indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Unterhaus

Zweitklassiges Getöse mit viel Herz

Das 2:2 zwischen Mönchengladbach und Köln hat einen hohen Unterhaltungswert, legt aber auch die Schwächen beider Teams offen / Die Zweite Liga, ein Zuschauermagnet (SZ) / Schmähungen gegen Dietmar Hopp – „die Kritiker wären gut beraten, sich das Modell TSG Hoffenheim etwas genauer anzusehen“ (Welt)

Philipp Selldorf (SZ) geht mit Köln und Mönchengladbach ins Gericht: „Ümit Özat ist ein Exempel der immer noch willkürlich wirkenden Kölner Einkaufspolitik und ein Phänomen auf dem Fußballplatz. Er spielt Außenristpässe besser als Roberto Carlos, was bisher aber nur selten vorkam beim FC. Dauernd dagegen fällt auf, dass sein Tempo dem eines Strafgefangenen im Steinbruch entspricht. Die Zeit scheint still zu stehen, wenn er stoisch seine Arbeit macht. Özat ist derzeit womöglich die phlegmatischste Erscheinung in den deutschen Profiligen. In Gladbach trug er dennoch Prägendes bei, namentlich zur ersten Halbzeit, die von vollendeter Ereignislosigkeit war. Borussias Sportdirektor Christian Ziege bestand zwar später darauf, dass der torlose Stillstand bis zur Pause das Ergebnis taktischer Disziplin gewesen sei, weil ‚in einem Derby die beiden Mannschaften nicht einfach losrennen wie die Vollirren‘, doch konnte man ihm da nur teilweise folgen. Die Spieler machten nicht den Eindruck von fußballerischen ‚Vollirren‘, wohl aber, pardon, von Volldeppen. Staunend verfolgten die Besucher, wie es die Kölner Ümit und Chihi wiederholt nicht schafften, mit ihren Freistößen die einsam mitten im Feld postierte Gladbacher Ein-Mann-Mauer zu überwinden; wie Torwart Mondragon bei einer zarten Rückgabe über den Ball tölpelte; wie überhaupt das Kölner Aufbauspiel eine einzige Revuenummer zu sein schien nach der Devise Kraut und Rüben. Kaum zu glauben, wie wenig Ordnung der teure Meistertrainer Christoph Daum dieser Mannschaft bisher beigebracht hat. Borussia wirkte zwar als Team stärker, trug aber noch weniger Produktives zusammen als der FC. Doch dann zeigte sich, dass beide Teams ihre speziellen Qualitäten haben und sicher um den Aufstieg mitspielen werden.“

Auch Roland Zorn (FAZ) kommt zu einem durchwachsenen Urteil: „Viel Getöse drumherum, viel Leidenschaft, viel Herz: So sollen Derbys sein. Gerade in Zeiten des durchgestylten, ökonomisierten und kommerziell ausgeschlachteten Profifußballs bieten sie der lieben Fan-Seele ein bisschen Halt und Wärme und Nahrung für Geschichten und Erinnerungen. Umso mehr, wenn sie von einer Minute auf die andere zu wilden Episoden werden. Eine Halbzeit lang passierte nichts, langweilte alles an diesem sehnsüchtig erwarteten Zweitligagipfel; dann wurde es turbulent. Vier Tore binnen acht Minuten und dazu ein gelb-roter Farbtupfer, der dem bösen Buben des Tages galt: Dieses Drunter und Drüber brachte Stimmung in die ausverkaufte Bude. (…) Die zwei Teams gaben bei allem Eifer jederzeit zu erkennen, dass sie derzeit doch nur zweitklassig sind. Dass die Gladbacher, im Moment die Nummer eins dieser stark wie selten besetzten Liga, und der augenblickliche Tabellensiebte Köln das Zeug dazu haben, am Ende der Spielzeit wieder in angestammte Gefilde aufzusteigen, wurde auch sichtbar. Aber im allgemeinen Derby-Getümmel eben nur phasenweise.“

Gladbach gegen Köln, Duell mit Tradition

Großes Publikum

Selldorf (SZ) streicht die Anziehungskraft der Zweiten Liga heraus: „Diesmal versammelt die Zweite Liga ungewöhnlich viele gute Argumente: berühmte Klubs mit prominenten Akteuren, mit Millionenstars und einem Millardär als Mäzen. Durch die Ballung im Westen und Mittelwesten gibt es jede Woche ein anderes heißes Derby. So viel hat man vorher schon gewusst, nun stellt sich aber auch noch sportliches Niveau ein und ein großes Publikum. Der Hit des Wochenendes war das Spiel zwischen 1860 München und Greuther Fürth mit 60.000 Zuschauern, da konnte keine Erstligapartie mitbieten, und schon auf Platz drei folgt das rheinische Duell zwischen Gladbach und Köln mit 54.000 Fans. Blickte früher die deutsche Zweite Liga mit ihren durchschnittlich 5.000 Dauergästen sehnsüchtig nach England, wo die Second Division solide fünfstellige Besucherzahlen führte, so ist es nun die Serie A, die gern einen Anklang wie Deutschlands Liga B erleben würde.“

Hobbing

Udo Muras (Welt) protokolliert die Anfeindungen gegen Dietmar Hopps Hoffenheim: „In der Rhein-Neckar-Provinz ereignen sich derzeit unerfreuliche Dinge, die mit menschlichen Ur-Instinkten zu tun haben. Kurz gefasst geht es um vier Buchstaben: N-E-I-D. Neid auf die etwa 6,3 Milliarden Euro des Dietmar Hopp, Mäzen der TSG, die 1990 in der A-Klasse kickte und mittlerweile in der Zweiten Liga zwar angekommen, aber nicht willkommen ist. Wo die Mannschaft auch aufkreuzt, die Schmähschriften hängen schon an den Zäunen. Mal bitter-ironisch (‚Eure Armut kotzt uns an‘), mal anklagend (‚Ihr macht unseren Sport kaputt‘), mal beleidigend (‚Fußball ist kein Spielplatz für impotente Millionäre‘). Wobei die Beleidigung auch darin besteht, Hopps Vermögen dermaßen respektlos zu reduzieren. Die Fans von Kaiserslautern entschlossen sich zu einer Art Hass-Choreographie und rissen nebenbei den Ballfangzaun der TSG ein. Es scheint, wir müssen ein neues Wort lernen: Hopp-Mobbing, kurz Hobbing. (…) Die Kritiker wären gut beraten, sich das Modell TSG Hoffenheim etwas genauer anzusehen. Da ist kein Raumschiff gelandet, dem ein fremder Potentat entstieg. Da erfüllt sich nur ein erfolgreicher Geschäftsmann mit ehrlich verdientem Geld seinen Traum.“

allesaussersport über die Art, wie sich Klaus Toppmöller in Kaiserslautern ins Spiel zu bringen versucht

Dienstag, 23. Oktober 2007

Champions League

Das Bizarre ist, dass die Stuttgarter nicht so viel falsch gemacht haben

Die humpelnden Stuttgarter treffen heute auf Olympique Lyon – die Presse ahnt böses

Frank Ketterer (Berliner Zeitung) schlüpft mitleidend in die Haut der Stuttgarter: „Ein bisschen paradox mutet das schon an: Über ein Jahr lang haben sie hart dafür gearbeitet, sich mit Europas Besten messen zu dürfen. Meister sind sie eher nebenbei geworden. Nun aber, da sie dieses durchaus ehrenvolle Ziel erreicht haben und die Früchte ihrer Mühen kosten könnten, empfinden sie die Galatreffen nur noch als Zusatzbelastung. Vielleicht sogar als eine Art Anfang allen Übels, das ja in erster Linie durch eine mittlerweile unendlich erscheinende Verletzungsmisere und geradezu kraterförmige Leistungslöcher von jungen Meisterspielern schon zu Saisonbeginn seinen Lauf genommen hat.“

