indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Sonntag, 11. Februar 2007

Ascheplatz

Zwei Verlierer und ein großer Gewinner: der Zuschauer

Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) kommentiert die Kooperation der bisherigen Konkurrenten Arena und Premiere: „Ob sich beide Hoffnungen erfüllen, darf man bezweifeln. Arena hat für die Rechte an der Bundesliga mehr bezahlt als zuvor Premiere, die Abonnementpreise jedoch gesenkt. Aufgehen kann diese Rechnung nur, wenn die Niedrigpreise viel mehr zahlende Zuschauer anlocken. Für solchen Optimismus geben die bescheidenen Vermarktungserfolge von Arena wenig Anlaß. Mag sein, daß durch die Kooperation mit Premiere nun mehr Schwung in den Abonnementverkauf kommt. Doch wenn dies nicht gelingt, wird ein dicker Verlust übrigbleiben. Die Frage ist, ob dieser vor allem bei Arena oder bei Premiere anfallen würde. Außenstehende können dies wegen des Wirrwarrs aus gegenseitigen Erlösbeteiligungen kaum abschätzen. Arena ist auf dem Rückzug. Aber die Premiere-Aktie bleibt eine riskante Anlage.“ Michael Hanfeld (FAZ/Medien) fügt an: „Zieht man Bilanz, könnte man sagen, daß Arena den Wettstreit um die Bundesliga im Dezember 2005 zwar gewonnen, am Ende aber doch verloren hat, geht der Sender doch mehr oder weniger in Premiere auf. Der einstige Verlierer steht als Gewinner da.“

Caspar Busse (SZ/Medien) richtet den Blick auf die Fernsehzuschauer: „Schwierig könnte es auch für die Fußball-Manager werden. Sie müssen möglicherweise künftig mit Einbußen beim Verkauf der Fernsehrechte rechnen. Zwar betonten beide Sender, demnächst wieder getrennt für die Rechte ab 2009 zu bieten. Doch für die neuen Partner wäre es jetzt sinnvoller, gemeinsam den Preis zu drücken. Aber wie im Fußball – es gibt auch einen großen Gewinner: den Zuschauer. Für ihn wird künftig wieder vieles einfacher und deutlich billiger. Seit dem Einstieg von Arena sind die Abo-Preise für die Bundesliga deutlich gesunken – zur Freude der Fans.“

FAZ: Hintergrundbericht über ausländische Investoren in Englands Fußball

Freitag, 9. Februar 2007

Deutsche Elf

Die Chancen auf den EM-Titel stehen höher

Die Journalisten sind vom 3:1-Sieg gegen die Schweiz sehr angetan

Jan Christian Müller (FR) erkennt im deutschen Team starke Individualisten, ein starkes Kollektiv und einen starken Trainer: „Die stabilste Mannschaft im deutschen Fußball ist: die deutsche Nationalmannschaft. Den attraktivsten Fußball hier zu Lande spielt: die deutsche Nationalmannschaft. Formschwächen und Verletzungen am besten kompensieren kann: die deutsche Nationalmannschaft. Löw hat bewiesen, daß sich mit methodischer Trainingsarbeit und intensiver individueller Schulung eine Formation entwickeln läßt, in der jeder Spieler ganz genau weiß, welche Aufgabe er zu erfüllen hat. Jede Position ist so klar definiert, daß auch die Ersatzmänner sich nicht erst großartig orientieren müssen. Das sieht man in der Bundesliga beileibe nicht überall. (…) Die Chancen auf den EM-Titel stehen höher.“

Roland Zorn (FAZ) attestiert der Mannschaft eine weitere Reifung nach der WM: „Inzwischen wirkt die von Löw übernommene, ausgebaute und weiter in sich gefestigte Mannschaft bei ihren bisher von niemandem nachhaltig gestörten Auftritten sogar eine Ecke reifer, selbstbewußter, professioneller als Klinsmanns WM-Abenteurer. Längst ist Frings neben Ballack zum zweiten Chef aufgestiegen, längst ist die Zahl der flexibel einsetzbaren Spieler gewachsen, längst ist der Weg frei zu einem produktiven Wettkampf unter Gleichen oder fast Gleichen um die besten Plätze.“

Zeitenwende

Philipp Selldorf (SZ) betont den Kontrast zu Freundschaftsspielen aus vergangenen Tagen: „Solche Spiele, die quer in der Saison stehen und nur den theoretischen Nutzen des Testfalls haben, ähnelten früher oft diesen Konfektionskinofilmen, die bei Flugreisen im Hauptprogramm gezeigt werden: Selten erlebt man den Abspann, weil einen vorher der Schlaf überwältigt, und falls man durchhält, hat man die Geschichte fünf Minuten später vergessen. Am Mittwoch aber haben die deutschen Darsteller zumindest eine Stunde lang mit so viel Lust und Laune gespielt, daß das Zuschauen Spaß machte. Termine mit der Nationalelf werden weiter als Höhepunkte im Kalender aufgefaßt und üben einen starken Reiz auf die Spieler aus. (…) Dieser Start ins Jahr läßt noch viel Gutes ahnen.“

Konkurrenz hebt die Qualität

Hinzufügend pickt sich Mathias Schneider (StZ) das 1:1 gegen die Schweiz im April 2000 heraus, an das er sich mit Grauen erinnert: „Ein grausamer Kick ist es damals gewesen, wer konnte, drückte sich um die Partie herum. Nationalspieler sein verkam zu einer lästigen Pflicht. Sieben Jahre später kämpfen die Stürmer Kuranyi und Gomez mit Feuer um einen Platz in der Stammelf und dokumentieren damit die Zeitenwende. Überdies hat Löw offenbar ein System gefunden, das nicht mehr allein von einzelnen Protagonisten lebt, sondern in dem viele ihre Rolle mittlerweile kennen – und die des Nebenmanns. Kaum eine Auswahl spielt derzeit attraktiver in Europa.“

Ralf Köttker (Welt) gibt angesichts der Form mancher WM-Helden zu bedenken: „Daß Löw seinen WM-Spielern einen Bonus gibt, ist in Ordnung. Er sollte allerdings vermeiden, das Leistungsprinzip außer Kraft zu setzen. Wenn Etablierte wie Podolski und Schweinsteiger auf Dauer nicht überzeugen, haben andere einen legitimen Anspruch auf ihren Platz. Konkurrenz hebt die Qualität, und Garantien sind fehl am Platz. So unromantisch es klingt: Die WM ist Geschichte, 2007 kann sich niemand auf den Verdiensten der Vergangenheit ausruhen.“ Der Tagesspiegel hebt die Podolski-Konkurrenten Gomez und Kuranyi hervor: „Bisher sind Klose und Podolski Deutschlands erster Sturm. Weil Klose aber für das kommende EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien gesperrt ist, war ein Partner für Podolski gesucht worden. Gefunden hat der Bundestrainer doppelt so viele.“

