indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 25. März 2004

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Die Engländer haben das Fair-Play erfunden, aber nicht alle Spieler wissen es

„Ich sag´s ja immer wieder: Die Engländer haben das Fair-Play erfunden, aber nicht alle Spieler wissen es.“

Gewinnspiel für Experten

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Wenn das der Häuptling sein soll, wie sehen dann die Indianer aus?

Angesichts Äußerungen seitens der Bochumer nach der Niederlage sieht Ingo Durstewitz (FR 14.4.) das Team auf einem schlechten Weg. “Wenn der VfL Bochum ein Bundesligaspiel verliert, dann setzt die Zaubermaus mit den Rehaugen den Dackelblick auf. Es gibt wohl keinen Profi auf dieser Fußballwelt, der so verdammt traurig aus der Wäsche gucken kann wie Dariusz Wosz. Wie er so dasteht, den Kopf gesenkt, fast demütig, da möchte man den Kleinen am liebsten in den Arm nehmen, ihm tröstende Worte ins Ohr flüstern würde, Banales wie: Das wird schon wieder. Oder: Kopf hoch. Nach dem 0:1 bei Hertha BSC hat der 33-Jährige mit geballter Leidensmiene und leiser Stimme gesagt: Jetzt muss so langsam der Letzte begriffen haben, dass wir nur noch Endspiele haben. Gegen Stuttgart brauchen wir drei Punkte – mit aller Macht. Dann hat sich der Bochumer Kapitän artig bei dem Reporter bedankt (normalerweise ist das umgekehrt) und ist in den Mannschaftsbus geklettert. Und irgendwie hallte die unausgesprochene Frage durch die Katakomben des Berliner Olympiastadions: Wenn das der Häuptling sein soll, wie sehen dann die Indianer aus? Ein paar Meter weiter sitzt der Oberhäuptling. Peter Neururer, Trainer der so brachial abgestürzten Höhenflieger, saugt an der Zigarette, schnickt die Kippe dann in den Kaffeebecher vor sich. Wir sind immer noch nicht auf einem Abstiegsplatz, sagt er, wir haben es noch selbst in der Hand. Die Betonung liegt nicht auf noch, sie sollte es aber. Neururer, der verbalfixierte Hardcore-Motivator, kommt einsilbig daher an diesem Nachmittag, dünnhäutig, und merkwürdig realitätsfern. Ein Loblied singt der 47-Jährige auf die Hertha, vom langen Preetz schwärmt er, vor allem aber von den Brasilianern, von Marcelinho und Alves, die kannst du eins gegen eins nicht packen. In der substantivierten Neururerschen Diktion bedeutet das: Die große Berliner Qualität im Offensivbereich hat die Verhinderung des 0:1 nicht möglich gemacht.““

Die guten alten Rundkappen

Ähnlich argumentiert Javier Cáceres (SZ 14.4.). „Neururer hat „trotz nicht vorhandener mathematischer Grundkenntnisse“ errechnet, dass 37 Punkte für die Rettung wohl nicht reichen werden. Um sicher zu gehen, brauche der VfL aus sechs verbleibenden Runden drei Siege. Nur: Der VfL hat seit acht Spiel nicht mehr gewonnen, und je länger die Saison dauert, umso mehr verstärkt sich der Eindruck, dass sich die Bochumer damals, beim Absprung aus luftigen Tabellenhöhen, anstelle von Flächenfallschirmen die guten alten Rundkappen auf den Rücken schnallten. Die funktionieren zwar auch, gelten aber als kaum steuerbar – und sind für punktgenaue Landungen vergleichsweise untauglich. Wie orientierungslos der VfL abwärts taumelt, war auch im Olympiastadion zu beobachten. Dort konnten die Bochumer das Spiel selbst dann nicht an sich reißen, als Herthas Abwehrchef, Dick van Burik, kurz vor der Halbzeit wegen zwei heftiger Attacken auf die Beine von Wosz bzw. Christiansen Gelb-Rot sah. Bochums Passivität lag aber auch darin begründet, dass Neururer danach verzichtete, die Grundausrichtung seiner Elf zu modifizieren: aus Respekt vor der individuellen Klasse der Berliner, wie er erläuterte, und weil er ahnte, dass Kollege Huub Stevens keine taktischen Veränderungen vornehmen würde. Stevens tat dies tatsächlich nicht – eben weil er nicht dazu gezwungen wurde. Bochum bot durchgängig nur eine Spitze (Christiansen), so dass die Hausherren beruhigt mit drei defensiven Kräften agieren und ihre Taktik ansonsten beibehalten konnten.“

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„Selten war wohl ein afrikanisches Team derart diszipliniert.“

„Selten war wohl ein afrikanisches Team derart diszipliniert.“ Thilo Thielke (Spiegel) spricht von Deutschlands Vorrundengegner Kamerun, wo Ex-Bundesligatrainer und -profi Winnie Schäfer sich anschickt, mit seinen „Löwen“ nach dem kontinentalen Triumph auch auf globaler Bühne Zeichen zusetzen. Im Lager eines anderen deutschen Gegner gab es hingegen reichlich Ärger.

Außerdem: über die Sicherheitsvorkehrungen im Hotel der“zwei französischen Nationalmannschaften“, über das Fußballreporterleben und: Die FAZ berichtet vor Beginn der Weltmeisterschaft von zwei „alten europäischen, ein wenig geschrumpften, Fußballmächten“: Italien und England.

Fußball ist in Italien – nicht nur dort, aber dort besonders – immer von großen theatralischen Gesten begleitet. Die römische Tageszeitung Il Messaggero (22.5.) meldet. „Bei einem Abschiedsessen zu Ehren der italienischen Nationalmannschaft vor der Abreise nach Japan hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi seinen Azzurri jede Menge taktischer Tipps mitgegeben und versprochen, er werde auf jeden Fall zum Finale reisen, falls Italien dabei sei. Vorher hatte er launisch gedroht: Wenn ihr aber eher zurückkommt, dann schicke ich euch ins Gefängnis! In ungewohnter Selbstironie spielte er damit auf Meldungen der letzten Tage an, er übe massiv Zensur aus. Der prominente Theaterregisseur Luca Ronconi hatte bei einer Inszenierung von Aristophanes‘ Fröschen in Sizilien Bühnenbilder entfernen lassen, in denen die dargestellten Tyrannen deutlich die Züge Berlusconis, Gianfranco Finis und Umberto Bossis trugen. Berlusconi war darauf von der Presse als Zensor und kleiner Diktator beschimpft worden. Ronconi dagegen hat inzwischen bestritten, dass seine Entscheidung von irgendeiner Seite beeinflusst worden sei.“

Die französische Presse trägt nach der Niederlage der „Blauen“ im Freundschaftsspiel gegen den belgischen Nachbarn keine Bedenken über die Aussichten einer erfolgreichen Titelverteidigung. Geblieben sei aber die Einsicht, konstatiert Le Monde (22.5.), dass es zwei französische Mannschaften gebe: eine mit und eine ohne den Spielmacher Zinedine Zidane, und fügt hinzu, dass der wegen dritter Vaterfreunden suspendierte Superstar auch nicht durch den jungen Stürmer Djibril Cissé (Auxerre) ersetzbar sei. Dieser soll vor dem Abflug des amtierenden Weltmeisters, hat der Figaro (22.5.) beobachtet, noch rasch ein paar Tausend Euros für Uhren und Anzüge ausgegeben haben. Im südjapanischen Ibuzuki, wo das Team nach siebenstündigem Flug Quartier bezogen hat, konnte es sogleich erfahren, was es heißt, in Zeiten des Terrors eine WM auszutragen. Das Iwasaki-Hotel, das für seine heißen Sandbädern berühmt ist, gleicht einer Festung; man kann es nur durch eine ganze Serie von Schikanen und Metalldetektoren betreten, über dem Luxushotel kreisen ständig Helikopter. Die Equipe wird diese Festung nur für Testspiele gegen das japanische Team der Urawa Reds und die Auswahl Südkoreas verlassen.

„Warum kann nicht wenigstens das Feuilleton fußballfrei bleiben?“ fragt Florian Coulmas (SZ23.5.) – im Feuilleton. „Politikern sind wir gewohnt, ein gewisses Maß an Opportunismus zu konzedieren, den Intellektuellen aber, die dem Fußball die Reverenz erweisen, ist das übel zu nehmen. Dass in diesem Land so mancherlei im Argen liegt, bezweifeln nur wenige. Wie symptomatisch dafür der Fußballwahn ist, wird systematisch verschwiegen. Die politische Klasse, voll beschäftigt mit Mangelverwaltung und Machterhalt, hat keinen Platz für Helden. Und unter dem Eindruck der absurden Summen, die dafür ausgegeben werden, das Gerenne auf dem Rasen im Fernsehen übertragen zu dürfen, neigt die geistige Aristokratie ihr Haupt vor dem tretenden Bein und nimmt ihren Platz auf der Tribüne ein, vor der die wahren Helden unserer Zeit von links nach rechts und von rechts nach links rennen. Wo so viel Geld im Spiel ist, muss doch etwas Wertvolles dahinter stecken, lautet offenbar ihr Räsonnement.“

Über Wesen und WM-Chancen zweier alter europäischer Fußballmächte – Italien und England – erfahren wir aus der FAZ (23.5.). Dirk Schümer über Mitfavorit Italien . Über die Methoden von Englands

Mit dem Dasein eines Fußballreporters befasst sich Christoph Biermann (taz 23.5.). „So schön wird die kommende Zeit nie sein können, denn zum professionellen Reflex von Reportern gehört es, vorher erst einmal ordentlich zu maulen. Damit ist man nämlich auf der sicheren Seite, weshalb der Trip zur WM nach Korea und Japan nicht weniger als ein Albtraum ist. Weil es dahin so weit ist und im Sommer regnet und schwül ist. Weil es schon zum Frühstück eingelegten Kohl gibt. Weil man sich garantiert verläuft und die Spiele verpasst. Weil in Korea so viel Koreaner sind und in Japan noch mehr Japaner. Weil wir den Asiaten nicht verstehen und der uns auch nicht. Weil Koreaner von Fußball genauso wenig Ahnung haben wie Japaner und bestimmt an den falschen Stellen klatschen – wenn sie es denn überhaupt tun. Weil man in den Stadien nicht rauchen darf. Und teuer ist es auch. Also eins ist demnach schon mal sicher: Das wird eine ganz tolle Weltmeisterschaft.“

