Mittwoch, 18. Februar 2009
Unterhaus
Die Kreisliga kocht
Amateurvereine aus Nordrhein-Westfalen protestieren gegen Bundesliga am Sonntag um 15.30 Uhr, DFB und DFL sind sich nicht einig, wie sie dem Widerstand begegnen sollen
Im Konflikt um das 15.30-Uhr-Termin am Sonntag und den mit Boykott drohenden Amateurvereinen in Nordrhein-Westfalen sind DFB-Chef Theo Zwanziger und DFL-Präsident Reinhard Rauball verschiedener Auffassung, berichtet die Berliner Zeitung: „Längst haben alle Beteiligten die Brisanz des Themas erkannt. Damit sich der Proteststurm nicht auf andere Landesteile ausweitet, bemühen sich DFB und DFL um Deeskalation. So soll Theo Zwanziger in einem für den 25. Februar geplanten Gespräch mit den ,Aufständischen‘ zu einem Kompromiss beitragen. Für den Fall finanzieller Einbußen hatte der DFB-Präsident Ausgleichszahlungen für betroffene Amateurclubs in Aussicht gestellt. Ganz einig sind sich DFB und DFL nicht. Anders als Zwanziger schloss Rauball Ausgleichszahlungen an Amateurclubs kategorisch aus. Nicht minder erstaunt reagierte der Liga-Präsident auf Absage des Spieltages: ,Das ist nicht der richtige Weg. Man hat sich den Boykott-Drohungen gebeugt.‘ Rauball befürwortet eine moderatere Vorgehensweise. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit kleinen Geschenken warb er um die Gunst seiner Zuhörer. ,Borussia Dortmund erklärt sich bereit, in jedem Jahr gegen eine Amateurauswahl anzutreten.‘“
„Die Kreisliga kocht“, titelt zum selben Thema der Tagesspiegel, wiegelt für die Region Berlin aber ab: „In Berlin scheint kaum jemand die neuen Termine problematisch zu finden. Die Identifikation mit den Profiteams von Hertha oder Union scheint nicht so ausgeprägt zu sein wie im Ruhrgebiet. Vor allem im Ostteil der Stadt tragen viele Amateurteams ihre Spiele freiwillig am Samstagnachmittag aus – zueiner Zeit, in der Hertha und Union meist im Einsatz sind. Ähnlich verhält es sich im Umland: In Brandenburg werden alle Begegnungen auf Landesebene ebenfalls am Samstagnachmittag angepfiffen, meist unmittelbar vor dem Beginn der Bundesligaspiele.“
Allgemein
Mit Milan bestens bedient
Werder Bremen misst sich heute mit dem AC Mailand, das könnte sein Ding sein / Markus Babbel will sich mit einem Erfolg gegen Zenit St. Petersburg noch unabkömmlicher machen / Anatoli Timoschtschuk, Russlands Beckham (FAZ) (mehr …)
Bundesliga
Handtaschen all-inclusive
Ralf Rangnick macht die Medien dafür verantwortlich, dass Hoffenheim seltener gewinnt als im Herbst / Timo Hildebrand, im Moment kein Halt für seine jungen Mitspieler (taz) / Logan Bailly, Erbe Pfaffs und Kahns / Lars Ricken hört auf, nur wenige juckts (mehr …)
Montag, 16. Februar 2009
Bundesliga
Die besten Nebendarsteller der Liga
20. Spieltag: Das Kollektiv Hertha BSC Berlin fährt Lob ein / Die Zweifel an Jürgen Klinsmanns Eignung als Trainer wachsen / Schalke ist nicht mal so beliebt wie Hartmut Mehdorn – und erfolgsärmer (StZ) / Die Erdung Hoffenheims
Hertha BSC ist Tabellenführer, und Markus Völker (taz) kann sich keinen Reim darauf machen: „Was läuft da in Charlottenburg für ein merkwürdiges Experiment? Wie kommt es, dass Berlin aus zwei Torschüssen zwei Tore macht und zum x-ten Mal mit einem Tor Unterschied als Sieger vom Platz geht? Wie, verdammt noch mal, ist das möglich, obwohl wichtige Leute fehlen? Und wieso ist die Abwehr so stabil, obgleich ein Spieler von Beginn an aufläuft, Rodnei, der noch keine einzige Minute gespielt hat? Kruzifix, es ist ein Rätsel.“
Beim 2:1 gegen Bayern erforscht Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) Herthas nüchternen, effektiven Stil: „Hertha BSC ist das Phänomen einer Mannschaft, die selten Aufsehen erregend, oft glanzlos spielt – und meistens gewinnt. Bei neun von zwölf Siegen machte nur ein Tor den Unterschied. Sie ist nach wie vor keine Schönheit auf den ersten Blick, kein berauschendes Ereignis, sie spielt nie drückend überlegen. Auch gegen Bayern nicht: 38 Prozent Ballkontakte, 45 Prozent gewonnene Zweikämpfe, im Verhältnis der Torschüsse 8:18, bei den Ecken 2:6. Aber Hertha, die alte Dame, hat die Ruhe weg. Und imponiert auf den zweiten Blick. Sie ist eine Funktionseinheit, ihr Baumeister heißt Lucien Favre. Der Trainer bastelt an einem sich unaufgeregt entfaltenden, möglichst starfreien Gruppenwerk.“
Michael Horeni (FAZ) schlägt „das unscheinbare Hertha-Ensemble für den Goldenen Bären der Fußball-Berlinale“ vor. „Die Kategorie versteht sich von selbst: die besten Nebendarsteller der Liga.“
Hochnäsige Zuversicht Klinsmanns
Matti Lieske (Berliner Zeitung) stellt klar: „Manches deutet darauf hin, dass nicht spektakuläre Offensivleistungen und große Momente belohnt werden, wie sie vor allem Hoffenheim oder Leverkusen liefern, erst recht nicht überholte Erfolgsrezepte à la Bremen, Schalke oder Stuttgart. Weit eher ist bei aller Torrausch-Euphorie disziplinierter Ergebnisfußball mit Schwerpunkt auf Defensive das Rezept der Stunde.“
Zudem weist er den Bayern-Trainer in die Schranken, für den es bloß eine Frage der Zeit sei, auf Platz 1 vorzurücken: „Woher Jürgen Klinsmann seine hochnäsige Zuversicht bezieht, war nicht zu sehen. Ein einfallsloses Mittelfeld, ein harmloser Angriff und eine Viererkette, für die sich San Marino schämen würde – so stellt man sich gewiss keine Mannschaft vor, deren Anspruch normalerweise absolute Dominanz ist.“
Kein Plan B
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) kann keine Klinsmann-Spuren auf dem Spielfeld entdecken: „Schafft Klinsmann die Bayern? Oder schaffen die Bayern Klinsmann, der angetreten ist, um den Verein in die fußballerische Moderne zu führen? Dem Spiel des Meisters liegt kein System zugrunde, noch immer verlässt sich die Mannschaft viel zu sehr auf ihre individuellen Fähigkeiten.“
allesaussersport nimmt die Bayern auseinander und misst Klinsmann an seiner Arbeit beim DFB: „Die Bayern-Mannschaft ist in ihrer Anlage eine ziemlich berechenbare, weil überraschungsfreie Mannschaft. Impulse kommen allenfalls durch individuelle Geistesblitze und wenn die ausbleiben, weil Ribéry grad kein Bock hat, Schweinsteiger sich eine Auszeit nimmt und Klose wenig brauchbare Anspiele bekommt, die er an Toni weiterreichen kann, dann reicht es nicht mehr, einen schwierigeren Gegner aus dem Weg zu räumen. Das dürfen sich auch Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann ans Revers heften, die keine Tiefe im Kader aufgebaut haben. So verwundert es nicht, dass die Einwechslungen von Klinsmann meistens schon einer Viertelstunde vorher durchtelegraphiert werden können. Einer der Faktoren, weswegen ich die Bayern Jahr für Jahr als Meister tippe, ist der Kader, mit dem sie Verletzungen und Leistungsschwankungen kompensieren können. Nun schaue ich aber auf die Bank und habe das Gefühl, dass es sich dabei nicht um taktische Alternativen handelt, sondern um verbrannte Spieler, die nicht das Zeug zur Startelf haben. Bei allen schlechten Leistungen, die er in dieser Saison gebracht hat – das Fehlen von Podolski scheint den Bayern eine Reihe von Optionen zu rauben. Das ist nicht der Klinsmann, den man (zusammen mit Löw) aus Nationalmannschaftszeiten kannte, wo es mit Jokern wie Neuville oder Odonkor auch einen Plan B gab.“ Eine kontroverse Debatte schließt sich dort an.
