indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 24. November 2006

Champions League

Spektakulär unspektakulär

Die deutsche Presse huldigt Werder Bremen nach dem 1:0-Sieg gegen Chelsea – und bekommt rote Ohren wegen der Kritik José Mourinhos an Michael Ballack

Ralf Wiegand (SZ) fühlt sich von der Leidenschaft und Ursprünglichkeit des Bremer Spiels angefaßt: „Es war gar nicht mal einer dieser Festtage, an denen die Bremer einen Gegner aus den Schuhen spielen und sich an ihrer eigenen Schönheit berauschen. Es war viel besser. Ein Gefühl wie in den Europacup-Tagen längst vergangener Zeiten ergriff das Publikum, als es in den letzten fünf Minuten des Spiels auf den Sitzen stand und seine Elf vor Leidenschaft glühend aufforderte, den Ball auf die Tribüne zu bolzen oder besser gleich in die Mitte der Weser, wo sie am tiefsten ist. Und wie gewünscht lieferten die in der Bundesliga für ihre austarierte Feinmechanik gerühmten Filigrantechniker in der Schlußphase eine Abwehrschlacht erster Güte, die sie sich aber in der ersten Halbzeit mit einer taktisch und spielerischen Leistung auf oberstem Niveau verdient hatten.“

Andreas Lesch (BLZ) schätzt die taktische Finesse und die Robustheit der Bremer: „Der Reifeprozeß der Bremer läßt sich an der Art ablesen, wie sie Chelsea bezwungen haben: Sie haben entschlossener gespielt als im Hinspiel. Sie haben aber keinen Hurrafußball gezeigt, sondern sie haben den Sieg nüchtern und nicht ohne Härten herbeigegrätscht. Sie haben für ihre Verhältnisse spektakulär unspektakulär gespielt; sie haben so gesiegt, wie sonst Chelsea gern siegt. Sie haben gezeigt, daß sie Spiele nicht nur im Sturm gewinnen können, sondern auch in der Abwehr – das war die Nachricht des Abends, das war eine neue Qualität.“

Frank Heike (FAZ) nimmt einem möglichen Einwand die Kraft: „Natürlich waren die durch diese knappe Niederlage schon für die Runde der letzten Sechzehn qualifizierten Londoner nicht an ihre Grenzen gegangen, doch mit Absicht hatten sie sicher nicht verloren.“ Die Nüchternheit der Sieger wertet er als gutes Zeichen: „Das schnelle Abwenden von den Ereignissen des intensiven, aber nicht hochklassigen Aufeinandertreffens zeigte, daß Werder solche Siege nicht mehr aufgeregt bestaunt und bejubelt, sondern rasch abhakt und die nächste Aufgabe anpackt.“ Wer hätte gedacht, daß Bremen in dieser starken Gruppe am letzten Spieltag als Zweiter nach Barcelona fahren darf? Heike jedenfalls nicht: „Allein das ist ein großer Erfolg für Werder.“ Lesch fügt an: „Die Tatsache, daß sie trotz ihrer mächtigen Gegner für dieses kleine Endspiel gesorgt haben und den edelsten Klubs der Welt auf Augenhöhe begegnen, ist eine Sensation und spricht für ihre positive Entwicklung.“

Mitglied der Gilde der Zuarbeiter

Ein Zitat José Mourinhos nach dem Spiel sorgt in den Zeitungen für Wirbel: „Heute haben wir Frank Lampard vermißt. Er bestimmt unser Mittelfeldspiel und hat großen Einfluß auf die Leistungen seiner Kollegen.“ Diese Aussage über den gesperrten Lampard verstehen die Journalisten als klare Kritik an Michael Ballack. Roland Zorn (FAZ) schreibt: „Was Mourinho sagte, machte überdeutlich, daß der in Deutschland als internationaler Superstar angesehene Görlitzer nur einer unter vielen Profis von Welt beim FC Chelsea ist. Mit anderen Worten: Lampard ist und bleibt neben Kapitän und Abwehrchef John Terry Chelseas Boß auf dem Platz, Ballack gehört zur Gilde der Zuarbeiter.“ Wiegand (SZ) stimmt ein: „Rrrrrrums, da war der Hammer gefallen, und niemand widersprach. Sollte es noch Zweifel daran gegeben haben, daß Ballack mit dem Wechsel vom FC Bayern München zum FC Chelsea jeglichen Sonderstatus in einer Teamhierarchie verloren hat – seit Mittwoch gibt es keinen mehr. Für Mourinho ist der Deutsche nur ein Baustein seiner übers Kollektiv funktionierenden Mannschaft, ist eben nur die eine Hälfte von Lampard/Ballack, die zusammen den Mittelfeld-Reaktor der Blues darstellen. Alleine, ohne den gesperrten Lampard, konnte Ballack in Bremen das Spiel von Chelsea nicht mit genug Energie versorgen.“

BLZ: José Mourinho, der Dauergereizte

Donnerstag, 23. November 2006

Champions League

Die Doll-Debatte wird weiter wie ein reiterloses Pferd galoppieren

Die Boulevardpresse läßt den Hamburger SV nicht zu seinem Trainer stehen. Frank Heike (FAZ) stellt fest, daß die Leistung der Mannschaft bei der Niederlage in London im Schatten der großen Schlagzeilen verschwinde: „Nach dem Spiel und den halben Mittwoch lang mußte sich der Hamburger SV zum x-ten Mal in dieser Saison im Krisenmanagement versuchen. Das unglückliche 1:3 in einem bedeutungslosen Spiel rückte ganz schnell in den Hintergrund, weil Bild und Sport Bild in ihren Ausgaben übereinstimmend berichtet hatten, der Vorstand des HSV habe sich mit Thomas Doll schon über die Modalitäten von Trennung und Abfindung geeinigt. So sprach niemand mehr von der ordentlichen Leistung, sondern nur über das weitere Procedere im ‚Fall‘ Doll. Das Machtwort des Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann half nicht, die Spekulationen zu bremsen.“ Die kolportieren Summen, die der HSV mit Doll im Fall einer Trennung vereinbart hat, sind allerdings, das berichten heute viele Zeitungen, alles andere als aktuell, was der Sache natürlich die Brisanz nehmen würde: „Doch die Zahlen stammen aus den Vertragsverhandlungen von vor einem Jahr, als es beim HSV mit Doll wunderbar lief und der Verein den Vertrag mit dem Trainer verlängerte.“

