Mittwoch, 2. Juli 2008
Deutsche Elf
Löw hat sein Team taktisch gut eingestellt, doch es agierte lethargisch
Eine letzte Pressestimme zum EM-Finale
Einen bemerkenswerten Text über das Finale möchte ich noch nachreichen. Hatte ihn erst gestern Nachmittag in der Druckausgabe der Neuen Zürcher Zeitung entdeckt. Stefan Osterhaus wundert sich über den Gleichmut, mit dem sich die Deutschen den Spaniern ergeben haben: „Ziemlich genügsam gaben sich die Deutschen auch in diesem Final. Zeitweilig wirkten sie wie eine Mannschaft, die einen knappen Rückstand über die Zeit bringen wollte – als gäbe es noch ein Rückspiel. Nach einem Beginn, der das DFB-Team deutlich im Vorteil sah, verflachte das Niveau im deutschen Spiel. Die Spanier konnten tun und lassen, was sie wollten. Waren es wirklich die Deutschen? Von all den Attributen, die eine spanische Mannschaft hätte fürchten können, warf ihr Kontrahent kein einziges in die Waagschale. Der Einsatz? Überschaubar. Die Laufbereitschaft? Zu gering, um zu bestehen. Die Zweikampfhärte? Ähnelte eher der in einem Vorbereitungsspiel. Wer Begriffe wie mentale Stärke oder gar Leidenschaft bemühte, der wurde noch ärger enttäuscht. Dass die Spanier keineswegs ein Team von Unverwundbaren sind, die eben einem Bad im Drachenblut entstiegen waren, verdeutlichten die wenigen deutschen Offensivaktionen in der zweiten Hälfte. (…) Dass Ballack noch zu den Aktiveren zählte, illustriert, wie schlecht es an diesem Tag um die Verfassung des Teams bestellt war, das nur eine Viertelstunde lang den Eindruck erweckte, um den EM-Titel spielen zu wollen.“
Mangelnde Gegenwehr im und nach dem Spiel wirft er insbesondere dem Team vor, den Trainer in Schutz nehmend: „Warum benimmt sich ein Team mit Lahm, Podolski, Frings, Schweinsteiger, Klose und Ballack wie Luxemburg nach einem Duell mit Frankreich. Auch ging es gar nicht um ein paar individuelle Fehler. Sicher sah Lahm beim Gegentor nicht gut aus. Doch danach blieb über eine Stunde Zeit, um auszugleichen. Die Mannschaft war taktisch gut eingestellt, wie die Anfangsphase zeigte. Löw hatte das Spiel seines Kollegen Aragones zur Genüge antizipiert, um auch im Final reüssieren zu können. Auch die Wechsel ergaben Sinn. (…) Löw war der geschlagene, aber keineswegs von seinem Gegenüber übertölpelte Coach.“
Osterhaus’ Fazit: „Es war eine rätselhafte Niederlage. Löws Schwierigkeit dürfte vorderhand nicht darin bestehen, die Niederlage zu verdauen. Sondern das Rätsel der schlagartig einsetzenden Lethargie zu lösen.“
faz.net: Deutsche Spieler und Trainer in der Einzelkritik
direkter freistoss: Freistoß für Spanien in der 91. Minute – längere Highlights vom Finale – mitdiskutieren!
Dienstag, 1. Juli 2008
EM 2008
Gesamtkunstwerk
Weitere Liebeserklärungen an Spanien / Luis Aragonés, Pädagoge mit Kick / Spanien, ein Land strebt nach Oben
Roland Zorn (FAZ) gönnt Spanien den Titel: „Die Spanier bewiesen in den neunzig Minuten der Entscheidung wie in den Minuten danach, wie man mit kultivierten Umgangsformen am Ball und gegenüber dem Gegner Sympathien scheffeln kann, ohne sich dabei gönnerhaft aufzuplustern. Nach zehn Minuten der Eingewöhnung beherrschten sie das Geschehen auf dem Platz mit ihrem ausgeklügelten Kurzpassspiel, das gelegentlich noch angereichert wurde durch lange Bälle in die Tiefe des Raumes. So entstand auch das 1:0, als der diesmal besonders zauberhafte Taktgeber Xavi seinen Kollegen Torres auf Touren gebracht hatte. Das waren dann die Formel-1-Elemente des Fußballs in einem Gesamtkunstwerk, in dem die Schönheit nicht zu kurz kam, aber der Zweck dieses Spiels nie vergessen wurde. Eigentlich hätten die Spanier sogar viel deutlicher gewinnen müssen, doch wollten sie den zusehends gröber agierenden Deutschen am Ende zu oft zeigen, wer denn die Technik des Fußballs perfekt beherrsche und wer noch nicht.“
Ronald Reng (taz) erklärt, was daran so besonders ist, dass Spaniens Ersatztorhüter im Trikot von Luis Arconada zur Siegerehrung erschienen ist: „Andrés Palop war der einzige Vertreter des alten Spaniens. Er ist fast 35, fünf Jahre älter als jeder andere im Team außer dem eingebürgerten Brasilianer Marcos Senna; Palop ist der einzige, der sich noch bewusst an das letzte Mal erinnert, als Spanien in einem EM-Finale stand – seine Generation hatte sich noch abgearbeitet an der Verdammnis der Geschichte, dass Spanien, das Land der großen Klubs, mit der Nationalelf seit dem einzigen EM-Triumph 1964 nie mehr etwas gewann. Seine Mitspieler jedoch, geboren allesamt in den Achtzigern, bilden die erste spanische Generation, die nicht antrat, um historische Rechnungen zu begleichen oder Arconada zu rächen. Diese junge Mannschaft, angeführt von Spielmacher Xavi und Torwart Iker Casillas, schirmte sich ab von den Besessenheiten des gestrigen Spaniens. Sie sind einfache, höfliche Sportler, und nichts anderes wollen sie sein. Auch deshalb wurden sie eine einzigartige, höfliche Elf. (…) Etwas Kurioses ist passiert: Während die Politik und die Medien in Spanien sich immer mehr wie Stämme aufführen, die sich in archaischen Konflikten suhlen, rechts gegen links, Katalanen gegen Spanier gegen Basken, liefert der Fußball, der lange für die modernen Stammeskriege stand, mit der Nationalelf nun das schönste Beispiel für einen souveränen, selbstverständlichen Umgang mit den spanischen Unterschieden.“
Platini erwischt den großen Arconada in einem falschen Moment …
… und wir ihn jetzt auch.
Minderwertigkeitsgefühle abstreifen
Paul Ingendaay (FAZ) würdigt die Leistung Luis Aragonés’: „Das Bild, das der strahlende Sieger dieser EM auf dem Feld hinterlassen hat, erlaubt eine erstaunliche Deutung: dass es bei den Spaniern ausnahmsweise keine Leitfigur, sondern eine geschlossene Ensembleleistung zu bestaunen gibt, dazu einen hohen Sinn für Taktik, Disziplin und das nötige Quentchen Glück. Fernando Torres, der Sturmstar, ging fast ohne Murren vom Platz, wenn Luis Aragonés ihn zur Auswechselbank rief. Cesc Fàbregas, der katalanische Mittelfeldlenker, begnügte sich ebenso mit der Rolle des Jokers wie Güiza, der spanische Torschützenkönig. Aus diesem Team kann man keinen herausheben, man darf aber auch keinen vergessen, von Marchena bis Villa, von Senna bis Cazorla, und irgendwie muss das die Leistung des Trainers sein. Vielleicht werden wir nie erfahren, wie Aragonés es angestellt hat, seine Leute zu einer ebenso schön wie effizient spielenden Erfolgseinheit zusammenzuschweißen. Das Turnier ist vorbei, der alte Mann geht und nimmt sein Geheimnis mit.“
Leo Wieland (FAZ/Seite 1) wertet den Fußballsieg als Ausdruck des Aufstrebens in ganz Spanien: „Dass das Land der ‚guten Europäer’, das dem vereinten Europa so viel verdankt, nun 44 Jahre nach einem Sieg über die Sowjetunion wieder an die kontinentale Fußballspitze gelangte, war Balsam für die Seele. Zugleich war es ein Zeichen dafür, dass das Spanien einer neuen Generation dabei ist, alte Minderwertigkeitsgefühle abzustreifen und den Respekt zu verlangen, den seine Leistung verdient. Die neuen Europameister sind nicht nur stolz darauf, ihre italienische Nemesis im Viertelfinale besiegt, sondern auch den mediterranen Nachbarn inzwischen beim Bruttoinlandsprodukt ‚überholt’ zu haben. Ausdruck gestärkten Selbstbewusstseins ist ferner das Begehren, doch lieber heute als morgen zu den ‚großen acht’ der führenden Wirtschaftsnationen gezählt zu werden. Im Sport haben neben den Kickern noch andere Spanien auf die Weltkarte gesetzt: der Basketballspieler Pau Gasol (Katalane), der Tennisspieler Rafael Nadal (Mallorquiner) oder der Rennfahrer Fernando Alonso (Asturier). Sie wurden dabei zu Sinnbildern für nicht gerade als typisch spanisch geltende Eigenschaften wie kämpferischen Einsatz, Durchsetzungsvermögen, Siegeswillen und unbändige Zuversicht. Alles zusammen demonstrierte eine Elf, die sich diesmal nicht von der Erinnerung an frühere Fehlschläge verhexen ließ, auf beispielhafte Weise.“
Das Warten und Leiden hat ein Ende.
Deutsche Elf
Das offizielle Bild vom Zusammenhalt war Propaganda
Thema heute in den zwei großen Zeitungen: eine wohl fast handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff nach dem Finale. Offenbar hat sich der, verständlicherweise, enttäuschte Ballack geweigert, sich mit einem Transparent bei den Fans zu bedanken, wie vom Manager geheißen. Außerdem: über den Irrtum Joachim Löws zu glauben, aus seit langem formschwachen Spielern starke Turnierspieler machen zu können, gebannte und gespannte Blicke in die Zukunft der DFB-Elf und die Marketingveranstaltung gestern am Brandenburger Tor
Michael Horeni (FAZ) mutmaßt über größere Differenzen zwischen Kapitän und Teamleitung: „Selten gab es in einem Finale einen deutlicheren 1:0-Sieg. Spielerische Klasse, technische Brillanz und körperliche Präsenz der Spanier waren viel zu viel für ein deutsches Team, um über den Ausgang eines einseitigen Endspiels klagen zu können. Aber trotz der eigenen Harmlosigkeit kochte nach der Partie plötzlich auf einmal etwas hoch im deutschen Spielführer. Während die Spanier mit dem Pokal vom Stadion Besitz nahmen, geriet Ballack plötzlich mit Oliver Bierhoff im Strafraum aneinander. Der Kapitän gestikulierte, brüllte und reckte den Arm zornig in Richtung des Managers. Er war so aufgebracht, dass Kevin Kuranyi und Hansi Flick dazwischen gehen mussten. Was war da nur passiert beim Kapitän einer Mannschaft, deren Teamgeist wie ein Mantra beschworen, deren Zusammenhalt bei jeder Gelegenheit betont und ihre besondere Einstellung stets gelobt wurde? Ein solch offensichtlicher Streit nur wegen der Bitte, sich von den Fans zu verabschieden, was für die Spieler gerade nach einem verlorenen Finale eine Selbstverständlichkeit ist? Bekam da der Kapitän vielleicht nur seine Enttäuschung über eine weitere Endspiel-Niederlage nicht mehr unter Kontrolle oder kam da etwas zum Vorschein, was sich angestaut hatte zwischen dem aktuellen und ehemaligen Kapitän der Nationalmannschaft, die eine so unterschiedliche Sprache sprechen?“
Philipp Selldorf (SZ) enthüllt die leeren, schönen Worte: „So leichtgewichtig war der Vorfall nicht. Er stand stellvertretend für grundsätzliche Misshelligkeiten im DFB-Lager und für die Debatten, die während des Unternehmens EM hinter den verschlossenen Türen geführt wurden. Nach außen suggerierten Bierhoff und der Trainerstab perfekte Harmonie im deutschen Quartier, aber das sorgte nicht nur bei den Reportern hinter den blickdichten Zäunen und bewachten Toren für Zweifel. Auch im Inneren stieß die Wohlfühlpolitik mit inszenierter Klassenfahrtatmosphäre auf Befremden, und tatsächlich war das offizielle Bild vom wunderbaren Mannschaftszusammenhalt zu guten Teilen Propaganda. Ballack bekam bei der Aussprache nach dem Kroatien-Spiel Widerspruch zu hören, und darauf reagierte er heftig und unfreundlich. Nach seinem Verständnis sind solche Reibereien produktiv für ein Fußballteam, Bierhoff und Löw haben eine andere Auffassung. Ballack mag manchmal während dieses Turniers wie ein Tyrann gewirkt haben, doch das Problem bestand eher darin, dass er in dieser braven Mannschaft zu groß war. Was man ihm früher immer vorgeworfen hatte – dass er nicht zum Anführen der Mannschaft fähig sei –, das kehrte sich nun ins Gegenteil.“
Da kuckt man Stunden Nachberichte. Warum eigentlich, wenn man so etwas offenkundig Wesentliches aus der Zeitung erfahren muss? Fußball in ARD und ZDF – geglättete Ware.