NZZ: „Scala des Fußballs“ von Milan und Inter bleibt fürs Publikum geschlossen

Donnerstag, 8. Februar 2007

Ball und Buchstabe

Kur für den Schwerkranken

Benedikt Voigt (Tsp) rät dem italienischen Fußball zu einer Pause: „Der italienische Fußball kann sich selbst nicht mehr heilen. Die Hilfe muß von außen kommen. Weshalb die Regierung hart bleiben sollte mit ihrer Forderung, nur noch Spiele in Stadien zu erlauben, die den längst verabschiedeten Sicherheitsvorschriften entsprechen. Was aber sicher zur Heilung des italienischen Fußball nicht ausreichen dürfte. Wichtiger wäre vielmehr eine Kur, die auch Schwerkranken empfohlen wird: eine lange Ruhezeit.“

SZ: Italiens Fußballbosse jammern über den Ausschluss der Zuschauer; die Ermittler präsentieren derweil neue, erschreckende Details des Polizisten-Mordes
Tsp: Der Sport droht dem Staat – Italiens Regierung bleibt hart im Kampf gegen Krawalle, die Vereine wollen streiken, wenn sie vor leeren Rängen spielen müssen

7. Februar 2007

Mausetot
Zwei sehr kritische Meinungen über den Zustand des Fußballs in Italien

Birgit Schönau (SZ) kommentiert die Lage in Italien: „Sieben Monate nach dem Triumph der Squadra Azzurra ist der Fußball im Lande des Weltmeisters am Ende. Er war es vielleicht auch vorher schon, nach seiner politischen Instrumentalisierung durch Silvio Berlusconi oder nach den Manipulationsskandalen –, aber die rasende Gewalt in den Stadien hat ihm endgültig den Garaus gemacht. Wer soll denn noch seine Kinder auf die Tribüne bringen, wenn er dabei riskiert, zwischen die Fronten vermummter Schläger und bewaffneter Polizisten zu kommen? Wer soll noch den teuersten Eintritt in Europa zahlen, wenn er dafür womöglich eine Ladung Tränengas abbekommt? Wer soll sich noch für Fußballer begeistern, die angesichts von bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten beflissen schweigen, als hätten sie mit diesen Begleiterscheinungen ihrer Karriere nichts zu tun? (…) ‚Tote gehören zum System‘, hat der Ligachef Antonio Matarrese nach den Krawallen von Catania gesagt – im Bewußtsein, sich solch menschenverachtenden Zynismus auch jetzt noch leisten zu können. Der Mann hat vielleicht noch nicht begriffen: Sein System ist mausetot.“

Dirk Schümer (FAZ) prophezeit einen langen Wiederaufbau: „Die Maßnahmen können nur ein Anfang sein. Ein Umbau des Systems, eine moderne Architektur für Stadien und Verband, eine wirksame Kontrolle der Ultras durch Klubs und Staat – das alles zieht sich über Jahre und wird teuer und schmerzhaft. Der Calcio, der einst die besten und teuersten Spieler der Welt anzog, bezahlt jetzt bereits die Zeche für den Schlendrian und die versäumten Reformen. Der Exodus von Weltstars und die Schwächung italienischer Klubs, die vorige Saison mit dem Schiedsrichterskandal Gestalt annahm, wird weitergehen. Mit gesperrten Stadien, angeekeltem Publikum und verschreckten Sponsoren werden sich die Verluste häufen. Den Weltmeister erwartet eine lange fußballerische Talsohle. Rom ist nicht an einem Tag konstruiert worden. Ein gesunder Calcio erst recht nicht.“

NZZ: Ultras stehen in Italien unter Artenschutz
FAZ/Hintergrund: Tod und Spiele

NZZ: Englands Kampf gegen Hooliganismus

NZZ-Interview mit Joachim Löw: „In Deutschland wird immer nach Reformen gerufen – und wenn man sie umsetzen will, dann möchte keiner mitziehen“
FR: Ballack in England – wie geht’s ihm denn nun wirklich?
NZZ: In Chelsea umstritten, in Deutschland der Leader – Ballack mit Ladehemmungen
Tsp-Interview mit Ballack
FAZ-Portrait Mario Gomez

Ascheplatz

Miserables Geschäftsgebaren

Matti Lieske (BLZ) kritisiert den DFB in der Ausrüsterverhandlung: „Es ist übliches Geschäftsgebaren, sich von mehreren Angeboten das beste auszusuchen. Miserables Geschäftsgebaren ist es, den alten Kumpels von Adidas erst lange vor Ablauf des geltenden Vertrages die Option eines neuen anzubieten, um dann, wenn der reiche Onkel aus Amerika winkt, nichts mehr davon wissen zu wollen. Der Gipfel der Dreistigkeit ist es, den Wortbruch mit einer repräsentativen Umfrage legitimieren zu wollen: Ob sie einen Ausrüsterwechsel befürworte, wenn der DFB das ganze Geld in den Nachwuchs stecke, wurde die deutsche Bevölkerung listig gefragt. Erstaunlicherweise waren selbst bei dieser nicht ganz unsuggestiven Frage nur 72 Prozent dafür.“

Tsp-Interview mit Theo Zwanziger: „Rummenigge ist ein Lobbyist“
NZZ: Trikottausch beim DFB?

FAZ-Portrait Bastian Schweinsteiger – Nationalelf und Bayern, zwei Welten

Tsp: Horst Eckel zum 75.

Tsp: Diego will sich von Festnahme nicht beeinflussen lassen

Mittwoch, 7. Februar 2007

Ball und Buchstabe

Gleiche Höhe

Unsere Rubrik ‚Gleiche Höhe‘ hat sich zu unserem Blog direkter-freistoss.de verwandelt. Sie sind herrzlich eingeladen hier mit uns zu diskutieren.

