verlust wäre das gewesen, findet Roland Zorn (FAZ 20.11.): „Rapolder galt als schwierig, aufbrausend, überheblich, manchmal zynisch. Vor allem in den vier Jahren beim SV Waldhof Mannheim, den er 2001 um ein Haar in die erste Liga gehievt hätte, eckte Rapolder gelegentlich an. Als er danach beim Zweitligaklub LR Ahlen nicht richtig Fuß fassen konnte, schien eine zu großen Hoffnungen Anlaß gebende Karriere 2002 fast schon am Ende. Der ehemalige Zweitligaprofi Uwe Rapolder, der seine Trainerlizenz in der Schweiz erworben, dort den FC Monthey in die zweite Liga und den FC St. Gallen in die Nationalliga A geführt hatte, stand auf keiner Besetzungswunschliste im deutschen Profifußball mehr. Thomas von Heesen aber erinnerte sich daran, daß Rapolder in Mannheim einen Fußball praktizieren ließ, der immer auf der Höhe der Zeit war. Er holte ihn, nachdem Benno Möhlmann die „Alm“ verlassen hatte, zur Arminia. Und damit begann eines der Fußballmärchen dieses Jahres in einem Klub, der sich nach sieben Versuchen, oben anzukommen und oben zu bleiben, mit dem wenig schmeichelhaften Titel eines Rekordaufsteigers schmückt. (…) Das Bielefelder 4-2-3-1-System gilt als beispielhaft für einen Fußball, der auf Forechecking und Pressing basiert, der laufstarke Konterspezialisten begünstigt und viel Spielverständnis sowie ein hohes Arbeitsethos bei den Profis voraussetzt. Die Bielefelder Wiederaufsteiger haben sich seit Rapolders Arbeitsantritt Automatismen angeeignet, die ihnen zu einem attraktiven und jederzeit erkennbaren Stil verholfen haben.“
Keine Brandreden
Christoph Kieslich (FR 20.11.) schildert Freiburgs Besonnenheit: „Tapfer stehen die Freiburger einmal mehr eine sportliche Krise durch, die Arbeit nimmt ihren „normalen Gang“, wie Vereinschef Achim Stocker betont. Der weiß, dass ein langer, kalter Winter bevorstehen könnte, und das ist in der jüngeren Geschichte des Vereins auch nichts Neues, es sind ja immer nur die anderen, die sich darüber wundern, dass es im Breisgau keine Brandreden gibt, Spieler meutern oder zumindest mal der Trainer gefeuert wird. Selbst, dass ein paar Fans geifern, ist nicht wirklich außergewöhnlich. In solchen Situationen läuft zumindest einer garantiert zu bester Tagesform auf: Der Trainer selbst. Er schart seine Jungmänner dicht um sich, arbeitet mit ihnen akribisch an den „unforced errors“, den Flüchtigkeitsfehlern, empfiehlt den „Tunnelblick“ und rät dazu, sich „aus dem Wettbewerb, ,wer verbreitet am meisten Angst?‘, herauszuhalten“. Die Masche, wie jüngst in Rostock praktiziert, wo in der Kabine plötzlich eine Liste hing mit Namen und Fotos der Vereinsangestellten, um deren Job es bei einem Abstieg geht, ist in Freiburg unvorstellbar.“
Es wird gespart
Christoph Biermann (SZ 20.11.) beschreibt Leverkusens neuen Kurs: „Abgerissen ist in Leverkusen zunächst einmal nur die scheinbar endlose Kette von Tagen im Ausnahmezustand. Fast ein Jahrzehnt lang stand der manisch-depressive Klub vom Rhein entweder kurz vor dem Gewinn der Meisterschaft oder drohte in den Abgrund der zweiten Liga zu stürzen. Doch in dieser Saison agiert die Mannschaft bestenfalls noch schizophren. Mit fünf Siegen aus sechs Spielen im eigenen Stadion stellt Bayer die stärkste Heimmannschaft dieser Saison, mit nur drei Unentschieden aus sieben in der Ferne aber auch das schlechteste Auswärtsteam. Zusammen ergibt das derzeit einen achten Platz, in Leverkusen lange nicht mehr erlebtes Mittelmaß. Es gibt den Verdacht, dass sich eine veränderte Vereinspolitik inzwischen auf dem Spielfeld ausdrückt. Wolfgang Holzhäuser hatte Mitte letzter Woche einige Journalisten zu einem Abendessen eingeladen und hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, die man auch als Regierungserklärung verstehen durfte. Das Manuskript (Titel: „Mit weniger mehr erreichen“) konnte man in gedruckter Form mit nach Hause nehmen. Holzhäuser bestritt darin, ein „Sparkommissar“ zu sein, wie ihn Zeitungen bezeichnet hatten. Er bestreitet aber nicht, dass bei Bayer gespart wird. In der übernächsten Saison wird der Personaletat auf die Hälfte reduziert sein, nimmt man die Spielzeit 2001/2002 zum Maßstab.“
Freitag, 19. November 2004
Interview
Ich habe noch nie solche Möglichkeiten vorgefunden
Ralf Rangnick mit Felix Meininghaus (FTD 19.11.)
FTD: Was haben Sie eigentlich gedacht, als Sie bei Ihrer Präsentation auf Schalke von Rudi Assauer permanent Rolf genannt wurden?