Große Spieler zeigen sich in großen Spielen
Klaus Bellstedt (stern.de) hätte den angeschlagenen Ballack im Finale ausgewechselt: „Das Scheitern Ballacks (verständlichem) Starrsinn, trotz seiner Verletzung unbedingt auflaufen zu wollen, festzumachen, wäre sicher nicht ganz gerecht. Aber als sich der Kapitän in der 36. Minute mit schmerzverzerrtem Gesicht an seiner Wade behandeln ließ, kamen doch leise Zweifel an Ballacks eigenem Verantwortungsbewusstsein gegenüber dieser, gegenüber seiner Mannschaft hoch. Vielleicht hätte auch der Bundestrainer sein bestes Pferd im Stall in dessen Eifer bremsen müssen. Wer weiß, was ein völlig gesunder und frischer Mann wie Tim Borowski auf seiner Position auszurichten im Stande gewesen wäre. Im Zweifel stach aber in diesem Fall Ballacks Wort das seines Trainers. (…) Große Spieler zeigen sich in großen Spielen. Xavi und Torres waren da, Ballack und Klose nicht.“
Deutschland war ein würdiger Finalist, aber mehr noch nicht
Christian Gödecke (Spiegel Online) schreibt: „Selten war ein 1:0 deutlicher als dieses. Es war ein 1:0-Schützenfest für die spanische Mannschaft. Und ein 0:1-Debakel für die deutsche. Die ersten 15 Minuten bestimmte sie dieses Finale. 15 Minuten, in denen die Spanier nur daneben zu stehen schienen und staunten. Es blieb bei diesen 15 Minuten Ruhm. Deutschland war ein würdiger Finalist. Aber mehr noch nicht.“
Noch glänzt nicht viel
Christian Eichler (FAZ) blickt halb skeptisch, halb hoffnungsvoll voraus: „Wohin entwickelt sich das deutsche Team? Es hat ein Rückgrat von Spielern, die erst 23 oder 24 sind und schon die Erfahrung von rund fünfzig Länderspielen und zwei großen Turnieren haben. Und doch haben sich Podolski, Schweinsteiger, Mertesacker, Lahm seit der WM 2006 nicht deutlich weiterentwickelt. Ihr Können blitzte bei der EM auf, dann wieder tauchte es unter. Ihnen fehlt die regelmäßige Übung des Tempos und der Intensität der Champions League. Erst wenn die deutschen Vereine Europas Top-Level wieder dauerhaft erreichen, kann sich auch die Nationalelf dem Niveau der Spanier annähern. Gebraucht wird auch neue personelle Dynamik. Der einzige Aufsteiger, der in die Stammelf zu drängen schien, Mario Gomez, spielte eine enttäuschende EM. Dazu deutete Ballack mit seiner Schwäche in Halbfinale und Finale und mit reizbarem Auftreten gegenüber Gegen- und Mitspielern an, dass sein persönlicher Karrierefrust als ‚ewiger Zweiter’ eine Belastung für den Teamgeist werden könnte. Störungen im Binnenklima aber kann sich Löws Team nicht leisten.“
Horeni (FAZ) nimmt Löw in die Pflicht: „Der Aufwärtstrend, der unter Klinsmann im Herbst 2004 begann, erreichte im Frühjahr 2007 unter seinem Nachfolger Löw den Höhepunkt mit dem hochklassigen Sieg in Tschechien. Danach konnte das Team immer seltener seinen Anspruch auf Dominanz durchsetzen. Bei der EM mussten der Bundestrainer und seine Spieler erkennen, dass es ein Irrglaube war, zu erwarten, Spiele schon allein aufgrund spielerischer und taktischer Klasse gewinnen zu können. Der Bundestrainer hat nach dem Finale Defizite eingeräumt. Er wisse, woran zu arbeiten sei. Nun bleiben ihm zwei Jahre, um die Mannschaft bis zur WM 2010 weiterzuentwickeln. Es ist einiges zu tun. Denn nicht nur für den Bundestrainer war nach der WM 2006 sicher, dass er es als Bundestrainer mit einer ‚goldenen Generation’ zu tun hat. Dass er sie wirklich zum Glänzen bringt, muss er trotz des zweiten Platzes bei der EM 2008 erst noch zeigen.“
Ansteckende Instabilität
Messerscharf erläutert Christof Kneer (SZ) am Detail (das Gegentor durch Torres) das ganze Problem der Deutschen: „Wer wissen will, warum die DFB-Elf so seltsam launenhaft auftrat bei diesem Turnier, der könnte bei Ansicht dieses Tores ein bisschen schlauer werden. Dieses Tor zeigt in konzentrierter Form die Grundproblematik: Es steckte von Anfang an ein Wackelkontakt im Spiel. Die Elf war auf ein, zwei, drei Schlüsselpositionen mit Wackelkandidaten besetzt, und es war eben nicht so, dass die Elf die Wackelkandidaten stabilisiert hätte. Es war eher umgekehrt. Die Wackelkandidaten haben die Kollegen ein, zwei entscheidende Male zum Wackeln gebracht. Beim Siegtor sieht man ja nicht nur, wie Lehmanns Herauseilen Lahm irritiert; man sieht auch, dass Lehmann sich zu früh kleinmacht und Lahm/Torres zu Füßen wirft; und vor allem sieht man in der Wiederholung, wie Metzelder nicht zum ersten Mal eine kleine, große Fehlentscheidung trifft. Er hat vor dem Pass eine halbe Drehung in die falsche Richtung gemacht und damit Torres die Flucht ermöglicht, und dann ist er hinterher getrabt, als wäre er gerade beim Auslaufen. Lehmann hat ein ordentliches Turnier und ein gutes Endspiel gespielt, aber beim entscheidenden Tor war er ebenso haftbar zu machen wie Metzelder, der zweite Kandidat, den Löw ohne Spielpraxis auf diese EM losließ. Tief verankert war ja im DFB-Stab der Glaube, sie könnten binnen drei Wochen Patienten in kraftstrotzende Stützen der Gesellschaft verwandeln, aber wer sich das Turnier in der Rückschau besieht, muss feststellen, dass dies ein Irrglaube war. Die Elf war auch deshalb so unberechenbar, weil das Gefüge von Anfang an instabil war – Lehmann strahlte zu wenig Lehmann aus, Metzelder war und blieb ein Sicherheitsrisiko, Frings konnte die Elf nach unrunder Saison weniger beschützen als sonst, Klose steckte der Rückrunden-Virus noch im Körper, und irgendwann war dann Mertesacker angesteckt oder auch Lahm, der es in Halbfinale und Finale mit einer ungewohnten Licht-und-Schatten-Mischung zum stellvertretenden Akteur dieser Elf brachte.“
SZ: Für Lehmann war es ein doppeltes Finale, denn sein 61. Länderspiel dürfte wohl auch sein letztes gewesen sein und damit steht Deutschland wieder eine Torwartdebatte ins Haus
Von wegen Volksnähe
Die Nationalmannschaft wird in Berlin von Zigtausenden in einer „Ceremony“ empfangen, und Daniel Meuren (faz.net) dreht der Veranstaltung seinen Hintern zu: „Der Hype ist kaum noch durch sportliche Leistungen begründet, sondern nur noch die Folge eines reflexhaften, von einer geschickten Marketing-Strategie gelenkten Verhaltens der schwarz-rot-geilen Partygesellschaft, die kaum mehr als fünf Nationalspieler beim Namen nennen kann. Es geht nur noch um das Event statt um Würdigung wirklicher sportlicher Ereignisse oder etwa das Anhimmeln von Vorbildern. Das ist alles schön und gut, untergräbt aber die seriöse Seite des Sports, der nicht nur den ewigen Jubel, sondern eben auch das Gefühl des Scheiterns vermitteln soll. Im Vordergrund, anbiedernd dargeboten von den eigentlich zur Distanz verdonnerten ‚Journalisten’ Johannes B. Kerner und Monica Lierhaus moderiert, nimmt derweil die Vereinnahmung der Fan-Kultur ihren Lauf. Der DFB-Ausrüster klaut den beliebten Fan-Slogan ‚So gehen die Deutschen’, mit denen die Fans seit geraumer Zeit ihre Spieler nach Siegen im Stadion zu feiern pflegen, aus den Boxen dröhnt der White-Stripes-Hit ‚Seven Nation Army’, die ehemalige Erkennungsmelodie der Ultrabewegung, die schon bei den Spielen als Einlaufmelodie missbraucht wurde. Natürlich darf der Wirtschaftszweig Fußball sich marktgerecht verkaufen, da es um sehr viel Geld geht, dass der DFB und seine Eliteauswahl Jahr für Jahr einspielen. Auch die Party vom Montag stellte die DFB-Sponsoren sicher wieder zufrieden, weil Bälle mit Unternehmens-Logos ins Publikum flogen und Autofirmen und Sportartikler im Fernsehen Präsenz zeigen konnten. Der Verband sollte unter diesen Umständen wenigstens darauf verzichten, penetrant auf seine Volksnähe zu verweisen.“
Tsp: Geklonte Träume – Kerner moderiert, Pocher singt, Podolski schüttet ihm Bier über den Kopf. Hunderttausende sehen auf der Berliner Fanmeile und an den Bildschirmen zu. Es soll so sein wie vor zwei Jahren. Aber etwas fehlt. Die Stimmung ist alles, nur eines nicht: ausgelassen
Montag, 30. Juni 2008
Deutsche Elf
Kämpfen ist zu wenig
Ernüchterung in der deutschen Presse ob der Chancenlosigkeit im Finale gegen Spanien / Michael Ballack wie die meisten anderen Spieler unter seinem Niveau; Christoph Metzelder zieht inzwischen nur noch Spott auf sich / Spanien sonnt sich in den Gratulationen der Fußball-Ästheten
Michael Horeni (FAZ) steckt der deutschen Mannschaft die Grenzen: „Diesmal scheiterte Deutschland nicht als todunglücklicher Verlierer wie vor zwei Jahren, sondern verdient als eine unterlegene Mannschaft, die nicht die spielerischen Mittel besaß, um eine wechselhafte Europameisterschaft am Ende doch noch zu krönen. Mit dem neuen und verdienten Europameister Spanien hat damit auch der attraktive, technisch reife und offensivmutige Fußball bei diesem Turnier gewonnen. Die Spanier als Nachfolger Griechenlands imponierten mit einer inspirierenden Gesamtleistung. Die Deutschen schafften es im Finale nicht, mit Willen und dem mächtigen Ruf der Turniermannschaft den Spaniern dauerhaft Furcht einzuflößen. Nachdem die Mannschaft und Joachim Löw schon während des Turniers einsehen mussten, dass sie spielerisch nicht wie erhofft und erwartet in der Lage waren, ihre Gegner zu beherrschen, liefen im Finale auch die deutschen Tugenden zu oft ins Leere. Der Unterschied, der sich in den drei Wochen zwischen spanischen Extrakönnern und deutschen Kämpfern aufgetan hatte – er wurde im Finale deutlicher sichtbar, als sich die Deutschen das vorgestellt hatten. Sie wehrten und stemmten sich zwar bis zur letzten Minute gegen die Niederlage. Aber ohne Esprit war ein guter und unermüdlicher Wille gegen eine exzellente Mannschaft doch zu wenig.“
allesaussersport stimmt ein: „Für Deutschland rundet der zweite Platz die Stagnation der Post-Klinsmann-Ära ab. Einige Komparsen wurden durchgewechselt, und die zweite Garnitur scheint besser und tiefer zu sein, als sie in der Ribbeck- oder Völler-Ära war. Das Grundgerüst ist aber das gleiche geblieben. Es spielte eine EM eher unter den Erwartungen, und das konnten die anderen Spieler nicht rausreißen. Die deutsche Mannschaft hat bei dieser EM interessanterweise ein Gesicht gezeigt, das an die Auftritte der deutschen Vereinsmannschaften erinnert. Manchmal ist da Brillanz zu sehen. Manchmal werden Spiele verschenkt, weil man nicht reinkommt. Aber immer wieder gibt es das gleiche Problem: Die Mannschaft hat nicht die Werkzeuge und die Spielintelligenz, die im Spiel sich stellenden Probleme zu lösen. Die zweite Halbzeit war unter diesem Aspekt ein Armutszeugnis. Kämpfen reicht nicht. Auch wenn man bedenkt, dass die Mannschaft zwar jung ist, aber international schon einige Spiele auf dem Buckel hat. (…) Wenn die deutsche Nationalmannschaft von der Bundesliga abhängt, ist der EM-Vizetitel das Maximum, was rauskommen kann.“
Aus dem letzten Loch gepfiffen
Andreas Burkert (SZ) fasst das deutsche Turnier zusammen und blickt voraus: „In punkto Effektivität waren die Deutschen diesmal fast unerreicht. Ihre Leistung ist deshalb anzuerkennen, obwohl einem bisweilen der Schädel dröhnte vom schwarz-rot-grellen Inferno, das nicht einmal vor einstigen Institutionen wie der Tagesschau haltmachte. Das 0:1 ist deshalb auch eine Chance für den angenehm temperierten Bundestrainer Löw, seine Ideale vom offensiven Spiel, von Laufbereitschaft und Leidenschaft weiterzuverfolgen. Ohnehin sei allen Romantikern damit gedroht, dass die lärmende Party womöglich demnächst weiter geht. Denn die Deutschen, das wird manchmal vergessen, stellen ein Perspektivprojekt, ihr Gerüst mit Podolski, Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker, Gomez und Nachrückern wie Adler, Helmes oder auch Marin ist blutjung.“
Jan Christian Müller macht im Blog-G, dem Blog der Frankfurter Rundschau, auf eine schwerwiegende Fehlentscheidung aufmerksam: „Das Finale war zwar einerseits eine einseitige Angelegenheit, was schon daran deutlich wird, dass die Unsrigen nur ein einziges Mal bei ihren lediglich vier Schussversuchen überhaupt in Richtung Tor geschossen haben. Das ist ein bisschen wenig und wird auch von den Spielern als zu wenig angesehen. Andrerseits gab es aber auch keinen Grund für den Schiedsrichter, kurz vor Schluss ein Foul gegen Schweinsteiger zu pfeifen. Gomez lag der Ball zu diesem Zeitpunkt einschussbereit auf dem Fuß. Verdient wäre der Ausgleich natürlich nicht gewesen – und ehrlich gesagt: Die deutsche Mannschaft pfiff aus dem letzten Loch, wäre in der Verlängerung wohl eher nicht gut gegangen, zumal mit Christoph Metzelder in der Abwehr. Schwer nachvollziehbar, warum Metzelder sechsmal 90 Minuten für Deutschland spielen durfte. Ich hätte ihn allerdings gerne in meiner Alten Herrenmannschaft der TSV Heusenstamm.“
