Donnerstag, 25. März 2004
Ballschrank
Seidenbespanntes Doppelbett im gepanzerten Mercedes
Peter Hartmann (NZZ 3.6.) füttert die Transferspekulationen um David Beckham. „Adriano Galliani betrachtet die Lage vom höchsten Punkt Europas aus, das heisst in seinem Falle: Von der Madonnina, der goldenen Marienfigur auf dem Mailänder Duomo. Als geschäftsführender Vizepräsident des neuen Champions- League-Siegers AC Milan mit einem Jahresgehalt von 2,5 Millionen Euro, noch ohne Prämien gerechnet, thront der glatzköpfige Manager im Auftrag und als Stimme seines Meisters Silvio Berlusconi über dem Transfermarkt dieses Sommers. Gallianis Auge fällt auf einen Traummann, der mit dem Lebensstil Berlusconis mühelos mithalten kann: Gerade hat sich David Beckham für 90.000 Euro ein elektronisch verstellbares, seidenbespanntes Doppelbett in seinen gepanzerten Mercedes einbauen lassen, in seiner Garage auf dem Landsitz in Hertfordshire, den die Tabloids „Beckingham Palace“ getauft haben, bewachen seine Rottweiler Puffy und Snoop vier Ferrari, je einen Aston Martin, einen Bentley, einen Chrysler und einen BMW, alle mit seiner Glückszahl 7 auf dem Nummernschild. Im Haus erstrahlt auf Knopfdruck die Decke im Kinderzimmer seines Sohnes Brooklyn als blinkender Sternenhimmel. Momentan ist „Becks“ mit neuer Afro-Look- Frisur, mit eingegipster Hand und mit seiner Ehefrau Victoria unterwegs auf globaler Promotionstour, bevor er sich in die Ferien in die neu erworbene Herrschaftsvilla (Kaufpreis 22 Millionen Euro) in der Nähe von Saint-Tropez zurückziehen wird, in der, was ihm die Immobilienagentur verheimlichte, nachts ein durch eigene Hand gestorbener früherer Besitzer rumoren soll. Nebenan donnern gelegentlich auf Frankreichs grösstem Manöverfeld die Panzer der Grande Armée. Was, ausser solchen kleinen Pechfällen des Lebens, könnte umgekehrt den einzigen wirklichen Popstar der Gegenwart dazu verführen, sich von Manchester United, dem finanzkräftigsten Klub des Universums, abzuwenden – vielleicht das gestörte Verhältnis zum Manager Ferguson, Frust über dessen Wutausbrüche mit nasser Aussprache, über den Augenbrauen-Cut, den ihm Sir Alex mit einem fliegenden Schuh vor drei Monaten in der Kabine zufügte? (…) Eine Glamour-Figur wie Beckham wäre eine Idealbesetzung im Fussball-Fernseh-Venture des um Popularität bemühten Ministerpräsidenten Berlusconi, dessen Sender Canale cinque offenbar bereit ist, für die Übertragungsrechte an der Champions League 70 Millionen Euro zu bieten, in Konkurrenz zum neuen Pay-TV-Alleinherrscher Rupert Murdoch mit seinem italienischen Sky-Ableger. Als problematisch, aber nicht unüberwindlich könnten sich Beckhams Sponsorenverbindungen erweisen. Der „Flankengott“ aus Manchester, der mehr als elf Millionen jährlich aus Firmenverträgen einnimmt, ist noch bis 2004 an den Telekomkonzern Vodafone gebunden, einen Konkurrenten des Milan-Sponsors Tim. Und es gibt auch einen sozusagen typisch italienischen Widerstand gegen das Engagement des schlaksigen Mittelfeldspielers. Trainer Carlo Ancelotti hat klar gemacht, dass Beckham „nicht in das Milan- Schema passt“. Aber das letzte Wort hat, wie immer, Berlusconi.“
Ein fußballerischer Monolog
Georg Bucher (NZZ 3.6.) berichtet vom remis zwischen Real Madrid und Celta Vigo. „Schon in den vierziger Jahren hatte Celta dreimal (1942, 1943, 1948) im Bernabeu-Stadion gewonnen, den nächsten Exploit allerdings erst 51 Jahre später verbucht. Vier Punkte aus drei Spielen seien erforderlich, um die Champions-League-Qualifikation zu erreichen, sagte Trainer Miguel Angel Lotina vor dem Match im Bernabeu-Stadion und verneigte sich vor Vicente del Bosque, dessen Equipe er unglaubliches Offensivpotenzial bescheinigte. Das Versprechen, auf Angriff zu spielen, war indessen ein Bluff. Starke Regenfälle hatten das Terrain aufgeweicht und den Bällen Fahrt verliehen. Wohl wissend, dass Reals Spitzen enorm antrittsschnell sind, beorderte Lotina die schnellen Aussenverteidiger Velasco und Juanfran ins Abwehrzentrum. Mittels Antizipation sollten sie Ronaldo und Raul an die Leine legen und sich in heiklen Situationen auf den routinierten Libero Caceres verlassen können. Ebenso wichtig war es Celtas baskischem Ausbildner, den Kombinationsfluss der technisch beschlagenen Widersacher in einem „Spinnennetz“ zu stauen. So entwickelte sich eine Partie, wie man sie zwischen dem stärksten Angriff und der sichersten Abwehr der Liga erwarten konnte, über weite Strecken ein fussballerischer Monolog.“
Remis im argentinischen Spitzenspiel NZZ
Über den Saisonabschluss in Holland heißt es bei Bertram Job (NZZ 3.6.). “Ende des Monats, Ende der Schicht: In Holland ist der letzte Spieltag der obersten Fussballklasse am vergangenen Donnerstag mit ein paar letzten Aufregungen abgewickelt worden. Doch die grossen Überraschungen blieben letztlich aus. Tabellenleader PSV Eindhoven reichte ein torloses Remis in Groningen, um sich mit einem Punkt Vorsprung vor Ajax Amsterdam den Titel in der Eredivisie zu sichern. Und die Mannschaft von De Graafschap aus Doetinchem handelte sich gegen Aufsteiger FC Zwolle eine weitere Niederlage ein, die ihren direkten Abstieg besiegelt. Doch strahlende Sieger gibt es weit und breit nirgends: Die Liga leidet an internen Strukturschwächen, die derzeit wenig Euphorie aufkommen lassen. Selbst in Eindhoven ist der Jubel über die Meisterschaft eher verhalten. Der Starcoach Guus Hiddink hat aus einem Baukasten von 30 Lizenzspielern schon in seiner ersten Saison ein stabiles, funktionierendes PSV-Team geschaffen. Es war sowohl in der Spielanlage als auch punkto individueller Klasse den Mitkonkurrenten aus Amsterdam und Rotterdam überlegener, als das durch den knappen Punktevorsprung zum Ausdruck kommt. Doch nun stocken die Personalplanungen. Mit seinen 35 Saisontoren hat sich der beste Torschütze der Liga, Mateja Kezman, den roten Teppich für einen Transfer nach Italien selber ausgelegt. Dass er sich reif genug fühlt für die SerieA, sagt der Jugoslawe seit zwei Jahren schon – notfalls unaufgefordert. Um selbst am internationalen Markt einzukaufen, fehlt einstweilen das Geld. Die grossen Namen, die rund um das Philips-Stadion gehandelt werden (Morientes, Mendieta), sind Wunschträume der Journalisten.“
Gewinnspiel für Experten
Ballschrank
Halbfinal-Rückblick
(of) Die abfälligen Urteile, die viele Berichterstatter über Wesen und Sosein italienischen Fußballs erneut und gerne losgeworden wären, müssen einerseits nach dem begeisternden Sieg Juventus Turins über Titelhalter Real Madrid, bis zu nächsten Gelegenheit zurückgehalten werden. “Wohl nicht einmal mehr in Spanien“, vermutet die FAZ, „wird nach einem glanzvollen Auftritt noch irgend jemand wagen, italienische Fußballer mit Höhlenmenschen zu vergleichen“, wie geschehen. Nun gut, in spanischen Tageszeitungen werden deutsche Fußballer auch schon mal als geklonte Fließbandarbeiter dargestellt. „Als hätten die beiden Teams die Trikots gewechselt“, reibt sich die NZZ ob der offensiven Turiner Spielausrichtung die Augen, die der spanischen Weltelf die Schau stiel. Und die Financial Times Deutschland schreibt: „Nichts war zu spüren von dem Kulturkampf, der zuvor wie folgt beschworen worden war: Offensiver Herzblut-Fußball auf der spanischen Seite, Riegeltaktik auf der italienischen.“
Andererseits hat das zweite Halbfinale der Champions League viele Befürchtungen bestätigt. Beim Stadtderby in Mailand, der „Hauptstadt der Fußball-Masochisten“, sah die FAZ das „Aufeinandertreffen zweier Verhinderungsmannschaften“, denn „nach guter Catenaccio-Art hatten die Spieler tüchtig reklamiert, gestikuliert und gerempelt wie auf dem Mailänder Gemüsemarkt.“ Unabhängig von der sportlichen Qualität belegte die eindrucksvolle Stimmung bei beiden Spielen, wie der Fußballsport „auf dem Stiefel“ wahrgenommen wird, als „große Oper und mit starker Emotion“, wie die SZ mitteilt. Die NZZ veranschaulicht: „In der surrealen Stimmung der italienischen Arenen, in diesem brodelnden Inferno aus Lärm und heissem Atem, agieren die Spieler wie in Trance. Es unterlaufen ihnen panische Fehler. Jeder spielt um sein Überleben. In den Fussballstadien ist etwas von der Mentalität der Gladiatorenkämpfe erhalten geblieben, die Grausamkeit und Leidenschaft des Publikums, List und Verschlagenheit der Spieler, die irgendwie ihre Haut retten wollen. Brot und Spiele.“
Ein Spieler stand in Turin im Mittelpunkt. Vorher, während der 90 Minuten und besonders nachher. „Der Spieler, der Italiens Meisterschaft entscheidet“, wie die FAZPavel Nedved „wegen anhaltender Weltklasseform“würdigt, ist nach brillantem Spiel und einer Verwarnung für das Endspiel in 14 Tagen gesperrt. Den direkten Vergleich mit seinem Vorgänger Zidane hat der nach Abpfiff todtraurige Tscheche jedenfalls gewonnen. Premiere-Kommentator Franz Beckenbauer hatte den wie kein Zweiter beidfüßig Torgefährlichen – die ansonsten präzisen Beobachter von der FR halten ihn irriger- jedoch bezeichnenderweise für einen Linksfuß – kürzlich als soliden Handwerker dargestellt, der eine Liga tiefer spiele als Figo, Raúl Co. Die BLZ korrigiert diesen Irrtum: „Er ist kein Zauberer wie Zidane, er ist ein moderner, realistischer Spieler, flächendeckend torgefährlich, ein italienisch gefärbter Ballack. Er ist kreativ und verbissen, ein Spielmacher mit Terrierqualitäten – er ist das, was Real fehlte.“
Den Gegner ausbremsen, aber auch das Publikum unterhalten
Birgit Schönau (SZ 16.5.) räumt mit Vorurteilen über italienischen Fußball auf. „„Der italienische Fußball ist nicht so schlecht, wie alle gedacht haben“, wiederholte Juves Trainer Marcello Lippi nach dem Triumph über Real Madrid so oft, als müsse er sich selbst davon überzeugen. Der erfahrene Lippi weiß, dass hinter jedem Erfolg italienischer Mannschaften das Phantom des Catenaccio vermutet wird. Tatsächlich wirkt es in seinem Ursprungsland Italien nur noch durch den Argentinier Hector Cuper bei Inter Mailand, wo kaum noch Italiener spielen. Inter ist nach zwei quälend ereignislosen Halbfinals endlich ausgeschieden, zur riesigen Erleichterung vieler Fußballfans auch in Italien. Hinter dem Erfolg von Milan und Juventus verbergen sich die Überwindung sturen Defensivfußballs und Jahre harter Aufbauarbeit. Der AC Mailand war vor allem in der ersten Phase des Wettbewerbs durch spektakuläre Offensiveinsätze aufgefallen, Juventus stürmte gegen Real in beeindruckender Weise bis zum Schluss. Sie haben die Arroganz und Lässigkeit ablegen müssen, die Italiens Fußball zu seinen Glanzzeiten kennzeichnete, und Mannschaften geschaffen, die den Gegner auszubremsen, aber auch das Publikum zu unterhalten wissen. Vielleicht haben sie auch von der verächtlichen Attitüde profitiert, die ihnen zuletzt entgegenschlug.“
Adlige Spielweise
Dirk Schümer (FAZ 16.5.) lobt den Sieger aus Turin. „Als Höhlenbewohner des Fußballs hatte man zumal in Spanien die italienischen Defensivspezialisten verspottet. Und nun wurde der Sieg von Juventus gegen die Titelverteidiger von Real Madrid zu einer Lehrstunde, wie ein hochintelligentes Kollektiv aus einer starken Abwehr heraus den Gegner mit quasichirurgischen Schnitten bezwingen kann. So entdeckte Italiens euphorisierte Sportpresse bei der alten Dame Juve gar adlige Spielweise. Es war die souveräne, leichtfüßige Art, mit der Juventus die favorisierten Madrilenen bezwang, die begeisterte. Sämtliche drei Tore der Italiener waren die Frucht brillanter Kombinationen (…) Markante Details kündigten das schleichende Ende der großen Mannschaft von Madrid an, die den Wettbewerb in den vergangenen fünf Jahren dominiert und gleich dreimal gewonnen hatte. So vermochten sich weder Zidane noch Figo vor dem Turiner Strafraum mit ihren gefürchteten Anspielen durchzusetzen, weil vor allem Thuram, Tudor und Zambrotta mit Raumdeckung und aggressivem Forechecking den Spaniern schlicht die Luft abschnürten und weil Montero so gut wie jeden Zweikampf gewann. Hier veredelte man den Catenaccio zur hohen Schule des produktiven Verteidigens. Im Gegenzug legten die Turiner Reals Schwächen gnadenlos offen (…) Nur Pavel Nedved, der bei Spielschluß schluchzend wie ein Verlierer zusammenbrach, wurde mit einer Verwarnung, die ihn automatisch für das Endspiel disqualifiziert, neun Minuten vor Spielende zum tragischen Helden. Unnötigerweise hatte er McManaman an der Mittellinie gefoult und gab hinterher zu, in der gewohnten Leidenschaft nicht über die Konsequenzen nachgedacht zu haben. Dieser Fehler, der ihn einen Lebenstraum kostet, wurde von den pathetischen Italienern sogleich zur endgültigen Aufopferung, zur Ekstase, zum Drama des Pavel Nedved verklärt.“
Beileibe nicht der Erfolg des Destruktiven
Claudio Klages (NZZ 16.5.) schreibt. „Tränen, Freudentaumel, Küsse, Umarmungen – die Piazza San Carlo im Stadtzentrum erbebte am Mittwochabend buchstäblich. Um 22 Uhr 37 schien sich ganz Turin gehen zu lassen – und der Kater am anderen Morgen dürfte das Bruttosozialprodukt der Stadt kaum in die Höhe getrieben haben. Una festa, wie sie im „Land des Fussballs“ nicht schöner und spontaner zelebriert werden könnte. Juventus und die AC Milan werden sich am 28.Mai im Endspiel der Crème des europäischen Fussballs gegenüberstehen, die einstmals beste und teuerste Liga der Welt hat offenbar wieder an Strahl- und Anziehungskraft zurückgewonnen, auch wenn dies nur eine Momentaufnahme sein kann. Nach sieben mageren Jahren, seit dem Champions-League-Sieg der Juve in Rom gegen Ajax Amsterdam, stehen die Italiener wieder zuvorderst im Licht der Fussballbühne, von der die zuletzt dominanten Spanier brüsk weggestossen worden sind – zuletzt Real Madrid, der Titelhalter. Dabei schien der Calcio in diesem Land noch im vergangenen Sommer am Boden zerstört. Die „Verschwörung Blatters“ gegen Italien an der Weltmeisterschaft, der Abgang des WM-Helden Ronaldo durch die Hintertüre in die spanische Meisterschaft, das fehlende Betriebskapital, die Absage an einen lukrativen Mercato, die Streikdrohungen der Habenichtse gegen die Grossen, der verspätete Beginn der Meisterschaft – Italiens liebstes Kind schien im Chaos zu versinken. Doch die Klubs zogen sich gemeinsam aus dem Sumpf, besannen sich ihrer eigenen Stärken und Kräfte, brachten ihre Haushalte zwar noch nicht ins Gleichgewicht, lenkten sie aber wenigstens in vernünftigere Bahnen. Seit dem brillanten Auftritt des alten und neuen italienischen Meisters gegen die kräftemässig ausgelaugten „Königlichen“, die den Zenit mit den Spielen gegen Manchester United offenbar überschritten haben, dürften allerdings auch die notorischen Kritiker des „Zerstörer- Stils“ mundtot gemacht worden sein. Die Finalteilnahme zweier italienischer Teams ist beileibe nicht der Erfolg des Destruktiven, auch wenn der Vorstoss von Inter unter die letzten vier derartige Unterstellungen durchaus geschürt hatte. Die Champions League war zwar in den letzten Jahren wiederholt ein Gradmesser, an dem sich ablesen liess, wie enorm sich der Fussball entwickelt. Wer etwas gewinnen wollte, musste beherzt und kreativ spielen, aber auch der Schadensbegrenzung den entsprechenden Stellenwert einräumen. Partien wie Real – ManU, jene Ah!- und-Oh!-Erlebnisse, sind ohnehin Ausnahmen im Fussball-Business. Wer nun Häme über die beiden Finalisten verschüttet, dem sei nicht nur Juves jüngste Vorstellung im Delle Alpi, sondern auch Milans Leistungsausweis in der ersten Phase vor Augen geführt: Klubs wie Bayern München, Lyon und La Coruña, Dortmund und auch Real hatten gegen die „Diavoli“ das Nachsehen.“
Los, Juve, friss sie auf
Birgit Schönau (SZ 16.5.) berichtet begeisterte Atmosphäre. „Wie oft ist das Stadio delle Alpi als kalte Betonschüssel gescholten worden, eine graue, abwehrend wirkende Kulisse, die sich selten mit Menschen füllte. Juventus hat keine Heimspiele, heißt es in Italien, weil das Stadion keine Heimatgefühle aufkommen lässt und das Turiner Publikum für seine Zurückhaltung berüchtigt ist. Auch am Mittwoch wehten aus den Fenstern der Wohnkasernen, die die Stadt gegen die Arena abgrenzen, mehr Regenbogenfahnen der Friedensbewegung als Juve-Banner. Understatement, das ist ihr Stil. Bei Juve heißt es „umiltà“, Demut, und Marcello Lippi wiederholte das Zauberwort auch nach dem 3:1-Triumph seiner Mannschaft gegen Real Madrid und den Einzug ins Champions-League-Finale, der viele Trainer berauscht hätte. Nicht ihn. Das Publikum aber, ausgerechnet die coolen Juve-Fans, hatten das Alpenstadion beben und vibrieren lassen, zuerst anfeuernd, dann lockend, zuletzt nur noch jubelnd, klatschend, trampelnd. Alle waren sie da, vom Juventus-Club Capranica, Provinz Viterbo, bis zum Juve-Club Gianni Agnelli, New York. Sie wollten die Vecchia Signora, die Verlobte Italiens gegen Real Madrid und ihren verlorenen Sohn Zinedine Zidane fliegen sehen – und die Juve flog. Eine Fledermaus schwankte die Tribünen entlang, auf der Suche nach Insekten, und viele deuteten auf sie wie auf einen Glücksbringer: Los, Juve, friss sie auf.“
Matti Lieske (taz 16.5.) referiert präzise Juves Erfolgsrezept. “Wir haben eine wunderschöne Partie gespielt, komplett aus allen Blickwinkeln, schwärmte Juve-Trainer Marcello Lippi vollkommen zu Recht. Umso mehr dürften den Coach jene Kommentare ärgern, die einen schlechten Tag der Real-Stars als Grund für den Turiner Sieg ausgemacht haben. Wir haben gut gespielt, analysierte Roberto Carlos, dessen Madrider Team in der zweiten Halbzeit unermüdlich attackierte. Wenn er selbst sowie Zidane, Figo oder Rekonvaleszent Raúl nicht zaubern konnten wie gewohnt, so lag das an der phänomenalen Defensive von Juventus Turin. Das Spiel könnte jederzeit als Schulungsvideo für Tacklings aller Art vertrieben werden und dafür, wie man selbst an raffinierteste Anspiele noch seine Fußspitze bekommt. Anders als Dortmund oder Manchester schaffte es der neue italienische Meister mit seiner schier undurchdringlichen Viererkette und den beiden Arbeitstieren Davids und Nedved, Reals filigrane Kombinationen schon tief im Mittelfeld zu stören. Das war zugleich Gift für Reals viel geschmähte Verteidigung, obwohl diese längst nicht so schlecht ist wie ihr Ruf. Da aber bei Ballbesitz sehr viele Real-Spieler sehr weit aufrücken, sind frühe Ballverluste besonders prekär. Obwohl Trainer Vicente Del Bosque in Turin zunächst mit einer seltenen Viererkette versuchte, solchen Kontern gegen allein gelassene Verteidiger vorzubeugen, fielen alle drei Juve-Tore durch Trezeguet, Del Piero und Nedved auf diese Weise. Dabei demonstrierten Turins Offensivkräfte in Perfektion die Kunst des schnellen Umschaltens von Abwehr auf Angriff.“
Nedved prägt den Stil von Juventus
In der BLZ (16.5.) liest man über den entscheidenden Spieler. „In jeder Hinsicht ist Pavel Nedved der Mann dieses Abends gewesen, an dem Juventus zumindest für 90 Minuten alle ehrabschneidenden Klischees widerlegte. Ausgerechnet Juve demonstrierte gegen den Catenaccio, spielfreudig wie selten. Nedved war nicht nur der beste und der traurigste Spieler – in seiner Person fanden sich gebündelt die Erkennntisse über dieses Spiel. Nedved machte den Unterschied – nicht nur, weil er das Duell gegen Zinedine Zidane gewann, seinen Vorgänger im Juve-Trikot. Es war ein Abend, in dem auch dem Letzten auffiel, wie prägend Nedved für den Stil von Juventus ist. Er ist kein Zauberer wie Zidane, er ist ein moderner, realistischer Spieler, flächendeckend torgefährlich, ein italienisch gefärbter Ballack. Er ist kreativ und verbissen, ein Spielmacher mit Terrierqualitäten – er ist das, was Real fehlte.“
Ich bin so traurig, dass ich sterben könnte
Wolfgang Hettfleisch (FR 16.5.) fühlt mit Nedved, „dem Mann aus Cheb (Eger) nahe der deutschen Grenze, der, bloß ein paar Kilometer weiter westlich geboren, DFB-Teamchef Rudi Völler derzeit mutmaßlich einen Tick ruhiger schlafen ließe. Dann kam die 83. Spielminute und machte aus dem wohl schönsten Abend in der Fußballerkarriere des Pavel Nedved den zugleich grausamsten. Ohne Not fuhr der tschechische Nationalspieler dem eingewechselten Steve McManaman in der Spielfeldmitte derart ungestüm in die Parade, dass der souveräne Schweizer Schiri Urs Meier einfach keine Wahl hatte: Die der eigenen Dummheit geschuldete gelbe Karte, seine fünfte im laufenden Wettbewerb, setzte Nedveds Traum vom Champions-League-Finale am 28. Mai in Manchester gegen den Serie-A-Konkurrenten AC Mailand ein Ende. Mit Tränen in den Augen stand der kleine Mann nach dem Abpfiff fassungslos auf dem Rasen, blind und taub für den Jubel seiner Mitspieler. Immer wieder vergrub Nedved das Gesicht in beiden Händen und schüttelte ungläubig den Kopf, keiner der herbei eilenden Kollegen vermochte den Untröstlichen aufzumuntern. Ich bin so traurig, dass ich sterben könnte, gewährte Nedved ein wenig später einen Blick in seine aufgewühlte Gefühlswelt.“
Die zweite große romantische Ära von Real neigt sich ihrem Ende entgegen
Michael Horeni (FAZ 16.5.) beleuchtet die Konsequenzen für den Verlierer. “Vor einer Woche noch genoß Real Madrid unermeßlichen Besitzerstolz über eine Fußball-Mannschaft, wie es sie in hundert Jahren zuvor nur einmal gegeben hat: in den fünfziger Jahren, als aus den fünf Titeln im damaligen Europapokal der Landesmeister der weltweit unvergleichliche Ruhm des königlichen Klubs erwuchs. Und nun werden für den Mythos vom scheinbar anderen Fußballstern noch immer nicht die irdischen Gesetzmäßigkeiten verwendet. Juve verschluckt die Sterne der Galaxie, schrieb die spanische Sportzeitung Marca erschrocken über das zwar überraschende, aber dennoch nicht mehr ganz unerwartete Ende der strahlendsten Erscheinungen am Himmel dieser Fußballwelt. Die Fixsterne – Ronaldo, Figo, Zidane und Co. – sind in der Nacht von Turin kollabiert. Das physikalische Ergebnis dieses Prozesses in neunzig Minuten kennt man aber auch jenseits des Universums Real Madrid: ein schwarzes Loch (…) Die zweite große romantische Ära von Real neigt sich ihrem Ende entgegen. Diesmal gelang es den spielerischen Exzellenzen nicht mehr, die defensiven Mängel, die auch bei den Triumphen der vergangenen Jahre stets erkennbar blieben, glanzvoll zu überspielen. Es ist kein Zufall, daß Real in Turin nun an einer an diesem Abend perfekten Mischung aus robuster Defensive und spielerischem Potential scheiterte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, daß Madrid mit dem nahenden Abschied des alternden Abwehrchefs Hierro über sein mäzenatenhaftes Konzept nachdenkt, Gelder verschwenderisch allein an die Künstlernaturen des Fußballs zu verteilen. Nach Erfolgen um jeden Preis ohne große Aussicht auf Profitabilität wird Real zwar weiter streben. Aber eine pragmatische Erweiterung des wirtschaftlich irrationalen Geschäftsmodells steht aus.“
(15.5.)
