indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 3. September 2005

Interview

Das Wort Viererkette existiert nur in Deutschland

Sehr aufschlussreich! Jens Lehmann mit Matti Lieske & Andreas Lesch (BLZ 3.9.)
BLZ: Sie haben 1998 in der Nationalmannschaft debütiert. Was war damals anders als heute?
JL: Damals gab es die Diskussion, die Viererkette einzuführen. Dieses Wort existiert nur in Deutschland. Das gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt Systeme, 4-4-2, 4-3-3, 3-5-2. Eine Viererkette kann man isoliert nicht ernsthaft spielen.
BLZ: Das ist ein deutsches Problem?
JL: Praktisch gesehen spielen manche Mannschaften immer noch mit Libero. Die Mannschaften in der Bundesliga haben zwar keine Liberos, die spielen gegen den Mann. Aber wenn man die Bewegungen der Verteidiger sieht, ist es, als würde man noch mit Libero spielen. Viele rennen viel zu früh nach hinten und lösen damit den ganzen Verbund auf.
BLZ: Woran liegt das?
JL: Das genau zu sagen, ist schwer. Viele Trainer haben selbst nur mit Libero gespielt. Da ein anderes System zu vermitteln, das braucht viel Zeit.
BLZ: Immerhin gibt es Trainer, die es versuchen, wie Ralf Rangnick.
JL: Rangnick war zwei, drei Mal bei uns bei Arsenal im Trainingslager und hat sich die Vorbereitungszeit angeschaut. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten und hatte dabei auch den Eindruck, dass er ein großer Fußballfachmann ist.
BLZ: Wird das Umschalten vom Angriff auf die Abwehr in Deutschland zu wenig trainiert?
JL: Aus meiner Erfahrung heraus wird im Ausland mehr an diesem taktischen System gearbeitet. Als Spieler in der Bundesliga ist man das nicht so gewohnt. (…) Das ist vielleicht vergleichbar mit der Pisa-Studie, als gesagt wurde, die deutschen Schüler können qualitativ nicht mit manchen Ländern mithalten. Aber vielleicht liegt’s ja auch an den Lehrern. Was ich im Fußball an taktischem Verhalten gelernt habe, das habe ich leider zum großen Teil im Ausland gelernt.
BLZ: Wie lange dauert es, bis ein Nationalteam das lernt?
JL: Ich hoffe, bei uns bis zur WM. Wir haben uns schon stark verbessert.
BLZ: Kann man in einer Nationalmannschaft umsetzen, was in den Vereinen nicht umgesetzt wird?
JL: Das ist schwierig. Deshalb warne ich davor, Leute wie Robert Huth einfach in eine Ecke zu stellen und vorzuverurteilen. Denn Robert spielt bei Chelsea, das ist im Moment mit die abwehrstärkste Mannschaft in Europa. Die stehen viel hinten drin und haben zwei Reihen. Da lernt er mehr in vielleicht zwanzig Spielen, die er macht, als in vierzig Spielen, die er in der Bundesliga machen würde.
BLZ: Sie haben oft in Mannschaften gespielt, die taktisch stark waren, schon 1998 beim AC Mailand.
JL: Das war damals eine völlig neue Welt. In Deutschland hatte ich im Training Technik, Disziplin, dazu viel Passspiel unter Huub Stevens – was ich schon enorm gut fand. In Italien kam auf einmal tägliches Taktiktraining dazu: Wenn der so läuft, musst du so laufen. Wenn wir so angreifen, verhalten wir uns so. Das wurde täglich geübt, auch im Training. In Deutschland hatte ich das nicht erlebt.
BLZ: Und in England?
JL: Trainieren wir fast täglich, spielnah, mit Abseits, mit Verschieben, mit dem Aufeinander-Abstimmen der Mittelfeldreihe mit den Verteidigern und den Stürmern. Das sind Riesenunterschiede, zumal man mit guten Spielern trainiert, die das von Kindheit an gespielt haben. Das erweitert den Horizont.