FAZ: Ein ausführlicher Spielbericht
Metzelder, der Jogger
Zur Einzelkritik – über den deutschen Torhüter schreibt Müller (FR): „Jens Lehmann hätte die bessere Entscheidung getroffen, wenn er Torres vor dessen Schlenzer zum 1:0 nicht entgegengeeilt, sondern im Tor geblieben wäre. Philipp Lahm, der wie Lehmann und Metzelder beim spanischen Treffer nicht gut aussah, brach den Zweikampf mit Torres ab, offenbar, weil er glaubte, der Torwart sei vor dem spanischen Stürmer am Ball. Ein Irrglaube. Lehmanns Leistungen waren zu wechselhaft, als dass sich eine Fortführung der internationalen Karriere bis zur WM 2010 aufdrängen würde. Er wäre dann fast 41. Lehmann hinterließ nur gegen Portugal einen uneingeschränkt sicheren Eindruck.“
In der FAZ lesen wir: „Arne Friedrich, eines von vier schwachen Gliedern der Abwehrkette. Leichtsinnig im Spielaufbau, gewährte Xavi zuviel Freiraum. Große Probleme bei Laufduellen, einige Stellungsfehler. Per Mertesacker hatte seine liebe Mühe, um mit dem Tempo von Torres auch nur halbwegs Schritt halten zu können. Verlor am Boden öfter, als ihm lieb sein konnte, die Übersicht und in der Luft zog er bei allerhand Zweikämpfen den Kürzeren. Als Defensivchef verantwortlich für die Organisation der Abwehr – und da haperte es gewaltig. Christoph Metzelder: eine Leistung am persönlichen Limit – was nicht reichte, um die Angreifer nachhaltig auszubremsen. Torsten Frings: bei seinem Comeback von Beginn an aber mit großem Kämpferherzen unter dem Brustpanzer. Ging aggressiv zur Sache und linderte damit die Not in der Abwehr ein kleines bisschen. Doch der Intensität eines Endspiels war er nicht auf Dauer gewachsen. Spielte ihm sonst unbekannte Fehlpässe, stand und lief falsch. Bastian Schweinsteiger: Die Leichtigkeit seiner zurückliegenden Darbietungen und die Spielfreude waren ausgerechnet jetzt, da es wirklich darauf ankam, wie weggeblasen. Vor der Pause tauchte der Doppel-Torschütze völlig unter. Michael Ballack blieb wieder unter seinen Möglichkeiten. Marcell Jansen: fleißig und emsig, sein Schwung tat der Elf gut.“
In der SZ heißt es: „Wegen Friedrich war Deutschland weitgehend blind auf der rechten Flanke. Metzelder nutzte den Abend, um seine Spanisch-Kenntnisse aufzufrischen: Wurde ständig beim dirty talk mit Torres erwischt. Konnte ihm nach seinem Stellungsfehler vor dem 0:1 aber höchstens noch was hinterher rufen. Torres war viel zu schnell für ihn. In der Offensive traute sich Metzelder viel zu, meistens zu viel. Lahm mischte erneut Licht und Schatten: anfangs gutes Verständnis mit Vordermann Podolski, aber ein ganz schwaches Zweikampfverhalten vor dem Gegentor. Die Härte, die Ballack gegen sich selbst walten lässt, wurde auch den Spaniern zuteil. Beging einige gemeine englische Fouls. Als Organisator der Offensive und Faktor des Angriffs trat er nach gutem Beginn zunehmend in den Hintergrund. Eigentlich ein Fall fürs Krankenlager, aber weil er es immer wieder schaffte, sich selbst zu überwinden, brachte er immer wieder gute Szenen zustande. Miroslav Klose: unhöflich. Normalerweise packt man Geschenke doch gleich aus, wenn man sie kriegt! Klose aber schlug nach vier Minuten das Präsent von Sergio Ramos aus: Er nahm zwar dessen Fehlpass auf, aber statt zu schießen, legte er sich den Ball zu weit vor.“
Die FR ergänzt: „Metzelder, der Jogger. Wie gewohnt, weiß er genau, wo er stehen muss, um nicht ins Spiel einzugreifen. Friedrich versuchte, keine Fehler zu machen. Das ist ein bisschen wenig für ein EM-Finale. Spielte mehr quer und zurück als nach vorne. Schüchtern. Hitzlsperger kaum präsent, viele Fehlpässe, nicht ins Spiel eingebunden.“
Messlatten
Müller (FR) verteidigt seine kritische Haltung: „Im Ausland ernten sie für ihre Willensleistung mehr Respekt als in den heimischen Medien. Die ließen mehrheitlich die Messlatte dort liegen, wo der Bundestrainer sie vor dem Turnier hingehängt hatte. Vor dem Finale stellten Spieler und Verantwortliche dann ihre Einschätzung dagegen. Ihre Wahrnehmung ist eine andere: Sie haben es unter teils widrigen Umständen bis unter die beiden besten Mannschaften Europas geschafft und vermissen den entsprechenden Respekt dafür. Den werden sie auf der Fanmeile in Berlin aus allernächster Nähe erleben. Die deutschen Anhänger, vor allem die weiblichen und die jüngeren, die ihre enthemmten Feiern zur neuen deutschen Hochkultur entwickelt haben, gehen mit den Spielern jedenfalls nach dem Spiel pfleglicher um als der kritische Teil der Presse. Aber auch der dürfte anerkennen, dass die EM doch immerhin vom Ergebnis her ein eindrucksvoller Erfolg der deutschen Mannschaft war.“
Ruhm und Glanz
Ronald Reng (Berliner Zeitung) pflückt den Siegern Blumen: „Im Fußball, der so sehr für seine vermeintliche Unberechenbarkeit geliebt wird, gewinnt in Wahrheit meistens einfach der Beste. Die Spanier spielten Fußball mit ewigen Passkombinationen und permanenten Tempowechseln, schnell, langsam, schnell, und dann wieder langsam; anmutig. Ihr Stil erschien wie ein letzter Tribut an die Romantik und gleichzeitiger Gruß an die Moderne; er mischte die langsame Schönheit des brasilianischen Kombinationsfußballs der Achtziger mit der brachialen Schnelligkeit der Gegenwart. Das Finale war sicher nicht ihre beste Werbung, aber Endspiele haben nur einen Zweck: Sie müssen gewonnen werden. Spanien tat es mit einigen Farbtupfern des schönen Spiels. Diesmal allerdings übertünchte ein solider Grundton der taktischen Organisation die Anmut. (…) Früher, als die Sportsprache beim Militär in Anleihe ging, nannte man Pässe, wie ihn Xavi auf Torres schickte, tödlich. Man kann es auch anders ausdrücken: Xavis Pässe sind das blitzende Leben.“
Thomas Renggli (Neue Zürcher Zeitung) atmet auf: „Im Gegensatz zum Sensationssieg der Defensiv-Handwerker aus Griechenland vor vier Jahren, macht der neue Europameister auch Fußball-Ästheten wunschlos glücklich. Er verfügt über technische Klasse und Ballgefühl à discrétion und inszenierte ein überragendes Kombinationsspiel. Luis Aragones hat sich selber ein Denkmal gesetzt und sämtliche Kritiker eines Besseren belehrt. Denn als er es sich erlaubt hatte, nur zwei Spieler von Meister Real Madrid zu berücksichtigen und zugunsten des guten Teamgefüges den exzentrischen Star Raul zu Hause ließ, war das Lamento groß. Vor allen die Real-Getreuen machten die Faust im Sack. Das ist Schnee von vorgestern. Denn jetzt gehen die spanischen Fäuste gegen den Himmel – auch dank Aragones.“
El País schwelgt: „Es gibt viele Wege, die zum Ruhm führen, aber selten erreicht man den Klimax mit so vielen Verdiensten wie Spanien gestern. Der Ruhm gilt der Mannschaft, die besser gespielt und den feinsten Fußballstil gepflegt hat, den Weltmeister besiegt und mit Standhaftigkeit den Angriff Deutschlands überstanden hat. Spanien hat mit Größe und vielen Glanzmomenten vom Beginn bis zum Finale einstimmige Bewunderung geweckt.“
As stimmt glücklich ein: „Wir haben unser ganzes Leben lang an die Furie appelliert als einziges Argument für den Sieg und haben die ganze Zeit unsere beschränkten körperlichen Kapazitäten bedauert. Bis Luis Aragonés eine Gruppe von wunderbaren Kleinen gesammelt hat, die Spanien in die beste Mannschaft Europas verwandelt hat, dank ihres guten Fußballgeschmacks, ihrer feinen Ballbehandlung und ihrer Raffiniertheit. Die Komplexe sind besiegt. Die Mannschaft hat sich entschieden, den Fußball mit Freude zu erleben, indem sie den Ball streichelt und verwöhnt. Ballbehandlung als Angriffswaffe und als Verteidigungsstrategie. Es gibt keine bessere Verteidigung, als den Ball zu behalten.“
Die Deutschen holten ihre Traktoren heraus
Der Schlüssel des spanischen Erfolgs liege der Meinung César Luis Menottis (El Mundo) zufolge in dem kreativen Mittelfeld der Spanier und in der Verknüpfung mit Torres. „Sie lassen den Ball mit Talent und technisch versiert zirkulieren. Dadurch haben sie die deutsche Elf bloßgestellt, eine Mannschaft, der Talent und Phantasie fehlt, um eine Idee durchzusetzen. Die Fehler sind so zahlreich, dass wieder der Eindruck entsteht, dass die Mannschaft müde ist, ohne Seele und Geist. auftritt Der Triumph Spaniens kann viel mehr als den Europameisterschaftstitel bedeuten, nämlich die Bestätigung eines Stils, den Spanien brauchte und den man aus dem Erfolg leichter rechtfertigen kann.“
El Mundo befasst sich wenig schmeichelhaft mit den Deutschen: “Deutschland ist eine mächtige Nationalmannschaft. Schnell im Kontern, aber berechenbar und ohne Ideen. Eigentlich beschränken sie sich auf Flanken oder Freistöße. Sie gibt nicht mehr her. Die deutsche Mannschaft hat sich nur in der ersten Viertelstunde durchgesetzt, indem sie ihr einziges offensives Argument anwendete: Lahm, der Deutsche, der das Spiel von hinten aufbauen kann, suchte die Verlängerung durch die linke Seite, und Schweinsteiger oder Klose warteten auf der Lauer. Nach fünfzehn Minuten der zweiten Halbzeit riefen die Deutschen nach Gnade; sie ist ihnen erteilt worden. Das knappe Ergebnis passt nicht zu der Dominanz der Spanier. Die Deutschen holten ihre Traktoren heraus, lauerten im Hinterhalt mit dem Schutz eines ängstlichen Schiedsrichters, Antithese der Gerechtigkeit.“
Über die Leistung Ballacks heißt es: „Das Einzige, was er anstrebte, war Treten oder die Knöchel der ‚Denker’ von Luis Aragonés zu bearbeiten.“
Spanische Presse bearbeitet von José Fernandez-Perez
Sonntag, 29. Juni 2008
EM 2008
Nicht mehr Stier, sondern Stierkämpfer
Marca betont die Gegensätze der Finalisten: „Spanien hat Europa verzaubert und eine Symphonie geschenkt. Es gibt mehrere Wege, ins Finale einzuziehen, Deutschland verkörpert die Maxime, dass das Ergebnis zählt und wir haben aufs Spektakel gesetzt. Mal sehen, welcher Ansatz siegen wird.“
César Luis Menotti predigt in seiner Kolumne in El Mundo: „Es besteht die Vision, ein großes Spiel zu sehen, wenn die Spieler mit Respekt spielen. Respekt dem Ball, dem Wettkampf und dem Publikum gegenüber. Wenn er solche Werte würdigt, wird der Fußball nie wegen einer Niederlage beleidigt sein.“ Den Wandel der Spanier beschreibt er so: „Früher verkörperten sie die Furie. Heute zeigen sie den Mut des Stierkämpfers und nicht des Stiers.“ Den Deutschen gibt Menotti den Rat, sich ihrer Stärken zu erinnern: „Frischt Euer Fußballgedächtnis auf!“
As schickt ein leicht vergiftetes Lob hinterher: „Das Geheimnis Deutschlands ist seine Intelligenz. Deutsche Spieler wenden ihre Klugheit im Dienste des Kollektivs an, sie reagieren mit gesundem Menschenverstand auf die Probleme und Wendungen des Spiels, um ihre zahlreichen Mängel zu kaschieren.“
Synthese
Der Spanien-Korrespondent Paul Ingendaay (FAZ) schildert die neue Homogenität Spaniens: „Ein Markenprodukt musste her, und Luis Aragonés wagte tatsächlich etwas Neues: Er entmachtete das fußballerische Ancien Régime, drängte den alternden Leitwolf Raúl aus dem Team und vertraute die Führung einer Horde mittelalter bis junger Akteure an. Manche von ihnen haben eine schwache Saison hinter sich, Xavi und Iniesta bei Barcelona, Silva und Villa beim FC Valencia. Keiner von Aragonés‘ Männern ist, für sich genommen, ein Star, mit Ausnahme von Torres und Fàbregas, die beide in der Premier League spielen. Ausgerechnet diese beiden konnten den Stil der Nationalmannschaft bisher kaum prägen, weil das britische Steilpassspiel die Antithese des spanischen Ticki-tacka ist. Erst in der brillanten zweiten Halbzeit gegen Russland gelang die Synthese der beiden Systeme, und es zeichnet sich ab, dass der einundzwanzigjährige Cesc Fàbregas mit seiner überragenden Spielauffassung der künftige Lenker des spanischen Teams sein wird. Und dieser Gegner wäre wirklich zu fürchten.“
FAZ: Die spanische Elf in Kurzportraits
Spanische Presse bearbeitet von José Fernandez-Perez
Geht Pacco Fabregas auch heute durchs Feuer?
