Donnerstag, 8. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Wandlung
Michael Horeni (FAZ) stimmt uns auf die nächsten vier Wochen ein: „Wenn nicht alles trügt, dann erwartet Deutschland in diesem Sommer eine wundersame Wandlung. Der Rohstoff Fußball hat das Zeug dazu, die schwer aus der Reserve zu lockenden Deutschen zu einer fröhlichen Fußball-Erregungsgemeinschaft zu machen. Die Bedenkenträger im öffentlichen Diskurs geraten auf der Zielgeraden zur WM jedenfalls überall in die Defensive. (…) Weltmeister? Das ist für Millionen ein schöner Sommertraum, keine einklagbare Erwartung. Nicht zuletzt aus diesem Grund dürfte es schwer werden, auf Straßen und Plätzen der guten Laune zu entkommen. Die Deutschen, die sich mit Fanartikeln wie nie zuvor für den Spaß an der Weltmeisterschaft hochgerüstet haben, scheinen wild entschlossen, sich ein paar Wochen Urlaub vom Alltag zu verschreiben. Wer das für eine unglaubliche Infantilisierung der Gesellschaft hält, liegt vielleicht gar nicht falsch. Aber es hat schon schlimmere Gemütszustände zwischen Nordsee und Alpen gegeben. Man darf alles in den nächsten Wochen ein bißchen entspannter und spielerischer sehen. Die nächste großkoalitionäre Arbeitsmarktreformdiskussion kommt bestimmt. Aber erst einmal muß Ballacks Wade heilen.“
Der Fußball in den USA hat eine unglaubliche Entwicklung gemacht
Ein sehr schönes Interview mit Kasey Keller, dem Torhüter der USA (Christoph Biermann, SZ)
SZ: Wie unterscheiden sich amerikanische Fußballprofis von ihren europäischen Kollegen?
Keller: Sicher dadurch, dass es in den USA keine zweite oder dritte Liga als Unterbau gibt, sondern Universitätsmannschaften. Deshalb haben die meisten Spieler zumindest ein wenig studiert.
SZ: Haben Sie Ihr Studium beendet?
Keller: Nein, aber zum Abschluss in Soziologie fehlt mir nur noch ein Semester. Im Studium habe ich einen Aufsatz über „Untreue bei Profisportlern“ geschrieben, und da konnte ich wunderbar mit meinen Kollegen in Nachtklubs recherchieren.
SZ: Das Interesse an Soziologie dürfte auch bei Ihrem ersten europäischen Klub befriedigt worden sein, dem für gewalttätige Fans bekannten FC Millwall.
Keller: Oh ja, da konnte ich gut asoziales Verhalten untersuchen. Zugleich waren die Fans aber unglaublich freundlich und warmherzig, auch zu meiner Frau oder wenn amerikanische Freunde zu Besuch kamen. Allerdings hatte das mitunter seltsame Formen. In meiner ersten Saison waren wir zu Weihnachten Tabellenführer und sind doch noch abgestiegen. Nach dem letzten Spiel in Ipswich sind einige Fans zu meiner Frau gekommen und haben gesagt: „Mrs. Keller, es ist wohl besser, wenn Sie jetzt gehen.“ Dann wurde sie von ihnen herausgeführt, und die Jungs sind wieder rein, um das Stadion zu zerlegen. Wir kannten auch einen Fan gut, der Familienvater und wahnsinnig nett zu uns war. Allerdings war er im Gefängnis gewesen, weil er bei einer Schlägerei einen gegnerischen Fan angezündet hatte.
SZ: Gab es im amerikanischem Sport etwas, das Sie darauf vorbereitet hat?
Keller: Absolut nicht, und ich habe bis heute nicht verstanden, warum man sich ein Fußballtrikot anzieht und sich gegenseitig vermöbelt.
SZ: Verstehen Sie Menschen, die Trikots anziehen, während eines Spiels singen und bei Niederlagen todtraurig sind?
Keller: Ja, und deshalb gefällt es mir in Mönchengladbach so gut. Ich habe in vier Ländern in einem halben Dutzend unterschiedlicher Vereine gespielt, aber nur bei der Borussia habe ich eine Intensität wie bei Millwall erlebt – glücklicher Weise ohne die Gewalt.
SZ: Warum gibt es im amerikanischen Sport keine Fankurven?
Keller: Es hat mit den Sportarten selbst zu tun. Im Baseball oder American Football gibt es nämlich immer nur kurze Abschnitte von zehn Sekunden, in denen etwas passiert. Danach kann man wieder essen oder quatschen, also ist die Aufmerksamkeit nie länger am Stück auf das jeweilige Match konzentriert.
SZ: Hat das Rückwirkungen aufs Publikum beim Fußball?
Keller: Oh ja, die meiste Zeit geht es relativ ruhig zu. Wenn ein Tor fällt, schreien alle, aber danach ist es wieder ruhig. Vor fünfzehn Jahren, als Fußball vielen Zuschauern noch weniger geläufig war, fiel das noch mehr auf.
SZ: Sind die US-Fußballer demnach ein Team ohne echte Fans?
Keller: Nein, das wäre übertrieben. Man muss auch wissen, dass sich Fans in den USA sowieso nicht nur für eine Sportart interessieren, weil sich die Saison in Baseball und American Football nicht überschneidet. Es gibt schon sehr viel Interesse an uns.
SZ: Was hat sich in den sechzehn Jahren verändert, in denen Sie nun der Nationaltorhüter der US-Fußballer sind?
Keller: Der Fußball hat eine unglaubliche Entwicklung gemacht. Vor der WM 1990 haben wir mit dem US-Team in Stadien gespielt, die nur 5.000 Plätze hatten, um wenigstens etwas Atmosphäre zu schaffen. Heute wären wir ausgesprochen enttäuscht, wenn zu einem interessanten Qualifikationsspiel nicht mindestens 40.000 Zuschauer kämen.
SZ: Von denen die Hälfte Guatemalteken oder Puerto Ricaner sind.
Keller: Wir müssen die Spielorte schon sorgfältig aussuchen. Los Angeles ist die zweitgrößte Stadt Mexikos, von Honduras oder El Salvador. New York dürfte sogar die zweitgrößte Stadt von gut 30 Ländern sein. Wo immer wir unsere Heimspiele austragen, werden wir also einen Teil des Publikums gegen uns haben. So wie es in Deutschland bei Spielen gegen die Türkei ist. Aber inzwischen gibt es dabei ein Crossover. Wenn wir etwa gegen El Salvador spielen, unterstützt ein Viertel der salvadorianischen Zuschauer die Gastmannschaft. Aber die 10.000 Mexikaner im Stadion drücken uns die Daumen, weil sie uns als ernst zu nehmendes Fußballland akzeptieren. (…)
SZ: Ist es wirklich ein Nachteil, Fußballprofi mit amerikanischem Pass zu sein?
Keller: Vielleicht ist Nachteil zu hart ausgedrückt. Aber besser wäre es schon, Holländer zu sein. Giovanni van Bronckhorst ist ein Musterbeispiel. Er wechselte von den Glasgow Rangers zu Arsenal, fiel dort durch und wechselte wohin? Zum FC Barcelona. Dafür muss man wohl Holländer sein, als Amerikaner wäre man umgehend zu DC United geschickt worden.
Stetig und sachte vorangekommen
Anne Scheppen (FAZ) teilt mit, daß in Südkorea und Japan, den WM-Gastgebern von 2002, ein harter Kern an Fußballbegeisterten geblieben sei: „Das Fußballfest im eigenen Land bescherte Korea mehr Stadien, als es brauchte. Das auf der südlichen Insel Jeju fand erst dieses Jahr eine professionelle Heimmannschaft. In der Provinz hat der Fußball noch keine tiefen Wurzeln geschlagen. Die Zuschauerzahlen der K-League sanken, und die Mitglieder der Roten Teufel nahmen von 2.000.000 auf 350.000 ab. Die Legionäre Park Ji-sung oder Ahn Jung-hwan halfen höchstens den Fernsehsendern, die Spiele aus England oder Deutschland übertrugen. Was zählt, ist die Nationalmannschaft und ihre Stars. Südkoreas Nationalmannschaft hat sich nicht gerade bravourös für Deutschland qualifiziert: Zwei Trainer wurden verschlissen, nach hektischer Suche Dick Advocaat acht Monate vor dem Turnier verpflichtet. Die wahren Fans dürfte das jedoch nicht schrecken. Sie müssen wegen des Zeitunterschieds ohnehin schon reichlich Durchhaltevermögen beweisen: zwei Gruppenspiele, Anpfiff vier Uhr morgens Ortszeit. Arbeitgeber signalisieren schon wohlwollende Nachsicht. Studenten überredeten ihre Professoren, die Prüfungen vor Turnierbeginn abzuschließen, und das Militär paßte den Termin für eine Reserveübung dem Spielplan der Gruppe G an. Korea ist bereit – von Skeptikern, die anmerken, daß die Nationalmannschaft in fünf auswärtigen Weltmeisterschaften kein einziges Spiel gewinnen konnte, will man nichts mehr wissen. Der zweite Gastgeber von 2002 entsandte seine Mannschaft unter weniger emotionalem Erfolgsdruck nach Deutschland. Japan kommt als amtierender Asienmeister, der – im Stadtbild der Hauptstadt oder im Ton der Medien – die nahende WM weit gelassener honoriert als der nahe Nachbar. Gleichwohl ist der Fußball auf dem Archipel in den vergangenen vier Jahren stetig und sachte vorangekommen. Vor allem auf dem Land bieten zahlreiche neue Spielgemeinschaften und Schulmannschaften den großen Klubs ein ergiebigeres Talentreservoir. Nippons zehn WM-Stadien werden, trotz vieler pessimistischer Voraussagen, effektiv genutzt, teilweise mit respektablen finanziellen Überschüssen. Zur professionellen J-League kommen durchschnittlich fast 20.000 Zuschauer – zwei Jahre vor der WM im eigenen Land waren es gerade mal 11.000. Und gemessen an den Werbeeinnahmen der Spieler, dürfte Nippons Nationalteam inzwischen eines der erfolgreichsten der Welt sein. Nach vielen Jahren in Japan beherrscht Trainer Zico schon perfekt die japanische Tugend des vorsichtigen Understatements. Doch es waren andere, die den größten Druck von Nakata, Oguro & Co. genommen haben. Im März wurde Japan bereits Weltmeister – in seiner ersten Sportart Baseball.“
NZZ: Optimismus in England
taz: Der kanadische Bajuware Owen Hargreaves hat einen schweren Stand bei seinen englischen Teamkollegen. Dafür teilt er mit Trainer Eriksson, vermutet der Boulevard, ein schmutziges Geheimnis
Möchte wer tauschen?