Über den „verblüffend erfolgreichen“ Trainer Kameruns

Ärger gibt es im irischen Lager. So wäre Kapitän Roy Keane nach einem handfesten Streit mit einigen Co-Trainern fast abgereist. In einem exklusiv Interview mit der Irish Times (23.5.) erklärt er warum: „Ich bin hierher gekommen, um mein Bestes zu geben, und das Gleiche erwarte ich von dem gesamten Team. Dieser Aufenthalt ist allerdings die Spitze des Eisbergs. Das Hotel ist zwar in Ordnung, aber wir sind hier um zu arbeiten. Warum Spieler sich verletzen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass andere Nationalteams, die um einiges schlechter sind als wir, auf einem solchen Platz trainieren. Ich denke, es ist nicht zu viel verlangt, wenn man einen wassergesprengten Platz erwartet. Der Platz ist steinhart und daher gefährlich. Ein oder zwei Jungs haben schon Verletzungen, und ich wundere mich nur, dass nicht schon mehr passiert ist.“

zwei Artikel aus der Fußball-Historie (WM 82, WM 78)

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Die Gründe für die Schwäche der Bayern sowie die Stärke der Dortmunder

Champions League: die Gründe für die Schwäche der Bayern sowie die Stärke der Dortmunder – die Finanzpolitik Kaiserslauterns (mehr …)

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Gruppenspiele (KOR, USA, POR)

Gruppenspiele (KOR, USA, POR)

Hintergrundberichte ber die Nationen Sdkorea, USA, Portugal

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Bundesliga am Samstag

SZ-Interview mit Ottmar Hitzfeld – von Sebastian Kehl (Borussia Dortmund) erwartet die FR mehr – Juri Schlünz „macht Hansa Rostock mit Menschlichkeit und Mutterwitz zu einer Fußball-Perle der Ostsee“ (FAZ) – „Hans Meyer hat die Berliner Abstiegsgefahr nicht bannen können“ (FAZ) – Abstimmungsprobleme in der Gladbacher Öffentlichkeitsarbeit u.v.m.

Als junger Trainer habe ich Zeitungen intensiver gelesen

SZ-Interview mit Ottmar Hitzfeld

SZ: Herr Hitzfeld, Sie erwähnten eben die „schwierigen Zeiten, die Sie hier beim FC Bayern haben – warum nehmen Sie dann nicht eines der Angebote anderer großer Klubs an? Zum Beispiel vom FC Chelsea, der Sie verpflichten möchte, wie Sie neulich erzählt haben.

OH: Ich hab das gar nicht erzählt. Nur bestätigt. Und eigentlich möchte ich das gar nicht kommentieren. Ich bekomme immer wieder Angebote von großen Vereinen, persönliche Anfragen, weil ich keinen Berater habe. Das war schon immer der Fall und das ehrt mich – aber ich stelle mich doch nicht hin und sage: Ich hab da ein Angebot und hier ein Angebot. Das ist nicht mein Stil.

SZ: Angesichts solcher Offerten – warum tun Sie sich den Stress in München noch an?

OH: Das gehört doch zum Trainerjob. Es gibt halt Zeiten, wo man noch mehr gefordert wird. Ich will hier nicht abhauen, sondern die Aufgabe lösen. Ich bin nicht nur Trainer, um Titel zu holen – das wäre ja fast langweilig –, sondern weil es auch eine Herausforderung ist, Brände zu löschen.

SZ: Das heißt, Sie kalkulieren eine Saison ohne Titelgewinn ein?

OH: Nein, nein. Nach wie vor habe ich den Glauben daran, dass wir eine Chance bekommen, Meister zu werden. Bremen wird mal straucheln – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche! (…) Bremens Riesenvorteil ist natürlich, dass sie die Ruhe haben. Die können mal verlieren, dann passiert nichts. Und wenn sie schlecht spielen und gewinnen, dann heißt es bei denen „meisterhaft und bei uns: „Dusel-Bayern. [of: Mir kommen die Tränen. Welche Zeitungen liest Hitzfeld? Liest er nicht den kicker? Schaut er nicht ARD? Sensiblen Bayern empfehle ich die seriöse Hofberichterstattung der Sport-Bild.] Wir bekommen immer nur die Häme, und die anderen werden die ganze Saison über gelobt. Das sind Unterschiede, die eine Mannschaft belasten können.

SZ: Ihre Mannschaft scheint ohnehin nicht besonders stabil zu sein. Ist ein radikaler Umbau geboten?

OH: Man kann nicht sagen: Jetzt verkaufen wir fünf, sechs Spieler – die muss man erst mal verkaufen können, es gibt doch gar keinen Markt dafür. Aber wir sind in einer Situation, da wir uns viele Gedanken machen müssen: Wie kann man diese Mannschaft verstärken? Was kann man ändern?

SZ: Zum Beispiel Roque Santa Cruz verkaufen. Dessen Leistung stagniert.

OH: Es ist natürlich eine Gefahr, wenn ein Spieler zu lange beim Verein ist und es nicht richtig geschafft hat, Stammspieler zu werden – dass er sich mit der Situation arrangiert. Dann muss man fragen: Wie geht es weiter? (…) Ich möchte hier keine Personalpolitik machen. Aber wir müssen uns Gedanken machen, ob wir für die Zukunft den einen oder anderen Spieler austauschen. Es ist eine Gefahr, dass sich einige hier zu etabliert fühlen – und ich wünsche mir mehr Konkurrenzkampf.

SZ: Wie diskutieren Sie mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge? Streiten Sie? Gehen Sie in die Offensive?

OH: Wir tauschen unsere Meinungen aus. Man kann mit ruhiger Art bestimmt auftreten und muss nicht rumschreien. Aber letztlich entscheidet der Verein. Das Wort des Vorstands hat mehr Gewicht – weil der Verein Ottmar Hitzfeld überleben wird. Darum möchte ich mich als Trainer nicht überschätzen und sagen: ,Ich bin hier der Chef und bestimme, welcher Spieler gekauft wird. Das kann nicht funktionieren.

SZ: Jetzt hat Uli Hoeneß erstmals Felix Magath mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Irritiert Sie das?

OH: Das ist doch legitim. Uli wird permanent nach Magath gefragt und versucht ehrlich zu bleiben. Er darf ja nicht die Augen verschließen. Wenn ich die nächsten drei, vier Spiele verliere, dann ist ja klar, dass der Verein handeln muss. Aber damit befasse ich mich gar nicht.

SZ: Sie waren in solchen Fragen schon empfindlicher.

OH: Vor ein paar Jahren, ja. Als junger Trainer habe ich auch die Zeitungen intensiver gelesen. Heute überfliege ich alles nur und lese diagonal. Weil sich sowieso alles wiederholt und man genau weiß: Jetzt kommt dieser Mechanismus und jetzt kommt jene Aussage. Wenn ich mich jetzt laut aufregen würde, dann würden sich alle nur wundern und sagen, dass ich die Nerven verliere. Es geht immer um die Frage, wie weit man die Karten offen legt. Das ist alles ein Spiel.

Jan Christian Müller (FR 20.3.) porträtiert Sebastian Kehl (Borussia Dortmund): “Uli Hoeneß ist noch immer nicht gut auf Sebastian Kehl zu sprechen. Der Manager von Bayern München hat sich seinerzeit nämlich mächtig geärgert. Damals, anno 2001, galt Kehl noch als eines der größten Talente der Republik. Er war 21 und hatte den Bayern schon zugesagt, ehe er ein besseres Angebot von Borussia Dortmund erhielt und prompt annahm. Längst ist Hoeneß froh, dass die Sache mit Kehl geplatzt ist. Der Münchner ätzt: Heute wäre Kehl froh, wenn er bei uns wäre und nicht 20 Prozent seines Gehalts abgeben müsste. Das ist bewusst böse formuliert: Böse gegenüber Kehl, und erst recht böse gegenüber Borussia Dortmund, heute Gegner der Frankfurter Eintracht. Am vergangenen Samstag, beim 2:2 an seiner ehemaligen Wirkungsstätte Freiburg, wurde der 21-fache Nationalspieler erst gnadenlos ausgepfiffen und dann gnadenlos ausgewechselt. Pfiffe ist Kehl inzwischen auch von den eigenen Fans gewohnt, Auswechslungen durch seinen Trainer Matthias Sammer dagegen nicht. Der beeilte sich flugs, die Herausnahme mit Taktik zu begründen, nicht mit Leistung, zumal Kehl ordentlich, wenn auch bestimmt nicht berauschend gespielt hatte. Sebastian, sagt Sammer, bringt die wichtigste Voraussetzung mit: Er zerreißt sich auf dem Platz. Das allein hat weder in der laufenden noch in der vergangenen Saison ausgereicht, um die Fans des BVB zufrieden zu stellen. Vor zwei Wochen, beim 0:2 gegen Stuttgart, konnte selbst im heimischen Westfalenstadion niemand die Pfiffe überhören. Pfiffe gegen Sebastian Kehl, den Frühreifen, immerfort Bemühten, überaus Ehrgeizigen und – dieser Eindruck verfestigt sich zunehmend – womöglich auch reichlich Überschätzten?“

Meyer ist die Lust am Scherzen vergangen

Christian Ewers (FAZ 20.3.): “Seit Meyers Amtsantritt am 3. Januar hat sich wenig verändert. Die Mannschaft zeigt weder schöneren Fußball, noch hat sich ihre tabellarische Situation verbessert. Und ob nun endlich der von Nationalspieler Arne Friedrich geforderte Start einer großen Serie stattfindet, ist fraglich. Zu Gast im Olympiastadion ist Meister Bayern München, der Hertha in der Hinrunde mit 4:1 geschlagen hatte. Meyer versucht, sein Team zu entlasten: Es muß nicht schwerer sein, gegen Bayern zu spielen als gegen Eintracht Frankfurt. Wir allein bestimmen es. Wir haben eine Chance. Das kann Meyer wirklich gut. Sich vor das Team stellen, alle Aufmerksamkeit auf sich lenken, mal durch Witze auf Harald-Schmidt-Niveau, mal durch messerscharfe Spielanalysen und immer öfter durch bissige Kommentare. Meyer, dessen Interviews zu Beginn stets für großes Amüsement gesorgt hatten, ist mittlerweile die Lust am Scherzen vergangen. Der Optimismus versprühende Entertainer hat sich zu einem knurrigen Nachlaßverwalter gewandelt. Meyer bastelt an einer Mannschaft, die zwar über gute Einzelspieler verfügt, aber die so seltsam zusammengestellt ist, daß für sie ein Spielsystem noch erfunden werden muß.“