RR: Ich habe innerlich gelacht. Das lustige war ja, das er das konsequent durchgezogen hat. Heute flachsen wir darüber.
FTD: Seit Sie auf Schalke im Amt sind, heißt es, Kopfmensch Rangnick trifft auf Bauchmensch Assauer. Nervt dieses Klischee?
RR: Komischerweise ist das erst wieder hoch gekommen, seit ich hier bin. In Hannover bin ich damit drei Jahre lang nicht konfrontiert worden.
FTD: Haben Sie gegen das Klischee gearbeitet, indem Sie vor dem ersten Heimspiel zum Volk gesprochen haben?
RR: Es ging mir darum, Hallo zu sagen. Ich hätte auch einen offenen Brief schreiben können, aber das war mir zu steif. Wenn man schon so eine Arena hat mit diesem Videowürfel, sollte man auch die persönlichste Ansprache wählen.
FTD: Sie wirkten dabei nervös und haben zwischendurch auf Ihren Zettel geschaut.
RR: Das ist eigentlich ungewöhnlich für mich, weil ich gerne frei spreche. Aber ich wusste um den schmalen Grat, auf dem ich mich bewege, und war deshalb schon sehr aufgeregt.
FTD: Assauer hat gesagt, Sie können auf Schalke Ihr Gesellen- oder sogar Meisterstück machen. Sind Sie denn noch ein Lehrling?
RR: Bestimmt nicht. Aber ich habe noch nie solche Möglichkeiten vorgefunden. In Ulm habe ich einen kleinen Verein nach oben gebracht, in Stuttgart und Hannover war ich vor allem als Troubleshooter gefragt. Hier kann ich mich auf die Mannschaft konzentrieren. Ich habe zum ersten Mal die Chance, etwas zu gewinnen. (…)
FTD: Wissen Sie, wann Schalke 04 zum letzten Mal Deutscher Meister war?
RR: Ich glaube, das war 1958 – mein Geburtsjahr!
FTD: Ahnen Sie, was in dieser Stadt los sein wird, wenn es wieder passieren sollte?
RR: Ich glaube schon. Wir hatten hier in den Ferien 2500 Zuschauer beim Training. Und diese Arena – da stellt sich jedes Mal aufs neue Gänsehautgefühl ein. Gerade war ich bei einem Abend mit 500 Sponsoren. In Stuttgart lief so etwas immer sehr elitär ab – schicki-micki. Aber hier sind selbst die Sponsoren ganz normale Leute zum Anfassen. Hier gibt es nichts Abgehobenes, das fasziniert mich an Schalke am meisten.
Internationaler Fußball
Konzepttrainer vor dem Aus
„Das Reformprojekt des jungen türkischen Trainers Ersun Yanal droht zu scheitern“ (taz) – Concacaf, „nirgendwo wird mit weniger Logik gearbeitet“ (NZZ)
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Konzepttrainer vor dem Aus
Nach dem 0:3 gegen Ukraine hat der türkische Trainer Ersun Yanal ein schweres Leben – Tobias Schächter (taz 19.11.): „Das Reformprojekt Nationalmannschaft des jungen Trainers droht zu scheitern. Bei der EM in Portugal fehlte der sich nach dem dritten Platz bei der WM in Asien auf Augenhöhe mit den etablierten Fußballmächten wähnende „Riese von Bosporus“. Yanals Vorgänger Günes musste gehen. Nun droht die zweite Absenz bei einem großen Turnier hintereinander. Yanal, der intelligente Mann aus Izmir, wusste bereits in den Minuten nach der Pleite, was ihn am nächsten Tag erwarten würde. Vergeblich bat er die Presse: „Konzentriert euch nicht auf mich, sondern seht, was bisher geleistet wurde!“ Doch das Kriegsbeil gegen Yanal ist ausgegraben. Rücktrittsforderungen sind in allen Gazetten zu lesen und das Blatt Fotomac hat die angeblichen Gründe für den „tiefen Fall“ (Hürriyet) auf seiner Titelseite aufgelistet: „Der Weg nach Deutschland – ohne König, ohne Imperator und ohne Hoffnung.“ Yanal, ein Freund flacher Hierarchien, hatte den als „König“ bezeichneten Stürmer Hakan Sükür ausgemustert und sich damit eine große Angriffsfläche geschaffen. Sükür verfügt über eine starke Lobby in den Medien und beim Verband. Auch die Erfahrung des selbst ernannten „Imperators“ Fatih Terim besitze Yanal (43) nicht, bemerken die Kritiker. Als seien die Erfolge, die der Konzepttrainer mit Genclerbirligi aus Ankara feierte, plötzlich nichts mehr wert.“
Nirgendwo wird mit weniger Logik gearbeitet
