Dienstag, 19. Juni 2007
Internationaler Fußball
Sieg dank großer Reserven
Die Presse gratuliert Real Madrid zum Titelgewinn, erwartet von den „Königlichen“ jedoch mehr als Rennen und Kämpfen / Uneinige Urteile über den scheidenden David Beckham
Paul Ingendaay (FAZ) beschreibt die Meisterschaft Real Madrids als Lohn eines Kampfs: „Die spanische Liga endete auf der Note der letzten Monate: Kampf, Nervenflattern, Hochspannung bis fast zur neunzigsten Minute. Doch das Ergebnis bestätigt den Trend: Der FC Barcelona hat den Meistertitel aus Arroganz oder Langeweile verspielt, während Real Madrid ihn mit Gier, Leidenschaft und grauenhaftem Fußball an sich riß. Die Männer in Weiß glauben einfach an sich. Oder sie wissen immer, wo die Brechstange liegt. Seltsamerweise ist die innere Stärke umso größer, je mehr die spielerischen Mängel ins Auge springen. So ähnlich könnte sich 2004 der Europameister Griechenland gefühlt haben. Aus dem Bewußtsein, nicht die beste Mannschaft zu sein, erwachsen Löwenkräfte.“ Ralf Itzel (taz) ergänzt: „Erfolgreicher Fußball – das ist in Spanien eine durchaus neue Erkenntnis – muß nicht zwangsweise auf Feintechnik und tollen Kombinationen gründen.“
Georg Bucher (NZZ) fügt hinzu: „Es grenzt an Masochismus, wie die Madrilenen regelmäßig einem Rückstand nachlaufen, diesen drehen und Emotionen vermitteln. Mit solch opferbereiten ‚Arbeiter-Aristokraten‘ kann sich das Volk identifizieren, Ressentiments gegen willensschwache Mimosen gehören der Vergangenheit an. Während die Konkurrenz auf dem Zahnfleisch ging, zapfte Capello unbegrenzt scheinende Reserven an. Nicht spielerisch, sondern physisch und mental verdiente sich Real den 30. Landestitel. Anderen Einflüssen ist er ebenfalls geschuldet, namentlich dem Faktor Glück. (…) Letztlich muß sich Barça an der eigenen Nase nehmen. Wer einen Zehn-Punkte-Vorsprung verspielt, dem ist nicht mehr zu helfen.“
Josef Kelnberger (SZ) schreibt der Vereinsführung Realitätssinn ins Stammbuch: „Von Deutschland aus betrachtet ist in Madrid immer noch ein Ensemble von Hochkarätern am Werk, aus Real-Sicht aber kam der 30. Titelgewinn einem Wunder gleich. Zu bezweifeln ist, daß der Verein die Botschaft kapiert. Präsident Calderon kündigte an, ‚das große Real Madrid‘ kehre zurück, deshalb will er Kaká für 80 Millionen Euro aus Mailand holen; die Einkaufstour des FC Bayern nimmt sich vergleichsweise aus wie Aldi-Shopping. Doch auch dem besten Fußballer der Welt droht in Madrids Größenwahn der Untergang.“ Ingendaay weist auf den Reibungspunkt Trainer hin: „Niemand will den öden Capello-Stil sehen. Tatsächlich haben sich die Capello-Einkäufe – allen voran der italienische Weltfußballer Cannavaro und der Brasilianer Emerson – als Schwachpunkte der Saison herausgestellt. Auch daß David Beckham so stillos abgeschoben wurde, muß der Trainer verantworten. Der Brite geht als Held, weil er vorbildlich gekämpft und in der Schlußphase noch einige große Partien geliefert hat.“
Fußballdarsteller
Christian Eichler (FAZ) hat für David Beckham nicht viel übrig: „Beckham ist der Weltstar des Schnipsel-Fußballs, des kurzen, separierbaren und reproduzierbaren Ausschnitts des Spieles, den man Standardsituation nennt. So wurde er der passende Held für die reizüberfluteten, ungeduldigen Zapper-Hirne der modernen Mediennutzer-Generation. Deshalb ist er in Amerika perfekt aufgehoben, wo man kein Gespür für die leisen Schwingungen und Strömungen eines Spiels hat und deshalb mit Fußball bisher nichts anfangen konnte; wo man im Football und Baseball um zwei, drei sehenswerte Aktionen herum stundenlange Übertragungen bastelt – und wo man es versteht, aus ein, zwei bekannten Gesichtern und ein, zwei Gags einen ganzen Hollywood-Film zu drehen. All das ist wie gemacht für den Fußballdarsteller Beckham.“
Zu unrecht reduziert
Mathias Klappenbach (Tagesspiegel) bricht eine Lanze für Beckham: „Egal, ob ihn die Fans in England nach seiner Roten Karte bei der WM 1998 als Verantwortlichen für das Aus ächteten, ob ihm sein erzürnter Trainer Alex Ferguson bei Manchester United einen Schuh an den Kopf schoß, ob er aus der Nationalmannschaft geworfen wurde oder bei Real Madrid zu Jahresbeginn auf die Tribüne verbannt wurde: David Beckham ist jedes mal in die Gegenwart zurückgekommen. Und hat gezeigt, daß er nicht nur eine der weltweit bekanntesten Werbefiguren ist. Sondern ein Fußballer, der viel mehr kann als angeschnittene Freistöße und Flanken schlagen, worauf er oft zu unrecht reduziert wurde. Das alleine hätte niemals gereicht, um bei großen Klubs und im Nationalteam eine Führungsrolle einzunehmen. Nicht immer hat sich David Beckham hundertprozentig auf den Fußball konzentriert. Aber auch in Madrid hat er zum Ende noch einmal gezeigt, was er draufhat und sich eindrucksvoll bei denen verabschiedet, die ihn nicht mehr haben wollten.“
SZ: Der Titelgewinn kann Fabio Capello nicht mit der Vereinsführung versöhnen
NZZ-Portrait Capello
NZZ: Protest aus dünner Höhenluft – Südamerikaner fordern von der Fifa Rückgängigmachung des Spielverbots
FR: Alltägliche Jagdszenen – Schiedsrichter im Amateurfußball leben gefährlich
Freitag, 15. Juni 2007
