indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 21. Juni 2004

Deutsche Elf

Deutscher Schlussverkaufsfussball

„immer diese Deutschen mit ihrem Schlussverkaufsfußball“ (SZ) – „ausufernde Debatte über den Zustand der Gesellschaft am Beispiel von Fußball-Nulpen“ (SZ) – Spiegel-Interview mit Christian Ziege und Dietmar Hamann über ihr Verhältnis zu Journalisten u.v.m.

Immer diese Deutschen mit ihrem Schlussverkaufsfußball

Deutschland macht sich bei der EM keine Freunde, Ludger Schulze (SZ 21.6.): „Durch das nachfolgende Glorienspiel zwischen Tschechien und Niederlande entsteht nun die Debatte, womit eigentlich diese Deutschen ein Weiterkommen verdient hätten? Ein Weiterkommen, das eventuell durch das profunde Desinteresse der Tschechen an einem weiteren verzehrenden Kraftakt erst ermöglicht wird und die üblichen Verzweiflungsanfälle fassungsloser Oranje-Fans hervorrufen würde: Immer diese Deutschen mit ihrem Schlussverkaufsfußball, geringe Qualität, billig, aber erstklassige Rendite! Zurück bliebe in der Tat ein leicht fader Geschmack, wer mag sich schon über ein Geschenk freuen, das man nur deshalb bekommt, weil der Geber es nicht mehr braucht. Aber haben nicht diese brillanten Tschechen gegen eben diese Letten ebenfalls ein Trauerspiel abgeliefert, das sie für ein paar Tage förmlich aus dem Kreis der Favoriten hinauskatapultierte? Das sei das schwerste Stück Arbeit in dieser Gruppe gewesen, stöhnte deren Spielmacher Tomas Rosicky genervt auf, und man kann sich das synchrone Kopfnicken der Deutschen gut vorstellen. Auch den Tschechen, die gegen das weit stärkere Team der Niederländer Fußball von der Traumgrenze spielten, ist gegen die baltischen Zerstörer nicht viel mehr eingefallen. Rudi Völlers Elf entspricht haargenau den Erwartungen, sie kämpft bravourös und spielt mittel bis mäßig. In den europäischen Vereinswettbewerben der vergangenen Saison haben die deutschen Klubs in Konkurrenz mit Spaniern, Portugiesen, Italienern, Franzosen und Engländern schnell ihre Unterlegenheit erkennen müssen. Den Leistungsstand der Bundesliga – ohne deren ausländische Glanzlichter – spiegelt, Nuancen hin oder her, auch das Auswahlteam ihrer Besten. Wer sich mehr erhofft hatte, ist eigenen Wunschvorstellungen und Idealphantasien aufgesessen.“

Über die Klasse der Letten verfügen die Tschechen allemal

Peter Heß (FAZ 21.6.) ist vor dem Duell mit Tschechien skeptisch: „Das letzte Gruppenspiel ist nicht zu dem von ihm erwarteten „echten“ Endspiel geworden, sondern hat nur einen Finalteilnehmer: sein Team. Die Tschechen dagegen sind dank ihrer phänomenalen Leistung gegen Holland schon weiter. Sie können jetzt ihre Stars schonen. Unter solchen Umständen sollte der deutschen Nationalelf doch der nötige Sieg möglich sein? Vorsicht! Vor vier Jahren bei der Europameisterschaft in den Niederlanden und Belgien war die Ausgangsposition dieselbe. Portugal gab zehn Ersatzspielern die Chance zur Bewährung und gewann 3:0, Deutschland fuhr nach Hause. Damals stand mit Erich Ribbeck ein führungsschwacher Teamchef einer zerstrittenen Mannschaft vor. Heute leitet Rudi Völler eine harmonische und kampfeswillige Gemeinschaft. Aber nach den Erfahrungen dieses Turniers steht zu befürchten, daß ehrliches deutsches Bemühen auch gegen Tschechiens zweite Wahl nicht reichen könnte. Freiwillig werden die Lokvenc, Heinz und Tyce – lauter gute Bekannte aus der Bundesliga – nicht verlieren. Und über die Klasse der Letten verfügen sie allemal.“

Andreas Lesch (BLZ 21.6.) kann sich nicht mal zum Optimismus zwingen: „Das ist nicht freundlich gewesen von Karel Brückner, den Gegner so zu erschrecken. Er werde seine Edelkicker schonen in der abschließenden Vorrundenpartie, hat Tschechiens Trainer gesagt – die Ersatzleute seien schließlich auch nicht schlecht. Prompt geisterte das böse Wort wieder durch die Welt: B-Team. Ein B-Team, lehrt das Alphabet, ist schlechter als ein A-Team. Es ist aber im Zweifelsfall gut genug, um das D-Team zu besiegen: Deutschland. Portugal hat das bewiesen, mit dem 3:0 bei der Euro 2000. Drei Mal traf damals Sérgio Conceição gegen ein willenloses deutsches Team – ein Mann, den vorher niemand kannte. Jener Abend von Rotterdam darf als der unerfreulichste gelten in der jüngeren deutschen Länderspielgeschichte. Er markiert den Tiefpunkt einer erschreckenden Bilanz, die mit dem 0:0 gegen Lettland ihre Fortsetzung gefunden hat: Seit acht Jahren, seit dem 2:1-Erfolg im EM-Finale 1996 gegen Tschechien, haben die besten Kicker der Republik bei einem großen Turnier kein europäisches Team mehr bezwungen.“