Die NZZ (19.11.) berichtet aus der Karibik: „So schnell können sich die Zeiten ändern. Vor vier Jahren war Bertille St-Clair von Verbandspräsident Jack Warner gefeuert worden, weil dieser unbedingt einen Trainer mit internationaler Erfahrung für das Nationalteam von Trinidad und Tobago wollte. St-Clairs grösstes Handicap war damals die Tatsache gewesen, dass ihm als Einheimischem angeblich das internationale Flair fehlte. Also engagierte Warner, Vizepräsident der Fifa, den Schotten Ian Porterfield, der kurz darauf von Rene Simoes verdrängt wurde, einem Brasilianer, der mit Jamaica 1998 die WM-Qualifikation geschafft hatte. Auch Simoes ist längst zurück in seiner brasilianischen Heimat, und Bertille St-Clair scheint plötzlich über die internationale Erfahrung zu verfügen, die ihm laut Jack Warner vor vier Jahren abgegangen ist. Dass er in der Zwischenzeit ausschliesslich im eigenen Land gearbeitet hat, spielte offenbar keine Rolle. Seit sich Trinidad mit einem 2:1-Sieg gegen die Fussballzwerge von St. Vincent & Grenadines für die Finalrunde der WM-Qualifikation in der Concacaf-Region qualifiziert hat, ist St-Clair gar vom unbedarften einheimischen Coach zum Nationalhelden geworden. Nirgendwo wird mit weniger Logik gearbeitet als in den 36 Verbänden, die in der Concacaf zusammengeschlossen sind. Vor allem das Trainerleben ist alles andere als lustig. Die Achterbahnfahrt St-Clairs ist typisch für das, was in dieser Region mit Nationalcoachs passiert.“
Bildstrecke Ecuador-Brasilien (1:0), faz.net
China nach dem Ausscheiden, NZZ
Ball und Buchstabe
Brooklyn Beckham darf nicht zur Schule gehen
Die SZ (19.11.) meldet: „David Beckham darf seinen Sohn Brooklyn, 5, wegen des täglichen Medienrummels nicht mehr zur Schule bringen. Wie der Daily Mirror berichtet, geht die Anweisung des Runnymede College in Madrid auf Beschwerden von Eltern anderer Schüler zurück. Die fühlten sich von der täglichen Präsenz der Kamerateams am Schultor gestört. David Beckham soll über das Verbot sogar Tränen vergossen haben.“
WM 2006
Nur zu demonstrieren, daß Deutschland eine perfekte WM organisieren kann, reicht nicht
BDI-Präsident Michael Rogowski mit Nico Fickinger (FAZ/Wirtschaft 18.11.)
FAZ: Unter dem Arbeitstitel „1. FC Deutschland 06″ wollen Politik und Wirtschaft im Jahr der WM gemeinsam für den Standort Deutschland werben. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) koordiniert die Kampagne. Noch vor dem Anpfiff ist die Partie schon ins Gerede gekommen. Stört Sie das?
MR: Wir sollten im Moment den Ball flach halten. Noch sind wir im Trainingslager, nicht auf dem Platz. Wir stehen noch ganz am Anfang von Überlegungen, wie wir das Großereignis Fußball-WM zum Anlaß nehmen können, zwei Ziele zu erreichen: ein positives Bild von Deutschland nach außen zu transportieren und zugleich eine positive Stimmung im Land zu befördern.
FAZ: Aber Sie laufen mit rot-grünem Trikot auf das Spielfeld? Wozu brauchen Sie die Regierung?
MR: Wir haben schon vor geraumer Zeit festgestellt, daß die Regierung am gleichen Thema arbeitet und daß es auch in vielen Bundesländern ähnliche Projekte mit der gleichen Zielrichtung gibt. Eine solche Bündelung der Interessen ist nicht nur im Interesse von Politik und Wirtschaft, sondern der Gesellschaft. Um es in der Fußballsprache zu sagen: Es wäre doch Wahnsinn, wenn jeder seinen eigenen Ball durch die Gegend kickt. So schießt man den Ball nicht ins richtige Tor.
FAZ: Dennoch wird Ihnen vorgehalten, die Imagekampagne sei eine Steilvorlage für die Bundesregierung.
MR: Ein solches Standort-Marketing ist eine nationale Aufgabe. Kann man Klinsmann Wahlkampfhilfe vorwerfen, wenn unsere Mannschaft 2006 gewinnt? (…) Wir brauchen ein positives, herzliches Image – und etwas, das mit dem Thema Innovation in Verbindung gebracht wird. Nur zu demonstrieren, daß Deutschland eine perfekte WM organisieren kann, reicht nicht.
FAZ: Ist die Verbindung mit dem Thema Fußball glücklich, wenn man an die jüngsten Leistungen unserer Nationalmannschaft denkt?
MR: Die WM ist der Anlaß, weil die Welt auf unser Land blickt. Aber transportieren müssen wir etwas anderes. Außerdem wollen wir unsere Botschaften ja auch schon 2005, ein Jahr vor der WM, senden. Und wir hoffen, daß die Kampagne sich so etabliert, daß sie auch nach der WM noch weiterläuft.
