indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 15. Januar 2008

Ascheplatz

Scheinwelt Profifußball

Frank Hellmann (FR) spürt Mitleid mit Eike Immel, der sich im RTL-Dschungel das Geld für seine Hüftoperation verdienen will, und mit einigen von dessen Zeitgenossen: „Das Geld, das mit den zweifelhaften Dschungel-Prüfungen zu verdienen ist, will der Ex-Profi für seine Operationen verwenden. Er hat wie so viele Fußballer über seine Verhältnisse gelebt. Mit 18 Jahren fuhr er einen Porsche schrottreif, er soll um riesige Beträge gepokert haben, verspekulierte sich mit Bauherrenmodellen, scheiterte als Geschäftsführer für Nobelkarossen. Er war bis Ende 2005 unter Christoph Daum bei Fenerbahce Istanbul und will wieder als Torwarttrainer arbeiten – doch mit einer kaputten Hüfte geht das kaum. Ein Teufelskreis. Immel ist längst kein Einzelfall. Die Liste der gescheiterten Prominenz ist lang. Der Dribbelkünstler Stan Libuda bekam die Karriere nach der Karriere nie in den Griff – und starb 1996 vereinsamt in Gelsenkirchen. Der Torjäger Erwin Kostedde wurde eines Raubüberfalls verdächtig – und lebt heute verarmt in Münster. Bei Eintracht Frankfurt verspekulierte sich einst eine halbe Mannschaft mit Bauherrenmodellen. Es gibt Studien über ehemalige Profis, die erschrecken: So lebt die Hälfte des Bundesligakaders von Eintracht Braunschweig von 1985 von der Sozialhilfe. Ein Viertel der damaligen Bundesligaspieler soll mehr Schulden als Guthaben haben. Kaum einer der lebensuntüchtigen Fußballer gibt sich gern zu erkennen; viele fristen unbemerkt ein Nischendasein. Auch deshalb initiierte der mit Bauherrenmodellen gescheiterte Ewald Lienen als Ex-Profi vor zwanzig Jahren die Vereinigung der Vertragsfußballer. In der Scheinwelt Profifußball will sie Halt und Orientierung bieten. Für rund 1200 Mitglieder – von der Bundesliga bis zur Oberliga – gibt es mittlerweile einen Laufbahncoach, ein Versorgungswerk, umfangreiche Weiterbildung und seriöse Finanzpartner.“

Montag, 14. Januar 2008

Bundesliga

Erst mit Klinsmann wird der wahre Umbruch beginnen

Weitgehend große Zustimmung zur Entscheidung Bayern Münchens, Jürgen Klinsmann als neuen Trainer zu engagieren; doch eine skeptische Frage brennt der Presse auf den Nägeln: Wird es den Vereinschefs gelingen, sich selbst künftig zurückzunehmen?

Peter Unfried (taz) gratuliert allen Seiten: „Aus Sicht der Unternehmensführer, also des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge und des Managers Uli Hoeneß ist es eine symbolpolitisch clevere und fachlich waghalsige Sicherheitsentscheidung. Symbolpolitisch clever, weil Klinsmann jenen nötigen Aufbruch verkörpert, den den Rumwurschtel-Chefs keiner mehr zutraut. Waghalsig, weil Klinsmann ein absoluter Anfänger als Klubtrainer ist. Eine Sicherheitsentscheidung deshalb, weil die Verantwortlichen dafür Lob bekommen, aber nicht verantwortlich sein werden, wenn es schief läuft. Klinsmanns Aura als erfolgreicher Bundestrainer, Modernisierer, Polarisierer und Projektionsfläche für Aggressionen und auch sein Anspruch ist so stark, dass er im Misserfolgsfall die ganze Schuld bekommen wird. Aus der Perspektive Klinsmanns ist es eine mutige Entscheidung. Was hat er wirklich drauf? Diese Frage ist für Experten noch längst nicht beantwortet. Er könnte tief fallen. Klar ist jetzt eines: Dieser Mann verlässt den kalifornischen Strand nur dann, wenn es gilt, eine maximale Herausforderung anzugehen. Respekt.“

Roland Zorn (FAZ) fragt sich, ob Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer wissen, welche Folgen für sie und ihre Eitelkeit die Verpflichtung Klinsmanns nach sich ziehen wird: „Was wird aus den Bayern-Granden, wenn der amerikanische Freund zurückkehrt? Wird dann die Münchner Kakophonie, der zuletzt der Nochtrainer Hitzfeld zum Opfer fiel, verebben? Hat die bayerische Fußballfolklore unter den Neue-Welt-Verhältnissen noch eine Chance? Gibt es in der Saison 2008/09 noch die beliebten ‚Schimpf nach zwölf’-Bankettreden im Anschluss an verlorenen Champions-League-Partien, die früher zum Solo für Franz Beckenbauer wurden und inzwischen von Karl-Heinz Rummenigge beansprucht werden? Und wer wird in Zukunft noch Profis finden, die sich bei dieser oder jener Boulevardzeitung oder gar bei einem Vorständler ausweinen? Sind all diese schönen Zeiten, da die Welt der Bayern so schillernd war, dass dem Klub einmal sogar das Etikett ‚FC Hollywood’ anhaftete, unwiederbringlich vorbei? Ausgerechnet unter Klinsmann, der aus der Nähe von Hollywood, vielleicht mit dem neuen Kino-Leitspruch ‚I am Legend’, heimkehrt nach München? Es wäre der Bayern-Albtraum – zu gruslig, um wirklich wahr zu werden.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) fügt hinzu: „Der FC Bayern wird sich mit dem Trainer Klinsmann umstellen müssen. Er wird die vereinseigene Plaudertasche Franz Beckenbauer bremsen müssen; er wird des Klubpräsidenten Kolumnistentätigkeit und Zuträgerarbeit für die von Klinsmann wenig geliebte Bild-Zeitung prüfen müssen; er wird dem starken neuen Mann kaum so dreist ins Geschäft hereinreden können wie dem schwachen alten Mann Ottmar Hitzfeld. Der Übergang vom Bewahrer Hitzfeld zum Reformer Klinsmann könnte krasser kaum sein. Dieser Richtungswechsel ist das stille Eingeständnis des FC Bayern, dass er bei seinem prahlerisch verkündeten Großreinemachen im Sommer den wichtigsten Posten, den des Trainers, aus Hasenherzigkeit großzügig übersehen hat. Erst mit der Personalie Klinsmann wird der wahre Umbruch beginnen.“

