Mittwoch, 20. April 2005
Interview
Von Beckenbauer erwarte ich eine Amerikanisierung des europäischen Fußballs
Daniel Cohn-Bendit im Interview mit Roland Zorn (FAZ 20.4.)
FAZ: Warum wollen Sie Beckenbauer als möglicherweise künftigen Präsidenten der Uefa verhindern helfen und statt dessen Michel Platini in dieser Chefrolle sehen?
DCB: Platini ist kritisch gegenüber dem Fußball-Establishment, weil er sagt, daß sich sein Sport in eine fatale Richtung entwickle. Beckenbauer ist ein Vertreter des herrschenden Establishments.
FAZ: Das könnte man aber auch von Platini sagen. Er sitzt im Exekutivkomitee der Uefa genauso wie in dem der Fifa.
DCB: Das stimmt zwar, aber er sagt dort wie überall, daß der Weltfußball, dominiert von großen Vereinen, großen Ländern, großen Unternehmen, dem großen Geld einen gefährlichen Weg geht. Das muß wieder ins Lot gebracht werden. (…) Franz Beckenbauer hat Verträge mit verschiedenen Firmen, und hat sich, wenn er die Champions League kommentiert, oft über kleine Vereine lustig gemacht. Nach dem Motto: Was will Trondheim eigentlich hier? Außerdem hat er, in der Frage der Europameisterschaftsqualifikation, schon Vorschläge gemacht, wie man die kleinen Länder schneller los wird, damit die großen unter sich bleiben. Dies ist genau das, was Platini angreift. Er will die Champions League reformieren und die großen Klubs dazu zwingen, auch bei den kleinen Vereinen anzutreten. (…) Nach meiner Kenntnis fragt sich ein Drittel der Verbände, warum die Wahl verschoben werden soll. Viele Funktionäre sähen andererseits die Verlängerung ihres Mandats gewiß nicht ungern. Es gibt aber sachlich keinen Grund, die Wahl auf 2007 zu schieben. In jeder normalen Vereinsregelung wird nicht während einer Legislaturperiode der Zeitpunkt der nächsten Wahl verändert. Das geht doch nur für die nächste Wahlperiode. Das Establishment macht im Moment jedoch, soweit ich weiß, mobil und übt immensen Druck auf die kleinen Länder aus, dieser Verlegung zuzustimmen. Da ist ein unwürdiges Geschachere im Gange. (…)
FAZ: Was ist von einem Uefa-Präsidenten Platini und was von einem Uefa-Präsidenten Beckenbauer zu erwarten?
DCB: Der entscheidende Unterschied ist, daß Platini den Kleinen und den Außenseitern eine Chance gäbe. Er würde den sportlichen Wettbewerb verbessern. Von einem Beckenbauer erwarte ich eine weitere Entwicklung in Richtung Amerikanisierung des europäischen Fußballs, an deren Ende die Champions League zu einem Closed Shop würde.
FAZ: Das politische Establishment in Deutschland zeigte sich nicht sehr amüsiert über Ihre „Allianz gegen Franz“. Innenminister Schily sprach in dieser Zeitung von einer „peinlichen Initiative“. Ärgert Sie das?
DCB: Ganz im Gegenteil. Ich habe schon öfters im Leben Widerstand erfahren. Viele jedoch denken nach und unterstützen mich. Das ist ja nicht Grün gegen Rot oder Schwarz. Ich habe manchmal den Eindruck, da ist eine verschworene Gemeinschaft, deren Guru nicht mal hinterfragt werden darf. Man muß doch nicht für Beckenbauer sein, um an einen deutschen Paß zu kommen. Oder wird das in Zukunft die Bedingung für einen türkischen Mitbürger sein, der Deutscher werden will?
FAZ Was macht Sie eigentlich so sicher, daß Sie am Ende nicht Platini selbst verrät, wenn er als möglicher Präsident der Uefa in den Schoß des Establishments zurückkehrt?
DCB: Ich schließe natürlich nichts aus, aber die Fragen, die ich stelle, sind nicht allein personenbezogen. Es geht um den Fußball, den wir lieben.
Ball und Buchstabe
Stückpreis: 1 Euro
„Die Liste der italienischen Dopingskandale wird immer länger“, stellt Peter Hartmann (NZZ 20.4.) fest: „Im italienischen Fussball sind die Urin- und Blutproben, die zur Untersuchung auf EPO an das offizielle Dopinglabor geschickt wurden, stets in ungekühltem Zustand transportiert worden. Nach wenigen Stunden waren die Samples verdorben, und der Nachweis des synthetischen Blutbildungshormons war nicht mehr möglich – die Suche blieb also eine Farce, und sämtliche Tests (insgesamt 780), auch des Urins, ergaben negative Resultate. Auf diesen Missstand ist der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello gestossen (…) Die Ärzte, die in den italienischen Stadien die Proben vornehmen, sind nicht mit sogenannten „Freezern“ oder Eisbeuteln (Stückpreis: 1 Euro) ausgestattet, mit denen sich die Frischhaltetaschen kühlen lassen. Urin, der bei 4 Grad konserviert wird, kann sieben Tage analysiert werden, auf minus 30 Grad tiefgefroren, sogar monatelang. Blutproben werden bei Raumtemperatur nach wenigen Stunden unbrauchbar. Die Ampullen, die im römischen Labor eintrafen, waren alle „ausgelöscht“. Das ist offenbar niemandem aufgefallen.“
Bundesliga
Köppel übernimmt eine Mannschaft ohne Struktur
Richard Leipold (FAZ 20.4.) beleuchtet die Aufgabe Horst Köppels: „Köppel scheint vor allem als Therapeut gefordert. Auf ihm ruht nicht nur die Hoffnung irgendwelcher Profis, die das Wirken Advocaats als sportliche Leidenszeit aufgefaßt haben. Köppel verkörpert in diesen Tagen die Sehnsucht eines ganzen Vereins. Er steht für die Befreiung von der Diktatur des „kleinen Generals“. In seiner bodenständigen Art symbolisiert er das Wir-Gefühl, das der Borussia abhanden gekommen ist. Menschlich wirkt Köppel wie ein Gegenentwurf zu seinem viel höher dekorierten Vorgänger, der vor lauter Sachverstand übersehen hat, daß selbst ein Profiklub ein soziales Gebilde ist. Der große Unterschied liegt darin, daß Köppel es überhaupt für nötig hält, am Arbeitsplatz über ein Minimum hinaus mit anderen zu sprechen, gerade über das Unangenehme. (…) Köppel übernimmt eine Mannschaft ohne Struktur.“
