indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 25. März 2004

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„Russischer Fußball – mehr Geschäfts als Spiel“

„Russischer Fußball – mehr Geschäfts als Spiel“ NZZ

Gewinnspiel für Experten

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Sonstiges

Sonstiges

Karlheinz Pflipsen (Alemannia Aachen) trifft auf seinen Heimatverein – Sorge über Sicherheit in Portugal – Soziologen beschäftigen sich mit St.Pauli-Fans (FTD) – Fußball tröstet Haiti (NZZ) u.v.m.

Einmaliger Nationalspieler

Im DFB-Pokal spielt Aachen gegen Gladbach, Roland Zorn (FAZ 17.3.) drückt Karlheinz Pflipsen die Daumen: „In dem kleinen Konferenzraum der Geschäftsstelle von Alemannia Aachen hängt ein großes Bild, auf dem ein Spieler im schwarzen Trikot durch einen neonbeleuchteten gelben Tunnel schreitet. Auf dem Rücken des in künstlerische Unschärfe getauchten Kickers ist nur eines klar sichtbar: die Nummer 10 und der Name Pflipsen. Das Foto beweist, daß dieser Pflipsen ein ganz besonderer Profi beim Tabellenvierten der Zweiten Bundesliga ist. Er nämlich ordnet und lenkt dort das Spiel in die rechten Bahnen. Der 33 Jahre alte Kapitän des Aufstiegskandidaten steht Woche für Woche im Mittelpunkt der Aachener – und an diesem Mittwoch ganz besonders. Dann nämlich treffen Pflipsen und seine Mannschaftskameraden im DFB-Pokal auf den abstiegsbedrohten klassenhöheren Nachbarn Borussia Mönchengladbach. Jenen Verein, für den der Mann mit den Qualitäten eines Fußballregisseurs fünfzehn Jahre gespielt hat. Noch immer wohnt der dunkelhaarige Sensible mit den braunen Augen in Mönchengladbach, und noch immer ist die Borussia ein Herzensklub für ihn. Ich bin dort groß geworden, das kann man nicht wegreden, sagt der einmalige [sic!] Nationalspieler – 1993 beim US-Cup gegen die Amerikaner (4:3) – und bekennt sich sogleich zu seinem jetzigen Arbeitgeber. Es ist mein Traum, mit Aachen noch einmal in die erste Liga aufzusteigen.“

Thomas Klemm (FAZ 17.3.) berichtet Sorge und Sicherheitsvorkehrung in Portugal: „Es war Montag, der 8. März, als sich Leonel de Carvalhou zum letzten Mal über die Angst seiner Landsleute wunderte. Eine Sicherheitspsychose bescheinigte der Sicherheitskoordinator der Fußball-Europameisterschaft 2004 an jenem Tag den Portugiesen, einen Hang zur Schwarzmalerei. Unvernünftig erscheine ihm daher die dauerhafte Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen während der EM-Endrunde, sagte Carvalhou in Prag bei einer Werbeveranstaltung für die Europameisterschaft. Denn: Fußballstadien sind weder Flughäfen noch Hochsicherheitsgefängnisse. Es war Donnerstag, der 11. März, als der scheinbar heile westeuropäische Teil der Welt auch in Portugal zusammenbrach. Nach fast gleichzeitigen Terroranschlägen auf drei Bahnhöfe in Madrid, bei denen 201 Menschen starben und mehr als 1500 verletzt wurden, fühlt sich das Nachbarland der Iberischen Halbinsel nun zunehmend gefordert. Hatten sich Regierung, EM-Organisatoren und Sicherheitskräfte in den Monaten zuvor beinahe ausschließlich damit beschäftigt, wie mit gewaltbereiten Fans vor allem aus England umzugehen sei, so müssen sie sich plötzlich auch mit einer Terrorgefahr für die Zeit vom 12. Juni bis 4. Juli auseinandersetzen. Zwar gebe es derzeit keine Hinweise auf eine derartige Bedrohung, wie Ministerpräsident José Manuel Durão Barroso am Dienstag abermals betonte; doch hat die Regierung eine Intensivierung präventiver Maßnahmen beschlossen. Zur Sicherheit werde alles Notwendige ernsthaft und vertraulich getan, kündigte José Luis Arnaut an, der für den Sport zuständige Minister des Regierungschefs. Aber keine Regierung kann die totale Sicherheit garantieren gegen Anschläge wie in Madrid. Nach jenen verheerenden Attentaten hat das Land am Südwestzipfel Europas begonnen, Flughäfen und Bahnhöfe verstärkt zu sichern. Für die Zeit vor und nach der Europameisterschaft sind, obwohl Portugal zu den Unterzeichnern des Schengener Abkommens gehört, Kontrollen an den Grenzübergängen zu Spanien geplant; wiewohl Terroristen kaum zu identifizieren sind, weil sie in der Regel mit gewöhnlichen Reisepässen einreisen. An den EM-Spieltagen sollen nach Informationen der Wochenzeitung Expresso Jagdflugzeuge des Typs F-16 den Luftraum über den Austragungsorten überwachen. Auf Wunsch erhalten die Mannschaften aller 16 Endrundenteilnehmer Polizei-Eskorten, in jedem Falle das spanische Team.“

Idealisierte Konstruktion einer möglichen Gesellschaft

René Martens (FTD 17.3.) studiert Soziologie über St.Pauli-Fans: „Unter dem Titel „FC St. Pauli. Zur Ethnographie eines Vereins“ haben Studenten des Instituts für Volkskunde der Universität Hamburg zwei Semester lang versucht, die Symbolkraft des Vereins zu erforschen. Kein Fußballklub war bisher Subjekt eines ethnologischen Seminars, geschweige denn eines wissenschaftlichen Buchprojekts. Doch: „Der FC St. Pauli hat und ist Kultur“, sagt Brigitta Schmidt-Lauber, die Leiterin des Seminars. Wie kommt es zum Kultstatus? Welche Bilder und Vorstellungen sind mit dem sozialen Phänomen verknüpft, und wie real ist ihr Hintergrund? Solchen Fragen haben sich ihre Studenten genähert. Teilweise wirkten auch Fans mit: Einer hat bei einem Viertelrundgang alle Orte fotografiert, die er an einem Heimspieltag aufsucht. Die Lösung des Rätsels FC St. Pauli fanden die Autoren überwiegend im unmittelbaren Stadionumfeld. 500 Kneipen, Bars und Restaurants sind innerhalb von zehn Minuten zu erreichen. Wer am Freitag Abend mit Freunden zum Fußball geht und sich danach um die Ecke ins Nachtleben stürzt, schwört dieser lieb gewonnen sozialen Gewohnheit nicht ab, weil die Gegner plötzlich VfR Neumünster oder 1. FC Köln-Amateure heißen. Auf St. Pauli wird laut Autoren des Buches „der Wunsch nach einer Andersartigkeit gegenüber Rest-Hamburg“ gelebt, der sich auf die Fanszene und ihr Verhältnis zur restlichen Fußball-Welt übertragen habe. „Das den FC St. Pauli umgebende Wertegefüge ist eine idealisierte Konstruktion einer möglichen Gesellschaft, die unabhängig von der tatsächlichen Lebenswelt ihrer Anhänger besteht“, resümiert das Buch. Die Ethnologen beendeten ihre Untersuchung im Sommer 2003, als dieses Wertegefüge schwer beschädigt wurde, weil der Verein in einer Retter-Kampagne 2,35 Mio. Euro für die Regionalliga-Lizenz zusammen trommelte und dabei alte Feinde wie die CDU, Mc Donald’s und den FC Bayern mitmischen ließ. Die Verbitterung darüber sei groß, sagt Schmidt-Lauber, aber die Fanszene so dynamisch, dass der Kult immer wieder frische Jünger finde. So wird der FC St. Pauli der Ethnologen-Zunft noch viel Arbeit bereiten.“

Besprochenes Buch: Brigitta Schmidt-Lauber (Hg.): FC St. Pauli. Zur Ethnographie eines Vereins. LIT Verlag 2004, 194 S., 9,90 Euro.

FR-Portrait Alexander Zickler (Bayern München)

Matthias Erne (NZZ 16.3.) teilt mit, dass Fußball Haiti tröstet und vom Alltag ablenkt: „Wenn der WM-Viertelfinalist USA und der karibische Aussenseiter Haiti zu einem Freundschaftsspiel antreten, ist das Ergebnis bestenfalls eine Randnotiz wert. Dass sich die beiden Teams am Samstag in Miami 1:1 trennten, entnahmen Leser amerikanischer Sonntagszeitungen daher nur Kurzmeldungen. Dennoch nahm dieser Match einen besonderen Stellenwert ein – jedenfalls für die Haitier. Als wäre das ärmste Land der westlichen Hemisphäre nicht gestraft genug durch eine Aids-Epidemie und den Mangel am Allernötigsten zum Überleben, tobt seit Wochen auch noch ein blutiger Bürgerkrieg. Vielleicht fragt sich Dan Califf, der den Ausgleich für das US-Team erst in der 94.Minute erzielte, ob angesichts solchen Elends im Lande des gegnerischen Teams ein Verfehlen des Tors nicht besser gewesen wäre. Ein Sieg gegen die übermächtigen Amerikaner hätte die Haitier in den schweren Zeiten wenigstens vorübergehend aufgemuntert. Allerdings darf auch das Remis als Erfolg betrachtet werden, vor allem angesichts der Umstände, unter denen die Spieler aus Port-au- Prince derzeit antreten. Zwar steht an der Spitze des Verbands immer noch ein Präsident. Auch ein Generalsekretär und sogar ein Kassier verrichten ihre Arbeit. Aber seit Monaten steht kein Geld mehr zur Verfügung, was die Lage des Nationalteams markant erschwert. Seit dem letzten Herbst trainieren und leben die haitischen Spieler im Exil in Südflorida, wofür mehrere Gründe bestehen. Erstens fehlt zu Hause eine vernünftige Infrastruktur. Zweitens nahm Nationaltrainer Fernando Clavijo Wohnsitz in Miami. Die anfangs ideale Lösung mit weit besseren Trainings- und Lebensbedingungen in Florida als in Port-au- Prince geriet zuletzt zum Albtraum. Ohne Geld vom Verband blieben die Haitier die Miete fürs Trainingsgelände schuldig und mussten die Übungseinheiten in öffentlichen Parks von Miami absolvieren. Nationaltrainer Clavijo, in Uruguay geboren und vor 25 Jahren als Sohn von bettelarmen Immigranten nach Amerika gekommen, bekommt seit vier Monaten kein Gehalt mehr.“