Volk ohne Raumdeckung räsoniert über die Keime der Stuttgarter Not: „Mir schwante schon Übles, als Mario Gomez in der Sommerpause im kicker das ‚Tagebuch‘ seiner Vorbereitung veröffentlichte. Dass derartiger Mumpitz jetzt auch Platz in einer seriösen Fachpublikation bekommt, ist ärgerlich. Was soll der Bub denn schreiben, außer dass alles super ist? Ähnlich wie Lars Ricken für seinen legendär blöden Nike-Spot ist auch Super-Mario II. bestraft worden. Nehmen wir ihn als Primus inter Paralysierten, können wir feststellen, dass sich der VfB zu sehr mit Nebensächlichkeiten befasst hat. Seine große Stärken, Heimlich, Still und Leise, konnte er als Meister nicht mehr ausspielen. Außerdem hat er diesmal ein mehr als nur gut gerüttelt Maß an Verletzungen mitbekommen und sich – zumindest bis jetzt – auf der Torhüterposition drastisch verschlechtert. Hildebrand spielte zuletzt sein solidestes Jahr, Schäfer könnte nach Kampa der zweite Club-Torhüter sein, für den der Wunsch nach Veränderung mit einem drastischen Karriereknick einhergeht. Die jungen Wilden sind entwicklungszyklengerecht nach dem tollen ersten Jahr alle in einer Wachstums- und Verpuppungskrise. Trainer Veh hat anders als Meyer beim Überraschungspokalsieger Nürnberg sehr ehrgeizige Ziele ausgegeben. Jetzt den Rückwärtsgang einzulegen und den Abstiegskampf auszuloben, fällt entsprechend schwer. Wie es wohl immer schwer ist, vom Abstiegskampf zu reden, wenn man noch Champions League spielen darf, und sei es auch nur als Zwischenmahlzeit.“

Christof Kneer (SZ) verweist auf die Zwangsläufigkeit als eine von vielen Ursachen für das Stuttgarter Verblühen: „Das Bizarre an der Stuttgarter Situation ist ja, dass sie nach menschlichem Ermessen nicht so viel falsch gemacht haben. Sie haben nach der Meistersaison eine präzise Analyse erstellt und Transfers getätigt, die sehr einleuchtend wirkten. Vielleicht ist es wirklich so, dass diese Mannschaft im Moment einfach nur einen Sieg braucht, und zwar gerne auch einen, der in der Nachspielzeit mittels eines abgefälschten 43-Meter-Schusses zustande kommt. Im tiefsten Innern wissen sie beim VfB, dass nur ein Sieg das Schicksal auf Linie zwingen kann, aber sie ahnen, dass die Öffentlichkeit sie damit allein nicht davonkommen lässt. Die Öffentlichkeit möchte Taten sehen, und es ist nicht auszuschließen, dass die Stuttgarter nun doch das tun, was die Branche Reizpunkt setzen nennt. (…) Das Problem ist, dass den Stuttgartern nicht viel mehr übrig bleibt, als an ihre Spieler zu glauben. Sie haben keine anderen, und sie brauchen gerade jeden – weiterhin fehlen zahlreiche Stammkräfte, und inzwischen drängt sich auch der Eindruck auf, dass sich die Personalplaner in der Tiefe des Kaders ein wenig verschätzt haben. Der Binnendruck aus der zweiten Reihe beträgt nullkommanull bar. Über den verdienten Meistertrainer Veh wird derzeit beim VfB noch nicht diskutiert, zumindest nicht öffentlich. Es wäre der letzte, wirklich der allerletzte Reizpunkt.“

FAZ: Veh in der Bredouille

Unter Druck

Christian Eichler (FAZ) blickt auf Olympique Lyon, den Gegner Stuttgarts: „Das Team, das noch vor einem Jahr in der Vorrunde das beste in Europa war (und dann wie immer in der K.-o.-Runde scheiterte), steht mit zwei 0:3-Niederlagen gegen Barcelona und Glasgow Rangers noch schlechter da als der VfB Stuttgart. Der neue Trainer Alain Perrin ist schon unter Druck. Die überlegene Tabellenführung gilt als selbstverständlich bei dem Klub, der seit 2002 sechsmal nacheinander die Meisterschaft gewonnen hat. Der Gradmesser für den Erfolg in Lyon ist, mehr als bei jedem anderen Team in Europa, die Champions League. Deshalb hilft nur ein Sieg in Stuttgart.“

Bundesliga

Beide Vereine scheinen mit ihrer Personalpolitik richtig zu liegen

Sebastian Stiekel (FAZ) stellt beim 2:2 in Hannover fest, dass Wolfsburg von Hannover als Lokalrivale ernst genommen wird und beide Teams wichtige Entwicklungsschritte hinter sich gebracht haben: „Hannoveraner wie Wolfsburger zeigen von Jahr zu Jahr mehr von dem, was von einem ‚richtigen Derby‘ erwartet werden darf. So auch am Sonntag in einer beiderseits mit viel Leidenschaft geführten Partie. Das Ergebnis stoppte beide Teams in ihrem Aufwärtstrend nicht wirklich. Hannover ist seit vier Spielen unbesiegt, Wolfsburg seit fünf, und das Fußball-Hoch, das den Norden zurzeit erfreut, geht deshalb nicht nur auf Werder Bremen und den Hamburger SV zurück. Auch die beiden niedersächsischen Vereine stehen mittlerweile auf einem Mittelfeldplatz mit Perspektive nach weiter oben. Wolfsburg setzte vor der Saison auf den Totalumbruch und veränderte mit vierzehn neuen Spielern das Gesicht einer Mannschaft, die im Mai beinahe abgestiegen war. Hannover dagegen bemüht sich um ein kontinuierliches Wachstum, indem man eine eingespielte Elf nur auf zwei, drei Positionen verstärkte. Beide Vereine scheinen mit ihrer Personalpolitik richtig zu liegen. (…) Wer dabei zusah, wie sich 96 und der VfL bekämpften, der bekam bestätigt, dass Hannover und Wolfsburg nicht nur geographisch zwischen Bielefeld und Bremen liegen. Klubs wie Bochum oder der Arminia haben beide Teams inzwischen einiges voraus. Spitzenmannschaften wie Werder oder Schalke sind sie aber trotzdem noch nicht – sonst hätten sie weniger Fehler gemacht in diesem Derby.“

Jörg Marwedel (SZ) schließt aus der Garderobe der Trainer: „Die neuen Ziele, die er mit Hannover 96 hat, sollen künftig auch äußerlich zu sehen sein. Erstmals hatte sich Dieter Hecking eine neue Kleiderordnung verschrieben. Künftig will der ehrgeizige Coach, der ja alsbald im Europacup spielen will, nur noch im dezenten Sakko statt in windigen Pullovern die Spiele seiner Elf verfolgen. Nur einen eleganten Schlips, wie ihn Felix Magath so gern trägt (seit er beim VfL ist, meist ein zartgrüner), lehnt Hecking weiter ab. Und im Grunde hätte so ein Binder auch nicht gepasst zu diesem 2:2, das seine Dramaturgie ja auch durch die vielen Fehler nährte. Eine Krawatte passt eigentlich nur zu einem Spiel, das perfekt ist, weshalb der einstige Meistertrainer Magath derzeit ein wenig overdressed wirkt.“

Ende der Bequemheit

0:0 zwischen Karlsruhe und Bielefeld – Michael Ashelm (FAZ) vergleicht die Stile der Vereine und der Trainer: „In Karlsruhe begegneten sich zwei Mannschaften, deren Entwicklung bis zu diesem Zeitpunkt nicht gegensätzlicher hätte sein können. Hier der KSC, dessen ‚Lauf‘ manchen an den des 1. FC Kaiserslautern vor zehn Jahren unter Otto Rehhagel erinnerte, als erstmals im deutschen Fußball ein Aufsteiger am Ende der Saison den Meistertitel feiern konnte. Dort Bielefeld, ein verunsichertes Team. Auch die beiden Trainer könnten nicht unterschiedlicher sein: hier der ruppige Middendorp, dort der einfühlsame Becker. Beckers Recycling-Mannschaft, in der Spieler wie Hajnal, Timm, Görlitz, Mutzel, der frühere Bielefelder Porcello oder Franz nach Enttäuschungen bei anderen Klubs beweisen wollen, dass sie zu Höherem fähig sind, wurde von ihm mit viel Fingerspitzengefühl eingestellt. Gegen Bielefeld allerdings fehlte dem Team die Durchschlagskraft, was wohl vor allem an der konzentrierten Defensivleistung des Gegners lag. Der launische Middendorp dagegen sieht vertrauensbildende Maßnahmen im Kader eher als Führungsschwäche an. Die einen so, die anderen anders: Möglicherweise treffen sich am Ende der Saison die so unterschiedlichen Teams aus Karlsruhe und Bielefeld irgendwo in der Mitte. Niemand der Beteiligten hätte etwas dagegen.“