Wo früher jede Grätsche bejubelt wurde, ist plötzlich auch der Hackentrick en vogue
Im Licht, eine ungewohnte Position für Arminia Bielfeld – Peter Penders (FAZ 20.4.): „Es sind ungewohnte Schlagzeilen, mit denen sie in Bielefeld in den vergangenen Wochen umgehen müssen. Daß sich die halbe Branche plötzlich für die Spieler und für den Trainer der Ostwestfalen interessiert, spricht dafür, daß sich bei der Arminia was getan hat. Seit Uwe Rapolder die Bielefelder im Frühjahr vergangenen Jahres übernommen hat, reibt sich mancher Langzeitfan der Arminia die Augen. Wo früher jede Grätsche bejubelt wurde, ist plötzlich auch der Hackentrick en vogue (…) Der Trainer kann zwar nichts dafür, daß der plötzliche Erfolg außerhalb der Stadt fast ausschließlich mit ihm in Verbindung gebracht wird, aber es hat ihm nicht nur Freunde im Verein eingebracht. Das mag kleinkariert und typisch provinziell klingen, ist in diesem Fall aber verständlich und liegt in der Natur des Menschen. So ein wenig Sonnenschein wie derzeit ist gut fürs Gemüt nach all den Jahren des Schattendaseins.“
Ulrich Hartmann (SZ 20.4.) blickt in Uwe Rapolders Gesicht: „Er hat aus dem tristen Fußballstandort Bielefeld eine blühende Oase gemacht, aber sein einstiges Frohlocken ist zuletzt dramatisch umgeschlagen in ein heftiges Nörgeln, denn Rapolder fürchtet die drohende Rückkehr in die frühere Vereinsbestimmung.“
Allein gelassen
Thomas Kilchenstein (FR 20.4.) misst die Resonanz seines Interviews: „Das FR-Interview. Es hat für einigen Wirbel in Ostwestfalen gesorgt, weil Rapolder darin auch von seinen Träumen gesprochen hat: einmal Trainer zu sein in einem Stadion mit 50 000 Zuschauern, einmal Trainer sein bei einem Klub, bei dem wirklich etwas zu bewegen sei. In Bielefeld ist man darob aufgeschreckt, ohnehin kursieren seit langem Gerüchte, der ehrgeizige Trainer plane seinen Abflug zum 1. FC Köln. (…) Es ist ein offenes Geheimnis, dass Rapolder mit Roland Kentsch nicht so gut kann. Bisweilen fühlt sich der Hobby-Philosoph vom Geschäftsführer ausgebremst. Unlängst wollte Rapolder einen weiteren Co-Trainer engagieren, das Gehalt hätte er aus eigener Tasche gezahlt – es wurde ihm nicht gestattet. In der Winterpause wollte Rapolder Uli Stein, den Ur-Bielefelder, in seinen Trainerstab holen – auch das wurde ihm untersagt. Bisweilen fühlen er und Manager Thomas von Hessen sich allein gelassen.“
Dienstag, 19. April 2005
Internationaler Fußball
Wunderbar versöhnliche Sekunden der Fairness
Es geht auch anders, doch so geht es auch. Tobias Schächter (taz 19.4.) berichtet vom Istanbuler Derby zwischen Fenerbahce und Besiktas (3:4): „Der Bosporus verbindet Europa und Asien, aber er trennt die Fußballfans. Mit Fährschiffen kamen die Anhänger von Besiktas über die Meerenge nach Asien, Leuchtraketen schießend und Rettungsringe ins Wasser werfend. Unter Polizeischutz wurde dieser wilde Mob dann in überfüllten Bussen zum Stadion gekarrt. Steine werfende Fenerbahce-Fans säumten den Weg. Die Busse hatten bald keine Scheiben mehr, aber viele Dellen. Als sie leer und unter dem Beifall der „Fener-Fans“ wieder abfuhren, sahen sie wie einem Mad-Max-Film entsprungene Wracks aus. Jagdszenen spielten sich ab, und die berüchtigten „Amigos“, kriminelle Vorsteher von Fanklubs, verteilten von den Vereinen erhaltene Freikarten wie eh und je, obwohl dies seit letztem November nach einem Mord im Besiktas-Stadion verboten ist. Umso verwunderlicher, was sich direkt nach dem Abpfiff dieses denkwürdigen Istanbuler Derbys ereignete: Für Sekunden herrschte eine bedrohliche Stille in den Kurven der Fenerbahce-Fans, und man dachte, der Zorn über die Verlierer würde sich nun Bahn brechen. So oft hat man das erlebt. Wer in Istanbul ein Derby verliert, dem drohen Prügel. Doch diesmal war für einen magischen Moment alles anders. Die „Fenerli“ applaudierten. Sie applaudierten leise und anerkennend. Den Verlierern und den Siegern. An eine solch warmherzige Szene in einem türkischen Fußballstadion konnte sich kaum jemand erinnern. Die Dramaturgie eines leidenschaftlichen Fußballspiels schuf unerwartet und wunderbar versöhnliche Sekunden der Fairness.“
Abflachung der Hierarchie
Georg Bucher (NZZ 19.4.) kommentiert den Höhenflug von Sporting Braga: „Die vermeintlich zementierte Vormachtstellung des Triumvirats Benfica/Porto/Sporting war in der Saison 2000/01 von Boavista durchbrochen worden. Allerdings hatte sich der Bessa-Klub schon in der letzten Dekade als vierte Kraft des portugiesischen Fussballs etabliert und den Rivalen öfters Paroli geboten. Für einen Höhenflug der „Arsenalista“ aus Braga fehlte jegliche Vorwarnung. Sie galten als Cup-Mannschaft, schwankten in der Liga beständig zwischen Uefa-Cup-Rängen und dem Abstiegskampf. Die finanzielle Lage ist seit Jahren angespannt (…) Braga symbolisiert einen Trend, den Wandel vom typisch lusitanischen Starkult zu homogeneren Einheiten, die Abflachung der Hierarchie nicht nur in der Superliga, sondern auch innerhalb der Kader. Prädestiniert, dieser Philosophie Konturen zu verleihen, ist der 58-jährige Jesualdo Ferreira. (…) Braga hat gegen kleinere Klubs Federn gelassen und sich zur Freude des Erzbischofs Dom Jorge Ortega den Ruf eines barmherzigen Samariters erworben. Laizistische Kreise ziehen die Bezeichnung Robin Hood vor.“
