indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 25. März 2004

Ballschrank

„Stell dir vor, es ist Spieltag – und keiner fliegt raus!“

Die taz fasst das Bundesliga-Wochenende in einer Überschrift zusammen: „Stell dir vor, es ist Spieltag – und keiner fliegt raus!“ Drei Trainer – mindestens – führen zur Zeit ein schweres Leben: der Kölner Friedhelm Funkel muss mit Entlassung rechnen, Erik Gerets aus Kaiserslautern muss immer öfter auf Rettung in letzter Sekunde vertrauen sowie den Willen seiner Spieler, und Holger Fach muss auf den Bonus des Anfängers verzichten: sein Einstand in Mönchengladbach verläuft im Schatten seines Vorgängers Lienen, eine Woche zuvor unter umstrittenen Umständen gefeuert. Die SZ bedauert Fach: „Er muss das Erbe und den Mangel verwalten, weshalb vielleicht auch dieser Wechsel wenig bringt“, bejaht nach wie vor den Trainerwechsel und gesteht dem Verein „das Recht auf Rauswurf“ zu.

Handeln und entscheiden Vereinsvertreter bei der Trainerfrage frei und unabhängig? Nicht ganz, denn die Fans reden drei Wörtchen mit: die Gladbacher äußern Skepsis, die Lauterer unterstützen Gerets und verehren ihn, Funkel verjagen die Kölner. Die Fans sitzen nicht am Verhandlungstisch; die Chöre aus der Kurve und vor den Mannschaftsbussen haben Hochstätter, Jäggi und Rettig gehört, die Wut in den Gesichtern gesehen.

Die FAZ hat’s schon hundert mal gesehen: „Herbstzeit-Lose: Dieses Stück steht, in wechselnden Hauptrollen, alle Jahre wieder auf dem Spielplan der Fußball-Bundesliga. Manche Fans lechzen danach, manche Präsidenten und Manager graust es davor, manche sportlich Verantwortlichen müssen es befürchten. Wenn’s draußen kühler wird, beginnen für eine Reihe von Trainern die heißen Tage. Aus leisem Groll wird ein vernehmliches Rumoren und schließlich ein Cantus firmus, also der Massenchor der Enttäuschten.“

Erfreulich: Erstens kann Tabellenführer Stuttgart auch Tore schießen und Fußball-Freunde entzücken – wie die Financial Times Deutschland beim 3:0 bei 1860 München: „Das VfB-Spiel blitzte und glänzte gegen die hoffnungslos überforderten Löwen vor Finessen und Inspiration, vor Lust und Laune und manchmal sogar vor dreisten Fisimatenten: Seit Jahren fädelte kaum einmal eine Mannschaft das Aufbauspiel mit solch schnellen filigranen Außenristpässen ein, durchmaß das Mittelfeld derart leichtfüßig, flink und intelligent.“ Zweitens erklärt (nicht nur) die FAZ einen Fast-Absteiger zum Titel-Aspiranten: „Bayer Leverkusen – ein Spitzenteam? Nicht nur der Blick auf die Tabelle erweckt diesen Anschein. Gar nichts erinnert an den ängstlichen Abstiegskandidaten der vergangenen Saison.“ Drittens: „Dies ist das bemerkenswerteste gewesen am Fifa-Fairplay-Tag 2003: dass sich der FC Bayern leise aus Rostock verabschiedete“ (SZ).

Pressestimmen zu allen Spielen

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

DFB-Pokal

„nur vier Tage nach Beginn der Rückrunde ist der FC Bayern direkt auf den Leidensweg eingebogen“ (SZ) – Zweite Liga im Aufschwung (BLZ) u.v.m.

Nicht nur Hans-Joachim Waldbröl (FAZ 6.2.) erliegt der Faszination des Tivolis: „Adi Preißler hat dem Fußballalltag so einige pseudophilosophische Pointen abgewonnen, die nach dem Tod des früheren Torschützenkönigs und ehemaligen Trainers im vergangenen Jahr noch öfter zitiert werden als zu seinen Lebzeiten. Dabei hat der gebürtige Duisburger auch schon mal den I-Punkt auf einen Platz gesetzt, der dort gar nicht hingehörte. Am Aachener Tivioli, der nach Preißlers unverbesserlicher Mundart die Assoziation mit den italienischen Ravioli eher nährt als die Ähnlichkeit mit dem schlichten Tivoli, könne man nur mit Athletichkeit bestehen. Das gilt offenbar, zur Freude der Aachener, auch noch Jahrzehnte, nachdem Preißler als Dortmunder Borusse am Tivoli offenbar die körperliche und kämpferische Kraft der Alemannia fürchtete.“

Mehr als eine SV-Meppen-Liga

Christof Kneer (BLZ 6.2.) fasst das Viertelfinale zusammen: “Es war ein wenig wie früher, als der Pokal noch diese Gesetze hatte; als die Bundesliga noch kein Premiumprodukt war, sondern nur die Bundesliga; als Spieler noch nicht werthaltig waren, sondern nur gut oder schlecht. Romantiker könnten jetzt auf die Idee kommen, das sei doch ein herrliches Viertelfinale gewesen im DFB-Pokal. Klein-Aachen blamiert Groß-München und gründet mit Klein-Lübeck ein lustiges gallisches Dorf, das sich bis ins Halbfinale durchschlägt und den Römern aus Bremen und Gladbach tapfer Widerstand leistet. Das klingt gut, ist aber leider gelogen. Die Wahrheit ist, dass hinter dem Pokal ein neuer Trend hervorscheint, der noch so neu ist, dass viele ihn noch gar nicht bemerkt haben. Der Trend besagt, dass Willi Landgraf nicht mehr die Regel ist, sondern die Ausnahme. Landgraf stammt aus einer Zeit, als die zweite Liga noch eine SV-Meppen-Liga war. Wer damals als anständiger Erstligaprofi ein Angebot aus Liga zwei bekam, galt fast als vorbestraft, und wer als Erstligist im Tabellenkeller stand, fand in der nächsten Boulevardzeitung garantiert eine Anfahrtskizze nach Meppen. In Wahrheit hat die zweite Liga Meppens Stadtgrenze längst hinter sich gelassen. Es ist wohl keinem putzigen Pokalgesetz mehr geschuldet, dass nun zwei Zweitligisten im Pokalhalbfinale Quartier bezogen haben; und viel hat ja nicht gefehlt, und die Zweitligisten wären dort sogar vollends unter sich gewesen. Es ist ein klarer Trend, dass die zweite Liga der ersten langsam entgegenwächst. Womöglich hat der Fußballgott einen Sinn für Ironie, denn er hat den Größenwahn der ersten Liga dadurch bestraft, dass nun die zweite davon profitiert. Weil die Erstligisten ihre Kader in der Not radikal verschlanken, muss so mancher Profi, der Liga zwo bis vor kurzem noch für unter seiner Würde hielt, reuig und für kleines Geld im Unterhaus unterkriechen.“

Den fußballerischen Möglichkeiten dieser Mannschaft sind engere Grenzen gesetzt

Wolfgang Hettfleisch (FR 6.2.) ist enttäuscht von Bayern München: „Es ist erst ein paar Wochen her, da klang die Chose bei Uli Hoeneß so: Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Da hatten die Spieler des FC Bayern München gerade die Vorbereitung in Dubai hinter sich gebracht, oder wie Hoeneß zu sagen beliebte: das härteste Trainingslager aller Zeiten. Man spricht beim erfolgreichsten deutschen Fußballclub der Gegenwart gern in Superlativen. Das unterstreicht den Anspruch, der nationalen Konkurrenz voraus zu sein – das Alpha-Tier im Ligarudel. Nun setzt der Fehlstart nach der Winterpause die erwarteten Mechanismen in Gang: Ottmar Hitzfeld streicht den vorgeblich zu sehr abgelenkten Stars die privaten Werbetermine und übt sich in Fünf vor Zwölf-Rhetorik. Und Franz Beckenbauer wundert sich, dass Kritik nach der schwachen Vorstellung in Frankfurt keine Trotzreaktion hervorrief, sondern die Seelchen in den weißen Trikots weiter geschwächt hat. Trainer und Präsident deuten die Krise der nominell stärksten deutschen Vereinsmannschaft also als eine Art kollektive Psychose. Die jüngsten Eindrücke aus dem Frankfurter Waldstadion und vom Aachener Tivoli legen einen anderen Schluss nahe: Den fußballerischen Möglichkeiten dieser Mannschaft sind engere Grenzen gesetzt, als viele – nicht zuletzt unter den professionellen Berichterstattern – uns glauben machen wollen.“

Wo FC Bayern draufstand, war nicht FC Bayern drin

Christoph Biermann (SZ 6.2.) ergänzt: „Was angesichts des Ausgleichs von Ballack mit dem Pausenpfiff wie die hundertste Variante vom Lied über den abgebrüht professionellen Rekordmeister oder die „Dusel-Bayern“ wirkte, war nur Etikettenschwindel. Wo FC Bayern draufstand, war nicht FC Bayern drin.“

Münchner Reaktionen auf das Spiel taz

Stefan Hermanns (Tsp 6.2.) befasst sich mit dem Sieger: „Auf dem Tivoli, der Heimstätte des ungezähmten Fußballs, werden Grätscher und Renner schon aus Tradition geschätzt. Einer der Helden der Achtzigerjahre trug den Namen Günther Delzepich – und genauso hat er gespielt. Sein legitimer Nachfolger in der Jetztzeit ist Willi Landgraf, ein 1,66 Meter großes Arbeitstier aus Bottrop. Gegen die Bayern rettete „der kleine Willi“ (Torwart Straub) nach einem Kopfball von Ballack auf der Torlinie, und vermutlich war es für Landgraf das Spiel seines Lebens. Hinterher sagte er: „Wir haben das gut runtergespielt, ganz locker.“ Man sah, wie viel Selbstbeherrschung ihm diese Aussage abnötigte. Andere reagierten weniger kontrolliert. „Das muss man erst mal verarbeiten“, sagte Torwart Straub, und Trainer Jörg Berger freute sich gleich „für die ganze Region“, in der das Viertelfinale zum „Spiel des Jahrzehnts“ ausgerufen worden war. Die lokalen Zeitungen hatten eine Sonderbeilage herausgegeben, und Alemannia hätte das Stadion auch fünfmal voll bekommen. Der Andrang war so groß, dass sogar ZDF- Sportchef Wolf-Dieter Poschmann seine Familienangehörigen nur noch auf der Pressetribüne hatte unterbringen können.“

Jörg Stratmann (FAZ 6.2.) fügt hinzu: „Sönke Wortmann kennt sich mit Fußballwundern aus. Nicht nur mit einem historisch belegten, wie es der Regisseur kürzlich mit dem Wunder von Bern für die Kinos ins Bild setzte, sondern auch mit solchen, die aus heiterem Himmel kommen. Wunder wie in seinem Werbespot für jenen Hauptsponsor der Zweitligamannschaft Alemannia Aachen, der in seinem Namen die Aachener und Münchner zusammenführt. Und in diesem Trailer siegen die schwarz-gelben Kicker, nach allerlei lustigen Mißgeschicken, dann auch noch. Dem geradezu hellseherischen kurzen Streifen hätte man für seine Premiere keinen schöneren Zeitpunkt und Ort wünschen können als die Halbzeitpause am Mittwoch im aus allen Nähten platzenden Tivolistadion. Denn anschließend erreichte die Alemannia das Halbfinale um den Pokal des Deutschen Fußball-Bundes – mit einem wundersamen Sieg über den Titelverteidiger und hohen Favoriten Bayern München. Wobei das Merkwürdigste war, daß er schließlich wie ein sportlicher Normalfall wirkte. Denn die Aachener bildeten einfach die bessere Mannschaft, die ihren Sieg hochverdient erspielte. Das räumten sogar die blamierten Stars ein, wenn sie sich denn überhaupt zu einer Einschätzung herabließen. Und das verblüffte die Sieger so sehr, daß sie vor Überraschung ganz zu vergessen schienen, sich einfach nur ausgelassen zu freuen. Irgend jemand im finanzklammen Verein, ein grenzenloser Optimist, hatte T-Shirts mit der Aufschrift Rekordpokalsiegerrauswerfer – die Legende lebt drucken lassen. So konnten sich die Aachener sogar noch mit einem Gag von den Anhängern verabschieden, die das Stadion am liebsten gar nicht mehr verlassen hätten.“

Ballschrank

zur 0:2-Niederlage Frankreichs gegen Dänemark

Thomas Kilchenstein (FR 12.6.) zur 0:2-Niederlage Frankreichs gegen Dänemark. „So hart ist lange kein Weltmeister mehr auf dem Hosenboden gelandet, so deutlich wurde selten, dass eine Mannschaft ihren Zenit überschritten hat. Am Ende hatte man fast Mitleid mit den abgestürzten Überfliegern, drückte die Daumen, dass ihnen wenigstens ein Tor gelingen möge (…) Der Sieg der kompakt stehenden, einfach spielenden Dänen, die als Gruppenerster ins Achtelfinale einziehen, war nicht nur hochverdient, er war auch nie ernsthaft in Gefahr. Die Dänen, meilenweit entfernt von ihrem herzerfrischenden Fußball der 80er Jahre, aber diszipliniert und prima geordnet, hatten nichts Überraschendes im Programm, aber genug, um die Franzosen in Schach zu halten.“

Ralf Wiegand (SZ 12.6.) dazu. „Zidane war tatsächlich alles gewesen, was Frankreich zu bieten hatte, aber die zehn anderen um ihn herum spielten mit ihm nicht besser als vorher ohne ihn. Dugarry spielte so schlampig, wie sein Trikot aus der Hose hing, Thuram fehlerhaft, Desailly ängstlich. Und die Stürmer, die doch der Grund gewesen sein sollten, warum diese französische Mannschaft noch besser sei als die von 1998, diese Stürmer trafen nicht. Der Ball fliegt nicht leichter ins Tor, nur weil Zidane ihn gepasst hat. Diese Hoffnung war ein Irrglaube gewesen. Nun ist der Mythos von Frankreichs Fußball zerstört, aber der von Zinedine Zidane, dem Mann des Spiels, ist erhalten geblieben (…) Dänemark spielte einen Fußball, der aussah wie Stig Töfting: so kompakt, als sei er mit einer Dampframme zusammen gestaucht worden. Trainer Morten Olsen hatte seine Mannschaft zusammengeschnurrt zu einem mächtigen, roten Block, zu einem Signal, das dem Weltmeister sagte: Stopp, bis hierher und nicht weiter.“

Die NZZ (7.6.) über das Spiel Frankreich-Uruguay (0:0). „Die defensiv eingestellten und ihren gewohnt knochenharten Stil pflegenden Uruguayer hätten die Franzosen mit etwas mehr Réussite gar schon vorzeitig aus dem Turnier werfen können. Vor allem dann, wenn die diesmal gut aufgelegte Inter-Diva Recoba zu seinen Dribblings ansetzte, brannte es vor dem untadeligen Barthez meist lichterloh. Dennoch nutzte die Equipe des schwergewichtigen Trainers Pua die numerische Überzahl zu wenig resolut und wäre mit einem Sieg doch etwas gar gut bedient gewesen.“

Den Franzosen traut Ralf Itzel (FR 7.6.) im weiteren Turnierverlauf wenig zu. „Angenommen, der Coup gegen Ebbe Sand, Stig Töfting und Co. gelänge, bliebe dem Favoriten für die K.o.-Runde mehr als die Rolle eines Außenseiters? Einige haben offensichtlich nichts mehr im Tank, allen voran Lizarazu. Ausgepowert reisten er und die anderen von ihren Klubs zu dieser WM, bei der die Kraftreserven zum entscheidenden Faktor werden dürften. Für Teams wie das Italiens könnte der Fluch, im internationalen Vereinsfußball zu versagen, in Asien zum Segen werden. Die Equipe Tricolore aber hat durch die Schlappe gegen Senegal und das gestrige Unentschieden auch noch mit einer Gewohnheit gebrochen, die grundlegend war für die Triumphe 1998 und 2000. Die begann sie mit zwei Siegen und konnte im dritten Vergleich die Stars schonen und Ergänzungsspieler ranlassen, die sich so auch als Teil der Familie fühlten. Gegen Dänemark werden die Franzosen alles in die Waagschale werfen müssen, ohne Rücksicht auf Verluste.“

Christoph Biermann (SZ 7.6.) über den französischen Auftritt gegen Uruguay. „Den erneuten Ausfall von Zinedine Zidane, der sich erwartungsgemäß nicht fit gemeldet hatte, kompensierte der französische Trainer Roger Lemerre nicht mit einer taktischen, sondern einer personellen Änderung. Anstatt, wie spekuliert worden war, zum System der letzten WM mit drei defensiven Mittelfeldspielern und einer Spitze zurückzukehren, nahm Johan Micoud vom AC Parma die Position von Zidane ein. Das war bereits der zweite Versuch, das auf Zidane zugeschnittene System ohne ihn zu spielen. Bereits in der ersten Partie gegen Senegal war Youri Djorkaeff damit überfordert gewesen.“

Thomas Klemm (FAZ 7.6.) sah ein packendes 0:0. „Die zerfahrene Partie entwickelte sich zur Freude der 38 000 Zuschauer zu einer abwechslungsreichen Partie, in der sich beide Mannschaften an ihre letzte Chance klammerten: ein Tor, um die Aussichten auf das Achtelfinale zu verbessern. Einschussmöglichkeiten boten sich hüben wie drüben im Minutentakt (…) Selbst in der Nachspielzeit nahm der Fußballkrimi kein Ende: Nach Pass von Bayern-Profi Bixente Lizarazu wurde Sylvain Wiltord im letzten Augenblick am Schuss gehindert, im Gegenzug parierte Barthez einen Schuss Recobas – damit waren endgültig alle Chancen vergeben. Beiden Teams bleibt nun nur noch die Hoffnung auf das letzte Spiel. Viel ist das nicht für den Welt- und Europameister.“

Eine sehr fragwürdige Entscheidung der Fifa bewertet Ralf Wiegand (SZ 7.6.). „Normalerweise aber hätten auch nicht die Dänen, die nicht unbedingt die Wüstensöhne Europas sind und schon am Strand von El Arenal als Zweite einen Sonnenbrand kriegen (nach den Engländern), gleich zweimal in dieser Vorrunde am sonnigen Nachmittag spielen müssen, sondern die Franzosen. So hatte es ursprünglich die Reihenfolge bei der Auslosung ergeben. Erst, nachdem die Fifa feststellte, dass der Weltmeister zweimal zur TV-Unzeit spielen sollte, wurden kurzerhand die Plätze von Dänemark und Frankreich im Spielplan getauscht. Nun gibt’s die Dänen in Europa zum Frühstück und Frankreich zum Nachtisch.“

Zu den klimatischen Bedingungen im Stadion heißt es bei Hans Trens (FAZ 7.6.). „Nun wissen wir endlich, wie die koreanische Variante jener Spielart aussieht, die in Europa gemeinhin als Sommerfußball bezeichnet wird. Dem Spiel im Glutofen von Daegu sei Dank. Es bietet sich nur eine Steigerung an: Saunafußball war das, was Dänen und Senegalesen am Donnerstag beim leistungsgerechten 1:1 geboten haben.“