Der Herausforderer muß mehr Akzente setzen

Andreas Köpke mit Michael Horeni (FAZ 3.9.)
FAZ: Bei der WM 1994 war Bodo Illgner im Tor, vier Jahre später in Frankreich Sie. Aber im nachhinein war es wohl ein Fehler, auf die arrivierten Torhüter zu setzen und nicht 1994 auf Sie und 1998 auf Oliver Kahn. Woher kommt diese Scheu vor dem Wechsel, warum tut man sich so schwer, einen Torhüter mit Verdiensten zu kippen?
AK: Das ist eine sehr gute Frage. Es ist wirklich die Frage, ob diese Scheu etwas damit zu tun hat, daß der arrivierte Torhüter natürlich mehr Erfolge vorzuweisen hat, weil er schon länger spielt. Ich glaube aber, es hat vor allem etwas damit zu tun, daß die Herausforderer dann doch nicht so erkennbar stärker sind. Sie waren nicht so stark, daß der Wechsel zwingend erschien. Wir aber werden am Ende die Leistungen von Oliver Kahn und Jens Lehmann objektiv beurteilen. Und zwar so, wie sie wirklich gewesen sind – und dann versuchen wir auch die richtige Entscheidung zu treffen.
FAZ: Also wie beim Duell im Boxen: Der Herausforderer muß mehr Punkte machen, bei Punktgleichheit siegt der Titelverteidiger?
AK: Der Herausforderer muß mehr Akzente setzen. Er muß aber auch das Glück haben, wirklich Spiele zu haben, in denen er sich echt auszeichnen kann – und dieses Quentchen Glück können weder die Torhüter noch die Trainer beeinflussen.

Tsp: Das deutsche Team will den dürftigen Auftritt in Holland vergessen machen
SZ: Das Länderspiel gegen die Slowakei ist als Start in eine neue Phase der WM-Vorbereitung zu sehen – es geht um die 23 Kaderplätze
FR: Klinsmann und Löw balancieren vor dem Spiel zwischen Seelen-Massage und Druck-Therapie

FAZ: Slowakei – ein Fußball-Feiertag mit Sparringspartner Deutschland

Internationaler Fußball

Charakter abhanden

Raphael Honigstein (SZ 3.9.) erläutert Sven-Göran Erikssons schweren Stand in England: „Was die Resultate angeht, muss sich der Schwede wenig vorwerfen lassen. Dennoch hat Erikssons Popularität einen historischen Tiefstand erreicht. In den von seinen endlosen Interview-Banalitäten frustrierten Medien ebenso wie an der Basis. Die anfängliche Anerkennung für seine modernen, mit vielen urenglischen Eigentümlichkeiten aufräumenden Methoden ist der Sorge gewichen, dass der Mannschaft unter der Leitung des skandinavischen Poesieliebhabers der Charakter abhanden gekommen sei. England ist seit 1966 an Niederlagen gewöhnt. Doch diese müssen zumindest glorreich und heroisch sein, keine müden Kapitulationen wie bei der WM 2002 in Japan und Korea oder der EM 2004 in Portugal. Auf dem Papier hat England die beste Mannschaft seit vierzig Jahren, das Team scheint aber in Erikssons Strategie gefangen zu sein, es verteidigt tief und versucht viel zu früh, Vorsprünge zu verwalten. Das Feuer ist erloschen. Und schlimmer noch: Der Stolz ist weg. Freundschaftsspiele hatten die Engländer stets ernster genommen als andere, bis Eriksson sie mit Auswechslungsorgien ad absurdum führte. Was der Schwede unter Professionalität versteht, kritisiert das Fußballland als fehlenden Patriotismus.“

FR: Als Trainer vermittelt Lothar Matthäus den ungarischen Nationalkickern neuerdings ein Gefühl der Wärme, sportlich hapert es indes wie eh und je

BLZ: Die Elfenbeinküste und Angola können erstmals die WM erreichen
FR: Aus Afrika hat sich noch kein Team für die WM qualifiziert – das gilt als Beleg für die neue Stärke