NZZ: zur Lage in Österreich
Ball und Buchstabe
Wunsch nach aktiver Teilhabe am Ereignis
Fußballfans und Gewalt, ein traditioneller Forschungsgegenstand für Soziologen – Eine These von Michael Gamper (NZZaS 17.4.): „Die Hooligans sind die modernen „Barbaren mitten unter uns“, sie sind die Negation der Zivilisation und ihrer dominanten Leitwerte und Machttechniken, die das staatliche Gewaltmonopol verlangen und den kollektiven Exzess verbieten. Und für den Sport, im Besonderen den Fussball, sind sie das hässliche Kehrgesicht dessen, was sich Vereine und Verbände wünschen: Kampf, Leidenschaft, Erfolg, Profit. Doch der Skandal des randalierenden Hooligans ist, ebenso wie der des gestreckten Beins, immer vor allem einer aus der Perspektive der Mächtigen des Fussballs. (…) Die Fackelwürfe der Interisti und die Prügeleien der Juve-Anhänger sind auch der Versuch, für unterdrückte soziale Formen Handlungsspielraum zurückzuerobern. Zum einen ist es der Thrill der direkten körperlichen Konfrontation, des Kampfes in der Gruppe gegen eine andere, der hier gesucht wird und der sonst kaum mehr möglich ist. Zum anderen ist es aber der Wunsch nach aktiver Teilhabe am Ereignis „Fussballspiel“, der bis zur letzten Konsequenz wahrgenommen wird. Die Entscheidung über den „Fussball“ wird dann nicht mehr den Millionären auf dem Rasen, in den Vereinsvorständen und in den Fernsehkonzernen überlassen. Die Handvoll Euro für das Eintrittsticket ist dann die Legitimation, Teil zu werden des Spektakels: mit Anfeuerungsrufen, mit Transparenten – und letztlich mit Fackelwürfen.“
Rekrutierungszentrum und Ausbildungscamp
Markus Lotter (WamS 17.4.) warnt vor Politisierung in Italiens Fan-Szene: „Immer mehr Stadien in Italien mutieren zu politischen Arenen. Welche Ausmaße dieses Phänomen bereits angenommen hat, offenbarte sich beim Spiel von Lazio Rom gegen Livorno. Fahnen mit Hakenkreuzen wurden in der Lazio-Kurve geschwenkt, Transparente mit SS-Symbolen und Slogans wie „Rom ist faschistisch“ angebracht. Als Lazio-Präsident Claudio Lotito nach dem Sieg die Fans grüßte, hallten „Duce“- Rufe durch das Stadio Olympico. Lotito versuchte, auf Distanz zu gehen: „Der Sport darf sich nicht mit Politik vermischen.“ Zu spät. Vor allem in Rom mißbrauchen rechtsextreme Gruppierungen die Fankurven als Rekrutierungszentrum und Ausbildungscamp.“
Nur der übliche Haschischrauch
Wie ist das Wochenende in Italiens Fankurven verlaufen, Peter Hartmann (NZZ 19.4.)? „Keine Zwischenfälle in den italienischen Arenen nach Ausrufung des Null-Toleranz-Zustandes durch den Innenminister Giuseppe Pisanu. Aus der Curva Nord von San Siro stieg nur noch der übliche Haschischrauch auf. Der Calcio probte unter Einsatz von Carabinieri-Sondereinheiten die Rückkehr zur verlorenen Normalität. Aber die Stadien blieben halb leer, das Publikum hat sein Lieblingsspielzeug angewidert und protestierend fallengelassen. Dafür sprechen auch die sinkenden Quoten der Brüll- Diskussionen und Lynchjustiz-Tribunale gegen Schiedsrichter im Fernsehen.“
Was habt denn ihr verbrochen, dass euch die Uefa so bestraft?
Birgit Schönau (SZ 19.4.) sammelt: „Diesmal sei ‚das einzige, was in der Kurve qualmte’, die Joints gewesen, mit denen sich die Tifosi allsonntäglich den calcio schönrauchten, schreibt La Repubblica. (…) Der neueste Inter-Witz: ‚Massimo Moratti (Vereinsbesitzer) hat erfahren, dass sich das Konklave bei verschlossenen Türen abspielt. Da geht er zu Ratzinger und fragt: Was habt denn ihr verbrochen, dass euch die Uefa so bestraft?‘“
Bundesliga
Selten hat sich ein Verein einem Trainer derart ausgeliefert
Klaus Hoeltzenbein (SZ 19.4.) hält die Trennung von Advocaat und Borussia Mönchengladbach für überfällig: „Dick Advocaat geht, aber es wird für immer etwas von ihm bleiben: den deutschen Rekord in Personal-Entscheidungen, den hat der Niederländer sicher. Da kommt kein Konzernvorstand und kein Mittelständler mehr hinterher, in nur 167 Tagen hat nie zuvor ein Leitender Angestellter sein Personal derart durch den Hauptwaschgang gejagt. Rein in die Tonne, raus aus der Tonne, rauf auf die Tribüne, runter auf den Platz – Beobachter kamen nicht mehr mit, und diejenigen, die durch dieses pädagogisch-chemische Verfahren von ihrem Makel befreit werden sollten, erlitten eine Art Schleudertrauma. Selten wurde eine Elf beobachtet, die derart hilflos Orientierung suchte, selten hat sich ein Verein einem Trainer derart ausgeliefert.“
Auch eine Niederlage für die Vereinsführung
„Selbst beim Rücktritt scheitert Advocaat“, beschreibt Richard Leipold (FAZ 19.4.) die Kündigung im zweiten Anlauf: „Als früherer Trainer der niederländischen Nationalelf und einiger Spitzenmannschaften des europäischen Vereinsfußballs mag Advocaat einen großen Namen gehabt haben, als er nach Gladbach kam. Dennoch war sein Mißerfolg an diesem Hort des emotionalen Fußballs programmiert. Ein so distanzierter Trainer, den weder Medien noch Fans interessieren, paßte von Anfang an nicht zu diesem traditionsbeladenen, volksnahen Verein. In Mannschaftskreisen wurden Advocaat und sein Assistent zuletzt als „Dick und Doof“ verspottet. Sein Rücktritt ist auch eine Niederlage für die Vereinsführung, die den Klub nach erfolgreicher Sanierung mittelfristig zurück in die Spitzengruppe der Bundesliga führen will.“