Schrittweise Entmachtung Beckenbauers

Christoph Ruf (zeit.de) lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den Versuch Hoeneß’, Franz Beckenbauer das Wort zu entziehen: „Im Hintergrund werden sich die Bild-Strategen allerdings längst Gedanken machen, wie sie mit der Personalie Klinsmann umgehen, bedeutet die Inthronisierung des Kaliforniers doch eine weitere Entboulevardisierung des einstigen FC Hollywood. Paul Breitner mussten die Bayern noch zum Berater machen, um ein Leck zu schließen. An der Wertschätzung Paul Breitners scheint das nicht viel geändert zu haben. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Hoeneß vergangenen Montag ein sensationelles Statement abgelassen: Beim FC Bayern gebe es ‚nur drei seriöse Quellen: Hoeneß, Rummenigge und Hopfner’. Eine implizite Ohrfeige für Breitner und Beckenbauer, die langjährigen Informanten und Kolumnisten des Boulevards. Nun genügt ein Trainerwechsel, um zumindest Bild weiter von den Informationsströmen abzuschneiden. Beckenbauer hat schon in den letzten Monaten nicht mehr alles erfahren, Klinsmann wird die externe Kommunikation vollends zentralisieren. Mit der Verpflichtung von Klinsmann ist Hoeneß somit die nächste Etappe auf dem schon lange eingeleiteten Weg der schrittweisen Entmachtung von Beckenbauer gelungen.“

Zweckgemeinschaft

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) betrachtet die Sache skeptischer: „Diese Beziehung ist eine Zweckgemeinschaft, in der auch der Zeitdruck seinen Teil zum Zustandekommen beigetragen hat. Die Bayern mussten schnell einen namhaften Nachfolger von Hitzfeld präsentieren, um wieder Ruhe in den Verein zu bringen. Ganz oben auf der Wunschliste wird der Name Klinsmann aber nicht gestanden haben, schließlich ließ Hoeneß vor der WM 2006 keine Gelegenheit aus, nach verlorenen Testspielen die Arbeit des Bundestrainers Klinsmann zu kritisieren und ihm Sturheit und Egoismus vorzuwerfen. Hoeneß ging damals sogar so weit, das gesamte WM-Projekt sportlich infrage zu stellen. Das hat der mit einem guten Gedächtnis ausgestattete Klinsmann sicher nicht vergessen. Doch dessen Karriere geriet zuletzt ins Stocken. Der ehrgeizige Trainer drohte in seiner Wahlheimat USA immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Dieses Problem hat Klinsmann jetzt in großem Stil gelöst.“

Lederhose und Laptop

Matti Lieske (Berliner Zeitung) meint, dass die Stärken Klinsmanns nicht auf dem Platz lägen, sondern außerhalb: „Die Kritik im Ausland beweist nur, wie wenig man dort von der noch immer antiquierten Arbeitsweise in der Bundesliga ahnt. Klinsmann hat zwar keine Erfahrung, aber man darf davon ausgehen, dass er sich in der Theorie weit mehr damit befasst hat, wie ein Klubtrainer arbeiten sollte, als jene, die das Amt in Deutschland ausüben. Selbst seinen spärlichen Äußerungen bei der Vorstellung war zu entnehmen, dass ihm wohl bewusst ist, dass Motivation und Gegneranalyse, zwei Säulen des WM-Erfolgs, bei den vielen Spielen im Vereinsalltag eine weit geringere Rolle spielen. Sein Schwerpunkt ist Organisation, Struktur, individuelle Optimierung. Da haben sich die Bayern zuletzt zwar Know-how aus Italien besorgt, sind aber noch weit von den Standards der Spitzenklubs entfernt.“

Auch Christof Kneer (SZ) verweist auf die Strategiefähigkeit Klinsmanns: „Einen gewissen Charme hat es schon, dass Bayerns Verantwortliche die Strukturen ihres Vereins nun von einem Mann mitbestimmen lassen, von dem sie sich einst mit einem leidenschaftlichen Nie wieder! getrennt haben. Die Bayern sind ab sofort ein Traditionsprojekt, und so erwarten sie von Klinsmann auch, dass er den FC Bayern unter Beibehaltung alter Werte in einen modernen Sportbetrieb umrüstet. Denn das hat Klinsmann, der Unternehmer, der Augenaufhalter, der Keine-halben-Sachen-Macher, zuletzt eindrucksvoll bewiesen: dass er ein Projekt so prägen kann, dass es nachhaltige Wirkung entfaltet. Er ist nach der WM gleich wieder heimgeflogen nach Kalifornien, dennoch hat er der Bundesliga ein paar Revolutiönchen hinterlassen, die längst selbstverständlich sind und die keiner mehr mit ihm in Verbindung bringt. Seit Klinsmann den Kampf ums Tor eröffnet hat, ist der Torwart keine heilige Figur mehr. Munter wechseln die Trainer ihre Torhüter hin und her, und es ist auch Klinsmanns Vermächtnis, dass es auf den Trainerbänken immer enger wird. Klinsmann hat Deutschland den alleinverantwortlichen Trainer abgewöhnt – die Trainerstäbe werden größer und größer, auf den Mannschaftsfotos finden sich Sprinttrainer, Mentalcoaches und Osteopathen. Jürgen Klinsmann soll zur Lederhose den Laptop dazugeben, das ist der Plan.“

Christian Gödecke (Spiegel Online) ergänzt: „Klinsmann wird die Bayern ändern. Mehr jedenfalls, als die Bayern Klinsmann ändern werden. Das verdeutlicht vielleicht am besten, wie stark der Mann ist, den sich die Münchner geholt haben.“ Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) gibt zu bedenken: „Die Verpflichtung des energischen Visionärs birgt das Risiko, dass gegenwärtig nur noch über den Bayern-Fußball der Zukunft, aber nicht über den der Gegenwart diskutiert wird. Klinsmanns Vertrag beginnt entgegen allen anderen Eindrücken nicht am kommenden Montag, sondern am 1. Juli 2008.“

… kann niemand trennen

Tsp: Jürgen Klinsmann und der FC Bayern – das passt auf den ersten Blick überhaupt nicht. Aber auf den zweiten umso besser, weil beide radikal sind, wenn es darum geht, ihre Ideen durchzusetzen
SZ-Kommentar: In der Praxis ist die mutige Personalie Klinsmann nicht ohne Risiko
BLZ: Die lange Konfliktgeschichte zwischen Klinsmann und Bayern
SZ: Als Spieler wurde Klinsmann bei Bayern München nicht heimisch
FAZ: Klinsmann – voller Lust auf neue Abenteuer
SZ: Internationale Trainer, ein bisschen Milanello und ein Trend zum Ganztagesprofi – Klinsmanns Verpflichtung bedeutet den Abschied von der bayerischen Vereinsfamilie
FAZ: Klinsmann – ein Affront für Lothar Matthäus