Das Feuilleton der FAZ irrt durch die Stadt auf der Suche nach einem Panini-Album: „Wahrscheinlich haben sich auch bei den Alben skrupellose Fifa-Pfeffersäcke ihre Pfründe gesichert und so der Basis den Nachschub abgeschnitten. Für die Korruptionsthese spricht, neben Sepp Blatter, daß man in Frankfurter Broker-Bars schon Anzugträger beim Bildertausch im großen Maßstab beobachten konnte, als handelte es sich um Aktienoptionen. Oder daß der nordrhein-westfälische Bauminister gerade unter Beschuß steht, weil er während einer Landtagsdebatte über Hartz IV Panini-Bildchen einklebte – angeblich im Auftrag seines Sohnes. Offenbar hat sich längst eine Parallelwährung, ja eine Schattenwirtschaft entwickelt, in die allerhöchste Kreise verstrickt sind. Doch nehmen wir’s als gutes Omen, daß man mit der richtigen Einstellung auch gegen die Großen ‚ein Näschen vorn‘ (Klinsmann) sein kann: Ausgerechnet im profanen Supermarkt finden wir noch zwei Hefte! Die werden gleich beide gekauft. Erstens, weil man ja sonst nicht tauschen kann, und zweitens, weil die anscheinend auch unbeklebt Gold wert sind. Gleich in den ersten Tütchen finden sich: Michael Ballack, Ronaldinho und – der Cup, Objekt aller Tauschbegierden und, so die pausenhofgeschulte Tochter, ein höchst rares Exemplar. Dazu aber auch Owomoyela und Kuranyi. Möchte wer tauschen?“
taz: Die Polizei bereitet sich auf den Besuch gewaltbereiter Hooligans vor. Zwar sind viele bereits erfasst und werden beobachtet – dass es zu Gewalt kommen wird, gilt dennoch als sicher
FAS: Sportwissenschaft – gut zu wissen: Es gibt einen Heimvorteil
FR-Interview mit dem Sportpsychologen Bernd Strauß über den Heimvorteil
taz: Hormonexperte Bidlingmaier über Doping im Fußball, den ersten Epo-Fall auf dem Rasen und kleinwüchsige Spieler
Am Grünen Tisch
Unternehmenspolitische Bankrotterklärung
Klaus Ott (SZ) führt die Kritik am VIP-Ticketing der Fifa fort: „Das Desaster lässt sich nicht länger kaschieren. Fast jedes neunte Billett sollte zu Höchstpreisen als VIP-Ticket zahlungskräftige Abnehmer aus Industrie und Wirtschaft finden. Die von der Fifa beauftragte Agentur ist freilich auf vielen Karten sitzen geblieben, nun sind sie zu Schleuderpreisen erhältlich. Das kommt einer unternehmenspolitischen Bankrotterklärung der Fifa gleich. Blatter hat die falsche Strategie gewählt, er hat den Markt für die Ware Fußball überschätzt. Das hindert die Fifa nicht daran, sich bei der nächsten WM wieder alleine um die Tickets zu kümmern; anders als jetzt in Deutschland, wo das nationale Organisationskomitee den größeren Teil der Karten verwaltet. 2010 in Südafrika könnte es noch schlimmer kommen.“
SZ: Auch Lieferschwierigkeiten führen dazu, dass teure VIP-Tickets an den Stadionkassen abgeholt werden müssen
Zeremonienmeister
Roland Zorn (FAZ) beschreibt den gewinnsuchenden Auftritt Joseph Blatters beim gestrigen Fifa-Kongreß: „Vergessen die Querelen um die Absage der WM-Gala, um das Ticketing oder um das Rederecht bei der Eröffnungsfeier. Am Tag vor dem Arbeitsteil dieses Kongresses ohne Wahlen gab sich Blatter so, wie er in die Fifa-Geschichte eingehen möchte: als der große Neuerer und Veränderer. Der Walliser, der eine Sehnsucht danach zu haben scheint, irgendwann für den Friedensnobelpreis nominiert zu werden, hatte am Abend vor dem Kongreß zumindest seine Qualität als Weltnetzwerker aufs neue bewiesen. Gemeinsam mit UN-Generalsekretär Kofi Annan rief Blatter dazu auf, mit der WM ein bißchen Frieden zu stiften. ‚Nutzen wir die Magie des Fußballs für unser Engagement für Entwicklung und Frieden‘, hieß es in dem Genfer Manifest. Mit solchen Leitmotiven als Vorgabe geht Blatter ein Jahr vor seiner wahrscheinlichen Wiederwahl in einen Kongreß, der anders als 1998, als er zum Nachfolger von João Havelange gekürt wurde, und 2002 nicht von Macht- und Wahlkämpfen, auch nicht von Korruptions- oder Mißwirtschaftsverdächtigungen überlagert sein wird. Deshalb konnte der Schweizer wieder einmal seiner Zweitleidenschaft als Showman und Zeremonienmeister frönen. So zeichnete er verdiente Mitstreiter, Widersacher und Fußballfreunde aus.“ Jens Weinreich (BLZ) ergänzt mit spitzer Zunge: „Ob Blatter selbst einen Orden bekommt, ist allerdings offen. Das Bundespräsidialamt prüft derzeit noch, ob ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen werden soll. Das Bundesinnenministerium würde Blatter gern ehren, ist aber unsicher wegen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in der Schweiz zum Konkurs der Marketingfirma ISL/ISMM, die auch die Bestechung von Sportfunktionären betreffen. So kulminierten die sakralen Feierstunden in München in einer Homage an den noch immer kreglen Fifa-Ehrenpräsidenten Havelange, der kürzlich sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendete. Auch Havelange, der sich im Laufe seiner höchst umstrittenen Karriere von vielen Diktatoren mit zweifelhaften Orden schmücken ließ, erhielt von Blatter ein Ehrenzeichen. Dann wurde Happy birthday intoniert für den Fußball-Cäsaren. Die Familienmitglieder lauschten ergriffen, bevor sie abmarschierten, um sich für das nächste Gala-Bankett frisch zu machen.“
taz: Sepp Blatter veranstaltet grade einen Ethik-Kongress – Einsicht oder Ablenkungsmanöver?
FAZ: Joseph Blatter, Weltherrscher des Fußballs
Ascheplatz
Nebensache
Hans-Jürgen Jakobs (SZ/Meinung) beargwöhnt das sich weitende Engagement der Telekom in der Bundesliga: „Die Deutsche Telekom – die im Bund einen Großaktionär hat, der auch für politische Hilfen sorgen kann – versucht im Sturmlauf, mit dem Internet-Fernsehen ein neues System durchzusetzen. Nichts ist ihr zu teuer. Da in diesen Wochen das Herz der Deutschen nun mal am Fußballspiel hängt, greift der Bonner Konzern mit prallem Geldsack bei den Rechten der Bundesliga zu. Für Internet und Mobilfunk kauft er sich Live-Lizenzen und wird auch der große Namenssponsor der deutschen Profikicker. Die spielen im kommenden Jahr wahrscheinlich in einer ‚T-Com-Liga‘, womöglich auch in der ‚Telekom-Liga‘. Das wird dann in der Presse, aber auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, vielfach verbreitet und kündet von der totalen Kommerzialisierung eines Sports, dessen Hauptsache – das Treten und Bewegen eines Balles – zu einer Nebensache zu werden droht. Für die Zuschauer bringt die Zeit solcher technischen Umbrüche Verwirrung.“
FAZ: Die T-Com-Liga kommt
Sepp, folge deinen eigenen Worten!
„Der Fußball kommt vom richtigen Weg ab“, sagt Karl-Heinz Rummenigge im Guardian. Und meint mit Fußball die Entwicklungen und finanziellen Ausmaße, die um Clubs wie Chelsea herrschen. „Chelsea hat gezeigt, daß Fußball nicht mehr vernünftig ist. Der FC Bayern hatte letztes Jahr einen Profit von 35 Millionen Euro, Chelsea hingegen einen Verlust von 204 Millionen Euro. Wenn das uns passieren würde, wären wir bankrott – Chelsea aber nicht. Sie geben weitere 150 Millionen Euro für neue Spieler aus. Was rechtens ist, aber nur aus der Sicht von Chelsea. Für den Rest ist es nicht akzeptabel und unfair.“ Um die internationale Konkurrenz in Schranken zu halten, sieht Rummenigge die Zeit für einen „Salary Cap“ gekommen, eine Gehaltsobergrenze. „Ich sage nicht, gebt Ballack weniger Lohn als er bei Chelsea erhalten wird! Aber ich denke nicht, daß es einem Klub erlaubt sein sollte, mehr als 50 Prozent des Einkommens in Gehälter zu investieren. Der Klub, der mehr als 56 Prozent des Einkommens in Gehälter investiert, schreibt rote Zahlen. 85 Prozent der Klubs in Europa haben Schulden, aber nur einer davon hat einen Abramowitsch. Das kann doch so nicht weitergehen.“ Rummenigge, der alle, die den Fußball-Geldmarkt hierzulande regulieren und wegen der Chancengleichheit nivellieren wollen, als Sozialisten beschimpft, Rummenigge also hofft, daß bis 2010 die Gehaltsobergrenze von der Uefa eingeführt worden sein wird. Ein weiteres Thema, das ihm unter den Nägeln brennt, ist die „Ausbeutung“ von Klubspielern bei der WM. „Das Verhalten der Fifa ist nicht akzeptabel. Sie erwarten einen Gewinn von 700 Millionen Euro, was unglaublich ist. Ich habe nichts gegen Leute, die Profit machen, aber eine Situation wie bei der WM, wo wir unsere Spieler für fast zwei Monate ‚aufgeben‘ und sie voll bezahlen, aber nichts von der Fifa zurückbekommen, ist nicht akzeptabel. Im besten Fall kommen die Spieler müde zurück – im schlechtesten verletzt.“ Die G-14 hat betreffend dieses Problems auch schon Klage eingereicht, und falls das nichts nutzen sollte, wovon Rummenigge ausgeht, hat er noch sein Sepp-Blatter-Mantra: „Bitte folge deinen eigenen Worten, Sepp! Den Worten, die in deinem Büro stehen – Fair Play.“ Auch um einen WM-Tip war Rummenigge nicht verlegen: „Normalerweise erwarten die Deutschen immer den Gewinn der WM, aber dieses Mal bin ich nicht überzeugt davon. Mannschaften wie Brasilien, Argentinien, Italien, England und Holland haben mehr individuelle Klasse.“ Dann fügt er noch hinzu, daß, entgegen der landläufigen Meinung, Brasilien nicht die WM gewinnen werde und er England favorisiere.