Über die Spielweise Senegals schreibt Thomas Kilchenstein (FR 7.6.). „Salif Diao, der groß gewachsene Torschütze, ist aber auch ein gutes Beispiel für die beiden Gesichter der senegalischen Mannschaft, die eben nicht nur schön spielte, sondern auch schön holzte. Ohnehin war es eine ziemlich nicklige Begegnung, was auch an der Hitze gelegen haben kann. Salif Diao war es jedenfalls, der das bis dahin brutalste Foul dieser WM beging: Er trat Rene Henriksen beim Tackling fast das Schienbein durch. Diao musste früher duschen gehen, elf Dänen wären ihm zu gern gefolgt.“

Die NZZ (7.6.) über Senegals Spielweise. „Die Senegalesen bewiesen nach der Pause, dass sie in taktischer Hinsicht äußerst flexibel sind, als Trainer Metsu auf Grund des Rückstandes gleich zwei Offensivkräfte einwechselte und sich für diese mutige Ausrichtung alsbald belohnt sah.“

Christoph Biermann (SZ 3.6.) sah Dänemarks siegreiche Elf (2:1 gegen Uruguay) zunächst in Schwierigkeiten. „Das lag jedoch nicht daran, dass Uruguay das alte Stereotyp der wild um sich tretenden Fußballverhinderer erfüllte, sondern die Dänen zu Beginn beider Halbzeiten mit einigen schönen Spielzügen aus der Ruhe brachte.“

Thomas Klemm (FAS 2.6.) erklärt das Zustandekommen des dänischen 2:1-Siegs über Uruguay. „Je länger das Spiel dauerte, umso deutlicher zeigte sich die taktische Überlegenheit der Europäer. Der dänische Offensivstil nach holländischem Vorbild – flach, schnell und über die Flügel – führte zum Erfolg.“

Helmut Schümann (Tsp 2.6.) über die unterlegenen Südamerikaner. „Die Uruguayer verfügen über keine Mannschaft, da ist kein zwingendes Zusammenspiel erkennbar, und konditionsschwach waren sie gegen die Dänen auch noch.“

Das Eröffnungsspiel analysiert Felix Reidhaar (NZZ 1.6.). „Was hätte dem mit Abstand zugkräftigsten Sportanlass nach den üblen Ränkespielen hinter den Kulissen Besseres geschehen können als eine saftige Überraschung zu Beginn? Ein gutes, packendes Startspiel obendrein, wo doch solche Partien in der Vergangenheit oft verkrampft und von taktischen Vorsichtsmassnahmen geprägt blieben (…) Wenn die Westafrikaner letztlich als knappe Sieger das Terrain des formidablen Stadions am Han-Fluss verließen, dann besonders dank ihrer Mischung aus Kampf und Spielfreude, aus athletischen Fähigkeiten und technischer Individualität. Das bessere Team waren sie über 94 Minuten hinweg natürlich nicht gewesen, sie gerieten im Gegenteil gegen Schluss nochmals erheblich unter Druck, weil die Kräfte schwanden und sich Konzentrationsmängel bei der Ballbehandlung einschlichen. Doch den Franzosen, mindestens einigen unter ihnen, schien es an gedanklicher wie physischer Frische und an Einfallsreichtum zu fehlen. Mit zunehmender Dauer schlugen sie nur mehr hohe Bälle aus allen Gegenden in den Strafraum, etwas, was man von Lemerres Auswahl sonst nicht kennt.“

Martin Hägele (taz 1.6.) über den Matchwinner. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird El Hadji Diouf, der beste Spieler Afrikas, nicht nur für einen Abend als Sternschnuppe glühen. Sein Solo in der 29. Minute legte den Grundstein für die Sensation, den 1:0-Sieg der Turnierdebütanten aus Senegal über die Weltmeister aus Frankreich (…) Die einzige Angst der ruhmreichen Equipe schien es zu sein, den respektlosen Gesellen mit dem Furcht erregenden Kosenamen „Serial Killer“ (Serienmörder) irgendwie von ihrem Strafraum fernzuhalten. Aber dieser Diouf wagte sich immer wieder in den Grenzbereich.“

Roland Zorn (FAZ 1.6.) über das Spiel. „Mit einem weit leuchtenden Zeichen der Ermutigung für alle Außenseiter und Debütanten der Fußball-Weltmeisterschaft in Korea und Japan ist am Freitag Abend (Ortszeit) das einmonatige Turnier im mit 62.500 Zuschauern fast ausverkauften Weltcup-Stadion von Seoul eröffnet worden (…) Schockiert mussten die Titelverteidiger in diesem ersten Duell zwischen der Grande Nation und einer ihrer ehemaligen Kolonien zur Kenntnis nehmen, dass der Fußball von heute kaum noch Privilegien vergibt.“

Ralf Wiegand (SZ 1.6.) zum selben Thema. „Eröffnungsspiele haben die Eigenschaft, dass sie aus Tradition die Besten, nämlich die Sieger des letzten Turniers, und einen meistens unbekannten Herausforderer zusammenführen, ähnlich wie im Boxen der Champion jemanden fürchten muss, der sich das Recht, gegen ihn antreten zu dürfen, irgendwo im Verborgenen erworben hat. Ein solcher Gegner ist wie eine Wundertüte, nur dass die Überraschung nicht immer eine freudige sein muss (…) Das Spiel der Franzosen war sehr sicher in der ersten Halbzeit, sie verdichteten bei Ballbesitz des Gegners das Spielfeld und schwärmten wie auf Kommando aus, wenn sie im Angriff waren. Aber sie spielten Sicherheitspässe ohne große Inspiration.“

Den Sieg Senegals könnte man als weitere Etappe des afrikanischen Emanzipationsprozesses deuten. Doch Ludger Schulze (SZ 1.6.) relativiert diese Aussage. „Merkwürdigerweise ist der Sieg der Senegalesen gleichzeitig ein Sieg der Franzosen. Gewonnen hat eine französische Klubauswahl, die unter dem Namen Senegal firmiert, gegen eine französische Weltauswahl, deren Mitglieder in England, Italien, Deutschland und Spanien Ruhm und Reichtum mehren. Es wäre also irreführend, von einem Zweikampf zwischen Europa und Afrika zu sprechen. Sämtliche“Löwen aus Senegal“ haben ihre Grundausbildung bei Fußball-Lehrern aus dem Land des einstigen Kolonialherren erfahren und ihre Fähigkeit in der angeblich so maroden Liga des Weltmeisters kultiviert. Nicht eine Revolution hat also stattgefunden, die zweite Generation schwarzafrikanischer Profis ist lediglich ein gutes Stück vorangekommen beim langen Marsch durch die Institutionen.“

Fa-bu-leux! titelt die größte senegalesische Zeitung Le Soleil (1.6.) und ordnet den Auftaktsieg gegen den amtierenden Weltmeister historisch ein. Unsere Löwen haben sicherlich noch nicht die internationale Reputation wie ihre unbezwingbaren Cousins aus dem Kamerun, aber der Sieg des WM-Debütanten im ersten Spiel sei ebenso historisch wie der unseres Dia Ba National, des Mannes der, genau hier in Seoul bei den Olympischen Spielen 1988 im Finale des 400 Meter-Hürden-Laufes den großen Edwin Moses bezwungen hat. Vor den Augen der ganzen Welt, fährt das Blatt begeistert fort und schätzt, dass diese Jungs noch nicht so bald realisieren werden, was sie gestern getan haben. Sie träumten davon, ohne allzu sehr daran zu glauben. Aber sie haben es getan ohne zu zittern, ohne einen Augenblick zu zweifeln. Die Löwen haben die Hähne ungebraten verspeist, der König des Waldes war ohne Mitleid für das Goldhähnchen im Hühnerhof. Der Lehrling hat den Meister übertroffen. Der Auftritt gestern war einfach fabelhaft. Hunderttausende waren in Senegal auf den Strassen, unter ihnen der Präsident der Republik, in blau gekleidet, auf seinem Four-Wheel-Drive sitzend, die Fahne des Senegal um seinen Körper geschlungen und ohne den Versuch, die immense Freude zu kaschieren, die ihn ergriffen hatte. Zum Matchwinner wurde El Hadj Diouf erklärt, der Junge aus St-Loius, der früheren Hauptstadt des Senegal und einstmals Sitz des französischen Generalgouvernements über ganz Afrika. Der gewohnte Torschütze (zuletzt beim französischen Vizemeister RC Lens und in der WM-Qualifikation) habe er sich gestern als Meister der Vorlage erwiesen, und es wurde bekannt, dass er in der nächsten Saison zum FC Liverpool wechselt.

Le Monde hat den Sieg der senegalesischen Mannschaft im Foyer Soundiata, einem Wohnblock im 20. Pariser Bezirk miterlebt, wo im traditionellen Arbeiterviertel Ménilmontant heute Tausende afrikanischer Einwanderer leben. Im Gemeinschaftsraum durften die Jungen das Spiel nicht ansehen: Freitag ist der Tag des Gebets, und außerdem stammt die Mehrheit der Besucher hier aus Mali, einem Nachbarland und Fußballrivalen Senegals. In Ahmeds Café, in das die jugendlichen Fußballfans ausweichen, hängen Bilder von Johnny Halliday und Charles Aznavour, neben dem von Zinedane Zidane. Unser Zidane heißt Khalilou Fadiga, schmettern die Anhänger der Löwen, die gerade dabei sind, die Hähne zu verspeisen. Und als Trezeguet die Latte trifft, jubeln sie ihm ironisch zu, so sei es, wenn man vom Marabout verhext werde. Das Tor von Diop lässt Ménil, wie das Viertel kurz genannt wird, erzittern, an der Metro-Station Chevaleret wird heute noch Samba getanzt.

Kaum verhohlene Freude in den italienischen Tageszeitungen über den Sieg der Senegalesen: „Der Debütantenball“ titelt der Corriere della Sera (1.6.), proklamiert Diouf zum Helden der Afrikaner und berichtet, der französische Premierminister Chirac habe seine Mannschaft telefonisch zu trösten versucht. La Repubblica (1.6.) mutmaßt dagegen, Chirac habe aus (eigennützigen) politischen Gründen in Seoul angerufen, von der Furcht getrieben, dass die üble Laune der Grande Nation auch auf die Wahlen (am 9. und 16. Juni) durchschlagen könnte. Anerkennung in allen Kommentaren für den senegalesischen Trainer. „Jetzt wird niemand mehr Bruno Metsu sagen, er habe zu lange Haare zum Trainieren“ heißt es im Corriere della Sera, der Metsu zitiert: „Meine Jungs sind genial. Amüsant. Ein bisschen verrückt. Das Problem sind nur die Medizinmänner, die nun das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, Zidane verhext zu haben.“

Die französische Tageszeitung Le Monde (31. 5.) sollte in ihrer unheilverkündenden Vorahnung bestätigt werden. „Die Tatsache, dass den Eröffnungsspielen üblicherweise eine feierliche Eröffnung vorangeht, hängt eventuell damit zusammen, dass diese die traditionelle Tristesse der Eröffnungsspiele kaschieren sollen.“

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Themen: Debatte über italienischen Fußball – Stilwechsel in Vigo – Rangers schottischer Meister

Juventus ist die Mannschaft dieser Saison

Birgit Schönau (SZ 27.5.) verteidigt den italienischen Fußball. „Während Juventus oder Milan in Manchester den begehrten Pokal erheben werden, dürfen sich die vielen Verlierer wenigstens als moralische Sieger fühlen. Und die Italiener stehen da, wo sie nach Meinung ihrer Kritiker immer stehen: in der Abwehr. Müssen sich jetzt auch noch dafür rechtfertigen, dass sie es so weit gebracht haben. Also Konter: Vielleicht trifft der Vorwurf des Destruktivismus noch für die Nationalelf des Giovanni Trapattoni zu. Der Mann stützt seine eigene Legende auf das verdienstvolle Ausbremsen eines gewissen Pelé irgendwo im Nebel der Zeiten und verlässt sich außer auf die Betonabwehr der Squadra Azzurra gern auf die Unfähigkeit gewisser Schiedsrichter und die Wunderwirkung der Weihwasserflasche in den Taschen seines Maßanzugs. Mamma mia, il Trap! Aber so arbeitet ja in Italien keiner mehr, außer vielleicht noch der Argentinier Héctor Cúper, mit Inter Mailand. Cúper wurde am Wochenende mit der rührenden Klage „Nie ein bisschen Spaß“ aus der Fankurve verabschiedet. Aber hat jemand diesen Trainer derart in die Mangel genommen, als er noch den FC Valencia trainierte? Nie ein bisschen Spaß: Bei Inter mag das stimmen. Für den AC Mailand gilt es schon lange nicht mehr. Der Klub des Großen Kommunikators Berlusconi war früher als alle anderen auf die eigene Fernsehwirkung bedacht – und Catenaccio im Fernsehen, das geht nun wirklich nicht. Sein Trainer Carlo Ancelotti hatte klare Anweisung von oben, spettacolo zu zeigen. In der ersten Phase der Champions League reichte keine andere Mannschaft an Milans Spielfreude heran, schon gar nicht der Altherrenklub aus Madrid, dessen Chefmelancholiker Luis Figo verlauten ließ, in Italien können man wohl Klamotten kaufen, aber nicht Fußball spielen. Figo wurde im Halbfinale in Turin vollends entzaubert von – war es Zambrotta oder Birindelli? Egal, Juventus ist die Mannschaft dieser Saison, eine Squadra wie aus einem Guss, und wer angesichts von Del Piero, Nedved, Trezeguet behauptet, sie würden nur destruktiv arbeiten, der hat nicht hingeschaut (…) Einwurf: Die Abwehr wurde von den Schotten erfunden, anno 1870. Kleine Grätsche: Im übrigen Europa wird Italien traditionell nahezu reflexhaft belächelt. Früher waren es seine militärischen Leistungen, heute ist es die Ersatzhandlung Fußball. „Angsthasenfußball“, sagen manche. Kommt kurz vorm Desertieren. Madonna santa, muss es denn immer nach vorn gehen? Den Gegner kommen lassen, ihn austricksen, ihn mit List und Tücke schlagen, wird das denn nie eine abendländische Tugend?“

Den schönsten Fußball spielen sie in Spanien, den unterhaltsamsten in England

Dahingegen polemisiert Ronald Reng (SZ 27.5.). “Italienischer Fußball ist fantastisch anzusehen. Man darf bloß nicht aufs Spielfeld schauen. Einen meiner besten Nachmittage im Fußballstadion hatte ich vor einigen Jahren beim Spiel ASRom gegen AC Mailand: Was für ein Spektakel, was für eine Leidenschaft – auf den Rängen. Nirgendwo wird Fußball so farbenfroh, so fanatisch zelebriert wie in italienischen Fankurven, ich sah den Zuschauern 90 Spielminuten zu. Aber noch heute, einige Jahre später, bin ich ratlos, wen oder was die italienischen Fans in der Serie A eigentlich feiern: Sich selber? Dass der Eisverkäufer vorbeikommt? Oder tatsächlich, dass ihr Team nach fünf Quer- und drei Rückwärtspässen einen Einwurf an der Mittellinie erkämpft hat? (…) Dabei, welche Ironie, war es ein italienisches Team, das den beeindruckendsten Offensivfußball spielte: das Milan von Trainer Arrigo Sacchi Anfang der Neunziger. Doch sie haben seine Vision verraten. Sacchis revolutionäre Zonendeckung, die Basis seines Angriffsfußballs, verwenden Juventus und Milan heute für ihr destruktives Tun. Der italienische Fußball ist dieses Jahr der erfolgreichste in Europa. Herzlichen Glückwunsch auch. Aber Erfolg im Spitzensport ist ein unberechenbarer Geselle, er kommt und geht. Was bleibt, ist dies: Den schönsten Fußball spielen sie in Spanien, den unterhaltsamsten in England.

AS Roma in der Krise NZZ

Des L‘art- pour-l‘art-Modells überdrüssig

Georg Bucher (NZZ 27.5.) porträtiert Celta Vigo. „Gegenüber der letzten Saison vollzog Celta einen Stil- und Mentalitätswandel. Hatten die „Himmelblauen“ im vierten Jahr unter der Regie des romantisch angehauchten Trainerphilosophen Victor Fernandez das Publikum begeistert, wenn der „Zar“ Alexander Mostowoi fit und inspiriert war, die Champions League aber dennoch verpasst, so breitet sich jetzt oft Langeweile aus. Die Auftritte von Real Madrid und Deportivo lockten nur 24000 Zuschauer an, im Durchschnitt kommen 2000 weniger als letzte Saison, denn die „Afición“ ist von Señor Victors Fussballästhetik gegen Safety-first-Maximen imprägniert worden. Selbst wenn er wollte, könnte der einfacher gestrickte, das Flair eines harten Arbeiters verströmende Miguel Angel Lotina nicht aus seiner Haut. Geprägt haben ihn Erfahrungen in Logroño, Numancia und vor allem in Pamplona, der Aufstieg und mehrere erfolgreich überstandene Abstiegskämpfe, ein Kontext, in dem Spielkultur sekundär war. Weil der Präsident Horacio Gomes des L‘art- pour-l‘art-Modells überdrüssig und zu Ausgabenkürzungen gezwungen war, bekam Lotina mit einem verhältnismässig bescheidenen Gehalt den Zuschlag. Er habe das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, Ineffizienz mit Tristesse bekämpft, sagen die einen, als gewieften Taktiker bewundern ihn andere. Bezeichnend, dass Lotina den selbsternannten Fussballproletarier Jose Ignacio aus Saragossa anheuerte.“

Martin Pütter (NZZ 27.5.) schreibt über das Ende der schottischen Meisterschaft. „Ein Blick nach Schottland am Sonntag hat den Schweizer Klubs der NationalligaA das beste Beispiel über den Sinn und Unsinn einer Meisterschaft geliefert, die von zwei Grossklubs dominiert wird. Keine Schlussrunde im schottischen Fussball war spannender, aber auch einseitiger als diejenige am Sonntag, als die Glasgow Rangers nach dem 6:1 gegen Dunfermline zum 50.Mal den Titel gewannen – und das auf Kosten des Stadtrivalen und Titelhalters Celtic, der sich auswärts gegen Kilmarnock 4:0 durchsetzte. Bei gleicher Punktzahl gab die Tordifferenz den Ausschlag – sie war für die Rangers um einen Treffer besser als jene von Celtic. Hätten die Rangers ihr letztes Spiel daheim gegen Dunfermline nur 1:0 gewonnen, bei einem 2:1-Sieg Celtics in Kilmarnock, hätten die Klubs der „Old Firm“, wie sie in Glasgow genannt werden, bei identischer Punktzahl, identischer Tordifferenz und gleicher Anzahl erzielter Tore am 3.Juni ein Entscheidungsspiel austragen müssen (…) Die Spannung in der Schlussphase tröstete Celtics Trainer Martin O‘Neill auch über das enttäuschende Ende einer Saison hinweg. Die Endspiele im schottischen Ligacup (gegen die Rangers) und am letzten Mittwoch im Uefa-Cup (gegen Porto) verloren, im schottischen FA-Cup schon im Viertelfinal ausgeschieden, dazu nun nicht Meister geworden, das hat dem Nordiren, Spielern und Fans wehgetan. Dennoch sagte O‘Neill, dass dies für ihn die erinnerungswürdigste Saison war, trotz Gewinn des nationalen Trebles vor zwei Jahren und dem Meisterschaftserfolg vor einem Jahr. Es war nämlich eine Spielzeit, in der der schottische Klubfussball gerade wegen Celtic und seiner phantastischen Fans letzte Woche anlässlich des Endspiels im Uefa- Cup in Sevilla wieder auf sich aufmerksam gemacht hatte. Eine Saison, die von zwei Klubs dominiert wird, kann also auch spannend und aufregend sein, kann zudem mit grossem Interesse verfolgt werden, wie die konstant hohen Zuschauerzahlen von Celtic und Rangers sowie die Einschaltquoten bei den Übertragungen beweisen. Es hält einen der beiden dominierenden Vereine auch nicht davon ab, in einem europäischen Wettbewerb weit zu gelangen. Aber der nationalen Konkurrenz, die zuletzt 1985 durch den FC Aberdeen (damals noch trainiert von Alex Ferguson) letztmals die Meisterschaft gewann, bleibt mehr denn je das Nachsehen, die Rolle der Prügelknaben.“

(26.5.)

