indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 18. November 2004

Unterhaus

Kickersfans sehen ihren Verein stets zu Höherem berufen

Kickers Offenbach spielt Regionalliga, ruft Sebastian Krass (SZ 18.11.) den Fans in Erinnerung: “Nach Jahren der Dümpelei sind viele Fans vergrault. Sie wiederzugewinnen ist mühsam. Denn sie orientieren sich nicht nur an Erfolgen wie dem Pokalsieg 1970 oder Spielzeiten in der Ersten Liga, zuletzt 1983/84 mit Spielern wie Oliver Reck und Uwe Bein. Kickersfans sehen ihren Verein stets zu Höherem berufen, mag die Realität noch so trist sein. Das verbindet sie mit Nachbarn wie der verhassten Eintracht Frankfurt oder Darmstadt 98. Wahrscheinlich haben hessische Fußballanhänger ein besonderes Gen für Hochmut. Das lässt sich nicht kurieren. Die Kickers können ihm nur gerecht werden: mit erfolgreichem Bundesligafußball.“

Deutsche Elf, Internationaler Fußball

Beim 1:1 der U21 gegen Polen

Beim 1:1 der U21 gegen Polen – Javier Cáceres (SZ 18.11.) hält sich Augen und Ohren zu: „Es war, wie sich herausstellen sollte, das Krachen von Schien- und Wadenbein des jungen Christian Müller, das die Zuschauer im Stadion der Freundschaft bis unter das Dach der Tribüne gehört hatten; ein schreckliches Geräusch, gepaart mit Schreien, die auch dem Schmerz galten, vor allem aber dem eigenen Entsetzen. Es waren keine fünf Minuten gespielt, als Müller, eine Hoffnung von Hertha BSC Berlin, sowie Grzegorz Fonfara, Verteidiger von Dospel Katowice, an der Mittellinie nahe der Trainerbänke ineinander rasten wie führerlose Zugmaschinen. „Als ich aufstand, sah ich, dass sein Bein durch war“, würde Fonfara später auf englisch radebrechen. „Es sah schrecklich aus“, sprach wiederum Stürmer Ashkan Dejagah, Berliner wie Müller, „so etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen.“ Bedauernd hatte Fonfara noch in der Halbzeit den Weg in die Kabine des Gegners gesucht. Müller wurde noch in der Nacht nach Berlin geflogen und im dortigen Martin-Luther-Krankenhaus operiert.“

Bundesliga

Überlebenskünstler

Matthias Wolf (BLZ 18.11.) über das Engagement Jörg Bergers in Rostock: „Das Vertrauen in Berger ist groß. Der Mann habe eine Vita, die wie auf Hansa zugeschnitten sei, sagt Aufsichtsratschef Horst Klinkmann. Damit meint er auch den Stallgeruch, auf den sie beim einzigen Ost-Bundesligisten Wert legen. Nur ein Vorstandsmitglied kommt aus dem Westen. Der gebürtige Leipziger Berger, der 1979 aus der DDR flüchtete, sagt sofort: „Ich weiß um die Bedeutung des Vereins für die Region.“ Mehr noch aber haben seine Verdienste überzeugt: Schalke, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln – alle bewahrte er vor dem drohenden Absturz. Und den Zweitligisten Alemannia Aachen verließ er nach dem Erreichen des Pokalfinales. „Jörg Berger hätte auch die Titanic gerettet“, hat Jan Aage Fjörthoft gesagt, nach Frankfurts Rettung in letzter Sekunde, im Mai 1999. Noch spielt keine Kapelle melodramatische Töne auf der Hansa-Kogge, aber die Lage ist höchst gefährlich. Die Mannschaft gilt als seelenlos, lethargisch und in Gruppen zerfallen. Ein Fall für einen echten Überlebenskünstler.“

Vergangenheitsbewältigung

Ronny Blaschke (SZ 18.11.) fügt hinzu: „Berger hat eine seiner wichtigsten Prinzipien gebrochen. 1990 hatte er ein Angebot von Dynamo Dresden ausgeschlagen: Er wollte nie wieder in den neuen Bundesländern arbeiten. Schmerzhaft sind seine Erinnerungen an den Osten. Weil er nicht für die Staatssicherheit hatte arbeiten wollen, wurde er bespitzelt. 1979 flüchtete er als Jugendtrainer über Belgrad in den Westen. Auch beim FC Hansa waren Entscheidungsträger mit der Staatssicherheit in Verbindung gebracht worden. Jörg Berger will die Vergangenheit ruhen lassen: „Die Kluft ist verschwunden, ich fühle mich nicht wie im Osten.“ So ist seine Tätigkeit an der Küste nicht nur sportliche Herausforderung, sondern auch ein Stück Vergangenheitsbewältigung. (…) Nach dem launischen Armin Veh und dem stillen Juri Schlünz haben sie einen Kommunikator gefunden, der seine Berufung im Optimismus sieht. “

Mittwoch, 17. November 2004

Interview

Interviews mit Robert Huth und Winnie Schäfer

Robert Huth (Tsp): “Mir hat es geholfen, dass ich mich früh allein durchzusetzen hatte“ – Winfried Schäfer (taz): „Der Trainer ist nur so stark wie ihn der Vorstand macht“