Geschenkt
Anstoß, das neue Fußball-Kultur-Magazin – Andreas Platthaus (FAZ/Medien 19.11.) kann das Entzücken, das ihn bei der Lektüre ergriffen hat, gut verstecken: “Kaum beklagt sich die Bundestagsfraktion der Union in einer Kleinen Anfrage über das unklare Konzept eines „angemessenen Deutschlandbildes“, das doch das Kulturprogramm zur WM 2006 vermitteln solle, da erscheint die erste Ausgabe von Anstoß. Und deshalb hätte sich die Bundesregierung ihre Antwort sparen können, daß der für das Kulturprogramm verantwortliche Künstlertausendsassa André Heller und sein Team doch sehr wohl eine „Kernbotschaft“ hätten, nämlich: „Deutschland ist ein weltoffenes, sympathisches, tolerantes, modernes Land und damit ein würdiger Gastgeber.“ Besser hätte sie im Plenum einfach ebenjenen „Anstoß“ ausgelegt. Anstoß ist „die Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogranms zur Fifa WM 2006″; erscheinen soll sie insgesamt sechsmal, redaktionell betreut wird sie vom Literaturkritiker Jochen Hieber, und sie ist am Kiosk zu haben für eine Schutzgebühr von fünf Euro oder sogar kostenlos unter anstoss@artevent.at. Das ist, ob gratis angefordert oder moderat bezahlt, jedenfalls geschenkt für eine überformatige bildreiche Publikation von 284 Seiten, die allerdings alle Textbeiträge doppelt abdruckt, einmal deutsch, einmal englisch, denn das Motto der Veranstaltung lautet ja „Zu Gast bei Freunden“, und seinen Gästen hat ein Freund zumindest insofern entgegenzukommen, daß er die eigenen tiefen Gedanken auch in ein verständliches Idiom bringt. Die Vorstellung, ein nicht des Deutschen kundiger Weltbürger, der sich schon so weit überwunden hat, daß er ein Magazin mit dem rätselhaften Namen „Anstoß“ erwirbt, stieße darin auch noch auf das unübersetzte Peter-Handke-Poem „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968″, hatte zweifellos etwas Bedrückendes. Nun aber gibt es das Gedicht auch als „The Line-Up of 1. FC Nuremberg on 27-1-1968″.”
Ascheplatz
Warten auf die Wohltat des Kollegen Berlusconi
Peter Hartmann (NZZ 19.11.) zählt die Schulden in der Serie A: „Als grösster Verschwender steht Inter da mit einem Defizit von 97,9 Mio. Euro, das der Erdöl- Milliardär Massimo Moratti als Mehrheitsbesitzer und sein 18-Prozent-Kompagnon Marco Provetti Provera, Präsident von Pirelli und Telecom Italia, wie immer aus ihren Firmen-Etats mittels einer Kapitalerhöhung decken werden. Für jeden gewonnenen Punkt ihrer Mannschaft spendierten die beiden Mäzene umgerechnet 17,5 Mio. Euro. Lazio Rom folgt mit 86,25 Mio., das unter Zwangsverwaltung stehende Parma mit 85,9 Mio., die AS Roma mit 66,8 Mio. und der Landesmeister AC Milan des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit 51 Mio. Auch Juventus rutschte mit 18 Mio. in den negativen Bereich. Der Zusammenbruch des Transferhandels verunmöglichte die buchhalterische Aufblähung des Marktwerts und damit ein beliebtes Scheingeschäft, nämlich das bilanztreibende Hin-und-her-Schieben von unbekannten Spielern zu Phantasiepreisen. (…) Es scheint eine stillschweigende Übereinkunft der Bosse zu geben, auf eine weitere Wohltat ihres Kollegen Berlusconi zu warten. Der Regierungschef hatte ihnen schon ein Abschreibungsgesetz geschenkt, das allerdings noch von der EU gekappt werden könnte. Der Schwindel geht weiter, auf hohem Niveau.“
Deutsche Elf
Deutschland-Kamerun 3:0
Reformeifer
Michael Horeni (FAZ 19.11.) ist begeistert: “Von Beginn an setzte die Auswahl mit Reformeifer ihr forsches Aufbauprojekt 2006 fort, und alle diejenigen, die zu Amtsbeginn von Jürgen Klinsmann geargwöhnt hatten, daß sich über Aufbruchstimmung in Deutschland zwar leicht reden lasse, sie aber nicht herbeizuführen sei, sahen sich erfreulich getäuscht. Nicht nur ihm hatte der beherzte Auftritt „unglaublich Spaß“ gemacht, sondern auch dem Publikum, das den Bundestrainer und die Nationalelf für hochaktuellen Fußball mit altdeutschem Liedgut hochleben ließ. Nach dem 3:1 in Österreich, dem 1:1 gegen Brasilien sowie dem 2:0 in Iran lieferten die mit einem erstklassigen Mittelfeld, einem vorzüglichen Kapitän Michael Ballack, einer grundsoliden Jungverteidigung und wiedererwachten Stürmern ausgestatteten Deutschen den bislang eindrucksvollsten Beleg dafür, daß sie die neue Fußball-Philosophie zu verinnerlichen beginnen.“
Es bleibt einem wenig anderes, als sich jetzt schon auf das nächste Spiel zu freuen