Jochen Breyer (SZ) beschreibt die Grenzen der Karlsruher Erfolgstaktik: „Dem KSC wurde gegen Bielefeld eine Aufgabe gestellt, die er einfach nicht kannte. Bisher hatten es sich die Aufsteiger aus Karlsruhe ja immer recht bequem gemacht, sie hatten den Gegner kommen lassen, ob Stuttgart oder Schalke, und sobald dieser müde war, wurde keck gekontert. Als Tabellenzweiter aber kann man immer seltener keck kontern, schon gar nicht gegen Bielefeld, und so richtig haben sich die Neu-Siegreichen nicht entscheiden können, wie man das nun anstellt, ein Spiel zu machen. (…) Es verhält sich wohl einfach so, dass der KSC nach seinem furiosen Rundenstart selbst nicht so ganz weiß, was er von sich erwarten darf. Die Ansprüche sind heimlich gewachsen, seit man in den erlauchten Kreis der so genannten Bayern-Jäger aufgestiegen ist, aber gerade das Beispiel des Gegners Bielefeld mahnt zur Vorsicht: Die Arminia stand noch vor wenigen Wochen auf Platz zwei, verlor dann vier Spiele in Folge und freut sich mittlerweile wieder über ein Unentschieden gegen Aufsteiger Karlsruhe.“

BLZ: Dagmar Brandenstein vermarktet für Leo Kirch die Bundesliga

Montag, 22. Oktober 2007

Bundesliga

Der Titelgewinn hat die Frühreifen satter als erlaubt gemacht

Der 11. Bundesliga-Spieltag im Spiegel der Presse: Aus dem Meister Stuttgart ist ein Abstiegskandidat geworden; Bayern gewinnt auch schwache Spiele, wie nun in Bochum; mit Werder Bremen ist wieder zu rechnen; Manuel Neuer fügt der Verwirrung um Deutschlands Torhüter einen Mosaikstein hinzu; Endzeitstimmung in Cottbus

Daniel Theweleit (Spiegel Online) prophezeit dem VfB Stuttgart eine weitere Abwärtsbewegung und eine harte Landung: „Es ist ein Absturz von sagenhafter Dimension, den der Deutsche Meister in dieser zweiten Jahreshälfte erlebt. Schlimmer als der Blick auf die Tabelle ist eine böse Ahnung, die über Stuttgart liegt: Es ist noch längst nicht vorbei. Niemand weiß, wie der Fall zu bremsen ist. Das eigentliche Gesicht dieser Stuttgarter Mannschaft kennen wir nicht. Voriges Jahr zeigte sich ein übermütiges Glückskind. Nun präsentiert sich ein überforderter Schuljunge mit Problemen, für die er wenig kann. So einem Team traut man einen überraschenden Abstieg ebenso zu wie einen Meistertitel, den niemand erwartet hatte.“

Christof Kneer (SZ) kommt der Vergleich mit den ehemaligen Meistern und Meisterkandidaten Kaiserslautern, Dortmund, Leverkusen und Hamburg in den Sinn: „Jeder dieser Abstürze hat seine eigenen Geschichten, aber das Grundthema bleibt immer gleich: Es geht um die plötzliche Überforderung eines Standorts beim Versuch, den Erfolg dauerhaft nutzbar zu machen. In Stuttgart haben sie diesen Versuch seriös geplant, und doch kann man förmlich dabei zusehen, wie im Kader immer mehr die Statik verrutscht. In seltener Vollständigkeit sind in Stuttgart all die kleinen, banalen Gemeinheiten nachweisbar, die einem in der Summe teuer zu stehen kommen: meisterlich motivierte Gegner, Doppelbelastung, verlockende Auslandsangebote, Eifersüchteleien und Gehaltsdebatten in einem neu zu mischenden Kader – und eine Verletzungsepidemie, die Spieler wie Hilbert, Gomez oder Tasci aufs Feld humpeln lässt, weil sich im Kader keine gesünderen mehr finden. Der FC Bayern kennt all diese Gemeinheiten seit dreißig Jahren, er muss also keine Angst haben, wenn er die Schale im Mai gebraucht zurückbekommt.“

Roland Zorn (FAZ) setzt Trainer Armin Veh unter Druck: „Aus dem jugendlichen Elan des Vereins für Bewegungsspiele ist ein naives Anfängerverhalten geworden; die routinierten Anführer Meira und Pardo sind zu Nervenbündeln mutiert, die unter Druck schon mal Rot sehen; schließlich ist bei den am Rande der Abstiegszone balancierenden Stuttgartern kein System, keine Linie, keine Handschrift mehr im längst verlorenen Spiel zu sehen. (…) Der Erobererschwung der Entdeckergeneration ist hin. Der Titelgewinn hat die Frühreifen satter als erlaubt gemacht. Für Veh wird es höchste Zeit, Lösungen mit Gewinn zu finden. Sein Meisterbonus, so viel scheint sicher, ist seit Samstag aufgebraucht.“

Zur Stimmung in Stuttgart und zur Arbeitsatmosphäre Vehs schreibt Frank Heike (FAZ): „Solche Spiele passieren nur Mannschaften, die schon tief in der Abwärtsspirale stecken und kaum wissen, wie sie wieder herauskommen sollen. In Hamburg hat man das noch lebhaft in Erinnerung. Dass es zum schlechten Ende kein Debakel für den Titelträger wurde, lag mehr an Nachlässigkeiten des HSV im zweiten Durchgang. Aber eine Niederlage mit vier Gegentoren reichte auch so, um die Alarmglocken in Stuttgart schrillen zu lassen: Es sind schon zehn Punkte zu Platz 3, nur einer zum 16. Rang. ‚Von einem Deutschen Meister erwartet man mehr als Abstiegskampf‘, sagte Torwart Raphael Schäfer nüchtern. Und damit hatte er in unaufgeregten Worten die Haltung der Herren Staudt und Hundt wiedergegeben. Der Präsident und der Vorsitzende des Aufsichtsrates sind äußerst besorgt über diesen Saisonstart, und aus Stuttgart war zu hören, dass es bei einer weiteren Niederlage schon eng werden könnte für den am Samstag angenehm sachlich-ruhigen Meistertrainer Veh. Es ist bekannt, dass Hundt nie ein Freund Vehs war und es derzeit weniger denn je ist. Noch kann der Coach des Überraschungsmeisters aber vom Meisterbonus zehren und vergleichsweise ruhig arbeiten. Alles andere wäre einen Tag vor dem Spiel gegen Olympique Lyon auch ein Aberwitz.“

Die Stuttgarter machen zurzeit ihren Gegnern das Toreschießen zu leicht. In dieser Szene bückt sich Torwart Schäfer nach ner Schnecke – zack, ist sie weg!

Unterwerfung

Richard Leipold (FAZ) schildert, wie knapp die Bayern in Bochum gewonnen haben: „Wenn Bayern gegen Bochum spielt, ist der Unterschied oft groß, manchmal auch klein, und am Ende gewinnen zumeist die Bayern. Beim jüngsten Treffen war der Unterschied kleiner, als die Tabelle oder gar die Wirtschaftskraft hätten vermuten lassen. Das 2:1 gegen den VfL bot den Münchnern keinen Grund, stolz zu sein auf ihre Leistung, die in summa gerade genügte, um die lieben Kleinen aus Bochum in die Schranken zu weisen. Der Unterschied, der den Ausschlag gab, war klein und groß zugleich: Er hieß Franck Ribéry. Der einen Meter siebzig messende Franzose ragte als spielerische Größe aus dem durchschnittlich kickenden Ensemble der Bayern heraus. Anders als seine nur vereinzelt überzeugenden Kollegen legte Ribéry keine Kunstpausen ein. Sein explosives Gemisch aus Schnelligkeit und Ballgefühl erzeugte eine Kraft, der das gut organisierte Bochumer Bollwerk letztlich nicht standhielt. Bei beiden Toren profitierte der Tabellenführer von schweren (Doppel-)Fehlern des VfL. Vor dem Ausgleich ließ sich Verteidiger Marc Pfertzel von Miroslav Klose im eigenen Strafraum den Ball abjagen, ehe Ribéry den unsicheren Torwart Jan Lastuvka mit der Hacke übertölpelte. Das Siegtor des eingewechselten Bastian Schweinsteiger dürfte die Bochumer Torwartfrage lauter werden lassen, die hinter vorgehaltener Hand schon seit längerem gestellt wird. Bevor Lastuvka sich als Therapeut des zuletzt niedergeschlagenen Nationalspielers Schweinsteiger auszeichnen konnte, hatte sich Pfertzel auf dem Flügel von Ribéry austricksen lassen.“