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Meine Mutter konnte mich am Abend nicht in die Arme nehmen, das hat mich abgehärtet

Robert Huth mit Stefan Hermanns & Michael Rosentritt (Tsp 17.11.)
Tsp: Hatten Sie keine Bedenken, allein nach London zu gehen?
RH: Na klar gab es Bedenken, aber die habe ich zu verdrängen versucht. Natürlich war Heimweh ein Thema. Und dann sage ich nur: Freunde, die schätzt man dann, wenn man sie nicht mehr um sich hat. Damals war ich naiv. Ich habe geglaubt, nach einer Woche einen neuen Freundeskreis aufgebaut zu haben.
Tsp: Hat Ihnen Ihre Mutter nicht abgeraten?
RH: Und ob, meine Mutter hatte ihre eigene Meinung. Aber sie wusste auch, dass ich ein vernünftiger Sohn bin, der weiß, was er macht. Ihr größtes Problem war, dass ich Deutschland verlasse. Das bereitete ihr Herzschmerzen.
Tsp: Ihr Herz hängt jetzt am FC Chelsea, Sie haben Ihren Vertrag bis 2008 verlängert.
RH: Das war eine Entscheidung mit Kopf und Herz. Vier Jahre bin ich jetzt dort. Da gewöhnt man sich schon an einen gewissen Lifestyle, an das Flair Londons, an die Art, wie dort Fußball gespielt wird und wie mir meine Mitspieler begegnen.
Tsp: Reifen Fußballer in England schneller?
RH: Mir hat es geholfen, dass ich mich dort recht früh allein durchzusetzen hatte. Das hat mich als Sportler und als Persönlichkeit geschult. Man musste sich auf das Wenige konzentrieren, was man hatte. Meine Mutter konnte mich am Abend nicht in die Arme nehmen. Das hat mich abgehärtet.
Tsp: Was haben Sie Ihrer Mutter schon über Chelseas Eigentümer, den russischen Milliardär Abramowitsch, erzählt?
RH: Meine Mutter kann sich bis heute nicht vorstellen, was das für eine Person ist. Sie liest in der Zeitung, dass er unheimlich viel Geld hat und angeblich aus dem Fenster schmeißt. So stimmt das nicht. Wir haben einen sehr guten Eindruck von ihm. Herr Abramowitsch kommt nach Heimspielen in die Kabine, egal wie das Ergebnis war. Dann setzt er sich und versucht, ein bisschen zu reden. Aber sein Englisch lässt noch nicht viel zu.
Tsp: Kommt Abramowitsch allein in die Kabine oder mit Bodyguards?
RH: Er hat ein, zwei Leute dabei, aber Bodyguards kommen bei uns prinzipiell nicht in die Kabine. Wenn er reinkommt, gibt er jedem die Hand, er kennt alle persönlich. Er probiert, sich zu integrieren.

Der Trainer ist nur so stark wie ihn der Vorstand macht

Winfried Schäfer mit Ole Schulz (taz 17.11.)
taz: Kurz nach ihrer Vertragsverlängerung wurden Sie in den Ettlinger Gemeinderat gewählt. Was genau macht der Kommunalpolitiker Schäfer?
WS: Wir von der Bürgergemeinschaft „Für Ettlingen“ haben erkannt, dass wir etwas tun müssen, weil in der Innenstadt immer mehr Geschäfte schließen – das große Kaufhaus, der einstige Mittelpunkt Ettlingens, folgt beispielsweise demnächst. Wir haben gemerkt, dass wir nicht immer nur schimpfen können, sondern selbst Hand anlegen müssen.
taz: Welchem politischen Lager ist die Wählergemeinschaft „Für Ettlingen“ zuzurechnen?
WS: Keinem. Im Grunde bin ich ja CDU-Mann, aber wenn man merkt, dass die CDU hier nur blockiert, dann muss man das ändern. Wenn jetzt die Grünen kommen mit einem Supervorschlag, dann bin ich der Erste, der sagt: Das ist ne tolle Sache, das hilft Ettlingen. Ich bin weder links noch rechts, sondern für das, was für Ettlingen gut ist.
taz: Im Gegensatz zu den jungen Trainern à la Klinsmann oder dem Portugiesen Mourinho von Chelsea gehören sie eher zur Riege der „alten Hasen“. Was macht einen guten Trainer aus?
WS: Er muss fleißig und ehrlich sein – und Ahnung vom Fußball haben [Wissen wäre besser, of]. Aber das Wichtigste ist: Der Trainer ist nur so stark wie ihn der Vorstand macht. Im Übrigen muss ein guter Trainer nicht unbedingt dreimal Meister geworden sein, er kann eine Mannschaft auch dreimal vorm Abstieg gerettet haben. Außerdem muss er die A- und B-Jugend seines Vereins kennen. Das ist die Basis. Ich kannte alle meine Jugendspieler. Kahn oder Scholl, das waren ja alles meine Jungs.

