indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 25. März 2004

Ballschrank

Einführung des „Silver Goal“

Peter Heß (FAZ 29.4.) kritisiert die Einführung des „Silver Goal“. „Was hat sich die Europäische Fußball-Union nur dabei gedacht, die Regeln wieder zu ändern? Nun werden die Sieger der Champions League und des Uefa-Cups nicht mehr durch ein Golden Goal ermittelt, falls es nach 90 Minuten Unentschieden steht, sondern durch die Erfindung des Silver Goal. Hinter dem neuen Begriff verbirgt sich Folgendes: Endet die reguläre Spielzeit ohne einen Sieger, wird die Partie um 15 Minuten verlängert. Liegt eine Mannschaft nach Ablauf dieser Verlängerung in Führung, ist die Partie beendet. Ist es nach 105 Minuten beim Unentschieden geblieben, wird eine zweite viertelstündige Verlängerung angepfiffen. Steht nach 120 Minuten immer noch kein Gewinner fest, kommt es wie bisher zum Elfmeterschießen. Ganz einfach, oder? Der Vorteil zum Golden Goal besteht darin, daß nun ein Torpfiff in der Verlängerung nicht mehr gleichbedeutend mit dem Abpfiff des Spiels ist. Die Zuschauer werden nicht mehr um die Spannung einer Aufholjagd gebracht. Insofern bedeutet das Silver Goal einen Fortschritt. Der Nachteil dieser Lösung ist deren Kompliziertheit. Kurz und schlecht: Die Verbesserung bleibt auf halbem Weg stecken.“

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Werder Bremen – Hansa Rostock 3:0

Werder Bremen, „Meister des Unterstatements“ (SZ) und in sich ruhende Kraft ist Herbstmeister – Bayern München antwortet (nur) sportlich auf Kritik der vergangenen Wochen – Köln fühlt sich fast schon „wundergeheilt“ (FTD) – Hertha BSC Berlin ratlos – Eintracht Frankfurt verliert typisch gegen HSV u.a.

Werder Bremen – Hansa Rostock 3:0

Meister des Unterstatements

Josef Kelnberger (SZ 18.12.) beschreibt die ruhige Stärke Bremens: „Der Mercedes-Stern über München, sechs Meter Durchmesser, Riesenskandal. Das Stuttgarter Wahrzeichen auf dem Münchner Daimler-Hochhaus – den das Rathaus jetzt mit allen Mitteln zu verhindern versucht – hätte man wunderbar in Bezug setzen können zur Herbstmeisterschaft des VfB. Symbol für den Machtkampf im Süden, Angriff der Schwaben. Doch diese Herausforderung ist erst einmal ad acta gelegt. Die Münchner Bayern, die Feindbilder brauchen wie das tägliche Brot, müssen Werder jagen. Aus dem alten Nord-Süd-Duell lassen sich kaum noch Funken schlagen. Bremen, ach ja. Das einzige Bundesland, in die SPD noch Wahlen gewinnen kann, aber nur, weil sie mit den Schwarzen regiert. Im Fanblock steht manchmal Bürgermeister Scherf, der großen Umarmer, der personifizierte Vermittlungsausschuss. Willi Lemke, sein Kultursenator, sitzt zwar im Aufsichtsrat von Werder, aber Klaus Allofs, sein Nachfolger im Management, wird nicht Uli Hoeneß herausfordern, keinen Klassenkampf propagieren, Arbeit gegen Kapital, SPD gegen CSU. Zwar sammelte er Mitleidspunkte, nachdem Schalke die Verpflichtung von Ailton und Kristajic für nächste Saison bekannt gab. Aber als sich vor einigen Wochen in München die acht wirtschaftsmächtigsten deutschen Klubs trafen, ließ Allofs sich gerne einladen. Und Trainer Thomas Schaaf: ein Schüler von Otto Rehhagel zwar, mit ihm Meister, Pokalsieger, Europacup-Gewinner, aber ein Meister des Unterstatements. Sich mit Schaaf anlegen? Genau so schwierig wie mit Scherf. Der Herbstmeister plustert sich nicht zum strategischen Herausforderer der Bayern auf. Er ist ein rein sportliches Phänomen.“

Olaf Dorow (Tsp 18.12.) fügr hinzu: “Die aktuelle Werder-Mannschaft ist ein Herbstmeister der Superlative. Mit dem stärksten Mittelfeld, dem stärksten Defensivspieler (Ernst), dem stärksten Offensivspieler (Micoud). Sowie mit Ailton, dem aufgewecktesten Stürmer der Saison, Bilanz: 16 Tore. Werders Trainer Thomas Schaaf ertüftelte ein sehr stimmiges System: Hinten eine Viererkette, in der Mitte eine Art Raute, vorn ein schneller Stürmer und weitere gute Leute (Klasnic und Charisteas). Ein Werder-Fan schrieb an eine Bremer Zeitung, er fühle sich an den Stil erinnert, den Johan Cruyff dem FC Barcelona beigebracht hatte, und weil der Cruyff ja ein König gewesen sei, hob der Leser Schaaf auch in diesen Rang. Aber Schaaf, der Bodenständige, ließ den für ihn bestimmten purpurnen Mantel in der Kabine hängen, als die Werder-Profis nach dem Sieg gegen Rostock im weihnachtlichen Kostüm eine Ehrenrunde drehten. Vor allem aber: Schaaf ruht in sich. Es passt. Offenbar ist es kein Nachteil, dass er Werder nie verlassen hatte, 31 Jahre lang nicht. Zu Saisonbeginn präsentierte er folgende Verstärkungen: einen Torhüter aus der zweiten spanischen Liga, einen Verteidiger, der in Frankreich als schwierig galt, und einen Mittelfeldspieler, der wegen einer angeblichen Schlägerei mit türkischen Reportern prozessierte. Das Trio Reinke, Ismaël und Davala ergänzte sofort das Stammpersonal, verlieh dem Team eine hohe Robustheit – und ließ nebenbei einen neuen Geist einziehen. Auf einen Schlag waren noch drei andere da, die so sprachen, dachten und auftraten wie Regisseur Johan Micoud. Der hatte einst gefragt, ob es gesetzlich festgeschrieben sei, dass Werder immer hinter Bayern und Dortmund bleiben müsse. So verlor das Wort Meisterschaft seine Aura. Als im Trainingslager im Juli ein Fragebogen herumgereicht wurde, hatten am Ende sieben Spieler Werder als Meister-Tipp angegeben.“

Auch Roland Zorn (FAZ 18.12.) zählt auf Werder: „Werder Bremen setzt Ausrufezeichen und hinterläßt Fragezeichen. Natürlich muß der Herbst-, Winter- und Weihnachtsmeister nach den schlechten Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre rechtzeitig zur Rückrunde Gepäck abwerfen, um nicht schon wieder seelisch belastet den zweiten Teil der Saison in Angriff zu nehmen. Nur zur Erinnerung: Auch die Spielzeit 2002/03 ließ sich gut an für die Norddeutschen. Mit 33 Punkten rangierte Werder auf Rang drei – und wurde am Ende enttäuschender Sechster; in der Serie davor hatten die Bremer dank eines spektakulären Jahresendspurts bis zur Winterpause gleichfalls 33 Punkte aufgesammelt – und fielen nach einer Reihe unverhoffter Niederlagen noch auf Position sechs zurück. Diesmal aber soll die Zeit der bloßen Träume von der Champions League vorbei sein und das internationale Ziel auf dem nationalen Königsweg konkret angesteuert werden. Viel spricht dafür, daß der dreimalige Meister wie zu den besten Zeiten des früheren Meistertrainers Otto Rehhagel seine Form konservieren und den Titel gewinnen kann. Wer im ersten Teil der Marathonprüfung über 34 Spieltage die meisten Siege, die meisten Tore, die meisten Punkte erobert, geschossen und erreicht hat, der geht mit einem auch psychologisch schwerwiegenden Guthaben und Vertrauensvorschuß auf die entscheidende Wegstrecke, zumal Werder bisher noch zu keiner Phase gewankt und gewackelt hat.“

Jörg Marwedel (SZ 18.12.) schildert Bremer Stimmung: „Normalerweise zieht es die Menschen nach einem Werder-Spiel so schnell wie möglich zurück in die warmen Stuben, zumindest aber in eine der engen, rauchigen Kneipen rund um das Weserstadion. Diesmal aber standen ganze Pulks draußen vor den Schänken. Sie tranken heißen Glühwein und kaltes Bier, sie redeten, sangen und umarmten sich, kaum einer mochte nach Hause gehen. Und als es noch ein bisschen später geworden war, durfte sich sogar Detlef Kollra, der Zeugwart der Profimannschaft, prominent fühlen. Radio Bremen interviewte ihn, weil doch Trainer Thomas Schaaf in seiner Dankesrede den Anteil des „gesamten Teams hinter dem Team“ an der Herbstmeisterschaft gewürdigt hatte. Also diktierte Kollra nun selbstbewusst wie ein Vorstandsvorsitzender ins Mikrofon: „Wir gehören alle dazu. Ist doch egal, ob einer im vierten Stock sitzt oder im Keller wie ich.“ Bremen feierte einen Titel, den es offiziell gar nicht gibt, der aber greifbar gemacht hat, was vor dieser Saison als undenkbar galt – die vierte Meisterschaft für den kleinen, feinen SV Werder. Und womöglich ist es diese Aussicht, die auch bei dem – trotz des Bremer Familiensinns – oft spröden, ungeduldigen Publikum einen Wandel bewirkt hat. Er war während des Spiels auf den Rängen zu beobachten gewesen. Werder hatte nämlich nicht gut gespielt. Die Fans aber haben die vielen Fehlpässe und Ballverluste gegen die munteren Rostocker einfach ignoriert. Sie haben das Team immer wieder angefeuert, um aus einem grauen Alltagsereignis doch das ersehnte Fest zu machen.“

Ismaël-Late-Night-Show

Frank Heike (FAZ 18.12.) stellt uns Valérien Ismaël vor, Bremer Shooting-Star: „Neuerdings ist beim SV Werder Bremen auch Valérien Ismaël für die Show zuständig. Am Dienstag schlüpfte der Verteidiger aus Frankreich gleich in drei Rollen: Zuerst gab er das Ekel, dann den Weihnachtsmann, dann den Staatslenker. Die Ismaël-Late-Night-Show, im Gegensatz zu anderen Unterhaltungsprogrammen nicht von Kreativpausen bedroht, begann schon nach ein paar Minuten. Da hatte sich der 28 Jahre alte Bremer Verteidiger den Rostocker Rade Prica ausgeschaut. Ismaël schubste, drängelte, redete auf Prica ein – die hohe Schule der Einschüchterung. Fortan brachte Prica kein Bein mehr auf den Boden. Ismaël ist derart selbstbewußt, daß er so oder ähnlich mit jedem Gegner verfährt. Dieser Mann, der in allen französischen Auswahlteams mit Ausnahme der A-Mannschaft gespielt hat, bringt Bremen weiter. Kurz vor Ende wurde Ismaël der Vorstellung zum Weihnachtsmann. Nachdem er mit dem Kopf zum 2:0 getroffen hatte, lief er zur Bank, schnappte sich eine rote Mütze, setzte sie auf und formte mit den Armen Herzen in Richtung Publikum: Fröhliche Weihnachten! Später zog er sich noch wie alle anderen Bremer einen roten Mantel mit der Aufschrift Frohes Fest über und ging eine Ehrenrunde. Deutscher Meister wird nur der SVW, dröhnte es von der Tribüne. Halbzeitmeister sind sie ja schon, und das liegt vor allem an Typen wie Ismaël. Er ist ein unerschrockener Anführer auf dem Platz und gibt längst die Kommandos in der Abwehr. Warum das so ist, zeigte sich nach dem Spiel. Ruhig, sonor, in bestem Deutsch, gab Ismaël den souveränen Fußball-Staatsmann.“

Jan Christian Müller (FR 18.12.) beschreibt den Unterschied: “Eines Tages im Mai ‚99 standen sich zwei Traditionsclubs als Fußballzwerge auf Augenhöhe gegenüber. Werder Bremen verlor seinerzeit 1:2 gegen Eintracht Frankfurt. Einen Tag später trennten sich die Bremer von Felix Magath und beförderten Thomas Schaaf vom Amateurtrainer zum Chefcoach. Schaaf schaffte mit Werder den Klassenerhalt, genau wie Jörg Berger in wundersamer Weise mit der Frankfurter Eintracht. Im Dezember 2003 steht Werder Bremen auf Platz eins und Eintracht Frankfurt auf Rang 18. An der Weser hat sich die Führungsmannschaft zwar ein Paar mal gehäutet (und verdient in einer Kommanditgesellschaft auf Aktien längst gutes Geld), ist aber bis auf einen wichtigen Neuzugang, den anfangs viel kritisierten Sportdirektor Klaus Allofs, unverändert zusammen geblieben. Am Main sind seitdem siebte Trainer, sechs Aufsichtsratschefs, sieben Präsidenten/Vorstandschefs und fünf Sportmanager ins Amt gehoben worden.“

SC Freiburg – Bayern München 0:6

Das war Fußball zum Verlieben

Peter Penders (FAZ 18.12.) stellt fest, dass die Bayern sportlich antworten – und nur sportlich: „Irgendwie schien selbst die Bayern dieses Ergebnis und dieses Spiel zu überraschen, das so ganz anders als erwartet ausgegangen war. Die meisten waren gekommen, um etwas ganz Besonderes zu sehen, und die Vorzeichen standen ja günstig: Der spielerisch zuletzt wenig einfallsreiche Meister beim zu Hause zuweilen beeindruckend auftrumpfen Aufsteiger SC Freiburg: Da wäre eine Blamage des Rekordmeisters im Dreisamstadion nicht einmal mehr eine Sensation gewesen. Immerhin, die 25 000 Zuschauer sahen auch etwas Besonderes. Es gehört zu den Eigenarten des FC Bayern, nach mäßigen Darbietungen so daherzureden, als stünde der Gewinn der Champions League unmittelbar bevor, und dafür im Gegenzug nach sehenswerten Vorstellungen die eigene Leistung mehr oder weniger unbeeindruckt hinzunehmen. Auch so etwas soll wohl Stärke ausdrücken. Kommentare gab es folgerichtig keine, was aber weniger mit dem Gefühl der Hauptdarsteller zu tun hatte, gerade etwas ganz Normales erledigt zu haben. Die Bayern sind wegen der allseits harschen Kritik nach ihrem 1:0 über Stuttgart beleidigt, und mit dem Schweigen in Freiburg sollten wohl die Journalisten abgestraft werden. Allerdings gibt es Schlimmeres als einen stillen Fußballprofi, und wie immer fand ja der Manager die passenden Worte. Das war Fußball zum Verlieben fand Hoeneß, und ein bißchen war es sogar so.“

Philipp Selldorf (SZ 18.12.) gefällt Freiburger fröhliche Gelassenheit: „Es war ein kalter Abend im Dreisamstadion in Freiburg, und trotzdem begannen auf der südlichen Stehtribüne immer mehr Zuschauer, sich auszuziehen. Erst waren es nur ein paar, dann folgten ihre Nebenmänner, und schließlich stand der halbe Block oben ohne da. Dieses um sich greifende Entkleiden, das während der zweiten Halbzeit auf den Rängen im Rücken des Freiburger Torwarts Richard Golz geschah – begleitet von nicht endendem Trommeln und Murmelgesang –, erinnerte an einen ursprünglichen afrikanischen Ritus, an einen hypnotischen Massenrausch. Man hätte die Szenerie auch für eine dieser künstlerischen Performances halten können, aber die schlüssigste Erklärung ist wohl die, dass dieses 0:6 die Leute verrückt gemacht hat. 0:6 hört sich nicht nur vernichtend an, es sah auch so aus für die Fans des Sportclub Freiburg. Nach Hause trugen sie den Eindruck, dass ihre Mannschaft binnen 90 Minuten vom seriösen Bundesligateam zur Landesligaelf geschrumpft wäre, und nur dem sanften Gemüt dieser Menschen ist es zu danken, dass es nicht zu den ligaweit üblichen Geschreiprotesten kam. In dieser trotz der Rekordniederlage immer noch entspannten Atmosphäre verzichtete auch Volker Finke auf Heftigkeiten, der Trainer begnügte sich mit einem lächelnd vorgetragenen „das hat weh getan“. Kenner meinten allerdings, dass er innerlich vor Wut glühe.“