Ihr freistoss-Team

Montag, 5. Februar 2007

Ball und Buchstabe

Intoleranz lernen

Nach dem Tod eines Polizisten fordert Stefan Ulrich (SZ) strenges Durchgreifen in Italiens Fußballstaiden: „Statt zu kapitulieren, sollte der Staat die Spielfelder zurückerobern – mit einem Catenaccio gegen die Gewalt, jener Sperrkette, die Italiens Fußballer einst so beherrschten. Das ist nicht leicht, aber möglich. So ist nicht einzusehen, warum die Arenen im Weltmeister-Land mit seinem milliardenschweren Spielbetrieb zu den unsichersten und schäbigsten Europas gehören. Andere Länder haben demonstriert, wie sicher moderne Spielstätten sind. Zugleich könnten die Klubs von den nationalen und internationalen Verbänden gezwungen werden, ihr Geklüngel mit extremistischen Fans zu beenden. Spieler, die, wie in Rom geschehen, ihre Anhänger mit dem Faschisten-Gruß aufstacheln, müssen raus. Polizei und Justiz wiederum haben einen klaren Auftrag: die Wahrung der öffentlichen Ordnung. Hierzu brauchen sie keine neuen Gesetze, sie müssen nur das Strafrecht anwenden, mit seinen Vorschriften über Hausfriedensbruch, Beleidigung, Körperverletzung, Totschlag. Wer in einem Kaufhaus pöbelt, die Einrichtung zertrampelt und Rauchbomben schmeißt, wird streng bestraft. Warum sollte in Stadien anderes gelten? Wenn der Fußball vom Krieg zum Spiel finden will, muß Italien Intoleranz lernen – gegenüber der Gewalt.“

NZZ: Calcio, verrottetes Spiel
NZZ: Der Polizist, der am Freitag nach einer Serie-A-Partie ums Leben kam, ist nicht der erste Tote im Calcio. Schon lange wird geredet statt gehandelt

FAZ: Über Ronaldos Wechsel nach Mailand

FAZ-Interview mit Adidas-Chef Herbert Hainer über das Nike-Angebot an den DFB und über Reebok

Bundesliga

Die Bundesliga hat nicht die Trainerseuche, sondern die Managerkrankheit

In den Kommentaren der Sportseiten bekommen immer mehr die Vereinsführungen ihr Fett weg, derzeit vor allem die Hamburger und Münchner

Andreas Burkert (SZ) vermißt die Ideen der Vereinsführung Bayern Münchens: „Sechs Jahre nach dem Champions-League-Triumph bleibt festzustellen, daß den Bayern der schon länger notwendige Umbruch bis heute nicht nachhaltig gelungen ist. Ein Comeback von Jens Jeremies scheint wahrscheinlicher als die innovative Inventur eines Kaders, dessen Hierarchien so flach daherkommen wie Nürnberger Lebkuchen. Die Bayern hatten zwar angekündigt, ein Jahr des Übergangs akzeptieren zu wollen, aber als Chance für mutige Eingriffe haben sie das nicht verstanden. Die Methode, nationalen Mitbewerbern Leitfiguren abspenstig zu machen oder vorzuenthalten, wie diesmal geschehen mit van Buyten, Podolski und zuletzt Schlaudraff, wirkt eher wie das routinierte Verwalten eines Monopols.“

Klaus Hoeltzenbein (SZ) bedauert die Scheinheiligkeit Uli Hoeneß‘ und die Art, Felix Magath seine Entlassung über die Bild-Zeitung zu vermitteln: „In Stilfragen lassen sich die Bayern ungern die Meisterschaft rauben. Das hatte Uli Hoeneß am vergangenen Sonntag noch einmal bei Sabine Christiansen bekräftigt, wo er als Anwalt für seinen Landesvater Stoiber wirkte: ‚Einen Mann mit diesen Verdiensten in nur vierzehn Tagen abzuschießen, das stinkt zum Himmel!‘ Sprach’s, und zeigte drei Tage später, wie es anders geht. Wobei die Zeit, in der die Bayern von Felix Magath zu Ottmar Hitzfeld wechselten, für die Rekordbücher schwer zu messen ist. Nimmt man jene Zeit, in der die Meldung via Bild ad hoc öffentlich gemacht wurde (14.30 Uhr)? Oder jene (15.30 Uhr), zu der Magath von der Gattin zur Säbenerstraße chauffiert wurde, um dort bestätigt zu bekommen, was er schon im Autoradio gehört haben dürfte? Entlassung via Verkehrsfunk – in jedem Fall war der interessierte Fan vor dem erfolgreichen Doppel-Double-Trainer offiziell unterrichtet, und das ist kniggetechnisch schon unschlagbar stillos. Wenn die Münchner nun zur Spiegelschau schreiten und dort nicht nur sehen wollen, wie toll sie sind, so wird die Suche nach der undichten Stelle am schnellsten abgeschlossen sein. Präsident Beckenbauer ist langjähriger und hoch dotierter Bild-Mitarbeiter, generell geht da Exklusivität vor Pietät. Wer bei den Bayern unterschreibt, der nimmt diese folkloristischen Seltsamkeiten in Kauf, abgerechnet wird deshalb nicht streng nach der Trainer-Tariftabelle, seelische Grausamkeit (Verkehrsfunk!) wird angemessen kompensiert.“

Daniel Theweleit (SpOn) pocht auf Hoeneß‘ Fehler: „Die Verantwortung für Krisen, deren Ursache in einer schlechten Personalpolitik liegt, wird einfach dem Trainer zugeschoben. Sportdirektoren, die zurücktreten oder entlassen werden, weil sie die Mannschaft falsch zusammengesetzt haben, oder einen unpassenden Trainer einstellten, muß man in dieser Bundesliga mit der Lupe suchen. Peter Pander hat ebenso erfolglos Millionen verjubelt wie Dietmar Beiersdorfer und viele Kollegen. Ganz besonders furchtbar war das Jahr 2006 aber für Uli Hoeneß. Es fing an mit dem schlimmen Champions-League-Ausscheiden gegen Milan, setzte sich fort mit der finanziellen Pleite von 1860 München, was die gesamte Finanzierung der Allianz-Arena ins Wanken brachte (und die Bayern zahlen nun kräftig drauf), Oli Kahns Verbannung aus dem Nationalmannschaftstor störte das Selbstverständnis des Clubs ebenso empfindlich wie der konsequente Abschied Michael Ballacks. Und im Sommer wurden dann lauter Spieler verpflichtet, die diese Mannschaft nicht wirklich besser machten. Die Hauptschuld für die Folgen bei Magath zu suchen, war ziemlich unfair.“