Rudi vor, noch ein Tor! Nina Klöckner (FTD 21.6.): „Rudi Völler kann es irgendwie immer noch nicht lassen. Er trägt eine kurze schwarze Fußballhose, die Strümpfe ballen sich um seine Knöchel. Er hält den Ball ein paar Mal hoch, dann rennt er los, die Kugel immer eng am Fuß, nur einige Meter, bevor er abzieht. Wumms. „Wenn ihr wüsstet, wie viel ich dafür geben würde, noch einmal mitmachen zu können“, raunt er den Journalisten am Rande des Trainingsplatzes in Loule atemlos zu. „Und wir erst“, sagt einer aus dem Pulk leise, aber noch laut genug, dass es Rudi Völler hört. Der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft lacht. Dabei ist die Sache ziemlich ernst. Ein Tor hat die deutsche Elf bei dieser EM bisher erzielt – durch einen Freistoß von Torsten Frings, doch selbst der war gar nicht als Torschuss geplant, sondern als Flanke. Und so ist es kein Wunder, dass sich die Leute nach den Zeiten zurücksehnen, in denen Völler noch über den Rasen pflügte.“

Ein Dietmar Hamann reicht nicht, um Gegner wie Lettland in ernsthafte Verlegenheit zu bringen

Jan Christian Müller (FR 21.6.) gibt zu bedenken: „An der Torflaute sind die international auf höchstem Niveau nicht konkurrenzfähigen deutschen Angreifer nicht alleine Schuld. Zum modernen Offensivfußball gehören Mittelfeldspieler, die mit dem Ball am Fuß oder durch ihr Passspiel Tempo machen können. Dietmar Hamann, das Herz des deutschen Aufbauspiels aus der Tiefe heraus, vermag das nicht. Hamann kann defensiv ein herausragender Stratege sein, wie er beim Auftaktspiel gegen die Niederlande bewiesen hat. Er kann das Spiel beruhigen und verliert auch in unübersichtlichen Situationen selten die Kontrolle. Aber das reicht nicht, um Gegner wie Lettland in ernsthafte Verlegenheit zu bringen. Zumal dann nicht, wenn die beiden neben Ballack stärksten Offensivspieler der vergangenen Weltmeisterschaft, Bernd Schneider und Torsten Frings, im Formtief stecken und trotz sichtlicher Mühen nicht herausfinden. Ohne deren Zuarbeit von den Halbpositionen sind die deutschen Stürmer hilflos, weil sie individuell nicht stark genug sind: Kevin Kuranyi trotz viel versprechender Ansätze noch nicht, Fredi Bobic längst nicht und Miroslav Klose schon lange nicht mehr. Thomas Brdaric wohl nie, Lukas Podolski hoffentlich bald.“

Ausufernde Debatte über den Zustand der Gesellschaft am Beispiel von Fußball-Nulpen

Ist es fair, wenn die Tschechen ihre Stars schonen, Ludger Schulze (SZ 21.6.)? „Das Hohe Gericht des Europäischen Fußballverbandes würdigte nur kurz den möglichen Einwand der Gegenseite und erklärte dann die Beweisführung im anstehenden Fairness-Prozess für nicht stichhaltig. Begründung: „Man kann die Tschechen nicht verurteilen, wenn sie Spieler schonen. Das haben die Franzosen bei der WM „98 und der EM 2000 auch gemacht. Danach waren die Spieler ausgeruht und haben das Turnier gewonnen“, sprach der beisitzende Richter Gerard Houllier aus Frankreich, vor kurzem noch Trainer bei Dietmar Hamanns englischem Klub FC Liverpool, und derzeit bei der EM als Mitglied der Technischen Kommission der Uefa tätig. Einspruch? Abgelehnt. Vorausgegangen ist dieser Verhandlung, die nie stattgefunden hat, die Ankündigung des tschechischen Trainer Karel Brückner, aus dem Diadem seiner Holland-Besieger die funkelndsten Juwelen im Safe zu lassen und mit Falsifikaten zum Rendezvous mit den Deutschen aufzukreuzen. „Ich werde Pavel Nedved und einige andere schonen. Wir haben schließlich viele gute Spieler im Kader“, erklärte der Übungsleiter. Mit Fug und Recht kann man den zu erwartenden personellen Kahlschlag, wenn man beispielsweise mit der holländischen Elftal fühlt, als sittenwidrige Begünstigung der Deutschen betrachten. Auch wenn nonchalante Gemüter keinen großen Unterschied zwischen Tschechien A und Tschechien B erkennen wollen. Nur – wenn das tatsächlich einerlei wäre, warum ist dann nicht die zweite Mannschaft die erste? Zum Seelenfrieden des Rudi Völler trägt diese Diskussion nicht das Mindeste bei. Der Teamchef erinnert sich mit Grausen an die EM 2000, als die Knochen erweichende 0:3-Blamage gegen ein portugiesisches Bankdrücker-Sammelsurium nicht nur zur Entlassung seines Vorgängers Erich Ribbeck, sondern auch zu einer ausufernden Debatte über den Zustand der Gesellschaft am Beispiel von Fußball-Nulpen führte. „Ja“, sagt er, „wir brauchen da nur die Kassette von vor vier Jahren herausholen.“ Glücklicherweise zählen Vergleiche im Fußball nur bis zum Anpfiff des nächsten Spiels, und bei dem wird in Lissabon eine andere Mannschaft antreten.“