Perfekte Ballbehandlung, Zweikampfstärke, hohe Präzision im Zuspiel
Vom Sieg Juves über den Titelhalter ist Claudio Klages (NZZ15.5.) sehr angetan. „Der warme Frühling im Piemont hat dem Titelhalter und dreimaligen Finalisten in der Champions League der letzten fünf Jahre, Real Madrid, weit mehr Schweiss auf die Stirn getrieben als ihm lieb war. In einem qualitativ vor allem vor der Pause finalwürdigen, vom Schweizer Referee Urs Meier hervorragend geleiteten Match konnten die noch vor wenigen Wochen hoch gelobten Madrilenen den knappen Vorteil aus dem Hinspiel (2:1) nicht nutzen. Sie mussten sich spielerisch eher unerwartet einer Juve-Equipe beugen, die trotz Schwierigkeiten nach der Pause über weite Strecken dominant blieb und den Gegner immer wieder in die Zuschauerrolle drängte, so konsequent und diszipliniert interpretierte sie die taktischen Vorgaben ihres Trainers. Es waren trotz Glanzpunkten Einzelner nicht nur Individualisten, die diese lebhafte, spannende Partie so eindeutig entschieden, sondern vor allem eine kompakte Mannschaft, die vor Spielfreude sprühte und durchaus zwei Gänge zurückschalten und auf die Reaktion des hoch gelobten Favoriten warten konnte. Um dann fast im Gegenzug (bekannte) Positionsmängel der iberischen Abwehr resolut auszunutzen (…) Die gut gemeinten taktischen Dispositionen des Real-Trainers wurden von den Hausherren buchstäblich zerzaust. Sie wussten, dass sie das Spiel der Madrilenen im Keime ersticken mussten, das heisst, bevor diese sich zu ihren variantenreichen Angriffen ordnen konnten. Diese Taktik verfolgten die Italiener mit einer physisch ungemein anspruchsvollen Präsenz und Konzentration, die den Gegner irritierte und ihm den Schnauf raubte. Jede Position schien genau fixiert, jeder Pass „blind“ geschlagen, und in der Zonendeckung vermochten weder Raúl noch die stereotypen Rochaden von Zidane (nur beim unbedeutenden 1:3 im Finish in bekannter Manier) und Figo Unruhe zu stiften. Im Gegenteil: Das Feuerwerk zündeten die Italiener. Schnelligkeit im Erfassen von Situationen wie in der Ausführung, perfekte Ballbehandlung, Zweikampfstärke, hohe Präzision im Zuspiel und letztlich auch die Risikobereitschaft, alle kritischen Vorurteile zu widerlegen, zeichneten sie aus. Es war kaum ein schwacher Punkt auszumachen, ja es schien zeitweise, als hätten die beiden Teams die Trikots gewechselt, so souverän trat Juve vor der Pause auf, angetrieben von Zambrotta, Davids und Tacchinardi wie von Nedved oder Thuram. Unter diesen Umständen konnte nicht erstaunen, dass Juve diesen Match vorerst auf eine Weise gestaltete, dass die Socios um den Titelhalter bangen mussten.“
weitere Pressestimmen zu diesem Spiel morgen
Internazionale – Milan 1:1
Brot und Spiele
Peter Hartmann (NZZ 15.5.) beschreibt anschaulich den entscheidenden Moment im Mailänder Derby. „Ein magischer Moment, eine dieser Situationen, in denen etwas völlig Überraschendes geschieht, ein einziger Zug, der das Spiel, der Karrieren verändert: Seedorf zerriss das enge Inter-Abwehrnetz mit einem blitzschnellen Pass in die Tiefe, Schewtschenko sprintete los, war einen Augenblick vor dem herausstürzenden Torhüter Toldo am Ball, und San Siro stand in Flammen. In der surrealen Stimmung der italienischen Arenen, in diesem brodelnden Inferno aus Lärm und heissem Atem, agieren die Spieler wie in Trance. Es unterlaufen ihnen panische Fehler. Jeder spielt um sein Überleben. In den Fussballstadien ist etwas von der Mentalität der Gladiatorenkämpfe erhalten geblieben, die Grausamkeit und Leidenschaft des Publikums, List und Verschlagenheit der Spieler, die irgendwie ihre Haut retten wollen. Brot und Spiele. Der Regent Berlusconi hält sein Volk bei Laune und am Ende den Daumen nach oben für seinen Trainer Ancelotti. Am Tag, als sein „Diavolo“, der Teufel, wie Milan genannt wird, die „Bene-amata“, die wohl geliebte Internazionale, gedemütigt hat, verkündete Berlusconi, der wegen seiner Korruptionsverfahren in der EU unter Druck geraten ist, die Wiedereinführung des Tatbestands der Majestätsbeleidigung. Das war vielleicht kein Zufall. Das Land schaute auf Milan und seinen Präsidenten, und der Fussballsachverständige Berlusconi ist in letzter Zeit spöttisch kritisiert worden, weil er Mühe hat mit der Gewaltentrennung zwischen Mäzen und Trainer. Er beharrte auf seinen Lieblingsspielern, er wollte ultimativ den Doppelsturm mit Schewtschenko und Inzaghi, und Schewtschenkos Tor hat ihm Recht gegeben. Aber wie stets, wenn „Sheva“ brilliert, spielte Inzaghi einen Stiefel. In der gegenseitigen Umklammerung der Mannschaften mit ihrem klebrigen Pressing und den raubeinigen Körperattacken kann ein einziger Einfall, eine Virtuosen-Nummer, ein raffiniertes Dribbling, ein ballistischer Geniestreich den Ausschlag geben. Spiele italienischer Mannschaften werden fast immer durch Einzelleistungen entschieden, nicht durch Überlegenheit und Effizienz eines Systems und schon gar nicht durch „schönen“ Fussball. Deshalb werden Stars wie die Tormaschine Vieri (der Inter schmerzlich fehlte), wie Totti, Del Piero und selbst mit 36 Jahren auch noch Roberto Baggio in den Himmel gehoben und höher bezahlt als Manager in der Wirtschaft; und keinem Menschen fällt es ein, gegen ihre Gehälter zu protestieren, auch nicht Fausto Bertinotti, dem Parteichef von Rifondazione comunista, dessen Herz für die alte Kapitalisten-Dame Juventus schlägt. Das alles ahnt der ausländische Fernsehzuschauer kaum. Er hört die aufgeregte Stimme seines Reporters, der erklärt, wie langweilig dieser Catenaccio ist, weil er nichts so liebt wie den „Goool!“-Schrei. Der atmosphärische Druck ist unsichtbar.“
Lobrede auf den Catenaccio
Italien-Korrespondent Dirk Schümer (FAZ 15.5.) sah Typisches, auch bei der Zeitungslektüre. „Bei einem italienischen Fußballspiel steht das Wesentliche meist schon vorher fest. Am Tag vor dem glanzlosen 1:1 hatte die Gazzetta dello Sport, das Zentralorgan von Italiens Fußball, das Spiel mit Seherblick bereits analysiert. In einer Lobrede auf den Catenaccio zog der Autor die römische Kontertaktik seit den Hunnen ebenso wie die Armut der italienischen Nachkriegszeit (Wir hatten nur unsere Schlauheit) als Argumente für einen listigen Fußball heran, für den man sich nicht zu schämen habe. Italiener betrachteten Fußball eben als Sache des Verstandes und schauten nur aufs Resultat: Es ist dieses Leiden, das uns Freude bereitet – und nicht das Spiel. Die Partie hatte dieser masochistischen Deutung dann nicht mehr viel hinzuzufügen. Wie schon beim torlosen Hinspiel am selben Ort versuchte der AC Milan aus aggressivem Mittelfeld mit Steilpässen wenigstens anzugreifen, wohingegen Inter unter der Ägide des argentinischen Trainers Cuper jegliches Kombinieren nach vorne verweigerte; einzig mit langen Pässen eine doppelt abgedeckte Sturmspitze Crespo anzuspielen, sorgte im ersten Durchgang niemals für Gefahr. Kein Wunder, daß bei solcher Zerstörertaktik auch nach 135 Minuten – das Hinspiel eingerechnet – noch kein Tor gefallen war. In der Nachspielzeit vor dem Pausenpfiff erst konnte sich der quirlige Schewtschenko endlich einmal durchsetzen und verwandelte hoch ins Eck. Bis zum Ende sollte dies tatsächlich der einzige Schuß auf Inters Tor bleiben, doch dieser Lichtblick reichte. Getreu der Nationalphilosophie des Catenaccio zog sich der AC Mailand danach für die Schlußdreiviertelstunde zur kollektiven Abwehrschlacht zurück. Und Cupers Bollwerk Inter tat, was nun unumgänglich war: Man griff tatsächlich an. Hätte Kallon kurz vor Schluß aus spitzem Winkel nicht am Wackelkandidaten Abbiati und zugleich am Tor vorbeigeschossen, dann hätte Inters Stahlriegelfußball tatsächlich noch fürs Endspiel gereicht.“
Große Oper und starke Emotion
Birgit Schönau (SZ 15.5.) beschreibt anschaulich das Geschehen außerhalb des grünen Rechtecks. „In der Stunde seines größten Triumphs setzte Carlo Ancelotti an zu einer nie da gewesenen Gardinenpredigt, die hellen Augen in seinem gutmütigen Gesicht Funken sprühend, die Mundwinkel verächtlich nach unten gezogen. Nicht gerade die Mimik eines Gewinners, und tatsächlich war ja Ancelottis AC Mailand mit zwei zwischen Langeweile und Hysterie schwankenden Unentschieden ins Finale eingezogen, die Zuschauer und Akteure besser schnell vergessen sollten. Aber nicht deshalb war der Milan-Trainer so wütend, dass er nach den dramatischen Schlussminuten schier zu platzen schien. „Dieses Massakrier-Spiel ist übertrieben worden“, schnaubte er, „Sie haben Hector Cuper und mich regelrecht gegrillt. Eine historische Chance wurde so verschenkt: Wer weiß, wann es wieder ein Mailänder Derby im Halbfinale geben wird.“ Nun war die „historische Chance“ zur Imageverbesserung des Mailänder Fußballs vor aller Augen auf dem Platz verspielt worden, aber Ancelotti meinte etwas anderes. Er wollte es nicht schlucken, dass am Vorabend der Begegnung sein Job und der des Kollegen Cuper zur Disposition gestellt wurden: Siegen oder gehen, diese Alternative hatte die Presse an die Wand gemalt, und die Reaktion des Siegers zeigte, dass der ungeheure Druck ganz offensichtlich auch anderswo erzeugt worden war. Siegen oder gehen, nach dieser Maxime läuft der italienische Fußball. Ancelotti selbst musste bei Juventus nach zwei hervorragenden Jahren weichen, weil er nur Zweiter geworden war. Das reichte bei Juve nicht, und es reicht auch nicht bei Milan, wo der Präsident Silvio Berlusconi, begleitet von den Regierungschefs Serbien-Montenegros und Albaniens, nach Andrej Schewtschenkos Führungstreffer in der Halbzeitpause noch Freude strahlend seine Bewunderer empfing, um nach dem Abpfiff eilig in seine gepanzerte Limousine zu steigen: „In der zweiten Halbzeit haben wir gelitten.“ Aber doch das Finale erreicht, das sechste seiner Ägide, wie Berlusconi nicht zu unterstreichen vergaß, während sein Angestellter Ancelotti sich jede Ergebenheitsadresse an den Padrone verkniff. Es wäre – zumal in Italien – der beste Zeitpunkt gewesen, den Finaleinzug dem Klub zu widmen, dem Ancelotti auch als Spieler viel gegeben hatte. Aber der Trainer dankte ausdrücklich nur seiner Mannschaft. Alle hatten verstanden. Nur nichts falsch machen an diesem Abend – das war die Vorgabe für Ancelotti wie Cuper, und das Ergebnis war ein großer Krampf, der die folkloristische Szenerie der fast 80000 von San Siro ad absurdum führte. In tagelanger Arbeit hatten die Tifosi riesige Spruchbänder bemalt, sie ließen tausende Wunderkerzen brennen und hunderte nachtblauer Luftballons in den Himmel steigen. Es war eine bewegende Kulisse, die zeigte, was der Fußball sein könnte in Mailand: immer noch große Oper und starke Emotion, obwohl alle wissen, dass nur das Ergebnis zählt.“
(14.5.)