Die Zeit der Rudelbildung und Griesgrämigkeit bei uns ist vorbei

Matthias Wolf (FAZ 20.3.) erfreut sich an der Menschlichkeit Juri Schlünz’: “Der 42jährige, bis vor kurzem kaum in der Branche beachtet, ist gar nicht so farblos, wie man ihm nachsagte. Ihn selbst hat das Klischee immer amüsiert: Sechs Jahre lang hat mich kein Reporter was gefragt. Warum wußten bloß alle, daß ich langweilig bin? Hansas Pressesprecher Axel Schulz bescheinigt seinem Trainer beachtlichem Humor und andere Vorzüge: Er spielt nicht mit den Journalisten, er ist nur authentisch. Uns im Verein war klar, daß Juri voller Überraschungen steckt. Das gilt auch für seine Trainingslehre, die Taktik mit offensivem Pressing und flottem Flügelspiel, und den Umgang mit den Spielern. Die, glaubte man bisher, wären weitgehend nur Durchschnitt. Derzeit spielen sie auf deutlich höherem Level. Die Erfolgsformel erscheint simpel: Schlünz schaffe es, so der Tenor, alle 24 Kicker bei Laune zu halten. Die Zeit der Rudelbildung und Griesgrämigkeit bei uns ist vorbei, sagt Klinkmann: Die draußen sitzen, haben nicht mehr das Gefühl, daß dies ein Dauerzustand ist. Auch weil Schlünz‘ Einwechselkräfte oft Spiele entschieden haben, nennt der 68jährige Vereinschef Schlünz ein Naturtalent, das durch seine Kompetenz, Können, Menschlichkeit und Mutterwitz alle zusammenschweißt. Pause. In der DDR hieß das noch ein Kollektiv. Nur wenige Trainer beherrschen die Kunst, Gemeinschaftssinn unter Profis zu wecken – der Diplomsportlehrer (Für die Leute bin ich der Juri, und das wird so bleiben) tut es. Er ist auch einer der wenigen, der zugibt, Spielweise und Mannschaftsaufstellung mit seinen Profis abzusprechen. Ich kann doch nicht anordnen, was dann keiner umsetzen will. Immer wieder beordert er Spieler, die auf der Tribüne saßen, zurück in den Kader. Bankdrücker rücken plötzlich in die Startformation.“

Die Aussagen sind nicht in Ordnung

Ulrich Hartmann (SZ 20.3.) bemerkt Abstimmungsprobleme in der Gladbacher Öffentlichkeitsarbeit: „„Diejenigen, die der Mannschaft Klasse suggerieren, die lügen. Der Mann, der das gesagt hat, heißt Holger Fach. Er ist der Trainer von Borussia Mönchengladbach. Selten hat sich ein Bundesliga-Trainer nach einem verlorenen Spiel so apokalyptisch über seine Mannschaft geäußert, hat ihr die Eignung abgesprochen und sich dagegen verwahrt, dass die Spieler zumindest ansatzweise Kampfgeist gezeigt hätten und dass der Schiedsrichter Steinborn auch mit Schuld sei an diesem Malheur, weil er kurz vor Schluss ein Handspiel des Aacheners Mbwando nicht mit Elfmeter geahndet hatte. Christian Hochstätter hat diese beiden Aspekte immer wieder ausdrücklich erwähnt, doch all das hat Fach nicht gelten lassen, weil er lieber ehrlich war wie so oft, keine Ausreden suchte und seine Profis provozieren wollte im Hinblick auf das nächste Spiel. „Man hat gesehen, dass uns die spielerischen Mittel fehlen, hat er gesagt. So viel schonungslose Offenheit ist gefährlich im Abstiegskampf. An diesem Samstag spielen die Gladbacher daheim gegen Hamburg und brauchen einen Sieg, um nicht auf einen Abstiegsrang zu rutschen. Hochstätter klingt seit Mittwoch ein bisschen wie der PR-Berater von Holger Fach, denn wenn man ihn auf die Aussagen des Trainers anspricht, dann ist er um Entschuldigungen und Erklärungen bemüht. Fach sei enttäuscht gewesen und frustriert und mit seinen Sätzen übers Ziel hinausgeschossen. „Die Aussagen sind nicht in Ordnung, sagt Hochstätter, aber fragt man ihn, warum der Trainer öffentlich sagt, die Mannschaft habe nicht die nötige Klasse, sagt Hochstätter: „Das ist nicht seine Meinung. Als sich die Mannschaft vor der Winterpause mit einer Siegesserie einen Vorsprung zur Abstiegszone erarbeitet hatte, da habe auch niemand an der Qualität der Spieler gezweifelt. „Die Mannschaft hat in Aachen im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles versucht, sagt Hochstätter; ein Satz, den er viel lieber gehört und gelesen hätte von seinem Trainer. Dass Äußerungen wie jene von Fach für Fußballtrainer auch schon Konsequenzen hatten, spielt für Hochstätter keine Rolle. Der Leverkusener Trainer Thomas Hörster hat über seine Mannschaft vor einem Jahr gesagt: „Wenn wir so weiterspielen, steigen wir ab. Kurz darauf ist er von seinen Aufgaben entbunden worden. „Bei uns in Mönchengladbach hat der Trainer Hans Mayer mal dasselbe gesagt und ist im Amt geblieben, hält Hochstätter dagegen.“

Fußballmärchen am Ort des Mythos Wembley

Offenbar rechnete die FAZ mit einem Engagement Oliver Bierhoffs bei München 60; an Bierhoffs Golden Goal 1996 erinnert Roland Zorn (FAZ 20.3.) – im Präsens: „Das Spiel zwischen den allmählich erschöpften Tschechen und Deutschen treibt unentschieden auf eine verspätete Entscheidung zu. Niemand bemüht sich während der regulären Spielzeit mit letzter Entschlossenheit um den Sieg. Also geht das Finale in die Verlängerung, bei der erstmals in der Geschichte der Europameisterschaften derjenige alles gewinnt, der mit einem goldenen Tor, dem Golden Goal, die Entscheidung vor Ablauf der auf zweimal fünfzehn Minuten angesetzten Zugabe herbeiführt. Es folgt der Moment, der aus einem genervten Reservisten eine Ikone dieser EM macht, einen Spieler, der die Historie des Fußballs um ein goldglänzendes Kapitel anreichert: Oliver Bierhoff. Ich hatte nicht das Gefühl, daß ich auch noch das zweite Tor erziele, wohl aber so eine Ahnung, daß es anders als gegen England diesmal nicht zu einem Elfmeterschießen kommt. Es kommt jedenfalls in der 95. Minute ein langer Ball, und Jürgen Klinsmann geht raus auf den Flügel. Ich merke, daß er den Ball irgendwie flanken muß, sehe aber auch, daß er ihn auf seinen schwächeren linken Fuß bekommt. Der nicht sehr hart hereingegebene Ball landet bei mir, ich decke ihn gut ab, will mich als Rechtsfuß linksrum drehen, da ruft mir Marco Bode, der halbrechts hinter mir steht, zu: Dreh dich linksherum. Das habe ich dann auch gemacht und dabei gemerkt, daß ich von meinem Gegenspieler ein bißchen weg war. Dann habe ich mit links abgezogen, was mir nicht schwerfiel. Als ich schoß, habe ich nicht im Leben daran gedacht, daß der Ball reingeht. Torwart Koubek hätte den (von Hornak noch abgefälschten) Schuß auch halten müssen, der relativ zentral kam. Doch dann sehe ich, wie er den vorbei- und durchrutschen läßt. Wie in Zeitlupe trudelt der Ball ins Tor, so daß ich noch Angst hatte, daß Stefan Kuntz ihm den letzten Tick gibt. Gott sei Dank hat der den Ball nicht mehr berührt, denn Stefan stand im passiven Abseits und wäre im Fall des Falles richtig abseits gewesen. Jedenfalls ist der Ball drin, und Pairetto pfeift ab. Deutschland gewinnt 2:1, und Bierhoff vollbringt und vollendet ein Fußballmärchen am Ort des Mythos Wembley. So weit, daß von hier an seine Karriere von einem Tor, dem Golden Goal, geprägt wird, kann Bierhoff in dem Moment, da es passiert ist, nicht denken. Eigentlich denkt er nämlich an gar nichts. Dem Treffer folgt ein dreiminütiger Blackout, und auf der Tribüne wird mein Vater für ein paar Momente buchstäblich sprachlos. Das Gefühl, daß ich das erste Golden Goal in der Geschichte der großen Turniere geschossen hätte, war überhaupt nicht da. Was geschah, war etwas anderes Unbegreifliches. Erstmals und letztmals in meiner Laufbahn habe ich danach mein Trikot ausgezogen. Das fand ich bei anderen immer ein bißchen affig. Irgendwie fiel der ganze Ballast weg, und es blieb pure Freude. Später erst habe ich mir gesagt, hej, du hast das Spiel entschieden, du warst der entscheidende Mann, du hast doch irgendwie ins Spiel eingegriffen. Erst am Montag morgen um sechs Uhr, als ich von der Siegesfeier zurück auf mein Zimmer kam, das deutsche Frühstücksfernsehen einschaltete und die massenhafte Begeisterung auf deutschen Straßen und Plätzen sah, wurde mir bewußt, welche Wirkung unser Sieg hatte.“

Ausgerechnet Schnellinger!