Ball und Buchstabe
Ignoranz
Doping im Fußball? Barbara Klimke (Berliner Zeitung) stellt klar: „Daß in einer Spielsportart, die neunzig Minuten lang Ausdauer, Sprungkraft, Körpereinsatz und Laufbereitschaft verlangt und in der das Tempo in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert wurde, Doping weniger bewirken solle als etwa in der Leichtathletik, ist eine durch nichts belegte These. Sie wird nicht glaubhafter dadurch, daß Ärzte sie verbreiten. Wer mag, kann sich in italienischen Gerichtsakten vom Gegenteil überzeugen: Beim Rekordmeister Juventus Turin wurden Spieler zwischen 1994 und 1998 systematisch von Klubangestellten gedopt. Das hat vor zwei Wochen erst das höchste italienische Gericht bestätigt. Das Vergehen war zur Zeit des Urteils allerdings verjährt. Was nicht verjährt, ist nur die Ignoranz, mit der geleugnet wird, daß sich im Fußball nicht nur der Ball aufpumpen läßt.“
BLZ: Gefahr für die Karriere – warum Homosexualität im Fußball noch ein Tabu ist
14. Juni 2007
Zuviel Charakterstärke notwendig
Thomas Kistner (SZ) nimmt die Andeutungen Peter Neururers zum Anlaß, seinen Verdacht über Doping im Fußball zu untermauern und zu begründen: „Wenn der Fußball heute so kategorisch seine Reinheit beschwört, muß das stutzig machen. Hier hat wie überall sonst zu gelten, daß Ärzte und Athleten, die Illegales praktizieren, dies öffentlich abstreiten werden. Umgekehrt werden jene, die Doping bekämpfen, nie ins Zentrum betrügerischer Maßnahmen vorstoßen. Heißt: Die einen werden stets lügen, die anderen nie richtig drin sein in der Materie. Dabei hat sich just der Fußball, der nie wie andere Sportarten um staatliche Fördermittel bangen mußte, stets gegen externe Kontrollen gewehrt. Die paar Trainingstests heute sind wirkungslos, wenn gutverdienende Profis zu modernen Fitmachern greifen. Deshalb sind die paar überführten Sünder auch kein Beleg für einen sauberen Sport. Gesichert ist, daß Anabolika in der Regeneration den Muskelaufbau fördern und Epo die Ausdauer verbessert. Michel D‘Hooghe, Chefarzt der Fifa, war schon 2002 überzeugt, daß deutsche, englische, spanische und italienische Spieler Epo benutzen. Es geht stramm an der Realität vorbei, wenn Ärzte und Funktionäre den Fußball für dopingfrei erklären. Wer rennt wie ein Windhund und rackert wie ein Bullterrier, kassiert heute ebenso Millionen wie der talentierte Ballartist. Also muß ein Profi, der all die Prämien liegen läßt, die er im Bedarfsfall mit etwas mehr körperlicher Fitness abgreifen könnte, über enorme Charakterstärke verfügen.“
Zeit Online: Doping spielt in jeder Sportart eine Rolle
FR-Interview mit Klaus Gerlach, dem Mannschaftsarzt von Mainz 05, über Doping im Amateursport: „Doping scheint mir in der Gesellschaft akzeptiert“
BLZ: Rassismus in der C-Jugend – die Eskalation der Gewalt ist ein dauerhaftes Problem in Sachsens Fußball
Bundesliga
Anti-München
In Wolfsburg sind große Töne nach wie vor willkommen / Lob für Bayerns neue Politik des Geldausgebens
Ingo Durstewitz (FR) kann keine Grundlage für den hohen Anspruch entdecken, mit dem Felix Magath seinen Arbeitsbeginn in Wolfsburg kundtut, und fragt sich, ob der VfL aus seinen Fehlern schlau wird: „Der VfL Wolfsburg dreht die Uhren zurück, die Ziele von heute sind die Ziele von gestern. Das Motto lautet: zurück in die Vergangenheit. Nun wird wieder geklotzt, nicht mehr gekleckert. Abstieg? I wo! Meisterschaft, Königsklasse! Der zum Startrainer aufgestiegene Magath deliriert eifrig mit. Der passionierte Schachspieler gefällt sich in der Rolle des Großmeisters. Klingt nach latentem Realitätsverlust. Weil weder Real noch Chelsea oder der AC Mailand Bedarf auf der Trainerposition meldeten, stieg er nach Wolfsburg hinab, um den Werksklub zu neuer Glorie zu führen. Nur zur Erinnerung: In den vergangenen beiden Spielzeiten zog der VfL kurz vor Schluß den Kopf aus der Schlinge und lief als Tabellenfünfzehnter ein. Ob der neue Messias das weiß? Es ist ein riskantes Spiel. Magath fiel nie durch ausgeklügelte Einkaufspolitik auf. Er trägt nun überdies Verantwortung für 70 Mitarbeiter. Daß ihn soziale Kompetenz und Menschenführung auszeichnen, hat bislang nun wirklich noch keiner behauptet.“
Frank Heike (FAZ) wagt eine Prognose: „Der Neuanfang mit Macher Magath dürfte die letzte Chance sein für den VfL: Klappt es nun in den kommenden Jahren nicht, sich oben zu etablieren, dürfte Volkswagen die Schatulle nach fünf Trainern und drei Sportdirektoren in fünf Jahren endgültig schließen. Etwa 25 Fans begrüßten Magath, als er seinen neuen Dienstwagen bekam. Genau ein Autogramm mußte er schreiben. Das ist Wolfsburg. Ein Anti-München.“
Signal an Europa
