indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 24. November 2007

Bundesliga

Ein Beruf mit großem Gestaltungsspielraum und genug Kleingeld

Frank Heike (FAZ) macht auf die radikale Personalpolitik Felix Magaths aufmerksam: „Zuletzt trieb Magath den Abschied des Pressesprechers Kurt Rippholz voran. Vorher hatte Magath schon andere aussortiert und die Posten in seiner Nähe mit Gefährten besetzt: Torwarttrainer Hoßbach musste zu den Amateuren, Volker Ippig kam. Amateurtrainer Kronhardt wurde von Geschäftsführer Magath gefeuert, Bernd Hollerbach übernahm. Team-Manager Roy Präger wurde degradiert, seine Aufgaben bekamen Assistent Seppo Eichkorn und Hollerbach übertragen. An Magaths Seite ist natürlich der Münchner Spezi Werner Leuthard als Konditionstrainer. Auch die Stelle des Nachwuchskoordinators soll Magath bald mit einem Vertrauten besetzen, ist zu hören. Und danach wolle er sich das Scouting vornehmen. Es hat in der jüngeren Vergangenheit keinen Verein in der Bundesliga gegeben, in dem eine einzige Person derart viel ändern durfte. Einen Beruf mit großem Gestaltungsspielraum (und genug Kleingeld) hatte sich Magath nach seiner schmerzlosen Entlassung beim FC Bayern gewünscht. Beim VfL hat er alle Freiheiten. Nicht eine kritische Stimme ist von VW zu hören, auch wenn der elfte Platz mit 16 Punkten gerade mal das Mindeste ist, was man als Resultat von Magaths Revirement erwartet hat. (…) Magath hat für Stabilität auf mittlerem Niveau gesorgt. Um höher zu steigen, wird er weiter umbauen.“

So beliebt und kein bisschen gefürchtet

Freddie Röckenhaus (SZ) sammelt die Minuspunkte des Dortmunder Trainers: „Thomas Doll klagt, dass er keinen 10er im Kader habe und deshalb improvisieren müsse. Viele Kritiker erwidern allerdings, dass Doll zu Saisonbeginn in Petric, Federico, Pienaar, Ricken und Sahin gleich fünf 10er zur Auswahl gestanden hätten, von denen er zumindest zwei selbst mit ausgesucht hatte. Doch Kritik, auch das vielleicht ein Fall aus der Psychologie von Angeschlagenen, verbittet sich Doll inzwischen komplett. Wer mit entscheiden wolle, der solle erstmal an der Sporthochschule den Fußballlehrer-Schein machen. Aber noch mehr ins Kontor schlägt die Misserfolgsrhetorik des Trainers. Wie schon in Hamburg, so setzt sich auch in Dortmund der kurze Wechsel immer gleicher, gestanzt wirkender Floskeln und Textbausteine fort. Die Spieler allerdings sind trotz dieser bisweilen uniform anmutenden Seminar-Sprechweise mit dem Trainer Doll sehr glücklich. Was manchen Beobachtern aber erst recht zu denken gibt. Ein Trainer, der so beliebt und kein bisschen gefürchtet ist – kann der in diesem rauen Bundesliga-Business wirklich Erfolg haben? Als das Team einen seiner zwei Glanzauftritte der Saison hatte (nach dem 3:0 gegen Werder Bremen), ging Doll mit den Spielern bis in die Puppen gemeinsam feiern.“

BLZ: Wie der FC Bayern München in Zukunft seine kritischen Anhänger zum Schweigen bringen will

Freitag, 23. November 2007

Internationaler Fußball

Hat der englische Selbstbetrug, zu den wirklich Großen zu gehören, nun ein Ende?

England scheidet aus – Zeit für Kritik an Trainer und System / Portugal minimalistisch / Die Lasten der Ost-Erweiterung (FAZ)

Christian Eichler (FAZ) fordert England nach dem Ausscheiden zur Besinnung und zu Reformen auf: „Vielleicht war es nur der ironische Gerechtigkeitssinn einer fußballkundigen Schicksalsgöttin: dass sie den Engländern nicht erlaubte, ihr Versagen auf die Ergebnisse anderer schieben zu können. Sie sollten es schon eigenfüßig vollenden. Beinahe wäre alles doch noch gutgegangen, der englische Selbstbetrug, zu den wirklich Großen der Fußballwelt zu gehören, wäre wieder einmal um zwei Jahre verlängert worden, bis zum nächsten großen Turnier. Wenn man in England nun endlich die Defizite in der Trainerausbildung angehen sollte, der taktischen Schulung von Talenten, der modernen Verbandsorganisation, die jahrelang von den Erfolgen der international geprägten Premier-League-Klubs übertüncht worden waren – dann wird das auch das Verdienst eines Dortmunders sein: Mladen Petric konnte er sich in Ruhe zwanzig Meter vor dem Tor den Ball auf jenen linken Fuß legen, von dem man in der Bundesliga, aber offenbar nicht im englischen Team weiß, dass er eine Wucht ist. So schoss er England für den Sommer 2008 von der europäischen Fußball-Landkarte. (…) Um ein Haar wäre McClaren der uncoolste aller EM-Trainer geworden, doch das hat der coolste Nationaltrainer Europas verhindert: der Ohrring tragende und Gitarre in einer Heavy-Metal-Band spielende Slaven Bilic. Der frühere Karlsruher sprach den Engländern einen so ehrlichen wie giftigen Trost zu: ‚Wacht auf. Ihr habt nicht wegen der Taktik verloren. Unser Team ist einfach besser.’ Ihr seid nicht zu dumm, ihr seid nur zu schlecht, wenn das kein Trost ist.“

Raphael Honigstein (taz) legt die Finger in englische Wunden: „Nicht zum ersten Mal hatte die Truppe Todessehnsucht erfasst, man erzwang regelrecht das eigene Unglück. Seitdem die weltweit verehrten Helden der Premier League mit miserablen Vorstellungen in der WM 2006 scheiterten, hat Unsicherheit das (oft unangebracht große) Selbstbewusstsein aus der Kabine verjagt. Überschätzt waren sie immer, aber trotzdem sicher besser als die Euro-Fahrer Schweden, Polen oder Russland. Dramatisch wurde das Problem erst, als in McClaren ein überforderter Trainer die Leitung übernahm, der den Kickern nie Glaube vermitteln oder ein funktionierendes System bieten konnte. Die nach wie vor eklatanten taktischen und technischen Defizite vieler Nationalspieler werden in den Spitzenvereinen von ausländischen Kollegen und Trainern kompensiert; in den Länderspielen aber offenbarte sich, wie nackt selbst Granden wie Steven Gerrard im weißen Trikot dastehen.“

Wir werden sie vermissen, die Engländer

Philipp Selldorf (SZ) wird im nächsten Jahr mit England die Unterhaltung fehlen: „Der Sport der Premier League ist ein großartiges Kulturprodukt und globales Fernsehereignis, das die Menschen in den Savannen Afrikas und den hintersten Dschungeldörfern Asiens begeistert, aber mit Englands Nationalelf hat das nicht viel zu tun. Es führt bloß dazu, dass die Handvoll wirklich guter englischer Profis maßlos überschätzt wird, und die Gagen für die Terrys, Gerrards oder Rooneys ins Absurde steigen. Man kichert darüber, dass die Engländer für ihren immer noch herrschenden imperialen Hochmut bestraft wurden. Aber man wird sie vermissen. Nicht wegen ihres Fußballs, sondern wegen ihrer Anhänger und der lustigen Geschichten, die die Zeitungen erfinden.“ Klaus Bellstedt (stern.de) stimmt ein: „Auch wenn es in Deutschland so richtig keiner zugeben wird: Wir werden sie vermissen, die Engländer.“

Weder fachlich qualifiziert noch dem Amt nervlich gewachsen

Henning Hoff (zeit.de) warnt vor dem Glauben, mit einem Trainerwechsel alleine wäre es getan: „Dass aus dem englischen Nationalteam die Luft heraus ist, liegt nicht nur an McClaren und seinem Mangel an Konsequenz und Ideen, taktischer Raffinesse und moderner Spielauffassung. Verband, selbstherrliche Spieler und hochemotionale Medien haben sich gemeinsam in eine Situation verrannt, wo Strukturen veraltet sind, und die englische Fußballnation trotz der internationalsten und erfolgreichsten Liga der Welt oft merkwürdig provinziell im eigenen Sud kocht.“