Der legendäre Stratege mit der versteinerten Wodka-Gesichtslandschaft
Peter Hartmann (NZZ 14.5.) berichtet den Einzug Milans ins Finale. „“Heute Abend spielt Inter gegen Milan. Geht ins Kino“, hatte das spanische Blatt As dem Publikum empfohlen. Und hätte beifügen müssen: Aber seid noch vor der Halbzeit zurück vor dem Fernsehapparat. Denn die eigentliche Auseinandersetzung begann mit 45 Minuten gespielter Verspätung, nach einem verkrampften, hektischen, nicht enden wollenden Hickhack zweier vor Nervosität fast besinnungsloser Mannschaften, einem Patt, das durch die unglaublich hohe Fehlpassquote gewährleistet blieb. Erst die Verwarnungen von Inzaghi, Cristiano Zanetti und Rui Costa innerhalb von vier Minuten legten bei den Spielern das Adrenalin frei, die taktischen Zwangsfesseln fielen, und Hauptdarsteller waren nicht mehr die zwei einsamsten Männer in der Arena, die in ihren Kreide-Rechtecken um ihren Job gestikulierten. Plötzlich, in der Nachspielzeit, nach 47 Minuten und 28 Sekunden, war Schewtschenko eine Fussspitze näher am Ball als der herausstürzende Toldo, auf der linken Seite des Fünferraumes, links, wo Schewtschenkos Reflexe vielleicht noch immer besser funktionieren. Denn links hatte ihn Oberst Lobanowski, der legendäre Stratege mit der versteinerten Wodka-Gesichtslandschaft, bei Dynamo Kiew immer eingesetzt, und dies war ein wunderbar passendes Erinnerungsgeschenk für den alten Trainer. Lobanowski ist vor genau einem Jahr gestorben (…) Obschon der „Diavolo“ im Herbst das Land mit einer Trendwende zu einem beschwingt offensiven Spiel verblüfft und in der Euroliga Gegner wie etwa Bayern München, Borussia Dortmund und Deportivo La Coruña richtiggehend ausgespielt hatte, begann der Präsident und Mäzen Silvio Berlusconi in taktischen Fragen mitzureden. Der „Cavaliere“ konnte der populistischen Verlockung nicht widerstehen, als grosser Erwecker und Inspirator dieser Erneuerungsbewegung zu posieren. Die anfängliche Erfolgsformel des Trainers bestand in einer Löschblatt-Kopie des Schemas von Real Madrid. Mit nur einer eigentlichen Angriffsspitze: mit Filippo Inzaghi in der Rolle von Ronaldo. Eine kreative Reihe mit Seedorf, Rui Costa und Rivaldo und, als kühne Eigenerfindung, ein frei schwebender Libero vor der Abwehr in der Person von Pirlo, der zuvor bei Inter schon durch den Personalraster gefallen war. Der Padrone forderte auch immer seinen Favoriten Schewtschenko, gelegentlich sogar über Mobiltelefon zur Trainerbank (…) Dieser Milan-Sieg mittels doppelten Remis, aber mit dem “Auswärtstor” im gemeinsamen Stadion, ist das Ergebnis einer Art Kompromissformel: Alle spielten, bis auf Rivaldo, der auf Grund der letzten Auftritte nicht mehr vorzeigbar war. Der oberste Chef des Landes hat auch wieder seine wahrsagerische Fussballkompetenz zurückgewonnen, und Ancelottis Berufsehre bleibt trotzdem unangetastet.“
Armutszeugnis für die Squadra Cúpers
Über das Spielgeschehen informiert Felix Reidhaar (NZZ 14.5.). „Schliesslich gab das Auswärtstor zugunsten der in der Meisterschaft hinter Inter klassierten Milanisti den Ausschlag in einem Match, der ausser dem dramatischen Finale wenige Höhepunkte aufwies. Die Pausenführung des Diavolo entsprach dem Kräfteverhältnis,obwohl die beiden Parteien mit ihren grundverschiedenen taktischen Dispositiven wie schon im Hinspiel vor knapp einer Woche im Patt zu ersticken drohten. Weil die AC Milan in den ersten 45 Minuten erneut die initiativere und offensivere Mannschaft war, verdiente sie sich die späte Führung in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Schewtschenko, der in der 24. Minute mit einem Flachschuss das Tor in der bisher besten Chance knapp verpasst hatte, traf nach einem Dribbling im Strafraum an Cordoba vorbei in den Netzhimmel -eine Art Erlösung für den zuletzt oft gescholtenen Ukrainer, und für ein Duell mit vielen Fehlpässen beiderseits, mit vier Verwarnungen innert ebenso weniger Minuten und – verglichen mit dem ersten Match -sehr wenigen verheissungsvollen Strafraumszenen (…) Hochkarätige Inter-Stürmer wie den Argentinier Crespo nahm man erstmals an diesem Abend wahr, als erausgewechselt wurde, ein Armutszeugnis für die Squadra Cúpers, der jegliche Phantasie in der Offensive abging und die fast nur durch Standardsituationen Wirkung Richtung Tor erzeugte. Gleichwohl war es in den letzten zwanzigMinuten das Heimteam, das nun bedeutend mehr unternahm, um dem Match doch noch eine Wende zu geben – gegen einen Gegner freilich, der sich zunehmend stärker zurückzog und auf die Verwaltung des Vorsprungs beschränkte. Inter versuchte es zuweilen mit der Brechstange, allein die Abwehr Milans fiel erst in der 85. Minute, als der antrittsstarke Martins den Milan-Abwehr entwischte.“
weitere Pressestimmen zu diesem Spiel morgen
Vor dem Match Juve-Real
Real schafft sich seine Stars auch selber
Ronald Reng (FR 14.5.) beschreibt den immensen Stellenwert Raúls in Madrid. „Draußen in der Welt mag dieses Real-Team legendär für seine einzigartige Kollektion von magischen Spielern sein. In Spanien jedoch – und in Madrid, der in sich gekehrten Hauptstadt, sowieso – werden weder Ronaldo noch Luís Figo oder Zinedine Zidane jemals den Status von Raúl erreichen, der erst 25 Jahre alt ist, aber schon dreimal die Champions League gewonnen hat, der Kapitän und Rekordtorschütze der spanischen Nationalelf und vor allem einer von ihnen ist: einer aus Madrid. Drei Buchstaben und ein sehnsüchtiger Blick prangten vor dem Rückspiel im Champions-League-Halbfinale an diesem Mittwoch gegen Juventus Turin auf der Titelseite von Spaniens meistverkaufter Tageszeitung Marca: S.O.S. stand dort, darunter war Raúls Gesicht abgebildet. Wenn die Not am größten ist, rufen sie ihn. Drei Wochen nachdem ihm der entzündete Blinddarm entfernt wurde, soll der Angreifer in Turin zurückkehren, um den mageren 2:1-Vorsprung aus dem Hinspiel verteidigen zu helfen. Jedes Jahr kauft Real einen neuen Star, sagte Alex Ferguson, der Trainer von Manchester United, nachdem sein Team von Cupverteidiger Real beim 1:3 im Viertelfinal-Hinspiel sauber zerlegt worden war, und jedes Jahr wieder ist ihr bester Spieler der Junge aus der eigenen Nachwuchsschule. United mit seiner statischen Vier-Mann-Abwehr wusste nie, was zu tun war gegen Raúl, diesen Zwitter aus Angreifer und Mittelfeldspieler, der sich für einen Stürmer ungewöhnlich weit zurückfallen lässt, um dann für einen Mittelfeldspieler ungewöhnlich oft in den Strafraum einzudringen. Man braucht die Diskussion, wer denn der allerbeste unter all den wunderbaren Fußballern von Real ist, gar nicht erst anzufangen, weil man dann nie aufhören würde. Fergusons Zitat jedoch führt auf eine andere Spur: Real, das vor allem als die den Erfolg kaufende Supermacht wahrgenommen wird, schafft sich seine Stars auch selber, wie sonst im internationalen Spitzenfußball allenfalls noch United: Drei aus der eigenen Jugendschule spielen fast immer, Torwart Iker Casillas, Verteidiger Pavón, Guti oder Miñambres im Mittelfeld, Portillo im Sturm; und über allen Raúl, das Symbol dieser unbeachteten Seite von Real.“
Der Gruppe den eigenen Ehrgeiz unterordnen
Birgit Schönau (SZ 14.5.) erläutert den Einfluss Lippis. „Während um sie herum die Starensembles der Konkurrenz in Finanzkrisen zerbröselten, schaffte es Juventus als einziger Großklub im sechsten Jahr in Folge, auch die geschäftliche Bilanz positiv abzuschließen. Und Lippi schuf eine Mannschaft, DIE Mannschaft in Italien. Sicher, es gibt Alessandro Del Piero, einen der bestverdienenden Fußballer des Erdballs, und neben ihm den wendigen Franzosen David Trezeguet. Das Herzstück der Juve aber ist der schweigsame Tscheche Pavel Nedved, der in jedem Spiel rennt wie ein Besessener, ein echter Instinktfußballer. Oder Edgar Davids im Mittelfeld, der vor keinem Einsatz zurückschreckt und deshalb für das Spiel gegen Real Madrid – wieder einmal – gesperrt ist. „Es ist wichtig, Spieler zu haben, die verstehen, dass eine Mannschaft nicht aus Individualismen zusammengewürfelt sein kann“, hat Lippi in seinen Memoiren „Mein Fußball, meine Juve“, gepredigt, noch bevor er zu Inter ging, wo die Kicker genau das bis heute nicht verstanden haben. Der Gruppe den eigenen Ehrgeiz unterzuordnen, das ist Marcello Lippis Programm, und in diesem Sinn ist er die Inkarnation des italienischen Trainers. Geniale Individualisten wie Roberto Baggio hatten es schwer mit ihm. Noch heute wirft Baggio seinem früheren Trainer vor, wie Lippi ihn geschleift habe, und dass er, Baggio, noch nicht einmal scharfes Paprika-Gewürz im Salat essen durfte, weil Lippi befand, das täten alle anderen ja auch nicht.“
Nedveds anhaltende Weltklasseform
Dirk Schümer (FAZ 14.5.) porträtiert den tschechischen Star im Juve-Dress. „Der Spieler, der Italiens Meisterschaft entscheidet, heißt Pavel Nedved. In seinem zweiten Jahr bei Juventus Turin holte der tschechische Mittelfeldspieler am Wochenende den zweiten Scudetto. Nedved wird der Titel beinahe zur Gewohnheit, hatte der 30 Jahre alte Spielmacher vor drei Jahren doch bereits mit Lazio Rom triumphiert. Seinem heutigen Gegenspieler, dem gleichaltrigen Zinedine Zidane in Diensten von Real Madrid, blieb diese Freude in seinen letzten drei Spielzeiten bei Turin versagt, bevor er 2001 nach Madrid wechselte und dort ebenfalls die für die Meisterschaft erforderliche Konstanz vermissen ließ. Während Zidane in den Pokalwettbewerben lieber als Feiertagsspieler brilliert, ist auf Nedved auch im ödesten Liga-Alltag Verlaß. Nicht zuletzt wegen Nedveds anhaltender Weltklasseform wird der jüngste Meistertitel dem Tschechen von Italiens Sportpresse quasi persönlich gutgeschrieben. Auch als Weltfußballer des Jahres hat sich der Tscheche jetzt nachhaltig ins Gespräch gebracht. Trotz überharter Manndeckung schaffte es der wendige Spieler, in der Serie A auch die vermeintlich schwachen, aber tückischen Gegner mit Freistößen oder Feldtoren niederzuzwingen. Nedved, dessen Ausnahmetalent in jungen Jahren noch eine gewisse Laxheit entgegenstand, hat sich seit seinem Arbeitsantritt in Italien vor sieben Jahren die verbissene Härte und die Durchsetzungsfähigkeit angeeignet, die ein Spieler seines Formats heute benötigt (…) Weniger ballverliebt und genialisch als Zidane und nicht so athletisch und kämpferisch wie Figo, hat Nedved gleichwohl diverse Qualitäten, die ihn an beide Stars heranreichen lassen: das Auge für den überraschenden Paß, große Schußkraft, latenten Zug zum Tor sowie unermüdliche Verbissenheit in den Zweikämpfen.“
Wie Moses durch das geteilte Meer
Stefan Hermanns (Tsp 14.5.) schreibt eine Hymne auf Zidane. „Zinedine Zidane wird im Juni 31 Jahre alt, zwei Jahre will er noch spielen, und wenn er dann seine Karriere beendet, werden Dichter Epen über ihn schreiben. Kaum ein Fußballer vor ihm hat die Phantasie der Intellektuellen so sehr angeregt wie Zidane. Oder besser: wie sein Spiel. Günter Netzer wurde in Deutschland auch deshalb besungen, weil er lange Haare trug, als seine Kollegen noch aussahen wie Panzerschützen, weil er Ferrari fuhr und eine Diskothek betrieb. Der fast schüchterne Zidane aber spricht nicht durch sein Aussehen oder seine Aussagen, er spricht allein durch seine Ballbehandlung. Es gibt ein Bild aus dem Viertelfinale der Champions League zwischen Manchester und Madrid, eine fast perfekte fotografische Komposition: Zidane aufrecht in der Mitte, von links rutscht Ole Solskjaer heran, von rechts Nicky Butt, aber Zidane hat den Ball schon über sie hinweggespielt. Er schreitet durch seine Gegner hindurch wie Moses durch das geteilte Meer. Doch Zidane ist nicht immer derart elegisch gefeiert worden. Der „Stern“ hat über ihn geschrieben: „Er stand lange unter dem Verdacht, ein französischer Andy Möller zu sein.“ Solange, bis er im WM-Finale 1998 gegen Brasilien zwei Tore köpfte.“
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„Drei große Nationen des Weltfußballs bereiten sich schon in der Vorrunde der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan auf Endspiele vor.“
„Drei große Nationen des Weltfußballs bereiten sich schon in der Vorrunde der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan auf Endspiele vor.“ Damit läutet die FAZ den dritten und letzten Spieltag der Vorrunde ein, der morgen beginnt und bei dem einige heikle Entscheidungen auf dem Programm stehen. Denn mit Frankreich, Argentinien und Italien stehen exakt jene drei Teams mit dem Rücken zur Wand, denen man vor Turnierbeginn am meisten zugetraut hatte.
Doch wer würde vom Scheitern der Großen profitieren? Wird 2002 zu einer WM der Afrikaner – wie von einige Experten im Vorfeld vermutet? Dagegen spricht das Ausscheiden der Nigerianer sowie der bisher bescheidene Auftritt des kontinentalen Titelträgers Kamerun. „Europa und der afrikanische Fußball, ein Verhältnis von Gleichberechtigten ist es nicht.“ Diese Beobachtung des Tsp könnte sich durchaus auf sportlicher Ebene wieder bestätigen.
Die von der Sportpolitik angestrebte „Osterweiterung auf der WM-Landkarte“ (NZZ) verspricht differenzierten Erfolg. Während Japan und Südkorea ihre Rückstände auf dem Rasen (sowie auf den Rängen) deutlich verkürzt haben, präsentierten sich Saudi-Arabien und China überfordert. Dahingegen hat Concacaf sein umstrittenes Kontingent gerechtfertigt: Die drei Teilnehmer USA, Costa Rica und Mexiko stehen noch ungeschlagen da. „Vom Gehalt der einzelnen Partien her sind bisher wenige Memorabilien zu registrieren gewesen“, formuliert die NZZ die Offenheit des Gewesenen; aber auch die des folgenden. Für Spannung ist also gesorgt.
„Im bisherigen Turnier gab es nicht den geringsten Anlass, anzunehmen, der friedliche Patriotismus könnte in gefährlichen Nationalismus umschlagen. Das hat sich nun offenbar geändert“, schreibt die SZ im Hinblick auf das Duell der Südkoreaner mit den Amerikanern. Die asiatische Bevölkerung pflegt ein zweiseitiges Verhältnis zu ihrem Bündnispartner.
Außerdem: Pressekonferenzen mit Völlerskibbe, Randalefreiheit in Japan, Reaktionen des englischen Boulevards, Stimmung in Japan u.v.m.
Die Wahrnehmung afrikanischer Fußballkultur kommentiert Helmut Schümann (Tsp 10.6.). „Schon der vormalige Bundestrainer Berti Vogts hat gerne und oft vor der Gefahr gewarnt, die da von jenem unbekannten Kontinent drohe, hat gepriesen, dass afrikanische Fußballer alles haben, was ein erstklassiger Fußballer braucht: nämlich Kraft und Schnelligkeit, Technik und Ballsicherheit, Leidenschaft und Erfolgshunger. Nur eins habe er nicht, der Afrikaner, und in diesem Punkt ging Vogts der Schnacksel-Prinzessin Gloria schon mal vorweg: Er ist ja so undiszipliniert, der Afrikaner. An dem Bild hat sich wenig geändert. Zwar spielen nahezu alle hier bei der WM vertretenen afrikanischen Spieler bei äußerst disziplinierten europäischen Großklubs, das Klischee aber hält sich, wie auch die Meinung, dass taktische Zucht und spielerische Ordnung am besten von westlichen Trainern eingebläut werden sollten, am allerbesten von deutschen Trainern.“
Ralf Wiegand (SZ 10.6.) zieht Zwischenbilanz. „Das WM-Turnier ist systematisch in die Enge getrieben worden von den ausufernden Spielplänen in Europa, die, der Champions League sei dank, auch noch permanent die besten Klubs in schneller Folge aufeinander hetzen. Selbst an einem Mittwoch im Februar. Und für jene vier Sommerwochen, in denen die ganze Welt dann mal Spaß habenkönnte an den Besten der Besten, fehlen denen die Kraft und die Frische. Dass einzelne Spiele unberechenbarer werden, weil die Kleinen Fortschritte gemacht haben – gut so. Wenn aber das ganze WM-Turnier zu einer Konditions-Lotterie verkäme, (…) wäre das bedauerlich.“
Die Anteilnahme der Gastgeberländer am Geschehen bewertet Mark Schilling (NZZ 10.6.). „Die Fußballbegeisterung in Asien wird nur entfacht, wenn die Veranstalterländer am Werk sind; sonst stehen die Asiaten wohl nicht teilnahmslos, aber eben doch weitgehend desinfiziert vom Fußball-Virus dem Geschehen gegenüber. Hier gar von „Gleichgültigkeit“ zu sprechen, würde ihren Bemühungen, möglichst perfekte Gastgeber zu sein, nicht gerecht werden. Doch der beinahe missionarische Eifer der Fifa, aus dem Fußball das letzte gebrauchte Esperanto abzuleiten, hat in den beiden Ländern seine Grenzen aufgezeigt erhalten.“
Verschiedene Fußballkulturen könnten voneinander lernen, findet Peter B. Birrer (NZZ 10.6.). „Die Auftritte der japanischen Fußballer sind auf jeden Fall schon jetzt zu einem Erlebnis geworden, das anders, vielleicht etwas künstlicher, steriler und geordneter gelebt wird als in Stadien anderer Länder. Aber das Heroen liebende japanische Publikum ist außerordentlich fair, scheint die Unsitte des penetranten Auspfeifens nicht zu kennen und lässt den Gegner auch sonst weitgehend in Ruhe. So könnten die einen von den anderen vielleicht immer noch ein bisschen mehr Fußball-Sachverstand übernehmen – um dafür von ihrem vorbildlichen Anstand ein wenig zurückzugeben?“
Die Verteilung der WM-Plätze scheint gerecht zu sein, so die NZZ (10.6.). „Der Weltfußballverband hat in den letzten Jahren von verschiedener Seite Kritik einstecken müssen für sein Zugeständnis, dem Kontinentalverband Concacaf (Zentral- und Mittelamerika sowie Karibik) an jeder WM-Endrunde drei fixe Plätze zu reservieren. Vor allem Afrika (fünf Plätze), aber auch die Asiaten und vor allem Ozeanien (ohne Platz) gehören der Fraktion an, die sich für eine Umverteilung stark machen. Nimmt man den bisherigen Turnierverlauf als Maßstab, hat die Fifa bei der Festlegung der Kontingente ein feines Gespür entwickelt. Die Vertreter des Concacaf kennen an dieser WM das Gefühl der Niederlage nur vom Fernsehen – als einziger ungeschlagener Kontinentalverband. Mexiko und die USA stehen mit blütenreiner Weste da, Costa Rica liebäugelt mit vier Punkten aus den Partien gegen China und die Türkei mit einem Platz in den Achtelfinals.“
Die Stimmung in Japan kommentiert Peter Heß (FAZ 10.6.). „Vor diesem Sonntag war die allgemeine Ansicht im Lande gewesen, diese WM-Endrunde komme zu früh. Eine Reaktion auf die WM 1998 in Frankreich, als sich Japan erstmals qualifiziert hatte. Damals wurde die Öffentlichkeit glauben gemacht, dass der japanische Fußball sehr stark geworden sei – und dann setzte es drei Niederlagen in der Vorrunde. Vergesst es, dieses Mal könnt ihr uns nicht zum Narren halten, so könnte man die verhaltene Stimmung in Japan auf alle Versuche der Medien und staatlichen Organisationen beschreiben, vor diesem Turnier ein WM-Fieber auszulösen.“
Pressestimmen zum Spiel Japan-Russland (1:0)
Pressestimmen zu den Spielen der Gruppe C (TUR-COS, BRA-CHN)