Christian Eichler (FAZ) findet die Investitionen der Bayern gut und freut sich auf die neue Saison: „Der FC Bayern tut endlich was für die Bundesliga. Er gibt sein Geld diesmal nicht allein dafür aus, der nationalen Konkurrenz Spieler wegzukaufen; Spieler, deren Einkauf die Qualität der Liga nicht steigert und häufig auch nicht die der Bayern, denn es ist schon lange her, daß ein Münchner Einkauf in München besser geworden ist – Spieler, deren Einkauf die Bayern nur deshalb stärkt, weil er die Konkurrenz schwächt. Nein, erstmals gibt der FC Bayern richtig Geld aus, um im Ausland groß einzukaufen, und zwar nicht in der Rubrik günstige Gebrauchte wie Lizarazu und Sagnol oder Makaay und van Bommel, sondern in der Kategorie Weltstars. (…) Daß der einzige Gigant des deutschen Fußballs nun die Muskeln spielen läßt, ist gut für alle. Eine Saison mit schlechten Bayern, wie die letzte, ist kein Problem, sie trägt zum Unterhaltungswert der Liga bei. Eine zweite oder gar dritte wäre aber gefährlich. Es muß wieder Spaß machen, die Bayern zu sehen. Und es muß wieder Spaß machen, sie verlieren zu sehen. Beides war zuletzt nichts besonderes mehr.“
Volk ohne Raumdeckung hält der Vereinsführung vor, die Schwachstelle nicht erkannt zu haben: „So wird das nüscht. So viele Tore können Ribéry, Toni und meinetwegen auch Klose und der Große Zé vorne gar nicht schießen und vorbereiten wie van Buyten, Lucio und Kahn hinten kassieren. Trotz zweier ‚Weltstars‘ sind die Schlüsselpositionen – Tor, Innenverteidiger, der 6er – beim Rekordeinkaufsmeister nach wie vor unzureichend besetzt. Und die Halbherzigkeit der Bemühungen kann man daran ablesen, daß Kahn – in der Spielanlage ähnlich antiquiert wie Matthäus als Libero bei der EM 2000 – nach dieser desaströsen Saison nicht ersetzt wird. Er war nicht schlecht, und auf der Linie ist er nach wie vor überdurchschnittlich, aber Kahn kann den modernen Fußball als letzter Mann nicht spielen, den Enke, Schäfer und vor allem Neuer so hervorragend beherrschen. Auch Wiese ist ein solcher Paradenkönig alter Prägung und daher für den schönen Offensivfußball an der Weser eigentlich ein Hemmschuh.“
Heiko Specht (FAS) beleuchtet die neue bayerische Politik ökonomisch: „Mit den Mega-Transfers hat der FC Bayern ein Signal an Europa gesetzt. Es gab auch keine andere Wahl mehr. Über Jahre haben die Münchner mit Stolz von sich behauptet, finanziell gesund dazustehen, während die internationale Konkurrenz in Kürze sicher geschlossen Konkurs anmelden müsse. Diese Ansicht erwies sich als falsch. Der FC Bayern drohte immer weiter an Boden zu verlieren. Europaweit passierte ihm das, was der heimischen Konkurrenz im Kräftemessen mit den Münchnern widerfährt: Die Schere klafft zu weit auseinander – ein Wettstreit auf Augenhöhe ist nicht mehr möglich. (…) Einen zweiten Umbruch wird es nicht mehr geben. Was nun beim FC Bayern geschah, soll nicht die radikale Abwehr vom Prinzip der Vernunft darstellen. Finanziell ist die Qualifikation zur Champions League, obwohl die neue Mannschaft ausschließlich vom vielzitierten Festgeldkonto bezahlt wurde, ein Muß.“
Donnerstag, 14. Juni 2007
Internationaler Fußball
Irrungen und Wirrungen
Matthäus wird in Salzburg entlässt, „nicht gut für den Lebenslauf“, findet die FAZ, Ronaldinhos Krisenjahr und Urs Linsis Abgang bei der Fifa (mehr …)
Freitag, 8. Juni 2007
Deutsche Elf
Nicht vom Weg abzubringen
Viel Lob für Joachim Löw und die Nationalelf, eher für die ganze Saison und die Perspektive EM, weniger für das 2:1 gegen Slowakei
Philipp Selldorf (SZ) malt die Zukunft der DFB-Elf in den schönsten Farben: „Im internationalen Wettbewerb ist die Nationalelf das Gesündeste, was Deutschlands Fußball zu bieten hat. Sie hat damit die Skeptiker widerlegt, die den Erfolg bei der just vor einem Jahr gestarteten WM mit dem Ausnahmezustand und dem konstruktiven Wahnsinn des Turniers im eigenen Land erklärt haben. Die Stärke der Mannschaft besitzt eine reale und fundierte Basis und außerdem einen reicheren personellen Hintergrund. Spieler wie Jansen, Fritz oder Gomez sind hinzugekommen, andere wie Kuranyi oder Hitzlsperger haben sich weiterentwickelt, Talente wie Helmes oder Schlaudraff können noch wertvoll werden. (…) Herrschende Meinung im Land ist, daß Joachim Löws Nationalelf nicht nur die Zulassung zur EM erhalten, sondern dort auch gleich als Favorit antreten wird.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) läßt Kritik am Spiel gegen die Slowakei nicht gelten: „Es wäre falsch, die Mannschaft wegen ihrer Schwächen zu rügen. Die Nachricht des Abends war schließlich eine gute: Die deutsche Mannschaft läßt sich nicht von ihrem Weg abbringen, auch jetzt nicht, da ihr die Kräfte schwinden. Sie verfügt souverän über ihre Möglichkeiten und dosiert sie pragmatisch und geschickt. In der zweiten Hälfte tat sie wenig, weil auch die Slowaken wenig taten. Hätten die Slowaken sich gegen die Niederlage gestemmt, hätte auch die deutsche Mannschaft ihre Betriebstemperatur wieder erhöht.“
Michael Horeni (FAZ) verweist auf die gewachsene Autorität des Nationaltrainers: „Joachim Löw verkörpert die moderne Fußballdialektik in einer so überzeugenden Weise, daß die Frage nach der Emanzipation von Jürgen Klinsmann schon nach den ersten Spielen gar nicht mehr gestellt wurde. (…) Das Bewußtsein im deutschen Fußball hat sich in diesem Jahr verändert, und der Anteil der Nationalelf daran ist nicht gering. Das spiegelte sich in den Reaktionen auf die jüngste Auseinandersetzung zwischen Bierhoff und Hoeneß. Der Teammanager hatte auch im Sinne des Bundestrainers eine bessere Saisonplanung für Nationalspieler wie Podolski und Schweinsteiger gefordert, eine langfristigere Karrierekonzeption eben. Hoeneß verbat sich empört die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Bayern. Die Bundesliga jedoch hat dazu geschwiegen, Hoeneß stand allein. Diesmal verfing die Polemik nicht – Argumente wurden gewichtet. Diese erstaunliche und erfreuliche Entwicklung ist vielleicht das eigentliche deutsche Fußballwunder 2007.“
