indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 2. September 2004

Internationaler Fußball

Bier, Burger, Bordelle

Wayne Rooney verlässt seine Welt in Liverpool: „Bier, Burger, Bordelle“ (FAZ) – „Rudi Völler hat in Rom auf einem Schleudersitz Platz genommen“ (FAZ) – „ohne das in Italien übliche Marktgeschrei wurde Juventus Turin renoviert und um Zlaten Ibrahimovic bereichert“ (SZ)

Bier, Burger, Bordelle

Wayne Rooney passe nach Liverpool und nicht nach Manchester, finden die Everton-Fans. Christian Eichler (FAZ 2.9.) notiert deren Worte: „“Steht auf, wenn ihr Wayne Rooney haßt“, sangen die Everton-Fans beim letzten Heimspiel. Einen „habgierigen Bastard“ schimpften sie ihn, einen „Judas“, und manche Graffiti waren noch schlimmer. Etwa das in der Grundschule an der Gwladys Street, nahe dem Stadion, wo in vierzig Zentimeter hohen schwarzen Lettern die Aufforderung prangte: „Stirb, Rooney, stirb.“ In wenigen Wochen hat Liverpool beide Fußballwunderkinder verloren. Während der Wechsel von Michael Owen vom FC Liverpool zu Real Madrid eher geschäftsmäßig verlief, ist der Transfer von Rooney höchst emotional begleitet worden. Einen Wechsel seines Helden ins Ausland mag der gemeine englische Fan noch so gerade hinnehmen, doch innerhalb Englands, und dann noch zur verhaßten, reichen United in Manchester, kaum fünfzig Kilometer entfernt, das ist für viele nicht hinnehmbar. „Rooney hat es geschafft, eine ganze Stadt gegen sich aufzubringen, und das vorwiegend durch seine eigene Dummheit“, urteilt die „Times“. Nur 22 Monate nach seinem triumphalen Debüt mit 16, als er Meister Arsenal mit einem Traumtor besiegte und ein Liverpooler Volksheld wurde, stehe er nun „vor der Aussicht, keinen Fuß mehr in seine Heimatstadt setzen zu können“. (…) Mit Rooney könnte auch Ferguson an seine Grenzen stoßen. Nicht wenige, die den Lebensstil des Boxersohnes kennen, der sich schon seit Jahren um Bier, Burger, Bordelle dreht, rechnen mit einem zweiten Fall Gascoigne – jene Kombination aus riesigem Talent für Fußball und mangelndem Talent fürs Leben. Ferguson hat viele schwierige Typen hinbekommen – zwei wurden seine wichtigsten Spieler: Eric Cantona und Roy Keane. Nun steht er vor der heikelsten Aufgabe: aus einem Proleten einen Profi zu machen.“

Rudys Lächeln stärkt die Moral aller

Wie haben die Römer Rudi Völler empfangen, Oliver Meiler (BLZ 2.9.)? „Es war ein Crescendo der Glückseligkeit, eine Art Glorifizierung vor der Zeit, die Rudi oder auch „Rudy“ Völler nach Italien trug. In Rom geizt man nicht mit Pathos, man holt schöne Erinnerungen aus dem Kasten, zeigt Bilder von dem jungen Stürmer, der er war, und vergleicht sie mit den Bildern von heute. Dann merken Zeitungen wie der Corriere della Sera anerkennend an: „Die Silhouette ist die gleiche, der Schnurrbart und der krause Haarschopf auch, nur angegraut.“ Die Repubblica schreibt: „Rudys Lächeln stärkt die Moral aller.“ Er war kaum gelandet, Terminal B, Flughafen Fiumicino, da rief ihm ein Tifoso zu: „Bring uns zum Fliegen.““

Völler hat auf einem Schleudersitz Platz genommen

Dirk Schümer (FAZ 2.9.) warnt: „Dem einst noblen Verein haftet der Ruch an, finanziell üblen Zeiten entgegenzugehen. Zudem steht die Leidenschaft der Fans in krassem Gegensatz zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Klubs. Völler hat auf einem Schleudersitz Platz genommen.“

„Ohne das in Italien übliche Marktgeschrei wurde Juventus Turin renoviert und um Zlaten Ibrahimovic bereichert“, berichtet Birgit Schönau (SZ 2.9.): „Juventus ist in den vergangenen Jahren auf strammem Sparkurs geblieben, hat die Forderungen nach Gehaltserhöhung auch bei Stammspielern wie David Trezeguet stets geflissentlich überhört, und wer allzu lästig nach mehr Geld schrie, musste eben gehen. Edgar Davids zum Beispiel. Ibrahimovic, der junge Schwede mit serbischem Vater und kroatischer Mutter, soll in den nächsten vier Jahren aber ein Nettogehalt von 3,5 Millionen Euro bekommen. In einer Zeit, in der selbst der nimmersatte Inter-Krösus Massimo Moratti vorsichtshalber auf seinem Geldbeutel Platz genommen hat und Milan-Patron Silvio Berlusconi angesichts seiner Sparpolitik im Schul- und Gesundheitswesen eher eine Villa auf Sardinien verkauft als einen neuen Star für den AC Mailand anheuert, ist Luciano Moggi (Generaldirektor) ein Coup gelungen. Juve hat erstmals seit Jahren ein kleines Defizit in der Bilanz, Peanuts gegenüber den dreistelligen Millionenbeträgen der Konkurrenz. Aber Juventus ist auch der einzige italienische Klub, der mit der Finanzgesellschaft Lafico des libyschen Revolutionsführers Gaddafi einen Anteilseigner aus dem Ausland hat. Bislang investierte Gaddafi, dessen Sohn Saidi im Juve-Aufsichtsrat saß, 23 Millionen Euro, die Aufstockung seines Anteils ist in Sicht.“