Über den Abschied Oliver Bierhoffs heißt es bei Birgit Schönau (SZ 26.5.). „Und, was macht man nach drei Toren gegen Juventus? „Man packt so langsam ein.“ Oliver Bierhoff sitzt in seiner Wohnung in Verona, es geht alles ziemlich schnell nach elf Jahren, einem Meistertitel und 103 Treffern in Italien. Vorbei jetzt. Bierhoff, 35, hat seinen Abschied gegeben, am Samstag gegen Juve, und was für einen: Drei Treffer, ganz großer Paukenschlag, sogar die Gazzetta hat Höchstnoten verteilt, und den Hut vor ihm gezogen, ihn einen Signore genannt. Ein Herr im Land der Spieler, die alle nur mit Vornamen nennen, ein „Gentleman“, verbeugte sich gar la Repubblica. Bierhoff weiß das einzuordnen. „Ist ja schon eine Weile her, dass sie mich so gelobt haben.“ Eine gute Weile, seit seinen Torjägerzeiten bei Udinese Calcio, 27 Saison-Treffer, bis heute unerreicht. Dann kamen Milan, die Meisterschaft, die erste Häme. Bierhoff Note ausreichend, zwei Tore hat er gemacht und sonst nichts. Er ließ das immer an sich abgleiten. „Manches kann ich heute besser auf italienisch ausdrücken.“ Zum Beispiel Pazienza, Geduld.“

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Packendes Spiel in Ahlen – St. Pauli steigt ab

LR Ahlen – FSV Mainz 05 4:3

Ingo Durstewitz (FR 14.5.) referiert Erinnerungen, die das denkwürdige Spiel bei Beteiligten und Beobachtern hervorrief. “Diese Leere, diese verfluchte Leere! Nach fast einem Jahr ist sie wieder aufgetaucht, am Montag, 12. Mai, um kurz nach zehn Uhr abends, nahe der Werse. Die Leere hat sich alt bekannte Freunde gesucht, sie ist in den zweitklassigen Fußballspielern des FSV Mainz 05 hochgekrochen, hat sie geschüttelt, zu Boden geworfen, in sich zusammensinken lassen; hat ihre Gesichter fahl gefärbt, die Augen in tiefe schwarze Höhlen gelegt, und sie hat für diesen Blick gesorgt, diesen leeren Blick ins Nichts. 3:4, das der Fakt, hat Mainz 05 am Montag verloren beim Leichtathletik Rasensport Ahlen. Ein nacktes Ergebnis, das eingebettet ist in ein kleines Fußballdrama voller wunderschöner Emotionen in Reinkultur: Trauer, Freude, Wut, Enttäuschung, Entsetzen. Harald Strutz, gezeichneter Präsident des FSV, hauchte: Das ist die Steigerung der Grausamkeit. Es ist vor allem ein völlig verrücktes, denkwürdiges Fußballspiel gewesen in diesem kleinen, nicht eben zum Hexenkessel taugenden Wersestadion in Ahlen. Ein Spiel, das Mainz schon fast verloren (0:2 nach elf Minuten), dann fast gewonnen (3:2 nach 52. Minuten) und am Ende wieder verloren hatte: 3:3, 91. Minute, 3:4, 92. Minute. Und Schluss. Der Sportinformationsdienst sah sich bemüßigt, an das Champions-League-Finale 1999 zwischen Bayern und ManU zu erinnern, und auch der Nachklapp der Begegnung war fast bühnenreif: Da gingen der Mainzer Trainer (Jürgen Klopp) und der Mainzer Torwart (Dimo Wache) wie zwei wild gewordene Handfeger aufeinander los, konnten nur mühsam davon abgehalten werden, sich an die Gurgel zu springen, da beharkten sich zwei unter Strom stehende Trainer (der prollige Werner Lorant und Jürgen Klopp, der sich tags drauf an das Gekeife nicht mehr erinnern konnte) vor laufender Fernsehkamera verbal bis an die Schmerzgrenze – tja, und auf der einen Seite des dampfenden Rasens die verschwitzte Ausgeburt der Glückseligkeit, auf der anderen die personifizierte Fassungslosigkeit, die Leere.“

Wie eine Gazelle im Endorphinrausch

Ulrich Hartmann (SZ 14.5.) beobachtete Werner Lorant (Trainer LR Ahlen). „Lorant trat erst in Erscheinung, als er hernach über den Rasen sprang wie eine Gazelle im Endorphinrausch. In den schönsten Momenten von Böse-Buben-Geschichten freut man sich ja auch ein wenig mit dem Hallodri, und so eine Geschichte spielte sich nun in Ahlen ab. Dorthin hatte es Lorant im Januar nach neuneinhalb Jahren in München und elf Monaten in Istanbul verschlagen, weil er es als Herausforderung empfand, in seiner westfälischen Heimat einen angeschlagenen Provinzklub vor dem Abstieg in die Drittklassigkeit zu retten. „Wo Lorant ist, ist Erfolg“, hatte der 54-Jährige trompetet und schnelle Rettung prophezeit. Die lässt allerdings immer noch auf sich warten, obschon der Sieg gegen Mainz einen Dreipunkte-Vorsprung auf die Abstiegszone einbrachte. 21 Zähler hat Ahlen unter Lorant in 15 Spielen erwirtschaftet. „Man muss zufrieden sein“, sagte er am Montag ein wenig zerknirscht. Womöglich hatte er sich zwecks Außenwirkung eine spektakulärere Bilanz erhofft. Man könne aber nur spielen, was das Material hergebe, entschuldigte er sich und beklagte übertriebene Erwartungen der westfälischen Kundschaft. „Viele dachten, hier kommt der Professor, und mit dem läuft es von allein“, skizzierte er grob die Ahlener Mentalität, die ihn noch grübeln lässt, ob er hier auch in der nächsten Spielzeit den Trainer geben möchte. „Erst mache ich meine Aufgabe“, sagt er auf diesbezügliche Fragen, „dann entscheide ich mich.“ Die Klubverantwortlichen würden ihn ganz gern bei sich behalten, wenngleich Lorant dem Klub des allmächtigen Parfüm-Millionärs Helmut Spikker am Rande des Fußballrasens nur bedingt Freude bereitet. Während Manager Joachim Krug den TV-Berichterstattern vom DSF übertriebene Konzentration auf Lorants ausgeprägte Selbstdarstellung ankreidet, hat er den Trainer in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bereits in die Pflicht genommen. „Junge, wir sind doch hier nicht in Istanbul“, habe er „den Werner“ ermahnt, nachdem dieser wortkarg und grantelnd die mehr Harmonie gewohnten Reporter der zwei Lokalzeitungen verschreckt hatte.“

St. Pauli steigt ab

Mir sind die Gäule durchgegangen

Michael Eder (FAZ 14.5.). „Geht es noch schlimmer als damals, am 5. Mai vergangenen Jahres, als die Mainzer bei Union Berlin noch einen Punkt gebraucht hätten, um zum erstenmal in der Vereinsgeschichte in die Fußball-Bundesliga aufzusteigen? Damals verloren die Rheinhessen 1:3, die entscheidenden Tore fielen in der Schlußphase, und es war der VfL Bochum, der sich den dritten Aufstiegsplatz sicherte. Geht es noch schlimmer? Ja, murmelte Harald Strutz, der Präsident des FSV Mainz 05, am Montag abend nach der spektakulären 3:4-Niederlage der Mainzer bei LR Ahlen. Das war die Steigerung der Grausamkeit. (…) Denn als die Artikel, die von einem glücklichen und wichtigen Mainzer Sieg berichtet hätten, geschrieben und fast schon in die Redaktionen gesendet waren, da konnte auch Wache nicht mehr helfen. Es war die 90. Minute, dann die Nachspielzeit, ein ManU-Erlebnis, wie der Mainzer Manager Heidel in Erinnerung an das legendäre Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Manchester United sagte. Was nun? Selbst der Mainzer Trainer Jürgen Klopp, sonst ein Meister der kühlen Analyse, verlor nach dem niederschmetternden Ergebnis die Fassung. Der Schiedsrichter, der selbstgerechte Lorant, selbst der eigene Torhüter – sie alle bekamen die Wut von Klopp zu spüren. Die Enttäuschung suchte sich ein Ventil, doch schon am Tag danach sah es anders aus. Mir sind die Gäule durchgegangen, sagte Klopp und kehrte zur Normalität zurück.“

Kaiser Franz the Second

René Martens (FTD 14.5.). „Als der FC St. Pauli zuletzt in der dritten Liga spielte, war er noch ein Verein ohne Image und nennenswertes Stammpublikum. 2100 Zuschauer kamen in der Saison 1985/86 im Schnitt, um der Mannschaft auf ihrem Weg in die zweite Liga zuzuschauen. Nach 17 Jahren kehrt Hamburgs Nummer zwei in der kommenden Saison nun zurück ins Niemandsland des deutschen Fußballs. Wenn dann die Amateurteams Borussia Dortmunds oder des 1. FC Köln am Millerntor gastieren, werden aber, so viel ist sicher, vier- bis fünfmal so viel Zuschauer dabei sein wie 1986. Denn seitdem hat sich der Verein eine leidensfähige Anhängerschaft erarbeitet (…) Der Klub und die Fans haben eine einzigartige Saison hinter sich: Null Punkte und 1:14 Tore nach drei Spielen bedeuteten den schlechtesten Saisonstart der Nachkriegsgeschichte, Trainer Dietmar Demuth flog bereits nach der zweiten Partie. Nachfolger Joachim Philipkowski, der sich als Talentausbilder im Verein Meriten erworben hatte, war mit dem Job überfordert. So standen nach der Hinrunde gerade einmal neun Punkte zu Buche – einer mehr als zur gleichen Zeit in der Erstligasaison 2001/02. Als schon fast alles verloren schien, übernahm Sportdirektor Franz Gerber das Amt. 600.000 Euro investierte der Klub in sechs neue Spieler, die allesamt zu Stammkräften avancierten, sodass der FC mittlerweile 31 Spieler eingesetzt hat. Gegenüber der Vorrunde steigerte sich die Mannschaft zwar erheblich, doch verspielte sie viele wichtige Punkte jeweils in den letzten Minuten eines Spiels. Gegen Union Berlin kassierten die „Last-Minute-Deppen“ (Bild) in der 87. und 90. Minute zwei Treffer zum 2:2, das 1:2 gegen Reutlingen fiel praktisch mit dem Abpfiff und das 2:2 gegen Burghausen in der Schlussminute – Indizien für ein falsch konzipiertes Konditionstraining (…) Obwohl der Klassenerhalt unter dem dritten Übungsleiter der Saison mehrmals in Reichweite war, gab Gerber insgesamt keine gute Figur ab. Das Talent Alexander Meier setzte er öffentlich unter Druck, den Publikumsliebling Nico Patschinski vergraulte er, und obwohl Gerber selbst zehn Spieler verpflichtet hatte, jammerte er ständig über die Qualität des Kaders – was dem Selbstvertrauen der Truppe nicht eben förderlich war. Außerdem äußerte sich der Coach auch mehrfach öffentlich zu Etatfragen, was normalerweise nicht Sache eines Trainers ist. Angesichts der finanziellen Voraussetzungen sei „der Wiederaufstieg nicht drin“, unkte Gerber schon Ende März. Vor etwas mehr als 20 Jahren, als Gerber Kanadas Fußballer des Jahres war, nannte man ihn dort „Kaiser Franz the Second“, und entsprechend führt er sich heute noch auf. Ob die Verantwortlichen seine Allüren noch lange tolerieren?“

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Hansa Rostock – VfL Wolfsburg 1:0

Wow, was für ein super Sonntag!

Matthias Wolf (BLZ 8.4.) war von der Partie enttäuscht. “Wie hysterisch brüllte der Stadionsprecher in das Mikrophon: Wow, was für ein super Sonntag! Schwer nachzuvollziehen schien diese Reaktion nach der Partie Hansa Rostock gegen VfL Wolfsburg, bei der selbst der Rostocker Profi Thomas Meggle voller Selbstironie feststellte: Das war Not gegen Elend. Jetzt muß nur noch geklärt werden, wer was war. Gut hatte es nur der getroffen, der dem kalten Ostseestadion ferngeblieben war. Und, zum Beispiel, statt dessen ins sonnige Florida gereist war. Wie Stefan Effenberg. So weit weg – und doch so nah war er, daß Jürgen Röber, der Wolfsburger Trainer, nach der 0:1-Niederlage nicht einmal mehr seinen Namen ertragen konnte. Ach, hören Sie mir mit dem auf, sagte er und machte eine abfällige Handbewegung. Immer wieder war Röber mit Effenbergs Zitaten konfrontiert worden. Röber habe nie mit ihm, sondern nur über ihn gesprochen, hatte Effenberg gewohnt vollmundig verlauten lassen, und das hätten nun alle davon: Es wird wieder ruhig in downtown Wolfsburg. Und: Jetzt weiß wenigstens jeder, wo Wolfsburg liegt und was Wolfsburg ist. Röber (Stefan redet dummes Zeug) war wütend: Das Gesicht gerötet, ruderte er in einer Gesprächsrunde wild mit den Armen. Ein weiteres Indiz dafür, daß der Emigrant mit angeblichem Fernziel Qatar sich wohl getäuscht hat. Es wird wohl nicht so schnell ruhig in Wolfsburg. Dafür sorgen schon noch andere, zum Beispiel sein einstiger Mentor, Manager Peter Pander: Das Spiel war schlecht. Ein Effenberg wie in der Hinrunde hätte uns heute helfen können. Ein wenig fiel er damit dem Trainer in den Rücken, der betonte, er benötige keinen abgehalfterten Regisseur (…) Wie eine friedliche Oase erscheint da Hansa Rostock. Offiziell nimmt keiner in der Klubführung Anstoß daran, daß sich Trainer Armin Veh immer mehr von den eigenen Ansprüchen entfernt. Attraktives Kurzpaßspiel mit jungen Kräften wollte er kredenzen, nun bot er abermals eine Elf auf, in der nur drei von elf Profis standen, die er selbst geholt hat – und die vornehmlich weite Bälle ins Sturmzentrum drosch.“

das Thema Effenberg

1860 München – Borussia Mönchengladbach 2:0

Große Erheiterung auf den Rängen

Elisabeth Schlammerl (FAZ 8.4.) war nicht gerade begeistert. „Manchmal sind es nicht die Tore, die von einem Fußballspiel in Erinnerung bleiben, sondern für den Ausgang eher unbedeutende Szenen. Die Bundesliga-Partie zwischen dem TSV München 1860 und Borussia Mönchengladbach am Sonntag abend gehörte jedenfalls zu denjenigen, die keinen bleibenden Eindruck hinterließen. Der Sieg der Löwen war zwar der erste Sieg unter dem neuen Trainer Falko Götz und der Treffer von Markus Schroth der erste der Münchner vor eigenem Publikum in diesem Jahr. Aber die Szene des Spiels war weder dieses Tor noch das zweite von Martin Max, sondern ein Solo der besonderen Art von Torben Hoffmann. Der Löwen-Verteidiger spielte auf der linken Seite gleich drei Gladbacher aus, stolperte dann aber unbedrängt kurz vor dem Strafraum über die eigenen Füße, was für große Erheiterung auf den Rängen sorgte. Vielleicht hat sich der Gladbacher Trainer Ewald Lienen auch daran erinnert, als er nach dem Spiel feststellte: Der Gegner hat wenigstens versucht, Fußball zu spielen. Im Gegensatz zu den Seinen, denn die waren allein aufs Verteidigen bedacht, riskierten in der ersten Hälfte wenig und in der zweiten nichts.“

Gladbach steuert in die Zweite Liga

Gerald Kleffmann (SZ 8.4.). „Und nun? Hat 1860 den Abstiegskampf abgehakt und träumt wieder vom internationalen Geschäft. Wegen zweier Tore in zehn Minuten, so schnell kann es gehen. Götz jedenfalls erinnert seine Profis daran: Ein Uefa-Cup-Platz sei noch möglich, und: „Auch über den UI-Cup kann es klappen.“ Der Ehrgeiz hat die Löwen wieder. Daran ist der Trainer nicht schuldlos. Sein Predigen von Kampf und Einsatz hat gegen Gladbach gewirkt. „Die haben wie Verrückte gekämpft“, wunderte sich sogar Wildmoser. Vor allem die älteren im Team, Max, 34, und Marco Kurz, 33, erhielten ein Sonderlob vom Trainer, und das war erstaunlich. Vor wenigen Tagen noch schien es zu einem Bruch zwischen Götz und den Arrivierten bei 1860 zu kommen, weil die sich von der Zukunftsplanung des Vereins ausgeschlossen fühlten. Jetzt erwähnte Götz auf einmal die „Leader- Qualitäten“ seiner älteren Profis. Und Max wiegelte ab: „Ich habe noch nie ein Problem mit einem Trainer gehabt.“ Vielleicht stimmt es ja, was seit seiner Zeit bei Hertha BSC Berlin über Götz gesagt wird: dass er Profis, auch ältere, motivieren kann. Max indes wird seine freundliche Aussage nicht viel helfen. Er muss 1860 trotzdem verlassen, Ende der Saison. Der Verein muss sparen, heißt es. Wer spekuliert, der ehemalige Gladbacher könnte zur Borussia zurückkehren, sei gewarnt. Max hat verraten, dass er nicht in die Zweite Liga wechsle. Genau dorthin steuert Gladbach.“

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Bemitleideter Bruder der Champions League