Ungeachtet dessen rät Karsten Doneck (Tsp) der Vereinsführung, sich von Doll zu trennen: „Würde ein neuer Trainer dem HSV helfen? Der personelle Notstand bliebe der alte. Trotzdem würde ein Trainerwechsel etwas ändern. Wenn sich der HSV nach der zu erwartenden Niederlage gegen den FC Bayern aller Treuebekundungen zum Trotz zu diesem Schritt entschließen sollte, dann wäre das immerhin ein Zeichen. Ein Signal, um wachzurütteln, um Aufbruchstimmung zu erzeugen, um den Kampf gegen den Abstieg einzuleiten. Nötig wird dieses Zeichen langsam.“ Raphael Honigstein (SZ) ergänzt: „Die Doll-Debatte wird wie ein reiterloses Pferd weiter galoppieren, so lange sein HSV nur in Ansätzen vorwärts kommt.“

BLZ-Spielbericht

SZ: Erstmals ist Deutschland in der Fünfjahreswertung der Uefa, die über die Vergabe der Startplätze in den Europapokal-Wettbewerben entscheidet, hinter Portugal zurückgefallen

FAZ: Didier Drogba – der ewig Geschmähte wird zum Liebling von Chelsea

SZ: Der Knochenbrecherboden und die Kunstrasen-Lobby

FR-Bericht Celtic–ManU (1:0)

Unterhaus

Liebe Leser,

ich möchte Sie für unsere neue Fußball-Website gewinnen: www.hartplatzhelden.de. Seit Donnerstag nacht ist die Seite online. Launch!!!

Was gibt es dort zu sehen und zu lesen? Schon einiges, aber bald noch mehr! Hartplatzhelden ist ein Award für Amateur- und Freizeit- und Jugendfußballer. Wir fordern nun alle Hartplatzhelden und Hartplatzheldinnen, die Video-Clips von ihren Spielen hochzuladen oder uns zu senden. Wir prämieren die besten in sechs Kategorien:

das schönste Tor
die spektakulärste Torwartparade
die mieseste Grätsche („Antiheld-Award“)
den Pechvogel des Jahres (so schön kann Stolpern sein)
den schönsten Torjubel

Sonderpreis:

die fairste Aktion für unseren „Fairplay-Award“

In unserer Jury sitzen (jetzt genau zugehört!): Miroslav Klose, Marcel Reif, Oliver Bierhoff, Marco Bode, Gerhard Delling, Rainer Holzschuh und Günther Jauch. Im Januar werden sie die Sieger bekanntgeben, doch die interessantesten Clips werden bereits in Kürze zu sehen sein. Einen gibt’s schon jetzt.

Zusammen mit zwei Freunden, Steffen Wenzel und Thomas Ramge, sowie der ebenso befreundeten Agentur wegewerk GmbH haben wir in den letzten Monaten die Website aus dem Boden gestampft und hoffen nun auf große Resonanz – nicht zuletzt, weil wir den kicker und den Stern als Medienpartner gewonnen haben, die sich genauso wie wir auf die Tore und Kerzen der Hartplatzhelden freuen, um sie auf ihren Internet-Seiten zu zeigen. Besuchen Sie uns, dort finden Sie alles über die Teilnahmebedingungen, die Jury, die Preise und sogar einen Newsletter. An alle Pressevertreter: Eine Pressemitteilung schicke ich Ihnen gerne auf Wunsch per E-Mail (fritsch [at] indirekter-freistoss.de), wenn Sie sie nicht ohnehin erhalten.

Bei der Gelegenheit möchte ich für die vielen aufmunternden und lobenden und natürlich auch die kritischen E-Mails bedanken, die Sie mir immer wieder senden. Darf ich Sie jetzt bitten, ein Stück zurückzugeben und hartplatzhelden.de so viel, so laut und so unerbittlich zu empfehlen, wie Sie können? Am besten mit dem Hinweis, daß sich die Sache in den besten Händen befindet, nämlich in denen von Fußball-Liebhabern. Also, ran an Ihren Mail-Verteiler!

Die Amateurfußballer sind die größte Sportgemeinschaft in Deutschland. Jede Woche finden zehntausende Spiele vor einem Millionenpublikum statt. Die Fußball-Bundesliga boomt, doch auf einen ihrer Stadionzuschauer kommen mindestens zehn, die ihre Sonntagnachmittage auf Deutschlands Hart- und Tennenplätzen verbringen. In den überregionalen Medien kommt das Massenphänomen Amateurfußball jedoch kaum vor – und wenn, dann eher im fragwürdigen Licht. Nun wollen wir dem Amateurfußball ein Zuhause im Internet geben, das technisch und taktisch auf Ballhöhe ist. Stichwort Web2.0.

Ein paar Worte zum persönlichen Motiv: Mittelhessens Vereinsfußball ist seit rund 30 Jahren ein Stück Heimat für mich. Ein großes Stück. Spieler, Trainer aller Altersklassen, Spielertrainer und sogar Stützpunkttrainer einer Mädchenauswahl beim DFB – alles schon mitgemacht. Vor einem halben Jahr hab ich die aktive Karriere beendet. Besser: Ich wollte sie beenden, um mich mehr der Arbeit zu widmen. Doch nach ein paar Monaten juckt’s wieder, da muß ich allen recht geben, die mir das, gegen meine Beteuerungen, prophezeit haben. Die letzten drei Jahre war ich Spielertrainer bei der SG Reiskirchen/Niederwetz. Auf welchen Hartplatz es mich jetzt verschlägt? Erstmal auf den virtuellen!

Liebe Grüße

Ihr Oliver Fritsch

hartplatzhelden.de

Mittwoch, 22. November 2006

Champions League

Es liegt an den Werten auf der Bank

Frank Heike (FAZ) nimmt die Müdigkeit Torsten Frings‘ fürs Ganze, Werder Bremens Konditionsverlust: „Seit drei Wochen schleicht bei Werder ein stummer Feind mit über den Platz, der aus dem souveränen und gefeierten Tabellenführer der Bundesliga ein jederzeit verletzbares Team gemacht hat: der Kräfteverschleiß. Abzulesen besonders eindrucksvoll an der Bremer Energiezentrale Frings: An die Stelle seines mitreißenden Kampf- und Laufspiels ist der kraftsparende lange Paß gerückt. Nur: Dieses Spiel beherrscht in Bremen keiner. Es will auch keiner sehen, und niemand kann erklären, wie es sich eingeschlichen hat.“ Daß die Qualität der Bremer von einigen wenigen Spielern abhänge, mache die Differenz zu den großen Gegnern in der Champions League aus: „Es gibt auch immer hausgemachte Gründe für Schwächephasen. Die Kader der Topklubs werden ja so zusammengestellt, daß Leistungsschwankungen entkräfteter Stammspieler durch frische Spieler von der Bank ausgeglichen werden können, Stichwort: Doppelbelastung. Hier gilt Werder als kreativstes Unternehmen des deutschen Fußballs. Nur: Frings, Klose, Mertesacker, das sind die Stützen von Werder, da kann auf der Bank sitzen, wer will. In den Gala-Spielen gegen den FC Barcelona oder den FC Chelsea wird Werder vor Augen geführt, daß der größte Unterschied zu den millionenschweren Edelklubs Europas weniger in der Leistung auf dem Rasen als in den Werten auf der Bank liegt.“