Pressestimmen zum Sieg Südafrikas gegen Slowenien (1:0)
Pressestimmen zum Spiel Italien-Kroatien (1:2)
Pressestimmen zum Verhältnis zwischen Südkorea und USA
Die Reaktion der englischen Boulevardzeitungen nach dem Sieg gegen Argentinien kommentiert Wolfgang Hettfleisch (FR 10.6.). „Es versteht sich, dass die Sieger in sämtlichen Spalten allesamt als Helden hochleben. Wo doch selbst die Times alle angeborene Nüchternheit über Bord warf mit der Prophezeihung, einzig die englische Elf habe das Talent und die Bestimmung, deren es bedürfe, um Weltmeister zu werden. Wenn sie denn gut genug sind, kann niemand ernstlich was dagegen haben. Lautstärke und Tonart des nationalistischen Geheuls nach dem Sieg über Argentinien ließe für eine Wiederholung des Triumphs im eigenen Land 1966 freilich das Schlimmste befürchten, was Englands Schlagzeilen-Fabrikanten anlangt.“
Ronald Reng (FR 10.6.) war mit irischen Fans im Pub. „Ausgerechnet das kleine Land mit nur 3,5 Millionen Einwohnern brachte die meisten Fans nach Japan. Und was für welche: Sie alle sehen sich in der verdammten Pflicht, fröhlich zu sein. Denn ihre Ausgelassenheit ist die irische Art, den historisch ungeliebten Engländern die Zunge rauszustrecken. Traditionell interpretieren englische Fans Spaß so, dass sie sich betrinken, alles vollpinkeln und ein paar Leute verprügeln. In ihrem Drang, anders als die Engländer zu sein, entschieden die irischen Fans irgendwann, sich zu betrinken, alles vollzupinkeln und permanent gut gelaunt zu sein.“
In dem unübersichtlichen Wust von TV-Expertenrunden hat Gerda Wurzenberger (NZZ 10.6.) eine Perle gefunden. Es handelt sich um die dreiminütige Vorschau von Arte (täglich 19.45h), in der Fußballtrainer Arsène Wenger und Politiker Daniel Cohn-Bendit mit historischen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründen über die beteiligten Nationen der jeweiligen Spiele des nächsten Tages vertraut machen. „Unter den vielen Bemühungen, Fußball zu intellektualisieren, gehören diese kurzen Beiträge zu den wirklich überzeugenden. Da wird für einmal nicht mehr versprochen, als geboten wird, da wird nicht gequasselt, sondern Stimmung uns Wissen fernsehgerecht vermittelt und werden Fragen so gestellt, dass sie über das pure WM-Geschehen hinaus nachwirken. Wer das nicht gesehen hat, hat ein echtes Highlight dieser Fußball-Weltmeisterschaft verpasst.“
Über die Bedeutung von „soccer“ in den USA heißt es bei Heinrich Wefing (FAZ 10.6.). „Fußball interessiert hierzulande ohnehin niemanden. Um zu ermessen, welchen Stellenwert „soccer“ in den Vereinigten Staaten spielt, muss man nur wissen, dass die amerikanische Frauennationalelf populärer ist als die Männermannschaft. Soweit man von Popularität sprechen mag bei Zuschauerzahlen in der Major League, der höchsten Spielklasse, die regelmäßig etwas Geheimbündlerisches haben. Und diese mikroskopische Zielgruppe schrumpft nach Mitternacht noch weiter. Dann schauen nur die Schlaflosen und die Enthusiasten. Wobei die erste Gruppe weitaus größer sein dürfte als die zweite.“
Die ungewohnte asiatische Stadionatmosphäre erlebt Andreas Bernard (SZ 10.6.) vor dem Fernsehgerät. „Wenn David Beckham im Spiel der Engländer gegen die Schweden zu einem simplen Querpass in der eigenen Hälfte ansetzte, ging durch das Stadion von Saitama jedes mal ein Raunen, wie man es nur bei den spektakulärsten Aktionen kennt, bei einem Fallrückzieher oder bei einem Freistoß ans Lattenkreuz. Die ganze Fremdheit des Fußballspiels, wie sie für die meisten japanischen Zuschauer weiterhin Bestand hat, kam in diesem Moment zum Vorschein. Es wurde einem Spieler zugejubelt, der auch in Asien bereits ein Idol ist, aber in einer Spielszene, die das nicht vorsieht. Für den europäischen Zuschauer hatte diese Reaktion etwas Irritierendes. Plötzlich war die zuverlässige Verbindung zwischen Spielfeld und Tribüne durchtrennt. Die Bewegungen der Bilder und der Stimmen stimmten nicht mehr überein, überlagerten sich, wie in schlecht synchronisierten Filmen.“
Die Öffentlichkeitsarbeit des deutschen Trainerduos beschreibt Michael Horeni (FAZ 10.6.). „Auf der täglichen Pressekonferenz erscheinen Teamchef und Trainer im Wechsel, wobei die halbstündigen Auftritte mittlerweile Züge eines ritualisierten Rollenspiels mit unfreiwilliger Komik tragen. Völler beschützt seine Spieler vor öffentlichen Angriffen und warnt vor übertriebenen Erwartungen. Sein Herold gibt dagegen den notorischen Optimisten, der locker über jede Schwierigkeit, Verletzung oder sonstige Unannehmlichkeit hinwegredet. Das begann schon in der Vorbereitung, als er Christian Wörns einen Tag vor dessen Absage als topfit bezeichnete. Nach der Ankunft in Japan schwärmte Skibbe davon, dass die Spieler die Zeitumstellung exzellent verkraftet und den neuen Rhythmus schon gefunden hätten. Zehn Minuten später gestand Carsten Ramelow, dass ihn der Schlaf zur Mittagszeit gnadenlos übermannt hatte. So ging es in einem fort mit den gebügelten Kommuniqués.“
Dass Randale bisher ausgeblieben sind, führt Anne Scheppen (FAZ 10.6.) nicht zuletzt auf die akribischen Sicherheitsvorkehrungen vor Ort zurück. „Die japanische Polizei, der Grenzschutz und die Organisationskomitees haben bis jetzt gute Arbeit geleistet. In Zusammenarbeit mit ausländischen Sicherheitskräften – vor allem mit britischen, deutschen und französischen – kamen viele potentielle Störenfriede erst gar nicht ins Land. Sauber sind Fanblöcke und Zuschauerströme getrennt worden, ruhig und akkurat wurde den Stadionregeln Geltung verschafft. Man kann nicht sagen, dass die Vorbereitung übertrieben wurde – was aber mit Sicherheit übertrieben wurde, war die „Aufklärung der Öffentlichkeit“ vor den Spielen. Täglich flimmerten die „praxisnahen Übungen“ der Ordnungshüter über die Bildschirme der Fernsehsender, am laufenden Band wurden neue Wunderwaffen gegen Hooligans vorgestellt. In den Wochen vor der WM konnte man in Japan den Eindruck gewinnen, dass Fußball hauptsächlich Randale ist. Und manch einer muss sich gefragt haben, warum sein Land sich so für einen Sport verausgabt, wenn dieser doch nichts als Ärger und Schulden bringt.“
zum Team Costa Rica
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Der DFB
Der DFB hat einen Zuschuss in Höhe von etwa 5.000 zurückgezogen, den er einer Ausstellung („Tatort Stadion“) zugesagt hatte, die Rassismus und Diskriminierung rund um den Fußball thematisiert. Grund dafür ist die Schautafel („Tatzeugen Vorbilder“), auf der Zitate des DFB-Präsidenten und ehemaligen Kultusminister Baden-Württembergs Mayer-Vorfelder aus den letzten Jahrzehnten aufgelistet sind. „Wieder einmal haben Deutschlands höchsten Fußball-Repräsentanten seine stammtischartigen Sprüche eingeholt“ (Jörg Marwedel in SZ 09.01.). „Wenn einer der größten Sportverbände der Welt einen Chef hat, der nicht zitierfähig ist, dann ist das bedauerlich“ findet auch Matti Lieske (taz 21.01.). Die Ausstellung wird jedoch vom DFB als „primitiver Versuch“ gewertet, ihren Präsidenten „in die rechte Ecke zu stellen“. „Erneut tut sich der DFB schwer mit Kritik aus der Öffentlichkeit“ (Erik Eggers in NZZ 10.01.). Die Ausstellungsmacher (Bündnis aktiver Fußballfans: Baff) wiederum empfinden diese Maßnahme als Zensur und halten an ihrem Konzept fest, zumal da sie eine breite Zuschauerresonanz erfahren. Inzwischen haben sich noch andere Befürworter distanziert: der Hamburger Sport-Verein, der Vizepräsident der Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) Michael Preetz sowie der renommierte Gewaltforscher Gunter A. Pilz. Wie reagiert die Sportöffentlichkeit?
Zunächst kritisiert die Sportpresse MVs unreflektierten sprachlichen Umgang mit einem „Vokabular der Rechtsextremen“. „Darf man den DFB-Chef wegen dieser Zitate in die Nähe von Rechtsextremisten rücken“? Seine Frage beantwortet Marwedel – wie die meisten Autoren – differenziert, doch: „Derlei Äußerungen seien idealer Nährboden zur Stärkung rassistischer Gesinnung in den Fankurven“. Für Lieske sind es „Aussagen, die sehr wohl wahlweise als rassistisch, völkisch, diskriminierend, infam interpretiert werden können“. „Rassismus“, diagnostiziert Friedhard Teuffel (FAZ 09.01.), „äußert sich nicht nur im ausländerfeindlichen Sprechchor von Fans und im Flugblatt der rechtsextremen Partei, er wird auch von den Fußballfunktionären durch primitive Formulierungen gefördert.“ „Xenophober Unterton“, werde laut Christoph Ruf (taz 20.01.), „in den Kurven nicht zu Unrecht mit `Ausländer raus´ übersetzt und dementsprechend umgesetzt.“ In diesem Zusammenhang wird oft die Aussage rechtsextremer Fußballfans kolportiert, die ihre Freude über die damalige Wahl Mayer-Vorfelders kundtaten, „dass jetzt einer von uns“ an der DFB-Spitze rangiere. Der Fall zeige folglich, dass Rassismus nicht nur von den Rändern der Gesellschaft komme, „sondern auch aus ihrer Mitte“ (Teuffel) und der „politischen Elite“ (Philipp Selldorf in SZ 12./13.01.). Teuffel schlussfolgert: „Gut täte eine Förderung der Ausstellung gegen Rassismus und ein kluger Umgang mit der deutschen Sprache.“
In die Kritik der Öffentlichkeit gerät zudem die Führung des DFB. „Die Hüterin der Moral […], die von den Profis vorbildhaftes Verhalten in allen Lebenslagen fordert“ (Teuffel) reagiere wiederholt dünnhäutig auf Kritik von Außen. Schon bezüglich der Aufarbeitung eigener historischer Vergangenheit habe „der DFB gehofft, dass es sich irgendwann von selbst erledigt“ (Markus Hesselmann in Tagesspiegel 19.01.). „Dieser Unwille, sich mit Problemen zu beschäftigen, die scheinbar mit Sport nichts zu tun haben, ist weit verbreitet und zieht sich durch die Sport-Geschichte“ analysiert Christoph Albrecht-Heider (FR 19.01.). „Anstatt zu beklagen, dass der DFB-Präsident `in die rassistische Ecke´ gestellt werden sollte, wäre es allemal besser, sich einen zu wählen, der in diese Ecke gar nicht passt“ (Lieske). „Ich betrachte das als eine Diffamierung. Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Rassist bin“, hatte MV entschuldigend gesagt und behauptet, er sei außerhalb des Zusammenhangs und teilweise nicht authentisch zitiert worden. Dieses „laue Dementi“ hält Hesselmann für „eine dumme Strategie“. „Besser wäre es allerdings gewesen, wenn sich der DFB-Präsident […] von rechtem Gedankengut distanziert hätte“ schreibt Selldorf. „Interessant auch die Frage, aus welchem Zusammenhang wohl [solche] Sätze gerissen sein können“ (Lieske). „Hätte ein halbwegs wichtiger Politiker aus der großen Mitte sich ähnlich wie Gerhard Mayer-Vorfelder geäußert, noch der letzte Ortsvereinsunterkassierer der Opposition hätte von `restloser Aufklärung´ gedröhnt und die `Rücktritt´-Keule geschwungen“ (Albrecht-Heider). „Joschka Fischer“ schreibt Ruf, „musste sich von Dingen distanzieren, die viel weiter zurückliegen als das älteste MV-Zitat.“ „Dass er (MV, of) das gesagt hat, das ist ihm heute natürlich peinlich“ (Selldorf). Lieske bedauert daher, dass dessen Reaktion nicht folgendermaßen ausgefallen ist: „Es tut mir Leid, dass ich je so etwas gesagt habe. Ich bin mir bewusst, dass diese Sätze des Präsidenten eines großen Sportverbandes nicht würdig sind und ich werde Sorge tragen, dass Derartiges nicht mehr vorkommt. Selbstverständlich wird der DFB die Ausstellung mit den zugesagten 5.000 Euro fördern.“ Solche Äußerungen hätten Glaubwürdigkeit und Reputation Mayer-Vorfelders sowie dem Ansehen des Fußballsports sicherlich gut getan. Leider sind sie nie gefallen.
Einen Protegé hat MV jedoch gefunden. Instinktsicher schlägt sich der kicker (14.01.) – namentlich Herausgeber Karl-Heinz Heimann – auf die Seite des Funktionärs. Er verurteilt die Ausstellung („Eine Ausstellung stellt sich selbst ins Zwielicht“), gibt aber zu, diese noch nicht gesehen zu haben. Dieses Versäumnis wird er nunmehr vermutlich nicht mehr nachzuholen gedenken, denn er wittert in der Ausstellung „eine neue Plattform, um die ideologischen Schlachten der 60er und 70er Jahre neu zu beleben.“ Folgerichtig übernimmt Heimann die reichlich beschönigende Formulierung aus der DFB-Führung, MV sei bekannt für seinen „flapsigen“ Ton. Bedenklich ist insbesondere sein kurzer Argumentationsweg. Das SA-Zitat habe „ja nun für jedermann erkennbar nichts mit Rassismus und Fußball zu tun“. Die SA hat nichts mit Rassismus zu tun? So kann man es natürlich auch sehen. Doch anstatt die Ausstellungsmacher für die Auswahl der Zitate anzugreifen, hätte man sich an dieser Stelle von Deutschlands Fachmagazin Nummer Eins eine kritischere Betrachtung des DFB-Chefs gewünscht. Immerhin handelt es sich bei der Aussage nicht nur um eine Verharmlosung derjenigen faschistischen Schlägertruppe, die bis zu ihrer zwanghaften Auflösung 1934 die extremste Weltanschauung vertrat, sondern auch um eine außerordentliche Diffamierung derjenigen, die diesem Vergleich ausgesetzt sind. Heimann jedoch will durch die Platzierung des Zitats im Rahmen der Ausstellung eine „Diskriminierung [sic!]“ Mayer-Vorfelders durch die Organisatoren erkannt haben. Diesen damit freisprechen zu wollen, stellt jegliche Logik rationalen Argumentierens auf den Kopf. „Die einen wollen sich nicht mit dem DFB-Chef anlegen, die anderen sagen hinter vorgehaltener Hand: Jawoll, stimmt doch alles, was der gesagt hat, und die dritten empfinden alles Nichtsportliche als lästig“ schreibt Albrecht-Heider resümierend. Er scheint kicker-Leser zu sein.
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Zwei Richtigstellungen betreffend öffentlicher Ursachenforschung in Sachen Fußballtaktik.
Zwei Richtigstellungen betreffend öffentlicher Ursachenforschung in Sachen Fußballtaktik. Verzeihen Sie bitte den belehrenden Tonfall.
1. Christian Wörns (Borussia Dortmund) wurde von den Gästen des DSF-Stammtischs Doppelpass sowie den Pfostenschusszählern vom kicker (Note 5) das erste Gegentor durch den Wolfsburger Klimowicz angelastet, weil er direkt vor dieser Aktion angeblich „völlig falsch reagiert“ habe und „seinen Gegenspieler im Rücken alleine“ (kicker) gelassen haben soll. Richtig ist jedoch, dass der Dortmunder keine andere Wahl hatte, als sich „zum Ball zu orientieren“, was ihm der kicker unberechtigterweise vorwirft. Nämlich ist zu bedenken: Die Wolfsburger führten gerade einen Überzahlangriff durch (3 gegen 2), sodass sich die beiden Abwehrspieler zum Ball hin orientierten und (wie es so schön und oft verächtlich heißt) „im Raum“ staffelten – den ballfernen Stürmer folglich „vernachlässigten“. Hätte Wörns, wie von den „Experten“ im Nachhinein geheißen, Klimowicz „eng“ gedeckt, hätte er diesen sicherlich ausgeschaltet, gleichzeitig jedoch seinen Teamkollegen einer 1:2-Situation überlassen und einen möglichen Torerfolg den Wolfsburger Stürmern erleichtert. Durch Wörns´ Laufbewegung zum Ballführenden hin, hat er den gegnerischen Torerfolg erschwert und damit richtig gehandelt. Dass dieser dennoch gelang, ist der glänzenden Flanke des Wolfsburgers zu verdanken und war im Endeffekt nicht zu verhindern. Der Fehler ist vielmehr in der Tatsache zu suchen, dass die Dortmunder Deckung den Wolfsburgern einen solchen Überzahlangriff gestattete.
2. Oliver Kahn wurde beim Länderspiel gegen die Niederlande (1:3) von der schreiben und sendenden Zunft eine fehlerfreie (teilweise gar brillante) Leistung attestiert. Falsch: Ein Foto (s.u.) belegt, dass er beim 1:2 durch Hasselbaink zu spät (re)agierte, wodurch der den zwar festen, aber unplatzierten Schuss passieren lassen musste. Dazu: Ein Torhüter hat vor jeder möglichen Toraktion eines Gegners einen „Auftaktsprung“ durchzuführen, wobei es hauptsächlich auf das Timing ankommt. Optimal ist dieser gelungen, wenn er exakt zum selben Zeitpunkt landet, wie der Ball das Schussbein des Schützen verlässt. Dies hat muskuläre Vorspannung zur Folge und gewährleistet eine bessere Reaktionsfähigkeit bei der Anschlussaktion (Hecht, Sprung, Faustabwehr etc.): ähnlich übrigens einem Tennisspieler beim Volley am Netz. Schaut man auf das Bild, sieht man jedoch eindeutig, dass der Torschuss des Holländers schon abgeschlossen ist, während Kahn sogar noch in der Luft ist. Durch diese mangelnde Vorbereitungsaktion war es dem Torhüter sodann unmöglich, den Torerfolg zu verhindern. Was übrigens nichts daran ändert, dass der Ballverlust des Mittelfeldakteurs Kehl diese Situation erst ermöglichte. Einem Tor geht schließlich zumeist eine Kette von Fehlern voraus.
Oliver Fritsch
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Wie einst Cassius Clay (7.8.): lange Verletztenliste bei Bundesligaklubs – VfB Stuttgart streicht Siegprämien – Schwarzgeldaffäre – Beiersdorfer neuer Sportchef beim HSV – Ronaldo u.a. (mehr )
Wie einst Cassius Clay (7.8.): lange Verletztenliste bei Bundesligaklubs – VfB Stuttgart streicht Siegprämien – Schwarzgeldaffäre – Beiersdorfer neuer Sportchef beim HSV – Ronaldo u.a. (mehr )
Schwarzgeldaffäre in der Bundesliga? Die SZ meldet Beschuldigungen in Richtung Christoph Daum, Jens Nowotny, Bayer Leverkusen und den DFB: ein if-Dossier
Nach unten geht es schneller als nach oben (5.8.): Prognosen im Vorfeld der Bundesligasaison – Generation 2006 – Bayern-Sieg in Madrid – Situation beim 1. FC Kaiserslautern – AC Fiorentina pleite u.a. (mehr )
Die einstige Boombranche Fußball kränkelt (1.8.): Vorbereitung bei 1860, Schalke – Hamburger Vorstandsquerelen – finanzielles Aus für die Fiorentina? – Ligapokal u.a. (mehr )
Wie das Halten von Unhaltbaren (30.7.): Zur Diskussion um die WM-Leistung von Oliver Kahn – über die Vorliebe der Bundesliga für Südamerikaner – Saisonvorbereitung in Kaiserslautern und auf Schalke u.a. (mehr )
Obszöne Forderungen (27.7.): Die Entwicklungen auf dem Transfermarkt – ein Weltmeister in Berlin – Lizenzverweigerungen in Italien u.a. (mehr )
You´ve got to love them (25.7.): Zur Wahrnehmung der deutschen Nationalelf im Ausland
Auf der Sponsorentafel von München wird´s eng (24.7.): Saisonvorbereitung in Leverkusen, München – Trainerentlassung in Kaiserslautern – europäische Finanzkrise u.a. (mehr )
Guinessbuch-reife Vertragsposse am Neckar sowie Themen der letzten Tage (19.7.): Abschluss des Lizenzstreits zwischen Frankfurt und Unterhaching, Saisonvorbereitung der Bayern, Stuttgarter Finanzloch, Affäre Tøfting u.a. (mehr )
Schleppender Sommerschlussverkauf (16.7.): Finanzkrise des europäischen Fußballs, Reduzierung der Champions League, Lizenzstreit und weiteres (mehr )
Verlierer an den Verhandlungstischen (11.7.) Der Schauplatz verlagert sich derzeit vom grünen Rasen an die Verhandlungstische. Die Themen: Lizenzierungsstreit in der Zweiten Liga, finanzielle Perspektiven (Bundesliga) und Forderungen (U. Hoeneß) – (mehr ).