Der Uefa-Cup ist „sportlich wie wirtschaftlich der kleine, oft gar bemitleidete Bruder der Champions League“, vergleicht die NZZ die unterschiedlichen Bedeutungen der beiden europäischen Vereinswettbewerbe (mehr …)

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Augenthalers Verpflichtung war eine glückliche Wahl

Gerd Schneider (FAZ 26.5.) fasst Leverkusener Reaktionen zusammen. „Calmund und Augenthaler, das waren die beiden Hauptfiguren dieser atemlosen Inszenierung, die selbst einen hartgesottenen Profi wie Ulf Kirsten am Ende zu Tränen rührte. Durchatmen, Fehler aufarbeiten, alles kritisch hinterfragen, sagte Calmund über seine Aufgabe in den nächsten Wochen. Da kommt viel auf ihn zu. Nach den Verantwortlichen wird er freilich nicht lange suchen müssen. Er war es, der viel zu lange an Thomas Hörster festhielt und partout nicht wahrhaben wollte, daß Hörster der Anzug des Cheftrainers ein paar Nummern zu groß war. Immerhin kann man Calmund zugute halten, daß er gerade noch rechtzeitig die Kehrtwendung vollzog. Augenthalers Verpflichtung war eine glückliche Wahl. Erst mit ihm, dem wortkargen Niederbayern, kehrte Ruhe bei Bayer ein. Augenthaler legte dem freien Spiel der Leverkusener Kräfte taktische Fesseln an, er lehrte Sachlichkeit. Auch der Sieg in Nürnberg trug seine Handschrift. Mit bislang nicht gekannter Disziplin spielte Bayer seine Überlegenheit aus, die in dem Ergebnis nur unzureichend zum Ausdruck kam. Yildiray Bastürks Treffer blieb bis zum Schluß der einzige Ertrag aus einer Vielzahl von Torchancen. Der personell geschwächte Club hatte nicht das Format, den Zweiten der vergangenen drei Jahre ins Wanken zu bringen. Nur ein einziges Mal, bei einem Abseitstor von Cacau in der zweiten Hälfte, stockte den Leverkusenern der Atem. Immerhin widerlegten die Nürnberger mit ihrem hohen Einsatz den Verdacht, das Ergebnis könnte ein Werk von Manipulation sein.“

Keine Moral mehr, überall lauerten Betrüger und Schieber

Martin Hägele (NZZaS 25.5.) bestreitet Spekulationen um Nürnberger Freundschaftsdienste. „Die Not schien gross im Bundesligaland: Keine Moral mehr, überall lauerten Betrüger und Schieber. Weshalb Bild glaubte, gewissermassen im Namen des Volkes eine Fussballpolizei aufstellen zu müssen, welche am letzten Spieltag für Sauberkeit im Abstiegskampf der Bundesliga sorgen sollte. Zur „SOKO Bild“ gehörten sechs Kommissare: drei Reporter, ein Photograph, ein ehemaliger Schiedsrichter und das betagte Redaktions-Faktotum Max Merkel. Den hätte man nun wirklich nicht aus seiner Altersruhe aufschrecken müssen, um offiziell zu bestätigen, dass in der Partie zwischen dem 1.FC Nürnberg und Bayer Leverkusen alles ordnungsgemäss zugegangen ist. Bastürk gelang dort der entscheidende Treffer, der den Champions-League-Finalisten des letzten Jahres mitsamt dem schwergewichtigen Manager Calmund und einem verdammt teuren Ensemble von Nationalspielern aus aller Herren Ländern in der Bundesliga hält. Der Verdacht, der Weltkonzern mit den grossen Beziehungen könne auch das Resultat eines Fussballspiels manipulieren, wurde ausgerechnet von jener Mannschaft zerstreut, die diese Theorie zuvor in die Welt gesetzt hatte. Die Professionals von Arminia Bielefeld unterlagen nämlich vor eigenem Publikum Hannover 96 ebenfalls 0:1. Und wer selbst nichts zu seiner Rettung beisteuert, kann schlecht andere verantwortlich machen, wenn er in die Zweite Liga absteigt.“

Andreas Burkert (SZ 26.5.) beleuchtet Leverkusener Perspektiven. “Bereits am Sonntag haben sie mit den Aufräumarbeiten begonnen, Calmund und Klaus Augenthaler, der neue Mann auf der Trainerbank. So einer hat ihnen vielleicht gefehlt, die klare Linie und die Ruhe des Niederbayern verhalfen zu sechs Punkten. Seine Rückkehr zum Club, der ihn vor vier Wochen entlassen hatte, verlief so unspektakulär wie das Duell mit der Mannschaft, die er drei Jahre betreut hatte. Das Publikum begrüßte ihn eher wohlwollend und sparte sich Pfiffe fürs die eigenen Versager. Das Absteigerteam engagierte sich, wie das eben möglich ist für eine Mannschaft, die mit dem neuen Coach Wolfgang Wolf aus vier Partien nicht viel erreichte: null Punkte. „Sie können halt nicht mehr“, stichelte der rotgesichtige Präsident ein letztes Mal in der ersten Liga, „ich bedauere unseren Trainer, dass er diesen Haufen übernommen hat.“ Augenthaler genoss still lächelnd seinen Aufstieg binnen zwölf Tagen vom machtlosen Trainer zum Erlöser eines maladen Topklubs. Das Happy End ausgerechnet im Frankenstadion bezeichnete er „als schizophren“. Dann fuhr er für eine Nacht heim nach München, „heute Abend trinke ich ein schönes Mineralwasser“. Reiner Calmund indes genehmigte sich ein Pils, zwischendurch telefonierte er mit Rudi Völler („ja, danke, Rudi“), mit Karl-Heinz Rummenigge („danke Kalle, da freu’ ich mich“) und Uli Hoeneß („ja, danke, dann geh’n wir ’ne schöne Weißwurst essen“). Reden tat ihm gut, wie immer, aber noch so eine Saison wird er wohl nicht überleben, alle wissen das. Dann lieber ein Unterhaching II, sagte Calmund fast sehnsüchtig: „Wenn wir fünfmal Zweiter werden könnten, unterschreib’ ich das mit meinem Blut, mach’ einen Überschlag und spring’ aus dem Fenster.“ Bitte nicht.”

Die Haare kleben über den Ohren an der Kopfhaut fest

Ingo Durstewitz (FR 26.5.) beschreibt anschaulich den Macher von Bayer. “Kurz nach fünf lässt der Dämon vom Fleischberg ab. Zuvor hat er noch einmal gewütet, hat ihn bei fast 30 Grad übel zugerichtet, den Calli. Die Haare kleben über den Ohren an der Kopfhaut fest, die käsige Stirn ist schweißnass, auf der Glatze leuchten hektische rote Flecken, die Augen sind rot geädert. Reiner Calmund hält ein zerknäultes Tempo in der linken Hand, presst es vor den Mund, ein Hustenanfall schüttelt ihn. Er dreht sich um, winkt den Beinharten zu, die seinen Namen skandieren, er lächelt gequält. Ich bin überglücklich, japst der Manager von Bayer Leverkusen. Überglücklich? Überglücklich sieht anders aus. Eine Stunde später bricht Calmunds Stimme, Tränen schießen in die Augen. Nicht vor Glück, vor Rührung. Er erzählt von seinen Freunden, die ihn angerufen haben, Berti Vogts aus Schottland, Rudi Völler; Michael Ballack hat eine SMS geschickt, und jetzt, 18.10 Uhr am Samstag, bekommt Calmund das Handy gereicht von einem verdienten Bayer-Mitarbeiter; die Bayern sind dran, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß gratulieren. Danke, Kalle, säuselt Calmund ins Handy, ja, ich bin erleichtert, dann der fliegende Wechsel am anderen Ende: Uli, mein Jung‘, ja, wunderbar, danke. Ich komm‘ vorbei bei euch, am Mittwoch oder Donnerstag, vielleicht können wir ’ne Weißwurst essen. Calmund wankt, die Augen flackern: Uli, jetzt können mich alle am Arsch lecken. Der Kohler und der Auge machen das jetzt. Mich können se alle mal.“

Reiner Calmund im FAZ-Interview. „Das ist nicht mehr zu toppen. Der Fußball hat mir schon gar keinen Spaß mehr gemacht. Ich war eine Leiche und atme jetzt mal durch. Ich habe in den letzten vier Jahren auch mit meiner Gesundheit für all die Aufregungen, Stichwort Unterhaching, Daum, Vogts, dreimal Zweiter, Abstiegskampf, gezahlt. Diese Saison hat mir in aller Brutalität gezeigt, daß man sich für Erfolge aus der Vorsaison absolut gar nichts kaufen kann. Wenn man dazu noch Fehler macht, und ich schließe uns alle ein, kann man jederzeit in größte Gefahr kommen.“

Yildiray Bastürk. „„Dieses Tor war für mich sehr wichtig, da man mir nachsagt hat, ich wollte, dass die Mannschaft absteigt, um ablösefrei zu wechseln. Dabei hänge ich an diesem Verein.““

Der leichenblasse Ritter des Humors der Wiesdorfer Rheinkadetten

Szenen nach dem Schlusspfiff von Tobias Schächter (taz 26.5.). „Der leichenblasse Ritter des Humors der Wiesdorfer Rheinkadetten machte sich auf den Weg, 30, 40 Fotografen und Kameramänner vor sich hertreibend. Rainer Calmund – du bist der beste Mann, schallte es aus dem Fanblock des Werksklubs. Sie wollten ihn sehen, den Calli, jetzt, wo alles vorbei war und sie doch noch den Verbleib in Liga eins feiern durften. Aber Calmund, von Grippe und Abstiegsangst gebeutelt, schaffte es nicht an den Zaun. Er kam einfach nicht an dieser Mauer aus gierig knipsenden Menschen vorbei. Calli blieb stehen. Die Leverkusener Fans pfiffen. Dann brannten dem Nürnberger Ordnungsdienst die Sicherungen durch: Fäuste flogen, Kameras klatschten auf den Boden. Das Chaos kehrte plötzlich zurück. Die Szene steht wie ein Sinnbild für diese Saison von Bayer Leverkusen, in der dem Champions-League-Finalisten des Vorjahres so ziemlich alles misslang. Jetzt lief sogar das Jubeln über den Klassenerhalt nicht unfallfrei ab. Immerhin: Sie haben 1:0 gewonnen in Nürnberg. Durch ein Tor von Bastürk. Es war ein grausames Gerumpel. Beide Mannschaften spielten so, wie ihr Tabellenplatz es vermuten ließ. Wofür Geschäftsführer Calmund Riesenverständnis aufbrachte: Als wir 1996 gegen Kaiserslautern so ein Endspiel hatten, da schlotterten selbst einem Rudi Völler die Knie.“

siehe auch: zur Lage der Liga

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Angesichts der „rasanten Talfahrt“ des europäischen Fußballfinanzmarkts

Angesichts der „rasanten Talfahrt“ des europäischen Fußballfinanzmarkts meint Philipp Selldorf (SZ 15.7.). „Was Hollywood uns vorenthält, das enthüllt im Fußball der Alltag gnadenlos. Erst zwei Wochen sind vergangen, seitdem Guus Hiddink in Seoul den „Orden des tapferen Tigers“ erhalten und Rudi Völler die Huldigungen seiner Landsleute empfangen hat. Tage wie mit Rosen umkränzt, aber jetzt scheint es, als wären sie in einem anderen Leben, vielleicht niemals geschehen. Nun ist alles wie vorher – nur viel schlimmer, denn im Erwachen wird die Wirklichkeit erdrückend.“

Den schleppenden „Sommerschlussverkauf“ auf dem europäischen Transfermarkt beschreibt Michael Ashelm (FAZ 16.7.). „In weniger als vier Wochen rollt der Ball wieder in der deutschen Bundesliga, doch ausgiebige Vorfreude will nach der hervorragenden Eigenwerbung in Fernost bei der Branche nicht aufkommen. Das schwerfällige Wechselspiel ist nichts anderes als das unverkennbare Zeichen dafür, dass die Finanzströme immer spärlicher fließen (…) Die Marktgesetze erfordern die ersten Anpassungserscheinungen. Daraus eine grundsätzliche Mentalitätsveränderung bei den Beteiligten abzuleiten wäre verfrüht: Der griechische Uefa-Pokal-Teilnehmer Paok Saloniki hat sich auf Kosten anderer Vereine so hoch verschuldet, dass er derzeit keine Transfergebühren begleichen kann und will. Bis sich das neue Prinzip des Fußballs – weniger ist mehr – durchgesetzt hat, sind wohl noch einige schmerzhafte Erfahrungen notwendig.“

Michael Ashelm (FAS 14.7.) an anderer Stelle. „Die große Sparwelle im Fußball zeigt in diesen Wochen viele Ausprägungen, spürbar wird sie in erster Linie für den Vertragsspieler aus dem zweiten oder dritten Glied, aber auch für einige der Stars. Der Abschwung, dessen Gründe wohl mehr im schlechten Wirtschaften der Vereine als in der Kirch-Krise zu suchen sind, hatte sich immer wieder angedeutet, für viele kam er trotzdem überraschend. Weniger Geld heißt weniger für alle in der langen Verwertungskette bis hin zu den Profis.“

Dirk Schümer (FAZ 16.7.) analysiert die Signalwirkung des freiwilligen Gehaltsverzichts von Profis der Serie A. „Dass nun drei der bestbezahlten Spieler, Ronaldo, Vieri und Recoba von Inter Mailand – sie kassieren zusammen vierzig Millionen Euro –, tatsächlich auf ungenannte Teilbezüge verzichten wollten, gaben sie über ihre Berater in altvertrauter Unverschämtheit als eine „Geste des Herzens“ aus. In Wahrheit, da andere Starspieler bereits Abstriche von zwanzig bis fünfzig Prozent machen mussten, handelt es sich um eine Geste der Brieftasche (…) Doch scheinen viele der jungen Multimillionäre immer noch in der rosafarbenen Welt der Sorglosigkeit und der kitschigen Sprüche zu leben, in der sie von Medien, Beratern und Klubs wie seltene Zootiere gehätschelt wurden.“

Zum selben Thema meint Philipp Selldorf (SZ 13./14.7.). „Uli Hoeneß, der in all den Jahren wie Moses vor dem Volke Israel zur Vernunft mahnte, als Italiener, Spanier, Engländer dem Transfermarkt neue, irrwitzige Grenzen steckten, darf sich bestätigt fühlen. Lustigerweise sind es besonders die Bayern, die beim Kauf von Deisler, Ballack und Zé Roberto das Geschäft mit frischem Geld beleben.“

Zur Reduzierung der Champions League meint Reinhard Sogl (FR 12.7.). „Nun ist es aber keineswegs so, als wolle die Uefa mit der Reduzierung der Champions League von 17 auf 13 Spieltage allein ihrem Produkt Europameisterschaft zu einer Qualitätssteigerung verhelfen. Das ist allenfalls ein hoffentlich positiver Nebeneffekt des Gesundschrumpfens. Es ging beim Votum für die Reduzierung vor allem um den finanziellen Aspekt, der die Klubs mindestens so stark interessiert wie die Sorge um die Gesundheit der Angestellten. Schließlich haben sich auch und gerade Spiele in der selten attraktiven Zwischenrunde häufig genug als Zuschussgeschäfte erwiesen, weil die Zuschauer ausblieben und die Quoten für die Fernsehübertragungen in den Keller gingen.“

Thomas Klemm (FAS 14.7.) zum selben Thema. „Doch geht die Uefa mit ihrer Entscheidung auf Konfrontationskurs zu den Vereinen, die im Februar den derzeitigen Modus mehrheitlich für gut befunden haben. Die „G 14“, der Zusammenschluss europäischer Spitzenklubs, hat prompt gegen die „Kehrtwende“ gewettert. In Zeiten wirtschaftlicher Not mögen sie sich nicht ums große Ganze kümmern, sondern sehen ihre Eigeninteressen gefährdet. Gerade Klubs aus Italien, Spanien oder Portugal, die jahrelang über ihre Verhältnisse lebten und jetzt im Eilverfahren das Krisenmanagement erlernen, würde der Verlust von Planungssicherheit, von Einnahmen aus zwei Heimspielen sowie voraussichtlich geringeren Fernsehgeldern ins Mark treffen. Selbst eine Verringerung der Spielerkader könnte die Finanzlücke schwerlich ausgleichen.“

Den Lizenzstreit kommentiert Wolfgang Hettfleisch (FR 16.7.). „Mehr und mehr drängt die Frage, wie die DFL ihren Spielbetrieb noch gebacken kriegen will, wenn die Rechtshändel fortdauern, alles andere in den Hintergrund. Die Hachinger, die so handeln, wie es wohl jeder an ihrer Stelle täte, setzen auf den Faktor Zeit. Solange die Angelegenheit gerichtlich nicht ausgestanden ist, gehören sie der zweithöchsten Spielklasse an. Und schon bald wird die DFL nicht mehr sagen können: Husch, husch in die Regionalliga.“

Norbert Seitz (Das Parlament 8./15.7.) resümiert die politische Wirkung der Fußball-WM in Asien. „Der Fußball hat sich mittlerweile zu einem globalen Machtfaktor entwickelt. Seine Popularität kann sich durchaus mit der von Weltreligionen messen. Von einer anachronistischen Gattung namens „Fußball-Länderspiel“ kann keine Rede sein, auch wenn dieses zwar spannende, aber spielerisch doch sehr dürftige Turnier in Korea und Japan die qualitativen Unterschiede zwischen Länderfußball und gehobenem Vereinsfußball deutlicher denn je offenbarte. Doch trotz fehlender Spitzenklasse blieb eine ungebrochene Identifikation mit Länderteams festzustellen. Noch immer tragen deren Siege zum nationalen Prestige bei, werden Niederlagen je nach politischer oder ökonomischer Situation als tragisch, schmachvoll oder sogar als Katastrophe empfunden (…) Neben eher verhaltenen Instrumentalisierungsversuchen wurde in Deutschland während der WM mit Blick auf die Bundestagswahl reichlich von den Fußballerfolgen symbolischen Gebrauch gemacht. Als das prächtig aufgelegte deutsche Team im ersten WM-Spiel einen 8:0-Kantersieg hinlegte, war vielen SPD-Delegierten die Freude auf dem Berliner Wahleröffnungsparteitag sichtlich anzumerken, Manche schienen das Schützenfest von Sapporo als Steilvorlage für die Kanzlerpartei zu werten.“

Über das Engagement Terry Venables bei Leeds United schreibt Raphael Honigstein (SZ 15.7.). „In der Tat dürfte es für den zuletzt im oberen Mittelfeld gestrandeten Traditionsklub unter Venables wieder aufwärts gehen. Der Mann mit dem Faible für den offenen Hemdkragen gilt seit der Euro 1996, als er die englische Mannschaft im eigenen Land mit taktisch ausgereiftem Angriffsfußball bis ins Halbfinale führte, unbestritten als Koryphäe seiner Zunft (…) Der im Londoner Eastend geborene Mann gilt in England als der Cockney Geezer schlechthin; der Prototyp eines unheimlich charmanten Londoner Schlitzohres, das es mit Regeln und Gesetzen nicht so genau nimmt, aber seine Freunde nie im Stich lassen würde. Venables vermag ähnlich wie Rudi Völler, Missstimmigkeiten kumpelhaft wegzuzwinkern und kleinere Probleme mit einer sanften Umarmung in reinem Wohlgefallen aufzulösen.“

Zur Gründung der Antidoping-Agentur Nada schreibt Thomas Kistner (SZ 16.7.). „Die Nada gibt es, weil Doping nicht als Einzelphänomen, sondern als Systemzwang erkannt wird. Systemzwänge aber sind nicht von innen zu lösen; schon gar nicht, wenn sie von gewaltigen Wirtschaftsinteressen geschürt werden. Es wird also, wenn schon der mächtigste Partner im Geschäftsfeld Leistungssport wegfällt (und als erfolgssüchtiger Sponsor eher den wettbewerbsverzerrenden Faktoren zuzuordnen ist), ein Antidoping-Gesetz weiter erforderlich sein.“

Gewinnspiel für Experten

Ballschrank

Champions League

„die Bayern besitzen keine große Mannschaft mehr“ (FAZ); Madrid gegen München: „Schein-Riesen gegen Schein-Kämpfer“ (FAZ); „die Bayern spielen auf der großen Bühne keine Hauptrolle mehr, bewahren aber Haltung“ (FR) – viel Kritik an Michael Ballack – „Frankreich läuft Deutschland den Rang ab“ (NZZ) u.v.m.