1. FC Köln – Hertha BSC Berlin 3:0

Stefan Hermanns (Tsp 18.12.) resümiert die Berliner Hinrunde: „Geschichte ist im Grunde nichts anderes als rückwärtsgewandte Prophetie. Und was damit gemeint ist, erfährt man im Stadionheft zu Herthas erstem Heimspiel dieser Saison. Da geht es um die Ziele für das kommende Jahr. Von europäischem Fußball ist die Rede, von der Champions League, gar von der Meisterschaft. Die optimistischen Aussagen stammen nicht von Herthas Spielern, nicht von der Vereinsführung und auch nicht von den Fans. Die Zuversicht wird von den Vertretern der Berliner Medien verbreitet. Keiner der befragten Journalisten hat Hertha ein schlechteres Abschneiden als Platz vier zugetraut. Im Sommer war mal wieder viel Euphorie in der großen Stadt. Die Champions League musste einfach das natürliche Ziel für diese Hertha sein. Heute weiß man, dass die Argumentation auf zwei falschen Annahmen basierte: darauf, dass 1. die letztjährige Mannschaft gut war und dass 2. die drei Neuen – Bobic, Kovac und Wichniarek – den Kader noch verstärken. Schon in der vorigen Saison hat sich Hertha vor allem dank der Schwäche der Konkurrenz in den Uefa-Cup geschummelt. Viel schlimmer aber war die Fehleinschätzung bei den Fähigkeiten der Neuzugänge. Selten war die Hoffnung, die sich mit der Verpflichtung neuer Spieler verband, größer; selten ist sie so jäh enttäuscht worden. Herthas Situation ist auch deshalb so dramatisch, weil die Verantwortlichen vieles richtig gemacht haben: Die Mannschaft hat unter Jürgen Röber an den großen Zielen gekratzt, beim letzten Angriff aber immer versagt. Also hat Manager Dieter Hoeneß mit Huub Stevens einen Trainer geholt, der mit der Qualifikation kam, Titel holen zu können. Die Mannschaft hat sich von außen unter Druck gesetzt gefühlt. Also durfte sie ihr Saisonziel selbst bestimmen. Die Mannschaft war zu brav. Also hat Hoeneß drei Spieler geholt, die den Charakter der Gruppe verändern sollten. Dass sich all diese schönen Vorstellungen nicht haben verwirklichen lassen, erklärt Herthas momentane Ratlosigkeit.“

Der Tagesspiegel hat die Sprechchöre Berliner Fans notiert: „Ihr seid Millionäre, und ihr habt keene Ehre, ihr habt kleene Beene und Tore schießt ihr keene – He, Berliner Sportclub…“ (nach der Melodie von Pippi Langstrumpf)

Köln gilt fast schon als wundergeheilt

Bernd Müllender (FTD 18.12.) vermutet Köln einen Schritt vor der Euphorie: „35 000 sangen lateinsicher ihr „Viva Colonia“, inbrünstig wie lange nicht mehr. Mit dem ersten Sieg unter dem Schweizer Trainer Marcel Koller hat der FC den letzten Tabellenplatz verlassen. Da wird der Kölner gleich euphorisch. Nur noch 12 Punkte bis zum Uefa-Cup. Nach der Pokalschlappe gegen Fürth hatte der „Express“ noch gefragt: „Ist der FC eine Krankheit?“ Jetzt gilt Köln fast schon als wundergeheilt. Anders als die Hertha. Deren Manager Dieter Hoeneß stand aschfahl in den Katakomben und sagte, dass er nichts weiter sagen wolle. Andreas Thom, sein Übergangscoach, gab die lebloseste Trainer-Performance der Hinrunde: Es sei „dit Schlimmste jekommen, was vorstellbar ist.“ Ein persönliches Fazit? „Hätt‘ mir mehr Punkte jewünscht.“ Was wird nach der Winterpause sein? Darüber habe er sich „übahaupt noch keene Jedanken jemacht“. Und Abgang. Thom hat austrainert, kein Zweifel. Vielleicht wird Christian Gross vom FC Basel sein Nachfolger, Schweizer wie FC-Heiler Koller. Gross saß am Dienstag immerhin auf der Tribüne. Die Berliner spielten 90 Minuten lang unfähig und lustlos. Lustig wurde es nur für die Kölner – etwa kurz vor dem 0:3. Da war Herthas Keeper Gabor Kiraly sinnfrei im Strafraum herumgehopst wie ein Teletubby.“

Stefan Hermanns Klaus Rocca (Tsp 18.12.) schildern das Tor zum 3:0 aus Berliner Sicht: „Wenn man die grausame Hinrunde in einer Szene zusammenfassen wollte, könnte man das dritte Tor nehmen, das die Kölner am Mittwochabend erzielt haben: Herthas Torhüter Gabor Kiraly eilte bei einem Einwurf der Kölner an die Strafraumgrenze, versuchte dort vergeblich mit der Motorik eines Hampelmannes Matthias Scherz am Kopfball zu hindern, Niko Kovac drückte den Ball bei seiner Rettungsaktion gegen den Pfosten, von dort sprang er noch einmal gegen Kovac’ Körper und schließlich ins Tor. Ein bisschen Pech war auch dabei, aber vor allem Unvermögen und Selbstüberschätzung.“

Eintracht Frankfurt – Hamburger SV 2:3

Ingo Durstewitz Thomas Kilchenstein (FR 18.12.) ärgern sich über beide Trainer: „In den letzten Minuten des hitzigen Nachspiels ist der graue Lockenkopf sentimental geworden (hat er steif und fest behauptet). HSV-Trainer Klaus Toppmöller schwärmt von seiner großen alten Liebe, der Eintracht, schmückt und malt aus, fabuliert von Fußball 2000 im Jahr 1993: Eine Topmannschaft, Fußball pur, Spielfreude und Technik vom Allerfeinsten. Wenn man jetzt diesen Fußball-Tempel sieht, der hier entsteht, dann sehnt man sich nach dem Team von damals zurück. Ach ja! Der Stoßseufzer fehlt. Pause, Nachsatz: Die Eintracht von heute hat mit der von damals nichts mehr gemein. Willi Reimann, zwei Stühle weiter, nippt am Wasserglas, rümpft die Nase und zieht die Augenbrauen hoch. Unruhe macht sich breit im vollgestopften Presseraum, einer raunt ho-ho (so nach dem Motto: Starker Tobak, Toppi, erst drei Punkte klauen und dann noch nachtreten). Toppmöller knickt ein, hämmert im Stakkato ein paar Nettigkeiten raus: Der Willi hat es schwer, der Aufstieg war ja mehr ein Betriebsunfall, aber: die Eintracht hat noch alle Chancen, sie gehört in die Bundesliga, ich drücke alle Daumen. . Es war ein bemerkenswerter Nachklapp eines merkwürdigen Spiels, das irgendwie symptomatisch und sinnbildlich war für diese verkorkste Hinrunde von Eintracht Frankfurt. Erst schläfrig (0:1, 0:2), dann hellwach (1:2, 2:2), schließlich trocken und knallhart ausgeknockt (2:3, Elfer versemmelt). Nicht selten steht am Ende dann der Sturz in die tiefere Klasse. Dass der hessische Frischling gegen den HSV den Kürzeren gezogen hat, muss Reimann ein gutes Stück verantworten, denn der Trainer hat ohne Not das System verändert (Libero statt Viererkette, zu defensiv), das der Eintracht zu der Stabilität verholfen hatte, um zuletzt fünf Partien überzeugend zu bestreiten. Begründung: Gegen kopfballstarke Hamburger habe er kopfballstarke Frankfurter stellen müssen. Das hatte zur Folge, dass sie kopflos und konfus auftraten, nur reagierten und sich fast pausenlos einer Hamburger Umklammerung ausgesetzt sahen. Es wirkte fast wie eines der Spiele zu Beginn der Saison, als die Profis ohne Glauben und Zutrauen werkelten, wie hasenfüßige Duckmäuser. Am Dienstag schüttelten die Spieler, die schon einmal gegen den Trainer aufbegehrten (nach dem Desaster in Bremen), über des Trainers Marschroute den Kopf und monierten die ausgegebene Taktik – freilich nur hinter vorgehaltener Hand.“

morgen auf indirekter-freistoss: 17. Spieltag, Teil 2

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Ballschrank

Effektivität ist mir lieber als Schönheit

VfB Stuttgart – Borussia Dortmund 1:0

Roland Zorn (FAZ 22.9.) analysiert den nüchternen Stuttgarter Erfolgs-Stil: „Die jungen Wilden aus der vorigen Saison präsentieren sich längst nicht mehr so angriffslustig wie im Jahr des Aufbruchs an die Spitze. Sechs Spiele, sechs Tore, null Gegentreffer, 14 Punkte – das ist eine Bilanz, die vor allem dem Schachspieler, Pokerface und Kosten-Nutzen-Rechner Magath Laune macht. Der Unterfranke, der einst im Dreß des Hamburger SV bei Branco Zebec lernte, wieviel Lohn Disziplin und die Besinnung auf das Wesentliche im Fußball abwerfen können, bekannte sich zum neuen Stil des VfB: Effektivität ist mir lieber als Schönheit, denn der Erfolg bleibt letztlich die Meßlatte. Und außerdem will doch in Stuttgart niemand mehr Zweiter werden. Den Zusatz hatte Magath ironisch gemeint, doch längst wissen auch die Münchner Bayern, daß ihnen im deutschen Südwesten allmählich ein veritabler Gegenspieler erwächst. Während der Titelverteidiger auf der langen Bundesliga-Rallye derzeit Punkte liegenläßt, sammeln die Stuttgarter mit einem oft schmucklos ausschauenden Fußball ein Guthaben an, das sich noch verzinsen könnte. Timo Hildebrand, der seit 645 Bundesliga-Minuten nicht mehr von einem Gegentor in die Bredouille gebrachte Torhüter, mußte am Samstag nur eine Flanke abfangen, um seinen Vereinsrekord auszubauen und nebenbei Rang drei der ewigen Bestenliste in der Liga zu erklimmen. Angesprochen auf die inzwischen geduldige, abwartende, lauernde Spielweise des VfB, sagte der Schlußmann: Die Bayern spielen schon seit Jahren so. Meister zu werden, wünscht man sich immer. Dafür spielt man Fußball.Manchmal reicht sogar ein Durchschnittskick gegen einen Mitfavoriten, um danach große Ziele ins Auge fassen zu können. So war es am Samstag, als Borussia Dortmund, der Champion von 2002, beim Stuttgarter Sieg dem VfB nicht weiter im Wege stehen wollte. Seit elf Auswärtsspielen hat der BVB auf Reisen nichts mehr gewonnen. Am Samstag erreichten die im hochsommerlich bestrahlten Daimler-Stadion ausgebrannt anmutenden Westfalen den vorläufigen Tiefpunkt ihrer Selbstbescheidung, zu Besuch bei der Konkurrenz bloß keine höheren Ansprüche geltend zu machen. Daß hier die am zweithöchsten dotierte Bundesliga-Mannschaft um wichtige Punkte kämpfen wollte, blieb neunzig Minuten lang unsichtbar.“

Effektivitätstheorie

Peter Heß (FAZ 22.9.) fügt hinzu: „Ja, ja, eine Tabellenführung bedeutet noch nicht viel nach sechs Spieltagen. Sicher, im Fußball kann viel passieren. Natürlich, das Pech lauert in der Bundesliga hinter jeder Ecke. Aber die Erfolgsserie des VfB Stuttgart wird von einer Basis getragen, die auf ein langes Haltbarkeitsdatum schließen läßt. Das Allerwichtigste: Die sportliche Substanz stimmt. Mit Kuranyi und Hleb stehen die aufsehenerregendsten jungen Spieler der Liga in den Reihen des VfB. Mit Soldo hat die Mannschaft einen unumstrittenen Chef auf dem Platz, und der Rest fügt sich diszipliniert in die strategischen Planspiele von Trainer Magath. Dies führt zum nächsten, entscheidenden Punkt: zu der sportlichen Leitung. Alles hört auf Alleinherrscher Magath, eine klarere Hierarchie kann man sich nicht denken. Solange der Trainer in der Einsamkeit seiner Macht die Bodenhaftung behält, wird sich keine Opposition regen. Paradiesische Zustände, von denen selbst Koryphäen wie Hitzfeld und Sammer nur träumen können. Bayern München und Borussia Dortmund verfügen zwar über die besseren Einzelspieler, aber Magath nutzt seine Sonderstellung in Stuttgart konsequent. Er hat eine Mannschaft geformt, deren Stärke höher zu bewerten ist als die Summe der Einzelleistungen der Spieler. 14 Punkte, 6:0 Tore lautet die Zwischenbilanz, die alles verrät. Wie verhält sich der Aufwand zum Ertrag? Schachspieler Magath unterwirft ein Fußballspiel der Effektivitätstheorie. Und die lautet ganz einfach: Je weniger Gegentore ich hinnehme, desto weniger Treffer muß ich erzielen, um zu siegen. Es ist interessant, wie schnell die jungen Spieler das verinnerlicht haben. In der vergangenen Saison verrannten sich die Stuttgarter noch so manches Mal in ihrem jugendlichen Drang.“

Kommerz mit Herz

Jan Christian Müller (FR 22.9.) kritisiert die Dortmunder Führung: “Als sie sich dazu entschieden, Fußballerbeine und Stadionsteine an der Börse feil zu bieten, haben sie sich beim Ballspielverein Borussia Dortmund einen wunderschönen Slogan ausgedacht: Kommerz mit Herz. Die Unternehmensphilosophie ist bewusst schlicht gehalten, damit sie auch ganz oben auf der Südtribüne noch kapiert wird. Denn es war ja nicht nur ein erhebliches wirtschaftliches Risiko, fett in Fußballerwaden zu investieren, um den Bayern an der nationalen Spitze mit langem Atem auf den Leib zu rücken. Natürlich fürchteten die findigen Macher des westfälischen Fußball-Unternehmens, dass der Geist vom Borsigplatz durch das Prinzip des Geldanschaffens an der Börse zerstört werden könnte. Mit allergrößtem Einfühlungsvermögen wurden die Kuttenträger auf Kurs gebracht und akzeptierten bald, dass eine hohe Investitionsbereitschaft seitens der Clubführung in der Regel sportliche Erfolge nach sich zieht. Nun droht das filigrane Gebilde zu zerbrechen. Ein erklecklicher Teil der Anhängerschaft tut seine Meinung mit dem Hosenboden auf der Straße kund, blockiert die Abfahrt des Mannschaftsbusses und lässt die Verantwortlichen somit wissen, dass Kommerz und Herz sich derzeit nicht mehr die Waage halten. Die Unternehmensphilosophie hat Schlagseite. Einerseits, weil die Profis auf dem Fußballplatz zu wenig Herz zeigen, andererseits aber auch, weil die Clubführung um den Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH Co. KG auf Aktien, Michael Meier, die öffentliche Diskussion mit dem völlig falschen Kommerz-Thema besetzt hat. Über Steuererleichterungen für Fußballprofis, die in der Spitze brutto in einer Saison doppelt so viel verdienen wie ein Stahlkocher bei Thyssen-Krupp in seinem ganzen Leben, lässt sich keine Debatte führen, die nicht auch eine Debatte über Moral ist.“

Martin Hägele (FR 22.9.) kommentiert den Protest der BVB-Fans: „Matthias Sammer hatte die Höchststrafe über sein Team verhängt. Er schwieg es einfach tot. Wie Kinder das tun, wenn sie der beste Freund enttäuscht oder verraten hat. Ich kann zu meiner Mannschaft nichts sagen, weil ich nichts gesehen habe.“ Vielleicht ahnte er, dass sich vorm Daimler-Stadion ein Prozess zusammenbraute, der weit mehr bewirken könnte als die Schmährede oder ein Tobsuchtsanfall des Chefs in der Kabine. Mit den Worten Matthias, du bist ’ne ehrliche Sau, aber schick uns mal die Versager raus, empfing ihn draußen ein Sprecher jener gelb-schwarzen Fan-Brigade, die mit einem Sitzstreik die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockierte. Die Bilder von diesem modernen Tribunal sind auf allen Fernseh-Kanälen geflimmert. Es waren groteske Szenen, mit einer Jury aus Kuttenträgern, vielen jugendlichen Menschen in Trikots, T-Shirts, Jeans und Turnschuhen, 250 Mann und fast alle auf dem Boden. Stehend die Angeklagten in dunklen Clubanzügen mit weißen Hemden und Vereinskrawatten, von denen die meisten nicht wussten, was sie mit ihren Händen tun sollten. In solchen Momenten hilft es, wenn man sich an einem Kulturbeutel festhalten oder wie der alte Kapitän Stefan Reuter die Stimmung an der Basis ablesen kann. Der hat als erster gemerkt, dass hinter dem Protest und den Parolen (wir arbeiten für unser Geld – und was gebt ihr uns zurück?) trotz allem noch viel Zuneigung steckt. Eine dreiviertel Stunde lang standen die Herren Millionäre mit gesenkten Köpfen da und mussten sich die Vorwürfe von unten anhören. Einige haben sich entschuldigt, ein paar haben auch davon gesprochen, dass sie sich schämten, und Manager Zorc hat den harten Kern der BVB-Freunde sogar gelobt dafür, dass sie diese dritte Halbzeit und die öffentliche Debatte im Daimler-Stadion erzwungen hatte. Ich finde es gut, dass die Mannschaft euren Unmut spürt, das kann ihr in der Zukunft helfen. Nach diesem Schlusswort wurde die Zufahrt zur Mercedesstraße freigegeben, es dauerte allerdings noch eine Weile, bevor sich die Blockade endgültig auflöste. Weil nun die Autogramme der Versager gefragt waren.“