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Der Umschwärmteste der Abziehbilder-Stars
die Primera Division vor dem Saisonstart – Real Madrid hat seine sportlichen Hausaufgaben vernachlässigt – Häßler in Salzburg – die Foltermethoden im Irak
Der Umschwärmteste der Abziehbilder-Stars
Ronald Reng (BLZ 28.8.) bezweifelt die Stäke des großen Favoriten der Primera Division. “19 Tage reiste das schillerndste Team der Welt während der Saisonvorbereitung durch Asien, und irgendwann fragte sich Zinedine Zidane, der Zeremonienmeister in Reals Mittelfeld: Was mache ich eigentlich hier? 45.000 Zuschauer bei einem gewöhnlichen Training in Tokio, vor dem Hotel permanent ein hysterischer Mob von Fans, Rausgehen unmöglich, außer unter Polizeischutz zu noch mehr Werbeauftritten, noch mehr Pressekonferenzen – der Wahnsinn hatte Methode. Es waren vor allem wirtschaftliche Erwägungen, die Real in den fernen Osten zogen. Acht Millionen Euro nahm der spanische Meister durch Schaupartien und Werbeaktionen auf der Reise ein. Welchen Preis Real für die Tour zahlen muss, wird sich nun zeigen. An diesem Wochenende startet die spanische Liga in ihre neue Saison, und es ist sehr gut möglich, dass am Ende Real, in den vergangenen sechs Jahren dreimal Champions-League-Sieger, wieder sehr viel, wenn nicht sogar alles gewonnen haben wird. Mit der Verpflichtung von David Beckham hat Vereinspräsident Florentino Perez der Elf nun nach Luis Figo, Zidane und Ronaldo auch noch den Umschwärmtesten der Abziehbilder-Stars hinzugefügt. Doch noch nie gab es so viele Indizien, dass das Kunstmodell Real implodieren könnte. Die, nach sportwissenschaftlichen Gesichtspunkten, katastrophale Saisonvorbereitung ist dabei nur ein Argument. Die übellaunige Stimmung im Team, wo sich die Spieler von den übermenschlichen Erwartungen erdrückt füllen, ist ebenso eine Gefahr wie die leichtfertig dünn besetzte Defensive der Mannschaft. Dass wir für die Asientour bezahlen müssen, ist im Bereich des Möglichen, gesteht Sportdirektor Jorge Valdano. Während Real Sociedad San Sebastian, vorige Saison Madrids ärgster Widersacher und am Schluss Zweiter, wochenlang in Österreich zwei- bis dreimal täglich gezielt arbeitete, haben wir kein einziges Training von Substanz gemacht, klagte Zidane. Aber Real Sociedad ist ja auch kein Marketingprodukt. Sondern nur eine Fußballelf. Es gibt in der Primera Division, neben der italienischen und englischen die stärkste Liga, etliche solche Teams, über die in den Sportzeitungen erst ab Seite 13 geschrieben wird, hinter den Texten über den Ausflug von Beckham mit seinen Kindern ins Safariland.“
Georg Bucher (NZZ 28.8.) fügt hinzu. „Im Umfeld des FC Barcelona herrscht seit Wochen Ronaldinho-Mania. Alles dreht sich um die Diva aus Porto Alegre, mit 25 Millionen Euro – zehn Millionen weniger als Beckham – der zweitteuerste Transfer des Sommers. Barça setzt nach vierjähriger Titel-Durststrecke auf eine neue, Geduld erheischende Philosophie mit Klubsymbolen aus sportlich ergiebigeren Zeiten, verkörpert durch Sportdirektor Begiristain und Assistenztrainer Eusebio. Erst nächste Saison wird von Cheftrainer Frank Rijkaard eine Trophäe erwartet. Schwachstellen sollen der Türke Rüstü (im Tor) und der mexikanische Abwehrchef Marquez beheben. Die Nicht-Teilnahme an der Champions League erweitert gemäss Eusebio den Spielraum zum Experimentieren. Das Präsidium des 40-jährigen Anwalts Joan Laporta steht unter höherem Druck, zumal sich die Schulden auf über 200 Millionen Euro belaufen. Erstmals in der Klubgeschichte werden die Trikots Publizität tragen. Mit dem unglaublich antrittsschnellen Südkoreaner Lee Chun Soo, einer Entdeckung der WM 2002, wird Real Sociedad in der Champions League debütieren. Die Fäden ziehen soll Alkiza, der mit 33 Jahren und knapp 400 Ligaspielen aus Bilbao in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Sieht man von Makaays polemischem Wechsel von La Coruña nach München ab, haben die galicischen Klubs Deportivo und Celta unwesentliche Retuschen im Kader vorgenommen und dürften wie Valencia wieder vorne mitspielen.“
Felix Reidhaar (NZZ 28.8.) kommentiert das Ausscheiden von Grasshoppers Zürich in Athen. „Auch den FC Basel hatten die Grasshoppers und ihr Anhang im Kopf, als sie sich ihre Wunschvorstellungen für die internationale Saison ausmalten. Die einträgliche und werbeträchtige Tour des Rivalen vom Rheinknie durch berühmte Fussballarenen wie die Anfield Road in Liverpool, das Old Trafford von Manchester oder das Turiner Delle Alpi hatte im vergangenen Winter manch neiderfüllten bis beeindruckten Zürcher Blick auf sich gezogen. Die vielen geringschätzigen Kommentare aus Sankt Jakob zur Unverfrorenheit des Hardturm-Teams, sich dem wahren Champion des Landes mit einer Mischung aus Glück und Zufall in der Meisterschaft vor die Nase zu setzen, stachelten den Ehrgeiz zur Bestätigung von Leistung und Klasse zusätzlich an. Trotz Budgetreduktion und Investitionsstopp blieb die Ambition bestehen, die Basler Champions-League-Saison als Gradmesser zu nehmen. Doch GC ist nicht Basel. Das Wettkampfglück, das die Mannschaft von Christian Gross in der Qualifikation für die Meisterliga gegen den nachmaligen Uefa-Cup-Finalisten Celtic Glasgow erzwungen hatte, begleitete die Zürcher nicht nach Athen. Die vermeintlich günstige und in GC-Kreisen etwas gar oft beschworene 1:0-Ausgangslage reichte schliesslich nicht aus.“
Tobias Erlemann (Tsp 28.8.) empfängt Thomas Häßler in Salzburg. „Salzburg hat neben Wolfgang Amadeus Mozart einen neuen Helden. „Icke, wir freuen uns, dass Du da bist!!!“, prangt in dicken Lettern auf der Internetseite. Der österreichische Bundesligist SV Wüstenrot Salzburg feiert die Verpflichtung des deutschen Welt- und Europameisters Thomas Häßler. Recht ungewöhnlich, dass ein deutscher Profi in Österreich begeistert empfangen wird. In den 90er Jahren hatte „Die Piefke-Saga“ großen Erfolg, ein Film über Deutsche Urlauber in Österreich, die als arrogante Schnösel verhöhnt wurden. Im Gegenzug werden Österreicher in deutschen Boulevardzeitungen gerne als Dösis (doofe Österreicher) bezeichnet. Doch Fussball verbindet. Häßler jedenfalls ist glücklich. „Ich freue mich tierisch, hier zu sein“, sagt er. Schließlich sei Salzburg eine tolle Stadt und sportlich eine reizvolle Aufgabe.“
Wie gut wäre ein Sportler, wenn er alles geben würde, wirklich alles, weil er im Fall einer Niederlage sterben müsste?
Unglaubliches! Heike Faller (Zeit28.8.) berichtet die Folter des irakischen Fußballverbands. „Die schlimmsten Geschichten über den Fußball im Irak kündigen sich fast immer durch ein Lächeln an, das auf dem Gesicht des Interviewpartners erscheint und sich dann auf den Übersetzer überträgt. Es ist ein peinliches Lächeln, mit dem die demütigendsten Geschichten erzählt werden, und manchmal weitet es sich zu einem Lachen aus, worüber eigentlich? Vielleicht über die Dummheit einer Diktatur, die Spiel und Ernst nicht unterscheiden konnte. Das Gerücht, dass irakische Fußballspieler für verlorene Spiele inhaftiert und gefoltert wurden, tauchte 1997 zum ersten Mal auf. Der ehemalige Nationalspieler Sharar Hayder hatte im Exil in London als Erster darüber gesprochen. Zwei Fifa-Offizielle fuhren in den Irak und reisten ohne Ergebnisse aus Bagdad ab, wo sich niemand zu reden traute. Aber nach dem Sturz des Regimes hat sich bestätigt, dass die meisten irakischen Nationalspieler und Jugendnationalspieler der neunziger Jahre irgendwann einmal im Gefängnis waren. Drei der Spieler, die an diesem Abend in Teheran im Bus saßen, sind nach Niederlagen inhaftiert worden, „Bestrafung“ nennen die Spieler das noch heute, als hätten sie es irgendwie verdient. 1997 wurde die gesamte Nationalmannschaft für eine Woche in eine drei mal drei Meter große Gefängniszelle gesperrt, nachdem sie ein Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft gegen Kasachstan zu Hause mit 1:2 verloren hatte. Hayder Mahmoud, der Kapitän, musste in eine Isolationszelle, die rot gestrichen war und in der auch nachts rotes Licht brannte. „Man hat mich nicht geschlagen, aber ich hatte unglaubliche Angst, dass man mich auspeitschen würde. Ich hatte von Jabbar Hashem gehört und von Rhadi Snechal, dass man sie an die Decke gebunden und ausgepeitscht hat. Ich hatte Angst um meine Familie, die nicht wusste, wie es mir ging. Aber jeder im Irak kennt mich. Die Wärter haben mich in eine Zelle gesperrt und auf einen Tisch eingeprügelt. Ich musste dazu schreien, damit es so aussah, als ob.“ Der Innenverteidiger Hayder Obid hatte sich 1998 mit seiner Jugendnationalmannschaft drei Niederlagen in der Vorrunde der Asienmeisterschaft zuschulden kommen lassen, darauf stand eine Woche Gruppenhaft. Isham Mohammed kam nach der Asienmeisterschaft 2000 für eine Woche ins Gefängnis, nachdem der Nationaltrainer behauptet hatte, der Stürmer hätte seine Fußballschuhe vergessen, weshalb er ihn nicht habe einwechseln können, damit er den rettenden Ausgleich erziele. 1994 trat die U18-Nationalmannschaft bei einem Turnier in Algier an und belegte dort nur den vierten von acht Plätzen. Akram Salman, der Jugendtrainer, erinnert sich an die Fahrt zurück durch die Wüste, als er seinen Spielern versicherte, dass ihnen in Bagdad nichts passieren würde, obwohl er es besser wusste. Die Mannschaft kam für eine Woche ins Gefängnis, und einer der Spieler wurde ausgepeitscht, weil er auswärts mit einem Mädchen geflirtet hatte. Salman erinnert sich an ein Fußballspiel, das sie im Gefängnis spielen mussten, gegen die Wächter. Der 62Jährige ist seit 30 Jahren Trainer, und er weiß noch fast jedes Resultat, das eine Mannschaft unter seiner Leitung erzielt hat, aber dieses Spiel hat er versucht zu vergessen. „Manche der Jungs hatten zu viel Angst und konnten nicht spielen. Wir hatten keine Ahnung, wie wir spielen sollten. Ich dachte, man soll den Gegner vermutlich gewinnen lassen, aber dann wird man vielleicht bestraft, weil man nicht gekämpft hat.“ Im letzten Jahrzehnt der Diktatur gab es im Irak Spiele, die so unheimlich und merkwürdig sind wie diese Werbespots von Nike, die suggerieren, dass es beim Sport um Leben oder Tod geht. Eigentlich handeln sie von der Frage, die einen manchmal streift: Wie gut ein Sportler wäre, wenn er alles geben würde, wirklich alles, weil er im Fall einer Niederlage sterben müsste. Ob es ungeahnte Reserven gibt, die jeden in die Lage versetzen würden, die Tour de France zu gewinnen oder einen Elfmeter gegen Oliver Kahn zu verwandeln (und die Fähigkeit, solche Reserven anzuzapfen, ist es ja angeblich, die einen Weltklassetrainer von einem guten Trainer unterscheidet). Wie hat sich der Fußball der irakischen Nationalmannschaft vor dem Hintergrund solcher Drohungen verändert? „Die Spieler sind nicht entspannt“, sagt Coach Salman: „Sie sind nervöser, sie spielen schneller, aggressiver…“ Kämpft man in einer solchen Situation härter? „Ja, natürlich. Aber Kampf bringt nur etwas, wenn man ihn in ein Spiel umsetzen kann. Man kann nicht gut spielen, wenn man Angst hat.“ Aber warum? „Die Muskeln werden steif. Man macht mehr Fehlpässe.“ Hayder Mahmoud sagt: „Die Technik wird schlechter, die Konzentration lässt nach. Man denkt vielleicht nicht mehr an das Spiel oder an die Anweisungen des Trainers.“ Die Rolle irakischer Nationaltrainer in den neunziger Jahren, wie Coach Salman sie interpretierte: „Den Spielern sagen, dass sie sich entspannen sollen und nicht an das denken, was sie erwartet.““
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Die „einst spaßigste Mannschaft“ der Welt
Ronald Reng (SZ 31.5.) über die „einst spaßigste Mannschaft“ der Welt. „Manchmal spielen Teams nach einem Platzverweis zu zehnt besser als zuvor zu elft. Weil sie im Angesicht des sicheren Untergangs über sich hinauswachsen. Das ist die einzige Chance, die Irland ohne Keane hat. Aber so ein Kraftakt gelingt vielleicht einmal, wohl kaum in drei Vorrundenspielen. Mit Keane, ihrem Kapitän, ihrer Inspiration, ihrem Höllenhund im Mittelfeld, hätte Irland eine echte Überraschung der WM werden, das Viertelfinale erreichen können. Die Spieler in Izumo versuchen, nicht daran zu denken. Tapfer kämpfen sie um ihr Lachen. Im Mannschaftsbus haben sie eine Karte auf Roy Keanes nun leeren Platz gestellt. RIP Roy, steht darauf. Das ist die englische Abkürzung für: Ruhe in Frieden, Roy.”
Mit der durch einen Konflikt mit Trainer McCarthy provozierten Suspendierung Roy Keanes befasst sich Philipp Selldorf (SZ 28.5.). „Vieles ist wie früher. Manches nicht mehr. Damals war die Inselrepublik ein Land am Rande Europas; seit 1993 ist Irland der keltische Tiger mit dem höchsten realen Wirtschaftswachstum in der Union. Die quirlige, hektische Hauptstadt Dublin steht der Metropole London nicht nach; alle teuren Marken haben hier ihre Heimat gefunden, ein neuer Wohlstand hat das Land erfasst, und selbst die Heilsarmee baut großzügig neu. Auch Irlands Fußball schließt Bekanntschaft mit den modernen Zeiten. Beim Nigeria- Match machte der Verband gegen Rassismus mobil, ein bisher unbekanntes Phänomen auf der Insel. Da keimte sie schon, die „furchtbare Tragödie für Irlands Fußball“, wie der frühere Nationalspieler Paul McGrath es nannte. Der Konflikt zwischen McCarthy und dem aus Japan verbannten Kapitän Roy Keane, 30, entlud sich in persönlichen Angriffen, aber er brachte den Iren auch die neue Erfahrung von den Schwierigkeiten, die ein alle überragender Spieler hervorruft. Keanes Fanatismus als Fußballer hat ihn zum Weltstar gemacht, bei Manchester United erlebt er Professionalismus in Reinkultur, doch im Nationalteam traf sein Ehrgeiz auf die irische Genügsamkeit des Außenseiterbewusstseins.“
„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, scheint die Devise im irischen Lager zu sein. Nachdem Mick McCarthy noch definitiv ausgeschlossen hatte, sich mit Roy Keane zu versöhnen, berichtet die Irish Times (24.5.), dass die Rückholaktion Keane bereits auf vollen Touren läuft: „Premierminister Ahern bestätigte, dass er sich gegebenenfalls aus den Verhandlungen über eine neue Regierung zurückziehen werde, um über den irischen Kader zu verhandeln. Ein Regierungssprecher bestätigte weiterhin, dass Mr. Ahern bereits Kontakt zu Vertrauten von Roy Keane und Mick McCarthy aufgenommen und sich als Vermittlungspartner angeboten habe. Mr. Ahern bleibe jedoch auf alle Fälle neutral in diesem Konflikt. Die öffentlichen Sympathien sind hingegen klar auf Seiten von Mick McCarthy, der auch vom irischen Fußballverband volle Rückendeckung erfährt.“
Das Team Irlands hat mit der Suspendierung seines Kapitäns und Weltstars Roy Keane einen schweren sportlichen Verlust zu beklagen. Christian Eichler (FAZ 24.5.) berichtet über Deutschlands Vorrundengegner. „Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatten die gälischen Spiele, Hurling und Gaelic Football, großen Anteil am Entstehen eines Nationalbewusstseins in der armen Agrarkolonie des Empire – noch heute sind sie neben Kirche und Pub das Rückgrat des ländlichen Irland. Aber erst über den Fußball haben die neuen Iren die Welt entdeckt. Tausende der fröhlich-grünen Fans, die 1990 italienische Stadien bevölkerten und Sympathien gewannen, hatten zuvor nie ihre Heimat verlassen. Viele nahmen für die Reise nach Amerika 1994 Kredite auf, an denen sie noch heute zahlen, da sie wieder einen neuen für Japan und Korea brauchen (…) Ein Ausfall des Stars von Manchester United, der zuletzt wegen Knieproblemen fünf Länderspiele verpasste und im Klub eine frustrierende Saison erlebte, galt lange als der größte denkbare Rückschlag. Nur mit Keane, hieß es, habe das Team Herz und Hirn. Geführt von dem Mittelfeldantreiber, wurde es mit kompakter Abwehr und flinken Stürmern zu einem Team, für dessen größte Qualität das englische Blatt „Observer“ einen Vergleich aus dem Boxsport heranzog: „Punch above its weight“, die Schlagkraft einer höheren Gewichtsklasse als die, der man angehört.“
Streit oder gar Schlägereien zwischen Spielern, Streit zwischen Spieler und Trainer oder zwischen Spielern und Konditionstrainer scheinen bei der WM-Vorbereitung in fernöstlichem Klima an der Tagesordnung zu sein. Dominic Fifield und Daniel Taylor (Guardian 24.5.) gehen den Streitigkeiten im irischen Team nach. „Roy Keanes internationale Karriere scheint letzte Nacht ein bitteres und explosives Ende gefunden zu haben, als der Mittelfeldspieler der Iren mit Schimpf und Schande von seinem Manager Mick McCarthy nach Hause beordert wurde. „Wir stehen zu 110% hinter Mick“ sagte Torhüter Alan Kelly. „Ich war darüber schockiert, was Roy alles gesagt hat; die meisten Spieler waren es. Ich hätte keine Bedenken ihm zu sagen, dass das, was er gesagt hat, nicht akzeptabel ist. Es gibt eine Grenze, die man nicht überschreiten sollte, aber Roy hat sie überschritten.“ McCarthy fügte dem hinzu: „Ich kann und werde solche Beschimpfungen nicht tolerieren. Das ist eine schwerwiegende Entscheidung, aber ich kann nicht mit einem Mann ins Turnier gehen, der nur Missachtung und keinerlei Respekt für mich übrig hat. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, nicht nur zu meinem Vorteil, sondern zum Vorteil des ganzen Kaders. Ich habe Leute verteidigt, unterstützt, bin für Leute aufgestanden, aber nun ist es Zeit, für mich aufzustehen und mich zu unterstützen. Manchmal sieht Roy die Welt nur durch seine eigenen Augen. Das habe ich satt. Es gibt keine Möglichkeit mehr, meine Meinung doch noch zu ändern.“”
Ärger gibt es im irischen Lager. So wäre Kapitän Roy Keane nach einem handfesten Streit mit einigen Co-Trainern fast abgereist. In einem exklusiv Interview mit der Irish Times (23.5.) erklärt er warum: „Ich bin hierher gekommen, um mein Bestes zu geben, und das Gleiche erwarte ich von dem gesamten Team. Dieser Aufenthalt ist allerdings die Spitze des Eisbergs. Das Hotel ist zwar in Ordnung, aber wir sind hier um zu arbeiten. Warum Spieler sich verletzen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass andere Nationalteams, die um einiges schlechter sind als wir, auf einem solchen Platz trainieren. Ich denke, es ist nicht zu viel verlangt, wenn man einen wassergesprengten Platz erwartet. Der Platz ist steinhart und daher gefährlich. Ein oder zwei Jungs haben schon Verletzungen, und ich wundere mich nur, dass nicht schon mehr passiert ist.“
Kamerun
Die Notizen von Bartholomäus Grill (DieZeit 29.5) vermitteln Eindrücke aus Afrika und bestätigen Kamerun als einer der Geheimfavoriten. „Das deutsche Auge sieht in Afrika pro Match mehr Fallrückzieher als in einer gesamten Saison der Bundesliga, dazu wunderliche Tricks, die es in derselben gar nicht gibt. Der Rest ist aber planloses Gestochere im Mittelfeld und tausend vergeben Torchancen. Und das Publikum? Von wegen brasilianische Samba! Es ist oft so still, dass man einnickt. Oder es kommt gar keiner. (…) Nun darf wieder spekuliert werden über die Ballkünste in Afrika. Wie ist die launische Diva aus Nigeria drauf? Was können die Frischlinge aus dem Senegal? (…) Aber echte Hoffnungen auf Halbfinale dürfen sich eigentlich nur die Kameruner machen. Sie haben derzeit die besten Kicker im Süden der Sahara und einen Trainer aus dem Norden: Winnie Schäfer, den teutonischen Fuchs. Sie nennen sich Indomitable Lions, unzähmbare Löwen. Sehenswert, wie sie neulich die Abwehr der Argentinier ausgetanzt haben.“
Über das Erfolgsgeheimnis von Kameruns Nationaltrainer berichtet Christoph Biermann (SZ 25.5.). Schäfer nimmt sich offensichtlich im richtigen Maße zurück. „Er war intelligent genug, zu verstehen, was afrikanische Fußballerbrauchen und hat uns Freiheiten gegeben“, sagt Mboma (Nationalspieler), „wir können essen, was wir wollen. Wir müssen nicht zu früh aufstehen. Wir haben Spaß im Training. Wenn wir lachen, heißt es nicht gleich, dass uns Konzentration fehlt.“ Angesichts dieser Bereitschaft, seinem Team Freiräume zu lassen, ist der Trainer mit der blonden Mähne aus Sicht von Mboma „fast zum Afrikaner geworden“. Die eher emotionale Arbeitsweise von Schäfer passt zu einer Mannschaft, die sowieso weiß, worum es geht.“
Zur Bedeutung des Fußballs im Land nimmt Hardy Hasselbruch (FAZ 25.5.) Stellung. „Solidität, Stabilität und Kontinuität sind nicht gerade verbreitet im afrikanischen Fußball, und Kamerun macht da keine Ausnahme. Man lebt auch sportlich von der Hand in den Mund. Trotzdem bringt das Land mit seinen 16 Millionen Einwohnern Jahr für Jahr so viele Talente hervor, dass sich keiner der begeisterungsfähigen Anhänger um Gegenwart oder Zukunft der Nationalmannschaft sorgen muss. Fußball ist in Kamerun Staatsangelegenheit. Vor jedem großen Turnier lässt Staatspräsident Paul Biya die Mannschaft nach Yaoundé einfliegen, um sie mit markigen Worten auf die bevorstehende Aufgabe einzustimmen. Die übrigen Minister folgen. Jeder will sich im Glanz der Fußballhelden sonnen, jeder malt mit Pathos und vor allem Patriotismus die glorreiche sportliche Zukunft in den hellsten Farben. Und zum Abschluss wird gemeinsam die Nationalhymne gesungen.“
Oliver Trust (Tsp 24.5.) kommentiert den abwechslungsreichen Job Winnie Schäfers im Traineramt Kameruns. “Er musste alles machen. Fußballschuhe organisieren, Rasen mähen, Flüge buchen, Vorbereitungsspiele verabreden und dem Koch sagen, „er soll die Fliegen vom Hähnchen waschen“, bevor er das Mittagessen in die Pfanne schmeißt. Oder, jüngstes Beispiel, die Anreise nach Japan, begleitet von zahlreichen Widrigkeiten. Nachdem die Mannschaft am Mittwoch nach einem mehrstündigen Tank-Aufenthalt in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba weiterfliegen konnte, schloss sich bei einem weiteren Zwischenstopp zunächst ein neunstündiger Aufenthalt in Bombay an. Der Anschlussflug nach Fukuoka in Japan musste unterbrochen werden, weil Kambodscha, die Philippinen und Vietnam die Nutzung ihres Luftraumes nicht genehmigen wollten. In der Nacht zum Freitag sollte der Afrika-Meister in Fukuoka ankommen. Dann stand noch eine dreistündige Busfahrt zum Quartier in Nakatsue an. Die gesamte Reisedauer betrug an die 50 Stunden.”