Deutsche Elf
Offensivtorwart
Peter Heß (FAZ) unterstreicht den Mut und die Unverzagtheit Jens Lehmanns: „Kein Torhüter seiner Klasse mußte in einer insgesamt erfolgreichen Laufbahn so viele Rückschläge hinnehmen wie er. Sogar als sich alles zum Besten wendete, als Klinsmann ihn über Oliver Kahn stellte, als er von seinem Trainer Wenger den ‚Heldenstatus‘ verliehen bekam, holte ihn das Schicksal ein: Rot im Champions-League-Finale. Wer ist Jens Lehmann? Ein Pechvogel, der auch der Nationalmannschaft die Heim-WM irgendwann verderben wird? Nein. Der Modellathlet hat schon oft bewiesen, daß er über lange Phasen ein hohes Leistungsniveau halten kann. Daß Lehmanns Arbeitsleben – ganz anders als das seiner Kollegen Kahn und Hildebrand – häufiger durch Aufenthalte auf der Auswechselbank unterbrochen wurde, liegt an seinem Charakter und seiner Spielweise. Kaum ein Torhüter spielt riskanter als Lehmann. Er spekuliert viel, versucht die nächste Aktion des Angreifers zu antizipieren. Dabei unternimmt er Ausflüge aus seinem Tor, vom Fünfmeterraum bis außerhalb des Strafraums. Dadurch verhindert er viele gefährliche Szenen, bevor sie überhaupt entstehen können, aber durch Fehleinschätzungen beschwört er auch unnötig erscheinende Krisensituationen herauf. Wenn Lehmann falsch liegt, sieht das bisweilen tölpelhaft aus. Außerdem ist die deutsche Nummer 1 eine Persönlichkeit, der Fehler nicht so leicht verziehen werden. Er begegnet der Öffentlichkeit vor allem spröde. Auch bei den meisten Mannschaftskollegen steht er nicht im Ruf, besonders umgänglich zu sein. (…) Lehmanns Interpretation der Torwartrolle entspricht exakt den Vorstellungen des neuen Chefs. Selbst der Torwart kann dem Bundestrainer nicht offensiv genug sein.“
SZ: Jens Lehmann bestreitet seine WM-Premiere ausgerechnet in München, das einmal als feindlicher Ort galt
FAZ: über Jürgen Klinsmanns Medienarbeit, sein „Teambuilding“ und sein Verhältnis zum DFB
BLZ-Interview: der Mannschaftspsychologe Hans-Dieter Hermann über die Psyche des DFB-Teams
Mittwoch, 7. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Täglicher Kampf
Der DFB hat in der Pressearbeit bei der WM das „Pooling“ eingeführt, das heißt, abgesehen von einigen großen Zeitungen, sollen sich Redaktionen zusammenschließen, um ihre Chance auf ein Interview mit einem Spieler oder einem Trainer zu erhöhen. Markus Völker (taz) kritisiert diese Praxis und schildert die schwierigen Arbeitsbedingungen der Zeitungsjournalisten: „Das Pooling führt zu absurden Situationen. So kann es vorkommen, dass der taz von Lesern vorgeworfen wird, sie habe Zitate geklaut, weil der Leser anderswo genau die gleichen Wortfetzen entdeckt hat. Wenn er genau liest, kann er sogar republikweit die gleichen Zitate finden. Es ist nur mehr der Kreativität und der Auffassungsgabe eines Autors geschuldet, ob er aus dem Pool-Interview eine originäre Geschichte macht. Die Gefahr der großen Gleichmacherei besteht auch durch ein weiteres Informationsmedium: die DFB-Pressekonferenz. Auch hier werden Informationen verknappt und kanalisiert. Wer auf dem Podium sitzt, entscheidet in letzter Instanz der DFB. Manche Printjournalisten müssen ihr komplettes Material aus dieser künstlichen Veranstaltung ziehen. Das ist ein Problem, denn die Pressekonferenz, die fast täglich um 12.30 Uhr im Berliner Messezentrum ICC abgehalten wird, ist live zu sehen, von Premiere bis ntv. Der Fernsehzuschauer weiß alles – sofort. So führen die Printjournalisten einen täglichen Kampf gegen die DFB-Pressekonferenz und die Unmittelbarkeit des Fernsehens. Was bleibt, sind Fachgespräche mit Kollegen, Stippvisiten beim Training und der Mixed Zone danach. Wer den Vorgaben des Fußball-Bundes sklavisch folgt, kann de facto nicht kompetent über diese WM berichten.“
Gestern meldete der DFB nach dem Besuch Angela Merkels, es stünden nun Pool-Bilder von ihr zur Verfügung. Mein erster Gedanke war: die Rudolf-Scharping-Falle …
taz: Goodbye, Harald Schmidt. Hier kommt Die Harald Stenger Show
Eine sehr lesenswerte Warnung der FAZ vor Fußball-Publikationen der Medienfabrik, einem Mitglied der Bertelsmann-Familie: über den „faustischen Pakt“ mit der Fifa
Deutschland kann immer Weltmeister werden
SZ-Interview mit dem argentinischen WM-Analytiker und ehemaligem Nationalspieler Roberto Perfumo über Argentinien, Brasilien und Deutschland
SZ: Wie steht es so kurz vor der WM um den Gemütszustand der Argentinier?
Perfumo: Ehrlich gesagt, das Vertrauen hier ist nicht sonderlich groß. Wir haben zwar in der Qualifikationsrunde Brasilien geschlagen, aber danach nicht mehr gut gespielt. Es ist, als seien alle in einer Mischung aus Hoffnung und Furcht versunken, der Furcht, in der Vorrunde nicht weiterzukommen.
SZ: Die Argentinier haben wieder eine „Todesgruppe“ erwischt: Holland, Elfenbeinküste, Serbien-Montenegro …
Perfumo: … andererseits denke ich schon, dass wir uns fürs Achtelfinale qualifizieren müssten. Holland hat eine enorm junge Mannschaft. Serbien-Montenegro hat sich gerade aufgesplittet. Das Schlüsselspiel wird die Partie gegen die Elfenbeinküste sein. Eine Mannschaft mit Erfindungsreichtum, aber auch sehr brüsk. Sie treten viel, mehr aus Ungeschick denn bösem Willen.
SZ: Das Schicksal Ihres Landes scheint von Lionel Messi abzuhängen, das Wortspiel mit seinem Namen – Messi-as – kommt nicht von ungefähr. Es wird alles von ihm verlangt. Zu viel?
Perfumo: So funktioniert diese Metzgerei namens Fußball nun einmal, sie dreht die Spieler immer schneller durch den Wolf und verzehrt sie. Jetzt Messi. Alles scheint davon abzuhängen, ob er gesund wird. Wir tun so, als wäre Messi kein pibe, dabei ist er genau das: ein Bub. Doch ich glaube, dass er ein großartiges Turnier spielen wird. Er ist kein Maradona und kein Ronaldinho, aber ein außergewöhnlicher Spieler mit phantastischen Fähigkeiten.
SZ: So wie Spielmacher Juan Román Riquelme. Der Sportpublizist Ezequiel Fernández Moores nannte ihn bewundernd und besorgt einen Poeten. Besorgt, weil die Poeten die Leere brauchen, um wahrhaft Großes zu schaffen.
Perfumo: Riquelme ist in Argentinien nicht unumstritten. Man anerkennt seine Vision, seine Übersicht. Aber es wird kritisiert, wie er sich bewegt. Die Argentinier sind besorgt, weil kein Plan B für den Fall existiert, wenn Riquelme in diese Leere abtaucht.
SZ: Argentiniens Nationaltrainer José Nestor Pekerman sieht sich großem Misstrauen gegenüber.
Perfumo: Niemand zweifelt seine fachliche Qualifikation an. Aber man weiß nicht, wie er auf eine WM reagiert. Ich habe selbst zwei WMs gespielt, da habe ich gelernt, dass so eine WM nicht für alle Menschen gemacht ist. Dass man eine WM erst einmal verdauen muss. Die WM wird sein Maßstab sein, sie ist der Maßstab für alle. (…)
SZ: Ein großer Konfliktherd zwischen Brasilien und Argentinien ist die Frage, wer größer war, ob Pelé oder Diego Maradona.
Perfumo: Es hat drei Spieler gegeben, die die Geschwindigkeit des Fußballs verändert haben. Alfredo Di Stéfano mit seiner Entfaltung auf dem gesamten Spielfeld und seiner Schnelligkeit; Pelé zu einer Zeit, als 4-2-4 gespielt wurde und das Mittelfeld ein Ort des Durchgangs war und nicht, wie heute, ein Schlachtfeld; und Maradona, der Präzison auf einer höheren Geschwindigkeitsstufe auslebte. Sie sind unvergleichlich, weil ihre Epochen unvergleichlich sind. Es ist, als würde man das erste Flugzeug mit einer Mondrakete vergleichen. Der eine war ein Phänomen, der andere auch. Aber wenn man sie unbedingt vergleichen will … Ich habe den Eindruck, dass Maradona seine Mannschaften mehr zum Spielen brachte als Pelé. Ähnlich wie Di Stéfano. Pelé war ein größerer Individualist und abschlussstärker. Für einen Gegner eine menschgewordene Hölle. Maradona war das auch, ein Monster, doch darüber hinaus brachte er seine Mannschaften zum Spielen! Aber ehrlich: Ich könnte nicht sagen, wer besser war.
SZ: Gibt es etwas, was die Argentinier den Brasilianern neiden?