Internationaler Fußball

Realität hinterm Postkartenidyll

Winfried Schäfer in Kamerun vor dem „Trainerschicksal“ – Brasiliens schlimme „Realität hinterm Postkartenidyll“ (SZ) – in Asien, besonders in China, fürchtet man Betrug und Bestechung (NZZ) – Dietrich Weise, „Großvater der Liechtensteiner Erfolge“ (FAZ)

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Beschädigtes Ansehen

„Trainerschicksal“ des Winfried Schäfer – Philipp Selldorf (SZ 17.11.): „Kenner rechnen damit, dass Schäfer seines Postens enthoben wird, falls seiner Mannschaft kein zündendes oder zumindest respektables Ergebnis gelingen sollte. Der mehrmalige erfolgreiche WM-Teilnehmer und Finalist des jüngsten Confederations-Cups steht zur Halbzeit der afrikanischen WM-Qualifikation in seiner Gruppe lediglich auf dem dritten Platz. (…) Sein Ansehen ist in der von den Erfolgen verwöhnten Öffentlichkeit, ziemlich beschädigt. Außer dem Üblichen – schwache Resultate, falsche Personalwahl – wirft man ihm vor, dass er sich zu selten in Kamerun aufhält und zu wenig Gebrauch vom Nachwuchs des Landes macht. Dieser Kritik ließen sich allerdings auch Argumente entgegensetzen: Erstens muss Schäfer, dem seit einigen Monaten kein Gehalt mehr bezahlt worden ist, die Flugreisen selbst finanzieren. Zweitens ist der Fußball in Kamerun nicht unbedingt optimal organisiert und schon gar nicht professionell, weshalb die Talente in jungen Jahren nach Europa ziehen.“

Realität hinterm Postkartenidyll

Thomas Kistner (SZ 17.11.) klärt uns auf über die bedenkliche Entwicklung des brasilianischen Fußballs: „Als Flamengos Kicker mit einer 1:6-Pleite aus Belo Horizonte heimkehrten, wurden sie mit Schlägen und Tritten am Flughafen empfangen, einige Spieler schlugen zurück, wobei ein Schnappschuss von Zinho gelang, der zum Spannstoß gegen einen von Kollegen zu Boden gezerrten Fan ausholt. Kein schönes Bild aus dem Herzland des Fußballs, das in der Lage wäre, die zwei, drei besten Nationalteams der Welt zu stellen. Aber die Realität hinterm Postkartenidyll. Es ist nur ein Mosaik der neuen Krise, die mit dem Herztod des Profis Serginho begann, der sein Gesundheitsproblem aus wirtschaftlichen Gründen verschweigen musste, und in der Entführung der Mutter des Nationalspielers Robinho gipfelte – das ganze Land bangt um Marina. Aber die Fußballbranche ignoriert dieses Milieu konsequent, sie hält Brasiliens korrupte Funktionäre im Amt und ergötzt sich an einer Parallelwelt, deren Helden Ronaldo, Kaka, Ronaldinho heißen. Einige Jahre klappt das noch, nach der WM 2010 in Südafrika aber findet das Spektakel in Brasilien statt. Dann wird die Fußballwelt um einen Mythos ärmer werden.“

Markt der Zukunft

WM-Qualifikation – vor den entscheidenden Spielen China gegen Hongkong und Kuwait, Chinas Konkurrent, gegen Malaysia spekulieren Journalisten, Funktionäre und Fans über Manipulation und Betrug. Martin Hägele (SZ 17.11.) erinnert an die Vergangenheit: „Unsittliche Angebote gibt es. Dafür garantieren schon die Lotterie-Syndikate, vor allem die inoffizielle Wett-Mafia, die in diesem Teil der Welt schon die tollsten Fussball-Geschichten geschrieben hat. Klaus Schlappner schimpft noch immer über die bis heute ungeklärten Umstände, unter denen sein chinesisches Nationalteam die Qualifikation für die WM 1994 verpatzt hat. Das Geld der Ölmilliardäre habe dabei aus dem Rasen gestunken. Schlappner sagt: „Die Araber haben gegen uns zusammengehalten. Der Irak, Jemen, Jordanien und ein syrischer Schiedsrichter.“ Mittlerweile ist China Weltmacht, für viele Industrieländer der wichtigste Absatzpartner und im Fussball der Markt der Zukunft – weshalb sich hinter diesen zwei Fussballpartien in Fernost und Orient indirekt auch zwei diskrete Mächte gegenüberstehen. Das Sportbusiness und die Unterwelt der Zocker. In beiden Lagern geht es um sehr viel Geld. Vor allem aber steht der neu geschaffene gute Ruf eines Kontinents auf dem Spiel, den sich der professionalisierte Fussball in Asien im vergangenen Jahrzehnt erworben hat. Asien kann sich keinen Fussball-Skandal mehr leisten.“