Über den “verblüffend erfolgreichen” Trainer Kameruns – Winnie Schäfer – schreibt Thilo Thielke (Spiegel 18.5.). “Trainer in Deutschland zu sein bereitete ihm nämlich keine rechte Freude mehr; seine letzten beiden Engagements beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia Berlin endeten desaströs. Zeitungen lästerten über sein vermeintlich letztes Schäferstündchen, und Spieler wie Berlins Torwart Goran Curko behaupteten, Schäfer habe tausend Gesichter und überhaupt keine Linie im Umgang mit Menschen. Der Coach haderte mit dem Schicksal (…) Und was das vielleicht Erstaunlichste an der ungewöhnlichen Beziehung zwischen dem blonden Deutschen mit dem roten Kopf und den eigenwilligen Fußballartisten aus Afrika ist: Zwischen Trainer und Spielern herrscht eine anfangs kaum für möglich gehaltene Harmonie. Die schwarzen Weltklasse-Fußballer respektieren den Coach aus der badischen Provinz (…) Schäfer tritt in dem Land, das von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg deutsche Kolonie war und in dessen Geschichtsbüchern immer noch deutsche Disziplin gerühmt wird, nicht mit der Attitüde des Kolonialherrn auf, sondern bescheiden und wissbegierig. Und dieses Auftreten macht ihn in Afrika sympathisch – obgleich er es vielleicht übertreibt, wenn er nach der Ehrung in Jaunde bereits davon spricht, dass wir bei unserem Staatspräsidenten waren. Vielleicht macht Schäfer, ein Schüler und Verehrer des Mönchengladbacher Meistertrainers Hennes Weisweiler, in Kamerun nicht besonders viel richtig, ziemlich sicher macht er jedoch ganz wenig falsch.”
Ronald Reng (FR 17.4.) über die Trainertätigkeit des ehemaligen Bundesligatrainers Winnie Schäfer in Kamerun. “Während europäische Beobachter eher skeptisch beäugen, wie Schäfer sprachlos in Afrika arbeitet, beteuert der heute 46-jährige Nkono, der als elastischer Hüter des kamerunschen Tors bei den Weltmeisterschaften WM 1982 und 1990 zur Legende wurde, selten hätten sich Kameruns Profis von einem Trainer so verstanden gefühlt. Es sind weniger taktische Raffinessen als gute Gefühle, die der Deutsche vermittelt (…) Das ist die Stärke des Rotblonden. Der Karlsruher SC lebte Anfang der neunziger Jahre vom Teamgeist, den der Gruppenmensch Schäfer verbreitete. In menschlich schwierigerer Umgebung, beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia Berlin, hat er sich später weniger gut zurechtgefunden. Doch für die kamerunsche Nationalelf ist seine umgängliche Art eine erfrischende Erfahrung.”
Die NZZ (28.3.) zeigte sich vom Spiel Argentinien – Kamerun (2:2) begeistert. “Der Match, man muss es vorausschicken, war ein glänzender Vorgeschmack auf die WM-Endrunde. Wer allmählich genug hat vom Spiel europäischer Ausrichtung oder vom ordentlich biederen Champions-League-Durchschnitt, ergötzte sich zuweilen an den akrobatischen, läuferisch wie technisch hochstehenden Darbietungen beider Parteien auf dem Charmilees-Rasen. Man gewann Appetit auf mehr (…). Freilich entsprach das Unentschieden dem enorm schnellen Geschehen, wenn auch Abgeklärtheit und spielerische Klasse auf argentinischer Seite fortgeschrittener waren. Die “Löwen” machten dies mit Phantasie, Tempospiel und Beweglichkeit wett. Eine eindrückliche Demonstration, ein Gout leckeren Dreisterne-Fußballs war in Genf zu genießen.”
Saudi-Arabien
Den heutigen Gegner der deutschen Fußballelf nimmt Hartmut Scherzer (FAZ 1.6.) unter die Lupe. „Der Teamchef und sein Stab kennen den Gegner ohnehin fast in- und auswendig: ein herausragender Torhüter, zwei gute Innenverteidiger, ein kompaktes Mittelfeld, eine echte Spitze, keine ausgesprochenen Kopfballspezialisten, aber gefährlich bei Standardsituationen (…) Der Kapitän heißt Sami Al-Jaber, ist 29 Jahre alt, spielt Stürmer oder hinter der Spitze, hat 153 Länderspiele absolviert und durfte als bisher erster und einziger saudischer Nationalspieler nach Europa wechseln. Das Abenteuer bei Wolverhampton Wanderers dauerte aber nur acht Monate. Das Leben als verhätschelter Fußballgünstling der Königsfamilie ist für einen Saudi eben doch angenehmer.“
Yousuf Almohimeed (FAZ 31.5.) beschreibt den gesellschaftlichen Stellenwert des Fußballs in Saudi-Arabien, morgiger Gegner Deutschlands. „Aufgrund der sozialen Ordnung, die an den gesellschaftlichen Gebräuchen und Traditionen als Grundlage festhält, gibt es in Saudi-Arabien nur wenige Möglichkeiten der Unterhaltung. Allein das Wort Theater erzeugt eine eigentümliche Empfindlichkeit und eine offen ablehnende Haltung, weil das Theater in den letzten Jahren im kollektiven Gedächtnis eine Assoziation mit Dekadenz, Sittenlosigkeit und Werteverfall hervorgerufen hat; jenen Werten, die darauf gerichtet sind, den Menschen zu erlösen und ihn ins Diesseits hinüberzuretten. Dies geschieht allerdings ohne Rücksicht auf ein allgemeines Verständnis gegenüber dem Theater als einer Kunst, die zur geistigen Bildung und zur sozialen und politischen Kritik beitragen kann. Hinzu kommt, daß die Kinosäle noch keinen Platz in diesem Land gefunden haben – wohl aus demselben Grund. Das Kino wird sogar noch schärfer abgelehnt. Auch wenn es seltene Theateraufführungen gibt, die meistens für die Teilnahme an arabischen oder internationalen Festivals inszeniert werden, bleibt das Theater völlig isoliert und wird mit Schüchternheit betrieben. Es wird weitgehend vom Publikum gemieden. Natürlich besteht das Publikum ausschließlich aus Männern, denn die Frauen dürfen weder das Theater besuchen noch mitwirken. Deshalb wurde der Fußball seit langem zu einem wichtigen Medium der Unterhaltung und des Zeitvertreibs.“
Reem Abdullah (SZ 27.5.) über Politik und Fußball. „al Jaber ist der Star beim Vorzeigeverein Al Hilal aus Riad. Und er ist der besondere Liebling vieler Prinzen, die im Aufsichtsrat des Clubs sitzen. Sport und Politik vermischen sich in der Wüstenmonarchie. In einem BBC-Bericht wurde der Fußball in Saudi-Arabien als so wichtig bezeichnet wie Politik in Lateinamerika. Die Prinzen nehmen Einfluss, und der reicht nicht selten bis auf das Spielfeld. Im letzten Finale des Königspokals zwischen Al Hilal und Al Ittihad aus Dschidda übersah der Schiedsrichter geflissentlich einen Elfmeter und vermied eine rote Karte für ein Foul eines Abwehrspielers des Prinzenvereins. Das spätere Entschuldigungsschreiben des so genannten Unparteiischen wegen seiner offensichtlichen Fehlentscheidungen brachte dem unterlegenden Verein aus der Hafenstadt nur wenig Trost (…) Wenn Al Hilal in einem Endspiel steht, dann kann man tatsächlich ziemlich sicher sein, dass der Verein auch gewinnt.“
Mit Deutschlands erstem Vorrundengegner Saudi-Arabien beschäftigen sich zwei Autoren. Rainer Hermann (FAZ 22.5.) über die befruchtende Wirkung fußballstilistischen Imports. „Lange hatten technische Direktoren aus Brasilien dem jungen saudischen Fußball ihren Stempel aufgedrückt, haben sie den saudischen Spielern, deren Körperbau dem der Brasilianer ähnelt, die südamerikanische Spielfreude vermittelt. Erst in den letzten Spielzeiten haben Trainer aus Europa, vor allem aus Bulgarien und Irland, mehr Gewicht auf europäische Eigenschaften gelegt, auf die physische Ausdauer und Kampffußball. Die Erwartungen an die saudische Nationalmannschaft unter dem Coach Nasr al Dschauhar sind bei dieser WM dennoch nicht hoch. Saudi-Arabien werde sich aber auf seine Tugenden besinnen, auf Geschwindigkeit und Technik. Tugenden, die vor nicht allzu langer Zeit brasilianische Spieler und Trainer auf die Arabische Halbinsel gebracht hatten.“
Martin Hägele (NZZ 22.5.) über die hemmende Wirkung des Mangels an fußballerischem Export. „Erst 1998 hat der Verband seinen Profis den Wechsel ins Ausland erlaubt. Die Klubs dagegen pflegen weiter den fußballerischen Inzest, indem sie die Spieler nicht freigeben oder wie im Falle von al-Temyat unerwartete Preisforderungen stellen. Als sich die Klubs Rhoda Kerkrade und Al Hilal über einen Transfer des prominentesten arabischen Spielers für eine Ablöse von zwei Millionen Dollar schon einig schienen, sollte al-Temyat über Nacht plötzlich das Doppelte kosten. All die Abdullahs, Mohammeds und Omars sind nichts anderes als das Spielzeug diverser Ölmilliardäre. Die Fußballmannschaften sollen sportliche Unterhaltung bieten, so wie Rennkamele, Rennpferde und Jagdfalken. Und mit diesem erkauften Vergnügen, wurde lange genug geglaubt, lasse sich letztlich ganz Fußball-Asien dominieren. Otto Pfister, einer von vielen ausländischen Nationaltrainern, hat vor vier Jahren noch behauptet, dass die Länder und Emirate rund um den Golf, im Besonderen auch die Saudis, sich in Sachen Fußball dem Rest weit überlegen sehen. Das sei auf die Körpermasse und die paradiesischen Gegebenheiten zurückzuführen. Mittlerweile aber haben sich die Kräfte ganz klar gegen Osten verlagert. Japan, Südkorea und das aufstrebende China zeigten den verwöhnten Saudis, welcher Weg zu beschreiten ist, um selbst in fremden Ligen hohe Ziele zu erreichen. Ehrgeiz, Einsatz und Mut sind hier gefragt, nicht die Annehmlichkeiten des Geldes.“
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Trainersuche auf Schalke – Bielefelder Abstiegsangst – Reitmaier muss sich (wohl) aus dem Profifußball verabschieden
Dubiose Typen resozialisieren
Richard Leipold (FAZ 15.5.) beleuchtet die Trainersuche des Schalke-Managers Rudi Assauer. “Während der Manager das Kandidatenfeld sichtet, drängt ihm eine Boulevardzeitung voller Wohlwollen täglich einen Joker auf: Befragen wir doch das Publikum. Die Antwort manifestiert sich in Schlagzeilen wie: Christoph Daum und Rudi Assauer: Sie mögen sich nicht – aber Fans fordern Zwangsehe. An Rückenwind würde es dem aktuellen Meistertrainer der österreichischen Bundesliga nicht fehlen, weder auf dem Boulevard noch auf den Nebenstraßen. Während Bild sich bei der Kampagne auf das Votum der Basis beruft, wirbt ein anderes großes Revierblatt, das auch zum publizistischen Gefolge Assauers gehört, im eigenen Namen für den Zampano. Daum sei genau der Mann, den Schalke jetzt braucht. Wenn es einen Klub gibt, der in der zuweilen verlogenen Bundesligagesellschaft umstrittene, ja dubiose Typen resozialisiert, dann ist es Schalke 04. Oliver Reck, anfangs als Pannen-Olli verspottet, wurde in Gelsenkirchen zum Publikumsliebling. Andreas Möller, als Dortmunder Zecke gegeißelt, wurde auf Schalke immerhin geduldet, und sogar Thorsten Legat, einst als Schläger und Rassist aufgefallen, wurde in die Vereinsfamilie aufgenommen. Daum neben Assauer auf der Trainerbank? Die Vorstellung ist nicht ohne Reiz, erfordert aber eine Menge Phantasie.“
Gruppe schwer Erziehbarer
Jan Christian Müller (FR 15.5.) wirft ein. “Der mächtige Macher Rudi Assauer muss nun auch eine Grundsatzentscheidung treffen. Nämlich jene, einen starken, womöglich sogar stärkeren Mann an seiner Seite zu dulden, zum Beispiel einen, der aus ähnlichem Holz geschnitzt ist wie Wilmots‘ Landsmann Erik Gerets. Das Experiment Neubarth ist gescheitert, das Experiment Wilmots wird nun bereits in der Vorbereitungsphase abgebrochen. Neuerliche wagemutige Versuchsanordnungen mit ähnlich unerfahrenen Probanden sind wenig ratsam. Assauer hat das immerhin bereits eingesehen, wird vermutlich nicht auf die schräge Idee kommen, etwa Thomas Hörster von der U 19 bei Bayer Leverkusen wegzulocken, und kündigte stattdessen an, er gehe jetzt auf die Suche nach einem gestandenen Trainer. Das erscheint bitter nötig, zumal der aktuelle Schalker Bundesligakader, der nun um die Verteidigung des UI-Platzes bangen muss, sich zunehmend als Gruppe schwer Erziehbarer darstellt. Dass Assauer zugab, er sehe kein Team mehr, sondern einen zusammengewürfelten Haufen, in dem jeder macht, was er will, muss sich der selbstbewusst agierende Manager auch persönlich ankreiden.“
Replikanten auf Bezirksliga-Niveau
Jens Kirschnek (SZ 15.5.) diagnostiziert Bielfelder Abstiegsangst. „Die allgemeine Mutlosigkeit ist ja in der Bundesliga der neueste Schrei. Den Leverkusener Trainer Thomas Hörster hat ein entsprechendes Bekenntnis („Nach der Leistung heute, muss ich sagen, habe ich aufgegeben“) den Job gekostet. Der Rostocker Coach Armin Veh zog nach dem 0:3 in Mönchengladbach ein Gesicht, als hätte er erkannt, dass eine finstere Macht seine Kicker gegen Replikanten auf Bezirksliga-Niveau ausgetauscht hat. Und im Presseraum in Bielefeld stand der am letzten Spieltag gesperrte Ansgar Brinkmann und sagte: „Ich weiß nicht, wie wir den Klassenerhalt überhaupt noch schaffen wollen.“ Der sonst oft nassforsche Angreifer von Arminia Bielefeld war nach dem 1:3 gegen den VfL Bochum von tiefer Melancholie erfasst worden. Brinkmann trug eine Miene zur Schau, als hätten die Ostwestfalen nur noch theoretische Chancen auf den Ligaverbleib, dabei haben sie bei zwei Punkten Vorsprung auf Leverkusen ihr Schicksal selbst in der Hand.“
Manchmal wundere ich mich über mich selbst
Jörg Marwedel (SZ 15.5.) porträtiert den ausgebooteten Torhüter des VfL Wolfsburg. „Er weiß nicht, wie es sein wird am Samstag gegen Hertha BSC Berlin, wo er doch schon bei jedem normalen Bundesligaspiel eine „Gänsehaut“ spürt, wenn er auf den Rasen läuft. Vielleicht ist es gut, dass es keine Blumen geben wird und keine salbungsvolle Worte, was daran liegt, dass sein Vertrag bis 2004 läuft und die Auflösung noch nicht besiegelt ist. Vielleicht aber werden den Torwart Claus Reitmaier, 39 Jahre, über 600 Profi-Pflichtspiele, davon 328 Bundesliga-Einsätze, die Gefühle dennoch überwältigen. Das wäre kein Wunder bei einem, der gerade als ältester Bundesligaspieler eine seiner besten Spielzeiten für den VfL Wolfsburg absolviert hat und trotzdem Abschied nehmen soll – weil er zu alt ist. Trainer Jürgen Röber hat ihm das vor knapp drei Wochen eröffnet. Das war ein Schock für Claus Reitmaier. Auch mit etwas Abstand sagt er: „Ich werde den Trainer nie verstehen, selbst wenn ich sterbe in 50 Jahren nicht.“ Bis zu jenem Gespräch hat Reitmaier die Bundesliga als eine Gesellschaft gesehen, in der „nur die Leistung zählt und das Alter kein Argument ist“. Nun muss er erkennen, dass nicht er selbst bestimmt, wie lange er noch Fußballprofi sein darf. Was ist überhaupt alt? Das hat er sich zuletzt oft gefragt und nur eine theoretische Antwort gefunden: „Ich denke, wenn einer Wehwehchen bekommt, wenn er nicht mehr so schnell ist und seine Leistung nicht mehr abrufen kann.“ Erfahren hat er es noch nicht; nicht einmal kleine Anzeichen will er wahrgenommen haben. „Manchmal“, sagt er, „wundere ich mich über mich selbst.“ Wie er beim Sprinttraining noch immer fast alle hinter sich lasse, bis auf „absolute Raketen“ wie Tobias Rau oder Martin Petrov.“
Gewinnspiel für Experten
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Elf kalte Hände
„Hätte man die elf Mainzer vor dem Spiel begrüßt, man hätte wahrscheinlich in kalte Hände gegriffen. In elf Hände, die entlarvt hätten, dass die nervliche Anspannung den Kreislauf aller Akteure hatte absacken lassen. 30 Spieltage lang hatte Mainz auf einem Aufstiegsplatz gestanden; jetzt galt es nur noch, keinen Fehler zu begehen. So etwas kann Angst machen.“ (mehr …)
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SZ-Interview mit Rudi Völler
Ich bin mir bewusst, dass die Nationalelf die wichtigste Mannschaft ist
SZ-Interviewmit Rudi Völler
SZ: Herr Völler, wann haben Sie den Bundeskanzler das letzte Mal getroffen?