Auch Klaus Hoeltzenbeins (SZ) Analyse liest sich wie eine Kritik am Trainer: „Zweifelsfrei haben die Bayern die höchste individuelle Klasse in der Liga, aber auch in Berlin sah man, dass andere in der Gruppe kompakter arbeiten. Zumal dann, wenn die Münchner mittels Flüchtigkeitsfehlern das 0:1 erlauben und sich extrem unter Handlungsdruck setzen, was in den fünf letzten Ligaspielen stets der Fall war.“
Überfordert
Nach der 1:2-Niederlage in Bochum zählt Jan Christian Müller (FR) die Tage der sportlichen Führung Schalkes: „Beim Hamburger SV sind sie inzwischen gottfroh, entgegen der ursprünglichen Planung von Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer lieber Martin Jol als Fred Rutten verpflichtet zu haben. Der geschwächte Trainer Rutten bräuchte in diesen schweren Tagen einen starken Manager an seiner Seite, einen, der mit breitem Kreuz hilft. So, wie es der auch in der Krise souveräne Klaus Allofs in Bremen tut. Stattdessen wechselt Andreas Müller seine Handynummer und verlässt die Stätte des Misserfolgs fluchtartig. Souverän sieht anders aus. Völlig anders. Schwer vorstellbar, dass der rechtschaffene Müller und der überforderte Rutten eine Zukunft in Gelsenkirchen haben.“
Vorreiter des Manchester-Kapitalismus
Daniel Theweleit (taz) glaubt, dass Schalke so bald nicht mehr nach Oben kommen wird: „Die Gier, schnell weiter aufzusteigen, hat die Schalker Klubführung von einer Fehlentscheidung in die nächste getrieben. Wobei diese Kopflosigkeit von vielen Fans, den Beratern, die den Klub umgeben, und vielen Journalisten vor Ort forciert wurde. Wie einst Ikarus sind die Schalker ohne Flügel aufgeschlagen. Im Winter mussten sie sich von Spielern trennen, um nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, eine Entwicklung, die im Sommer wohl fortgesetzt wird. Schalke wird wieder schlanker und länger kein Schwergewicht mehr sein. Der Klub, er ist richtig tief gestürzt.“
Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) stellt einen drastischen Imageverlust fest: „Schalke ist Ligaspitze in Sachen Antipathie und hat die Bayern vielerorts als Feindbild abgelöst. Der Jubel in den Stadien, wenn während der Spiele Gegentore für Schalke eingeblendet werden, ist ein gutes Indiz für das Stimmungsbarometer im Fußball. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Im Vergleich zu Schalke erreicht Hartmut Mehdorn Sympathiewerte von putzigen Robbenbabys. Nach 2001 kam das Geld in den Pott, und es ging die Sympathie. Das alte Schalke war Geschichte, Schalke 2.0 war geboren. Scampis statt Maloche. Das neue Stadion, der blaue Planet, Gasprom, viele Euro aus dubiosen Quellen, einige Spieler mit schwierigem Charakter, manch unglückliches Auftreten. Der Arbeiterverein ist binnen kurzer Zeit zu einem Vorreiter des Manchester-Kapitalismus im deutschen Fußball geworden.“
Peter Heß (FAZ) ordnet das 1:4 gegen Leverkusen und Tabellenrang 2 der Hoffenheimer ein: „Es gibt viele Bundesligateams, die schon an ihren guten Tagen froh wären, so viel spielerische Klasse abrufen zu können wie die Hoffenheimer an ihrem schwarzen Freitag. Sowenig ein Niedergang zu befürchten ist, so wenig steht ein weiterer Durchmarsch bevor.“
Freitag, 13. Februar 2009
Vermischtes
Lehrbeispiel, wie man es nicht machen soll
1860 München dilettiert in der Investorenverhandlung / DFB und Dietmar Hopp sind Geschäftspartner / Hoffenheims Techniktrainer Marcel Lucassen diagnostiziert Rückstände im deutschen Fußballtraining
Anfang Februar präsentierte 1860 München einen Investor, eine Woche später macht der Klub die Einigung rückgängig. Die DFL, einige Bundesligavertreter und die Presse hatten Bedenken geäußert. Christian Zaschke (SZ) kommentiert das (vorläufige) Scheitern: „Vergangene Woche regte sich Unmut unter den Klubs – erstens, weil der Investor sehr offensichtlich Einfluss nahm, zweitens, weil er Gewinn erwirtschaften wollte. Und drittens, weil die Sache so dilettantisch gestaltet war, wie es nur der TSV 1860 vermag. Wie deutsche Profiklubs mit Investoren zusammenarbeiten können und wie viel Einfluss sich damit verbindet, muss genauer geregelt werden. Der TSV 1860 ist Lehrbeispiel dafür, wie man es auf keinen Fall machen soll.“
Statt Abacus und Karopapier
Der DFB ist Geschäftspartner von Hoffenheim-Boss Dietmar Hopp. Diese Woche wurde auf einer Pressekonferenz die neue Datenbank des DFB vorgestellt, die von ICW hergestellt und vertrieben wird. Hauptinvestor von ICW ist Hopp. allesaussersport sammelt die Berührungspunkte zwischen Hoffenheim, Hopp und dem DFB, der jede Nähe empört von sich weist: „Da gibt es die ‚Lex Hopp‘, die der DFB-Vizepräsident Rainer Koch gegen Verunglimpfungen von Dietmar Hopp aus dem Boden stampfte. Da gibt es das neue Hoffenheim-Stadion in Sinsheim, das vom DFB als einer der Austragungsorte für die Frauen-WM 2011 gekürt worden ist. Da gibt es den Sohn von T20, Ralf Zwanziger, der ob seiner Qualitäten Koordinator für Frauenfußball bei der TSG 1587 Hoffenheim geworden ist. Es ist natürlich keine Vetternwirtschaft, sondern eher viel freie Liebe zwischen der TSG 1743 Hoffenheim, dem DFB und Dietmar Hopp.“
Der DFB hat Hopps Software in höchsten Tönen gelobt, um dem Verdacht aus dem Weg zu gehen, es hätte andere Kriterien als Qualität. Manchen Verdacht erweckt und versteckt man damit natürlich erst: „Eine solche Datenbank hat es noch niieeee in der Fußballgeschichte gegeben“, höhnt allesaussersport, „und die restlichen Verbände und Fußballmannschaften arbeiten noch mit Abacus und Karopapier.“
Auch die FR hat sich der Sache angenommen. Bei der FAZ und Spiegel Online klingt das anders.
Mit dem Kompetenzgerangel beim DFB (Sammer, Bierhoff) um die U21 befasst sich die Berliner Zeitung.