BLZ: Werder Bremen ist äußerlich gereift, aber im Herzen eine Mannschaft der Extreme geblieben
Tsp: Werder pflegt den Charme der Provinz und will trotzdem in Europa ankommen
SZ: Werder hat zwei Augen auf Jan Schlaudraff geworfen

Einfach nur Fußball spielen

Raphael Honigstein (FR) veranschaulicht die Erleichterung, mit der Michael Ballack darauf reagiere, daß er in London neben dem Spielfeld seine Ruhe habe: „Ballack hat nur positive Erfahrungen mit den Menschen gemacht. Er führt ein ausgesprochen ruhiges Leben. Wenn er mal in einem Restaurant auftaucht, wird schon mal seine Vorliebe für cremefarbene Ledersakkos zum Thema der Klatschseiten, doch auch die Medien lassen ihn weitgehend in Ruhe. Er ist ein deutscher Fußball-Millionär vom FC Chelsea. So what? Es gibt in London genügend andere, größere, reichere Stars zu bewundern. Auch das macht den Charme der Premier League aus: Ballack ist selbst als der bestbezahlte Kicker des Landes nur einer von vielen. Obwohl beim FC Chelsea, dem finanzstärksten und folglich unbeliebtesten Verein der Welt, alles ein paar Nummern größer und greller ist als beim finanzstärksten Verein Deutschlands, dem FC Bayern, hat er sich durch seinen Wechsel ein Stück Normalität zurückerobert. Welches Auto er fährt, eine brisante, nahezu sozialpolitische Frage, die den deutschen Boulevard wochenlang beschäftigt, interessiert in London niemanden.“ Über das Spiel heute in Bremen heißt es mutmaßend: „Seine Rückkehr nach Deutschland wird zum Trip in die Vergangenheit (…), falls Chelsea verlieren sollte, wird Ballacks Leistung in Bezug zu seinem Gehalt gesetzt, das ist klar. Er wird froh sein, zurück auf der Insel zu sein. Am Sonntag schaut dann die Welt zu, wenn er mit Chelsea bei Tabellenführer Manchester United antritt. Ballack kann dann wieder das machen, von dem jeder Profi träumt: einfach nur Fußball spielen.“

SZ: Problem mit Ergebnisabsprachen: Unzweifelhaft scheint festzustehen, daß im russischen Fußball Geld fließt

Unterhaus

Überschwang

Roland Zorn (FAZ) erfreut sich am 4:4 zwischen Karlsruhe und Rostock und an der fast kindhaften Verausgabung der Karlsruher, die den Rostockern in der Schlußphase gestatten mußten, den 4:1-Vorsprung auszugleichen: „Unglaublich, unfaßbar diese Wende. Jeder im Stadion konnte in dieser letzten Viertelstunde sehen, daß sich der KSC in seinem stürmischen Drang übernommen hatte. Daß die für einen Energiekonzern werbende Mannschaft schließlich aber anmutete, als wäre ihr der Strom abgeschaltet worden, machte die Schlußphase aus Karlsruher Sicht umso gespenstischer. Wäre die Begegnung noch ein paar Minuten weitergelaufen, Hansa hätte gegen den zuerst faszinierend mutigen, dann gefährlich übermütigen und schließlich geradezu ängstlichen KSC vermutlich noch das fünfte Tor geschossen und damit die Wende zum Guten gekrönt. So erfrischend die Badener der Bundesliga entgegenstürmen, so naiv stellen sie sich in ihrem Überschwang gelegentlich an.“

FR-Bericht Karlsruhe–Rostock (4:4)

Dienstag, 21. November 2006

Internationaler Fußball

Aktuelle Links

FAZ: Celtic Glasgow vor dem Duell mit Manchester United

NZZ: Neuer Totti, neue Roma – die Wandlung eines finsteren, affektierten Stars und seines Teams

Welt: Mühevoll sucht Real Madrid einen Weg aus seiner sportlichen Krise, generiert aber weiterhin globales Interesse – und schloß einen Fernsehvertrag über 1,1 Milliarden Euro ab; daß sich ein Superstar wie Ronaldo gedemütigt fühlt, verkommt da fast zur Randnotiz.

FR: Die Heimschwäche Arsenals
NZZ: Charlton Athletic in Panik – kein Energieschub mit neuem Manager

NZZ: Vierzehn Leben eines Tausendsassas? Der Rücktritt des schillernden Sportdirektors José Veiga treibt Benfica Lissabon um

Unterhaus

Eine Nase für den Fußball

Christoph Daum beschäftigt und spaltet nach wie vor die Journalisten; zu laut ist er, ungeachtet seiner Qualität als Trainer, den meisten / Der Höhenflug des familiären Karlsruher SC / St. Pauli entläßt Trainer Andreas Bergmann

Im Tagesspiegel gibt’s heute Pro und Contra Christoph Daum. Friedhard Teuffel verweist auf Daums fachliche Qualität und verneint das Leitbild vom Trainer und Sportler als Vorbild: „Ein Trainer im Berufsfußball muß seine Spieler nicht zu besseren Menschen machen. Bis heute hält sich die Annahme, daß der Sport anständiger sein soll als der Rest der Welt. Doch warum sollte er? Längst ist wissenschaftlich widerlegt, daß der Vereinssport eine Charakterschule ist. Oft machen Jugendliche gerade im Sportverein ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol und anderen Drogen. Das Argument, daß Daum in allererster Linie sittliches Vorbild für die Jugend sein müsse, ist daher falsch. Wenn sich diese Gesellschaft Spitzensportler wie Michael Schumacher und Lance Armstrong zum Vorbild nähme, würde sie hierzulande keine Steuern mehr zahlen und versuchen, Kollegen am Arbeitsplatz durch unfaire Methoden abzuhängen. Daum hat mit jungen Menschen zu tun, aber er ist kein Jugendtrainer. Die Bundesliga ist ohnehin ein Mischkonzern aus Sportbetrieb und Unterhaltungsindustrie. Daum ist deshalb ein doppelter Gewinn für den Fußball, weil er viel vom Fußball versteht und vielleicht beinahe genauso viel von der Inszenierung. Für sein Fehlverhalten, ja kriminelles Verhalten, hat Daum gebüßt. Der DFB, der sich von einer Brauerei sponsern läßt, hat sich fast mit Ekel von ihm abgewendet. Man hat sich in Deutschland jahrelang über Daum lustig gemacht, über seine verschnupfte Nase etwa. Aber Christoph Daum hat eine Nase für den Fußball. Eine der besten überhaupt.“