Samstag, 28. Juni 2008
EM 2008
Entwurf von Perfektion
Die Spanier verzücken die Beobachter – auf und neben dem Platz / Russland und Arschawin laufen ins Leere
Stilvoll in jeder Hinsicht – Ronald Reng (Berliner Zeitung) schwärmt von Spanien: „Mehr als jedes andere Nationalteam hat Spanien die klassischen Schönheiten des Fußballs, wie den anmutigen Pass, bewahrt und mit den modernen Anforderungen an Tempo und Taktik vereint. Sie machen die Klagen lächerlich, heute gebe es keine Spielmacher, keine Typen, keine Straßenfußballer mehr. Diese Elf beweist, dass es heute etwas viel Besseres gibt: Kinder aus den Fußball-Akademien wie Xavi, Cesc Fabregas oder David Villa, die technisch und strategisch mindestens auf dem Niveau all dieser Straßenfußballer sind und die ohne den Egoismus und das Ätzende der Maradonas, Effenbergs, Bernd Schusters auskommen. Sie sind ein Beweis: Sieger können wohl erzogen, unkompliziert sein; liebenswert. (…) Die zweite Halbzeit gegen Russland, als sie nicht aufhörten zu kombinieren und anzugreifen, war Spaniens Entwurf von Perfektion. Sie haben dem Fußball etwas Neues geschenkt: den Kombinationskonter. Selbst wenn sie schnell kontern, wie beim Tor zum 2:0, bauen sie noch ein paar Kombinationen mit Stoppen und Passen ein. Die Lehre des Fußball sagt, das gehe nicht: langsam zu kontern. Sie können es. Sie verbinden das Beste aus allen Welten. Sie haben zum Beispiel die beste Defensive der EM durch Offensivspiel.“
Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) bemerkt alte und neue Stärken: „Manchmal gehen sie immer noch verschwenderisch mit ihren Pässen um, wenn der Ball wie ferngelenkt einen von Fuß nach dem anderen ansteuert. Es ist ein Präzisionsspiel, das niemand an der Euro 08 so konstant und schön beherrscht wie die Spanier. Aber all die Selbstverliebtheit aus früheren Jahrzehnten ist aus ihrem Spiel verschwunden. Und mit ihr auch die Erfolglosigkeit, die die Iberer an großen Turnieren seit dem letzten EM-Final 1984 so treu begleitet hat. Fußballspielen konnten sie schon immer. Aber an diesem Turnier machen sie mehr als das. Denn diese Spanier können auch anders. Sie haben gelernt, Siege zu erzwingen wie gegen Schweden, sie haben die Hinhaltetaktik der Italiener bis zur Selbstverleugnung ausgehalten und hässlich taktiert, wie es eigentlich nur erfolgsgewohnte Mannschaften können. Sie rennen manchmal weniger als andere; es wurde vor dem Halbfinal errechnet, dass die Spanier in den vier vorherigen Spielen insgesamt 100 Kilometer weniger weit gelaufen waren als die Russen. Auch die Deutschen werden ihnen physisch überlegen sein. Aber immer haben die Spanier das Spannungsmoment hochgehalten und vielleicht auch deshalb als einzige Mannschaft des Turniers alle bisherigen Spiele gewonnen. Sie waren die einzigen, die sich ohne echte Sinnkrisen durch das Turnier spielten, ausgerechnet sie, die dafür so anfällig schienen, ausgerechnet Spanien, das immer die schlechte Karikatur einer so genannten Turniermannschaft gewesen war.“
Von sich überzeugt
Roland Zorn (FAZ) blickt auf Äußeres und Inneres: „45 Minuten lang hielt das Team von Trainer Guus Hiddink die Partie offen, dann wurde es entzaubert und vom spanischen Kombinationsverwirrspiel überrollt. Fußball de Luxe bot Aragonés‘ Team in dieser denkwürdigen zweiten Halbzeit. Perfekter Konterfußball, ein perlendes Zusammenspiel kreativer Freigeister und dazu eine kunstvolle Zielstrebigkeit in den entscheidenden Momenten, die auch auf diesem Spitzenniveau Seltenheitswert hat. Spanien hatte ein Meisterstück schon vor dem Endspiel abgeliefert – und vielleicht ist das die Chance für die unberechenbaren Deutschen. Tatsächlich sind die jahrelang bei den großen Turnieren früh gescheiterten Iberer vollkommen von sich und ihren Siegerfähigkeiten überzeugt. Da ist kein Platz mehr für Gedanken an eine mögliche Niederlage. Das alte Verliererimage interessiert diese neue spanische Fußball-Generation nicht mehr. Seit nunmehr 21 Spielen ist die Mannschaft ungeschlagen.“
Vorschnell verliehener Lorbeer welkt rasch
Christian Eichler (FAZ) wendet sich ab von den gebremsten Russen: „Wer hätte das ahnen können? Dass ausgerechnet Russland einmal die Energie ausgeht. Die laufstärkste Mannschaft des Turniers hatte auf einmal schwere Beine und dünne Stimmen bekommen. Das zuvor so wunderbar verflochtene Pass- und Laufspiel war nach spätestens einer knappen in Einzelteile zerfallen. Am auffälligsten isoliert, ja am einsamsten wirkte der Mann, der nach seiner Schau gegen die Holländer noch als der ‚Magier’ dieser EM gefeiert worden war. Andrej Arschawin verfing sich ziellos im Netzwerk der spanischen Laufmuster und Tempo-Kombinationen. (…) Vielleicht war zu viel Eigensinn ins Spiel der zuvor kollektiv überzeugenden Russen gekommen. Wo sie bislang das selbstlose Spiel so weit getrieben, ja übertrieben hatten, dass sie den Ball mit immer noch einem Abspiel bis über die Linie zu kombinieren versuchten, suchten sie nun oft den eigensinnigen, verfrühten Abschluss. War es die Absicht, sich persönlich ins Schaufenster zu stellen, nachdem man plötzlich im Mittelpunkt des europäischen Interesses stand? Oder waren es einfach die Scheuklappen, die gerade junge Mannschaften oft bekommen, wenn ihnen ausgebuffte, clevere Gegner die gewohnten Wege verstellen?“
Frank Hellmann (FR) ergänzt: „Die spanische Kombinationsgabe ist noch effektiver als das russische Verwirrspiel, das Spielanalytiker wegen seiner komplexen Vernetzung als Pentagon-System titulieren. Doch die Verdrahtung in der Offensive gelingt nur, wenn als zentrale Figuren Roman Pawljutschenko und Andrej Arschawin im Spiel sind – beiden Überfliegern wurden aber alle versorgenden Verbindungen gekappt und kräftig die Flügel gestutzt. Vor allem der als vermeintlicher Superstar gefeierte Arschawin demonstrierte, dass vorschnell verliehener Lorbeer rasch welkt. Der mit einem Wechsel zum FC Barcelona kokettierende hatte im Spiel jeglichen Spaß verloren – und fand diesen erst bei Champagner und Wodka in der Feiernacht wieder. Der Freigeist hat sich auf dem Platz nicht gegen den drohenden Untergang gewehrt.“
BLZ: Russlands Mannschaft wertet die gewonnene Anerkennung als ihren größten Erfolg bei der EM
Deutsche Elf
Die Mannschaft und ihr Trainer haben ihre Möglichkeiten erweitert
Vor dem Spiel gegen Spanien: Den Finaleinzug wertet die Presse als großen Erfolg Joachim Löws und seiner Spieler, auch wenn deren Leistungen durchwachsen sind / Leichte Außenseiterrolle / Bayern profitiert von der Nationalmannschaft – nicht umgekehrt
Michael Horeni (FAZ) betont vor dem Finale im Leitartikel auf Seite 1 die schwierige Ausgangslage, die Joachim Löw und Jürgen Klinsmann vor vier Jahren vorgefunden haben: „Dass es die Mannschaft wieder einmal bis zum großen Ziel geschafft hat, wird jenseits der Grenzen als kontinuierliche Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs wahrgenommen. Deutschland im Finale – das ist ein Fußball-Naturgesetz. Die deutsche Innensicht auf den Fußball ist eine andere. Sie ist weniger selbstsicher, und sie kreist seit vier Jahren im Kern um die Frage, welche Antwort der deutsche Fußball auf die Globalisierung findet. Jürgen Klinsmann startete nach der letzten missglückten Europameisterschaft 2004 ein packendes Reformprojekt, das Deutschland ein Sommermärchen und ungeahnte Aufbruchstimmung bescherte. Sein Helfer Löw führte als Bundestrainer die Arbeit auf seine Weise fort. Dies ist unter anderem deshalb so bemerkenswert, weil ihr in weiten Teilen die Grundlage fehlt. Der Nationalmannschaft ist es zwar beim zweiten Turnier nacheinander gelungen, beste Ergebnisse zu erzielen. Für die deutschen Vereine im Europapokal heißt es dagegen schon seit Jahren spätestens im Viertelfinale: Endstation. So gibt es in Deutschland nun schon im vierten Jahr einen Fußball der zwei Geschwindigkeiten: den der erfolgreichen, reformorientierten Nationalmannschaft und den der international abgehängten und sich selbst genügenden Bundesliga. Die Champions League ist der Spielplatz des globalisierten Klubfußballs. Die Deutschen sind dort nicht zu Hause.“
Über den Verdienst Löws und dessen Lernfortschritte während der EM schreibt er anerkennend: „Da der Bundestrainer nicht wie ein Klub-Manager einkaufen kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Mannschaft mit anderen Methoden zu stärken. Löw setzt wie schon sein Vorgänger auf systematische Arbeit, auf Taktik, auf Schnelligkeit, auf Psychologie, auf Fitnessfachleute. Das alles ist nicht neu, wohl aber die Konsequenz, mit der es betrieben wird. Der Bundestrainer verbindet mit der Fußball-Ingenieurskunst den Anspruch, den Zufall im Fußball zu minimieren und die Spieler zu optimieren, um am Ende anspruchsvollen, modernen und konkurrenzfähigen Fußball zu produzieren. Löw hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er damit auch stilbildend im deutschen Fußball wirken will. Die Mannschaft und ihr Trainer haben sich bei diesem Turnier verändert. Die Paradoxien, die in der Nationalelf seitdem Platz gefunden haben, erweitern ihre Möglichkeiten: Planungsstärke und Spontaneität, taktisches Kalkül und Emotion – und nicht zuletzt Mut. Eine Garantie für den Sieg ist das nicht. Aber ein schöner Gewinn.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) sieht die Mannschaft in einer Übergangsphase: „Bei den Deutschen mag das komisch klingen, aber sie folgen einer Linie: Ihre physische Präsenz hat es ihnen sogar erlaubt, gegen die Türkei auf dem Platz ungewollt ein Chaos anzurichten, aus dem nur sie selbst einen Ausweg fanden. Das Spiel war grottig, aber die Tore waren klar, geradlinig und deshalb schön anzusehen: Selbst das 2:1, begünstigt durch einen Torwartfehler, hatte durch den hohen Luftstand des Kopfballspielers Klose eine besondere athletische Note. Dieser Kontrast – schlechtes Spiel, schöne Tore – macht diese deutsche Elf so gefährlich. Sie hat noch keine neue Identität, sie hat sich noch nicht komplett herausgeschält aus der bitteren Ära des Rumpelfußballs. Aber sie hat aus der Euphorie der WM 2006 heraus eine Haltung entwickelt. Einerseits beruft sie sich auf die deutschen Tugenden, andererseits ist sie nicht uneitel, sie will auch etwas bieten, sie will der Welt gefallen. Siege sollen auch, aber nicht nur ihren Nutzwert haben. In diesem Bemühen kommt sie bisweilen durcheinander. Dann rettet sie wie aus dem Nichts eine messerscharfe Kombination (Podolski auf Schweinsteiger), ein zentimetergenauer Doppelpass (Hitzlsperger auf Lahm), oder Ballack per Freistoß und Kopfball. Soll man ihr das vorwerfen? Mitnichten. Die Deutschen boten Lösungen an, andere hatten nur ein Konzept.“
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) wägt die Chancen gegen Spanien: „Vielleicht setzt Löw auch darauf, dass die Lektion, die die Türken den Deutschen in Sachen Kurzpassspiel während einer Halbzeit im Semifinal erteilten, eine heilsame Wirkung auf seinen Mittelfeldverbund ausübt. Dass die Umstellung in der zweiten Halbzeit gelang und kaum noch Chancen der zuvor so agilen Türken zugelassen wurden, dürfte insgeheim zuversichtlicher stimmen als ein müheloser Sieg über die personell schwer angeschlagene Mannschaft. Löws Equipe hat die Fähigkeit bewiesen, Probleme während eines Matches auch spielerisch zu lösen. Das große Plus dieses Teams liegt vorderhand in der Effizienz, in der Verwertung gar nicht einmal so großer Möglichkeiten, worin die Deutschen den Spaniern mindestens ebenbürtig sind.“
Umkehrung: Kapitaloptimierung durch die Nationalelf
Christof Kneer (SZ) ruft den Verantwortlichen Bayern Münchens entgegen: „Der torgefährliche Außenflitzer Schweinsteiger hat nichts gemein mit jenem verhinderten Künstler, der beim FC Bayern immer zum falschen Zeitpunkt die falschen Kringel dreht. Der torgefährliche Außenflitzer Podolski hat nichts gemein mit jenem verhinderten Draufgänger, der beim FC Bayern meist auf der Bank herumsitzt und sonst als zentraler Stürmer genau das nicht kann, was Luca Toni kann. Und Miroslav Klose ist bei dieser EM zwar noch nicht der Klose, der er schon mal war – aber er ist definitiv auch nicht jener Klose, der sich bei Bayern hinter dem Rücken von Toni wegduckt. Auch Philipp Lahm, der als weitgehend krisenresistent gilt, spielt wieder auf einem Niveau, das für die internationale Spitze taugt und nicht vergleichbar ist mit dem Niveau jenes Philipp Lahm, der sich unauffällig durch die Bundesliga-Saison gehangelt hat. Es gehört in Deutschland zur Turnierfolklore, dass die DFB-Elf immer nur dann gut sein kann, wenn auch der FC Bayern gut ist. Die WM-Siegerelf von 1974 war um sechs Bayern-Profis herum erbaut (Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß, Müller), und auch 1990 zählten sechs Münchner zum Kader (u.a. Augenthaler, Kohler, Reuter), plus die bayernsozialisierten Matthäus und Brehme. In München leben sie gerne und gut mit dem Selbstverständnis, viel für den deutschen Fußball getan zu haben – nun aber, da die EM 2008 ihr Finale erreicht, lässt sich bilanzieren, dass dieses Turnier die Verhältnisse erstmals umdreht. Es sind die Bayern, die dank dieses Turniers eine unglaubliche Kapitaloptimierung erfahren haben – die DFB-Turniertore wurden fast nur von Bayern-Profis erzielt (Podolski 3, Schweinsteiger/Klose je 2, Lahm 1, sowie der bayernsozialisierte Ballack 2), aber diesmal wird eben niemand behaupten können, dass die Bayern-Spieler das Mir-san-mir einfach ins Nationalteam hinübergerettet hätten. Das Gegenteil ist der Fall – im Nationalteam finden die Münchner Sorgenkinder jene Identität und jenen Schwung, den sie für ihr Spiel brauchen.“
FAZ-Portrait Löw
FAZ: Die deutschen Spieler im Formcheck
SZ-Interview mit Metzelder: „Wir sind Außenseiter“
Freitag, 27. Juni 2008
EM 2008
Das Finale hat einen klaren Favoriten
Von der Ästhetik der Spanier beeindruckt, von der Lethargie der Russen enttäuscht, blickt die Presse nun gebannt auf das Endspiel / Arschwawin, wo warst Du?
Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) bestaunt die geschlossene Schönheit der spanischen Elf: „Die Iberer legten das russische Laufspiel lahm. Und die Russen akzeptierten es, einfach so. Keine andere Mittelfeldreihe versteht es, mit so viel taktischer Ruhe und gleichzeitig so schön und klug miteinander zu spielen, wie es diese Spanier können. Dass sich die Iberer so gut miteinander verstehen, ist nicht selbstverständlich. Früher, da waren die Clans im spanischen Nationalteam oft zerstritten, die Katalanen, die Basken, die Kastilier, die Galicier und andere, die sich alle nicht richtig mochten. Nur die Klubs zählten. Und man sagte deshalb, die politische Uneinigkeit des Landes spiegle sich auch in der Nationalmannschaft. Deshalb schweigen die spanischen Spieler auch, wenn die Hymne erklingt, weil sich die Regionen auf keinen Text haben einigen können. Zuletzt wurde ein Vorschlag von Schriftstellern verworfen. Aber mit dem Sieg gegen Russland haben die spanischen Fußballer zum elften Mal in Serie gewonnen. Und nun betonen sie alle die neue Einheit, die den Finaleinzug erst ermöglicht habe, selbst wenn nicht alle in der Heimat gleichermaßen begeistert sind. Als Spanien spielte, war die TV-Quote im Baskenland immer zwanzig Prozent unter der von Madrid. (…) Die spanischen Fußballer scheinen die inneren Grenzen aufgegeben zu haben.“
Markus Völker (tageszeitung) erläutert, warum von Russland so wenig zu sehen gewesen ist: „Gegen die Passgenauigkeit und das Feingefühl der Spanier hatte die russische Elf nichts auszurichten. Sie hatte sich im Turnierverlauf müde gespielt, in den bisherigen Partien zu viel investiert. Die Initiation des russischen Verbandes in den Kreis der europäischen Elite muss verschoben werden, weil sie verschwenderisch mit ihren konditionellen Reserven umgegangen sind. Die Initiation der Spanier liegt schon Jahrzehnte zurück. Doch im Jahre 2008 steht die Beglaubigung spanischer Klasse an.“
Wie eine Koronar-Sportgruppe
Die SZ ergänzt: „Russlands Auswahl tuckerte übers Feld wie ein Rennmotor, dem versehentlich Diesel eingespeist wurde. Arschawins Mitwirken ging nach wie vor allein aus dem Spielmeldebogen hervor, und generell hat es kaum ein Nationalteam gegeben, das derart leidenschaftslos im Halbfinale eines großen Turniers agierte. Hatte vor Tagen erst Hollands Bondscoach die unglaubliche Regenerationsfähigkeit dieser Russen bewundert und als Schandmal für die Seinen bezeichnet, was für Wirbel in der Fußballwelt gesorgt hatte, so wirkten Hiddinks Jungs jetzt wie eine Koronar-Sportgruppe.“ Mit Blick auf Sonntag heißt es: „Unter fußballtechnischen Gesichtspunkten hat dieses Finale einen klaren Favoriten.“
Er hat auch schlechte Tage
Jürgen Schmieder (SZ) korrigiert die Aktie des russischen Stars: „Gegen die Spanier hatte Arschawin ein Vorstellungsspiel, er führte es wie seine Interviews. Er stand gelangweilt da, es schien ihn nicht besonders zu interessieren, was um ihn herum passierte, er sprach mit seinen Mitspielern und gestikulierte ein bisschen – und plötzlich ging es unfasslich schnell. Nach wenigen Spielminuten bekam er den Ball, schon vor dem Kontakt schlug er einen Haken, dann noch einmal zwei, was bei seinem Gegenspieler David Silva für eine erhebliche Störung des Gleichgewichts sorgte. Plötzlich fand sich Arschawin vor dem Strafraum wieder. Sein Schuss wurde zwar geblockt, doch zu diesem frühen Zeitpunkt des Duells hatte es noch den Anschein, als sollte er seinen beiden glänzenden Auftritten bei diesem Turnier gegen die leicht favorisierten Spanier einen weiteren folgen lassen wollte. Nach dem Führungstreffer der Spanier war jedoch nicht nur Arschawins spielerische Qualität gefordert, sondern vor allem seine Fähigkeit, diese junge russische Mannschaft zu führen. Die spanischen Spieler jubelten noch an der Eckfahne – da stand Arschawin schon beim Anstoßpunkt und rief seine Mannschaft nach vorne. Nur, es funktionierte nicht. Seine Kollegen warteten wohl weniger auf martialische Gesten, sondern vielmehr auf ein Dribbling in höchstem Tempo, einen schönen Pass oder einen gefährlichen Schlenzer aufs Tor. Davon war diesmal nichts zu sehen. Er zeigte, dass er tatsächlich auch schlechte Tage hat.“
Auf einiges gefasst machen
Roland Zorn (FAZ) reibt sich die Hände: „Am Sonntag geht es um den großen Preis dieses aufsehenerregend guten Turniers, bei dem immer wieder andere Teams geglänzt haben. In der Vorrunde die Niederländer, die dann von den zauberhaften Russen nach Hause geschickt wurden. Am Donnerstag trumpften die Spanier auf, die Russland angstfrei, offen und in der zweiten Hälfte auch spielerisch deutlich überlegen begegneten. In dieser Form sind die Profis aus der Primera División und der Premier League auch gegen die Deutschen Favorit. Doch das muss, wie die Erfahrung dieser EM lehrt, nichts heißen. Die deutsche Nationalmannschaft muss sich also auf einiges gefasst machen – doch in der Rolle des Außenseiters hat sie sich ja schon gegen Portugal äußerst wohl gefühlt.“
Die Angst des Schiedsrichters vorm Elfmeter
Auf Spreeblick liest man: „Wie zu erwarten verhielten sich Spanier und Russen zunächst wie Stachelschweine im Darkroom. Der Ball lief, aber die Tendenz ging dahin, ihm nicht hinterher zu laufen.“ Und noch ein paar Zeilen Ärger: „Es gab die zigste Aufführung des Schauspiels für einen Mann mit Pfeife (wie es in der Regieanweisung heißt): Die Angst des Schiedsrichters vorm Elfmeter. Ob nun Torres die Hand an der Kehle hat oder Lahm die Hüfte gebrochen wird, ob wiederum Lahm das Trikot seines Gegenspielers in Fetzen nach Hause trägt; gepfiffen wird nur an und ab. Niemals zum Elfmeter. Man will sich ja nicht in den Mittelpunkt stellen.“
FAZ: 16 Länder, 16 Trainer – wer bleibt, wer geht?
Deutsche Elf
Wundertüte Deutschland
Aus den unberechenbaren Leistungen der Löw-Elf werden die Journalisten nicht schlau, daher sind sie mit Prognosen für das Finale vorsichtig / Philipp Lahm fehlerhafter Matchwinner; löchrige Innenverteidigung / Die Türkei und Fatih Terim hinterlassen Spuren in der EM-Geschichte
Philipp Selldorf (SZ) beschreibt die Wechselhaftigkeit eines Finalteilnehmers: „Das deutsche Team hat eine verwirrende Vielfalt seiner Fähigkeiten und Unfähigkeiten vorgeführt. Im Halbfinale gab es den Höhepunkt: eine Collage aus guten und schlechten Momenten, Gelingen und Versagen, strukturellen Mängeln und Stärken, die wild durch den Mixer geschüttelt und über die 93 Minuten Spielzeit geworfen wurde. In Basel wurde der deutsche Mythos demonstrativ belebt: durch die Effizienz, aus wenig viel zu machen; durch den störrischen Willen, sich zu behaupten, obwohl alles schiefläuft; und vor allem durch die Tatsache, am Ende doch zu gewinnen. Das klingt nach einer zynischen Pointe wie aus den Zeiten des hässlichen grünen Auswärtstrikots, als die ganze Welt die deutschen Finalteilnahmen bei den Weltcups 1982 und 86 beklagte. Die jetzige Elf leugnet diesen Teil ihres Stammbaums nicht, aber sie hat sich eine eigene Identität geschaffen. Ihr historisches Bezugsjahr ist 2006.“
Auch Michael Horeni (FAZ) stöhnt über die Launen der DFB-Elf: „Die deutsche Mannschaft kann alles. Sie ist meisterhaft effizient. Sie kombiniert rasend schnell und präzise. Ihre Verteidigung legt die besten Stürmer der Welt an die Kette. Sie hat einen Torwart, der Souveränität ausstrahlt, und einen Kapitän im Mittelfeld, um den sie von der Fußballwelt beneidet wird. Die Mannschaft zeigt eine phantastische Einstellung und Dynamik von der ersten Minute an. Das Team wird von einem emotionalen Trainer geführt, der erstklassige taktische Lösungen findet und bei Einwechslungen ein goldenes Händchen besitzt. Mit all diesen Qualitäten kommt man ins Finale – und gewinnt es. Das Problem ist nur, dass die deutsche Mannschaft ihre Qualitäten nie auf einmal zeigt. Aus dem Sommermärchenfußball ist ein Wundertütenfußball geworden, der das Land zwar vollkommen beglückt, aber Voraussagen über die Qualität und Richtung der Auftritte des Teams bisher ziemlich unmöglich gemacht hat. Denn es gibt auch noch eine andere deutsche Mannschaft. Dieses Team geht spannungsarm und nervös in ein Spiel. Diese Mannschaft hat eine Abwehr, die zu langsam reagiert, sich immer wieder in Gefahr bringen lässt und von ihrem Torwart umgerannt wird. Sie hat ein löchriges Mittelfeld und einen Angriff mit verzagenden Torjägern. Diese Mannschaft wird von einem Trainer technokratisch gecoacht, der mit Auswechslungen danebenliegt. Der große Vorteil ist nur, dass die deutsche Mannschaft auch ihre Schwächen nie auf einmal gezeigt hat.“
Die Deutschen haben die Bustür geschlossen
Jan Christian Müller (FR) wagt keine Prognose: „Deutschland wurde von der Türkei zuweilen vorgeführt. Nur dreimal bugsierten deutsche Spieler den Ball aufs türkische Tor, dreimal lag der Ball danach im Netz: Der türkische Torwart Rüstü bekam null Bälle zu halten. Null! Das ist Ausdruck einer bemerkenswerten Effizienz, auch ein Zeichen von mentaler Kraft und Mut, nach dem Ausgleich kurz vor Schluss postwendend den Siegtreffer zu erzielen. Wenn die Türken ein Spiel auch erst verloren geben, wenn sie in den Bus steigen, so sind es am Ende doch wieder die Deutschen gewesen, die die Bustür geschlossen haben. Spielwitz und kompromisslosen Offensivfußball hatte Joachim Löw am Reißbrett entworfen. Das vorläufige Ziel wurde nun mit ganz anderen Mitteln erreicht. Mit einem guten Spiel (Polen), einem sehr guten Spiel (Portugal) und drei schwache Vorstellungen (Kroatien, Österreich, Türkei). Vermutlich präsentiert die Wundertüte Deutschland im Endspiel ein Feuerwerk der Fußballkunst.“
Hässliches Haupt
Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) stellt Rückschritte und kleine Forschritte fest: „Erschreckend war nicht der Formabsturz einzelner Spieler, wenige Tage nach der Galavorstellung gegen Portugal. Entsetzen löste das Déjà-vu-Erlebnis aus, das die Betrachter erlitten. Auf dem Rasen erhob der alte deutsche Rumpelfußball, den man seit Jürgen Klinsmann und spätestens seit Joachim Löw überwunden geglaubt hatte, wieder sein hässliches Haupt. Er zeigte sich ja nicht zum ersten Mal bei dieser Europameisterschaft. Man hat es sich vor dieser EM nicht vorstellen können – aber die deutsche Nationalelf ist wieder da angekommen, wo sie vor vier Jahren bei der EM in Portugal aufgehört hat. Nur diesmal mit mehr Erfolg.“
Tiefstes Kroatien
Andreas Rüttenauer (taz) hält fest: „Der Bundestrainer wird wohl wissen, dass bei all der Freude über den großen sportlichen Erfolg genau das in den Hintergrund treten wird, worüber er selbst in der Zeit vor der EM so gerne gesprochen hat: das schöne, schnelle Spiel nach vorne. Die Deutschen gewinnen wieder, weil sie Deutsche sind. War es wirklich das, woran Löw zwei Jahre gearbeitet hat?“
Christoph Biermann (Spiegel Online) geht ins Detail: „Das Spiel (gegen die Türkei) zeigte, dass taktische Systeme eine wichtige Sache sein mögen, aber nicht allein entscheiden. Löw hatte sich erwartungsgemäß für das gegen Portugal so erfolgreiche 4-2-3-1-System entschieden und schickte auch dieselben Spieler auf den Platz. Sein Team spielte trotzdem tiefstes Kroatien. Wie bei der Vorrundenniederlage gegen Kroatien kickte es über weite Strecken ohne Tempo, ohne Druck, ohne Konzentration. Und vor allem eben ohne Zusammenhang. Das deutsche Team zeigte von Beginn an einen kruden Mix aus Angeschalteten und Ausgeschalteten, wobei das zwischen verschiedenen Spielern bunt hin- und herwechselte. Da haute der eine rein, aber der nächste ließ den Ball verspringen. Da eröffnete der erste das Pressing, der zweite stieg mit ein, aber der dritte und vierte Spieler schon nicht mehr. Ein Spiel bekommt man so nicht zustande.“
Ohne intakte Innenverteidigung ins Finale
Claudio Catuogno (SZ) schaut mit Sorgenfalten auf die deutsche Abwehr: „Das hatten auch die Turnierpropheten nicht erwartet: dass in der deutschen M&M-Abwehr nun Per Mertesacker zu wackeln beginnt. Christoph Metzelder hatte man das ja ohnehin zugestanden. Der Langzeitverletzte sollte die Vorrunde nutzen wie Roger Federer die erste Turnierwoche in Wimbledon: um sich einzuspielen. Doch nun, da das Finale ansteht, ist man sich nicht sicher, wer im deutschen Defensivverbund eigentlich wen stabilisiert, und wer wen destabilisiert. Im Grunde ist es fast ein Wunder, das Finale ohne intakte Innenverteidigung erreicht zu haben. Doch Weltklassestürmer sind Metzelder und Mertesacker – dem Losglück sei Dank – bisher ja auch keine begegnet. Der gefürchtete Cristiano Ronaldo hatte vor allem die Außenverteidiger Lahm und Friedrich beschäftigt, den Rest erledigte das Verstopfungskommando Rolfes/Hitzlsperger. In Polen und Österreich sind keine solchen Stürmer bekannt. Dafür schaffte es schon der kroatische Allerweltsangreifer Ivica Olic, das M&M-Duo zu überlisten. So dürften die DFB-Kicker im Endspiel erstmals mit überragenden Zentralangreifern in Berührung kommen.“
Als wäre er Lukas Podolski
