indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 27. November 2008

Champions League

Erste Erfolge der Arbeit Klinsmanns

Das klare und schöne 3:0 gegen Steaua Bukarest lesen die Experten als Zeichen neuer, alter Stärke der Bayern und als Erfolg des Trainers

Elisabeth Schlammerl (Stuttgarter Zeitung) erkennt eine Etablierung Jürgen Klinsmanns bei seinen Kritikern, die jedoch noch nicht abgeschlossen sei: „Noch immer gibt es auf den Rängen Vorbehalte gegen den neuen Trainer, aber sie sind weniger geworden in den vergangenen Wochen. Der FC Bayern ist seit zwei Monaten ungeschlagen, und Klinsmann sieht erste Erfolge seiner Arbeit. Der Ball zirkuliert wie vom Trainer gewünscht schnell, immer seltener versuchen die Bayern, das Tempo zu verschleppen. Allerdings waren weder Energie Cottbus noch Steaua Bukarest eine echte Herausforderung für den Rekordmeister. Ob das System Klinsmann auch schon gegen spiel- und offensivstarke Mannschaften funktioniert, wird sich in Leverkusen zeigen.“

Thomas Becker (sueddeutsche.de) ergänzt: „Die wilden Wechselspiele der ersten Wochen sind längst passé – wer auf der Bank sitzt, sitzt erst mal. Klinsmann geht auf Nummer sicher. Das System ist fix (klassisches 4-4-2 mit zwei 6ern), die Protagonisten ebenso.“

Sebastian Krass (Financial Times Deutschland) erkennt eine neue Hierarchie im Bayern-Sturm: „In der vergangenen Saison verkümmerte Klose im Schatten von Franck Ribéry und Luca Toni. Jetzt hat sich das Binnenverhältnis dieses Dreiecks verschoben. Klar, Ribéry ist wieder Ribéry, seit er seinen Syndesmoseriss kuriert hat. Aber Toni ist nicht mehr der strahlende Held. Er schießt zwar Tore, verbraucht dafür aber obszön viele Chancen. Klose, das haben die letzten Wochen gezeigt, hat im Angriff der Bayern deutlich an Autorität hinzugewonnen. Die Mitspieler suchen nicht mehr mit jeder Flanke, mit jedem Pass Toni, sondern sie vertrauen auch wieder Klose. Sie wissen schon, warum.“

Montag, 24. November 2008

Ball und Buchstabe

Hallo, ihr Cowboys!

Weitere heitere Fundstücke auf allesaussersport über das Fußballwochenende im Bezahlfernsehen

Bei St. Pauli gegen Mainz steht auf allesaussersport der Schiedsrichter im Mittelpunkt: „Schiedsrichter Metzen ist ein Freak. Wenn ich es richtig verstanden habe, begrüßte er vor dem Münzwurf beide Kapitäne mit den Worten: ‚Hallo, ihr Cowboys!’ Später gab es eine Situation, in der ein Mainzer einen ruhenden Ball in Absicht einem Paulianer in die Kniekehlen schoss, weil dieser nicht schnell genug aus dem Weg ging. Metzen gab beiden Spielern Gelb. Und wie! Er griff mit beiden Händen in seine beiden Brusttaschen und zückte synchron je eine Gelbe Karte. Holger Stanislawskis Kommentar nach dem Spiel: ‚Damit ist er für die nächsten zehn Jahre im Fernsehen safe.’“

Ganz schwach, Premiere!

An der Premiere-Nachanalyse Hamburg–Bremen lässt Pahl kein gutes Haar, eine Schleichwerbeaktion vom Vortag zerreißt er gänzlich: „Völlig neben der Spur war Sebastian Hellmann. Uninspirierte Moderation und konfuse Fragen ergaben das vielleicht schlechteste Trainergespräch in dieser Saison, obwohl man gerade aus Schaaf und Jol mehr herausholen kann. Womit wir aber noch nicht beim Tiefpunkt angelangt wären, dafür den muss man zurück zum Samstag gehen: So sehr ich Jan Henkel und Matthias Sammer schätze, aber die Einlage mit dem Werbevideo zu Ribérys neuen rosa Schuhen war großer Bullshit und eines Pay-TVs nicht würdig. Auch Kai Dittmann halte ich für einen der angenehmeren Zeitgenossen. Aber wäre Dittmann vom Sportartikelhersteller pro Nennung der Schuhe bezahlt worden, er hätte sich inzwischen die eine oder andere US-Großbank kaufen können.“

Aus einem Dialog Kai Pahls mit einem bloggenden User lernen wir etwas über Relevanzkriterien der Medien: „Das mit den rosa Schuhen ist tatsächlich ein prima Beispiel dafür, dass platte Promotion in Blogs einfach nicht funktioniert. Die ‚großen’ Medien dagegen sind dankbar um jede Sendeminute, die sie füllen können – und sei es mit Werbung oder auch nur mit mehrwertfreiem Gequassel über Schuhfarben. Ein Blog hat das einfach nicht nötig. Ich muss halt keinen Artikel machen, wenn es nichts gibt.“

Pahl antwortet: „Und unsere ‚professionellen’ Medien? In den Zeitungen und Online-Auftritten eher eine maue Resonanz. Nur die ‚Bewegtbild-Medien’ sind in ihrer Gier nach Bildern über das vom Sportartikelhersteller hingehaltene Stöckchen gesprungen. Ganz schwach, Premiere, ganz schwach, Jan Henkel und Kai Dittmann!“

Addendum: Ich hab die rosa Treter heute sehr wohl in einigen Zeitungen abgelichtet gesehen.