Bei Stefan Hermanns hingegen hat Daum seine Glaubwürdigkeit und Integrität verloren: „Es geht nicht darum, daß Daum Kokain konsumiert hat und auch noch so dumm war, sich anschließend selbst zu überführen. Es geht darum, daß er geglaubt hat, er könne koksen, aber gleichzeitig behaupten, er kokse nicht. Es geht darum, daß Daum sich sogar für klüger gehalten hat als die Wissenschaft; darum, daß er geglaubt hat, er allein könne bestimmen, nach welchen Regeln das Spiel ablaufe. Er hat belogen und betrogen, und was fiel ihm anschließend zu seiner Rechtfertigung ein: Tja, dumm gelaufen. (…) Daum nervt schon wieder, bevor er überhaupt mit seiner Arbeit angefangen hat. Daß er nun dreieinhalb Jahre mit dem 1. FC Köln gestraft ist, ist nur ein schwacher Trost.“

Auch Roland Zorn (FAZ) klagt, daß Daums Rentrée zu laut gewesen sei: „Wo Kollegen ihre neuen Arbeitsstellen zumindest anfangs erst einmal bescheiden, leise und ohne viel Gedöns drum herum antreten, hat Daum den Kölner Karneval am 11.11. persönlich im Hospital eingeläutet. Wer das Hin und Her um seine Unterschrift bei einem Klub verfolgt hat, der einst erstklassig geführt wurde, konnte je nach Humorbandbreite nur noch schmunzeln oder staunen. (…) Daum nach seinem Kokainfehltritt auf Dauer von der Berufsbühne Deutschland zu verbannen, fordern inzwischen nur noch die härtesten Moralwächter. Um so bedauerlicher mutet es an, daß er seinen Wiedereinstieg in den heimischen Profibetrieb zumindest im Vorprogramm schon vermasselt hat. Wer weiß, wie akribisch der Vorarbeiter und Motivator Daum auf dem Trainingsplatz und im Stadion bei seiner Sache sein kann, wundert sich immer wieder über die Kollateralschäden, die dieser allzu geltungssüchtige Mann hinterläßt.“

Neues Drehbuch

Oliver Trust (FAZ) befaßt sich mit dem Höhenflug des Karlsruher SC: „Karlsruhe ist nicht die große weite Welt, es ist gemütlich und überschaubar. Darin, so sagen viele im Klub, liege die große Stärke. Wo andere im Fußballzirkus mit kosmopolitischem Flair hausieren gehen, pflegt man hier Gemeinschaftsgefühl und familiäre Atmosphäre. Im Mai 2005 wäre der KSC fast abgestiegen. Aus Liga zwei. Lange stand nicht fest, wo der Klub landen würde. Der Absturz ins Amateurlager drohte, und die Posse um Reinhold Fanz bestimmte die Schlagzeilen. Der sollte Trainer werden, der Hauptsponsor legte ein Veto ein, und der Klub gab nach. Man hatte übersehen, daß Fanz und der Chef des Sponsors tief zerstritten waren und den Streit gar vor Gericht austrugen. Zoff hatte in Karlsruhe damals fast Tradition. Manche träumten noch von den Hoch-Zeiten im Uefa-Pokal unter Winfried Schäfer, als längst das meiste in Scherben lag. Eifersüchteleien in der Vorstandsetage und ein Klub in Schieflage. Seit rund zwei Jahren ist in Karlsruhe vieles wieder anders geworden. Kein Mitarbeiter der Geschäftsstelle muß mehr Angst haben, seinen Job zu verlieren, weil der Klub sportlich und wirtschaftlich in gefährliche Regionen abdriftet. Im Gegenteil, im neuen Drehbuch des Tabellenführers aus Baden steht der Aufstieg ins Fußballoberhaus.“

Ende des Nachwuchswegs

Marco Carini (taz) kommentiert die Entlassung des Trainers Andreas Bergmann in St. Pauli: „Für sportlichen Mißerfolg muß auch die sportliche Leitung in die Verantwortung genommen werden. Auch Sportdirektor Holger Stanislawski, dem viele Kenner des Vereins eine semiprofessionelle Ausübung seines Amts attestieren. Daß Stanislawski, dessen Aufgabe etwa die Personalplanung des Teams ist, sich bisher der Diskussion um sportliche Mißstände permanent entziehen konnte, zeigt: Er ist ein Medienfuchs. Es zeigt nicht, daß der Verein in alle Richtungen blickt, wenn es darum geht, die sportliche Krise zu analysieren. Mit Bergmanns Entlassung beendet der FC den eingeschlagenen Weg, mit einem Trainer, der vor allem auf Nachwuchs setzt, eine kontinuierliche Entwicklung anzustreben. Nun muß sich Stanislawski beweisen: Als Manager oder als Trainer.“

taz: Die Innenminister wollen mehr Sicherheitsfußball – die Amateur-Oberligen sollen stärker überwacht werden

Bundesliga

Düstere Lage

Gregor Derichs (FAZ) hält den Gladbachern und ihrem Trainer nach dem 0:1 gegen Hannover den Vergleich mit der letzten Saison vor, nach der man Trainer Horst Köppel entlassen hat: „Im Vorjahr lag das Team nach dreizehn Spieltagen mit 20 Punkten, 7 mehr als momentan, auf Platz 6. Gladbach erlebte unter der Regie von Horst Köppel die erste Saison frei von Sorgen nach dem Wiederaufstieg 2001. Doch damals beklagte die Vereinsführung, der Fußball sei nicht schön genug. Am Saisonende mußte Köppel gehen. Sein Nachfolger trat an, um ein Team zu formen, das mit behutsamer Integration der Talente eine attraktive Spielweise pflegen sollte. (…) Hilfreich wäre wahrscheinlich, wenn Jupp Heynckes seine offenbar anhaltend schlechte Laune, über die das Umfeld klagt, beseitigen könnte.“

„Wir haben im Moment keine funktionierende Mannschaft“, zitiert Ulrich Hartmann (SZ) Heynckes und schreibt: „Das läßt die Lage noch düsterer erscheinen.“ Zur Stimmung in beiden Lagern heißt es: „Hannover und Mönchengladbach stehen seit Sonntag punktgleich am Rand der Klippe. Doch die Befindlichkeiten in beiden Klubs unterscheiden sich erheblich. Das liegt daran, daß sie aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Gladbach von oben, Hannover von unten.“