Donnerstag, 3. Januar 2008

Bundesliga

Der vermeintliche Weltklub Bayern München

Die Journalisten reagieren mit fassungslosem Unverständnis auf Bayern-Manager Uli Hoeneß, der einem Journalisten bestätigt hat, dass sich der Klub und Trainer Ottmar Hitzfeld im Sommer trennen werden

Sebastian Krass (Berliner Zeitung) kritisiert: „Uli Hoeneß hat die ohnehin schon chaotische Kommunikation des FC Bayern zum Trainerthema in den vergangenen zwei Monaten um einen neuen und kuriosen Höhepunkt bereichert. Hoeneß und sein Nebenmann Karl-Heinz Rummenigge, nehmen sich immer wieder das Recht heraus, Themen in der Öffentlichkeit zu platzieren, wie es ihnen gerade beliebt – ohne Rücksicht darauf, dass sie damit für Unruhe im Verein sorgen und dem Unternehmen schaden. Nun werden die Bayern in der zweiten Saisonhälfte mit der Gefahr leben müssen, dass die Autorität eines Trainers, dessen Abschied beschlossen und öffentlich ist, ständiger Erosionsgefahr ausgesetzt ist.“

Andreas Hunzinger (FR) stimmt ein: „Hitzfeld wird seine zweite Amtszeit an der Säbener Straße nach nur eineinviertel Jahren wieder beenden. Und das durchaus aus gutem Grund. Er hat es nicht nötig, sich von Rummenigge wie ein Hanswurst schulmeistern und lächerlich machen zu lassen. Der Gentleman Hitzfeld wird das nicht offen sagen. Aber er hat gemerkt, dass es beim vermeintlichen Weltklub Bayern München mit dem Niveau oft nicht so weit her ist, wenn sich die Trennung von einem Trainer abzeichnet.“

Führungspersonal gedemütigt

Peter Heß (FAZ) verweist auf die abschreckende Wirkung des Hoeneß-Stils und den Ansehensverlust für den Verein: „Man kann nur spekulieren, was Hoeneß zu diesem Frühstart ins Fußballjahr bewogen hat: Vielleicht riet ihm ein Horoskop dazu, schnell reinen Tisch zu machen. Vielleicht formte sich beim Bleigießen in der Silvesternacht ein Figürchen im Löffelchen, das Hoeneß dazu animierte. Vielleicht war der Manager in seiner Eitelkeit gekränkt, weil sich Hitzfeld mit Schweizer Funktionären getroffen hatte. Professionelle, logische Gründe sind nicht zu erkennen. Hoeneß schadet mit seinem Verhalten seinem Ruf und dem seines Vereins als verlässliche und loyale Vertragspartner und erschwert damit die neue Trainersuche zusätzlich. Wer mag schon für einen Klub arbeiten, der sein Führungspersonal demütigt, sobald es sportlich nicht ganz glatt läuft? Gestandene Trainerpersönlichkeiten, die schon mit großen Mannschaften großer Vereine Triumphe feierten, werden zumindest die Stirn krausziehen, wenn sie das Angebot eines solchen Klubs überdenken.“

Spiel um Macht

Klaus Bellstedt (stern.de) kann eine vorzeitige Entlassung Hitzfelds nicht ausschließen: „Sollten die ersten Spiele der Rückserie danebengehen, werden die Bosse eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken handeln. Auch weil die in langen Profijahren geformten, also höchst erfahrenen Vorstände Rummenigge und Hoeneß derzeit einen hektischen, gar nervösen Eindruck vermitteln. Von den 70 Millionen Euro, die vor der Saison allein für Ablösesummen mutig investiert wurden, fühlen sie sich enorm unter Druck gesetzt. In letzter Konsequenz ginge es also auch um ihre Köpfe. Aber davor opfert man immer noch schnell den Trainer. Und die früheren Verdienste Hitzfelds, all die Erfolge? Guter Witz! In München tobt ein gefährliches vielleicht sogar schmutziges Spiel um die Macht. Und es kann eigentlich nur einen Verlierer geben. Ein Ende, das Ottmar Hitzfeld nicht verdient hätte.“

Baby Schimmerlos hätte seine Freude

Klaus Hoeltzenbein (SZ) amüsiert sich prächtig im FC-Bayern-Komödienstadl: „Prosit, Neujahr! War es ein Rechercheüberfall vor dem Restaurant des Bayern- und Fernsehkochs Alfons Schuhbeck am Münchner Platzl? Mal dahingestellt, denn der Bild-Reporter und der Manager rangeln seit Jahrzehnten um Wohl und Wehe des Vereins. Sollte sich Regisseur Helmut Dietl aber doch dazu durchringen, eine Fortsetzung von Kir Royal zu drehen, die Silvester-Szene vom Platzl, nahe dran am Hofbräuhaus, sei wärmstens empfohlen. Ohnehin präsentierte der FC Bayern auch 2007 wieder extreme folkloristische Talente. Ob nun Kapitän Kahn von der Weihnachtsfeier flieht, oder ein anderer Profi öffentlich mit der Freundin rauft; ob Vorstandschef Rummenigge dem Trainer Hitzfeld, einem Mathematiklehrer, sagt: ‚Fußball ist keine Mathematik!’ und ihn dadurch letztlich in den Rückzug drängt, oder Uli Hoeneß den Satz des Jahres unters Fanvolk schreit (‚Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid!’) – Baby Schimmerlos hätte seine Freude an diesem Klub.“

Freitag, 21. Dezember 2007

Ball und Buchstabe

Diaspora

Frank Hellmann (FR) bedauert den Entschluss Gerd Schädlichs, das Traineramt in Aue nach mehr als acht Jahren aufzugeben und macht sich Gedanken über verkümmernde Fußballlandschaften: „Wieder ist einer die Gratwanderung leid, die alle Vereine in den neuen Bundesländern durchmachen. Hansa Rostock und Energie Cottbus hängen in der Ersten Liga zwischen Baum und Borke, Carl-Zeiss Jena strampelt sich auf einem Abstiegsplatz in Liga Zwei ab. Und noch eine Etage tiefer? Rot-Weiß Erfurt steht auf einem Aufstiegsplatz, doch Dynamo Dresden, der Verein mit dem größten Potenzial, ist nur Regionalliga-Achter, und Ex-Europapokalsieger 1. FC Magdeburg gelingt wohl nicht mal die Qualifikation für die eingleisige Dritte Profiliga. Sachsen Leipzig, eigentlich auserkoren, das teure WM-Stadion zu nutzen, schafft es aus der NOFV-Oberliga Süd nach derzeitigem Stand nicht in die dreigleisige Regionalliga. Und wo Lok Leipzig spielt, geht in Berichten über gewaltbereite Fans unter. Die Analyse, wer wann wo welche Fehler begangen hat, erfordert eine Doktorarbeit. Es kann nicht im Sinn des deutschen Fußballs sein, dass der östliche Landesteil zur Diaspora wird. Aber für Aufbauhilfe Ost gibt es – allen Solidaritätsbekundungen aus den Zentralen (West) von DFB und DFL zum Trotz – im gnadenlosen Kommerzgewerbe des globalisierten Profifußballs keinen Raum.“