Klaus Hoeltzenbein (SZ 12.3.) sorgt sich um Deutschlands Fußball: „Jetzt wäre es eigentlich dringend geboten, die Künste einer PR-Agentur in Anspruch zu nehmen. Teil eins des Auftrags: Zimmern Sie aus folgenden Fakten eine Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs. a) Sat 1 mit Rekordquote bei Bayern-Real, im Schnitt 12,87 Millionen Zuschauer. b) Deutschland ist – mancher mag es verdrängt haben – noch immer Zweiter der letzten WM. c) Die Bundesliga versucht, in neuen, schönen Stadien eigene Zuschauerrekorde zu brechen. d) Triumph der Jugend: Ein 19-Jähriger (Bastian Schweinsteiger) trotzt dem Lampenfieber und zeigt den Bayern in Madrid, was Sturm und Drang bedeuten. Teil zwei des Auftrags an die PR-Verpackungskünstler: Rücken Sie obige Tatsachen so in den Vordergrund, dass die folgenden überdeckt und hoffentlich vergessen werden. a) Internationale Bühne ohne deutsche Darsteller: die Champions League spielt fernab der Bundesliga weiter, im Uefa-Pokal sind Bremen, Schalke, Dortmund, Hamburg, Kaiserslautern, Wolfsburg und Berlin schon seit der Runde der letzten 32 nicht mehr dabei. b) Von 1958 bis 2002 stand stets mindestens ein deutscher Klub im Viertelfinale eines Europacups, nun zum zweiten Mal hintereinander keiner. c) Ein Ballack ist halt kein Zidane. d) Ein Kahn ist am Ball fehlbar, so wie e) Wildmosers in der Buchführung. Und dann sagt f) die personifizierte Lichtgestalt, dass es Zeit sei für die Notbeleuchtung: ¸Langsam gehen die Lichter aus, schwant Franz Beckenbauer. Der Ärmste hat 2006 eine WM zu verantworten, und Tag für Tag verliert er gute Argumente.“

Der FC Bayern fühlt sich nicht mehr auf Augenhöhe mit Real Madrid

Michael Horeni (FAZ 12.3.) fügt hinzu: “Madrid feierte wenige Stunden vor den Anschlägen im Estadio Bernabéu seine Fußball-Helden, die das Viertelfinale erreicht hatten gegen eine deutsche Mannschaft, die in Madrid als Angstgegner, als bestia negra gilt. Das sind Worte und Begriffe aus der Sprache des Sports, der damit seine eigene Welt aus Gut und Böse konstruiert, bis dieses Vokabular wie nun in Madrid mit der blutigen Wirklichkeit zusammentrifft und in sich zusammenfällt. An einem solch grauenvollen Tag haben Worte eine andere, nicht beabsichtigte Wirkung. Angstgegner gibt es dann nicht mehr auf dem Fußballplatz und auch keine Helden, keinen Untergang und keine Trauer. Nach dem Ausscheiden des FC Bayern München in Madrid ist der deutsche Fußball nicht mehr in den Europapokal-Wettbewerben vertreten. Von 1958 bis 2002 war immer mindestens ein deutscher Klub dabei, wenn es zu den Viertelfinals kam. Nun ist schon das zweite Jahr nacheinander kein Bundesligaverein mehr am Ball, wenn die acht Besten in der Champions League und im UEFA-Cup um die Titel spielen. Das ist kein Zufall mehr in einer Spielklasse, die guten Fußball kaum mehr zu bieten versteht und sich gegen Kritik wider besseres Wissen als resistent erweist. (…) Die Bayern besitzen keine große Mannschaft mehr. In dieser Saison haben sie ihr Publikum nur beim Heimspiel gegen Real überzeugt. In Madrid versäumten sie es gegen eine Mannschaft, die viel schwächer als ihr Weltruf war, ihre erstklassige Chance zu nutzen. Nach dem gescheiterten Versuch war jedoch von Aufbruchstimmung nichts zu spüren. Der erste Fußballklub des Landes gab sich kleinmütig. Der FC Bayern fühlt sich offensichtlich nicht mehr auf Augenhöhe mit Real Madrid. Er schaut auf zur Konkurrenz. Eine Perspektive, an die sich der deutsche Fußball zu gewöhnen scheint.“

Geknorz

Felix Reidhaar (NZZ 12.3.) sieht Frankreich Deutschland überholen: „„Wir können rundum zufrieden sein“, schrieb Gerhard Mayer-Vorfelder zum letzten Jahreswechsel. Der Präsident des DFBs bilanzierte im offiziellen Verbandsorgan die Saison mit dem Weltmeistertitel der deutschen Frauen und Teilerfolgen von Nachwuchsauswahlen und nannte 2003 „ein wirklich gutes Jahr“, abgerundet noch durch die EM-Qualifikation 2004. Das tatsächliche Geknorz des Nationalteams bis zu diesem Ziel wurde in seinem Editorial ebenso geflissentlich ausgeblendet wie der – europäisch gesehen – an den Rand gedrängte Klubfussball. (…) Die Bundesliga-Elite setzt weiterhin auf mehr vermeintlich denn wirklich verstärkende Ausländer und vernachlässigt die kontinuierliche Integration eigener Landsleute. Wirft man einen Blick auf den FC Bayern, der sich gegen das Starensemble der Gegenwart durchaus achtbar hielt, so findet man unter 14 eingesetzten Profis in Madrid gerade 3 mit deutschem Pass. In der „Königsklasse“, dem Mass aller Dinge, steht hingegen nur mehr ein einziger aus dem grössten, einst für Ia-Qualität des Fussballs bekannten Land des Kontinents: Jens Lehmann, zweiter deutscher Nationalkeeper, heute zwischen den Pfosten der französisch inspirierten „Gunners“ von Arsenal London. Die Franzosen geben heute den Kurs vor – nicht nur den Deutschen. Ihre in regionale Formationszentren ausgelagerte Ausbildungsarbeit gilt als exemplarisch. Wozu sie führt, lässt sich seit Ende der neunziger Jahren gleich an mehreren Fronten ablesen: an nationalen Jugend- und Erstauswahlen (Welt- und Europameister 1998 und 2000) und an Klubteams (Lyon und Monaco unter den letzten acht der Meisterliga), die die „Emigration“ führender Spieler in andere europäische Ligen offenbar spielend mit Eigengewächs und Fremden kompensieren. Aber auch die Champions-League-Viertelfinalisten aus der Premier League wollen französischen Einfluss nicht missen. Arsenal geht mit sieben Franzosen im Kader und einigen Ambitionen in den Finish dieses Wettbewerbs, Chelsea mit deren vier. Die kosmopolitische Durchmischung mit starken Elementen à la française macht dort den (spielerischen) Reiz aus. Das kann man von arrivierten Bundesligaklubs derzeit nicht unbedingt behaupten.“

Welch ein Irrtum, welch ein Realitätsverlust

Helmut Schümann (Tsp 12.3.) kritisiert Michael Ballack und die Bayern: „Die Nacht singt ihre Lieder? Manche davon mögen von Enttäuschung erzählen und das Schicksal beklagen, aber wo war in der Nacht von Madrid der Platz für Enttäuschung, wo der Grund? Die Lieder der Nacht von Madrid waren zornig und eins, zum Beispiel, heißt „Die Ballade vom Ballack“. Sie handelt von Lorbeer, vielleicht verfrühtem Lorbeer, und von Hoffnungen, vielleicht falschen Hoffnungen. Und den Refrain grölten ein paar Fans in die Katakomben des Estadio Santiago Bernabeu, als just dieser Michael Ballack, Mittelfeldstar des FC Bayern München, nach bisheriger Ansicht mancher Experten auch Weltstar, der fast einzige Weltstar des deutschen Fußballs sogar, als also Michael Ballack sichtlich gut gelaunt und sichtlich gut onduliert die Kabine verließ: „Ballack, du Flasche!“ Ballack lächelte dazu, gab der versammelten Presse ein paar dünne Statements zur Lage der Nation („Wir können stolz sein, wir haben uns teuer verkauft“) und zur eigenen dazu. Befragt, wie er denn die eigene Leistung beurteile, befand der Star, dass er nicht der Mann sei, die eigene Leistung zu beurteilen, „das mache ich nie“ – und dann lächelte er wieder, was möglicherweise charmant erscheinen sollte, aber nur arrogant wirkte. Stolz auf ein 0:1 bei Real Madrid? Teuer verkauft gegen eine Mannschaft, die wegen Verletzung auf Ronaldo hatte verzichten müssen, wegen Sperre auf Roberto Carlos und die des Könnens ihrer weiteren Stars nicht bedurfte? David Beckham, der Brite, konnte und brauchte nicht zu zeigen, warum er allerorten Hysterie entfacht, sondern rieb sich auf im defensiven Mittelfeld, Luis Figo, der Portugiese, brauchte und konnte nicht mehr zeigen, dass er mal Weltstar war, und Zinedine Zidane, der Franzose und für manche der weltbeste Fußballer aller Zeiten, wurde fast zugedeckt vom wackeren Bayern Demichelis, demonstrierte aber, dass der Rest vom Fast immer noch zur Augenweide reicht und erst recht für diesen FC Bayern München. Teuer verkauft? Bei welchem Spiel war Ballack? Dann, nach seinen Statements, trat Ballack ab, schritt hinaus aus den Katakomben, hinüber zum Mannschaftsbus, der ihn zum Buffet bringen sollte. Wie der Herr so’s Gescherr. Oder umgekehrt. Michael Ballack hatte schlecht gespielt, sehr schlecht, aber war er allein schuld, dass der FC Bayern München so furchtbar klaglos ausschied im Achtelfinale der Champions League? Wahrlich nicht. Man konnte am den Eindruck haben, dass den Münchnern nahezu in Gänze ein guter Auftritt im Hinspiel und ein Sieg in der Bundesliga gegen desolate Leverkusener gereicht hatte, um sich in aller Selbstherrlichkeit mal wieder in der Spitzenklasse des Weltfußballs zu wähnen. Welch ein Irrtum, welch ein Realitätsverlust.“

Ralf Itzel (FR 12.3.) vergleicht Bastian Schweinsteiger mit Ballack: „Einer, der im zarten Alter von 19 Jahren vor 80 000 feindlichen Spaniern im Estadio Santiago Bernabeu gegen Real Madrid so auftritt, der ist zu Hohem berufen. Und ganz abgesehen davon, dass man in der von Attentaten erschütterten spanischen Hauptstadt weit mehr hätte verlieren können als ein Fußballspiel, ist das vielleicht das Positivste, was die Bayern von der Reise mit nach Hause bringen: Die Erkenntnis, einen Anführer für die Zukunft entdeckt zu haben, einen Mittelfeldspieler, der die Elf auch in schwierigen Momenten wird lenken können. So einer für die Gegenwart fehlt ihnen leider. Michael Ballack fiel einmal mehr durch. Im Vergleich zu Schweinsteiger wirkte der Nationalspieler geradezu depressiv. Beckenbauer merkte süffisant an: Er hat mitgespielt. Angesprochen auf Ballacks Leistung, hielt sich Ottmar Hitzfeld bedeckt: Er wolle keine Einzelkritik üben, sagte er. Der Trainer war eine Viertelstunde nach Schlusspfiff in den Saal für die Pressekonferenz gekommen, um festzustellen, dass dort gerade Kollege Queiroz von Real Madrid Fragen beantwortete. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, wartete Hitzfeld geduldig am Rande des Podests auf seinen Einsatz. Auch das ein Bild mit Symbolwert: Die Bayern spielen auf der großen Bühne keine Hauptrolle mehr, bewahren dabei aber Haltung.“

Jan Christian Müller, der kurzhaarige Fußball-Chronist, (FR 12.3.) kritisiert Kahn und Ballack: “Die neben Dietmar Hamann und Jens Lehmann einzigen deutschen Fußball-Profis mit internationaler Reputation, die einzigen überdies, die als werbe-tauglich über die Grenzen der Republik hinaus gelten, entscheidend zum Ausscheiden beigetragen: Kahn, der unnahbare Blonde, weil er im Hinspiel einen Kullerball unter dem Körper durchrollen ließ, Ballack, der dunkelgelockte Beau, weil er sich im Rückspiel nur unzureichend von der Kreidelinie des Mittelkreises abhob. Beide werden sicher nicht begeistert über derartige öffentliche Urteile sein, doch es gehört zu ihrem Job, Kritik – auch unsensiblere, verletzendere Kritik als an weniger begabten Mitspielern – ertragen zu müssen. Beide sind während der WM 2002 mit Lob überschüttet worden und haben nichts dagegen gehabt. Man konnte annehmen, dass Kahn (nach seinen famosen Leistungen im Champions-League-Finale 2001 im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia) und Ballack (nach einer grandiosen Champions-League-Saison mit Bayer Leverkusen und dem unglücklich verlorenen Finale 2002 gegen Real Madrid) es auf Sicht mit den Besten ihrer Zunft aufnehmen können. Diesen Beweis sind sie in den vergangenen Wochen schuldig geblieben: Die Bayern, Kahn und Ballack haben ihre Zielvorgabe nicht erreicht.“

of: Weiß die FR nicht, wie sie ihre Zeitung voll kriegen soll? „Kahn, der unnahbare Blonde, Ballack, der dunkelgelockte Beau“ !?! Solch überflüssige Information nennt man wohl „an den Haaren herbeigezogen“.

Selbstgefälligkeit

Andreas Lesch (BLZ 12.3.) wirft ein: „Was ist schief gelaufen beim FC Bayern in den vergangenen drei Jahren? Warum ist der Verein (Selbsteinschätzung: Forever number one) abgekommen von dem Pfad, den er doch deutlich vorgezeichnet sah? Zwei Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge könnten Klärung bringen, erstens: Letztes Jahr sind wir durch den Hinterausgang geschlichen. Jetzt können wir mit erhobenem Kopf durch das Hauptportal gehen. Zweitens: Es gibt keinen Grund für eine Grundsatzdebatte über das Niveau des deutschen Fußballs. Muss man sich Sorgen machen? Hat der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern AG ein Wahrnehmungsproblem? Die Selbstgefälligkeit der Münchner Unternehmensführung fällt auf in diesen Tagen. Auch im Rennen um die Meisterschaft versuchen Rummenigge und Manager Uli Hoeneß seit Wochen erfolglos, ihren FC Bayern auf Platz eins zu reden. Es ist bezeichnend, dass Franz Beckenbauer, im Hauptberuf Plappermaul, die Fehlleistungen der Mannschaft noch am treffendsten beschrieb: Im gemächlichen Dauerlauf sei ein Team wie Real nun einmal nicht zu beeindrucken. Wenn aber die anderen Bosse alles schön reden, wenn sie schon blutleere Auftritte zufrieden stimmen, darf nicht verwundern, wie die Mannschaft sich verkauft: Sie hört die Signale von denen da oben. Doch die Münchner sollten sich nicht zu sehr grämen. Eigentlich ist alles bestens gelaufen: Alle deutschen Mannschaften sind ausgeschieden – wer hat wieder am längsten durchgehalten? Keine Frage: der FC Bayern, die ewige Nummer eins.“

Claudio Klages (NZZ 12.3.) befasst sich mit der Zukunft Bayern Münchens: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu Sorgen. Und Spott wird im eigenen Land in diesen Tagen auch der FC Ruhmreich wieder ernten, weil zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke klafft. Die Bayern haben nach dem einigermassen geglückten Auftritt im Hinspiel eine – ihnen anscheinend angeborene – Arroganz versprüht, die nun nach dem Fall eben Schadenfreude provoziert. Obwohl das Ausscheiden gegen Real Madrid keineswegs blamabel und sogar absehbar war, haben die im Vorfeld geäusserten Kommentare der Bayern nun einen ganz anderen Klang: „Vor Real ist uns nicht bang, solange die Spanier immer nur Stars für die Offensive verpflichten.“ Zuletzt hatten die Münchner eben auch für die Vorwärtsbewegung (Makaay) einige Millionen lockergemacht, die belächelte madrilenische Defensive damit aber nicht bezwingen können. Wie Manchester United und Juventus Turin sind auch die Bayern nicht mehr in der Crème des Fussballs, bis gegen 30 Millionen Franken an Einnahmen werden heuer fehlen – auch für den reichsten Bundesligaklub nicht einfach nur eine Zugabe. Der deutsche Meister wie der gesamte Fussball des Landes sind offensichtlich in einer Schaffenskrise. Schon in den Gruppenspielen mit Ach und Krach eine Runde weiter, konnten die Bayern auch in den zwei Spitzentreffen gegen das keineswegs majestätische Real Madrid spielerische Defizite nicht vertuschen. Die porös gewordene Abwehr inklusive Torhüter Kahn erlaubte den Madrilenen zwei Gegentreffer, die vermeidbar waren, im konstruktiven Bereich ist das Rendement von Ballack nicht einmal eine schlechte Kopie von Zidane oder Beckham, Klar, dass sich die Diskussionen auch auf den Trainer ausrichten, zumal Hitzfeld offensichtlich intern nicht mehr unumstritten ist. Er selber verspürt aber weiterhin Lust, das Ensemble aufzurichten. Das Bestreben, eine Art Kopie Real Madrids zu werden, ist im direkten Vergleich gescheitert. Die „Süddeutsche“ hatte vor einigen Wochen vielleicht die richtigen Fragen bereit: „Funktioniert das Dreigestirn Hoeness, Rummenigge, Beckenbauer wirklich noch? Liegt die Perspektive nicht zu sehr auf Aktienrecht und Stadionbau und zu wenig auf Talentpflege und Spiel? Funktioniert das Sichtungssystem eines Vereins, der den Jugendtrend der Bundesliga ignoriert hat?““