Barbara Klimke (Berliner Zeitung) hingegen fokussiert ihre Kritik auf den Trainer: „Warum hat sich die FA erst zu entschlossenem Handeln durchgerungen, als die Katastrophe bereits eingetreten war? Hinweise dafür, dass Steve McClaren, der achtzehn Monate über die Nationalelf herrschte, offenbar weder fachlich ausreichend qualifiziert war für diesen Job, noch dem Amt nervlich gewachsen war, gab es genug: Nur Trainer, die eine heimliche Lust am Untergang verspüren, nominieren einen Torwart wie Scott Carson (22) für ein derart wichtiges Spiel. Der beklagenswerte Carson hatte nie zuvor in einem internationalen Pflichtspiel auf dem Platz gestanden: Kein Wunder, dass ihm die Nerven flatterten. (…) McClaren gab dem Fußballanhang weitere Rätsel auf, zum Beispiel wechselte er David Beckham erst nach der Pause ein. Nichts prägte McClarens Wirken mehr als der Fakt, dass er bis zum Schluss nicht wusste, wie er umgehen sollte mit seinem Hollywood-Star im Team. Nach der WM warf er Beckham kühl und managermäßig aus dem Team, um ein Zeichen für einen Neuanfang zu setzen. Als ihm nach einem 0:0 in Israel das Wasser bis zum Halse stand, holte er Beckham zurück, der es ihm mit zwei Vorlagen beim 3:0-Sieg über Estland dankte. Es gehört zu den Absurditäten der Ära McClaren, dass Beckham ihn im Nationalteam wohl überlebt.“

Ausgeschieden, aber welch eine Flanke von Beckham zum 2:2!

Prosa gegen Poesie

Georg Bucher (Neue Zürcher Zeitung) befasst sich mit der Qualifikation Portugals: „Anhänger der Selecção waren mehrheitlich enttäuscht von Scolaris Taktik. Konservatismus hielten sie ihm vor, eine übervorsichtige Strategie, die es den Spielern verwehrte, ihre Begabung zu zeigen. Prosa gegen Poesie – so könnte man die Kluft zwischen Trainer auf der einen, Aficionados und Medien auf der anderen Seite umschreiben. Ein Graben, der immer schon bestand und wohl nicht mehr zu überbrücken ist: hier nüchternes Kalkül, dort magische Erwartungen.“

BLZ: Rekorde für den Rentner – Otto Rehhagel führt Titelverteidiger Griechenland zur besten Quote in der EM-Qualifikation

Zumutung für verwöhnte Luxus-Profis – und für Fans

Fazit – Eichler hält es für den sportlichen Wert nicht dienlich, dass so viele Teilrepubliken der Ex-UdSSR bei der Europameisterschaftsqualifikation mitspielen: „Das große Glück der deutschen Elf war es, die einzige Qualifikationsgruppe erwischt zu haben ohne sowjetische oder jugoslawische Restbestände, ohne mittwöchliche Kaukasus- oder Balkan-Trips zwischen den Liga-Spieltagen. Gleich dreimal dagegen mussten etwa Polen und Portugiesen in den Kaukasus oder dahinter. Weder Kasachstan noch Aserbaidschan, weder Armenien noch Georgien kamen auch nur annähernd in die Nähe einer EM-Teilnahme, auswärts holten sie (bis auf Georgien auf den Färöern) keinen einzigen Punkt. Daheim in Asien aber haben sie einigen Europäern ein Bein gestellt, was wohl nicht für sportliche Qualität spricht und für einen Gewinn als Schauwert durch diese Ost-Erweiterung, sondern für die Widrigkeit der Reise und Holprigkeit der Plätze. Schottland gewann in Frankreich und verlor in Georgien – es kostete die EM-Chance. Die Finnen bestanden gegen Polen und Portugal, verloren Punkte aber in Aserbaidschan und Armenien. Die Serben ließen die EM-Teilnahme in Kasachstan liegen. Man könnte das den Reiz sportlicher Unwägbarkeit nennen, eine schöne Zumutung für verwöhnte Luxus-Profis. Doch am Ende ist es auch eine Zumutung für die Fans, die bei über dreihundert Qualifikationsspielen zu viele unschöne und ungleiche Partien geboten bekamen, ehe kaum ein Dutzend Mal wirklich gute Teams entscheidend aufeinandertrafen.“

In den Tiefen der kasachischen Steppe starb so mancher Fußballtraum von der EM-Qualifikation

Deutsche Elf

Die Gegner sitzen nicht nur in Europa

Das 0:0 gegen Wales ärgert die FAZ, weil es Rudi Völler und den Traditionalisten in die Hände spielen könnte

Michael Horeni (FAZ) interpretiert das Spiel gegen Wales vor dem Hintergrund des Streits zwischen Oliver Bierhoff und der Bundesliga und ärgert sich darüber, dass es die Mannschaft durch ihr schwaches Spiel verpasst hat, Rudi Völler und Genossen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Außerdem kritisiert er die defensive Harmonie Joachim Löws: „Es gibt in der Debatte keine einzige bedeutende Stimme aus der Liga, die sich auf die Seite der Nationalelf stellt. Der alte Konflikt zwischen Traditionalisten und Reformern, der mit der WM beendet und entschieden schien, hat seine Fortsetzung gefunden. Das Liga-Imperium hat bei der erstbesten Gelegenheit gnadenlos und inhaltslos zurückgeschlagen. Löw jedoch leugnete den Konflikt. Er sprach lieber von der erstklassigen Zusammenarbeit mit den Ligatrainern, als seinen Manager zu verteidigen und den Konflikt öffentlich auszuhalten. Auch wenn es zum Konzept der Arbeitsteilung zwischen Trainer und Manager gehören mag, hier der liebe Löw, da der böse Bierhoff, stellt sich die Frage, wer eigentlich die entscheidende Kraft bei der Nationalmannschaft ist – und wer sie in möglichen sportlichen Krisen sein wird und sein kann. Der Bundestrainer jedenfalls wirkte erstmals kraftlos, weil er nur als sportliche Fachkraft auftrat. Das aber reicht nicht, wenn Führungskraft gefragt ist. Auch seine Spieler hatten auf die Attacken aus Leverkusen und der allgemeinen Solidarisierung des alten deutschen Fußballsystems keine entsprechende Reaktion parat. Man kann sagen, dass sie den Kampf verweigert haben. Vielleicht aber haben sie auch nur die Notwendigkeit nicht erkannt, mit entsprechendem Einsatz und Leidenschaft für ein Konzept zu kämpfen, für das es sich zu kämpfen lohnt.“

In einem weiteren Artikel vertieft Horeni seine Sorge um die Spaltung Fußballdeutschlands: „An einem Abend, an dem den WM-Dritten rein gar nichts gelingen wollte, hinterließen die Spieler und der Bundestrainer ihr Publikum ein wenig ratlos – und umgekehrt. Löw tat so, als ob ein sportlicher Reinfall gegen eine international zweitklassige Auswahl zur normalen Schwankungsbreite bei einer ansonsten gelungenen EM-Qualifikationstour gehörte. Das 0:3 gegen Tschechien erwähnte er dabei gar nicht, denn auch dieses Spiel lief bei Löw unter der Rubrik qualifikationstechnischer Sonderfall. Man würde allerdings ganz gerne wissen, ob er auch intern über solche Auftritte so gelassen hinwegredet. Defizite, Schwierigkeiten, Diskussionsbedarf? Jedenfalls nicht für den Bundestrainer, nicht einmal beim Konflikt mit der Bundesliga. ‚Da wird es mit Sicherheit keine Probleme geben. Wir haben einen sehr guten Draht zu den Trainern’, sagte Löw, als ob die Debatte nach Völlers Angriffen gegen Bierhoff nicht schon die Nationalmannschaft isoliert hätte – und damit auch die Philosophie, die Löw und Bierhoff im DFB weiter durchsetzen und auch in den Nachwuchsmannschaften und bei der Trainerausbildung etablieren wollen. Uli Hoeneß, Heribert Bruchhagen, Felix Magath, Horst Heldt oder Rudi Bommer – die Kritik an der von Bierhoff vorgetragenen sportlichen Leitidee kennt in der Liga mittlerweile keine Klassenunterschiede mehr. (…) Die Gegner der Nationalmannschaft, so viel ist vor der Endrunde sicher, sitzen nicht nur in Europa.“