NZZ: Das Überraschungsteam aus Israel mit einigen Ecken und Kanten

Schöne Vorstellung

Das Streiflicht (SZ 3.9.) ist desillusioniert: „Gerade wird gemeldet, das Fußballnationalteam Botswanas gelte als verschollen. Die Mannschaft hätte in Madrid gegen die B-Elf von Real spielen sollen. Die Fußballer aus Botswana waren tatsächlich in Madrid, allerdings kamen sie nur bis zum Fanshop und ins Museum von Real. Danach waren sie verschwunden, das Spiel fiel aus. Es ist eine schöne Vorstellung, jeder Nationalspieler Botswanas hätte sich im Fanshop ein Trikot von David Beckham gekauft und wäre derart verkleidet untergetaucht, im Gewusel einer großen Stadt, in der sowieso jeder Zweite in einem Real-Trikot rumläuft. Man hätte dem Ganzen einen romantischen Gedanken abgewinnen können. Wenn alle Menschen gleich aussehen, weil sie das gleiche Trikot tragen; wenn eine Gruppe mir nichts, dir nichts in einer anderen aufzugehen vermag – dann beweist das doch, wie gleich Afrikaner und Europäer tatsächlich sind. Die Hintergründe der ‚Verschollenheit’ (Duden) der Nationalmannschaft von Botswana sind aber wohl andere. Während die Mannschaft in Madrid noch gesucht wird, berichtet die botswanische Zeitung Mmegi in ihrer aktuellen Ausgabe, das Ganze sei ein Boykott. (…) Kaum ein Mensch bleibt verschollen, auch kaum eine Wahrheit. Meist ist es eh dieselbe: Es geht sowieso nur ums Geld.“

Freitag, 2. September 2005

Interview

Ich hatte bei den Medien nie einen Bonus

Christian Wörns mit Stefan Hermanns & Michael Rosentritt (Tsp 2.9.)
Tsp: Glauben Sie, dass Sie kritischer betrachtet werden als andere Verteidiger?
CW: Sehen Sie, ich wurde als Schuldiger für das erste Gegentor gegen Holland ausgemacht. Man hat mir vorgehalten, dass ich den Ball zur Seite hätte wegköpfen müssen. Ich war heilfroh, dass ich den Ball überhaupt gekriegt habe. Da muss man sich auch ein bisschen auf seine Nebenleute verlassen können.
Tsp: Aber beim 2:0 der Holländer ist Ihnen Arjen Robben davongelaufen.
CW: Wenn der Stürmer in vollem Tempo auf dich zukommt, kannst du als Abwehrspieler nur schlecht aussehen.
Tsp: Manche sagen, dass Sie mit 33 Jahren nicht mehr der Schnellste sind.
CW: Das ist ein Vorurteil. Ich bin so schnell, dass mir noch keiner weggelaufen ist.
Tsp: Glauben Sie?
CW: Das weiß ich. Meine Sprintwerte sind gut. In der Nationalmannschaft gehöre ich immer noch zu den Schnelleren.
Tsp: Sie würden also sagen, dass das Problem nicht in der Abwehr liegt, sondern im Defensivverhalten der gesamten Mannschaft.
CW: So ist es, aber alles fokussiert sich auf die Abwehr. (…)
Tsp: Jürgen Klinsmann hat sehr viele junge Abwehrspieler in die Nationalmannschaft geholt. Gefällt Ihnen das?
CW: Es ist generell sehr positiv, dass wir jetzt einen größeren Konkurrenzkampf haben. Wenn ein Spieler verletzt ist, kann ein anderer nachrücken. Diese Breite hat uns in den vergangenen Jahren gefehlt. Wir hatten immer gute Spieler, aber wenn einer oder zwei verletzt waren, haben wir Probleme bekommen.
Tsp: Sie spielen seit fast 15 Jahren für die Nationalmannschaft. Aus Ihrer Erfahrung: Haben jüngere Spieler eher einen Bonus?
CW: Also, ich habe das Gefühl, ich hatte bei den Medien nie einen Bonus, auch als junger Spieler nicht. Bei mir wurde schon immer sehr kritisch hingesehen. Wenn ich dann sehe, wer da immer gepuscht und ins Gespräch gebracht wird, obwohl er nicht einmal im Verein seine Leistung bringt – das wundert mich immer wieder.
Tsp: Wen meinen Sie?
CW: Das werde ich Ihnen nicht sagen.