Freddie Röckenhaus (SZ 22.9.) ergänzt: „In den friedvollen Sonntagmorgen am Rabenloh, dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund, mischten sich Vokabeln, die man aus der Geschichte des gewaltlosen Widerstands kennt: BVB-Manager Michael Meier schwärmte vom zivilisierten, zivilen Ungehorsam, erinnerte an seine eigenen Studenten-Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen bei den Kölner Verkehrsbetrieben und zitierte Gandhi, Christian Wörns sprach von einer „Blockadesituation in den Köpfen“, Sportdirektor Michael Zorc begrüßte, „dass die Spieler das mal ohne Filter von den Fans gehört haben“. Und selbst der in der Montagsdemo-geprüften DDR aufgewachsene Matthias Sammer konnte sich an Protest solcher Art nicht erinnern, fand aber, dass „die Leute wohltuend sachlich und logisch argumentiert“ hätten. Dazu schien die Sonne, es duftete nach frischem Rasen, und alles war wie immer. Einen halben Tag nach der Sitzblockade von Stuttgart, bei der 200 bis 300 Fans den Mannschaftsbus fast zwei Stunden lang à la Mutlangen an der Abfahrt gehindert hatten, war der kleinste Konsens schnell erreicht: Niemand weiß, wie man noch mit der mysteriösen Auswärts-Katastrophe umgehen soll. „Du kannst sagen, was du willst,“ fasste Michael Zorc zusammen, „es geht bei der Mannschaft offenbar zum linken Ohr rein und zum rechten wieder raus.“ Nein, man sei auf keinen Fall „ohnmächtig“ – man wisse nur nicht mehr, was man noch versuchen solle. „Die Wende muss aus der Mannschaft selbst kommen.“ Die Aktion fand Christian Wörns in Anspielung auf die vielen nicht-deutschen Mannschaftskameraden, war „mal was Außergewöhnliches, wo du als Spieler nicht mal jedes Wort verstehen musst“. Den nach Stuttgart mitgereisten BVB-Fans war es kein Trost. Bei der elften sieglosen Auswärtspartie seit Dezember 2002 brachte es Dortmunds verletzungsgeschwächte Startruppe fertig, nicht ein einziges Mal auf das Tor von VfB-Keeper Timo Hildebrandt zu schießen. Hildebrandt musste lediglich einen verunglückten Flankenball abfangen. Nach dem Stuttgarter Tor durch Kevin Kuranyi wartete Dortmunds Anhang fast eine halbe Stunde lang vergebens auf irgendeine Reaktion.“

Bayern München – Bayer Leverkusen 3:3

Es könnte eine fruchtbare Zusammenarbeit werden

Daniel Pontzen (Tsp 22.9.) erklärt den Wandel von Bayer Leverkusen und den Einfluss Augenthalers: „Der ewig deprimierte Zweite scheint allmählich das Selbstbewusstsein des erfolgreichsten Bundesliga-Spielers aller Zeiten zu adaptieren. Das 3:3 war ein erster Beleg dafür, nachdem Augenthaler die frühen Saisonsiege als bloße Pflicht eingeordnet hatte. Endlich hatte Bayer die lähmende Ehrfurcht vor dem Rivalen abgelegt. „Die rennen da mit dem Autogrammblock rum, um eine Unterschrift von Matthäus zu bekommen“, hatte Geschäftsführer Reiner Calmund nach einer der ernüchternden Dienstreisen gezischt, bei denen Bayer so verlässlich versagte, dass Calmund schon das Stadionheft hätte mitnehmen müssen, um München nicht mit leeren Händen zu verlassen. Doch diesmal holten sie nicht nur den ersten Punkt seit einem Jahrzehnt, sie traten von Beginn an auf, als würde nach Abpfiff der Meister gekürt (…) Nun den Titelkampf für eröffnet zu erklären, wie es womöglich einigen seiner Vorgänger passiert wäre, kommt für Augenthaler nicht in Frage. „Der Auge hat mit seiner bayerischen Ruhe und Fachkompetenz genau das bei uns reingebracht, was wir brauchen“, sagt Calmund, der registriert hat, dass sich die in den Wirren des Abstiegskampfes gefundene Eillösung als zukunftsträchtiges Modell entpuppt. Es könnte eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit werden. Wie ernst Augenthaler die Sache ist, zeigt der geplante Umzug seiner Familie nach Leverkusen. Die ersten 45 Jahre seines Lebens hat Augenthaler in bayerischer Vorstadtidylle verbracht, selbst nach Graz und Nürnberg, seinen ersten Stationen als Trainer, ist er gependelt. Augenthaler weiß die Vorzüge Münchens zu schätzen. Seit Sonnabend gilt das auch für den Rest seines Vereins.“

Die Dramaturgie genügte höchsten Ansprüchen

Detlef Dresslein (FAZ 22.9.) ist vom Spiel begeistert: „Keiner gewonnen, alle zufrieden – im Verdrängungswettbewerb Fußball-Bundesliga kommen solche Spiele selten vor. Das 3:3 des FC Bayern München gegen Bayer Leverkusen machte alle Liebhaber des Fußballsports froh. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern AG, sprach für sie, als er meinte, ein außergewöhnlich gutes Fußballspiel gesehen zu haben. Bayer-Trainer Klaus Augenthaler fragte gar: Fußballherz, was willst du mehr? Die Dramaturgie genügte höchsten Ansprüchen, verlief (aus Bayern-Sicht) so: Rückstand, Ausgleich, Elfmeter verschossen, Rückstand, Rote Karte kassiert, zu zehnt ausgeglichen und in Führung gegangen, Ausgleich. Sechs Tore, viel Spannung, so konnten Fans und Verantwortliche beider Teams genug Positives finden, um den angebrochenen Tag ohne Kummer auf dem soeben eröffneten Oktoberfest fortzusetzen. Die Leverkusener hatten die letzten neun Spiele in München verloren und dabei stets erbarmungswürdige Darbietungen geliefert, selbst wenn sie als Tabellenführer angereist waren. Diesmal war alles anders, vielleicht auch deshalb, weil ihr Trainer Augenthaler mehr als zwanzig Jahre lang beim FC Bayern fußballerisch sozialisiert wurde.“

Marc Schürmann (FTD 22.9.) fügt hinzu: „Das war ein traumhaftes Fußballspiel, mit blassblauem Himmel und warmer Luft und Luftballons in Bierkrugform und oktoberfestlich heiteren Zuschauern, mit einer Marschkapelle aus Pfaffenhofen und sechs Toren; dazu eine rote Karte und ein verschossener Elfmeter, und lustig war’s auch noch, denn Oliver Kahn sah hinter seinem schwarzen Stirnband aus wie eine Aerobic-Trainerin mit zu viel Testosteron. Ob Kahn in einer anderen Verfassung die Leverkusener Tore verhindert hätte? Beide Mannschaften hatten mit famosen Weitschüssen viel Glück. „Fußballherz, was willst du mehr?“, fragte Leverkusens Trainer Klaus Augenthaler. Für den ist die Zeit nun wohl vorbei, in der er sich auf Bayers Schmach der vergangenen Saison ausruhen konnte. Bei einer Niederlage in München hätten sich die Leverkusener weiter hinten eingereiht – jetzt gelten sie wieder als Spitzenmannschaft. Aber den Preis dieses neuen Erwartungsdrucks wird Augenthaler gern zahlen, denn natürlich war dieser Auftritt bei den Bayern ein besonderer, dort, wo er selbst so oft gespielt hat. Augenthalers Ehrgeiz ist sicher groß. Das Unentschieden schien ihm schließlich „ein gerechtes Ergebnis“. In der Tat war die Fehlerquote ebenso ausgeglichen wie die Fußballkunst.“

1. FC Köln – VfL Wolfsburg 2:3

Milan Pavlovic (SZ 22.9.) sah ein offenes Spiel: “Deutschland ist süchtig nach unverbrauchten Show-Formaten, und unverhofft haben die Akteure des 1. FC Köln und VfL Wolfsburg eine spannende Idee geliefert: Die Bundesliga sucht den naivsten Fußballer. Das klingt gemeiner als es gemeint ist, Naivität kann ja auch kunstvoll sein. Henri Rousseau etwa, der wohl berühmteste naive Maler des 19. Jahrhunderts, wurde gelobt, seine Arbeit sei kindlich und märchenhaft, und er habe uns „bunte exotische Eindrücke“ hinterlassen. Die Profis in dem von Licht durchfluteten Stadion schienen denn auch ein Plädoyer für Fußball à la Rousseau liefern zu wollen. Das Ergebnis (2:3) gibt nur unzureichend wieder, was auf dem Platz passiert war. Das Spiel hätte 9:5 oder 6:11 ausgehen können, und so viele Großchancen wie in diesen 93 Minuten (27) wird es anderswo wohl in der ganzen Saison nicht geben (…) Die traurige Wahrheit über den 1. FC Köln lautet: So ansehnlich die Mannschaft in dieser Saison nach vorne spielt, so mitreißend sie von Andrej Woronin angetrieben wird, so unzulänglich ist die Abwehrarbeit.“

Jörg Stratmann (FAZ 22.9.): „Die Last, die Fußballtrainer an der Außenlinie bewältigen müssen, wird oft unterschätzt. Natürlich wissen wir, daß sie leiden, wenn die Profis nicht so spuren wie abgesprochen. Und nicht jeder kann den Streß so kanalisieren wie der Wolfsburger Jürgen Röber. Der läßt die Wut schon mal am Mobiliar aus. Daran hat man sich gewöhnt. Sein Kollege Friedhelm Funkel vom 1. FC Köln dagegen erlebte am Samstag eine völlig neue Zumutung. Nachdem er seine Stimme erhoben hatte gegen Entscheidungen des Schiedsrichters Markus Schmidt, sah sich Funkel vom mißtrauischen vierten Schiedsrichter Matthias Anklam in Manndeckung genommen – und so traute er sich kaum noch, mit gewohnter Wortgewalt dagegen anzukämpfen, daß seine Mannschaft den Wolfsburgern 2:3 unterlag. Anschließend hatte sich zumindest Röber schnell wieder in der Gewalt. Nur noch die strapazierten Stimmbänder erinnerten an das unnötige Auf und Ab, mit dem sein spielerisch besseres Team nach schneller 2:0-Führung den Sieg fast noch aus der Hand gegeben hätte.“

Werder Bremen – 1860 München 2:1

Wie eine Flipperkugel

Zur Bedeutung des knappen Bremer Siegs liest man von Frank Heike (FAZ 22.9.): „Manchmal ist ein sogenannter Arbeitssieg mehr wert als ein 4:0. Er gibt nämlich Hinweise darauf, daß eine Mannschaft bereit ist, sich auch einmal durch ein Spiel gegen einen unangenehmen, gleichwertigen Gegner zu quälen. Daß sie nicht die Geduld verliert, wenn es nicht von Anfang an vorzüglich läuft und auch nach überraschenden Gegentreffern konzentriert weiterspielt. Diese Qualitäten zeigte der SV Werder Bremen beim 2:1 gegen den TSV München 1860. Zunächst war der Fußball vor 32 000 Zuschauern im Weserstadion wie eine Flipperkugel durchs dichtbesetzte, von den Münchnern passabel zugestellte Mittelfeld gesprungen. Die ersten Pfiffe kamen nach 26 Minuten. Dann vergab Ailton drei große Chancen kurz vor der Pause. Nach seinem 1:0 aus elf Metern in der 48. Minute dann – Torben Hoffmann hatte Angelos Charisteas gefoult – wurden die Bundesligaprofis von Werder aber nicht sicherer, sondern fahriger; sie ließen Andreas Görlitz von rechts flanken und Markus Schroth in der Mitte zum Ausgleich treffen. Derselbe Spieler hätte nach einem Fehler von Andreas Reinke im Bremer Tor die Führung für die Löwen erzielen müssen. Das tat er aber nicht. Statt dessen raffte sich der im zweiten Durchgang starke Johan Micoud trotz seines kaum ausgeheilten Rippenbruchs auf und schaffte nach einem schönen Lauf vorbei an Hoffmann und Wiesinger das 2:1. Mehr gab es nicht zu sehen im Weserstadion, wo sonst manchmal der schönste Fußball der Liga gespielt wird, das in den vergangenen beiden Rückserien aber zum Selbstbedienungsladen für die vermeintlich Kleinen der Liga verkommen war.“

Hannover 96 – Borussia Mönchengladbach 2:0

Richard Leipold (FAZ 22.9.) berichtet die Entlassung Lienens: “Borussia Mönchengladbach trug am Sonntag mit dem ersten Trainerwechsel der jungen Saison am meisten dazu bei, daß es nicht langweilig wird in der Fußball-Bundesliga. Knapp vierundzwanzig Stunden nach der Niederlage in Hannover entließ der rheinische Traditionsverein seinen Cheftrainer Ewald Lienen und ernannte Holger Fach zu dessen Nachfolger. Die Entscheidung für Fach war am Sonntag vormittag gefallen. Wir haben uns gemeinsam entschieden, diesen Wechsel vorzunehmen und die Reißleine zu ziehen, sagte Vereinspräsident Adalbert Jordan, der sich zuvor mit seinen Präsidiumskollegen und Sportdirektor Christian Hochstätter abgestimmt hatte. Der Vorstand sei davon überzeugt, eine sehr gute Lösung gefunden zu haben. Fach sei ein analytisch und logisch denkender Trainer. Der Fußball-Lehrer, der noch keine Erstligamannschaft trainiert hat, erhielt einen Vertrag bis zum Ende der Saison. Er wird an diesem Montagmorgen zum erstenmal das Training am Bökelberg leiten. Der ursprünglich vorgesehene freie Tag wurden den zuletzt erfolglosen Profis gestrichen. Über seine Arbeitsweise sagte Fach, er sei kein Trainer, der sich über Systeme auslasse. Den Fans sei letztlich egal, wie die Mannschaft spiele, ob modern oder unmodern. Man müsse nur wieder Erfolg haben. Er wolle aber attraktiven Fußball anbieten, soweit die Qualität der Mannschaft es zulasse. Lienen bekam bei einem Treffen in einem Mönchengladbacher Hotel mitgeteilt, daß er ab sofort von seinen Aufgaben freigestellt sei. Er habe die Nachricht enttäuscht, aber professionell aufgenommen, verlautete aus dem Präsidium. Obwohl er die Borussia in der vergangenen Saison vor dem Abstieg gerettet hatte, endete Lienens Dienstzeit am Bökelberg nach nicht einmal sieben Monaten. Lienen war am 4. März als Nachfolger Hans Meyers verpflichtet worden. Die Verantwortlichen des Klubs haben ihm nicht mehr zugetraut, die vor Saisonbeginn formulierten Ziele zu erreichen.“

VfL Bochum – Hertha Berlin 2:2

Danke dafür

Christoph Biermann (SZ 22.9.) sah starke Gäste: „Huub Stevens war in den Mannschaftsbus von Hertha BSC verschwunden und starrte von seinem Platz aus auf einen unbestimmten Punkt in die Ferne. Wenige Schritte entfernt, jenseits eines Absperrgitters, forderten zwei Dutzend Fans aus Berlin unablässig seinen Rauswurf und teilten ihm mit: „Wir sind Herthaner und du nicht.“ Noch waren nicht alle Spieler eingetrudelt, noch konnte der Bus nicht abfahren und noch gaben die Krakeeler keine Ruhe, als Stevens wie eine Muräne aus dem Bus nach draußen vorstieß. Dort tippte der Trainer einem Berliner Journalisten auf die Schulter, sagte mit verzerrtem Grinsen „Danke dafür“, und deutete auf seine grölenden Kritiker. Dann schoss Stevens so schnell wie er gekommen war wieder in den Bus zurück und starrte weiter geradeaus. Vor seinem geistigen Auge mochte auch die Szene wenige Minuten nach Abpfiff erscheinen, als er von seiner Trainerbank einige Schritte auf die Ecke im Ruhrstadion zugegangen war, wo die Berliner Fans standen, um ihnen mit den Händen über dem Kopf zu applaudieren. Doch aus der Ferne schallten ihm nur die schon vertrauten Rufe „Stevens raus“ entgegen. Das Verhältnis zwischen dem Coach und einem Teil der Fans von Hertha scheint inzwischen den Zustand der Neurose erreicht zu haben. „Fußballfans können das keine sein, oder sie haben ein anderes Spiel gesehen“, sagte Dieter Hoeneß bei seinen Moderationsversuchen am Bus. Das 2:2 der Berliner in Bochum, die dabei gezeigte Leistung und die Reaktionen des Publikums standen jedenfalls in nur sehr losem Zusammenhang.“

Richard Leipold (FAZ 22.9.) porträtiert den zweifachen Berliner Torschützen: „Mit seinem Auftritt in Bochum hat er sich wieder einmal zurückgemeldet. Neuendorf wurde schon oft durch Verletzungen zurückgeworfen. Doch seine Hartnäckigkeit zeichnet ihn aus, nicht nur auf dem Fußballplatz, auch gegenüber der Bürokratie. Neuendorf hat durchgesetzt, daß er in der Bundesliga offiziell als Spieler Zecke auflaufen und mit diesem Spitznamen auch die Nackenpartie seines Trikots beflocken darf. Seit er als Profi von Bayer Leverkusen bei einem Waldlauf von einer Zecke gebissen wurde, nennen ihn Freunde, Kollegen, Reporter so. Und es gefällt ihm. Aber er hat eine Weile kämpfen müssen für sein Namensrecht. Und dabei die Kreativität gezeigt, die ihm fehlt, um im offensiven Mittelfeld einen Ausnahmespieler wie den brasilianischen Ballkünstler Marcelinho auf Dauer gleichwertig zu ersetzen. Nachdem die Deutsche Fußball Liga seinen Antrag zunächst abgelehnt hatte, fragte Neuendorf, wo der Unterschied sei zu Marcelinho, der doch auch einen Künstlernamen führen dürfe. Das Einwohnermeldeamt der Liga riet ihm, bei den staatlichen Behörden einen Künstlernamen zu beantragen. Dort wurde ihm bedeutet, nur richtige Künstler hätten Anspruch auf so einen Namen. Seine Fußballkunst reichte den Beamten offenbar nicht aus. So nahm sich Neuendorf zwei Leinwände, bemalte sie mit geometrischen Figuren und versteigerte sie für einen guten Zweck. Der Künstler war geboren. Eines seiner Werke hängt inzwischen in der Redaktion einer seriösen Berliner Tageszeitung. Auch die Behörden und auch die Frankfurter Ligazentrale ließen sich von der Kunst überzeugen.“