Großvater der jüngsten Erfolge

Hartmut Scherzer (FAZ 17.11.) wiegt Dietrich Weises Anteil am Sichtbarwerden Liechtensteins „Weise ist so etwas wie der Sepp Herberger von Liechtenstein. Der Aufschwung des kleinen Fürstentums auf dem großen Fußballplatz ist auch sein Verdienst. Wenn Martin Andermatt, 42 Jahre alt, als der Vater des sensationellen 2:2 gegen Portugal und des ersten Auswärtssieges, des 4:0 in Luxemburg, gilt, dann ist Dietrich Weise der Großvater der jüngsten Erfolge. Überrascht hätten ihn die guten Ergebnisse nicht, sagt der ehemalige DFB-Trainer. Im März 1993 hatte der Fußball-Weise in Vaduz die Aufgabe übernommen, als erster Nationaltrainer im Zwergstaat eine Nationalmannschaft für die erste Teilnahme an einer EM-Qualifikation (1996) zu formen. Bis dahin hatte der 30 000-Seelen-Flecken gerade mal vier Länderspiele in seiner siebzigjährigen Verbandsgeschichte bestritten. (…) Nun kommt Lettland. Trotz der jüngsten Erfolge wird das 3500 Zuschauer fassende Rheinpark-Stadion nicht ausverkauft sein. „Rund 2000 Besucher wären angemessen“, schätzt der Sportredaktor Piero Sprenger von der Landeszeitung Liechtensteiner Vaterland. Denn der Liechtensteiner an sich sei nicht so leicht zu entflammen. Die Zeitung gibt sich weniger zurückhaltend. Das Vaterland sieht sich in der Welt des Fußballs angekommen: „Reaktionen aus aller Welt zeugen davon, daß sich Liechtenstein Respekt verschafft hat.“ Auch dank der Pionierarbeit Dietrich Weises.“

Ascheplatz

Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik

Nach der Dortmunder Aktionärsversammlung: „Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik“ (FAZ) / „Zweckbündnis“ (FR) / „der BVB hat sich verkauft“ (BLZ)

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Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik

Roland Zorn (FAZ 17.11.) befasst sich mit den Folgen der Dortmunder Aktionärsversammlung: „Homm riß, auch wenn die Statuten der DFL der Einflußnahme der Kapitalseite auf den Fußballbetrieb Grenzen setzen, einen Großteil der Macht beim BVB an sich. So manchem dämmerte, wer in Zukunft bei jenen Bundesligaklubs das Sagen hat, die sich auf Terrains vortrauen, die für Fußballklubs nicht gemacht sind. Borussia Dortmund ist bei den Börsenprofis nie angekommen – und wird nun von einem gönnerhaften Großaktionär mitbestimmt, der seine Liebe zum Fußball noch entdecken muß. Alles, was an Schutzvorschriften zum Wohle dieses Sports einmal schwarz auf weiß formuliert wurde, erscheint in Augenblicken hinfällig, da die schiere Not das Gesetz des Handelns bestimmt. Homm könnte der Vorreiter einer Entwicklung werden, die den an die Heimeligkeit von Mitgliederentscheidungen gewöhnten Vereinsanhängern nicht schmecken dürften. Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik (…) Die schmerzliche Erfahrung, die Borussia Dortmund derzeit durchlebt, sollte andere, risikobereite Klubs alarmieren. Will der Fußball allein bestimmen, wohin er rollt, muß er sich mit dem bescheiden, was er hat und was er bezahlen kann.“

Abhängigkeit

Auch Wolfgang Hettfleisch (FR 17.11.) beschreibt einen Machtwandel: „Beim Dortmunder Zweckbündnis, das Homm mit seinem gestrigen Einsatz für Niebaum und Meier offenbarte, riecht es nach der wachsenden Abhängigkeit der Unternehmensspitze von einem Großaktionär, dessen Ziele jenseits der Bekundung, den Wert des BVB-Papiers vervielfachen zu wollen, im Dunkeln liegen. Das nachhaltig geschwächte Doppel Niebaum/Meier ist denkbar ungeeignet, Machtinstinkt und Gestaltungswillen des herrisch auftretenden Mannes etwas Substanzielles entgegenzusetzen. Immerhin hat Niebaum die Statik der Macht im Dortmunder Fußballhaus einst so angelegt, dass der Verein und er als dessen Präsident nicht so einfach übergangen werden kann. Niebaums Nachfolger Reinhard Rauball ist Homms letzter ernsthafter Gegenspieler auf den schwarz-gelben Schachbrett.“

Siegfried und Roy der Bilanzen

Felix Meininghaus (Tsp 17.11.) schildert die Stimmung: „Die Mehrzahl der Redner sprach Niebaum und Meier jegliche Kompetenz zur Sanierung des mit 118 Millionen Euro verschuldeten Klubs ab. Weil die Versammlung die Geschäftsführer nicht abwählen kann, forderte Carsten Heyse von der Deutschen Schutzvereinigung der Wertpapierbesitzer Meier und Niebaum auf, freiwillig abzudanken. Stefan ten Doornkaat von der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger wurde konkreter: „Machen Sie Platz für kompetentere Leute! Sie sind wie Siegfried und Roy der Bilanzen aufgetreten: Sie haben uns jahrelang vorgegaukelt, Sie hätten Gewinne gemacht.““

Ein FAZ-Bericht von der Aktionärsversammlung: „Die schillernde Ein-Mann-Show des Finanzjongleurs“

Der BVB hat sich verkauft

Rückblickend kommentiert Markus Völker (BLZ 17.11.) den Dortmunder Börsengang: „Borussia war der erste deutsche Verein, der Aktien zum Kauf angeboten hat. Er wird es wohl vorerst bleiben, denn die „Performance“ ist schlecht – nicht nur auf dem Parkett. (…) Der BVB hat sich verkauft. Das hat der Verein so gewollt. Niebaum träumte sich mit dem Aktionärsgeld in blühende Fußballlandschaften, vergaß aber, dass der börsennotierte Verein solide Werte braucht wie ein eigenes, schuldenfreies Stadion und zudem ein Team, das sportlichen Erfolg garantiert. Aktuell steht Borussia auf einem Fundament, das so belastbar ist wie Balsaholz.“