Bundesliga

Der VfB bleibt eine Fahrstuhlmannschaft

Die Entlassung des einstigen Stuttgarter Meistertrainers Armin Veh findet einhellig Zustimmung in der Presse, auch wenn sie ihn nicht als Alleinschuldigen der Stuttgarter Not in die Verantwortung nimmt / Felix Magath, unverbesserlicher Mauler / Christoph Daum will Hoffenheim beflecken / HSV und Werder schwach

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) zerpflückt die Arbeit der Stuttgarter Führung und die Mentalität der Spieler: „Mit dem geschassten Trainer ist der VfB gleichzeitig nicht auf einen Schlag all seine Probleme los. Denn Armin Veh hinterlässt eine ideenlos spielende und unmotiviert auftretende Mannschaft, bestehend aus völlig verunsicherten Neuzugängen, satten Meisterspielern des Jahres 2007 und Fußball-Legionären, denen es ziemlich egal ist, welcher Verein ihnen ihr Gehalt überweist. Angesichts dieses ungesunden Mischungsverhältnisses kann es nur der erste Schritt auf einem vermutlich langen Weg in eine bessere VfB-Zukunft sein. Eine völlig verfehlte Transferpolitik hat den Club nach dem Titelgewinn vor eineinhalb Jahren in diese Krisensituation gebracht. Rund dreißig Millionen Euro investierte der VfB seitdem in seine Mannschaft – selten hat ein Bundesligist so viel Geld so wenig gewinnbringend angelegt.“

Einen treffenden Kommentar schreibt Peter Heß (FAZ), der eine „Steilvorlage“ Vehs gesehen hat, den sein Klub nun verwertet habe. Damit spielt Heß auf Vehs Rüge an der Personalpolitik vom vorigen Donnerstag an, die als Selbstkritik verstanden werden kann, aber, und noch stärker, auch als Seitenhieb auf Horst Heldt. Die Entlassung Vehs sei Ausdruck einer „schwierig gewordenen Beziehung“ zwischen Manager und Trainer. Dass der VfB Markus Babbel und dem früheren VfB-Assistenzcoach Rainer Widmayer die Verantwortung für die nächsten Wochen übertragen, beäugt Heß als Fortführung der „riskanten Personalpolitik der vergangenen Monate“. Veh wäre mehr zuzutrauen gewesen. Doch „wie Felix Magath gehört Veh zu den Trainern, die nicht mit aller Macht an ihren Sesseln kleben, sondern sich von ihrer Position lösen, wenn sie merken, dass es nicht mehr passt.“

Peter Unfried (taz) ahnt, dass sich der VfB von der Konkurrenz hat abhängen lassen: „In diesem Jahr wird durch neues Geld und neue (Hoffenheim, Wolfsburg) und alte Herausforderer (Leverkusen, Dortmund, Hertha) die Spitzenhierarchie neu ausgespielt – und Stuttgart könnte das erste von mehreren Teams sein, das abstürzt. Tabellarisch gesehen ist der VfB 11., hat fünfmal gewonnen, sechsmal verloren. Gibt Schlimmeres. Aber es war nicht nur das fünfte sieglose Spiel in Folge: Während die Herausforderer erkennbar neue Teams aufbauen, macht der VfB den Eindruck, als würde er immer weniger.“

Vermeintliches Spitzenteam

Markus Lotter (Berliner Zeitung) stellt fest, dass sich Geschichte in Stuttgart wiederholt: „Mit der Entlassung des Cheftrainers gesteht der VfB Stuttgart ein, dass er wie schon so oft – manch einer sagt aus Tradition – die Chance des unerwarteten Erfolgs nicht für sich nutzen konnte. Es ist den Stuttgartern wieder passiert, wie schon nach dem Titelgewinn 1984, als der Kunstfreund Helmut Benthaus trainierte, wie aber auch unter Christoph Daum 1992. Wieder einmal folgte auf den Jubel der Fall und eben nicht eine Phase des kontinuierlichen Wachstums. Wieder einmal scheint eine Generation hoffnungsvoller Nachwuchsspieler weitgehend verloren, wieder einmal hat man offensichtlich jede Menge Geld auf dem Transfermarkt verschwendet. Und einen Übungsleiter verbraucht. So bleibt der VfB Stuttgart eine Fahrstuhlmannschaft. Eine Mannschaft, die zwischen Spitze und Mittelfeld pendelt.“

Christof Kneer (SZ) frotzelt ergänzend: „In einem hat man sich auf den VfB Stuttgart bisher immer verlassen können: Wenn er aus Versehen mal Meister geworden war, hat er sich alle Mühe gegeben, das Versehen schleunigst zu korrigieren.“

Ich habs doch schon vor anderthalb Jahren kommen sehen, hier und hier.

Jan Christian Müller (FR) vertieft den Blick auf das Jugendkonzept: „Dass Veh und Heldt es nicht geschafft haben, den potenziellen A-Nationalspieler Andreas Beck zum VfB-Stammspieler zu befördern, wird ihnen intern heftig angekreidet; erst recht angesichts der aktuellen Tabelle. Scouting und Anbindung der deutschlandweit nach wie vor erfolgreichsten Nachwuchsschmiede an die Profis, soweit herrscht Einigkeit, bedürfen dringend einer Verbesserung. Vehs Interesse am eigenen Talentschuppen hielt sich stets in einem sehr übersichtlichen Rahmen. Was angesichts der Zielvorstellungen in der Champions League und als vermeintliches Spitzenteam in der Bundesliga allerdings auch nachvollziehbar erschien.“

Nicht viel wert

Zudem ahndet Müller Felix Magath wegen Unverbesserlichkeit: „Der Wolfsburger Trainer ist am Samstag von Schiedsrichter Fleischer, der nicht als übersensibel bekannt ist, auf die Tribüne geschickt worden. Was deshalb eine besondere Bewandtnis hat, weil Magath am Montag erst am Runden Tisch zur Befriedung der Atmosphäre zwischen Schiedsrichtern und Klubverantwortlichen teilnahm. Hinterher haben sich alle in den Armen gelegen, was angesichts der Giftpfeile, die zuvor abgeschossen worden waren, ziemlich absurd wirkte. Dass der Runde Tisch nicht viel wert war, dafür hat Magath den Beweis angetreten.“

Bitterer Neid

Matti Lieske (Berliner Zeitung) entlarvt die Kritik Christoph Daums am angeblich scheinheiligen Verhalten der siegreichen Hoffenheimer als den Einwurf eines Gekränkten: „So giftig, wie er sonst nur mit Uli Hoeneß redet, zerpflückte der Kölner Trainer das Hoffenheimer Saubermann-Image, von dem bis dahin indes nur er wusste, und bezichtigte den Gegner, bei McKennas völlig zurecht mit der Roten Karte geahndetem Foulspiel an Vedad Ibisevic den Platzverweis gefordert zu haben. Zumindest nach dem Spiel hatte Daum so die Foulhoheit zurück gewonnen, und der neben ihm sitzende Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick war sichtlich konsterniert angesichts der offensiven Feindseligkeit des Kollegen und sich keiner Schuld bewusst. In Wahrheit waren Daums wildwütige Tiraden auch nur eine schlecht getarnte, aus bitterem Neid geborene Attacke gegen Rangnick und den verblüffenden Erfolg des Mitaufsteigers.“