Die Deutschen brauchen immer einen Schuldigen

Jens Lehmann mit Ralf Köttker & Lars Gartenschläger (Welt 1.9.)
Welt: In England, Frankreich oder Italien sind die Nationaltorhüter gesetzt. Wie nehmen die Kollegen im Verein Ihre Situation wahr?
JL: Sie lachen darüber. Ich verlange auch nicht von meinem Trainer Arsene Wenger, daß er sich jede Woche für mich aus dem Fenster hängt. Es ist okay, wenn das andere machen.
Welt: Sie waren 1998, 2000, 2002 und 2004 Ersatzmann. Wie haben Sie diese Turniere erlebt?
JL: 1998 habe ich gesehen, daß Lothar Matthäus gespielt hat, obwohl er nicht besser war als andere. Thon war die bessere Besetzung, aber er wurde geopfert. Damals habe ich den Eindruck bekommen, daß in Deutschland nicht immer auf Leistung geschaut wird, sondern wichtig ist, was der Öffentlichkeit am besten verkauft werden kann. 2000 war genau das gleiche mit Lothar Matthäus. 2002 war trotz Losglück das schönste Turnier. 2004 lief es von den Mechanismen ähnlich wie 1998 und 2000.
Welt: Würden Sie sich noch einmal auf die Bank setzen?
JL: Ich werde spielen.
Welt: Sie haben beklagt, daß sie als Legionär keine große Lobby haben. Wie haben Sie die Kritik an Dietmar Hamann nach dem 2:2 gegen Holland empfunden?
JL: Es ist typisch deutsch. Die Deutschen brauchen immer einen Schuldigen. Es war ein Organisationsproblem der Mannschaft, da kann man nicht Didi als Synonym für Mißerfolg rausstellen. Er ist der einzige deutsche Spieler, der in den vergangenen Jahren gut im Ausland klargekommen ist. Trotzdem wird er verteufelt, genau wie Robert Huth. Beide lernen in einer Topliga vielleicht mehr in 25 Spielen als wenn jemand hier 50 Spiele macht.
Welt: Geht die Öffentlichkeit in England anders mit Nationalspielern um?
JL: Solange sie sich gut benehmen, wird ihnen Respekt entgegengebracht. Die Leute werden kritisiert, aber nicht verteufelt.

FAZ: Torwartfrage, letzter Stand

Das kann doch keiner mehr hören, das kann doch keiner mehr lesen

Christof Kneer, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, stöhnt in einem Hintergrundgespräch mit dem indirekten freistoss über die Torwartfrage: „Das kann doch keiner mehr hören, das kann doch keiner mehr lesen. Im Herbst 2004 war das vielleicht noch spannend, da haben alle Toni Schumacher angerufen, und wenn der das Handy ausgeschaltet hatte, dann haben sie Uli Stein angerufen. Aber jetzt ist alles von allen gesagt.“ Das ganze Gespräch und weitere wichtige Erkenntnisse über die deutsche Elf und die Medien lesen Sie in der freistoss-Presseanalyse „Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch“, die Sie hier kostenlos bestellen können.

Tsp-Interview mit Otto Schily über Sicherheit bei der WM und den Ticketverkauf

Internationaler Fußball

Ende der Moderne

Ist die Türkei reif für den EU-Beitritt? Tobias Schächter (taz 2.9.) kommentiert die Wiederverpflichtung Fatih Terims als Nationaltrainer: „Nun ist der Imperator zurück und soll dem in die Krise geratenen türkischen Fußball den Weg zur WM 2006 weisen. Vor zweieinhalb Monaten hat der Verband den jungen Nationaltrainer Ersun Yanal entlassen. Dass Verbandspräsident Levent Bicakci ausgerechnet den mittlerweile 51-jährigen Terim mit der heiklen Aufgabe betraut hat, die Milli Takim in der WM-Qualifikation den zweiten Tabellenplatz zu verteidigen, ist Ausdruck von Verzweiflung. Die Angst geht um in der Türkei, zum zweiten Mal hintereinander ein großes Turnier zu verpassen. Die Teilnahme an der EM 2004 verspielte man gegen Lettland. Eine schwere Demütigung, schließlich hatte man sich nach dem dritten Platz bei der WM 2002 auf einer Stufe mit den großen Fußballnationen gewähnt. Der akademisch gebildete Yanal (42) hatte nie eine Lobby bei den Medien. Am Ende verspotteten sie ihn wegen seiner modernen Methoden als ‚Laptop-Trainer’. Zum Fallstrick wurde für Yanal die Ausmusterung der 33 Jahre alten Stürmerlegende Hakan Sükür von Galatasaray Istanbul, die eine Kampagne der Medien nach sich zog und Yanal die ständige Kritik der Galatasaray-Lobbyisten einbrachte. (…) Mit dem autoritären und zur Selbstherrlichkeit neigenden Terim endet die Moderne: Der türkischen Fußball tritt wieder mit einem Kaiser und einem König an.“