Ball und Buchstabe

Rieger wurde der erste und einzige Masseur, der Siegprämien kassierte

Jörg Marwedel (SZ 2.9.) schildert das Abschiedsspiel für Hermann Rieger: „Selten hat jemand so viel Zuneigung auf einmal zu verkraften gehabt wie er an diesem Abend. Felix Magath beschrieb das Phänomen Rieger so: „Er war nicht nur Masseur, das am wenigsten. Er war Maskottchen, Seele, der gute Geist, bei dem sich jeder ausweinen konnte.“ Oliver Bierhoff, Manager der Nationalelf mit glücklosem HSV-Intermezzo als Jung-Profi, bestätigte: „Er ist einfach immer positiv und hat mich immer wieder aufgerichtet, wenn es mir nicht so gut ging.“ Günter Netzer, der ehemalige HSV-Manager, schätzte den Wert des Medizinmannes für das Team hoch ein: „Er war die beste Verpflichtung, die ich je für den HSV getätigt habe.“ Dass diese märchenhafte Geschichte beinahe nicht zustande gekommen wäre, enthüllte indes der frühere HSV-Präsident Wolfgang Klein. Er zückte ein Blatt Papier, es war Riegers Kündigung zum 30. Juni 1980. Der Masseur wollte in die USA, wo er ein Angebot aus der neuen Soccer League erhalten hatte. „Wir haben überlegt, wie wir ihn umstimmen können“, erzählte Klein und verriet die Lösung: Hermann Rieger wurde der erste und einzige Masseur, der Siegprämien kassierte.“

WM 2006

Marketing der Deutschen Telekom

Juliane Paperlein (Horizont Sport Business) recherchiert das Marketing der Deutschen Telekom: „Die Deutsche Telekom steckt mitten im Training für die WM 2006. Die Europameisterschaft – für andere Sponsoren eines der größten Events ihrer Unternehmensgeschichte –, war für den rosa Riesen ein Testlauf: „Die Auswertung läuft noch, aber eine unserer Lehren ist bereits, dass man integriert kommunizieren muss“, sagt Stephan Althoff, Konzernbeauftragter für Sportsponsoring bei der Telekom. Das dürfte dem Konzern, der über die Hälfte seines Umsatzes im Inland erzielt, zumindest auf dem hiesigen Markt nicht allzu schwer fallen: In zwei Jahren haben die Bonner Heimvorteil. Der Ex-Monopolist mit seinen derzeit vier Geschäftsbereichen TCom, T-Online, T-Mobile und T-Systems, kommt deutschlandweit auf eine Markenbekanntheit von über 90 Prozent. Klar formuliertes Ziel der WM-Aktivitäten [of: Wolf Schneider und andere Stil-Puristen würden fragen: Gibt es auch Marketing-Passivitäten?] hierzulande lautet daher vor allem, den Absatz zu steigern. (…) Für das Paket dürfte die Telekom einen dreistelligen Millionenbetrag einsetzen. Die offiziellen weltweiten WM-Partner zahlen der Fifa rund 40 Millionen Euro für die Partnerschaft. Nicht in jedem Fall fließt dabei Bares. Sachleistungen werden teilweise gegengerechnet. Die Telekom stattet beispielsweise die Stadien mit Telekommunikation und Informationstechnologie aus. Konkrete Zahlen nennt Althoff jedoch nicht. Laut Sponsoringexperten kann bis zum Drei- bis Fünffachen für begleitende Marketingaktivitäten notwendig sein. Im Gegenzug darf die Telekom das offizielle Fifa-Signet nutzen, wie die übrigen 14 Partner zwei Banden pro Spiel belegen und bekommt ein Kartenkontingent für Hospitality-Zwecke, über deren Höhe die Fifa alle Partner zum Stillschweigen verpflichtet hat.“

Deutsche Elf

Es ist nicht zwangsläufig alles schlecht, was derzeit aus Amerika kommt

Jürgen Klinsmann hat amerikanische Fitness-Trainer engagiert. Philipp Selldorf (SZ 2.9.) wirft ein: „Was wohl Bundestorwarttrainer Sepp Maier dazu sagt. Passt das? Und will man in Deutschland überhaupt noch Ratschläge von Amerikanern annehmen? Wissen diese Amis überhaupt, wie unsere Fußballer funktionieren? Mancher Bundesligatrainer wird wohl misstrauisch beobachten, wie seine Spieler von Klinsmanns Amerikanern auf Tempo und Schnellkraft geprüft werden. Argwohn ist zwar menschlich und jederzeit berechtigt, führt aber auch zu Starrsinn und schlimmstenfalls in die Hinterwäldlerei. Letzteres wird dem deutschen Fußballbetrieb hartnäckig nachgesagt, und Klinsmann wurde verpflichtet, damit er diesen Ruf verscheucht. Im konkreten Fall lässt sich außer „Um Himmels Willen“ auch sagen: Es ist nicht zwangsläufig alles schlecht, was derzeit aus Amerika kommt, und nicht alles überflüssig, was modern sein will.“

Dagegen kann eigentlich niemand etwas haben

Michael Jahn (BLZ 2.9.) ergänzt: „Klinsmann hatte bereits bei seinem Amtsantritt angekündigt, dass er auch auf Erfahrungen aus dem US-amerikanischen Profisport zurückgreifen werde. Dass er dies so schnell in die Tat umsetzt, wird manche überraschen und keine uneingeschränkte Zustimmung finden. Denn diese Maßnahme ist auch eine Art Kontrollmechanismus gegenüber Spielern und Trainern in der Bundesliga. Man kann es aber auch anders ausdrücken: Klinsmann will mit den Klubs gezielter an den Defiziten der Profis arbeiten. Und dagegen kann eigentlich niemand etwas haben.“