Neulich habe ich mich dabei ertappt, dass ich weggeschaltet habe

Spiegel-Interview (21.6.) mit Dietmar Hamann und Christian Ziege

Spiegel: Herr Hamann, Herr Ziege, erstmals bei einem Turnier werden die Pressekonferenzen der Nationalmannschaft live im deutschen Fernsehen übertragen. Schauen Sie in Ihren Hotelzimmern regelmäßig zu, wenn Ihre Trainer und Teamkameraden auf Sendung sind?
DH: Bei mir kommt’s drauf an, wer dran ist.
CZ: Bei mir auch. Manche Kandidaten sind ja besonders lustig. Manche weniger.
DH: Neulich habe ich mich dabei ertappt, dass ich weggeschaltet habe.
Spiegel: Gibt Teamchef Rudi Völler mit seinen Auftritten die Sprachregelung vor?
CZ: Ich persönlich brauche keinen Trainer im Fernsehen, um zu wissen, welche Meinung ich habe. Es müssen ja auch nicht immer alle Aussagen konform sein.
Spiegel: Sie sind es aber. Von dem Moment an, da Trainer Michael Skibbe Samstag vor einer Woche selbstbewusst von der tollen Pflichtspiel-Bilanz sprach, um die ganz Europa die Deutschen beneide, äußerten sich plötzlich auch alle Spieler zuversichtlich.
DH: Das lag eher an den Fragen. Bis dahin waren wir in jeder zweiten Frage auf unser verlorenes Testspiel gegen Ungarn angesprochen worden. Da fiel es schwer, selbstbewusst zu wirken.
Spiegel: Haben sich die Fragen gegenüber früheren Welt- oder Europameisterschaften verändert, seit die Fragesteller dem Fernsehpublikum vorgestellt werden?
CZ: Wenn ich mir die Pressekonferenzen so anschaue, muss ich sagen: Da werden jetzt Zeitungen genannt, von denen ich nie vorher gehört habe. Auch die Qualität der Fragen ist anders. Man kann sich ja als Journalist jetzt schnell mal als fachlich ahnungslos outen, weil die Leute das zu Hause mitbekommen.
Spiegel: Wie sollten deutsche Nationalspieler in der Öffentlichkeit wirken?
DH: Man sollte glaubwürdig sein; und sich einigermaßen wie ein zivilisierter Mitteleuropäer ausdrücken können.
Spiegel: Völler sagte vor EM-Beginn, es würde der Mannschaft helfen, wenn die deutsche Öffentlichkeit an sie glaube. Ist es daher wichtiger, Zuversicht zur Schau zu stellen, als die Wahrheit zu sagen?
DH: Die Journalisten wollen doch oft gar nicht die Wahrheit hören. Sie wollen spektakuläre Geschichten. Und ob man eine positive Stimmung transportiert oder nicht – meine eigene Erwartungshaltung ist doch viel wichtiger als die der Presse. Als Spieler darf ich den Glauben an mich selbst nicht verlieren.“

Axel Kintzinger (FTD 21.6.) sinniert: „Die Deutschen spielen schlecht, womöglich fliegen sie nach der Vorrunde raus – und trotzdem lösen sie Emotionen aus wie kaum ein anderes Team. Der Grund ist klar: Es sind die Schatten der Vergangenheit. Was ausnahmsweise mal nichts mit den Nazis zu tun hat. Sondern mit der letzten WM. Richtig verziehen hat es die Fußballwelt noch immer nicht, dass diese Mannschaft im Finale stand. Dass sie überhaupt oft in Endspielen stand, obwohl sie außer 1974 und 1990 nie hätte dorthin gelangen dürfen. Deren bester Mann immer der Torwart war. Und in der einzig Ballack vom Ausland umworben wird – zu einem Preis, für den Roman Abramowitsch Putzfrauen anheuert. Dessen Yacht „Pelorus“, ein protziges Neureichen-Schlachtschiff ähnlich denen der Bösewichter in James-Bond-Filmen, liegt derzeit im Hafen von Lissabon, davor ankerte es in Porto. Der russische Ölmilliardär und Chelsea-Besitzer guckt sich sein neues Spielzeug an, den Portugiesen Deco. Vielleicht kauft er sich noch Italiens Goldstück Cassano, Schwedens Tor-Akrobatiker Ibrahimovic oder Englands Rooney, der schon so aussieht wie die Bodyguards des Oligarchen, nur ohne Brioni-Anzug. Warum regt das eigentlich niemanden auf? Weil das Leben zwar ungerecht ist, aber nicht so bleiben soll, erwärmen wir uns jetzt für Deutschland. Richtig gelesen: Für Wörns, Friedrich, Bobic und die anderen Rumpelfüßler. Und natürlich für Rudi. Weil, die Unsrigen – das sind die wahren Underdogs.“

Knapp 200 Stürmerminuten, auf acht Beine und vier Köpfe verteilt – aber kein Tor gegen Lettland

Michael Horeni (FAZ 21.6.) würde am liebsten selbst die Fußballschuhe schnüren: „Es läuft die letzte Minute der Nachspielzeit, und endlich kommt mal wieder eine Flanke so, wie sie sein soll, vor das lettische Tor. Der Ball hat genau das richtige Tempo, um den Torwart hinter sich zu lassen und einen Stürmer zu finden, der fünf, sechs Meter frei vor dem Tor steht. Es ist eine Flanke, aus der Miroslav Klose vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft einen Treffer gemacht hätte, selbst wenn er sich die Schuhe verkehrt herum angezogen und die Augen vor dem Kopfball geschlossen hätte. So sicher war er damals im Abschluß. Er war einer der besten Kopfballspieler der Welt, der sich nach seinen wichtigen Treffern vor Freude überschlug. Aber es ist die vierte Minute der Nachspielzeit bei der Europameisterschaft gegen Lettland, und Klose ist nicht mehr der Stürmer, der er in Japan war. Klose fliegt dem Ball mit dem Kopf entgegen, und in diesem Moment kann doch noch alles gut werden für das deutsche Team – aber der Ball fliegt meterweit am Tor vorbei. Klose bleibt langgestreckt auf dem Rasen liegen, auch mit dem Salto ist es nichts mehr. Er hätte alles wenden können, die deutschen Aussichten auf das Viertelfinale wären gut gewesen, und auch seine Krise, die deutsche Stürmerkrise, sie wäre nicht das große Thema gewesen. „Das sind normalerweise seine Tore“, sagt Rudi Völler ratlos. 0:0 gegen Lettland. Das ist ein Mißtrauensbeweis gegen jeden Angreifer: gegen Kevin Kuranyi, 80 Minuten vergeblich dabei; gegen Fredi Bobic, 67 Minuten vergeblich dabei; gegen Miroslav Klose, 23 Minuten vergeblich dabei; gegen Thomas Brdaric, 13 Minuten vergeblich dabei. Knapp 200 Stürmerminuten, auf acht Beine und vier Köpfe verteilt – aber kein Tor gegen Lettland. (…) Der Teamchef indes mußte sich fragen lassen, warum er kurz vor Schluß mit Brdaric gegen das lettische Bollwerk einen Konterstürmer einwechselte und nicht einen Strafraumstürmer wie den jungen Kölner Lukas Podolski. Doch bei diesem Teilaspekt des Sturmproblems wollte sich der Teamchef vor dem entscheidenden Spiel gegen die Tschechen nicht weiter aufhalten. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit wir die Spieler, die Tore erzielen können, besser in Position bringen“, sagte Völler. Mit Spielern, die Tore erzielen können, meinte er jedoch schon nicht mehr einen seiner Stürmer – sondern Mittelfeldspieler Michael Ballack.“