Ludger Schulze (SZ 19.11.) auch: „Das von Klinsmann verordnete Offensivspiel wird peu à peu zum Eigenantrieb, wachsendes Selbstbewusstsein löst die Zweifel der jüngeren Vergangenheit ab. Klinsmann appelliert an die Stärken der jungen Leute und verunsichert sie nicht durch permanente Hinweise auf Schwächen. Deutlich wird das bei den Stürmern, die in Leipzig drei Viertel der Spielzeit damit verbrachten, beste Tormöglichkeiten zu vergeuden, letztlich aber doch für ein spielgerechtes Resultat sorgten. (…) Es bleibt einem wenig anderes, als sich jetzt schon auf das nächste Spiel der Nationalmannschaft zu freuen.“
Hohe Bälle schluckt er
Auf die Abwehr könne man sich verlassen, meint Philipp Selldorf (SZ 19.11.): „“Die zwei Großen hintendrin waren wie eine Festung, wie eine Mauer“, erkannte Bastian Schweinsteiger, eine Bemerkung, die zuerst auf die körperlichen Vorzüge des Duos deutet. Per Mertesacker ist – schlank, aber stabil wie ein Hochhaus – fast zwei Meter in die Höhe gewachsen, während Huth das Format eines Türstehers hat, der den Nachtklub ganz allein gegen eine Horde von Eindringlingen verteidigen könnte. Vor Huth, der noch ein viel härterer Knochen ist als er aussieht und selbst in Adiletten Bälle wie Kanonenkugeln abfeuert, fürchten sich die gegnerischen Stürmer. An Mertesacker verzweifeln sie, wenn er mit seiner enormen Reichweite riesige Gebiete verstellt. Hohe Bälle schluckt er so plötzlich wie der Leguan das nichtsahnende Insekt. Zur physischen Präsenz gesellt sich jedoch auch eine verblüffende Gelassenheit bei der Bewältigung ihrer Aufgaben.“
Schirmherr der Erneuerung
Philipp Selldorf (SZ 19.11.) lobt den DFB-Präsidenten für seinen Mut: „Klinsmann und Bierhoff sind mehr oder weniger Autodidakten, nur Joachim Löw hat sein Diplom bereits in der Praxis erprobt. Es war also eine ziemlich wagemutige Lösung, auf die sich der letztlich für ihr Engagement verantwortliche DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder eingelassen hat. Seine Courage gibt ihm nun recht. Manche werden es für paradox halten: Aber der Funktionärsveteran Mayer-Vorfelder ist der Schirmherr der Erneuerung.“
Rhetorische Gabe, um das nicht so ganz Gute gut zu reden
Jan Christian Müller (FR 19.11.) relativiert Worte und den Rausch Jürgen Klinsmanns: “Es ist im neuen Deutschland nun einmal so, dass alles, was deutsche Nationalspieler unter Klinsmann tun, irgendwie gut sein muss. Und wenn es mal eine Zeit lang nicht so ganz gut war (wie etwa 70 Minuten lang gegen Kamerun), dann reicht die rhetorische Gabe allemal, um das nicht so ganz Gute gut zu reden. Und dann wurde es ja auch irgendwann gut. Richtig gut sogar. Glaubwürdig gut. Die letzten 20 Minuten, als Kevin Kuranyi und der eingewechselte Miroslav Klose mit sehenswert herausgespielten Toren schwuppdiwupp aus einem nullnull ein dreinull machten, nahm eine gnadenlose deutsche Mannschaft die bös zerstrittenen Kameruner ohne jeden Anflug von Pietät auseinander. Ausnahmslos jeder Angriff der Deutschen führte da schnurstracks in den Strafraum. Ganz anders als noch zuvor, als die beiden deutschen Stürmer Asamoah und Kuranyi sich nach ansehnlicher Vorbereitung aus dem Mittelfeld ihrem Ziel noch seltsam ziellos und umständlich näherten. Aber die Philosophie, von der Klinsmann und sein Co Joachim Löw immer wieder sprechen, beinhaltet nun einmal keine öffentliche Kritik seitens des Trainerteams, was aus dessen Sicht auch völlig okay ist, auch wenn die rosarote Brille manchmal ziemlich penetrant wirkt. Aber es trifft vielleicht den Geist in einer Zeit in diesem Land, in der die Menschen nach positiven Erlebnissen geradezu gieren.“
„Wirklich toll, unheimlich Spaß, sehr schön“?! – Frank Ketterer (taz 19.11.) kann die Euphorie nicht verstehen: „Das waren wirklich große Worte für so ein – zumindest fußballerisch – doch eher kleines Spiel. Vor allem aber waren Klinsmann bei seiner Analyse zwei Dinge offensichtlich in Vergessenheit geraten, jedenfalls fanden sie keine Erwähnung. Erstens: Die deutsche Mannschaft hat gegen einen Gegner gewonnen, der, zumindest an diesem Tag, nicht mehr war als durch und durch verfaultes Fallobst. Zweitens: Sie hat dazu satte 71 Minuten benötigt – und bis zu diesem Zeitpunkt durchaus das ein oder andere Pfeifkonzert vom so genießenden Publikum geerntet. Natürlich ist das übelste Schwarzmalerei à la taz. Und natürlich findet sich in der sonnigen Welt des Jürgen Klinsmann für so etwas keinen Platz, nicht ein Stückchen. Dafür zum Beispiel, dass die deutsche Mannschaft unvermindert über weite Strecken des Spiels nur wenig Sinnvolles mit dem Ball anzufangen wusste, was zuvorderst Michael Ballack kein allzu gutes Zeugnis ausstellt, der zwar fleißig war, aber erneut nicht viel mehr. Oder dafür, dass die Abwehr in erster Linie deshalb stabil stand, weil der Gegner gar kein Interesse daran zeigte, unbedingt ein Tor schießen zu wollen. Oder schließlich dafür, dass die deutschen Stürmer im Prinzip erst trafen, als die Kameruner nicht nur den Angriff, sondern auch noch die Verteidigung aufgegeben hatten (wohl auch deshalb, um frischer in die Disko zu kommen, wo sie später den Rauswurf Schäfers feierten).“