Mittwoch, 1. September 2004

Internationaler Fußball

Rooney nach Manchester, Völler nach Rom

Rudi Völler, „ein glaubwürdiger deutscher Botschafter“ (FAZ) wird Trainer in Rom / eine Aufgabe mit „einer Menge Risiken“ (FR) – Wayne Rooney wechselt nach Manchester, „es ist der spektakulärste, von langer Hand geplante Transfer dieses Sommers“ (Tsp) – Ersun Yanal, neuer Trainer der Türkei, „ein Vertreter einer neuen, gebildeten Trainergeneration“ (taz)

Eine Menge Risiken

Thomas Kilchenstein (FR 1.9.) kommentiert das Engagement Rudi Völlers in Rom: „Völler hat es relativ schnell geschafft, auf den gleichen Sockel gestellt zu werden, auf dem schon Franz Beckenbauer steht – und dort oben tut es Glaubwürdigkeit und Beliebtheit keinen Abbruch mehr, was einer sagt oder tut. Roma, mit 113 Millionen Euro in der Kreide, ist eine Herausforderung, eine Aufgabe, die reizvoll ist, aber auch eine Menge Risiken birgt: Rudi Völler hat nie täglich mit einer Mannschaft gearbeitet, er hat auch dieses Team im Umbruch nicht zusammengestellt. Und er hat keinen Michael Skibbe an seiner Seite, dem er blind vertraut und der ihm bei der täglichen Kärrnerarbeit zur Hand gehen könnte. Nur sein freundliches Augenblinzeln wird bleiben – bei Niederlagen wird ihm das aber auch nicht helfen.“

Glaubwürdiger deutscher Botschafter

Roland Zorn (FAZ 1.9.) fügt hinzu: „Völler ist neben Franz Beckenbauer der einzige deutsche Lebenszeitprofi, für den sich die Türen im Fußballgeschäft wie von selbst öffnen. Seinem Charme, seinem Charisma wären sie auch bei Bayer Leverkusen liebend gern ein zweites Mal erlegen. (…) Der liebenswerte Fußballflaneur, der einst von Hanau aus seine kleine, große Welt zu erobern begann, muß den Römern bei seinem Comeback beweisen, daß er mehr kann als das, was ihm im Blut lag: Tore schießen. Erfahrungen im Fußballehrerberuf hat er unter Extrembedingungen genug gesammelt: Sie waren ebenso positiv (zweiter Platz bei der WM 2002) wie negativ (Vorrundenaus bei der EM). Bei allem Auf und Ab in seiner noch kurzen Trainerkarriere aber blieb Völler selbst seltsam unberührt von den Erfrischungen oder Zumutungen des Alltags. Diese Seite seines kraftraubenden Berufs lernt er jetzt erst richtig kennen. Da er zu den Glückskindern seines Sports zählt, ist ihm zuzutrauen, daß er die sportlichen Sehnsüchte der Tifosi erfüllt und dazu die Menschen becirct. Vor allem bleibt Rudi Völler ein ganz und gar glaubwürdiger deutscher Botschafter auf einem der attraktivsten Außenposten, die der diplomatische Dienst am europäischen Fußball zu vergeben hat.“

Wie steht’s um den AS Rom, Paul Kreiner (Tsp 1.9.)? „Roma hat mehr als 110 Millionen Euro Schulden durch teure Spielergehälter und ausstehende Steuer-Nachzahlungen an den Staat angehäuft. Ein Großteil der Leistungsträger musste den Klub deswegen vor dieser Saison verlassen. Wenn die Regierung des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nicht ein großzügiges Rabattsystem für reuige Steuersünder aufgelegt hätte, dann hätte der AS Rom schon längst zumachen müssen. Im Frühjahr wollte Franco Sensi, der 78-jährige Ölmagnat und Präsident des AS Rom, seinen teuren Zuschussbetrieb an Roman Abramowitsch, den Besitzer des FC Chelsea London, abstoßen. Aber nach eingehender Kassen- und Kontenprüfung verzichtete der russische Milliardär dankend. Sensi musste ans Familiensilber, um den AS Rom zu retten: Ein Riesenhotel in Rom hat er verkauft und eine Tageszeitung in Ancona, seine Beteiligungen an der römischen Flughafengesellschaft sind weg, genauso wie ein Großteil seiner Aktien an der Holding Italpetroli. Aber die Kollekte für den Rest der notwendigen Schuldentilgung blieb bis jetzt unter allen Erwartungen; Spieler und Investoren wollen nicht, wie sie sollen. Immerhin hat Sensi Roma in letzter Minute die Lizenz für die kommende Saison gesichert, in der der Meisterschaftszweite sogar in der Champions League spielt. Doch gleichzeitig suchte ihn anderes Ungemach heim: Der Brasilianer Emerson wechselte zu Juventus Turin, genauso wie der Erfolgstrainer Fabio Capello – „klammheimlich und über Nacht“, wie die Fans noch heute beklagen. Und Francesco Totti, der Publikumsliebling in Rom, er spuckte. Selten ist ein Spieler in der Gunst der Tifosi so schnell und tief gesunken. Die gute Seite an dieser Affäre war, dass Sensi nicht mehr befürchten musste, auch Totti würde von einem anderen Verein weggekauft.“