Konzeptlosigkeit
Jörg Hanau (FR 19.4.) verweist auf die Verantwortung Christian Hochstätters: „Hochstätter ist der Strippenzieher im Borussen-Park – und der eigentliche Hauptschuldige am tiefen Fall. Advocaat ist nun schon der dritte Trainer, der unter seiner Verantwortung gescheitert ist. Zufall? Fällt mittlerweile schwer zu glauben. Zu offenkundig ist die Konzeptlosigkeit bei der Personalplanung des Managers. Die Fehleinkäufe des vergangenen Sommers hat Hochstätter ebenso zu verantworten wie die Kaufwut zwischen den Jahren. Advocaat hat resigniert und mit dem konsequenten Rückzug Größe bewiesen. Nun muss sich auch Hochstätter fragen lassen, ob er noch der richtige Mann am richtigen Ort ist.“
FR-Interview mit Josef Schnusenberg, Schalke-Finanzvorstand
Montag, 18. April 2005
Allgemein
Die Substanz seines Fleisches repräsentiert die wirtschaftliche Gesundheit des Vereins
Andreas Bernard (SZ-Magazin 15.4.) erläutert das Prinzip Uli Hoeneß: „Wenn Uli Hoeneß mit der ganzen Fülle seines Körpers für das Wohl des FC Bayern einsteht, muss man das merkwürdig große Medieninteresse für seine Abmagerungskur um die Jahreswende gerade in diesem Zusammenhang sehen. Warum werden ganzseitige Zeitungsinterviews über den Verlust von 16 Kilogramm Gewicht geführt? Genau aus dem Grund, weil Uli Hoeneß mit dem FC Bayern identisch ist, weil die Substanz seines Fleisches die wirtschaftliche Gesundheit des Vereins repräsentiert. An das Schwinden dieser Substanz ist nicht nur die Befindlichkeit eines Privatmenschen gebunden, der seinen Gürtel wieder enger schnallen kann, sondern der Zustand des Vereins selbst.“
Drohung
Marcus Bark (BLZ 18.4.) erlebt Hoeneß, bellend vor Zorn: „Der eifrige ZDF-Reporter Rolf Töpperwien hätte am liebsten jeden Bayern abgebusselt, nachdem er von Uli Hoeneß verbal abgewatscht worden war. Töpperwien hatte sich die Frage erlaubt, ob es nicht glücklich gewesen sei, dass der in der 87. Minute eingewechselte Owen Hargreaves nach 89 Minuten und 40 Sekunden traf. Nach einem mittleren Wutanfall von Hoeneß einigten sich die Gesprächspartner darauf, dass es „schön“ gewesen sei. Danach fasste der Manager einen Entschluss. Mit hochrotem Kopf und erhobenem Zeigefinger drohte er Münchner Journalisten, in den nächsten Tagen gar nichts mehr zu sagen. Die Berichte über das Aus in der Champions League hatten ihm nicht gefallen.“
Tsp: Bei der Zeit-Matinee erobert Bayerns Manager Uli Hoeneß mit guten Geschichten das Publikum
Sonderrolle
Frank Heike (FAS 17.4.) beschreibt wohlwollend Weg und Ziel Thomas Brdaric’: „Beim Nationalstürmer, einem Weltmeister der Eigenvermarktung, wird etwas genauer hingeschaut, schnell entsteht Neid, und so kam es, daß Thomas Brdaric in wenigen Wochen des Jahres 2005 viele Wolfsburger Fans und Teile der Mannschaft gegen sich aufgebracht hat. Das ist eigentlich unverdient, denn Thomas Brdaric ist ein sympathischer Typ, der (oft) sagt, was er denkt und dazu noch gut und humorvoll parlieren kann. Seine Spielweise ist aufregend und riskant, dabei natürlich voller Fehler. Wenn aber die Tore fehlen, sind mediale Alleingänge und Sololäufe eben nicht gern gesehen. Brdaric hat dabei zuletzt wenig Fettnäpfe ausgelassen. Er fordert für sich eine Sonderrolle, weil er sich als Nationalspieler als etwas Besonderes fühlt. Daß er in Klinsmanns Rangliste allenfalls die Nummer fünf oder sechs ist, spielt für Brdaric keine Rolle. Man muß das verstehen: Er hat sich zäh und geduldig hochgearbeitet, lange in der zweiten Liga gespielt, und möchte im reifen Stürmeralter jetzt den Lorbeer ernten.“
Interview
Ich habe Ehefrauen Anweisung gegeben, bei der Liebe oben zu liegen
Irre! Carlos Bilardo mit Ulrike Putz (11 Freunde in Spiegel Online)
11 Freunde: Dass Sie, als Sie noch Trainer waren, wenig über Ihre Methoden verraten haben, hat zu den wildesten Spekulationen geführt und Ihnen besagte Feinde gemacht. Wäre etwas mehr Transparenz nicht sinnvoll gewesen?
CB: Meine Methoden waren schon immer, nun ja, außergewöhnlich. Ich habe Spieler aus dem Tiefschlaf gerissen um zu fragen, wen sie im nächsten Spiel decken sollen. Andere habe ich noch im Flugzeug auf dem Gang dribbeln lassen. Und ich habe den Jungs eingebläut, dass sie gewinnen müssen. Fast egal wie. Leute mit Quadratschädeln haben da halt Probleme mit. Am Tag, an dem wir 1986 nach Mexiko zur WM fuhren, hat die größte argentinische Tageszeitung eine Art Hinrichtung meiner Person veröffentlicht. Ich sei am Ende, hätte den argentinischen Fußball ruiniert, sei eine Schande für unser Land. Es wurde prophezeit, dass wir versagen würden – aber hey, wir haben gewonnen. Und ich hatte wieder ein paar Feinde mehr, nämlich all die, die sich geirrt haben.
11 Freunde: Einige Ihrer Methoden waren doch aber durchaus fragwürdig. Als Spieler waren Sie als Treter gefürchtet, sollen Gegner mit Nadeln traktiert und Torwarten Sand in die Augen geworfen haben. In Ihrer Zeit als Trainer kam es immer wieder vor, dass auf Spielfeldern urplötzlich dort Pfützen auftauchten, wo es den Gegner am meisten stören würde – obwohl es nicht geregnet hatte. Ist das nicht unsportlich?