Internationaler Fußball

Der Fußballer und die Bratwurst

Otto Rehhagel, „ein Ass mit gefärbten Haaren“ (Guardian) – dreht sich in Frankreich zu viel um Zinedine Zidane? (Le Monde) – englische Fans haben auch ihre guten Seiten (Guardian) u.v.m.

Der Fußballer und die Bratwurst

Jonathan Northcroft (Sunday Times 20.6.) schaut nach dem enttäuschenden Unentschieden bis ins Jahr 1998 zurück: „Als die Deutschen 1998 im WM-Viertelfinale durch Kroatien schwer geschockt wurden, druckte eine der großen Boulevardzeitungen am nächsten Tage einen Abschiedsbrief über eine komplette Zeitungsseite, mit der flehenden Bitte an Bundestrainer Berti Vogts, diesen doch zu unterschreiben. Zwei Jahre später, als Deutschland bei der EM die Gruppe als Letzter beendete, stellte ‚Bild’ ein Photo von Zinedine Zidane neben das einer Bratwurst und druckte folgende Bildunterschriften: ‚Das ist ein Fußballer’ und ‚Das ist ein deutscher Fußballer’. (…) Die kleinen Letten, deren Mannschaft meist aus Spielern von Skonto Riga, ehemaligen Ersatzspielern und Akteuren aus der russischen Liga besteht, habe es geschafft, sich gegen das mächtige Deutschland aufzubäumen. (…) Der lettische Trainer Aleksandrs Starkovs hatte insgesamt fünf Verteidiger gegen Deutschland aufgeboten, wobei Valentins Lobanovs die Aufgabe hatte, sich vor der Viererkette um Michael Ballack zu kümmern. Aber bereits nach nur 35 Sekunden sah es düster für Lettland aus, denn nach einem Foul an Ballack sah Lobanovs die gelbe Karte. (…) Völlers Auffassung vom Trainerjob hatte in der Vergangenheit öfter für Kritik gesorgt, aber besonders bei großen Turnieren agierte er dann meistens schlauer, als es so manche erwartet hatten. Aber im Spiel gegen Lettland sah man eine völlig andere Elf als im starken Erstrundenmatch gegen Holland.“

Am Ende hatten die Deutschen Glück

Duncan Wright (Daily Mirror 20.6.) blickt auf die Nullnummer gegen den kleinsten Fisch der EM: „Rudi Völler beharrte nach dem Unentschieden gegen Lettland, dem kleinsten Fisch der EM, darauf, dass es sich hierbei nicht um eine nationale Katastrophe handle. (…) Aber Fakt ist, dass es nun, nachdem es den Deutschen nicht gelungen ist, den lettischen Abwehrriegel zu knacken, sehr schwer werden wird, noch einen der insgesamt zwei Qualifikationsplätze zu ergattern. (…) Und am Ende hatten die Deutschen sogar noch großes Glück, dass der englische Schiedsrichter Mike Riley nicht auf den Elfmeterpunkt zeigte, nachdem Maris Verpakovskis zweimal gefoult wurde. (…) Nach der Partie sagte Völler: „Natürlich hatten wir uns mehr erhofft, es ist aber keine Katastrophe. Wir müssen das letzte Spiel gegen Tschechien einfach gewinnen und dann schauen wir weiter.“

Deutschland bleibt stimmlos

Le Soir/Belgien (19.6.) fügt hinzu: „Der Vize-Weltmeister läuft Gefahr auszuscheiden. Die Deutschen beherrschten dank einer besseren Technik das Spiel, aber die gefährlichen lettischen Konter stellten die Mannschaft vor Probleme. (…) Nach dem Seitenwechsel erhöhten die Deutschen den Druck, ohne sich jedoch wirklich klare Torchancen zu erspielen. (…) Mit diesem Ergebnis befindet sich die deutschen Nationalmannschaft in einer schwierigen Ausgangssituation, während die Letten bewiesen, dass ihre Teilnahme bei der Euro berechtig ist.“

Anfield-Duo versenkt Holland

Brian McNally (Daily Mirror 20.6.) über das Spiel der Tschechen gegen Holland: „Der Grundstein, der es den Tschechen im Spiel gegen die Niederlande ermöglichte, als erste Nation bei der Euro 2004 ins Viertelfinale einzuziehen, wurde in Liverpool gelegt. Das Duo von der Anfield Road, Milan Baros und Vladimir Smicer, versenkten durch ihre beiden Tore das holländische Boot, dass sich nach den frühen Toren von Wilfred Bouma und Ruud van Nistelrooy bereits auf gutem Kurs befand.“

