indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 21. Februar 2005

Interview

Wenn ich meine Karriere beende, werde ich frustriert sein

Arsène Wenger mit Dean Jones (WamS 20.2.)
WamS: Arsenal London hat noch nie die Champions League gewonnen. Was gibt Ihnen die Hoffnung, daß sich das in diesem Jahr ändert?
AW: Meine Spieler sind enorm fokussiert auf diesen Titel. Sie wissen, das ist der einzige Klubtitel von Bedeutung, der ihnen noch fehlt. Und das Herz meiner Mannschaft hat jetzt genug internationale Erfahrung.
WamS: Und wenn Sie den Titel nicht gewinnen?
AW: Das wäre schade für den Klub. Für mich persönlich würde sich nichts ändern. Ich habe genug Erfahrung, um zu wissen: Wenn ich meine Karriere beende, werde ich frustriert sein – egal, was ich erreicht habe. (…)
WamS: Trotz Arsenals historischem Meisterjahr mit 49 Spielen in Folge ohne Niederlage sind Jens Lehmann Fehler unterlaufen, die in seiner Zeit in Deutschland seltener zu sehen waren. Hat er das englische Strafraumspiel womöglich unterschätzt?
AW: Torwart zu sein, ist in dieser Zeit ein nahezu unmöglicher Job. Schauen Sie sich um: Wird in irgendeinem Spiel ein Fehler begangen, heißt es immer: Oh, das war der Torwart. Dabei merkt keiner, wie viele Privilegien ihnen genommen wurden. Zuerst wurde Torhütern verboten, den Ball zu lange im Strafraum zu halten, dann kam die Rückpaßregel, die sie zwingt, den Ball per Fuß zu spielen. Es kann nicht sein, daß sie für alles verantwortlich gemacht werden.
WamS: Dennoch haben Sie Lehmann im Dezember auf die Bank gesetzt. Noch immer wird in Deutschland gerätselt: Warum?
AW: Ich hatte gefühlt, daß er nicht mehr ganz so frisch war. Seine Konzentration hatte etwas nachgelassen. Einen anderen Grund gab es nicht.
WamS: Vor zwei Wochen haben Sie ihn dann wieder aufgestellt.
AW: Mir hat gefallen, daß er nach meiner Entscheidung härter trainiert hat als zuvor. Ich habe das ganz genau beobachtet: Anstatt aus Frust weniger zu tun, hat er zugelegt. Ich habe ihn nicht dazu gedrängt, er wollte das so für sich. Das hat mir imponiert. Er ist eben ein Typ, der unter Druck genau richtig reagiert. Hätte er nicht so reagiert, würde er jetzt sicher nicht im Tor stehen.

Die Deutschen machen sich selbst schlechter, als sie sind

Giovane Elber mit Richard Leipold (FAS 20.2.)
FAS: Sie sind es gewohnt, bei Spitzenmannschaften zu spielen. Was verschlägt Sie nach Mönchengladbach?
GE: Die Gladbacher wollen nach oben, das zeigt schon das neue Stadion. Und dann die Anhänger. Stefan Effenberg hat mir schon zu gemeinsamen Bayern-Zeiten gesagt, Gladbach habe die besten Fans der Liga. Sieben neue Spieler zu holen in der Winterpause, das gibt es auch nicht oft. Ich bin nicht hierhergekommen, um gegen den Abstieg zu kämpfen. Trainer Advocaat hat mir gesagt, er will mit dieser Mannschaft ganz oben mitspielen. (…)
FAS: Wenn Sie nach der Saison sogar auf Ihren Heimaturlaub verzichten, scheint Deutschland Ihnen gefehlt zu haben.
GE: Die Deutschen sehen oft nicht, daß sie es zu Hause viel besser haben als andere Menschen in anderen Ländern. Wenn man weg ist aus Deutschland, merkt man, was man alles vermißt.
FAS: Was zum Beispiel?
GE: Daß alles organisiert ist, nicht nur im Fußball. Die Straßen sind sauber, die Busse fahren pünktlich, der Verkehr fließt. Man hat hier alles, was man braucht, um richtig gut zu leben.
FAS: Wie empfinden Sie als Südländer die deutsche Mentalität?
GE: Ich habe sehr viel gelernt von dieser Mentalität. Meine Familie hat in Deutschland super gelebt. Hier gab es überhaupt kein Problem, mit niemandem. Selbst das Wetter stört mich nicht mehr, das war in Lyon auch nicht besser, viel Nebel und im Sommer Smog. Es hängt immer vom einzelnen ab. Man sollte nicht generell sagen: Die Deutschen sind so. Auch in Brasilien gibt es Leute, die über das Wetter klagen, das mag ich überhaupt nicht. Die Deutschen haben nur ein Problem: Sie machen sich selbst schlechter, als sie sind. Sie denken, woanders, im Ausland, ist es immer besser.