Allgemein

Hitzfeld möchte sein Leben wieder selbst bestimmen

Sechs Tore schießen die Bayern gegen Saloniki, doch ihren Trainer werden sie wohl nicht mehr halten können / Im Tor der Griechen bestaunt die SZ ein „Gesamtkunstwerk“

Andreas Burkert (SZ) liest, wie wir alle, zwischen den Zeilen Ottmar Hitzfelds („Ich werde den Bayern meine Entscheidung Ende Januar mitteilen“), dass er den FC Bayern nach Saisonende verlassen wird: „Hitzfeld hat sich wohl längst entschieden. Für die Trennung. Er sagt zwar nicht explizit, dass er im Sommer von sich aus aufhöre. Aber seine verbalen Absetzbewegungen sind allzu offensichtlich und vielsagend für einen stolzen Fußballlehrer, der die Wirkung seiner Worte einzuschätzen vermag nach vierundzwanzig Jahren im Trainerjob. Seit dem 8. November, als ihn Karl-Heinz Rummenigge zum unkundigen Erfüllungsgehilfen degradierte und damit eine Unruhe und Nervosität im Verein losbrach – seitdem versteht der erfolgreiche Trainer Hitzfeld nicht mehr wirklich seine Fußballwelt. Hitzfeld möchte deshalb sein Leben wieder selbst bestimmen.“ Jörg Schallenberg (Spiegel Online) ergänzt: „Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie weit sich Hoeneß, Rummenigge und Hitzfeld in den vergangenen Monaten voneinander entfernt haben – bitte, hier ist er.“

Elisabeth Schlammerl (FAZ) schreibt über die beruhigende Wirkung des 6:0-Siegs der Bayern gegen Aris Saloniki: „Zum Abschluss des Jahres haben sich die Münchner wieder annähernd so präsentiert wie zu Beginn der Saison. Torhungrig und spielfreudig waren sie, abgebrüht und dennoch leidenschaftlich. An diesem Abend klappte vor dem Tor fast alles, was in den vergangenen Wochen meistens schiefgegangen war. (…) Aber trotz des Aktes der Befreiung für alle Beteiligten zum Jahresabschluss, trotz ein paar klärender Worte wird der Verein nur kurz zur Ruhe kommen. Zu viel war passiert, im Umfeld, aber auch im Klub. Und ein paar Fragen sind immer noch offen.“

SpOn: Zu viele offene Rechnungen – die Mannschaft glänzt zu selten, der Vorstand ist aktionistisch, der Trainer bereitet seinen Abgang vor

Hände aus Saloniki

Christof Kneer (SZ) zieht den Torwart der Griechen durch den Kakao: „Chalkias ist vollends jener moderne Torwart geworden, der mitspielt und im Idealfall Tore vorbereitet: Gleich vier Tore hat er vorbereitet, eines mehr als Franck Ribéry. Er war Bayerns Bester, noch vor Luca Toni. Die Statistiken haben Chalkias später als Torwart von Aris Saloniki ausgewiesen, aber das war an diesem Abend kein Widerspruch. An diesem Abend hat er torwartähnliche Bewegungen mit Spielmacherqualitäten schlüssig kombiniert, und insofern hat der höfliche Herr Hitzfeld zurecht gestutzt, als einer wissen wollte, wieviel Tore Saloniki wohl mit einem Torwart Kahn gefangen hätte. ‚Eine unfaire Frage’, sagte Hitzfeld lächelnd. Man kann das nicht vergleichen, wollte er damit wohl sagen, Kahn ist Torwart und Chalkias eher so ein Gesamtkunstwerk. (…) Wenn nicht alles täuscht, dann läuft zwischen Griechen und Engländern zurzeit ein Wettkampf um die schwächsten Keeper, und wenn nicht alles täuscht, dann liegen die Griechen seit Mittwoch vorn. Sollte Rudi Völler (‚Füße aus Malta’) je einen Torhüter beleidigen wollen, könnte er also sagen, dass er Hände aus Saloniki hat.“

Sechs Mal hats gekracht!

Ascheplatz

Glamour von vertrockneten Pflaumen

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) bezweifelt, ob die Bezeichnung Vermarktungsoffensive in Asien angebracht ist: „Der deutsche Fußball betrachtet den Betriebsausflug von Dortmund, Cottbus und Bielefeld tatsächlich als Teil eines großen Plans. Er will in der Liga der Globetrotter von Manchester United, Real Madrid und dem FC Barcelona mitmischen, er eifert mit seiner Asientournee den Hauptstädten der Fußballwelt nach – aber er ist dann leider doch nur mit sterbenslangweiligen Vorortklubs vor Ort. Wenn die Klubfunktionäre hier zu Lande vom Potenzial des asiatischen Marktes raunen, dann klingt das immer gut. Es klingt nach Weitsicht, nach Welteroberung, nach cleverer Strategie. Aber wer sehnt sich in Schanghai nach Bielefeld? Wie sollen Klubs, die schon in Deutschland den Glamour einer vertrockneten Pflaume verbreiten, in Asien zum Magnet für die Massen werden? Müsste, wer ein Global Player werden will, nicht erst einmal in der Heimat bekannt sein?“

Dienstag, 18. Dezember 2007

Internationaler Fußball

Feingeister als Berserker

Christian Eichler (FAZ) ist beim 1:0 Arsenals gegen Chelsea die gute Leistung Manuel Almunias aufgefallen: „Durch seine glänzende Leistung hat Almunia die Rückkehrhoffnungen von Jens Lehmann auf ein Minimum reduziert. Bis Weihnachten, hatte Oliver Bierhoff gefordert, sollte sich die Situation der deutschen Nummer 1 bei Arsenal geklärt haben, um nicht zum Problem für die Europameisterschaftsmission zu werden. Geklärt aber scheint nun nur, dass Lehmann seinen Rivalen unterschätzt hat. Almunia ist einer, den man leicht unterschätzt: kein geborener Held, sondern ein gelernter. Ein Star auf dem zweiten Bildungsweg des Fußballs. Als er 2004 von Celta Vigo kam, sah er nicht aus wie einer, vor dem sich Lehmann, nach einer Debütsaison als ungeschlagener Meister, fürchten müsste. Noch im Finale der Champions League 2006 gegen Barcelona, als Ersatz für Lehmann nach dessen Platzverweis, schien er überfordert, ließ zwei haltbare Bälle passieren.“