Die Zeit des Kuschelns ist vorbei

Auch Moritz Müller-Wirth (zeit.de) erwartet mehr Verve vom Bundestrainer: „Löw vermittelte den Eindruck demonstrativer Gelassenheit, die in manchen Punkten schon an Ignoranz zu grenzen schien. Als er dann auch noch das hoch emotionale Scharmützel zwischen Völler und Bierhoff über die Qualitäten von Nationalelf und Bundesliga unter den ‚Alles-in-Butter’-Teppich kehrte, stellte sich mancher die Führungsfrage: Was wohl veranlasst diesen klugen, zielstrebigen, erfolgreichen und beliebten Mann, in dieser Situation so gar keine Anzeichen von Problembewusstsein aufscheinen zu lassen? Die Frage bleibt wohl bis auf weiteres unbeantwortet.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) hält den Unmut der Fans für eine gute Vorbereitung auf kommende Aufgaben: „Der Abschluss des Jahres 2007 deutet an, dass das Jahr 2008 für die deutschen Fußballer wohl nicht so leicht laufen wird wie gedacht. Die Pfiffe von Frankfurt könnten sich in diesem Lernprozess sogar noch als hilfreich erweisen: Sie bereiten die Mannschaft, die noch den wärmenden Applaus der Heim-WM 2006 im Ohr hat, auf die ungemütliche Atmosphäre einer EM in der Fremde vor. Sie zeigen ihr: Die Zeit des Kuschelns ist vorerst vorbei.“

FAZ-Interview mit Joachim Löw: „Das Publikum ist ein bisschen verwöhnt“

Der tödliche Pass: Der deutsche Vereinsfußball existiert nicht

Donnerstag, 22. November 2007

Internationaler Fußball

Es wird ein Retter des englischen Fußballs gesucht – er darf sogar Deutscher sein

Englische Pressestimmen nach dem Ausscheiden Englands in der EM-Qualifikation / Jürgen Klinsmann ist einer der gewünschten Nachfolger des entlassenen Trainer Steve McClaren

Martin Samuel (Times) ergründet die Schwäche der Engländer: „England ist nicht bei der EM dabei und zwar deshalb, weil es am entscheidenden Abend nicht verteidigen konnte. McClarens Entscheidung, seinen ursprünglich dritten Torhüter, Scott Carson, einzusetzen, war einer der zentralen Bausteine dieses Unglücks. Ihm jedoch die alleinige Verantwortung zuzuschreiben, würde bedeuten, dass man das Quartett vor ihm zu Unrecht von aller Schuld freispricht. An einem Abend, an dem es gereicht hätte, einfach nur das eigene Gehäuse sauber zu halten, kann man bei einem Gegentreffer noch von Pech sprechen. Aber drei Stück zu kassieren ist, seien wir ehrlich, erbärmlich. Die Entschuldigung, dass McClaren hinten auf vier Stammkräfte verzichten musste, nutzt da nichts. Der englische Fußball muss einfach besser sein, als das was wir gestern geboten bekamen. Und wenn das nicht der Fall ist, dann weiß der Verantwortliche, was ihn erwartet.“

James Lawton (Independent) spricht von der „beschämendsten Niederlage, seit England 1950 gegen die Hobby-Fußballer aus den USA die Qualifikation für die WM in Brasilien verpasste“, und bezeichnet das Ausscheiden als „Demütigung epischen Ausmaßes”: „McClaren hat das bestätigt, was immer vermutet wurde: Er hat es nicht geschafft, das englische Team weiterzuentwickeln und der Mannschaft Schwung und eine klare Spielanlage zu geben. Aber genau das wäre nötig gewesen nach dem enttäuschenden Regime von Sven Göran Eriksson. Die Wahrheit ist, dass es für England schmeichelhaft gewesen wäre, einen Platz in der Elite Europas in Österreich und der Schweiz einzunehmen. (…) Es wurde gestern deutlich, dass die englische Mannschaft weder die Einstellung noch das Personal oder gar den Teamgeist hatte, um sich auf das wichtigste Spiel einzulassen, das einige der Spieler – und ganz sicher Steve McClaren – in ihrer Karriere erleben würden. Die Kroaten spielten gestern auf einem deutlich höheren fußballerischen Level. Sie ließen ihr Spiel einfach aussehen, weil sie eingespielt waren und eine genaue Marschroute vor Augen hatten. Das englische Team ist nicht die ‚Goldene Generation’, von der so viel die Rede war, sondern vielmehr das Resultat das herauskommt, wenn man immer und immer wieder genau die falschen Entscheidungen trifft.“

Matt Dickinson (Times Online) macht sich Gedanken darüber, wer die „Three Lions“ nun übernehmen könnte: „Es ist anzunehmen, dass sich die FA jetzt im Ausland umsehen wird. Einen Geheimfavoriten gibt es jedoch: Alan Shearer. Als ehemaliger Publikumsliebling, würden die Fans seine Verpflichtung sicherlich begrüßen. Und die FA lässt sich ganz gerne davon beeinflussen. Aber hat der Verband den Mut, wieder in einen Trainerneuling zu investieren, oder holt man Hilfe aus dem Ausland? Jürgen Klinsmann ist arbeitslos und wartet in Kalifornien auf ein gutes Angebot. Billig wäre er nicht, zudem würde er eine ganze Armee von Mitarbeitern mitbringen. Aber mit seiner positiven Ausstrahlung würde er die Stimmung mal wieder aufhellen. Und die englischen Fans würden wahrscheinlich jeden akzeptieren, solange er das Team aus der Krise führt. Es wird ein Retter des englischen Fußballs gesucht – er darf sogar Deutscher sein. Arbeitslos ist auch José Mourinho, doch während er eine sechsmonatige Hilfsaktion für den englischen Fußball [bei erfolgreicher EM-Quali; Anm. d. R.] vielleicht in Betracht gezogen hätte, wird er nun wohl in Ruhe auf ein Angebot eines großen Klubs aus Spanien, Italien oder Deutschland warten.“

Ausgewertet und übersetzt von Alexander Neumann

Ball und Buchstabe

In München sind die Fans Folklore

Achtet Bayern München seine Fans oder schätzt es sie gering? Sebastian Krass (Financial Times Deutschland) lässt Uli Hoeneß’ Erklärungen ins Leere laufen: „In der Sport Bild polterte er wieder los. Wohl um dem Magazin – eine Art Hausorgan des FC Bayern – noch mit einer Meldung in die Nachrichten zu verhelfen, lieferte Hoeneß ein zitierfähiges, wenn auch offenkundig substanzloses Zitat: ‚Wenn das nicht lösbar ist, höre ich auf!’ Bei den Bayern ist ein Konflikt offen ausgebrochen, der auch in anderen Vereinen schwelt. Zwar können die Fans kaum mehr wirtschaftliche Macht ausüben, etwa indem sie dem Stadion fernbleiben. Die Bedeutung der Eintrittsgelder für die Etats hat extrem abgenommen, und speziell in München füllt sich die Arena dank der Stadiontouristen von allein. ‚Aber die meinungsbildende Macht wird größer und kann die Atmosphäre rund um die Vereine beeinflussen’, glaubt Michael Gabriel, Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fan-Projekte. Bei seinem Versuch, dagegen vorzugehen, verlässt sich Hoeneß auf die hohe Glaubwürdigkeit, die er selbst bei Bayern-Gegnern erlangt hat. Er weiß: Vom Negativen bleibt immer etwas hängen. Als nächster Schritt steht nun wieder ein Stück Versöhnung an. Vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg ist ein Fan-Treffen angesetzt. Doch das dürfte außer warmen Worten nicht viel ergeben. Die tiefsitzenden Konflikte sind strukturell bedingt. Der FC Bayern hat die meisten Anhänger in Deutschland – aber der Klub beschäftigt nur zwei Fan-Beauftragte. Da sind andere Vereine viel weiter, Arminia Bielefeld oder der VfL Bochum und vor allem der Hamburger SV. ‚Der HSV ist vorbildhaft aufgestellt. Während in München die Fans eher Folklore sind, finden in Hamburg die Fan-Beauftragten, das Fan-Projekt und der Supportersclub Gehör und werden ernst genommen’, sagt Gabriel. Der HSV-Supportersclub hat sogar einen Sitz im Aufsichtsrat. Eine solche Konstruktion ist beim FC Bayern unter Hoeneß sicher undenkbar.“