Und das ganze Bier…

Ian Ridley (The Guardian 20.6.) erzählt von den guten Seiten englischer Fans: „Es könnten auch ein paar looney tunes an der Algarve gezeigt werden, aber der Zeichentrick-Charakter eines englischen Fans trifft nicht immer zu. Egal, zu welchem Spiel in Portugal man hingeht, welche Nationen auch immer beteiligt sind, englische Fußballanhänger und St.-Georges-Standards sind immer vertreten. (…) Es bestätigt das Gefühl, dass England, während es einige der schlimmsten Fans hat, eben auch einige der Besten hat. (…) Eigentlich sind englische Fans auf Turnieren nicht erwünscht. Trotzdem, wird ihr Geld gerne genommen. Wenn England riesige Summen ausgibt – für Tickets, Reisen, Komfort und das ganze Bier – dann sind sie auch willkommen.“

Ein Ass mit gefärbten Haaren

Tim Collings (The Guardian 20.6.) porträtiert Otto Rehhagel: “Er hat das Rentenalter schon erreicht, und wie vielen Deutsche ist ihm seine Erscheinung wichtig, er ist ein Ass mit gefärbten Haaren. Mit 65 sollte er eigentlich von ruhigen Tagen im Garten träumen – statt eine Nationalmannschaft zu betreuen. Aber, wie er in den letzten Wochen gezeigt hat ist er alles andere als eine verbrauchte Kraft. (…) Es sieht so aus, als würde sich der in Deutschland geborene auf Lebzeiten einen Platz in den Herzen der Griechen – und wahrscheinlich ein sehr schönes Ferienhaus auf den Inseln – verdienen (…) Er ist jetzt ein ehrenvoller Grieche. Nach der Qualifikation wurde er zu einem Fernsehinterview eingeladen in dem er adoptiert wurde und die Nationalhymne sang. Angetan von der Wärme der Gastfreundschaft seiner neuen Nation versprach er ihnen ein starkes Auftreten in Portugal.“

Einmann-Band und deus ex machina in einem

Dreht sich in Frankreich zu viel um Zinédine Zidane, Gérard Davet & Frédéric Potet (Le Monde 19.6.)? „Frankreichs Nationalmannschaft ist von Zidane abhängig. Entscheidend in den letzten Spielminuten beim Sieg gegen England, wesentlich am Unentschieden gegen Kroatien beteiligt, ist der Spieler von Real Madrid Einmann-Band und deus ex machina in einem. Ist Frankreich möglicherweise zu abhängig vom Talent des Spielmachers? Konkret geäußert hat sich Jacques Santini zu dieser Frage nicht. Robert Pires hat sich hier mehr gewagt: „Ja, die Nationalmannschaft ist ein wenig zu abhängig von Zizou. Sicher bleibt er der absolute Spielgestalter, er ist der Kopf der Mannschaft. Aber, hin und wieder, suchen wir ihn zu sehr. Wir wissen, dass er im Spiel enorm wichtig für uns ist, aber gelegentlich könnte wir auch was anderes versuchen.“

Die Schweiz hofft, dass Alexander Frei erwacht

Alain Constant (Le Monde 19.6.) warnt vor Alexander Frei: „Frei bleibt ein Rätsel. Mit Rennes hat er in der ersten französischen Liga eine bemerkenswerte Saison gespielt und war mit 20 Treffern nach Djibril Cissé zweitbester Torschütze der französischen Meisterschaft. Im Trikot der „Nati“ hat der sympathische Schweizer ebenfalls eine außergewöhnliche Bilanz: 15 Tore in 27 Spielen. Jedoch hat er schon seit sechs Pflichtspielen nicht mehr den Weg ins Tor gefunden.“

Strafstoss

Strafstoß #9 – Elementarspeicheln – Die Lösung des Nachwuchsproblems im Fußball

von Mathias Mertens

Eine Frage habe ich mal, auch aus gegebenem Anlass: Warum rotzen Fußballer eigentlich? Jetzt kommt mir bloß nicht mit der Antwort, das Rennen und die körperliche Anstrengung, der Speichelfluss, das Japsen, das trocknet aus und verdichtet sich, Behinderung der Atemwege und der Leistung und so. Ich habe jahrelang Basketball gespielt und nie das Bedürfnis verspürt, auf den Platz zu rotzen. Dadurch ist nie eine auf verkrustenden Speichel zurückzuführende Angina Pectoris entstanden, so dass nur noch ein beherzter Luftröhrenschnitt des herbeigerufenen Notarztes meinen Erstickungstod hat verhindern können. Auch meine Handball spielenden Freunde haben meines Wissens eher selten auf den Platz gerotzt. Interessant wäre es mal zu erfahren, ob Eishockeyspieler sich ihres Speichels entledigen. Ich glaube nicht, zumal das ja schon im Visier des Helms hängenbleiben würde.

Warum rotzen Fußballer also? Ein Blick in das gute alte „Lexikon der Fußballmythen“ von Christian Eichler liefert eine viel befriedigendere Erklärung: Das hat mit Biologie zu tun: „Fußball ist ein Ausscheidungsspiel im engeren Wortsinne. Es fließen die Körpersäfte bei der kickenden Betätigung. Der Schweiß findet allein den Weg hinaus, der Mund- und Nasenschleim aber bedarf der aktiven Entsorgung, entweder oral oder nasal oder, die technisch anspruchsvolle Variante, nasal links-rechts. […] Als „symbolische Befreiung von Blockaden“ sieht der Psychologe Heinz-Georg Rupp, früherer Mentaltrainer von Bayer Uerdingen, den Auswurf. „In einer Situation, in der sich der Spieler als Versager fühlt, etwa nachdem er eine Torchance vergeben hat, spuckt er, um zu zeigen: Es geht weiter, ich habe mein Rohr wieder freigelegt.“ Die Ausscheidungen hätten sich „mit der Zeit ritualisiert“, besonders bei Einwechslungen: „Jetzt komme ich und besame ersatzweise das Feld. Die Botschaft: Ich werde das Spiel befruchten!“ Eine weitere tiefenpsychologische Komponente hat der Nasal-Psychologe möglicherweise übersehen: der offensichtliche Versuch des Profis, durch die alt-proletarische Geste des taschentuchlosen Rotzens („Charlottenburger“) seine Verbundenheit zum einfachen Mann auf den Rängen auszudrücken.“ Soweit Christian Eichler.