Mannschaftstraining hat seine Grenzen
Der Techniktrainer Hoffenheims Marcel Lucassen gewährt in der FAZ konkrete Einsichten in seine Arbeit: „Im deutschen Fußball stimmen die Siegermentalität und die Physis. Es müsste aus meiner Sicht aber positionsspezifischer trainiert werden. Es geht darum, den Spieler auf den einzelnen Positionen zu verbessern. In der spanischen Nationalmannschaft ist jede Ballannahme offensiv, es geht in Richtung Tor. Wenn ich die deutsche Mannschaft sehe, stehen sie mit dem Rücken zum Tor des Gegners. Mannschaftstraining hat seine Grenzen. Wenn es in der Schule in Englisch nicht läuft, dann bekommen Schüler Zusatzunterricht. Im Fußball gibt es das noch nicht umfassend. In Hoffenheim wird an der individuellen Entwicklung der Spieler in allen Bereichen gearbeitet. Vor fünfzehn Jahren dachten die Leute, ich komme von einem anderen Planeten. In den letzten Jahren hat es aber Veränderungen gegeben. Im Vergleich mit anderen Sportarten ist da noch immer sehr viel zu holen.“
Deutsche Elf
Frings‘ beste Zeit ist vorüber
Die 0:1-Niederlage gegen Norwegen verstimmt die Journalisten / Es gibt viele kleine und einen großen Verlierer: Torsten Frings
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) fühlt sich zurückversetzt in die Erich-Ribbeck-Ära: „Der unansehnliche Auftritt gegen eine Mannschaft, die im Jahr 2008 nicht ein einziges Spiel hatte gewinnen können, gemahnte an düstere Zeiten um den Jahrtausendwechsel – und verdiente sich das Prädikat des schlechtesten Spiels unter der Regie von Löw.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schlägt die Hände vors Gesicht: „Der Auftritt ist ein Gegenentwurf zu jener Leistung, die Löw sich wünscht. Seine Spieler haben furchterregende Fehlpässe, eine irritierende Ideenarmut und eine zeitlupenartige Zweikampfführung gemischt, herausgekommen ist ein astreiner Stimmungstöter.“
An Frische verloren
Die SZ beklagt eine „Beleidigung für das Publikum“. Nach Meinung von Philipp Selldorf neigt die Nationalmannschaft inzwischen gelegentlich dazu, sich zu überschätzen: „Wenn sie eingehend eingeschworen wird wie im Oktober vor dem Spitzenspiel gegen Russland, dann ist sie zu ihrer besten Leistung bereit und imstande. Ohne dieses Gefühl der stärksten Spannung bringt sie die nötige Leidenschaft nicht auf.“
„Selbstzufriedenheit, die auf Kosten der Freude geht“ stellt Michael Horeni (FAZ) in Löws Elf fest: „Das vom Bundestrainer nach der WM 2006 als ‚goldene Generation‘ geadelte Team hat bei seinem Reife- und Veränderungsprozess seit gut einem Jahr an Frische verloren. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es dafür an Souveränität gewonnen hätte.“
Vorhersehbarkeit in Person
Zum „ganz großen Verlierer“ (FAZ) stempeln die Experten Torsten Frings, der seinem laut formulierten Anspruch, ein Führungsspieler zu sein, nicht gerecht geworden sei. „Frings schaffte es nicht, seine Rolle neben Ballack auch nur annähernd überzeugend auszufüllen“, kritisiert die FR sachlich. Die FAZ urteilt endgültiger: „Seine beste Zeit ist vorüber.“
Auch Sven Goldmann (Tagesspiegel) lässt kein gutes Haar an Frings: „Sein Spiel hatte fast schon tragische Züge. Er hatte schon Schwierigkeiten bei der Ballkontrolle, leiste sich ein umständliches und fehlerhaftes Passspiel und bremste dadurch immer wieder den Spielaufbau der Deutschen aus seinem Zentrum heraus. Frings war die Vorhersehbarkeit in Person.“
Auch andere Spieler bekommen ihr Fett weg. Die FR scheibt: „Der in der Spieleröffnung überforderte Heiko Westermann scheint im Nationaldress ein anderer zu sein als im Schalker Trikot. Auf diesem Niveau ist er Partner Per Mertesacker genauo wenig eine Hilfe, wie es Metzelder bei der EM war.“ Marko Marin sagt die FAZ „bisweilen albern wirkende Einzelaktionen“ nach. Und der Tormann muss in der SZ lesen: „René Adlers neue Fehlbarkeit hat den Vorsprung auf die Rivalen Wiese und Enke auf eine kaum messbare Winzigkeit schrumpfen lassen.“
Montag, 9. Februar 2009
Bundesliga
Einmal kriseln ist Bremer Recht
19. Spieltag: Bremen bekommt nichts hin, aber Trainer Thomas Schaaf hat historische Verdienste (SZ) / Archaisches, unästhetisches, erfolgreiches Schalker Spiel (FAZ) / Michael Gravgaard, ein Wiedergänger Mladen Pralijas? / Hoffenheims Schönheit schwindet / Werden Linienrichter zu mächtig? (BLZ)
Werder Bremen steckt nach dem 0:1 in Schalke im Mittelfeld fest. Klar, dass manch Wegelagerer nach Trainer Thomas Schaaf fragt. Und fast hätte sich Sportdirektor Klaus Allofs am Samstag verplappert: „Wir geben hier keinen Treueschwur ab“, sagte er nach dem Spiel. So klingen normalerweise die Prologe einer Entlassung. Nicht jedoch in Bremen, wo Schaaf auf zehn erfolg-, teilweise glorreiche Jahre zurückblicken kann. Als allererstes hatte er Werder vor dem Abstieg bewahrt, Christof Kneer (SZ) ruft allen Zweiflern ins Gedächtnis, welche Bedeutung in Bremen der Vereinsgeschichte beigemessen wird: „Aus der Zweiten Liga heraus hätte sich kaum jene Elf entwickelt, auf die der deutsche Fußball endlich mal stolz sein durfte. Es ist Schaafs ewiges historisches Verdienst, dass er das düstere Interregnum der Nach-Rehhagel-Ära (1995-99) beendet hat, in dem die Trainer de Mos, Dörner, Sidka und Magath unterschiedliche Formen von Chaos angerichtet hatten.“ Auch Otto, der Große, konnte sich ein schlechtes Jahr erlauben, schreibt Kneer: „Rehhagel hat in seinen vierzehn Jahren einmal Neunter werden dürfen, einmal kriseln ist Bremer Recht.“
Auch die Sieger der schwachen Partie bekommen keine Blumen gereicht. In der FAZ ist die Rede ist vom „archaischen Schalker Spiel, ästhetisch ein Graus“. Gleichwohl habe das Schalker Publikum Reaktionen größten Vergnügens an den Tag gelegt: „Die Leute fühlten sich mitreißend unterhalten von dieser Begegnung, die so grob war wie eine Schotterpiste voller Schlaglöcher.“
Mladen Pralija II
2:3 in Karlsruhe trotz 2:0-Führung – der Hamburger SV erschrickt seine Anhänger nach zuletzt nur guten Nachrichten und Taten. Christian Kamp (FAZ) berichtet von einer Reduktion: „Der gefeierte Bayern-Bezwinger und vermeintliche Titelanwärter ist fürs Erste wieder auf das Format eines Meisterschülers gestutzt – mit jeder Menge Talent zwar, aber noch ohne die nötige Reife.“ Kamp nimmt sogar die Worte „Hamburger Arroganz“ in den Mund, denn es sei auffällig, dass der HSV nach guten Ergebnissen regelmäßig Niederlagen einstecken müsse: „Es hat beinahe System, wie der HSV leidenschaftliche Auftritte mit blutleeren mischt und sich damit selbst um den Maximalertrag bringt: Einem 3:2 gegen Leverkusen folgte ein 0:3 in Wolfsburg, einem 2:0 gegen Stuttgart ein 0:3 in Hannover.“
Bitter war der Einstand für den Dänen Michael Gravgaard, der Kamp wegen seiner Fehler an allen drei Gegentoren an Mladen Pralija erinnert. Pralija ist das Hamburger Synonym für hochnotpeinliches Debüt, in seinem ersten Spiel für den HSV im Jahr 1987 kassierte der jugoslawische Torwart sechs meist kuriose Tore.