Fans, Verwandte, Wichtigtuer
Javier Cáceres (SZ 19.11.) findet die Art der Entlassung Schäfers unmöglich: „Überbordend kommunikativ sind die Herrschaften von Kameruns Fußballverband Fecafoot offenbar nicht; jedenfalls nicht, wenn es darum geht, ihrem leitenden Angestellten Winfried Schäfer aus Ettlingen die nicht ganz uninteressante Kunde zu überbringen, dass er als Nationaltrainer gestürzt ist. Sechs Mann hoch waren sie in die Kabine gelaufen, mit ausnahmslos bärbeißigen Mienen und in den Manteltaschen vergrabenen Händen. Was bis dahin geschehen war: Siegfried David Etame Massoma, Minister für Jugend und Sport, hatte das Spiel im heimischen TV verfolgt, mit Schlusspfiff beim staatlichen Radiosender angerufen und mitgeteilt, dass le blond allemand entlassen sei. Ipso facto. Es folgte, wie die Korrespondenten internationaler Nachrichtenagenturen versichern, ein hochministerielles Kommuniqué, in dem Schäfers Ablösung mit „schweren Fehlern und Abwesenheit von Resultaten“ begründet wird. Nur Schäfer hatte keine Mitteilung erhalten (…) Die Pleite tat einer offenbar von langer Hand geplanten geselligen Zusammenkunft keinen Abbruch. Im Mannschaftsbus steuerten Kameruns Kicker gegen 1 Uhr eine Leipziger Disco an, eine nur fast geschlossene Teamleistung: Stürmer Samuel Eto’o wurde in der Lobby vergessen, inmitten eines Ozeans an Fans, Verwandten und Wichtigtuern mit Herrschaftswissen und vorgeblich unwissenden Funktionären. „Ich habe keine Lust auf Party“, sagte wiederum Schäfer. Wahrscheinlich hat er den einen oder anderen Toast auf das Ende seiner Ära verpasst.“ [of: Was hätte die Bild-Zeitung geschrieben, wenn das in
Deutschland passiert wäre?]
Schäfers Bilanz fällt ernüchternd aus
Jan Christian Müller (FR 19.11.) hält den Rauswurf für logisch: “Innerlich hat sich Schäfer bereits seit geraumer Zeit von seinem Söldner-Job in Kamerun verabschiedet. Das belegen seine kritischen Aussagen gegenüber der ebenso stolzen wie selbstgerechten und chaotischen Verbandsführung Kameruns. Die Funktionäre fühlten sich dadurch bloßgestellt und haben nun kalt lächelnd die einzigartige Chance genutzt, Schäfer wiederum in dessen Heimatland bloßzustellen. Zum Schluss wirkte der Fußballlehrer ebenso überfordert wie nicht erst am Ende seiner Tage in Stuttgart oder bei Tennis Borussia Berlin. Schäfers Bilanz bei der laut WM-Statistik besten Mannschaft des afrikanischen Kontinents fällt ernüchternd aus, und der deutsche Trainer macht es sich zu einfach, würde er dafür allein die afrikanische Mentalität, korrupte Funktionäre und undisziplinierte Spieler verantwortlich machen. Otto Rehhagel hat in Griechenland unter ähnlichen Bedingungen (und spürbar weniger Rückhalt in der Bevölkerung) angefangen.“
Bildstrecke, faz.net
Donnerstag, 18. November 2004
Allgemein
Vier Jahre Weltstadt, nun ein Jahr Westerlo – eine Art Fußball-Wehrdienst
Christian Eichler (FAZ 18.11.) hat Sebastian Kneißl nicht vergessen: „Vier Jungen zogen einst nach England, um groß zu werden. Drei trugen am Mittwoch das neue rote Trikot der deutschen Nationalelf. Der vierte trug Trauer. Kneißl saß in einem belgischen Kaff namens Westerlo in einem Appartement, das ihm seine Eltern aus Fürth im Odenwald möbliert haben. Im Fernseher sah er die Nationalspieler Huth, Volz und Hitzlsperger. Er wäre gern wie sie nach Leipzig gefahren, wenigstens als Fan. „Doch ich hätte es nicht mehr rechtzeitig zurück geschafft“: zum Frühtraining beim KVC Westerlo. Trainer Jan Ceulemans ist da unerbittlich. Die deutsche Leihkraft, die ihr Geld vom reichen FC Chelsea bekommt, mag mehr verdienen als die belgischen Profis; Privilegien gibt es nicht. Kneißl galt als Riesentalent, als ihn Chelsea aus der Jugend von Eintracht Frankfurt holte. Im Training schoß er gleich ein Tor gegen Weltmeister Desailly. Der Franzose nahm den Sechzehnjährigen in seinem Ferrari mit. Andere Stars wie Zola, Deschamps, Trainer Vialli behandelten ihn wie einen von ihnen. Es sah aus wie die Tür zur großen weiten Fußballwelt. Doch der Sprung in einen Kader mit Klassestürmern wie Crespo oder Mutu, Drogba oder Robben blieb Utopie. Chelsea verlieh das Talent weiter. Ein halbes Jahr in die schottische Liga, an deren grob-physischer Spielweise er litt; zu Beginn dieser Saison, gemeinsam mit drei Südafrikanern, nach Westerlo. Die Tür zur großen Fußballwelt, sie war wieder zu. Kneißl schwindet die Hoffnung, daß sie wieder aufgeht (…) Vier Jahre Weltstadt, nun ein Jahr Westerlo – eine Art Fußball-Wehrdienst.“