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) nimmt einen Teil fürs Ganze: „Lahm hat die verrückteste Leistung seiner Laufbahn gezeigt. Er hat ein Spiel geboten, das absolut Lahm-untypisch gewesen ist. Er, der sonst so wendige, gedankenschnelle, zuverlässige Perfektionist, wurde in der Abwehr von den Türken Kazim Kazim und Sabri Sarioglu vorgeführt, als wäre er ein ungelenker Zwei-Meter-Mann. Er spielte, als wäre er Lukas Podolski: hinten grauenhaft, vorn grandios. Die Leistung Lahms ist das beste Beispiel für die irrationalen Leistungen der deutschen Mannschaft bei dieser EM. Die Spieler entziehen sich jeder Analyse. Sie agieren unberechenbar. Was sie machen, ist galoppierender Wahnsinn. Sie haben es mittlerweile selbst aufgegeben, ihre Schwankungen zu verstehen. Sie haben in den zwei K.o.-Spielen ein Torverhältnis von 6:4 erzielt, sie entwickeln sich zu den großen Unterhaltungskünstlern der EM. Sie sind sympathisch verletzlich – und Lichtjahre von der Panzerhaftigkeit entfernt, die deutschen Erfolgsmannschaften in Turnieren gern zugeschrieben wird.“
Horeni fügt hinzu: „Lahm und sein Team haben bei diesem Turnier eigentlich fast nie gemacht, was man erwartete und was sie auch von sich selbst erwarteten. Sie waren nachlässig, als man Sicherheit erwartete – gegen Kroatien. Sie quälten sich durch, als sie sich spielerisch befreien wollten – gegen Österreich. Sie glänzten, als sie Außenseiter waren – gegen Portugal. Und sie schlugen doch noch zurück, als der Gegner die Partie wie immer zu drehen schien – gegen die Türkei. Mal sehen, was sich diese deutsche Überraschungsmannschaft nun fürs Finale einfallen lässt.“
Das Halbfinale entschieden
Christof Kneer (SZ) stellt Zögling Thomas Hitzlsperger ein gutes Zeugnis aus: „Wegen all seiner Fleißarbeiten ist Hitzlsperger zuletzt ausführlich besungen worden, aber man wird diesem Fußballer nicht gerecht, wenn man ihn nur auf seinen Lernwillen reduziert. Wer zu oft wegen seines Eifers gelobt wird, läuft Gefahr, dass man ihn irgendwann für einen Schüler hält, der früher immer eine Drei minus nach Hause gebracht hat und der es dank Nachhilfelehrer jetzt bis zur Drei plus geschafft hat – ein Bild, das Hitzlspergers wahrer Begabung keineswegs entspricht. Vielleicht hat es ein Spiel wie jenes gegen die Türkei gebraucht, um auf großer Bühne vorzuführen, das dieser Schüler nicht nur lernen, sondern auch exzellent Fußball spielen kann. Er hat alle drei deutschen Tore vorbereitet, zweimal mit dem vorletzten, einmal mit dem letzten Pass. Dreimal hat er den Ball so tafelfertig serviert, dass die Empfänger einfach nur das Tempo des Balles mitnehmen mussten (wie Podolski vor dem 1:1); oder sie konnten eine exakte Flanke daraus basteln (wie Lahm vor dem 2:1); oder sie konnten genüsslich in jene Gasse einbiegen, die der Pass erst aufgerissen hatte (wie Lahm beim 3:2). Thomas Hitzlsperger hat dieses Halbfinale entschieden, er und kein anderer, und wenn er nicht aufpasst, muss er sich bald doch noch auf einen Durchbruch gefasst machen. Plötzliche Karriere-Durchbrüche sind ihm ja zutiefst suspekt, er will nicht schlagartig auf einem Niveau ankommen, mit dem er noch gar nicht gerechnet hat. Er will sein Niveau Schritt für Schritt, Lektion für Lektion anheben, nur dann traut er diesem Niveau auch.“
Wahre Größe
Joachim Löw wird in der FAZ zur Frings-Frage zitiert: „Torsten Frings hat seine Aufgabe im defensiven Mittelfeld wie immer gemacht: sehr gut. Mit seinem Rippenbruch durfte man nicht spaßen. Es war schwierig vorherzusagen, ob er die komplette Spielzeit durchstehen würde, deswegen blieb er erst einmal auf der Bank. Natürlich war er darüber nicht begeistert. Aber er klopfte am Mittwoch, als ich meine Entscheidung der Mannschaft bekanntgegeben hatte, an meine Tür und sagte: ‚Trainer, ich hätte an Ihrer Stelle genauso entschieden.’ Er sah sich selbst noch nicht bei hundert Prozent seiner Leistungsfähigkeit und sagte deswegen, dass er lieber mithelfen werde, wenn ich ihn einwechseln würde. Das war charakterlich eine unglaublich starke Reaktion. Damit zeigte Frings seine wahre Größe. Er ist ein echter Führungsspieler.“
Faszinierend
Tobias Schächter (SZ) verbeugt sich vor den Türken: „Die türkische Nationalmannschaft hat ein Fußballspiel verloren, ein wichtiges, ein EM-Halbfinale gegen Deutschland. Doch die Spieler und ihr Trainer haben nach diesem turbulenten 2:3 bewiesen, dass auch türkische Fußballmannschaften ehrenvoll verlieren können. Noch im Stadion, als die deutschen Spieler in der Kurve mit den deutschen Fans den Finaleinzug feierten, schritt Fatih Terim die Schar der deutschen Offiziellen ab und gratulierte jedem einzelnen mit Handschlag – und so, als wollte er sie und ganz Deutschland am liebsten umarmen. Die Mannschaft der Türkei hat die sportlichen Erwartungen übertroffen. Doch es ist ihr mit ihrem Auftreten während des Turniers und ganz besonders nach der Niederlage gegen Deutschland auch gelungen, sich mit dem Weltfußball zu versöhnen.“
Christian Eichler (FAZ) rückt das Turnierfazit/Türkei zurecht: „Die Türken, Europas großes Fußballrätsel. Nach ihren drei Comebacks in den Schlussminuten wurden sie in den schlüssigen Interpretationen, nach denen der Erfolg verlangt, so zufällig er manchmal im Fußball auch ist, mal als taktikfreie Vertreter des ‚Chaos-Prinzips’ klassifiziert, mal als Großmeister der Flexibilität überhöht, mal als sympathische Zufalls-Europameister in spe romantisiert wie die Urlaubs-Dänen von 1992. Man bewunderte ihr Aufbäumen, mit dem sie drei Rückstände in Siege umwandelten – und sah zugleich, wie viele Geschenke sie dafür nötig hatten: von den Schweizer Stürmern, vom tschechischen Torwart, vom kroatischen Trainer. Und am Ende durch die Deutschen beinahe das größte Geschenk: sie auf ihr Herz zu reduzieren und ihr Spiel zu unterschätzen. Nie hatten die Türken eine anständige erste Halbzeit gespielt, und dann das: eine Demonstration überlegener Spielkunst. (…) Terims Kader war durch Verletzungen und Sperren so geschrumpft, dass ihm der beste Torjäger, der Kapitän, der beste Mittelfeldspieler, der Jungstar, die komplette Innnenverteidigung und der erste Torwart fehlten. Es war, als hätte Deutschland ohne Klose, Ballack, Frings, Podolski, Mertesacker, Metzelder und Lehmann gespielt. Kein Klagen jedoch, im Gegenteil: Wer Terim erlebte, gewann den Eindruck, dass der ‚Imperator’ vom Bosporus solche Widernisse als Lustgewinn, als Reizsteigerung seiner Arbeit betrachtete. Er machte damit erstklassig Werbung für sich selbst. Unter den Trainern dieser EM ist Terim derjenige, der seinen Marktwert am meisten steigern konnte. (…) Das, was die Türken vom Finale trennte, passte kaum zwischen den Daumen und den Zeigefinger von Fatih Terim.“
Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) schreibt: „Die Türkei, deren Leistungsfähigkeit schwer einzuschätzen war, hat fasziniert. Der Mut wird in Erinnerung bleiben, die Aufholjagden, die technische Versiertheit. Und, natürlich, das tobende, das zuckersüße, das pathetische Chamäleon Fatih Terim.“
The greatest game we never saw
Auf allesaussersport lese ich: „Wenn man das Spiel bewerten will, so liegt der Schlüssel vielleicht bei Lahm, und man kann sich vielleicht die Meinung von Jürgen Klopp aneignen: Es steckt viel Kraft in jemanden wie Philipp Lahm, wenn dieser mehrmals im Spiel entscheidende Fehler fabriziert, aber dann noch die Eier hat, in der 90. Minute so nach vorne zu ziehen.“
Weiter heißt es: „Es bleibt ein merkwürdiges Spiel. Das war kein kompletter Kollaps wie im Kroatien-Spiel, aber ein Spiel, bei dem aus deutscher Sicht fassungslos viel schiefging. Gut, schlechte Innenverteidigung, das ist mit hohem Druck zu erklären… wenn sich das zentrale Mittelfeld hinten reinschieben und als dritte Instanz auch Ballack sich reindrücken lässt. Das ist der Dominoeffekt, bei dem keiner in der Lage ist, gegenzuhalten. Was ich aber nicht verstehe, ist die plötzliche Schlechtigkeit von Phillip Lahm und die immensen technischen Probleme selbst bei einfachsten Pässen der vier in der Abwehr. Prototypisch Mertesacker, der unbedrängt keinen Pass über zwei Meter hat anbringen können. Betonung liegt auf dem Wort: unbedrängt. Mertesacker ist nun ein Kämpe mit einigen Europapokalspielen auf dem Buckel, der also Druck kennen müsste und aushalten müsste. Er ist ein intelligenter Spieler, der sich auch anpassen können müsste. Aber er hat es nicht gebacken bekommen. Ich verstehe es nicht.“
Über sein Fernseherlebnis klagt dogfood: „Frage der Katrin Hohen-Müler-Stahl-Dingenskirchen zu Angela Merkel: ‚Hatten Sie einen spannenden Fußballabend?’. Ich kann mich nie vom Fernseher losreißen, wenn ich die TV-Profis am Werk sehe. Bei den Bildausfällen rächt sich die Politik der Uefa, die diversen Audio-Streams nach Geo-Locating nur für bestimmte Länder zuzulassen. Zahlreiche Länder ohne Kommentatoren vor Ort, wie z.B. ESPN, hatten während des Bildausfalls null Informationen über das Spiel, abgesehen von irgendwelchen Tickern.“
Die New York Times spöttelt: „The greatest game we never saw.” Die Times aus London kritzelt: „Es brauchte etwas Besonderes, um die Türken zu eliminieren, wie bei einem Monster im Comic: einen Stich ins Herz, eine Silberkugel, einen furchtlosen Helden. Die Deutschen haben so einen Mann gefunden: Philipp Lahm.“
Donnerstag, 26. Juni 2008
EM 2008
Wo das Öl fließt, fließt das Geld
Über die Politisierung der russischen Elf durch Politik und Gesellschaft / Fällt der Name Russland, fällt das Wort Doping, noch leise, aber lauter werdend / Luis Aragonés, stur, uneitel, kauzig sowie erfolgreich und gerecht
Ronny Blaschke (FR) ist die Vereinnahmung der russischen Mannschaft durch die Politik ein Dorn im Auge: „Kaum ein Land instrumentalisiert seine Sportler so sehr wie Russland. Mit Hilfe von Athleten und Mannschaften kann sich das Riesenreich im Ausland als aufstrebende, offene Nation präsentieren und im Inland als beneidenswerte, weltweit anerkannte Supermacht. (…) Mit viel Energie wollte Putin die EM 2008 nach Russland holen, den Inspektoren der Uefa stellte er Flugzeug und Schiff zur Verfügung, in Moskau ließ er eine Technologie zur Auflösung von Wolken vorführen. Vergeblich. Bei der Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2014 hatte er mehr Erfolg. Mit der schlechtesten Bewerbung erhielt der Badeort Sotschi den Zuschlag. Schon jetzt ist abzusehen, dass die Kosten weitaus höher liegen werden als veranschlagt. Egal, Russland will die EM 2016 oder die WM 2018. Und die Chancen sind so schlecht nicht. Putin hat mit den milliardenschweren Oligarchen im Rücken ein sportpolitisches Netzwerk aufgebaut, das Geben und Nehmen beinhaltet. Die Russen brüsten sich mit dem Aufschwung ihres Fußballs. Hooligans, leere Stadien, Manipulationen, Doping oder fehlende Rentabilität erwähnen sie kaum. Derzeit ist es die Nationalmannschaft, die ihr Land in Europa vertritt. Laut Putin sind es nicht nur die Sportler, die Triumphe möglich machen, es ist immer die ganze Nation. Bis zur nächsten Niederlage.“
Die Neue Zürcher Zeitung befasst sich mit dem gleichen Thema: „Die Suche nach der ‚Idee’, die das Land zu Einheit, Stolz und Selbstbewusstsein führt und seine Substanz ausmacht, trieb Generationen von Intellektuellen seit dem 19. Jahrhundert um. Die Demontage und Selbstdiskreditierung des kommunistischen Wertesystems verlangten in Anbetracht der tief greifenden Umwälzungen und des Verlusts an Größe und Ansehen mit dem Ende der Sowjetunion nach einer neuen ‚Idee’. Trotz absurdem Wettbewerb um die beste ‚russische Idee’ gab es keine Antwort auf die Frage, die insofern auch falsch gestellt war, als das Zarenreich, die Sowjetunion und auch die Russische Föderation nie ‚Nation’ waren, sondern ‚Imperium’. Es gehört zum Geschichtsbild Wladimir Putins und seiner Mitstreiter, den Gegensatz zu schärfen zwischen dem erniedrigten, zum Spielball westlicher Staaten gewordenen und dem Zerfall nahe stehenden Russland der neunziger Jahre und jenem Russland, das während der vergangenen acht Jahre zu neuer Blüte, Selbstbewusstsein und Einheit gekommen ist. Die jüngsten, in verblüffender Kadenz erreichten sportlichen Erfolge – der Sieg von Zenit St. Petersburg im Uefa-Cup, der Weltmeistertitel im Eishockey, die ‚Sbornaja’ an der Fußball-EM – sind Wasser auf diese Mühlen. (…) Von Zufall ist nicht mehr die Rede, weil Sport, Politik und Wirtschaft eine enge Partnerschaft eingegangen sind.“
Christian Eichler (FAZ) hingegen konzentriert sich aufs Sportliche: „Russland erwacht – eine uralte Schreckensversion des Westens. Nun wird sie vielleicht auf einem Feld wahr, das zum Glück niemandem Furcht einflößen muss. Der Rohstoffreichtum des Landes landet über Staatskonzerne wie Gasprom oder die Privatinvestitionen von Milliardären wie Roman Abramowitsch (der dem russischen Verband Hiddinks Gehalt von angeblich 2,5 Millionen Euro subventioniert) in der russischen Liga. Etwa bei Spartak Moskau, im Besitz von Leonid Fedun, Großaktionär des staatsnahen Ölkonzerns Lukoil. Oder bei Zenit St. Petersburg, das von seinem Eigentümer Gasprom vor der Saison 27 Millionen Euro für Verstärkungen erhielt. Davon leistete sich der Klub den bisher teuersten Transfer des Landes: Er holte den Ukrainer Anatoli Timoschtschuk für 15 Millionen Euro, wovon die Hälfte über Gaslieferungen verrechnet worden sein soll. Man gewann Meistertitel und Uefa-Pokal. Wo das Öl fließt, fließt das Geld, deshalb bleiben die talentierten Fußballrussen gern zu Hause.“
FR: Unerhörte Laufleistungen bei der EM rufen Sportmediziner und Dopingexperten auf den Plan
BLZ: Der niederländische Fitnesstrainer Raymond Verheijen hat die russischen Nationalspieler schnell und ausdauernd gemacht
BLZ: Juri Schirkow ist scheu und schüchtern, aber bisher der auffälligste Spieler bei dieser EM
Alles sauber?