Spektakel
Beim KSC erlebt Tobias Schächter (Berliner Zeitung) hingegen eine Enthemmung: „Es wirkte fast so, als wollten Sebastian Freis und seine Kollegen mit diesem Spiel all das nachholen, was sie in den Wochen zuvor versäumt hatten. Es war ein Spektakel, das daran erinnerte, weshalb dieser Sport so großartig ist. Die 28.000 KSC-Fans zogen danach so glücklich in die Kneipen ihrer Stadt, wie nur zufriedene Fußballfans das nach neunzig Minuten im Dauerregen können.“
Schönheit bröckelt
Was macht der Tabellenführer? Stefan Hermanns (Tagesspiegel) weiß nicht so genau, wie er den Rückrundenstart Hoffenheims nach dem 1:1 in Mönchengladbach einordnen soll und klammert sich an die Fakten: „Zwei Spieltage sind absolviert, und jeder kann den Start der Hoffenheimer in die Rückrunde lesen, wie er will: Die Kritiker werden sagen, dass sich der Tabellenführer doch überraschend schwer getan habe gegen die beiden Abstiegskandidaten Cottbus und Mönchengladbach, Mannschaften von dürftigem Format. Andererseits haben die Hoffenheimer den Vorsprung auf die Bayern ausgebaut. Und auch Hertha, Leverkusen und der HSV konnten den Rückstand auf den Spitzenreiter nicht verkürzen.“ Die SZ ergänzt: „Die Hoffenheimer Fußballästheten verlieren ein bisschen von ihrer souveränen Schönheit. Von den jüngsten vier Spielen haben sie nur eines gewonnen.“
Vier Deppen
Im Blickpunkt wie fast jeden Spieltag die Schiedsrichter. Brauchen wir einen Videobeweis, hilft ein Oberschiedsrichter? An den Beispielen des Hoffenheimer Nicht-Elfmeters und Abseitstores haben Jan Christian Müller (FR) und seine Kollegen Empirie betrieben: „Die Sportredaktion der Frankfurter Rundschau hat sich die Szene mehrfach im Originaltempo und in Zeitlupe angeschaut. Vier Redakteure kamen zu einem klaren 3:1-Ergebnis: Strafstoß, keine Schwalbe! Am Ende hat Hoffenheim dann noch den Ausgleich aus einer fürs bloße Auge nur sehr, sehr schwer zu erkennenden Abseitsposition erzielt. Die vier FR-Oberschiedsrichter hätten das vermutlich auch mit Kamerahilfe so schnell gar nicht erkannt. Nicht auszudenken, wie heftig hinterher diskutiert worden wäre über die vier Deppen von der FR.“ Dieses Experiment heißt noch gar nichts. Niemand würde auf die blöde Idee kommen, Redakteure der Frankfurter Rundschau in das Schiedsgericht zu berufen 😉
Über-Ich Linienrichter
Letzte Woche wurde das Tor Luca Tonis aberkannt, diese Woche ein Elfmeter Hoffenheims zurückgenommen. Beide Entscheidungen gingen auf Korrekturen von Außen zurück. Technikfeind Matti Lieske (Berliner Zeitung) stellt im Fran-Beckenbauer-Modus fest, dass der Linienrichter mittels neuer Medien inzwischen das Sagen habe: „Seit die Linienrichter zu Assistenten befördert und kommunikationsmäßig aufgerüstet wurden, haben sie beträchtlich an Autorität gewonnen, machen davon emsig Gebrauch und mischen sich ungefragt in alles ein. Offenbar fällt es den Schiedsrichtern schwer, Kommandos zu ignorieren, die per Funk oder sogar über Kopfhörer an sie herangetragen werden. Moderne Technik verleiht Macht, der Assistent gerät zum Über-Ich, dem unbedingt zu gehorchen ist. Wo die Schiedsrichter früher nur einen wedelnden Deppen an der Linie sahen, vernehmen sie nun die Stimme des Herrn.“
Falscher Automatismus
Einen Spieltag mit fünf Roten und Gelb/Roten-Karten nimmt Christian Eichler (FAZ) zum Anlass, über den Automatismus von Platzverweis und Sperre nachzudenken. Vor allem den Schiedsrichtern möchte Eichler mit seiner Reformgedanken beistehen: „Man lastet den Schiedsrichtern eine Verantwortung auf, die über den Augenblick hinausgeht. Dabei haben sie es schon schwer genug, die oft hauchdünne Trennlinie zwischen fiesem Foul und freiem Fall, zwischen Tätlichkeit und Theatralik zu erkennen. Warum nicht einen Spieler, der Rot sah, von einer Sperre verschonen, wenn sich die Tat im Rückblick als eher harmlos erweist? Das muss keine Schwächung der Autorität der Schiedsrichter bedeuten.“ Auf Rot folgt so gut wie immer eine Sperre; eine Sperre von nur einem Spiel gleicht fast einem Freispruch. Zumindest in Deutschland. Als Gegenbeispiel nennt Eichler England, wo man Sperren weniger dogmatisch ausspreche.
Sonntag, 8. Februar 2009
Vermischtes
Bayern, nur einer von achtzehn Darstellern im Bundesliga-Zirkus
Die Geldverteilung macht die Liga langweilig (Tagesspiegel) / Ist die Bundesliga ein Kartell? (FAZ) / DFL auf Konfrontation mit dem DFB? (FR) / Englisches Fußballfernsehen ist viel besser als deutsches (dogfood) / Was Frauen Uli Hoeneß sagen / Beckenbauer stichelt gegen Hoeneß / Fußballitalien solidarisiert mit Dopingprobenschwänzern
Eine Radikalkritik an den Verteilungsverhältnissen im deutschen Fußball lesen wir von Christian Hönnicke (Tagesspiegel): „Natürlich sollte Leistung belohnt und nicht bestraft werden, und es spricht auch nichts dagegen, dass ein Verein aufgrund seiner Erfolge ein Polster erwirtschaftet. Allerdings muss die Belohnung überschaubar sein und darf nicht wie jetzt zur völligen Wettbewerbsverzerrung oder dem Schaffen absoluter Sonderstellungen führen, wie sie in Deutschland Bayern München innehat. Der FC Bayern mag als Rekordmeister eine gewisse emotionale Zusatzbedeutung für den deutschen Fußball haben, im Endeffekt aber ist er auch nur einer von achtzehn Darstellern der Zirkusshow Bundesliga. Im Gegenteil, eine solche Show tut gut daran, sich nicht von einem Protagonisten abhängig zu machen, sondern mehrere Attraktionen zu haben und für einen ständigen Wechsel zu sorgen, um die Vorstellung frisch und interessant zu halten. Das wissen die Bayern selbst nur viel zu gut: In Europa sind sie nämlich eine Art Eintracht Frankfurt. Dort kämpfen sie mit stumpfen Waffen, weil die großen Klubs aus anderen Ländern viel mehr Geld für viel bessere Spieler ausgeben können. Und siehe da: Während sie in der Bundesliga weiter das Gros der Fernsehmillionen für sich beanspruchen, fordern die Bayern für den Europacup gleiche Bedingungen für alle und schlagen eine Gehaltsobergrenze vor.“
Nachgereicht sei die Ansicht Marcus Theurers (FAZ/Wirtschaft, 14.8.08) zur Frage, ob die Bundesliga ein Kartell ist: „Ist es ökonomisch angemessen, die Vereine als einzelne Anbieter des Unterhaltungsprodukts Fußball und ihren Zusammenschluss in der DFL als Kartell anzusehen? Wie hoch wäre denn der mediale Wert des FC Bayern, isoliert betrachtet, wenn es nicht andere Vereine gäbe, mit denen sich der Rekordmeister auf dem Rasen messen könnte? Nahe null. Wie bei einem Spielfilm braucht es mehrere Akteure, um überhaupt ein vermarktbares Produkt herzustellen. Niemand aber wirft einem Filmstudio vor, es sei ein Kartell, weil es mehrere Schauspieler für eine Produktion unter Vertrag nehme und den fertigen Film dann „zentral“ vermarkte.“ (Da ist sicher was dran, aber es eine extreme Meinung. Vielleicht mal was für eine Blog-Diskussion mit den Usern.)