Mittwoch, 6. Juni 2007
Ball und Buchstabe
Von Kontrollen und Mutmaßungen verschont
Stefan Osterhaus (NZZ) weist uns darauf hin, daß Doping-Enthüllungen und -Verdachtsmomente im Fußball nicht auszuschließen sind: „Gegenwärtig lassen sich gerne Leute damit zitieren, daß Doping im Fußball vorstellbar sei. Vor ein paar Jahren hätte eine solche Formulierung vermutlich anders gelautet. Wahrscheinlich hätten die gleichen Leute gesagt, daß es nichts bringe, wenn ein Fußballer dopt. Als hätte es nicht etliche Dopingfälle gegeben, als hätte der – bis zur Verjährung verschleppte – Dopingskandal um Juventus Turin niemals stattgefunden. (…) Anti-Doping-Maßnahmen, die in anderen Sportarten längst als Selbstverständlichkeit gelten (oft aber nichts bringen, weil sie von Sportlern und ihren Ärzten unterlaufen werden), machen vor den Toren der Fußball-Trainingsplätze halt. Regelmäßige Kontrollen in den Trainings – der Fußball ist davon praktisch verschont geblieben. Dem Radsport kommt die Rolle der alleinigen Zielscheibe zu. Das ist zwar heftig für den Radsport, aber beruhigend für alle anderen.“
Am langsamsten aus der Abwehr heraus
Wird in Europas Top-Ligen schneller gespielt als in der Deutschland? Der Spielanalytiker Christofer Clemens setzt im Tagesspiegel einen weiteren Mosaikstein: „Wir erheben unsere Daten in vier Ländern: England, Frankreich, Spanien und Deutschland. Dabei läßt sich nach wie vor feststellen, daß in Deutschland der Ball am langsamsten aus der Abwehr heraus gespielt wird. In Englands Premier League kommt zum Beispiel der Ball in etwa doppelt so schnell wie in der Bundesliga aus der Verteidigung heraus. (…) Bei der physischen Komponente, also auch bei der Frage, wie viel ein Spieler läuft, gibt es international kaum Unterschiede. Aber in England und Frankreich wird bei Sprints oder beim Erreichen hoher Laufgeschwindigkeiten schneller agiert als in der Bundesliga.“
FAZ: Milliardengeschäft Fußball
Ball und Buchstabe
Ernst und Ehrgeiz, Konflikte und Spannungen
In einem Vorbereitungsspiel auf die WM bezwingt die Deutsche Nationalmannschaft der Schriftsteller in Nürnberg eine Auswahl an Journalisten, Feuilletonisten und Kulturisten mit 3:1 – ein Erfahrungsbericht und eine Presseschau
Wer verliert schon gern eine Fußballpartie gegen Dichter? Ich muß aber zugeben, daß die Deutsche Nationalmannschaft der Schriftsteller (ja, sowas gibt’s!), besser spielte als ich dachte. Würde aus meiner langjährigen Erfahrung mal sagen: durchschnittliches Kreisliga-B-Niveau, was überhaupt nicht despektierlich gemeint ist. Ich, im Team des unterlegenen Gegners (1:3), war wie meine Kollegen aus anderen Redaktionen allerdings überrascht, wie ernst und verbissen manche das Spiel genommen haben. Vielleicht ist es doch der WM-Titel für Schriftsteller (ja, sowas gibt’s auch!), den sie jetzt in Schweden gewinnen können, der ihren Ehrgeiz packt. Ich hatte eher mit sowas gerechnet:
Auch konnte man die Spuren ihres Trainers, Hans Meyer (vielleicht auch eher seines Assistenten), in ihrem System erkennen, denn sie agierten mit Raumdeckung und verzichteten auf den Libero. Leider trat unsere Auswahl fast ohne Stürmer an, oder wie die FAZ schreibt „im Stile San Marinos mit einem 5-4-1-System“, sodaß wir die Widerstandsfähigkeit ihrer Abwehr nicht prüfen konnten.
Im Team der Schriftsteller: Moritz Rinke (zwei Tore), Sönke Wortmann (Regisseur auch auf dem Platz), Thomas Brussig (eigentlich), Jan Brandt, Albert Ostermaier (Tor), Klaus Döring, Jörg Schieke, Christoph Nußbaumeder u.v.m.
Im Team des Gegners, der Deutschen Akademie für Fußballkultur: der Tutzinger Pfarrer Jochen Wagner, einzigartiger Kringeldreher, hat mehr Gefühl im kleinen Zeh als die gesamte Gegnerschar zusammen, Lupfer zum 1:1 Marke Tor des Monats, Abonnent der Nummer 10; Jürgen Kaube (Feuilleton der FAZ), solider rechter Verteidiger, hatte viele auffällige Szenen, nicht nur, als er seine Brille verlor; Alex Rühle (Feuilleton der SZ), seinen zweiten falschen Einwurf konnte der Schiri nicht mehr durchgehen lassen; Manfred Wasner (4 Spiele für den HSV in den Achtzigern), Libero mit Antritt und Stellungsspiel, nahm es mit allen Stürmern gleichzeitig auf; TV-Reporter Günther Koch, seiner Technik um einige Dezibel voraus; Christof Siemes (Feuilleton der Zeit), Läufer; Rainer Holzschuh (kicker), mannhafter Verteidiger; Ronny Blaschke (Journalist und Buchautor), modern ausgebildeter Torwart, Hans Böller von den Nürnberger Nachrichten (diejenigen, die regelmäßig die Pressekonferenzen der DFB-Elf an der WM im TV kuckten, haben bei diesem Namen sofort Harald Stengers hessisches Brummen im Ohr); Thomas Brussig, der Gründer der Nationalmannschaft der Schriftsteller, der dort wohl aber dem harten Leistungsprinzip zum Opfer gefallen ist u.v.m.