Perfumo: Die Technik, die ihnen erlaubt, einen anderen Fußball zu spielen. Der argentinische Fußball ist Pass-Spiel plus Dribbling. Der brasilianische Fußball ist ein Fußball der einfachen Ballberührung. Ein Fußball der Pinselstriche. Wenn ein Brasilianer den Ball mit dem Rücken zum Tor bekommt, wird er immer den Kameraden suchen. Der Argentinier wird ein Dribbling versuchen oder aufs Tor schießen. Im brasilianischen Fußball sind alle ständig in Bewegung, der ballführende Spieler hat vier verschiedene Anspielstationen. Er muss den Ball abspielen. Andernfalls wird er von den eigenen Leuten umgebracht. Achten Sie mal darauf: Die Brasilianer dribbeln kaum. In der aktuellen Mannschaft ist Robinho einer der wenigen Dribbler. Ronaldinho noch. Ronaldo, wenn er im Strafraum ist. Sonst spielen die Brasilianer fast immer nur mit einer Ballberührung. Und das Spannende ist, alle haben in Brasilien die gleiche Art zu spielen. Vom Bankangestellten bis zu den Kindern aus den Favelas, in den Straßenmannschaften und in der Nationalelf.
SZ: Und das besteht fort? Trotz der Globalisierung, trotz der Emigration?
Perfumo: Ja. Die Brasilianer haben diese Schule bewahrt. (…) Es ist ein recht armseliges Jahrzehnt gewesen, eine Zeit des mechanisierten Fußballs, eines Fußballs aus Freistoß, Ecke, Kopfball. Es sei denn, ein Ronaldinho taucht auf, ein Totti. Die WM in Japan und Korea war besonders schlimm. Aber auch das Champions-League-Finale war ein verdrießliches Spektakel. Ich hoffe, dass wir bei dieser WM das Schlusskapitel dieser Art von Fußball erleben, dass nun eine Etappe beginnt, wo es mehr Spiel gibt. (…) Seit ich die Deutschen 1974 gesehen habe, halte ich sie zu allem fähig – weil sie gegen Holland gewannen. Gegen uns hatten die Holländer vier Tore gemacht, sie hätten elf machen müssen. Ich hätte mein Leben drauf gesetzt, dass Holland Weltmeister wird. Seither weiß ich, dass Deutschland immer Weltmeister werden kann. Ob sie gut spielen oder schlecht.“
BLZ: Mehr als die Hoffnung, endlich wieder etwas Großes zu vollbringen, gibt es für Argentinien nicht – zu widersprüchlich sind die Ergebnisse der letzten Zeit
FR: Selbstbewusste Argentinier bereiten sich in Mittelfranken auf ihren ersten WM-Einsatz vor
BLZ: Die harte Kritik der Zuschauer und Medien hat Frankreichs Nationalteam zuletzt wieder zu einer Einheit zusammenwachsen lassen
FTD: Portugal hat noch nie einen Titel gewonnen. Aber selbst Pelé zählt das Team diesmal zu den Favoriten. Die beste Abwehr dürfte Trainer Scolari sicherlich haben
Gebt mir viele schnauzbärtige Rivelinos!
Cesar Luis Menotti (SZ) fordert eine Rückbesinnung auf die Wurzel des Fußballs und geht mit feuchten Augen die Ahnengalerie des schönen Fußballs ab: „Der Fußball als Spiel steht vor einer seiner letzten Chancen, vielleicht sogar der letzten, eine Beziehung zu retten, die von der Zuneigung des Publikums geprägt war. Er steht vor der unweigerlichen Notwendigkeit, seine Werte zu erneuern und essentielle Konzepte dieses wunderbaren Spiels einzuklagen, das heute in einer gigantischen Blase zu verschwinden scheint – erstickt von Geldscheinen, wirtschaftlichen Interessen, feigen Haltungen, Manipulationen und Exzessen aller Art. Wir sind schutzlos und verwaist, die großen Figuren, die mit dem großen Spiel geträumt haben, sind nicht mehr da. Pelé, Maradona, Cruyff, Di Stefano, Beckenbauer, Rummenigge, Littbarski, van Basten … Der Fußball muss, wie die Gesellschaft, ihre eigene Wiedergeburt hervorbringen. (…) Es gibt Menschen, die sich das Recht göttlicher Kenntnisse anmaßen. Sie behaupten, dass Ronaldo dick sei. Soll er doch! Gebt mir viele Ronaldos! Früher gab es auch schon mal ein Pummelchen, er ist ein Landsmann von mir. Er hieß Diego … Ich habe die ganzen vorurteilsbeladenen Kritiken satt, die sich am Aussehen von Fußballern orientieren. Garrincha war krummbeinig? Gebt mir mehr davon? Rivelino trug einen Schnäuzer? Gebt mir viele schnauzbärtige Rivelinos! Tostao hatte das Gesicht eines Verwaltungsbeamten und sah schwach aus? Ich will viele Tostaos! Beckenbauer sah aus wie ein Geigenschüler – gebt mir elf Beckenbauers! George Best wurde schräg angesehen wegen seines Rocker-Looks? Ich nehme alle Bests, die auf dem Planeten verstreut sind. Gesegnet sei dieser flachbrüstige Mann ohne Muskeln, der dafür den Körper voller Intelligenz hatte – und Johan Cruyff hieß. Ah, ich vergaß – wenn jemandem ein Glatzkopf über den Weg laufen sollte, der Di Stefano heißt, oder ein anderer namens Bobby Charlton; oder auch ein dickköpfiger Winzling mit langen Hosen und dürren Beinen, der auf den Namen Sívori hört, zweifelt nicht. Ich nehme sie alle, und das sofort.“
Manifestation des Gegenteils
Fußball, ein Dorn im Auge der Mächtigen Irans – der Grünen-Politiker Omid Nouripour (SZ), Inhaber eines deutschen und eines iranischen Passes, beschreibt die Modernisierungswirkung des Fußballs im Iran: „Es heißt, in Brasilien sei Fußball eine Religion. Die Intensität der kollektiven Gefühle, die der Fußball auslösen kann, ist in Iran sicher nicht geringer. Und doch ist die Bezeichnung ‚Religion‘ für den Fußball in keinem Staat so deplaziert wie in der islamischen Republik. Auch wenn die Menschen für den Erfolg der Nationalelf beten: In einem Land, in dem die politische Elite den Alltag nach ihren religiösen Vorstellungen durchzuorganisieren versucht, gibt es keine willkommenere Ablenkung als den Fußball. Nirgendwo sonst finden die Menschen so unverdächtig (Klassen-)Kampf, moderne Helden, herrlichen Individualismus, Patriotismus und vor allem weltliche Dramen wie im Fußball. Keines dieser Elemente kann einem Regime gefallen, das seit der Revolution im Jahr 1979 versucht, die Menschen auf alle erdenklichen Arten in ein Muster des religiös-kollektiven Gehorsams zu pressen. Hinzu kommt die tiefe Sehnsucht eines Volkes nach internationaler Anerkennung, eines Volkes, das stolz ist auf seine uralte Kultur. (…) Fußball ist neben dem Internet die Brücke in die Weltöffentlichkeit. Beim Fußball können sich Frauen ungeniert David Beckham anschauen, und die iranischen Fußballer können sich präsentieren – unabhängig davon, wie die politische Lage derzeit ist. Nicht umsonst sind die größten Champions diejenigen, die in Europas Ligen spielen. Dieses Denken in Leistungskategorien und Wissen – aus dem Internet – sind die Modernisierungsindikatoren schlechthin. Das hat Ahmadinedschad, selbst Fußballfan, längst begriffen. Die Gründungsjahre der islamischen Republik waren davon geprägt, dass Iran als Nation keine Rolle mehr spielen sollte, sondern nur noch die Religion. Der Fußball, die Nationalmannschaft war immer die Manifestation des Gegenteils. Ahmadinedschads Pragmatismus sind allerdings Grenzen gesetzt. Als er versuchte, Frauen den Besuch von Fußballspielen endlich zu erlauben, wurde er von konservativen Geistlichen zurückgepfiffen. Nicht nur deshalb ist die Instrumentalisierung des Fußballs für das Regime eher schwierig.“ Axel Kintzinger (FTD) blickt auf das Team: „Dass anstatt über Fußball über Politik geredet wird, ist angesichts der Infamie von Ahmadinedschads Aussagen angebracht. Die Konzentration liegt aber auch daran, dass die Mannschaft des kroatischen Trainers Branko Ivankovic schwer einzuschätzen ist. Im Kader stehen nur fünf Auslandsprofis. Ivankovic wird nach Klinsmann die deutscheste Truppe aufbieten, denn vier der fünf iranischen Legionäre spielen in Deutschland. Drei von ihnen sind Schlüsselspieler im iranischen Team: Mehdi Mahdavikia, Vahid Hashemian und Ali Karimi. Und Ferydoon Zandi hat ebenfalls einen Stammplatz.“
Schlägt mein Brasilianer deinen Brasilianer?