Philipp Selldorf (SZ) hingegen nimmt den jüngsten Sieg als weiteres Indiz für die Unbezwingbarkeit der Münchner: „Wer wird es noch schaffen, nicht gegen die Bayern zu verlieren? In der Betrachtung des neuen FC Bayern ist eine gewisse Apathie eingetreten im deutschen Profifußball, und eine Unterwerfung bahnt sich an, wie sie die Völker im Römischen Reich erfahren haben.“

Die Bayern des kleinen Mannes

Zorn belegt die Dominanz der Bremer im Spiel gegen Berlin: „Hätte Werder gegen die Hertha ein wenig mehr Biss gezeigt, die Berliner wären nicht mit einer 2:3-Niederlage davongekommen. 15:5 pro Grün-Weiß lautete schließlich die Torchancendifferenz, und damit war einiges über die einseitigen Verhältnisse auf dem Platz gesagt. Dass es schließlich nur dem Ergebnis nach knapp für Werder ausging, zeugte auch von kleineren Versäumnissen und einem großzügigen Hang zum Verschwenderischen. Werder Bremen ist neben den Münchnern zumindest die einzige Mannschaft, die ein Spiel jederzeit offensiv gestalten und bestimmen kann. (…) Werder, in den letzten fünf Begegnungen nicht mehr besiegt, und die Hertha, vier Mal nacheinander ohne vollen Erfolg, trennen derzeit fußballerisch Welten. Die einen finden zurück zu ihrem Spitzenniveau, die anderen, angeleitet von Lucien Favre, einem manchmal allzu tüfteligen Taktikbastler, suchen weiter nach ihrer besten Formation (Hertha veränderte und verschlechterte sein System während des Spiels von einem 3-3-3-1 zum 4-4-2) und Form.“

Ralf Wiegand (SZ) rechnet wieder mit Werder Bremen und macht ein zweischneidiges Lob: „Die Bremer sind, wenn man so will, die Bayern des kleinen Mannes. Gerade noch von Krise redend und mit acht, neun Verletzten geschlagen, steht die ständig umformierte Mannschaft plötzlich auf Platz 2. Sie hat, obwohl die K-und-K-Stars Klose und Klasnic entweder für die Konkurrenz kicken oder – nierentransplaniert – um die Fortsetzung der Karriere kämpfen, den zweitbesten Sturm der Liga. Zumindest die Heimspiele geraten wieder regelmäßig zum Spektakel, beim 8:1 gegen Bielefeld über neunzig Minuten oder, wie gegen Berlin, nach einer ersten Hälfte von solider Langeweile wenigstens nach dem Wechsel. Gelegentlich gelingen den Bremern sogar ribéryeske Einlagen wie diese Pirouette von Diego, mit der er sich wie ein Holzwurm in die Abwehr der Berliner hineindrehte. Der Gedanke muss erlaubt sein, wo die Bremer stünden, hätten sie jene Elf früher beisammen gehabt, die sich nun abzeichnet.“

Hass

Matthias Wolf (FAZ) malt Cottbus in dunklen Farbtönen: „Mittlerweile rechnet man wohl selbst mit dem Schlimmsten: Dass sich das Kapitel Bundesliga bereits früh erledigt haben könnte. Zumal das 1:2 gegen den MSV Duisburg zeigte, dass so mancher Spieler nicht lernfähig scheint. Weder taktisch, noch was die Grundregeln des Sports angeht. Vragel da Silva, mehrfach nach Tätlichkeiten hinter dem Rücken des Schiedsrichters bestrafter Verteidiger, wurde wieder einmal zum Rambo: Er rammte brutal Markus Daun den Ellbogen ins Gesicht. Da Silva, gerade erst nach monatelanger Zwangspause aufgrund eines Sportgerichtsurteils ins Team zurückgekehrt, droht schon die nächste Sperre. Der Cottbuser Frust hat viele Gesichter. Das Stadion der Freundschaft war schon fast leer, als die Situation doch noch zu eskalieren drohte. Eine Handvoll so genannter Fans stand hinter dem Zaun und sang Schmählieder auf Tomislav Piplica. In diesem Moment kam der Torhüter aus der Kabine, er bahnte sich wieder einmal wortlos seinen Weg durch die Journalistenschar. Mit den Fans aber wollte er diskutieren, was durchaus für ihn spricht. Doch es blieb beim Versuch. Dem dienstältesten Profi in der Lausitz schlug in diesem Moment der blanke Hass entgegen. Er wandte sich kopfschüttelnd ab und stieg in sein Auto.“

Ribéry aus Australien

Erleichternd, dass noch einem anderen auffällt, dass es an diesem Spieltag ein spektakuläreres Tor als Ribérys Roller zu bestaunen gegeben hat – Volk ohne Raumdeckung schnalzt beim letzten Nürnberger Tor mit der Zunge: „Ein echt fieses Sahnehäubchen war der Hackentrick zum 5:1 von Joshua Kennedy, dem dafür zu danken ist. Ribéry erzielte in Bochum ein ähnliches Tor, und wäre Kennedy nicht gewesen, müsste man sich jetzt wieder eine Woche das Geseiere vom Jahrhunderttor anhören. Schön, dass das ein Australier auch kann, der nicht 25 Millionen Euros gekostet hat.“

Olli Kahn muss zurück ins deutsche Tor

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) nimmt den Fehler des Schalker Keepers Manuel Neuer beim 1:1 in Rostock zum Anlass, über die Verwirrung zu sinnieren, in die uns deutsche Tormänner derzeit versetzen: „Jetzt patzt also auch noch der große Hoffnungsträger unter unseren Schlussmännern und ist damit in bester Gesellschaft. Markus Pröll mit Frankfurt, Raphael Schäfer mit dem VfB – selten hat man deutsche Torleute so formvollendet durch ihre Strafräume irren sehen wie an diesem Samstag. Als wäre die Situation nicht angespannt genug! Torhüter aus Deutschland – das galt früher als Qualitätsmerkmal, in einem Atemzug genannt mit Whisky aus Schottland oder Knäckebrot aus Schweden. Und heute? Sitzt Jens Lehmann, die deutsche Nummer 1, bei Arsenal ebenso auf der Bank wie in Valencia Timo Hildebrand, die deutsche Nummer 2, der sich nach der Rückkehr von der Nationalmannschaft in der Reservistenrolle wiederfand. Beide wurden sie verdrängt von Kollegen aus Spanien, deren Torhüter früher immer im gleichen Ruf standen wie Bier aus den USA. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. (…) Wie ernst die Lage ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich Uli Hoeneß zu Wort gemeldet hat und es ‚total ungerecht‘ findet, über Lehmanns Zukunft im deutschen Tor zu diskutieren. Hoeneß lobt Lehmann – so weit ist es gekommen. Die Lage ist verfahren, es gibt nur eine Lösung: Olli Kahn muss zurück ins deutsche Tor. Dann wird alles wieder gut.“

BLZ: Worte wie Peitschenhiebe – Neuer gerät in die Kritik

Schlechtes Bild

Ingo Durstewitz (FR) rügt das anhaltende Schweigen der Dortmunder Spieler: „Der stille Protest weist in die falsche Richtung. Die Bundesliga ist längst zu einem millionenschweren Unterhaltungsprodukt mutiert, einem glamourösen Zirkus, und es sind gerade die Medien (vor allem das Fernsehen), die mit Verve an diesem Rad drehen und für Spielergehälter in siebenstelligen Euro-Bereichen sorgen. Die Herren Fußballer sollten sich dieser Wechselwirkung bewusst sein. Der Boykott wirft überdies ein schlechtes Bild auf die Dortmunder Vereinsführung, die von ihren kickenden Angestellten einen professionellen Umgang mit den Berichterstattern einfordern müsste. Aber die Oberen haben schon genug Probleme – miteinander.“

Samstag, 20. Oktober 2007

Ball und Buchstabe

Lust am Untergang

Fußball im ZDF – Michael Hanfeld (FAZ) stampft mit dem Fuß: „Grund für echte Verzweiflung war der immer missmutigere Kommentar von Béla Réthy. Mit zunehmender Spieldauer ertrug man ihn immer weniger. Hätte Jürgen Klopp die Sache nicht im Studiogespräch etwas tiefer gehängt (Motto: Wir haben viele leichte Fehler gemacht, die man leicht abstellen kann) und hätte er nicht darauf verwiesen, dass man manchmal aus dem Trott nicht mehr raus- beziehungsweise ins Spiel nicht mehr reinkommt – wären wir glatt wieder bei der Lust am Untergang angekommen, die vor Jürgen Klinsmanns Erscheinen en vogue war. Die deutsche Mannschaft steckt ein solches Spiel weg, bei den Fernsehleuten sind wir uns nicht sicher.“