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In Leverkusen

Selten, dass die differenziert berichtenden Autoren der Qualitätspresse, so lange sie nicht für den Spiegel schreiben, ein derart vernichtendes Urteil fällen wie Erik Eggers (FR 16.5.) über Jürgen Kohlers Arbeit als Sportdirektor. „Die gute Stimmung, die der Gute-Laune-Bär Kohler den depressiven Spielern auf dem Trainingsplatz vermitteln wollte, verflog bald. Es dauerte nicht lange, bis Kohler überhaupt nicht mehr am Training teilnahm, weil er das Tischtuch zwischen sich und Trainer Hörster bald zerschnitten hatte. Der Grund: Als Mittelfeldspieler Bastürk von Trainer Hörster aus der ersten Elf verbannt werden sollte, drückte Kohler, der doch Hörsters Kompetenzen nicht beschneiden wollte, den Türken wieder in die Mannschaft. Eine Demontage sondergleichen. Der Oberhörster hatte gesprochen, kommentiert das derStadtanzeiger süffisant, der Trainer musste gehorchen, Bastürk spielte furchtbar. Dass Jürgen Kohler der richtige Mann am richtigen Platz ist, daran wird in Leverkusen spätestens nach der Beinahe-Verpflichtung Udo Latteks gezweifelt, der ersten Aufsehen erregenden Aktion des neuen Sportdirektors. Allein die Idee, den wandelnden Fußball-Anachronismus und Stammtischredner zu engagieren, sprach ja schon für eine gewisse Chuzpe Kohlers. Zumal Latteks Aufgaben eben jenem Jobprofil entsprechen sollten, das auch der neue Sportdirektor laut Calmund zu erfüllen hatte: Rat zu geben als erfahrener, mit allen Wassern gewaschener Profi. Fußball-Deutschland goss Kübel von Spott aus über einen Klub, dessen Vorbildcharakter vor einem Jahr noch gerühmt worden war. Dank Kohler. Die Bilanz seines bisherigen Tuns jedenfalls ist verheerend. Der einstige Fußballgott droht abzustürzen.“

Markus Zydra (FAS 11.5.) ordnet den Versicherungsfall Bayer Leverkusen versicherungsökonomisch ein. „Welchem Fußballfan wäre dieser Fall zu Saisonbeginn in den Sinn gekommen? Bundesligist Bayer Leverkusen, ewiger Vizemeister und letztjähriger Champions-League-Finalist, kämpft gegen den Abstieg. Nur einer hatte solche Phantasie, und zwar schon vor zwei Jahren – pikanterweise war es ein Mann aus dem eigenen Stall. Natürlich, möchte man sagen, kann es sich dann bei Wolfgang Holzhäuser, dem Geschäftsführer des Vereins, um keinen richtigen Fan handeln. Doch wer sich mit Geld beschäftigt, dem sei Defätismus erlaubt, denn er muß mit allem rechnen. Und der Mißerfolg seiner Kicker gibt ihm womöglich recht. Gegen eine Prämie von 550.000 Euro hat Holzhäuser schon 2001 Bayer Leverkusen gegen die finanziellen Unbilden des Abstiegs versichert – und zwar auf fünf Jahre. Damit ist ihm ein Coup gelungen: Die lange Laufzeit ist ein absolutes Novum. Erstaunlich, daß er einen Versicherer gefunden hat, sagt Claus Wunderlich, Geschäftsführer des Maklerbüros Die Sport Assekuranz FinancialInsurance Broker. Schließlich kann in fünf Jahren auch der beste Verein tief abrutschen. Die Hannover Rück, so ist zu vernehmen, sitzt auf der Police, die Leverkusen im Abstiegsfall rund sieben Millionen Euro sichert. Das macht schon deutlich: Abstiegspolicen werden für Versicherer schnell ein Minusgeschäft. So kostete der überraschende Abstieg des spanischen Erstligavereins Atletico Madrid den Versicherer Frankona vor drei Jahren rund 25 Millionen Euro. Dazu mußte der Versicherer noch verkraften, daß Eintracht Frankfurt abstieg, Ulm in die dritte Liga stürzte und Bielefeld nicht aufstieg: Frankona mußte in allen drei Fällen zahlen – der Rückzug aus diesem Geschäft war die Folge, erinnert sich Wunderlich. Experten wie Jürgen Görling, Geschäftsführer der Hamburg-Mannheimer Sports, sprechen von einem Glücksspiel für den Versicherer. Sein Arbeitgeber hat sich deshalb aus diesem Geschäft zurückgezogen. Das Fußballgeschäft, so lernt jeder Toto-Spieler von klein auf, ist entgegen dem Bauchgefühl eben nicht prognostizierbar. Beispiel VfB Stuttgart: Vor einem Jahr hätte der VfB überhaupt keine Abstiegspolice für diese Saison erhalten, sagt Claus Wunderlich. Statt dessen wäre eine Absicherung für Bonuszahlungen an die Spieler, falls sie sich für die Champions League qualifizieren, damals kein Problem und sehr billig gewesen. Jetzt ist die Lage genau umgekehrt. Man sieht: Versicherbar ist im Prinzip jedes Ereignis. Fällige Spielerprämien im Erfolgsfall, Sponsoreneinbußen, wenn der Verein nicht in die internationalen Wettbewerbe kommt, Aufstieg ebenso wie Abstieg. Es kommt allerdings immer darauf an, wer sich versichern will.“

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„Ich bin der Chef von niemandem und niemand ist mein Chef“

Sehr lesenswert! vor dem Spiel gegen Real Madrid sei bei Bayern München „die Furcht größer als die Vorfreude“ (Spiegel) – „Ich bin der Chef von niemandem, und niemand ist mein Chef“ (Bixente Lizarazu im Stern) – neuer Ärger für Borussia Dortmund: die Aktionäre wollen das Unternehmen prüfen – Wolfsburg: „Der Weg von der grauen Maus zum Spitzenklub kann so beschwerlich sein“ (FAZ) – Portrait Fredi Bobic u.v.m. (mehr …)

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Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. „In der AWD-Arena, die mal das Niedersachsenstadion war, ging es in den entscheidenden Szenen zu wie im klassischen Western“, schreibt die FAZ in Bezug auf das hitzige Spiel zwischen Aufsteiger Hannover und Meister Dortmund. Bei der heutigen Zeitungslektüre fällt sodann auf, dass der Ausraster des niedersächsischen Abwehrspieler Diouf die Bedeutung einer Fußnote erfährt, obwohl eine ähnliche Aktion des Bayern-Torhüters Oliver Kahn vor einer Woche große Wellen in der hiesigen Medienlandschaft schlug. Offenbar wird an das Verhalten des Nationalspielers – der im Gegensatz zu Diouf unverständlicherweise mit einer Verwarnung davonkam – nicht nur von der Fußballrechtssprechung ein anderer Maßstab angelegt. Auch für die Beobachter aus den Redaktionsstuben gilt der Vorwurf, sie würden Gleiches ungleich behandeln, auch wenn Vorzeichen und Folgen nicht gegensätzlicher sein könnten. Genießt Kahn auf dem Spielfeld den Bonus eines verdienten Nationalhelden, wird er (nicht nur auf dem Boulevard) rasch zur Zielscheibe von Karikatur und Wortwitz.

„So geringschätzig wie Bayern München in diesen Tagen hat wohl noch keine Mannschaft in der Geschichte der Bundesliga auf die Tabellenführung in der höchsten deutschen Spielklasse reagiert“ interpretiert die FR die Reaktionen aus den Münchner Reihen nach dem klaren 4:1-Erfolg gegen ängstliche Bochumer, die so furios in die Saison gestartet waren. „Denken und Handeln beim FC Bayern sind derzeit ganz auf die Champions League ausgerichtet, in der das wenig standesgemäße vorzeitige Ausscheiden und damit der unerfreuliche Verlust von Image und Geld drohen“, heißt es weiter über die Gründe für die emotionale Vernachlässigung nationaler Aufgaben.

Der Blätterwald widmet seine Aufmerksamkeit derzeit der sportlichen Situation des Hamburger SV, dem man im Vorfeld der Saison einiges zugetraut hatte. Angesichts der immensen Auswärtsschwäche, der schlechten Stimmung unter den Anhängern sowie der Hilflosigkeit in der Führungsetage macht sich die SZ Sorgen und sieht den Klub „in einem Prozess fortwährenden Dahinsiechens, der den letzten Saurier der Liga bald stärker erschüttern könnte als es alle Probleme der Vergangenheit zusammen je taten.“

Weitere Themen: „Der einzig verbliebene Vermögenswert des 1. FC Kaiserslautern“ (FR), das „traurigste-aller-Stürmer-Gesicht“ (SZ), verhilft seinem Arbeitgeber zum ersten Saisonsieg. WM-Star Miroslav Klose trifft wieder. Und: „Der Wunsch, größer zu sein als man ist, bewegt die Gemüter der Hauptstädter auch im Jahr 2002, vor allem fußballerisch“ fasst die taz die gewohnten Berliner Reaktionen und Ansprüche nach dem alles in allem eher bescheidenen Saisonstart zusammen.

Das Berufsimage von Schiedsrichtern skizziert Peter Heß (FAZ 7.10.). „Eltern mögen es gar nicht, wenn ihre Kinder Bankräuber als Berufsziel nennen. Auch den Tätigkeiten eines Gigolos oder Immobilienmaklers werden gewisse Vorbehalte entgegengebracht. In diesen Tagen stehen zwei Sparten besonders tief im Kurs: Börsenhändler und Fußballschiedsrichter. Das Fernsehen dokumentiert fast täglich ihre Fehleinschätzungen (…) Der Fernsehbeweis im Stadion brächte nicht die absolute Gerechtigkeit, die die ständigen Verzögerungen und Unterbrechungen entschuldigte. Es bleibt nichts anderes übrig, als mit den Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu leben. Man kann nur alles dafür tun, dass sich die Unparteiischen so selten wie möglich irren – indem man sie gut bezahlt, gut ausbildet und gut behandelt. Jeder weiß, dass in Stresssituationen die Urteilskraft sinkt. Assistenten, die an der Außenlinie auf Schritt und Tritt mit bissigen Kommentaren der Ersatzspieler und Co-Trainer belästigt werden, werden irgendwann unsicher. Wenn Eltern ihren Kindern raten: „Werde lieber Fußball-Schiedsrichter als Lokomotivführer“, weil die Refeeres respektiert und nicht verfolgt werden, hat die Bundesliga ein Problem weniger.“

Bayern München – VfL Bochum 4:1

Das ängstliche Auftreten der Gäste ist Philipp Selldorf (SZ 7.10.) bekannt. „Solche Spiele kennt man nun reichlich, in denen die Gastmannschaften im Olympiastadion Erfolg suchen, indem sie devot die Strategie des geschlossenen Rückzugs wählen. Sie wiederholen sich Jahr für Jahr in wechselnden Besetzungen, im Gewand des 1. FC Nürnberg oder 1. FC Köln, von Arminia Bielefeld oder Borussia Mönchengladbach, und hinterher sind die in Ehrfurcht Unterlegenen glücklich darüber, dass sie nicht schrecklich vermöbelt wurden von den großen Bayern (…) Den Bayern genügte eine Leistung wie sie normaler kaum sein könnte. Zu bestaunen gab es ein paar Dribbeleinlagen von Zé Roberto, faszinierend wie immer; ein paar wache Momente der Doppeltorschützen Elber und Pizarro; einige Flügelläufe von Salihamidzic. Schließlich das kurze Comeback von Scholl und Lizarazu. Der VfL schaute ergeben zu, und selbst Ottmar Hitzfeld wunderte sich darüber.“

Rainer Seele (FAZ 7.10.) sieht das genauso. „Das war jedoch keine allzu schwere Übung gegen einen VfL Bochum, der nach dem verblüffenden Hoch zum Saisonstart wieder in die Normalität zurückgekehrt scheint. Die Bochumer entpuppten sich jedenfalls vor 63.000 Zuschauern im Olympiastadion als ein sportliches Leichtgewicht mit großem Respekt vor dem FC Bayern.“