Made in Brasil – Marcos Senna spielt für Spanien, Deco für Portugal, dos Santos für Tunesien, Zinha für Mexico und Alex Santos für Japan. Ronald Reng (BLZ) fragt, wo die Ursprungsidee der Nationalmannschaften geblieben ist: „Dass Nationalteams einfach brasilianische Spieler verpflichten, als wären sie Klubs, ist Normalität geworden; diese WM wird es deutlicher denn je offenbaren. In der Vorrunde etwa heißt es bei Spanien gegen Tunesien auch: Schlägt mein Brasilianer deinen Brasilianer? Brasilien hätte genug Klassespieler, um mit einem A-, B- und C-Team das WM-Halbfinale zu erreichen. Weil aber auch für den fünfmaligen Weltmeister nur elf Männer spielen können, nehmen immer häufiger verschmähte brasilianische Begabungen den Pass des Gastlandes an, in dessen Liga sie arbeiten. Es ist einerseits ein schönes Zeichen der Aufgeklärtheit, dass man sich heute seine Nation aussuchen kann. Aber ist es andererseits nicht der Tod des Grundgedankens der Nationalteams, wenn man bei einer Schwachstelle in der Elf einfach einen Brasilianer einbürgert? Am Ende muss jeder Nationaltrainer diese Frage für sich entscheiden. Jürgen Klinsmann weigerte sich, Ailton für Deutschland zu verpflichten, so wie es Berti Vogts mit Paulo Rink gemacht hatte. Eine Erinnerung, dass sich der Erfolg nicht immer einfach so einbürgern lässt. Paulo Rink spielt heute für Omonia Nikosia auf Zypern.“
Fortsetzung des Fifi Wild Cups
Anscheinend hat niemand Trinidad und Tobago vor St. Pauli gewarnt – Ralf Wiegand (SZ) erlebt das Testspiel zwischen den beiden als eine Art Trash-Fußball: „Wo ‚T and T‘ ein lässiges Trainingsspiel erwartet hatte, präsentierte sich ihnen der Vorhof zur Hölle. Nachdem bereits der Teambus von wummernden Bässen einer ausgelassenen Karibik-Party empfangen worden war, betrat die Mannschaft alsbald zu den Klängen von ‚Hells Bells‘ ein ausverkauftes Millerntor mit 19.700 Fans, die zur äußersten Ekstase bereit waren. Die hitzige Atmosphäre übertrug sich direkt aufs Spiel, das ‚viel zu hart‘ war, wie sich Beenhakker beschweren sollte. Nach einer Rangelei flogen sogar jeweils ein Spieler beider Mannschaften vom Platz. Trinidad wirkte in jeder Hinsicht überrumpelt und gewann nur dank haarsträubender Fehler der Pauli-Abwehr. Im Grunde wirkte die Partie wie eine Fortsetzung des Fifi Wild Cups, dessen Teilnehmer zuvor den Rasen am Millerntor gründlich umgepflügt hatten. Sansibar, Tibet oder die eigens gegründete Republik St. Pauli hinterließen dem kaum größeren kleinsten WM-Starter ein Geläuf, das sogar unter Maulwürfen als zu hügelig gelten sollte. (…) Für Trinidad war’s ein Kulturschock. Und so tappte T & T vollends in die Falle des WM-Wahnsinns. Der Verbandssponsor ebay, Arrangeur des Kiezkicks, hatte aus dem Test mit allerlei B-Prominenz und einer TV-Live-Übertragung ein Spektakel gemacht. Man wolle die Elf aus der Karibik keinesfalls lächerlich machen und in eine Reihe stellen mit den jamaikanischen Bobfahrern von ‚Cool Runnings‘, die einst Sportmärchen geschrieben haben, beteuerte ebay-Sprecherin Leonie Bechtoldt. Wenn dann allerdings eine Moderatorin wie Ruth Moschner einen Koch wie Tim Mälzer interviewt, dazu Drag-Queen Olivia Jones über die Tribüne stöckelt und der Stadionsprecher das Fan-Lied der Soca Warriors als offizielle Nationalhymne ankündigt, stellen sich Zweifel ein.“
SZ: Mit Tempo, Tempo aus dem Dickicht – Experten erwarten eine WM des offensiven Hochgeschwindigkeitsfußballs
SpOn: Schaffen es Ronaldo und Co, das Internet zum Kollaps zu bringen? Das Web, orakeln Pessimisten, könne unter massenhaften TV-Streams zusammenbrechen
Am Grünen Tisch
Von oben nach unten
Die Fifa tagt heute über „Ethik, Führung und Transparenz “; Thomas Kistner (SZ) weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll: „Neben der Ethik dürfte auch die Umsetzung der anderen beiden Leitmotive des Kongresses intern nicht ganz reibungslos verlaufen. Geführt wird die Non-Profit-Fifa von einem Präsidenten, dessen Salär in all seinen Facetten so transparent ist, dass nur engste Weggefährten die Summe kennen. Geführt wird sie von Leuten wie Vizepräsident Jack Warner (genannt ‚The Ripper‘) aus Trinidad, der im März erst vor der bisherigen Ethik-Kommission der Fifa landete, weil es Ungereimtheiten über WM-Tickets mit Warners florierendem Reisebüro auf der Tropeninsel gab. Oder von Fifa-Vize Julio Grondona, der wegen unpassender Äußerungen über das Leistungsvermögen jüdischer Schiedsrichter 2003 Besuch von einer Abordnung des Wiesenthal-Zentrums bekam. Nicht zu reden von Vize Ricardo Teixeira aus Brasilien, der schon ganze parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Brasilia beschäftigt hat und mit Sportsfreund ‚Don Julio‘ in den Kulissen des südamerikanischen Fußballmarkts aktiv ist. So betrachtet, ist der Fifa Weitblick mit ihrem Kongress-Motto nicht abzusprechen. Kleiner Fairplay-Tipp zum WM-Start: Nicht nur sorgenvoll auf Spieler und Referees herab blicken, sondern ruhig gleich die ganze Familie durchmoralisieren. Von oben nach unten, wie es sich gehört.“
Der Herr Neureich aus der wohlhabenden Schweiz
Roland Zorn (FAZ) kritisiert Joseph Blatter behutsam, nimmt ihn aber gegen seinen miserablen Ruf in Deutschland in Schutz: „Wundern muß sich Blatter über Volkes Votum aber auch nicht sonderlich, hätte er es doch im Jahr 2000, als über die Vergabe abgestimmt wurde, erklärtermaßen viel lieber gesehen, wenn Südafrika schon 2006 zum Zuge gekommen wäre. Auch die immer wieder aufgeflackerten Dissonanzen zwischen Beckenbauers OK und Blatters Fifa haben öffentliche Spuren hinterlassen. Vor allem aber ist vielen Deutschen das Großprojekt WM mehr und mehr so vorgekommen, als verbände sich mit ihm der kolonisatorische Eifer einer herrschsüchtigen Organisation namens Fifa. Ganz so einseitig liegen die Dinge nicht. Gleichwohl hat sich ein Gefühl der Ohnmacht und Wut ausgebreitet. Der penible Zürcher Regulierungsdrang, niedergeschrieben an die Adresse des Ausrichters in einem dicken Pflichtenheft, zeugt von dem bürokratisch beflügelten Ehrgeiz, zum Schutze der fünfzehn weltweiten Fifa-Sponsoren und der sechs nationalen Förderer aber auch gar nichts dem bösen Zufall zu überlassen. So ähnlich geht es indes längst auch auf anderen Bühnen zu: Die Uefa organisiert ihre kontinentalen Titelkämpfe fast schon in eigener Regie; supranational bestimmt auch Team, der Marketingpartner der Uefa in der Champions League, wie die Stadien und deren Einrichtungen an den Spieltagen auszusehen und zu funktionieren haben. Und nicht zuletzt achtet auch das IOC bis ins letzte Detail darauf, daß die Anmutung der Spiele im Zeichen der Ringe genau nach seinem Gusto bleibt. Was Deutschland jetzt mit der WM, die die Fifa und nicht der Gastgeber veranstaltet, erlebt, ist nichts anders als ein als unerwünscht empfundener Effekt der Globalisierungsstrategien im Sport. (…) Er steht in den Augen vieler Beobachter wie der Herr Neureich aus der wohlhabenden Schweiz da, nachdem die Fifa noch vor vier Jahren nach der falschen Ansicht zahlreicher interner wie externer Kritiker fast pleite gewesen sein soll. Blatter, der so gern als weltweit anerkannter Kämpfer für die Armen und Entrechteten des Fußballs sowie Botschafter der sozialen Werte des Fußballs gefeiert würde, wird in Deutschland eher wie der Boß eines florierenden, aber nicht überall mit Sympathiepluspunkten daherkommenden, expandierenden Sportunternehmens wahrgenommen.“ Jens Weinreich (BLZ) fügt an: „Blatter wird in den Tagen bis zur WM nichts mehr tun, um die Öffentlichkeit noch mehr gegen sich aufzubringen. Der Fifa-Konzernchef will gemocht und gelobt werden, vor allem in Deutschland, wo ihm und seiner Fifa doch flächendeckend, man kann es nicht anders sagen, ein eisiger Wind entgegen weht.“
Ascheplatz
Mittelstand
Nikolaus Piper (SZ/Wirtschaft) analysiert die Wertschöpfung Bayern Münchens: „Die Deutschen haben ein in Europa führendes Modell für das Geschäft mit dem Fußball entwickelt. Es ist das Modell des FC Bayern München. Der Rekordmeister ist sportlich in der Champions League zwar nur mittelmäßig. Er ist aber profitabel. Die Bayern AG, in der der Klub im Dezember 2001 sein Profigeschäft zusammengefasst hat, erzielte nach vorläufigen Zahlen 2005 einen Umsatz von 200 Millionen Euro, einen Bilanzgewinn von 3 bis 4 Millionen Euro; das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) wird auf 20 Millionen Euro geschätzt. Der wirtschaftliche Erfolg der Bayern lässt sich an zwei Begriffen festmachen: Festgeldkonto und Uli Hoeneß. Der Bayern-Manager ist ein Mittelständler. Und genau das ist auch sein Erfolgsmodell. Der FC Bayern ist das Modell des klassischen deutschen mittelständischen Unternehmens übertragen auf den Sport. In der Industrie nennt man diese Unternehmen ‚Hidden Champions‘, Firmen, die in ihrer Nische die Weltspitze erreicht haben. Die Nische der Bayern heißt: nachhaltige Fußballfinanzierung.“
Deutsche Elf
Noch in der Beweispflicht