Farbtupfer im Wolfsburger Grau

0:0 in Bielefeld – Richard Leipold (FAZ) sucht nach dem Grund für die Wolfsburger Abwehrstärke und findet ihn im Tor: „Der vielleicht wichtigste Baustein des Augenthalerschen Bollwerks ist der Torwart. Zwischen den Pfosten wird das Phlegma, das ihm sonst nachgesagt wird, zur Ruhe im besten Sinne. Seine auffälligste Stärke brauchte er in Bielefeld nicht einmal zu zeigen. Jentzsch versteht sich darauf, Elfmeter zu halten. Seine Erfolgsquote in dieser Torhüter-Disziplin ist sagenhaft: Von 22 Strafstößen fanden nur 12 den Weg ins Ziel. Das große persönliche Ziel, das er einst ansteuerte, hat Jentzsch aus den Augen verloren. Vor fünf Jahren [gemeint sind wohl sieben, of] hätte der damalige Karlsruher Profi beinahe als dritter Torhüter der Nationalmannschaft am Konföderationenpokal teilgenommen. Doch kurz vor dem Meldeschluß verfügte die Fifa, daß jede Mannschaft nur zwei Torhüter nominieren darf. Danach geriet Jentzsch, der nicht immer so konstant spielte wie in Wolfsburg, allmählich aus dem Blickfeld. Also fügt er sich in die Rolle des soliden Schlußmanns, der ein wenig Farbe in das Wolfsburger Grau tupft.“

Ohne Vision

Markus Lotter (WamS) will einen Riß in der Beziehung der Münchner Vereinsführung zu ihrem Trainer ausgemacht haben: „Es ist einfach zu spüren, daß die Liebe zwischen dem FC Bayern München und seinem Trainer erkaltet ist. Glücklichsein sieht anders aus und hört sich anders an. Und es wird immer unwahrscheinlicher, daß Felix Magath wie Ottmar Hitzfeld bei den Münchnern eine Ära schaffen kann oder sich wenigstens daran versuchen darf. Es gibt einen Verdacht: Er ist nicht mehr der Wunschtrainer des FC Bayern.“ Karl-Heinz Rummenigges Ankündigung, viel Geld in einen einzigen Spieler zu investieren, sei über Magaths Kopf hinweg entschieden worden: „Die Abläufe erinnern an die bei Real Madrid, wo bis zur Ankunft Fabio Capellos der jeweilige Trainer die Personalpolitik des Vorstandes eben mitzutragen und mit ihr klarzukommen hatte. Der Übungsleiter wird zum Erfüllungsgehilfen degradiert – wenn er es zuläßt. Felix Magath macht mit, bewegt sich mit einer Mischung aus Selbstvertrauen, einem Schuß Ohnmacht und einer gehörigen Portion Fatalismus durch die Bayern-Welt. Macht hat er in München nicht. Anders als beim VfB Stuttgart, wo er als Manager und Cheftrainer in Personalunion freie Hand hatte, hat er hier nicht nur drei vor Fachkompetenz strotzende Machtmenschen an seiner Seite, nein, er hat sie mittlerweile über sich.“ Das 1:4 von Mailand sei nicht verkraftet und Magath nicht verziehen worden: „Eingesetzt hat das Mißtrauen vor neun Monaten, als die Bayern vom AC Mailand gedemütigt wurden. Und Hoeneß, der noch am häufigsten die Augen schließt, Rummenigge und Beckenbauer haben seitdem jede Menge Schwachpunkte ausgemacht. Ihnen mißfällt, daß Magath viele Dinge einfach laufen läßt, nur Erklärungen von sich gibt und keine Visionen. Sie fürchten, daß er für die Entwicklung einer jungen Spielergeneration nicht der geeignete Mann ist. Und sie vermissen eine Handschrift des Trainers mit internationalem Wiedererkennungswert.“

stern.de: Schalke – aus Sauhaufen wird Spitzenreiter

Trend oder Zustand?

Nachtrag von letzter Woche: Christian Zaschke (SZ) treibt Empirie und geht dem erstaunlichen Befund nach, daß Auswärtssiege in den letzten Jahren (nicht nur) in Deutschland in Mode gekommen sind, besonders in dieser Saison: „Seit der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 gab es lediglich acht Fälle, in denen eine Mannschaft am Ende der Saison mehr Auswärts- als Heimpunkte gesammelt hatte; fünf dieser Fälle datieren aus diesem Jahrtausend. Die Frage ist, ob es sich um eine statistische Anomalie handelt. Vieles deutet jedoch darauf hin, daß ein Trend vorliegt. (…) Im Fußball kommen derzeit mehrere Faktoren zusammen: Erstens: defensive Ausrichtung. Zweitens: Unfähigkeit, diese zu überwinden, auch, weil Individualismus abtrainiert wird. Drittens: Druck durchs unruhige Heimpublikum – das zudem in den letzten zwanzig Jahren ein anderes geworden ist und häufig mit der Erwartungshaltung eines Theaterpublikums ins Stadion kommt (es hat gezahlt, nun soll etwas geboten werden). Zu fragen wäre auch, ob in den neuen Arenen mit den Sponsorennamen eine zunehmende Entfremdung stattfindet, also nicht der Fan sein Team in der Heimat unterstützt, sondern das Publikum der Mannschaft in der Arena zusieht.“ Zaschkes vorsichtiges Fazit: „Einstweilen ist die Heimschwäche eine Auffälligkeit, ein Trend. Es ist zu früh, sie einen Zustand zu nennen.“

Montag, 20. November 2006

Unterhaus

Die Not in Köln ist groß

Daum sagt jetzt doch Ja zu Köln; Frank Nägele (Kölner Stadt-Anzeiger) verbindet Hoffnung mit dieser Entscheidung, muß aber dreimal schlucken in Anbetracht der Macht, die der Klub seinem neuen Trainer einräumt: „Das Chaos dieser Hin-und-Her-Verpflichtung ändert nichts daran, daß sich alle Instanzen des Vereins in vier Buchstaben verwandelt haben: D A U M. Der Blankoscheck für alles war die Bedingung dafür, daß der Mann mit dem Champions-League-Anspruch sich in die Ödnis der Zweiten Bundesliga begeben hat. Daum kann Spieler verpflichten wie noch kein Trainer vor ihm. Damit stellt der Verein seine Philosophie des vernünftig wirtschaftenden Vereins ohne funktionierende Profi-Mannschaft auf den Kopf. Ab sofort darf der Erfolg fast alles kosten. Daum ist in Personalunion Superstar, Sportmanager, Trainer, Steuermann und auch Unternehmensberater. Wenn er glaubt, daß Personen dem Erfolg im Weg stehen, werden diese Personen gehen müssen. In dieser Multifunktion kann tatsächlich eine Chance liegen, denn Daum hat bei allen seinen Stationen bewiesen, daß er kompromißlos die Voraussetzung für Erfolg schaffen kann. Allerdings hat der Verein mit seiner Gewaltaktion alle Sicherungen herausgeschraubt und alle Netze weggerissen. Es gibt nur noch ein denkbares Szenario: Daum führt den 1. FC Köln zurück in die Bundesliga und etabliert ihn dort als ernst zu nehmenden Verein mit Perspektive. Etwas anderes darf nicht geschehen.“