Brutal schwach

Kai Pahl (allesaussersport) schlägt beim Hamburger Sieg gegen Bremen die Hände vors Gesicht: „Eine grausame Partie, die einem angst und bange werden lässt, was die anstehenden Europapokalspiele angeht. Wen soll man mehr tadeln? Den HSV, von dessen Heimvorteil nichts zu bemerken war und der spielerisch ohne Linie auftrat? Oder Werder, das es noch nicht einmal gegen diesen HSV geschafft hat, einen Punkt zu holen? Ein brutal schwaches Spiel.“

Freitag, 21. November 2008

Deutsche Elf

Leichenblasser Haufen von Mitläufern

Keine Lichtblicke in der Mannschaft, Michael Ballack insbesondere, aber auch Torsten Frings sind die Gewinner des England-Spiels

Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) bemängelt Fehler in allen deutschen Mannschaftsteilen, vor allem im Zentrum: „Adlers fehlgeschlagener Versuch dokumentiert vor allem eines: Deutschland, das Land der Keeper, hat gegenwärtig zwar das eine oder andere Supertalent, aber keinen Mann von internationaler Klasse. Das deutsche Dilemma setzt sich in allen Mannschaftsteilen fort. Vor allem das defensive Mittelfeld mit Jermaine Jones und Simon Rolfes betrieb tüchtig Werbung für den in Ungnade gefallenen Torsten Frings. Und wer bedenkt, dass neben Außenläufer Philipp Lahm einzig Kapitän Michael Ballack fehlte, dann war dieses Spiel in der Summe seiner Unzulänglichkeiten vor allem eines: ein Beleg für die Unverzichtbarkeit Ballacks. So präsentierte sich die DFB-Auswahl als ein leichenblasser Haufen von Mitläufern.“

Christof Kneer (SZ) gibt sich im nachhinein erleichtert, dass Löw Ballack und Frings nicht rausgeworfen hat: „Dieses Länderspiel hat zur besten Sendezeit vorgeführt, dass Führung kein stumpf hierarchischer, sondern ein sportlicher Begriff ist: Niemand hat die DFB-Elf geführt, niemand hat ihr Spiel geordnet und die Mitspieler mit seiner Ordnungskraft beruhigt – und man mag sich lieber nicht vorstellen, dass dieses Spiel beinahe das erste Spiel einer neuen Ära geworden wäre.“ Michael Horeni (FAZ) kürt den Abwesenden zum Sieger: „Die jungen Spieler haben die Chance, die ihnen der Bundestrainer wie auf dem Silbertablett anbot, bemerkenswert leidenschaftslos nicht genutzt. (…) Ohne Ballack geht es nicht.“

Strafe

Diego Maradona ist jetzt Fußballtrainer – eine seltsame Vorstellung für Christian Eichler (FAZ): „Der vielleicht einzige Fußballer, der nie langweilig war, hat einen guten Teil seiner ersten Trainertage so verbracht: mit dem DVD-Studium von Schottland–Island, Schottland–Mazedonien, Schottland–Norwegen. Drei Spiele, die nicht nur für einen wie ihn eine Strafe sein müssen.“ Auch Raphael Honigstein (FR) befasst sich mit Maradonas Premiere, dem 1:0 in Schottland.

Donnerstag, 20. November 2008

Deutsche Elf

It wasn’t a classic

Starke Kritik an der DFB-Elf nach dem 1:2 gegen England / Sind Michael Ballack und Torsten Frings die Gewinner?

Jan Christian Müller (FR online) wendet sich ab: „Puuh, war das gruselig anzuschauen, was die deutsche Mannschaft vor allem in den ersten 45 Minuten dem erzürnten Publikum bot. Sie passte sich damit jenem Niveau an, dass diejenigen Fans (von Hertha BSC) vorgegeben hatte, als sie während der sehr schönen englischen Nationalhymne laut pfiffen: unterste Schublade.“

Roland Zorn (faz.net) vermisst vieles, alles: „Im vollen Haus wurde reichlich Leergut angeboten. Vor allem die angeblichen Tempospieler aus der De-Luxe-Abteilung des DFB standen eine Halbzeit still. Deutsche Attacken, deutsche Aufbauwerke? Unsichtbar.“

Trainer Baade findet die Fernbedienung nicht und quält sich bis zum Abpfiff: „Selten war der Impuls so groß wie gestern, sich das spannungsfreie und humorlose Spiel nicht bis zum Ende anzuschauen und stattdessen etwas wirklich Unterhaltendes zu tun, wie die Fenster zu putzen oder den Zahnarzt rauszuklingeln, ob er nicht Lust hätte, hier oder da mal ein bisschen zu bohren. Gebohrt wurde auch im deutschen Spiel, gar der Nerv getroffen, jedoch jener Geschmacksnerv, der Fußball für ein ansehnliches, interessantes und dramatisches Spiel hält und dem Genüge tragende Handlungsweisen auf dem Spielfeld erwartet. It wasn’t a classic.“

Abgeklärter Auftritt der Capello-Elf

Sven Goldmann (Tagesspiegel) rechnet damit, dass sich die abwesenden Michael Ballacks und Torsten Frings’ nun erst recht für unersetzlich halten dürften: „Es darf wohl vermutet werden, dass sie zu den wenigen zufriedenen Nationalspielern zählten. Daheim vor dem Fernseher in London und Bremen erhielten sie frei Haus die Erkenntnis, dass ohne sie wenig lief. Es war vor allem das in den vergangenen Jahren von Ballack und Frings verantwortete zentrale Mittelfeld, das mit der Gestaltung des Spiels überfordert zu sein schien. Ihre Vertreter Simon Rolfes und Jermaine Jones brachten gegen die überraschend hoch stehenden Engländer so gut wie gar nichts zustande. Rolfes mag sich gut in eine funktionierende Mannschaft einfügen, ein mitreißender Antreiber mit Alleinvertretungsanspruch ist er nicht. Und Jones legte zwar weite Wege zurück, aber ihm versprang so oft der Ball, wie man es an selber Stätte selten sieht, wenn Hertha BSC spielt.“