Deutsche Elf

Tapsiger, immerfoulender Retrorecke

Christof Kneer (SZ 2.9.) schreibt über die Rückstufung Robert Huths in die U21: „Vielleicht gibt es das manchmal: dass ein Weg zu frei ist. Es schien ein historischer Glücksfall zu sein für Huth, als das Land der Manndecker plötzlich feststellte, dass es gar keine Manndecker mehr gibt. Anderswo wuchsen längst moderne Viererkettenverteidiger, und die einzigen modernen Abwehrspieler, die das Manndeckerland auf die Schnelle auftreiben konnte, waren die 20-Jährigen. Der Fall Huth zeigt exemplarisch, was passieren kann, wenn Spieler Aufgaben übernehmen müssen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Er war der Krisengewinnler, jetzt ist er der Krisengewinnlerverlierer. Vor einem Jahr wurde er noch als zweikampfstarker, stellungssicherer Neuzeitverteidiger bestaunt; seit dem Confed-Cup gilt er als tapsiger, immerfoulender Retrorecke, der in die U21 strafversetzt wurde.“

FR: Robert Huth wird auf Bewährung zur U 21 abkommandiert und sieht seine WM-Chancen trotzdem nicht geschmälert

Albernst

Matti Lieske (BLZ 2.9.) hält einen Großteil der Konversation rund um die deutsche Elf für Geschnatter: „Es gibt eine ganze Reihe von sinnlosen Pseudodiskussionen, die sich derzeit um die deutsche Mannschaft ranken und so zuverlässig wiederkehren wie Ebbe und Flut an der Nordsee. Da wäre die enthusiastisch geführte Torwartdebatte, die auch beim zweitägigen Trainingslager in Berlin pflichtgemäß für Aufregung sorgte, vor allem bei den Journalisten. Dann gibt es das emsige Abklappern einbürgerungswilliger Brasilianer, Franzosen, Südafrikaner, die in Abwehrzentrum, Mittelfeld oder Angriff gesteckt werden sollen, bisher allerdings nicht ins Tor. Und schließlich die albernste Diskussion von allen, darüber, was Jürgen Klinsmann nach der WM 2006 macht. In Berlin hat sich gezeigt, dass der Bundestrainer nicht einmal vormittags weiß, was er nachmittags macht, so oft änderte er das Programm. Wie soll er da wissen, was er in einem Jahr tun wird?“

BLZ: Marcell Jansen und Lukas Sinkiewicz denken offensiv – sie könnten ins Nationalteam passen
FR: Auf Anraten von Dieter Eilts dürfen Sinkiewicz und Jansen bei den Großen mitmachen

SZ: Zur Halbzeit seiner Mission erhöht Bundestrainer Klinsmann die Ansprüche und bittet zum Kampf um die WM-Plätze
FAZ: Konkurrenzkampf um Positionen