Ja und Nein, das kann das gleich sein – Jörg Strohschein (Tsp) versucht, schlau zu werden: „Hat Daum auf ein besseres Angebot gewartet und deshalb zunächst abgesagt und nun zur Notlösung gegriffen? Und welchen Zweck hatte die Pressekonferenz in einem Kölner Krankenhaus, die zu nichts außer Verwirrung bei allen Beteiligten führte? Daß ein Traditionsklub dieses Verhalten ihres Wunschkandidaten toleriert, zeigt, wie hilflos die handelnden Personen sind. Köln muß aufsteigen – dafür nimmt die Vereinsführung sogar jede Daumsche Vorführung in Kauf. Die Not in Köln ist sehr groß. Wie groß ist sie bei Daum?“

SZ: Die Kölner Krankheit – der nächste Sinneswandel: Christoph Daum wird nun doch Trainer
BLZ: Daum wird nun doch Trainer des 1. FC Köln
Tsp: Nein! Nein! Moment mal … Ja!

Bundesliga

Reden ist Blech, Schweigen ist Gold

Der 14. Spieltag im Pressespiegel: Schalke schweigt und siegt, die Beobachter müssen draus schlau werden / Bayern findet gegen Stuttgart zurück zu alter Dominanz / Ist Werder das Lob zu Kopf gestiegen? / Hamburg tritt auf der Stelle / Dortmund kann zuhause nicht gewinnen u.v.m.

Schalke schweigt und siegt – Roland Zorn (FAZ) kann bei dieser Mischung nichts vermissen: „Ihre Siege sprechen für sich und ihr Tabellenplatz auch. Schalke 04 ist zur Zeit Erster – da findet so mancher kaum noch die passenden Worte, zumal sich die Spieler seit mehr als zwei Wochen wie eine Trappisten-Bruderschaft geben. Das gesammelte Schalker Schweigen löste das Dauertheater-Getöse um den kultigen Revierklub ab und bestätigte nebenbei die alte These, daß in der Ruhe die Kraft liege. Fußballprofis nach getaner Qualitätsarbeit mal nicht schwadronieren, banalisieren oder lamentieren zu hören, empfindet mancher zur Abwechslung sogar als Wohltat. Was zuletzt zu sehen war bei den Schalkern, wirkte ohnehin authentischer und glaubwürdiger als so manches, was auf seiten der Spieler, des Trainers oder Managers zu hören war. Nichts geht über die pure Klarheit des Spiels, das mehr über die Verfassung eines Teams aussagt als jedes noch so plump oder geschickt angelegte Ränkespiel in der Kulisse. Reden ist Blech, Schweigen ist Gold.“

Katrin Weber-Klüver (FTD) weiß aber auch nicht, ob sie den Erkenntnissen, die sie daraus zieht, trauen soll: „Wenn Sie wissen wollen, was eine ziemlich sichere Sache ist, um im Fußball Erfolg zu haben: Betrachten Sie Schalke 04! Nicht Boltersdorf, nicht die ‚totale Dominanz‘ und definitiv nicht Kommunikation. Ganz im Gegenteil: Seit Schalkes Spieler mit niemandem mehr reden, läuft’s auf dem Platz wie von selbst. Direkt nach Abschaffung des Motivationstrainers haben sie jetzt die Tabellenführung übernommen. Das sagt doch alles. Zur Beruhigung aber all jener, die noch sprechen und an professionelle Motivationshilfen glauben: Auch da könnte was dran sein, denn von allem, was im Fußball stimmt, ist meist auch das Gegenteil wahr.“

Philipp Selldorf (SZ) relativiert die alten Schlagzeilen über die angeblich zerstrittenen Schalker, aber auch die Behauptungen, es sei alles immer in bester Ordnung gewesen: „Man muß wirklich kein Spielverderber sein, um dem Schalker Glück noch zu mißtrauen. Zu tief ließen die Unstimmigkeiten in den schweren Wochen blicken, als daß nun plötzlich alles zum Besten stehen kann. Andererseits ist die kleine Erfolgsbilanz aber auch der Beweis, daß die aggressive Berichterstattung über das Klubleben eher Ausdruck einer extrem aufgeregten Wahrnehmung war als eine sachgemäße Darstellung. Dazu kam eine manchmal schon an Agitation grenzende Auseinandersetzung mit Trainer Slomka, der als Bundesligaanfänger einer Menge Argwohn ausgesetzt ist. Sowohl durch die Medien wie durch das Publikum. Daß die Schalker Spieler durch ihr unkalkulierbares Verhalten auf und neben dem Platz den Eindruck schwer erziehbarer Kinder hinterließen, fiel allerdings auch auf den Trainer zurück. Diese kritische Phase hat Slomka mit festem Willen durchgestanden. Seine taktischen Erwägungen qualifizieren ihn als Fachmann. Doch der größte Streß steht ihm jetzt erst bevor: Die Tabellenführung im Heimspiel gegen Bochum zu verteidigen.“

NZZ: Allgemeine Verwunderung über die Tabellenführung von Schalke
BLZ: Cottbus fühlt sich erneut vom Schiedsrichter betrogen und läßt erstmals Angst vor dem Abstieg erkennen