Das Spiel im Spiegel der (nicht immer unbeteiligten) Presse
Alex Rühle (SZ) legt den Konflikt innerhalb der Nationalmannschaft bloß: „Das Politikum des Tages war der Selbsttransfer Thomas Brussigs. Der Berliner Schriftsteller hatte genau eine Ballberührung, beim Anstoß, den er sauber verwandelte. Er stand danach freundlich und wenig störend in der Gegend rum und setzte sich bald auf die Bank. Eigentlich alles wohltemperiert und kaum der Rede wert. Das Besondere ist nur, daß Brussig sich auf die Bank des Gegners setzte. Nun muß man wissen, daß Brussig der Gründer der Literatenmannschaft ist. Er hat seinerzeit Hans Meyer, der damals noch in den Ruhestand gegangener Hertha-Trainer war, kontaktiert. Meyer habe schließlich oft schon mediokre Mannschaften zu großem Fußball beflügelt, ob er nicht Lust habe … Meyer sagte zu, Brussig lud Romanciers, Dramatiker und Lyriker auf seinen Bauernhof nach Altentreptow in Vorpommern ein, und ein paar Wochen später wurde die Deutsche Nationalmannschaft der Schriftsteller Vizeweltmeister in Italien. Okay, es war auf einem Bolzplatz in der Toskana, es hatten nur vier Mannschaften teilgenommen, und es stand am Ende 0:5. Aber der Gegner war auch ein transnationaler Haufen aus Schweden, Dänen, Norwegern, Finnen, der sich frech ‚Skandinavien‘ nannte. (…) Nach dem Spiel in Nürnberg wird in der Gerüchteküche des Vereinsheims erzählt, der persönlich ungemein angenehme, aber spielerisch eher grobmotorisch agierende Brussig sei bald nach der Gründung aus der Mannschaft gedrängt worden. Als Meyer ihn seinerzeit, im Finale in Italien, beim Stand von 0:5 eingewechselt habe, hätten sich einige Spieler aufgeregt, was das solle, der Brussig versaue ihnen noch das Ergebnis. Meyer äußert sich nicht dazu, sagt aber, der Ehrgeiz einiger Spieler mache ihm Sorgen. In Italien sei das alles noch ‚ein Spaß gewesen, jetzt ist es einigen plötzlich so ernst‘. Was zeigt, daß Schriftsteller eben auch nur Fußballer sind.“
Jürgen Kaube (FAZ) fügt hinzu: „Autonama-Trainer Hans Meyer hatte den Schirftstellern zuvor mehrfach ins Gewissen geredet, nicht gar so viel Ehrgeiz zu entwickeln. Tatsächlich war von ernsthaften Spannungen in der Mannschaft zu hören, zwischen solchen Autoren, die den Freizeitkick als das nehmen, was er ist, und solchen, die ihn als Plattform für erhöhte Medienpräsenz nutzen und entsprechend weniger Spaß verstehen.“
Fragile Beziehung zwischen Fußball und Literatur
Hans Böller (NN) notiert: „Mit zwei blitzsauberen Toren bewies dabei Dramatiker Moritz Rinke schon WM-Reife – unter erschwerten Bedingungen. ‚Der Druck war fast unmenschlich‘, sagte Rinke in Anspielung auf Meyers im kicker verbreitete Wertschätzung (‚Moritz ist mein bester Mann‘). Den dritten Treffer steuerte Klaus Döring bei [Mann, Schiri, was für ein Abseitstor!, of]. Übertroffen wurden beide an Effizienz nur von Thomas Brussig. Der Berliner Romancier verstärkte diesmal die Akademie – und leitete mit seinem einzigen Ballkontakt (‚dem Anstoß‘) den Ehrentreffer durch Pfarrer Jochen Wagner ein; Keeper Albert Ostermaier war, Enthüllungen zufolge nicht unempfindlich geschwächt von einem Kneipenstreifzug durch Fürth, chancenlos.“
Jürgen Roth (FR) kritisiert die Darbietung der Verlierer: „Die Akademie-Elf mit Günther Koch (auch auf dem Platz rhetorisch nicht zu bremsen), Rainer Holzschuh, der seinem Namen Ehre macht, Ex-HSV-Profi Manfred Wasner und Jürgen Kaube sieht nicht allzu jung aus. ‚Die Schiedsrichter sind auf unserer Seite‘, hat Meyer vor Anpfiff erläutert und verraten: ‚Wenn wir zurückliegen, lassen wir endlos weiterspielen.‘ Wie der Club DFB-Pokalsieger wurde, ist somit geklärt. Das Spruchband ‚Nicht denken – versenken‘ der Akademie-Aficionados gibt einem hinsichtlich der fragilen Beziehung zwischen Fußball und Literatur jedoch abermals arg zu denken.“
Dichter, Wahrheit muß sein!
Kaube zieht, die Lesung der Schriftsteller am Vorabend im Sinn, der Fiktion Grenzen: „Was die Lesungen betrifft, so überzeugten vor allem Frank Willmann und Uli Hannemann mit deutsch-deutschen Fußballgeschichten sowie Jan Brandt, der etwas über die Schwierigkeiten von Vegetariern in Ostfriesland vorlas, und Jan Böttcher als Heimatsänger. Albert Ostermaier higegen, der seine ‚Ode an Kahn‚ vortrug, sollte endlich mal einer seiner Kollegen sagen, daß das Erfliegen von hohen Bällen im Strafraum gerade nicht die Stärke des Bayern-Tormanns ist. So viel Wahrheit muß sein, Dichter, auch auf deinem Platz!“
Das Beweisfoto: Ich war dabei
Deutsche Elf
Ich habe in Chelsea noch nicht die Anerkennung, wie ich sie mir wünsche
Ein offener und gelassener Michael Ballack gibt in der FAZ Auskunft über seinen harten Kampf in Chelsea, seine Meinung zum Konflikt zwischen Torsten Frings und Miroslav Klose und seinen Willen, bei der WM 2010 dabeizusein / Fazit ein Jahr Bundestrainer Joachim Löw: „Er hat seine Mannschaft nach dem Rausch der WM in den Alltag geführt, ohne daß sie einen Kater bekommen hat“ (BLZ), doch Kritik an Löws „leistungsfeindlichen, unerschütterlichen Treue zu Klose“ (StZ) (mehr …)
Dienstag, 5. Juni 2007
Deutsche Elf
Ich entscheide
Ein paar aktuelle Aussagen, Richtigstellungen, Liebesbezeugungen aus dem Kreis der deutschen Mannschaft, etwa von Miroslav Klose, Uli Hoeneß, Oliver Bierhoff und Michael Ballack
Ein bemerkenswertes Interview Miroslav Kloses, der lange wenig von sich gab, in der SZ von heute. Darin gibt er seine schwachen Leistungen der letzten Monate zu, macht dafür eine Virusinfektion verantwortlich, wehrt sich aber gegen das Gerücht, eine Ehekrise sei schuld daran, daß er kaum noch Tore schießt: „Das Schlimmste waren die Lügengeschichten, die über mich und mein Privatleben in die Welt gesetzt wurden, diese Schmutzkampagne. Was da auf mich, meine Familie und mein Umfeld eingeprasselt ist: das Gerede darüber, daß meine Frau schwanger sei von einem Mitspieler und all das Zeug.“ Weiter heißt es: „Ich glaube zu wissen, wer mir einen Seitenhieb verpassen will. Dazu werde ich zur gegebenen Zeit noch die passende Retourkutsche setzen.“ Ist das so eine Art Seehofer-Taktik?