Mittwoch, 31. August 2005

Ball und Buchstabe

Mythos

Marcus Anhäuser (SZ/Wissen 31.8.) berichtet die Ergebnisse einer Jugendstudie, die keinen überraschen, der je mit Jugendfußball in Kontakt geraten ist: „Wer bisher geglaubt hat, im Fußballverein würden Jugendliche zu fairem Verhalten erzogen, den belehrt jetzt eine im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Studie eines Besseren: Je länger die Nachwuchskicker im Verein spielen, desto mehr verabschieden sie sich von der Idee des Fairplay, wie die Befragung von über 4500 Jugendfußballern belegt. Das Ergebnis überrascht, weil Politiker und Pädagogen Sport in Vereinen und Verbänden seit jeher als Ort preisen, an dem Jugendliche ‚Toleranz, Streitanstand und Regelakzeptanz’ lernen, wie es Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, ausdrückte. Andere bezeichnen Sport als ‚Königsweg in der Sucht- und Gewaltprävention’ und als ‚Schutzimpfung gegen Jugendkriminaliät’. Schon vor vier Jahren holte eine Studie der Universität Paderborn die Vereinsmeier in die Realität zurück. Damals ging es um den Konsum von Drogen. ‚Bei Bier und Zigaretten sind Vereinsfußballspieler Spitzenreiter’, zerstörte der Sportwissenschaftler Wolf Dieter Brettschneider seinerzeit die Illusion. Bei illegalen Drogen mache es keinen Unterschied, ob Jungs in einem Verein spielen oder nicht. Brettschneider forderte schon damals von den Verantwortlichen mehr Sinn für die Realität. Nun zeigt sich: Auch als Erziehungsanstalt zu mehr Fairplay scheint der Fußballverein ein Mythos zu sein. (…) Je größer das Interesse des Trainers für Fairness ist, desto eher sind seine Schützlinge bereit, fair zu spielen.“

Neue Sehgewohnheiten

Premiere kauft Champions-League-Rechte – Jörg Hahn (FAZ 31.8.) kommentiert: „ARD und ZDF waren am Bieterwettstreit um die europäischen Fußballrechte nicht beteiligt, RTL und Sat.1 spekulierten offenbar auf ein Sonderangebot. Eines Tages könnten die großen vier ohne die wertvollsten Sportrechte dastehen – und womöglich nicht mal mehr bei der Zweit- oder Drittverwertung zum Zuge kommen. Man wird sich als Sportfan neue Sehgewohnheiten zulegen müssen. Es wird weniger ‚umsonst’ geben – und das noch zu anderen Uhrzeiten.“

NZZ: Zeitenwende im deutschen Fussball-Fernsehen
BLZ: Für Fußballfans ist es eine schlechte Nachricht: Premiere hat für drei Jahre die kompletten Fernsehrechte an der Champions League gekauft

FAZ: Bundesliga-Transfers – neues Qualitätsbewußtsein im Schlussverkauf
SpOn-Portrait Halil Altintop

BLZ: Der Rücktritt von Schiedsrichter Collina spaltet Italien
NZZ: Nachruf auf einen Fussballschiedsrichter

Deutsche Elf

Überschätzt

Jürgen Klinsmann und die jungen Spieler – das Herz seiner Reform? Andreas Lesch (BLZ 31.8.) rückt zurecht: „Klinsmann ist für seine Reformen oft gelobt worden. Er ist als der Bundestrainer gefeiert worden, der die Nationalmannschaft entscheidend verjüngt und verändert hat. Wer aber die Liste der Spieler sieht, die Klinsmann erstmals berufen hat, der darf daran zweifeln. Denn die Neulinge haben das Gesicht der deutschen Elf bisher nicht dauerhaft geprägt. Sie stehen nicht für den viel beschriebenen Aufbruch, zumindest nicht allein. Eher scheint es so zu sein, dass einige von ihnen überschätzt wurden. Jeder Debütant wurde als Teil von Klinsmanns Reformwerk wahrgenommen, er wurde mit der gleichen Neugier aufgenommen wie amerikanische Fitnesslehrer, Schweizer Spielerbeobachter und poppige Trainingsmusik. Da fiel es zunächst kaum auf, dass nicht jeder höchsten Ansprüchen genügte. Nur einem der Debütanten, Per Mertesacker, ist sein Platz im Aufgebot für die WM 2006 nicht mehr zu nehmen.“

BLZ: Bastian Schweinsteiger sucht Wege aus dem Abseits
SZ: Valérien Ismaël ist für die DFB–Auswahl tabu
FR-Interview mit Oliver Bierhoff