Im minute-by-minute-report von Paul Doyle auf guardian.co.uk lesen wir: „Das laute Pfeifen der deutschen Fans ist Musik in englischen Ohren. Ein systematischer, abgeklärter Auftritt, der Tempo mit Geduld balanciert endet mit einem feinen Sieg. Für beide englische Tore sind Innenverteidiger verantwortlich, und sie sind Standardsituationen entsprungen, doch soll man sich nicht davon täuschen lassen. Capellos Elf hat es keineswegs an anderen Qualitäten gemangelt. Und bevor ich gehe, sollte ich Ihnen noch mitteilen, dass John Terry in seiner Analyse zugibt, das Gegentor verschuldet zu haben – und nicht Torhüter Scott Carson: „Ich hätte die Situation klären können, dafür stehe ich ein. Es war nicht Scottys Fehler.“ Hätte Terry das auch gesagt, wenn er sich nicht mit dem Siegtor rehabilitiert hätte? Vielleicht“

Montag, 17. November 2008

Ball und Buchstabe

Sportjournalisten sollten dem Beispiel der Blogger folgen

Presse- und Internetstimmen zum Fall DFB gegen Jens Weinreich

Wolfgang Hettfleisch von der Frankfurter Rundschau gibt mir ein großes Stück verloren gegangenes Vertrauen in die „alten Medien“ zurück: „Die Frage, die sich aufdrängt, ist, wer hier eigentlich eine Kampagne gegen wen betreibt. Zwanziger will ein Exempel statuieren. Die Größe, auch harte Kritik wie die von Weinreich auszuhalten, hat er nicht. Dass der Journalist – gerichtlich verbrieft – nur sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnahm, juckt ihn nicht. Dreist versucht der DFB nun, die Öffentlichkeit über die Zusammenhänge zu täuschen. Kritische Geister wie Weinreich gibt es im Sportjournalismus eine Handvoll. Sie sind unter Funktionären nicht wohlgelitten, klar. Neu ist der Versuch, sie als Hetzer zu brandmarken und so ihre Geschäftsgrundlage zu zerstören. Die Blogger, deren gewachsene Bedeutung der DFB sträflich unterschätzte, haben das erkannt und üben Solidarität. Sportjournalisten sollten ihrem Beispiel folgen.“

In einem weiteren Bericht schreibt Hettfleisch: „Zwanziger, der skrupellos genug war, zur Begründung seiner Reaktion in einem Interview mit Oliver Fritsch auf einen Besuch in Yad Vashem zu verweisen, blieb eigentlich nur der Notausgang.“

King Kong aus Frankfurt

Jürgen Kalwa von American Arena hat in wie immer vortrefflicher Analyse die letzten Tage aufgearbeitet. Ob die Sache wirklich sportmediengeschichtlichen Charakter hat, wie er vermutet und hofft, werden wir sehen: „Leute werden gespürt haben, was da am Wochenende – einem leichten Erdbeben gleich – in der deutschen Medienlandschaft passiert ist. Sie haben gesehen, wie da ein paar Vasen im Regal gewackelt haben, als sie beim Spaziergang durch das alternative Informationsangebot die Geschichte rund um das Vorgehen des DFBs gegen einen kritischen Journalisten zusammengetragen haben. Das Wackeln könnte noch stärker werden, wenn der Hauptbetroffene, der Kollege Jens Weinreich, die Attacke der DFB-Spitze mit rechtlichen Schritten beantwortet. Denn wenn der Fall eine Gewissheit produziert hat, dann diese: Die Machtmenschen aus Frankfurt, gewohnt nach alten Medienregeln mit der undifferenzierten Kraft eines King Kong herumzuwüten, haben in diesem (von ihnen ohne Not aufgeworfenen) öffentlichen Streit ganz schlechte Karten. Sie müssen aufgrund ihres eigenen Mangels an Realitätssinn einen ziemlich starken Imageverlust befürchten. Und alles nur wegen dieser neuen Kommunikationsplattform namens Blogs, die vom Establishment so gerne belächelt oder ignoriert werden.“

Über diese vielen Klagen deutscher Redaktionen über die angebliche Bedeutungs- und Sinnlosigkeit von Blogs schreibt Kalwa: „Ich nehme das schon länger nicht mehr ernst. Solche Darstellungen entspringen dem mangelhaften Neugierverhalten in deutschen Redaktionen, wo das Vergnügen der (fest angestellten) Journalisten daran, sich mit dem eigenen Bauchnabel und dem Status Quo zu beschäftigen, größer ist als das Interesse daran, die Verschiebung der tektonischen Platten unter ihren eigenen Füßen zu vermessen.“ Treffer!!

Jürgen Roth nimmt sich im Deutschlandfunk des Themas an. In sehr scharfer Art. Auf dem Laufenden bleiben Sie mit dem Webweiser von Jens Weinreich, der inzwischen über fünfzig Links zur Sache listet.

Im Blog von Stefan Niggemeier schreibt der User Der Postillon auf Niggmeiers Hinweis, dass sich Jens Weinreich, Kai Pahl und Oliver Fritsch zu dem Thema gebloggt haben: „Uh! Oh! Da hat sich der DFB wohl mit den Falschen angelegt. Das wird er nicht schadlos überstehen.“ Hierzu ist zu sagen: Der DFB hat sich nicht mit mir angelegt (höchstens in einem anderen Fußballfall, und da höchstens indirekt). Dennoch leugne ich nicht, dass ich diesen Satz nicht mit Missfallen gelesen habe.

Bundesliga

Arrogante Schnösel

13. Spieltag: Schon wieder verdaddelt Bayern München leichtfertig zwei Tore Vorsprung / Erneut begeistert die TSG Hoffenheim / Noch einmal langweilt Stuttgart seine Anhänger / Was Hoffenheim und Hertha gemein haben

Andreas Morbach (FR) kreidet dem FC Bayern, beim 2:2 in Mönchengladbach als Wiederholungstäter im Verspielen von Zweitorevorsprüngen auffällig geworden, Überheblichkeit an: „Was das selbst verschuldete Remis beim biederen Liganeuling besonders schmerzhaft machte, war die Vorgeschichte. Mit fünf Siegen in Folge hatten die Bayern ihren stotternden Saisonstart zuletzt fast wieder wettgemacht. Dann aber folgte der nächste Patzer der Bayern – und das frisch polierte ‚Mia-san-mia’ wich wieder der bangen Frage: ‚Wer san mia?’ Denn wie selten zuvor schenken die Münchner in dieser Saison mögliche Siege mit dem Habitus arroganter Schnösel reihenweise weg: Am ersten Spieltag wurde aus einer 2:0-Führung gegen Hamburg ein 2:2, am siebten aus einem 3:1 gegen Bochum ein 3:3 – und nun folgte in Runde dreizehn der hässliche Hattrick. Seit den Zeiten des glücklosen Jupp Heynckes ist im Borussia-Park kein röterer Kopf gesichtet worden als der von Uli Hoeneß am Samstagabend.“