Da wollen wir mehr drüber wissen, also flugs eine Netzrecherche gestartet, weil diese knallhart recherchierenden und investigierenden Netzjournalisten, die haben ja ganz andere Informationsquellen und kommen an Fakten ran, die uns Feld-Wald-und-Wiesen-Buchleser völlig verborgen blieben. Und tatsächlich, Armin Stadler von der Online-Redaktion des ORF kann in seiner Kolumne „Fußball als Ausscheidungsprodukt“ noch viele weitere faszinierende Facetten zum Thema beisteuern: „Fußball ist aber auch ein Ausscheidungsspiel im ganz physischen Sinne. In der Hitze von Portugal fließen die Körpersäfte. Der Schweiß findet allein den Weg aus dem Fußballerkörper, der Nasen- und besonders Mundschleim aber bedarf der aktiven Entsorgung, entweder oral oder nasal. Was andernorts als Ekel erregende Demonstration funktionierender Drüsenfunktionen gilt, wird auf dem „grünen“ Rasen zum Ritual: das Spucken. Als „symbolische Befreiung von Blockaden“ sieht der Psychologe Heinz-Georg Rupp den Auswurf. Muss man erwähnen, dass der Mann einst Mentaltrainer beim deutschen Bundesligisten Bayer Uerdingen war? Taschentuchlos gerotzt und gespuckt wird nach vergebenen Torchancen, vor Einwechslungen und als proletarische Verbrüderungsgeste mit dem einfachen Mann auf der Tribüne.“ Gut, dass wir uns nicht mit der erstbesten Erklärung zufrieden gegeben haben.

Jetzt erklärt sich auch, warum der Basketballspieler nicht auf den Platz rotzt. Nicht etwa wegen der Verletzungsgefahr aufgrund des schlüpfrigen Untergrunds, sondern weil das Ejakulieren auf Parkett oder Patentsportboden keinerlei befruchtende Wirkung hätte. Die Scholle, auf die der Fußballspieler sich ausgießen kann, nimmt den Samen dagegen begierig auf und lässt ihn zu vielen weiteren Fußballspieler-Rasen-Hybriden heranwachsen. Die Spieler haben aber in den letzten Jahren erkannt, dass diese Mensch-Pflanze-Wesen nicht die allerbesten Kicker sind, also sind sie dazu übergegangen, andere Spieler zu befruchten, damit aus ihn dann die Stars zukünftiger Turniere hervorgehen. Francesco Totti und Alexander Frei gehören deshalb nicht gescholten und gesperrt, weil sie sich auf ein primitivsten Niveau begeben haben, sondern eigentlich dafür gelobt, dass sie ihren Michel Houllebecq und Peter Sloterdijk gelesen und in ein zeitgemäßes Fußballplatzgeschehen übersetzt haben. Aber es gibt eben so viele Betonköpfe, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen.

Sonntag, 20. Juni 2004

Allgemein

Deutscher Eifer reicht nicht

„deutscher Eifer reicht nicht gegen Lettland“ (FAS) – „farbiges, schnelles und hochstehendes Match im Vorwärtsgang“ (NZZaS) zwischen Holland und Tschechien (mehr …)

Vermischtes

Letztes Reservat des europäischen Nationalismus?

„die EM als letztes Reservat des europäischen Nationalismus?“ – Alexander Frei spuckt auch u.v.m. (mehr …)

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Der frechste Spieler des Turniers

Italiens Medien treten Giovanni Trapattoni kräftig vors Schienbein – Zlatan Ibrahimovic, „der frechste Spieler des Turniers“ (WamS) (mehr …)

Allgemein

Aljubarrota allerorten

Spanier und Portugiesen sollten sich nicht bekriegen, sondern umarmen

Georg Bucher (NZZaS 20.6.) beleuchtet die Stimmung vor dem Spiel gegen Spanien: „Nicht der Wirklichkeit entrückt wie vor dem Match gegen Griechenland, vielmehr geläutert durch den folgenden Absturz wirkt die zweite Begeisterungswelle im Land. Ohne zu überzeugen, hatte Portugal Russland im Griff. So rückt man wieder näher auf der Peninsula und träumt von einem iberischen Final, der aber ausser Reichweite scheint. Denn wer traut den eliminierten Russen schon einen Sieg mit zwei Toren Differenz gegen Griechenland zu? Dies wäre die Bedingung, dass Spanien und Portugal im Turnier blieben und eine Variante des Vertrags von Tordesillas zelebrierten. Unter Vermittlung von Papst Julian II. hatten der portugiesische König João II. und die katholischen Könige Fernando und Isabel von Kastilien und Aragon am 7. Juni 1494 in der Kleinstadt Tordesillas Territorialkonflikte beigelegt und ihre südamerikanischen Entdeckungen aufgeteilt. Ein anderes historisches Datum beziehen die Portugiesen lieber auf das Fussballduell. Mit einem zahlenmässig unterlegenen Heer gewannen sie nach 68 Jahren spanischer Vorherrschaft 1648 in der Schlacht von Aljubarrota die Unabhängigkeit zurück. Weil assoziatives Denken dem portugiesischem Naturell entspricht, ist der Name Aljubarrota in aller Munde. In einem Cartoon des Fachblatts „A Bola“ schlägt ein fiktives Gespräch beim Haareschneiden die Brücke. Kunde: Wird die zweite Schlacht von Aljubarrota ausgehen wie die erste? Coiffeur: Warum nicht? An der WM 1986 haben wir gegen Marokko die Schlacht von Alcacer-Quibir wiederholt. Kunde: Ja, wir haben erneut Prügel bezogen. Indessen wertet der Historiker und Medienstar Hermano Saraiva die Analogie als krankhaften Versuch, verschiedene Welten auf einen Nenner zu bringen. Spanier und Portugiesen sollten sich nicht bekriegen, sondern umarmen.“