Florian Töbe aus Karlsruhe ergänzt: „Abgesehen davon, dass Réthy nicht ein einziges Gegentor in seiner Entstehung korrekt kommentiert hat, beurteilte er wiederholt und bereits ab der ersten Halbzeit die Pfiffe des Publikums als ‚berechtigt‘. Ich war fassungslos. PS: Vielen Dank für den indirekten freistoss, er ist mein täglich Brot. Ich kann nicht mehr ohne.“

Ohne faule Theatralik

Wenn Christian Eichler (FAZ) über Rugby nachdenkt, lernen wir auch etwas über Fußball: „Noch ist Rugby anders. Man sieht keine Diskussion mit dem Schiedsrichter und keine albernen Betrugsversuche wie die im Fußball üblichen Verkehrssignale, wenn zwei Spieler gleichzeitig den Arm heben, um einen Einwurf zu reklamieren, obwohl einer der beiden lügt und es weiß. Es gibt keine verzweifelt gefalteten Hände, keine zum ungnädigen Himmel hinaufgeworfenen Blicke. Die faule Theatralik des Fußballs fehlt im Rugby, hier ist das Drama echt. Es gibt auch keinen Personenkult. Rückennummern werden nach Positionen, nicht nach Namen vergeben. Trainer turnen nicht an der Seitenlinie entlang, sie dirigieren von der Tribüne. Wenn sie verloren haben, gehen sie in die Kabine des Gegners, um zu gratulieren. Und anders als im Fußball, wo schon der Gedanke an Regeländerungen bekämpft wird, ist man offen für Neues.“

Freitag, 19. Oktober 2007

Internationaler Fußball

Hauptschuldiger am drohenden Desaster

Wolfgang Hettfleisch (FR) berichtet über das 1:2 Englands in Russland und über einen sehr unangenehmen Abend für Trainer Steve McClaren: „Dass der spröde und nie populäre Nachfolger von Sven-Göran Eriksson gehen muss, sollte England tatsächlich erstmals seit 1984 bei einer EM-Endrunde zuschauen, ist so sicher wie das Amen in der Anglikanischen Kirche. Guus Hiddink, trotz aktueller Vertragsverlängerung mit dem russischen Verband, einer der vielen Kandidaten für McClarens Nachfolge, kannte in der Stunde des Triumphs keine Pietät. Er sprach taktische Fehler des Kollegen an. Der habe es versäumt, auf seine Umstellungen zur Pause zu reagieren, mit denen die Russen ihre rechte Angriffsseite stärkten. Weil der unerfahrene Linksverteidiger Joleon Lescott wegen des Übergewichts des russischen Fünfer-Mittelfelds ständig nach innen rückte, wurde die nominelle Offensivkraft Joe Cole quasi zum Außenverteidiger degradiert. Das Verteidigen aber zählt bekanntermaßen nicht zu den Stärken des torgefährlichen Dribblers vom FC Chelsea. Die englischen Zeitungen breiteten die Kritik des weltmännischen Hiddink am hausbackenen McClaren tags darauf genüsslich biss hämisch aus. Mochte der unglückliche englische Teammanager auch noch so oft wiederholen, dass der unberechtigte Elfmeter sein Team den sicheren Sieg und damit das vorzeitige Erreichen der EM-Endrunde gekostet habe: Für die Presse ist er der Hauptschuldige am drohenden Desaster.“

Vergangenheit hinter sich gelassen

Die NZZ befasst sich mit Russlands Blüten: „Die Demontage der Engländer wurde gefeiert, als hätte die Equipe Hiddinks soeben die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele gleichzeitig gewonnen. Die Atmosphäre im ausverkauften Luschniki-Stadion muss selbst den lärmresistenten Briten unter die Haut gefahren sein. Und dennoch hatte sie auch etwas orchestriertes an sich. Die (angeblich) größte Nationalflagge der Welt, die vor dem Spiel im gewaltigen Oval ausgebreitet wurde, spiegelte ebenso ein gewisses Übermaß an Patriotismus wie der TV-Auftritt von Premierminister Viktor Zubkow. Der Politiker hatte in einer Ansprache an die Spieler den Fußballabend nämlich in einen größeren historischen Kontext gestellt: ‚Wir haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Wir sind als erste ins All geflogen. Jetzt müsst ihr alles geben, um heute zu gewinnen.‘ Über etwas kann aber auch die leicht irritierende Propaganda nicht hinwegtäuschen: Die russischen Fußballer haben die Vergangenheit hinter sich gelassen. Vor allem profitieren sie von einem wirtschaftlich äußerst attraktiven Umfeld. Über Geld wird hier zwar erfahrungsgemäß nicht gesprochen, doch scheint der Rubel noch schneller zu rollen als der Ball. Damit lässt sich auch erklären, weshalb immer mehr ausländische Stars den russischen Winter als erwärmend empfinden. Von der wachsenden Kompetitivität der Meisterschaft profitiert nicht zuletzt die Nationalmannschaft. Hiddink stützt sich zur überwiegenden Mehrheit auf Personal aus der heimischen Liga. In Israel und Andorra muss er mit seiner Auswahl sechs Punkte gewinnen. Anderenfalls würde der Triumph gegen die Engländer quasi zu einer sportlichen Propagandalüge verkommen.“

FAZ: Hiddink siegt mit Russland 2:1 über England und belehrt seinen Kollegen McClaren

Das 0:1 durch Rrruniä …

… Ausgleich durch den umstrittenen Elfmeter

… und eine Robinsonade zum Schluss.

Selbstüberschätzung

Über den 1:0-Sieg der Griechen bei den Türken heißt es bei Tobias Schächter (Berliner Zeitung): „In Terim ist der Sündenbock für die scheinbar unaufhaltsame Selbstdemontage des türkischen Fußballs gefunden. Kommentatoren fordern den einst als Imperator gefeierten, selbstherrlichen Mann zum Rücktritt auf. Durch seine Arroganz gegenüber vermeintlich schwachen Gegnern wie Malta und Moldawien, gegen die am Ende aber zwei bittere Remis standen, seine wirren Personalrochaden und seine nationalistischen Parolen hat er seine Mannschaft völlig verunsichert. Die alte türkische Krankheit der Selbstüberschätzung stürzte die Nationalelf spätestens nach dem 4:1-Hinspielerfolg in Piräus wieder in einem Abwärtsstrudel, dem sie nun hilflos ausgeliefert zu sein scheint. (…) Zur Attraktion taugt diese Elf [die griechische] dort zwar auch diesmal nicht, aber wie schon vor drei Jahren in Portugal wird sie nicht leicht zu besiegen sein. Drei Hünen, Kyrgiakos, Dellas, Antzas, bilden eine zentrale Abwehrmauer wie aus Beton, und im Mittelfeld spielen die Veteranen Basinas und Karagounis immer noch klug und bissig.“

Deutsche Elf

Müssen sich die anderen vor Deutschland fürchten oder muss sich Deutschland vor den anderen fürchten?

Die deutsche Presse schluckt nach dem 0:3 gegen Tschechien dreimal tief, zeigt aber auch Verständnis und Fähigkeit zur Milde / Enttäuschung über Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski / Kritik am pfeifenden Münchner Publikum

Christof Kneer (SZ) misst die Amplituden der deutschen Elf: „Müssen die anderen Nationen fürchten, mit Deutschland in eine Gruppe zu kommen, oder muss sich Deutschland vor den anderen fürchten? Angst haben müssten wohl jene Deutschen, die den Tschechen in München 0:3 unterlagen – Angst verbreiten würde dagegen jene DFB-Elf, die in Prag 2:1 siegte. Irgendwo zwischen diesen beiden Spielen liegt das wahre Niveau des deutschen Fußballs, und es darf als Verdienst des Bundestrainers Löw gelten, dass er die Obergrenze neu definiert hat. Er hat die Gruppendynamik in seiner Mannschaft optimiert, er hat ihr beigebracht, wie man gemeinschaftlich organisierten Fußball spielt. Er hat seine Gruppe souverän ins Euroland geführt, aber er weiß genau, dass seine Elf dort ein Problem bekommt, wo die Gruppe endet. Der deutsche Fußball hat weiterhin Schwierigkeiten, individuelle Lösungen zu finden, er hat zu wenige von diesen Einzelkönnern, die auf Höchstniveau den Unterschied ausmachen.“