Es ist der spektakulärste, von langer Hand geplante Transfer dieses Sommers

Wayne Rooney wechselt nach Manchester; Raphael Honigstein (Tsp 1.9.) erhellt den Hintergrund: „Es ist der spektakulärste, von langer Hand geplante Transfer dieses Sommers – und die Hintergründe sind faszinierend. Angefangen hatte alles bei Patrick Vieira. Real Madrid wollte Arsenal Londons Kapitän im Juli verpflichten, doch der Franzose hatte zu hohe Gehaltsvorstellungen. Der spanische Rekordmeister holte deswegen für 21 Millionen Euro den englischen Nationalverteidiger Jonathan Woodgate von Newcastle United. Das verdiente Geld wollte Newcastle sofort reinvestieren und bot Everton 30 Millionen für Rooney. Doch der bevorzugte ganz offensichtlich Manchester. Obwohl Alex Ferguson sein Transferbudget für diese Saison eigentlich schon ausgeschöpft hatte, konnte er sich diese Einladung nicht entgehen lassen. Newcastle und Manchester überboten sich fast täglich. Everton konnte sich der Dynamik nicht entziehen. Trainer David Moyes, der Rooney bis zuletzt halten wollte, hat die Mechanismen durchschaut: „Bis vor ein paar Wochen dachte ich, dass Wayne bei Everton bleibt. Aber dann ging Woodgate zu Real Madrid. Die Situation wäre sonst gar nicht entstanden.“ Bis auf den Trainer sind jetzt fast alle Beteiligten glücklich.“

Vertreter einer neuen, gebildeten Trainergeneration

Der WM-Dritte Türkei hat einen neuen Trainer. Wie macht er sich, Tobias Schächter (taz 1.9.)? „Der Fußball nahm im letzten Jahrzehnt gerade durch gezielte Aufbauarbeit eine rasante Entwicklung. Aber ausgerechnet in dem Jahr, in dem die EU über Beitrittsverhandlungen mit dem reformwilligen Land entscheiden will, fehlte des Türken liebstes Kind auf der großen europäischen Bühne bei der EM in Portugal. Gescheitert an Fußballzwerg Lettland waren die noch vor zwei Jahren als WM-Dritte ekstatisch gefeierten Helden. Den großspurig auftretenden Trainer Senol Günes kostete dies den Job. Nachfolger Ersun Yanal blieb bisher den Beweis schuldig, dass das EM-Aus nur ein Ausrutscher der vermeintlich neuen Fußballgroßmacht war. Zwei Niederlagen musste der 42-Jährige erklären, vor zwei Wochen eine 1:2-Heimschlappe gegen Weißrussland. Danach ließ der Verfechter opulenten Offensivfußballs die gepiesackten Teetrinker vom Bosporus bis zum Schwarzen Meer wissen: „Panik Yok!“ – „Keine Panik!“. (…) Außerhalb der Türkei nur Fachleuten ein Begriff, machte Yanal sich einen Namen durch die Erfolge mit dem Klub Gençlerbirligi aus Ankara. Fast die Phalanx der Abonnementmeister aus Istanbul durchbrechend, reüssierten die Emporkömmlinge vor zwei Jahren auch im Uefa-Cup. Der eloquente Yanal, ein diplomierter Sportlehrer ohne nennenswerte Spielerkarriere, besitzt ein englisches und ein türkisches Trainerdiplom und setzt als Vertreter einer neuen, gebildeten Trainergeneration auf Kommunikation nach innen und nach außen. Die erhoffte Aufbruchstimmung indes konnte die Auswahl des neuen Hoffnungsträgers noch nicht entfachen.“

Champions League

Politikum in Israel

Maccabi Tel Aviv gegen Bayern München wird gegen den Wunsch der Gastgeber nicht um einen Tag vorverlegt. Thorsten Schmitz & Philipp Selldorf (SZ 1.9.) berichten: „Die Partie ist aus mehreren Gründen keine gewöhnliche Europacupbegegnung, sie ist zum Politikum geraten. Darin verwickelt sind die Regierungen der beiden Länder, namentlich die beiden Außenminister Joschka Fischer und Silvan Schalom sowie der israelische Premierminister Ariel Scharon; die Uefa, die Israel 1994 als Mitglied aufgenommen hat; und schließlich, als unverschuldeter Nebendarsteller, der Münchner Profi Vahid Hashemian, für den als Bürger der Islamischen Republik Iran die Reise nach Israel problematisch ist. Schwierigkeiten drohen Hashemian sowohl in seinem Heimatland wie auch bei der Einreise nach Israel. Erst kürzlich hatte das Iranische Olympische Komitee die Weigerung des Judoka Arash Miresmaeili in Athen gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten, als „Heldentat“ gefeiert und mit einer hohen Prämie belohnt. (…) Die neue Terminierung sei aber „noch schlimmer als der ursprüngliche Termin“, erklärte nun Maccabi Tel Aviv. Vereinschef Loni Herzikovic gab ein wütendes Statement ab: „Das ist absurd. Es scheint, als ob sie überhaupt nicht begreifen, worum es geht. Lieber spielen wir um 21.45 Uhr, denn 18.30 Uhr ist genau der Zeitpunkt, an dem alle unsere Zuschauer und Spieler in der Synagoge sind.“ Am Abend des 15. September feiern die jüdischen Israelis mit Beginn des Sonnenuntergangs gegen 18.30 Uhr den Beginn des jüdischen Neujahrsfestes. Rosch Haschana ist neben Pessach und Jom Kippur einer der höchsten Feiertage im jüdischen Kalender und wird von gläubigen und säkularen, also weltlichen Israelis, gleichermaßen gefeiert.“

Unterhaus

Versucht Stevens etwa, ein richtiger Kölner zu werden?