Dienstag, 30. August 2005

Internationaler Fußball

Bescheidenheit, Vornehmheit, Großmut

Sehr lesenswert! Von wegen Geldgier und Marktdominanz – Paul Ingendaay (FAS 28.8.) betont das Edle Real Madrids: „Noch immer ist es der große Präsident Santiago Bernabeu, der in den Köpfen der Fans lebt: zwölf Jahre lang als Spieler, fünfunddreißig Jahre lang als Präsident. Als Bernabeu 1978 starb, dauerte es geschlagene zwanzig Jahre, bis die europäische Trophäe wieder nach Madrid kam. Wenige wissen, daß vor einem halben Jahrhundert der Verhaltenskodex der Madrider Spieler geprägt wurde: Bernabeu forderte Bescheidenheit, Vornehmheit, Großmut gegenüber den Unterlegenen, was bekanntlich immer die anderen waren – und ein Jackett mit Krawatte. Die beiden größten Madrider Spieler der letzten zwanzig Jahre verkörpern diese Tugenden in idealtypischer Weise: Butragueno und Raul. Beide Stürmer von enormer Vielseitigkeit, physisch unscheinbar und mit genialer Inspiration vor dem Tor. Beide von unzerstörbarer Fairness und Gleichmut. Wenn es einen ‚Geist’ von Real Madrid gibt, woran kein madridista zweifelt, dann liegt er auch darin, daß die Größten immer Stürmer waren, die Kunst, Kampf und Schlitzohrigkeit zu vereinen wußten. Vermutlich ist es dieser Geist, der es Liebhabern des Fußballs so leicht macht, Real Madrid zu mögen. Die Mannschaft muß angreifen. Sie kann genetisch nicht anders. Und sie will dabei auf ihre Kosten kommen. Das Geld ist nur ein pittoreskes Detail, das niemanden wirklich interessiert.“

BLZ: Trainer Bernd Schuster glückt der Einstand beim FC Getafe
NZZ: Famoser Einstand – Robinho revolutioniert Real Madrid in Cádiz

WamS: Das Oligopol aus Juventus Turin, Inter und AC Mailand beherrscht Italiens Serie A
NZZ: Antonio Cassano – vom Rebellen zur Nebelkerze
BLZ: In Italien läuft Fußball jetzt auf Berlusconis Canale 5

NZZ: Feyenoord zählt auf brillantes Stürmerduo

Am Grünen Tisch

Mann des Ausgleichs

Wolfgang Hettfleisch (FR 30.8.) hält Theo Zwanziger für eine „Bestbesetzung“: „Das Gravitationszentrum des Planeten DFB verlagerte sich – anfangs unmerklich – von Gerhard Mayer-Vorfelders Büro nahe dem Stuttgarter Hauptbahnhof in die Verbandszentrale im Frankfurter Stadtwald. Und bald merkten alle: Der alte Fuchs war zahnlos, vielleicht auch des Kämpfens müde geworden. Isoliert saß er in seinem Bau im Württembergischen, ob seiner internationalen Kontakte geduldet, aber nicht mehr gefürchtet. Die Musik machte der Neue: Theo Zwanziger. Das mag anfangs viele überrascht haben, die den heute 60-Jährigen aus Altendiez zwar für rechtschaffen, womöglich aber etwas zu hausbacken hielten, um dem größten Einzelsportverband der Welt seinen Stempel aufzudrücken. (…) Der neue Regent des DFB bleibt ein Mann des Ausgleichs.“

Bundesliga

Beschleunigte Rekonvaleszenz

Literatursoziologie – Ulrich Hartmann (SZ 30.8.) analysiert die Prägung Jürgen Klopps: „Die Comicfiguren Clever und Smart fürchten keine Verwundungen. Die chaotischen Geheimagenten des spanischen Zeichners Francisco Ibanez sind bis zur Unkenntlichkeit derangierbar und stehen selbst nach komplexesten Metamorphosen wieder auf, als sei nichts gewesen. Das hat dem jungen Jürgen Klopp gefallen. ‚Ich habe diese Comics geliebt’, sagt er. Heute ist Klopp 38 Jahre alt, Fußballtrainer und weiß genau, was seine Spieler von Clever und Smart lernen können. ‚Die kurze Regenerationszeit der Figuren fand ich klasse, egal ob man unter die Dampfwalze kommt oder 800 Meter vom Felsen runterfällt – es geht einfach weiter!’ Eine derart beschleunigte Rekonvaleszenz wünscht sich Klopp bisweilen auch für seine Fußballer, mental wie physisch. Doch nach den ersten drei Spielen ahnen die Mainzer, dass die Heilung seine Zeit brauchen wird.“