Deutsche Elf

Wir sind für Reformen – es darf sich nur nichts ändern

Jürgen Klinsmann wäscht vielen den Pelz – Oskar Beck (FTD 17.11.): “Klinsmann tut nur, was er geschworen hat: „Der Laden muss auseinandergenommen werden.“ Prima, haben alle gejubelt, endlich lüftet mal einer durch und bricht die Strukturen auf. Doch plötzlich erschrecken dieselben Jubler und formulieren den deutschen Lieblingssatz: Wir sind für Reformen – es darf sich nur nichts ändern. Klinsmann denkt, auch wenn es einigen wehtut, amerikanischer. Die Bilanz ist alles. Das Ziel. Dafür managt er den Umbruch ohne faule Kompromisse und opfert bei der Personalumstrukturierung die alten Zöpfe für seine engsten Vertrauten. Ich halte den Kopf hin, sagt Klinsmann, also entscheide ich auch. Und trifft sich, mit wem er will. Letztens saß er im Kanzleramt. Außer ihm und Gerhard Schröder war noch eine Reihe von Vorstandschefs aus Dax-Unternehmen dabei. Es ging um die WM. Und um Deutschland. Klinsmann hat den Wirtschaftskapitänen das Portemonnaie geöffnet. Sind halt auch nur Fußballfans. „Er macht alles richtig“, hat Karl-Heinz Rummenigge gelobt – bis Klinsmann Oliver Kahn nicht nur als Kapitän, sondern auch als unangefochtene Eins im Tor abgesetzt hat. Prompt hatte Rummenigge aus Sorge um Kahns Nervenkostüm nicht mehr das große, deutsche Ganze im Auge, sondern dachte etwas kleiner und bayerischer: „So geht es nicht.““

Weltoffenes Image

Jürgen Klinsmann erstellt ein neues Leitbild für Nationalspieler – Ludger Schulze (SZ 17.11.): „Die Tage in Leipzig sind für die Nationalspieler alles andere als ein Allerlei, sondern voll gepackt mit ungewohnten Eindrücken. Neben dem gewohnten Training und der üblichen Vorbereitung auf das Länderspiel haben sich die Kicker auf ungewohntes Terrain begeben. Auf Initiative von Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff mussten/durften sich die Kicker mitten im normalen Leben bewegen, der Besuch einer Kinderkrebsklinik, ein Treffen mit Schulkindern sowie eine Medienschulung unter Leitung des Premiere-Spitzenmannes Marcel Reif stand auf der Agenda. Der Trainerstab stattete der Nikolai-Kirche, von der die Montagsdemonstrationen der Vorwendezeit ausgingen, einen intensiven Besuch ab. Unter Klinsmann ist die Nationalmannschaft dabei, sich ein neues, weltoffenes Image zu erarbeiten, das die Millionäre in kurzen Hosen als Mitbürger mit sozialer Verantwortung ausweisen und den Ruf als abzockender Nutznießer einer übertourigen Unterhaltungsindustrie zum überkommenen Klischee degradieren soll.“

Jürgen Klinsmann „hat die Nationalelf derart reformiert, dass jedes Testspiel zum Ernstfall wird“, lobt Christof Kneer (BLZ 17.11.): “Man hatte sich ein wenig gefürchtet vor dieser wettkampflosen Zeit. Man fürchtete luschige Länderspiele und mittelmäßig motivierte Helden, und wahrscheinlich ist dies die bislang größte Leistung, die sich der neue Bundestrainer anrechnen darf. Er hat sich und sein Team mit radikalem Reformertum so unter Druck gesetzt, dass ihm jeder Misserfolg sofort auf die Füße fiele. So sehr ist noch kein Bundestrainer von Ergebnissen und sportlichem Vortrag abhängig gewesen, und auch Klinsmanns Glaubwürdigkeit in der Mannschaft hängt mehr als bei allen Vorgängern davon ab, ob seine Methoden Wirkung zeigen.“

Dienstag, 16. November 2004

Internationaler Fußball

Nivellierung nach unten

Peter Hartmann (NZZ 16.11.) kritisiert die Entwicklung der Serie A: „Eine Art Katzenjammer erfasst den Calcio: Die unrealistische Aufstockung der Serie A auf 20 Mannschaften, Kompromiss-Ergebnis der noch unsinnigeren Aufblähung der Serie B auf 24 Teams im Sommer 2002 (die mittlerweile auf 22 zurückgefahren wurde), hat zu einer Nivellierung nach unten geführt. Walter Novellino, Trainer von Sampdoria Genua, fasst das Krisen-Lamento in einen Satz: „Zu viele Spiele, zu wenig Spektakel, zu hohe Eintrittspreise und eine Flucht der Zuschauer.“ Tatsächlich haben die Regisseure der Pay-TV-Übertragungen auf Sky Mühe, die leeren Tribünen auszublenden. Das Unbehagen der Klubs schlägt sich in der Polemik um die Wiederwahl des Lega-Präsidenten Adriano Galliani nieder: Der Geschäftsführer und Statthalter Berlusconis in der AC Milan ist bisher zweimal gescheitert. Eine Fronde der kleineren Klubs unter Führung des Fiorentina-Präsidenten Della Valle verlangt eine Umverteilung der Fernsehgelder, die nur für die Etablierten sprudeln.“