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) schreibt baff: „Es war ein schwarzer Abend, den die deutsche Nationalmannschaft erleben musste. Nach den Monaten des Höhenflugs hat sie eine derart heftige Bruchlandung hingelegt, wie man sie sich von diesem Team gar nicht mehr vorstellen konnte. Erstmals in der Amtszeit Löws enttäuschte die Mannschaft auf der ganzen Linie, erstmals bekam sie schonungslos und 90 Minuten lang ihre Grenzen gezeigt.“ Das Resümee Michael Horenis (FAZ) enthält nur einen Plusfaktor: die gesunkene Fallhöhe: „An einem Tag, an dem nicht nur der Bundestrainer alle Qualitäten vermisste, die die deutsche Mannschaft in den letzten Monaten ausgezeichnet hatten, wurde jede ihrer Schwächen umgehend bestraft. Einen einzigen ganz konkreten Vorteil konnte Löw der trostlosen deutschen Vorstellung gleichwohl abringen: Die öffentliche Favoritenrolle sind die Deutschen erst einmal los.“ Ludger Schulze (SZ) stellt die guten Vorleistungen in Rechnung: „Die zweite Niederlage in sechzehn Spielen unter Löw war ein ernüchternder Rückschritt, aber letztlich nicht mehr als das Sechzehntel einer erfolgreichen Zeit.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) nennt Ursachen, zieht Lehren: „Das Ergebnis kam nicht völlig überraschend, es hatte Gründe: Die deutschen Fußballer, die sich vier Tage zuvor die EM-Qualifikation gesichert hatten, litten nun unter einem Spannungsabfall – eine menschliche Reaktion. Sie trafen auf ein tschechisches Team, das den Ehrgeiz hatte, sich für das 1:2 im März zu revanchieren. Sie mussten in Michael Ballack, Philipp Lahm, Miroslav Klose, Bernd Schneider und Jens Lehmann ohne fünf Figuren auskommen, die ihrem Spiel sonst Halt, Struktur und Richtung geben. (…) Löw muss seine Strategie nicht in Frage stellen. Aber er weiß nun, dass das Leistungsgefälle in seinem Aufgebot größer ist als gedacht, und dass sein Team bei der EM nur in Bestbesetzung bestehen kann. Dort ist Tschechien nicht der stärkste Gegner.“

Das zweite und dritte Tor der Tschechen

Die Kinderstars müssen jetzt lernen, richtig Fußball zu spielen

Kneer erinnert Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski daran, welche Hoffnung sie geweckt haben – und welche Ernüchterung sich nun breitmacht: „Vor einem Jahr wollten schätzungsweise 104 Prozent aller befragten Kinder später mal Schweinsteiger werden, und für den Fall, dass was dazwischenkommen sollte, gaben zirka 107 Prozent Podolski als Ersatzberuf an. Inzwischen ist es nicht mehr leicht, Lukas Podolski zu sein, und wer allein dieses Länderspiel zum Anlass nimmt, würde im Zweifel sogar lieber Arne Friedrich sein. Die einstigen Sommerhelden sind angekommen im deutschen Herbst, und ob es für die beiden noch mal Frühling wird, war noch nie so ungewiss wie heute. Es ist noch nicht lange her, da ging das Land davon aus, dass Schweini & Poldi einmal so gut werden könnten, dass sie von sich aus eine deutsche Mannschaftsleistung prägen. Wer die beiden zuletzt verfolgt hat, wird das für ein Missverständnis halten. Schweinsteiger, 23, und Podolski, 22, sind keine Versprechen mehr, sie müssen jetzt etwas halten. Im Grunde müssen die Kinderstars jetzt lernen, richtig Fußball zu spielen – wenn sie auf derselben Bühne wie die Erwachsenen auftreten wollen, müssen sie ihre Mittel schärfen, ihr Repertoire erweitern, und dazu müssen sie vor allem: spielen.“

Operettenpublikum

Thomas Kilchenstein (FR) nimmt die Mannschaften vor den pfeifenden Fans in Schutz: „Diese personell geschwächte deutsche Mannschaft hat es schlicht nicht verdient, derart ausgebuht zu werden. Es war der erste kleinere Rückschlag nach eineinhalb Jahren, in denen sie durchweg ihr Publikum verzückt hatte. Es war erschütternd zu hören, wie wenig Kredit die Zuschauer Löw und seiner Mannschaft gaben. Die Pfiffe waren peinlicher als das Spiel auf dem Rasen.“

Lesch schreibt den Zuschauern hinter die Ohren: „Die Reaktionen des Publikums zeigen: Die Zuschauer müssen erst noch lernen, dass Löws Mannschaft verletzlich ist. Sie haben das Team nach den Triumphen der vergangenen Monate offenbar als Gute-Laune-Maschine betrachtet, die man mit Eintrittsgeld füttert und die dafür einen Abend voller Tore, Tricks und Tralala herstellt. Sie verstehen ihre Platzkarte als Garantieschein für 90 Minuten perfekter Unterhaltung; jedes Heimspiel hat gefälligst eine kleine WM 2006 zu sein. Die Pfiffe von München haben genügt, um alle Reden Oliver Bierhoffs vom angeblich so fantastischen Zusammenhalt zwischen Fans und Team als PR-Geschwätz zu entlarven. Die Zuschauer, die sich ein Länderspiel anschauen, unterscheiden sich großenteils von den Fans eines Bundesligaklubs. Sie begleiten die Mannschaft nicht kontinuierlich, sondern punktuell. Und einige sind offenbar nicht bereit, eine schwache Leistung in einen Zusammenhang einzuordnen, die Leistungen der Vergangenheit zu würdigen und Verständnis für einen Blackout aufzubringen.“

Stefan Osterhaus (NZZ) verweist (sonst hätten wir es tun müssen) auf den Austragungsort: „Die Münchner Anhängerschaft, die sich in der komfortablen Arena binnen zweier Spielzeiten den Ruf eines Operettenpublikums hart erstritten hat, quittierte das mangelnde Engagement gewöhnlich rasch mit Pfiffen. Die lautstarke Ermahnung änderte nicht viel am Spielgeschehen, das die Tschechen dauerhaft im Vorteil sah. Und vielleicht war diesen hochgelobten Deutschen, die einen Ausfall nach dem anderen mit an Nonchalance grenzender Selbstverständlichkeit absorbierten, der Gedanke einfach zu abwegig, überhaupt verlieren zu können, so gut war es seit der WM gelaufen. Im Grunde war es ja in den letzten Jahren für die Deutschen vor allem darum gegangen, die anderen davon zu überzeugen, dass auch sie noch Fußball spielen können. Es war immerhin ein Rückschlag ohne Konsequenzen, der eine rechtzeitige Korrektur ermöglicht.“

So viel Kritik an den Fans?! Das scheint mir neu. Hat mein Appell gefruchtet?

Das erste Tor der Tschechen

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Ball und Buchstabe

Paradebeispiel für Realpolitik

Nachklapp zum Fall des Wolfsburger U21-Nationalspielers Ashkan Dejagah, der es als iranischer Staatsbürger abgelehnt hat, in Israel zu spielen

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) kritisiert den Umgang der Politik und des DFB-Präsidenten mit dem Fall Dejagah: „Vom Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag über die Präsidentin des Zentralrats der Juden bis hin zum CDU-Generalsekretär überboten sie sich in der Forderung, Dejagah aus der Nationalmannschaft auszuschließen Auch Theo Zwanziger, ein Freund schneller Statements, gefiel sich in markigen Formulierungen Richtung Dejagah. (…) Für Dieter Eilts hatte sich die Personalie nie anders dargestellt, als sie jetzt hingestellt wird. Bei entsprechendem Informationsstand hätte Zwanziger den Ball flach halten können. Mit wohlfeilen Worten betont jetzt der erste Mann des DFB, ‚in der Betreuung unserer Spieler nicht nur sportliche Inhalte zu berücksichtigen, sondern auch pädagogische und gesellschaftspolitische‘. Wunderschön gesagt. Dann hätte man jene Nationalspieler, die im Namen Deutschlands unlängst in Tel Aviv auftraten, auch getrost in voller Mannschaftsstärke Yad Vashem, die zentrale Gedenkstätte für die Opfer und Helden des Holocaust, besuchen lassen müssen. Stattdessen wurde in Ersatztorhüter Fromlowitz nur einer aus dem Kader delegiert. Es hätte der Führungsspitze des DFB spätestens jetzt, mit Hinweis auf den inneren Konflikt Dejagahs, gut angestanden, ein Wort in Richtung der Machthaber in Teheran zu verlieren. Die Auflösung des Falls Dejagah ist ein Paradebeispiel für Realpolitik. Hinterher ist alles nicht so gemeint, wie es ausgesprochen wurde.“

Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) empfiehlt spöttelnd: „Jedenfalls ahnt jeder fortgeschrittene Fußballfan, was der Zwanziger und Dejagah in dieser Woche unter vier Augen so ausgeheckt haben könnten: Vor dem nächsten Länderspiel in Israel klagt Ashkan über Migräne, zieht sich für ein paar Tage mit einem nassen Waschlappen auf der Stirn in ein verdunkeltes Zimmer zurück – und erspart sich, uns und aller Welt damit viel Kopfweh.“

FAZ-Interview mit dem DFB-Arzt Tim Meyer über Doping im Fußball

SZ-Interview mit Joachim Löw über seinen neuen Vertrag, geheime monatliche Treffen einer Viererrunde und die Firma Joachim Löw

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Internationaler Fußball

An Reputation verloren

Tobias Schächter (Berliner Zeitung) stellt fest, dass die Zweifel an Türkeis Trainer Fatih Terim inzwischen auch seine Befürworter durchdrungen haben: „Die Angst geht um, zum dritten Mal in Folge ein großes Turnier zu verpassen. Nach dem dritten Platz bei der WM 2002 wähnte man sich noch auf Augenhöhe mit den großen Fußballnationen, doch spätestens nach dem Desaster beim skandalösen Aus in den Entscheidungsspielen zur WM 2006 gegen die Schweiz hat der türkische Fußball an Reputation verloren. Mittlerweile dämmert auch den treuesten Steigbügelhaltern in den Medien, dass das Festhalten an Terim, 54, ein Fehler war. Schon nach dem erbärmlichen 2:2 auf Malta wurde Terim, der wegen des Gewinns des Uefa-Cups mit Galatasaray Istanbul im Jahr 2000 verehrt wird, ob seiner einfallslosen Taktik kritisiert.“

Im Fußball lernen wir, demütig zu sein und klein

Der österreichische Schriftsteller Franzobel (zeit.de) besteht, aus einer Mischung aus Masochismus und Religiösität heraus, auf die Teilnahme Österreichs an der EM: „Während die österreichische Literatur boomt, siecht der Fußball. So komatös, wie dieses österreichische Nationalteam momentan agiert, spielt sonst kaum noch eine Mannschaft in Europa. ‚Suboptimal‘, sagen die Reporter euphemistisch, dabei ist es grauenhaft. Da spielen Scheintote und wandelnde Leichen, die weder laufen, passen, flanken oder den Raum aufteilen, sondern nur seelenlos über das Spielfeld geistern. Das, was diese Mannschaft derzeit zeigt, ist eine besonders perfide Form der Zuschauerfolter, eine Fußball gewordene, peinlich schlechte Musikantenstadl-Parodie. Wenn man dieses Gegurke mit den Leistungen des haitianischen Skiteams vergleicht, tut man den Insulanern Unrecht. Selbst ein Basketballteam der Pygmäen könnte vergleichsweise nicht schlechter sein. (…) Österreich ist katholisch durch und durch, man hat gelernt, dass einem Sünden verziehen werden, wenn man nur beichtet. Das Nationalteam ist die Dauerbuße, die wir tun, und es ist die Plage, mit der Gott uns straft. Der Katholizismus verlangt aber auch Enthaltsamkeit. Hermes Phettberg, der großartig gründliche Laienprediger des unergründlich Abgründigen, hat einmal verkündet, das Beste, was der Mensch vor Gottes Angesicht machen kann, ist, nicht in Erscheinung zu treten, sich nobel zurückzuhalten, sich jede Entäußerung zu verkneifen. Wäre das die Lösung für die Kicker? Freiwilliger Verzicht? Selbstkasteiung? Im Fußball lernen wir Österreicher, demütig zu sein und klein. Wir erlernen die Niederlage und die Hoffnungslosigkeit, wird uns doch Spiel für Spiel die eigene Unzulänglichkeit und Schwäche vorgeführt. Bei der Euro werden wir uns als guter Gastgeber präsentieren und die Gegner reich beschenken. Alle werden sich wünschen, gegen uns spielen zu dürfen. Das ist die Wahrheit, und deshalb werde ich die Petition für den freiwilligen Verzicht auf eine Teilnahme an der Europameisterschaft nicht unterschreiben.“

taz: Das Liebesverhältnis zwischen Rehhagel und den Griechen ist in den Jahren nach dem sensationellen EM-Sieg arg strapaziert worden
FAZ: Rehhagel soll nicht in Rente gehen

Deutsche Elf

Vom Hauptdarsteller zur Randfigur

Die deutsche Fußballpresse befasst sich sorgenvoll mit dem Karriereknick Lukas Podolskis

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schildert die Marginalisierung Podolskis: „Seine wahre Heimat bleiben Köln und die Nationalmannschaft. Dort kennt er die Menschen, dort findet er die Nestwärme, die er braucht, dort fühlt er sich geborgen. Aber der 1. FC Köln gurkt in der Zweiten Liga herum, und in der Nationalmannschaft wächst die Konkurrenz im Sturm. In München wohnt Podolski weit außerhalb der Stadt, beim FC Bayern sitzt er auf der Bank. Podolskis Stagnation fällt auf, denn er spielt in zwei Mannschaften, die sich in letzter Zeit rasant entwickelt haben: Das Nationalteam ist gereift, es wirkt abgeklärter als bei der WM 2006; der FC Bayern, einst Garant für Schlafwagenfußball, hat plötzlich die Lust am Feinschmeckerkick entdeckt. Podolski zählt in diesen Gewinnermannschaften zu den Verlierern. Er ist vom Hauptdarsteller zur Randfigur geworden.“

Ist Bayern München der richtige Klub für den 22-Jährigen? Katrin Weber-Klüver (FAS) gibt zu bedenken: „In dieser Bundesligasaison hatte Podolski fünf Kurzeinsätze, sie hinterließen weder bleibenden Eindruck noch Tore. Als im letzten Ligaspiel Klose verletzt fehlte, stürmte Toni alleine. Und als es in der Schlussphase ans übliche Wechseln ging, kam noch vor Podolski Jan Schlaudraff dran. Schlaudraff, den man bei all den Star-Einkäufen des FC Bayern München schon fast wieder vergessen hat. Er gehört womöglich zu jener Kategorie Spieler, die Bayern im Vorübergehen einkauft, damit sie vom Markt sind, die aber gar nicht gebraucht und irgendwann beiläufig wieder abgestoßen werden. Podolski ist ein viel zu begabter Fußballer, um nur ein durchlaufender Posten zu sein. Vielleicht hätte er es machen sollen wie Ballack und Klose, die sich, nachdem sie beide in Kaiserslautern aufgefallen waren, über die Zwischenstationen Leverkusen und Bremen fit für die Erfolgsmaschine in München gemacht haben. Podolski will von solchen Modellen nichts wissen, wäre ja ohnehin zu spät.“

Von Wunderkind zum lernwilligen Herausforderer

Christian Gödecke (Spiegel Online) hält Podolskis Milieusensibilität fest: „In der Nationalmannschaft herrschte lange die Meinung, Podolski treffe vor allem gegen schwächere Mannschaften wie Thailand oder Südafrika, und es fehle ihm in den wichtigen Spielen das Durchsetzungsvermögen. Das änderte sich mit seinem Auftritt im WM-Achtelfinale gegen Schweden, als er beide Treffer zum 2:0-Erfolg schoss. Vielleicht schafft er es ja wirklich in München. Dagegen spricht aber vor allem eines: das Umfeld. Die Auftritte des sensiblen Podolski bei der Nationalmannschaft erinnern an einen lockeren und entspannten Erholungsurlauber. Beim FC Bayern herrscht vor allem Druck, statt salbungsvoller Worte gibt es die geballte Kritik der Vereinsbosse. Und daran wird sich in den nächsten Jahren auch nichts ändern.“

Michael Horeni (FAZ) blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Nach einer Trotzphase, in der er die Erdung nach dem Leben im WM-Himmel und im Kölner Traumland etwas zu lange nicht wahrhaben wollte, hat Podolski seine neue Rolle offenbar akzeptiert. Aus dem Wunderkind, dem alles zufliegt, ist ein Herausforderer geworden, ein lernwilliger Herausforderer. An der grundsätzlich hohen Meinung, die in der Nationalmannschaft über Podolski herrscht, hat die schwierige Zeit nichts geändert.“

Der bisherige Höhepunkt in Podolskis Karriere: zwei Tore im WM-Achtelfinale gegen Schweden. Doch eigentlich war es das Spiel Miroslav Kloses.