Christian Eichler (FAZ) kritisiert die Transferpolitik der Bayern: „Der deutsche Manager hat sein persönliches Macht-Risiko-Profil perfektioniert. Er hat die Macht über die Personalentscheidungen und den Trainer; das Risiko für Manager-Fehler aber trägt der Trainer. So mußte Magath ausbaden, daß das alte Rezept von Hoeneß, das Abgrasen der Spitzengewächse anderer Bundesligaklubs, zuletzt nicht mehr zog. Dem Modell einer zusammengekauften Liga-Elite haftet eine satte Selbstzufriedenheit an, die sich aufs Spiel überträgt. Es fehlt die spielerische Infusion mutiger Personalauffrischungen aus dem Ausland, wie sie Bremen immer wieder schafft. (…) Die Bundesliga hat nicht die Trainerseuche, sondern die Managerkrankheit.“

Anti-Doll

Claudio Catuogno (SZ) rügt die HSV-Führung, die bereits mit Huub Stevens einig schien, wegen des Flirts mit Magath: „Da hat ihm sein neuer Arbeitgeber gleich eine schöne Hypothek aufgeladen. Stevens muß sich vorkommen wie ein Bräutigam, dessen Auserwählte sich kurz vor der Hochzeit noch ein Treffen mit dem Ex ausbedingt (der ist nämlich frisch geschieden und hat vielleicht noch oder wieder Interesse). Beiersdorfer hat seinem Klub mit den überstürzten Magath-Avancen wohl eher keinen Gefallen getan – ebenso wenig wie dem Ansehen des neuen Mannes, der bei der verunsicherten Mannschaft ab sofort als unumstrittene Autorität gelten soll. (…) Die Frage ist, wie dankbar Huub Stevens jetzt ist über diesen Job, den ihm der HSV, anders als Magath, offenbar ohne Skrupel wieder weggenommen hätte.“ Stefan Hermanns (Tsp) stellt die Hamburger Auswahlkriterien in Frage: „Daß der Hamburger SV in seiner Verzweiflung Stevens engagiert hat, folgt einem bewährten Verhaltensmuster: Ein neuer Trainer sollte sich nicht nur in Nuancen von seinem Vorgänger unterscheiden, er sollte sein genaues Gegenteil sein. Thomas Doll konnte bis zum Schluß nicht aus seiner Haut; er blieb ein Spielerversteher. Stevens ist der Anti-Doll, so wie es übrigens auch Magath gewesen wäre.“

BLZ: Heiteres Würfelspiel in Hamburg
zeit.de: Interview mit Fredi Bobic über den Sinn von Trainerwechseln aus Spielersicht

FAZ-Portrait Manuel Neuer, Schalker Tormann

Freitag, 2. Februar 2007

Bundesliga

Spielt die Bundesliga verrückt?

Thomas Doll entlassen – Kritik und Verständnis in der Presse; Radikalkritik an der Ungeduld der Vereine mit ihren Trainern

Ralf Wiegand (SZ) kritisiert die Entlassung Thomas Dolls: „Es liegt nicht am Trainer. Mit einem schlechten Coach hätte der HSV nicht – trotz zeitweise neun verletzter Stammspieler – die fünftbeste Abwehr, hätte nicht nur ein Spiel mehr verloren als die Bayern, hätte gegen Cottbus keine drei Großchancen herausgespielt oder sich in Partien wie Aachen oder Bielefeld die Tragik verdient, Siege in letzter Sekunde herzuschenken. Mannschaften im Abstiegskampf mit schlechtem Trainer fallen auseinander. Wenn aber beim HSV etwas eine Einheit war, dann Trainer und Team. Der Absturz des HSV ist ja vor allem eine Folge der Selbstüberschätzung eines Vereins, der sich stets für einen Weltklub hielt – auch wenn er zwanzig Jahre in der Versenkung verschwunden war.“

Ralf Köttker (Welt) hingegen hätte Doll schon vor der Winterpause entlassen: „Am Ende der Hinserie war für jeden erkennbar, daß auch der Trainer des HSV am Ende war. Doch die Klubleitung machte den Fehler, aus löblicher Loyalität zu einem leitenden Angestellten Lethargie werden zu lassen. Niemand hatte den Mut, den Liebling der Fans zu entlassen, um die verfahrene Situation aufzulösen. Es war nicht falsch, den redlichen aber ratlosen Doll zu entlassen. Das ganze kommt nur zwei Monate zu spät. Statt einem Neuen die Chance zu geben, die Mannschaft in der Winterpause auf den Abstiegskampf einzustellen, muß jetzt ein Retter einspringen.“

Roland Zorn (FAZ) mahnt die Liga zu Besinnung und Geduld: „Spielt die Bundesliga verrückt? Sind Männer wie Thomas Schaaf etwa schon Relikte aus der guten alten Zeit? Seit 1999 führt der frühere Werder-Profi als legitimer Nachfolger des Langzeittrainers Otto Rehhagel die Bremer von Erfolg zu Erfolg. Werder wird wegen Schaaf und des ähnlich lange dem Verein verhafteten Sportdirektors Klaus Allofs überall beneidet. Unaufgeregtheit im Stil, konzeptionelles Denken bei der Arbeit, Kontinuität im Handeln und Menschlichkeit im Umgang miteinander: wo gibt’s denn so was? Nur bei der Nummer eins der Bundesliga, wo das Leistungsprinzip seit langem mit wirksamen Programmen und kluger Personalpolitik unterlegt ist. Ein einzigartiger Glücksfall? Sicher, solange an anderen Liga-Standorten immer wieder verzweifelt nach Trainern gefahndet wird in einer Landschaft, in der es augenscheinlich kaum Neues zu entdecken gibt.“

Kim Il McRummenigge

Radikalkritik – american arena fordert einen Wandel der Strukturen und des Denkens: „Wenn die Bundesliga amerikanischer wäre, wären die Rummenigges und Konsorten nicht quasi unkündbar und könnten nicht permanent so tun, als ob die Fehler immer nur bei den anderen lägen, aber nie bei ihnen. Dann würden auch an sie an den Leistungen und den Erwartungen gemessen und an dem Geld, das sie verschleudern. Wenn die Liga amerikanischer wäre, würden Leute bei den Fernsehsendern sitzen, die sich Sorgen machen über den return on investment und wie das alles weitergehen soll. Denn wie soll es weitergehen? Auf diese gleiche unnütze Weise?“