Deutsche Elf

Sein Tor, das er nicht machte; Müller-Wohlfarth

wo sind die Stürmer? (FAS) – Doc Müller-Wohlfahrt, ein Mann für viele Fälle (FAS)

Peter Heß (FAS 20.6.) beklagt die deutschen Mängel im Angriff: “Deutsche Angreifer machten in dieser Partie kaum von sich reden – und wenn, dann nicht wegen ihrer Torgefahr. Miroslav Klose verpaßte die große Gelegenheit in der letzten Minute der Nachspielzeit, zum deutschen Helden des Spiels zu werden. Doch der Kopfballschreck der WM 2002 wuchtete den Ball mit der Stirn aus vier Metern Entfernung sechs Meter am Tor vorbei. „Das war genau die Situation, in die wir ihn bringen wollten, das war sein Tor, er hat es nicht gemacht“, kommentierte Teamchef Rudi Völler desillusioniert. Klose, der demnächst für Werder Bremen Tore zu schießen versuchen wird, war in der 67. Minute für Fredi Bobic ins Spiel gekommen und verbreitete noch weniger Schrecken im lettischen Strafraum als der Herthaner. Thomas Brdaric schaffte es allerdings, noch weniger Wirkung zu erzielen als Klose. Der Schlaks wirkte wie bei der falschen Sportart. Ihm hatte Kevin Kuranyi nach 78 Minuten weichen müssen, der einzigen Offensivkraft der DFB-Auswahl, der zumindest mittleren Ansprüchen genügte. Der 22 Jahre alte Stuttgarter setzte sich immer wieder gegen die gegnerischen Abwehrspieler durch, erkämpfte viele Bälle, aber wenn es darum ging, seiner vornehmlichsten Aufgabe nachzukommen, wurde auch Kuranyi zu unpräzise.“

Diese langen Haare trägt er doch nur, damit man die Schrauben nicht sieht

Jupp Suttner (FAS/Gesellschaft 12.6.) porträtiert Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: „München ist eine gehässige Stadt – bisweilen. Und wer sich in den angesagten Bars und Lounges bewegt, erfährt Jet-sets Meinung ungefragt und ungeschminkt. Vor ein paar Monaten etwa hatten sie den Kicker-Doc auf dem Kieker. „Der Doc“ – so nennen sie an der Isar den prominentesten Arzt der Gegend, Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der Doc ist der Vereinsarzt des FC Bayern und der Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft. Und der Doc ist fast 62 Jahre alt. Doch er wirkt wie 42 Jahre jung. Was nicht zuletzt an den anerkannt schönen langen Haaren liegt, die seinen Hinterkopf mattenhaft bedecken wie bei einem Edel-Hippie von einst. „Diese langen Haare“, zischen sie im Schumann’s und anderswo, „trägt er doch nur, damit man die Schrauben nicht sieht, die da hinten drin stecken!“ Weil er so oft und streng geliftet sei, der Doc. Barer Unsinn – Müller-Wohlfahrt ist ganz Natur. Nie würde der Orthopäde sich unter das Messer eines Design-Kollegen begeben! Doch wer in Zeiten des Anti-Aging-Trends so frisch und munter daherkommt wie er, erregt Neid und Argwohn – zumindest bei all jenen, die fürchterlich gerne selbst so vital aussähen wie er. Die es aber nicht schaffen. (…) An den Tresen der Stadt drängen sich nicht nur Kritiker des Doc. Es existieren auch Mengen von Docmatikern, die sich in Zeiten des Unfriedens schützend vor ihn werfen würden. Zahlreiche davon sind Frauen – angetan von seiner Virilität verheißenden Kombination aus Jugendlichkeit, Erfolg, Berühmtheit, Ernsthaftigkeit und Ausstrahlung. Oft sind Damen darunter, die es nur zu gerne sähen, wenn auch der eigene Gemahl ein wenig der Eitelkeit eines Müller-Wohlfahrt frönte. Die zweite Gruppe, die stets für ihn in die Bresche springt, sind seine sporttreibenden Patienten. Denn: Dr. med. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gilt als Magier der Diagnostik. „Er schließt die Augen“, berichtet ein Behandelter, „fährt dir mit seinen Fingerspitzen über den Körper und tastet und tastet – und dann hat er es. Millimetergenau! Und genau dort kriegst du dann diese berühmte Kälberblutspritze rein …““

Ballschrank

Wurde Reiner Calmund gemobbt?

wurde Reiner Calmund gemobbt? – Kritik an der Entlassung Marcel Kollers in Köln (SZ) – FAZ-Interview mit Joseph Blatter – Alert-Interview mit Klaus Toppmöller u.v.m. (mehr …)