Georg Bucher (NZZ 16.11.) befasst sich mit dem Aufschwung des Espanyol Barcelona: „Paradestück ist die Abwehr, im Aufbau zieht Ivan de la Peña, sekundiert vom „Wasserträger“ Ito, die Fäden wie einst im FC Barcelona. Nach schwierigen Jahren in der Fremde erlebt der „kleine Buddha“ in einem familiären Klub den zweiten Frühling. Maxi Rodriguez und der aus Saragossa gekommene Dani, auch er in Barça gross geworden und ausgemustert, konkurrieren mit Tamudo um einen Platz im Angriff. Praktisch aus dem Nichts auf die hell erleuchtete Bühne getreten ist Oscar Serrano. Der 23-jährige Stürmer vom drittklassigen Klub Figueres brilliert an seiner neuen Arbeitsstelle im offensiven Mittelfeld. Vor einem düsteren finanziellen Hintergrund wurde das Kader formiert. In die Jahre gekommene, verhältnismässig hoch bezahlte Spieler wie Raducanu, Jordi Cruyff, Tayfun und Domoraud wurden abgegeben, Talente mit Perspektiven verpflichtet und Lücken ablösefrei geschlossen. Der sportliche Aufschwung schlägt sich in höheren Zuschauereinnahmen nieder, doch der Spielraum bleibt eng. Um ein Fünftel sind die Schulden in der letzten Saison auf über 54 Millionen Euro gestiegen.“

Ball und Buchstabe

Polemisch, extravagant, provozierend, sozial engagiert, feinfühlig

Gewalt und Fußball: „Der gesellschaftliche Umbruch hat offenbar einen Teil der polnischen Bevölkerung entwurzelt“ (FAZ) – eine Klage gegen die Begleichung von Ordnungsstrafen (SZ) – José Luis Chilavert, „polemisch, extravagant, provozierend, sozial engagiert, feinfühlig“ (NZZ), hört auf

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Der gesellschaftliche Umbruch hat offenbar einen Teil der Bevölkerung entwurzelt

Die Stadt Cottbus erwartet heute im U21-Spiel schwere Gegner: polnische Fans. Michael Reinsch (FAZ 16.11.) berichtet: „Innenminister Jörg Schönbohm hat die Verlegung der Partie nach Mainz, wie sie der DFB aus Sicherheitsgründen veranlaßt hatte, rückgängig gemacht. Es gebe kein Sicherheitsproblem in Cottbus. Man kann den erwarteten fünftausend Zuschauern nur wünschen, daß die Polizei gut informiert ist über die Pläne von polnischen Gewalttätern. Denn diese scheinen aus einem anderen Holz geschnitzt als ihre deutschen Pendants. Er sei 1996 in Zabrze dabeigewesen, schreibt ein Deutscher in einem Internet-Forum für Hooligans. Hinterher hätten Polen mit Ketten auf sie gewartet. „Wenn ich höre“, schreibt ein anderer, „daß da selbst Motorsägen und Beile mit im Spiel sind, dann vergeht mir echt der Spaß an dem Sport.“ Mit Sport meint er nicht Fußball, sondern die Schlägereien. Polen sei berühmt für seine exzellenten Fußballanhänger, prahlt ein Pole im Internet. Der gesellschaftliche Umbruch hat offenbar einen Teil der Bevölkerung entwurzelt – und junge Männer gewaltbereit gemacht. Fast ein Drittel der Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen gaben sich bei einer Umfrage davon überzeugt, daß die Welt voller Angst und Haß sei. Auch Polizisten sind verunsichert und schwanken zwischen Laxheit und Überreaktion. Entsprechend heftig war die öffentliche Diskussion, als ausgerechnet das vom Sozialismus befreite Polen strenge Gesetze zur Sicherheit von Sportveranstaltungen erließ. (…) Die Gewalt ist weitgehend aus den Stadien verbannt. Damit ist sie noch lange nicht verschwunden.“

Klarer Straftatbestand

Ordnungsstrafen – Johannes Nitschmann (SZ/Panorama 15.11.) berichtet von einer Klage gegen die gängige Praxis: „Fritz von Beesten ist ein erfahrener Marathonläufer. Der 63-jährige Jurist aus dem rheinischen Ratingen hat Durchhaltevermögen. Wenige Wochen nach seiner Pensionierung als Vorsitzender Richter einer Schwurgerichtskammer am Düsseldorfer Landgericht ist von Beesten zu einem juristischen Langstreckenlauf gestartet. Er will dagegen angehen, dass Fußballvereine individuelle Ordnungsstrafen für ihre Kicker und Trainer bei den Verbandsgerichten bezahlen. Er sagt: „Warum sollen alle Vereinsmitglieder dafür aufkommen, wenn ein Spieler auf dem Fußballplatz schlägt, tritt oder spuckt?“ Der asketische Jurist wehrt sich gegen eine Praxis, die bei den Fußballclubs von der Bundesliga bis zur vierten Kreisklasse seit Jahren gang und gäbe ist: Für den ehemaligen Richter ist dies ein klarer Straftatbestand. Wenn der Verein für seinen Spieler eine individuelle Ordnungsstrafe begleiche, dann begehe er eine Untreue, urteilt von Beesten. Falls der Fußballer es unterlasse, diesen „geldwerten Vorteil“ in seiner Steuererklärung anzugeben, mache er sich zusätzlich einer Steuerhinterziehung schuldig. Im Amateurbereich verhängen die Fußballgerichte bei Tätlichkeiten von Spielern oder unsportlichem Verhalten von Trainern im Einzelfall Ordnungsstrafen zwischen 50 und 500 Euro. Im Profibereich können die Geldstrafen durchaus Größenordnungen von bis zu 20 000 Euro erreichen.“