SC Freiburg – FC Schalke 04 2:1

Zum Totlachen

Nina Klöckner (FTD 22.9.) ärgert sich über die Berichterstattung über Glieder, Schalker Neuzugang aus Österreich: „Eduard Glieder, 34-jähriger Österreicher. Allein das wirkt auf die Branche belustigend. Im ZDF-Sportstudio wunderten sie sich am Samstagabend, dass der Gast in Jeans und Sakko erschien. Und nicht in Lederhosen, Filzhut und Trachtenjanker. Schließlich ist er Österreicher und jeder in der Branche weiß doch, wie Österreicher sind. Langsam, schwer von Begriff, irgendwie anders. Das wird beim Glieder Edi nicht anders sein, auch wenn der Glieder Edi beispielsweise längst erklärt hat, dass ihn in Österreich kein Mensch Glieder Edi nennt, sondern Edi Glieder. Vor- und Nachnamen vertauscht man nur in Bayern. Jetzt nennen sie ihn Alpen-Cobra, in Anlehnung an den ehemaligen Stürmer Jürgen Wegmann, der durch seine Tore berühmt wurde, aber auch durch seine Weisheiten. „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“ Immerhin analysierte Edi Glieder seinen ersten 90-minütigen Einsatz im Schalker Trikot mit dem Satz: „Ich habe einige gute Chancen vorgefunden.“ Nicht schlecht für einen, der das Fußballspielen beim SC St. Margarethen gelernt hat und den die Schalker bei einem Klub mit dem lustigen Namen SV Pasching oder SV Superfund entdeckt haben. Wahrscheinlich isst der Edi Glieder morgens zum Klang von Alpenhörnern eine Riesenportion Kaiserschmarren. Bevor er mit seinem uruguayischen Kollegen Gustavo Varela im Training das Toreschießen übt. Dessen Heimatverein heißt übrigens El Tigre. Der von Jens Jeremies Motor Görlitz. Der von Miroslav Klose SG Blaubach-Diedelkopf. Zum Totlachen. Und die Lederhosen trugen am Samstag die brasilianischen Spieler von Bayer Leverkusen. Auf dem Oktoberfest.“

Nadeschda Scharfenberg (SZ 22.9) erklärt den Unterschied zwischen Sieger und Verlierer: „Trainer Jupp Heynckes bittet um Geduld, er müsse neue Spieler einarbeiten und ein neues System üben. Sportdirektor Andreas Müller sagt, dass man es zu Saisonbeginn mit Top-Teams aus Dortmund, Bremen und Stuttgart zu tun hatte und nach ein paar Siegen gegen schwächere Gegner alles anders aussehe. Und die Fans, die im Breisgau wie die Fischer-Chöre auftraten, hielten die Hoffnung bis zuletzt durch Gesang am Leben. Half alles nichts, von Besserung war wenig zu sehen. Die Schalker wirkten wie diese Windkraft-Räder, die auf dem Rosskopf jenseits der Dreisam empor gezogen werden: Steif und nicht in der Lage, zu wirbeln – den Rädern fehlen noch die Flügel. Einen Schritt nach links angetäuscht, den Ball nach rechts gelegt, und vorbei waren die Freiburger an den starren Schalkern – Sanou, 19, Jim-Knopf-Gesicht und schnellster Mann auf dem Platz; oder Coulibaly, der trotz Blasenentzündung beinahe jeden Gegner überholte. Früh drückte Bajramovic einen Kopfball ins Tor Heynckes fand: „Hier und da hatten wir Probleme gegen die lebendigen Freiburger Angreifer.““

Zur Situation von Trainer Heynckes heißt es bei Tobias Schächter (taz 22.9.): „Ein Messias arbeitet nicht. Das hartnäckige Studieren wissenschaftlicher Zusammenhänge, das Absolvieren einer schnöden Ausbildung, sich in schweißtreibender Maloche dem Gelingen der profanen Alltagsdinge widmen – nein, das ist nicht die Sache eines Messias. Ein Messias legt Hand auf. Und alleine dadurch werden Blinde sehend und Lahme gehend. Ja, mit lässiger Leichtigkeit führt ein Messias die Menschen aus ihrem Jammertal, erlöst sie von ihrem Leid. Jupp Heynckes ist kein Messias. Das dämmert spätestens seit Samstag den Menschen in Gelsenkirchen, Ortsteil Schalke. Heynckes ist kein Messias, der den Spielern einfach die Hand auflegt und dann spielen alle gut, bemerkte der Leiter der Lizenzspielerabteilung des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, Andreas Müller, nach der bitteren 1:2-Niederlage beim Aufsteiger SC Freiburg lapidar. Gerade mal sechs Punkte stehen auf dem Konto der Ruhrgebietler nach sechs zumeist alarmierend schwachen Spielen. Die Geschichtenwende lässt auf sich warten, tief drin im Revier. Dabei dichteten sie dem 58-jährigen Heynckes in Schalke messianische Züge an. Der unsichtbare Neubarth, der Möchtergern-Trainer Wilmots: Sie wirkten plötzlich wie Gestalten aus einer dunklen, fernen Zeit (…)Es hätte also ein Debakel werden können für die Schalker, von denen ihr Manager Rudi Assauer nach wie vor träumt, sie als dritte Kraft hinter Bayern und Dortmund in Fußball-Deutschland zu positionieren. Doch davon sind sie so weit entfernt wie Heynckes davon, mit ein paar saloppen Formulierungen Wasser in Wein zu verwandeln. Assauer verließ den kleinen Presseraum des Dreisamstadions wortlos und Heynckes analysierte gewohnt steif: Wir haben wegen des UI-Cups eine Vorbereitung mit atypischen Bedingungen absolviert.“

morgen auf indirekter-freistoss: die Sonntagsspiele in Frankfurt und Hamburg

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Themen

Themen: George Best wird rückfällig – gereizte Reaktionen mancher Bundesliga-Verantwortlicher auf die Reformvorschläge Blatters – zwielichtige Figuren sind im internationalen Fußballgeschäft tätig – antisemitischer Ausfall eines hochrangigen argentinischen Funktionärs – homeless soccer cup – Tabu Homosexualität beim DFB u.a.

Peter Hartmann (NZZ 15.7.) berichtet den Rückfall eines Fußballgenies zum Alkohol. „Die meisten Briten, und nicht nur die Nordiren in seiner Heimat Belfast, halten George Best für den viel, viel besseren Fussballer als David Beckham. Best ist allerdings schon 57, seine grosse Zeit fällt in die sechziger Jahre, bei Manchester United, auch er. Aber es gab damals kaum Werbung und keine Sponsoren, keinen Hype. Beckham ist ein Plasticprodukt der Unterhaltungsindustrie, ein Wegwerfstar sozusagen; Best war ein Rebell, authentisch und anarchisch. Gelegentlich verschwand er tagelang nachrichtenlos in seinen Lovestorys und Gelagen, und statt Frisuren trug er immer die gleiche schwarze Flattermähne zu den grünen Augen, mit denen er die Mädchen und die Gegenspieler hypnotisierte. Ein unwiderstehlicher Ballkünstler, irischer Säufer, Herzensbrecher und Poet, der mit den Füssen Balladen erzählte. Wie in jenem Dokumentarfilm der BBC: Die Kamera verfolgte nur Bests Schuhe, 90 Minuten lang ausschliesslich und ungeschnitten diese gnadenlose Nahaufnahme. Best, wie er trottete, wie er sprintete, wie er angewurzelt stillstand, wie seine Hände die Schuhbändel neu knüpften, wie plötzlich der Ball an seinem Rist klebte, wie er gegnerische Beine wie Slalomstangen austanzte, wie fremde Eisenfüsse in diese Choreografie einbrachen, erfolglos. Im Hintergrund aufbrausend und abschwellend der Geräuschpegel des Publikums, dann, offensichtlich ein Torschuss, Beifallssturm, ein Gewirr von herbeilaufenden gratulierenden Schuhen. Ein seltsam geheimnisvoller Streifen, ohne Kommentar, ohne Nennung der Mannschaften und des Resultats und doch in keiner Sekunde langweilig. – Wie eine Parabel seines Lebens. Ein Schlafwandler, scheinbar ziellos und dennoch von seinem Instinkt gelenkt. Ein Artist und Autist. Die Gerüchte, dass George Best letzte Woche täglich im Pub „Chequers“ in Walton on the Hill in der Grafschaft Surrey auftauchte, obwohl seine Frau Alex die Wohnung verriegelte und den Autoschlüssel versteckte, verdichteten sich zu einer tragischen Geschichte. Es war Alex selber, die sie im Londoner Massenblatt „Mail on Sunday“ exklusiv enthüllte: Georgie, der legendäre Fussballer der sechziger Jahre, hat der Versuchung nicht widerstanden, er hängt wieder an der Flasche.“

Jan Christian Müller (FR 12.7.) referiert gereizte Reaktionen auf Blatters Vorschlag, die nationalen Ligen zu reduzieren. “Nun, da die Einnahmen im Fußball nicht mehr so heftig sprudeln wie noch zum Jahrtausendwechsel, wird der Verteilungskampf aggressiv mit offenem Visier ausgetragen. Erwartete Einbußen aus dem TV-Geschäft in der Champions League: bis zu 30 Prozent. In der Bundesliga: fast 40 Prozent. In solchen Zeiten liegen die Nerven ohnehin blank. Es hätte also kaum einen ungeschickteren Zeitpunkt geben können, in einem erneuten Vorstoß seine Pläne in die Öffentlichkeit zu tragen, als jenen, den Fifa-Boss Sepp Blatter in dieser Woche wählte. Nur noch 16 Mannschaften sollen nach seinem Willen künftig in den nationalen Top-Ligen mitmachen dürfen. Die besten Profis, die für sonderbare Wettbewerbe wie Club-WM und Konföderationen-Cup so ganz dringend gebraucht werden, sollen sich, bitte schön, nicht unnötig aufreiben in der Provinz. Nicht sonderlich verwunderlich, dass etwa der Chef der Deutschen Fußball-Liga, Werner Hackmann, ungewohnt scharf auf die wenig einfühlsamen Ideen des obersten Fußball-Bosses reagierte Das geht Herrn Blatter gar nichts an, ließ Hackmann humorlos verlauten.“

In diesen Reaktionen (Dortmund und Leverkusen drohen mit Streik) erkennt Wolfgang Hettfleisch (FR 15.7.) den bekannten Interessenkonflikt der Klubs. „Den Clubs ist durchaus daran gelegen, dass ihre besten Angestellten ihre Kunst auf den wichtigsten Bühnen rund um den Globus zelebrieren. Andererseits lehrt das Beispiel Leverkusen, dessen stärksten Kräfte nach Champions League und WM pünktlich zum Auftakt der vorigen Bundesliga-Saison im Formtief steckten, wie hoch der Preis dafür sein kann. Der Manager eines Unternehmens, der solch nachhaltige Effekte ignoriert, handelt hinsichtlich der Zukunft seiner Firma grob fahrlässig. Nun hat Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge dankenswerter Weise darauf hingewiesen, dass dem Uefa-Terminkalender eigentlich gar keine neuen Spieltage hinzugefügt werden. Vielmehr könnten die Testspiele, deren Erkenntniswert ohnehin fragwürdig ist, den vier zusätzlichen Pflichtpartien im geänderten Qualifikationsmodus weichen. Rummenigge, sonst bisweilen ganz gern auf den Barrikaden, wenn’s gegen die Blatters und Johanssons was zu wettern gibt, hält die Angelegenheit ergo für viel Lärm um nichts. Was spätestens dann stimmt, wenn der DFB sich bequemt, die leidigen Freundschaftskicks zusammenzustreichen.“

Christian Zaschke (SZ 15.7.) analysiert diesbezüglich. „Was auf den ersten Blick wie ein richtiger Gedanke der Funktionäre aussieht, nämlich nach Protest gegen noch mehr Spiele im Kalender, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als erstaunlich sinnlos. Eine solche Veränderung hin zu mehr Qualifikationsspielen war von Fußball-Offiziellen immer wieder gefordert worden, um die Zahl der Freundschaftsspiele zu reduzieren. Der Fifa- Kalender steht im wesentlichen fest. Darin ist geregelt, wann gespielt wird, und wenn jetzt mehr Pflichtspiele auf dem Programm stehen, bedeutet das notwendig weniger Freundschaftsspiele. Also weniger Spiele wie jenes 1:1 der Deutschen gegen Bosnien-Herzegowina vom vergangenen Herbst, ein Kick von peinigender Ereignislosigkeit, über den Oliver Kahn unmittelbar nach dem Abpfiff sagte: „Es lohnt sich nicht, darüber ein weiteres Wort zu verlieren.“ Natürlich wissen das auch Holzhäuser und Meier, sie sind ja nicht neu im Geschäft. Ihre harsche Kritik bis hin zur Streikdrohung ist eher als Reviermarkierung zu verstehen. Es geht nicht um die Sache, sondern um die Macht, die größtenteils bei den nationalen und internationalen Verbänden liegt. Mit der Streikdrohung wollen die beiden wieder einmal deutlich machen, dass die Spieler bei den Vereinen angestellt sind, und dass deshalb ihrer Ansicht nach dort die Macht im Millionengeschäft liegen sollte. Der laute Protest war sinnvoll, als es um Fifa-Chef Sepp Blatters Vorschlag ging, die europäischen Ligen auf 16Vereine zu reduzieren. Im jetzigen Fall darf man den Lärm guten Gewissens überhören.“

Ralf Wiegand (SZ 12.7.) sorgt sich um den zunehmenden Einfluss zwielichtiger Gestalten im internationalen Fußball. „Die Krise des Fußballs ist vielfältig, und die neuesten Modelle zur Lösung tragen Namen mit äußerst zweifelhaftem Klang: Gaddafi (in Italien), Abramowitsch (in England), Sun Myung Moon (in Deutschland). Al-Saadi Gaddafi, Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar al- Gaddafi, kaufte sich mit Millionen beim klammen AC Perugia ein, dafür darf er in der ersten Mannschaft mitspielen. Der russische Multiunternehmer Roman Abramowitsch übernahm mit seinem Geld, von dem niemand genau weiß, wo es herkommt, den FC Chelsea, genannt nun: FC Chelski. Und jetzt bedankt sich der TSV 1860 München artig für 600.000 Euro Startgeld und eine kostenlose Reise um die halbe Welt, finanziert aus dem Vermögen des umstrittenen Glaubensführers Sun Myung Moon, indem er die Geschäfte und Absichten der „Vereinigungskirche“ verharmlost. So schmutzig kann offenbar kein Geld der Welt sein, dass es nicht den hell ausgeleuchteten Kanal in die Kassen des Fußballs findet. Die Geldbeschaffung in Zeiten sinkender Einnahmen aus den Kerngeschäften mit Fernsehen und Sponsoren führt als jüngsten Fall den TSV 1860 und sieben weitere Vereine an den Rand der Gesellschaft, wo Menschenfänger ihre Beute suchen. Durch ihre Teilnahme an dem mit monströs viel Geld ausgestatteten Turnier in Korea – Etat: 18 Millionen Dollar – und die treuherzige Übernahme aller PR-Slogans (Weltfrieden!) leisten sie einer Organisation Vorschub, die hier zu Lande nach Meinung von Sekten-Experten auf den Index gehört. Mit einer der Geldnot entsprungenen Naivität ignorieren sie jedes Argument, mit dem Sektenbeauftragte die Gefährlichkeit der Moonies zu belegen versuchen. Sie lassen sich instrumentalisieren, schlimmer noch: rechtfertigen sich durch Verharmlosung bekannter Fakten.“

Im Hinblick darauf referiert Ingo Malcher (taz 15.7.) ein einschlägiges Beispiel. “Julio Grondona, Nummer eins des Argentinischen Fußballverbands (AFA) und Nummer zwei des Weltfußballverbands (Fifa), droht Gefängnis – zumindest wenn es mit rechten Dingen zugeht. Der argentinische Staranwalt Ricardo Monner Sans, der bereits Expräsident Carlos Menem in Hausarrest geschickt hatte, präsentierte vor Gericht eine Klage gegen Grondona. In dem Schriftsatz legt er dem obersten Fußballfunktionär Argentiniens Antisemitismus zur Last – in Argentinien eine Straftat. Den Beweis hat Monner Sans auf Video, und er war ohnehin in ganz Argentinien zu sehen. Von einem Fernsehreporter gefragt, warum es in der argentinischen Liga so wenige jüdische Schiedsrichter gebe, antwortete Grondona: Den Juden gefallen komplizierte Sachen nicht. Und deswegen würden sie die Schiedsrichterprüfung nicht schaffen. Solche diskriminierenden Äußerungen stehen in Argentinien nach Artikel3 des Antidiskriminierungsgesetzes unter Strafe. Grondonas Entschuldigung, er habe alles nicht so gemeint, will Sans nicht durchgehen lassen. Dieser Herr hat großen Einfluss in internationalen Fußballorganisationen, seine Stimme wird weltweit gehört, und er muss deshalb besonders darauf achten, was er sagt. Antisemitismus in argentinischen Fußballstadien ist kein neues Phänomen. Bei Auswärtsspielen des Clubs Atlético Atlanta aus dem jüdischen Viertel Villa Crespo in Buenos Aires werden regelmäßig Lieder über abgeschnittene Schwänze der Atlanta-Fans gesungen. Der Fußballverband hat dazu schon immer geschwiegen. Neu ist, dass sich sein Chef Grondona zu antisemitischen Sprüchen hinreißen lässt. Es ist aber schwer vorstellbar, dass Grondona hinter Gittern landet. International hat er beste Beziehungen. Der Argentinier ist einer der treuesten Freunde von Fifa-Chef Joseph Blatter.“

In Graz gab es den homeless soccer cup, also die Fußball-WM der Obdachlosen. Österreich hat gewonnen, kein Wunder: das Team bestand aus Asylbewerbern aus Schwarzafrika. England wurde zweiter, trainierte vorher mir Profi-Mannschaten.Deutschland wurde 15. von 18 Mannschaften. Der DFB unterstütze die Sache mit der sagenhaften Summe von 1500 Euro.