Vorsicht, Feuilleton! Jürgen Kaube (FAZ 19.3.) mischt sich ein in die Ailton-Frage: „Wie man die Nationenfrage richtig, nämlich globalisierungstechnisch flexibel handhabt, zeigen der Weltkarateverband und das Julius-Lohmann-Gymnasium in Schondorf. Beleg: Die elfjährige Belinda, unser größtes deutsches Karate-Nachwuchstalent, kann dort, was es nach Auskunft ihres Vaters und Managers an keiner staatlichen Schule könnte – einmal pro Woche in Liechtenstein trainieren. Und zwar frei von Angst, die schulischen Verpflichtungen zu vernachlässigen oder wichtige Prüfungen zu versäumen. Belinda haut und tritt nämlich seit Mitte März für Liechtenstein. Inwiefern angstfreies Karatetraining im neuhumanistischen Bildungsbegriff vorgesehen oder reformpädagogisch wünschbar ist, muß an dieser Stelle offenbleiben. Auch wissen wir zuwenig über diesen Kampfsport, um zu argwöhnen, daß die Summe der Unterrichtsausfälle und der Ängste für andere Schüler ihrer Altersgruppe womöglich zunimmt, wenn Belinda sich nunmehr ganz angstfrei auf Hand- und Fußkantenstöße als Hochbegabung konzentrieren kann. Da Ailton aus dem schulpflichtigen Alter schon heraus ist, tun solche Nebenbedenken nichts zur Sache. Gefragt werden muß vielmehr, ob die Fifa bei einer WM nicht die besten Spieler der Welt versammeln will. Und ob es im Fußball denn nicht wie beim Karatesport um reine Leistungsgesichtspunkte geht. Außerdem hat sich der nationale Gesichtspunkt doch längst auch in Wirtschaft, Eßkultur und Kino als unbrauchbar erwiesen. Ausgerechnet Schnellinger! rief Ernst Huberty einst, als der italienische Legionär zum 1:1 ausglich. Warum sollen wir denn, da heute überall solche Arbeitsmigranten spielen, um den Ausruf Ausgerechnet Ailton! gebracht werden, wenn Qatar gegen Brasilien antritt? Die Zukunft heißt Liechtenstein: Wer reinwill und etwas mitbringt, was wir haben wollen, Handkantenschläge, Spannstöße oder Intelligenz, darf rein. Wie zum Beweis geschah ausgerechnet im Pokalspiel von Bremen gegen den VfB Lübeck in dieser Woche etwas Bezeichnendes: Lübeck wechselte in der 59. Minute den ersten Ausländer ein. Ja, mehr noch: Fara Mbidzo aus Zimbabwe ist überhaupt der einzige Ausländer im Team des Zweitligisten. Warum? Weil seine Mitspieler Ferydon Zandi, Ibrahim Türkmen, Silvio Adzic und Daniel Thioune alle Deutsche sind. Der DFB sollte schnell aufwachen, bevor Ailton nachweist, daß seine Großmutter etwas mit einem Karatelehrer aus Liechtenstein hatte.“

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Am seidenen Faden

Wenig Brisanz im Spitzenspiel, diagnostiziert Martin Hägele (NZZaS 20.4.). „Im Westfalenstadion wurde gejubelt – aber halt nicht so, wie man sich das nach dem ersten Bundesliga-Sieg gegen Bayern München nach sieben Jahren vorgestellt hätte. Dafür hing das 1:0, das der Einwechselspieler Amoroso per Penalty nach einer guten Stunde erzielte, zu sehr am seidenen Faden; und dazu haben sich die finanziellen und sportlichen Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Erzrivalen zu sehr zu Gunsten des Rekordmeisters verschoben. Zwölf Punkte Rückstand für Sammers Meisterteam sprechen fünf Spieltage vor Saisonschluss halt eine deutliche Sprache. Immerhin erhalten die drei Punkte die Dortmunder Hoffnung am Leben, zum guten Ende noch auf den zweiten Tabellenplatz und damit direkt in die europäische Königsklasse zu marschieren.“

Neuer Schmusekurs

Felix Meininghaus (Tsp 20.4.) sieht das ähnlich. „Franz Beckenbauer redet viel, wenn der Tag lang ist, und des Öfteren ist auch mal etwas Fundiertes dabei. Vor dem Spiel seines FC Bayern bei Borussia Dortmund hat Beckenbauer verkündet, er könne sich „vorstellen, dass es ein ruhiges Spiel wird“. Und Beckenbauer hat Recht behalten: Schon lange hat es zwischen den beiden Großklubs des deutschen Vereinsfußballs kein Aufeinandertreffen mehr gegeben, das so emotions- und schnörkellos abgehandelt wurde wie das gestrige 1:0 der Dortmunder gegen die Bayern. Inzwischen geht man schon fast automatisch davon aus, dass ein Spiel zwischen beiden Mannschaften nie und nimmer mit allen 22 Spielern beendet wird; gestern aber plätscherte die Begegnung über weite Strecken vor sich hin. Schon in den Tagen zuvor hatten sich die Manager Uli Hoeneß und Michael Meier entschieden, sämtliche rhetorischen Angriffe auf den Gegner zu unterlassen, und der neue Schmusekurs wurde auf dem Rasen nahtlos fortgesetzt (…) Die Bayern wird die zweite Niederlage in Folge kaum umwerfen. Sie nahmen die erste Bundesligaschlappe gegen den BVB seit dem 1. Oktober 1995 mit fast schon provozierender Lässigkeit in Kauf. Wann hat man es schon mal erlebt, dass Oliver Kahn nach einem verlorenen Spiel nicht vor Wut schäumt, sondern sich stattdessen mit Gegenspielern zum entspannten Small Talk trifft?“

Perfect Game

Thomas Lötz (SpOn) sah eine fehlerlose Schiedsrichterleistung – im Gegensatz zu den Münchnern, die die Berechtigung des spielentscheidenden Handelfmeters anzweifelten. „Der beste Mann des Nachmittags stand lange nach dem Abpfiff noch in der Mixed-Zone des Dortmunder Westfalenstadions. Im dunkelblauen Dreiteiler, kombiniert mit stahlblauem Hemd und unauffälliger Streifenkrawatte beantwortete Dr. Markus Merk aufgeräumt die Fragen der Pressevertreter. Die Hände pfälzisch-lässig in die Hosentaschen geschoben lächelte der Fifa-Schiedsrichter aus Kaiserslautern, riss hie und da ein Witzchen und legte auch schon mal ein Spaß beiseite nach. Bei aller Entspanntheit, die Seriösität des Amtes will schließlich gewahrt bleiben. Der ganze Merk strahlte das Selbstbewusstsein aus, einen dieser seltenen Auftritte hingelegt zu haben, nach denen man sich als Unparteiischer wahrscheinlich eine Notiz wie perfect game oder Gut gemacht, Alter ins Tagebuch einträgt. Und in jedem Fall hätte die Wahl zum Spieler des Tages nicht für den Mann mit den meisten Ballkontakten, Dortmunds Dede, sondern klar und deutlich zugunsten des Referees entschieden werden müssen. Tatsächlich hatte Merk den 68.600 Zuschauern im ausverkauften Westfalenstadion jene Spitzenpartie geboten, für die ursprünglich die Profis von Bayern München und Borussia Dortmund vorgesehen gewesen waren. Die aber nervten mit defensivem Langeweilerfußball, neutralisierten sich, wie das im taktisch geprägten Deutsch von Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld heißt. Und so musste schon die Erinnerung an die aktuelle Tabelle bemüht werden, um Gewissheit zu erlangen, dass auf dem Platz der Dritte den Ersten der Fußball-Bundesliga empfing.“

Prophet Matthäus

Thomas Klemm (FAS 20.4.). „Von Fußball weiß Lothar Matthäus viel, und oft weiß er alles besser. Als er noch nicht in Belgrad weilte, sondern in der Bundesliga aktiv war, sprach er Weisheiten wie diese: Es ist wichtig, daß man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt. Eine Lehre, die für den Moment viel Leere verspricht. Was das mit der Bundesliga zu tun hat? Auf den ersten Blick wurde auch dieser Spieltag von einer eigentümlichen Leere bestimmt, die erst gegen Ende der sieben Begegnungen etwas mit Leben gefüllt wurde. Nur drei Tore und ein Platzverweis belebten die erste Halbzeit, sieben Tore und zwei Platzverweise erregten immerhin in der zweiten Häfte Aufsehen. Macht insgesamt 1,43 Törchen pro Spiel – das sieht nach österlicher Ruhe aus. Beim zweiten Blick auf die Gesamtbilanz herrscht eine geradezu gähnende Ausgeglichenheit. Zwei Heimsiege, zwei Auswärtserfolge – allesamt mit einem Tor Differenz – und drei Unentschieden bieten wenig mehr als die Erkenntnis, daß Matthäus manchmal recht zu haben scheint.“

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die Gäste aus Mainz

Erik Eggers (FR 26.3.) resümiert. „Nach dieser Partie fällt es indes schwer zu glauben, dass der Tabellenführer, der noch sieben Zähler Vorsprung auf den vierten Tabellenplatz besitzt, die nötigen Punkte souverän einfahren wird. Zu harmlos, ja schläfrig wirkte die Spielanlage des Gastgebers, der sich in seiner veritablen Ratlosigkeit auf lange Flanken in das Sturmzentrum beschränkte, in der Hoffnung, dass irgendwann ein Ball vor die Füße eines Angreifers fallen würde. Es klappte nur ein einziges Mal, beim 1:3-Anschlusstreffer durch Alexander Voigt. Mit ihrem einfallslosen, die Segnungen des Kombinationsfußballs missachtenden Stil erschienen die Kölner wie Holzfäller, die unter versierte Kunsttischler gefallen waren. Denn die Gäste aus Mainz gefielen an diesem Abend nicht nur dank einer beeindruckenden kämpferischen Einstellung, sie zerlegten auch das eine oder andere Mal mit spielerischen Mitteln die Abwehr des arroganten Tabellenführers. Das Auftreten der zuvor dreimal in Folge sieglosen Mainzer beeindruckte. Von Beginn an waren sie stets einen Schritt schneller als behäbige Kölner. Und schon das gut gestaffelte Mainzer Mittelfeld stellte die Angreifer des Gastgebers zumeist vor unlösbare Probleme, noch ehe die ausgezeichnet organisierte Abwehr um Bulajic und Christ eingreifen musste. Wir wollten nicht nur kontern, wir wollten hier kompletten Fußball spielen, erklärte ein sichtlich vergnügter Jürgen Klopp nach dem Spiel, denn: Wenn wir hier nur ein wenig passiver auftreten, dann spielen die uns einen Kringel in den Hals. Zugleich übte sich der FSV-Coach in allerbester Herberger-Rhetorik und warnte bereits vor dem kommenden Heimauftritt, dem ganz, ganz schweren Spiel gegen Wacker Burghausen. Andererseits weiß auch Klopp: Wenn wir jedes Mal so auftreten, ist es schwer, gegen uns zu gewinnen. In der Tat. In Köln präsentierte sich seine Mannschaft so breitschultrig, als sei sie längst aufgestiegen.“