Birgit Schönau (SZ 12.3.) sorgt sich um Juve: „Dass Fußball auch mit dem Kopf gespielt wird, behaupten immer nur die Verlierer. Diesmal war es Marcello Lippi, mit Juventus Turin Italiens erfolgreichster Vereinstrainer, Champions-League-Finalist der vergangenen Saison, jetzt im Achtelfinale an Deportivo La Coruna gescheitert. ¸¸Wir hatten ein psychologisches Problem, stellte anschließend ein sorgenzerfurchter Lippi fest – neben den Verletzungsausfällen natürlich (erst Trezeguet, nach sieben Minuten auch Del Piero). Das psychologische Problem der alten Dame Juve dauert seit den Elfmetern im Old-Trafford-Stadion zu Manchester, mit denen der italienische Rekordmeister im Mai von seinem Erzrivalen, dem AC Mailand, im Endspiel besiegt wurde. Davon haben sie sich nicht erholt. In der Liga hat die vormalige Eins-zu-Null-Mannschaft Juventus eine radikale Abkehr von ihrem bewährten calcio cinico vollzogen und bislang 25 Tore kassiert. Wobei der Juve eindeutig nicht nur Nerven fehlen, sondern eine Abwehr, die weiß, wohin der Ball läuft, und die Impulse ihres Mittelfeldterriers Edgar Davids. Der Holländer war in Ungnade gefallen und rackert jetzt erfolgreich für den FC Barcelona. Ohne ihn erlebt auch der Tscheche Pavel Nedved eine ausgesprochen blasse Saison. Lippi hatte seinerzeit geschworen, wenn er nicht die nächste Champions League gewinne, wolle er nur noch mit seinem Enkel Fußball spielen. Weil er dabei den Kopf ausschalten kann. Schon möglich, dass er es wahr macht, denn in Turin rufen sie schon nach dem galligen Gallier Didier Deschamps (jetzt AS Monaco) – einem Mann, der besser austeilen als einstecken kann, wie Lippi in einem famosen Schlagabtausch mit seinem ehemaligen Spieler am eigenen Leib feststellen musste. Ach, Gerüchte.“

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Jung-Star Kakà führt Milan zum Derby-Sieg – Niedergang Rivaldos

Kometenhafter Auftritt

Anschaulich beschreibt Peter Hartmann (NZZ 7.10.) das ersten große Spiel eines neuen Stars:Kakà führt Milan zum 3:1 im Mailänder Stadtderby gegen Inter: „Solche Sternstunden sind selten. Alle drei, fünf, zehn Jahre? Ein „coup de foudre“, unerwartet, unerklärlich. So wie damals, als Simi Ammann in Salt Lake City aus dem Himmel fiel. Ist Kakà der „weisse Pelé“? José Altafini, der brasilianische Goalgetter der sechziger Jahre, der ihn Milan empfohlen hat, vergleicht ihn eher mit Platini. Andere sehen in ihm den neuen Marco van Basten. „A star is born.“: ein schüchterner, 1,85 Meter hoch aufgeschossener, adrett frisierter junger Mann, der aussieht wie 17, in Anzug und mit Krawatte, hellhäutig, fast bleich, mit einer Harry-Potter-Brille, begleitet von seinem Vater, einem Ingenieur, ein Bursche ohne die stereotype Favela-Biografie, sondern aus mittelständischem Milieu, mit Matura-Abschluss (…) Kakà war der Matchwinner. Ein unbeschwerter Derby-Debütant zerriss das Patt des gegenseitigen Pressings, das die beiden Mannschaften, nur zu gut erinnerlich, in den Halbfinals der europäischen Königsliga vorexerziert hatten. Er durchkreuzte leichtfüssig die Taktizismen des Calcio, er entzog sich dem Obstruktionsprinzip der feindschaftlichen Dauerumarmung, der unerbittlichen Verzahnung der Mannschaften, der Doppel- und Dreifachabsicherung durch das vorauseilende Timing seiner Pässe. Die unsichtbaren Linien, die taktische Fouls auslösen, schien er zu ahnen wie ein Minenhund. Der Schnelldenker Kakà hatte den derzeit besten defensiven Mittelfeldspieler Italiens gegen sich, den robusten Cristiano Zanetti, und als ihn Zanetti doch von den Beinen holte, löste er das Verhängnis aus. Pirlo schoss den Freistoss aus 25 Metern gegen die Mauer, und Filippo Inzaghi, der kaltblütige Opportunist, der in der gegnerischen Mauer stand, versetzte dem Ball mit dem Kopf blitzschnell – ob Absicht oder nicht – noch einen unrettbaren Dreh. Kakà hat an der WM 2002 18 Minuten lang gegen Costa Rica gespielt. Der brasilianische Coach Solari hielt ihn noch für unfertig und bemängelte vor allem sein Kopfballspiel. In San Siro erzielte Kakà sein erstes Tor in der Serie A – mit dem Kopf, nachdem ihn die Milan-Kampfmaschine Gattuso mit einem virtuosen Dribbling freigespielt hatte. Das war der endgültige Dammbruch in diesem Derby (…) Mit Kakà als Passgeber, der das Spiel „vertikalisiert“, in die Tiefe anlegt, funktioniert auch der Zweimannsturm der beiden Solisten Inzaghi und Schewtschenko.Die grössten Schwierigkeiten mit Kakàs kometenhaftem Auftritt hatte Inter-Trainer Hector Cupér, der vom Mäzen und Präsidenten Massimo Moratti im dritten Arbeitsjahr eine letzte Gnadenfrist zugestanden erhielt, der Mannschaft endlich ein Konzept zu schneidern. Moratti erfüllte Cupér auch den Wunsch nach fähigen Aussenläufern. Inter spielte Arsenal in Highbury mit drei Gegenstosstoren aus. Die Champagnerkorken knallten. Doch im Derby tauschte der Coach schon nach 36 Minuten, als das Null-zu-null noch stand, van der Meyde gegen den Abwehrveteranen Helveg aus und nach 65 Minuten, gegen jede Logik, sogar seinen Lieblingsspieler Kily Gonzalez gegen Brechet – mit sechs Verteidigern rannte Inter einem Rückstand nach. „Pazza Inter“, das verrückte Inter, letztmals 1989 Meister: Die unersättliche Slot-Maschine, die das Vermögen der Erdölfamilie Moratti auffrisst, etwa 700 Millionen Franken in acht Jahren.“

Fahrig, unkoordiniert, zum Schluss in tiefer Depression

Birgit Schönau (SZ 7.10.) ergänzt: „Jedenfalls kann man Hector Cuper nicht nachsagen, dass er sich nicht treu bleibt. Ob er gewinnt oder verliert, das Gesicht des Fußballtrainers von Inter Mailand ist immer gleich undurchdringlich. Das Derby gegen den AC Mailand hat Cupers Team noch nie gewonnen, einmal sogar 0:6 verloren, und selbst danach sagte Cuper vor der Presse, er würde jetzt lieber an das nächste Spiel denken. So gesehen war es nach dem 1:3 vom Sonntag für ihn eine leichte Übung. Cuper sagte: „Wir haben auch nicht schlechter gespielt als Milan.“ Vielleicht ist das sein Überlebensrezept – selektive Wahrnehmung. Sich einfach auf zehn, 15 Minuten aus 90 konzentrieren, abspeichern und den Rest vergessen. Massimo Moratti, der Präsident, kann das noch nicht. Er verließ kommentarlos und Türen knallend die Katakomben von San Siro. Cuper angezählt, interpretierte die Presse, und Alberto Zaccheroni in Pole Position. Seit 1997 hat Inter keinen Sieg gegen den Lokalrivalen mehr eingefahren. Nie haben sie dabei so schlecht ausgesehen wie in der Ära Cuper. Fahrig, unkoordiniert, zum Schluss in tiefer Depression.“

Was Rivaldo noch kann, ist schwer zu beurteilen

Dirk Schümer (FAZ 6.10.) stellt den Niedergang Rivaldos fest: „Fünf Jahre sind keine lange Zeit, aber im Fußball können sie eine Ewigkeit bedeuten. Vor fünf Jahren war Rivaldo Star des FC Barcelona und Weltfußballer des Jahres. Mit 23 Toren schoß der schmale und wendige Angreifer seinen Klub zu Titelgewinn und Pokalsieg, hinzu kam dann 2002 der Weltmeistertitel in Fernost nach dem Endspiel gegen Deutschland. Aber das Blatt hat sich abrupt gewendet. Die glanzvolle Karriere des Spielers, der auch mit 31 Jahren glaubt, Weltklassefußball zu spielen, geht derzeit höchst glanzlos zu Ende. Nachdem Rivaldo seinen Wechsel vom Champions-League-Sieger AC Mailand, wo er seit 2002 ohne großen Erfolg spielt, angekündigt hatte, fand sich zunächst kein Abnehmer für den Weltstar, auch, weil die erste Wechselperiode des Fußballs Ende August abgelaufen war. Also blieb Rivaldo nolens volens in Mailand – als geduldeter Ergänzungsspieler (…) Der Niedergang Rivaldos deutete sich schon vor zwei Jahren an, als Barcelona ihn ablösefrei ziehen ließ. Nachdem er zuvor in mehr als jedem zweiten Spiel getroffen hatte, sank seine Quote im italienischen Defensivfußball bedenklich. In der vorigen Saison traf er fünfmal bei 22 Einsätzen, in der Champions League gar nur einmal. Für einen hochbezahlten Angreifer ist das viel zuwenig. Weil die kreative Spielweise der Brasilianer mit überraschenden Anspielen und Kurzpässen sich nicht mit der geradlinigen Kontertaktik all‘ italiana verträgt, ziehen die Spitzenklubs der Serie A im Sturm mittlerweile bullige Zyniker wie Christian Vieri oder opportunistische Schlitzohren wie Filippo Inzaghi den Künstlertypen vor. Meist reicht den Vereinen ein zentraler Torjäger, Flügelspiel mit Flanken kommt kaum vor. Auch Rivaldos sensibler Kollege Ronaldo hatte darum Italien freudig den Rücken gekehrt und war mit eingeschränkten Bezügen zum Offensivklub Real Madrid gegangen. Was Rivaldo wirklich noch kann, ist bei seinen Kurzeinsätzen schwer zu beurteilen. Aber für die Spitzenvereine Europas, die inzwischen allesamt von ihren Stürmern auch robuste Abwehrarbeit einfordern, könnte das zuwenig sein.“

NZZ: Premier-League-Klub zu verschenken

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Gewinnspiel für Experten

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Schalke 04 – Bayern München 2:0

Stuttgarts unproblematische Entwicklung begeistert – Bayern fürchten das Mittelmaß – nichts Neues in Berlin: Hertha verliert, Fans fordern Stevens’ Entlassung – Lauth jubelt wieder – D´Alessandro, kleiner Nachfolger Maradonas – Bremen spielt mit Frankfurt – Marcel Koller, der Neue in Köln u.v.m.

Schalke 04 – Bayern München 2:0

Welche Mittel hat Hitzfeld jetzt noch?

Jörg Hahn (FAZ 3.11.) kommentiert die Lage bei den Bayern: „Zu gut ist schlecht, nicht gut genug ist auch schlecht. Die Fußball-Bundesliga braucht keinen erdrückenden Branchenführer, aber einen FC Bayern, der seinem eigenen Anspruch gerecht wird. Zwischen den Polen einsame Spitze und beunruhigendes Mittelmaß muß es doch einen Platz geben für die Münchner. Auf der einen Seite dürfen die nationalen Konkurrenten ja nicht gleich jede Hoffnung verlieren; auf der anderen Seite sollte das Selbstwertgefühl der Bayern doch so groß bleiben, daß überdurchschnittliche Leistungen normal und herausragende Spiele möglich sind. Wie vor Jahresfrist ist der Klub in ein herbstliches Tief geraten. Damals zeichnete sich in der Champions League das frühe Scheitern ab, und in der Bundesliga zeigte der Trend trotz Tabellenführung vorübergehend nach unten. Ist diesmal alles gar nicht so schlimm? Weder auf europäischem noch auf heimischem Terrain ist schon irgend etwas endgültig verspielt. Doch die Indizien verstärken sich, daß sich die Bayern mit grundlegenden Schwierigkeiten und nicht bloß mit einer temporären Schwäche herumplagen. Welche Mittel hat Hitzfeld jetzt noch? Wenn er die bekannte Formel Nerven bewahren und Charakter zeigen bemüht, wirkt er damit – wie das ganze Team – ohne Esprit und Entschlossenheit. Das paßt zur Jahreszeit, aber nicht zu den Herausforderungen für seine Mannschaft. Wie kürzlich sein Dortmunder Kollege Sammer muß Hitzfeld fürchten, in der Liga den Anschluß zu verlieren. Aus gerade mal sechs Punkten Rückstand kann schon bis zum Advent eine höchst brenzlige Situation werden. Ein schlechter Zeitpunkt für eine Krise.“

Katrin Weber-Klüver (BLZ 3.11.) ergänzt: „Vielleicht fragen Sie sich, was aus dem Superklub geworden sein mag, der in der vergangenen Saison schon bald nach der Winterpause Meister wurde. Und dann entdecken Sie den FC Bayern München: Da ist er ja, und spielt hier und heute in der Bundesliga nur eine Nebenrolle. Nicht viel größer als die des Ortsnachbarn 1860, des Mittelmaßes schlechthin. Mit Stuttgart, Leverkusen und Bremen gibt es gleich drei Protagonisten in der Liga, die seit Wochen zuverlässig und jeder nach eigener Art weit besseren und erfolgreicheren Fußball bieten als der FC Bayern. Für diese Bayern müsste die Platzierung auf einem Uefa-Cup-Rang mit schon reichlich Abstand zur Tabellenspitze per se eine Krise darstellen. Und müsste daher auch einen Schmaus für Scharen schadenfroher Antibayern bedeuten. Nur: Wo es zum einen durch die Hildebrand, Kuranyi, Micoud, Ailton und Schneider unterhaltenderen Fußball gibt – und zum anderen in den tiefen Tiefen der Liga bewegendere Krisen um Trainer, Manager und Varianten befristeter Vereinbarungen, da können temporäre Augenprobleme eines Nationaltorhüters, Zickereien unter eifersüchtigen Stürmern und muskuläre Zwickereien hochtalentierter Mittelfeldspieler als thematische Highlights einfach nicht mithalten.“

Leicht und locker wird es bei den Bayern nie aussehen

Thomas Kilchenstein (FR 3.11.) vergleicht die Bayern mit der Konkurrenz: „Dass die glorreichen Bayern, mittlerweile die große Kleinigkeit von sechs Punkte in Rückstand auf Platz eins, in eine ihre üblichen saisonalen Krisen hineinzutaumeln scheinen, merkt man meistens daran, dass Oliver Kahn den Proleten in ihm freien Raum lässt: Seine verbalen Flachpässe (Wir brauchen Eier, wenn Sie verstehen, was ich meine) werden dann gerne von wohlmeinenden Journalisten als Ausbruch des Vulkans geadelt oder als die Meinung eines besessenen Fußballverrückten, der nie, nie, nie verlieren kann (…) Sicherlich haben die Bajuwaren, angesichts des frühen Aus in der Champions League im vergangenen Jahr, dieses Mal gesteigertes Augenmerk auf die Königsklasse gerichtet, doch bemerkenswert ist, dass sie die Doppelbelastung deutlich schlechter wegstecken als etwa der VfB Stuttgart. Den Schwaben scheint alles zuzufliegen, nichts sieht nach Mühsal oder gar Arbeit aus: Leicht und locker schweben sie von Sieg zu Sieg, bisweilen reichen ihnen schon 180 flotte Sekunden. Leicht und locker wird es bei den Bayern nie aussehen. Das ist nicht ihr Stil. Sie bevorzugen die Zweckmäßigkeit. Wenn sie so weitermachen, wird es dauern, ehe sie wieder da stehen, wo sie gemäß des großmäuligen O. Kahn hingehören: Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir nicht auf Platz eins stehen. Wir befürchten das Schlimmste.“

Nach gut einer halben Stunde gaben die Bayern sich geschlagen

Richard Leipold (Handelsblatt 3.11.) berichtet vom Spiel: “Die Abgebrühtheit, die sonst den FC Bayern auszeichnet, verkörperte in der Schalker Arena der niederländische Mittelfeldspieler Niels Oude Kamphuis, der die Fäden der Handlung auf der Rasenbühne jederzeit fest in Händen hielt: als Spielgestalter, Provokateur und Torschütze. Vor allem Thomas Linke, dem soliden Münchner Verteidiger, wurde die unheimliche Begegnung mit dem Schalker, der nach viermonatiger Verletzungspause ers t sein zweites Pflichtspiel bestritt, zum Verhängnis. Erst setzte Oude Kamphuis im Zweikampf mit Linke so geschickt zum Flug an, dass der zuständige Schiedsrichterassistent seinen Chef Edgar Steinborn mit einem spontanen Wink dazu aufforderte, Strafstoß zu pfeifen. Hajto vollendete vom Elfmeterpunkt, was der Schwalbenkönig so gerissen eingefädelt hatte. Der zweite Zusammenstoß mit Oude Kamphuis, diesmal im Schalker Strafraum, verlief für Linke noch dramatischer, folgenschwerer als der erste. Weil der lästige Widersacher ihn festhielt, verlor Linke die Nerven und streckte Oude Kamphuis mit dem Ellenbogen nieder. Dieser Treffer war so klar gesetzt, dass Steinborn ohne Fahnenschwenk von der Seitenlinie seine Entscheidung treffen konnte und dem Täter die Rote Karte zeigte. Nach gut einer halben Stunde gaben die Bayern sich geschlagen.“

Für die Schalker seien die Bayern, laut Holger Pauler (taz 3.11.), der „ideale Aufbaugegner“ gewesen: „Der Rekordmeister trat in Gelsenkirchen selbstgefällig auf. Arrogant in der Spieleröffnung und überhart in den Zweikämpfen. Emotionen beschränkten sich auf das Spiel ohne Ball. Oliver Kahn rannte über den halben Platz, um Rudi Assauer seine Meinung zu sagen. Uli Hoeneß ließ sich auf Diskussionen mit dem Publikum ein, und Co-Trainer Michael Henke bearbeitete abwechselnd Schieds- und Linienrichter. Die anfangs zehn, nach Linkes Platzverweis nur noch neun Feldspieler mochten dem auf dem Platz nichts Adäquates entgegensetzen. Wir haben nicht alles aus uns rausgeholt, was möglich ist, sagte Oliver Kahn. Alibierklärungen, wie sie angesichts des umstrittenen Elfmeter zu hören waren, brächten nichts. Eine einzige Torchance gab es – in der ersten Halbzeit durch Roque Santa Cruz. Roy Makaay zeigte, dass das Spiel ohne Torschuss nicht zu seinen Stärken zählt. Die wenigen Aktionen liefen an ihm vorbei. Unterstützung gab es allerdings kaum. Auch nicht von Michael Ballack, der sich in zahllosen Zweikämpfen verlor. Wir sind nur Mittelmaß. Ich habe Angst, dass wir den Anschluss ganz verlieren, kommentierte Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld die blutleere Leistung seines Teams.“