„Wie beginnt man einen Bericht über die Antirassistische Fußball-WM 2003?“taz

Spiegel-Interview mit Ex-Nationalspielerin Martina Voss über das Tabu Homosexualität beim DFB

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Marcel Reif

Roland Zorn (FAZ 12.3.) porträtiert. „Marcel Reif, der Premiumreporter, schätzt im Gegenteil die elitäre Nische, da er sich selbst noch nie anheischig gemacht hat, vor allem und unbedingt populär sein zu wollen. Er ist es dennoch geworden und geblieben, gerade weil er sich selbst immer wieder die Qualitätsfrage gestellt und darauf stets aufs neue gehaltvolle Antworten gefunden hat. Ebendeshalb ist ihm am Dienstag die begehrteste aller deutschen Fernsehauszeichnungen, der Grimme-Preis, zuteil geworden. Eine reife Leistung für jemanden, dessen Stimme ein Minderheitenpublikum anspricht und sprachlich verwöhnt. Reif ist nie ein Entertainer gewesen. Selbst als vor einem Spiel der Champions League zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund 1998 ein Tor umfiel, haben er und sein damals kongenialer Partner Günther Jauch die Zeit bis zum Aufbau eines neuen Tors nur dazu genutzt, ihren Zuschauern die Pause mit intelligenten, witzigen, spielerischen Bemerkungen zu verkürzen. Dienst am Kunden auf hohem Niveau – dafür sind die beiden später mehrfach ausgezeichnet worden (…) Neunzig Minuten Reif pur, das sind in aller Regel Reportagen voller Esprit, in denen es zuerst um Genauigkeit geht. Dieser Kommentator begnügt sich nicht mit Bildbesprechungen, ihm geht es um das Destillat, die Essenz, das Wesentliche. Darum verliert sich Reif auf der ständigen Suche nach Prägnanz nicht in selbstverliebten Sätzen. Sein Spiel auf den Punkt zu bringen ist ihm ein Bedürfnis. Als der fünfsprachige Sprachakrobat 1996 beim ZDF damit begann, der Öffentlichkeit erste Stilproben seiner Neigung zum Sport anzuvertrauen, reagierten die Zuschauer zunächst erschrocken. So einen distanziert anmutenden, von der Fußballersprache nicht angekränkelten Reporter hatten sie noch nicht erlebt. Klarheit und Klugheit zeichnen seine Art, den Fußball zu bewerten, aus und dazu eine angenehme Ironie im Umgang mit den echten und eingebildeten Stars des Genres Profifußball (…) Er ist so etwas wie ein Bruder des ähnlich preisgekrönten Fußball-Experten der ARD, Günter Netzer. Netzer war ein Fußballgenie, Reif nur ein Fußballtalent des 1. FC Kaiserslautern. Der Chefanalytiker und der Chefreporter haben sich, weil über die Jahre unbeeindruckt von jeglichem Schnickschnack rund um das Fußballgewerbe, mit ihrer altmodisch-modernen Leidenschaft für das Spiel beliebt gemacht. Den Abstand des Kritikers zu wahren, aber nie die Nähe zum Gegenstand der Begutachtung zu leugnen, das hat Reif und Netzer zu einer in der Scheinwelt des Fernsehens seltenen Glaubwürdigkeit verholfen.“

Moritz Müller-Wirth (Zeit 13.3.) erinnert. „Die Szene, die sich am 1. April 1998 in Madrid abspielte, ist inzwischen ein Klassiker geworden. Im Bernabeu-Stadion fällt, kurz vor dem Anpfiff der Champions-League-Begegnung Real Madrid gegen Borussia Dortmund, ein Tor um. Die Fans hatten an den Stangen, an welchen die Tornetze befestigt waren, derart ausdauernd gerüttelt, dass eines der Tore zusammenstürzte. Bis Ersatzgebälk gefunden und montiert war, verstrichen fast eineinhalb Stunden. In diesen genau 76 Minuten lieferte sich der damals noch in Diensten des Senders RTL stehende und an diesem Abend im Stadion sitzende Reporter Reif ein kongeniales Zwiegespräch mit dem im Studio moderierenden Kollegen Günther Jauch, gipfelnd in einem Ausspruch Reifs, der in die Annalen des Fußballs und des Sportjournalismus eingehen würde: „Noch nie hätte einem Spiel ein Tor so gut getan wie heute.“ Als endlich ein Ersatztor gefunden und befestigt worden war, wurde an jenem Abend auch noch ein Fußballspiel angepfiffen – an dessen Verlauf und Ergebnis sich heute niemand mehr erinnert. Nach dem Spiel erhielt der Reporter Reif zwei Anrufe. Der erste Anrufer war Günther Jauch, der sich und seinem Partner prophezeite: „Dafür gibt es was!“ Bald darauf gab es was: den Bayerischen Fernsehpreis für Jauch und Reif. Der zweite Anrufer war Chefredakteur Hans Mahr, der am nächsten Morgen verkündete, dass die Quote während des Spiels auf zwei Tore wesentlich geringer gewesen sei als während des Vorspiels zum fehlenden Tor (…) Ist es verwunderlich, dass man nicht viele Menschen trifft, die sich als Gegner Marcel Reifs bezeichnen? Der Reifsche Abwehrriegel fängt nach innen wie nach außen eine ganze Menge ab. Und doch gibt es sie, die Gegner. Der Trainer Erich Ribbeck gehört zu ihnen, der ehemalige Nationalmannschaftscoach Berti Vogts, den Reif eine Zeit lang mit Bedacht immer Hans-Hubert nannte, zählte dazu, bis beide sich aussprachen. Und einige Fans von Borussia Dortmund gehören dazu, und das kam so: Es hat einmal ein Champions-League-Spiel gegeben, am 1. November 1995 in Bukarest, zwischen Steaua Bukarest und Borussia Dortmund. Es endetet 0:0. Reif war, damals noch als Sportchef bei RTL, mit von der Partie und musste nach dem Spiel das Interview mit Dortmunds Trainer führen, der damals Ottmar Hitzfeld hieß. „Herr Hitzfeld“, begann der Reporter Reif, „ich bin bereit, Ihnen zum Weiterkommen zu gratulieren, wenn Sie den Zuschauern Ihr Mitgefühl ausdrücken für die Art und Weise, wie es denn zustande gekommen ist.“ Ein „etwas komplizierter“ Einwurf, wie Reif heute findet, aber nichts Ehrenrühriges. Das sah man in Dortmund offenbar anders. Das Vereinspräsidium hielt Reif öffentlich ein unbotmäßig kritisches Verhältnis zur Borussia vor. Beim nächsten Champions-League-Heimspiel gegen Atletico Madrid klettert der Reporter Reif dann wieder auf seinen angestammten Reporterplatz im Westfalenstadion und hört kurz vor Spielbeginn die Fans auf den Rängen seinen Namen skandieren: „Und schon wieder keine Ahnung, Marcel Reif!“ Später: „Schwuler, schwuler Marcel Reif!“ Nicht 50 oder 60 Fans, wie sich Reif erinnert, „sondern die gesamte Südtribüne“. So ging es weiter, fast das gesamte Spiel. Und er? Was habe ich mit den Prolls am Hut? Die Damit-kann-ich-leben-Parade? Wenigstens im Rückblick? Ganz im Gegenteil. „Es war das Grauen, es packte mich das blanke Entsetzen“, sagt er, und wieder bröckelt kurz der Abwehrriegel ums Innenleben. Ganz im Reinen scheinen sie in Dortmund mit Reif, auch vier Jahre nach seinem Wechsel zum Pay-TV, noch immer nicht zu sein. In einer vorzüglichen Kneipe in der Madrider Innenstadt hatten sich Vater und Sohn Reif zum Tapas-Essen zurückziehen wollen und waren dabei auf eine Gruppe Dortmunder Schlachtenbummler gestoßen. Zwei von ihnen ließen sich mit Reif fotografieren, der Rest intonierte: „Reif, du Drecksau.““

11 Freunde machen Werbung

Gunnar Leue (taz 27.2.). „Da dürften die Freunde von 11 Freunde etwas verwundert gucken, so als hätte Paul Gascoigne bei St. Pauli unterschrieben und nicht in China. Das Lieblingsheft aller Fußballtraditionalisten überrascht in seiner Februar-Ausgabe mit Anzeigen. Nicht nur mit solchen für den kleinen Fan-Shop, sondern ganzseitigen für MTV, den PC-Fußball Manager 2003 oder die Zeitschrift brand eins. Umgekehrt laufen derzeit Werbespots für das Monatsheft auf MTV oder DSF. Da hats richtig Pop gemacht im Freunde-Haus, das bisher als Eigenverlag der hartgesottenen Arminia-Bielefeld-Fans Philipp Köster und Reinaldo Coddou firmierte. Doch die beiden haben das Heft nicht aus der Hand gegeben, nur die Lizenz an den Kölner Intro-Verlag, damit ein paar mehr Sportfreunde das Magazin für Fußball-Kultur als Alternative zum sportjournalistischen Mainstream entdecken (…) Als überregionales Fanzine haben wir uns inzwischen etabliert, aber in der Breitenwirkung können wir noch zulegen, sagt Köster. Wir wollen die dritte Kraft hinter Kicker und Sportbild werden. Soll heißen: In den nächsten zwei Jahren wird eine jährliche Verdopplung der Auflage – derzeit 35.000 Exemplare, davon 3.000 Abos – angepeilt. Die Chancen dürften gar nicht schlecht stehen, denn es gibt viele, die die Ranisierung der Fußballwelt nicht so lustig finden (…) Eine echte Konkurrenz zu Kicker und Sportbild sehen die 11 Freunde-Macher nicht. Unser Gründungsgedanke bleibt: Fußball ist Leidenschaft. Wir wollen über Leute berichten, die das ausdrücken. Wir glauben, dass Fußball bisher nicht den journalistischen Widerhall bekam, den er verdient, sagt Köster. Tatsächlich dürfte 11 Freunde den Platzhirschen kaum das Revier streitig machen, repräsentiert es doch eher die Indierock-Fraktion, während Kicker und vor allem Sportbild die Kommerzfuzzis sind, die sich ums Fußball-Entertainment kümmern.“

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BVB im Big Business

„Erstaunlich ist, dass der BVB im Big Business noch immer einen Fuß auf der roten Erde hat, dass sich aus der Ursprünglichkeit und Leidenschaft der Menschen auf den steilen Rängen und der clever zusammengekauften Elf kein unüberbrückbarer Widerspruch ergibt, sondern eine spannende Mischung. All die sonnigen Ballzauberer Brasiliens und tschechischen Fußball-Bohemiens, die angeworbenen deutschen Jungstars und die bestens versorgten Alt-Internationalen hätten hier keine Chance, wenn sie nicht ehrlichen Fußball mit einem Schuss Leidenschaft vortragen würden. Diese als kapitalistisches Gespenst gefürchtete Schöpfung befriedigt die Bedürfnisse des Dortmunder Fußball-Proletariats trefflich. Weil es lebt, quietschfidel sogar (…) Diese Dortmunder Mannschaft ist tatsächlich ein Produkt – aber ein gutes, weil die Kundschaft sich damit identifiziert. Das spricht bei aller Sorge um die Seele des Fußballs für den Dortmunder Weg.“ (Volltext)

Jan Christian Müller (FR 06.05.02) zum selben Thema:

„Es wäre nun allerdings unfair, den Erfolg allein auf die erklecklichen Finanzmittel, die dem Unternehmen nach der Börseneinführung zur Verfügung standen, zu reduzieren. Denn parallel zur Unternehmensreform haben es Niebaum und Meier geschafft, Matthias Sammer entgegen dessen ursprünglichem Willen davon zu überzeugen, dass er als Neuling genau der Richtige ist, um die millionenschwere Ansammlung von Topstars aus verschiedenen Nationen zu einer Mannschaft zu formen. Dabei hat der ehrgeizige 36-Jährige (und damit jüngste Meistertrainer der Bundesligageschichte) es geschafft, seinen starken Willen und seine trotz seiner Jugend vorhandene Autorität auch gegen starke Charaktere wie Amoroso, Lehmann und Kohler durchzusetzen. So etwas verschafft und verdient Respekt.“

und an anderer Stelle:

„Dem neuen deutschen Fußballmeister, der Borussia Dortmund GmbH Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien, ist es gelungen, trotz Börsennotierung die Bodenhaftung zu erhalten: Die Meisterschaft als Symbiose von Geld und Gefühlen. So kam es, dass nach dem 2:1 über den noch altmodisch als eingetragener Verein organisierten SV Werder Bremen Tausende danach strebten, aufs Spielfeld zu gelangen. In Dortmund und unmittelbarer Umgebung, gar kein Zweifel, gilt die Start-up-company mit gelb-schwarz gefärbter Tradition nicht bloß als Meister der Nerven. Der Titel ist gekauft, na und? Wäre er doch von Bayer in Leverkusen auch.“

Roland Zorn (FAZ 06.05.02) über die Methoden des Meistermachers Sammer:

„Den Zeitenwandel hin zur titelreifen Zielstrebigkeit führte vor allem Sammer herbei, der sich mit dem mal nur launischen, mal schlicht genialen Bundesliga-Torschützenkönig Amoroso (18 Treffer) arrangierte; der es dazu schaffte, einen alten Weggefährten aus aktiven Zeiten wie Jürgen Kohler zeitweise auf die Ersatzbank zu versetzen, ohne dass der Abwehrchef von gestern dagegen aufbegehrt hätte; der dazu seinen eigenen Hang zum Helden der Arbeit nicht so strikt auslebte, dass darunter die schwankende Spiellaune seiner Künstlernaturen Amoroso und Rosicky nachhaltig gelitten hätte.“ (Volltext)

Freddie Röckenhaus (SZ 06.05.02) ist mit der allgemeinen medialen Bewertung über die Titelmannschaft nicht einverstanden:

„Während Leverkusen für begeisternden Angriffsfußball in Lobeshymnen baden durfte, war der weniger spektakulär siegenden BVB-Truppe der Stempel der disharmonischen Legionärstruppe aufgedrückt worden. Am Ende der Saison wurde gar die Legende gestrickt, die Dortmunder seien nicht nur die Geldsäcke, die sich den Erfolg kaufen wollten, sondern würden auch noch von den Schiedsrichtern begünstigt. Die Mediengesellschaft sucht und findet solche Gegensatz-Paare vom Guten und Bösen, vom Schönen und Hässlichen. Wir lieben die märchenhaften Simplifizierungen in Zeiten, die sonst gerne nüchtern und seelenlos daherkommen wollen (…) Gegen Bremen, die beste Mannschaft in den Duellen der ersten sechs untereinander, traute sich Sammer, zum ersten Mal mit nur einem Manndecker, nämlich dem 21-jährigen Christoph Metzelder, aufzulaufen. „Das war sehr ungewohnt und ein Risiko“, gab Metzelder nachher zu. Aber mit dieser Maßnahme ertrotzte sich Dortmund ein Übergewicht im Mittelfeld und konnte Bremen fast 90 Minuten lang unter schwersten Druck setzen. Solcher Mut im richtigen Moment ist am Fußball-Standort Dortmund wohl unumgänglich.“ (Volltext)

Felix Meininghaus (Tsp 06.05.02) erkennt in dem Spiel BVB-Werder das für diese Saison typische Spiel der Dortmunder:

„Das letzte Kapitel auf dem langen Weg zur Meisterschaft war für die Borussia wie ein Spiegelbild der gesamten Saison: Die Mannschaft zelebrierte keinen brillanten Fußball, präsentierte sich aber als kompakte Einheit, die mit großem Selbstbewusstsein und bemerkenswerter Moral bereit ist, in den entscheidenden Situationen die Nadelstiche zu setzen. Weil sie Spieler mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten besitzt.“ (Volltext)

Frank Ketterer (taz 06.05.02) wurde Zeuge einer

„orgiastischen Fußball-Fete, die es an Intensität locker mit der vorangegangenen Partie aufnehmen konnte, was keineswegs so leicht war, wie es zunächst klingt. Denn auch wenn das finale Spiel nicht wirklich hochklassig war, an Emotionen, an Spannung und Dramatik war es kaum zu übertreffen. Das hatte zum einen damit zu tun, dass beide Mannschaften mit offenem Visier kämpften und auf taktisches Geplänkel nahezu verzichteten: Dortmund stürmte und drängte meist leidenschaftlich nach vorne, Werder verteidigte nicht minder enthusiastisch.“ (Volltext)

Ralf Wiegand (SZ 06.05.02) über den Abschied eines Fußballgotts von der Bundesliga-Bühne:

„Jürgen Kohler, 36, ist der letzte aktive Absolvent der so genannten Waldhof-Schule. Dort, in der kurzen Blüte des Arbeiter- Sportvereins im schwierigen Mannheimer Stadtteil Waldhof, reifte wie in einer Akademie für Fußball-Verteidigung eine Sorte Profi, die sich zum Markenzeichen des deutschen Fußballs entwickelte: der Vorstopper.“ (Volltext)

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Toppmöller und Leverkusen in Not

Die Lage der Liga – Sonntagsspiele der Bundesliga – Topmmöller und Leverkusen in Not – die Situation von Sammer und Gerets – die Perspektiven von Eintracht Frankfurt (mehr …)

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Hoffnung auf Matthäus, Stadtderby in Madrid

Hoffnung in Belgrad auf Matthäus – packendes Madrider Stadtderby – Vereinsportraits aus San Sebastian, Chelsea, Bordeaux – Lienen auf Teneriffa entlassen u.v.m. (mehr …)

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Spieltag aus italienischer Perspektive

Dirk Schümer (FAZ 11.4.) resümiert den Spieltag aus italienischer Perspektive. „Mit Wehmut erinnert sich jeder Tifoso an ein Italien, das in den achtziger und neunziger Jahren mit AC Mailand und Juventus Turin Europas Meisterklasse dominierte. Jetzt ist so mancher schon froh, daß wenigstens drei Teams nach einem Jahr des frühen Ausscheidens in den Punktspielrunden das Viertelfinale der Champions League erreicht haben. Dort aber war am Dienstag und Mittwoch statt des erhofften Festtagsfußballs lediglich die hinlänglich bekannte Malaise des Calcio öffentlich zu besichtigen. Milan organisierte und verwaltete ein karges 0:0 in Amsterdam; Juve büßte einen knappen 1:0-Vorsprung durch Monteros Treffer noch ein; Inter kam mit Mühe ans Ziel. Von leidenschaftlicher und kreativer Attacke wie beim niederländisch beflügelten großen AC Mailand mit Marco van Basten und Ruud Gullit an der Spitze oder heutzutage bei Real Madrid war nichts zu spüren. Sowohl Juventus als auch Inter verlegten sich nach dem kümmerlichen Ein-Tor-Vorsprung im eigenen Stadion aufs Kontern, wofür Juventus gerechterweise durch Saviolas Ausgleich bestraft wurde. Immerhin stand hier der Tabellenführer der Serie A gegen den FC Barcelona, eine derzeit mittelmäßige spanische Mannschaft, auf dem Platz. Und auch der FC Valencia war bei der 0:1-Niederlage durch Vieris Kopfballtor im Meazza-Stadion das bessere Kollektiv. Der wieder einmal zu besichtigende Rückfall in überholten Catenaccio, der auch Italiens Nationalelf unter Giovanni Trapattoni zunehmend zweitklassig macht, ist um so bedauerlicher, als bei den wohlhabenden Vereinen aus Mailand und Turin die Spieler für einen einfallsreichen Angriffsfußball durchaus zur Verfügung stünden. Das Potential aber wird nicht genutzt, weil schmerzliche Erfahrung die allzeit bedrohten Trainer lehrt, nach dem Vorbild der Serie A die Spiele durch taktische Disziplin, Standardsituationen und eine nie gelockerte Deckung irgendwie nach Hause zu fahren.“

weitere Berichte und Kommentare zu den Hisnpielen der Champions League

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Vetternwirtschaft

Im Hinblick auf die vertraglichen Verstrickungen des WM-OK-Vizes Radmann (Hintergrund SZ) reagiert Thomas Kistner (SZ 26.3.) mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Wut. „WM-reif ist die Chuzpe schon, mit der Fedor Radmann durchs Unterholz eigener Gesellschafter- und Beraterverträge dribbelt. Über den Kirch-Kontrakt, der jüngst ruchbar wurde, ist er dank der Sportsfreunde im WM-Organisationskomitee noch nicht gestolpert. Nun stellt sich raus, dass er die aufs Neue genarrt hat. Gerade gab das OK bekannt, Radmann habe „alle vertraglichen Verpflichtungen offen gelegt“, „Interessenskollisionen zu Aufgaben und Zuständigkeit im OK“ hätten nie bestanden. Leider eine Falschmeldung. Radmann und der von ihm ins OK gelobte Agenturchef Abold sind Teilhaber einer Firma, die im Fußball tätig ist. Diese Verbindung hat Radmann verschwiegen – weil er befürchtete, dass sie ihn das Amt kosten könnte? Der gesunde Menschenverstand lässt hier keine andere Deutung zu. Warum sonst hat er dem OK vor zwei Wochen sogar seine Musical-Teilhaberschaft in Füssen gebeichtet – nicht aber die Teilhaberschaft mit dem Mann, den er samt Firma ins WM-Geschäft gehievt hat? Wenn hier keine Vetternwirtschaft vorliegt, gibt es den Tatbestand nicht.”

Arroganz der Macht

In der Kirch-Affäre sieht Thomas Kistner (SZ 25.3.) besorgt „ein ganzes System auf dem Prüfstand“. „Auf die sportiv-lockere Tour lässt sich die Sache vielleicht so betrachten, wie es die Angeklagten in der Affäre um den Bayern/ Kirch-Geheimvertrag tun. Ein Schaden sei der Liga aus dem Deal ja nicht entstanden, sagt Manager Uli Hoeneß, und vermutlich ist es wirklich so – jedenfalls ist keiner nachweisbar. Wer daraus aber ableiten will, dass die untersuchende Deutsche Fußball-Liga DFL keine Strafe gegen den Rekordmeister zu verhängen habe, offenbart ein exotisches Rechtsverständnis. Und wer, wie Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, der Liga mit Konsequenzen droht, zeigt, dass er im Ernstfall nicht auf allgemein gültige (und selbst verordnete) Spielregeln setzt, sondern auf die Arroganz der Macht (…) Im Fall Bayern sind es zwei Dinge, die nach den Statuten sanktioniert gehören. Erstens der Abschluss eines Vertrags, den der Verein zweifelsfrei hätte vorlegen müssen. Und zweitens eine Klausel in diesem Vertrag, die den Klub de facto zu Kirchs stillem Handlanger gemacht hat. Gleich, ob die Verantwortlichen diese Rolle in den TV-Verhandlungen tatsächlich ausgeübt haben oder nicht – es ist inakzeptabel, dass sie mit einer Lobbyvereinbarung in der Tasche am Verhandlungstisch der Liga sitzen und dort Angebote der Kirch- Konkurrenz bewerten. Zumal sie ohnehin das stärkste Gewicht in diesen Gremien besitzen.“

Saubermann Straub

In dieser Angelegenheit erreicht uns eine Zuschrift von if-Leser Gunnar Ehrke. „Sollte sich dieses Papier als authentisch erweisen, wovon auszugehen ist, wird sich eines endgültig bestätigen: Das Rechtssystem sowie die Selbstheilungskräfte der Bundesliga versagen, sobald die Bayern involviert sind. Ich bin kein Jurist aber spontan fallen mir Begriffe wie Betrug, arglistige Täuschung und unrechtmäßige Vorteilnahme ein. Dabei stilisieren sich die Münchner selbst nach wie vor als clevere Geschäftsleute und haben ihre Abwehrstellungen aufgebaut. Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge grätschen jeden Angriff auf ihr Geschäftsgebahren bereits im gegnerischen Strafraum ab, während der „Suppenkasper“ Beckenbauer (Ex-Nationaltorhüter Uli Stein) droht und poltert, nachdem die Affäre Kahn als solcher abzuebben droht. Die Herren vom Verband, Mayer-Vorfelder und Straub, erstarren zur Salzsäule bzw. leiten umfangreiche Untersuchungen ein die soviel Zeit in Anspruch nehmen werden, dass erst unsere Enkel mit den Ergebnissen konfrontiert werden. Der bisherige Saubermann Straub ist ja gerade erst dezent darauf hingewiesen worden, dass wohl jeder eine Leiche im Keller habe, die bei Bedarf ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden kann. Es wäre durchaus mal interessant zu erfahren, wer dieser millionenschweren Information einen kleinen Schubser in die richtige Richtung gegeben hat. Über Mayer-Vorfelders Verhältnis zu Leichen und Kellern braucht man wohl nicht viele Worte zu verlieren. Es würde mich erstaunen, wenn nicht mindestens jeder zweite Bundesligainsider eine Geschichte über dubiose Praktiken, steuerrechtlich fragwürdige Verträge oder moralisch zweifelhaftes Verhalten MVs aus erster Hand berichten könnte. Ganz zu schweigen von der einen oder anderen alkoholgetränkten Anekdote. Da ist es angeraten, in Deckung zu bleiben und sich am Ende einer Funktionärskarriere und nicht von einer Hoeneßschen Breitseite versenken zu lassen. Die Vereine der 1. und 2. Bundesliga verhalten sich dabei auffallend unauffällig. Zum einen wollen sie ihr schönes Produkt Bundesliga offenbar nicht beschädigen. Zum anderen gewinnt man bei den meisten Vereinen den Eindruck, ihnen ergehe es wie Straub und MV. Zwar sind ihre Leichen keine 40 Millionen schwer, stinken aber trotzdem. Nun wird am Rande noch einige Zeit etwas St(r)aub aufgewirbelt bevor sich alle darauf einigen das die Bayern zwar moralisch und ethisch nicht korrekt gehandelt haben, man daraus aber leider keine Bestrafung ableiten könne. Oder kommt es zur großen Sensation und die Münchner müssen doch noch ihre Portokasse plündern und die enorme Summe von 250.000 Euro bezahlen? Schaun mer mal…”

Sie wollen uns Ihre Meinung sagen und diese an dieser Stelle veröffentlicht sehen?

„Wie Uli Hoeneß den Liga-Vertrag mit Kirch aushandelte, von dem der FC Bayern besonders profitieren sollte“ SZ

Jan Christian Müller (FR 25.3.) porträtiert den in Verruf geratenen DFL-Geschäftsführer. „Straub gilt als Ausbund an Seriosität und Verschwiegenheit, Letzteres eine Tatsache, die ihm regelmäßig auch Kritik innerhalb der DFL-Geschäftsführung eingebracht hat. Der Chef, so der Vorwurf, behalte sein Wissen gern für sich, er sei kein Teamspieler, der seine drei Kollegen in der Geschäftsführung auf Augenhöhe wahrnehme. Vertraulichkeit, sagt Straub, ist für mich ein hohes Gut. Und wer das charakterlich vor sich her trage, habe eben auch Kritiker im eigenen Lager. Schon seit geraumer Zeit gibt es Strömungen gegen den Mann, der über ausgeprägte Detailkenntnisse praktisch sämtlicher wichtiger Vorgänge im deutschen Lizenzfußball verfügt. So herrscht auch Furcht vor jenem Tag, an dem Wilfried Straub nicht mehr als treuer Diener des deutschen Fußballs seinen Job macht. Wenn er nicht mehr da ist, sagt ein Insider, dann bricht der Laden zusammen. Einzig Wolfgang Holzhäuser, der Leverkusener Finanzfachmann, dessen Verhältnis zum ehemaligen Vorgesetzten Straub als gestört gilt, habe das Zeug, dessen Erbe anzutreten. Holzhäuser ist der Einzige, der wie Straub ausreichend Autorität in der Liga besitzt. Journalisten könnten sich dann auf einen mitteilsameren Gesprächspartner als Straub freuen. Dass Pressevertreter ihn als hartes Stück Brot bezeichnen, gefällt Wilfried Straub durchaus: Darauf war ich immer stolz. Seine Vertragspartner wüssten: Der erstickt lieber, als dass er etwas ausplaudert.“

siehe zu diesem Thema auch hier und hier

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Plagiat in der FAS

Am 18.1. veröffentlicht die FAS einen „geklauten“ Artikel: dd schreibt „Der Fußball eint Feinde von damals“, eine kleine Reportage über Fußball in Ruanda. Im Nationalteam Ruandas, erstmals für den Afrika Cup qualifiziert, spielen Täter und Opfer des Bürgerkriegs von 1994 erfolgreich und harmonisch – eine bemerkenswerte Geschichte, deren Bearbeitung dds der indirekte Freistoss am 19.1. als „sehr lesenswert“ zitiert .

Silke Burmester (taz) weist drei Tage später darauf hin, dass es sich bei dem Text um eine gekürzte Übersetzung einer Reportage Matt Thomsons in Four Four Two (2/2004) handelt, der renommierten englischen Fachzeitschrift. Burmester: „dd hat das Stück geklaut (…) Anders als viele Journalisten, die ausländische Lektüre zur Themenfindung nutzen, Themen dann aber neu recherchieren und sich eigene Protagonisten suchen, hat dd den Text lediglich übersetzt und ihm eine neue Dramaturgie verpasst. Der Artikel hätte selbst bei diesem Eingriff moralisch und rechtlich nur unter dem Namen Thomsons erscheinen dürfen.“ Ein unfeines Vorgehen des Autors, was sich bei der Lektüre beider Texte bestätigt. Die Redaktion der FAS, eine an dieser Stelle oft zitierte Zeitung, bedaure den Vorfall; Redakteur Volker Stumpe sei „ahnungslos“ gewesen, schreibt Burmester.

Ich bedaure, dass ich erstens den Schwindel nicht festgestellt habe. Zweitens kann ich aus verschiedenen Gründen den Fall erst jetzt (30.1.) beurteilen. Auf vielfachen Wunsch meiner Leser sowie einigen Kollegen dokumentiere ich den Diebstahl geistigen Eigentums in Auszügen, zuerst jeweils das Original, dann die Übersetzung:

Matt Thomson: “Karekezi was a victim too. Among the one million murder victims were the 23-year-old’s mother, sister and brother. “My brother was killed in front of my own eyes when I was only 12 years old. I escaped to a nearby church with my mother where he waited for people to come and save us. But even in the church, we weren’t safe and they killed my mother. I escaped from the church and I was walking around the street in a daze when I was spotted by a man who used to coach me … and he wanted to save me so he hid me in his house until the killing was over. The most remarkable thing is that this man was a Hutu. He was supposed to kill me.””

dd: “Seine Geschwister wurden vor seinen Augen ermordet. Er flüchtete mit seiner Mutter in eine Kirche. Doch dort brachten sie auch seine Mutter um. Dann lief der zwölf Jahre alte Olivier Karekezi ziellos und wie betäubt durch die Straßen, bis ihn ein Mann auflas, der ihn von früher kannte. Es war der Trainer von Karekezis Fußballteam. Der Mann versteckte den Jungen, obwohl er sich damit in Lebensgefahr brachte. Denn er war ein Hutu und Karekezi ein Tutsi. Er hätte mich eigentlich umbringen müssen, sagt Karekezi.”

MT: “A 4-2 defeat in Ghana was followed by a controversial 0-0 draw at home to Uganda which ended with the visitors accusing Rwanda keeper Mohammud Mussi of using juju, or witchcraft, as he made miraculous save after another.”

dd: “Einem 2:4 in Ghana folgte zu Hause ein mühseliges 0:0 gegen Uganda. Bei diesem Spiel immerhin hielt Torwart Mohammed Mossi so gut, daß ihm die Ugander vorwarfen, er habe Juju, also geheime Zauberkräfte, benutzt.”

MT: „… when the Rwandas got stuck in traffic and arrived at the stadium two hours late, almost forfeiting he match. Play finally began, only to stop 15 minutes later amid a mass brawl involving all 22 players, several Ugandan police and various officials. Mossi was again blamed for the ruck, having proclaimed before kick-off. “I’ve got electric juju today. It’ so strong you can’t see it.”

dd: “Beim Rückspiel wurde es dann richtig kurios. Erst blieb die Mannschaft auf dem Weg ins Stadion im Stau stecken und traf erst kurz vor Anpfiff ein. Dann behauptete Torwart Mossi frech: Heute benutze ich elektrisches Juju, das ist so stark, daß es für alle unsichtbar ist. Diese Provokation mündete nach einer Viertelstunde Spielzeit in eine Schlägerei, an der sich alle Spieler, viele Funktionäre und einige Polizisten beteiligten.”

MT: ““The stadium was full. Tutsis and Hutus stood side by side singing our new national hymn, our new national flag fluttered proudly over the stadium and our president was watching the match”, recalled Karekezi. “I had a lump in my throat because I summed up what football has done in this country. It can help give us a new start.””

dd: “Das Stadion war voll, Tutsis und Hutus standen nebeneinander und sangen unsere neue Nationalhymne. Ich hatte einen Kloß im Hals, weil ich zum erstenmal spürte, was der Fußball getan hat. Was wir erreicht haben, macht unser Land froh und stolz – trotz der schrecklichen Vergangenheit.”