Internationaler Fußball

Es sind 16 Mannschaften in dem Turnier vorgesehen, aber tatsächlich sind es 17

Lettland verblüfft Deutschland, lesen wir von James Mossop (Telegraph 20.6.): „Beim größten Sturz der EM2004 bisher, haben die wenig bekannten Spieler aus Lettland Deutschland bei einem torlosen Unentschieden gehalten und den ersten Punkt in ihrem ersten großen Turnier geholt. (…) Das Unentschieden stürzte die Deutschen in eine Zeit der Dunkelheit. Der dreifache Welt- und Europameister kam als 4-9-Favorit nach Oporto, um gegen das Spiel den 500-1-Außenseiter zu gewinnen. Nur einen Punkt mitzunehmen bringt die Qualifikation für das Viertelfinale in Gefahr, da ihnen ein hartes Spiel gegen Tschechien bevorsteht. Währenddessen sind die Tschechen nach einem 2:0-Rückstand zurückgekommen und haben das bisher aufregendste Spiel gewonnen und das Viertelfinale erreicht. Dieses Ergebnis hat auch Lettlands Chancen sich einen unwahrscheinlichen Platz unter den letzten Acht selbst zu sichern, erhöht. Zurück in Oporto, feierten die Letten lange und laut. Nur einige hundert Zuschauer hatten die Reise aus ihrem kleinen baltischen Land, das eine Population von 2,3 Mio. Menschen hat, gemacht. Der lettische Trainer kann eine rätselhafte Figur sein, seine Art über die Elfmetersituation zu reden und seine Management-Technik bringt dies hervor. Er sagte: „Es sind 16 Mannschaften in dem Turnier vorgesehen, aber tatsächlich sind es 17, und die 17. ist der Schiedsrichter. Wir spielen gut, aber das ist mein professionelles Geheimnis. Wenn ich das so beibehalte, werde ich immer einen Job haben.“ (…) Lettland kann nach wie vor nach dem Spiel gegen Holland nach Hause fahren, aber sie haben die Angst, dass sie punktlos und mit einer riesigen negativen Tordifferenz ausscheiden würden, begraben. Gegen Deutschland ein Unentschieden zu halten war mehr als eine lobenswerte Leistung, und die Holländer können sicher sein, dass Lettland am Mittwoch kämpfen wird, auch wenn die meisten Leute ihnen kaum eine Chance einräumen, die Runde der letzten Acht zu erreichen.“

Ein Unentschieden herausgequetscht

Conrad Leach (Independent 20.6.) fügt hinzu: „Die Art und Weise wie Lettland nach dem hart umkämpften Unentschieden feierte, machte den Eindruck, als hätten sie die Europameisterschaft an sich gewonnen. Das hatten sie nicht, aber stattdessen ihren ersten Turnierpunkt geholt und gratulierten sich selbst, zurecht ein Unentschieden gegen die erfolgreichste Mannschaft der EM-Geschichte herausgequetscht zu haben.“

Strafstoss

Strafstoß #8 – Deutschland – eine Kontroverse

von Oliver Fritsch

Wie unterschiedlich die Auffassungen über Fußball im Allgemeinen und die deutsche Elf im Besonderen sein können, zeigt ein Vergleich zweier renommierter und an dieser Stelle viel zitierter und gern gelesener Zeitungen:

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat am 19.6. Deutschlands Stil beschrieben: „Die deutsche Fußballsprache hat der Welt nicht viele Begriffe geschenkt, denen auch eine internationale Karriere vergönnt war. So wie etwa der italienische „Catenaccio“, der vor rund vierzig Jahren das Licht der Welt erblickte. Die zur Perfektion getriebene Abwehrarbeit, die ein Spiel ohne Gegentor heiligte, fand zwar lange viele Nachahmer, aber die Ära des Catenaccio ist vorbei. Die Engländer schenkten der Fußballwelt das „kick and rush“, aber auch diese über Generationen hinweg auf der Insel gepflegte Reduzierung des Spiels auf seine schlichten Angriffselemente hat die Globalisierung nicht überlebt. Die Deutschen allerdings sind dabei, ihren ureigenen Turnierstil auf gut deutsch noch weiter zu popularisieren. Die Holländer sprechen in den Sportteilen schon anerkennend von „die Mannschaft“, die Franzosen leicht verfremdet von „la Mannschaft“. Was mit diesen Ausdrücken gemeint ist, versteht sich von selbst: der traditionell erfolgreiche deutsche Fußball-Sonderweg bei Welt- und Europameisterschaften. „Aus diesem Holz ist eine Turniermannschaft geschnitzt“, sagte Rudi Völler. (…)“

Die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag (20.6.) sieht das einen Tag später völlig anders: „Nur wenige Begriffe aus der Sprache des Fussballs haben eine internationale Verbreitung erfahren. Das italienische Wort „Catenaccio“ war eine solche Ausnahme. Das Primat der Defensivarbeit wurde besonders in den achtziger Jahren von der italienischen Nationalmannschaft hochgehalten und hatte einige Nachahmer. Die Zeit des „Catenaccio“ ist allerdings ebenso vorbei wie diejenige des „Kick and Rush“. Kein Team, das an einer Europa- oder Weltmeisterschaft ernsthaft Ambitionen hegt, reduziert den Fussball auf die Banalität eines weiten Passes in die gegnerische Platzhälfte, dem mit aller Kraft hinterhergerannt wird. Nicht einmal die Engländer, die das Spiel auf diese Weise geprägt hatten, praktizieren es noch. Heutzutage wird ein deutscher Begriff globalisiert. „Die Mannschaft“ kann man in holländischen Zeitungen lesen, wenn von der nationalen Auswahl die Rede ist. Selbst die Franzosen haben das Wort in ihre Sprache integriert und sprechen und schreiben von „La Mannschaft“. Offensichtlich ist ein deutscher Mythos zur neuen Fussballformel geworden, von der man sich am ehesten Erfolg verspricht. „Die Mannschaft“ ist die Chiffre für den deutschen Sonderweg an grossen Turnieren, die jeweils zu „Turniermannschaft“ ausgeweitet wird. (…)“

Samstag, 19. Juni 2004

Allgemein

Danish Dynamite vor trutziger Kulisse

„das 2:0 war danish dynamite vor trutziger Kulisse“ (NZZ) – Italien ist nach dem 1:1 gegen Schweden geschockt (Tsp) / „das 1:1 war ein Spiel, wie Fans es lieben. Packende Zweikämpfe, schnelle Kombinationen, viele Strafraumszenen“ (SZ) (mehr …)

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