Vermutlich erwarten Beckenbauer, Netzer und ihre Stammtischbrüder, daß Michael Ballack seine Mannschaftskameraden mal vor aller Welt so richtig zur Sau macht – das würde ihrer Vorstellung von einem Führungsspieler entsprechen. Michael Horeni (FAZ) hegt andere Ansprüche an den Kapitän und verweist auf die Differenz zwischen dem Image Ballacks im Inland un dem im Ausland: „Michael Ballack ist ein bedeutender Teil der globalen Fernseh- und Marketinginszenierung. Er ist der einzige Weltstar, den der deutsche Fußball noch zu bieten hat, und es ist auffällig, wie die öffentlichen Bilder zerfallen von Michael Ballack, in ein nationales Image und ein internationales. In Deutschland gibt es einen Michael Ballack als verständigen, weichen Mann, ausgestattet mit einer gewissen Selbstironie. Der dreifache Familienvater findet in den Spots eine Nähe zu Kindern, die ihm bewundernd die Hand reichen oder ihn auffordern, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, nur damit das Bahnfahren ein paar Monate länger günstig bleibt. Aber dann gibt es auch noch den Ballack von Ausrüster Adidas, die international ausgerichtete Kampagne. Sie produziert ein anderes, hartes Bild von Ballack. Es hängt derzeit riesenhaft auf Megapostern an Hochhäusern. Ballack wirft sich in Pose. Er reckt sein Kinn wie ein griechischer Olympiakämpfer. Er sieht sehr männlich aus, fast kriegerisch, ein Kämpfer für Deutschland. Ein Feldherr. Nur so nimmt ihn das Ausland wahr. In Deutschland aber überschneiden sich die zwei Bilder, die eigentlich nicht zusammenpassen, aber sie sagen viel aus über die Vorstellungen der Deutschen, was ihr bester Fußballspieler in sich verkörpern soll. Ein sensibler und bluttriefender Kapitän, das wäre es wohl. Vielleicht glaubt Michael Ballack auch tatsächlich, beide Rollen ausfüllen zu müssen. Ballack ist der mit Abstand beliebteste Fußballspieler der Nation, und das liegt an seiner weichen Seite. Aber einigen Fußballexperten ist dieser Ballack nicht genug. Zu weich, zu soft, sagen sie. Es ist schon seltsam, daß der Kapitän der Nationalmannschaft auch mit bald 30 Jahren, nach drei deutschen Meisterschaften, zwei Pokalsiegen und der Tatsache, daß er die deutsche Mannschaft vor vier Jahren mit zwei außergewöhnlichen Momenten ins WM-Finale brachte, noch immer den Beweis erbringen muß, eine Mannschaft erfolgreich führen zu können.“
SZ: Die Wade der Nation – der verletzte Michael Ballack will gegen Costa Rica spielen
Tagesspiegel-Interview mit Michael Ballack
Im verwörnsten Vorstopperland
Christof Kneer (SZ) erblickt in Christoph Metzelder die Zukunft der deutschen Abwehrschule: „Wie es Metzelder in dieses Turnier geschafft hat, das allein ist schon eine spezielle Geschichte. Am Anfang schien es ja so zu sein, als hätten sie die WM 2006 allein für ihn erfunden, oder vielleicht war das auch umgekehrt. Vielleicht hat Rudi Völler Christoph Metzelder erfunden, er hat diesen 21jährigen No-Name einfach mit zur WM nach Asien genommen, nachdem ihm die Altvorderen Nowotny und Wörns verletzt ausgefallen waren. Als der No-Name sechs Wochen später wieder deutschen Boden betrat, war der Prototyp einer neuen Generation aus ihm geworden. Christoph Metzelder war der erste Vertreter der so genannten Generation 2006, und nach dem WM-Finale in Yokohama ist Pele auf ihn zugelaufen und hat ihn umarmt, die anderen deutschen Spieler hat Pele nicht mal angeschaut. Bald buhlte Real Madrid um diese junge Abwehrbegabung, die einem ziemlich verwörnsten Vorstopperland eine Ahnung vermittelt hatte, wie das Abwehrspiel der Zukunft aussehen könnte. Die Zukunft ist dann bekanntlich ausgefallen; zweimal wurde Metzelder an der Achillessehne operiert, viel hat nicht gefehlt, und die Zukunft hätte ihre Karriere wegen Sportinvalidität beendet. Jetzt hat Metzelder von der Dortmunder Ersatzbank aus doch noch den Weg zurück in die Zukunft gefunden, aber erstaunlicher als das ist die Rolle, die er darin spielen soll. Nicht nur, dass er mit Per Mertesacker wohl die deutsche Innenverteidigung verantworten wird; wer Klinsmanns Aussagen der vergangenen Wochen auswertet, darf davon ausgehen, dass Metzelder den inoffiziellen Titel ‚Abwehrchef‘ für sich reklamieren darf. (…) Christoph Metzelder ist das vielleicht kühnste Experiment des experimentier-freudigen Bundestrainers.“
FR-Interview mit Metzelder
FAZ-Interview mit Tim Borowski
Dienstag, 6. Juni 2006
Ball und Buchstabe
Wir spielen dynamisch. Wir spielen offensiv. Wir spielen in der Zone
Das fruchtbare Schweizer Ausbildungssystem imponiert Christoph Biermann (SZ): „Viel haben sie ausprobiert seit der Stunde Null des Schweizer Fußballs im Frühjahr 1994, als sich die Schweiz gerade für die WM in den USA qualifiziert hatte. Ein historisches Ereignis war das damals, denn nach dem Turnier in England 1966 hatte die einst große Fußballnation fast drei Jahrzehnte lang weder an WM- noch an EM-Endrunden teilgenommen. Daher verknüpfte der neue Sponsor des SFV, eine Bank, die Unterstützung mit der Vorgabe, dass die Hälfte des Betrages in die Nachwuchsförderung fließen sollte. Am 1. Januar 1995 nahm Hansruedi Hasler seine Arbeit als erster Sportdirektor in der Geschichte des SFV auf. Der ehemalige Erstligaprofi hatte zuvor 20 Jahre als Erziehungswissenschaftler an der Sporthochschule Magglingen gearbeitet und entwickelte ein Konzept, wie der Schweizer Fußball systematisch Anschluss halten könnte. Ein halbes Jahr lang bereiste er dazu Europa und untersuchte die Arbeit mit Fußballtalenten in acht Ländern; in seinen Entwurf flossen viele Elemente aus Frankreich, aber auch Dänemark oder vom damals erfolgreichen schweizerischen Ski-Verband ein. Seither ist die Zahl von nur vier hauptberuflichen Nachwuchstrainern in der Schweiz auf sechzig gestiegen. Es gibt einen Ausbildungsfonds in Zusammenarbeit mit der Swiss Football League, in den bei jedem Transfer festgelegte Beträge eingezahlt werden müssen. Beim Verband ist die Zahl der professionellen Trainer seit 1995 von einem auf nun zehn gestiegen. Ihre Hauptaufgabe besteht vor allem im ‚Controlling der Vereine‘, sagt Hasler. Das bedeutet allgemeine Hinweise zur Trainingsarbeit, teilweise auch individuelle Vorschläge für Spieler aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften. Zudem soll die Spielphilosophie des Verbandes in die Vereine getragen werden. Wobei die Spielphilosophie auf schriftlich dargelegten Maximen des Spiels beruht. ‚Wir spielen dynamisch. Wir spielen offensiv. Wir spielen in der Zone‘, heißen die drei Hauptvorgaben. Sie drücken sich etwa darin aus, dass der erste Pass eher ruhig gespielt werden soll und der lange Pass nach vorne nicht gerne gesehen ist.“
Geschenk der Globalisierung
Michael Horeni (FAZ) wiegt die Bedeutung des Fußballs und der WM für Ecuador: „Das Land, in dessen ethnischer Vielfalt sich seine Geschichte spiegelt, ist so heterogen wie seine Landschaften. 35 Prozent der Bevölkerung sind Mestizen, ein Viertel ist europäischer Abstammung, mindestens 20 Prozent sind Indigenas und 15 Prozent Mulatten. Die Mulatten sind afrikanischer Abstammung, sie kamen im 16. Jahrhundert als Sklaven in das Gebiet des heutigen Ecuadors. Nur 5 Prozent der Ecuadorianer sind schwarz – aber 100 Prozent der Nationalmannschaft. Die Schwarzen in Ecuador sind eine Klasse für sich. Sie gehören zu den Ärmsten, sie haben kaum Zugang zur Bildung, in der politischen und wirtschaftlichen Elite sind sie praktisch nicht zu finden. Ihnen wird im täglichen Leben oftmals mit Mißtrauen begegnet. Wer arm und schwarz ist, der ist auch kriminell, heißt es im Volk oft. Auch die Nationalspieler haben früh den Rassismus kennengelernt, und wenn sie nicht im Fußball Karriere gemacht hätten, dann hätte nur ein kärgliches Leben auf sie gewartet. Der Fußball ist für die schwarzen Ecuadorianer eine Rettungsinsel, aber er wirkt auch auf die anderen 95 Prozent der Bevölkerung. (…) Die Schwierigkeiten des Landes, in dem es in den letzten Jahren langsam, zu langsam aufwärtsgeht, wird die WM nicht vertreiben. Aber das zerrissene Land will sich eine Pause von der Misere gönnen. Ganze Dörfer im Süden bewohnen mittlerweile nur noch Frauen, weil die Männer vor allem als Handwerker ins Ausland gegangen sind. 1999 mußte sich der Staat zahlungsunfähig erklären. Die Reichen schaffen ihr Geld aus dem Land, die ins Ausland vor der Not Geflüchteten schicken zurück nach Ecuador, was sie können. Im öffentlichen Reden ist die Nationalmannschaft der Stolz aller Ecuadorianer. Aber eigentlich ist es der Erfolg, den er symbolisiert. Aber das Land versteht nicht einmal, seinen Ölreichtum richtig zu nutzen. (…) Die WM in Deutschland mit dem Gastgeber als Gruppengegner ist für die Wirtschaftselite des Landes ein Geschenk der Globalisierung.“
Triste Perspektiven
Die WM als Ablenkung von der Politik, von den Politikern und von ihren Fehlern? Gerd Kröncke (SZ/Politik) legt die Hoffnung der französischen Regierung dar: „Sie spielen auf Zeit und hoffen, dass schon alles vorbeigehen wird, irgendwie. Das Jahr bis zum Ende der Amtszeit des Jacques Chirac kann sich noch quälend lange hinziehen. Ihm und seiner schwächlichen Regierung bleibt immer noch genügend Zeit für neue Fehler und neue Skandale. Die Endlos-Affäre Clearstream, die Premierminister Dominique de Villepin durch Aussitzen politisch zu überleben versucht, ist auch noch nicht überstanden. Aber die entscheidende Schwächung hatte der Präsident schon mit dem Scheitern des Verfassungsreferendums vor genau einem Jahr erfahren, seither ist nichts besser geworden. Die Regierenden in Paris hangeln sich von Woche zu Woche. Nun hoffen sie auf die Fußball-Weltmeisterschaft, darauf, dass in wenigen Tagen die Politik von einer wichtigeren Nebensache für ein paar Wochen ins Abseits gerückt wird. Danach muss der Präsident noch sein jährliches Fernsehinterview zum Nationalfeiertag am 14. Juli überstehen, und dann kommt die Sommerpause. So triste sind die aktuellen Pariser Perspektiven.“