FAZ-Portrait Torsten Frings – angenehm altmodisch
SZ-Interview mit Andreas Köpke über die Rangfolge der deutschen Torhüter und die DFB-Zukunft von Jens Lehmann

Sonntag, 14. Oktober 2007

Internationaler Fußball

Liliput

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) beobachtet bei der Niederlage in der Schweiz eine Verzwergung Österreichs: „3:1 gewannen die Eidgenossen gegen den kleinlauten Nachbarn, der auch noch eingesteht, kommenden Sommer wohl nur bedingt konkurrenzfähig zu sein. Sobald die Schweizer das Tempo erhöhten, kam der Nachbar nicht mehr mit. Der lang anhaltende Schrumpfungsprozess einstiger Fußballherrlichkeit tut nicht nur der österreichischen Seele weh. Die Schweizer waren erkennbar bemüht, den schwächelnden Nachbarn mit Durchhalteparolen aufzubauen. Ein Mitgastgeber, der schon vor dem Erscheinen seiner Gäste vergrätzt und verkatert im Türrahmen steht, macht sich nicht gut. (…) Von wegen ‚felix Austria‘. Es ist ein verflixtes, verlorenes Jahr für Österreich, in dem seine Nationalelf keinen Schritt weitergekommen ist. Hickersbergers Rezept (‚von besseren Gegnern lernen‘) ist nicht aufgegangen. Den Schweizern traut er bei der EM das Erreichen des Viertelfinales zu. Gelänge das Gleiche seinem Kader, wäre das nach Hickersbergers Maßstäben bereits eine ‚Weltsensation‘. Vielleicht macht ihn das daheim so angreifbar: Er macht Österreich vor aller Welt noch kleiner, als es ohnehin schon ist. Wer Hickersberger nur lange genug zuhört, wird die Schweiz fortan den Fußball-Giganten des Kontinents zurechnen. Österreich dagegen ist Liliput.“

Deutsche Elf

Diesmal mit dem Geist der leidenschaftlichen Kämpfer

Trotz eines zähen 0:0 in Irland preist die deutsche Presse Joachim Löw und sein Team / „Meisterfänger Jens Lehmann“ (FAZ)

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) würdigt Joachim Löw: „Mit dem vorzeitigen Erreichen der Europameisterschaft ist der Bundestrainer an einem vorläufigen Höhepunkt angelangt. Keiner seiner Vorgänger hat es geschafft, eine Qualifikation so reibungslos und früh zu vollenden. Und keinem ist es gelungen, dabei einen so attraktiven Fußball spielen zu lassen und aus einst quälenden Pflichtübungen Ereignisse zu machen. Das ist neu im deutschen Fußball, dass auch eine Qualifikation Spaß machen kann. Das schmucklose 0:0 in Irland vermag an dieser Grundtendenz nichts zu ändern.“

Thomas Kilchenstein (FR) pflichtet ihm bei: „Viele hatten nach dieser glanzvollen WM den Einbruch der Mannschaft erwartet, physisch wie mental. Das Gegenteil ist eingetreten. So zeigt sich, dass sie über ein sicheres Fundament verfügt – und dieses Fundament hat Löw gelegt. Schon zu Zeiten, als noch Klinsmann in der ersten Reihe stand.“

In sich stimmig

Christof Kneer (SZ) deutet auf eine neue Facette im Spiel der DFB-Elf: „Dass die Deutschen neuerdings Fußball spielen können, daran hatte sich Europa gerade gewöhnt, aber dass zu diesem neuen süffigen Fußball auch trockener Realismus gehört, das war nicht abgemacht. Die Deutschen haben nicht besonders gut Fußball gespielt, aber wer den Weg dieser Mannschaft verfolgt hat, dem drängt sich der Eindruck auf, dass die Elf in ihrer Entwicklung wieder eine Ebene höher geklettert ist. Diese deutsche Nationalmannschaft, die ihre Karriere unter der Leitung des radikalen Jürgen Klinsmann als Fundi begann, ist in Dublin endgültig zum Realo geworden.“

Roland Zorn (FAZ) fügt an: „Passende Ergebnisse einzuspielen ist eine Spezialität italienischer Fußballmannschaften. Inzwischen kann auch die deutsche Nationalelf, wenn es sein soll, in Irland ein 0:0 erreichen oder, wenn’s beliebt, in Tschechien gewinnen oder, wenn die Personalnot groß ist, England dennoch im Wembley-Stadion besiegen. Was sie unter Löw zu bieten hat, ist so gut wie jedes Mal in sich stimmig, gruppentaktisch eingeübt und kollektiv überzeugend präsentiert worden.“

Waffen gewechselt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) führt aus: „Die Spieler haben gezeigt, dass sie nicht nur über sich hinauswachsen, sondern auch mal zu ihrer Normalgröße stehen können. Sie haben in dieser Partie mit dieser offensiv so behelfsmäßig besetzten Elf ihre Grenzen erkannt, aber sie haben sich dadurch nicht schrecken lassen, sondern gelassen reagiert: Sie haben mal eben ihre Denkweise geändert. Sie haben Ergebnisfußball und nicht, wie gewohnt, Erlebnisfußball gespielt. Sie haben sich damit zufrieden gegeben, den einen Punkt zu erringen, den sie noch brauchten, um sich für die EM 2008 zu qualifizieren. Sie sind von ihrem Vorsatz abgewichen, stets dem Gegner ihren Stil aufzuzwingen und eine irisch geprägte Partie akzeptiert. Sie haben nicht agiert, sondern reagiert. Sie haben Witz durch Willen ersetzt, Kunst durch Kampf, Ideen durch Intelligenz.“

Zorn gefällt der Mut und die Kernigkeit der Löw-Truppen: „Diejenigen, die in den Fight gegen die knochenhart ihre letzte Chance suchenden Iren zogen, haben sich bestens geschlagen. Diesmal nicht mit den Waffen der Könner am Ball, sondern eher mit dem Geist der leidenschaftlichen Kämpfer. Dort, wo sonst der Gaelic Football seine Hochburg hat, erlebten 67.000 Zuschauer deutsche Bravehearts bei der Arbeit. Sie ließen sich nicht einschüchtern von den fetzigen Attacken der Iren und nicht dazu verleiten, ihre elastische Abwehrkraft leichtfertig aufs Spiel zu setzen; sie führten ihrem erbitterten Widersacher nur momentweise einen Hauch von gehobener Spielkultur vor und fühlten sich alsdann wieder ihrem wehrhaften Arbeitsethos verpflichtet. Am Ende aller Mühen stand eine auf den Punkt gebrachte hochkonzentrierte Leistung, als es galt, notfalls ohne Tor entscheidend zu punkten. Torhüter Lehmann war an diesem Abend des europäischen Gesellenstücks der Löw-Truppe der Meisterfänger.“

Ein Lehrvideo über modernes Torwartspiel

Lesch gibt dem deutschen Torhüter eine sehr gute Note: „Lehmanns Leistung ist ein überzeugendes Plädoyer in eigener Sache gewesen. Seine Vorstellung taugte als Material für ein Lehrvideo über modernes Torwartspiel. Er hat mitgedacht und mitgespielt, er hat gezeigt, dass er mit der Innenverteidigung Metzelder/Mertesacker mittlerweile ein schwer überwindbares Bollwerk bildet. Unangreifbar ist seine Position trotzdem nicht.“

Von hinten nach vorne aufgebaut

Und Kneer imponiert die deutsche Abwehrkraft: „Dieses Spiel hat auch gezeigt, dass die DFB-Elf dabei ist, ihr Repertoire zu vervollkommnen. Unter Klinsmann war das oft eine Hurra-Mannschaft, die vor lauter Hurra nicht merkte, dass im Zentralbereich ein Loch klaffte, so groß wie der Strand von Huntington/Beach. Die Mannschaft war eindeutig von vorne nach hinten gebaut – Löws Mannschaft dagegen ist von hinten nach vorne aufgebaut, was den Erfordernissen des modernen Fußballs eher entspricht. Auch in Dublin wurde das Spiel der DFB-Elf vom Stabilitätspakt Lehmann/Mertesacker/Metzelder getragen – vorne gingen die Bälle im fahrigen Mittelfeld verloren, aber hinten wurden sie dann wieder eingefangen, von einem Stelzenbein Mertesackers, von einem Kopfballs Metzelders oder von den fangbereiten Armen Jens Lehmanns. Lehmann ist nun also ein Drittel des magischen Defensivdreiecks und vermutlich unverdrängbarer denn je.“

FAZ: Lehmanns Tag – ein Schauspiel auch für Wenger

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