Den Forderungen der Presse, Klose möge sich von der mutmaßlichen Vormundschaft seines Beraters Alexander Schütt emanzipieren, hält er entgegen: „Was meinen Berater angeht: Wir arbeiten seit fünf Jahren erfolgreich und vertrauensvoll zusammen. Und das werden wir auch weiterhin tun. Er berät mich, aber ich habe meine eigene Meinung. Ich entscheide.“
Torsten Frings‘ launige Kommentierung des Klose-Flirts mit den Bayern („dann soll er halt gehen“), kontert Klose: „Ich habe zu seiner ganzen Juventus-Turin-Geschichte nichts gesagt. Weil ich der Meinung war: Es ist nun mal sein Ding. Dazu brauche ich mich nicht zu äußern – weil es seine Entscheidung ist, ob er geht oder bleibt. Was er über mich sagt, das kann ich nicht steuern, und wenn ich ehrlich bin: Es ist mir auch total egal. Wer Torsten kennt, der weiß: Wenn der Wind aus dieser Richtung kommt, dann äußert er sich so, und wenn er von der anderen Richtung kommt, dann ist es genau das Gegenteil. Das kann sich täglich und stündlich ändern. Ich kenn ja Torsten lang genug.“
Widerspruch nicht gewohnt
Beim Zwist zwischen Uli Hoeneß und Oliver Bierhoff um die richtige Saisonvorbereitung, die Deutungshoheit in Fußballdeutschland und andere Dinge schlägt sich Ralf Köttker (Welt) auf Bierhoffs Seite: „Die Kritik von Hoeneß ist ein unsouveräner Reflex und Ausdruck verletzter Eitelkeit. Wann immer der Manager der Nationalmannschaft mit kritischen Themen das Hoheitsgebiet des FC Bayern betritt, sind die Münchner Fußball-Majestäten persönlich beleidigt. Dabei sollten sie sich endlich damit abfinden, daß auch der ungeliebte Manager des DFB ein Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Statt ihre Energie in lächerliche Streitigkeiten mit Bierhoff zu investieren, sollten sich Hoeneß und Co. um ihren Verein kümmern, da gibt es noch genug zu tun. Und sie sollten besser hinhören, wenn von der Nationalelf neue Ideen kommen. Dort wurde in den vergangenen zwei Jahren mit Innovation und langfristigem Konzept eine konkurrenzfähige Mannschaft aufgebaut. Beim FC Bayern muß man das Fehlen einer solchen Strategie gerade auf dem Transfermarkt teuer bezahlt werden.“ Christian Gödecke (Spiegel Online) rechnet mit Fortsetzungen dieses Ferndialogs: „Daß die Bayern und Bierhoff demnächst wieder an einem Tisch sitzen, ist schwer vorstellbar. Zu zerrüttet ist das Verhältnis zwischen dem Manager und dem Club, der Widerspruch aus den Reihen der Nationalmannschaft nie kannte.“
Ich hatte einige
Michael Ballack lobt den Nationaltrainer in einem Interview auf Welt Online in höchstem Ton und mit einer launigem, vergleichenden Blick in seine Vergangenheit: „Joachim Löw hat ein Konzept und vermittelt selbst in jeder Trainingseinheit, wie er sich etwas vorstellt. Das bringt uns als Mannschaft voran. Er ist wirklich ein perfekter Trainer. Das kann ich sagen, weil ich schon einige in meiner Karriere hatte.“ Welche hatte er denn (als Profi)? José Mourinho, Jürgen Klinsmann, Felix Magath, Rudi Völler (und Michael Skibbe), Ottmar Hitzfeld, Klaus Toppmöller, Berti Vogts, Christoph Daum, Otto Rehhagel, Christoph Franke und Reinhard Häfner (jemanden vergessen?)
Dank an Klinsmanns Fitnesstrainer
Frage der SZ an Bernd Schneider: „Haben Sie eine Erklärung dafür, daß Sie, der mit Abstand älteste deutsche Feldspieler, die beste Saison aller WM-Teilnehmer hingelegt haben?“ Antwort Schneider: „Aus meiner Sicht hat sich die WM positiv ausgewirkt. Die körperlichen Grundlagen waren durch das harte Trainingslager geschaffen, und nach dem WM-Urlaub konnte ich dann in der kürzeren Saison-Vorbereitungszeit dosiert, aber trotzdem intensiv trainieren. Ich habe während der Saison auch mehr als sonst im regenerativen Bereich gearbeitet. Und ich mach immer noch brav die Übungen, die uns Jürgen Klinsmanns Fitnesstrainer damals angeboten haben. Diese Mischung aus hartem Training und regenerativen Einheiten hat mir auf meine alten Tage sehr viel gebracht.“
Warum gibt es keinen Offensivtrainer?