Internationaler Fußball

Stadt in Trümmern

Fußball in Süditalien – Peter Hartmann (NZZaS 20.2.): „Fussball bietet in Messina fast die einzige Ablenkung von einer tristen Realität. Die Stadt, die heute 267 000 Einwohner zählt (und 23 366 besitzen ein Abonnement im Stadio Filippo), ist 1908 im grossen Erdbeben untergegangen, zwei Jahre nach der Gründung des lokalen Fussballklubs, der 1965 letztmals in der höchsten Liga spielte, 1972 sogar Pleite gegangen war und erst 2004 auf der Landkarte der Serie A wieder auftauchte. Bürgermeister Peppino Buzzanca bleibt trotz einem Gerichtsurteil wegen Amtsmissbrauchs sitzen, ist aber völlig handlungsunfähig. Die Abfallberge bleiben liegen, obwohl die Mafia jährlich 39 Millionen Euro abkassiert, in den Schulen fallen die Decken auf die Pulte. Diese „Stadt in Trümmern“ (Gazzetta del Sud) belegt in der Rangliste der Lebensqualität den 103. und letzten Platz.“

Ball und Buchstabe

Fans sind immer auch Wähler

Welche Politiker profitieren vom Hoyzer-Fall, Alexander Jung (NZZaS 20.2.)? „Ambitionen verbergen sich manchmal im Detail. So wurde Angela Merkel kürzlich um eine Auskunft in Sachen Fussball gebeten. Nein, zum sogenannten Wettskandal wollte sie sich nicht äussern; lässig schlüpfte sie in die Rolle der Anwältin der Anhänger. Denen wünscht sie eine reelle Chance auf der Jagd nach einem WM-Billett. Frau Merkel weiss: „Der Fussball lebt von den Fans, sie haben ihn gross und stark gemacht.“ Und Fans sind immer auch Wähler. Merkels allzu frommes Begehren angesichts des geringen Ticket-Kontingents ist bloss auf den ersten Blick eine naive Sentenz: Der Fussballplatz, in Deutschland stets ein brauchbares Feld für Debatten mit populistischem Zungenschlag, ist rhetorisch überraschenderweise von der Opposition besetzt worden. Scharfsinnig attestierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Leitglosse, Merkel habe mit ihrem Plädoyer für den offenen Markt nichts anderes als ihre Kanzlerkandidatur lanciert.“

TspaS: Wie der Regionalligaklub SC Paderborn versucht, sich aus der Umklammerung von Hoyzers Manipulationen zu befreien

WM 2006

Von Peinlichkeit zu Peinlichkeit

Rainer Hank (FAS/Wirtschaft 20.2.) beleuchtet die Diskussion um die Image-Kampagne: „Streit um die Initiative gibt es nicht zu knapp. Immerhin müssen mindestens ein Dutzend Interessen unter einen Hut gebracht werden. Noch ist längst nicht ausgemacht, ob die 20 Millionen Euro schwere Kampagne tatsächlich im kommenden Jahr das nahe und ferne Ausland von den Vorzügen Deutschlands überzeugen wird. Zu lange schon schleppt man sich dilettantisch von Peinlichkeit zu Peinlichkeit, immer knapp vorbei am Fiasko.“