Auch Volk ohne Raumdeckung knöpft sich Rummenigge vor: „Es ist der Wurm drin beim FC Bayern. Ich glaube, dieser Wurm heißt Kim Il McRummenigge, der Mann der aus dem FC Bayern eine Weltmarke machen wollte wie McDonalds oder Swissair oder Enron oder die KPdSU. Vielleicht hat er ein gewisses Talent, anderen Menschen das Leben zu vermiesen, vielleicht ein Nicht-Wie-Beckenbauer-Gen, der – man kann es drehen und wenden – ein richtiger Charmebolzen ist. Er hat etwas von Muhammed Ali, eine Leichtigkeit in der Größe, die es nie wieder geben wird. Und er ist nicht nur Liebling der Deutschen, sondern hat bei seiner WM-Tournee eigentlich überall ganz gut ausgesehen, sogar in Holland. McRummenigge strahlt weder Leichtigkeit noch Größe aus, sondern eine gewisse brüske Verkniffenheit, ein bißchen wie Wolfgang Clement. Kein Charmebolzen im klassischen Sinne, eher wie der Tasmanische Teufel aus Bugs Bunny mit Krawatte.“

SZ: Dolls Entlassung – Abschied vom Gute-Laune-Flummi

BLZ: Trainer aus der Mottenkiste – Ottmar Hitzfeld bringt den Bayern neue Hoffnung

FAZ-Portrait Lincoln

Donnerstag, 1. Februar 2007

Bundesliga

Personalpolitisches Armutszeugnis

Die Entlassung Felix Magaths rückt die Führung des FC Bayern in die Kritik der Presse; den zurückgetretenen Jupp Heynckes zeichnen die Zeitungen als Mann der guten alten Zeit

Jan Christian Müller (FR) kann die Entlassung Felix Magaths verstehen, kritisiert aber die Verpflichtung Ottmar Hitzfelds: „Er hat es nicht geschafft, dem Team einen erkennbaren Spielstil zu vermitteln und aus begabten Profis wie dem frustriert nach nur einer Saison wieder entschwundenen Torsten Frings, oder aus Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski das Maximum ihrer Leistungsfähigkeit herauszuholen. Zudem ist es ihm gemeinsam mit Uli Hoeneß nicht gelungen, mit einer strategischen Planung sinnvolle Verstärkungen zu holen. (…) Daß die Bayern Magaths unmittelbaren Vorgänger Hitzfeld als dessen Nachfolger präsentieren, ist allerdings ein weiteres personalpolitisches Armutszeugnis. Damit treten sie nämlich den Beweis an, daß sie sich auf dem Trainerkarussell ähnlich uninspiriert und phantasielos bewegen wie zuletzt auf dem Spielermarkt.“

Jörg Schallenberg (SpOn) schreibt entgeistert: „So wie ein ganz normaler Fußballverein, sagen wir mal Hannover 96 oder Borussia Dortmund, haben die Bayern nach einem mißglückten Rückrundenstart einfach das getan, was auch jedem Dorfmanager als Erstes einfallen würde: Sie haben den Trainer gefeuert. Das ist nicht nur einfallslos, sondern auch eine sportliche Bankrotterklärung.“

Machtdemonstration

Der Tagesspiegel moniert die Übervorsicht der Bayern-Führung in Geldfragen: „Die können Magath, Hitzfeld, Heynckes oder Meiermüller heißen, über kurz oder lang bekommen sie alle beim FC Bayern das immer gleiche Problem, nämlich das strukturelle. Da sind einmal die drei Macher des Klubs, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, die haben in den siebziger Jahren den Fußball erfunden. Und dann sind da die Finanzstrukturen des Vereins. Der FC Bayern ist der mit Abstand finanzstärkste Klub hierzulande, aber eben nur hier. Auch ist der FC Bayern der mit Abstand progressivste Klub in Deutschland. In Europa, verglichen mit den anderen nationalen Spitzenklubs, ist er der konservativste. Er gibt das Geld für die Spieler nämlich erst aus, wenn er es hat. Das ist gewiß vernünftig. Allerdings schießt Vernunft keine Tore, sondern nur die besten Spieler der Welt, und die sind zu teuer für eine konservative Finanzpolitik.“

Auch Schallenberg rügt den großen Einflußwillen der Vereinsoffiziellen: „Magath wollte sich gegenüber seinen Vorgesetzten nicht verbiegen – eine Eigenschaft, die ihn schon bei seinen bisherigen Vereinen trotz guter Resultate am Ende immer den Job kostete. Als er öffentlich bekannte, daß die Meisterschaft abgehakt sei, übte er – ob gewollt oder nicht – Majestätsbeleidigung. Beim FC Bayern geht es immer um den Titel – und wenn nicht, dann dürfen das allenfalls Hoeneß oder Franz Beckenbauer aussprechen. So gesehen war Magaths Rauswurf weniger eine Schadensbegrenzung als eine Machtdemonstration. Wer auch immer in der kommenden Saison Trainer des FC Bayern werden soll – er wird sich genau überlegen, ob er zu diesen Bedingungen wirklich in München arbeiten will.“

Trainer verzweifelt gesucht

Felix Reidhaar (NZZ) hält den Entscheidern vor, die Information über die Bild-Zeitung verbreitet zu haben: „Von einer panischen Reaktion des FC Bayern kann nach fünf Punktverlusten in den ersten beiden Rückrundenspielen nicht die Rede sein. Schon eher von einer nicht dem hohen Stand entsprechenden Kommunikationsarbeit. Daß die große Boulevardzeitung (Mitautor Beckenbauer) den Stabwechsel verbreitete, bevor Magath an den Geschäftssitz einbestellt worden war, verrät schlechten Stil. Angesichts der personellen Konstellation im FC Bayern mit Platzhirschen in allen Führungsorganen (Präsidium, Vorstand, Operatives) und einem entsprechenden Basar an Eitelkeiten überrascht dies nicht.“

Christof Kneer (SZ) vergleicht die die beiden Entlassungen von gestern: „Felix Magath und Jupp Heynckes haben auf unterschiedliche Weise Probleme gehabt mit dem Transfer ihrer Werte in die Neuzeit. Wer die Bayern zuletzt spielen sah, dem drängte sich der Eindruck auf, daß Magaths strategisches Potential vor allem darin bestand, wie Happel zu schweigen und aufs strategische Potential der Spieler zu vertrauen. Magath hat die Spieler zu wenig entwickelt, er hat darauf vertraut, daß sie sich schon von selbst entwickeln, wenn man ihnen nur die Fitness zur Verfügung stellt. Heynckes dagegen hat den Schritt auf die moderne Strategie-Ebene mit Leichtigkeit geschafft; es war eher die pädagogische Ebene, die diesem veranlagten Taktiker Schwierigkeiten bereitete. Für ihn waren Fußballer stets Fußballer, keine Unternehmer mit eigenen Interessen.“