Münchner Reaktionen FR

Hannover 96 – Borussia Dortmund 0:3

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 7.10.) hat den spielentscheidenden Unterschied zwischen den Teams aus Hannover und Dortmund ausgemacht. „Die Hannoveraner waren restlos bedient. Zumal Jiri Stajner zuvor einen Foulelfmeter neben das Tor setzte. Bei Diouf entlud sich der Frust in einer Würgeaktion, für die der Hals von Kehl herhalten musste. Eine Selbstjustiz, die sogar die erst eine Woche zurückliegende Aktion von Oliver Kahn übertraf (…) Vierzehn Tage – dank der Länderspielpause – sind eine angemessene Frist für Rangnick, die Wogen des Nachbebens zu glätten. Vom Ansatz und von den Anlagen her verfügt er über eine Mischung von Schaffern und Hochbegabten, die von Dortmund lernen konnten, wie man auch dann noch cool bleibt, wenn es hoch hergeht. Die Schlechtwetterzone Hannover verlangte keine Zauberer, sondern hochkonzentrierte, zu allem entschlossene Typen. Standvermögen wünscht sich Sammer, wenn es in den Spätherbst geht, und es klang so, als käme ihm die Spielpause gar nicht zupass. Weil seine Elf mit fünf Siegen hintereinander, ohne eine einzige Niederlage in der Bundesliga, einen Lauf hat und die Borussia Erinnerungen an Pausen plagen, in denen der Rhythmus abhanden kam. Bisweilen fühlen sich Fußballprofis dann wie Western-Helden, deren Pulver feucht geworden ist oder deren Trommelrevolver klemmt.“

„Allerdings hätte das Spiel nicht unbedingt so ausgehen müssen“, findet Dietrich zur Nedden (taz 7.10.) angesichts der Fehlentscheidungen des Schiedsrichtergespanns. „Dergleichen kommt bei Fußballspielen in der Tat vor, und anschließend wird der Satz hervorgekramt, dass sich doch im Laufe einer Saison alles ausgleiche, was Glück, Pech, Zufall und indisponierte Schieds- respektive Linienrichter so anrichten. Den Beweis hat allerdings noch niemand erbracht. Nach dem 3:0-Sieg des deutschen Meisters aus Dortmund beim Aufsteiger mit dem schlechtesten Start jedenfalls suchten erst mal alle Beteiligten die nächstgelegenen Bildschirme auf, um die heiklen Szenen zu begutachten. Damit hatten sie viel zu tun zu tun, denn es gab sie reichlich.“

Manfred Maier (FR 7.10.) beobachtete den Ausraster des Hannoveraners Diouf. „Zwölf Minuten vor dem Ende brach der Vulkan dann aus: Nach einem Zweikampf mit Sebastian Kehl trat Diouf zunächst mit dem Fuß in Richtung Kopf des Nationalspielers und packte den ehemaligen Hannoveraner dann auch noch mit beiden Händen am Kragen. Rot gegen den Innenverteidiger war die einzig mögliche Konsequenz, die Albrecht denn auch zog. Zumindest nach dem Schlusspfiff zeigte Diouf Einsicht: „Das war ein Fehler von mir, ganz klar, unverzeihlich. Ich hatte mich nicht im Griff, auch weil ich wegen des Elfmeters noch total sauer war.“ Diouf betonte auch, von Kehl nicht wirklich provoziert worden zu sein: „Er hat nur zu mir gesagt: Pass bloß auf du. Ich habe gesagt: Pass du bloß auf – und dann leider zugelangt.“ Ein Verhalten, das dann auch Rangnick nicht mehr tolerieren wollte.“

Schalke 04 – Hamburger SV 3:0

Richard Leipold (FAZ 7.10.) sah einen verdienten Schalke-Sieg. „Der Hamburger SV war ein dankbarer, ja ein hochwillkommener Gegner für die Fußballspieler des FC Schalke 04. Das hanseatische Förderprogramm wirkte so nachhaltig, dass sich sogar Victor Agali in der abermals ausverkauften Arena wohl fühlte. Beim 3:0 über den HSV ist der seit mehr als einem Jahr in Gelsenkirchen beschäftigte Stürmer „auf Schalke“ angekommen. Als Agali nach gut einer Stunde seinen Dienst beendete, behandelten ihn die Einheimischen zum erstenmal wie ein Familienmitglied; sie verabschiedeten den Nigerianer mit reichlich Applaus in den Feierabend und riefen sogar seinen Namen. Auch Agalis Kollegen, die auf dem Platz blieben, konnten es sich erlauben, an diesem tristen Herbstnachmittag früher Schluss zu machen. Mit ihrer Art zu spielen – oder besser: nicht zu spielen – forderten die Hamburger die Gegenpartei dazu auf, den gemütlichen Teil vorzuziehen.“

Karin Bühler (SZ 7.10.) auch. „Je länger die Partie dauerte, desto stärker drängten sich diese unangenehmen Fragen auf. Fragen nach der Auswärtsschwäche des HSV. Nach der Moral einer Mannschaft, die in Schalke so lebendig wirkte wie eine Horde Vogelscheuchen. Vor allem jedoch gewann eine Frage an Gestalt. Sie wuchs von Minute zu Minute, waberte durchs Stadion wie der böse Geist aus der bauchigen Flasche, heraufbeschwört im Gästeblock der Hamburger durch wiederholte Rufe: „Jara raus, Jara raus.“ Die Frage, wie lange der Hamburger SV, respektive Vorstand Hackmann, es sich noch leisten könne, hinter Trainer Kurt Jara zu stehen.“

Zur Entwicklung des Hamburger SV meint Gerald Kleffmann (SZ 7.10.). „Überall, ob in der Mannschaft, im Vorstand oder im Aufsichtsrat, sind die Keimzellen des Misserfolgs zu finden, und nicht erst seit gestern. 1987 hörte die Ära von Ernst Happel auf, mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983 als Höhepunkt – seitdem fehlt jegliche Systematik in Sachen Chefbetreuung. Es kamen und gingen Reimann, Schock, Coordes, Möhlmann, Magath, Pagelsdorf, Hieronymus, und es ist abzusehen, dass Jara diese Liste demnächst ergänzen wird. Sie alle vermochten es nicht, ihrer Mannschaft Profil zu geben, Erfolge wie das Erreichen der Champions League 2000 täuschten darüber hinweg.“

Hamburger Reaktionen FR

Borussia Mönchengladbach – Arminia Bielefeld 3:0

FAZ (7.10.). „Trainer Meyer war trotz „einiger Nachlässigkeiten“ sehr einverstanden mit der Vorstellung seines Teams. Vor allem mit der Leistung des 21 Jahre alten Peer Kluge im offensiven Mittelfeld und natürlich mit dem zweimaligen Torschützen Aidoo, der erstmals in dieser Saison traf. Anfangs hatte sich schon Unmut auf den Rängen geregt, als der 20 Jahre alte Ghanaer, seit drei Jahren in Gladbach, einige Male im Übereifer übers Ziel hinausschoss. Auch musste der Trainer ihn zwischenzeitlich ermahnen, doch nach Angriffen etwas flotter aus dem Abseits zurückzukehren. Aber davon wollte Meyer anschließend nichts mehr wissen. „Pfiffe?“ fragte er schelmisch. „Gut dass ich sie nicht gehört habe, sonst hätte ich ihn aus dem Spiel genommen.“ So aber konnte Aidoo noch zeigen, dass er nicht nur Vorbereiter, sondern als Torschütze „mit der Nase am richtigen Fleck“ war.

1. FC Kaiserslautern – Energie Cottbus 4:0

Den Lauterer Matchwinner beschreibt Hartmut Scherzer (FAZ 7.10.). „Nie war Miroslav Klose so wertvoll für den 1. FC Kaiserslautern wie in dieser ersten Oktoberwoche 2002. Mit seinem Marktwert und seinem Torinstinkt verhalf der 24 Jahre alte Stürmer innerhalb von fünf Tagen dem schwer angeschlagenen Pfälzer Klub erst wirtschaftlich, dann sportlich – fürs erste wenigstens – aus der Bredouille. In beiden äußerst kritischen Situationen wird wieder Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Dank Klose, den die Fans auf der West-Tribüne, dort, wo er einst selbst seinen Idolen zugejubelt hatte, als „Fußballgott“ feierten. (…) Nun hat Kaiserslautern in Klose zwar einen „Fußballgott“, aber leider keinen „Flankengott“. Trotz aller Übungen. Die Flankenhoffnung heißt Christian Timm. Der 23 Jahre alte Neuling vom 1. FC Köln wurde nach fünfzig Minuten eingewechselt und gab nach sieben Monaten Zwangspause ein vielversprechendes Debüt beim 1. FC Kaiserslautern.“

Spielbericht SZ

Werder Bremen – Hansa Rostock 0:0

Spielbericht FR Tsp

VfB Stuttgart – 1860 München 4:1

Spielbericht FR

VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen 2:0

Frank Heike (FAZ 7.10.) beschreibt die Wolfsburger Szenerie. „Die Zuschauer im Freien duckten sich unter ihre Regenschirme, das Publikum auf der Haupttribüne wärmte sich unter Decken, der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Die Rundbahn ums Stadion glänzte feucht im Flutlicht, das an diesem tristen Oktobernachmittag schon um zwei Uhr eingeschaltet worden war. Lediglich 12.000 Zuschauer wollten den Meisterschaftszweiten des Vorjahres sehen. Wer in der Wolfsburger Provinz spielen muss, dem kann man auch bei besserem Wetter nur zurufen: Bonjour, tristesse! Deswegen sind Auftritte für die Großen der Liga beim VfL immer eine konkrete Bedrohung. Der äußere Rahmen erinnert an Bezirksliga, doch der Gegner hat eine wirklich gute Mannschaft voller Nationalspieler – und er hat einen Stefan Effenberg. All das bekamen die Leverkusener bei ihrem 0:2 zu spüren. Überragender Spieler der Wolfsburger: Effenberg (…) Ihre letzte Darbietung vor den Stahlrohrtribünen am Elsterweg ließ daran zweifeln, ob der Leverkusener Aufschwung aus den siegreichen Partien gegen Bayern München und bei Maccabi Haifa eine dauerhaft positive Perspektive erlaubt. An der berechtigten Skepsis am Fortkommen änderte auch das bekannte Begründungsmuster von Toppmöller wenig. Wenn erst die Verletzten und Gesperrten wieder dabei seien, werde es mit Bayer 04 wieder aufwärts gehen, sagte er. In der Mannschaft aber scheint die Zuversicht, dass der Weg der Besserung schon beschritten ist, geringer zu sein als beim Coach.“

Andreas Pahlmann (SZ 7.10.). „Der VfL machte sein bestes Saisonspiel, aber das hat Tradition. Gegen Leverkusen laufen die Niedersachsen immer zur Höchstform auf; das 3:1 aus der Vorsaison gilt noch immer als die beste Wolfsburger Bundesliga- Leistung überhaupt.“

Hertha Berlin – 1. FC Nürnberg 2:1

Markus Völker (taz 7.10.) analysiert Berliner Ambitionen. „Die Herthaner hoffen auf eine rosige Zukunft, in der etwas passieren möge, das die alte Hertha an neue Ufer führt. Nur was könnte dieses ominöse Etwas sein? Nach dem Spiel gegen Nürnberg, das glücklich mit 2:1 gewonnen wurde, einigten sich die Herthaner darauf, dass demnächst ein Knoten aufgehen müsse. Ein 3:0 müsse mal her, oder besser gleich ein 4 oder 5:0, damit sich die Mannschaft vom Druck befreien, einer Last entledigen kann. Im Grunde waren alle der Meinung, dass der Status quo, den der Verein nach acht Spieltagen erreicht hat, nicht das große Ding verheißt, dem Hertha zuzustreben gedenkt. Erstmals in dieser Saison ging es samstags im mit 38.700 Zuschauern gefüllten Berliner Olympiastadion nicht voran. Es war kein Fortschritt zu erkennen, weder in der Spielanlage noch im Kombinationsspiel oder den Sturmbemühungen. Kämpferisch ist Hertha ohnehin an der Grenze.“