Raphael Honigstein (taz) staunt über die raue Gangart von Arsenals Ästheten: „Richtig glücklich machte Arsène Wenger die für seine Mannschaft eher ungewöhnliche Art des Sieges: Arsenal, das vor lauter Freude am kunstvollen Spiel schon mal in Selbstzweifeln versinkt, wenn irgendein Liga-Raufbold dazwischentritt, setzte der Brutalität der Gäste neben Technik auch rohe Kraft entgegen. Da Schiedsrichter Alan Wiley seine Rote Karte anscheinend versehentlich in einem Briefumschlag als Weihnachtsgruß verschickt hatte und es bei neun Verwarnungen beließ, übten die Geschädigten munter Selbstjustiz. Chelseas Kapitän John Terry, der Cesc Fábregas von hinten angesprungen hatte, bekam postwendend Emmanuel Eboués Stollen gegen den Knöchel und musste noch vor der Halbzeit raus. Joe Cole rächte Terry mit einer Grätsche, die Eboués Patellasehne lädierte. Selbst Feingeister wie Tomas Rosicky und Alex Hleb rauschten wie Berserker in die Zweikämpfe, auch sie hatte der von Herz und Schmerz geprägte Strudel der Gewalt mitgerissen.“

Uncut: Video-Highlights Arsenal–Chelsea

Italienische Trainerschule

Peter Hartmann (Neue Zürcher Zeitung) kommentiert das Arbeitsdebüt Fabio Capellos in England: „Kann das gutgehen? Brasilien, Argentinien, auch Deutschland haben als große Fußballnationen, zu denen England, was die Nationalmannschaft angeht, längst nicht mehr zählt, immer wieder charismatische Trainer hervorgebracht. Aber nur Italien hat über das vergangene halbe Jahrhundert hinweg eine konstante und sich dennoch immer wieder erneuernde Trainerschule entwickelt. Sie ist die Erklärung, das Geheimnis der Vitalität des Calcio. Die Arbeit der Trainer überwindet immer wieder die selbstzerstörerischen Skandale und Krisen. Der Fußball spiegelt die Problematik des Landes. Politik und Wirtschaft scheitern an den großen Aufgaben oder verdrängen sie. So wie der Fußballverband und die Liga nie reines Spielfeld machen können. Aber die kleinen, beweglichen, inspirierten Unternehmen sind unschlagbar.“

Die Höhepunkte aus dem anderen Spitzenspiel zwischen Liverpool und ManU (0:1)

NZZ: Die Verwandlung von Manchester City – effiziente Arbeit von Manager Sven-Göran Eriksson und ein Spitzenplatz

NZZ: Die Klubs aus Valencia befinden sich im freien Fall

FAS-Portrait: Kaká, das gute Gesicht des Weltfußballs
SpOn-Portrait Kaká

Stern: Wenn 2010 die Fußball-WM beginnt, will sich Südafrika der Welt als perfekter Gastgeber präsentieren. Doch seine Gäste wird man mit riesigem Polizeiaufgebot schützen müssen – und die Nationalelf, die ein gespaltenes Land in Euphorie versetzen soll, gleicht einem Witz

Bundesliga

Angenehmer Aufenthaltsort für Gastmannschaften

Richard Leipold (FAZ) legt nach dem 0:1 gegen Frankfurt den Finger in Duisburgs Wunde und bittet Ailton, abzusatteln: „Duisburg hat die meisten Spiele verloren, die wenigsten Punkte geholt, die wenigsten Tore geschossen und vor allem dort versagt, wo Außenseiter das Fundament für den Klassenverbleib zu schaffen pflegen: in den Heimspielen. Schlechter kann eine Halbjahresbilanz kaum ausfallen. Die schmucke MSV-Arena hat sich im ersten Halbjahr für auswärtige Mannschaften als angenehmer Aufenthaltsort erwiesen. Wer solide verteidigt und ab und zu einen halbwegs intelligenten Vorstoß gewagt hat wie jüngst die Frankfurter, der hatte in Duisburg nichts zu fürchten. Gegen die Eintracht erlitt der MSV im neunten Spiel die siebte Heimniederlage. (…) Am dritten Advent war vielen noch das Bild eines heißen Julitages in Erinnerung: Der frühere Stürmerstar Ailton saß auf einem Plastikzebra und lächelte der Bundesliga entgegen. Vereinspräsident Walter Hellmich stand stolz daneben. Es war Ailtons größter Auftritt in Diensten des MSV.“

Großer Erfolg

2:0 gegen Bochum – Arne Boecker (SZ) beschreibt, wie Hansa Rostocks Trainer die Quadratur des Kreises gelingt: „Wie Frank Pagelsdorf das anstellt, Woche für Woche eine Mannschaftsaufstellung auszutüfteln? Als erstes schreibt er die Namen der eindeutig erstligatauglichen Spieler auf einen Zettel. Drei oder vier dürften das sein. Die Lücken füllt er mit Spielern, von denen er hofft, dass ihr Biorhythmus exakt am Spieltag so gut ist, dass es für die Bundesliga reicht. Gegen Bochum ging Pagelsdorfs Zettelpolitik auf: Rostock, auf einigen Positionen umgestellt, schaffte ein ungefährdetes 2:0 gegen einen VfL. Hansa kann somit zu Weihnachten einen großen Erfolg feiern: Der Aufsteiger steht auf einem Nichtabstiegsplatz. (…) Der VfL Bochum präsentierte sich als eine Mannschaft, die weiß, dass sie selbst bei einer Niederlage vier Punkte oberhalb des Abstiegsabgrunds überwintert: zu selbstzufrieden.“

Stark unter unmöglichen Bedingungen

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) zollt den Bremern Respekt, zeigt ihnen aber auch ihre Grenzen: „Die vermeintliche Münchner Schwächeperiode ist in Wahrheit auch der Stärke der anderen geschuldet. In Bremen ist dem Rekordmeister überraschenderweise ein extrem guter Widersacher erwachsen. Damit konnte niemand rechnen. Die Schwächung durch Kloses Wechsel zu den Bayern wog für die meisten Experten zu schwer, als dass Werder mit einem deutlichen Leistungsabfall zu rechnen habe. Dass Sanogo, der in Hamburg offenbar verkannte Stürmer aus Côte d‘Ivoire, eine exzellente Hinrunde spielt, war nicht wirklich zu erwarten. Hinzu kamen beinahe unmögliche Bedingungen. Eine Verletzungsmisere, die noch immer kein Ende genommen hat, warf Bremen nicht zurück. Das Team überzeugte auch spielerisch mit einem Kader, das die Leistungen beinahe schon beunruhigend gut erscheinen ließ. Einzig die welke Performance auf internationaler Ebene gibt jenen recht, die glauben, Fußballer fühlten sich unbewusst der Vergangenheit verpflichtet. Seit Jahren schon hat die Mannschaft in der Champions League kein entscheidendes Spiel mehr gewonnen. Eben jener Umstand könnte am Ende doch die bayrischen Favoriten für die Meisterschaft prädestinieren.“