Aus der Rubrik Zwischentöne und Andeutungen: Einem Gesprächsprotokoll Christian Seifert in der FR entnehmen wir das Ergebnis einer Umfrage, die ermittelt haben will, dass zwei von drei Fußballinteressierten nicht wissen, dass die DFL für den Profifußball zuständig ist – und wie Seifert darauf reagiert. Nämlich mit Konfrontation gegen den DFB: „Der Dialog mit dem DFB ist nicht so fruchtbar, wie er sein sollte.“ Es heißt, „Verbesserungen im Schiedsrichterwesen“ seien anzustreben. Konkreter wird es aber nicht.
Eine aufschlussreiche Diskussion über die 50+1-Regel kann man im Königsblog verfolgen.
Schlecht kann einem werden, wenn sich ein Verantwortlicher von Borussia „dem Teufel gerade noch von der Schippe gesprungen“ Dortmund despektierlich über das Modell Hoffenheim äußert (Welt Online).
Was Frauen mir sagen
Drei prägnante Zitate Uli Hoeneß‘ sind mir unter die Augen gekommen: In der SZ wehrt er sich gegen die vermeintliche „Kampagne“ gegen Luca Toni, den Freistoßschinder, dem letzte Woche ein Tor aberkannt wurde: „Das ist der Versuch, uns klare Nachteile zu verschaffen – aber wir werden uns schon zu wehren wissen.“ Liebe Schiedsrichter, die Kabinentür gut verschließen! Und am besten keine Zeitung mehr lesen.
Dem Spiegel hat er in gewohnter Hybris erzählt: „Vielleicht bekommen wir eine Wirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren. In Europa haben das die Politiker viel zu spät erkannt. Im November habe ich einen Vortrag beim Arbeitgeberverband gehalten und gesagt: Wir stehen vor der größten Problematik seit dem Zweiten Weltkrieg. Die haben mich alle angeschaut, als ob ich bescheuert wäre.“ Hoeneß hat im November eine Krise „vorausgesagt“!? Wahrscheinlich prophezeit er demnächst, dass ein Schwarzer ins Weiße Haus einziehen wird (den Gag hab ich geklaut, weiß aber nicht mehr woher).
Warum er so oft den humorlosen Choleriker gibt, erklärt er so überraschend wie einleuchtend: „Den Leuten gefällt das. Unsere Fans wollen genau diesen Hoeneß haben, vor allem Frauen sagen mir das.“
Die Kurve gekriegt
Franz Beckenbauer erklärt im Abendblatt die fehlende Popularität Jürgen Klinsmanns bei den Bayern-Fans unplausiblerweise mit der angeblichen Beliebtheit seines Vorgängers: „Am Anfang war es schwer. Auch die Fans waren kritisch, haben Ottmar Hitzfeld noch gefeiert. Wir wussten zwar, dass der Ottmar ein hohes Ansehen genießt, aber dass er so populär ist, hätten wir auch nicht gedacht. Zum Glück hat der Jürgen jetzt aber die Kurve gekriegt.“ Noch-Manager Hoeneß stichelt er: „Ich habe gelesen, dass er das Amt des Aufsichtsratschefs aktiver ausüben will als ich. Da wird der Vorstand künftig nicht zu beneiden sein …“
Den Ärger über die „Pläne“ der ARD mit Bundesliga-Sonntag sammelt der Tagesspiegel.
Englisches Fußballfernsehen ist besser als deutsches
Im Blog meldet sich dogfood ausführlich zu Wort: Zur Bemerkung von Rainer Hüther/DSF, dass die ARD ach so viele Rechte besitzen würde, von denen sie kein Gebrauch machen würde.Wer beim DSF anfragt, was denn nun eigentlich mit den vom DSF im letzten Jahr bis 2010 eingekauften Rugby-Rechten passiert, erhält zur Antwort: „Nach aktuellem Stand müssen wir davon absehen, das Turnier in vollem Umfang wie in 2008 abzubilden, da wir, als nicht gebührenfinanzierter Sender, stets auf die Refinanzierung einer Übertragung eines Sportevents angewiesen sind, die momentan leider nicht gesichert ist.“ Es sind derzeit keinerlei Übertragungen der eingekauften Rugby-Rechte geplant. Auch Premiere sitzt auf einem Berg von ungenutzten Rechten. Golden League 2008 wird trotz TV-Vertrag nicht gezeigt. Von hundertzwanzig im Sommer 2008 eingekauften Länderspielen aus Südamerika wurden bislang nur sechs gezeigt. Dazu TV-Verträge für Premier League und Primera Division, von denen nur ein Bruchteil gezeigt wird.
Zu den TV-Übertragungen: Wenn da was hochgejazzt werden kann, dann hat die DFL jetzt bereits die Mittel zu, denn Bild und Stadionatmo kommen seit zweieinhalb Jahren aus der Hand der DFL-Tochter Sportcast. Zumindest im Umgang mit den gezeigten Fan-Transparenten scheint man mir selektiv zu sein. Kann das TV bei einer Live-Übertragung ein Spiel besser machen? Nein. Noch so viele Zooms und schnelle Bildschnitte können aus einem Grotten- einen Premium-Kick machen. Bei den Premier-League-Übertragungen wird mehr mit der Totalen gearbeitet als etwa in der Bundesliga. Es gibt kaum ein europäisches Land, das mit so vielen Nahaufnahmen und Zwischenschnitten zu Fans und Trainern arbeitet, wie Deutschland. Das sind die Klassiker zur emotionalen Aufladung eines Spiels, damit verhaltensgestörten deutschen Zuschauern nichts fehlt. Englische Übertragungen sind relativ pur gehalten.
Den Kontrast zwischen der unterschiedlichen Bildregie, kann man immer sehr gut bei der WM (und zuletzt bei der EM) erkennen, wenn ein neutrales Team (bei der WM: HBS aus der Schweiz) mit Spitzenregisseuren aus mehreren Ländern die Produktion besorgt. Deutsche Zuschauer und Medien reagieren förmlich geschockt, weil sie das Spiel aus einer Totalen erleben, wie sie aus der Bundesliga nicht gewohnt sind.