Anachronismus

Am Fall Hoeneß versus Fans zeigt Christof Siemes (Zeit) Parallelen und Unterschiede zwischen Fußball und Politik: „In dem neuen Fußball-Märchenschloss vor den Toren Münchens fühlen sie sich als hoch subventionierte Hofnarren nicht mehr wohl. Man kann das, wie Hoeneß, Undankbarkeit nennen: Da tut man alles für sie, und dann wollen sie nicht mal tanzen und singen! Man kann darin aber auch die Resignation der Überflüssigen sehen, die zum Funktionieren des Vereins (der Gesellschaft) nicht mehr wirklich gebraucht werden, aber aus schlechtem Gewissen oder aus Gründen der humanitären Folklore mitgeschleppt werden. Die ganze Hilflosigkeit der Bayern-Verantwortlichen zeigt sich in ihrem Angebot, den Anhängern bei jedem Heimspiel eine Blaskapelle zu spendieren. Das ist das Kulturprogramm für den sozialen Brennpunkt. Die Kurvenfans in ihren Kutten sind ein Anachronismus in einer hypermodernen Arena, die vor allem von Touristen besucht wird, auf der Suche nach den großen Emotionen, zu denen sie selbst nicht mehr fähig sind. Im richtigen Leben ist das die Stimmung, in der Revolten gedeihen. Aber da funktioniert der Fußball dann doch anders, weshalb Hoeneß’ Angriff auf die eigene Basis folgenlos bleiben wird. Zum einen macht ihn seine Wut geradezu liebenswert, liefert sie doch genau die Emotionen, deren Fehlen die Fans beklagen. Zum anderen hält der Fußball ein Beruhigungsmittel parat, das Politiker kaum verabreichen können: Siege. Spätestens am kommenden Wochenende, wenn beispielsweise der vom Geld der Logenbesitzer finanzierte Starstürmer Luca Toni in der Allianz Arena das nächste Tor schießt, werden sich Manager und Fans wieder in den Armen liegen. Und jeder weiß wieder, wer er ist.“

Deutsche Elf

Die fachliche Debatte blieb aus

Andreas Burkert (SZ) gibt Bierhoff recht und fordert die Liga dazu auf, sich mit der Sache zu befassen: „Bierhoff hat natürlich ein großes Problem: Das Lied ‚Es gibt nur ein’’ Olli Bierhoff’ – das gibt es nicht. Bierhoff ist halt in Italien nur Meister und Schützenkönig geworden, er entschied nur das EM-Finale 1996 mit seinen Toren. Eine Legende wie Völler ist er deshalb noch lange nicht; dafür polarisierte der Stürmer Bierhoff zu sehr, und dafür schloss er ein Studium und einen Shampoovertrag zu viel ab. Aus einem intellektuellen Stürmer wird selten eine Legende. Und wenn so jemand die Liga höflich, aber mit Nachdruck und sogar mehrfach darauf hinweist, dass sie sich womöglich aus gutem Grund ständig im Europacup blamiert – bekommt er ‚zum Arzt gehen’ und ‚Schlaumeier’ zu hören. Und so wurden diese Woche vor allem Eitelkeiten gepflegt. Die fachliche Debatte blieb natürlich aus. Dabei ist die Liga längst in Erklärungsnot geraten angesichts einer seltsamen Diskrepanz zwischen der Euphorie um eine modern wirkende Nationalelf und der Tristesse um international abgehängte Klubs. Darüber sollten die Herren einmal diskutieren. Ausdauernd. Und unter sich.“

Kompetenzüberschreitung

Ralf Köttker (Welt) stört sich an Bierhoffs Stil und fährt ihm übers Maul: „Auch wenn seine Ideen zu Weiterentwicklung des Fußballs oftmals gut und gutgemeint sind, ist die Art der Kommunikation häufig kontraproduktiv. Bierhoff wirkt bisweilen arrogant, besserwisserisch. Er vermittelt durch sein Auftreten und seine Aussagen eine Botschaft: Wir sind innovativ, die Vereine sind inkonsequent. Wir sind modern, die Klubs altmodisch. Durch die vielen Siege lässt er manchmal das nötige Fingerspitzengefühl vermissen. Bierhoff muss einsehen, dass es in seiner Funktion nur ein kleiner Schritt zur Kompetenzüberschreitung ist. Es ist sein Recht, Anstöße und Anregungen zu geben. Aber es steht ihm nicht zu, Vereinen und Trainern Ratschläge zu erteilen und sich in die Führung dieser mittelständischen Betriebe einzumischen.“

Hoffnung

Vermittelnd gesteht Jan Christian Müller (FR) den Klubs zu, in die Zukunft investiert zu haben: „Die alten Fahrensmänner Rudi Völler und Uli Hoeneß werden bei nüchterner Betrachtung einräumen müssen, dass die Vorhaltungen von Oliver Bierhoff zwar wehtun mögen, durch die Ergebnisse deutscher Teams aber gedeckt werden. Denn es handelt sich dabei ja nicht um einzelne Aussetzer, sondern um eine seit Jahren anhaltende Abwärtsbewegung. Auch das Gejammer, der deutsche Fußball sei im europäischen Vergleich finanziell nicht gut genug ausgestattet, bedarf genaueren Hinsehens: Bundesligisten kassieren zwar weniger als die Premier-League-Klubs, sie nehmen jedoch genauso viel Geld ein wie ihre Konkurrenten aus Spanien und Italien. Aber die Vereine der Primera Division und Serie A haben nahezu jeden Cent fürs Personal ausgegeben und ihre Spielstätten derweil dem Pilzbefall überlassen. In Deutschland sind Hunderte Millionen in Stadien und Nachwuchszentren investiert worden. Das lässt für die Zukunft hoffen.“

Mittwoch, 21. November 2007

Internationaler Fußball

Potenzial für Überraschungen

Olaf Sundermeyer (Neue Zürcher Zeitung) führt die erstmalige EM-Qualifikation Polens auf die Arbeit des Trainers zurück und erteilt dem Verband Ratschläge: „Leo Beenhakker gilt als Reformer des polnischen Fußballs, der immer noch mit den Seilschaften des Postkommunismus durchzogen ist. Er ist der erste Ausländer in diesem Job. Dank seinem Erfolg wird sein Einfluss nun wachsen. Bisher ging es dabei nur um das Umfeld der Nationalmannschaft, das nach internationalen Maßstäben unprofessionell organisiert war. Aber Polen wäre gut beraten, wenn Beenhakkers Professionalität auch auf den Jugendbereich ausgedehnt werden würde. Während man hier immer noch den in Polen aufgewachsenen deutschen Stürmern Lukas Podolski und Miroslav Klose hinterhertrauert, hat beispielsweise der türkische Verband in Deutschland längst einen Stützpunkt errichtet, der türkische Talente frühzeitig anbindet. Für den langfristigen Erfolg müsste Beenhakker auch jungen Spielern aus der heimischen Ekstraklasa eine Chance geben. Bis anhin vertraut er fast ausschließlich auf bewährte ‚Legionäre’. Für den ganz großen Wurf fehlen der Mannschaft allerdings noch einige zentrale Spieler. So wird Polen bestimmt nicht als Geheimfavorit zur Euro 2008 reisen – aber das Potenzial für Überraschungen hat die Equipe allemal.“