Lahme Ente

Raphael Honigstein greift in seinem Guardian-Blog Ottmar Hitzfeld an: „Rummenigges und Hoeneßens Fehler war, nicht radikal genug gewesen zu sein. Eine kulturelle Revolution haben sie im Frühjahr einschlagen wollen, indem sie großes Geld in große Spieler investierten; beim Trainer gingen sie auf Nummer Sicher. Hitzfeld, ein hungriger, rücksichtsloser Modernisierer? Das war schon immer Wunschdenken, ein Widerspruch in sich. Der 58-Jährige mag seinen Job vor elf Monaten mit neuer Kraft und ausgeruht angetreten haben, zudem hat er sich sicher brav in Sachen Trainingsmethoden fortgebildet. Doch Hitzfelds gediegener, diplomatischer Führungsstil führte rasch zu neuen Problemen. Schon in Dortmund in den 90ern und während seiner ersten Station in München erwies er sich als unfähig, Mannschaften zu motivieren, die bereits alles gewonnen hatten. Als die Bayern in dieser Saison, nach imposantem Beginn, glaubten, alles gewinnen zu werden, warnte Hitzfeld zwar öffentlich vor Selbstzufriedenheit, konnte jedoch offenbar in der Umkleidekabine nicht mehr die richtigen Worte finden. Noch besorgniserregender sollte die Vereinsführung stimmen, dass die Spieler unter Hitzfelds Führung keine taktischen Fortschritte erzielt haben. Der Erfolg scheint von individuellen Geniestreichen abhängig, eine übergeordnete Spielidee ist nicht zu erkennen. Sogar Eckbälle und Freistöße sind harmlos. Selbst Hitzfelds Befürworter können nicht erklären, warum seine Einwechslungen nie den gewünschten Effekt nach sich ziehen. In der Presse kommt ‚der General’ noch gut weg, weil er ein angesehener und angenehmer Typ ist, während die vorlauten Kerle Kalle und Uli leichtere Ziele sind. Und: Keine der Parteien möchte das Arbeitsverhältnis über Mai 2008 hinaus verlängern, woraus das klassische Problem resultiert: das Szenario der lahmen Ente, gepaart mit einer langen, komplizierten Suche nach einem Nachfolger. Aber Bayern wird wohl wieder Meister, vor allem weil Werder Bremen hinten offen ist wie ein Buckelwal mit Durchfall. Weitere Details in sechs Wochen. Frohes Fest und guten Rutsch.“

SZ: Franck Ribéry darf für den FC Bayern Bilanz ziehen

FAZ: Die neue Liga-Offensive in der Auslandsvermarktung

Montag, 17. Dezember 2007

Bundesliga

Warum schafft es Bayern nicht, Spieler weiterzuentwickeln?

Pressestimmen zum 17. Spieltag: Bayern München ist Herbstmeister, doch die Kritik an Trainer und Management wird lauter / Schalke gewinnt, ohne zu gefallen / Wolfsburg spielt besser als in der Vergangenheit, steht aber in der Tabelle dort, wo es immer schon gestanden hat; Dortmund ist immer für eine Überraschung gut – meist eine schlimme / Cottbus ist wieder da / Meister Stuttgart wiederholt seine Geschichte und kann sich nicht als Spitzenelf bewähren

Mit Blick auf die Tabelle und die Statistik nimmt Jan Christian Müller (FR) den Bayern-Kritikern einen Teil ihrer Argumente: „Nullnull in Dortmund, nullnull gegen Frankfurt, nullnull gegen Duisburg, nullnull in Berlin. Aber die Nullinger haben trotzdem vom ersten bis zum letzten Spieltag auf dem 1. Platz gestanden. Sie haben in siebzehn Spielen lächerliche acht Gegentore kassiert, was auf eine drückende Überlegenheit schließen lässt. Sie müssen schon sehr, sehr viel falsch machen, wenn sie nicht Meister werden. Aber sie haben schon jetzt ziemlich viel falsch gemacht: Denn sie haben den im Sommer auch unter ihnen weniger zugeneigten Menschen ganz schnell erarbeiteten Respekt noch viel schneller wieder verspielt.“

Christian Eichler (FAS) hingegen stutzt den Klub und seine Führung zurecht: „Warum schafft es der Klub nicht mehr, Spieler weiterzuentwickeln? Es gibt zu viele, die nicht besser werden. WM-Stars wie Lahm, Schweinsteiger, Podolski stagnieren oder haben sich gar zurückentwickelt, und das kann der Klub nicht mehr auf die Nationalelf schieben. Wäre der FC Bayern ein Weltunternehmen, der Personalchef müsste sich fragen lassen, warum man reihenweise ‚High Potentials’ anwirbt, es aber nicht schafft, sie weiterzuentwickeln. (…) Ist Ottmar Hitzfeld der richtige Mann? Die Aufgabe, einen durch teure Einkäufe umgestalteten Kader neu zu ordnen, Egos auf Kurs zu bringen, Kräfte zu bündeln, ist eine der schwersten im Trainerjob. Sie verlangt nach einem nervenstarken Psycho-Spieler, einem, der jung, aber mit allen Wassern gewaschen ist; einem Typen wie José Mourinho, der das bei Chelsea schaffte. Aber spielen die Bayern in seiner Liga? In der sind Milan, Inter, Barca, Real; Klubs, mit denen sich Uli Hoeneß gern auf Augenhöhe sieht. Dabei braucht er ein richtig gutes Fernglas.“

Auch Matti Lieske (Berliner Zeitung) sieht Hoeneß und Rummenigge im Zentrum der Kritik: „Die Aufgabe des neuen Bayern-Teams, für dessen Aufbau Prinzipien gebrochen und fast 100 Millionen Euro investiert wurden, war keineswegs nur, die Liga nach Belieben zu dominieren, auf Fernglasdistanz davonzueilen, die alte Titelpacht zu erneuern und nebenbei den Uefa-Cup zu gewinnen. Vor allem sollte das Luxus-Ensemble einen Befreiungsschlag der Kluboberen darstellen, den Nachweis ihrer Existenzberechtigung erbringen, ihrem Bedeutungsverlust entgegenwirken und die Kritiker zum Verstummen bringen. Es ging darum zu zeigen, dass der FC Bayern München tatsächlich nur eine neue Mannschaft gebraucht hatte, und nicht etwa neue Strukturen und eine neue Führung. Nur logisch, dass helle Panik ausbricht, wenn dieser Beweis zu scheitern droht.“