Roland Zorn (FAZ) sieht ähnliche Gründe: „Heynckes’ freiwilliger Abschied von seiner Borussia und damit auch von seinem Trainerjob war eher abzusehen als die abrupte Trennung der Bayern von Magath. Hier kam ein traditionsbewußter Gentleman, dessen Denken und Handeln sich an den Werten seiner aktiven Zeit orientierte, nicht mehr mit den Verhältnissen von heute zurecht.“

Zorns Fazit Trainerfindung: „Daß die Bayern ihren alten Cheftrainer noch einmal becircen mußten und auch die Gladbacher mangels Auswahl kaum eine andere Wahl als Luhukay haben, zeigt, wo es klemmt in der Bundesliga: Trainer verzweifelt gesucht.“

NZZ: Gefragt, gefeiert, gechaßt – Hitzfeld für Magath im FC Bayern, Heynckes weg von Mönchengladbach
FAZ: Magath gefeuert – Hitzfeld übernimmt
SZ: Hitzfeld neuer Bayern-Trainer – Vorgänger als Nachfolger

Morgen auf indirekter-freistoss.de: Pressestimmen zum nächsten Trainerrauswurf

Mittwoch, 31. Januar 2007

Ascheplatz

Alles läuft auf eine Scheidung der mehr als 50 Jahre währenden Ehe hinaus

Wird sich der DFB für Nike und gegen Adidas, seinen Partner seit Jahrzehnten, entscheiden? Darf er das? Unterschiedliche Auffassungen in der Presse

Ralk Köttker (Welt) nimmt den DFB in die Pflicht: „Daß Adidas die damalige Absichtserklärung des DFB jetzt beim Wort nimmt, ist vielleicht juristisch anfechtbar. Aber es ist moralisch bedenklich, zu tun als wäre nichts gewesen. Auch wenn es in die vergangenen Jahrzehnten ein Geschäft auf Gegenseitigkeit war, geht man so mit einem verläßlichen Partner nicht um. Im Gegenzug kann aber auch Adidas nicht erwarten, daß sich der DFB weiterhin so billig wie im Moment verkauft. Der Kompromiß aus Tradition und Kommerz gelingt nur dann, wenn sich beide Seiten aufeinanderzu bewegen.“

Thomas Kistner (SZ) entkleidet die Verhandlung jeder Romantik: „Es wäre einfach schwer geschäftsschädigend, auf solche Unsummen für eine gemeinnützige Körperschaft wie den DFB zu verzichten. Warum auch? Wegen der nostalgischen Verbindungen über die letzten Jahrzehnte, in denen der DFB und die drei Streifen wie Goldene Hochzeiter daherkamen? Naiv. Hier bricht keine alte Ehe auseinander, sondern eine alte Seilschaft. Es widerspräche ja nun jeder Wirtschafts- und Lebensrealität, wenn just diese besondere teutonische Nibelungentreue zwischen Industrie und Sportfunktionären auf Tugenden gebaut worden wäre statt auf dem einzig tragfähigen Fundament: auf Geld.“

Christian Gödecke (SpOn) spinnt Theo Zwanzigers Ehe-Metapher weiter: „Das Herz des DFB, also des Gatten, ist gebrochen, sehr stark hingezogen fühlt er sich zu dieser sexy jungen Frau namens Nike, die da vor ein paar Monaten aufgetaucht ist mit diesen wunderschönen Augen. Und der riesigen Mitgift. Es wird also teuer für Adidas, will sie den Mann weiter an sich binden, auch das ist eine Nachricht. Jedenfalls ist das die Meinung des Gatten, denn die Ehefrau denkt, daß er ihr das Eheversprechen bereits für weitere drei Jahre gegeben habe. Alles läuft auf eine Trennung hinaus, auf eine Scheidung der mehr als 50 Jahre währenden Ehe.“

NZZ: Rückkehr des Fabelwesens – Marcelinho soll den VfL Wolfsburg zu neuen Höhen führen

NZZ: Noch ein Kopfstoß – Materazzi findet in Genua seinen Zidane
Die Szene auf YouTube

NZZ: Von Spionen, Russen und Rastas – Portsmouth im Schatten von Chelsea mit russischem Mäzen im Vorwärtsgang

FAS: Fußballvermarktung – Adidas gegen Gasprom

Montag, 29. Januar 2007

Am Grünen Tisch

Der große Sieger ist Blatter

Uneinheitliche Bewertungen des Wahlsiegs Michel Platinis im Kampf um den Uefa-Vorsitz; Theo Zwanziger gerät in den Ruf des schlechten Verlierers

Jens Weinreich (BLZ) bringt dem neuen Uefa-Präsidenten wegen dessen Nähe zum Fifa-Boß Mißtrauen entgegen: „Vielleicht tut man Platini Unrecht, wenn man ihn als trojanisches Pferd des Joseph Blatter bezeichnet. Vorerst aber gibt es gute Gründe, skeptisch zu sein. Ausgerechnet Blatter kontrolliert nun nicht nur die Milliarden der Fifa, sondern auch die Geldströme im reichsten Kontinentalverband. Das ist ein Rückschlag für all jene Funktionäre, die sich Transparenz und Demokratie verschrieben haben. Es ist ein weiteres Alarmzeichen. Nichts für Romantiker.“ Thomas Kistner (SZ) sieht das ähnlich: „Platini, bisher als Arbeitstier eher unverdächtig, wird nicht nur zeigen müssen, daß er den eigenen Ansprüchen gewachsen ist, sondern auch, daß er nicht nur Blatters Strohmann spielen will. Andernfalls ist es so, daß der schillernde Schweizer mit der von Affären gespickten Funktionärsvita alle wesentlichen Geldläufe im internationalen Fußball kontrolliert; de facto, und auf Jahre hinaus. Ganz schön gruselig.“

Auch Ralf Köttker (Welt) warnt vor wachsendem Einfluß Blatters: „Der neue Uefa-Präsident konnte ohne die Stimmen der mächtigsten Nationalverbände gewählt werden, er kann aber nicht ohne sie regieren. Wenn er erfolgreich sein will, gilt auch für ihn: Nur die Wirtschaftskraft der Starken schafft die Voraussetzungen, den Schwachen helfen zu können. Sorgen müssen einem deshalb weniger seine rebellischen Wahlkampfversprechen, als vielmehr seine enge Verbindung zum Präsidenten der Fifa machen. Joseph Blatters von Korruptionsvorwürfen und Vetternwirtschaft belasteter Verband und die bisher skandalfreie Uefa rücken künftig dichter zusammen. Bisher hat Johansson als Korrektiv für den in immer neue Skandale verwickelten Fifa-Präsidenten gewirkt. Mit der Wahl hat der machtbewußte Schweizer einen Vertrauten an strategisch wichtiger Stelle platziert. Der Gewinner des Uefa-Kongresses heißt Platini. Der große Sieger ist Blatter.“