Zu Berliner Reaktionen nach dem Spiel lesen wir von Friedhard Teuffel (FAZ 7.10.). „Nach den Berechnungen führender Herthaner müsste dies der Beginn einer großen Aufholjagd gewesen sein. Jetzt werde Hertha BSC Berlin endlich dorthin gelangen, wo die Mannschaft hingehöre, in die Spitzengruppe der Liga. Darauf deute einiges hin, glaubt zum Beispiel Dieter Hoeneß, der Manager. Eine Woche bundesligafrei, das sei eine Woche mehr, in der verletzte Spieler ihre Knochen, Muskeln und Bänder pflegen könnten, um danach gute Leistungen zu zeigen. Eine Woche bundesligafrei, das sei aber auch eine Woche mehr, in der die Mannschaft zueinander finden könne (…) Obwohl die Hertha zurücklag, pfiffen daher an diesem Samstag nur wenige Zuschauer zur Pause auf ihre Mannschaft. Dafür zeigten sie in der zweiten Halbzeit, wie schnell sie Verdienste vergessen. Das Publikum hatte keine Geduld mehr mit Michael Preetz, der innerhalb von zehn Minuten drei erstklassige Torchancen nicht nutzte. Am Dienstag hatte Preetz die Hertha noch mit einem späten Tor in die nächste Runde des Uefa-Pokal-Wettbewerbs befördert.“

Javier Cáceres (SZ 7.10.) dazu. „Hoeneß sieht die Mannschaft tendenziell auf dem richtigen Wege, nur einen Schuss mehr Euphorie würde er sich wünschen, weshalb er sich nach einem Sieg mit vier Toren Unterschied wie in der vergangenen Saison sehne, wie er sagte. In der Mannschaft trachtet man offenbar auch nach einem derart befreienden Erlebnis, zumindest äußerte sich Zecke Neuendorf fast wortgleich. Derartige Äußerungen wird man in der Lausitz aufmerksam verfolgen, Denn der nächste Gegner Herthas ist: Energie Cottbus.“

Michael Rosentritt (Tsp 7.10.) ist skeptisch. „Wie stark ist Hertha wirklich? Angetreten ist Hertha, um die großen Drei der Branche anzugreifen, wie es Hoeneß im August formulierte. Also die Bayern, Meister Dortmund und den ewigen Vize aus Leverkusen. Ein Champions-League-Platz soll es am Saisonende, bitte schön, sein, egal, wer von den Dreien hinter Hertha bleibt, nur einer muss es schon sein. Ein ehrgeiziges Ziel. Das Potenzial des Berliner Kaders wird niemand bestreiten. Hoeneß hat den Erfolgstrainer Huub Stevens geholt, Weltmeister Luizao verpflichtet und einen Senkrechtstarter wie Arne Friedrich im Team, der es nach einem Bundesligaspiel zum Nationalspieler brachte. Noch aber passt längst nicht alles zusammen. Die konkurrenzfähig dieser Kader ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Da spielt die Formstabilität des Einzelnen genauso eine Rolle wie die Balance innerhalb des Ganzen.“

Interview mit Dieter Hoeneß FAS

Zusammenfassung des Spieltags aus südlicher Perspektive NZZ

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Nürnberger Präsident

Richard Leipold (FAS 18.5.) porträtiert den Nürnberger Präsidenten. „Ach, die Fans des 1. FC Nürnberg. Kleiner König Weißbart nennen sie den Präsidenten, weil er einen schlohweißen Vollbart trägt und niemand weiß, wie klein genau er ist: Ob er nun mehr als 1,60 Meter mißt oder weniger. Nur, daß er sich mittels Einlagen in den Schuhen größer zu machen versucht, das wissen sie alle. Und sie nehmen das ebenso als Beleg für eine Art Größenwahn von Roth wie den Umstand, daß der sich in einem Vorort ein Schlößchen hat bauen lassen. Aber kleiner König nennen sie ihn vor allem, weil er den ,Club‘ nach Gutsherrenart leitet, wie sie finden. Wenn er das nur könnte, klagt Michael A. Roth. In meinen Firmen habe ich das letzte Wort, sagt er, aber im Verein gibt es einen Aufsichtsrat, den man gewähren lassen muß. Dazu vier Präsidiumskollegen: Auch die können dir was kaputtmachen. Und dann erzählt er, wie er einst Dieter Hoeneß als Manager verpflichten wollte. Der Vertrag war unterschriftsreif – da überkamen seine Kollegen so viele Bedenken, daß Hoeneß frustriert nach Hause fuhr; später ging er nach Berlin. Wenn wir den heute hätten, sagt Roth, dann stünden wir jetzt da, wo Hertha Berlin steht. Hertha, Schalke, München 1860 – das sind Traditionsklubs, mit denen der ,Club‘ auf einer Stufe stehen könnte, glaubt Roth. Nur braucht man, um sich auf eine Stufe stellen zu können, ein Fundament. Ich bin gekommen und habe gedacht, hier ist vieles schon geregelt, sagt der neue Cheftrainer und Manager Wolfgang Wolf: Das war aber nicht so. Wir müssen eine Nachwuchsarbeit installieren, wir müssen Strukturen aufbauen. Manche werfen es Roth vor, daß die Fußballabteilung des ,Clubs‘ ziemlich unstrukturiert vor sich hingewurschtelt hat; manche kritisieren Klaus Augenthaler und Edgar Geenen, die vor kurzem entlassenen Trainer und Manager. In Nürnberg wird die Verantwortung für Fehler schneller weitergeleitet als der Ball. Im Grunde macht Roth auch nur das falsch, was schon immer falsch gemacht worden ist beim 1. FC Nürnberg. Sein Schicksal ist es, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, notfalls seine eigenen. Roth ist der größte Trainerverschleißer der Bundesliga. Bevor es Klaus Augenthaler drei Jahre in Nürnberg aushielt, hatte Roth in sechs Jahren sieben Trainer verbraucht. Der Mann hat eins überhaupt nicht, sagt ein Kritiker: Geduld. An dem ist hier noch jeder kaputtgegangen. Geduld aber brauchen sie in Nürnberg. Wenn man nicht wieder alles übers Knie bricht und den Aufstieg vorgibt, sagt Wolfgang Wolf, werden wir in ein, zwei Jahren eine Mannschaft aufbauen, die Zukunft hat. Nur denken sie beim ,Club‘ lieber an die Vergangenheit. Bevor er zum Rekordabsteiger der Bundesliga mutierte, war er ja mal der deutsche Rekordmeister mit neun Titeln; bis heute hat nur der FC Bayern München mehr geholt. Aber die letzte Meisterschaft des ,Club‘ liegt 35 Jahre zurück, und im Jahr darauf stieg er erstmals aus der ersten Liga ab. Auch das hat noch kein anderer Verein geschafft: als Meister abzusteigen. Seitdem geht es rauf und runter mit dem 1. FC Nürnberg wie mit einem Jo-Jo, und nicht für jeden Abstieg kann man Michael A. Roth allein verantwortlich machen. Der Teppichhändler ist bloß der letzte in einer Reihe, die den Nürnberger Knoten nicht durchschlagen können.“

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Der Unverfolgte

wundersame Ruhe beim Tabellen-Letzten Köln – Fachs Einstand in Gladbach – Hansa Rostock: armer, hartnäckiger Erstligist – das Verhältnis zwischen VW und dem VfL Wolfsburg – Portrait Timo Hildebrand – Simak gesucht u.v.m.

Christoph Biermann (SZ 27.9.) wundert sich über die Ruhe beim Tabellen-Letzten: „Was eigentlich ist beim 1. FC Köln los, der mit nur drei Punkten aus sechs Spielen am Tabellenende ist? Ketten sich die Menschen ans Marathontor des Stadions in Müngersdorf? Tagen am Geißbockheim nachts die Krisenstäbe, während sich die Fans in zerwühlten Kissen wälzen? Wird von ihnen angesichts des schlechtesten Saisonstarts seit elf Jahren der Kopf des Trainers gefordert? (…) Die Bild-Lokalausgabe fordert seit Wochen der Rauswurf von Friedhelm Funkel mit derart viel Schaum vorm Mund, dass man schon gar nicht mehr weiß, warum eigentlich. Aber die Forderungen haben so viel Resonanz wie eine Versammlung von Alt-Stalinisten auf dem Roten Platz in Moskau, die für die Wiedereinführung des Fünfjahresplans in Russland demonstriert. Um also an die Frage zu erinnern, was beim Tabellenletzten in Köln los ist: von besagten Stürmen im Wasserglas abgesehen nichts. Und vergleicht man das mit früher, ist es eine verdammte Sensation (…) Funkel gilt als Trainer ohne große Ausstrahlung, und noch in der Vorsaison murrte das Publikum trotz endloser Serien ohne Niederlage über Defensivfußball. „Wir sind in diesem Jahr spielerisch besser und überzeugen kämpferisch“, sagt der Trainer. Man kann es auch so zusammenfassen: Es macht Spaß, Köln unter Funkel zuzuschauen. Und das ist eine nicht minder große Sensation als die Ruhe am Geißbockheim. „Das Gesamtbild ist in Ordnung, nur die Punkte fehlen“, hat Kölns Manager Andreas Rettig in dieser Woche gesagt. Für ihn wäre die Trainerfrage kein Tabuthema, stellte er klar: „Wenn ich ein richtiges Problem sehen würde, würde ich zum Trainer gehen und sagen: ‚Friedhelm, entweder du bringst das jetzt hin oder du gehst über Bord.‘“ Nur: Das Problem gibt es nicht, der Trainer bleibt an Bord, und nicht einmal richtig scharfer Wind bläst ihm dabei um die Nase. Deshalb hat der Kölner Stadt-Anzeiger Funkel ein für Männer im Tabellenkeller seltenes Etikett angepappt. „Der Unverfolgte“ steht darauf.“

Ich werde die Spieler wie Erwachsene behandeln

Richard Leipold (FAZ 27.9.) kommentiert die Lage in Gladbach: “Teamleiter Hochstätter wird in diesen Tagen häufig angefeindet. In der Sache nicht falsch, im Ton arg moralinsauer, werfen verschiedene Kommentare ihm vor, es sei unfair, wie er Fach ausgewechselt und sogleich wieder eingewechselt habe. Der Aufschrei der Empörung mag auch deshalb so laut sein, weil Mönchengladbach unter dem legendären Geschäftsführer Helmut Grashoff jahrzehntelang einen Spitzenplatz in der Rangliste der Seriosität behauptet hat. Doch die Zeiten ändern sich. Zumal vor dem Hintergrund des Stadion-Neubaus, der den Klub wirtschaftlich und sportlich wieder zu dem machen soll, was er in der Bundesliga einmal war. Vizepräsident Königs wertet das feingesponnene Intrigenspiel des Sportdirektors sogar als Fortschritt in der Persönlichkeitsbildung: Er hat sich weiterentwickelt. Hochstätter gehe gestärkt aus dem Trainerwechsel hervor . Trainer Fach steht nun vor der Aufgabe, die neue Allianz zu festigen. Im Bewußtsein, Nutznießer eines nicht ganz sauberen Vorgehens zu sein, gibt er sich in der Öffentlichkeit zurückhaltend, als der nette Trainer von nebenan. Wenn andere all die bösen kleinen Anekdoten über Lienen erzählen, hört Fach geduldig zu. Vor ein paar Tagen hat er angekündigt, in vielen Einzelgesprächen zu ergründen, warum die Mannschaft so tief gefallen ist. Welche Erkenntnisse er gewonnen hat, wolle er nicht verraten. Wie sehr die Profis unter Lienen zuletzt gelitten haben, deutet Fach zumindest an. Ich werde die Spieler wie Erwachsene behandeln, sagt er. Die Mannschaft sei intakt. Also kann es nur am Trainer gelegen haben. Da sein Bild als Gladbacher Saubermann von vornherein befleckt ist, will er nicht auch noch schmutzige Wäsche waschen. Die größte Motivationshilfe der letzten Tage lieferte den Borussen der Trainer Peter Neururer des VfL Bochum. Neururer setzte sich wieder einmal an die Spitze der populistischen Bewegung. Was sich in Mönchengladbach zuletzt abgespielt habe, sei sittenwidrig, die größte Unverschämtheit der letzten Jahre. Und die Moral von der Geschicht‘? Auch sie liegt letztlich auf dem Platz.“