Bernd Müllender (Financial Times Deutschland) entlarvt die Offensivrhetorik Jürgen Klinsmanns als Blendwerk: „Klinsmann ist ein Magier, der das dominant-offensive Spiel verspricht und dann wie ein ergebener Schwiegersohn des großen Maurermeisters Trapattoni agieren lässt. So zuletzt erfolgreich in Schalke und jetzt erfolglos in Gladbach, wo er die Führung so provozierend verwalten lassen wollte, dass die erklärte Bayern-Fanin Sabine Töpperwien im Radio von ‚Schaukelstuhltaktik’ sprach. Klinsmann hat den FC Bayern umgeformt – zur zeitweilig zynischen Betonfabrik, gegen die Ottmar Hitzfeld offensiven Spaßfußball spielen ließ.“

Wieder mitreißend

Tobias Schächter (Berliner Zeitung) verpackt das Lob an Hoffenheim, 3:2-Sieger gegen Wolfsburg, in leichte Schadenfreude gegenüber der Fußballregion Mannheim: „Wäre das Mannheimer Carl-Benz-Stadion in diesem Moment ein Mensch gewesen, hätte es einen tiefen Seufzer des Bedauerns von sich gegeben. Nur noch zwei Mal ist es Gastgeber für die TSG 1899 Hoffenheim aus, die gerade wieder einmal ein mitreißendes Spektakel geboten hatte. Im Januar zieht dieser aufregende Bundesliganovize nach Sinsheim in die dann fertige eigene Arena um. Dem Carl-Benz-Stadion muss dieser Umzug so vorkommen wie einem Menschen, dessen Lieblingsonkel nach kurzer Stippvisite wieder nach Amerika geht. Zurück bleibt nur die nichts als Scherereien verursachende alte Tante SV Waldhof Mannheim, Bundesligist von einst, die heute, als Viertligist, wieder einmal vor der Pleite steht. Hoffenheim spielt so ereignisreichen Fußball, dass Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus nicht ohne Stolz bereits unkt, die neue Arena für 30.000 Menschen könne künftig zu klein sein. Und dieses Hoffenheim wirkt so gefestigt wie ein Fels, der schon Jahrhunderte am selben Platz thront. Dabei befindet es sich ja noch im Wachstum.“

Ideenlos

Thomas Haid (Stuttgarter Zeitung) kann beim 0:0 zwischen Stuttgart und Bielefeld das Gähnen nicht mehr unterbinden: „Normalerweise ist es eher störend, wenn die aktuellen Zwischenstände aus den anderen Bundesligastadien mit einem lauten Hupton angekündigt werden, bevor sie dann auf der großen Videoleinwand erscheinen. Doch die 52.000 Zuschauer waren diesmal über jedes Hupen dankbar, verhieß es doch eine willkommene Abwechslung in diesem an Langeweile kaum zu überbietenden 0:0. Viele im Publikum werden gedacht haben, dem falschen Stadion einen Besuch abgestattet zu haben, wo ideenlosen Stuttgarter Spielern von bieder verteidigenden Bielefeldern brutal die Grenzen gezeigt wurden.“

Kein Spitzenteam

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) legt den Finger in die Wunde Schalkes, 1:2-Verlierer in Leverkusen: „Die Defizite treten offen zutage. Das Team verfügt zwar über eine exzellente Defensive, doch es ist im Offensivspiel berechenbar. Coach Fred Rutten vermied Beschönigungen und bemühte sich, zu hohe Ansprüche zu korrigieren: In der gegenwärtigen Verfassung sei Schalke kein Spitzenteam.“

Hertha und Hoffenheim, die Opportunisten

allesaussersport hält die Lehren des 13. Spieltags fest: „Was haben wir gelernt? Dass der FC Bayern derzeit zuviel ‚mir san mir’ zeigt und nach Führung zwei Gänge zurückschaltet. Dass Leverkusen zwar aufgrund der Jugend ein fragiles Gebilde ist, aber gegen ein anderes so genanntes Spitzenteam eine Führung halten konnte. Dass man bei Schalke derzeit noch nicht einmal weiß, ob der siebte Platz vielleicht doch die richtige Gewichtsklasse für den ambitionierten Verein ist. Dass beim HSV der Kader und die Mentalität zu klein sind, um neunzig Minuten souverän über die Runden zu bringen. Dass neben Hoffenheim die Hertha der Club ist, der am opportunistischsten spielt: ihre Chancen nutzend. Die Hoffenheimer produzieren viele, die Hertha wenige. Aber für beide reicht es. Dass Wolfsburg immer noch die entscheidenden zehn Prozent fehlen, um oben mitzuspielen.“

Freitag, 14. November 2008

Am Grünen Tisch

Wertlose Anhörung

Gewalt im Fußball – ein Thema für Theo Zwanziger und den Bundestag / Fifa und Franz Beckenbauer haben keine Antworten auf Wettbetrug (SZ) / Der neue Bundesliga-Spielplan birgt Risiken / Moggi kommt wohl davon

Der Sportausschuss des Bundestags, der es zuvor nicht hingekriegt hat, den Radfahrern die Förderung zu entziehen, verhandelt das Problem der Gewalt im Fußball. Die Darstellungen über die Protagonisten lesen sich unterschiedlich. Michael Horeni (FAZ) schreibt über die neue Offenheit des DFB mit Problemen: „Eine solche von breitem Konsens – trotz mancher Differenzen in Detailfragen – getragene Anhörungsrunde wäre vor wenigen Jahren noch nicht möglich gewesen. Dies liegt nicht zuletzt an DFB-Präsident Theo Zwanziger, der es versteht, die soziale Verantwortung des DFB sowohl gegenüber der Politik als auch bei den Interessengruppen der verschiedenen Fan-Vereinigungen glaubhaft zu vermitteln.“

Kurzer Einwurf: Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) befasst sich auch mit Zwanziger und zwar mit Zwanzigers juristischem Heimspiel gegen Weinreich. Schon mal gehört von dem Thema? Kintzinger hält es für druckreif, bislang als einziger.