Michael Eder (FAZ 26.3.). „Es hätte ein richtig schöner Abend werden sollen für den 1. FC Köln. Ein Sieg gegen Mainz 05 – und man hätte den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga abhaken können. Seine Spieler, erzählte Trainer Funkel später, hätten vor der Partie nur über die Höhe des Ergebnisses geredet. Im nachhinein war das angemessen, wenn auch ganz anders, als sich die Kölner das vorgestellt hatten. Mit dem 1:4 gegen die großartig aufspielenden Mainzer war der Tabellenführer noch gut bedient. Schon nach 25 Minuten hatte die Mannschaft nach zwei Toren von Thurk und einem von Niclas Weiland 0:3 hinten gelegen, und hätte Voigt mit einem Volleyschuß aus zwanzig Metern nicht umgehend zum 1:3 getroffen, wer weiß, wie groß das Kölner Debakel geworden wäre. Aber auch so reichte nach Woronins Tor zum Endstand in der 70. Minute das Ergebnis, um Köln, das im 26. Saisonspiel seine erste Zweitliganiederlage hinnehmen mußte, schwer zu treffen. Wir wurden bestraft, sagte Trainer Funkel, weil wir die Partie mit minimalem Aufwand gewinnen wollten. Es war ein großartiges Stück Zweitliga-Fußball, das die 27 000 Zuschauer auf der Baustelle des Kölner Stadions sahen, und verantwortlich dafür war allein Mainz 05. Seine Mannschaft habe den Tabellenführer dort getroffen, wo er es nicht gewohnt sei, sagte Trainer Klopp. Von der ersten Minute an gingen die Rheinhessen mit einer Leidenschaft zu Werke, die den Favoriten völlig überrumpelte. Egal wo ein Kölner Spieler in Ballbesitz kam, jedesmal sah er sich sofort zwei, drei Mainzer Angreifern gegenüber. Die Kölner sind es nicht gewohnt, daß ihnen ein Gegner derart auf den Füßen steht, sagte der überragende Mainzer Stürmer Thurk. Die haben nie gewußt, wo sie hinspielen sollen. Kölner Fehlpässe und eine fortschreitende Konfusion waren die Folge. Die Kölner, sagte Thurk, hätten keine Antworten auf die Fragen gehabt, die wir ihnen mit unserem Pressing gestellt haben. Das räumte auch Funkel ein. Man sei mit der Mainzer Spielweise überhaupt nicht zurechtgekommen.“

Gewinnspiel für Experten

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Bayern München vor dem „Endspiel’“ gegen RSC Anderlecht – „Leichtfuß“ Claudio Pizarro wieder in Form – Aruna Dindane und Ivica Mornar, die beiden Stürmer Anderlechts u.a.

Heinz Wilhelm Bertram (TD 10.12.) prüft die Abteilung Einkauf der Bayern: „Es klemmt und knirscht im Getriebe, und das hat viel zu tun mit den teuren Neueinkäufen von Ballack, Deisler und Zé Roberto. Es erhärtet sich zunehmend der Eindruck, dass Michael Ballack, der die Rolle Stefan Effenbergs als Führungsperson übernehmen sollte, nicht nur mangels dominanter Persönlichkeit, sondern auch seines Fußballstils wegen nicht recht zum FC Bayern passen will. Der rationale Verwaltungsstil, den die meisten Kicker im Team verinnerlicht haben, passt nicht zu Ballacks flinkem, vorzugsweise direktem, an guten Tagen südländisch inspiriertem Kurzpassspiel, das er vor seinem Wechsel in der quirligen, spielfreudigen Leverkusener Mannschaft zeigen konnte. „Du kannst noch mehr“, sagt Uli Hoeneß immer wieder. Aber in dieser Elf? Ballack ist kein Mann des weiten, strategischen Passes, wie ihn Effenberg beherrschte. Wie auch auffällt, dass er immer wieder gegen schwächere Konkurrenten herausragt. Regelmäßig knickt Ballack, besonders in der Nationalmannschaft, gegen große Gegner ein. Nachdenklich macht, dass die Verantwortlichen des FC Bayern nach dem 1:1 in Bremen den reinen Zerstörer Ballack lobten. Wo sind die Ansprüche des Marktführers geblieben? Einer, der dem FC Bayern in Notlagen kaum helfen kann, ist Zé Roberto. Läuft das Spiel, so läuft auch der Brasilianer gerne; hakt es dagegen, so klappt auch bei ihm herzlich wenig. Der Ballzauberer – ein Schönwetterspieler? Ein Schicksal für sich ist das von Sebastian Deisler. Irgendwie wird der unter Depressionen leidende Mittelfeldspieler auch mehr und mehr zum Riesenproblem für den FC Bayern. Kommt Deisler überhaupt noch einmal zurück?“

Er nimmt’s zu leicht

Elisabeth Schlammerl (FAZ 10.12.) kümmert sich um Claudio Pizarro: „Pizarro weiß stets genau, wann es darauf ankommt. Er versteht es, im richtigen Moment Tempo und Engagement zu erhöhen. Am Anfang der Saison hatte dem Peruaner die Aussicht auf neue Konkurrenz Beine gemacht. Er stellte Giovane Elber, der sich seines Stammplatzes offenbar zu sicher gewesen war, in den Schatten. Pizarro schoß regelmäßig ein Tor. Bis Roy Makaay da war und Elber weg. Sein flotter Frühstart hatte Pizarro einen Stammplatz im Sturm gesichert. Pizarro brauchte also zunächst niemanden mehr zu fürchten, er war gesetzt neben Makaay. Ich bin ganz entspannt und sehr zufrieden beim FC Bayern, sagte er damals. Dieses Gefühl ist aber Gift für ihn. Der 25 Jahre alte Südamerikaner ruhte sich wieder einmal auf seinen Meriten aus und traf plötzlich nicht mehr. Zehn Wochen lagen zwischen Bundesligator Nummer vier und fünf. Er nimmt’s zu leicht, hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Beckenbauer schon in Pizarros erstem Jahr moniert. Daran hat sich nicht viel geändert, höchstens, daß Pizarro noch sensibler geworden ist dafür, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um aktiv werden zu müssen. In diesem Herbst kam zu Pizarros leistungshemmender Selbstzufriedenheit, daß sich das Offensivspiel der Bayern ganz auf Makaay konzentrierte, weil der sehr schnell seinen gewohnten Rhythmus fand und verläßlich Tore erzielte. Pizarro war nur noch die Rolle des Zuspielers vorbehalten. Und plötzlich mußte er die auch noch abgeben an Roque Santa Cruz. Da wußte er, daß es Zeit für die nächste Attacke wurde. Erstaunlicherweise braucht Pizarro dafür kaum Anlauf, die Formkurve zeigt oft sehr schnell steil nach oben. Schon im zweiten Spiel nach seiner Rückkehr in die Stammelf war er wieder so gut wie im ersten Spiel der Saison. Beim 2:2 gegen Köln erzielte Pizarro beide Tore.“

Christian Eichler (FAZ 10.12.) warnt vor Aruna Dindane, Anderlechts Star: „Belgiens Fußball ist kontinentaler Höchstleistungen eher unverdächtig. In dieser Saison ist das anders. Der FC Brügge warf Borussia Dortmund aus der Champions League; der RSC Anderlecht kann das mit Bayern München nachmachen. Und ganz nebenbei hat der KSK Beveren auch noch einen Europarekord aufgestellt. Der Erstligaklub aus der Nähe Antwerpens trat mehrfach mit zehn Spielern derselben ausländischen Herkunft an. Er überbot damit die alte Bestmarke (sieben Holländer beim FC Barcelona 1999) ebenso locker wie den Bundesligarekord von Hansa Rostock (sechs Schweden im Februar 2003 gegen Nürnberg): Beveren stellte zehn Spieler von der Elfenbeinküste auf. Und wenn im Januar der ausgeliehene Lette Igor Stepanovs zu Arsenal London zurückkehrt, dürfte in der Rückrunde ein Rekord für die Ewigkeit fallen: die perfekte Fußballzahl elf. Denn auf der Bank sitzen noch mal vier Mann von der Elfenbeinküste. Dann könnte der beste Ivorer, wie der Duden die Bewohner des westafrikanischen Landes in Anlehnung ans französische Wort für Elfenbein nennt, Belgien schon wieder verlassen haben. Aber nicht Beveren, dessen französischer Talentelieferant Jean-Marc Guillou einst als Gründer einer Schule für Barfußkicker den Grundstein für den ivorischen Fußballboom legte; sondern Brüssel – und vielleicht wird er vorher auch in Bayern Spuren hinterlassen haben. Denn Aruna Dindane, der Torjäger des RSC Anderlecht, als Junge von Guillou entdeckt, ist von großen Klubs umworben. Da wäre ein K.-o.-Treffer gegen den deutschen Meister ein blendendes Verkaufsargument. Der 23 Jahre alte Afrikaner traf in beiden Spielen gegen Celtic Glasgow, wo er nun als möglicher Nachfolger des Schweden Henrik Larsson gehandelt wird. Im Heimspiel ließ er Robert Kovac so locker stehen, daß für Sturmpartner Ivica Mornar der Führungstreffer ein Kinderspiel war. Selbst Ottmar Hitzfeld schwärmte von der Aktion. Mornar, zuvor als Angreifer bei Eintracht Frankfurt nicht weiter aufgefallen, hat von dem kraftvollen, schnellen Dindane so sehr profitiert, daß er zum Torjäger geworden ist. Samstag traf der Kroate beim 1: 0-Sieg des überlegenen Tabellenführers beim Dritten RC Genk. Alex Ferguson, der Trainer von Manchester United, hat Dindane bereits beobachtet.“

Reif für die Bundesliga

Aus vergangenen Tagen kennt Thomas Kilchenstein (FR 10.12.) Ivica Mornar, den anderen Stürmer Anderlechts: „Wenn Ivica Mornar im Sommer nächsten Jahres den RSC Anderlecht verlassen sollte – er könnte, da sein Vierjahresvertrag bei den Belgiern Ende Juni ausläuft – wird sein Berater diesmal keine Video-Kassetten mehr verschicken müssen. Damals, als der drahtige Schlaks noch bei Hajduk Split stürmte, war diese moderne Art der Visitenkarte noch unerlässlich: Von einem Ivica Mornar hatte Mitte der 90er-Jahre kaum einer was gehört. Ivica wer? Auch Karl-Heinz Körbel kannte ihn nicht. Körbel, damals Cheftrainer, heute Chefscout bei Eintracht Frankfurt, sah aber das Video mit den Taten des Kroaten und war beeindruckt. Ein Bekannter des damaligen Präsidenten Matthias Ohms hatte eine Kassette aufgetrieben, man solle sich den Spieler mal angucken, er sei ein guter. So lief das damals in Frankfurt. Dazu wurde die Geschichte erzählt, dass Mornar in seinem ersten Profi-Spiel für Hajduk Split im Alter von 16 Jahren gleich zwei Tore erzielt hatte. Wieso geben die so einen Klassemann frei?, fragte sich Körbel dann nach dem Fernseh-Gucken und griff zu; für 250 000 Euro Leihgebühr wechselte der damals 21-Jährige 1995 nach Frankfurt. Es kam ein Spieler, hoch gewachsen und grimmig, den Körbel sofort Kampfmaschine nannte. Das hatte was mit dem Furcht einflößenden Aussehen des Kroaten zu tun, Glatze mit einem kleinen Haarkranz vorne am rasierten Schädel. Seinerzeit war das noch nicht Mode und Mornar einigermaßen auffällig. Mittlerweile hat Mornar den kleinen Haarkranz abrasiert. Es hat sich auch sonst eine ganze Menge getan. Mornar, was so viel heißt wie: Seemann, hat Karriere gemacht. Nicht bei Eintracht Frankfurt – für die spielte er nur eine Saison, er absolvierte 19 Spiele, schoss zwei Tore, sah einmal rot, ging mit der desolaten Truppe unter – und nicht in Spanien (FV Sevilla und CD Ourese), sondern in Belgien. Erst bei Standard Lüttich, dann seit 2000 beim RSC Anderlecht. Und Mornar, inzwischen mit belgischem Pass ausgestattet, hat sich, bald 30-jährig, zu einem richtig guten Stürmer entwickelt (…) Im Sommer will Ivica Mornar ganz gern den Verein wechseln. Panathinaikos Athen hat schon mal vorgefühlt. Die Bundesliga würde mich reizen, sagt Mornar. Zu kurz hat er damals, Mitte der 90er, nur gespielt, zu jung sei er damals gewesen, zu unerfahren. Jetzt sei er reif für die Bundesliga. Heute Abend steht der Mann auf dem Präsentierteller: Ein Tor gegen Oliver Kahn macht sich immer gut in den Bewerbungsunterlagen. Da braucht es keine Video-Kassette mehr.“