Arne Böcker (SZ 27.9.) schätzt die Beständigkeit von Hansa Rostock: „Frag mal einen Fan des 1. FC Nürnberg, wie gerne er auf seiner Stecktabelle das Club-Emblem hinter die Erstliga-zwölf pfriemeln würde. Auf diesem Platz liegt Hansa Rostock. Die ehrlichste Antwort auf die Frage, ob sich die Hanseaten dort wohlfühlen, lautet: Sie wissen es nicht. Das ist eine der Unschärfen im Bild des Vereins. Wenn jedoch wie an diesem Samstag der FC Bayern München ins Ostseestadion kommt, ist die Sache für 90 Minuten klar: Der reiche Onkel besucht den armen Vetter in Dingsda/Ost. Seit acht Jahren spielt Hansa Rostock in der ersten Liga. Klingt wie eine schlichte Feststellung, birgt aber eine Sensation, wenn man das Umfeld des Klubs betrachtet. Es gibt rund um Rostock keine Weltfirmen; Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftskraft dürfte irgendwo in der Größenordnung von Aserbaidschan liegen. Wer soll da Fußball sponsern? Mecklenburg-Vorpommern hat lediglich 1,7 Millionen Einwohner – mit rapide abnehmender Tendenz. Der Mangel in diesem Bundesland ist dafür verantwortlich, dass Hansa „bei den Sponsoren mittlerweile an die Decke gestoßen ist“, wie der Vorstandsvorsitzende Manfred Wimmer, 49, sagt. Die Geldgeber stammen mehrheitlich aus dem Osten; der Trikotsponsor (Vita Cola) überweist die größte Summe. Hansa kalkuliert so knapp, dass derzeit nicht mal eine zweite Anzeigetafel drin ist. Wenn man die Bausumme für die Schalke-Arena auf den einzelnen Zuschauerplatz umlegt, kommt man auf 3700 Euro. Die entsprechende Zahl für das schmucke Ostseestadion: 950 Euro. In Anbetracht der knochentrockenen Seriosität, welche die Vereinsführung um Manfred Wimmer ausstrahlt, scheint es unmöglich, dass ein Freibeuter aus dem Westen die Hansa-Kogge entert und kielholt – wie es Dynamo Dresden passiert ist. Hansa hat eine der raren Erfolgsgeschichten geschrieben, die im wunderschönen, bitterarmen Mecklenburg-Vorpommern spielen.“

Von der grauen Maus zum Werksklub?

Frank Heike (FAZ 27.9.) erläutert Anspruch und Leitbild des VfL Wolfsburg: „Wer sich mit dem VfL Wolfsburg beschäftigt, findet immer wieder Belege für die enge Verbindung zwischen Verein und Sponsor. Oder sollte man sagen zwischen Fußball-GmbH und Hauptanteilseigner? Mancher möchte ein Gleichheitszeichen zwischen dem Verein und seinem weltweit operierenden Hauptsponsor setzen. Vor allem vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen hat sich der VfL bemüht, nicht von einem Image ins nächste zu rutschen: von dem der zwischen den Traditionsvereinen aus Hannover und Braunschweig eingeklemmten grauen Maus aus Ostniedersachsen in das des Werksklubs. Manager Peter Pander, der durch die Erfolgstransfers aus Südamerika gestärkte Mann beim VfL, sagt: Wer uns das Image eines Firmen- oder Plastikklubs anheften will, kennt die Realität nicht. VW und der VfL sind Partner, aber das Geschäft des VfL ist der Fußball. Genaugenommen ist die Fußball GmbH nicht mehr und nicht weniger als eine Tochtergesellschaft von VW (…) Natürlich hat es der VfL Wolfsburg inzwischen leichter, große Summen zu bekommen, wenn er sie benötigt. Wie im Falle Andrés D‘Alessandro. Bei VW ist man über D‘Alessandro wesentlich glücklicher als seinerzeit über Stefan Effenberg – da hatte Pander in seinem Bemühen, den VfL in die Schlagzeilen zu bringen, übers Ziel hinausgeschossen. Der VfL und VW stehen für Stabilität, Solidität. Effenberg hat die Herren im VW-Vorstand mit seinen Eskapaden eher erschreckt. Der Bonner Medien-Tenor maß damals aber auch eine deutliche Zunahme der Artikel über den VfL – der Klub stieg im Winter 2002 von Platz 14 auf Platz elf in der Medien-Tabelle. Derzeit steht er auf Platz neun.“

Morgen treffen zwei Teams aufeinander, die ihre ursprünglichen Ambitionen gestrichen haben. Ronny Blaschke (BLZ 27.9.) schreibt vor dem Spiel Hertha gegen den HSV: „Wenn der Hamburger SV in der AOL-Arena seine Heimspiele abhält, bringt der Verein seine Anhänger mit großen Gefühlen in Verzückung, noch vor der ersten Grätsche. Er wirbt im Vorspiel mit seiner Vergangenheit: Felix Magath bugsiert den Ball noch einmal traumwandlerisch ins lange Eck, Horst Hrubesch bahnt sich seinen Weg mit geschmeidiger Wucht durch die ängstliche Gegnerschaft, und Uwe Seeler, Oberhaupt aller Idole, liegt waagerecht in der Luft und köpfelt das Arbeitsgerät ins Tor. Die Zuschauer kennen diese Bilder früherer Dekaden, die von der Videoleinwand – Hamburgs Brücke zu einer besseren Zeit – wöchentlich in die Gegenwart gestreut werden. In diesen Tagen ist die Sehnsucht nach Erfolg besonders groß. Nicht erst seit dem beschwerlichen 2:1 am Donnerstag gegen Dnjepr Dnjepropetrowsk im Erstrunden-Hinspiel des Uefa-Cups erweist sich die Hansestadt als Heimstätte chronischer Fußball-Nostalgie. Tradition heißt eine der strapazierten Losungen, Zukunft ein andere. Viel hatte sich das Personal von Trainer Kurt Jara vor der Saison vorgenommen, die Rolle der dritten Kraft hatte der Verein in der Ball-Branche für sich beansprucht, so wie Hertha BSC. Doch die Entfernung zwischen Anspruch und Realität ist so gewaltig wie jener Weg des FC St. Pauli zurück in die Bundesliga. Der HSV, letzter Dauermieter im Oberhaus, verbirgt sich nach dem schlechtesten Saisonstart seiner Geschichte auf Rang siebzehn. Am Sonntag gastieren die Hamburger in Berlin, es wird das Treffen zweier Teams, deren glänzende Visionen längst verblasst sind.“

„Beim biederen Uefa-Cup-Kick pfeift das Hamburger Publikum den Falschen aus“ SZ

Ein Torwart, der mitspielt und mitdenkt

Martin Hägele (SZ 27.9.) porträtiert Timo Hildebrand, Torhüter des VfB Stuttgart: „Der Wandel vollzog sich in diesem Sommer. Hildebrand hat sich nur ein paar Tage bei den Eltern in Lampertheim gegönnt und zwischen ein paar Kurztrips ein intensives Trainingsprogramm absolviert. Im Kraftraum trainierte er sich drei Kilo Muskelmasse an. Zum Saisonauftakt erschien Hildebrand nicht nur mit imposanterer Statur, wichtiger sei gewesen, wie er sich der beruflichen Herausforderung gedanklich gestellt habe: „Mit Dirk Heinen bekam ich zum ersten Mal einen echten Konkurrenten. Er war der Spitzentorwart der türkischen Liga und Felix Magath kannte ihn aus Frankfurter Zeiten. Ich musste also um meinen Stammplatz kämpfen. Außerdem war mir klar, dass nach dem Erfolg der letzten Saison jetzt mit unserer Champions-League-Teilnahme viel höhere Erwartungen aufkommen würden.“ Die Wandlung vom „Luftikus zum Vorbild“ (Stuttgarter Zeitung) war keine jener Imagekorrekturen, wie sie manchen schüchternen und deshalb leicht arrogant wirkenden Profis von ihren Beratern verordnet werden. Es sei eine bewusste Umstellung gewesen, sagt Hildebrand. Er habe wegen einer langwierigen Verletzung und einer rätselhaften Viruserkrankung, die ihn im Frühjahr bremste, über einen neuen Lebensplan nachgedacht. Und er sei bei dieser Orientierung nicht nur vom Magath unterstützt worden. Offenbar erkannten mehrere Leute, dass Hildebrand nicht nur der beste Feldspieler aller Bundesliga-Torhüter ist, sondern mit der entsprechenden Einstellung vor einer großen Karriere stehen könnte. „Im Feld könnte er locker in der Regionalliga mithalten“, behauptet Jochen Rücker, der Torwarttrainer des VfB. Von den technischen Fähigkeiten her gebe es in Europa nur noch einen Torhüter, der es mit Hildebrand aufnehmen könne: Edwin van der Sar, die Nummer eins der Niederlande. Wie kein anderer profitiert der VfB-Torwart vom sachlichen und disziplinierten Stil einer Mannschaft, deren Selbstbewusstsein sich vor allem darauf gründet, dass jeder Spieler verteidigen und den Ball halten kann. Ein Torwart, der mitspielt und mitdenkt bekommt in diesem System automatisch eine Hauptrolle.“

Erik Eggers (FR 27.9.) sucht Jan Simak: „Es hat Gründe, dass große Teile der Fußball-Öffentlichkeit diesen Fall als Sensation verkaufen. Zum einen gilt der 24-Jährige mit Spielmacherqualitäten als schwer handzuhabende Persönlichkeit. Früher hätte ihn der Fußball zweifelsohne mit dem altmodischen Ausdruck des enfant terrible bezeichnet; Simak gilt als verschlossen und immer irgendwie einsam, als äußerst introvertiert, und seine Sprachprobleme erschwerten seine Integration in Hannover und vor allem in Leverkusen; dort wurde der Neuling, als er vergangene Saison Ballack ersetzen sollte, von seinen Mannschaftskameraden offensichtlich geschnitten. Dazu entspricht seine Entourage schon fast verdächtig dem Klischee eines jungen und neureichen Fußballprofis: Nach Spielschluss erwartet ihn stets eine Clique, die dann in seinem 500er Mercedes vorfährt; offenbar profitieren diese Freunde sehr von den genialen Künsten ihres Freundes Jan, davon zeugen die obligatorischen dicken Halsketten und protzigen Uhren. Sie sollen ihn auch zu seinen zahlreich belegten Alkoholeskapaden animiert haben, die es schon vor Jahren gab. Vergangene Saison jedenfalls wertete es kaum einer als Sensation, als Klaus Toppmöller den wundersamen Tschechen, weil er nicht in das Leverkusener Kurzpass-System passen wollte, als nicht zu kurierenden Pflegefall bezeichnete. Die Gründe aber dafür, dass Simaks Abtauchen nun als Sensation vermarktet wird, liegen vielmehr an den angeblichen Depressionen des Tschechen, einem im Leistungssport bisher tabuisierten Thema.“

Er kaschiert seine Verletzlichkeit mit einem Selbstverständnis als Macho

SZ-Interview mit Oliver Kirchhof, Sport-Psychologe

SZ: Herr Kirchhof, es heißt, Jan Simak von Hannover 96 leide unter Depressionen. Sind Sportler eine besonders gefährdete Gruppe?