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Spitzenteams bieten wenig

Spitzenteams bieten wenig – Martin Max rächt sich an 1860 München – Andreas Thom gelingt Einstand – Uli Hoeneß haut auf die Pauke – SC Freiburg begeistert seine Anhänger – VfL Wolfsburg spielt wieder attraktiv u.v.m.

of Enttäuscht und gelangweilt erleben die Chronisten die Darbietungen der Spitzenteams an diesem Spieltag. Die FAZ vermisst Leben in der Bude: „Zuvorkommend und gesittet wie lange nicht ging es in winterlicher Atmosphäre zu.“ Tabellenführer VfB Stuttgart, ungeschlagen, spielt erneut 0:0, auch weil Jung-Star und Vertrags-Pokerspieler Kevin Kuranyi nicht trifft: „Nirgends steht geschrieben, dass beim Unentschieden keine Tore erzielt werden dürfen“, schreibt die SZ Kuranyi und den Stuttgartern ins Stammbuch. Wenn Bayerns Manager Uli Hoeneß die Nackenhaare aufstellt, schauen und hören alle genau hin. Beim 1:1 zwischen Bremen und Bayern stört sich die taz an seiner Prahlerei: „Ein weitgehend nichtssagendes 1:1 führt dazu, dass ein Würstchenfabrikant nun wieder glaubt, die beste Fußballmannschaft des Landes zu managen.“ Glückwunsch geht an Andreas Thom, Berliner Trainer auf Zeit, für seinen erfolgreichen Einstand beim 1:1 in Dortmund; die FAZ erklärt das Erfolgsmodell Thom: „Eine Berliner Schnauze weckt die verstummte Hertha.“ Daran zweifelt die ortskundige taz: „Thoms Manko: Er ist Berliner, und in Berlin wollen sie als Chefcoach einen Weltmann oder das, was sie dafür halten, einen Isländer beispielsweise.“

Julius Caesar, Fußballgott

Das Streiflicht (SZ 8.12.) beklagt das Wort des Volkes: „Gleich drei Fernsehprogramme schalteten nach Berlin, zu einem historischen Ereignis. Hertha BSC entließ seinen Trainer Huub Stevens. Geisterbleich saß Manager Dieter Hoeneß auf dem Podium und gab todtraurig das Unausweichliche bekannt. Wir aber waren sehr zufrieden. Wir, der kleine Mann. Der treue Fan von der Stehtribüne. Denn seit Monaten hatten wir „Stevens raus!“ geschrieen, in machtvollen Chören. Jetzt hatten wir gesiegt! Und nun freuen wir uns auf de nächsten Trainersturz, vielleicht schon diese Woche. Mal sehen, wen es trifft. Unsere Vorfahren brauchten für ein kultiviertes Leben noch ein Abonnement im Staatstheater. Dort erfuhren sei dann, in Furcht und Mitleid erschaudernd, alles über das Spiel der Mächtigen. Über deren Aufstieg und Sturz. Und über die seltsame Rolle des nur scheinbar machtlosen Volkes. Im „Julius Caesar“ feiern die Fans zuerst den Tyrannen („Julius Caesar, Fußballgott“), dann die Tyrannenmörder („Hihaho“, Caesar ist k.o.!“), bald darauf den Marc Anton. „Brutus raus!“ tönt es nun von den Rängen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Manager Shakespeare die Entlassung bekannt gibt. Heutzutage brauchen wir das Staatstheater nicht mehr. Denn heute haben wir unsere liebe Bundesliga. Hier krönen wir die Könige, bevor sie lustvoll meucheln. In Köln etwa hat man vordem den Fußballtrainer Lienen mit Sprechchören und Lobgesängen auf den ‚heiligen Ewald“ inbrünstig gefeiert. Nicht lange danach war der Heilige der letzte Arsch. Der Fußballtrainer Magath war zuerst „Magier“, später „Quälix“ und „Saddam“ und wird heute für seine Zauberkräfte verehrt. Bis er zurückkehren wird in die Schar der Gescheiterten.“

Wer sich Spaß erhofft, wird sich anderen Schauplätzen zuwenden müssen

Josef Kelnberger (SZ 8.12.) wendet sich von den Spitzenspielen ab: „Deutsche Spitzenspiele gelten als Domäne des FC Bayern München. Macho-Spiele. Da werden Zauberer entzaubert, Emporkömmlinge zurechtgestutzt. Verhältnisse gerade gerückt, da wird Charakter gezeigt von echten Kerlen. Sinnbildlich für Spitzenspiele steht das gereckte Kinn von Oliver Kahn, oder auch die sich überschlagende Stimme von Uli Hoeneß, die einen Trend beschwört, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in die Welt zu setzen versucht: lang anhaltende Dominanz des FC Bayern, respektive unwiderstehliche Aufholjagd. Bei Lichte besehen ist der Münchner Ertrag immer noch kümmerlich. Platz vier, sechs Punkte Rückstand auf den VfB Stuttgart. Die Tabellenspitze ist festgefahren seit Wochen, und deshalb fiebert man dem Samstag entgegen, wenn sich die ersten Vier duellieren, die Bayern gegen den VfB, Leverkusen gegen Bremen. Spitzenspieltag. Werden die Bayern vom Thron gestoßen, oder schaffen sie es, den VfB in die Krise zu stürzen? Hält Augenthaler die Leverkusener auf Kurs, brechen die Bremer wieder ein? Existenzielle Fragen gibt es zu klären, Tugend und Charakter sind gefragt. Wer sich Spaß und Unterhaltung erhofft, wird sich wohl anderen Schauplätzen zuwenden müssen.“

Klosterfrau Melissengeist zum Anschauen

Joachim Mölter (taz 8.12.) auch: „In der Fußball-Bundesliga regiert das Mittelmaß, Gott sei Dank, denn sonst würde nichts und niemand herrschen in diesen Tagen. Von den Klubs am Anfang und am Ende der Tabelle ist derzeit nichts Entscheidendes zu erwarten: Die Oberen wollen bloß nicht verlieren, die Unteren können einfach nicht gewinnen, so häufen sich die Unentschieden. Spitzenspiele, Abstiegsduelle – die Partien jedenfalls, die früher aufgrund der Tabellenkonstellation für Herzklopfen sorgten, sind momentan so etwas wie Klosterfrau Melissengeist zum Anschauen: Sie führen zu extremer Ausgeglichenheit und beruhigen bis zum Einschlafen. Will das wer?“

Werder Bremen – Bayern München 1:1

Die alte Bestie versucht sich selbst einzureden, dass sie immer noch die alte Bestie ist

Christof Kneer (BLZ 8.12.) kontert die Einschüchterung von Uli Hoeneß: “Der Satz hörte sich gut an, deshalb probierte Uli Hoeneß ihn gleich noch einmal aus. Ich denke, dass wir jetzt wieder Herbstmeister werden können, wollte er also gerade ein zweites Mal sagen, aber kurz bevor er die Botschaft erneut ins Ziel brachte, unterbrach er sich selbst. Ist es in Stuttgart beim Nullnull geblieben?, fragte er schnell. Ist es, beruhigte der Mann mit dem Mikrofon, worauf Hoeneß sogleich wieder das spielte, was er am besten kann, nämlich Hoeneß. Sehen Sie, sagte er, wir haben nur sechs Punkte Rückstand auf Stuttgart, und wir spielen noch gegen die. Wir können noch Herbstmeister werden. Man hat Uli Hoeneß wieder einmal bewundern müssen. Keiner kann so gut mit den Gesichtern hantieren wie der Manager des FC Bayern München. Wenn er will, kann er auf Knopfdruck seinen Drohkulissenblick einschalten, worauf sich die ganze Liga sowie halb Europa erschrecken. Die Münchner leben nicht schlecht von ihrer Legende, und sie haben sich die Legende redlich verdient. Der Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld hat seiner Elf einen aufs Ergebnis berechneten Mathematiklehrerfußball beigebracht, den die Gegner fürchten, weil sie die Regeln nicht verstehen. Man hätte also meinen können, dass alles wie immer war in Bremen. Allein die Anwesenheit der Bayern genügte, um den zuletzt kunstvoll kombinierenden Bremern die Zaubereien auszutreiben, und als sich die Werderaner endlich ein Elfmetertor durch Ailton erwirtschaftet hatten, ließen die Bayern kühl den Ausgleich folgen. Um die Grausamkeiten abzurunden, war das Tor auch noch Abseits, was Bremens Trainer Thomas Schaaf brummen ließ: In der ersten Hälfte konnte der Assistent nicht oft genug winken, in der zweiten war er wohl müde. So war es also, dieses Spiel, aus der Sicht von Uli Hoeneß jedenfalls. Die Bayern sind wieder die Bayern; das ist die Botschaft, die sie hören sollen in der Liga und in Anderlecht. Vielleicht werden sich wieder ein paar finden, die diese Botschaft glauben. Die Wahrheit ist aber, dass dem FCB zurzeit die rechte Glaubwürdigkeit fehlt. Man wird das Gefühl nicht los, dass der FC Bayern all die markigen Sätze in Wahrheit an den FC Bayern adressiert hat. Die alte Bestie versucht sich selbst einzureden, dass sie immer noch die alte Bestie ist.“

Paul Engeln (FR 8.12.) schildert die laute Bescheidenheit der Bayern: „Die Bayern lobten sich, nominell offensiv aufgestellt, hinterher nur für ihre zerstörerische Defensivkraft. Dass Ballack so toll und stabilisierend (und auch ausschließlich) nach hinten gearbeitet hätte. Dass die Abseitsfalle zuverlässig zugeschnappt sei. Dass der Bremer Spielfluss sehr sehr clever (Kahn) unterbunden wurde. Die Bremer hatten zuletzt gezaubert, bekundete Ottmar Hitzfeld. Diesmal nicht. Es zeigt ein wenig die aktuellen Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball, wenn sich die Bayern damit höchst zufrieden zeigen, die andern am Zaubern gehindert zu haben. Uli Hoeneß war sogar so zufrieden, dass er gleich mal seine Einschätzung zurücknahm, Werder wäre momentan die beste deutsche Mannschaft. Werder war Favorit, sagte er mit besonderer Betonung auf dem Wörtchen war, und ich dachte, so spielen sie auch. Hoeneß grinste, zeigte sich mit sich und seiner Bayern-Welt sehr im Reinen und verschwand. Keine Frage, aus diesem Spiel ohne Sieger hatte Hoeneß einen klaren Sieger herausgelesen: seine Bayern.“

Der von vielen erhoffte Rollentausch hat nicht stattgefunden

Daniel Schalz (taz 8.12.) fügt hinzu: „Als die meisten Stadionbesucher bereits in den überfüllten Kneipen rund um das Stadion über Elfmeter und Abseits diskutierten, stand vor der Bremer Kurve immer noch ein Häuflein Werder-Fans. Deutlich mitgenommen vom Spiel und dem einen Becks zu viel krächzten sie ihr Deutscher Meister wird nur der SVW einigen vorübergehenden Bayern-Anhängern nach. Doch diese lächelten nur, denn es klang bei weitem nicht mehr so Furcht einflößend wie noch einige Stunden zuvor. Das vermeintliche Spitzenspiel hatte keinen Sieger ergeben, sondern nur die Erkenntnis: Der von vielen erhoffte Rollentausch hatte vorerst nicht stattgefunden.“

Ein Punkt gegen die Bayern reicht nicht mehr

Frank Heike (FAZ 8.12.) legt Bremer Enttäuschung dar – und Münchner Zufriedenheit: „Als Ottmar Hitzfeld seinen Schokoladen-Nikolaus vom Tisch genommen hatte und losgehen wollte, blieb er für einen Moment stehen und wartete auf Thomas Schaaf. Normalerweise folgt hier ein kurzer Händedruck, ein gemurmeltes Gute Heimfahrt und viel Glück noch, und die Trainer gehen nach der Pressekonferenz ihrer Wege. An diesem Samstag wollte Hitzfeld etwas loswerden. Er streckte Schaaf die Hand entgegen und sagte: Gratulation. Eine super Mannschaft hast du. Den Rest konnte man nicht verstehen, es handelte sich ja auch um ein intimes Gespräch, das nicht für Reporterohren bestimmt war. Doch es war bezeichnend, daß Hitzfeld, der Abgeordnete der großen Bayern, so zufrieden mit dem Punkt war, daß er den Gegner nachher fast schon zu heftig lobte, wenn auch nur im Flüsterton: Wen man auch fragte, alle Münchner bezeichneten das Remis als Punktgewinn, als Zeichen für neues Selbstbewußtsein, als positives Signal. Während sich Hitzfeld als Gentleman zeigte, lief Uli Hoeneß an der Stätte alter Fehden zur Hochform auf. Noch vor der Partie beim großen Rivalen vergangener Zeiten hatte Hoeneß Werder Bremen als beste Mannschaft der Bundesliga bezeichnet. Vorbei. Was interessierte ihn nun noch das Geschwätz von gestern? Den Sinneswandel erklärte Hoeneß, eingeklemmt von Kameras im Plexiglas-Kabinengang, so: Ja, das habe ich gesagt. Aber das gilt jetzt nicht mehr. Weil wir jetzt die beste Mannschaft sind. Herrlich, dieser rotgesichtige Provokateur, der durch gezielte Sticheleien immer wieder versucht, die eigene Mannschaft aufzuwecken und die Gegner einzuschüchtern. Leider verpuffte der letzte Ausruf der neuen, alten Bayern-Stärke nach dem 0:0 bei Celtic Glasgow ohne Langzeitwirkung. In Bremen erinnerten die Bayern in ihrer Spielweise sehr an das torlose Remis. Mit robustem, gut organisierten Fußball ohne Sinn fürs Schöne unterbanden die Münchner das feine Bremer Kombinationsspiel (…) Während die Bayern die Wende herbeigekämpft hatten, war bei Werder vor allem einer gar nicht zufrieden: Schaaf. Schaafs Unzufriedenheit zeigt das neue Bremer Selbstbewußtsein – ein Punkt gegen die Bayern reicht ihnen nicht mehr.“

Im Fußball werden nicht nur absichtliche Fouls geahndet, sondern auch fahrlässige Vergehen

Hellmut Krug (TspaS 7.12.), ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter, stärkt seinem Kollegen den Rücken für dessen Elfmeterpfiff: „Der Schiedsrichter hat völlig korrekt gehandelt. Im Fernsehen sieht man, dass Lizarazu mit seinem Arm Klasnic im Gesicht getroffen hat. Lizarazu hat nach dem Spiel gesagt, er habe Klasnic beim Hochspringen nur unabsichtlich getroffen. Ich halte das für Unsinn. Schauen wir uns die Szene an: Lizarazu bewegt sich in Erwartung einer Flanke rückwärts, streckt dabei den linken Arm zur Seite aus und trifft Klasnic im Gesicht. Die Frage ist: Warum schlägt er überhaupt mit dem Arm, und dann gerade mit dem linken, zur Seite aus? Lizarazu gab hinterher an, er hätte nur hochspringen wollen. Doch beim Hochspringen hat man normalerweise die Arme zunächst am Körper – um sie dann zur Unterstützung des Sprungs nach oben zu reißen. Von all dem ist auf den Bildern nichts zu sehen. Nur wenn man einen anderen Spieler wegdrücken oder sich Platz verschaffen will, breitet man die Arme aus. Das kann dazu führen, dass man den Gegenspieler trifft. Lizarazu hat Klasnic vielleicht unglücklich oder gar unbeabsichtigt getroffen, aber er hat fahrlässig gehandelt. Dabei spielt es keine Rolle, ob Absicht vorlag oder nicht. Denn im Fußball werden nicht nur absichtliche Fouls geahndet, sondern auch fahrlässige Vergehen.“

VfB Stuttgart – Hamburger SV 0:0

Christian Zaschke (SZ 8.12.) sind die Augen schwer geworden: „Weitgehend uninspiriert kontrollierte die Mannschaft das Spiel, sie bot 70 Minuten Fußball, der ungefähr so aufregend aussah wie ein Tag in einer Kleinstadtbank. Bis dahin hatte der HSV für den höheren Unterhaltungswert gesorgt. Das lag an den Eckbällen und Flanken von Mehdi Mahdavikia. Erstaunlich, wie er es immer wieder fertig brachte, den Ball rund 40 Meter in die Luft zu jagen, von wo dieser gemächlich in den Strafraum fiel. Selbst eine Abwehr aus Schildkröten hätte sich in der Zeit, in welcher der Ball unterwegs war, solide formiert. Erstaunlich auch, wie der HSV Flügelspiel vermied. Raphael Wicky weigerte sich so beharrlich, als hätten die Stuttgarter dort Verbotsschilder auf den Rasen gestellt (…) Nach Spielschluss rissen die Hamburger die Arme in die Luft. Sie wussten: Dies war ein äußerst glücklich erkämpfter Punkt. Etwas übertreiben wirkte diese Freud, als HSV-Trainer Klaus Toppmöller sagte: „Meine Mannschaft hat ein tolles Spiel gezeigt, leider haben die Tore gefehlt.“ Es wären wohl Stuttgarter Tore geworden.“

Wenig ist in Stuttgart derzeit noch so, wie es einst war

Oliver Trust (Tsp 8.12.) ergänzt: “Wenig ist in Stuttgart derzeit noch so, wie es einst war. Eine Niederlage im DFB-Pokal und zwei torlose Unentschieden in der Bundesliga werden als erste Anzeichen für eine kleine Krise gewertet. Und viele sind der Ansicht, das ganze Theater habe nicht nur mit der Verletzungspause von Abwehrchef Marcelo Bordon zu tun, sondern vor allem mit Kevin Kuranyi.“