Generell zur Aufarbeitung der Spiele in England: Gemessen an der Jahrmarktschreierei in der Sportschau, Sportstudio oder teilweise auf Premiere, ist die Aufarbeitung in der BBC, sei es Match of the Day oder BBC 5live, oder ITV (Champions League, Uefa-Pokal) wesentlich entspannter, aber auch journalistischer als in Deutschland. In den Sendungen rund um die Spiele geht man konzentrierter zu Werke (man vergleiche Sportschau mit Match of the Day). Gleichzeitig gönnt man sich den Luxus, in anderen Sendungen entspannter über den Fußball zu plaudern, wie man es mit Freunden in der Kneipe machen würde (BBC 5live oder Score vs Doppelpass). Ich fühle mich bei der englischen Berichterstattung in TV und Radio besser aufgehoben, als bei den deutschen Pendants.
Bundesliga vs Premier League: Mein Eindruck ist schon, dass die englischen Spitzenteams mehr Antworten auf die Problemstellungen im Laufe eines Spiels haben. Spannend wird es, wenn sich in Deutschland endlich feste Verfolger für den FCB etablieren könnten. Der HSV per Didi-Masterplan? Die jungen Wilden aus Leverkusen? Das Laborexperiment „TSG 1798 Hoffenheim”? Und spannend wird es in England, weil Aston Villa an der Schwelle steht, sich auf Dauer zu den Big Four zu gesellen.
Frappierend peinlich
Weil sie zu einer Dopingprobe verspätet erschienen und sie deswegen unbrauchbar, sind zwei Spieler des italienischen Zweitligisten Brescia auf Druck der WADA für ein Jahr gesperrt worden. Nun erhalten sie die Solidaritätsbekundungen von Spielern, Verbänden und Schiedsrichtern. Tom Mustroph (taz) kommentiert: „Kennzeichnend für den Umgang mit Doping im Fußball ist, dass zwar alle Beteiligten gegen das Urteil protestieren, niemand es aber zum Anlass nimmt, die Spieler zur Pünktlichkeit anzuhalten und den Trainern nahezulegen, ihr Donnerwetter an die zur Kontrolle bestimmten Sportler besser zu terminieren. Lieber Gesetze ändern als sich ihnen beugen, lautet die Botschaft.“
Birgit Schönau (opera buffa) fügt hinzu: „Die Spielergewerkschaft AIC will aus Protest sämtliche Spiele an diesem Wochenende verspätet starten lassen. Ganz schön peinlich. Die Regeln gelten für alle, so einfach ist das. Die Strafe sei übertrieben, hat Verbandspräsident Abete gesagt. Abete redet, als handelte es sich um eine einfache Verspätung. Als wären zwei Jungs halt eine halbe Stunde zu spät zu einem Date erschienen. Mit welcher Entschuldigung eigentlich? Egal – es ist frappierend, dass Profifußballer so tun dürfen, als hätten sie keine Ahnung.“
Der Primera División Blog hat Aussagen und Fakten gesammelt, wie es um die Wirtschaft des spanischen Profifußballs steht, nämlich „richtig dreckig“. Von nahezu drei Milliarden Schulden ist die Rede. Am schlechtesten hat der FC Valencia gehaushaltet, der seinen Spielern derzeit kein Gehalt zahle.
Dreh- und Angelpunkt
In dem Leitbild des Handelsblatt-Blogs Indiskretion Ehrensache spiegelt sich die Arbeitsweise des freistosses. Er heißt „Linke, so wirst Du verlinkt“ und wendet sich kritisch an die großen Medienhäuser, die auf ihren Webseiten externe Links vermeiden: „Offensichtlich sind die Online-Leser also klüger, als ihnen viele Journalisten zutrauen. Sie kommen zurück zu einer Seite, die für sie der Dreh- und Angelpunkt des Nachrichtengeschehens ist. Und sie merken sich, dass sie von dort gekommen sind, wenn sie Meldungen auf anderen Seiten lesen. durch die Offenheit des Verlinkens demonstriert solch ein Anbieter eben auch, dass er nicht allwissend sein kann – was ihm ohnehin niemand abnehmen würde. Und deshalb nimmt man ihn ernst. Die meisten Nachrichtenseiten klassischer Medien dagegen beruhen noch immer auf dem alten Redaktionsprinzip: Sie behaupten, alles aus aller Welt wissen und beurteilen zu können.“ Demnächst wird mehr zum Thema Online-Journalismus an dieser Stelle zu lesen sein.
Freitag, 6. Februar 2009
Bundesliga
Rummenigge und Hoeneß im Rücken
Jürgen Klinsmann arbeitet nicht in dem Stil, den er angekündigt hat – auf Druck von seinen Vorgesetzten? / Klinsmann und Bayern-Fans – Liebe wird das nie / David Beckhams Wiedergeburt als Fußballer / WM-Doppelbewerbung der Fifa
Michael Neudecker (Berliner Zeitung) greift nochmals Toni Kroos’ Wechsel von München nach Leverkusen auf und stellt erstaunlicherweise nicht nur Jürgen Klinsmanns Reform, sondern auch seine Autonomie in Frage: „Auch mit Klinsmann fehlt den Bayern der Mut, auf Talente zu setzen. Das war schon unter Magath so, noch weitaus ausgeprägter war es unter Hitzfeld – und es hat sich mit Klinsmann nicht geändert. Klinsmann hatte mit seiner Art und seinen Sonnyboy-Sätzen zwar anfangs das Gefühl erzeugt, er würde den Verein umkrempeln. Davon aber war und ist intern nur wenig zu spüren. Wie auch? Klinsmanns Konzentration muss vordergründig auf dem Alltag des Profigeschäfts liegen, zumal er mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zwei Konservative im Rücken spürt, die ihm weniger Handlungsspielraum lassen als anfangs angekündigt.“
Bei der Gelegenheit reiche ich ein drei Wochen altes Fundstück nach. Werner Simmerl (64), Fanrat-Mitglied beim FC Bayern, hat der SZ (auch bei den 11 Freunden) verraten, was Bayern-Fans von ihrem Trainer halten. Menschlich. Rückblickend sagt er: „Auf Jürgen Klinsmann wäre ich nie im Leben gekommen. Ich und alle meine Freunde haben gesagt: Ja, um Gottes Willen. Alle haben die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Aber was sollten wir machen, wir hatten ihn dann.“
Weiter geht’s mit im offenherzig geringschätzigen Ton: „Es ist noch kein Trainer mit solchen Argusaugen beobachtet worden wie der J.K.“ Simmerl kann sich nicht vorstellen, dass aus dem Verhältnis der Fans zum Trainer mal Liebe wird: „Ich glaube, dass Jürgen Klinsmann noch nicht in den Herzen der Fans angekommen ist. Es musste wohl noch nie ein Trainer so dringend Meister werden, wie Jürgen Klinsmann. Dann schafft er es vielleicht. Sollten wieder drei, vier schlechte Spiele kommen, werden sofort die Klinsmann-raus-Rufe wieder folgen.“