Ob die WM nach Dortmund kommt, hängt davon ab, ob der BVB sich retten kann

Michael Ashelm (FAS 20.2.) schildert die Lage am Fußballstandort Dortmund: „Nie ist die Dortmunder Fanseele so stark belastet worden wie in diesen Tagen, doch wer erwartet hat, daß sich große Depression oder zügellose Wut über die Stadt ausbreiten würden, sieht sich getäuscht. Mit stoischem Gleichmut ertragen die Menschen den Verfall ihres Lieblingsklubs. (…) Wenig Hoffnung ist zu spüren in der Stadt, die vom BVB lebt und profitiert und die im nächsten Jahr auch am großen WM-Geschäft partizipieren will. Ob das Weltturnier wirklich nach Dortmund kommt, hängt davon ab, ob der BVB sich retten kann.“

Bundesliga

Ablenkungsmanöver von eigenen Schwächen

Volker Finke vermutet hinter den Schiedsrichterentscheidungen für Bochum eine Art Wiedergutmachung; Roland Zorn (FAZ 21.2.) bestreitet das: „Die führende Klasse des deutschen Fußballs hat eine Saisonphase erreicht, in der mit allerlei Psychospielchen der Gegner eingeschüchtert oder der Schiedsrichter milde gestimmt werden soll. Daß der VfL Bochum das seiner Meinung nach schreiende Unrecht, das diesem redlichen Klub angetan worden sei, Szene für Szene auf der vereinseigenen Website beschrieben hat, ist allerdings bizarr. So werden die alten Rollenklischees bedient – nach dem Motto: Die Großen bekommen alles geschenkt, die Kleinen dagegen nichts außer Mitleid. Daß sich die Schiedsrichter von solchen Behauptungen beeinflussen ließen, ist bis heute nicht erwiesen – so wie auch der angebliche Bonus des FC Bayern München in Streitfällen oft genug eher dazu dient, eigene Niederlagen schöner zu reden als die objektive Wirklichkeit zu beschreiben. Doch an der Masche vom benachteiligten Kellerkind wird, seit es die Bundesliga gibt, eifrig gestrickt. (…) An einem Tag, da die vom Hoyzer-Skandal gebeutelten Schiedsrichter endlich wieder alte Klasse bewiesen, wirkten die Nachreden der Trainer wie Ablenkungsmanöver von eigenen Schwächen.“

Knut Kircher konnte gar nicht anders

Christoph Biermann (SZ 21.2.) hingegen stimmt Finke zu: „Durch seine so lauten wie berechtigten Klagen hatte Bochums Trainer ein lauwarmes Planschbecken für Fehlentscheidungen angerichtet. An den Wochenenden zuvor waren dem VfL Bochum nämlich in Dortmund und gegen Bielefeld je ein Tor zu Unrecht aberkannt und ein Elfmeter verweigert worden; zwölf Punkte im Laufe der gesamten Saison, so hatte der Coach vorgerechnet, würden dem VfL Bochum aufgrund von Fehlern der Refeeres fehlen. So konnte Schiedsrichter Knut Kircher irgendwie gar nicht anders, als das Stolpern von Trojan durch ein Foul verursacht zu sehen und entschied auf Elfmeter.“

Christoph Schurian (taz 21.2.) ergänzt: “Tatsächlich war dem Ruhrpottspiel im winterlichen Schauerwetter eine selten parteiische Medienwoche vorausgegangen, in der auch die Bild-Zeitung die angeblich chronisch benachteiligten Bochumer unterstützte. Als ob Fußballspiele nicht von Zufällen und Tatsachenentscheidungen geprägt werden, sondern sich wie eine Rechenaufgabe summieren, kursieren dazu „wahre“, sprich: von Fehlentscheidungen bereinigte Tabellen.“

Diskutieren Sie in der Südkurve über die Frage: Hat Volker Finke recht? Hat derjenige, der am lautesten für seine Interessen trommelt, die Gunst der Schiedsrichter auf seiner Seite?