Empfindliche Schlappe für das Old-Boys-Pfründe-Network

Roland Zorn (FAZ) hingegen gibt dem Neuen eine Chance und traut ihm Unabhängigkeit zu: „Platini hat sich erst gar nicht wie ein Triumphator geriert. Mit dem Gespür des vor allem fairen Sportsmanns ist er auf Johansson und dessen Lager zugegangen, wissend, daß er den neuen Uefa-Ehrenpräsidenten und einen Teil seiner Gefolgsleute noch brauchen wird. Um nun zu einem Egotrip durch die Uefa-Gremien aufzubrechen, ist Platini viel zu intelligent. Der Mann kann zuhören und entscheiden, liebt Diskussionen und scheut die Verantwortung nicht. Einer wie Blatter, der hocherfreut über den Sieg seines langjährigen Schülers, Freundes und Beraters war, sollte nicht zu sicher sein, daß aus der Uefa nun eine kleine Fifa wird. Dazu ist Platini zu eigen und zu selbstbewußt.“ Das tazblog Volk ohne Raumdeckung feiert den Erfolg Platinis als Umbruch: „Wenn Platini, der neue Danton der Uefa, die ‚Großen‘ respektive Großkopfeten aufs Normalmaß zurückstutzt, wird mittelfristig wieder mehr Chancengleichheit innerhalb der Ligen und zwischen den Ländern einziehen. Das Old-Boys-Pfründe-Network im europäischen Fußball hat mit Platinis Wahl eine empfindliche Schlappe erlitten. Und Blatter zeigte mal wieder, daß neben einem kleinen Don Vito Corleone auch ein kleiner Robin Hood in ihm steckt.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) zweifelt am Wahlprogramm Platinis: „Vieles von dem, was Platini konstatiert, ist ja richtig. Doch die Möglichkeiten der Uefa, an diesen Dingen etwas zu ändern, sind begrenzt. Der professionelle Fußball läßt sich nicht in einen Zustand der Unschuld zurückversetzen. Wer anderes glaubt, ist naiv. Die Entwicklung zum Milliardenspiel ist unumkehrbar. Daß der Fußball ein riesiges Geschäft ist, mag man beklagen, ändern läßt es sich nicht mehr. Die Uefa hat, wie die Fifa, von der alles durchdringenden Ökonomisierung des Spiels finanziell enorm profitiert. Sie hat sie, wie die Fifa, selbst vorangetrieben. Daß die sogenannten Kleinen nun Platini den Weg zum Thron geebnet haben, heißt nicht, daß sie ihm folgen, falls er tatsächlich versuchen sollte, das Spiel ein Stück weit aus der Umklammerung von Wirtschaft und Politik zu befreien. Sie wollen nur mehr vom großen Kuchen. Daran werden sie den neuen Uefa-Präsidenten bei nächster Gelegenheit erinnern.“

Provinzielle Herkunft

Felix Reidhaar (NZZ) empfiehlt Platini den Austausch mit Straßburg und Brüssel: „Die wahren Uefa-Problemfelder liegen anderswo: Was unternimmt der Verband in seinem Hoheitsgebiet gegen Bestechung, Wettbetrug und Spielmanipulation, die den Fußball ebenso in Mitleidenschaft ziehen wie grassierende Gewalt und wuchernder Rassismus? Auch die zuletzt engen Beziehungen zur EU bedürfen einer vertieften Pflege, damit der Sport seine Autonomie unter beidseits gewährleisteten Rahmenbedingungen wahren kann. Mit lauter Opposition und hochnäsiger Attitüde ist dieser Diskurs nicht zu führen.“

Theo Zwanziger, der mit dem DFB vergeblich Lennart Johansson unterstützt hat, wird in vielen Zeitungen mit den Worten zitiert: „Die Kleinen haben gesiegt. Wenn man sieht, wer da hochgesprungen ist: Das waren alles Nationen mit nicht mehr als hundert Einwohnern. Jetzt muß sich die Sozialromantik an der Realität messen lassen.“ Zorn hält ihm vor, ein schlechter Verlierer zu sein: „Zwanziger, daheim ein respektabler Fußball-Präsident, erfuhr bei seinem ersten wichtigen Termin auf dem Parkett der internationalem Sportpolitik, daß er dort noch viel lernen muß, um zu einem Schwergewicht dieser von ausgebufften Profis angeführten Szene zu werden. In Düsseldorf verriet der DFB-Präsident allzu viel von seiner provinziellen Herkunft, als er nach Platinis Wahl höhnen zu müssen glaubte: Starke Worte, schwacher Auftritt.“ Michael Horeni (FAS) gibt zu bedenken: „Zwanziger hat Ambitionen auf einen Posten im Exekutivkomitee der Uefa. Da wird er auch auf die Stimmen der kleinen Verbände angewiesen sein. Sie werden sich an Zwanzigers Worte erinnern. Und falls sie seinen Beitrag vergessen haben sollten, werden sie daran ganz sicher freundlich und staatsmännisch erinnert.“

FAZ-Portrait Platini
BLZ-Portrait Johansson
FAZ: Pressestimmen

Bundesliga

Marketing-Gerede einer Meistermannschaft von gestern

Pressestimmen zum 18. Spieltag: Bayern fällt tief, Dortmund überrascht, Schalke nötigt Respekt ab, Hamburg erregt Mitleid, Nürnberg macht staunen, Stuttgart enttäuscht

Michael Horeni (FAZ) zählt die Bayern nach dem 2:3 in Dortmund an: „Neunzig Minuten Fußball in Dortmund haben genügt, um der Konkurrenz sowie den Zuschauern deutlich zu machen: Ein bayrisches Wintermärchen war nur das wochenlange Gerede über die eigene Stärke – die angekündigte sportliche Großartigkeit erstarb im klassischen Kaltstart. Die rhetorischen Münchner Superlativen vom ‚besten Trainingslager‘, der ‚besten Vorbereitung‘ sowie dem Angriff auf die Tabellenspitze entpuppten sich nach dem ersten Praxistest des Jahres 2007 als leeres Marketing-Gerede einer Meistermannschaft von gestern, die trotz aller Anstrengungen keinen Schritt vorangekommen ist.“ Andreas Burkert (SZ) fügt hinzu: „Der FC Bayern trat auf, als habe er einfach stur seine schaurige Vorrunde fortgesetzt. Unsortiert in der Deckung, uninspiriert an den Schaltstellen des Spiels und unter Streß offensiv so furchteinflößend wie ein Biathlet am Schießstand – den Bayern 07 gelang in Dortmund eine erstaunliche Kopie ihrer 06-Version, die sie eigentlich in den Emiraten entsorgt wähnten.“