RV: Kürzlich bei der Bundesliga-Jubiläumsgala in Köln haben wir ein paar Worte gewechselt. Warum?
SZ: Weil es in Deutschland im Prinzip zwei Bundeskanzler gibt. Zuständig für die Politik ist Gerhard Schröder. Und dann gibt es einen für die Unterhaltung. Der ist fast im gleichen Maße für die Stimmung im Lande zuständig und heißt Rudi Völler.
RV: Das ist hoch gegriffen. Ich bin mir aber bewusst, dass die Nationalelf die wichtigste Mannschaft ist und dass sie Deutschland bewegt. Das habe ich nach dem Island-Länderspiel gemerkt, als es tagelang nur ein Thema gab: mein Fernsehinterview. Und das war auch bei der WM so, die Leute leiden und freuen sich mit uns, sie identifizieren sich voll. In den Jahren davor war das Gefühl eher so, mit der Nationalelf wollen wir nichts zu tun haben. Bei der WM haben wir wieder eine gewisse Euphorie geweckt.
SZ: Die Euphorie schlägt schnell in Depression um. Im Sommer 2000, nach dem EM-Aus, war Land unter: Jedermann bis rauf zum Kanzler beklagte die Lage der Fußballnation, die Suche nach einem Teamchef wurde live übertragen: Stundenlang sah man Parkplätze und zugezogene Vorhänge. Die Nationalelf bewegt das Land, ob sie gut oder schlecht spielt.
RV: Richtig. Ich hatte gedacht, in den drei Jahren inklusive WM hätte ich alle Höhen und Tiefen mitgemacht, nun habe ich gemerkt, dass mich noch etwas beeindruckt: Das war die Geschichte nach Island. Dass die medienmäßig so extrem wurde, war für mich eine neue Erfahrung – weil mir bewusst wurde, was auf uns alle und besonders auf mich zukommt, wenn 2006 die WM im eigenen Lande ist.
SZ: Das spürt man auch an der Verzahnung zwischen Fußball und Politik. Wie intensiv ist der Austausch mit den Spitzen im Lande, beispielsweise mit Gerhard Schröder oder Otto Schily?
RV: Man sieht sich öfter bei Spielen oder Veranstaltungen. Gerade mit Schily ist es nett, er ist ja fast mein direkter Vorgesetzter, als Innenminister ist er auch Sportminister. Bei der WM kam er ab und zu eingeflogen, bei dem wichtigen Spiel gegen Kamerun hat er Glück gebracht. Er war auch gegen die Ukraine dabei. Als wir uns neulich beim WM-OK sahen, habe ich gesagt, ‘kommen Sie doch, gegen die Schotten muss die ganze Nation hinter uns stehen! Das müssen wir gewinnen.‘ Trotz Terminnöten war er dann da.
SZ: Kann Ihnen diese herausragende Position nicht auch mal gefährlich werden, wenn etwas richtig schief geht?
RV: Ich weiß, was Sie meinen: ein Scheitern bei EM oder WM. Ich darf gar nicht groß drüber nachdenken. Der Druck ist ja immer da, am stärksten war er vor dem Ukraine-Spiel: Denn dass sich Deutschland nicht für eine WM qualifiziert, gab es ja noch nie. Wir steckten in einer schwierigen Phase: 1:5 gegen England, dann 0:0 gegen Finnland. Aber dann standen alle hinter uns, nach dem Motto: Vielleicht sind unsere Spieler nicht so gut, aber wir müssen alle was dafür tun, auch die Medien, denn wir wollen ja auch alle zur WM.
SZ: Sehr schön; dann kann man es doch auch hinnehmen, wenn die Kritik so deutlich wird wie nach dem Spiel gegen Island, ein Team, das nicht wirklich zu den Furcht erregenden gehört.
RV: Gegen diese Geringschätzung wehre ich mich. Island ist wie eine Reihe anderer Nationalteams viel stärker als noch vor zehn Jahren. Dafür spricht allein, dass über die Hälfte des Kaders in England, Belgien, Spanien, Norwegen und Deutschland unter Vertrag steht. Obwohl das vielen schwer fällt, müssen wir das realistisch sehen.
Bert Schulz (Das Parlament 15.9.) war drin: „Wer den Riesenball bei Tag betritt, wird mit Stadionatmosphäre begrüßt: Entweder brandet zum Empfang Torjubel auf oder ein wütendes Pfeifkonzert. In Glaskästen sind kaum bezahlbare Schätze dieses Sports ausgestellt, darunter ein getragener und signierter Schuh der englischen Kicker-Ikone David Beckham, die abgedroschenen Spielbälle der WM-Endspiele von Bern 1954 und München 1974 sowie die Siegertrophäen. Gezeigt werden außerdem skurrile Szenen bisheriger Weltmeisterschaften; in einem Filmarchiv können selbsternannte Experten nach umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen suchen, und an Computern dürfen Wetten über Spielergebnisse der vergangenen Turniere abgeschlossen werden. Schließlich stehen für Musikbegeisterte Fangesänge aus aller Welt abrufbereit zur Verfügung.“
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Die Situation bei Bayern München
Auf deutschen Sportseiten dreht sich momentan alles um die Situation bei Bayern München und „den seit Wochen unaufhaltsamen Niedergang einer Mannschaft, die als weißes Ballett in die Saison schwebte, sich in falscher Hoffnung zu Traumtänzern entwickelte und in Bremen nur noch wie eine Stolpertruppe vom Lande durchs Weserstadion irrlichterte“, wie die FAZ ungewohnt streng urteilt.
Während die sportliche Durststrecke dieses Klubs im Herbst 2001 hauptsächlich die Position des damaligen Führungsspielers Stefan Effenberg schwächte, sieht sich derzeit allerdings Trainer Ottmar Hitzfeld nach der erneuten 0:2-Niederlage in Bremen den Zurechtweisungen seitens des Boulevards, den so genannten TV-Experten und anderen Narren ungeschützt ausgesetzt. Wie nicht anders zu erwarten, tritt in solchen Zeiten so mancher Gernegroß als Kritiker in Erscheinung; und blamiert sich dabei so gut er kann. Das Ärgerliche daran ist, dass die nunmehr besserwissenden Breitner, Matthäus Co. dem renommierten Hitzfeld nicht im Ansatz das Wasser reichen können, zumal sie im Traineramt bisher nichts geleistet haben.
Darüber hinaus – und das ist für ihn viel fataler – ist der erfolgreichste Vereinstrainer des letzten Jahrzehnts in den Machtkampf der bayerischen Führungsriege geraten; und dort zwischen die Mühlsteine der persönlichen Eitelkeiten. Mit Hoeneß und Rummenigge hat der kürzlich von diesen aus dem Tagesgeschäft gedrängte Beckenbauer nämlich noch eine Rechnung offen. Der Moment der Schwäche, auf den der Degradierte gewartet hat, ist nun gekommen. Dabei scheint er nicht davor zurückzuscheuen, Hitzfeld für eigene Begierden und Einflusszugewinne zu opfern.
Weitere Themen: Auslandsfußball , Porträt über den deutschen Jungprofi Robert Huth (Chelsea London), Hintergründe aus Kaiserslautern u. Stuttgart, Zweite Liga in Frankfurt, Oberhausen, Duisburg u.v.m.
Werder Bremen – Bayern München 2:0 – und die Lage in München
Zur Situation von Hitzfeld lesen wir von Michael Horeni (FAZ 5.11.). „Der Mathematiklehrer Hitzfeld hat sich ein Bewertungssystem geschaffen, nach dem er die Beiträge der alten Münchner Meister über den Fußballlehrer Hitzfeld ordnet. Ganz unten auf der Kritikerrangliste befindet sich sein derzeit schärfster öffentlicher Ankläger und gnadenloser Richter in Personalunion, Paul Breitner. Weltmeister zwar, aber sonst nichts geleistet und nur fürs Stänkern bezahlt, da kümmert sich der Bayern-Trainer nicht um Parolen, die da lauten: Angsthasen-Fußball unter Hitzfeld, der Trainer muß weg. Eine kleine Stufe über Breitner – aber immer noch ziemlich weit unten – rangiert für ihn Lothar Matthäus. Weltmeister und Weltrekordnationalspieler zwar, aber als Trainerneuling gescheitert – auch da hört Hitzfeld kaum hin, wenn Matthäus in Bremen über teilnahmslose Bayern-Profis spricht. Was dagegen Udo Lattek, einst einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, zu sagen hat, findet Hitzfeld durchaus bedenkenswert. Lattek stellte fest, daß mit dem Abschied von Stefan Effenberg die Hierarchie der Bayern-Mannschaft zusammengebrochen sei, der Trainer die verfehlte Einkaufspolitik nicht allein zu verantworten habe, aber seine Arbeit dennoch wohl nur auf Abruf erledigen könne – bis die Bayern einen Nachfolger gefunden haben. An der Spitze der Münchner Meinungshitparade steht, wie es sich gehört und niemand wundert, der Fußball-Kaiser (…) Was Hitzfeld so fein auseinanderhalten wollte, läßt sich im Münchner Meinungs-, Beziehungs- und Intrigenstadl aber nie und nimmer trennen. Breitner poltert dort, wo auch Beckenbauer als Kolumnist sein Geld verdient, aber derzeit schweigt. Da sich Beckenbauer als Aufsichtsratsvorsitzender vom Vorstandsvorsitzenden Rummenigge und Manager Hoeneß aus dem Tagesgeschäft gedrängt fühlt – auch wenn er diese Rolle mal anstrebte –, spart Beckenbauer auch nicht mehr an Spott und Kritik am Führungsduo, während Kapitän Kahn die Haudraufkritiker Beckenbauer und Rummenigge gegen den Schweiger Hoeneß ausspielt. In dieser Münchner Personalityshow als schwächstes Mitglied unbeschadet zu bleiben ist ein Kunststück, das Hitzfeld nicht mehr vollbringen wird.“
Michael Horeni (FAS 3.11.) erkennt „viele Zeichen, daß Oliver Kahn für den FC Bayern zu einem Rätsel geworden ist. „Mit ihm stimmt etwas nicht, irgend etwas paßt ihm nicht, das merkt man“, sagte Franz Beckenbauer schon vor gut zwei Wochen. Aber was? Der FC Bayern ist jedoch offenkundig bis heute nicht dahintergekommen, und das ist vielleicht das größte Versäumnis des Klubs in dieser Saison. Oliver Kahn hängt zwar ohnehin der Meinung an, daß – von höheren Mächten abgesehen – nur einer in der Lage ist, ihn zu verstehen: Oliver Kahn. Der Torwart vermittelt für viele allzuoft den Eindruck, daß sein Leben ein bißchen zu außergewöhnlich geraten ist, um es zu verstehen, wenn man dieses Leben nicht selbst lebt. Aber irgendwie kennt man diese Tragik ja schon seit der Antike: Titanen und Cesaren sind einsam. Wenn nicht alle Zeichen trügen, befindet sich Kahn aber tatsächlich in einem Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gibt – und er darum weiß. Nicht nur Teamchef Rudi Völler ist der Meinung, daß der Gewinn der Champions League im vergangenen Jahr ohne Kahn nicht möglich gewesen wäre für den FC Bayern. Trotz der exzellenten Führungskräfte, trotz der Finanzkraft, trotz der großen Macht, über die der Münchner Rekordmeister verfügt – der Erfolg hängt von einzelnen Spielern ab, und Kahn ist sich seiner Rolle und seiner Verantwortung vollkommen bewußt.“
Wie könnte eine mögliche Zukunft Hitzfelds aussehen? fragt sich Joachim Mölter (FAS 3.11.). „Mit solch einem Lebenslauf muß man sich um die Zukunft keine Sorgen machen, sollte man meinen. Ottmar Hitzfeld aber macht sich offenbar welche. Manchmal erweckt er sogar den Eindruck, richtiggehend Existenzangst zu haben. Auf der anderen Seite: Wo will einer denn auch schon hin, wenn er mal beim FC Bayern München gearbeitet hat? In der Bundesliga ist das das Ende, da geht nichts mehr drüber, da kommt nichts mehr. Wer in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Trainer beim FC Bayern engagiert war, hat sich danach entweder zur ruhe gesetzt (Udo Lattek), ist ins Ausland gegangen (Jupp Heynckes, Sören Lerby) oder irgendwo Nationaltrainer geworden (Erich Ribbeck in Deutschland, Otto Rehhagel in Griechenland, allerdings erst nach einem Intermezzo in Kaiserslautern). Der Posten des deutschen Bundestrainers, für den Ottmar Hitzfeld nach der EM-Pleite im Jahr 2000 im Gespräch war, ist nun langfristig besetzt von Rudi Völler. Da bliebe Ottmar Hitzfeld wahrscheinlich nur noch die Rückkehr in die Schweiz, wo er vor seinem Engagement in Dortmund jahrelang als Spieler und Trainer beschäftigt war. Dort ginge es zwar gemütlicher und friedlicher zu als beim umjubelten und umtrubelten FC Hollywood München – aber ob sich das mit seinem bekannten Ehrgeiz verbinden ließe? Für den General bedeutet Friede Frust.“
Andreas Burkert (SZ 5.11.) beleuchtet die Lage der Münchner. „Der FC Bayern ist nicht nur der Pfau des deutschen Fußballs, das Feindbild für seine Konkurrenz. Sondern längst auch ein Wirtschaftsunternehmen, dem nur Titel ordentliche Rendite garantieren. Noch wird Hitzfeld durch seine Reputation und den Mangel einer Alternative geschützt. Dennoch wird er vermutlich nur dann das Saisonende in München erleben, wenn rasch der Erfolg wiederkehrt. Wenn seine nicht von allen im Klub goutierte Variante der sensiblen Menschenführung nicht weiter Schaden anrichtet. Wenn die eklatante Vakanz auf den Führungspositionen einer Star-Auswahl, die er erschaffen durfte, vom Comeback der mannschaftlichen Geschlossenheit ausgeglichen wird. Überhaupt ist Hitzfeld in den nächsten Wochen auf Unterstützung angewiesen. Von der sportlichen Leitung, und von seinen Spielern. Die Wende im Alleingang zu erzwingen, dazu ist er nicht mehr in der Lage. Dafür hat sich seine Wirkkraft zu sehr abgenutzt, und Hitzfeld sollte diesen logischen Vorgang akzeptieren.”
Zur Niederlage in Bremen schreibt Michael Horeni (FAZ 5.11.). „In Bremen jedenfalls war rein gar nichts von einstiger bayerischer Stärke oder Widerstandskraft in der Krise zu sehen. Alle Appelle Hitzfelds an die Kampf- und Leistungsbereitschaft drangen zu den Spielern nicht mehr durch. Anstatt einer Trotzreaktion war bei den Bayern in der ersten Halbzeit nur Hilflosigkeit zu besichtigen, nach dem Wechsel Harmlosigkeit. Einige Spieler hielten dem Druck offensichtlich nicht stand (…) Neben der aktuellen Einstellung, die sich um fundamentale Notwendigkeiten im Bundesligafußball nicht mehr kümmert, haben die Bayern offenbar auch einen Kampf der Kulturen in ihren Reihen auszufechten. Wir haben unterschiedliche Philosophien von Fußball, sagte Linke, und es ist nicht schwer zu erraten, welche Tugenden der knorrige Verteidiger für die richtigen hält – und welche Philosophie die neuen kreativen Kräfte wie Michael Ballack und Zé Roberto aus Leverkusen zu ihren ehemaligen Bayer-Kollegen und brasilianischen Landsleuten mitgebracht haben. Der Bayer-Virus vom schönen Fußball als Ende der Münchner Erfolgsgeschichten?“
Andreas Burkert (SZ 5.11.) meint dazu. „Hitzfelds erstaunliche Zuversicht und seine öffentliche Gelassenheit sind derzeit die einzigen unumstößlichen Werte im Herbststurm, welcher das prachtvolle Gebilde einer vermeintlich großen Mannschaft recht herzlos eingerissen hat. Diese Mannschaft, das hat ihr verzweifelter Auftritt von Bremen manifestiert, sie liegt in Trümmern, und niemand weiß wirklich, wie die Renovierung gelingen könnte, nicht einmal Oliver Kahn, gewöhnlich ein überzeugender Vertreter der Immer-weiter-immer-weiter-Theorie (…) Einen Fortschritt haben die Bayern in Bremen dennoch gemacht, einen kleinen: Sie lamentieren nicht mehr. Niemand verfluchte nach der angemessenen Niederlage durch die Tore von Daun und Krstajic übergeordnete Mächte. Die Münchner waren in allen Anklagepunkten geständig: Kahn hat nun endgültig zugegeben, dass er sich in einer Sinnkrise befindet und als Leitfigur derzeit nicht zu gebrauchen ist , und seine Kollegen hadern nicht mehr über vergebene Chancen. Weil es ja kaum welche gibt. Gegen den kompakten SV Werder, zuvor viermal nicht siegreich, sah man nach der Pause nur Hargreaves und Santa Cruz in einer Szene, die Puristen als Torgelegenheit durchgehen ließen. Der Rest wirkte wie das kalkulierte Bemühen, kein Disziplinarverfahren wegen Arbeitsverweigerung zu riskieren.“
VfL Bochum – Hertha Berlin 3:0
Richard Leipold (FAZ 5.11.) über den Spieler des Spiels. „Dariusz Wosz dachte nicht daran, sich zu verstellen, wie es viele Kollegen nach solchen Erfolgserlebnissen tun, wenn sie behaupten, das Wiedersehen mit dem früheren Verein sei ein ganz normales Spiel gewesen. Für Wosz war es etwas Besonderes. Der Kreative ließ seiner Freude freien Lauf. Torhüter Kiraly hatte den Ball noch nicht aus dem Netz geholt, da entledigte sich der Torschütze schon seines blauen Trikots und eilte triumphierend zur Fantribüne. Jeder sollte sehen, was er drunter trägt; und jeder sollte wissen, daß der VfL, anders als einst die Hertha, mehr für ihn ist als ein Arbeitgeber. Ich bin ein Bochumer Junge, stand auf dem weißen Unterhemd geschrieben. Eine Liebeserklärung an die Stadt, in die er im Sommer vor einem Jahr zurückgekehrt ist, um auf dem Umweg über die zweite Liga noch einmal zu alter Stärke zu finden und als erstklassiger Fußballspieler wahrgenommen zu werden. Das Thema Hertha sei erledigt, sagt Wosz, der in der Hauptstadt nur am Anfang Spaß an Arbeit, Sport und Spiel gehabt hatte. An diesem Abend hat der Dreiunddreißigjährige sich von seinem Berliner Albtraum befreit und seinen sportlichen Frieden gefunden.”