Eine Watschn hat er auch für die VIPs der Münchner Arena parat. „Viele der Besucher dort werden von Firmen eingeladen und wissen kaum, wer da spielt. Die Frauen schauen nur, ob die Spielerfrauen den passenden Hut zur Tasche tragen. Die kommen auch zehn Minuten zu spät, weil sie in der Loge noch was essen müssen.“
Wundersame Wiedergeburt
Kehrt David Beckham dauerhaft in den Spitzenfußball zurück? Zunächst von L.A. ausgeliehen, bittet er nun seinen Arbeitgeber darum, ihn nach Mailand zu transferieren. Seine sportliche Leistung spricht sogar dafür, in den jüngsten Wochen hat er maßgeblich zum Erfolg beigetragen. Tom Mustroph (taz) berichtet, dass Beckham die skeptischen Italiener überzeugt habe: „David Beckham ist, mal wieder, eine wundersame Wiedergeburt gelungen. Er ist aus den hauswandgroßen Werbefotografien herausgestiegen, hat seine Muskulatur erwärmt, die Stutzen hochgezogen und ist wieder zu einem Fußballer geworden, der Spiele entscheiden kann. Er zeigt, dass über er einen goldenen Fuß, ein kämpferisches Herz und einen klugen Kopf verfügt. Nach anfänglichem Spott hat er sich inzwischen Respekt erobert.“
Kassierer
Jens Weinreich munkelt über die Entscheidung der Fifa, zwei Weltmeisterschaften zeitgleich auszuschreiben: „Offiziell behauptet die Fifa, durch die gekoppelte Vergabe lasse sich mehr Geld von TV-Sendern und Sponsoren erlösen – dies allein sei der Grund. Dafür haben Insider des Fifa-Imperiums nur ein müdes Lächeln übrig. Notorische Kassierer in Blatters Reich dürften von einer Doppelbewerbung reichlich, um nicht zu sagen: doppelt profitieren. Aus gewöhnlich gut informierten (Ironiesmiley) Fifa-Kreisen verlautet übrigens, weder Jack Warner noch sein Kompagnon Chuck Blazer (Exekutivmitglied aus den USA) hätten den Ethik-Code des Verbandes unterschrieben.“
Jens Lehmann führt gerade einen Gerichtsstreit, in dem es um Persönlichkeitsrechte geht. Seine Anwälte haben ihn im Prozess als „den populärsten und beliebtesten Fußballer in Deutschland“ vorgestellt. Der NZZ entnehmen wir, dass „der fußballkundige Vorsitzende Richter Frowin Kurth daraufhin fragte: ‚Was der Herr Ballack oder die vielen Bayern-Fans dazu wohl sagen würden?’“
Donnerstag, 5. Februar 2009
Ascheplatz
Monopoly mit Heuschrecken
1860 München verkauft Anteile an einen Investor und verfügt zeitgleich, Sportdirektor Stefan Reuter abzusetzen; die Presse warnt
Mit Missmut und Skepsis begleiten die deutschen Zeitungen den Einstieg einer Berliner Immobiliengruppe bei 1860 München; die Rede ist von Optionen von bis zu 25 Prozent. Die FAZ prophezeit dem Klub ein „hohes Maß an Fremdbestimmung“, die SZ höhnt über das „seltsames Spiel: Monopoly, lebensecht“. Das Modell könne Nachahmer finden, warnt die Presse – gerade in unteren Ligen, gerade in Zeiten der Krise. Die DFL solle genau gucken, fordert die SZ: Handelt 1860 noch autonom? Sportdirektor Stefan Reuter ist bereits degradiert worden (und sodann freiwillig gegangen). Ersetzt wird er durch Miroslav Stevic. Diese Personalie wäre ein rechtliches Problem, wenn es Voraussetzung für das Zustandekommen des Vertrags gewesen wäre.
Der Abendzeitung aus München wird es graus: „1860 öffnet sich für ‚Heuschrecken’ – in Deutschland ein bisher einmaliger Vorgang. Ermöglicht hat das ausgerechnet ein Sozi: Franz Maget wollte der Gruppe schon im April 2008 einen Einstieg bei 1860 erlauben. Damals scheiterte dies am Widerstand des neuen Präsidenten Rainer Beeck. Nun setzte sich der SPD-Boss durch. Weil die finanzielle Situation viel dramatischer ist als bisher bekannt? Als Samariter sollte man die neuen Investoren nicht verstehen. Dem Konsortium geht es um Gewinn – wie allen ‚Heuschrecken’.“
Lässt sich denn Geld mit diesem Modell verdienen, kann der Klub aufsteigen? Roland Zorn (FAZ) zweifelt sehr daran: „Ob auf Dauer Berliner Geschäftsluft plus ein bisschen serbo-bajuwarisches Lokalkolorit dazu führen werden, die Verbundenheit mit diesem skandalreichen, tatsächlich aber verarmten Profiklub zu stärken, ist fraglich. Millionengaben zum Einstand sind im Profifußball schon durch ein, zwei Fehlinvestitionen auch des gutwilligsten und im Rahmen der Vorschriften der DFL handelnden Investors rasch aufgebraucht.“
Rendite mit 1860 München heißt das Ziel Nicolai Schwarzers („Ich mag Fußball, aber ich hoffe vor allem, damit Geld zu verdienen“). Klingt nach Abenteuer.
Stoßlüftung
Christian Eichler (FAZ) lehnt die Forderung mancher Engländer ab, die Transferfenster zu durchgehend zu öffnen, um die Hektik am Ende der Frist zu vermeiden: „Die Antithese: Man hätte dann womöglich immer Unruhe im Klub. Sollte das ganze Jahr über das Fenster gekippt bleiben, statt einmal im Winter Stoßlüftung zu betreiben? Für den Energiehaushalt ist die kurze, heftige Lösung besser. Für den Fußball vermutlich auch.“
In der Wüste mit einer Flasche Wasser
Die Berliner Zeitung zieht eine Halbjahresbilanz der 3. Liga: sportlich eine Bereicherung, wirtschaftlich für viele Klubs ein Risiko, denn die Fernseheinnahmen sind deutlich geringer als in der 2. Bundesliga, und die Vermarktung durch den DFB leide an der Verbandsträgheit. Engelbert Kupka, Präsident Unterhachings, sagt: „Man hat uns in die Wüste geschickt und nur eine Flasche Wasser mitgegeben.“ Gemunkelt wird über ein Interesse des DSF.
Im Tagesspiegel liest man über den gebliebenen Unmut der Drittligisten über die Reserveteams der Profivereine: „Die Teilnahme der U-23-Teams war ein großer Streitpunkt vor der Einführung, und sie ist weiterhin ihr Grundkonflikt. Kommt Werder Bremen II, bleiben die Fans weg.“ Die Financial Times Deutschland fiebert mit dem Drittligisten Kickers Emden, der unter den Lizenzbedingungen des DFB ächzt.
SZ: Ein Jahr Glücksspielstaatsvertrag hat nur Verlierer hervorgebracht (Spobis)
Montag, 2. Februar 2009
Bundesliga
Irrtümer und Unbeholfenheiten
18. Spieltag: Nach der Niederlage in Hannover: Schalke fällt zurück in finstere Zeiten (SZ) / Aus Hans Meyers Ironie ist Hochmut geworden / Toni Kroos, ein Talent geht München verloren / HSV, endlich wieder ein Titelkandidat?