The coming of the Fourth Reich
Raphael Honigstein (SZ 18.11.) bestaunt Marco Reichs Comeback bei Derby County: „Als das Fax aus England kam, machte seine Berater den Videotext an, fand aber Derby County partout nicht in der Tabelle der Premier League. Stattdessen ziemlich am Ende der Zweiten Liga, und obendrein wollten the rams (die Widder) Reich erst in einem Probetraining sehen. Der Mann, der mal eine große Hoffnung des deutschen Fußballs war, wurde im Pride-Park-Stadion im Januar als „German International“ vorgestellt. Richtig – beim 3:3 gegen Kolumbien im Februar 1999, in den USA, durfte er unter Erich Ribbeck ran. Nach seinem Debüt gegen Gillingham bekam der Pfälzer „elf von zehn Punkten“ vom Stadionreporter, der sich über „the coming of the Fourth Reich“ freute. Das war nett gemeint. Dann zirkelte der 26-Jährige beim letzten Match der Saison einen Freistoß in den Winkel; das 2:0 gegen Millwall sicherte den Klassenerhalt. Und aus dem Abstiegskandidaten wurde dank Reichs überragenden Leistungen ein Spitzenteam von Liga zwei. (…) Daheim hatte er zuletzt den ruinösen Ruf des schnöselhaften Schönwetterspielers, allein seine Körperhaltung brachte die Ränge in Rage. In Köln, wo Reich als teuerster Einkauf der Vereinsgeschichte enttäuschte, sei er als Mensch und Spieler fast zerbrochen: „Wenn ich morgens die Zeitung aufgeschlagen habe, und mein Name stand nicht in großen Buchstaben drin, war ich schon zufrieden.“ Die Erinnerung lässt ihn erschaudern.“
Interview
Man muss Iran einfach ein wenig Zeit lassen
Vahid Hashemian mit Matthias Stolz (Zeit 18.11.)
Zeit: Sie sind gläubiger Muslim. Nehmen Ihre Mitspieler Rücksicht darauf?
VH: Absolut. Ich hatte noch in keinem Verein Probleme wegen meines Glaubens. Ich bete ja nicht in der Kabine, halte also niemanden damit auf. Um aber beten zu können, habe ich auf Reisen ein Einzelzimmer, die anderen respektieren das. Sie interessieren sich auch dafür, warum ich etwas nicht esse oder nicht trinke.
Zeit: Gibt es so etwas wie eine Solidargemeinschaft der muslimischen Spieler in der Bundesliga?
VH: Ich weiß schon, wer Muslim ist. Aber Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass wir uns über unseren Glauben unterhalten würden, der ist meine Privatsache. Geschweige denn, dass wir uns regelmäßig zum Beten träfen.
Zeit: Ali Daei, ein ehemaliger iranischer Nationalspieler, der auch mal bei den Bayern gespielt hat, weigerte sich damals, für Weißbierwerbung zu posieren. Hätten Sie damit ein Problem?
VH: Für Bier mache ich keine Werbung, schließlich trinke ich ja auch keines.
Zeit: Es heißt, dass Sie viel Zeit im Internet verbringen.
VH: Ja, seit neuestem gibt es alle persischen Zeitungen im Internet. Ich lese die Sportseiten, die auch ausführlich von der Bundesliga berichten, und ich lade mir Musik runter, persische vor allem. Ich bin so oft im Internet, dass ich kaum fernsehe, eine Viertelstunde pro Tag, mehr nicht.
Zeit: Die Tagesschau?
VH: Nein, nein. Eher Doppelpass. Und ich empfange iranisches Fernsehen, per Satellit. Da schaue ich schon mal Nachrichten.
Zeit: Was denken Sie, wenn Sie dann sehen, dass der Regisseur Theo van Gogh in Holland ermordet wurde und danach Moscheen brannten?
VH: Ich bin Fußballer, ich bin nicht gemacht für die Politik. Ein Mord ist ein Anschlag gegen die Menschlichkeit. Ich verstehe auch nicht, warum Menschen Moscheen zerstören. Aber es ist schrecklich und macht mir Angst.
Zeit: Und in der iranischen Nationalmannschaft, worüber reden Sie da zurzeit?
VH: Wir treffen uns zum Trainingslager, dann spielen wir – und reden über Fußball.
Zeit: Bei Spielen in Iran dürfen nur Männer zusehen. Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist?
VH: Ich glaube, es ist dort so, weil die Frauen nicht sehen sollen, wie die Spieler wütend werden, wenn sie aggressiv sind und schimpfen.
Zeit: Und was ist Ihre Meinung dazu?
VH: Natürlich sollen Frauen Fußball gucken. Da finde ich es schon besser, wie es hier ist. Man muss Iran einfach ein wenig Zeit lassen.