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Erfolg der „Sportinguistas“

Georg Bucher (NZZ 30.04.02) über den Erfolg der „Sportinguistas“:

„Früher als launische Diva vom Tejo abgestempelt, hat Sporting erstaunliche Konstanz bewiesen. Nach Problemen zu Saisonbeginn widerlegte der neue Trainer Bölöni Kritiker, die ihn als Fehlbesetzung bezeichnet hatten, und startete ab der neunten Runde eine Serie von 25 Spielen ohne Niederlage. Ermöglicht haben den Exploit jedoch in erster Linie Jardel und João Pinto. Der brasilianische Kopfballspezialist wechselte nach längerem Tauziehen mit Benfica und Porto aus der Türkei in den Alvalade-Klub, debütierte am vierten Spieltag und tat genau das, was man vom ihm erwartet und was er in seinen bisherigen Klubs Grémio de Porto Alegre, FC Porto und Galatasaray demonstriert hatte. 40 Tore erzielte er, mehr als die Hälfte der gesamten Sporting-Ausbeute von 72 Treffern.“ (Volltext)

Gewinnspiel für Experten

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Ailton geht mit Krstajic zu Schalke – Juri Schlünz, zum dritten Mal Rostocker Übergangslösung – Michael Roth, „Der Berlusconi des deutschen Fußballs“ (FAZ)

Was Ailton angeht, ist es eine Riesenenttäuschung

Sven Bremer (FTD 8.10.) berichtet Schalker Interesse an Bremer Fußballern: „Es ist nicht nur ein Wermutstropfen, den der SV Werder Bremen nach dem Sturm an die Tabellenspitze zu schlucken hatte – es kommt dem zweifelhaften Genuss einer ganzen Flasche übelsten Fusels gleich, den die Bremer seit gestern verdauen müssen. Serviert zunächst vom gelernten Kellner Mladen Krstajic. Der 30-jährige Nationalverteidiger Serbien-Montenegros erklärte jetzt, dass er nach vier Jahren beim SV Werder ablösefrei ab Sommer 2004 Ligakonkurrenten Schalke 04 wechselt. Der Mann ist wichtig in Bremens Abwehr, aber sein Verlust blieb nicht der einzige Schrecken: Auch Werders Goalgetter und Publikumsliebling Ailton verlässt den Klub zum Nulltarif in Richtung Gelsenkirchen. Schalke-Manager Rudi Assauer war also wieder einmal Shoppen an der Weser: nach Torhüter Frank Rost und Trainer Frank Neubarth wechseln nun die Nummer drei und vier innerhalb von nur zwei Jahren zu den Königsblauen. Ailton, der derzeit – gemeinsam mit Martin Max – mit sieben Treffern die Torschützenliste anführt, erhält auf Schalke einen Vertrag bis 2006 plus Option auf ein weiteres Jahr. Über die Summe seiner zukünftigen Bezüge schweigen sich, wie stets, alle Parteien aus. Doch es dürfte klar sein, dass der Brasilianer auf Schalke erheblich mehr verdienen kann als an der Weser. Werders Sportdirektor Klaus Allofs, ansonsten ein Meister der Diplomatie, reagiert verschnupft: „Was Ailton angeht, ist es eine Riesenenttäuschung. Ich bin sauer und enttäuscht. Sowohl von Ailton als auch vor allem von Rudi Assauer“, sagte er. Es gebe ein ganz besonderes Verhältnis zwischen dem Ex-Werderaner Assauer und dem Verein aus Bremen. Ein bislang sehr gutes, was spätestens jetzt gestört sein dürfte.„Assauer weiß Dinge, die andere in der Liga nicht wissen“, sagt Allofs, „wenn er das dahin gehend ausnutzt, unsere Spieler reihenweise wegzukaufen, ist das nicht redlich.“ Assauer selbst scheint das alles kalt zu lassen.“

Über den Trainerwechsel in Rostock heißt es bei Javier Cáceres ( 8.10.): „Zwei Mal schon hat Juri Schlünz als Interimscoach gewirkt, nur eine Niederlage bei fünf Spielen aus den Jahren 2000 und 2001 stehen zu Buche. Schon damals wurden in Rostock Rufe nach einer dauerhaften Anstellung Schlünz’ laut, doch er winkte regelmäßig ab. Vielleicht kommt sein Sinneswandel auch daher, dass er seinem Verein mit der Bereitschaft zur Beförderung entgegen kommen würde. Schließlich wirkt der Trainermarkt in diesen Tagen erstaunlich abgegrast. Die früher üblichen Verdächtigen sind entweder in Lohn und Brot (Funkel, Reimann, Pagelsdorf) – oder haben ihren Nimbus als Hoffnungsbringer verloren (Lienen, Lorant). Nicht ganz von Ungefähr, so scheint es, zeichnet sich in der Bundesliga ein Trend zu Trainern ab, die nicht zum Kreis der Etablierten zählen – eine Art schleichender Generationenwechsel. Kurt Jara (Hamburger SV), Eric Gerets (Kaiserslautern), Thomas Schaaf (Werder Bremen) und zuletzt Holger Fach (Borussia Mönchengldbach) sind Beispiele für Trainer, die in ihren Lebensläufen kein einziges Bundesliga-Engagement vorweisen konnten, ehe sie ihre jetzigen Beschäftigungen antraten. Dazu kommt, dass man sich in Rostock mit der Möglichkeit eines vorzeitigen Trainerwechsels „überhaupt nicht beschäftigt“ hatte, wie Herbert Maronn, der Chef der Lizenzabteilung des FC Hansa, auch gestern beteuerte, „wir hatten keinen Notplan“. Dass diese Darstellung zutrifft, muss wohl als gesichert angesehen Werden.“

Menschenverachtende Andeutung

„Roth ist einer der letzten autokratischen Fußballpräsidenten“, stellt Volker Kreisl (SZ 8.10.) fest: „Beim 1. FC Nürnberg ist die Wortwahl öfter mal falsch. Manager Edgar Geenen hatte seine Spieler einst als „Abschaum“ und „Lepra“ beschimpft, und Michael A. Roth, der Präsident, hatte unbewiesen Alkohol-Exzesse des entlassenen Klaus Augenthaler angedeutet und dem Trainer damit ein übles Etikett verpasst. Schon diese Ausrutscher waren peinlich, die neueste falsche Wortwahl ist fast nicht mehr zu steigern: Die menschenverachtende Andeutung, man könne die Fußballer vielleicht motivieren, indem man ihnen eine Pistole an die Schläfe setzt. Dass dies auch als Überzeichnung unfassbar ist, hat Roth nicht verstanden. Sonst würde er nicht linkisch darauf hinweisen, dass er die Drohung doch eh niemals wahr mache. Roth rechtfertigt sich damit, er sei erregt gewesen, wollte den Spielern Beine machen. Der Nürnberger Präsident wird aber nicht von bösen Reportern zu Fehlgriffen gezwungen, er begibt sich freiwillig auf die Medienbühne, kooperiert mit den Nürnberger Boulevardjournalisten. Er müsste nach neun Jahren viel Erfahrung haben, doch von der Wirkung seiner Worte hat er offenbar keine Ahnung. Wer so etwas sagt, der offenbart, dass er Angestellte eher als Material betrachtet. Roth ist als Teppichhändler groß, dann als Fußballpräsident bekannt geworden, und am Sonntag hat er angedeutet, dass seine Macht beim Club in Selbstherrlichkeit umschlägt. Roth kontrolliert alle Club-Gremien, Roth stiftet Bürgschaften für den Club und Roth verlangt Erfolg. Wegen solcher schlimmen Worte sind Politiker mit Charakter schon zurückgetreten, doch über einen Rücktritt muss sich der Präsident keine Gedanken machen. Er ist unersetzlich – der Verein hängt finanziell an ihm, Mitbewerber hatte er nie zu fürchten.“

Berlusconi des deutschen Fußballs

Uwe Marx (FAZ 8.10.) fügt hinzu: „Es ist nicht so, daß der Profifußball je ein Hort der Nächstenliebe oder der Etikette gewesen wäre. Daß hier viele Freunde deftiger Worte zu Hause sind, ist nicht neu. Bemerkenswert ist vielmehr, daß diese Worte immer häufiger ungefiltert in Mikrofonen und Notizblöcken landen. So beschimpfte am achten Spieltag der Bundesliga Schalkes Torhüter Frank Rost nach Spielschluß Thomas Brdaric von Hannover 96 derart heftig – und dummerweise auch noch öffentlich –, daß ihn die Sportgerichtsbarkeit des Deutschen Fußball-Bundes zu einer Stellungnahme aufgefordert hat. Sogar ein sonst zurückhaltender Spieler wie Michael Ballack ließ sich vom Revival der verbalen Kraftmeierei animieren. Der soll nicht so einen Scheiß erzählen, empfahl er Karl-Heinz Rummenigge, der Ballack gerne weniger häufig im Einsatz für Deutschland sähe (…) Was raus muß, muß raus. Lieber das Herz auf der Zunge als Geschwüre im Magen – auch wenn die Schmerzgrenze dabei überschritten wird. Das ist das Prinzip Berlusconi in der Bundesliga. Der italienische Ministerpräsident nannte zum Beispiel Richter anthropologisch anders als der Rest der Menschheit und bot einem kritischen deutschen Europa-Abgeordneten (den er später um Pardon bat) eine Filmrolle als Kapo, als Scherge der Nationalsozialisten, an. Michael A. Roth, der sich am Dienstag für seine Wortwahl entschuldigte, mag sich nun als eine Art Berlusconi des deutschen Fußballs vorkommen. Präsident eines Fußballvereins ist der Italiener schließlich auch: beim AC Mailand.“