Thomas Kistner (SZ) erneuert seinen Anfangsverdacht in Sachen Doping: „Es ist klar, dass in einem Hochgeschwindigkeitssport mit so multipler Muskel- und Sauerstoffbelastung der größte Ballkünstler einpacken kann, wenn er nicht die erforderliche Athletik hat. Wie diese erreicht wird in der Trainingsarbeit, ist das eine – auffällig aber in jedem Fall, wenn plötzlich Nobodys aufkreuzen, die mal eben die Elite kräftemäßig überrollen. Das ist unüblich, in der Spitzenathletik samt zugehöriger Wissenschaft wird um winzige Energievorteile gerungen. Wenn also wieder ein Team des Guus Hiddink exorbitante Brennwerte vorführt, darf schon mal gefragt werden, warum pfiffige Verbände nicht all ihren sündteuren Kompetenzteams abschwören und sich den fliegenden Holländer einfangen. Wer es schafft, Australier, Südkoreaner und die lange zweitklassigen Russen im Sprinttempo auf die Weltbühne zu hieven – was vermag der erst mit taktisch reiferen Franzosen, Italienern oder Deutschen anzustellen?“
Die NZZ ergänzt: „Wie dürfen uns nichts vormachen: In einem Sport, in dem so viel Geld auf dem Spiel steht, in dem die Topcracks über sechzig Ernstkämpfe pro Saison absolvieren, kann gar nicht immer alles sauber ablaufen. Und weshalb sollten ‚Doping-Fachärzte’ wie der Italiener Ferrari oder der Spanier Fuentes ausgerechnet auf die betuchte Kundschaft aus der Fußball-Branche verzichten?“
Der Kader ist Aragonés wichtiger als der Einzelne
Ronald Reng (Berliner Zeitung) betont das uneitle Auftreten des spanischen Nationaltrainers: „Luis Aragonés hat es in seinen vier Jahren als spanischer Nationaltrainer dem Publikum leicht gemacht, ihn zu verkennen. Zu oft erscheint er als alter Exzentriker. Bei der WM 2006 etwa warf er den Begrüßungsblumenstrauß in den nächsten Papierkorb, weil man einem Mann doch keine Blumen schenkt. Doch Spanien steht im Halbfinale. Nun kann es niemand mehr übersehen: Luis Aragonés hat eine Elf erschaffen. Er hat Spanien Kurzpassfußball verschrieben, als die Mode sagte, mit langen Pass-Staffetten könne man heute nicht mehr spielen. Er hat dazu das Mittelfeld bis zum Exzess mit lauter technisch feinen Spielern wie Xavi oder David Silva bestückt, als der Zeitgeist schrie, mit so kleinen, körperlich schwachen Spielern gewinne man nichts. Es ist sein Spanien. Es gibt nicht mehr als vier, fünf Nationalteams auf der Welt, deren Spiel ein Trainer derart perfektioniert hat. Er arbeitet nach modernstem Stand und ist doch in einer anderen Zeit leben geblieben, irgendwo in den Sechzigern, als Fußball nur auf dem Fußballplatz stattfand. Es ist noch immer das einzige, was ihn, bis zur Besessenheit, interessiert: nicht das Drumherum, nur das Spiel. (…) So eine Elf, so gut, so anders als alle anderen, konnte nur ein Kauz erschaffen.“
Roland Zorn (FAZ) streicht die sture Gerechtigkeit Aragonés’ heraus: „Tiqui-Taca, aber zügig! Die Ballzirkulation über mehrere Stationen im hohen Tempo sollen Xavi, Andres Iniesta, sein Vereinskollege vom FC Barcelona, David Silva vom FC Valencia und, als Sicherung hintendran, Senna vom FC Villarreal vorantreiben. Das Mittelfeld ist das Herzstück und die Seele des filigranen, aber auch störanfälligen spanischen Spiels. Könnte Fußball mit mehr als elf Mann gespielt werden, Aragones hätte vermutlich auch noch seinen Superjoker Cesc Fabregas (FC Arsenal), Xabi Alonso (FC Liverpool) oder Santi Cazorla (Villarreal) nominiert. Sie alle verstehen es meisterhaft, ihre Spielkunst in eine Gesamtaufführung zu integrieren, bei der den Gegenspielern schon mal schwindlig wird. Dass es Aragones fertiggebracht hat, den Neidfaktor in diesem hochklassig besetzten Mannschaftsteil auf ein erträgliches Maß herabzustufen, ist vielleicht seine eigentliche Leistung. Denn jeder dieser besten spanischen Mittelfeldgrößen ist, von Santi Cazorla vielleicht abgesehen, ein internationaler Star. Im Nationalteam aber gilt die Referenzgröße 23, also der Grundsatz, dass der Kader wichtiger als der Einzelne sei.“
Mutige Entscheidung
Reng (FR) betrachtet die Nichtnominierung Raúls als großes Plus: „Der Fußball verzehrt sich nach solchen Debatten: Kahn oder Lehmann? Netzer mit Overath? Raúl, ja oder nein? Wenn die Protagonisten längst abgetreten sind, wird sich das Publikum noch über diese Fußballfragen eines Jahrzehnts erhitzen. Dies macht den derzeitigen Waffenstillstand in der Raúl-Debatte so außergewöhnlich. Selbst die skrupellosesten Raúl-Lobbyisten der Madrider Presse können im Angesicht der EM nichts mehr sagen. Die mutigste Entscheidung von Luis Aragonés war auch eine seiner besten. Raúls Rauswurf war eine sportliche und menschliche Befreiung der Mannschaft.“
NZZ-Portrait David Villa
Deutsche Elf
Meister bezwingt Lehrjunge
Spielerisch, technisch und taktisch unterlegen – doch das fehlerhafte Deutschland erkämpft sich von den Türken in der letzten Minute den Sieger-Nimbus zurück / Die Türkei erfährt von allen Seiten größten Respekt / Deutsche Abwehr schwach; Philipp Lahm mit ungewohnt vielen Fehlern, aber dem herrlichen Siegtor; von Michael Ballack nicht viel zu sehen; Lukas Podolski hop und top / Die ZDF-Sendestörung im Fernsehen verursacht eine andere, gemilderte Rezeption
Michael Horeni (FAZ) macht sich auf die Suche nach der Ursache für den deutschen Sieg: „Die körperliche Präsenz, die Dynamik und Entschlossenheit, mit der das Team von Joachim Löw den Favoriten Portugal überrascht und verunsichert hatte – all das war gegen die Außenseiter aus der Türkei von Beginn nicht mehr so da, wie es nötig gewesen wäre. Die Rollen waren, und das wurde schnell klar, ganz einfach vertauscht. Die Türken waren von unbändiger Energie getrieben, sie ließen die Deutschen kommen und nutzten dann jede Unkonzentriertheit und Fehlerhaftigkeit zu schnellen Angriffen. Von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein war zunächst einmal nur etwas in der Mannschaft Fatih Terims zu sehen, die beherzt die Chance ergriff, sich den größten Gewinn in der türkischen Fußball-Geschichte zu sichern. Die Deutschen indes wirkten in ihrem nervösen und fahrigen Spielaufbau lange wie eine Mannschaft, die glaubte, mehr verlieren als gewinnen zu können. Lahm krönte einen deutsch-türkischen Fußballabend, an dem sich am Ende die typisch deutsche Tugenden durchsetzen, die im entscheidenden Augenblick dann doch mit den Deutschen und nicht mit dem türkischen Double waren.“
Christian Gödecke (Spiegel Online) wird und wird nicht schlau aus Löws Team: „Eine Mannschaft, die im Verlaufe dieses Turniers gestolpert ist, als man es nicht erwartete (gegen Kroatien). Die kämpferisch überzeugte, als man einen spielerischen Befreiungsschlag erhoffte (gegen Österreich). Die glänzte, als alle ein Kampfspiel befürchteten (gegen Portugal). Die sich nun so schwer tat, als alles für einen deutlichen Erfolg sprach. Und die dann doch noch zum 3:2 traf, als es keiner mehr für möglich hielt. Diese DFB-Elf hat in diesem Turnier nie getan, was man von ihr erwartet hat. Nur gewonnen hat sie am Ende meistens. Und so verblasst das Wie hinter dem Ergebnis, zum ersten Mal seit 1996 wieder das Endspiel einer EM erreicht zu haben.“
Psychologie im Vordergrund
Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) fühlt sich prächtig unterhalten und findet Makel beim Gewinner: „Und wieder kam das Publikum im St.-Jakob-Park in den Genuss eines packenden K.-o.-Spiels. Der Halbfinal zwischen Deutschland und der Türkei war vor allem in der Schlussphase an dramatischen Momenten und unerwarteten Wenden fast nicht zu überbieten. Weil das späte Glück diesmal nicht den tapferen Türken, sondern den über weite Strecken enttäuschenden Deutschen lachte, stehen diese im Final. Für neutrale Beobachter entwickelte sich ein attraktives Wechselbad, das über das dürftige Rendement des deutschen Teams hinwegtäuscht. Der spätere Sieger bekundete vorerst erhebliche Mühe. Er fand sich in der Favoritenrolle nicht zurecht und musste den überraschend gut organisierten Türken besonders in der ersten Halbzeit mehr Spielanteile und Torchancen zugestehen. Er wirkte verunsichert und kam auch nicht in einen ruhigeren Zustand, als Schweinsteiger nach dem Pass seines Copains Podolski elegant zum 1:1 ausglich. (…) Einmal mehr rückte die Psychologie in den Vordergrund.“
Äußerst unangenehme Ausgangslage
L‘Équipe aus Frankreich stimmt ein, zeigt aber Verständnis: „Deutschland hat enttäuscht. Es ist ein Rätsel, wie diese Mannschaft die guten und die schlechten Vorstellungen vereint. Diesmal konnten die Spieler von Joachim Löw sich nur mit den Mitteln der Vergangenheit behelfen, soll heißen: mit ‚dem Deutschen’, ohne jedwede Ästhetik. Man hatte viel von der Mannschaft erwartet, doch sie bot nur eine weitere erschöpfte Vorstellung – allen voran Kapitän Michael Ballack. Er wirkte schwerfällig im Vergleich mit den Türken. Er war kurzatmig, obwohl er gegen Portugal noch stark gespielt hatte. Man kann den enttäuschenden Start der Partie mit dieser physischen Schwäche der Deutschen erklären, aber das Mentale hat sicherlich auch eine große Rolle gespielt. Sie waren Favoriten gegen eine wundersame türkische Mannschaft, die nichts zu verlieren hatte. Und so blieben sie lange Zeit gehemmt in einem Spiel, das sie auf jeden Fall gewinnen mussten, und in dem ihnen keiner eine Niederlage verziehen hätte. Es war eine äußerst unangenehme Ausgangslage.“
Nie endender Mut
Le Monde bekundet beiden Seiten großen Respekt: „Die Niederlage kann die Türken nur sehr traurig stimmen. Ein weiteres Mal haben sich die Männer von Fatih Terim einen Namen im Fußball gemacht, indem sie ihn zu dem zurückführten, was er wirklich ist: ein Spiel, das in jedem Moment in der Lage ist, sich zu drehen; eine Zusammenballung von Emotionen. Aber gegen einen Gegner der genauso fähig war, im richtigen Moment die Leidenschaft zu entzünden, mussten sich die Türken in den erschöpfenden Schlussminuten beugen. (…) Schon im Sterben liegend qualifizierte sich Deutschland nicht unverdient für das Finale, indem es seine Stärke, auf schwierige Situationen zu reagieren, und seine Offensivkraft unter Beweis gestellt hat. Aber diese Partie vermindert dennoch nicht den großartigen Eindruck, den die Türkei hinterlässt, deren nie endender Mut als Erinnerung an diese Europameisterschaft bleiben wird.“
Mit Bravour
Stephan Ramming (Neue Zürcher Zeitung) stimmt ein: „Die Türken waren spielfreudig, abgeklärt, den favorisierten Deutschen phasenweise gar überlegen. Das erstaunte, weil die Vorzeichen auf ein ganz anderes Spiel hätten schließen lassen. Vom letzten Aufgebot war die Rede, davon war nichts zu spüren, man sah ein gut eingespieltes, diszipliniertes Team, das sich Chance um Chance erarbeitete und attraktiven Fußball zeigte – nichts deutete jedenfalls darauf hin, dass diese Mannschaft mit Siegen in letzter Sekunde und einigem Wettkampfglück in den Halbfinal vorgestoßen ist. Was war geschehen? Man weiß es nicht.“
Nico Stankewitz (stern.de) fügt hinzu: „Wenn man nicht zufällig Deutscher wäre, man müsste Fan dieser Mannschaft sein. Wie die türkischen Reservisten aufopferungsvoll kämpften, aber angeführt von dem überragenden Hamit Altintop auch spielerisch auftrumpften, das zeugte von Qualität und Charakter. Die Türkei hat sich trotz der Niederlage viel Respekt verdient – allein schon für die Art, wie das Team mit dieser beispiellosen Zahl von ausgefallenen Stammspielern umgegangen ist. Fatih Terims Elf wirkte perfekt eingestellt und vorbereitet, setzte die deutsche Abwehr früh unter Druck und war – auch mit der Maßnahme Ballack in Manndeckung zu nehmen – hervorragend auf das veränderte deutsche System mit nur einem Stürmer eingestellt. Die Türkei verabschiedet sich mit Bravour aus dem Turnier, die Turniermannschaft Deutschland steht im Finale – nach der Leistung im Halbfinale wohl wieder als Außenseiter.“
Der Live-Blog der BBC fasst das Spiel in einer wunderbaren Sentenz zusammen: „Wenn es ein Team gibt, das mehr als die Türkei darüber weiß, wie man Spiele in der letzten Minute gewinnt, dann ist es Deutschland. Meister gegen Lehrjunge.“
(via allesaussersport)
Lahm war typisch für das deutsche Spiel
Zur Einzelkritik – Christian Eichler (FAZ) bewertet Podolski zweischneidig: „Podolski bleibt in jedem Fall der unterhaltsamste Spieler dieser EM auf deutscher Seite. Unterhaltsam, das gilt im Angriff wie in der Abwehr. Denn in beiden Rollen, die er auf seiner neuen Position im linken Mittelfeld ausüben muss, ist er immer für Torgefahr gut. In der Defensivbewegung schläfrig und ohne Blick dafür, welchen Gegenspieler er nehmen muss und wen sein Partner Lahm nimmt – in der Offensivbewegung aber explosiv und hellwach wie ein Raubtier.“
Im Tagesspiegel heißt es: „Der größte Skandal der Fußballgeschichte: Eines der Ballkinder hatte Lahm vor dem Spiel in der Kabine eingesperrt, sein Trikot angezogen und sich aufs Feld geschmuggelt. Anders lässt sich der Auftritt der deutschen Nummer 16 in der ersten Halbzeit nicht erklären.“ Spiegel Online ergänzt: „Lahm war typisch für das deutsche Spiel. Unerwartet schlecht, aber im wichtigsten Moment da. Ballack gelang nichts. Hätte er nicht in der ersten Hälfte Metzelder und Mertesacker zusammengestaucht, man würde sich wohl wundern, dass sein Name auf dem Spielberichtsbogen auftauchte.“
Gedanklich schon bei der Pokalübergabe in Wien?