FAZ: Sport und Politik in Polen – korrupte Korruptionsjäger

Skepsis und Verdruss

Bertram Job (Neue Zürcher Zeitung) versucht, aus Hollands Mannschaft und Anhängern schlau zu werden: „Ausgerechnet im glücklichen Moment der Qualifikation dominierte fortgesetzte Skepsis und Verdruss die allgemeine Stimmung. In Hollands Fußball wird eben immer noch ein bisschen mehr als anderswo erwartet. Mögen die Ansprüche des kleinen Landes in anderen Dingen oft von ernüchternder Zweckmäßigkeit sein, wie unterschiedslos gebaute Siedlungen und eher dürftige Speisekarten in gehäufter Regelmäßigkeit belegen – sobald der Ball für ‚het spelletje’ rollt, soll alles ästhetisch perfekt sein. Es war allerdings auch oft widersprüchlich, wie die Auswahl des argwöhnisch beobachteten Trainers Marco van Basten sich den Weg nach Österreich und in die Schweiz ebnete. Da erschien etwa die häufig umformierte Abwehr immer wieder labil und wenig abgestimmt. Dennoch ließ sie nur drei Gegentore zu – eine Bilanz, die in Europa nur von der französischen Equipe egalisiert wird. Umgekehrt rieben sich die Fans bereits die Hände angesichts jener Menge an internationalen Topstürmern wie van Nistelrooy, Robben, Kuyt und Co. Wenn es darauf ankam, war aber gerade die mangelhafte Verwertung der optischen Überlegenheit sehr auffällig.“

Mangel an neuen Ideen und Gesichtern

Christian Eichler (FAZ) analysiert gewohnt vortrefflich die Strategieschwäche der Fußballer Englands: „In den letzten Wochen wurde in der Öffentlichkeit die alte Diskussion wiederaufgenommen, was denn faul ist in einem Land, dessen Spieler im Klubteam brillieren und im Nationalteam dilettieren. Die beliebteste Antwort lautete wie stets: Die Ausländer sind schuld. Weil sie angeblich englischen Talenten den Weg versperren. Das kann aber sicher nicht die Länderspiel-Schwächen eines Lampard oder Rooney erklären und schon gar nicht die kollektive Unfähigkeit, die Spielweise dem Spiel anzupassen, also: in einem Spiel zu lernen. Eine Wende, wie sie etwa dem FC Liverpool im Champions-League-Finale 2005 gelang, ein Sieg nach 0:3-Rückstand gegen Milan, ist England in diesem Jahrzehnt nicht einmal auch nur ansatzweise gelungen. Es gibt keine wichtige Partie, in der England in der zweiten Halbzeit besser war als in der ersten. Die wichtigsten Spiele verlor man allesamt nach eigener Führung, wie in den Viertelfinals der WM 2002 und der EM 2004. Das typische englische Ergebnis gegen taktisch starke Gegner ist ein 1:2 nach 1:0-Führung, wie gegen Deutschland im August oder in Russland im Oktober. Es zeigt, dass im englischen Spiel jene taktische Intelligenz fehlt, die nötig wäre, um für Titel in Frage zu kommen.“

Am Nationaltrainer lässt er noch weniger gute Haare und rechnet mit einer kurzen Amtszeit: „Wenn die taktische Intelligenz auf dem Platz fehlt, braucht man sie auf der Bank. Doch in sechs Jahren als Assistenztrainer und in anderthalb als Chef hat Steve McClaren die Mängel in der Feinabstimmung, in der Flexibilität der Spielanlage nur verwaltet, nicht bekämpft. Unter Top-Trainern gilt England deshalb inzwischen als undankbare Aufgabe – junge Spieler rücken kaum nach, die alten haben sich nicht entwickelt. Im vergangenen Jahr, als Sven-Göran Eriksson nach der WM gehen musste, zeigten sich die Top-Trainer der Insel, allesamt keine Engländer, wenigstens noch geschmeichelt, wenn man sie mit dem Posten in Verbindung brachte. Inzwischen klingt es, wenn ein Mourinho oder ein Wenger äußern, dass ein Engländer den Job erledigen müsse, eher wie: Macht euren Mist doch alleine! Es ist das Glück der zweitklassigen Lösung McClaren, dass keine erstklassige seinen Job will – was bald aber auch nicht mehr reichen könnte.“

Auch Raphael Honigstein (FR) kritisiert McClaren: „Verletzungen im Sturm – Wayne Rooney und Michael Owen fallen aus – schränken McClarens Möglichkeiten ein, doch das Festhalten an dem mittlerweile nahezu unbeweglichen David Beckham ist bezeichnend für den ernüchternden Mangel an neuen Ideen und Gesichtern. Der vom interkontinentalen Pendlertum zermürbte Becks geht auf die 100 zu, was die Anzahl der Länderspiele angeht, und beim 98. Match für England, dem 1:0-Sieg in Wien, spielte er bereits mit dreistelliger Langsamkeit. McClaren vertraut trotzdem auf seine Freistöße und Flanken.“

NZZ: Ganz England feiert Israel – Fußball-Auswahl einen Steinwurf von der EM-Teilnahme entfernt

Kein Wunder zu erwarten

Elisabeth Schlammerl (FAZ) rät Österreichs Fans, ja was wohl?, sich von der EM 08 nicht allzu viel zu erhoffen: „Die Erwartungen sind erstaunlich hoch für eine Nation, die ihr sportliches Selbstbewusstsein vornehmlich aus Erfolgen in Skirennen bezieht. Die Helden im Schnee werden verehrt und vergöttert und im Falle einer Niederlage vor allem bemitleidet, aber kaum einmal hart attackiert. Beim Skisport sind die Österreicher leidensfähig, beim Fußball offensichtlich nicht. Der Sieg gegen die Elfenbeinküste hat die unrealistische Hoffnung genährt, dass die EM vielleicht doch zu einem österreichisches Sommermärchen werden könnte, und auch um die Initiative eines Innsbruckers, besser freiwillig auf die Teilnahme zu verzichten, war es in den vergangenen Wochen ruhiger geworden. Auf dem Rasen hat das Land der Berge schon länger keine Helden mehr, da lebt es noch immer vom beinahe dreißig Jahre zurückliegenden Triumph bei der WM 1978 über Deutschland. Der Triumph von Córdoba wird regelmäßig bemüht, selbst auf der Homepage des Österreichischen Fußballbundes fehlt der Hinweis auf diesen letzten glorreichen Moment der Vergangenheit nicht. In der Gegenwart gab es kaum Gelegenheit, sich zu berauschen. Und auch in der nahen Zukunft ist kein neues österreichisches Fußballwunder zu erwarten.“

Das letzte österreichische Fußballwunder

NZZ: Steigerung nach Fehlstart – spanische Auswahl will Gespenster der Vergangenheit bannen

NZZ: Hoffen auf den Wunderdoktor – Finnland unter dem früheren Schweizer Coach Hodgson in Portugal mit EM-Ambitionen

NZZ-Interview mit Nigerias Coach Berti Vogts über Nachteile in Afrika und Vorteile von früher

Ball und Buchstabe

Uli Hoeneß auf DDR 1

Unbedingt lesen, am besten den ganzen Text (folgen Sie dem Link)! allesaussersport zerpflückt Uli Hoeneß, der sich im Bayerischen Rundfunk für seine Entgleisung rechtfertigt, und den Bayerischen Rundfunk wegen Kriecherei: „Wenn die Rhetorik, die Uli Hoeneß an den Tag legte, wirklich das spiegelt, was er denkt, dann Gute Nacht. Es wurden gar nicht erst Differenzierungen bemüht, sondern die beiden Gruppen an die Wand genagelt und je nachdem, wie es gerade der Argumentation diente, zu absoluten Minoritäten deklariert (einige hundert Mitglieder) oder zu gewalttätigen Untergrundorganisationen kurz vor der Übernahme der Weltherrschaft. Die beiden Fan-Gruppen wollen ‚die Macht’ oder ‚die Kontrolle’ in der Südkurve. Auch wenn Hoeneß im Tonfall ruhig bleibt, vergaloppiert sich mitunter sein Vokabular, das zuerst die beiden Gruppen für den Überfall auf den Nürnberger Bus ‚mitverantwortlich’ und später für die Randale an einer Tankstelle in Duisburg ‚hauptverantwortlich’ macht. Schließlich reicht schon die Vernetzung im Internet aus, um subversive Aktionen zu unterstellen, die in ‚italienische Verhältnisse’ münden könnten. Details, wer wie was wann für Vorschläge wem gegenüber macht, sind nicht relevant, denn für Hoeneß reicht der grobe Pinselstrich, um beide Gruppen in Gesamtheit an die Wand zu nageln. Inhaltliche Auseinandersetzungen scheinen, folgt man dem Hoeneß’schen Duktus, nicht mehr gewünscht. Hoeneß’ Bemerkung über die Aktivitäten der Fangruppen im Internet, lassen ahnen, dass auch Hoeneß inzwischen nicht greifen kann, was da vor sich geht. Klassischer Generationenkonflikt. Dafür dass Uli Hoeneß vermutlich mehrere Tage Zeit hatte, sich auf das TV-Gespräch vorzubereiten, überraschend massiv. Und erstaunlich unprofessionell, wenn man davon ausgeht, dass das Internet kein unwesentlicher Bestandteil im Leben vieler Menschen der Zielgruppe Bayern Münchens einnimmt. Die eigentliche Bankrotterklärung ist vermutlich die, dass Uli Hoeneß immer noch derjenige aus der Führungsetage des FCB ist, dem die meiste Empathie für die Fans zugetraut wird.“