Internationaler Fußball
Der letzte Schrei in Europa
FC Barcelona, „derzeit in Europa der letzte Schrei“ (Spiegel) – Fußball in China, derzeit ein „Trauerspiel“ (FR) – Fußball in Liechtenstein, „mit Fürstentümern ist in Ernstkämpfen nicht zu spassen“ (NZZ)
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Filigrane Technik eleganter Einzelkönner und systematisches Teamwork
Michael Wulzinger (Spiegel 15.11.) befasst sich mit der Neubelebung des FC Barcelona: „Der FC Barcelona, da sind sich die Experten einig, gilt derzeit in Europa als letzter Schrei – die Mannschaft spielt den aufregendsten Fußball des neuen Jahrhunderts. Während die Spielart des Erzrivalen Real Madrid mit seinen sündhaft teuer eingekauften Superstars bereits als Auslaufmodell eingestuft wird, zeigt „Barça“ eine vollendete Mischung: filigrane Technik eleganter Einzelkönner einerseits, systematisches Teamwork andererseits. (…) Seit fünf Jahren haben die Katalanen keine Meisterschaft und keinen bedeutenden Pokal mehr gewonnen, eine Ewigkeit für den mit fast 130.000 Mitgliedern weltweit größten Fußballclub und sein Opernpublikum. Doch in dieser Saison scheint alles möglich. (…) Frank Rijkaard hat klare Prinzipien. Als die Mannschaft nach seinem Dienstantritt im Sommer 2003 vier Monate lang von einer Niederlage zur nächsten taumelte, nahm er seine Spieler öffentlich immer in Schutz. Nun, da das Team seine Ideen verinnerlicht hat und von Sieg zu Sieg eilt, überlässt der Mann mit den kurz geschnittenen Locken seinen Spielern die Bühne. „Diese Loyalität hat Rijkaard Respekt eingebracht“, sagt der katalanische Schriftsteller Sergi Pàmies, der seit Jahren ein intimer Kenner der Verhältnisse beim FC Barcelona ist und regelmäßig in El País Kolumnen über seinen Lieblingsclub publiziert. „Und Respekt ist die höchste Form der Anerkennung, die ein Fußballtrainer bekommen kann.“ Dabei war die Verpflichtung Rijkaards bei den „Azulgranas“, den Blau-Roten, zunächst heftig umstritten. Als Profi hatte der Holländer zwar so ziemlich jede Trophäe gewonnen. Als Trainer indes war seine Karriere bislang bescheiden verlaufen.“
Trauerspiel
Aus China gibt es in letzter Zeit nichts Gutes zu berichten (übrigens, gestern hat die Nationalmannschaft die WM-Qualifikation verpasst) – Harald Maaß (FR 18.11.): “Seit 1994 gibt es in China Profifußball. Mit einem neuen Namen und Logo ging im Mai dieses Jahres die „Chinese Super League“ (CSL) an den Start. Die Rechte und Kontrolle über die Liga haben jedoch nicht die Clubs, sondern der Fußballverband. Die Vereine werfen dem CFA vor, durch Misswirtschaft und mangelnde Kontrollen dem Sport zu schaden. Die durchschnittlichen Zuschauerzahlen in den Stadien seien von 20 000 in der Saison 1997/98 auf die Hälfte gesunken. Strittig ist auch die Verteilung von Fernseh- und Sponsorengeldern. „Die CFA besitzt seit langem Rechte, die eigentlich den Clubs gehören“, kritisiert Präsident Xu Ming von Dalian Shide, dem Rekordmeister der Liga. Unterstützt von seinen Club-Kollegen fordert Xu vom CFA eine komplette Offenlegung der Finanzen. Sollte der Verband sich weigern, drohen die Clubs mit einer Klage. Für Chinas Fans ist der Ligastreit nur eine Episode in einem langen Trauerspiel. Obwohl China mit viel Geld ausländische Trainer und Spieler holte hat sich das Niveau des Fußballs kaum verbessert.“
Trotz des 1:3 gegen Lettland – Fußball in Liechtenstein wird zum Erlebnis. Felix Reidhaar (NZZ 18.11.) schreibet: „Schüchtern hing die Mondsichel in ihrem Hof über dem Alpstein. Das vornehm illuminierte Fürstenschloss thronte stolz auf entgegengesetzter Talseite. Davon nahm das Fussvolk im Ländle weniger Notiz. Es orientierte sich – tief vermummt – auf der Erdscholle am grellen Flutlicht, lief zum Städtchen in die Nacht hinaus an den Flusslauf, wo es im hell ausgeleuchteten Fussballstadion Zeuge einer neuen sportlichen Erscheinung im Liechtensteinischen zu werden wünschte. Der Jahrgang 2004 ist schliesslich nicht irgendeiner. Er hat dem fussballerischen Zwergstaat geradezu einzigartige Erfolge und beträchtlichen Respekt ausserhalb der Landesgrenzen beschert. Nicht mehr über Briefmarken- und Kunstsammlungen oder Steuer- und Finanzparadiese wurde erzählt, seit einiger Zeit befassen sich internationale Besucher auch mit den balltechnischen Qualitäten unter der Krone. Schliesslich mussten nicht nur die Kicker aus dem Mutterland des Fussballs, sondern auch noch der EM-Zweite zur Kenntnis nehmen, dass mit Fürstentümern in Ernstkämpfen nicht zu spassen ist. (…) Es war aus liechtensteinischer Sicht bestimmt zu verschmerzen, dass ihre Mannschaft schliesslich 1:3 unterlag. Um diese zwei Treffer mag der Gast aus der Republik besser gewesen sein.
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