0:1 in Hannover verloren, Platz 9 in der Tabelle, ein Trainer, der sich noch kein Profil erschaffen hat, viele Fußballer im Kader, die man loswerden möchte, und dazu die Bürde, mit Sprüchen und Ansprüchen in die Saison gegangen zu sein. Philipp Selldorf (SZ) macht sich Sorgen über den Rückfall Schalkes in überwunden geglaubte Zeiten: „Seit den finsteren Achtzigern und deren Ausläufern hat Schalke nicht mehr so einen grundlegend desorganisierten und trüben Eindruck hinterlassen wie derzeit. Zu den fortgesetzten Kompetenz-, Kommunikations- und Selbstdarstellungsproblemen des Vorstands fügen sich die Irrtümer und Unbeholfenheiten der sportlich Verantwortlichen.“
Manager Andreas Müllers Versuche, überflüssige Spieler zu verkaufen, bezeichnet Selldorf als „Restpostenpolitik“ und „Kapitalvernichtung“. Sein höhnisches Fazit spielt auf Schalkes Champions-League-Träume an: „Bis zum nächsten Treffen mit dem FC Barcelona wird es wohl noch lange dauern. Zum Recht auf Größenwahn gehört Größe.“
Selbstherrlich
Hans Meyer, Trainer des Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach, war einst Liebling der Feuilletonisten. Inzwischen empfinden viele Journalisten seine Ironie als hochmütige Marotte, durch die er Kritiker „kleinlich oder lächerlich wirken lässt“. Dass er bei der 0:2-Niederlage gegen die durch Bayern München gedemütigten Stuttgarter (5:1) einen Libero aufstellte, hat VfB-Stürmer Mario Gomez zu spitzen Bemerkungen veranlasst: „So etwas habe ich seit 60 Jahren nicht mehr gesehen.“ Jörg Hahn (FAZ) stützt das Empfinden des 23-jährigen Gomez. Hans Meyer sei „das Gegenbild des modernen, analytischen Fußball-Gestalters Rangnick und wirkt mehr als nur eine Spur selbstherrlich“. Meyer zu rüffeln, lässt sich Hahn jedoch nicht nehmen: „Einer wie er will natürlich nichts davon wissen, dass er mit seinem Defensivstil bei den noch vom Pokal-Debakel gezeichneten Stuttgartern danebengelegen haben dürfte.“
Jugendleiter Klinsmann schließt die Kadettenschule
Bayern München verleiht sein großes Talent Toni Kroos für eineinhalb Jahre nach Leverkusen – und das offenbar auf eigene Initiative. Andreas Burkert (SZ) spricht von einer „spektakulären Personalie“ und einem „Politikwechsel in München“. Denn Bayern-Manager Uli Hoeneß steht mit der Ankündigung im Archiv, dass man für Kroos die Nummer 10 reserviert habe. Heute wird er anders in zitiert: „Du kannst nicht die Champions League gewinnen wollen und gleichzeitig fünf Junge einbauen.“ Damit könnte sich Kroos in die Liste derjenigen Jungnationalspieler einreihen, die sich in München nicht durchsetzen konnte: Lukas Podolski, Marcell Jansen oder Piotr Trochowski. Dass diese Entwicklung ausgerechnet unter Reformer Jürgen Klinsmann forciert wird, überrascht Burkert: „Jugendleiter Klinsmann schließt die Kadettenschule.“
Rochaden
Jan Christian Müller (FR) teilt seine Begeisterung über den 1:0-Sieg gegen Bayern mit den HSV-Fans: „Die meisten waren sich einig, eine der besten Leistungen des HSV seit 1983 gesehen zu haben, 1983, dem Jahr der letzten Meisterschaft, dem Jahr, nach dem sie sich unendlich zurücksehnen in Hamburg.“
Ist Hamburg nun ein Kandidat für das Meisterrennen? Jörg Marwedel (SZ) wirft einen Blick auf die nach wie vor sehr aktive Transferpolitik des Klubs. Vor der Saison kamen kurz vor Fristende vier Spieler, darunter Marcell Jansen und Mladen Petric. Jetzt stoßen kurz vor Fristende wohl drei Neue hinzu, darunter wohl Albert Streit. Marwedel gibt zu bedenken: „Petric hat auf den Verlust von Rafael van der Vaart zu einem guten Teil aufgefangen. Nun stehen erneut größere Rochaden im Kader an. Und schon wieder wird es darum gehen, neu erworbene Spieler so schnell wie möglich zu integrieren, was womöglich ein kleiner Vorteil für die bereits eingespielte Titel-Konkurrenz sein könnte.“
Freitag, 30. Januar 2009
DFB-Pokal
Beseitigung der Altlasten
Werder Bremen gewinnt in Dortmund, doch damit ist noch längst nicht alles wieder gut / Bayern München zerzaust Stuttgart und beängstigt die Konkurrenz (oder die Presse) / HSV olict 60 / HSV, Durchgangsstation für kommende Stars und florierendes Handelsunternehmen
Christian Kamp (FAZ) will den 2:1-Sieg Werder Bremens noch nicht als Wende zum Guten verstanden wissen: „An Diego und seinen kleinen, aber immer zahlreicheren Sünden lässt sich am besten festmachen, wo der Unterschied dieses Bremer Jahrgangs zu den vorigen liegt. Wie das Dortmunder Publikum und auch Schiedsrichter Gräfe ihm kritisch gegenüberstanden, machte deutlich, wie viel Kredit und Respekt der einstige Liebling der Massen verloren hat. Dortmund wird nicht die letzte Nervenprobe für Werder und seinen Star gewesen sein. Mit der Beseitigung ihrer Altlasten haben die Bremer gerade erst begonnen.“
Stabilität gepaart mit Spielfreude
Oliver Trust (taz) traut den Bayern, 5:1-Sieger in Stuttgart, alles zu: „Machen die Bayern mit ihrem Tempofußball so weiter, müssen viele fürchten, so überrollt zu werden wie die Stuttgarter. Das gilt vorerst für die nationale Bühne, dort sind Meisterschaft und Pokal fest eingeplant. In der derzeitigen Form aber ist den Münchnern auch in der Champions League einiges zuzutrauen.“
Roland Zorn (FAZ) ergänzt: „Die früher oft minimalistischen Stars von der Säbener Straße haben unter Klinsmann physisch wie psychisch eine Stabilität, gepaart mit purer Spielfreude, erreicht, die auf die nationale Konkurrenz fast schon beklemmend wirkt.“ Über die Stuttgarter heißt es: „Von den Münchner Fußball-Lehrmeistern derart erniedrigt worden zu sein erschütterte das zerfledderte, zweikampfschwache Aufgebot von Teamchef Markus Babbel nachhaltig.“
Zäh
Frank Heike (FAZ) kann dem 3:1 der Hamburger gegen 1860 München außer drei Olic-Toren nicht viel abgewinnen: „Ohne Tempo, Ideen und Dynamik trat der Hamburger SV auf, und es war auch noch Glück, dass er überhaupt in Führung ging: Olic stand bei seinem ersten Treffer deutlich im Abseits. Der Rest war zäh und wurde nur durch die lichten Momente des scheidenden Kroaten versüßt.“ Der SZ ist aufgefallen, dass der abtrünnige Olic von den HSV-Fans nicht ausgepfiffen wird.
Florierendes Handelsunternehmen, Spezialgebiet Import-Export
Noch mehr zu HSV – Heike hält fest, dass der Verein zu einer Durchgangsstation für künftige Stars geworden ist: „Profis und ihre Berater haben längst gemerkt, dass dieser HSV mit seiner nahezu perfekten Infrastruktur die ideale Basis ist, um sich zwei, drei Jahre auf den ganz großen Transfer vorzubereiten. Van der Vaart und de Jong haben das genauso gesehen. Da passte die Etappe HSV ideal in den Karriereplan.“
Ein FR-Portrait von Dietmar Beiersdorfer, den hanseatischen Franken. Die FAS über Mladen Petric, den Schweizer Kroaten: „Hier die Sicherheit, das Verlässliche; dort das Lockere, das Irrationale: Petric verbindet als Fußballer das Beste aus beiden Welten.“ Wie lange wird er noch Hamburger sein?
Über die Aufsichtsratswahl am letzten Sonntag schreibt Heike: „Die Veranstaltung war eine Werbung für Demokratie in einem Verein. Von Chaos keine Spur.“ Matti Lieske (Berliner Zeitung) kommentiert die Niederlage der Supporters: „Das Ganze beruht auf einem großen Missverständnis. Dem nämlich, dass es sich beim Hamburger SV um einen Fußballverein handelt. Zwar funktionierte der Betrieb auf dem Rasen zuletzt ganz ordentlich, doch primär ist der HSV ein florierendes Handelsunternehmen, Spezialgebiet Import-Export.“
Zum Rückrundenbeginn schreibt Zorn einen Kommentar: „Wer stoppt Hoffenheim?“ heißt es schon lange nicht mehr, sondern: Wer stoppt Bayern?
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