allesaussersport wirft der Fragestellerin Versagen auf ganzer Linie vor: „Isabella Müller-Reinhardt war das fleischgewordene Elend des deutschen TV-Sportjournalisten. Sie begann als Stichwortgeberin, reduzierte ihre Präsenz dann auf devote Begleitgeräusche, um Hoeneß zu sekundieren und seine Argumentation zu wiederholen. Dieses Interview macht auf vielen Ebenen fassungslos. Es sind die ‚Fragen’ die sie gestellt hat, die Fragen, die sie nicht gestellt hat, die Zustimmung, die sie Hoeneß mehrmals gibt und schließlich die komplette Übernahme der Hoeneß’schen Meinung.“

Das auch noch! Die einzige kritische Frage, die sich die Journalistin Hoeneß zu stellen wagt, nämlich ob er den angegriffenen Fan-Gruppen nicht eine zu große öffentliche Resonanz verschafft habe, zeuge, meint allesaussersport, von ihrer falschen Vorstellung über ihre Profession (und auch von ihrer falschen Vorstellung von Resonanz): „Frau Müller-Reinhardt, es gehört zum Journalismus, dass man sich bei der ‚Gegenseite’ erkundigt und diese zu Wort kommen lässt. Das sollte einer der Unterscheidungsmerkmale zwischen Bayrischen Rundfunk und DDR 1 sein.“

Hofberichterstattung, dass einem die Tränen die Backen runterkullern oder sich die Fäuste in der Tasche ballen – das Hoeneß-Interview im Blickpunkt Sport als Podcast (via allesaussersport)

Eine Ergänzung: Gestern soll der Bayern-Herrmann im DSF Hoeneß gefragt haben, ob er, Hoeneß, wichtiger sei als die Bundeskanzlerin. Hoeneß soll, sichtlich geschmeichelt, verneint haben.

Bayern wünscht keine kritische Dachorganisation von Fans

Auch Markus Schäflein (SZ) befasst sich skeptisch mit Hoeneß’ Angriff auf den Club Nr. 12 und seiner Warnung vor „italienischen“ Verhältnissen: „Der C12 ist das falsche Ziel solcher Warnungen. Er ist eine Dachorganisation zahlreicher Fanklubs. Dort sind die Vorsitzenden oder andere Vertreter von offiziell registrierten Fanklubs Mitglieder. Hoeneß steckte also nicht nur ein paar hundert Fans, sondern Tausende in die Gewalttäter-Schublade. Die Reaktionen im Internet-Forum des FCB fielen erwartungsgemäß aus. (…) Bezeichnenderweise verlor Hoeneß die Kontrolle nicht beim Thema Gewalt, sondern bei der Kritik am Kommerz und der Organisation in der Arena. Anstoßzeiten, Sitzplätze, Trikots in Sponsorfarben – der C12 hat schon vieles bekämpft, das dem FC Bayern Geld bringt. Erneut erhält der Verdacht Nahrung, dass der Verein eine externe, kritische Dachorganisation von Fans nicht wünscht und denkt: Die einzige legitime Dachorganisation der Bayernfans ist – der FC Bayern.“

Deutsche Elf

Wir reden immer nur über uns

Weiteres zum Völler-Bierhoff-Streit

Oliver Bierhoff nimmt heute in der FAZ Stellung zu dem Streit mit Rudi Völler und entkräftet den Vorwurf der Besserwisserei: „Ich glaube, dass die Chemie zwischen Rudi und mir nicht optimal ist, aus welchen Gründen auch immer. Aber das Problem haben wir ja schon seit dem ersten Tag mit Jürgen Klinsmann, dass manche unsere Arbeit als besserwisserisch empfunden haben. Damals war es ja noch extremer. Da hieß es: ‚Der liegt in Amerika am Strand und erzählt uns, wie es geht. Was maßt der sich an?’ Da wir jedoch recht überzeugend und entschlossen unseren Weg gegangen sind, kommen jetzt zu einem Training über 30.000 Fans. Sie schwärmen von unserem schönen, offensiven und erfolgreichen Spiel. Es kann schon sein, dass sich dadurch jemand angegriffen fühlt. Dabei reden wir immer nur über uns – ich kann die Arbeit von Friedhelm Funkel oder Huub Stevens doch auch gar nicht beurteilen. Außerdem ändern wir ja auch intern immer wieder Dinge, die bei uns nicht richtig funktionieren. Das betrifft zum Beispiel die Trainerausbildung. Das ist etwas, was den DFB im Kern betrifft – und damit kritisieren wir uns selbst.“

Auf die Frage, wie er Polemik verkrafte, etwa Karl-Heinz Rummenigges Etikett „Ich-AG vom Starnberger See“, antwortet Bierhoff streng und empört: „Es handelt sich fast um Rufschädigung. Wenn keine Argumente da sind, wird versucht, Dinge anzusprechen, die Schlagzeilen garantieren. Wenn ich heute in die Zeitungen schaue, dann sind die Zitate von Völler fett gedruckt, die unter die Gürtellinie gehen. Meine argumentativen Antworten sind normal gedruckt. So funktionieren der Fußball und die Medien.“

Allerdings habe er sich mit der Arbeitsteilung in der DFB-Führung abgefunden: „Ich kann mit meiner Rolle in der Nationalmannschaft als Prellbock gut leben. Wichtig ist, dass wir uns als Verantwortliche im Team gut ergänzen. Deshalb freue ich mich auch, dass Jogi Löw zurzeit der beliebteste Deutsche ist. Er ist als Bundestrainer im Moment wenig angreifbar – und von seiner Art ist er vielleicht auch umgänglicher als ich, obwohl man mir immer so viel Diplomatie nachsagt.“

Klare Konzepte, dauerhaft angewandt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) findet auf Seite des Verbands die besseren Argumente: „Die Liga beklagt, ihre Möglichkeiten seien begrenzt, sie könne nicht aus einem riesigen Spielerpool wählen, sie könne im Alltag nicht jedes Konzept übernehmen, das das DFB-Team probiert. Zum einen zeigt die Personalie Podolski jedoch: Löw nutzt die Möglichkeiten vieler Spieler einfach konsequenter; seine klaren Konzepte, dauerhaft angewandt, wirken früher oder später fast immer; sein Beraterstab ist offenbar ein Land der Ideen. Zum anderen begrenzen die Klubs ihre Möglichkeiten oft auch selbst – durch kurzfristige Personalpolitik, unnötige Trainerwechsel, fehlende Kontinuität.“

Dienstag, 20. November 2007

Bundesliga

Mischung aus Strenge und Respekt

Jörg Marwedel (SZ) kann das Bedauern der Hamburger über den Abschied Huub Stevens’ im nächsten Jahr nachempfinden: „Diese Konstellation hat außerordentlich gut gepasst. Der HSV entwickelte unter dem Sicherheitsminister Stevens einen eigenen Stil, der zwar nicht besonders schön, dafür aber sehr erfolgreich ist. Die teilweise durchaus schwierigen HSV-Spieler sind unter Stevens zu einer Mannschaft zusammengewachsen. Ob der Hamburger SV mit dem scheidenden Coach noch genauso viel Erfolg haben wird wie bislang? Immerhin: Als Stevens 2002 nach sechs Jahren seinen Abschied bei Schalke 04 nahm, überreichte er dem Klub nach seinem letzten Spiel noch den DFB-Pokal.“