OK: Es gibt Sportarten mit mehr Risikofaktoren. Ausdauersportarten wie Radsport, Marathon oder Ski-Langlauf, die mit Monotonie verbunden sind und sehr viel Verzicht fordern. Wenn jemand jeden Tag fünf, sechs Stunden auf dem Rad sitzt, können Kontaktdefizite die Folge sein, eine altersgemäße Persönlichkeitsentwicklung könnte gestört werden.

SZ: Fußballprofis bewegen sich permanent in Gemeinschaft.

OK: Richtig. Aber wenn einer aus dem Ausland kommt und eher introvertiert ist, hat er oft mit Integrationsproblemen zu kämpfen. Das kann zu depressiven Störungen führen. Wie bei dem hochtalentierten Marek Heinz, der in Hamburg und Bielefeld in einem Loch steckte. Seit seiner Rückkehr in die Heimat zu Banik Ostrau spielt er wieder groß auf.

SZ: Simak ist schon drei Jahre in Deutschland und wurde nach einem missglückten Jahr in Leverkusen in Hannover wieder wie ein verlorener Sohn aufgenommen.

OK: Trotzdem: Er ist ein Typ, der sich wenig öffnet und die eigene Verletzlichkeit mit einem Selbstverständnis als Macho kaschiert. Ich weiß nicht, ob Klaus Toppmöller, sein damaliger Trainer in Leverkusen, Simaks Probleme bewusst waren. Aber sein Wort vom „Pflegefall“ hat ausgedrückt, dass was mit dem Jungen nicht in Ordnung war.

SZ: Das war sicher keine sehr hilfreiche Äußerung.

OK: Nein. Und es ist auch problematisch, seelische Erkrankungen öffentlich zu erörtern, das ist ja in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu-Thema und berührt die Privatsphäre. Andererseits hilft es auch nicht, Lügengeschichten von Magen-Darm-Grippen zu spinnen.

SZ: Die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt das Problem?

OK: Es gibt Spieler, denen ist die Beachtung, die sie genießen, unangenehm. Auch bei Sebastian Deisler merkt man, wie er darunter leidet. Der signalisiert mit allen Mitteln: Lasst mich in Ruhe.

SZ: Wie gefährdet sind Profis, die, wie der Dortmunder Otto Addo in dieser Woche, mit schweren Verletzungen über viele Monate ausfallen oder sogar mit dem Karriere-Ende rechnen müssen?

OK: Das ist eine gefährliche Phase: Man ist raus aus dem Team und oft völlig allein. Man merkt, dass ein Profiteam nur eine ökonomische Zweckgemeinschaft ist und kein sozialer Verbund, der trägt. Man bekommt das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Dazu kommt eine existenzielle Ungewissheit. Generell gilt: Die Vereine müssten viel mehr Hilfe anbieten – bei der Integration von Ausländern wie bei Spielern, die verletzt sind.

Michael Horeni (FAZ 27.9.) klagt über Ernsthaftigkeit – am Beispiel der Aufregung über die Steuerpraxis von Borussia Dortmund: “Der juristisch untadelige, aber das Gerechtigkeitsempfinden arg strapazierende Fall war als Vehikel bestens geeignet, um eine Grundsatzdiskussion über Moral und Steuern zu entfachen, an der sich sogar der Bundesfinanzminister zu beteiligte. Zu lachen gibt es jedenfalls nichts mehr. Wenn zum Beispiel ein italienischer Fußballklub einen solchen Weg gefunden hätte, um 1,5 Millionen Euro Steuern für die geliebten Fußballhelden zu sparen, das deutsche Publikum hätte es wohl mit lächelnder Anerkennung zur Kenntnis genommen: Wie findig diese Italiener doch sind! Was denen alles einfällt! Warum uns nicht? Aber jeder regt sich eben auf, so gut er kann. Selbst wenn Rudi Völler mal lospoltert, wird darüber nicht geschmunzelt wie einst, als Giovanni Trapattoni das gebrochene deutsche Wort ergriff. Auf des Teamchefs erregte Fernsehrede an die Nation (Scheißdreck), die auch keineswegs an die kunstvolle Trapattoni-Form (schwach wie Flasche leer) heranreichte, wurde zumeist auch entsprechend deutsch entgegnet: felsenfeste Zustimmung inklusive Kritikerbeschimpfung oder hochernste Ablehnung wegen Formfehlers. Auch hier waren alle Verdächtigen, die sich des Sports für ihre Zwecke bemächtigen, wieder dabei: vom Kanzler an abwärts. Wo der Sport nicht mehr nur Sport sein darf, sondern auf gesellschaftliche Tiefenwirkung getrimmt wird, geht auch wieder ein Teil seiner Leichtigkeit dahin. Seit einigen Jahren schon ist zu beobachten, wie vor allem Fußball-Länderspiele und Olympische Spiele nicht mehr nur als reine Sportereignisse wahrgenommen werden, sondern inflationistisch als Erklärungsmodell für Deutschland und die Welt herhalten sollen. Die politische Metaphorik wird in den Medien immer gewaltiger und gewagter. Das Wunder von Bern kommt zwar bald in die Kinos, aber es steht nicht jede Woche auf dem Spielplan. Meistens findet einfach nur Sport statt, ganz ernsthaft.“

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Holland verliert in Tschechien – Frankreich siegt souverän – Spanien siegt und zweifelt

Addition selbstgefälliger Stars

Christian Eichler (FAZ 12.9.) berichtet die Niederlage Hollands. „Die Zeitung Volkskrant gab sich am Donnerstag bildhaft die Kugel: Oranje schießt sich schon wieder in den eigenen Fuß. Mit solchen Querschlägern haben die Niederländer leidige Erfahrung. Nach dem Verpassen der WM 2002 droht ihnen nun dieselbe Blamage für die EM 2004. Seit September 2001, als ein 0:1 in Irland das traumatische Scheitern in der WM-Qualifikation bedeutete, hatten die Niederländer nicht mehr verloren. Doch am Mittwoch in Prag ging die schöne Serie zu Ende, als es wirklich zählte. Beim 1:3 gegen die Tschechen ging nicht nur der Gruppensieg verloren und damit die Chance, sich direkt für Portugal 2004 zu qualifizieren, sondern auch die Illusion, aus der Addition selbstgefälliger Stars endlich einmal eine Mannschaft mit Zusammenhalt entwickelt zu haben. Ich habe die besten Spieler in Europa, hatte Trainer Dick Advocaat schon vor der Partie fast resignierend gesagt, aber sie sind nicht bereit, füreinander einzustehen. Die Friktionen hatte eine Auseinandersetzung auf dem Trainingsplatz verdeutlicht: Dort waren sich Edgar Davids und Ruud van Nistelrooy wütend an die Wäsche gegangen. Beide sollten auch das Spiel in Prag unrühmlich prägen. Schon nach einer Viertelstunde hatte Davids, der Berserker im Mittelfeld, seinem reichen Register an disziplinarischen Verfehlungen eine weitere zugefügt. Früh verwarnt, legte Davids umgehend nach und foulte Karel Poborsky hinterrücks im Strafraum. So kam es zur peinlichsten Auflösung von Oranje: Gelb-Rot. Der Wiederholung dieser Farbkombination entging van Nistelrooy nur durch Glück. Nach einem Frustfoul verwarnt, kam der im Nationalteam erfolglose Torjäger von Manchester United nur auf dem Gnadenweg mit einer plumpen Schwalbe davon. Als Advocaat umgehend reagierte und den Stürmer, um einem Platzverweis vorzubeugen, auswechselte, geriet van Nistelrooy völlig außer Fassung. Mit rudernden Armen blaffte er den Trainer an, trat vor Wut gegen allerlei Gegenstände, konnte sich minutenlang nicht beruhigen.“

Ronald Reng (SZ 12.9.) kommentiert die Bedeutung des 2:1-Siegs Spaniens gegen Ukraine. „Vordergründig waren es nur vier Tage der Schwäche im Juni, die Spanien nun vermutlich in die Ausscheidung der Gruppenzweiten zwingt. Damals verjuxte (Nationaltrainer) Sáez’ Elf mit einem 0:1 gegen die vom Deutschen Otto Rehhagel trainierten Griechen und einem 0:0 in Nordirland seinen Kredit. Der Mittwoch offenbarte, dass die Einordnung hinter den gewiss nicht überragenden Griechen nicht nur ein Freakresultat ist. Sáez’ Spanien, technisch begabt, jung und unternehmungslustig, hat noch etliche Stellen, die poliert und geschliffen werden müssen. Operation Generationenwechsel hieß Sáez’ Auftrag, als er nach der WM 2002 antrat, und daran machte sich der 60-jährige Baske hemmungslos. Mit 28 war Rubén Baraja vom FC Valencia gegen die Ukraine der älteste Profi in der Startelf. Doch Jugend allein erobert vielleicht die Herzen, bringt aber noch lange kein Gloria. Den Mangel an Abwehrspielern mit Sicherheitsgarantie legten die ukrainischen Konter schonungslos offen.“

Ralf Itzel (SZ 12.9.) bewundert Frankreichs Nationalelf. “Welch eine Bilanz in der Qualifikation: Sieben Spiele, sieben Siege, zwei Tore kassiert, 26 erzielt, fast vier im Schnitt pro Auftritt. Derartige Werte hat kein anderer der fünfzig Kandidaten zu bieten. Sie sind wieder die alten. Im übertragenen und im ursprünglichen Wortsinne: Glatzkopf Barthez, seine Majestät Zidane, der Fels Desailly, Kraftpäckchen Lizarazu, die Gazelle Henry. Die Weltmeistergeneration von 1998 hat wieder das Kommando übernommen, nach einer Periode freilich, in der Jacques Santini ihr das Fürchten lehrte. Der neue Trainer lancierte nach Amtsantritt Talente, die unter Vorgänger Roger Lemerre den Stars allenfalls die Schuhe tragen durften. „Vorher war der Status jedes einzelnen festgezurrt“, sagt der Münchner Bayer Willy Sagnol, „und jeder begnügte sich mit seiner Rolle, ohne mehr tun zu wollen. Indem Santini vor allem zu Beginn viele Junge brachte, hat er den Alten signalisiert, dass alle kämpfen müssen.“ Dass die Routiniers noch die besseren sind, müssen sie nun in jedem Spiel beweisen. Santini reizte sie bis aufs Blut, testete ihre Charaktere. „Er hat uns durchgerüttelt“, sagt Kapitän Desailly. Bayern Münchens Bixente Lizarazu musste monatelang auf die erneute Nominierung warten. Nun legt er wie am Samstag gegen Zypern auch in der 84. Minute beim Stand von 5:0 noch einen Sprint über den halben Platz hin. Die Motivation, in Portugal den Betriebsunfall von Korea vergessen zu machen, ist groß für Lizarazu und Co. Sonderrechte genießen er und die anderen Veteranen auch im Innenleben der Equipe keine mehr. Santini nimmt alle an die kurze Leine.”