Köln gewinnt 2:0 gegen Frankfurt. Christoph Biermann (SZ 1.9.) wundert sich über die gute Laune des Kölner Trainers: „Huub Stevens steht nicht im Verdacht, übermäßig Heiterkeit zu verbreiten. Sein Humor ist bestenfalls raubeinig, und in Momenten heiterer Verfasstheit meckert der Coach das Lachen einer zufriedenen Ziege. Außerdem gibt es keinen Trainer, dessen Stimmung so deutlich von den Ergebnissen der von ihm betreuten Mannschaften abhängt, wie bei dem als „Knurrer von Kerkrade“ bekannt gewordenen Holländer. Niederlagen machen ihn zumeist ungenießbar, nicht ansprechbar, und nur die mutigsten Reporter würden ihm dann noch eine Frage stellen. „Von daheraus“, um seine Lieblingswendung zu zitieren, hatte man am Rhein bislang vor allem den grantelnden Stevens erlebt. Am Montag beruhigte der 1. FC Köln nicht bloß die Nerven der Fans – unversehens wurde auch Stevens zum Propheten der guten Laune. Ja, er war so aufgedreht und euphorisiert, dass man ihn sich gar als Kandidaten für einen Fun Award vorstellen konnte. Stevens benutzte das Wort „Spaß“ nämlich so häufig, dass einem Angst und Bange werden musste. Nun deckten sich die Spaßbehauptungen nicht unbedingt mit den vorangegangenen 90 Minuten, aber sie zeigten, wie befreiend der erste Sieg in der zweiten Liga wirkte. (…) „Jedes Spiel und jedes Training ist eine tolle Erfahrung“, sagte er auf die Frage, warum er überhaupt Trainer in die zweite Liga sei. Dann pries Stevens weiter den Spaß am Fußball und entließ seine Zuhörer mit einem Rätsel. Soll diese Zwangsheiterkeit seine Spieler ermutigen? Oder versucht Stevens etwa, ein richtiger Kölner zu werden?

Wird jetzt plötzlich alles gut rund um das Kölner Geißbockheim?

Ralf Weitbrecht (FAZ 1.9.) ergänzt: „Der 1. FC Köln hat sich im Liga-Alltag eindrucksvoll zurückgemeldet. Es war ein Hauch von Festtagsstimmung im prächtigen Rhein-Energie-Stadion zu spüren, und schon lange bevor die beiden Aufstiegsaspiranten ihrer Arbeit nachgingen, intonierten die rheinländischen Fußballfreunde das „Viva Colonia“. Wird jetzt plötzlich alles gut rund um das Kölner Geißbockheim? (…) Vom Spaß am Spiel war nicht immer etwas zu erkennen, doch die Kölner, angetrieben von Kapitän Sebastian Schindzielorz, hatten ebenso wie die Frankfurter mehr lichte als dunkle Momente in diesem Prestigeduell.“

Bundesliga

Im Fußball irre ich nie

In Hamburg behaupten die Beteiligten, es sei Ruhe und Harmonie eingekehrt. Jörg Marwedel (SZ 1.9.) zweifelt: „Ob man diesem Frieden trauen kann, bleibt fraglich. Im Grunde sind sie beim HSV längst verzweifelt an jenem Mann, der von sich sagt, er irre im Fußball nie. Und eigentlich ist ihnen noch immer ein Rätsel, was Klaus Toppmöller zu seinen Ausbrüchen treibt, mit denen er sich zum ersten Unruhestifter des Vereins hochgearbeitet hat. Ist es mangelnde Lernfähigkeit oder der Wankelmut eines Trainers, der jeder Kritik an seiner Arbeit vorbeugt, indem er andere für mögliche Defizite verantwortlich macht? Wie soll man bewerten, dass er eben noch Sportchef Beiersdorfer nach einem Tor umarmt, um ihm tags darauf schlimmste Versäumnisse vorzuhalten?“

Dienstag, 31. August 2004

Interview

Es wird immer nur nach dem Ergebnis geurteilt, nicht nach dem Spielverlauf

Philipp Selldorf (SZ 31.8.) spricht mit Felix Magath über die Niederlage in Leverkusen und Kritik an ihm