Christian Kamp (FAZ) ist der Stil der Verabschiedung aufgefallen: „So viel Respekt, so viel Wärme ist selten, wenn im bisweilen arg rücksichtslosen Bundesligabetrieb die Nachrichten von Trennungen publik gemacht werden – vor allem, wenn sie auch noch unverhofft und zur Unzeit kommen. Aber Stevens und die Verantwortlichen des Hamburger SV wählten nur die freundlichsten Worte. (…) Dass die Entscheidung schneller als erwartet kam, ist für seinen Arbeitgeber zwar hilfreich, weil sie dem HSV ‚die Möglichkeit gibt, sehr früh zu handeln’, wie Klubchef Hoffmann feststellte. Auf all die anderen Fragen allerdings gibt es noch keine befriedigende Antwort. Wer wird der neue Trainer? Was passiert mit den holländischen Nationalspielern, allen voran Kapitän Rafael van der Vaart? Und kann Stevens die Mannschaft jetzt überhaupt noch motivieren? ‚Es geht nicht darum, wer vor der Mannschaft steht, sondern es geht um die Mannschaft selbst’, sagte Stevens – es waren die vielleicht wichtigsten Worte des Trainers. Diese Tugend, so hofft er, hat er den nicht immer pflegeleichten Hamburger Profis eingeimpft in den knapp zehn Monaten seines Wirkens. Geschafft hat er das mit einer Mischung aus Strenge und respektvoller Behandlung, mit der er nicht zuletzt das Wechseltheater um van der Vaart entschärft hatte. Es ist derselbe Respekt, den Stevens nun umgekehrt auch von seinem Verein erhält.“

taz: Spitzenteams wie der FC Barcelona oder Bayern München verlieren in Länderspielphasen fast das gesamte Personal; die Fifa kann die Vereinsbosse nur vertrösten

Deutsche Elf

Erbstreit

Establishment gegen Reform? In der polemischen Auseinandersetzung zwischen Rudi Völler und Oliver Bierhoff stimmt die Presse Bierhoff zu, gibt aber dessen angebliche Hochnäsigkeit zu bedenken

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schließt aus den jüngsten Wortmeldungen Völlers und Bierhoffs spöttisch: „Der Streit taugt als Stoff für eine Komödie: Endlich geht es einmal nicht zu wie im diplomatischen Dienst, sondern wie auf dem Bolzplatz; endlich ist der Fußball einmal ganz bei sich. Der Streit ist auch wegen seines Zeitpunkts und seiner Heftigkeit interessant. Er zeigt, dass die Stimmung zwischen den Verantwortlichen der Nationalmannschaft und jenen der Bundesligavereine nach wie vor angespannt ist. Bierhoffs Erwiderung klingt zwar eleganter als Völlers Attacke; im Kern aber sind beide Wortmeldungen ähnlich scharf. In der Sache hat der DFB-Manager alle Argumente auf seiner Seite: Er hat sich in seinen jüngsten Interviews tatsächlich um vorsichtige Formulierungen bemüht. Trotzdem nervt sein Auftreten die Klubs. Sie reagieren nach wie vor überempfindlich auf Verbesserungsvorschläge von außen; ihre andauernden Blamagen in den internationalen Wettbewerben, gepaart mit den Erfolgen des Nationalteams, führen bei manchem Liga-Vertreter offensichtlich zu ausgewachsenen Komplexen.“

Michael Horeni (FAZ) ist von Völlers Schärfe überrascht und fühlt sich zwei Jahre zurückversetzt: „Irgendwie dachte man, dass es vor allem an der polarisierenden Persönlichkeit Jürgen Klinsmanns gelegen habe, dass die Bundesliga in den ersten beiden Jahren der Nationalmannschaftsreformen immer wieder allergisch bis hysterisch auf Veränderungen reagierte. Aber während es sich der ehemalige Bundestrainer derzeit in Kalifornien gutgehen lässt und Pläne für die Zukunft entwickelt, ist in diesen Tagen der alte Konflikt zwischen Traditionalisten und der Reformgruppe im DFB ebenso unerwartet wie scharf wieder aufgebrochen. Diesmal sah sich ausgerechnet Klinsmanns Vorgänger Völler genötigt, die Führung der Nationalmannschaft und vor allem Bierhoff frontal anzugreifen. Völler hielt sich dabei nicht allzu sehr mit Argumenten auf, er wurde schnell sehr persönlich gegenüber seinem ehemaligen Nationalmannschaftskapitän.“

Arrogant

Philipp Selldorf (SZ) legt nahe, dass es in erster Linie um Eitelkeiten geht: „Völler steht nicht allein in der Liga. Anmerkungen aus dem Stab des Nationalteams werden bei den meisten Trainern und Sportchefs nicht als konstruktive Beiträge, sondern als Einmischung und als Vorwurf der Konzeptlosigkeit empfunden. Als Joachim Löw im August eine Debatte über die deutsche Zweikampftechnik anzustrengen versuchte, empfing er selbst von gewöhnlich kooperativen Fachleuten wie Thomas Schaaf Ablehnung. Im Sinne von: geht ihn nichts an. Während aber der umgängliche und anerkannt erfolgreiche Löw nur moderate Widerworte erfährt, eignet sich Bierhoff offenbar bestens für die Rolle des Sündenbocks. (…) Sicher ist die Erklärung nicht abwegig, dass Völler eine Menge Verdruss empfindet, wenn er die Lobeshymnen auf das heutige Nationalteam hört. In diesem Licht verschwinden seine Verdienste als Teamchef in den schweren Jahren 2000 bis 2004 zunehmend im Dunkeln. In mancher Darstellung erscheint die Ära Völler schon als Neo-Steinzeit des deutschen Fußballs. So ist das Heldenepos von der WM 2002 in der öffentlichen Geltung mittlerweile als Rumpelnummer abgelegt, während der Auftritt 2006 als Sommermärchen firmiert. Ein Erbstreit sozusagen.“

Christian Gödecke (Spiegel Online) fügt hinzu: „Bierhoff spricht gern über die Erfolge des DFB-Teams, die auch seine sind, und wirkt dabei oft so arrogant wie ein Sanierer im Kohlebergwerk, der den Kumpeln erklärt, wie man unter Tage am besten arbeitet. Doch schwache Argumente mittels brachialer Sprüche zu verbreiten – so etwas würde Bierhoff nie passieren.“

Bierhoff hat am Samstag in einem sehr lesenswerten Interview mit der SZ unter anderem gesagt: „Natürlich schießt der Computer keine Tore, ebenso wenig wie der Fitnesstrainer oder der Scout Urs Siegenthaler. Aber man sollte alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der Ball reingeht. Wir schicken den Vereinen regelmäßig Unterlagen über das, was wir tun beim DFB.“

sueddeutsche.de: Niveaulos, Schwachsinn, Stammtischniveau: Völler und Bierhoff im O-Ton

Tiefpunkte

Montag, 19. November 2007

Internationaler Fußball

Schmackhafte Menutafel

Italien, Holland, Frankreich, Spanien und wohl auch England – Roland Zorn (FAZ) kommentiert den Sieg der Favoriten: „Die verheißungsvollen Momente der Kleinen sind Vergangenheit, zum Endspurt um die besten Plätze beim Europameisterschaftsturnier 2008 schlägt die Stunde der Großen. Seit Samstag können sich die Gastgeber in Österreich und der Schweiz auf ein erlesenes Starterfeld freuen; gleichzeitig müssen sie auch ihre leisen Beklemmungen unterdrücken. Denn so viel ist nun sicher: Den Ausrichtern der EM steht massenhaft Besuch ins Haus. Die Hoffnung auf eine europäische Fußballgala ist so gewaltig wie die dann mit Sicherheit zu erwartende paneuropäische Reisewelle. An denen, die einladen, und denen, die kommen, liegt es, der EM 2008 einen Geist einzuhauchen, der an die WM 2006 erinnert. Die Europameisterschaft ist eine einzigartige Gelegenheit für die als feierndes Völkchen noch nicht allseits bekannten Schweizer wie für die fetenerprobten Österreicher, sich als großartige Gastgeber zu bewähren. Eine Aufgabe, die angesichts des Besuchs der gesamten europäischen Fußballelite nun noch reizvoller und schwieriger zugleich geworden scheint.“