Zurück zur Sache: Besondere Achtung erweist ihm Horeni, weil sich Zwanziger entschieden gegen die Schuldlosigkeit verwehrt habe: „Zur Vertrauensbildung trägt bei, dass ein DFB-Präsident nun öffentlich gesteht, dass der Fußball selbst einen Teil der Gewalt verursacht.“ In einem anderen Text heißt es: „Theo Zwanziger ist kein Funktionär, dem man vorwerfen kann, dass er Probleme verharmlost.“

Ronny Blaschke (SZ), Autor eines ausgezeichneten Buchs zum Thema, hingegen zieht ein enttäuschtes Fazit: „Diese viel versprechende Anhörung, die monatelang vorbereitet worden war, war nahezu wertlos. Es wurden zu viele falsche Fragen gestellt, zu viele falsche Themen diskutiert.“ Blaschke stellt die Fragen, die offen geblieben sind: „Wie kann man Antidiskriminierungsarbeit in entlegenen Ecken finanzieren? Wie motiviert man ehrenamtliche Trainer, Funktionäre und Schiedsrichter? Wie schafft man eine Instanz, die langfristig gegen Fremdenfeindlichkeit auftritt und über die symbolische Wirkung von Integrationspreisen oder Plakataktionen hinausgeht, unabhängig von einem medialen Aufschrei? Und wie verbessert man Strafenkataloge und erstellt differenzierte Vereinssatzungen?“

Mir fällt nichts anderes ein

Thomas Kistner (SZ) attestiert den Fifa-Verantwortlichen nach dem Besuch des ersten Sportwettenkongresses „Hilflosigkeit“. Auch weil es Fälle gibt, in denen nicht ermittelt werde, weil sich niemand zuständig fühle. Über das Uefa-Cup-Halbfinale der Bayern in St. Petersburg am 1. Mai etwa lägen spanischen Behörden Telefonmitschnitte vor, in denen russische Verdächtige Manipulierungsindizien austauschen. Kistners Essenz lautet: „Der Kampf gegen kriminelle Abzocker, die Spiele und Spieler manipulieren, steckt in den Kinderschuhen. Genauer: im Strampelanzug. Und da wird er so schnell nicht rauskommen.“ Der anwesende Franz Beckenbauer habe sich elegant aus der Affäre gezogen, indem er Werbung für den Geschäftspartner des FC Bayern, bwin, untergebracht hat. Beckenbauer habe der Liberalisierung das Wort gesprochen: „Sonst geht das Geld der Privaten ins Ausland (…) Also, ich mache hier keine Werbung für bwin. Mir fällt nur nichts anderes ein.“

Viel Hoffnung und wenig Gewissheit

Daniel Theweleit (taz) zweifelt an dem neuen Spielplan der DFL, der ein Live-Spiel in der traditionellen Sportschau-Zeit ansetzt: „Es ist ein großes Wagnis, das die Herren eingehen.“ Ob die Rechnung am Ende aufgeht? „Viel Hoffnung und wenig Gewissheit“, schreibt Theweleit. „Der deutsche Fußball ist mal wieder auf Partner angewiesen, die nicht nur auf die bloße Refinanzierbarkeit der Rechte schauen. Doch diese Zeiten könnten vorbei sein.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) spottet: „Die Bundesliga will dem Vorbild England folgen. Zwar hat das Spielgeschehen beileibe noch nicht in allen Stadien die Intensität des Fußballs auf der Insel erreicht, doch wenn es um die TV-Übertragungen geht, möchten die Deutschen der Premier League wenigstens punkto Unübersichtlichkeit in nichts nachstehen.“

Hier mein Bericht zu dem Thema auf Zeit Online
direkter freistoss: Schlachtfeld Deutschland – Der Medienexperte Kai Pahl über die Ambitionen ausländischer Sender bei den Verhandlungen um die Bundesliga-Rechte

Tom Mustroph (taz) berichtet vom Prozess gegen den italienischen Manipulateur Luciano Moggi, der wohl mit einer Geldstrafe davonkommen werde. In der Öffentlichkeit sei er ohnehin rehabilitiert, weil er längst wieder publizistisch tätig ist. So soll er, wie wir der SZ entnehmen, in seiner Kolumne jüngst über Schiedsrichterleistungen geklagt haben. Heiliger Bimbam!

Javier Cáceres (SZ) hat in Madrid vernommen, dass Trainer Bernd Schuster vor dem Rauswurf stehe. Erstens zu viele Gegentore. Zweitens: Sein Auftreten entspreche nicht dem Stil Reals. Markus Lotter (Berliner Zeitung) erwartet Schusters Entlassung: „Es sieht danach aus, als hätte Schuster in seinem ersten Jahr bei Real, als er auf Anhieb die Meisterschaft feiern durfte, nur von der erfolgreichen Aufbauarbeit seines Vorgänger Fabio Capello gezehrt.“

Deutsche Elf

Ich bin maßlos enttäuscht

Der ehemalige U21-Trainer Dieter Eilts blickt auf seine Entlassung zurück / Joachim Löw nominiert drei Neue – ein weiteres Zeichen dafür, dass er sich das „treue Metzeldertum abgewöhnt“ habe (SZ)

Mit Dezenz blickt Dieter Eilts auf die Entscheidung des DFB zurück, ihn als U21-Nationaltrainer zu feuern, obwohl seine Mannschaft sich gerade für die EM qualifiziert hatte. Die Gründe Matthias Sammers sind sehr abstrakt formuliert: unterschiedliche Philosophien. Eilts hält dem nun in der SZ in gelassenem Ton entgegen: „Die Verantwortlichen waren der Meinung, dass wir in der U21 nicht der Philosophie entsprechend gearbeitet haben. Ich bin der Meinung, wir haben das schon getan.“

Weiter sagt er: „Man kann sicher über gewisse Übungsformen diskutieren und wie man sie gestaltet. Aber wenn man einen Trainer hat, der sich an die Philosophie hält, dann muss man ihm auch zugestehen, dass er das den Bedürfnissen der Mannschaft anpasst. Ich habe versucht, die Spielphilosophie auf die Bedürfnisse meiner Mannschaft zu übertragen, aber das hat ihm anscheinend nicht gereicht. Das muss ich akzeptieren. Ob ich das auch verstehe, ist eine andere Geschichte.“