Philipp Selldorf (SZ 3.11.) beschreibt Münchner Verkrampfung: „Einen Moment lang konnte sich Uli Hoeneß ein Lächeln nicht versagen; ein kleines triumphales Grinsen darüber, dass all die Reporter all ihre Fragen nicht stellen konnten, die ja doch nur einen Kern haben würden: Wie tief der FC Bayern in der Not steckt, da er nach dem 0:2 beim FC Schalke hinter die Konkurrenz zurückgefallen ist und die Leistungen der Mannschaft von Spiel zu Spiel nachlassen? Hoeneß mochte das partout nicht kommentieren, er zwängte sich durch die Menge, die den Ausgang versperrte, und presste zum Zeichen seiner Entschlossenheit die Lippen aufeinander, dass es weh tun musste. Zumindest vor dem Spiel hatte Hoeneß bei Premiere noch ausführlich über die sensationsgierige Gesellschaft und ihre verkommene Medienkultur geschimpft. „Mir geht das langsam auf den Sack, dass jede Woche ein anderer Trainer durchs Dorf getrieben wird“, hatte er gewettert, und erst als sich Jupp Heynckes zu ihm gesellte, hellte sich sein grimmiges Gesicht ein wenig auf. Und war nicht Heynckes – von einer aggressiven Boulevardpresse bereits von „Don Jupp“ zu „Don Flop“ degradiert – das beste Beispiel für das böse Spiel? Nach der Partie jedoch konnte es Hoeneß auch nicht mehr trösten, dass sein Freund aus alten Münchner Zeiten eine Etage höher erzählte, die Arbeit für Schalke bereite ihm „einen Riesenspaß“. Mit Riesenspaß hat das Spiel des Meisters nichts mehr zu schaffen, und Hoeneß muss nun annehmen, dass als nächstes Objekt der Häme sein FC Bayern durchs Dorf getrieben wird. In Schalke setzte sich für die Münchner ein angekündigter Niedergang fort.“

VfB Stuttgart – SC Freiburg 4:1

Die VfB-Vereinsmitgliedschaft wirkt derzeit wie ein Antidepressivum

Peter Heß (FAZ 3.11.) preist die Stuttgarter: “Bedenkenträger wegtreten ,Miesmacher, Mund‘ zu, Pessimisten und Besitzstandswahrer, trollt euch! Alles wird gut. Mit dem VfB als Wahlkampfhelfer könnte sogar die SPD eine Volksabstimmung gewinnen. Die Stuttgarter Fußballprofis bilden zur Zeit einen lebendigen Gegenentwurf in kurzen Hosen zu einer Gesellschaft voller Zukunftsangst. Der Gegner überraschend stark? Na und. Die Beine schwer? Macht nichts. Der eigene Torwart leitet den Ausgleich zum psychologisch ach so ungünstigen Zeitpunkt unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff ein? Wird schon werden. Und siehe da – es wurde was. Nach einer holprigen ersten Halbzeit besiegte der VfB den SC Freiburg noch 4:1. Drei wunderschöne Tore von Tiffert, Hleb und wiederum Kuranyi in nicht einmal vier Minuten versetzten die schwäbische Anhängerschaft in Verzücken. Die VfB-Vereinsmitgliedschaft wirkt derzeit wie ein Antidepressivum – es sollte sie auf Krankenschein geben. Acht Siege, drei Unentschieden, null Niederlagen lautet mittlerweile die Bundesligabilanz des VfB, der letzte Spielverlust liegt fünf Monate zurück. Eine Serie, die dem Potential der Mannschaft durchaus entspricht, die aber auch ihre Tücken hat. Aus Niederlagen zieht man die beste Motivation, wir haben lange nicht verloren, sagt Trainer Magath, der damit die mäßige Leistung seiner Spieler in der ersten Halbzeit erklärte. Kein Tempo, kein Risiko, keine Aggressivität: Das Stuttgarter Spiel schien von der Einstellung geprägt, wieso sollen wir uns übermäßig anstrengen, bis jetzt ist es noch immer gutgegangen? Magath nahm sich seine Profis in der Halbzeitpause so zur Brust, daß Torwart Hildebrand von einem Anschiß sprach. Die Nummer eins des VfB hatte durch ihren übermotivierten Einsatz gegen Berner (Das war ein bißchen blöd), den Schiedsrichter Janßen zu Recht mit einem Foulelfmeter ahndete, die von Magath beabsichtigte Tonlage noch verschärft.“

Martin Hägele (Tsp 3.11.) fügt hinzu: „Für häufige VfB-Beobachter kündigte sich das Tor-Gewitter an. Nur, dass es so heftig und oft im Freiburger Strafraum einschlagen würde, ließ sich nicht vorhersagen. Selbst Magath war überrascht, in welchem Tempo Tiffert, dann Hleb und als Krönung der Stuttgarter Spielwut Kuranyi das Tor von Richard Golz zur badischen Schießbude degradierten. Nicht einmal der Stadionsprecher konnte dem Jubel-Protokoll folgen; es war ihm kaum möglich, die Geschichte der fantastisch herausgespielten Tore chronologisch nachzuerzählen – schon war das nächste unterwegs. Vom 1:1 zum 4:1 hatte es insgesamt 195 Sekunden gedauert. Fast genauso schnell wie der Hurrikan „Junge Wilde“ über die dezimierten Freiburger gekommen war, legte er sich wieder. Unter Magath hält sich das Stuttgarter Ensemble nicht lange mit regionalpatriotischen Parolen auf. Von Tiffert wurde zwar der Satz überliefert, „dass es unheimlich geil war, wie Hinkel bei seinem Solo vor dem 4:1 alle Freiburger verarscht hat“. Doch dieses Lob galt der Klasse des Kollegen, es hatte absolut nichts mit der landsmannschaftlichen Rivalität im Südweststaat zu tun. Die VfB-Profis hakten den Derby-Erfolg und die momentane Tabellenführung als Selbstverständlichkeit ab.“

VfL Wolfsburg – Hertha BSC Berlin 3:0

Manndeckung? Das ist Fußball von 1954!

Javier Cáceres (SZ 3.11.) meldet nichts neues in Berlin: „„Stevens raus!“, gellte es aus der Kurve, in der die mitgereisten Fans des Hauptstadtklubs standen. Eine Woche lang hatten sie den Ruf heruntergeschluckt, um ihren Teil zur Beruhigung der Lage beizusteuern. Und nun? Nun hat Stevens wieder die Gewissheit, dass ihm seitens der Sympathisanten des Vereins eine Fehlertoleranz nahe Null eingeräumt wird. Die Lage ist also wieder so ultimativ wie vor den beiden Visiten in Rostock. Dort hatten ihm zwei Siege hintereinander den Arbeitsplatz gesichert, durch Tore von Stürmern (Nando Rafael, Luizão), die über ein Jahr lang nur deshalb keine Spinnweben von ihren Beinen fegen mussten, weil sie sich dann und wann aufwärmen durften. Rostock ist vergessen, der Bocksgesang findet Fortsetzung, mit der brachialen Gewalt der Schicksalsträchtigkeit. Als hätte eine faustische Hand das Drehbuch verfertigt. Denn die Niederlage, die in das da capo der Stevens-Raus-Gesänge mündete, hatte tatsächlich tragische Momente – so sehr man die Berechtigung des Wolfsburger Sieges nur bei selektiver Wahrnehmung in Abrede stellen konnte. Denn Wolfsburg war die bessere Equipe; vor allem, weil ihr argentinischer Regisseur Andrés D’Alessandro einen heroischen Tag hatte – und darauf hinwies, dass er eines nicht allzu fernen Tages zu den großen Tenören des Weltfußballs zählen wird. Wenngleich er sich durchaus darüber wundern durfte, wie viel Raum ihm Herthas defensive Mittelfeldkräfte Pal Dardai und Niko Kovac („Manndeckung? Das ist Fußball von 1954!“) einräumten. Als Hertha noch mitspielte, nach rund 20 Minuten, schwang sich D’Alessandro mit einem Kunststoß zum Deus ex Machina der Partie auf: der Ball drehte sich vor Herthas Torwart Gabor Kiraly weg wie ein intelligentes Geschoss.“

Der Fan ist nicht loyal, sondern ein Scharfrichter, der auf den Rängen steht

Christoph Biermann (SZ 3.11.) findet keinen Gefallen an neuer Direkt-Demokratie: „Wir schreiben das Jahr, in dem die Busblockade zur Herbstmode wurde. Wo immer spielerische Krisen heraufdämmern, jämmerliche Niederlagen fabriziert werden oder schlicht die Punkte fehlen, rollt sich ein Teppich erboster Menschen in Vereinsfarben vor den Bussen aus. Das sieht auf den ersten Blick wie Mutlangen oder Gorleben revisited aus, also nach tollem basisdemokratischem Widerstand, mit dem Teilhabe an den Geschehnissen gefordert wird. Meistens kommen Spieler, Trainer und Manager auch angetrollt, versprechen unter den Augen der Kameras brav Besserung, und hinterher wird von reinigenden Prozessen gesprochen. Die Marotte des Bundesliga-Sitzstreiks mag in seltenen Fällen angemessen sein, sollte aber nicht mit den legitimen Fanprotesten der vergangenen Jahre verwechselt werden. Etwa gegen die Zerstückelung des Spielplans oder gegen wachsende Polizeiwillkür in den Stadien. Der Busblockierer hingegen ist in aller Regel ein renitenter Kleinbürger. Er gibt einem deprimierenden Weltbild Ausdruck, das nur aus Leistung und Gegenleistung besteht. Meistens schreit er: „Wir woll’n euch kämpfen sehen.“ Damit meint er, dass die Spieler auf dem Platz so viel malochen sollen wie er selbst. Oder eigentlich: 50 Mal so viel malochen, weil sie schließlich 50 Mal so viel verdienen. Der Busblockierer bringt sich damit um jeden Spaß. Er will Fußballprofis nicht als Künstler sehen, die sie längst sind, sondern als Arbeitskollegen. Er ist nicht loyal, sondern ein Scharfrichter, der auf den Rängen steht und Schulnoten verteilt: ungenügend, weitere Unterstützung gefährdet.“

Herthas Stimmung ist jetzt schon wieder abstiegsreif

Auch Katrin Weber-Klüber (FTD 3.11.) blickt nicht mehr durch bei der „vereinsinternen Entscheidung, die man außerhalb des Vereins Ultimatum für den Trainer nannte. Aber innerhalb des Vereins wurde das Wort zum Unwort erklärt, man entschied sich für die Formulierung Vereinbarung, sozusagen ultimativ, nur eben ohne diesen fiesen Forderungscharakter. Der Vorgang wurde dadurch aber auch nicht besser, er blieb weiter eine Gaukelei und sorgte für Verwirrung. Eine Berliner Boulevardzeitung wurde davon erfasst, sie titelte: „Hertha BSE – Ihr seid doch irre!“ Naja, funktioniert hat die heimlich ultimative Vereinbarung zwischen Herthas Manager Dieter Hoeneß und Herthas Trainer Huub Stevens dann trotzdem, ein bisschen. Die zwei ersten Saisonsiege waren im Schicksalswochenplan vorgegeben. Sie wurden erreicht. Aber Herthas Aufschwung dauerte nur ungefähr so lange wie die Prognosen halten, die allwöchentlich die Wende in der Wirtschaftskrise ankündigen. In Wolfsburg gab es für die Berliner jetzt erneut vorne nichts und hinten ein paar Gegentore. Herthas Stimmung ist jetzt schon wieder abstiegsreif. Aber, gemach. Sie muss es ja nicht ultimativ sein. Denn es ist dies eine Saison, in der ein Verein mit acht Punkten aus elf Spielen tatsächlich auf einem Nichtabstiegsplatz steht. Und zwar sogar noch hinter der Frankfurter Eintracht, die bekanntlich nur aus Versehen aufgestiegen ist und auch spielt wie ein verirrter Zweitligist. Nach jetzigem Stand, immerhin knapp einem Drittel der Saison, müsste eine Mannschaft jedenfalls nur in jedem zweiten Spiel einen Punkt einsammeln, nur jedes zehnte Spiel gewinnen – und hielte trotzdem die Klasse. Kurz gesagt: In dieser Saison aus der Ersten Liga abzusteigen, ist richtig schwer. Noch schwerer als zu verstehen, was der Unterschied zwischen einem Ultimatum und einer ultimativen Vereinbarung ist. Aber so bedeutende Dinge können eh nur Fachleute wie Stevens und Hoeneß begreifen.“

Michael Rosentritt (Tsp 3.11.) ergänzt: „Dieter Hoeneß dürfte nicht entgangen sein, dass die Angelegenheit weder für ihn und Stevens noch für die Mannschaft einfacher geworden ist. Das Ultimatum ist erfüllt worden, aber erfüllt sich auch die Hoffnung auf eine Zukunft frei von Störungen? Zudem wurde in Wolfsburg erneut deutlich, wie es um die Qualität des kickenden Personals bestellt ist. Die Mannschaft ist einfach überschätzt“

Peter Unfried (taz 3.11.) gratuliert dem „Mann des Spiels“: „Wolfsburg ist – zumindest zu Hause – einfach eine Klasse besser als Hansa Rostock und derzeit auch Hertha. Kein Spitzenteam, aber mit einer Spitzenoffensive gesegnet – und mit Andrés dAlessandro (22). Der Argentinier wurde für neun Millionen Euro im Zuge der Kooperation von VfL-Besitzer VW und VW Argentinien von River Plate Buenos Aires geholt. Er ist ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann – und gegen Hertha ausmachte. Während drüben Spielmacher Marcelinho längst nicht wieder fit ist – und von Sarpei nahezu komplett aus dem Spiel genommen wurde, führte DAlessandro den VfL zum Sieg. Selbstverständlich verbieten sich alle Vergleiche mit Diego Maradona. Der, sagt DAlessandro, war der Größte von allen. Er selbst hat zunächst mal sein bestes Spiel in Wolfsburg gemacht. Ist bis auf Weiteres ein junger, eher schüchterner Mann, dem seine Jugendlichkeit im Gesicht steht. Auf dem Platz ist er – ohne die übliche Akklimatisierungszeit – sofort zum kleinen König von Wolfsburg geworden. DAlessandro kann mit seinem perfekten linken Fuß und dem schnellen Antritt aus dem Stand selbst eine gestaffelte Doppeldeckung abschütteln. Wohl auch eine, die besser funktioniert als jene von Hertha.“

Borussia Mönchengladbach – Hansa Rostock 1:1

Ausdauernder, schöner und chancenreicher Fußball ohne Tore

Ulrich Hartmann (SZ 3.11.) beklagt Gladbacher Mängel: „Das war falsch. Ein kapitaler Fehler. Mitten in der Saison, tief unten im Tabellenkeller und geradewegs in die prägende Phase einer jungen Spielzeit hinein hätte dieser wichtigste Personalposten bei Borussia Mönchengladbach nicht vorschnell neu besetzt werden dürfen. Ausgerechnet vor dem wegweisenden Kellerduell gegen das Schlusslicht Hansa Rostock haben sie in das mannsgroße Pferdekostüm des Vereinsmaskottchens Jünter einfach den Gewinner eines Preisrätsels gesteckt. Tapfer warf der vor dem Spiel die Hufe in die Luft und wieherte dem Bökelberg munter zu. Doch das Glück lässt sich nicht täuschen. Am Ende haben die Gladbacher nur 1:1 gespielt und dabei so viele und so gute Torchancen vergeben, dass man daraus eine lehrreiche Videoanalyse anfertigen könnte. Natürlich haben alle das fehlende Glück beklagt. Man sei aber trotzdem auf dem richtigen Weg, sagte der Trainer Holger Fach tapfer. Die Spielfreude sei das beste Indiz dafür, dass der Trainerwechsel sich gelohnt habe, sagte Manager Christian Hochstätter trotzig. Nur aus einem Mund klangen Zweifel: „Bei so vielen vergebenen Chancen weiß ich gar nicht, ob man das noch Pech nennen kann“, sagte der Abwehrspieler Bernd Korzynietz. Das klingt ein bisschen nach Aufbegehren, doch der Mann hat erstens Recht und zweitens die Gabe, in einem Satz die beiden maßgeblichsten Aspekte der neueren Gladbacher Spielkultur unterzubringen. Seit Holger Fach Trainer ist, spielt die Mannschaft einen ausdauernden, schönen und chancenreichen Fußball. Aber die Spieler schießen zu wenig Tore.“

Alexander Schäffer (FAZ 3.11.) fasst die Reaktionen zweier siegloser Trainer zusammen: „Fortschritt? Stillstand? Rückschritt? Bei der Bestandsaufnahme der immer noch sieglosen Trainer entschied sich Juri Schlünz für die erste Variante. Unsere Niederlagenserie ist gestoppt, das zählt. Sechs Spiele in Folge hatte Hansa zuvor verloren, da war Schlünz schon froh, in seinem vierten Spiel als Cheftrainer zum ersten Mal nicht als Verlierer vom Platz zu gehen. Für seinen Kollegen Holger Fach bedeutete das Unentschieden dagegen einen Rückschritt. Sein fünfter Versuch in der Bundesliga, den ersten Sieg unter seiner Regie zu feiern, schlug fehl. Je länger man kein Spiel gewinnt, desto größer wird der Druck, sagt Fach. Worte, die beim Blick auf die Tabelle an Gewicht gewannen.“

1860 München – VfL Bochum 3:1

Solitär Lauth steht für die Zukunft der Löwen

Klaus Hoeltzenbein (SZ 3.11.) applaudiert: „Wenn ein Bundesligist 999 Tore zu Stande gebracht hat, wie wünscht er sich das nächste? In einem guten Licht natürlich – weshalb der Hausmeister des Olympiastadions zur Halbzeit ahnungsvoll die Strahler einschaltete. Da höhere Mächte ebenfalls die Bedeutung des Bevorstehenden erahnten, setzten sie ein makelloses Himmeldunkelblau darüber, gerade so, als hätten es die Verstorbenen vom Ehrenrat des TSV 1860 München höchstselbst abgemischt. Die letzten Sonnenstrahlen, die durch die Decke brachen, vereinten sich mit dem Kunstlicht, und so war der Rahmen für den großen Kitsch gesetzt: in gülden-herbstlichem Glanz erstrahlten die Pfeiler der Zeltkonstruktion, als sich der Mann in den weißen Schuhen auf die Reise machte. Wie man sich das 1000. Tor erträumt? Einfach, aber eindrucksvoll, als Dreisatz aus der Fibel des Fußballs, etwa so: Abschlag vom Torwart, Kopfball-Verlängerung am Mittelkreis, und dann ein 50-m-Sprint, bei dem die Gratulanten so brav Spalier stehen wie Sören Colding und Frank Fahrenhorst vom VfL Bochum. Eigentlich hätten die beiden noch Beifall klatschen müssen, hat doch alles prima gepasst in dieser Inszenierung um kurz nach halb fünf. Die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlug ausgerechnet Benjamin Lauth jener Profi, der seit der D-Jugend bei 1860 ist, und der als Solitär für die Zukunft der Löwen steht. Da er seine Rolle zuletzt aber anders ausfüllte als geplant, nämlich auffälliger bei Bravo im Starschnitt denn als Terminator vor dem Tor, hatte sich die Kritik zum Pokal-K.o. bei Zweitligist Alemannia Aachen auf die Person des Stürmers konzentriert (…) Honoriert wird es kaum, dass die Löwen, zunächst als Abstiegskandidat gehandelt, höher finanzierte Teams wie Schalke, Hamburg oder Hertha hinter sich wissen. Auch der Trend zur Jugend findet wenig Anhang – gegen Bochum kamen 18 000. Die brachten ein blocküberspannendes Plakatband mit: „1000 Tore hin oder her – Erfolge müssen her! 11 Flaschen auf dem Platz, gebt uns unser Pfand zurück!“ Einiges muss also kaputt gegangen sein bei den Sechzigern, nicht nur in Aachen, länger schon, zwischen Tor 1 und 1002. Deshalb zur Pfandregel nur eines: Fußballer sind, wenn überhaupt, Einwegflaschen. Zurück gibt es da gar nichts.“