Mathias Klappenbach (Handelsblatt 8.10.) befasst sich mit der Diskussion um Jan Simaks Krankheit: „Das Thema wird im Sport tabuisiert, vielleicht, weil die Kluft zwischen dem Bild eines strahlenden Siegers und dem eines niedergeschlagenen, müden Menschen zu groß ist. In der Männergesellschaft Profifußball ist es sowieso schwierig, Schwäche zu zeigen und damit ernst genommen zu werden. Der Brasilianer Jardel und der Franzose Claude Makelele haben sich psychische Probleme attestieren lassen, um einen Vereinswechsel zu forcieren. Danach ging es ihnen schnell besser. Klaus Toppmöller, der Simak in Leverkusen trainierte, hatte den Tschechen als „Pflegefall“ bezeichnet. Der lustige Spruch wurde schnell zum geflügelten Wort. „Wenn jemand verschlossen ist, ist es für Außenstehende sehr schwierig, psychische Probleme als solche zu erkennen“, sagt Experte Kirchhof. „Persönliche Risikoeigenschaften sind Introvertiertheit und emotionale Instabilität. Bei solchen Persönlichkeiten dominiert oft die Intuition gegenüber der Rationalität“, sagt Kirchhof. Wer auf dem Platz „verrückte Dinge“ macht und mit spielerischer Intuition glänzt, gilt als genialer Fußballer. Wenn sich der Erfolg in Misserfolg verwandelt, kann der Druck aber schnell zu negativem Stress werden. Extrovertierte Spieler wie Mario Basler oder Stefan Effenberg lassen in solchen Situationen ihre Wut an anderen aus. „Bei in sich gekehrten Persönlichkeiten können kritische Lebensereignisse, egal ob im Beruf oder privat, eher Störungen hervorrufen. Mangelnde Integration in einem anderen Land und Probleme mit der Sprache können das noch verstärken“, sagt Kirchhof.“

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die deutsche Nationalelf

Im Mittelpunkt der Berichterstattung über die deutsche Nationalelf sind wieder Flanken, Doppelpässe, Freistöße und Tore. Nach der Aufregung über Rudi Völlers Wut, bundesweit und tagelang, kümmern sich die Fußball-Journalisten ums sportliche Geschehen – überwiegend. „Scheißdreck, Mist und Käse“ hallten nach beim deutschen Sieg gegen Schottland (2:1) durchs Dortmunder Westfalenstadion; bis herunter auf den Rasen und bis hinauf auf die Pressetribüne. Welchen Einfluss hat Völlers Zorn auf das Spiel von Ballack, Bobic und Ramelow genommen? Welchen Einfluss nimmt seine Kritik an den Kritikern auf die Berichterstattung? Völler hat die „Gurus“ beim Namen genannt – fühlt sich sonst noch jemand angesprochen? Antworten gibt die vielleicht Zukunft; wahrscheinlich vergessen wir diese Fragen schnell.

Die sprachliche Form, die heute die Sportseiten leitet, ist die Vergangenheitsform. Wenn es stimmt, was die Chronisten meinen, dann haben Völler und seine Mannen in ihrer Entwicklung soeben eine Zäsur hinter sich gebracht. Die SZ blickt zurück: „Nach drei Jahren Amtszeit, in denen er von Publikum und Medien weitgehend für sakrosankt erklärt worden war, machte Völler dieser Tage eine neue Erfahrung: Sein Stil wurde hinterfragt, sein Wirken als Trainer wurde überprüft. Obwohl Völler im Mannschaftshotel die solidarischen Grußadressen von Politikern, Wirtschaftsleuten und sogar Künstlern sortierte (das Postgeheimnis hat er diskret gewahrt), er ferner „positiven Zuspruch von der Stimme des Volkes“ ausmachte, sah er sich vor der Öffentlichkeit und vor seinen Spielern in bisher ungewohnter Art herausgefordert.“ Die Experten sind mit dem Auftritt der Mannschaft zufrieden: sie kämpfte und spielte. Kevin Kuranyi, Arne Friedrich und Tobias Rau machten den Mittwoch zum „Jugendtag im Westfalenstadion“. Dieses Lob auf die Mannschaft bringt die SZ auf einen Vorwurf an Völler, dass er in den Monaten zuvor Risiko vermied: „Seine Neigung zu konservativen Hierarchien und zur Genügsamkeit spiegelte sich (bisher) im Spiel der Mannschaft. Warum also hat er ihr seine strategischen Talente vorenthalten und erst unter Zwang entwickelt?“

Mit den Erwartungen einer großen Fußball-Nation überfrachtet

Michael Horeni (FAZ 12.9.) bestätigt dem Sieg Weg weisende Wirkung. „Auf der bisher wichtigsten Etappe zur EM erlebten Völler und seine WM-Zweiten in den vergangenen vier Tagen ein unbezahlbares Déjà-vu. Wie damals, als die WM-Qualifikation erstmals zu mißlingen drohte, blickte die Fußball-Nation nach doppelter Enttäuschung fordernd und drohend auf das einsame Häuflein Nationalspieler hinab. In diesen Stunden, die Völler immer wieder als die schwierigsten und wichtigsten seiner Teamchefzeit bezeichnete, wuchs zusammen, was vorher nicht zusammenpaßte. Auch diesmal macht sich im DFB-Team die Vermutung breit, daß die erfolgreiche Bewährung nach außergewöhnlicher Belastung für die Zukunft nur das Beste bedeuten kann (…) Der Zusammenhalt auch der schärfsten Konkurrenten um einen Platz in der Anfangsformation war vor aller Augen zu besichtigen, als sich Miroslav Klose mit Torschütze Fredi Bobic gemeinsam aus vollem Herzen freute. Aber nicht allein das erfolgreiche Recycling längst vergangener Glücksgefühle machte Völler Co. Mut über das letzte Qualifikationsspiel gegen Island im Oktober hinaus. Was Ballack, Schneider und Klose vor zwei Jahren erstmals widerfuhr und ihre Widerstandskraft bis zum WM-Finale stärkte, erlebten diesmal bei der Wiederholung die neuen jungen Kräfte als prickelnde Premiere. Ob Kevin Kuranyi, Tobias Rau oder Arne Friedrich – sie alle spürten erstmals am eigenen Leib und an ihren Nerven, was es heißt, ein Spiel gewinnen zu müssen, das mit den Erwartungen einer großen Fußball-Nation überfrachtet und durch einen Medienwirbel um den Teamchef zusätzlich beschwert wurde.“

Es ist noch mal alles gut gegangen in diesem Vabanquespiel

Nicht wegen der Völler-„Rede“ habe die DFB-Elf gewonnen, schreibt Thomas Kilchenstein (FR 12.9.), sondern trotzdem. „Völler wird durch seinen unausgegorenen Auftritt nicht die Kultur der Kritik nachhaltig verändert haben. Kritiker, auch Gurus oder Ex-Gurus, leben im entscheidenden Maß von einem pointierten, klaren Standpunkt, der nicht jedermann gefallen kann. Es mag sein, was Untersuchungen ergeben haben, dass hier zu Lande Journalisten im höheren Maß als anderswo das Kritisieren als wichtiges Merkmal ihrer Arbeit verstehen. Doch wer hohe, öffentlichen Ämter bekleidet, also Teamchef ist, sollte gelernt haben, damit umzugehen. Rudi Völler hat mit seinem unreflektierten, egoistischen Jähzorn, streng genommen, die ganze Mission EM-Qualifikation in Gefahr gebracht. Seine verbalen Eruptionen hätten sehr leicht kontraproduktiv sein können: Er war es, der den Druck auf seine eher junge, unerfahrene und nicht sonderlich gefestigte Mannschaft in kaum gekannte Höhen geschraubt hat. Er hat die nicht leichte Aufgabe in Dortmund deutlich komplizierter gemacht. Völler hat das, ungeachtet des immensen Zuspruchs aus allen Teilen der Bevölkerung, komplett unterschätzt. Deshalb hat er in den Tagen nach dem emotionalen TV-Aufritt spürbar versucht, die Wogen zu glätten. Es ist noch mal alles gut gegangen in diesem Vabanquespiel. Doch es war knapp, es hätte schief gehen können. Völler weiß das jetzt, er fühle sich nicht als Gewinner, hat er gesagt, nur noch erleichtert. Womöglich ist ein anderer der Gewinner: Waldemar Hartmann vielleicht.“

Matti Lieske (taz 12.9.) erspäht Harmonie. “Es ging ausgesprochen manierlich zu. Natürlich nicht auf dem Platz, aber dafür dort, wo es viel wichtiger ist, in der Nachbetrachtung und beim allgemeinen Drumherum. Vor allem die zartbesaiteten deutschen Sportjournalisten durften aufatmen, die in den Tagen zuvor emsig die derbe Wortwahl von Teamchef Rudi Völler bei seiner Anti-Guru-Predigt und seinen Mangel an Vorbildhaftigkeit für die schockierte Jugend beklagt hatten. Diesmal wurden ihre empfindlichen Gemüter nicht durch solch scheußlich obszöne Vokabeln wie Scheißdreck oder, igittigitt: Käse beleidigt. Stattdessen fand der Teamchef freundliche Worte für die Analyse des teuflischen Mäkelduos Netzer/Delling, die wiederum lobten den engagierten Auftritt der Mannschaft, Berti pries Rudi, Rudi pries – etwas verhaltener – Berti, und selbst die schottischen Fans trugen zur allgemeinen Harmonie bei. Auf ihren T-Shirts standen auf Deutsch die Worte: Wir hassen England mehr als euch. Störend hätte inmitten solcher Wonnigkeit nur ein Faktor wirken können, der leider unvermeidlich ist bei solchen Anlässen: Es fand auch noch ein Fußballspiel statt.“