Zudem bestreitet Eilts, dass er keine modernen Mittel verwendet habe: „Wir haben sehr wohl die geforderten Dinge eingesetzt, ob das Videoanalysen waren, Fitnesscoaches oder einen Psychologen. Ich bleibe dabei: Wir haben gut gearbeitet und Ergebnisse erzielt. Wenn man beim DFB anderer Meinung war, kann ich das nicht ändern.“ Im kicker sagt er: „Ich bin maßlos enttäuscht. Ich kann nicht erkennen, dass wir gegen die Philosophie des DFB gearbeitet hätten.“

Verlierer ist Frings

Haben sich Löw und Frings gemeinsam darauf verständigt, dass Frings beim England-Spiel aussetzt? Christof Kneer (SZ) interpretiert diese Entscheidung gegen die offizielle Lesart als Pausenverordnung den Trainer: „Der Verlierer ist Frings, der auch im Kollegenkreis inzwischen als sportlich verzichtbar gilt.“ Über den Kapitän jedoch heißt es: „Ballacks sportlicher Wert ist selbst in den oppositionellsten Mannschaftskreisen unumstritten“. Dass Löw drei junge Neue, Tobias Weis, Marcel Schäfer und Marvin Compper, dabei sind, hält Kneer für ein gutes Zeichen. Löw habe sich offensichtlich das „treue Metzeldertum abgewöhnt“.

Ein Lehrer, der seine Klasse nicht mehr im Griff hat

Matti Lieske (Berliner Zeitung) kritisiert Löws Menschenführung: „Bisher findet Löw offenbar nicht den richtigen Ton, seinen älteren Spielern die neue Situation und ihre Rolle darin zu erklären, ohne sie zu verprellen. Einfach einen Konkurrenzkampf auf allen Ebenen auszurufen, muss den verdienten Altvorderen zwangsläufig wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen, was in Michael Ballacks Attacke auf den Bundestrainer sehr deutlich zum Ausdruck kam. Löw reagiert auf die Verwerfungen bisher wie ein Lehrer, der seine Klasse nicht mehr im Griff hat, mit Drohungen, Machtworten, Grundsatzerklärungen und erzwungenen Ergebenheitsadressen. So entwickelt sich vielleicht eine Form trügerischer Ruhe, die höchstens so lange anhält, wie die Mannschaft gewinnt. Ein Team von mündigen, selbstbewussten Profis, die gemeinsam mit breiter Brust die WM 2010 angehen, bekommt Joachim Löw so nicht.“

Mittwoch, 12. November 2008

Ascheplatz

Post von Theo Zwanzigers Anwalt (2)

Heute habe ich Post von Theo Zwanzigers Anwalt erhalten (mehr)

Dienstag, 11. November 2008

Unterhaus

Pendler zwischen den Spielklassen

Nach Rudi Bommer nun auch Frank Pagelsdorf entlassen – sitzen die Absteiger aus Rostock und Duisburg zu hohen Ansprüchen auf?

In der Zweiten Liga sind in dieser Saison drei Trainer entlassen worden oder zurückgetreten: Thomas von Heesen (Nürnberg) im August, Rudi Bommer (Duisburg) und Frank Pagelsdorf (Rostock) in den letzten Tagen. Es handelt sich um die drei Bundesliga-Absteiger, die zunächst allesamt an ihren Trainern festgehalten hatten, es sich inzwischen aber nach mittelmäßigen Ergebnissen anders überlegt haben.

Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) lotet das schwere Dasein der Absteiger aus: „Das Beispiel Rostock verdeutlicht, dass ein Abstieg aus der Ersten Liga mehr ist als eine bloße Klassenversetzung. Technisch und taktisch haben die Spitzenvereine der Zweiten Liga aufgeholt, auch die Strukturen sind professioneller geworden. Wer diese Gegebenheiten nicht schnell verinnerlicht, kann wie Hansa vor unlösbaren Problemen stehen. Die Spieler sind verunsichert. Außerdem müssen sie wieder mit der Bürde des Favoriten leben. Doch ein kontrolliert defensiver Erstligist hat es schwer, sich innerhalb eines Sommers in einen druckvoll stürmenden Zweitligisten zu verwandeln.“

Uwe Marx (FAZ) schließt von den Entlassungen auf zu hohe Ansprüche: „Es bleibt rätselhaft, mit welchen Erwartungen Vereine wie Duisburg oder Rostock in eine Saison in der Zweiten Liga gehen. Sie sind Pendler zwischen den Spielklassen und in außergewöhnlich guten Jahren in der Lage aufzusteigen.“

Erholungspark des Profifußballs

In einem weiteren Text mutmaßt Blaschke über die Zukunft Pagelsdorfs und Rostocks, deren Wege sich schon zwei Mal gekreuzt haben; auch das Nachfolgergerücht bezieht er ein: „Pagelsdorf, 50, dürfte es schwer haben, noch einmal bei einem ambitionierten Verein unterzukommen. Ähnlich schien die Situation bei Thomas Doll zu sein, der als Favorit auf die Nachfolge gilt. Doll trainierte in der Bundesliga den Hamburger SV und Borussia Dortmund, als Erfolgscoach konnte er sich nicht etablieren. Der FC Hansa würde mit einer Verpflichtung Dolls seiner Tradition treu bleiben, die Rostocker suchen ihre Zukunft gern in der Vergangenheit. (…) Irgendwann tauchen Altgediente bei Hansa immer wieder oben auf. Warum sollte das nicht auch bei Pagelsdorf so sein?“ Die Übergangslösung heißt übrigens Juri Schlünz, der das, so weit ich weiß, auch schon mal gemacht hat.

Das Arbeitsumfeld habe Hamburg und Dortmund gegenüber einige Nerven schonende Vorzüge: „In Rostock bräuchte sich Doll nicht mit Boulevardjournalisten herumzuschlagen. Der FC Hansa gilt als Erholungspark des Profifußballs.“

Frank Heike (FAZ) berichtet aus der Nachbarschaft: Holger Stanislawski habe auf St. Pauli alles im Griff. (Und wenn ich Nachbarschaft sage, meine ich Nachbarschaft. Lasse ich mir viel Zeit und schlendere so über die Gassen, bin ich in drei Minuten am Millerntor.)