SZ: Verschiedentlich wurde in der Presse diskutiert, dass die Mannschaft überanstrengt gewirkt habe, und dann kam die These auf, dass Ihr Training die Spieler überfordere. Was sagen Sie dazu?
FM: Was soll ich dazu sagen? Dieses Thema möchte ich nicht kommentieren. Das ist mir zu lächerlich.
SZ: Wenn man den Trainingsplan der vergangenen Woche anschaut, will man in der Tat nicht glauben, dass ein Berufssportler dadurch überfordert wird.
FM: Der Ansatzpunkt stimmt ja bereits nicht. Wir waren beim HSV konditionell auf der Höhe, gegen Berlin haben wir in der zweiten Halbzeit deutlich dominiert, und auch gegen Leverkusen haben wir besser gespielt in der letzten halben Stunde. Es ist hanebüchen, mit irgendwelchen konditionellen Aspekten zu kommen. Es ist doch ganz einfach so: Es gewinnt die Mannschaft, die mehr Einsatz mitbringt, mehr läuft und aggressiver spielt.
SZ: Michael Ballack hat genau dies kritisiert an seinen Mitspielern: dass es an der richtigen Einstellung gemangelt habe. Alte Vorwürfe tauchen auf: Selbstzufriedenheit, Überheblichkeit. Ist das auch Ihr Eindruck?
FM: Mein Eindruck ist, dass Michael Ballack der einzige war, der sich der Situation entsprechend verhalten und der sich gewehrt hat. Der Rest hat sich, muss ich leider sagen, den Schneid abkaufen lassen. Wobei, wie ich finde, wir nicht so schlecht angefangen haben.
SZ: Umso schlechter hat die Mannschaft weiter gemacht.
FM: Es wird ja immer nur nach dem Ergebnis geurteilt und beurteilt, nicht nach dem Spielverlauf. Das Tor zum 0:2 war der entscheidende Einschnitt in unserem Spiel, danach waren wir nicht mehr da. Das muss man doch sehen. Wir haben innerhalb von sieben Minuten drei Tore kassiert – das spricht eindeutig nicht für einen körperlichen Aspekt, sondern nur für einen mentalen.
SZ: Der mentale Aspekt der Beobachter ist: Der FC Bayern liegt im Handumdrehen 0:4 zurück – um das zu erklären, werden Gründe gesucht.
FM: Aber man darf doch nicht übereilt die verkehrten Schlüsse ziehen und wahllos mit Argumenten hantieren, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Ich bin nach dem Anschauen des Spiels zu dem Schluss gekommen, dass unsere Probleme im mentalen Bereich liegen. Wir halten nicht richtig dagegen und bleiben deshalb auf der Strecke. Das ist mein Ansatzpunkt. In Leverkusen kam zum Tragen, was ich vorher schon gesagt habe: Bei diesem Spiel hat sich gezeigt, dass man nicht gewinnen kann, wenn man nicht als Mannschaft auftritt und füreinander kämpft. Dann entsteht die Situation, dass jeder für sich einknickt und aufgibt. Da müssen wir den Hebel ansetzen, und dann werden solche Ergebnisse nicht mehr vorkommen.
SZ: Haben Sie den Eindruck, dass Sie erst jetzt das Leben beim FC Bayern richtig kennen lernen? Irritiert Sie das?
FM: Ich bin nicht irritiert. Ich bin nur überrascht, was sich der eine oder andere vernünftige Beobachter für ein Urteil erlaubt, obwohl er uns nur einmal in der Woche von der Tribüne aus sieht. Meine Betrachtungsweise des Spiels – dass ich bei meiner Mannschaft Verbesserungen gesehen habe – haben einige nicht akzeptiert. Aber das berührt mich nicht. Man hat mir in München schon den Rat gegeben, dass ich nicht alles so ernst nehmen soll, was geschrieben wird. Daran halte ich mich.

Internationaler Fußball

Der Mythos, die Legende, der Tribun

„Wenn die Lage dramatisch wird in Rom, dann muss der Mythos her, die Legende, der Tribun.“ Die SZ spricht von Rudi Völler – Bobby Robson in Newcastle gemobbt und gefeuert

Vola tedesco vola

Rudi Völler passe nach Rom, findet Birgit Schönau (SZ 31.8.): „Wenn die Lage dramatisch wird in Rom, dann muss der Mythos her, die Legende, der Tribun. Einer, dessen Name fällt, und die Leute fangen an zu träumen, zu schwelgen, zu singen. Ein Mann zu einer Melodie. Vola tedesco vola. „Flieg, Deutscher, flieg.“ Der Deutsche ist Rudi Völler aus Hanau. Ein Mann von historischen Verdiensten, weil er zum Beispiel den Römern den Umlaut beigebracht hat. Es gibt ein Goethe-Institut hier, das nennen alle nur „il gete“. Gete? In welcher Mannschaft spielte der noch? Völler ist Völler. Hundert Schritte vom gete-Institut hat der Metzger Bruno seine Bude auf dem Markt an der Piazza Alessandria. Wenn Bruno, ein Meister seines Fachs, mit scharfer Klinge die Kalbsschnitzel zurechtsäbelt, schaut ihm Rudi Völler über die Schulter. Völler mit Bruno, Völler mit Brunos Kindern. Völler mit Roma-Trikot, die Wölfin oben rechts. Jetzt soll er zurückkommen, als Trainer des AS Rom. Bruno wartet. Auf ein neues Foto. Auf Rrrrudi. Mit Bruno wartet die ganze Stadt. Früher hat der Stürmer Völler Rom von Sonntag zu Sonntag getragen. 45 Tore in fünf Jahren, mehr als ein Italien-Pokal ist nicht dabei herausgekommen. Auf dem Papier. Aber Völler hat es geschafft, ein civus romanus zu werden. Das ist nicht einfach nur mehr. Es ist für normalsterbliche Nicht-Römer, für die Riedles und Häßlers dieser Welt, unerreichbar. Als beim WM-Finale 1990 im Olympiastadion Deutschland gegen Argentinien spielte, war es für Völler ein Heimspiel. Im Stadion gab es Verbrüderungsszenen zwischen Römern und Deutschen, die Argentinier, in ihren blauweißen (Lazio-)Trikots wurden gnadenlos ausgepfiffen. Und als dann Völler den Pokal küsste, war Rom Weltmeister geworden.“