CB: Im Fußball ist es wie in der Politik. Man muss gerissen sein und darf niemandem vertrauen. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich mich in alles einmische, auch in das Privatleben der Spieler. Ich habe ihren Ehefrauen Anweisung gegeben, bei der Liebe oben zu liegen, damit sich die Jungs schonen, da hat noch kein europäischer Trainer das Wort Sex je in den Mund genommen. Und zu den Lügen, ich hätte gespuckt, getreten, gekniffen: Dass wir mit Estudiantes de La Plata als kleiner Club von 1967 an so ziemlich alles gewannen – die Meisterschaft, die Copa Libertadores, den Weltpokal – hat den alteingesessenen Clubs nicht gepasst. Da wurde eine Kampagne gegen mich gestartet. Und seitdem ist es immer die gleiche Leier: Bilardo, el Lóco, der Verrückte. (…)
11 Freunde: Sie arbeiten heute nicht mehr als Trainer. Stattdessen haben Sie bei La Red, dem wichtigsten argentinischen Sportsender, eine tägliche Radioshow. Sie haben sich vorhin als Macher definiert. Zieht es Sie nicht wieder auf die Trainerbank?
CB: Nein, man muss auch aufhören können. Ich habe in der ganzen Welt Fußballschulen gegründet, arbeite für die Fifa, schreibe, bin Journalist. Das muss reichen. Außerdem verbringe ich wieder mehr Zeit im Krankenhaus. Ich bin ja von Haus aus Gynäkologe. Und weil mich das Fach immer noch interessiert, gehe ich bei alten Kollegen vorbei und begleite sie auf Visite, vor allem nachts.
11 Freunde: Aber nachts müssen Sie doch Ihre Sendung moderieren?
CB: Ja, das macht nichts. Ich schalte mich dann per Handy dazu. Letztens sogar aus dem Kreißsaal.
Champions League
Von Zeit zu Zeit zeigt sich die häßliche Fratze dem Premiumprodukt
Imageverlust für die Champions League? Michael Ashelm (FAS 17.4.) recherchiert: „Wie sich zeigt, ist es in dieser Spielzeit allein in der „Königsklasse“ zu mehreren bedenklichen Vorfällen gekommen, die von den großen Finanziers des Elite-Wettbewerbs sicherlich mit anfänglicher Beunruhigung registriert worden sind. Gesteigerte Aggressivität, Pöbeleien, Rassismus, Gewalt – hier und da ist der Spitzenfußball deshalb in die Schlagzeilen geraten. (…) „Solche schlechten Geschichten wollen die Top-Sponsoren nicht haben. Das Premiumprodukt Champions League braucht Seriosität, Exklusivität und keine Mißtöne“, sagt Stephan Schröder vom Kölner Marktforschungsinstitut Sport und Markt. Hier weiß man, wie sehr schlechte Bilder die Sponsoren aufschrecken können. „Da kommen ganz schnell komische Fragen des Vorstands an die Verantwortlichen im Marketing, ob der Fußball wieder bei Heysel ist“, so Schröder. Beim Automobilkonzern Ford, einem der vier großen Werbepartner, formuliert ein Sprecher die Erwartungen: „Wir wollen begeisternde Spiele in einer schönen Atmosphäre sehen.“ Das funktioniert nicht immer im Fußball. Von Zeit zu Zeit zeigt sich die häßliche Fratze, was besorgniserregend, aber ganz sicher kein besonderes Phänomen ist.“
Bundesliga
Im Alltag genügen viel zu oft durchschnittliche Leistungen
Von wegen Glück – Michael Horeni (FAZ 18.4.) erklärt den Erfolg Bayern Münchens: „Die Kategorien Glück und Pech, die Schalke bei seinem verlorenen Titelendspurt 2001 schon zur Genüge strapazierte (das reicht für ein ganzes Fan-Leben), taugten in dieser Spielzeit keineswegs für einen Vergleich mit dem FC Bayern. In wenigen Sekunden verdichtete sich im Fernvergleich vielmehr eine seit Jahren erkennbare Tendenz, daß deutsche Klubmannschaften bis auf den FC Bayern kaum in der Lage sind, entscheidende Spiele selbst im nationalen Wettbewerb zu gewinnen. (…) Im Alltag genügen viel zu oft durchschnittliche Leistungen und ein paar Standardsituationen, um eine Partie zu gewinnen. Die läuferische Intensität in den Spielen ist vergleichsweise gering, technisch anspruchsvoller Fußball bei höchstem Tempo und taktische Meisterleistungen finden sich vielleicht in England, Spanien und Italien, nicht aber in der Bundesliga, die weit mehr vom Spannungsmoment des Ligabetriebes, der sich von selbst ergibt, als von der Qualität der Klubs Samstag für Samstag lebt.“
Logischer Champion
Auch Andreas Burkert (SZ 18.4.) verweist auf die Schwäche der Konkurrenz: „Die 42. Saison bringt einen besonders logischen Champion hervor. Denn sie haben ihre Potenz (das meiste Geld, die meisten Könner) wieder in eine routiniert dominante Leistung verwandelt. Die Konkurrenz dagegen verkraftete entweder die anstrengenden Europacup-Nächte nicht (Bremen), welche die Bayern seit Jahren vorbildhaft kompensieren – sie hat auf das Phänomen Druck (über-)reagiert wie die ausgelaugten Schalker, die sich nach dem 1:0 über Bayern inklusive Tabellenführung offenbar arg erschrocken haben –, oder sie haben partout nicht über den Titel reden wollen wie der VfB mit Coach Sammer, dessen Zurückhaltung allzu oft am Stil seines Teams abzulesen war. Der FC Bayern dagegen hat unter seinem neuen Trainer Magath einen Weg gefunden, seine Überlegenheit auszuschöpfen. Wofür Magath ansonsten steht, dürfte sich wohl erst nach dieser Spielzeit der Neuorientierung zeigen. Eine Sammlung galagleicher Auftritte wird jedenfalls von seinem ersten Trainertitel nicht in Erinnerung bleiben. Denn viel mehr als Ausdauer und der von Magath wiederbelebte Behauptungswille ist seinem Team selten verlangt worden – zu groß ist die Leistungslücke, die zu den Herausforderern klafft.“
Mit Dusel hatte es nichts zu tun