BLZ: Englands scheidender Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson hält sein Team bei der WM endlich für titelwürdig
BLZ: Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira hat sich frühzeitig auf seine Startelf festgelegt
BLZ: Pawel Janas trainiert die polnische Nationalmannschaft mit harter Hand
NZZ-Interview mit Jakob Kuhn, dem Schweizer Nationaltrainer
Willkommen im Holodrom
Berlin ändert zur WM sein Gesicht, und das Feuilleton der FAZ ballt die Fäuste: „Lissabon hat sich zur Expo 1998 eine komplett modernisierte, auch ästhetisch faszinierende Infrastruktur gegönnt, und Barcelona wurde seinerzeit für die Olympischen Spiele regelrecht neu erfunden. In Berlin hingegen scheint die drohende WM das Gegenteil hervorzutreiben. All die repräsentativen Orte der Hauptstadt, die seit dem Mauerfall mit viel Geld und einigem Erfolg hergerichtet wurden, werden nun gezielt infantilisiert und entstellt. Daß ausgerechnet neben dem Sitz des Deutschen Bundestages eine riesige Kopfschmerztablette aufgerichtet wurde, mag noch als besonders subtile Form der Parlamentarismuskritik erklärt werden. Warum aber ist die schöne, weite, gerade erst angepflanzte Rasenfläche vor dem Reichstag platt gewalzt und asphaltiert worden, um dort einen Rummelplatz der Firma Adidas einzurichten? Wer war der historisch unterbelichtete arme Tropf, der ausgerechnet am Bebelplatz, dem Ort der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen, einen silbrigen Bücherturm aus Kunststoff hat hochstapeln lassen – nicht etwa zum Gedenken an die barbarische Tat, sondern zur Feier der Erfindung des Buchdrucks? Vermutlich muß man schon dankbar sein, daß die Stelen des Holocaust-Mahnmals nicht allesamt Nationaltrikots übergestülpt bekommen haben oder zu Sitzplätzen für Live-Übertragungen der WM umgewidmet wurden: ‚Willkommen im Holodrom, freier Eintritt, alle Spiele in historisch prickelnder Atmosphäre!‘“
Leere
Harry Nutt (FR/Politik) fühlt sich unfreiwillig an dunkle Zeiten erinnert: „Was an der wundersamen Stadtverpuppung Staunen macht, ist die geschichtsvergessene Arglosigkeit, mit der freimütig ins Gigantische geträumt wird. Vielfach werden ästhetische Anleihen bei den Licht- und Bildkünsten einer Leni Riefenstahl gemacht, ohne dass auch nur schamhaft auf den Zusammenhang von Massenspektakel und politischer Verführbarkeit hingewiesen wird. Es verbietet sich, von einer unschuldigen Gestaltungsfreude zu sprechen, die aus arglos und mit einigem Größenwahn an mehreren Stellen in der Stadt entstandenen Instantbauten hervorragt. Um es mit den Worten herkömmlicher Kulturkritik zu sagen: Die Fifa-WM ist ein monströses Medienspektakel, dessen selbstherrliche Inszenierungswucht eng verwandt ist mit der politischen Ästhetik der Olympischen Spiele von 1936. (…) Eine deutsche Selbstdarstellung zur WM hätte gewiss nicht von einem belehrenden Geschichtsseminarismus begleitet werden müssen. Nun aber, wo alles hinter der seltsam künstlichen Größe eines ‚Walk of ideas‘ verschwindet, der die industrielle Leistungsfähigkeit der Deutschen ausgestellt wissen will, wird eine Leere sichtbar, zu der ein Schuss Selbstreflexion gut gepasst hätte.“
FAZ: eine Sammelrezension über Fußball-Hörbücher (Günther Koch, Philipp Köster und andere)
FR: Rezension über Ror Wolfs Fußball-Hör-Collagen
FR: Ahmadinedschads brauner Fanclub – in Leipzig wollen Deutschlands Neonazis Irans Fußballer „begrüßen“, die Antifa-Szene hält gegen
taz-Interview mit dem FDP-Politiker Burkhard Hirsch über die Sicherheitspolitik bei der WM
Ballgeschiebe
Die Frankfurter Rundschau sendet einen Strauß Blumen: „Dass ein Netzblog auch intelligent gemacht werden kann, zeigt die Seite indirekter-freistoss.de. Hier schiebt man sich auf anspruchsvollen Niveau ohne jeglichen Belehrungssound die Bälle zu.“
Am Grünen Tisch
Alle reden vom Fußball, wir reden von Fußball-Konflikten
Neues Online-Projekt von indirekter-freistoss.de und politik-digital.de gestartet
fussball-konflikte.de, der Konflikt-Atlas zur WM
Der gemeinsam von politik-digital.de und indirekter-freistoss.de entwickelte „Konfliktatlas zur Fußball-WM“ beleuchtet die vielfältigen Beziehungen der Teilnehmernationen auf und neben dem Spielfeld anhand des Spielplans. Politische Differenzen, historische Erfahrungen und wirtschaftliche Konkurrenz sind der jeweils zwölfte unsichtbare Mann auf dem Spielfeld.
Am 12. Juni prallen in Kaiserslautern zwei Vertreter mit unterschiedlichen Ansichten über Walfang aufeinander, die zu diplomatischen Verstimmungen auf höchster Ebene geführt haben. Am selben Tag messen sich in Gelsenkirchen zwei Mannschaften, aus deren Heimatländern zwei Brauereien seit Jahrzehnten einen Markennamenstreit führen. Die Engländer müssen gegen ein Land antreten, aus dem eine Investorengruppe jüngst ihre größte Fish & Chips-Kette übernommen hat. In der Vorrunde werden außerdem zwei Teams die Möglichkeit haben, sich für ein verlorenes Finale zu revanchieren. Wissen Sie, in welchen drei Spielen eine Kolonialgeschichte neu verhandelt wird? Und auch Napoleon spielt eine Rolle bei dieser WM.
Mit der interaktiven Weltkarte auf fussball-konflikte.de erhalten Sie auf kurzweilige Art Nachhilfeunterricht. Gehen Sie auf Entdeckungsreise durch die Welt der Fußball-Beziehungen! Und helfen Sie uns! Selbstverständlich haben Sie die Möglichkeit, uns Ihre Ideen zu senden. Mit fortschreitender Turnierdauer wird auch der Konflikt-Atlas weiter entwickelt – schon im Achtelfinale könnte es zu Klassikern wie Deutschland gegen England kommen. Bleiben Sie dran, und halten Sie es mit John Cleese: „Don´t mention the war!“
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Ascheplatz
Unentschuldbar
Thomas Kistner (SZ) erneuert seine Kritik am Ticketing: „Wie kann ein geschlossenes Ticket-System funktionieren, dessen Steuerung nicht in einer Hand liegt? Die Antwort gibt das aktuelle Chaos: gar nicht. Tage vorm Anpfiff des Ereignisses, auf das die Welt schaut, wird der Kardinalfehler evident; mehrere Parteien werkelten nebeneinander her und kommunizierten eher pro forma. Nun wirkt die Situation so unübersichtlich, als wären Veranstalter Fifa und das OK vom Beginn ihrer eigenen WM überrascht. Was, wenn dieses Bild zutrifft, das Ende einer Legende wäre: der vom Organisationsweltmeister Deutschland? Sicher, das OK hat ganze Arbeit im nationalen Zuständigkeitsbereich geleistet. 2 der 3,2 Millionen Eintrittskarten wurden akkurat registriert, oftmals genervte Erwerber auf dem deutschen Markt wurden mit bürokratischer Akribie erfasst. Was leider sinnlos ist, wenn beim restlichen Teil der unter Fifa-Aufsicht vertriebenen Tickets öfter die Regeln umdribbelt wurden. Die Agentur ISE dachte gar nicht daran, die Daten ihrer VIP-Kunden zu erheben. Dazu fand ein Teil der 800.000 Tickets, die über die so genannte Fußballfamilie verteilt werden, in altvertraute Kanäle: in die Taschen dubioser Funktionäre, oder ins Sortiment von Ticket-Agenten in aller Welt. Die pfeifen auf die Sicherheitsvorgaben im fernen Deutschland. Alles wie gehabt, wurden aus dem Chaos 2002 keine Lehren gezogen? Das ist unentschuldbar. Beim Ticketing hätten sich OK und erst recht die WM-selige Bundesregierung über die Fifa hinwegsetzen müssen.“
Es wird ein Fest werden
Ludger Schulze (SZ) stimmt ein, erwartet aber eine unbeeinträchtigte Party: „Den schwiemeligen Erwartungsbombast hat Franz Beckenbauer auf diese Formel gebracht: ‚Die WM bietet die einmalige Chance, das Land zu verbessern.‘ Schön gesagt – schöner wäre es, wenn das Land auch teilnehmen könnte. Aber leider müssen die Leute bei ihrer eigenen Party draußen bleiben, weil das Turnier Blatters Fifa gehört, und die hofiert lieber nadelgestreifte Champagnerschlürfer und hochhackige Unternehmersgattinnen. Deren Tickets übersteigen das Monatsbudget eines Hartz-IV-Empfängers. Für Normalsterbliche gab es den Pro-Forma-Verkauf via Internet, die Aussicht, eine Karte zu ergattern, war kaum höher als auf einen Lottogewinn. Es ist eine Mär, dass die Kraft des Fußballs eine Gesellschaft nachhaltig positiv ändern könnte. Das ist nicht mal in Brasilien, dem Land des Abonnement-Weltmeisters, gelungen. Aber 1954, da hat doch das Wunder von Bern ein durch zwölf Hitler-Jahre und einen alles vernichtenden Krieg verstörtes Volk schlagartig zu einer intakten Gemeinschaft von Welt-Meistern gemacht, nicht wahr? Falsch, auch das. Erst mit der Bedenkzeit von ein, zwei Jahrzehnten haben Soziologen, Historiker und Feuilletonisten den 4. Juli zum wahren Gründungsdatum der deutschen Bundesrepublik umgedeutet. Zeitgenossen haben von der Bedeutung des Tages wenig mitbekommen. (…) Maue Aussichten also angesichts einer unsicheren Wirtschaftslage, uferlosen Werbebombardements, eines eskalierenden Ticketstreits und drohender Aufmärsche von Rechtsradikalen? Mag sein, aber eins, aber eins, das bleibt besteh‘n: Vom 9. Juni an, Anpfiff 18 Uhr, wird der Fußball jeglichen Überdruss, alle Schlechtwetterprognosen und sonstigen Ärgernisse aus seinen Stadiontempeln fegen. Und es wird ein Fest werden. Und am 10. Juli werden wir, übermüdet und ein wenig glücklicher vielleicht, wieder zur Arbeit gehen. Sofern wir eine haben.“