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Über das Verhältnis von TV-Sportreportern zu ihren Duzfreunden

„Kaum ein Berufsfeld im deutschen Fernsehen hat sich in den letzten Jahren stärker gewandelt als das der Sportjournalisten“ stellen Nils Klawitter, Marcel Rosenbach Michael Wulzinger (Spiegel 04.02.02) fest. Da die Fernsehstationen Millionensummen für die Übertragungsrechte von Olympiaden, Leichtathletik-Weltmeisterschaften oder Fußballspielen und -turnieren bezahlten, herrsche auf sie ein großer Druck, den Sport so unterhaltsam und bejahend und damit so quotenträchtig wie möglich darzustellen. „Wir sind abhängig von der Ware, für die wir viel bezahlen und die wir nicht auseinander hebeln können“ wird ZDF-Reporter Michael Palme zitiert. „Kritische Fragen werden zum unkalkulierbaren Risiko der teuren Inszenierungen“ (Klawitter ua). Das für den Reporter daraus resultierende Dilemma formuliert der Berliner Sportsoziologe Gunter Gebauer wie folgt: „Die Sender jazzen dieselben Veranstaltungen hoch, die ihre Sportjournalisten dann kommentieren und kritisieren sollen.“ Dieses Vorhaben scheint bereits im Voraus zum Scheitern verurteilt. Das Ergebnis kann man derzeit täglich in sämtlichen Olympia-Studios beobachten, in denen sich Lobhudeleien und Verbalumarmungen abwechseln. „Ob Waldi mit Hanni oder Poschi mit Anni: Man kennt sich. Man duzt sich. Man schätzt sich“ (Klawitter ua).

Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Josef Hackforth erkennt eine Gefahr, wonach „die Grenzen zwischen Journalismus und PR zunehmend verwischen.“ Angesagt ist demnach nicht mehr der „kritische Branchenbegleiter“, sondern der „devote Stichwortgeber“. (Klawitter ua). „Nur wenige Sportjournalisten können diesem Kuschel-Stil noch widerstehen“ schreiben Klawitter, Rosenbach Wulzinger und müssen nicht lange im Archiv kramen: Wolfgang Poschmann, ZDF-Sportchef und gelegentlicher Moderator des aktuellen sport-studio, begrüßte dort kürzlich Ottmar Hitzfeld, Trainer des FC Bayern sowie Oliver Kahn, Torwart in diesem Verein. Wiederholt bezeichnete er seine Gäste als die „Weltbesten“ ihrer Branche, bevor er sich vor ihnen „endgültig in den Staub warf“ (Klawitter ua). „Das ist das Schicksal großer Menschen, ausgezeichneter Menschen, hochdekorierter Menschen“ (Poschmann). Die 1:5-Schlappe, welche der FC Bayern am selben Tag bei Schalke 04 bezog, wurde nicht zum Gesprächsthema. Ein anderes prominentes Beispiel: ARD-Sportreporter Waldemar Hartmann, „diese aggressiv-heitere, mopsig-joviale Inkarnation von rettungsloser Selbstliebe und intellektuellem Bankrott“ (Jürgen Roth in FR 12.02.02) sieht keinen Interessenkonflikt, wenn er „für gutes Geld nebenher“ (Klawitter ua) die Weihnachtsfeier der Münchner Bayern moderiert. Befürchtungen, daraus könnte eine Distanzlosigkeit zum Berichtgegenstand entstehen, wischt er entweder beiseite oder nimmt sie in Kauf. Schließlich profitiert Hartmann nicht nur finanziell von den Günsten und der Nähe zu Vereinsfunktionären und Profisportlern. Vielmehr wird er selbst zum Star. „Die Selbstinszenierung, die Personalityshow, die Aufbauschung des Moderators zum Medium grenzenloser Mitteilsamkeit und geradezu süchtiger Selbstverausgabung, konterkariert alles, was jemals `seriöser Sportjournalismus´ genannt wurde“ (Roth).

Kritische Sendeformate zum Thema Sport haben (im Gegensatz zur überregionalen Tageszeitung) im deutschen Fernsehen keinen Platz mehr. So musste der Sport-Spiegel, einst Flaggschiff und gleichzeitig Oase seriöser TV-Hintergrundberichterstattung, 1996 die Segel streichen, weil – so der damalige Chef Marcel Reif – „die Sender die Zuschauer mit zu viel Live-Veranstaltungen totgeschlagen haben.“ In der Zwischenzeit hat er sich als Live-Reporter bei Premiere World und RTL in diesem System bestens assimiliert. „Wenn man heute nicht dazugehört, ist man auch nicht mehr dabei.“ Diesem ernüchternden und entlarvenden Eingeständnis Waldemar Hartmanns muss man wohl ebenso zustimmen wie dem Fazit von Klawitter, Rosenbach Wulzinger: „Wer heute als junger Sportreporter kritisch einsteigt, schafft es gar nicht ins System.“ Trübe Aussichten.

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Die Akte Wildmoser

Die Akte Wildmoser – Leicester Citys Spieler üben sexuelle Gewalt aus – die Biografien Ottmar Hitzfelds, David Beckhams und Marcel Reifs im Vergleich (SZ) (mehr …)

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Spanien

Ausschreitungen in Barcelona – ManU gewinnt wieder an Boden – Lazio Rom und RCD Mallorca: zwei Überraschungsteams – Lok Moskau neuer russischer Meister u.v.m.

Spanien

Zu den Ausschreitungen der Barca-Fans gegenüber ihrem Ex-Idol Luis Figo meint Walter Haubrich (FAZ 25.11.). „Wenn der FC Barcelona wirklich mehr als ein Fußballklub wäre und tatsächlich, wie viele Katalanen meinen, das Wesen und die heiligsten Werte ihres Landes verkörpere, dann müßte sich jetzt ganz Katalonien – für die einen eine spanische Region, für die anderen eine Nation – zutiefst schämen. Millionen Menschen in der ganzen Welt haben die schweren Ausschreitungen der radikalen Barca-Fans gegen Figo beobachten können, die den Schiedsrichter schließlich zwangen, das Spiel zwischen den beiden großen Klubs FC Barcelona und Real Madrid (0:0) für eine Viertelstunde zu unterbrechen. Figo wurde in Barcelona, immer wenn er sich anschickte, die Eckbälle zu schießen, mit Flaschen, Billardkugeln und Golfbällen beworfen. Außer Plastikbehältern flogen auch ein Messer, der Kopf eines geschlachteten Schweins sowie eine große Flasche mit schottischem Whisky nahe Figo aufs Spielfeld. Auch der Madrider Torhüter Casillas wurde in der zweiten Hälfte mit Gegenständen aller Art beworfen (…) In Barcelona macht man eine radikale Fanorganisation, die sich Boixos Nois nennt, für die Ausschreitungen verantwortlich. Doch wird diese heute wahrscheinlich gefährlichste unter den Schlägertruppen in spanischen Stadien vom Präsidenten des FC Barcelona, Joan Gaspart, offen gefördert. So dürfte Gaspart der Hauptverantwortliche für das Verhalten eines Teils seines Publikums sein. Der Vorsitzende des größten spanischen Fußballvereins nutzt jede Gelegenheit zu Hetzreden auf andere spanischen Mannschaften, vor allem auf Real Madrid. Hotelbesitzer Gaspart, zunächst einmal Nachwuchspolitiker in der in Katalonien nicht starken, doch ganz Spanien regierenden Volkspartei (PP), gab nach dem Spiel dem Opfer der Aggressionen, dem Madrider Rechtsaußen Luis Figo, die Schuld: „Der Portugiese ist ein Provokateur. Er hat ständig unsere Fans provoziert.“ Die „Provokation“ Figos bestand für Gaspart darin, daß der Portugiese – wie übrigens in jedem Spiel von Real Madrid – die Eckstöße ausführte.“

Markus Jakob (NZZ 25.11.) kritisiert die Reaktionen aus Barcelonas Führungsetage. „Es dürfte in die fussballerische Universalgeschichte der Niedertracht eingehen, dass sowohl Barça-Präsident Joan Gaspart als auch Trainer Louis van Gaal nach dem Spiel den Portugiesen der Provokation bezichtigten, um das Verhalten des Barça-Pöbels zu entschuldigen. Dass Gaspart die «Boixos nois» (auf Deutsch: «die irren Jungs») unterstützt, ist kein Geheimnis. Sie passen in sein Weltbild, in dem die Sonne schlicht um den FC Barcelona kreist. Als er diesen Sommer van Gaal nach Barcelona zurückholte, hielten die meisten das zunächst für einen Witz. Der Holländer war zwei Jahre zuvor als der meistgehasste Mann der Stadt in sein missratenes Abenteuer mit der holländischen Nationalmannschaft entlassen worden. Zusammen verschenkten sie, seltsames Geschäftsgebaren für einen zunehmend in Finanznöten steckenden Klub, umgehend Rivaldo an die AC Milan. Statt seiner wurde der Argentinier Riquelme engagiert: ein Fussballkünstler, der sich wie alle Ausnahmespieler nicht ohne weiteres in die rigorose Spielanlage des holländischen Trainers einfügen lässt. Riquelme drückte bisher meist die Ersatzbank. Gegen Real Madrid erhielt er endlich seine Chance, dank der Verletzung von Luis Enrique und auf Kosten des andern argentinischen Stars Saviola. Er nützte sie, als einer der herausragenden Spieler auf dem Platz neben Barcelonas Drahtziehern Xavi, Motta und dem Madrider Abwehrhaudegen Pavón – aber ob ihm das für seine Zukunft in diesem auf Theorien abgerichteten Team viel nützt? Im Satiremagazin «Las noticias del Guiñol» des spanischen Canal+ wird van Gaal, dessen erbärmliche Spanischkenntnisse, kombiniert mit seinem nicht zu unterdrückenden Hang zum Jähzorn, stets für Erheiterung sorgen, als ziegelgemauerter Quadratschädel dargestellt. Auch in der samstäglichen Partie schien es zunächst, seinem streng karierten Ringheft seien die losen Blätter des Madrider Trainers del Bosque überlegen: Stil statt starres System.“

Dahingegen gibt Ronald Reng (FR 25.11.) zu bedenken. „Ein ästhetischer Genuss ist es, großen Spielern wie Figo zuzusehen, egal welches Trikot sie tragen, die größte Faszination des Fußballs ist noch immer, sich mit einem Team, mit seinen Spielern zu identifizieren. Fünf Jahre lang gab Figo den Fans in Barcelona das Gefühl, er spiele für sie, sie gaben ihm dafür ihre bedingungslose Zuneigung. Er muss gewusst haben, dass er sich damit auch eine Verpflichtung auflud: nicht im Zenit seines Schaffens zum Rivalen zu desertieren, der über die sportliche Konkurrenz hinaus für die Katalanen die jahrzehntelange politische Unterdrückung durch Franco symbolisiert. Mit diesem Wechsel überschritt Figo die Grenzen des Erträglichen selbst im Söldnerwesen Profifußball. Natürlich rechtfertigt dies nicht, mit Whiskyflaschen auf ihn zu zielen (…) Mitleid wollte auch nicht aufkommen. Vor sieben Monaten, im Champions-League-Viertelfinale, war Bayern Münchens Stefan Effenberg bei jedem Eckball wild von Madrider Fans beworfen worden. Als er, von einem vollen Getränkebecher am Hinterkopf getroffen, zu Boden ging, reklamierte ein Madrider beim Schiedsrichter wild gestikulierend Zeitspiel, was angesichts Effenbergs Schmerzen widerlich war. Es war Luís Figo.”