Intrigen und Affären

Schon wieder ein Manager der Premier League entlassen: Bobby Robson in Newcastle Martin Pütter (NZZ 31.8.): „Die Hafen- und Industriestadt an der nordostenglischen Küste als Fussball-fanatisch zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Aber Intrigen und Affären sowohl im Verwaltungsrat als auch unter den Spielern haben immer verhindert, dass dieses enorme Potenzial in sportliche Erfolge umgewandelt werden konnte. Das hatten zuvor auch die Vorgänger Robsons, Ruud Gullit, Kenny Dalglish und selbst der von den Fans immer noch als Halbgott verehrte Kevin Keegan, erfahren. (…) Erste Anzeichen, dass die Tage des erfolgreichsten englischen Nationaltrainers nach Sir Alf Ramsey (Robson brachte England in die Halbfinals der WM 1990) gezählt waren, setzte Chairman Freddy Shepherd in der Sommerpause. Robsons Vertrag werde am Ende der Saison 2004/05 nicht verlängert, kündigte Shepherd an. Die ohnehin schon in drei Lager gespaltenen und ziemlich schwierigen Spieler sahen dies als Zeichen, ihre eigene Agenda verfolgen zu dürfen. Am Samstag ordnete Robson bei der 2:4-Niederlage bei Aston Villa an, was schon Gullit vor fünf Jahren den Job gekostet hatte: Er liess Alan Shearer zugunsten der Neuverpflichtung Patrick Kluivert (erzielte ein Tor) auf der Ersatzbank. Was die Fans der „Magpies“ als Sakrileg betrachten, ergab durchaus Sinn. Der 34-jährige ehemalige englische Nationalstürmer hatte seit einem Jahr auswärts kein Tor mehr aus dem Spiel heraus erzielt. Doch Shearer hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er eines Tages Manager von Newcastle United werden wolle. Es darf angenommen werden, dass er hinter den Kulissen seine Ellenbogen genauso rücksichtslos einsetzte wie auf dem Spielfeld, um sein Ziel zu erreichen. Robson musste erfahren, dass selbst sein Alter und alle internationalen Erfolge nicht vor der Entlassung schützen. Aber ihm fehlte zuletzt auch die Unterstützung durch den Vorstand. Shepherd stellte sich nie auf die Seite des Managers, wenn es darum ging, das mittlerweile „player power“ genannte Phänomen (Aufmucken der unzufriedenen Spieler) zu unterdrücken.“

Der Saisonstart in Portugal NZZ

WM 2006

Vielleicht bekommen wir eine Art literarisches Quartett zusammen, das allabendlich unter Harald Schmidts anarchischer Leitung über WM-Spiele diskutiert

Sehr lesenswert! Spiegel-Gespräch (30.8.) mit WM-Kulturchef André Heller über das Kulturprogramm

Spiegel: Am Sonntag gingen die Olympischen Spiele zu Ende. Wie hat Ihnen die Präsentation des Sports in Athen gefallen?
AH: Die Eröffnungsfeier war eine hübsch gestaltete Geldvernichtungsaktion. Die griechische Geschichtsparade erschien mir als eine nahe liegende Idee, die unleugbar und für mich unangenehm an gewisse lebende Bilder in den Festumzügen der Faschisten und Nazis erinnerte. Die Kosten für gezählte 40 Minuten inszeniertes Programm waren mit 100 Millionen Dollar eine Obszönität. Mir ist rätselhaft, wohin das Geld verschwunden ist. Vielleicht wurden an die Ehrengäste diamantbesetzte Slips verschenkt.
Spiegel: Das nächste sportliche Großereignis wird 2006 die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, als deren künstlerischer Leiter Sie wirken. Welche Lehren ziehen Sie aus Athen?
AH: Es kann von den Kosten und der Ästhetik her als Gegenbeispiel zu unseren Bemühungen gelten. (…) Jean-Luc Godard will Regie bei Liveübertragungen einiger WM-Spiele übernehmen.
Spiegel: Wie soll das ausschauen?
AH: Keine Ahnung. Er wünscht sich einige Kameras – und bekommt weiter keine Vorgaben. Ich rechne mit einer unvergesslichen Überraschung durch ein Genie.
Spiegel: Kann das nicht fürchterlich ins Auge gehen? Der gemeine Fußball-Fan will keine künstlerische Inszenierung, sondern alle Spielzüge genau auf dem Bildschirm verfolgen können, mit möglichst vielen Großeinstellungen und Wiederholungen.
AH: Das wird er in gewohnter Form im Ersten oder Zweiten Programm bekommen. Godard wird wahrscheinlich auf Arte ausgestrahlt.
Spiegel: Und der Kultursender bekommt Übertragungsrechte, wofür die großen Anstalten zig Millionen bezahlen müssen?
AH: Da hat Günter Netzer, der die Rechte vertritt, sehr nobel und verstehend geholfen. Jetzt verfügt die WM neben dem offiziellen Bier- und Frittenlieferanten auch erstmals über einen offiziellen Kultursender, der auch außerhalb Deutschlands künstlerische Qualität im Namen der WM ausstrahlen wird. Dafür wünsche ich mir fußballsüchtige Moderatoren wie Daniel Cohn-Bendit und Günter Grass. Vielleicht bekommen wir eine Art literarisches Quartett zusammen, das allabendlich unter Harald Schmidts anarchischer Leitung über WM-Spiele diskutiert.
Spiegel: Sie planen auch Themen-Abende auf Arte. Um was soll es gehen?
AH: Wir beleuchten das Thema Fußball aus ungewöhnlichen Blickwinkeln: Was war Real Madrid unter dem Diktator Franco? Wie wird Fußball durch Berlusconi politisch missbraucht? Über Sport und Homosexualität entsteht eine Dokumentation, mit dem Schwerpunkt auf Frauen-Fußball, was ein ganz großes Thema für die lesbische Bewegung in den USA ist. Außerdem zeigen wir die Gedanken zum Spiel auf dem grünen Rasen von Ausnahmewesen wie Nelson Mandela über den Dalai Lama bis zu García Márquez und Susan Sontag.
Spiegel: Schwere Kost …
AH: … wir machen keinen Fußball-Musikantenstadl. Und mein Sohn soll sich nicht für seinen Vater genieren müssen.
Spiegel: Hockt auch Heller zuweilen auf der Tribüne?
AH: Mir ist die TV-Übertragung lieber, da kann ich, wenn’s fad wird, weiterzappen. Vielleicht schießt ja auf einem anderen Kanal gerade Igor Strawinski oder Woody Allen ein künstlerisches Tor, das mein Herz erwärmt. Allerdings hat das öffentliche Leiden in Technicolor von Oliver Kahn oder David Beckham in Versagensmomenten einen Splitter Shakespeare und einen Hauch von Italo-Western, wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das ist erfrischender als etwa die stets lächelnde Aalglattheit eines Herrn Ackermann von der Deutschen Bank.
Spiegel: Das Selbstbewusstsein mancher Fußball-Funktionäre steht hinter dem solcher Banker kaum zurück. Umweht Fifa-Präsident Sepp Blatter nicht manchmal ein Hauch von Größenwahn?
AH: Da muss ich Ihnen jetzt einen Text vorlesen, den die Fifa unlängst veröffentlicht hat: „Die Fifa kann zu ihrem 100-jährigen Bestehen auf eine Historie zurückblicken, die das Leben der gesamten Menschheit über alle Grenzen und Kulturen hinweg dauerhaft beeinflusst hat.“ So etwas würde ich nach längerem Nachdenken vielleicht über Thomas Alva Edison sagen oder mit Einschränkungen von Mozart und Jesus behaupten. Doch ich glaube, dass die Fifa bis zu einem gewissen Grad sogar Recht hat. In Afrika und Lateinamerika ist Fußball eine Droge von gigantischer Intensität. Spielverläufe haben dort Kriege ausgelöst und wochenlange, himmlische Freudentaumel. In Mali oder Kolumbien ist Beckenbauer weitaus populärer als der Papst oder Madonna.