Polemisch, extravagant, provozierend, sozial engagiert, feinfühlig

Die NZZ (16.11.) verabschiedet José Luis Chilavert: „Chilavert spielte oft „alleine“ gegen die andere Equipe. Er bediente sich verbal der psychologischen Kriegsführung – und bezog im Gegenzug dafür oft Prügel. An der letzten WM-Ausscheidung in Peru wurde er von den einheimischen Fans bereits am Flughafen mit Eiern beworfen. Nichts verdeutlicht sein Charisma besser als das Spiel gegen den späteren Weltmeister Frankreich an der WM 1998. Nur ein paar Minuten fehlten in der Verlängerung, und Chilavert hätte auch Frankreich geschlagen, weiss der Volksmund in Asunción noch heute zu berichten. Das Bild des seine Mitspieler tröstenden Captains ist noch allgegenwärtig. Polemisch, extravagant, provozierend sahen ihn die einen, enorm sozial engagiert, feinfühlig und als positiven Leader die andern. 62 Tore am Karriereende reichen selten, um in die Fussballgeschichte einzugehen. Bei einem Torhüter ist dies anders, bei Chilavert sicherlich. Anmerkung: Am Sonntag fand das Abschiedsspiel dieses etwas anderen Goalies statt.“

WM 2006

Nur ein weiterer Ausdruck transatlantischer Missverständnisse

Das Streiflicht (SZ 15.11.) tritt dem Löwen gegens Schienbein: „Die Figuren aus Hensons Werkstatt sind Charaktere, auf die die Welt schaut. Deshalb wird auch der Löwe ein Star werden, den die Puppenbauer gerade erfunden haben. Er heißt Goleo und ist das Maskottchen und Kennzeichen dieser WM, aber als er in Wetten, dass…? erstmals aus den Kulissen trat, war die Verwirrung ziemlich groß, mindestens so groß wie der Löwe selbst, und der misst zwei Meter dreißig. Warum keine weiße Maus aus dem Bierglas eines siegtrunkenen deutschen Fußballfans? Warum kein röhrender Hirsch aus der Vereinskneipe eines tapferen Verbandsligisten? Warum wirkt der Bart des Löwen, als hätten sie bei Henson die Werkstatt gefegt und ihn aus Restfusseln zusammengestoppelt? Warum sieht sein Schwanz so aus wie eine vom Hurrikan gebeutelte Palme Floridas? So viele Fragen, die größte stellt die BamS: „Warum hat unser WM-Löwe keine Hose?“ Goleo sollte bei Wetten, dass…? übrigens noch aus einer größeren Gruppe von Menschen ein paar Kandidaten für eine Saalwette auswählen, wobei sich herausstellte, dass er nicht bis sechs zählen kann und außerdem schlecht sieht. Alles in allem war sein Auftritt so wenig überzeugend, dass er sich mit Lampenfieber allein nicht erklären lässt. Wahrscheinlich ist dieser von den Amis erfundene Goleo nur ein weiterer Ausdruck transatlantischer Missverständnisse.“

Bundesliga

Hansa Rostock-Hamburger SV 0:6

Die Ära der Harmonie ist vorüber

Wer kann Hansa Rostock wie retten, Ronny Blaschke (SZ 16.11.)? “Selten war ein Team für den letzten Tabellenplatz so qualifiziert wie der FC Hansa. Die Krise hat tasmanische Dimensionen erreicht: Achtmal in Serie hatten die Berliner 1965 vor heimischer Kulisse verloren, Rostock steht vor der Einstellung des Rekords. „Ich wollte das Vertrauen nicht weiter missbrauchen“, sagte Schlünz zwanzig Minuten nach dem Abpfiff, während eine Etage höher im Foyer nicht nur bei der Gattin des Präsidenten Tränen flossen. Es war ein melodramatischer Abend. Und trotzdem hat Schlünz dem Verein, dem er seit 37 Jahren angehört, einen Gefallen getan. Er wird in der Hierarchie wieder sanft nach unten gleiten. Stilvoll, ohne ein böses Wort, verabschiedete er sich. Vielleicht zu spät. Verein, Fans und Mannschaft waren durch die Verdienste des Trainers so loyal miteinander verbunden, dass die Objektivität abhanden kam. Das könnte den wichtigsten Werbeträger Mecklenburg-Vorpommerns teuer zu stehen kommen. Mit dem Ende der Ära Schlünz wird sich auch das Profil des Vereins ändern, die Ära der Harmonie ist vorüber. Der Klubführung fahndet nach einem Überlebenskünstler, der es versteht, die Panik zu bändigen. „Morgens Lorant, abends Geyer“, fasste einer der Montags-Demonstranten am Zaun die Stellenausschreibung zusammen. (…) Seit Frank Pagelsdorf hat hier kein Trainer länger als zwei Jahre gearbeitet. Rostock ist kein freundliches Pflaster für Fußballlehrer. Der Nachfolger von Schlünz steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe.“