Eine vertane Chance

Rainer Seele (FAZ 8.12.) hat dem Stuttgarter Trainer zugehört: „Felix Magath ließ Milde walten – und es schien sogar fast so, als wollte er die Erwartungen des Publikums in Stuttgart generell ein bißchen dämpfen. Man ist vielleicht ein bißchen verwöhnt hier, sagte Magath. Er redete nicht von Enttäuschung, vielmehr behauptete er, nicht weiter traurig zu sein wegen der auf heimischem Terrain eingebüßten Punkte. Die Stuttgarter blieben schließlich Tabellenführer, sie hätten sich jedoch mit einem Sieg ein bißchen von ihren Verfolgern absetzen können – eine vertane Chance also. Wenn wie am Samstag die Stürmer ihrem ursprünglichen Auftrag nicht gerecht werden, vor allem ein junger Mann wie Kevin Kuranyi, der mitten in Verhandlungen über seine Zukunft steckt, ist auch schnell die Rede davon, daß hier von jemand vom Wesentlichen abgelenkt werde. Doch auch in diesem Fall versuchte Magath zu beschwichtigen. Die Vertragsgespräche von Kuranyi hätten keinen Einfluß auf sein Spiel, sagte er, er war wieder sehr beweglich und viel unterwegs. Leider aber auch aus Sicht der Schwaben glücklos. Kuranyi selbst räumte ein, daß ihn die Situation belaste: Das steckt in meinem Kopf.“

Borussia Dortmund – Hertha BSC Berlin 1:1

Krampflöser und Stimmungskanone

Claus Dieterle (FAZ 8.12.) schreibt über den guten Einfluss Andreas Thoms auf die Berliner: „Es tat den Gebeutelten sichtlich gut, zur Abwechslung mal wieder über etwas anderes als nur über unerklärliche Aussetzer zu sprechen. Obwohl die Hertha im ersten Spiel nach der Ära Huub Stevens davon keineswegs frei war. Auch unter der Regie der Zwischenlösung Andreas Thom offenbarte Nationalspieler Arne Friedrich mit zwei haarsträubenden Fehlern das alte Elend des Berliner Innenlebens. Und dennoch schien es so, als habe Thom den Spielern in den zwei Tagen seiner Amtszeit schon zu mehr Balance und Stabilität verholfen. Das ließ sich an der Körpersprache auf dem Platz ablesen, wo die neugeordneten Berliner nie den Eindruck erweckten, sich – wie noch in Bremen – ergeben in ihr Schicksal zu fügen. Am deutlichsten zeigte sich aber der frische Berliner Geist in jener Phase, als die personell dauergeschwächten Dortmunder in der 69. Minute durch Leandro unverhofft zum 1:0 kamen. Kunstschuß oder Glückstreffer, Torwartfehler oder unhaltbar, jedenfalls schwante Andreas Thom da nichts Gutes. Doch was er für den Gnadenstoß hielt, entpuppte sich als Nadelstich. Denn die Berliner gingen nun vom hinhaltenden Widerstand zum Gegenangriff über (…)Thom gebührt das Verdienst, aus einem haltlosen Haufen fürs erste ein kompaktes Team gemacht zu haben. Auch wenn der frühere Nationalspieler seinen Anteil am Teilerfolg herunterspielte. Was konnte ich schon groß machen in der kurzen Zeit? Bei Thom ist es womöglich weniger der Inhalt, sondern mehr die Verpackung, die seine rasche Wirkung ausmacht: die flapsige Berliner Schnauze, aus der sich alles nicht so schrecklich nüchtern anhört wie aus dem Mund des verkrampften Holländers Stevens. Man hat Thom wohl als eine Art Krampflöser eingesetzt, als Stimmungskanone.“

Diskrepanz zwischen Worten und Gesten

Stefan Hermanns (Tsp 8.12.) beobachtet unschlüssige Berliner: „Der Gesichtsausdruck von Dieter Hoeneß verriet am deutlichsten, dass sich bei Hertha BSC etwas verändert hat. In den vergangenen Wochen hatten die Bilder von Hoeneß nicht besonders vorteilhaft ausgesehen: die Haut blass, der Blick verkniffen, die Augenhöhlen dunkel. Die Krise bei Hertha BSC, die in sämtlichen Zeitungen abgebildet worden war, hatte sich eine fahle Dieter-Hoeneß-Maske aufgesetzt. Am Samstag aber, nach dem 1:1 des Berliner Fußball-Bundesligisten bei Borussia Dortmund, lächelte Hoeneß ganz selig. „Es gibt keinen Grund für Euphorie“, sagte Herthas Manager, aber in Wirklichkeit war er so gut gelaunt, dass er sogar den tätlichen Angriff von ZDF-Ranschmeißer Rolf Töpperwien mit einem Lachen über sich ergehen ließ. Die Diskrepanz zwischen Worten und Gesten belegt die ganze Zerrissenheit bei Hertha BSC. Am liebsten würden wohl alle Beteiligten nach dem Ende der grauen Stevens-Zeit ihre Freude über den unerwarteten Erfolg herausbrüllen; doch nach den periodisch auftretenden Rückschlägen sind sie vorsichtig geworden. Reicht schon ein Unentschieden in Dortmund, um wirklich einen tragfähigen Aufschwung auszurufen?“

1860 München – Hansa Rostock 1:4

Daniel Pontzen (Tsp 8.12.) gratuliert Martin Max und der „Wir-AG Rostock“: „Es war die perfekte Gelegenheit zur Abrechnung. Martin Max lehnte an einem Gitter in den Katakomben des Münchner Olympiastadions und wartete, bis sich die Journalisten postiert hatten – um ihn zu bestürmen, den Sieger einer Auseinandersetzung, die nicht einmal stattgefunden hatte. Im Frühsommer, als Max auf ein Angebot zur Vertragsverlängerung gewartet hatte, verzichteten die Verantwortlichen von 1860 München auf ein Gespräch. Für den Stürmer war kein Platz vorgesehen im Verein, weil er schon 35 war. Abgeschoben fühlte sich Max, und das muss Verbitterung auslösen bei jemandem, der über Jahre bester Torschütze eines mittelmäßigen Klubs war und trotz dieses mittelmäßigen Klubs zweimal Torschützenkönig geworden war. Jetzt also, nachdem er zwei Tore beigetragen hatte zum 4:1 über seinen ehemaligen Verein, konnte er verbale Vergeltung üben für die empfundene Ignoranz, als ihn ein Reporter fragte, ob durch die Ereignisse des Tages sein kühnster Traum in Erfüllung gegangen sei. Doch Max sagte nur: „Wir hatten uns vorgenommen, heute zu gewinnen. Und ich denke, wir haben viel Selbstvertrauen getankt in den vergangenen Wochen.“ Juri Schlünz, seit sieben Spielen Trainer von Hansa Rostock, wird in der demonstrativen Bescheidenheit von Max nichts Sonderbares erkennen. Für ihn ist das die gelebte Einstellung, die er seinen Spielern abverlangt. Das ist der Schlüssel zu vier Siegen in Folge: „Die Spieler haben gelernt, dass nicht die Worte ‚ich’ oder ‚mein’ wichtig sind, sondern dass das Wort ‚wir’ großgeschrieben wird.“ Schlünz lehrt die Rostocker das System der ersten Person Plural: Max als Mannschaftsteil.“

Gerald Kleffmann (SZ 8.12.) bestaunt die Rostocker Kontertaktik: „Waren sie im Ballbesitz, stürmten sieben, acht Mann nach vorne, jeder bot sich an. Genauso schnell waren die Spieler wieder in der Abwehrposition. Ein simples und lebendiges Konzept, das die phlegmatisch auftretenden 1860-Spieler jederzeit überforderte.“

Ihm haftet Stallgeruch an, der für Authentizität steht

Thomas Kilchenstein (FR 8.12.) porträtiert Juri Schlünz: „Der Mann, der seine Emotionen im Griff hat, nicht an der Seitenlinie wie verrückt herumhüpft, eher wenig als viel sagt, passt so gar nicht in diese schrille, bunte, unwirkliche Zirkuswelt des Fußballs. Und passt vielleicht gerade deswegen jetzt so punktgenau zu Hansa Rostock. Zwei Mal zuvor hat er jeweils interimistisch den Chef gegeben und ist sofort wieder ins zweite Glied gerückt, als man einen namhafteren gefunden hatte. Es gab immer namhaftere als Schlünz. Nun, im dritten Anlauf, ist er Chef. Und was für einer: Die letzten vier Spiele hat der Club von der Ostsee allesamt gewonnen, darunter gegen Schalke, Dortmund und jetzt bei 1860 München Das ist beeindruckend. Schlünz, Typ: ewiger Platzhalter, hat die notorisch in Abstiegsnot dümpelnden Hansa-Kicker binnen vier Wochen aus dem Gröbsten geführt. Von seinem Vorgänger Armin Veh (der immerhin Torjäger Martin Max geholt hat) spricht keiner mehr. An Schlünz wird seine Ruhe, seine Unaufgeregtheit, seine Sachlichkeit gerühmt. Zudem hat er die Abwehr umgestellt, hat im Training die Zügel angezogen, hat ausrangierte Typen wie Rydlewitz, Maul und di Salvo zurück ins Team geholt. Dazu kennt er Mentalität und Charakter des Clubs wie kaum ein anderer. Ihm haftet der Stallgeruch an, der für Authentizität steht. Juri Schlünz genießt in Rostock fast schon Kultstatus. Aus der Lösung aus der Not ist eine auf Dauer geworden.“

Marc Schürmann (FTD 8.12.) schlägt vor: “Wer sich immer schon gefragt hat, wie es wohl ist, depressiv zu sein, der gehe zu einem Heimspiel des TSV 1860 München. Üblicherweise erwarten einen dort Nieselregen, Kälte, Rasengestocher – und vor allem: Einsamkeit. So wie jetzt gegen Rostock, 18 600 Zuschauer, sowieso ziemlich wenig für eine Millionenstadt, aber dieses Häuflein Menschen verliert sich auch noch in der Weite des Olympiastadions wie Fische im Meer, ein Ozean von leeren, feuchten, kalten Plastiksitzschalen, schlimm sieht das aus, schlimm fühlt es sich an, und dann noch 1:4. Aber die Welt ist modern, und sie hat Lösungen. Weil der 1. SC Göttingen 05, Niedersachsen-Liga, unter seinen Schulden zusammenbrach und sich aus dem Vereinsregister streichen ließ, bieten sich dessen Fans nun zur Miete an. Sie jubeln, skandieren und singen für jeden Verein, heißt es, inklusive Transparente, ihr Lohn sei eine Bratwurst, ein paar Bier und das Wochenendticket. südländische Atmosphäre gegen Aufpreis. Also auf ins Olympiastadion: So leicht kommen die Löwen nimmermehr an fröhliche Fans.“

SC Freiburg – VfL Bochum 4:2

Christoph Kieslich (FAZ 8.12.) freut sich mit Freiburg: „Ganz spät am Samstag abend hat Freiburg ein weiteres Mal gewonnen. Bei Wetten, daß . . .? im ZDF lautete die Aufgabe, in Windeseile 5000 Menschen in Fanmontur ins Dreisamstadion zu bringen. Also pilgerten die Freiburger ein paar Stunden nach dem 4:2 noch einmal die Schwarzwaldstraße hinauf und gaben ein prächtiges Fernsehbild ab: 7000 kamen und stimmten, dirigiert von SC-Kapitän Richard Golz, O Tannenbaum an. Sie hätten, berauscht vom nachmittäglichen Bundesligaspiel, wahrscheinlich auch noch gewagtere Wetten angenommen (…) Man kann beide Abwehrreihen für mangelhafte Arbeit zur Verantwortung ziehen. Man kann aber auch behaupten, daß zwei Mannschaften ihrer Spielfreude freien Lauf ließen.“

Christoph Biermann (SZ 8.12.) berichtigt: „Als Volker Finke über die Vorbedingungen schönen Nachmittags räsonierte, glaubte er, mit seinem großen Kollegen Dettmar Cramer zu sprechen. Das jedenfalls behauptete er, als er über die Stimmungssteigerung in den Tagen vor dem 4:2-Sieg sagte: „Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher furz.“ Im sonnigen Südbaden neigen die Menschen erstaunlicher Weise nämlich zu grüblerischen Zweifeln und grummeligen Gemaule, wenn es um ihren SC Freiburg geht. Und so etwas schlägt sich schnell bei der Mannschaft nieder, und sorgt für leichte Traurigkeit, die Finke in Fröhlichkeit verwandeln muss. Wobei obiges Zitat nicht von Trainer-Napoleon Cramer stammt, sondern von Martin Luther, der aber nicht vom „traurigen Arsch“, sondern vom „verzagten Arsch“ predigte. Man kann vermuten, dass Finke der „fröhliche Furz“ deshalb in den Sinn kam, weil Bundeskanzler Schröder diesen mit großem Erfolg zur Mobilisierung bei der Bundestagswahl im Vorjahr heraufbeschwor.“

Eintracht Frankfurt – Hannover 96 2:2

Bei der Eintracht stellt Ingo Durstewitz (FR 8.12.) kontinuierliche Besserung fest: “Die Frankfurter haben die Runde exakt so begonnen, wie sie an den Stammtischen von Sylt bis an den Bodensee wahrgenommen wurden: wie Hasenfüße, Duckmäuser, die eher zufällig in die Phalanx der Großen eingedrungen sind. Die Eintracht kickte nicht nur erfolglos, sondern, schlimmer noch, uninspiriert, unappetitlich, unattraktiv. Das schöne Spiel verdiente den Namen nicht, wenn Eintracht Frankfurt im Stadion aufkreuzte; die Profis waren nur auf Destruktion beschränkt, fußballerten ohne Esprit und Witz, Glauben und Zutrauen. Erst die denkwürdigen Geschehnisse in der Woche nach der denkwürdigen Vorführung in Bremen sorgten für die Wende. Die Mannschaft rückte ein gutes Stück von ihrem Vorgesetzten ab, begehrte gegen die hässliche Mauertaktik auf. Der Spielerrat bat Reimann zum Gespräch, legte seinen Standpunkt dar, versuchte zu verdeutlichen, dass Eintracht Frankfurt mit dieser Spielweise keinen Blumentopf gewinnen werde. Das fragile Gebilde drohte zu zerbersten, Mannschaft und Trainer wandelten auf einem schmalen Grat. Doch Reimann, dem viele Starrsinn und Dickköpfigkeit vorwerfen, hörte genau zu und lenkte ein. Seitdem begegnet Eintracht Frankfurt den 17 Konkurrenten auf Augenhöhe, tritt als Mannschaft auf: giftig, bissig, mutig, kompakt, geschlossen, kampf- und laufstark.“

Frankfurter Kaltstadion

Roland Zorn (FAZ 8.12.): „In wichtigen Situationen fehlen uns einfach noch Cleverneß und Kaltschnäuzigkeit, kritisierte der Frankfurter Trainer Willi Reimann das Mißverhältnis zwischen großem Aufwand und kleinem Ertrag. Die Hannoveraner waren als fest im Mittelfeld verankerte Mannschaft froh, das Waldstadion halbwegs unbeschädigt verlassen zu haben. Unwirtlich war es den Niedersachsen trotzdem vorgekommen. Hier zieht es ja wie Hechtsuppe, klagte Stürmer Brdaric über das Frankfurter Kaltstadion, ehe er zügig den mollig warmen Mannschaftsbus enterte. Sorgen haben die Leute . . .“

VfL Wolfsburg – 1. FC Kaiserslautern 4:1

Peter Unfried (taz 8.12.) „macht es manchmal richtig Spaß, dem VfL zuzusehen“: „Die Bundesliga ist derzeit eine klar ausdifferenzierte Mehrklassengesellschaft. Vorne stehen vier gutklassige Teams, die erfolgreichen und ansprechenden Fußball spielen. Dann kommt eins (Dortmund), dessen Richtung sich noch entscheidet. Danach kommt eine Lücke, entstanden durch das Schwächeln dreier Teams (Schalke, Hertha, HSV). Dort, auf Platz 6, sich festzubeißen und Anschlussfähigkeit nach oben sowohl spielerisch als auch tabellarisch nachzuweisen, darum spielen jetzt all jene Teams, für die es letztlich erklärtermaßen nicht nur um die Vermeidung des Abstiegs geht. Das sind mit Abstrichen 1860 München, Schalke, HSV und hauptberuflich der VfL Wolfsburg. Wolfsburg hat mit dem 4:1 über den 1. FC Kaiserslautern zweierlei bewerkstelligt: Sich selbst zurück in dieses mühselige Geschäft gebracht. Und den Gegner entgültig letzter schwacher Hoffnungen darauf beraubt. Wer Wolfsburg sagt, meint übrigens zunächst Andres dAlessandro (22), in zweiter Linie die von ihm geführte Südamerika-Offensive. Der argentinische Spielmacher hat etwas nach Wolfsburg gebracht, was man dort trotz Effenberg noch nicht gesehen hat: Eine für Bundesligaverhältnisse außergewöhnliche Verbindung von Fußballkunst und Effizienz. Lautern hatte das Spiel im Griff, solange es ihn aus dem Spiel hielt.“

Javier Cáceres (SZ 8.12.) trocknet Tränchen: „Nur Martin Petrov muffelte vor sich hin. Ein „schlechtes Spiel“ habe er abgeliefert, „kein Tor keine Flanke, kein Torschuss“ – wie soll man sich da freuen? Die Bärbeißigkeit des Bulgaren war durchaus konsequent. Schon auf dem Platz hatte er nach zwei der drei Tores eines Mitspielers Fernando Baiano die Hände vor allem deshalb in die Höhe gereckt, um darüber zu hadern, dass man ihn übersehen hatte. Seine Missgunst mag man verdammen – oder aber als Teil des Gesamtkunstwerks Petrov hinnehmen, denn gerade aus seiner Egozentrik bezieht der Bulgare seine Brillanz. Nicht von ungefähr erinnert er an seinen ebenso berühmten wie divenhaften Landsmann Hristo Stoitchkov.“

Fußball in Europa: Ergebnisse – Tabellen – TorschützenNZZ

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