Welt: DFB wollte WM-Stadien mit Soldaten auffüllen
Der Staat hat sich aus dem Fernsehen herauszuhalten
Hans Hege, Leiter der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, beargwöhnt in der SZ das wachsende Engagement der Teleokom in der Bundesliga: „Wir haben der Telekom schon im Januar in einem Brief an Vorstandschef Kai-Uwe Ricke unsere rechtliche Beratung angeboten. Es gab bis heute keine Antwort. Die Fußball-WM zeigt T-Mobile nun einfach ohne rundfunkrechtliche Lizenz, und bald erwirbt die Telekom eventuell auch die Mobilfunkrechte an der Bundesliga. Das weitaus größte Problem aber ist die Nutzung über das DSL-Netz – es soll schließlich einmal das Kabel ersetzen. Das hat vom Potenzial her, als Grundversorgung für die Haushalte, eine eminente Bedeutung. Die Grundfrage ist: Kann der dominante deutsche Telekommunikationskonzern, der unter Staatseinfluss steht, mit dem Fußball eine Schlüsselressource des Fernsehens erwerben? So etwas passiert in anderen großen Ländern nicht. Jemand, der Netze betreibt und zugleich die besten Programme hat, kann andere ausgrenzen. Mit der attraktiven Bundesliga hat man die Gesamtgestaltung in der Hand. Potenziell geschädigt sind alle anderen Inhalteanbieter – sie können mit den Gewinnen aus der Telekommunikation leicht ausgestochen werden. (…) Es ist – verfassungsrechtlich oft bestätigt – ein eherner Grundsatz, dass sich der Staat aus dem Fernsehen herauszuhalten hat. Doch die Telekom will nun sogar in der Liga der Murdochs mitspielen.“
SZ: Die Telekom als neuer Großhelfer – und Namenssponsor – der Bundesliga: erste Medienaufseher warnen vor der Daueroffensive auf dem Rasen
FAZ: über eine Studie, die den ökonomischen Wert der WM für Deutschland bezweifelt
Deutsche Elf
Artifiziell
Powered by Coca Cola – Christoph Biermann (SZ) widerspricht der Behauptung von der großen, guten Unterstützung der Mannschaft durch die deutschen Fans: „Auf die überbordende Herzlichkeit in Freiburg folgte in Leverkusen reserviertes Gegrummel. Nach dem 0:2-Rückstand gegen Japan waren sogar die grausigen ‚Wir-wollen-euch-kämpfen-sehn‘-Sprechchöre nicht zu überhören. Zum Abschluss der Vorbereitungs-Trilogie gab es in Mönchengladbach dann so etwas wie eine hoffnungsfrohe Mittellage. Die Mannschaft wurde gefeiert, aber es wäre deutlich übertrieben, von ekstatischer Begeisterung zu sprechen. Die Atmosphäre bei den Spielen des Nationalteams ist selten wie beim Vereinsfußball, weil eine große Zahl von Fans ins Stadion kommt, die sonst Fußball nur am Fernseher sieht. Auch die Bemühungen des Fanklubs der Nationalmannschaft, der von einem amerikanischen Getränkehersteller gesponsert wird, wirken seltsam artifiziell. In Leverkusen wie in Mönchengladbach versuchte er sich in Kurvenchoreographien im Stile von Ultras. ‚Noch 7 Tage – auf geht’s, der 4. Stern zum Greifen nah‘, war auf einem riesigen Transparent am Fuße der Kurve zu lesen, dazu wurden die üblichen Pappen in Nationalfarben hochgehalten, doch irgendwie machte die Inszenierung den Eindruck, als würden sich die gefürchteten Entertainment-Teams des Europapark Rust nun auch um die Stimmung in der Kurve kümmern. So verging in Mönchengladbach die Chance ungenutzt, die Parole der nächsten Wochen zu etablieren. Als einige Fans den klassischen Pokalschlachtruf ‚Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin‘ anstimmten, setzte er sich auf den Rängen nicht durch. Dabei hätte das eine so schöne Headline für den Traum vom Finale im Berliner Olympiastadion sein können. Der wurde dann nach Abpfiff noch einmal per Schriftband beschworen, das die Balljungen auf den Rasen trugen: ‚Gemeinsam mit euch ein Traum: 9. Juli 2006.‘ Brav wurde das von den Rängen akklamiert. So hinterließ auch keine der drei Partien den größten Eindruck bei den Spielern, sondern das öffentliche Training in Düsseldorf. Das war zwar eine Jahrmarktsveranstaltung und man darf es als neue Marotte abtun, dass sich die Gastgeber der Nationalmannschaft neuerdings mit Rekordbesuchszahlen beim Training überbieten wollen, aber die 42.200 Besucher hatten die Spieler auch einige Tage später nicht vergessen.
Ich habe kein Problem mit sachlicher Kritik
Oliver Bierhoff im Interview mit der FAS
FAS: Ärgern Sie die jüngsten Nörgeleien von Franz Beckenbauer an der Mannschaftsleistung, wo er doch als deutscher WM-Chef jetzt so kurz vor dem Turnier bessere Stimmung verbreiten könnte?
Bierhoff: Solange die Kritik sachlich ist und gesagt wird, gegen Japan hätten wir zu viele Torchancen zugelassen, habe ich kein Problem damit. Das hat doch jeder gesehen. Und solange es keine Unruhe in die Mannschaft bringt und den Trainer unter Druck setzt, ist das auch kein Problem. Natürlich sollte der OK-Chef und das Präsidiumsmitglied des DFB eine positive Grundstimmung herüberbringen und die Nationalelf unterstützen. Aber wir können von ihm nicht verlangen, daß er sich hinstellt und sagt, alles ist super.
FAS: Wie beurteilen Sie die Nachfolgediskussionen um Jürgen Klinsmann, sollte man sie sich nicht verkneifen so kurz vor dem Turnierstart?
Bierhoff: Auf jeden Fall. Wer heute als Verantwortlicher des DFB oder in der Mannschaft die Trainerfrage diskutiert, hat die Ernsthaftigkeit dieser WM nicht verstanden. Das sollte unterlassen werden.
FAS: Hat Sie überrascht, daß Jürgen Klinsmann noch einmal betont hat, daß er den Bundestrainerposten aufgeben wolle, wenn die WM nicht zufriedenstellend verliefe?
Bierhoff: Wenn man viel bewegen will und Verantwortliche des deutschen Fußballs einem dabei die Unterstützung zusagen, aber diese nicht öffentlich äußern, hat man irgendwann kein Problem mehr zu gehen. Jürgens Aussagen sind aber nicht so zu verstehen, daß ihm diese Aufgabe jetzt egal ist. Sonst hätte er den Job erst gar nicht übernommen.
Die Rückendeckung ist dagewesen
Jürgen Klinsmann im Interview mit der FAZ
FAZ: Hätten Sie das Gefühl, wenn Sie nach der WM aufhören müßten, daß Sie Ihren Weg nicht zu Ende gegangen sind?
Klinsmann: Es muß im Prinzip immer weitergehen. Wir haben den Wunsch, daß aus unserer Arbeit, die vor knapp zwei Jahren begonnen hat, eine langfristige Denkweise wird. Die Mannschaft hat sich dazu bekannt. Wir wollen einen temporeichen Fußball spielen. Wir wollen mit den Besten der Welt mithalten. Das geht nur, wenn du gedanklich sehr schnell bist – und auch fit genug, diese Spielweise umzusetzen. Unser Wunsch ist, daß diese Philosophie umfassend umgesetzt wird und man beim DFB wirklich sagt: Das ist bis zur U15 in der Trainingslehre und auch in der Trainerausbildung der Maßstab. Wir wissen, daß diese Richtung, die wir vorangetrieben haben, Glaubwürdigkeit braucht. Die Glaubwürdigkeit müssen wir uns durch Erfolge in diesem Turnier holen. Das ist uns sehr wohl bewußt – wenngleich wir wissen, daß alles, was wir bisher gemacht haben, richtig war.
FAZ: Oliver Bierhoff hat im Interview mit der FAS gesagt, daß er den Eindruck habe, Sie vermißten die öffentliche Unterstützung der führenden Leute im DFB. Fehlt Ihnen Rückendeckung?
Klinsmann: Wir haben eine komplizierte Phase hinter uns. Wir sind der einzige Verband auf der Welt, der seit zwei Jahren mit zwei Präsidenten fungiert. Und mit der WM im eigenen Land ist eine gigantische Arbeit verbunden. Die Leute beim DFB haben ja alle doppelte oder dreifache Funktionen. Für uns ist es phantastisch, wie wir unsere Dinge umsetzen konnten. Der DFB hat gesagt: „Jungs, ihr geht diesen Weg, der ist zwar ein bißchen anders und der fordert uns heraus – aber wir tragen ihn mit.“ Ob das nun Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger oder Franz Beckenbauer war: Sie haben uns alle die Grundlagen gegeben, das Ding umzusetzen. Dafür sind wir dankbar. Wir sehen aber auch sehr wohl, daß ein besonderes Auge auf uns gerichtet ist, was den Erfolg bei der WM angeht. Aber die Rückendeckung ist dagewesen. (…)
FAZ: Bei der EM 2004 war die Luft nach 70 Minuten buchstäblich raus. Ist die Mannschaft jetzt fit genug, um ein Spiel in der 85. Minute noch zu drehen?
Klinsmann: Das hoffen wir. Vom Volumen, das wir trainiert haben, müßten wir dazu in der Lage sein. Es kommt aber auch auf das Tempo des jeweiligen Spiels an. Die Spieler werden innerhalb des Turniers immer fitter werden. Für uns war es sehr wichtig, daß das Regenerationsvermögen beschleunigt wird. Je schneller das geht, desto schneller sind die Spieler auch gedanklich da, desto wachsamer sind sie. Je länger einer braucht, von einem 40-Meter-Sprint runterzukommen, desto größer ist die Gefahr, daß er einen Konzentrationsfehler oder Abspielfehler macht.
Tagesspiegel-Interview mit Klinsmann
Ein kritischer Spiegel-Bericht über das schwierige Verhältnis zwischen Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff auf der einen Seite sowie Matthias Sammer auf der anderen
taz: die Widersprüche des Jürgen Klinsmann
SZ: Endlich in Berlin – die Nationalelf ist an dem Ort angekommen, der dem Klinsmann-Projekt als Symbol dient
FAZ: Klinsmann vier Tage vor WM-Beginn wieder in bester Stimmung
FR-Interview mit Jens Lehmann
BLZ: Pressechef Harald Stenger hat während der WM einen der schwierigsten Jobs im DFB-Tross
FR: Harald Stenger vor vier Wochen Wahnsinn
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