Ein Déjà-vu für Matti Lieske (taz 18.4.) – und ein Déjà-entendu: „Die Bayern hatten nach ihrem als bitter empfundenen Ausscheiden in der Champions League nicht überragend gespielt, aber ordentlich, Owen Hargreaves schoss in letzter Minute ein wunderbares Tor zum verdienten Sieg, die Verfolger spielten jämmerlich. Das war in gewisser Weise typisch, mit Dusel hatte es nichts zu tun. Typisch aber auch, dass die Konkurrenten kollektiv ihre Kapitulation verkündeten. Fragte man bei einem Rückstand von sechs Punkten fünf Spieltage vor Schluss Hoeneß, Beckenbauer, Kahn oder Rummenigge, ob die Meisterschaft entschieden sei, sie würden einem gehörig heimleuchten.“
Laiendarsteller auf dem Regiestuhl
Worauf sind die Niederlagen Schalkes zurückzuführen, Richard Leipold (FAZ 18.4.)? „Die Hauptursache sieht Assauer in der Qualität „der Spieler dreizehn, vierzehn und fünfzehn“. Im Gegensatz zu den Bayern sei Schalke nicht in der Lage, jede Stammkraft nahezu gleichwertig zu ersetzen. Er spielte auf das Fehlen der gesperrten Stammkräfte Bordon und Lincoln an. Gegen den zunächst verschlafenen HSV konnten die Gelsenkirchener vor allem ihren Regisseur Lincoln nicht angemessen ersetzen. Weder Christian Poulsen noch Hamit Altintop und auch nicht der ins Mittelfeld zurückgezogene Stürmer Ebbe Sand vermochten, bei allem Eifer, auch nur eine jener Ideen zu entwickeln, auf die vor allem der diesmal beinahe unsichtbare Torjäger Ailton angewiesen ist. In ihrem Bemühen um Kreativität wirkten Lincolns Vertreter wie Laiendarsteller auf dem Regiestuhl.“
Irrtum
Gregor Derichs (FAZ 18.4.) kommentiert die Ablehnung des Rücktritts Dick Advocaats: „Eine Auflösung des im November des Vorjahrs geschlossenen und bis 2007 laufenden Vertrages wäre auch einer Bankrotterklärung für die Personalpolitik der Gladbacher Verantwortlichen gleichgekommen. Advocaat soll seine zusammengewürfelte Truppe, in die neun Spieler zu Saisonbeginn und sieben weitere Zugänge in der Winterpause zu integrieren waren, selbst aus dem Schlamassel führen. Dabei wird die Verpflichtung des Trainers im Umfeld, aber auch von Mitarbeitern des Klubs, als Irrtum eingestuft. Beim Publikum hat Advocaat seinen spärlichen Kredit schon aufgezehrt. Aufruhr herrscht auch im aufgeblähten Kader.“
Übler, erfolgloser Fußball
Ulrich Hartmann (SZ 18.4.) bemerkt zur Lage in Gladbach: „Es herrscht panische Ratlosigkeit im Verein, weil weder der verpflichtete Trainer Advocaat noch dessen verpflichtete sieben Fußballer noch die überhaupt hohen Investitionen in die Mannschaft irgendetwas Positives bewirkt haben. Die Mannschaft spielt üblen, erfolglosen Fußball, und die Fans rebellieren, aber das Schlimmste droht dem Klub bei einem Abstieg, denn in der zweiten Liga lassen sich die enormen Investitionen ins Stadion und in die Mannschaft nicht annähernd amortisieren.“
Schizophrener Auftritt
Javier Cáceres (SZ 18.4.) hält den Stuttgartern Unentschlossenheit vor: „Es war ein durch und durch schizophrener Auftritt, den sich die Stuttgarter leisteten, und er war symptomatisch für die derzeit herrschende Meinungsvielfalt in der Mannschaft und ihrem Umfeld. Denn so wie man sich auf dem Rasen nicht verständigen konnte, ob man Rostock besser durch Ausschüttung von Testosteron oder aber fußballerisches Talent besiegen wolle, war man sich bislang nicht darüber einig, wonach man nun eigentlich trachtet.“
Eine fast perfekte Synthese aus Abwehrbollwerk und kreativer Unruhe
Bremens Trend geht nach untern, Berlins Trend nach oben – Jörg Marwedel (SZ 18.4.): „Der „neue“ Marcelinho will sich einen Imageberater zulegen, um den Ruf des Diskokönigs loszuwerden, doch das ist eigentlich überflüssig, wenn er und das Team so weiterspielen wie in Bremen. Die Berliner Harmoniker scheinen nämlich eine neue Entwicklungsstufe erklommen zu haben – eine fast perfekte Synthese aus Abwehrbollwerk und kreativer Unruhe, deren Hauptquelle der über das Feld streunende Marcelinho ist. Meist ließ man die Bremer das Spiel machen, um sie dann mit nur zwei, drei Zügen zu überrumpeln. Aus Sicht von Dieter Hoeneß hat Falko Götz nun „perfektioniert, was sein Vorgänger Hans Meyer eingeleitet hat“. Nicht einmal gegen einen Vergleich mit Chelsea London mochte Hoeneß sich sträuben. (…) Das Kollektiv war Werders große Stärke im Meisterjahr, jetzt funktioniert es nicht mehr reibungslos.“
Trainerstimmen zum Spieltag, sueddeutsche.de
Bildstrecke, sueddeutsche.de
Samstag, 16. April 2005
Interview
Pressure, Cover, Balance
Uwe Rapolder mit Frank Hellmann & Thomas Kilchenstein (FR 16.4.)
FR: Sie machen manches anders in der Liga. Was?
UR: Grätschen sehe ich nicht so gern. Da pfeife ich im Training ab. Ein guter Abwehrspieler braucht nicht grätschen, der antizipiert.
FR: Sie trainieren immer nachmittags.
UR: Ja, können Sie mir die Logik erklären, dass man um 15.30 Uhr spielt, aber um 10 morgens trainiert? Wenn ich um 15 Uhr fit sein muss, warum soll ich dann um 10 trainieren? Für mich ist das das logischste von der Welt. Ich glaube, wir trainieren auch intensiver.
FR: Und Sie legen sehr großem Wert auf eine theoretischen Überbau.
UR: Die Spieler müssen wissen, warum wir so spielen und so trainieren. Bei uns gibt es keine Geheimnisse, keine Wunder. Zu Beginn meiner Tätigkeit in Bielefeld habe ich praktisch jede Trainingseinheit erst an der Tafel erklärt. Und wir haben uns das Spiel Chelsea gegen Bayern angeguckt. Ich bin ein Fan des vergleichenden Denkens. Man muss sich immer mit den Großen vergleichen. Und: Die Taktik muss stimmig sein mit dem Spielsystem, deshalb erkläre ich taktische Dinge oft an der Tafel. Sie können jeder Mannschaft in zwei Wochen ein neues Spielsystem verpassen. Pressure, Cover, Balance. Das sind die drei entscheidende Dinge im Fußball: Einer greift an, der andere sichert, der Rest schiebt.