Ich habe Rudi in den Arm genommen

Philipp Selldorf (SZ 12.9.) auch. „Nach drei Jahren Amtszeit, in denen er von Publikum und Medien weitgehend für sakrosankt erklärt worden war, machte Völler dieser Tage eine neue Erfahrung: Sein Stil wurde hinterfragt, auch sein Wirken als Trainer wurde überprüft. Und obwohl Völler im Mannschaftshotel die solidarischen Grußadressen von Politikern, Wirtschaftsleuten und sogar Künstlern sortierte (das Postgeheimnis hat er diskret gewahrt), er ferner „positiven Zuspruch von der Stimme des Volkes“ ausmachte, sah er sich vor der Öffentlichkeit und vor seinen Spielern in bisher ungewohnter Art herausgefordert. Dass er der im Fußballgeschehen mächtigen Bild-Zeitung am Montag die Gelegenheit zum Interview eröffnete, war ein strategischer Akt, weil er nach der Eskalation vom Wochenende die Szene beruhigen wollte. Bei der Ansprache an die Mannschaft war er sich seiner geglückten Einflussnahme weniger sicher: „Gerade wenn man als Verantwortlicher vor der Truppe steht, muss man Stärke zeigen.“ Offensichtlich ist ihm das gelungen. Tobias Rau empfand die Vorstellung als „geschlossene Mannschaftsleistung mit Trainer“. Fürs versöhnliche Abschiedsbild reihten sich auch die Nebendarsteller im Westfalenstadion ein. Wären hier nach dem Schlusspfiff 1000 weiße Tauben aufgestiegen, hätte einen das auch nicht mehr gewundert. Über die Maßen lobte ARD-Guru Günter Netzer „ein völlig anderes Spiel“, in dem es „nur noch bergauf“ gegangen sei. Moderator Waldemar Hartmann ging im Gespräch mit Völler wieder fröhlich zum Duzen über, und nur ein paar Schotten verweigerten sich noch der grassierenden Herzlichkeit im Stadion: Während die Kritiker den Darstellern huldigten, die deutschen Spieler ihrem Trainer für selbstlosen Schutz und Beistand dankten, und der Chef seinen Mitarbeiter liebkoste (Gerhard Mayer-Vorfelder: „Ich habe Rudi in den Arm genommen“), feierte die Regierung (Otto Schily, SPD) mit der Opposition (Angela Merkel, CDU) – „sie sind richtig mitgegangen“, erlebte es Ehrentribünen-Nachbar Mayer-Vorfelder.“

Christoph Biermann (SZ 12.9.) beglückwünscht den Jungen. „Die Youngster sorgten dafür, dass Völlers taktische Überlegungen aufgingen. Die Abwehr hatte der Teamchef auf eine Dreierkette um Ramelow reduziert, während Rau (links) und Friedrich (rechts) das Spiel über Außen forcieren sollten. Das gelang, auch der elegante Kuranyi harmonierte mit dem energischen Bobic in der Spitze. Wer immer gemeint war, als Völler über den Druck sprach, „der größer war, als der ein oder andere vertragen konnte“ – seine Jüngsten waren es nicht. Im Grunde hätte man sich noch eine weitere Altersreduzierung vorstellen können, denn mit dem Stuttgarter Andreas Hinkel hätte es ein 21-Jähriger auf der rechten Abwehrseite kaum schlechter machen können als Marko Rehmer, der schwächste deutsche Spieler. „Es freut mich, dass dieses Mal gerade die Jüngeren dem Spiel diese tollen Impulse gegeben haben, weil es bei uns in Deutschland um die Talente so große Diskussionen gibt“, sagte Völler. Der Jugendtag im Westfalenstadion bedeutet jedoch nicht, dass man die kämpferisch gute und spielerisch teilweise ordentliche Partie gegen moderate Schotten als Beginn einer goldenen Zukunft interpretieren sollte. Mit seiner durch die Personalnot weitgehend erzwungenen Entscheidung für die Youngster aber lag Völler so richtig, wie mit dem Verzicht auf einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler. Dadurch wurde das deutsche Spiel weiter nach vorne geschoben und dem Gegner nur eine Torchance gewährt. Außerdem konnte Michael Ballack mehr von hinten heraus spielen, wo er stets stärker als in der Rolle eines klassischen Spielmachers ist. Wichtige Erkenntnisschritte für Völler könnten das sein, wenn er sich wieder mehr dem Fußball als der Verwaltung seines Verbalhaushaltes widmen kann. Seine Nachwuchskräfte dürften die Dortmunder Erlebnisse in ihrer Entwicklung gestärkt haben.“

Er würde den Ball noch mit den Zähnen über die Linie tragen

Den entscheidenden Spieler porträtiert Christof Siemes (Zeit11.9.). „Börti McVogts und seine armen Schotten mussten ausbaden, was vier Tagen regierungsamtliches und boulevardeskes Trommelfeuer in den Köpfen der deutschen Spieler angerichtet haben. Wucht, Wut, Präsenz und die unabdingbare Dumpfheit des Ich-will-jetzt-verdammt-noch-mal-diesen-Ball-haben waren plötzlich da. Und es war letztlich ein Mann, der den Unterschied zwischen dem 0:0 gegen Island und dem 2:1 gegen Schottland markiert: Fredi Bobic. Nicht, weil er ein Tor geschossen und den letztlich spielentscheidenden Elfmeter rausgeholt hat. Das sind nur die logischen Folgen der Wut eines Spielers, der auch nach Jahren im abgezockten Profibereich alles persönlich nimmt: verlieren, nicht aufgestellt werden, am Tor vorbeischießen. Für ihn hat jedes Spiel etwas Existenzielles, Kalkül scheint ihm fremd zu sein, und seine naive, um nicht zu sagen: einfältige Einstellung zum Spiel, der alles Grüblerische fremd ist, hat etwas Mitreißendes. In einer Mannschaft voller Stars wie in Dortmund, wo Bobic scheiterte, kommt man damit nicht weit, die Ballkünstler schauen etwas pikiert auf den Wüterich, der den Ball noch mit den Zähnen über die Linie tragen würde. Doch in einer deutschen Nationalmannschaft, die aus lauter leichenblassen, nicht untalentierten Mitläufern besteht, ist er das Alpha-Männchen, das mit seinem Geheul, seiner aggressiven Körpersprache auch die Schüchternen nach vorne peitscht. Heißt das nun, dass Rudi Rambo Völler alles richtig gemacht hat? Bobic ein Spiel schmoren und ihn dann von der Kette lassen? In jedem Fall sieht man nun, was er in Island falsch gemacht hat: Dort wollte die Mannschaft und auch ihr Trainer nicht unbedingt gewinnen. In zwei Heimspielen alles klar zu machen, lautete die bequeme Lösung, die auch die Spieler nach dem Ende des Gegurkes bereitwillig ausplauderten. Ob solche Strategien eines Vize-Weltmeisters würdig sind, ist eine völlig unerhebliche Günter-Netzer-Kategorie. Wichtig ist die Chuzpe, mit der Völler und die Seinen glauben, bei Bedarf einfach den Hebel „Einstellung“ umlegen zu können. Mannschaften mit echter fußballerischer Größe können sich eine solche Nonchalance vielleicht leisten. Aber dafür ist die deutsche Mannschaft des Jahres 2003 einfach zu schwach. Auch gegen zehn Schotten hatte man das Gefühl, dass sie jederzeit noch einen Treffer fangen kann. Und was nützt dann das ganze Gerenne vorne? Die Zeiten, wo man dank Jürgen Kohler Fußballgott das Gefühl hatte, die deutsche Abwehr werden in 1000 Minuten kein Gegentor kassieren, sind lange passé. “

Christof Kneer (FTD 12.9.) mutmaßt, „dass Deutschland an diesem verregneten Abend aus Versehen ein neues Sturmduo aufgetrieben hat. An Bobics Seite machte der 21-jährige Stuttgarter Kuranyi erstmals vor einem internationalen Publikum seine hohe Veranlagung öffentlich. Er spielte so ansprechend, dass die ihn bisher im Laufe der Saison plagende Ladehemmung fast in Vergessenheit geriet. Denn Kuranyi kann so viel, dass einem Angst und Bange werden kann. Er hat eine Zartheit im Fuß, die antiproportional ist zu seiner imposanten Statur, und eine List, die beträchtlich ist für einen Berufsanfänger. „Kevin ist auf einem sehr, sehr guten Weg“, schwärmt Völler, „zur Krönung hat ihm nur ein Tor gefehlt“. In der 66. Minute hatte Kuranyi millimeterknapp verzogen, allein vor Torwart Robert Douglas. Es gibt Torchancen, die zu klein sind für große Begabungen. Gewiss ist aber schon jetzt, dass Deutschlands Sturm mit Kuranyi eine neue Farbe hinzugewonnen hat. Der Zartfuß harmoniert gut mit dem kopfballstarken Hartschädel Bobic.“

Ich bin nur sein Handwerkszeug

FAZ-Interview mit Walter Straten, Ghostwriter von Franz Beckenbauer bei Bild

FAZ: Wie fühlt man sich als Alter ego von Franz Beckenbauer?

WS: Ich bin nicht sein Alter ego, sondern nur sein Handwerkszeug, derjenige, der seine Gedanken zu Papier und in die Zeitung bringt. Nicht mehr und nicht weniger.

FAZ: Wie funktioniert das, wenn Sie als Beckenbauer schreiben? Im Fernsehen hat er gesagt, daß es da gar keine Rückkopplung braucht. Wissen Sie, was er denkt, bevor Sie schreiben?

WS: Ich weiß natürlich nicht, was er denkt, bevor ich mit ihm gesprochen habe. Es ist so: Ich begleite die Nationalmannschaft bei jedem Spiel, er manchmal. Entweder telefonieren wir direkt nach dem Spiel, oder wir setzen uns im Hotel eine Stunde zusammen. Ich frage ihn, er äußert seine Meinung zum Spiel, zu einzelnen Spielern, zur Taktik und zu den Aussichten der Mannschaft. Am nächsten Tag bringe ich das in Kolumnenform. Dieses Vorgehen ist bei prominenten Kommentatoren ja nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist die gute Zusammenarbeit. Und mit Franz Beckenbauer kann man übrigens wunderbar arbeiten.

FAZ: Liest er die Kolumne gegen?

WS: In achtundneunzig Prozent aller Fälle nicht. Er weiß, daß er sich darauf verlassen kann, daß ich seine Gedanken so formuliere, daß er sich in dem Text wiederfindet. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wo er gesagt hätte: Jo mei, da hast du aber einen Schmarrn geschrieben. Zumindest nicht in der Kolumne, sonst schon. Es gab Fälle, da war es mir wichtig, daß er noch mal gegenliest – bei der Daum-Affäre oder der Geschichte Bayern und die Kirch-Verträge. Da kommt es auf jedes einzelne Wort an.

FAZ: Wer beantwortet die Leserpost?

WS: Das macht unsere Leserbriefredaktion. Einzelne, besonders interessante Zuschriften dürfte Franz Beckenbauer aber schon selbst bekommen.

Gewinnspiel für Experten

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