Christoph Biermann (SZ 5.11.) dazu. „Drei Jahre verbrachte der kleine Mittelfeldspieler bei Hertha BSC. Und selbst wenn sein Transfer nach Ansicht von Manager Dieter Hoeneß in der Hauptstadt eine wichtige Etappe in Richtung Spitzenteam repräsentierte, wurde Wosz dort nur kurze Zeit so verehrt wie in Bochum eigentlich immer. Mit ihm wurde Hertha 1999 Dritter der Bundesliga, und im Jahr danach erzielte er in der Champions League den Siegtreffer über den AC Mailand, aber die Ambitionen wuchsen bald über Wosz hinaus. Als Beinlich und Deisler kamen, blieb für Wosz nur noch auf der Ersatzbank ein Platz. In Bochum hingegen gilt offenbar: Wenn es Wosz gut geht, geht es auch dem VfL gut. Als der Spielgestalter 1993 vom FC Halle kam, stieg Bochum direkt in die Bundesliga auf, 1996 gelang erneut der Wiederaufstieg. Im Jahr darauf qualifizierte sich das Team sogar für den Uefa-Cup und kam drei Runden weit. Als Wosz 1998 hingegen für gut 2,5 Millionen Euro nach Berlin transferiert wurde, tobten in Bochum die Fans. Der Trabant, mit dem Wosz immer zum Training gefahren war, wurde angezündet und brannte vor dem Stadion aus, als der Wechsel bekannt wurde. Anschließend stieg Bochum ohne ihn zum dritten Mal aus der Bundesliga ab. Seine Rückkehr im Sommer vergangenen Jahres wurde von vielen zunächst als ein Abstieg interpretiert.“
Auslandsfußball aus England, Italien, Spanien, Portugal, Schottland, Schweden u.v.m.
Aus Funktionärskreisen
„Noch müssen sich die Top-Manager vorkommen, als wären sie in einem Sportverein des vorigen Jahrhunderts gelandet.“ Martin Hägele (SZ 2.11.). „In Bandkes Rede trägt nur eine Person die Schuld an der miserablen Lage rund ums „Rote Haus“: jener MV, den man zum Abschied noch zum Ehrenvorsitzenden ernannte, für den aufwändige Hausparties organisiert wurden, und der zum Schluss immer höhere Aufwandsentschädigungen verlangte. Während die Aufsichtsratsmitglieder in Anbetracht der ständig steigenden Schulden persönliche Bürgschaften zeichneten, verlangte der Finanzminister a. D. zur stattlichen Rente noch ein Direktorengehalt. Man einigte sich schließlich auf 25.000 Mark im Monat und ein als Aufwandsentschädigung deklariertes Darlehen von mehreren hunderttausend Mark, das nicht zurückgezahlt werden musste. Gefallen hat diese Abrechnung mit dem ehemaligen Präsidenten nicht allen im Beethoven-Saal der Liederhalle. Auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart beschäftigt sich ja wegen des Verdachts der Untreue mit den Vorgängen der MV- Ära. Ganz besonders dem neuen Aufsichtratsvorsitzenden Dieter Hundt passte diese öffentliche Aufarbeitung der VfB-Vergangenheit nicht ins Konzept. Wieso sich gleich mit einem alten Weggefährten anlegen, obendrein einem Mann, der als DFB-Präsident und Mitglied von Fifa- und Uefa-Exekutive im Welt-Fußball Strippen zieht? (…) Um die Serie von Geduldsspielen in einem Talentschuppen mit zehn Profis aus der eigenen Jugend- und Amateurabteilung durchzuziehen, müssen die neuen Controller vor allen Dingen das Klima verbessern und den Mief aus den Büros der alteingesessenen Angestellten zum Fenster hinausjagen. Diese Aufgabe ist um einiges schwerer als der Job der Mannschaft.“
Martin Hägele (NZZ 5.11.) zur sportlichen und finanziellen Lage der Schwaben. „Vor allem die jungen Leute im Kader, von denen zehn aus dem eigenen Jugend- und Amateurbereich kommen, haben kapiert, welche Aufstiegschancen die Finanznot ihnen geboten hat. Auch das Publikum im Daimler-Stadion identifiziert sich immer mehr mit diesem Sparprogramm. In den Schlagzeilen der Sportpresse wird der Talentschuppen des Trainers Felix Magath längst als „die jungen Wilden“ bezeichnet. Und fände nicht gerade jetzt die grosse Regierungskrise im Fussballstaat Bayern statt, wäre der 1:0-Auswärtssieg des VfB in Leverkusen am Wochenende mitsamt dem positiven sportlichen Trend des vergangenen Monats noch viel mehr gewürdigt worden. Zusammen mit den grossen Namen und Stars in der Nachbarschaft geht man nun in eine richtungsweisende, vielleicht sogar schicksalhafte Woche. Während Ottmar Hitzfeld in München nur zwei Erfolge gegen Hannover und Borussia Dortmund vor dem grossen Knall retten können, bietet das VfB-Programm dieser Woche die Chance, einmal ordentlich die Kurve nach oben zu kriegen. Am Mittwoch im Cup in der BayArena den Coup aus der Liga wiederholen; am Samstag den VfL Bochum in seinem guten Lauf stoppen und danach den Platz tauschen; nächsten Dienstag ein Pflichtsieg gegen Ferencvaros Budapest für die dritte Runde im Uefa-Cup – das sind die Träume. Doch wo es Träume gibt, gibt es auch Ängste. Und im VfB wissen sie jetzt schon genau, was dann kommt. Ohne das Zusatzgeschäft aus dem nationalen und internationalen Geschäft muss das Tafelsilber verkauft werden. Der erste Kandidat dafür wäre Marcelo Bordon, der brasilianische Abwehrchef. Das wäre kein gutes Signal. Deshalb spielt die Mannschaft derzeit nicht nur für ihr Gehalt und den sportlichen Ruf, sondern auch dafür, dass ihnen ihr Libero erhalten bleibt.“
Vor der heutigen Jahreshauptversammlung in Kaiserslautern wirft Peter Heß (FAZ 5.11.) ein. „Der ungeliebte ehemalige Vorstandsvorsitzende Jürgen Friedrich stellt keine Machtansprüche mehr. Mit René Charles Jäggi ist ein Nachfolger gefunden, den so gut wie alle Gruppierungen im Verein für einen fähigen Mann halten. Der ehemalige Oppositionsführer Kirsch, der viel Porzellan zerschlug, spielt praktisch keine Rolle mehr, er hat sich selbst diskreditiert. Die finanzielle Situation ist wegen der Bürgschaft, Jäggis Verhandlungsgeschick, dem Verzicht der Mannschaft auf 1,5 Millionen Euro und des Verkaufs der Werberechte von Miroslav Klose für fünf Millionen Euro nicht mehr zum Zerreißen gespannt. Die Reizfiguren sind verschwunden, die finanzielle Not überwunden. Dennoch könnte eine Schlammschlacht auf der Jahreshauptversammlung den Weg in eine geordnete Zukunft verzögern. Denn 37 Kandidaten bewerben sich für die fünf auf der Versammlung vergebenen Plätze im Aufsichtsrat, darunter alle bisherigen Mitglieder. Durch Schuldzuweisungen erhoffen einige, ihre Aussichten auf die Wahl oder Wiederwahl erhöhen zu können.”
Uwe Marx (FAS 3.11.). „Foul! Ganz mies! Raus mit ihm! Wir sind beim Fußball. Wenn auch nicht auf dem Fußballplatz. Am fleißigsten ausgeteilt wird derzeit nämlich woanders: in den Chefetagen der Bundesliga. Hier wird beinahe flächendeckend gezerrt und geschubst, attackiert und verteidigt, daß die Tabelle nach den jüngsten Runden in der Disziplin Nachtreten in Nadelstreifen so aussieht: Erster – der 1. FC Kaiserslautern: Dort wurden in den vergangenen Wochen zwei Vorstandsmitglieder, darunter der Vorsitzende, ausgewechselt. Der Chef des Aufsichtsrats hatte schon zuvor die Rote Karte gesehen. Nun klagt der neue starke Mann im Verein über gnadenlose Mißwirtschaft und eine falsche Transferpolitik der alten Führungsriege. Ein paar Strafanzeigen kamen auch noch ins Spiel. Zweiter, einige Streitpunkte dahinter – der VfB Stuttgart: Hier klagte ein Mitglied des Aufsichtsrates bei der Jahreshauptversammlung, der frühere Vereinspräsident sei nicht teamfähig gewesen und habe den Verein ungeheure Summen gekostet, weil er zu schlechte Spieler zu teuer eingekauft habe. Wie passend, daß gegen den Angegriffenen, mittlerweile Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, immer noch die Staatsanwaltschaft ermittelt; es geht unter anderem um beachtliche Aufwandsentschädigungen in seiner Amtszeit. Dritter in der Mobbing-Liga – der Hamburger SV: Hier schickte der Aufsichtsrat den Vorsitzenden des Vorstandes unlängst vorzeitig in den Ruhestand. Eine Trennung, die sich nach Wochen des Mißtrauens und der schleichenden Entmachtung angedeutet hatte – kein lauter Knall zwar, aber ein stetes Grollen (…) Mit der Beaufsichtigung haben es einige der jetzt schimpfenden Aufpasser offenbar nicht so genau genommen. Erst ihre Schwäche hat die Stärke und den Allmachtsanspruch mancher Vereinsfürsten ermöglicht. Deshalb klingt ihr wortreiches, aber verspätetes Lamento hohl.“
Zweite Liga
Roland Leroi (FR 5.11.) schreibt über den Trainerwechsel in Duisburg. „Man darf getrost davon ausgehen, dass Littbarski seinen Abgang bewusst provozierte. Mittlerweile dämmerte ihm, was er früher nie wahrhaben wollte. Der MSV kommt auch in dieser Saison nicht über biederes Mittelmaß hinaus. Das war aber für ihn, den Weltmeister von 1990, der so gerne über offensiv-attraktiven Fußball referiert, kein befriedigender Anspruch. Und dann wurde auch noch fortlaufend Kritik laut. Die Fans stellen sich gegen Littbarski, dem Coach wurde permanent vorgehalten, dass er im Sommer acht Wochen WM-Urlaub in Japan machte, anstatt sich um die Mannschaft zu kümmern. Hinzu kam die sportliche Bilanz: In 47 Pflichtspielen unter Littbarskis Regie wartete das Umfeld vergeblich auf den versprochenen Aufschwung. Von Bernard Dietz muss Hellmich keine Extratouren befürchten. Der heute 54-Jährige, der 395 Bundesligapartien für den MSV bestritt und neulich von den Fans zum Jahrhundertspieler gewählt wurde, identifiziert sich voll mit seinem Verein. Nur weil der MSV anklopfte, erklärte sich Dietz bereit, kurzfristig auf die Bühne des bezahlten Fußballs zurückzukehren. Noch vor einem Jahr hatte er als Cheftrainer des VfL Bochum hingeworfen und dem Profifußball abgeschworen. In Duisburg mussten sie daraufhin viel Überredungskunst anwenden, um Dietz wenigstens für den Nachwuchsbereich engagieren zu können.“
Jan Christian Müller (FR 4.11.) schreibt über Frankfurter Aussichten. „Ein Blick auf die Tabelle zeigt, wie groß die Chance der Eintracht in dieser Saison ist, überraschend dabei zu sein im ernsthaften Interessentenkreis für einen Bundesligaaufstieg. Hinter den drei Schwergewichten Köln, Frankfurt und Freiburg drängt sich niemand sonderlich aggressiv auf. Und die Art und Weise, wie die Mannschaft sich auf dem Platz darstellt, erinnert an jene Zeit unter Horst Ehrmantraut, als die einst so schöne Eintracht zum Kämpfer-Klub mutiert war und die für den erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga verantwortlichen Führungsspieler Köpke, Binz, Schupp, Zelic und Okocha durch die Nikolov, Schur, Zampach, Brinkmann und Epp ersetzt worden waren, Männer, die für eine andere Art Fußball standen: Für Kampf und Hingabe, nicht mehr für die typische Frankfurter Fußballtradition.”
Christoph Biermann (SZ 4.11.) war beim Spitzenspiel zwischen Oberhausen und Köln. „19.135 Besucher waren es am Freitagabend sogar, und fast wäre das Niederrhein-Stadion zum ersten Mal in seiner Geschichte ausverkauft gewesen. Immerhin war die Kulisse beim Spitzenspiel der zweiten Liga der beste Besuch seit fast dreißig Jahren. Die Fans saßen auf den Zäunen, hockten auf den Dächern der Würstchenbuden und lugten gar vom Damm der Emscher kostenfrei hinüber. Das Punktspiel hatte die Atmosphäre einer Partie im Pokal, wenn der Große den Kleinen besucht. Weil die Mehrzahl der Zuschauer aus Köln angereist war, geriet auch die örtliche Polizei in großer Aufregung. Martialisch trat sie auf und hantierte etwas zu freigiebig mit Pfefferspray. „Das war unterste Schublade“, fand Kölns Libero Thomas Cichon, der bei der Verabschiedung der mitgereisten Fans nach dem Spiel selbst etwas vom Tränengas abbekommen hatte. Ein wenig überfordert wirkte Oberhausen mit dem großen Match, allerdings nicht auf dem Rasen, denn dort reichte es zu einem 2:2 gegen den Aufstiegsfavoriten vom Rhein. Das Remis hält Rot-Weiß Oberhausen in Sichtweite der Aufstiegsplätze, auch wenn davon niemand etwas hören will.“
Zur Lage in Unterhaching SZ
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Hartmut Scherzer (FAZ 2.11.) erzählt die Story eines besonderen Fußballfans. „Andreas Schuster ist sehr enttäuscht. Wie jeder bekennende Gladbach-Fan auf der Nordtribüne grämt sich auch der korpulente Mann aus Wetzlar über die Heimniederlage gegen 1860 München. Gladbach hat erst keinen rechten Zugang zum Spiel gefunden und nach dem 0:1 dann keinen richtigen Druck entfacht, kommentiert der Stehplatzbesucher den Auftritt der Borussia. Ein Unentschieden, findet er, wäre dem Spielverlauf dennoch angemessen gewesen. Schließlich hatte Gladbach drei hochkarätige Chancen, wie den Hinterhaltschuß von Stassin, den Torwart Jentzsch toll parierte. Die Einschätzung ist bemerkenswert: Andreas Schuster hat das Spiel überhaupt nicht gesehen. Er ist von Geburt an blind. Was den Einunddreißigjährigen nicht hindert, ein, wie er sagt, Fußballverrückter zu sein und Spiele in den Stadien der Bundesliga, vorzugsweise auf dem Bökelberg, zu verfolgen. Die Akustik und die Atmosphäre machen Fußball für ihn zum Erlebnis (…) Mit einem nur sehbehinderten Freund fuhr Andreas Schuster im Zug fast zu jedem Heimspiel nach Mönchengladbach. Hand in Hand tasteten sich die beiden Behinderten zu den unteren Stufen der Nordtribüne hinab, dort, hinterm Tor, wo sich die Geräusche vom Platz und die Kommentare von den Rängen treffen. Aus dem Sammelsurium von Pfiffen des Schiedsrichters, Zurufen der Spieler, Reaktionen der Zuschauer und Schilderungen des Begleiters macht sich Andreas Schuster mit höchster Konzentration über neunzig Minuten sein Gedankenbild vom Spielverlauf (…) Für zwei Stunden sieht Andreas mit meinen Augen. Ich schildere ihm alles, was ich auf dem Spielfeld sehe. Inbrünstig singt Andreas das Vereinslied mit und stimmt kräftig bei der Bekanntgabe der Gladbacher Aufstellung in das Echo der Nachnamen ein. Der Fußballtag ist ein Festtag in seinem Leben ohne Licht. Seine Umgebung nimmt kaum Notiz von dem Fan mit den gelben Blindenbinden an beiden Armen – und wenn, dann mit Respekt. Beim Torjubel jubelt er mit. Doch abseits. Vor dem Abseitstor der Sechziger hat sein ausgeprägtes Gehör den Pfiff vernommen. Da war er sozusagen mit dem Schiedsrichter auf Augenhöhe und den Sehenden voraus. Er gibt Entwarnung. Das zweite Aufstöhnen im Stadion signalisiert ihm dann den korrekten Münchner Treffer (…) Schuster schafft sich seine Bilder nach seinen Wahrnehmungen durch Anfassen, Abtasten und Beschreibung. Wie weit die Vorstellungen in seiner dunklen Welt dann mit der Realität der Sehenden identisch sind, werde sich nie in letzter Konsequenz klären lassen. Das gilt auch und vor allem für das Fußballspiel. Das ist kein Gegenstand, den er durch Berühren begreift. Das Stadion kann er sich vorstellen: Wie eine große rechteckige Schüssel. Die Vereinsfarben von Borussia Mönchengladbach, weiß er, sind Grün-Weiß-Schwarz. Aber er hat keinerlei Vorstellung von Farben. Die kann ich nicht anfassen. Farben kann man mir auch nicht erklären.“
Michael Eder (FAZ 2.11.) erzählt die Geschichte eines anderen besonderen Fußballanhängers. „Sparen, das lernen wir täglich von höchster Stelle, ist nicht etwa, weniger Geld auszugeben, sondern es den anderen gekonnter aus der Tasche zu ziehen. Dazu braucht, wer nicht gerade in der Regierung sitzt, eine passende Idee. So eine wie Union Berlin zum Beispiel. Der Fußball-Zweitligaverein hat im Internet für die Partie gegen Eintracht Frankfurt einen Platz auf der Ersatzbank versteigert. Siehe da: Der Zuschlag ging für 2096,52 Euro an einen Fan namens Adi. Pech für die Berliner: Adi kommt aus Frankfurt, aber was soll’s? Jedenfalls ist das eine hübsche Geschäftsidee, die sich locker ausbauen ließe bis hin zu einer Ersatzbank mit lauter Eintracht-Fans. Und könnte einer von ihnen auch noch als Berliner Trainer wirken, nicht auszudenken, was da zu verdienen wäre. Alles wunderbar also? Nicht ganz, denn unterdessen hat die Deutsche Fußball Liga die Aktion humorlos abgegrätscht mit dem Hinweis auf Paragraph drei ihrer Spielordnung, die besagt, daß auf der Auswechselbank nur Ersatzspieler sowie medizinisches und technisches Personal sitzen dürfen. Zugegeben, Adi fällt in keine der genannten Kategorien. Noch nicht. Vorschläge, dies zu ändern, gibt es viele. Ein Tagespraktikum als Zeugwart wäre nicht die schlechteste aller Möglichkeiten, aber auch innerhalb der medizinischen Abteilung der Berliner könnte sich Adi nützlich machen, schließlich pflegt der großflächig tätowierte Frankfurter regelmäßig einen mit alkoholischer Flüssigkeit gefüllten Kanister mit sich zu führen, dessen Inhalt auch bei der Behandlung von Sportverletzungen Verwendung finden könnte. Wie auch immer, zwischen Frankfurt und Berlin wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, um zu erreichen, daß Adi doch noch seinen verdienten Platz auf der Union-Bank einnehmen kann. Probleme, beteuern die Frankfurter Fans vorab, seien ausgeschlossen. Zwar habe Adi, wie er zugibt, schon im Knast, aber noch nie auf einer Ersatzbank gesessen, dennoch werde er sich dort zu benehmen wissen. Seine Kumpel aus Frankfurt haben ihm vorsichtshalber einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg gegeben. Wenn er im Eifer des Gefechts ein Union-Trikot zusammenfalten sollte, so ihr Tip, müsse er sich in jedem Fall zuvor versichern, daß kein Berliner Spieler mehr darin stecke. Man sieht: Alle Beteiligten geben sich große Mühe, damit die Berliner Geldbeschaffungsmaßnahme doch noch zu einem ungetrübten Erfolg wird.“
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