Ich bin zufrieden. Ich bin zufrieden. Ich bin zufrieden

Michael Reinsch (FAZ) staunt über Hoeneß’ Worte nach dem 0:0 in Berlin: „Die Zufriedenheit beim FC Bayern München war mehr eine Demonstration, als dass sie die Stimmung bei Deutschlands Fußballklub Nummer eins mit dem vierten 0:0 der Saison spiegeln dürfte. Dazu war die Partie dann doch zu unergiebig. Hertha verteidigte mit Klauen und Zähnen, und bei den Bayern reimte sich kahnlos tatsächlich auf zahnlos. (…) Am lustigsten war, wie sich Uli Hoeneß zu der These verstieg, dass die verzweifelte Defensive unterlegener Gegner eine neue Qualität erreicht habe. ‚Wenn das die Zukunft des Bundesliga-Fußballs ist, dann gute Nacht. Der neueste Trick ist ja, dass sich der Gegner mit elf Mann hinten reinstellt.’“ Johannes Kopp (taz) fügt an: „Bei Bayern München liegt der Vergleich zum Theater nahe. Denn vieles dort wirkt inszeniert. Und so erinnerte Uli Hoeneß Auftritt an den Oberlehrer Kulygin aus Anton Tschechows Drama ‚Drei Schwestern’. Kulygin hat in diesem Stück nämlich nicht viel mehr zu sagen als: ‚Ich bin zufrieden. Ich bin zufrieden. Ich bin zufrieden.’“

SZ: Ein Haufen Geld, ein Haufen Stars – Uli Hoeneß hat alles getan für den Erfolg, und jetzt leistet sich der FC Bayern zu allem Überfluss noch eine Krise
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Mutig und entscheidend

Frank Heike (FAZ) zollt dem Bremer Trainer Respekt dafür, bereits in der ersten Halbzeit zwei Spieler, darunter einen deutschen Nationalspieler, auszuwechseln und so den 5:2-Sieg gegen Leverkusen einzuleiten: „Natürlich hat Thomas Schaaf wieder einmal bewiesen, wie autark er arbeitet. Zuletzt war ihm ja vorgeworfen worden, nie die großen Namen auszutauschen, wenn etwas nicht funktioniert, und auch, zu früh wieder auf Torsten Frings gesetzt zu haben. Tim Borowski war am Samstag in dem Gefühl aufgelaufen, Chef und Anführer zu sein. Also war es mutig, ihn nach 30 Minuten vom Platz zu nehmen. Mutig und entscheidend.“

An der spielerischen Armutsgrenze

Richard Leipold (FAZ) vermisst bei Schalke, 2:1-Sieger gegen Nürnberg, den Erlebnisfaktor: „Die letzte Runde war wie ein Spiegelbild der ersten Serie. Beim dürftigen Heimsieg über den 1. FC Nürnberg zeichneten die Fußballprofis des FC Schalke 04 sich wieder durch eine Art von Effektivität aus, deren Charme nur beim Blick auf Zahlen und Tabellen zum Vorschein kommt. Die Zugabe vier Tage nach dem umjubelten Einzug ins Achtelfinale der Champions League blieb auf ein spielerisches Minimum beschränkt, das ausreichte, um auch in der Bundesliga den sportlichen Anspruch des Reviervereins aufrechtzuerhalten. Die Schalker wollen weiterhin Dritter werden – auch wenn sie selten, fast nie so gespielt haben in den vergangenen Monaten. Gemessen am Niveau einer Spitzenmannschaft, bewegen die Königsblauen sich oft an der spielerischen Armutsgrenze, aber sie tun es neuerdings ökonomisch.“

Besser gespielt, aber nicht mehr Punkte

Sebastian Stiekel (FAZ) meint nach dem 4:0 gegen Dortmund, dass ins Wolfsburger Spiel Leben gekommen ist, wenn auch kein dauerhafter Erfolg: „Kein Klub hat mehr ver- und eingekauft in diesem Halbjahr, und kein Klub hat auf der Suche nach der besten Formation häufiger die Aufstellung verändert. Der Umbruch, den Felix Magath seit Juli vornimmt, hat den VfL Wolfsburg nachhaltig geprägt in dieser Hinrunde. Neuzugänge wie Josué, Dejagah oder Grafite haben ihn enorm verbessert und dazu befähigt, so starke Leistungen wie gegen Dortmund zu zeigen. Die Integration von vierzehn Neuen und die Häufigkeit, mit der Magath umstellte, zogen aber auch Abstimmungsprobleme nach sich, die mehr als ein Überwintern auf Platz zehn verhinderten. Der Verein hat deutlich besser gespielt als in den abstiegskampfgeprägten vergangenen Jahren. Deutlich mehr Punkte als zuletzt hat er an Weihnachten aber nicht. (…) In seiner Halbherzigkeit war der BVB ein Gegner, wie man ihn sich nur wünschen kann. Vor dem eigenen Tor gewährte er zu viele Freiräume, vor dem gegnerischen war er zu unkonzentriert.“

Auch Claudio Catuogno (SZ) legt angesichts der Dortmunder Leistung die Stirn in Falten: „Es war ein seltsam lebloses Bild, das die Borussen abgaben. Vorne schlichen sie unbeholfen um den Strafraum der Gastgeber herum wie schüchterne Tanzschüler bei Damenwahl. Ein paar verzogene oder übers Gehäuse gelupfte Schussversuche, mehr war nicht zu sehen. Der Spielaufbau aus der Defensive heraus versagte fast völlig, ebenso wie die Defensive selbst. Der Auftritt des BVB jedenfalls verwunderte nach zuletzt zwei Siegen gegen Stuttgart und Bielefeld. Das Team bleibt in dieser Saison Dollis Wundertüte: Immer ein bisschen zu süßlich angepriesen dafür, dass man nie weiß, was man kriegt.“

Neue Energie

Matthias Wolf (FAZ) rechnet wieder mit Cottbus: „Dreizehn Punkte hat Bojan Prasnikar in zehn Partien geholt, nun auch den höchsten Sieg der Cottbuser Bundesligahistorie. Längst, so Vereinschef Ulrich Lepsch, ärgere er sich, dass man nicht schon im Sommer die Trennung von Petrik Sander vollzogen habe, mit dem die Klubführung zerstritten war. Sieben Punkte aus drei Partien – Energie ist nicht mehr abgeschlagen, sondern wieder mittendrin. Mit neuem Mut und neuem Respekt der Gegner. (…) Neue Energie an der polnischen Grenze.“