Bundesliga

Fußball ist, wenn es um seine gefühlten Ergebnisse geht, irrational und unlogisch

Werder Bremen-VfL Wolfsburg 1:2

Roland Zorn (FAZ 31.8.): „Zur Saisonpremiere fiel der Strom im Weserstadion aus, diesmal hatte die Mannschaft einen Blackout. Zumindest in der ersten Stunde des vermeintlichen Sonntagsspaziergangs mit Besuchern aus Wolfsburg schienen die Spieler in Grün-Weiß dem Verwöhnaroma vergangener Erfolge hinterherzuschnuppern. Schaafs Mannschaft hatte geglaubt, mit dem ökonomisch Notwendigen über die Zeit zu kommen. Ein grober Irrtum (…) Die Wolfsburger waren deshalb richtige Sieger, weil Spieler und Trainer mit einer taktisch guten Aufstellung und einer untadeligen Einstellung von vornherein alles dafür getan hatten, die Überraschung zu schaffen. Sie war quasi programmiert, nachdem der angeblich auf Druck des großen Sponsors und Partners zurückgetretene Manager Peter Pander noch einen letzten sportlichen Wunsch geäußert hatte. Stefan Schnoor erinnerte nach dem herbeigezitterten Sieg an die „Abschiedsrede“ von Pander. „Er hat uns gesagt, fahrt nach Bremen, gewinnt dort und macht mir ein Abschiedsgeschenk!“ Die Niedersachsen nutzten ihren Auftritt zu einer geschlossenen Demonstration für Pander. Der jahrelang unumstrittene Wegbereiter des Wolfsburger Aufschwungs war nach der Pokalpanne bei den Amateuren des 1. FC Köln gegangen. Trainer Erik Gerets flocht seinem Mentor Pander Kränze: „Er hat sich sehr emotional von uns verabschiedet. Da hat niemand geatmet. Er war mir sehr ans Herz gewachsen. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Ich denke, meine Spieler haben nichts dagegen, wenn wir den Sieg an ihn weitergeben.“ Drei Punkte für den VfL Wolfsburg, 2:1 für Pander, Niederlagen für Werder und den Volkswagenkonzern: der Fußball ist, vor allem, wenn es um seine gefühlten Ergebnisse geht, oft irrational und unlogisch.“

Jörg Marwedel (SZ 31.8.): „Sportlich bleibt festzuhalten, dass das von Pander zusammengestellte Team dank der mit Gerets ausgesuchten robusten Abwehrkräfte Hofland und Quiroga erheblich an Stabilität gewonnen hat. „Wir haben natürlich etwas mehr barrikiert“, beschrieb Gerets die Strategie in putzigem Deutsch, „wir hatten die Außenseiten und die Wege zu den Stürmern gut unter Kontrolle.“ Die Wolfsburger Fans sind damit offenbar noch nicht besänftigt. Auf einem Transparent teilten sie mit, was ihnen beim VfL stinkt: die „VW-Diktatur“.“

Borussia Dortmund-Hannover 96 1:1

Dortmunder Wachstum auf dem Fußballplatz findet nur im Konjunktiv statt

Richard Leipold (FAZ 31.8.): “Das späte Gegentor hat die Borussen tief getroffen, nicht nur der zwei Punkte wegen, die in buchstäblich letzter Sekunde noch verloren gingen. Die BVB-Profis haben abermals vorgeführt, wie schwer es ihnen fällt, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden. Nach zwei Jahren sportlicher und wirtschaftlicher Rezession einen Aufschwung herbeizureden oder gar herbeizuspielen ist mühseliger, als sie angenommen haben. Das Dortmunder Wachstum auf dem Fußballplatz findet nur im Konjunktiv statt: Hätte Jan Koller den Vorsprung ausgebaut, dann wäre der Sieg „fertig gewesen“, sagte Tomas Rosicky.“

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