Rückkehr der Siegermentalität

Der 2:1-Sieg der Bayern gegen Stuttgart belege die nach wie vor vorhandene Fähigkeit zur Dominanz – Elisabeth Schlammerl (FAZ): „Es ist offensichtlich: Beim FC Bayern kehrt langsam wieder Normalität ein. Das Selbstvertrauen scheint zurück, der Glaube an die eigene Stärke ebenfalls – und die Gegner haben wieder Respekt vor dem Rekordmeister. Der VfB, immerhin als Tabellenführer nach München gekommen und mit der Referenz einer erstaunlichen Erfolgsserie, lobte die Münchner nach der ersten Auswärtsniederlage in den höchsten Tönen. Von der ersten Minute an war bei den Münchnern jene Siegermentalität zu spüren, die ihnen noch vor ein paar Wochen gefehlt hatte. Zum zweiten Mal nacheinander hat die Mannschaft nach einem Rückstand die Partie noch gedreht, und das erinnert doch sehr an den FC Bayern in seinen besten Zeiten. Es ist aber auch typisch für den Meister, daß er sich mit einer knappen Führung begnügte. (…) Wieder einmal hat sich der FC Bayern innerhalb von nur wenigen Tagen von einem Krisenklub zurück zum Titelanwärter gewandelt.“

Frische Kräfte braucht Werder

2:2 in Aachen – Ulrich Hartmann (SZ) vermutet, daß Bremen zu viel gelobt worden sei: „Der Zauberfußball ist den Bremern ein bißchen zu Kopf gestiegen, hinzu kamen die Belastungen durch Champions League und Länderspiel. Nun droht ihnen einen Monat vor der Winterpause die Luft auszugehen. Das ist in dieser Phase gefährlich. In den letzten Wochen eines ereignisreichen Jahres drohen sie das Achtelfinale in der Champions League und eine glänzende Position in der tabellarisch dichten Bundesliga zu verspielen. Zur Wiederholung früherer Spitzenleistungen kommt das Heimspiel gegen Chelsea womöglich genau richtig.“ Sven Winterschladen (Kölner Stadt-Anzeiger) macht sich hingegen Sorgen über Werders Chancen: „Die Bremer Leistung war vor allem in der ersten Halbzeit so enttäuschend, dass den Verantwortlichen vor dem wichtigen Spiel gegen den FC Chelsea angst und bange werden könnte.“

Zorn fügt hinzu: „20.800 Zuschauer waren von so viel Hin und Her, so viel Rasanz und so viel Klasse, vor allem der Alemannia, hellauf begeistert. Bei Werder aber muß sich bis Mittwoch einiges ändern, wollen die Bremer gegen den FC Chelsea bestehen. Wie soll das gehen? Frische Kräfte braucht das Team, das durch den Oktober tanzte, als gäbe es kein Halten mehr für die allzeit angriffslustige grünweiße Spielschar. Inzwischen ist November, und der noch vor kurzem beschwingt daherkommende Liebling Werder trägt auffällig schwer an sich. Das Remis beim forschen Klassenneuling erkämpften sich die Norddeutschen eher mit mühsamer Hingabe denn mit dem Genius eines Möchtegern-Klassenprimus.“

Bernd Müllender (FR) rüffelt Markus Merk: „Der Titelaspirant hatte neben dem typischen Lässigkeitsvirus auch der tatenlosen Mithilfe des auffälligen Schiedsrichters bedurft. Merk hatte ein Foul von Miroslav Klose beim Ausgleich übersehen und auch Naldos Strafraumfoul an Aachens Wirbelwind Jan Schlaudraff kurz vor der Pause nicht geahndet. Im Gegenzug pfiff er einen ebenso klaren Sichone-Schubser gegen Borowski auch nicht, weshalb man in diesem Fall durchaus von ausgleichender Ungerechtigkeit sprechen kann. Komisch: Merk, ehemals der Weltbeste seiner Zunft, scheint seit seinem Versagen im WM-Spiel Ghana–USA an einem Elfmetertrauma zu leiden. Schon mehrfach übersah er in dieser Saison Strafraumfouls. Wenn es drauf ankommt, bleibt er stumm. Er ist vielleicht der einzige Referee, der ein Spiel ganz ohne Pfiffe zu lieben scheint. Merk war der einzige Verlierer des tollen Nachmittags.“

Ungerechtes Schicksal

0:0 – Michael Eder (FAZ) gesteht den Mainzern „kämpferischen Aufschwung“ zu, von den Hamburgern würde er jedoch gerne mehr erwarten: „Ein kleiner Schritt nach vorn für die leidgeprüften Rheinhessen, die dennoch wie festgefroren auf einem Abstiegsplatz stehen. Bei Doll und dem Hamburger SV hingegen sorgte der Auftritt für die wöchentlich immer wieder aktualisierte Enttäuschung und Ernüchterung. Am Ende der immer ausgegebenen Durchhalteparolen steht samstags zuverlässig eine Leistung, die jeder Beschreibung und vor allem dem Anspruch des HSV spottet, im Grunde eine Klassemannschaft zu sein, die ein böses, ungerechtes Schicksal in die Niederungen der Bundesliga verschlagen habe.“

Charme von Zahnarztbesuchen

Freddie Röckenhaus (SZ) stellt den Dortmundern nach dem 1:2 gegen Berlin ein schlechtes Zeugnis aus und erneuert seine Kritik am Trainer: „Dortmund fehlt derzeit fast alles, was man braucht, um Gegner auszuspielen: einstudierte Laufwege, geschickte Raumaufteilung, Ballsicherheit, Durchsetzungswille, Mut. Dazu kommt eine zum Teil erstaunlich naive Defensivarbeit. Während Trainer van Marwijk am Donnerstag noch einigen Journalisten im Hochgefühl des 3:1 in Bremen gönnerhaft erläutert hatte, wie seine Taktik zwischen 4-4-2 und 4-3-3 unwiderstehlich changiere, konnte man gegen Berlin erneut nur taktische Armut besichtigen. (…) Doch offenbar fehlt die Alternative zu van Marwijk. Wunschtrainer Thomas von Heesen ist in Bielefeld bis Saisonende gebunden. Ihn mit einer Ablösesumme schon zum Winter loszueisen, dazu scheint der Leidensdruck noch nicht groß genug zu sein.“ Richard Leipold (FAZ) stöhnt: „Für die Fans der Dortmunder Borussia bekommen Heimspiele allmählich den Charme von Zahnarztbesuchen.“

BLZ: In Dortmund harmonieren junge und alte Spieler von Hertha BSC besser als je zuvor

Ohne Not aus der Hand gegeben

Ralf Weitbrecht (FAZ) läßt sich die Leistung der Frankfurter beim 3:4 in Bochum nicht gefallen: „Statt nach den beiden frühen Toren Treffer Nummer drei folgen zu lassen, glaubten die Hessen, die vermeintlich sichere Führung verwalten und über die Zeit bringen zu können. Den Lohn für derartige Schusseligkeit haben die Frankfurter erhalten. Sie haben ein Spiel, das man nicht verlieren konnte, nicht verlieren durfte, ohne Not aus der Hand gegeben.“