Bundesliga

Hoffenheim-Besieger

Hertha ist stolz, den Tabellenführer vom Dorf besiegt zu haben / Bayern siegt, doch von Klinsmanns Reform sonst nichts zu sehen / Rüpel Lehmann

Den gestiegenen Status der TSG Hoffenheim belegt Johannes Kopp (taz) an der Freude von Hertha BSC über den 1:0-Sieg: „Der Auftritt des Rangnick-Teams hat Hertha nicht nur ein gut gefülltes Stadion beschert, sondern nun auch noch als Hoffenheim-Bezwinger bundesweite Aufmerksamkeit eingebracht. Die Badener wurden vom Tabellenthron gestürzt. Die eigentliche Überraschung ist nicht der Hertha-Sieg, sondern die Tatsache, dass dieser als Überraschung gewertet werden kann. Fehlt nur noch, dass in Fanshops bald T-Shirts mit dem Aufdruck Hoffenheim-Besieger feilgeboten werden.“

In die gleiche Kerbe schlägt Michael Horeni (FAZ): „Wie Hoffenheim in Berlin empfangen und behandelt wurde, machte eindrucksvoll deutlich, dass sich die Gewichte in der Bundesliga nach zwölf Spieltagen schon viel tiefer greifend verschoben haben, als das allein der Blick auf die Tabelle ahnen lässt.“ Die Hauptstadt habe in Hoffenheim eins der „großen Fußball-Schwergewichte“ erkannt. Die Indizien wie Zuschauerzahl und Lärmpegel beim Tor legten erreichten fast bayernmünchenhafte Dimensionen.

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) sagt Hertha bessere, um nicht zu sagen gute Zeiten voraus: „So viel Zukunft war bei Hertha lange nicht, sowohl finanziell als auch sportlich. Die wirtschaftliche Situation steht gesundem Wachstum zumindest nicht mehr im Wege, die meisten Spieler sind jung und wohl auch entwicklungsfähig, und der Trainer hält weiterhin an seinem Ziel fest, in den nächsten anderthalb Jahren eine Mannschaft aufzubauen, die mit den Besten der Liga mithalten kann. Das Ziel bleibt ehrgeizig, denn Hertha ist bei Weitem nicht der einzige Verein in Deutschland, der solide wirtschaftet und Gewinne erzielt. Im Geld schwimmen die Berliner nicht, sie haben nur ihre Konkurrenzfähigkeit wiederhergestellt. Der Größenwahn muss noch ein bisschen warten.“

Reform auf Wiedervorlage

2:1 in Schalke, fünfter Sieg in Reihe, und die Bayern spucken wieder Töne. Richard Leipold (FAZ) empfindet den „Marsch an die Spitze als eine Art bajuwarisches Gewohnheitsrecht“ und spürt „Heimatgefühle“ in dem Klub, der inzwischen neun Plätze gutgemacht hat. Mit einem Sprung an die Tabellenspitze sei jederzeit (vielleicht sogar stündlich) zu rechnen. „Nach ihrem Selbstverständnis stehen die Bayern gewissermaßen vor der Haustür.“ Leipold erkennt bei den Münchnern wieder „eine Mentalität, die Selbstzweifel auf ein Mindestmaß zurückführt und dem Glauben an die eigene Stärke fast einen Erkenntniswert beimisst“. Und es klingt so, als ob die Rückkehr auf die Erfolgsspur einer Abkehr vom Klinsmann-Stil zu verdanken sei: „Das ‚Mir-san-mir-Gefühl’, das unter einem Berg Klinsmannscher Reformen verschüttet schien, wird allmählich wieder freigelegt“

Auch Andreas Burkert (SZ) findet kein Korn von dem Versprochenen: „Man suchte vergebens nach jenen Werten, die Klinsmann bis zur kleinen Misserfolgsserie im September mit missionarischem Eifer beworben hatte. Kaum Direktspiel, keine Dominanz und nur sporadisch ein bisschen Pressing und Tempo.“ Wie viel Klinsmann steckt also in der Siegesserie? Burkert spöttelt: „Ob er selbst auf diesen bemerkenswerten Stilwechsel gekommen ist oder mit freundlicher Unterstützung der Mannschaft oder der Ikonen aus der Chefetage, ist bisher nicht bekannt.“ Aber vielleicht entspringt die Reform, die in der „Ablage 2009“ verstaut worden ist, der „Wiedervorlage“ im nächsten Jahr.

Andreas Morbach (FR) rechnet nicht damit: „Auf dem Müll der Geschichte gelandet ist der Hurrastil der Münchner aus dem ersten Saisonviertel.“

Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) hingegen befreit Klinsmann von einem Makel: „Skeptiker haben geschlossen, Klinsmanns Schwäche sei die nachhaltige Arbeit, und weil er das wisse, habe er das Nationalteam nach dem Höhepunkt der WM 2006 verlassen. Spätestens nach dem Sieg bei Schalke 04 ist es an der Zeit, sich von diesem Klinsmann-Bild zu verabschieden.“

Jedenfalls kommt Uli Hoeneß, der vor Wochen die Sprache verloren hatte, wieder in Form: „Das ganze Land Bayern muss jetzt wieder nach vorne kommen, nicht nur in der Politik, sondern auch im Fußball.“

Agent provocateur

Marc Heinrich (FAZ) rüffelt Jens Lehmann, der provoziert, hadert, tritt und meckert: „Seit seinem Comeback in der Bundesliga nach fünfjährigem Aufenthalt bei Arsenal, der, wie er gerne behauptet, ihn vor allem menschlich habe reifen lassen, gefällt sich der Rückkehrer offenbar in der Rolle des Agent provocateur.“ Beim 39-Jährigen sei „kein Anflug von Altersmilde“ zu verzeichnen, seit Wochen gebe er ein „schlechtes Bild“ ab, und er sei „dabei, sich die Sympathien auf der Schlussetappe seiner Karriere zu verscherzen“.

Oliver Trust (Tagesspiegel) weiß nicht, was er von Stuttgart halten soll und erwarten darf: „Der VfB wirkt wie ein Patchwork-Team, zusammengesetzt aus vielen Teilen, die irgendwie ein Ganzes ergeben, aber nicht richtig zusammenpassen. Daran kann noch nicht einmal das edelste Einzelstück, Mario Gomez, etwas ändern.“

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