DFB-Chefscout Urs Siegenthaler, dessen Interviews ein Segen für den Zeitungsleser sind, macht in der FR den Bundesligavereinen einen Vorschlag, der vor einem Jahr noch, also bevor Klinsmanns WM-Erfolg solchen Ideen den Weg freigeschlagen hat, entweder als revolutionär und/oder von Peter Neururer als Quatsch bezeichnet worden wäre: „Es ist ja längst eine Selbstverständlichkeit, daß jeder Profiklub mit einem Torwarttrainer arbeitet. Aber warum gibt es nur sehr selten einen Offensivtrainer und dazu noch einen für die Defensive? Das kann jeweils ein ganz bescheidener Mann sein, der sein Fach versteht. Das muß keinesfalls unbedingt ein Ex-Profi sein, sondern eher jemand, der weiß, wie Lernprozesse vor sich gehen. Der müßte dann auch die Kompetenz erhalten, entscheiden zu können: ‚Du spielst jetzt mal zwei Spieltage nicht, wir nutzen diese Zeit, um 14, 15 oder 16 Trainingseinheiten zu absolvieren.‘“
FR: Verbraucherschützer bescheinigen der Citibank „miserablen“ Ruf / Bremens neuem Hauptsponsor wird schlechte Kreditberatung vorgeworfen
Montag, 4. Juni 2007
Deutsche Elf
Fremd im eigenen Team
Die Presse gewinnt dem 6:0 über San Marino ein großes und ein kleines Thema ab: Das große ist „Miro von der traurigen Gestalt“ (FAZ), die Geschichte des tor- und mutlosen Torjägers Klose; die kleine ist die Slapstick-Einlage Jens Lehmanns
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kommentiert Kloses Not: „Die Torlosigkeit ist ein Symptom, nicht aber der Kern seines Problems. Welch üble Phase er durchmacht, ist vielmehr an der Orientierungslosigkeit abzulesen, die sein Verhalten auf dem Platz und abseits davon prägt. Klose wirkte fremd im eigenen Team.“ Jan Christian Müller (FR) spekuliert über Kloses sofortigen Wechsel nach München: „Wer den einigermaßen bizarren Auftritt von Klose nach dem Spiel miterlebt hat, kann nur zu dem Schluß kommen: Es hat nur noch wenig Sinn, wenn er seinen Vertrag bei Werder Bremen erfüllt. Klose, diesen Eindruck vermittelt er, ist nach drei insgesamt erfolgreichen Jahren an der Weser, warum auch immer, unglücklich. Man darf gespannt sein, was die Herren Allofs, Hoeneß und Rummenigge zu besprechen haben in den nächsten Tagen.“
Christof Kneer (SZ) diagnostiziert Rückschritte: „Vor einem Jahr wäre man wahrscheinlich ganz gerne Miroslav Klose gewesen, vor allem jener Klose, der im WM-Achtelfinale gegen Schweden das vielleicht beste Stürmerspiel aller Zeiten und Welten aufgeführt hatte. Im Moment aber möchte niemand tauschen mit diesem bemitleidenswerten Mann, dessen Auftritt in der Interviewzone eine Fortsetzung des San-Marino-Spiels mit anderen Mitteln war. Er hat irgendwie alles versucht, aber weil er irgendwie selbst nicht dran glaubte, ging irgendwie alles schief. Wer diesem Spieler namens Klose im Moment begegnet, der kann nicht ausschließen, daß das Original irgendwann in den letzten Wochen gegen eine Fälschung ausgetauscht wurde. Vielleicht ist das Original beim Geheimtreffen mit dem FC Bayern in der Hotelsuite vergessen worden, und seitdem spielt ein ähnlich frisiertes Double. Klose spricht plötzlich wieder wie damals, als er der Bub aus Blaubach-Diedelkopf war und alle Bodenbeläge aller Presseräume aller Stadien beim Namen kannte. Inzwischen schaut er auch wieder nach unten bei den Interviews, aber er ist nicht mehr schüchtern wie damals. Er ist jetzt völlig verunsichert, überwältigt von einer tiefen sportlichen und privaten Krise, die sich bei einem Berufssportler aber nur über den Sport therapieren läßt.“
Wir spielen nun zu zehnt
Roland Zorn (FAZ) fordert Klose dazu auf, Stellung zu beziehen und sich von seinem Berater Alexander Schütt zu emanzipieren: „Beraten, verraten, verkauft – das kann auch in einer Branche, die vom raschen und üppigen Geldtransfer gespeist wird, nicht die Richtung sein, um aus Spielern Persönlichkeiten zu machen. Ob Klose nun einen Berater und Freund an seiner Seite hat oder jemanden, der mit dem in die Tor- und Psychokrise gerutschten Stürmerstar vor allem Geld verdienen will, das ist eigentlich unerheblich. Solange Klose selbst sich nicht so artikulieren mag, wie es in seiner Situation vor einer wichtigen beruflichen Änderung nötig wäre, trägt er an seiner inzwischen chronischen Abseitsposition die größte Schuld. Auch mal deutlich Ja oder Nein sagen zu können und den Gang des Diskurses um die eigene Person argumentativ zu beeinflussen, müßte das vorrangige Interesse eines mündigen Berufsfußballspielers sein. Er war einmal ein Vorbild für viele jugendliche Fußballfans ob seines stürmischen Elans – und als fairer Sportsmann obendrein. Inzwischen verfehlt er seine sportlichen Ziele von Woche zu Woche, und mit der Fairness hat er es in der abgelaufenen Saison gegen Ende auch nicht mehr so gehabt.“
Oskar Beck (Welt) spöttelt: „Im Übrigen, um das Wichtigste nicht zu vergessen, schockt Jogi Löw mit seinem Festhalten an Klose die Konkurrenz mit Blick auf die EM 2008 schon jetzt mit der Botschaft: Ihr habt keine Chance, wir sind zu gut. Sogar mit zehn Mann.“
Schnarchnase