Ungewollte Rückkehr vermieden

Jürgen Höpfl (FAZ) notiert Nürnberger Erleichterung über den 3:2-Sieg gegen Leverkusen: „Wieder nicht zu gewinnen, das hätte für den bis zur Meyer-Ära traditionell abstiegsbedrohten 1. FC Nürnberg die ungewollte Rückkehr in jene Tabellenregion bedeutet, der er entkommen zu sein geglaubt hatte.“

Sonntag, 19. November 2006

Ball und Buchstabe

Der, mit dem etwas aus der Welt schwindet

Stimmen aus der Presse zum Tod von Ferenc Puskás

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy schreibt in Welt am Sonntag: „Das große und vollständige Leben eines großen Menschen ist zu Ende gegangen. Auch sein Leiden hat ein Ende. Die Ungarn betrachten sich gern als ewige Verlierer, als Opfer, als die Leidtragenden der Geschichte; einmal überfallen die Türken unser verwaistes Land, ein anderes Mal die Kommunisten, und wieder ein anderes Mal lässt uns der Westen im Stich. Im Grunde genommen gibt es nur zwei Ausnahmen, König Mathias Corvinus (15. Jahrhundert) und Ferenc Puskas. Er war für uns Ungarn wie der Garant einer Parallelwelt, in der Gerechtigkeit herrscht, wo bei Abseits gepfiffen wird und uns alle offensichtlichen Elfmeter gegeben werden; er war wie der jüngste Königssohn im Märchen, dem – an unserer Statt – alles gelingt. (Fast alles, dieses ‚fast‘ aber, wie er sich aus der unergründlichen Tiefe des Entscheidungsspiels 1954 wieder in höchste Höhen erhob, das macht diese Größe nicht nur größer, sondern auch wahrhaftiger.) Dadurch, daß man in Ungarn nach 1956 kaum von ihm sprechen durfte (ein wenig in der Art, wie man auch von der 1956-er Revolution nicht sprechen durfte), dadurch war er uns zugleich sehr nahe und sehr fern. Wie es eben einer Legende geziemt. Schon im Leben hatte er etwas Wundersames an sich, etwas Überirdisches, wie gesagt, eine märchenhafte Größe, der in wundersamer Weise wir alle und das ganze Land teilhaftig wurden. So konnte er mehr sein als ein ausgezeichneter Fußballspieler, so konnte er ein Symbol werden. Auch deshalb schrieb ich oft über ihn, oft und gern, und den Moment, in dem ich ihn persönlich kennen lernen durfte, zähle ich ohne jegliche literarische oder anekdotische Übertreibung zu den großen Momenten meines Lebens. Gleichwohl würde ich diesen Augenblick kaum wahrhaftig nennen. Puskas ist also der, mit dem etwas aus der Welt schwindet, anders wird, sich verändert, nicht mehr so ist wie vordem, und auch nie wieder so sein wird.“

Der ungarische Schriftsteller Péter Zilahy (FAZ) schildert die Bedeutung Puskás‘ für das Volk Ungarns: „1954 waren wir die größe Macht auf der Welt, trotzdem haben wir verloren. 1956 waren wir die kleinste Macht der Welt, trotzdem haben wir gewonnen. Es geht um einen einzigen Zug. Wir haben die Sowjetunion ausgedribbelt, die ganze Welt hat es gesehen und wollte ihren Augen nicht trauen, das ganze Stadion jubelte sozusagen. In dem Augenblick war das Land eine Mannschaft, und das kam selten vor in unserer Geschichte. Dazu brauchte es natürlich auch den Gegner (der nicht größer hätte sein können), und den Blick des Amateurs. Auch auf Panzer loszurennen entsprach nicht ganz den Spielregeln, auch damit hat niemand gerechnet. Viele wissen nur wegen dieses Dribblings, daß es dieses kleine Land gibt. Viele wissen nur dank Puskás, daß Ungarn auf der Welt leben.“

Javier Cáceres (SZ) erinnert an 54: „Nur der Weltmeistertitel widerstand ihm, Ungarn verlor das Finale von Bern 3:2 gegen Deutschland. Wobei nicht unwesentlich war, daß ihn Werner Liebrich beim Erstrundensieg Ungarns (8:3) so schwer verletzt hatte, daß Puskas im Finale nur mit halber Kraft spielte. Er erzielte dennoch ein Tor; der Treffer, der den 3:3-Ausgleich bedeutet hätte, wurde wegen einer wohl irrigen Abseitsentscheidung aberkannt. Zudem war Puskas stets davon überzeugt, daß die Deutschen ihr Wunder mit Doping bewirkt hätten; den Vorwurf nahm er später, halbherzig, zurück. Als Real 1959 das Europapokalfinale in Stuttgart gegen Stade Reims gewann, fehlte Puskas. Madrids Präsident Santiago Bernabéu soll gefürchtet haben, die Deutschen könnten sich durch Puskas provoziert fühlen. (…) Zuletzt zerriß sein Anblick die Seelen derer, mit denen er die größten Freuden geteilt hatte. Als Alfredo Di Stéfano gewahr wurde, daß Puskas, sein Partner bei Real Madrid, nicht nur die Kraftausdrücke vergessen hatte, mit denen er sein putziges Spanisch garnierte, sondern ihn auch nicht mehr erkannte, schloß er sich weinend im Hotelzimmer ein.“

NZZ: Zu Recht gilt Puskás als einer von einem halben Dutzend herausragenden Spielern des 20. Jahrhunderts
FAZ: Ferenc Puskás gestorben – die Ungarn trugen ihn auf Händen
SpOn: Jahrzehnte lebte er im spanischen Exil, die Verehrung seiner ungarischen Landsleute war dennoch grenzenlos und Liebrichs Attentate auf Puskas
FR: Der ungarische Schriftsteller Györgi Dalos zum Tode Puskas‘
taz-Interview mit Ottmar Walter

Samstag, 18. November 2006

Bundesliga

Aktuelle Links

SZ: Er kam als Notlösung nach Stuttgart. Lange galt er als Wackelkandidat, nun steht Armin Veh mit seiner Mannschaft an der Spitze der Tabelle. Ein Wunder? Mitnichten.

BLZ: Ilja Kaenzig, der Geschrumpfte

FAZ: Jürgen Klopps schwere Lage in Mainz
SZ: Klopp und Mainz – das paßt
FR: Klopp, Sonnyboy und manischer Arbeiter

FR: Thomas Doll, ein echter Kerl

BLZ: Nach acht Monaten Verletzungspause kehrt Sebastian Deisler in den Kader des FC Bayern zurück
FAZ: Deisler will sein „letztes Comeback“

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