FR: Ist Chelsea derzeit da das Maß aller Dinge?
UR: Nein. Was die machen ist Effizienzfußball hoch drei. Ich möchte schon noch was von Barcelona dabei haben, ein bisschen Eleganz. Meine Philosophie ist mehr Dominanz. Das Spiel in die Hälfte des Gegners verlegen, territorial, wenn ich so sagen darf, den Raum beherrschen und Dominanz ausüben. Das ist in Bielefeld schwer möglich. Da kannst du den Gegner nicht dominieren, höchstens kontrollieren.
FR: Ihnen scheint als Trainer lange das „Standing“ gefehlt zu haben?
UR: Ich als ehemaliger Zweitliga-Profi war immer No-Name-Trainer. Als ich mit dem FC St. Gallen bei einem Trainingslager in Spanien Werner Lorant getroffen habe, hat der zum Bernhard Trares geblökt: „Was will der denn? Wo hat der denn gekickt?“ So haben die meisten in Deutschland gedacht.
FR: Kein Name, kein Job?
UR: Du musst als Neuer einbrechen in diese Phalanx der Ex-Spieler; das ist ganz schwierig. Und wenn du dann noch mit neuen Methoden kommst, kannst du es fast nicht schaffen. Allzu oft wird einfach ein bekannter Name verpflichtet, damit das Volk still hält. (…)
FR: Ein Egomane ist für Sie keine Spielerpersönlichkeit.
UR: Das ist auch so. Beim Führungsspieler ist das soziale Verhalten entscheidend. So einer ordnet sich auch unter.
FR: Dann ist Oliver Kahn doch kein Führungsspieler, oder?
UR: Gegenfrage: Hat er nicht seit Jürgen Klinsmann einen Umschwung zu verzeichnen? Klinsmann weiß doch genau, warum er im Tor die Rotation in Gang gesetzt hat. Oliver Kahn ist seitdem eindeutig sozial verträglicher geworden, ist vom Ego-Trip runter gegangen. Das finde ich in dem Alter ganz stark, einsichtiger, bescheidener und demütiger zu werden. Das hat Klinsmann ihm ein bisschen beigebracht. (…) Ich war bisher nie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Deshalb sage ich bewusst nicht, dass ich bis 2007 bei Bielefeld bleibe. Ich bin der Arminia sehr dankbar, aber ich habe auch alles zurückgezahlt. Der Klub ist de facto entschuldet, hat die Klasse sicher und steht im Pokal-Halbfinale. Als ich kam, war der Verein Achter in der zweiten Liga, und es hieß, das Team sei nicht besser.
Wir müssen in Deutschland früher darauf achten, junge Spieler zu Athleten auszubilden
Ralf Rangnick mit Christian Gödecke (SpOn 15.4.)
SpOn: Warum steht Deutschland international so schlecht da?
RR: Das hat mehrere Gründe. Bei den Summen, die in England, Italien oder Spanien für Ablöse und Gehalt gezahlt werden, kann nicht mal Bayern München mithalten. Die anderen Vereine der Bundesliga noch weniger. Aber es ist nicht nur das Geld. Gestern habe ich mir das Spiel Eindhoven gegen Lyon angeschaut und mir ist aufgefallen, wie brutal athletisch die beiden Teams ausgebildet sind. Technisch war das kein Leckerbissen, aber 120 Minuten höchstes Tempo. Ich habe mir richtig Sorgen um den Schiedsrichter gemacht, weil er so viel laufen musste. Und zwischen Chelsea und Bayern gab es gerade im Hinspiel gravierende Unterschiede in Punkto Power und auch Härte. Da haben wir in Deutschland Nachholbedarf.
SpOn: Und das Modell Stuttgart? Kann man nicht auch mit wenig Geld und guter Nachwuchsarbeit Erfolg haben?
RR: Das ist ein anderes Thema. Auch hier: Schauen Sie sich Chelseas Lampard, Cole oder Drogba an. Das sind Modellathleten. Wir müssen auch in Deutschland noch früher darauf achten, junge Spieler zu Athleten auszubilden. Ich habe den Eindruck, dass wir mit unseren jungen Talenten immer noch zu schonend umgehen, nach dem Motto „bloß nicht zu früh verheizen“. Das muss sich ändern. In anderen Sportarten passiert das teilweise schon mit 10-Jährigen. Ich meine jetzt bewusst nicht die Methoden, die in der ehemaligen DDR angewandt wurden. In Deutschland gilt ein Spieler mit 21 noch als Talent. Mehmet Scholl zum Beispiel galt noch als Talent, da war der schon 28. Aber ein Wayne Rooney war in Everton schon mit 17 Stammspieler in der Nationalmannschaft. Und wie weit sind unsere 17-Jährigen?