Detlef Dresslein (FAZ 3.11.) hat das Spiel gefallen: „Die Ansetzung München 1860 – VfL Bochum wird normalerweise gerne auf den Wühltisch der Bundesliga gepackt. Unattraktiv und langweilig, irgendwie übriggeblieben, keiner will sie wirklich sehen. Und so besuchten nur 18 000 Zuschauer am ersten Tag des Trauermonats das im November besonders gruselige Olympiastadion. Jedoch: Sie bereuten es nicht. Alle anderen verpaßten einen 3:1-Sieg der Münchner, ihr 1000. Tor in der Bundesliga, Benny Lauths Hattrick, und sie wurden nicht Augenzeugen eines großen Schritts nach vorne. Daß das Spiel für gute Laune sorgte, das hatten auch die Bochumer mit zu verantworten. Mutig und turbulent wollten sie spielen, so wie zuletzt gegen die Branchengrößen Schalke und Dortmund, als überzeugende Siege gelangen. Bezeichnend die mitunter kopflose Offensive, die VfL-Trainer Peter Neururer nach dem Spiel einräumte: Wir wollten nach dem 2:1 bedingungslos nach vorne stürmen, ich habe alles gebracht, was als Stürmer bei uns unter Vertrag steht. Das ist mutig, wenngleich etwas naiv (…) Erstaunlich ist, daß Falko Götz, den immer noch nicht alle mögen in München, fast jede Woche einen neuen Spieler herbeizaubert. Nach dem Motto: Was einmal klappt, funktioniert noch öfters. Im Sog von Lauth erarbeitete sich erst Andreas Görlitz als starker Außenbahnspieler einen Stammplatz, dann kam kürzlich Daniel Baier aus dem Nichts daher, gegen Bochum debütierte Matthias Lehmann, Götz meinte, daß Lehmann gespielt hat wie ein Alter, er hat allen viel Spaß gemacht. Und weil es derzeit so schön ist mit dem Stuttgarter Modell, brachte Götz schließlich noch den bis dahin völlig unbekannten Marcel Schäfer ins Spiel und damit den fünften Perspektivspieler aus dem eigenen Nachwuchs.“

Detlef Dresslein (FAZ 3.11.) porträtiert den „Mann des Tages“: „Seine Augen sind so hellblau und weiß wie die Farben seines Arbeitgebers. Sie strahlen manchmal Kühle aus, und wenn die Lider etwas tiefer rutschen, dann wirkt er abweisend, verschlossen und etwas arrogant. Was einem halt auch gerne unterstellt wird, wenn man weiß, was man will, und sich nicht gleich mit allen anfreunden mag. Dennoch ist er ein balltretender Popstar, wird von Knirpsen und Pubertierenden angehimmelt. Und wegen ihm wird auch an der Grünwalder Straße beim Training gekreischt. Er ist einer aus der Generation Kuranyi: selbstbewußt, frech, mit sicherem Auftritt, ein wenig eitel, aber auch zu klug, um wirklich abzuheben. Er hat einen eigenen Internetauftritt, läßt sich alle paar Monate neu stylen, weil mir immer die gleiche Frisur langweilig wird, und ist auch bei Kleidung und Musik stets stilsicher. Nun hat Benjamin Lauth die erste Krise seiner kurzen Karriere überstanden. Er hat drei Tore nacheinander in einer Halbzeit, somit einen Hattrick erzielt, einen lupenreinen, wie es dann immer sprachlich unrein heißt. Zumal ein Hattrick im originären englischen Sinne nur bedeutet, daß ein Spieler überhaupt drei Tore innerhalb eines Spieles erzielt hat. Sein erstes Tor, der Ausgleich kurz nach der Pause, war außerdem das 1000. Bundesliga-Tor des TSV München von 1860. Das fanden dann alle schön, daß ausgerechnet er es erzielte. Denn Lauth spielt seit 1992, seit der D-Jugend, bei den Löwen.“

1. FC Köln – Hannover 96 1:2

Christoph Biermann (SZ 3.11.) stellt den Neuen vor: „Mit der Verpflichtung von Koller setzt Manager Rettig viel auf eine Karte. Der Vertrag mit Koller wurde bis zum 1. Juli 2006 abgeschlossen und gilt auch für die Zweite Liga. „Er steht für eine bestimmte Spielauffassung, die mir selbst gefällt“, sagte Rettig. Koller soll nicht einfach der Retter in der Not des Abstiegskampfes sein. „Ich liebe den Offensivfußball“, sagte der neue Coach, und auf dieser Basis soll er einen neuen 1. FC Köln formen. Die Möglichkeit dazu besteht vor allem zur nächsten Saison, wenn zwölf Verträge auslaufen und der Kader neu zusammengestellt werden kann. Ganz ohne Risiko ist das nicht, denn in Koller kommt ein Trainer nach Köln, der fast sein ganzes Leben bei einem Klub war. Schon als Zwölfjähriger kam der gelernte Sanitärinstallateur zu den Grasshoppers Zürich. Im Laufe seiner Karriere als Profi gewann er siebenmal die Schweizer Meisterschaft und fünfmal den Pokal. Er spielte am Hardturm unter Trainer Hennes Weisweiler und wurde später Assistent von Leo Beenhakker. 1997 wurde Koller Cheftrainer beim FC Will, gewann 2000 beim FC St. Gallen mit Gladbachs heutigem Keeper Jörg Stiel den Titel. Im Januar 2002 kehrte Koller dann zu seinen Grasshoppers zurück und wurde in diesem Sommer Schweizer Meister. Unterstützung für die Verpflichtung von Koller kam am Sonntag aus München. „Er ist ein exzellenter Trainer mit viel Fußball-Sachverstand und taktisch sehr gut geschult. Ich bin überzeugt, dass er Köln weiterbringt“, sagte Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld. Das dürfte Rettig gern gehört haben.“

Viel Glück, Marcel Koller!

Claudio Klages (NZZ 3.11.) gibt seinem Landsmann die besten Wünsche auf die Reise ins nördliche Nachbarland: „Kompliment, Marcel Koller, der Karriereschritt ist ehrenvoll und bemerkenswert. Der 42-Jährige taucht damit in eine völlig neue Fussballwelt ein, so wie zuvor Gross in London, Fringer in Stuttgart oder Andermatt in Ulm und Frankfurt. Von einem Schritt durch die Pforte des Fussballparadieses Bundesliga zu sprechen, wäre zwar reichlich übertrieben, aber Koller und damit auch der Schweizer Fussball dürfen sich künftig in einem grösseren Schaufenster präsentieren. Entsprechend hoch ist der Erwartungsdruck zu veranschlagen, jener der Fans wie der Medien und der Klubleitung, obwohl deren Sportchef und Headhunter Andreas Rettig „seinem“ Wunschtrainer mit Sicherheit den Rücken längerfristig stärken wird. Die beiden hängen nun am gleichen Fallstrick. Der 1.FC Köln dümpelt gegenwärtig in seichten Tabellenregionen, weit entfernt von ehrgeizigen Ambitionen. Koller muss entsprechend eine Mannschaft aus dem Sumpf ziehen und auf Vordermann bringen. Etwas völlig Neues für den beschaulichere Szenen im Schweizer Alltag gewohnten, kommunikativ nicht gerade brillanten Zürcher. An seinem Mut zu Veränderungen, Resultaten und Taten wird er vom knallharten deutschen Boulevard gemessen, rascher, als ihm vielleicht lieb sein wird. Nicht nur der Anhang am Geissbockheim wird schnell die Messer wetzen. Viel Glück, Marcel Koller!“

Jörg Stratmann (FAZ 3.11.) warnt Koller: „Ob ihm das fähige Personal, das er für seine moderne Spielauffassung benötigt, tatsächlich zur Verfügung steht, muß der neue Trainer erst noch herausfinden. Bislang hat er die Kölner nur einmal leibhaftig spielen sehen. Was er sah, konnte ihm noch nicht vollständig gefallen. Zwar zeigte dabei sogar der spielstarke Kapitän Dirk Lottner, daß er auch grätschen kann. Doch solche Bereitschaft, Drecksarbeit zu leisten, hält Koller ohnehin für die selbstverständliche Basis, auf der sich alles andere aufbauen lasse. Derart kernige Ankündigungen verdecken etwas, daß dem Schweizer auch der Ruf des sensiblen Umgangs mit Menschen vorauseilt. Darüber hinaus verfüge er über eine ausgeprägte Motivationsfähigkeit, heißt es. Was er darunter versteht, konnte er beim ersten Training nur in Ansätzen vermitteln. Zum Beispiel beim Torschußtraining, bei dem jeder Fehlschuß mit fünf Liegestützen bestraft wurde. Dem ersten Anschein nach werden die Kölner Profis zumindest mit ausgeprägtem Trizeps in die nächsten Spiele gehen.“

Werder Bremen – Eintracht Frankfurt 3:1

Bremen scheint für die Frankfurter so weit weg wie eine ferne Galaxie

Jan Christian Müller (FR 3.11.) resigniert: „Es war eine bezeichnende Szene, die sich nach einer halben Stunde vor der Gegentribüne des Weserstadions abspielte. Längst stand es durch Ailton und Baumann 2:0 für die turmhoch überlegenen Bremer, als der Frankfurter Markus Kreuz auf der linken Seite an den Ball kam. Kreuz schaute zur Mitte. Doch niemand bot sich an. Er hastete ein paar unsichere Schritte Richtung Mittellinie, wo er von drei Bremern attackiert wurde. Niemand half ihm. Dann schaffte er es irgendwie, einen Einwurf herauszuholen. Das war an diesem Nachmittag schon ein Erfolgserlebnis. Selten zuvor hat sich in der höchsten deutschen Spielklasse ein Gegner in Bremen vorgestellt, der ähnlich ängstlich, zaudernd und bescheiden auftrat wie diese Frankfurter Eintracht. Es waren ja auch zwei Welten, die sich da am Weserufer trafen. Hier die vor Selbstvertrauen fast platzenden Torproduzenten aus Bremen, dort eine von Selbstzweifeln geplagte Eintracht. Die Schere hat sich breit geöffnet, seit Bremer und Frankfurter sich im April 1999 an gleicher Stelle trafen. Damals noch auf Augenhöhe. Die Eintracht gewann 2:1, schaffte am Ende den Klassenerhalt, genau wie die Bremer, die sich einen Tag nach der Niederlage gegen die Eintracht von Felix Magath trennten. Viereinhalb Jahre später scheint Bremen für die Frankfurter so weit weg wie eine ferne Galaxie.“

Ernstzunehmenden Größe in der Spitzengruppe

Michael Eder (FAZ 3.11.) erkennt den Unterschied: „Kühl und mit beeindruckendem Selbstbewußtsein hatten die Norddeutschen ihrem Gegner aus Hessen eine Lehrstunde erteilt, die der Frankfurter Torhüter Oka Nikolov treffend zusammenfaßte: Das war für Bremen nur ein Trainingsspiel, mehr kann man nicht sagen. (…) Die Gewißheit, eine Spitzenmannschaft zu sein, die im Spiel jederzeit den Rhythmus und das Tempo wechseln kann und auf Rückschläge und Gegentore mit einer kollektiven Leistungssteigerung reagiert, macht die Bremer so selbstsicher – und nebenbei zu einer ernstzunehmenden Größe in der Spitzengruppe der Bundesliga. Daß die technisch besonders wertvolle Bremer Mannschaft im Gefühl der eigenen Stärke bisweilen zur brotlosen Schönspielerei neigt und dabei den Gegner immer wieder mal so ins Spiel bringt wie die Frankfurter, sieht man ihr nach, solange sie ohne sichtbare Anstrengung die Verhältnisse wieder zurechtrücken kann (…) Während die Bremer den Sieg als selbstverständlich hinnahmen, war bei den Frankfurtern Trainer Willi Reimann bemüht, den Unmut des hessischen Anhangs auf den Tribünen mit dem Hinweis zu relativieren, mehr als das Gebotene könne man von seiner Mannschaft wohl kaum erwarten. Kleiner Etat, kleine Namen, insgesamt schlechte Voraussetzungen. Sollen wir als Aufsteiger Werder wegputzen? fragte Reimann. Das würden die Frankfurter Fans nicht verlangen, aber wohl ab und zu einmal einen Auftritt ihrer Mannschaft, der ein wenig offensiver, ein wenig mutiger, ein wenig ansehnlicher ist. Reimann will in dieser Saison den Catenaccio offenbar als hessische Spezialität etablieren. Trotz der teilweise grauenhaften Spielweise seiner Mannschaft, die am Mittwoch im Pokal dem Zweitligaverein MSV Duisburg unterlegen war, ist sein Arbeitsplatz noch sicher, was zweierlei Gründe hat. Zum einen hat Reimann als Aufstiegstrainer in Frankfurt noch immer Kredit, zum zweiten ist der Verein organisatorisch in einem Zustand, verglichen mit dem die Mannschaft reif für die Champions League ist. Es gibt weder einen Vorstandsvorsitzenden noch einen Manager, Reimanns vorgesetzter ehrenamtlicher Sportvorstand ist ein Rentner, der, wenn er nicht gerade Golf spielt, manchmal bei den Spielen und beim Training vorbeischaut. Der Chef ist Reimann, und der läßt die Eintracht spielen, wie er will, meist so wie in Bremen.“

Bremer Torwart-Virus

Jörg Marwedel (SZ 3.11.) befasst sich mit „jener sonderbaren Krankheit, die längst als Bremer Torwart-Virus bekannt geworden ist und für die es offenbar kein Gegenmittel gibt. So lassen sich einstweilen nur die Symptome beschreiben, unter denen die Bremer Torhüter in unregelmäßigen Abständen seit bald 20 Jahren leiden: eine kurzzeitige partielle Lähmung von Hirn, Armen oder Beinen, die zu einer weit überdurchschnittlichen Häufung von kuriosesten Gegentreffern bei ansonsten weitgehend uneingeschränkter Leistungsfähigkeit führt (der jüngste Fall war am Samstag am Beispiel des aktuellen Patienten Andreas Reinke zu besichtigen, der eine harmlose Flanke in der Manier eines kurzsichtigen Rheumatikers durch die Hände gleiten ließ); ihre Ursache aber liegt weiter im Dunkeln. Zu vermuten ist, dass das Virus in den achtziger Jahren durch einen jungen Mann namens Oliver Reck aus Offenbach eingeschleppt wurde. Auch in insgesamt 14 Jahren konnte Reck, den sie bald „Pannen-Olli“ tauften, nie restlos geheilt werden.“

1.FC Kaiserslautern – Bayer Leverkusen 0:0

Martin Hägele (NZZ 3.11.) hat Stil-Unterschiede festgestellt: „Anfangs klangen die frechen Chöre der Pfälzer Fussballfreunde noch wie das berühmte Pfeifen im Wald. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“, höhnten die FCK-Fans aus der Westkurve. Dort, wo das Herz des Fritz-Walter-Klubs schlägt, während ihre Lieblinge auf dem Rasen von den Spielern des Leaders nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wurden. Nur zum entscheidenden Torschuss konnten sich die Virtuosen aus dem Bayer- Ballett nicht entschliessen. Und so kam es, wie es immer kommt, wenn sich eine haushoch überlegene Mannschaft mit ihrer optischen Dominanz begnügt. Mit zunehmender Zeit zogen die „roten Teufel“ die Asse von Coach Augenthaler auf ihr erbärmliches Niveau herunter, und mit gestärktem Selbstvertrauen nach der Pause entwickelten die Hausherrn auf einmal ordentliches Niveau. Am Ende konnten sich die Bayer-Spieler bei ihrem Keeper Butt bedanken, dass es beim 0:0 blieb – die Tabellenführung waren Nowotny und Co. allerdings los.“

morgen auf indirekter-freistoss: mehr zu den Sonntags-Spielen in Kaiserslautern und Dortmund, Auslandsfußball u.v.m.

Europas Fußball am Wochenende: Ergebnisse, Tabellen, Torschützen, Zuschauer NZZ

Christian Eichler (FAS 2.11.) schaut hin, wo’s weh tut: „Die Unterhose: das unterschätzte Kleidungsstück des Sports. Dem nützlichen Utensil verdankt die Fußballwelt jene unsterbliche Szene aus Nick Hornbys Klassiker Fever Pitch, in der der Held seine Angebetete in der ersten Liebesnacht mit einem rot-weißen Slip von Arsenal London überrascht – als frühzeitiges Signal dafür, daß die Macht des Fußballs auch da nicht endet, wo die Frau ganz nah ist. In England macht derzeit ein Amateurteam Furore, das nach einer Niederlagenserie neue Glücksbringer suchte. Die Mannschaftssitzung führte zur Idee, unter der Fußballkleidung Damenunterwäsche zu tragen. Nun ist das Team von Moneyfields Sports aus Portsmouth seit vier Spielen mit BH und Damenslip ungeschlagen. Dem Kapitän wird die Sache langsam lästig: Ich hoffe, wir verlieren bald wieder, das Zeug ist einfach zu unbequem. Noch unterschätzter als die gemeine Unterhose ist im Sport ihre langbeinige Unterart. Radioreporter Manfred Breuckmann entwickelte sogar eine Fußballtheorie von der abnehmenden Bedeutung der langen Unterhose. Ein Bedeutungsverlust, der die schleichende Verweichlichung des Volkssports durch übertriebenen Komfort trefflich illustriert. In frühen Jahren, etwa auf dem Aachener Tivoli, kam Breuckmann im Winter nie ohne die Langversion aus: Die Reporter waren damals ungeschützt auf einer Holzbank untergebracht, und eiskalt pfiff der Wind ins Hosenbein. Winddicht und überdacht sitzen heute Fan und Reporter in kommoden Arenen wie auf Schalke, wo man den Supermini Königsblau locker auch im frostigen Winter trägt. Doch Hochmut kommt vor der Blasenentzündung.“

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