Zur Lage beim RCD Mallorca heißt es bei Georg Bucher (NZZ 26.11.). „Was die „Bermellones“ seit den glorreichen Zeiten Hector Cupers auszeichnete, führt Manzano jetzt weiter. Talente, auch ewige Talente, waren in Mallorca aufgeblüht und mit hohem Gewinn veräussert worden: Dani, Stankovic, Valeron, Diego Tristan – die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzen. Das letzte Juwel, Luque, trug an der WM 2002 den Nationaldress und wechselte zu Deportivo La Coruña. Über die Höhe der Ablösesumme wurde Stillschweigen vereinbart. Der galicische Champions-League-Gegner des FC Basel wollte es so, Señor Luque sen., der die Geschäfte für seinen Sohn abwickelt, ebenfalls. Einen Teil schrieben Deportivos Edelreservisten Turu Flores und Pandiani ab. Die beiden Südamerikaner, Eto‘o, Riera und der Spielmacher Ibagaza versprachen Manzano Offensivpotenzial. Zu wenig für die “Liga der Stars”? Der Auftakt liess jedenfalls eine weitere Baisse erahnen. Dreimal in Folge verlor Mallorca und stand am Tabellenende, sieben Wochen später allerdings schon auf Rang zwei, der zur direkten Teilnahme an der Champions League berechtigt.“

England

Premier League

Manchester United vs. Newcastle United 5:3

Überraschenderweise konnte am Wochenende weder Arsenal London noch der FC Liverpool punkten, sodass ManU im Spitzenspiel des Wochenendes durch einen Sieg über die Magpies den Abstand zur Spitze auf nunmehr sechs Punkte verkürzen konnte. Der Holländer Ruud van Nistelrooy konnte sich dabei als dreifacher Torschütze eintragen und mit acht Treffern zum bisherigen Topscorer Michael Owen aufschließen.

Southampton vs. Arsenal London 3:2

Tabellenführer Arsenal musste im St. Mary’s Stadium zu Southampton drei Punkte abgeben und verpasste so die Chance, sich an der Tabellenspitze abzusetzen. Die Gunners mussten ab der 57. Minute mit zehn Spielern und ohne ihren Abwehrspieler Soul Campel auskommen, der des Platzes verwiesen wurde. Die Treffer von Bergkamp in der 36. und Pires in der 80. Minute reichten nicht, um die Punkte aus dem Süden Englands zu entführen.

FC Fulham vs. FC Liverpool 3:2

Londoner Schützenhilfe für Arsenal leisteten an der Loftus Road die Kicker vom FC Fulham durch einen Sieg über Liverpool, die ihre Negativserie mit nur einem Punkt aus drei Spielen fortsetzten. Trotz eines Platzverweises für Goma konnte Fulham den knappen Sieg über die Zeit retten. Mehr unter

Scottish Premier League

FC Dundee vs. Dundee United 3:2

Zum Stadtderby an der schottischen Ostküste kam es in Dundee, dem sogenannten Tayside Derby. Der FC Dundee, ehemals Heimat von WM Star Claudio Caniggia, konnte den 3:2 Sieg gerade so festhalten. Ein sicher geglaubtes 3:0 der Heimmannschaft konnte United zwar in der 67. und 83. Minute in ein 3:2 verwandeln, zu einem Punktgewinn reichte es dennoch nicht. Dundee United versinkt durch die Niederlage mehr und mehr im Abstiegskampf, der FC Dundee darf weiter auf einen Uefa-Cup-Platz schielen.

Italien

Peter Hartmann (NZZ 26.11.). „Der „Todeskandidat“ Lazio bietet derzeit den höchsten Unterhaltungswert in der Serie A. Einerseits mit dem makabren Spektakel des strauchelnden Finanzakrobaten und Mehrheitsbesitzers, den die Banken nun aus dem Geschäft drängen als Voraussetzung für eine Sanierung. Anderseits gelingt es dem jungen Trainer Roberto Mancini, der im Frühsommer dem Untergang der AC Fiorentina entronnen war, seine Squadra in eine Art von Zauberberg-Stimmung zu versetzen. Selten hat eine italienische Mannschaft derart unbeschwert und beflügelt gespielt wie diese Desperado-Belegschaft. Mit den Notverkäufen des Stoppers Nesta und des Goalgetters Crespo war ihr vermeintlich das Rückgrat gebrochen worden. Der 37-jährige Mancini steht mit den Spielern per Du, denn bis vor zwei Jahren war er ihr Kollege und gehörte noch zur Meistermannschaft von 2000. Dank seinem Insiderwissen hat er unverkäufliche, ausgebrannte alte Mitkämpfer wieder belebt, etwa den Torhüter Peruzzi, Mihajlovic, Pancaro und Favalli in der Abwehr, die Argentinier Simeone und Lopez, die im Sommer von Atletico Madrid verschmäht wurden. Er brachte aus Florenz den auch schon 32-jährigen, lange verletzten Stürmer Sergio Chiesa mit, und er hat das Selbstbewusstsein eines Talents wie Corradi geweckt, der bei Chievo nur eine Ersatzlösung war und vom Besitzerklub Inter als Dreingabe für Crespo nach Rom geschickt wurde. Und mit Stankovic verfügt er über einen Regisseur, auf den ein Dutzend Grossklubs in Europa scharf sind. Denn jeder spielt auch für die Galerie und um seine Zukunft: Wenn die Spieler die ausstehenden Saläre einklagen, was sie intern diskutiert haben, und der Klub nicht zahlt, können sie sich ablösefrei nach einem neuen Arbeitgeber umsehen. Dennoch klappt dasTeamwork im Rahmen eines klaren 4:4:2-Systems fast reibungslos. Diese Mannschaft wäre – sozusagen en bloc, aber ohne den Cragnotti-Schuldenballast – ein Handstreich- Schnäppchen für einen andern Klub. Vielleicht beginnt in diesem Spannungsfeld eine grosse Trainerkarriere. Mancinis Lazio hat jetzt Platz drei erklommen, nur einen Punkt hinter Milan und Juventus.“

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Fußball in Japan

„Bis heute hat Fußball in Japan viel von einem Popkonzert“, lesen wir heute in der FAZ über die Art und Weise, wie in Nippon Fußball konsumiert wird. Ob dort Stadionatmosphäre aufkommen können wird, so wie man sie in Europa und Südamerika gewohnt ist? In Südkorea hingegen hat Fußball eine längere Tradition und scheint zudem einen größeren Stellenwert zu besitzen.

„Schwer vorstellbar, dass irgendein anderes der 32 Teams bei der WM so warm und so herzlich von seiner Gefolgschaft zur WM verabschiedet wurde wie vor zehn Tagen die Iren in Dublin“, beschreibt Philipp Selldorf (SZ) die dortige Vorfreude. „Sogar die Babys im Kinderwagen trugen grüne Trikots. Regierungschef Bertie Ahern sagte den Spielern in der Flughafenlounge adieu, bevor er in Drumcondra seine Stimme für die Parlamentswahl abgab.“ Doch nach der Suspendierung seines Stars Roy Keane sind die Aktien des deutschen Vorrundengegners wohl deutlich gesunken.

Außerdem: das neue if-Gewinnspiel für Nostalgiker, Senegal

Zur Kandidatur des Kameruners Issa Hayatou um die Fifa-Präsidentschaft bemerkt Kisito Ngalamou in der Kameruner Tageszeitung Ouest Echos (27.5.).“Zum ersten Mal versucht Afrika, mit der Kandidatur des Präsidenten des CAF (afrikanisches Pendant zur Uefa) zur Fifa-Präsidentschaft den Vorteil auf seine Seite zu ziehen. Die medialen Touren, die die Kandidatur des Afrikaners Issa Hayatou begleiten, offenbaren das bekannte Problem des Ungleichgewichts zwischen den Ländern des Nordens – entwickelt genannt – und den Nationen des Südens – unterentwickelt genannt. Für die erstgenannten Länder, die sich nicht scheuen, ihren erwiesenen Egoismus zu zeigen, ist Afrika, welches nun den Wichtigtuer spielt, weit davon entfernt, sich mit einer solchen Ambition brüsten zu dürfen. Am wenigsten zu diesem Zeitpunkt. Wenngleich „die Atmosphäre in der Fifa nicht gut ist und ein schlechtes Bild des Fußballs abgibt“, wie der Präsident des CAF mit Bitterkeit konstatieren muss. Issa Hayatou will diesen Mythos zerstören und systematisch den Graben verkleinern, der den Norden und den Süden trennt. Er kann und wird zum Präsidenten gewählt werden. Und das Tüpfelchen auf dem „i“ könnte dann eintreten, wenn die „Unbezähmbaren Löwen“ bei der WM weiter kommen als 1990. Ein Traum? Wir werden sehen!“

Thomas Kistner (SZ 28.5.) bemerkt vor dem Fifa-Gipfel. „Das Misstrauensvotum gegen Sepp Blatter ist einmalig im Weltsport. Man kann den Widerstand getrost auf den wahren Fifa-Vorstand reduzieren, Blatters Parteigänger darin verfolgen ja erkennbare Eigeninteressen: die von der Justiz traktierten Latinobarone Teixeira und Grondona, der spendable Wahlhelfer Bin-Hammam aus Katar, der symbiotisch Fifa- verstrickte Rechtedealer Warner (Trinidad) oder der mit 100000Dollar umgarnte Russe Koloskow. Dass es neben deren (mit viel Aufbauhilfe befriedeten) Hintersassen auch wichtige Verbände wie den DFB gibt, die Blatter stützen, zeigt, wie nachrangig rechtsstaatliches Empfinden ist in der Günstlingswirtschaft Fifa.“

Dossier der NZZzum Thema „Fifa im Zwielicht“

Mit den Folgen des aufgeblähten europäischen Terminkalenders für die WM befasst sich Christian Eichler (FAZ 28.5.). „Sehen wir eine WM mit Gipsfuß? Und all das nur, weil Fußballer zu viel Geld bekommen, weil eine seit Jahrzehnten eingespielte Harmonie aus Wettkampf-Formaten und Markt-Chancen aus den Fugen geraten ist. Gemeint sind nicht die nationalen Klubwettbewerbe und nicht die internationalen Länderturniere. Deren Anzahl und Umfang blieb konstant. Nein, es ist der internationale Vereinsfußball, den Vermarkter und Funktionäre in den neunziger Jahren aufgebläht haben wie Schönheitschirurgen mit einem Hang zur Überdosis Silikon. Nun sieht man die orthopädischen Folgen für die Stars.“

Erik Eggers (FR) über Fußball in den USA

Stefan Hermanns (Tsp) über Christoph Metzelder

Interview (SZ) mit Wolfgang Dremmler, Vize-Weltmeister 1982 und heutiger Scout bei Bayern München

zwei Pressestimmen zu Miroslav Klose, deutscher Nationalstürmer (FAZ, SZ), Interview (FR)

über die Kolonialisierung des afrikanischen Fußballs (taz)

Gewinnspiel für Experten

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