NZZ: Einer der Profiteure der neuen Situation in Hannover dürfte Ilja Kaenzig heissen

Ascheplatz

Verlust des besten Mitarbeiters

Italiens Verband verbannt Pierluigi Collina wegen eines Werbevertrags in die zweite Liga und veranlasst ihn zum Rücktritt; Dirk Schümer (FAZ 30.8.) schüttelt mit dem Kopf: „Wie kann ein Fußballverband seinen untadelig pfeifenden Frontmann zum Sündenbock machen, wenn Liga-Chef Galliani zugleich wichtigster Sportmanager des Medienmoguls Berlusconi ist und demnach die Fernsehrechte der Serie A quasi ans eigene Haus verkauft? Ist Berlusconi unparteiisch, wenn er Steuerspargesetze für reiche Klubs, also immer auch für seinen AC Mailand, verabschieden läßt? Und was ist mit dem Kuddelmuddel von Spielervermittlern, Beratern und Agenten, die in Italien bis in die Vereinsspitzen verwandtschaftlich versippt sind und bei jedem Transfer heimlich absahnen? Nun traf es also den Pfeifenmann, um den Italien von der Fußballwelt beneidet wird und dem – anders als manchem Kicker und Trainer – niemand Fehlentscheidungen oder gar Bestechlichkeit vorwerfen konnte. In Wahrheit hat der gelernte Anlageberater mit diesem schweren Entschluß in einem verkommenen Milieu wenigstens seine Glaubwürdigkeit – also sein entscheidendes Kapital – wiedergewonnen. Graue Haare wird Collina nie bekommen. Die müssen sich jetzt die Funktionäre und Neider wachsen lassen, die der tristen Serie A ihren besten Mitarbeiter entzogen haben.“

Montag, 29. August 2005

Allgemein

Zuversicht verloren

Daniel Theweleit (FTD 29.8.) sorgt sich um die Entwicklung Lukas Podolskis: „Es scheint im Moment, als habe er den Sprung vom unbekümmerten Zweitligastürmer, dem auch mit geschlossenen Augen alles gelingt, zur WM-Hoffnung einer ganzen Nation nicht verkraftet. Neuerdings winkt er schon mal demonstrativ ab, wenn Mitspieler ungenaue Pässe spielen, im Umgang mit Journalisten tritt ‚Prinz Poldi’ gelegentlich selbstherrlich auf, und so etwas wie sein angedeuteter Tritt zwischen die Beine eines Offenbachers Gegenspielers ist ihm früher nie passiert. Podolski hat seine fast unheimliche Zuversicht verloren – und so ähnlich geht es den Anhängern des Klubs, der nach den letzten Niederlagen in der Bundesliga-Realität angekommen ist.“

Gelernt

Jermaine Jones, gereifter Torschütze und Kapitän – Richard Becker (FAZ 29.8.): „Kämpfen, grätschen, rennen, sich reinhauen – nicht jedermanns Sache im Profifußball. Aber für einen, der von Anfang an hatte kämpfen müssen, einfach ideal. Tätowiert, exaltiert, undiszipliniert – der Dreiklang hielt jahrelang. Inzwischen ist aus dem ‚Frankfurter Bub’ aus dem etwas düsteren Arbeiterstadtteil Bonames ein gestandener Mann geworden. Er hat gelernt, er mußte lernen und hat dafür den Umweg über Bayer Leverkusen auf sich genommen. Das große, in allen Lebenslagen stürmisch veranlagte, inzwischen 23 Jahre alte Talent hatte seine Gaben bisweilen zu sehr ausgelebt.“

sueddeutsche.de: 10 Minuten durfte Mehmet Scholl gegen Berlin sein Können unter Beweis stellen – es waren die schönsten in einem faden Spiel

BLZ: Halil Altintop, vom Himmel gefallen

FAZ: Ailton fühlt sich als König von Besiktas

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 0,927 seconds.