In der SZ lesen wir: „Friedrich hatte mit dem Linksverteidiger Hakan mehr Probleme als vorige Woche mit dem galaktischen Linksaußen Cristiano Ronaldo. Wurde im Spiel nach vorne mehrmals bei seiner Lieblingsbewegung erwischt: preschte energisch vor, guckt energisch, stellt dann energisch den Fuß auf den Ball und spielt energisch zurück. Lahm: immer wieder gute Aktionen, machte dennoch einen ungewohnt gestressten Eindruck und verlor spektakulär häufig Zweikämpfe. Sensationell sein Siegtreffer in letzter Minute. Mertesacker wirkte mitunter so, als wäre er nicht nur 196 Zentimeter lang, sondern auch 196 Kilogramm schwer. Schlampige Abspiele. Bei näherer Betrachtung seines Mienenspiels musste man an einen Studenten denken, der an der Examensaufgabe leidet. Empfahl sich in seinem 48. Länderspiel zum ersten Mal für eine Auswechslung. Hitzlsperger leitete mit einem jener Pässe, die Klinsmann ‚vertikal’ getauft hat, den Ausgleich ein. War auch sonst mit vielen direkten Pässen der schnelle Umschalter von Abwehr auf Angriff, den Löw sich wünscht. Von Angriff auf Abwehr ging das Umschalten nicht immer ganz so schnell. Der kreativste, produktivste und konstanteste unter den Mittelfeldspielern. Ballack fand wegen der vielen Abwehrbeine keine Schleichwege und musste sich obendrein ständig im defensiven Mittelfeld aufhalten. Fand keinen Zugriff aufs Spiel. Was ihm gegen die Portugiesen geglückt war – und das war fast alles –, das misslang ihm nun gegen die Türken. Frings war als Kämpfer und Zerstörer gefragt – und deshalb auch eine sehr wertvolle Ergänzung.“
Die Berliner Zeitung fügt an: „Metzelder wankte durch den Strafraum wie eine Warnboje auf hoher See. Seine Orientierungslosigkeit übertrug sich auf die ganze Abwehr. Die Lücken in der Defensive waren größer als die Sahara und Sibirien zusammen. Lahm zeigte ungewohnte Unsicherheiten. Steigerte sich in der zweiten Hälfte mit Vorstößen, hätte einen Elfmeter für und gegen sich bekommen müssen. Mit Lehmann schwach vor dem 2:2. Machte alles durch sein Tor wett. Ballack schien gedanklich schon bei der Pokalübergabe in Wien zu sein – oder zumindest am Pastabuffet nach dem Spiel. Schoss einen Freistoß lustlos in die Mauer. Klose fand lange überhaupt nicht ins Spiel, erhielt kaum Anspiele. Nicht wiederzuerkennen gegenüber früheren Leistungen. So grau wie das Kostüm von Kanzlerin Merkel. Doch auf seine Kopfballstärke ist eben Verlass, auch wenn ihm Rüstü beim 2:1 höflich den Vortritt ließ.“
Die richtigen Stilmittel?
Ingo Durstewitz (FR) beäugt den rabiaten Ton des Kapitäns: „Ballack, der Spiritus Rector, sah sich gerade im ersten Abschnitt mehr als Einpeitscher, ja als Spielertrainer. Nach 13 Minuten, nachdem Kazim Kazim die Latte getroffen hatte, riss ihm erstmals der Geduldsfaden, da stauchte er sehr vernehmlich Per Mertesacker und Christoph Metzelder zusammen. Eine Minute später dirigierte er Bastian Schweinsteiger, und als die Türken dann die Führung erzielt hatten, gab es für Ballack kein Halten mehr: Er herrschte Lukas Podolski und vor allem Schweinsteiger an, die Adern am Hals traten hervor, Ballack schlug sich mit der Faust in die flache Hand. Sie sollten sich, forderte er zu Recht, doch bitte schön, ein bisschen mehr bewegen und nicht wie angewurzelt an der Außenlinie kleben bleiben. Man hätte fast Angst bekommen können vor dem sonst so adretten und wohl erzogenen Beau aus Görlitz. Und dann? Dann flankte Podolski und Schweinsteiger spitzelte den Ball geschickt ins Netz zum Ausgleich. Und Ballack? Kein Jubel, keine Freude, stattdessen ein sehr, sehr ernstes Einzelgespräch mit Simon Rolfes. Muss ja auch mal sein. Der Mittelfeldmann, daran gibt es nichts zu deuteln, füllte seine Rolle als leitender Angestellter auf dem Platz sehr wohl und sehr präsent aus, aber ob seine Stilmittel der Motivation die richtigen sind? Darüber lässt sich streiten.“
NZZ: Ballack, Rolfes, Frings – das zentrale Mittelfeld der Deutschen hakt
Geschenk mit bekanntem Inhalt
Daniel Meuren (faz.net) fühlt sich ein wenig um Stimmung beraubt: „Nachdem das ZDF wegen des Sendeausfalls notgedrungen auf das Fernsehsignal des Schweizer Fernsehens umschalten musste, schaffte Belá Rethys Stimme den Weg in die deutschen Fanmeilen und Fernsehhaushalte um gut drei Sekunden schneller als das dazugehörige Bild. Solche drei Sekunden können sehr lang sein. Rethy wirkte deshalb zunächst einmal wie ein Mann mit prophetischen Gaben, der Abspiele deutscher Spieler schon im Voraus erahnen kann. Als Rethy dann aber Kloses Vollstreckerqualitäten beim Tor zum 2:1 vorhersah, ehe die dazugehörige Flanke den Fuß von Lahm verlassen hatte, wurden wir misstrauisch. So misstrauisch, dass unsere Freude doch arg gedämpft war über den Treffer. Der Zuschauer will das Tor eben mit allen Sinnen live erleben, quasi das Gefühl haben, den Ball mit den eigenen Augen ins Netz hineingeschaut zu haben – statt es wie eine vom Propheten Rethy verkündete frohe Botschaft hinnehmen zu müssen, die anschließend visualisierte Realität wird. Der Jubel in den deutschen Wohnzimmern über Kloses zwischenzeitlichen Führungstreffer ist folglich anders ausgefallen als üblich. Etwa so, wie man ein Tor im Radio bejubelt. Der Reporter kann das Tor dort noch so wortreich und elegant beschreiben – was dem Fernsehmann im Radioversuch, als das Bild aus Basel zwischendurch völlig verschwunden war, übrigens nur sehr stockend gelang; Fernsehen und Radio sind eben zwei unterschiedliche Disziplinen – das Gefühl der punktgenauen Ekstase wird er nicht provozieren können. Oder so, wie man sich über ein Geschenk freut, dessen Inhalt im Moment des Auspackens bereits verraten wurde.“
Meinen Kumpels und mir war dieses Gefühl aus dem Viertelfinale bekannt. Wir schauten privat in der Gießener Innenstadt. In der Nähe ist ein gut besuchter Biergarten mit Leinwand, und der hatte das Signal drei Sekunden früher. Die Tore haben wir so immer vorher mitbekommen.
Französische Presse bearbeitet von Jonathan Lütticken
Mittwoch, 25. Juni 2008
Ball und Buchstabe
Wünsche, Leidenschaften, Projektionen
Heute geht es um mehr als den Einzug ins Finale. Das Spiel zwischen der Türkei und Deutschland ist ein „Halbfinale mit Integrationshintergrund“ (FAZ). Das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken in Deutschland wird von den Journalisten, nicht nur im Sportteil, unter die Lupe genommen und steht auf dem Prüfstand
Matthias Drobinski (SZ) bemalt behände die Projektionsfläche Fußball: „Fußball ist das ‚Tor zur Welt’, sagt der Philosoph Klaus Theweleit – das Spiel ist Realitätsmodell und Abbild der Wirklichkeit. 90, 120 Minuten, vielleicht noch länger werden Millionen Deutsche, Deutschtürken und Türken in Deutschland ihr Leben, ihre Träume und Sehnsüchte in einem Spiel wiederfinden. Das gilt für die Deutschen, die nicht mehr die Rumpelfußballer der Welt sein wollen und darauf hoffen, dass die Nationalmannschaft ihre Sehnsucht nach Leidenschaft und Eleganz erfüllt. Das gilt noch mehr für die Türken im Land, für die Triumph und Leid ihres Teams ein Bild der eigenen Lage ist: Da ist eine Mannschaft ganz unten, trotzdem erkämpft sie sich immer wieder den Sieg in letzter Minute, steckt alle Verletzungen weg, widerlegt alle Experten, die den Türken nicht mehr zugetraut haben, als ebenso leichtfüßig wie leichtfertig unterzugehen. Es ist der Triumph der Gedemütigten, derer, die kaum jemand ernstgenommen hat. Fußball ist aber noch mehr als ein Spiegelbild der Realität. Fußball ist offen – die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht, hat schon Sepp Herberger gesagt. Diese Offenheit unterscheidet das Spiel von der Wirklichkeit. Im richtigen Leben fällt es vielen Türken in Deutschland schwer, den gleichen Bildungsgrad, den gleichen Lebensstandard und die gleiche Anerkennung zu bekommen wie die Deutschen – schon bei Geburt liegen sie quasi mit 0:1 zurück, müssen immer ein bisschen schneller laufen und härter kämpfen. Ein Fußballspiel beginnt dagegen mit 0:0, und immer hat das Unerwartete seinen Platz: der Außenseitersieg, das Tor in der letzten Minute, der Keeper, der im Elfmeterschießen den Ball doch noch mit den Fingerspitzen um den Pfosten lenkt. Das Spiel öffnet also den Türken in Deutschland für eine Nacht das Tor zu einer anderen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, in der sie gleich und gleichwertig sind, während sie sonst den Unterschied spüren – wobei es bezeichnend ist, dass so viele Türken in den nun zahlreichen Straßenumfragen erklären, dass ihnen auch eine ehrenvolle Niederlage zur Freude gereichen würde.“
Berthold Kohler (FAZ) klagt über mangelnde Assimilation und kritisiert Versäumnisse der deutschen Politik: „Deutschland hat von seiner größten Einwanderergruppe viel zu lange keine Eingliederungsanstrengungen verlangt – weil die Multikulti-Ideologen lieber die Deutschen umerziehen wollten und die bürgerlichen Parteien die irrige Hoffnung hegten, die ‚Gastarbeiter’ würden schon wieder wegziehen. Doch hätte auch nicht jeder Türke so gut Fußball spielen müssen wie Altintop, Podolski oder (meistens) Gomez, um sich aus eigenem Antrieb so in Deutschland einzufügen wie die Polen, Italiener und Spanier, die hier leben. Fußballer können, wie gesehen, sogar noch schöne Tore schießen, wenn in ihrer Brust zwei Herzen schlagen. Ein Staat aber, der in seinem Inneren sich verfestigende Parallelgesellschaften toleriert, geht schweren Zeiten entgegen. Der türkische Fahnenwald in Deutschland ist – bei allem Respekt vor den patriotischen Empfindungen derjenigen, die rotweiß flaggen – ein Menetekel für diese Republik. Der Türkei freilich kann man zu solchen Bürgern nur gratulieren.“
Geistermannschaft
Jan Christian Müller (FR) nimmt einen Pro-Integrations-Film des DFB und die wohlmeinende Rhetorik der Verantwortlichen zum Anlass, die praktizierte Abschottung der Nationalmannschaft zu kritisieren: „Die Fortschritte unter Theo Zwanziger sind unverkennbar. Das ist ebenso gut wie überfällig. Auch Oliver Bierhoff hat sich zu dem Spot geäußert: ‚Wir sind uns der Verantwortung als Nationalmannschaft bewusst.’ Leider ist von diesem Bewusstsein im Trainingscamp im Tessin nichts zu spüren. Unmittelbar neben dem verdeckten Übungsgelände des DFB trifft sich die Jugend Europas zum gemeinsamen Campen und Sport treiben: Hunderte Teenager nur einen Spannstoß vom Platz entfernt und in Wahrheit doch viel, viel weiter weg. Es hätte natürlich etwas Mühe gekostet – 60 Minuten als Stunde der Offenen Tür zum Beispiel –, das Ansinnen des Präsidenten und das Versprechen des Managers glaubwürdig mit Leben zu füllen. Eine Geste des Respekts nur. Diese Mühe waren auch die Gastgeber und deren Familien aus Ascona und Tenero dem DFB nicht wert. Völkerverständigung ist mehr als ein zweiminütiger Werbespot. Im deutschen Kader stehen eine Menge weltoffener Profis. Aber wenn sie das Tessin verlassen, gehen sie als Geistermannschaft.“
Stimmung besser als die Wirklichkeit
Christiane Schlötzer (SZ) betrachtet das Duell aus Perspektive der türkischen Gesellschaft: „Das deutsch-türkische Verhältnis war immer speziell, wahrgenommen wird dies gewöhnlich aber nur von den Türken. Es ist eine Beziehung, in der die Bewunderung eine große Rolle spielt. Bewundert werden die Aufbauleistungen Deutschlands, sprich die Wirtschaftskraft, ein meist reibungslos funktionierender Alltag und ja, auch der deutsche Fußball. Von deutscher Seite ist es eine eher schwierige Beziehung. Die Türkei gilt als politisch kompliziertes Land. Die Türken hierzulande sind für viele Deutsche auch nach fast einem halben Jahrhundert Zuwanderung aus Anatolien und vom Bosporus Fremde geblieben. Wie ähnlich sie sich sind, das könnten Türken wie Deutsche gerade jetzt begreifen. Sie teilen dieselben Eigenschaften, die sie an ihren Nationalspielern bewundern. Motivation und Teamgeist werden bei der deutschen Mannschaft gepriesen, und die türkische Equipe kann sich nicht retten vor Komplimenten, weil sie einfach nicht aufgeben will und kann. Politiker in der Türkei haben daraus schon die Hoffnung destilliert, dies könnte auf das eigene Land abfärben, das sich auch deshalb im Taumel befindet, weil seine Eliten ständig foul spielen. Aber man sollte vom Fußball auch nicht zu viel verlangen.“
Rainer Herrmann (FAZ) ergänzt: „Der Fußball setzt in diesem Sommer unter den Türken neue Kräfte frei – besonders vor dem Spiel gegen Deutschland. In der Vergangenheit hatten die Türken immer zu Deutschland aufgeblickt, ob zur Fußballnation oder zum Wirtschaftswunderland. Im Halbfinale der Europameisterschaft angekommen, sehen sie sich nun auf Augenhöhe. Ein Spiel gegen Deutschland weckt ohnehin andere Emotionen, als es gegen Frankreich oder Spanien der Fall wäre. Denn aus keinem anderen Land wirkt die türkische Gemeinde so stark in die Heimat zurück wie aus Deutschland. Den Einzug ins Halbfinale feierten die Türken wie die Aufnahme in den Kreis der Großmächte des Fußballs. Vorsicht ist geboten. Denn immer ist in der Türkei die Stimmung besser (oder aber schlechter), als es die Wirklichkeit ist.“
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