Bundesliga
Loserfußball erster Güte
Matti Lieske (taz 16.4.) rückt das Lob für Bayern München zurecht: „Immer wieder wurde die Feldüberlegenheit der Bayern erwähnt, wurden ihre Torchancen aufgezählt, die man eben nur hätte nutzen müssen, dann wäre alles anders gekommen. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. In Wirklichkeit hat Bayern München, auf Champions-League-Niveau übertragen, gespielt wie ein Absteiger: Eine Zeit lang prächtig aufspielen, Torgelegenheiten erarbeiten und diese kläglichst vergeben, schließlich das dumme Gegentor zum Verhängnis kassieren, das kennen in der Bundesliga Mannschaften wie Freiburg, Rostock, Bochum oder Mainz zur Genüge. Das ist Loserfußball erster Güte. Fast alle Kommentatoren machten den Fehler, das Spiel so zu bewerten, als sei es beim Stand von 0:0 losgegangen. Das war mitnichten der Fall. Der FC Chelsea hatte zwei Tore Vorsprung, und so spielte er auch. Gerade die aufreizende Überheblichkeit, mit der sich das Team auf das Nötigste beschränkte, Bayern getrost stürmen ließ, stets überzeugt, jederzeit ein Tor schießen zu können, zeigte, wie groß der Klassenunterschied zwischen beiden Teams tatsächlich ist und wie wenig Mourinho die Bayern ernst nahm. Chelsea war in den beiden Partien keine Sekunde lang in Gefahr, den Kürzeren zu ziehen. Dass sie fünf Minuten zu früh abschalteten und deshalb nicht zweimal siegten, kann man nicht ernsthaft als Beleg für Bayern-Qualität werten. Umso trügerischer die Sicherheit, in der sich die Münchner nach dem Chelsea-Match bezüglich deutscher Meisterschaft und Pokalsieg wogen.“
Das Verpassen eines sportlichen Zieles wirkt beim FC Bayern immer nach
Elisabeth Schlammerl (FAZ 16.4.) schreibt über die Folgen des Ausscheidens: „So schlimm ist die Lage in München vermutlich nicht, wie der Boulevard sie beschreibt. Allerdings auch nicht so rosig, wie sie die Verantwortlichen nach dem Aus gegen Chelsea gesehen haben. Denn das Verpassen eines sportlichen Zieles wirkt beim FC Bayern immer nach, also auch dieses Scheitern. Das gesamte Personal kommt auf den Prüfstand, intern und extern. Natürlich auch der Trainer. Im vergangenen Jahr begann nach dem Ausscheiden im Achtelfinale gegen Real Madrid die Demontage von Ottmar Hitzfeld. Magath wird dies sicher nicht passieren, aber sein Image könnte ein paar Kratzer bekommen, schafft er es nicht, die Mannschaft bei Laune zu halten und einzuschwören auf das Erreichen der nationalen Ziele.“
Neue deutsche Welle
Nicht nur Richard Leipold (FAZ 16.4.) hat den Aufschwung Borussia Dortmunds nicht erwartet: „Nach einem nicht nur wirtschaftlich harten Winter erlebt die Borussia ein sportliches Frühlingserwachen. Eine Serie von drei Siegen über ambitionierte Mannschaften wie Hamburg, Berlin und Leverkusen haben aus einer scheinbar zerrütteten Ansammlung von Einzelkämpfern eine starke Gemeinschaft gemacht. (…) Die neue deutsche Welle hat sogar einige Spieler aus der näheren Umgebung in die Stammelf gespült. Das Publikum goutiert diesen Trend. Trotz anhaltender Enttäuschungen bleiben die Fans auf breiter Basis treu.“
Unaufdringliche Warmherzigkeit
Freddie Röckenhaus (SZ 16.4.) sammelt Lob für Bert van Marwijk: „Selbst Lars Ricken, den van Marwijk während der Hinrunde komplett ausgemustert, degradiert, gedemütigt hatte, schwört mittlerweile auf den Trainer, weil der Rickens totalen Abstieg ebenso cool durchgezogen hatte wie Rickens Aufstieg zum Führungsspieler in den letzten zehn Wochen. Hinter der kühlen Fassade schätzen die Spieler an van Marwijk offenbar eine unaufdringliche Warmherzigkeit, ein erstaunlich genaues Verständnis für die Lebenslagen eines Profis. Van Marwijk war in dem an Stars reichen Holland mit nur einem Länderspiel als Spieler kein Überflieger – aber vielleicht ist es gerade das.“
Felix Meininghaus (FR 16.4.) ergänzt: „Loyalität ist dem 52-Jährigen ein großes Anliegen, die enge Verbundenheit zu dem Verein, bei dem er beschäftigt ist, kommt nun Borussia Dortmund zugute. Dabei hat van Marwijk den Job beim BVB unter Voraussetzungen angetreten, die ungünstiger nicht hätten sein können: Immer neue Hiobsbotschaften über die katastrophale finanzielle Situation degradierten den sportlichen Bereich zur Marginalie, ständige Spekulationen über Spielerverkäufe sorgten für weitere Unruhe, die Vielzahl von Verletzten erschwerte die Arbeit zusätzlich.“
Bessere Bedingungen als alle Abstiegskonkurrenten
Was wirft man Dick Advocaat vor, Gregor Derichs (FAZ 16.4.)? „Viele Beobachter führen die Probleme darauf zurück, daß Advocaat das spielende Personal zu oft wechselt, mißliebige Akteure zum Amateur-Team verbannt und ohnehin nicht daran interessiert ist, den Dialog mit seinen Spielern zu pflegen. Die Mannschaftsaufstellung teilt er den Profis nicht mündlich mit, sondern hängt sie schriftlich aus. Er diskutiere grundsätzlich nicht mit den Spielern, sagt Advocaat. (…) Nicht nur der Anhang des Vereins, der in Umfragen nach dem FC Bayern die höchsten Popularitätswerte erreicht, wünscht sich Spiele um eine Europapokalteilnahme. Präsident Rolf Königs hat den Trainer beauftragt, den Verein im oberen Drittel der Bundesliga zu etablieren. Mit einem Etat von 40 Millionen Euro, 330 Sponsoren und dem neuen Stadion hat Gladbach wesentlich bessere Bedingungen als alle Abstiegskonkurrenten.“
Kein schriller Verkäufer seiner selbst
Klinsmann, aufgepasst! Jörg Marwedel (SZ 16.4.) empfiehlt Robert Enke und blickt auf dessen unglückliche Vergangenheit in Istanbul und Barcelona: „„Was nützt dir das Geld“, hat er sich damals gesagt, „wenn du unglücklich bist?“ Kritiker haben ihm das als Schwäche ausgelegt. Andere, wie Ewald Lienen, sehen darin einen Beleg für seine Charakterstärke. Enke hat gespürt, welch „wahnsinnigem Druck“ Torhüter bei Klubs wie Barcelona oder Fenerbahce ausgeliefert sind. Die Bundesliga sei dagegen „ein Kindergeburtstag, ein Paradies“. Und weil er das beurteilen kann, fühlt er sich nicht als Verlierer, sondern genießt das Leben bei einem Verein, dessen Trainer Lienen ihn als „stabilisierenden Faktor“ lobt. Lästerer behaupten gar, er sei der einzige Transfer, bei dem sich Lienen und Manager Ilja Kaenzig wirklich einig waren. Enke spürt keinen Druck mehr, nur die ganz normale Anspannung. (…) Nichts findet er schrecklicher als Kollegen, die „Paraden auf Show machen“. Vielleicht hat es Enke auch deshalb noch nicht bis in die Nationalelf geschafft, weil er zwar ein ziemlich kompletter Torhüter ist, aber kein schriller Verkäufer seiner selbst.“
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