VfL Bochum-Bayern München 1:3

Man muss nicht alles verstehen am Gesamtkunstwerk FC Bayern

Uli Hoeneß im Fernsehen – Zeit, der Welt den Hintern zuzudrehen. Andreas Burkert (SZ 16.11.) teilt mit: “Magaths Jahresplanung findet inzwischen selbst beim im Sommer noch mächtig irritierten Personal Anklang, wie Michael Ballack andeutete. Man habe die robusten Gastgeber letztlich mit Kraft besiegt. Und so arbeiten sich die Münchner Kraftmeier im Wortsinne nach oben, nur Wolfsburg versperrt ihnen noch das Gipfelplateau. Alles eine Frage der Zeit, glaubt Hoeneß, „wir haben jetzt fünf Spiele, davon vier zuhause und eins in Nürnberg – und wenn wir uns nicht ganz blöd anstellen, könnten wir jetzt endlich oben wegkommen von den anderen“. Nach eigener Auffassung ist Hoeneß mit gutem Beispiel voran gegangen, obwohl sich sein vermeintlich kluger Vortrag im Abofernsehen nicht allen erschloss. Den Premiere-Mann blaffte er jedenfalls an, als habe der vor der Hoeneßschen Wurstfabrik zum Vegetarismus aufgerufen. Dabei waren kritische Fragen durchaus zulässig nach einer Partie, die Bayern „glücklich gewonnen hatte“, wie Magath einräumte. „Das erste Tor abgefälscht, das zweite klar Abseits, und das dritte machen wir uns durch Preuß selber rein“, erinnerte sich Rein van Duijnhoven. Hoeneß indes rief erregt, sich für einen Auswärtssieg rechtfertigen zu müssen, sei beleidigend. Danach marschierte er noch zufriedener in die Katakomben, wo ihm die Fernsehleute versichern mussten, man habe ihn live erleben können. Und dann lächelte Hoeneß sogar. Man muss eben nicht alles verstehen am Gesamtkunstwerk FC Bayern.“

Guerrero kickt und trifft, wo die Münchner ihn gerade brauchen

Vor vier Wochen hat ihn fast noch niemand gekannt; heute spricht Die Welt von „Guerrero Küßchen“ (aua, aua!). Richard Leipold (FAZ 16.11.) schildert dessen Tat: “Wenn es beim Rekordmeister nicht nach Wunsch läuft, fallen dem Betrachter viele Spieler ein, die prädestiniert dafür sind, einer Partie aufgrund individueller Klasse eine Wende zu geben. Aber nicht Makaay, Ballack, Frings oder Pizarro traten als Torschützen hervor, als dem Favoriten die Zeit davonlief – es war Guerrero, der seine Chancen so kaltschnäuzig nutzte wie sonst die Stars der Branche. So hatten die arrivierten Herren in den gülden schimmernden Trikots allen Grund, ihrem unbekannten, aber keineswegs unscheinbaren Kollegen zu applaudieren. Der junge Peruaner pendelt derzeit zwischen den Amateuren und den Profis des FC Bayern. Wie es scheint, kickt und trifft Guerrero, wo die Münchner ihn gerade brauchen: ob vor tausend Zuschauern auf dem Dorf oder in den gutbesuchten Arenen der Eliteklasse.“

Bundesliga

Eingespieltes Team

Hannovers Aufschwung, ein Ergebnis guter Führung, schreibt Martin Hägele (NZZ 16.11.): „Aufbruchstimmung in der niedersächsischen Fussball-Metropole ist doch etwas Neues oder Ungewohntes, wiewohl ergraute Zeitzeugen behaupten, in früheren Bundesliga-Epochen wären allein 50 000 ins Niedersachsen-Stadion gepilgert, wenn dort nur schon das Flutlicht angegangen sei. Ein Phänomen, das man in Deutschland sonst nur von der königsblauen Brüderschaft von Schalke 04 kennt. Auf alle Fälle kann sich kaum ein Mensch an eine ähnliche Euphorie und ein nur annähernd ganzheitliches Bild erinnern, wie es Hannover 96 im November 2004 abgibt. (…) Ewald Lienen habe sich geändert, sagen alle, die mit dem Umschwung bei Hannover 96 zu tun haben. Nicht nur dahin, dass er mit den bösen Buben von der Presse gemeinsam Fussball spielt oder im „Sportstudio“ anstatt des oberlehrerhaften Analytikers den versucht lockeren Entertainer mimt. Eher war es ein mannschaftsinterner Prozess, wobei Lienen ein paar seiner eigenen Ansichten korrigierte – und dies, wohl zur eigenen Verwunderung, ohne Gesichtsverlust schaffte. (…) Es hat den Anschein, als habe sich da nicht nur in der Führung mit Präsident Martin Kind, dem sicherlich immer noch schwierigen Lienen und dem professionellen Manager Kaenzig ein Team eingespielt, das nach seiner ersten Bewährungsprobe auch einmal schwierigere Zeiten meistern könnte.“

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