Ludger Schulze (SZ) kneift den deutschen Tormann in den Arm: „Mal angenommen, der Paukenschläger würde im zweiten Satz von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 94, G-Dur, den Einsatz verschlafen – seinen einzigen Einsatz –, weil er gerade vom Urlaub auf den Malediven träumt, dann würde vermutlich zweierlei passieren: Haydns so genannte Sinfonie mit dem Paukenschlag hätte ihren Namen nicht verdient – und die Schnarchnase an der stummen Pauke könnte sich ein anderes Orchester suchen. Dem Torwart Jens Lehmann ist ähnliches unterlaufen, beim einzig nennenswerten Angriff der Auswahl San Marinos, beim Stand von nullnull. Rechts außerhalb seines Strafraums verfummelte sich Lehmann und mußte deshalb einen Schuß des Solostürmers Marani aufs verwaiste Tor mit den Händen abwehren – außerhalb des Strafraums eben. Der Schiedsrichter guckte nicht richtig hin, weshalb Lehmann weiterspielen durfte im deutschen Fußball-Orchester.“
Freitag, 1. Juni 2007
Am Grünen Tisch
Größenwahn
Betrug und Bestechung sind dem wieder„gewählt“en Fifa-Präsidenten Joseph Blatter nicht nachzuweisen, folglich machen sich die Journalisten über die Esoterik des „Sonnengöttli“ (Financial Times) lustig
Peter B. Birrer (NZZ) hält der Einstimmigkeit, mit der Blatter wiedergewählt worden ist, das Votum der Fans entgegen: „Unter sich läßt es sich derzeit in Eintracht leben. Doch seit der WM in Deutschland ist es keine Vermutung mehr, daß der Weltfußballverband und dessen Präsident außerhalb ihres Zirkels um Sympathien kämpfen. Zumindest in der 1. Welt besteht ein Image-Schaden, was schrille Pfiffe gegen Blatter in den WM-Stadien verdeutlichten. Um Blatter und die Fifa ranken sich Geschichten der Macht- und Männerspiele, der Korruption, des Geldes, der Entwicklungshilfe, der Kumpanei, der Winkelzüge, des Verrats, des Vertragsbruchs.“ Robert Ide (Tagesspiegel) ergänzt sarkastisch: „Blatter ist der richtige Mann am richtigen Ort. Ein Mann mit brutalem Willen zur Macht, ein Mann mit gnadenlosem Sinn fürs Geschäft, ja, auch ein Mann mit dem Blick fürs globale Ganze. Wer kann die Fifa, die Millionen verdient und wie eine Weltfirma residiert, aber kostengünstig als kleiner Verein eingetragen ist, also besser repräsentieren als Blatter? Bei aller berechtigten und immer wieder nötigen Kritik am halbseidenen Gebaren des Fußball-Weltverbandes muß man feststellen: eigentlich keiner. Ohne Blatter wäre die Fifa ärmer. An Einfluß. An Geld. An Skandalen.“
Roland Zorn (FAZ) versucht, Blatters große Töne zu deuten: „Die Krönungsmesse für Blatter gab dem jahrelang vor allem ob seines Trickreichtums und seiner Hemdsärmeligkeit gerühmten oder gefürchteten Dynamiker mit dem rundlichen Profil des Lebens- und Machtgenießers endlich die Gelegenheit, die Niederungen auch des höchsten Funktionärsdaseins zu verlassen. Der gegen Widerstand und Opponenten mit harten Bandagen kämpfende Blatter, der davon träumen soll, eines Tages mit dem Friedensnobelpreis dekoriert zu werden, durfte endlich die Boxhandschuhe abstreifen und seine globalen Sehnsüchte artikulieren.“ Auch Jens Weinreich (Berliner Zeitung) befaßt sich mit Blatters Esoterik: „Bisher hat die Fifa zu den Themen Korruption oder dem Einfluß von Finanzinvestoren keine überzeugenden Antworten gegeben. Da bleibt zu vieles vage, zu wenige Informationen sind nachprüfbar. Doch die Fifa-Karawane zieht längst weiter. Man hat sich einen neuen Slogan (‚For the Game. For the World‘) gegeben und gibt nun ganz offiziell den Weltverbesserer. Man darf das ruhig Größenwahn nennen. Nüchternheit wird nicht mehr dominieren in der Fifa, so lange Joseph Blatter den Ton angibt.“
Thomas Kistner (SZ) erkennt in Blatter eine Art Adenoid Hynkel light, als er den Vorgang der Wahl beschreibt: „Wie so was abläuft? Raus mit dem Sepp vor die Tür. Der argentinische Finanzminister Julio Grondona stapft ans Rednerpult und gibt etwas umständlich bekannt, daß es nur einen Kandidaten gibt: den vor der Tür. Wolle mer‘n reinlasse? Donnernder Applaus, Fanfaren schmettern, die Klatschenden erheben sich, herein spaziert der kleine Fußballcäsar, busselt ein Kind ab, das Applausometer in der Halle kurz vorm Platzen, der Sepp reckt triumphierend Blumen in die Höhe und klappert dann seine Lieben auf dem Podium ab, schwerer atmend, schüttelt jedem – ‚merci, thank you, gracias‘ – die Hand. Da: Ein Bub eilt herbei und gibt ihm einen Globus! Die Inszenierung erreicht chaplineske Höhe – aber halt, stopp: Der Sepp läßt den Globus dann doch nicht über Kopf, Hüfte, Gesäß und Spann wandern, er gibt ihn weiter und eilt lieber zum Rednerpult.“ Ralf Köttker (Welt) resigniert in Anbetracht der Konkurrenzlosigkeit Blatters: „Die Fußball-Welt hatte keine Wahl.“
BLZ: Joseph Blatter tritt nach seiner Wiederwahl als Weltverbesserer auf
Gott sei Dank, er steht wieder
Bundesliga
Phaeton II
Auch ein ladenhütender Überflieger? Gerd Schneider (FAZ) vergleicht das Engagement Felix Magaths in Wolfsburg bissig, witzig und sehr naheliegend: „Seit Mittwoch hat auch der vom VW-Konzern gespeiste VfL Wolfsburg einen Phaeton: Felix Magath. Der frühere Nationalspieler gilt neben Ottmar Hitzfeld momentan als renommiertester und wohl auch teuerster deutscher Klubtrainer, eine echte Luxusversion von einem Fußball-Lehrer. Daran hat auch nichts geändert, daß Magaths Himmelssturm dieses Jahr ziemlich abrupt zu Ende ging – er flog nach zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiegen bei den Bayern hinaus. Seitdem saß Magath zu Hause und wartete darauf, daß ihn ein großer europäischer Klub ruft. Doch offenbar waren die Spuren, die er als Bayern-Lenker hinterließ, am europäischen Fußballfirmament kaum sichtbar. Das Telefon blieb stumm. (…) Vom Meister zum Beinahe-Absteiger, das sieht nicht nach beruflichem Aufstieg aus.“
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