Mit den BVB-Fans erkennt Roland Zorn (FAZ) die Dortmunder nicht wieder: „Die Zuschauer trauten ihren Augen kaum, so runderneuert, angriffslustig, aggressiv und kombinationssicher präsentierte sich ihr Team. War das der BVB, der sein Publikum in der Hinrunde mit Langweilerfußball gefoltert hatte? Er war’s und wirkte dabei über weite Strecken der Partie so, als ob da lauter kleine Röbers mutig ans Werk gegangen wären. Weil somit auf einen Schlag die Erinnerung an Röbers im holländischen Systemfußball verhafteten Vorgänger Bert van Marwijk verblaßt war, schlugen sich die zuletzt oft mürrischen Fans lautstark und begeistert wie lange nicht auf die Seite ihrer wiederentdeckten Borussia.“

Erstaunlich geradlinig

Horeni bewundert die ruhige Stärke der Schalker, 3:1 in Frankfurt siegreich: „Die Schalker mußten gar keine großen Worte mehr machen. Die schon zum Ende der Vorrunde beeindruckend stabilen Schalker hinterließen bei ihrem geglückten Einstand bei der Eintracht stets den Eindruck, daß der Glaube an den ersten Titelgewinn nach fast einem halben Jahrhundert nicht mehr ständig öffentlich beschworen werden muß. Er gehört mittlerweile schon zur verinnerlichten Schalker Grundausstattung in dieser turbulenten, aber sportlich erstaunlich geradlinigen Spielzeit.“

BLZ: Balsam für das Sensibelchen – Kevin Kuranyi befreit sich aus seinem Selbstmitleid

Ein Harald Juhnke des Berliner Fußballs

Javier Cáceres (SZ) ärgert sich über die Pfiffe der Berliner gegen Marcelinho: „Jedes Mal, wenn Marcelinho die Blicke auf sich lenkte, fand sich eine Mehrheit, so groß wie weiland auf Parteitagen der bulgarischen KP, bereit, Marcelinho in Grund und Boden zu pfeifen. Als ob er sich, was ja nicht der Fall war, eines Verrates schuldig gemacht hätte. Mögen Ratio und Kinderstube beim Kampf um drei Punkte eine noch so relative Kategorie sein – gemessen daran, daß Marcelinho von 2001 bis 2006 ein die Stadt weit prägenderer Dirigent gewesen war als Thielemann, Barenboim und Rattle zusammen, war es ein erstaunlich rotzig-provinzieller Mangel an Größe, der in der Kurve zutage trat.“ Auch Peter Heß (FAZ) findet es gemein, ihn zu verhöhnen, nur weil er jetzt in Wolfsburg spielt: „Ist das Grund genug für eine Mißfallenskundgebung in XXL? Wieso diese Pfiffe? Sie können als typische Reaktion eines enttäuschten Liebhabers interpretiert werden. Die Hertha-Fans haben ihren Marcelinho immer geliebt. Vor allem dafür, daß er nie den eiskalten Profi vorspielte, sondern immer zu seinen Lastern stand. Marcelinho war immer ein Paradiesvogel, der Freude bereitete und dessen menschliche Schwächen deshalb gerne in Kauf genommen wurden. Eine Art Harald Juhnke des Berliner Fußballs. Und dann kehrt der verlorene Sohn in diesem ungewohnten Wolfsburger Trikot zurück.“

Déjà Vus

In Hamburg nichts neues – Ulrich Hartmann (SZ) leidet mit: „In Hamburg hatten sie gehofft, die fünfwöchige Winterpause könnte eine Zeit des Vergessens werden und ein Sieg zum Auftakt neuen Mut bringen, wo doch schon die Belegschaft und der Trainer die alten geblieben sind. Doch gleich dieses erste Rückrundenspiel in Bielefeld brachte so viele Déjà Vus auf einmal, daß die Saison für den Verein genau dort weitergeht, wo sie im Dezember aufgehört hat.“

Achtfach bereift

Christof Kneer (SZ) schildert staunend die Wetterfestigkeit der Nürnberger, 4:1-Sieger gegen Stuttgart: „Sicherheit. Stabilität. Ballkontrolle. Vielleicht hat man die Grundlage des Nürnberger Spiels nie so schön sehen können wie an jenem Nachmittag, an dem man nicht viel sehen konnte. Unter erschwerten Bedingungen kann man die Qualitäten einer Elf besonders gut erkennen, und beeindruckend war nicht nur, wie entfesselt Saenko und Vittek mit den Flocken um die Wette wirbelten; beeindruckend war vielmehr, wie stabil die Nürnberger im Schneetreiben in der Spur blieben. Der Club ist achtfach bereift inzwischen, er ist eine richtige Allwettermannschaft geworden, eine, der man zutrauen mag, auch bei Blitzeis nicht in den Graben zu rutschen. Fürs Erste hat der Club es geschafft, zur stabilsten Elf der Liga zu werden. Er hat nur zweimal verloren in dieser Saison, jeweils mit 1:2, er ist nie so auseinandergebrochen wie die Stuttgarter Sommerfrischler, die den Wetterverhältnissen eine Cabrio-Mentalität entgegenhielten. Sie öffneten das Verdeck, spielten sorg- und körperlos.“ Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) stimmt ein: „Nürnberg, eine Mannschaft für alle Jahreszeiten. Der VfB Stuttgart dagegen muß diese Eigenschaft erst wieder neu beweisen.“

Das Streiflicht (SZ) räsoniert über Fußball, Winter und Winterpause – und was Franz Beckenbauer damit zu tun hat: „Die Frage bleibt, ob die Fußballer wieder spielen, weil es Winter geworden ist – oder ob es Winter geworden ist, weil wieder Fußball gespielt wird. Sie ist nur zu beantworten von Franz Beckenbauer, der sich in Meteorologenkreisen enormer Reputation erfreut, seit es ihm im vergangenen Jahr gelungen war, dank seiner guten Kontakte den Hochsommer mit der von ihm organisierten WM zusammenzulegen. Der Sommer begann mit dem Eröffnungsspiel und endete bald nach dem Finale. Franz Beckenbauer hat neulich gesagt: ‚Schafft die Winterpause ab!‘ Sollte sich von dieser Aufforderung der Winter angesprochen fühlen, stünde eine neue Eiszeit unmittelbar bevor.“

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