Felix Reidhaar (Neue Zürcher Zeitung) schnalzt mit der Zunge: „Eine noch schmackhaftere Menutafel an Europas fußballerischem Stelldichein lässt sich nicht formulieren. Dass die Teams der EM-Gastgeberländer darin in kleinerer Schrift Erwähnung finden, ist momentan nicht wegzudiskutieren. Am kontinentalen Kräfteverhältnis lässt sich, das wird auch der oft romantisierende Uefa-Präsident Michel Platini einsehen, nicht schrauben; es ist tief vertäut.“

Andreas Burkert (SZ) korrigiert Rudi Völlers Weisheiten: „Es gibt wieder Kleine! Athletischer und defensiv verbessert mögen sie sich den Großen stellen, das schon. Doch als gutes Gewissen derjenigen, die Trends verpassen und Strukturen anschimmeln lassen, taugen sie heute nicht mehr. Italien, Frankreich, Spanien, die Türkei und sogar England – wohl allesamt dabei 2008, wenn Färöer, San Marino, Andorra (zusammen: 0 Punkte, 7:133 Tore) staunend zusehen.“

Schon wieder moralischer Sieger

Christian Eichler (FAZ) leidet mit den unterliegenden Schotten, ohne, und das muss man betonen, Häme auf die siegenden Italiener: „Es war ein Abend voll heftiger Gefühle und starker Worte, kräftiger Kehlen und dramatischer Handlung. Große Fußballoper also. Nur mit dem falschen Ende, jedenfalls für die Schotten und für all die ungezählten Sportfreunde, die stets zu den Kleinen mit dem großen Herz halten. Gäbe es EM-Plätze für Charakter, die Schotten wären vor allen anderen dabei, mit unschlagbarer Haltungsnote. Sie hätten die EM verdient nach ihren Leistungen in der schwersten Qualifikationsgruppe. Aber: Hätten die Italiener es verdient, ein Spiel zu verlieren, in dem ihnen nach Luca Tonis frühem Führungstor ein regulärer nicht anerkannt wurde? In dem der schottische Ausgleich aus Abseitsstellung fiel? (…) Es kam spätes Leben in die Totgesagten, eine italienische Spezialität. Mit bewährt kühler Klasse, einem Stück Glück und wohl auch dem Willen, zu beweisen, dass Italiens Fußball besser ist als seine Fans, bestanden die Azzurri die Probe. Den einzigen Anklang an das tödliche Vorspiel vom letzten Wochenende gab Trainer Donadoni in Form eines Kompliments an die Gastgeber: ‚Die schottischen Fans haben uns etwas gezeigt, von dem wir lernen können.’ Leider kann die ‚Tartan Army’, die karierte Horde, die sich vor den Heimspielen in Glasgow an der Horseshoe Bar, der längsten Theke Großbritanniens, abzufüllen pflegt und doch friedlich bleibt, dem Rest Europas 2008 nicht zeigen, wie Fans sein können.“

Raphael Honigstein (FR) fügt hinzu: „Den wackeren Männern von Trainer Alex McLeish bleibt allein der zweifelhafte Trost, dass ihr Scheitern mal wieder durch und durch heldenhaft gewesen war. Genau dieses traditionelle Ende der Schlacht hatte man unbedingt vermeiden wollen, moralischer Sieger wollte man diesmal nicht sein. Aber die Enttäuschung tat angesichts der starken Leistungen in der äußerst undankbaren Gruppe immerhin etwas weniger weh.“

Die Fassade stimmt

Birgit Schönau (SZ) beschreibt die Bedeutung des italienischen Erfolgs: „Es ging nicht nur um die EM-Qualifikation. Eine Niederlage, ein Scheitern hätte das depressive Klima zu Hause noch verschlechtert. Glücklich das Land, das keine Fußballsiege braucht, könnte man frei nach Bertolt Brecht sagen. Das von der Gewalt der Straße und der Ohnmacht der Politik zutiefst verunsicherte Italien brauchte dringend den Erfolg der Azzurri. Wenigstens die Fassade soll stimmen in diesen Zeiten, und auf der Fassade steht immer noch: Weltmeister. Und die Azzurri, die sich so wenig weltmeisterlich durch die Qualifikation gewurstelt hatten, machten ein großes Spiel. Wie immer, wenn es darauf ankommt. Sie spielten wie in einem Finale, und sie blieben cool dabei. In der ersten Halbzeit schüttelten sie die allenfalls lästigen Schotten ab wie ein Rassepferd eine Horde von Kläffern. Nach der Pause indes holten die lauf- und konditionsstarken Gastgeber auf.“

Von Ralf Sotscheck (taz) erfahren wir nebenbei: „Der Einfluss der Zuschauer auf die Leistung der Heimmannschaft ist übrigens wissenschaftlich erwiesen. Sandy Wolfson von der Uni Northumbria hat festgestellt, dass lautstark angefeuerte Spieler 40 bis 67 Prozent mehr Testosteron produzieren. Eine andere Untersuchung hat ergeben, dass nur 46 Prozent der schottischen Fans, die das Spiel im Wirtshaus verfolgen, die Tore mitbekommen. Die anderen 54 Prozent sind entweder auf der Toilette, bestellen an der Bar ein Bier oder rauchen vor der Tür eine Zigarette.“

NZZ: Italien, das Chamäleon im Hampden-Park

Zum ersten Mal wie eine Mannschaft

Tobias Schächter (Berliner Zeitung) führt den Sieg der Türkei in Norwegen auf Personaländerungen zurück, hält aber an seiner Kritik am Nationaltrainer fest: „Die Türken schienen in dieser schwächsten aller Qualifikationsgruppen wie ein Auto ohne Bremse unaufhaltsam dem Abgrund entgegen zu rasen. Fatih Terim hatte jeglichen Kredit in der Öffentlichkeit verspielt, das dritte Scheitern bei einer Qualifikation für ein großes Turnier nach dem dritten Platz bei der WM 2002 schien unabwendbar. Doch Terim, ein in Politmanövern erfahrener Strippenzieher, wartete in letzter Sekunde mit einer überraschenden Volte auf. Der längst überfällige Verzicht auf Hakan Sükür befreite die Mannschaft von einem schweren Ballast. Ohne Veränderungen ging es nicht mehr weiter, darin waren sich alle einig. Der Trainer blieb, dafür musste die Stürmerlegende gehen. In höchster Not opferte der ‚Imperator’ (Kaiser) genannte Terim den alten Weggefährten Sükür, den sie den ‚Kral’ (König) nennen. Auch der Verzicht auf andere Veteranen wie Tümer, Üzülmez und Toraman tat der Mannschaft sichtlich gut im zähen und unansehnlichen Ringkampf von Oslo. Zum ersten Mal in diesem Wettbewerb wirkte die Milli Takim wie eine Mannschaft. (…) Terim setzte in elf Qualifikationsspielen fast 40 Spieler ein. Ein überlegter Plan sieht anders aus. Einige Opportunisten unter den Kommentaren feiern ihn nun wieder als ‚den alten Terim’, doch der Sieg ändert nichts daran, dass seine wirre Personalrochaden, seine Arroganz und seine nationalistischen Aufwallungen die Türken erst in diese Lage gebracht haben. Der Verzicht auf Sükür war auch das Eingeständnis einer verfehlten Personalpolitik. Zudem war der Sieg in diesem Abnutzungskampf weniger der eigenen Stärke geschuldet. Die biederen Norweger zeigten, weshalb sie keine Bereicherung für die EM wären.“

NZZ: Die Spanier hinterlassen beim 3:0 gegen Schweden nachhaltigen Eindruck

NZZ: Polen kommt in Europa an

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