Doch nicht ganz so einmalig

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) fasst das Stuttgarter Jahr zusammen, das mit einem 0:2 in Bielefeld endet: „Weder die Höhepunkte noch die Tiefpunkte haben etwas mit Zufall zu tun. Der VfB wurde Meister, weil er im Frühjahr die entschlossenste und nervenstärkste Mannschaft war. Im Trubel des Saisonendspurts hatten die Spieler gar keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie da gerade erreichen können. Das war der große Vorteil. Nach dem Titelgewinn fand die Mannschaft dann aber Zeit zum Nachdenken – was nicht von Vorteil war. So sind die Stuttgarter Profis wohl zu dem Ergebnis gekommen, dass sie als Meister für den Erfolg nun nicht mehr ganz so hart arbeiten müssen. Und von außen kamen keine neuen Impulse. Die Mannschaft wurde nur unwesentlich verändert. Nach dem Titelgewinn sind aus nachvollziehbarer Dankbarkeit Spieler gehalten worden, die normalerweise den Verein hätten verlassen müssen. Bei den wenigen Neuzugängen ließ der Verein die entscheidende Treffsicherheit vermissen. Das Stuttgarter Ziel, auch international positiv auf sich aufmerksam zu machen, wurde verfehlt – genauso wie jenes, den Club nach dem Titelgewinn als deutschen Spitzenverein zu etablieren. So deutet im Moment einiges darauf hin, dass der VfB – wie schon nach den Meisterschaften 1984 und 1992 – den Anschluss verpasst. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Deshalb ist das VfB-Jahr 2007 womöglich doch nicht ganz so einmalig.“

Samstag, 15. Dezember 2007

Vermischtes

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Freitag, 14. Dezember 2007

Champions League

Schwer zu schulternde Last

Nach dem 1:3 beim Betriebsausflug nach Barcelona fragt die Presse, ob sich der VfB Stuttgart erneut um die Champions League bewerben sollte

Oliver Trust (FAZ) rät den Stuttgartern nach Beendigung der Kraft zehrenden Champions League, bei ihren Leisten zu bleiben: „Die schwäbische Losung heißt erst einmal: über Bielefeld zurück ins Glück. Danach gilt für den müden Verein und seine müde Mannschaft: ausruhen und erholen, was das Zeug hält. Auf alle Fälle wäre mit drei Punkten auf der Alm ein Anfang gemacht, da nicht nur Klubchef Staudt den Wunsch äußerte, man müsse jetzt eben versuchen, nächstes Jahr wieder in der Champions League dabei zu sein. Barcelona aber zeigte, dass der derzeitige Kader wirklich hohen internationalen Ansprüchen nicht uneingeschränkt genügt. Alle im Klub wären gut beraten, diese Erkenntnis zu verinnerlichen, um sich in einer Phase der Besserung nicht gleich wieder eine Last aufzuerlegen, die nur schwer zu schultern ist.“

Ronald Reng (Berliner Zeitung) hingegen registriert die aufbauenden Spurenelemente des VfB: „Für seinen Mut, einer halben Reserve-Elf zu vertrauen, wurde Armin Veh neben einem würdigen Auftritt mit diversen Einblicken belohnt: Um den Torwart etwa muss sich keiner mehr Sorgen machen, Raphael Schäfer wurde mehrmals alleine gegen alle zum Retter. Ewerthon, zu früh verlacht, kann in der Rückrunde als Sturmalternative wertvoll werden, sein Auftritt war voller Energie. Alexander Farnerud wird es in Stuttgart nicht mehr schaffen. Er hat vergessen, was Selbstvertrauen ist. Und: Veh muss endlich seine Besessenheit aufgeben, Verteidiger Fernando Meira im defensiven Mittelfeld einzusetzen. Meira spielte auch im Camp Nou wie einer, der die Position mit Widerwille ausfüllt. Er kam dauernd zu spät. Einerseits war es rührend, andererseits fast befremdlich, mit welch kindlicher Begeisterung einige Stuttgarter den Ausflug betrieben. Denn diese Elf besitzt grundsätzlich den Spielwitz, um in Europa mehr zu gewinnen als ein Trikot von Iniesta.“

Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) stänkert über Stuttgart und Bremen: „Bei allem Respekt vor Piräus – aber wer gegen die Griechen zweimal verliert, besitzt nach internationalem Maßstab auch nicht viel mehr davon als ein Deutscher Meister, dem selbst die Glasgow Rangers die Rücklichter zeigen. Die Vermutung, man befinde sich dennoch mit der Spitzenklasse ‚auf Augenhöhe’, ist nur noch mit Karl Valentin zu erklären: Ein Optimist nimmt die Dinge nicht so tragisch, wie sie sind.“

Über den Stuttgarter Betriebsauslug

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Für dieses Gegentor gabs englischen Spott für Lehmann

Bundesliga

Kontrolle entglitten

Andreas Burkert (SZ) vermutet, dass Ottmar Hitzfeld die Suspendierung Oliver Kahns diktiert worden sei: „Es geht jetzt um die Reputation des erfolgreichsten Bundesliga-Trainers. Es ist ja schon wieder eifrig debattiert worden, ob nicht die Klubführung dem ohnehin schon in seiner Position geschwächten Chefcoach das per Pressemitteilung verkündete Urteil zum undisziplinierten Käptn Kahn vorgegeben habe. Das nächste Detail einer voranschreitenden Entmachtung? (…) Hitzfeld hat nun am Kapitän ein Exempel statuiert. Er hat Stärke dokumentieren wollen, denn er möchte wieder die Oberhand und die Aufmerksamkeit einer Mannschaft gewinnen, die intern auseinanderzudriften droht. Dafür hat er nun seinen glühendsten Fürsprecher geopfert. (…) Oliver Kahn ist längst isoliert in der Mannschaft, ‚er hat hier keinen einzigen Freund’, sagt einer der etablierten Spieler. Und nun gefährdete er auch noch eine ohnehin fragile Harmonie.

Sebastian Krass (Financial Times Deutschland) packt die Vereinsführung am Schlafittchen: „Der FC Bayern ist eine Großbaustelle, auf der den Baumeistern Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß die Kontrolle entglitten ist. Für Unruhe sorgt insbesondere die Personalie Hitzfeld. Seit der Kritik von Vorstandschef Rummenigge ist die Position des Trainers nachhaltig geschwächt. Und seine Vorgesetzten lassen die Dinge treiben, ein klares Bekenntnis zu Hitzfeld ist jedenfalls nicht zu vernehmen.“

Irrenhaus München? Aber hat sich Kahn nicht um sein „Kind“ kümmern müssen?

FR-Interview mit Michael Skibbe über sein Verhältnis zu Joachim Löw und die Belastung von Fußballern

DFL-Präsident Reinhard Rauball im FAZ-Interview über mögliche Regeländerungen in der Investorenfrage

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