Zurück bleibt ein aufrichtiger Klub

Andreas Burkert (SZ 21.2.) bedauert den voraussichtlichen Abstieg Hansa Rostocks: “Rostocks Profis sind halt auch nur Fußballer, sie verstehen kaum, was der FC Hansa den Menschen zwischen Erfurt und Warnemünde bedeutet. Sie stammen ja nicht von dort. Im Sommer ziehen die meisten weiter, und zurück bleibt ein aufrichtiger Klub, der ein Jahrzehnt lang dem Abschwung Ost trotzte und Hoffnung gab. Gescheitert ist Hansa wohl am ewigen Glauben an die kostengünstigen ArvidssonPerssonMöhrlesson, ihr Glaube war lange so verlässlich wie die Rückkehr der Wellen. Wenigstens Schulden hat dieser ehrenwerte Irrtum nicht produziert.“

Blümchenwelt ade

Ronny Blaschke (BLZ 21.2.) wirft ein: „Die Bundesliga-Ära wird nach zehn Jahren also vorerst zu Ende gehen, daran zweifelt niemand mehr. Dass dies schon im Februar so gut wie feststeht, bringt den FC Hansa in Bedrängnis. Das Image des besonnenen, fast schüchternen Vereins, das über Jahre aufgebaut wurde, droht in wenigen Wochen zu zerfallen. Jene Leitmotive, die Harmonie, das Familiäre, sind vorübergehend außer Kraft gesetzt, es gibt: Unstimmigkeiten zwischen Vorstand und Aufsichtsrat; abstruse Verschwörungstheorien gegen den DFB; Spieler wie Marcus Lantz und Thomas Rasmussen, die sich während des Trainings an die Gurgel gehen; oder wie Razundara Tjikuzu, der sich unter der Woche betrinkt, das Training schwänzt und fristlos entlassen wird. All das hatte es jahrelang nicht gegeben, die Blümchenwelt drehte sich blendend.“

Niveau eines laschen Trainingspartners

Elisabeth Schlammerl (FAZ 21.2.) erschrickt über die Leistung Borussia Dortmunds beim 0:5 in München: „Der ehemalige Champions-League-Sieger war nicht einmal ein richtiger Gegner. Die Westfalen erreichten gerade einmal das Niveau eines laschen Trainingspartners. Die desolate spielerische Vorstellung paßte zum Gesamtbild, das der Verein in diesen Tagen abgegeben hat.“

German Wings

In Dortmund verzichtet man, wie wir von Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ 21.2.) erfahren, auf Mahlzeiten in 10000 Metern Höhe: „Sie sparen beim BVB, neuerdings sogar an sich selbst. Erst am Spieltag war Reinhard Rauball zusammen mit Michael Meier in München eingeflogen, und zwar mit dem Billig-Anbieter German Wings. Immerhin, ein Mitreisender wusste zu berichten, dass es noch für die Business Class gereicht hatte, „sie saßen sogar in Reihe eins, auf Platz eins und zwei“. Auf dem sportlichen Sektor reicht es dagegen nur noch zu Platz zwölf.“

Fertigung von Toren in industriellen Mengen

„Weil bei Werder egal ist, wer spielt, träumen die Bremer von drei Titeln“, stellt Javier Cáceres (SZ 21.2.) nach dem 4:1 in Hannover fest: „Dass Werder einst neun Punkte Rückstand auf den Tabellenführer hatte, liegt gefühlt länger zurück als Bremens Hanse-Beitritt. Dafür rückt deutschlandweit ins öffentliche Bewusstsein, dass Werder bei wieder solider Abwehrarbeit mit 49 Treffern aus 22 Spielen in der Sparte Fertigung von Toren in industriellen Mengen wieder führend ist.“

Humorlos

Die Mainzer ändern Strategie und Stimmung – Roland Zorn (FAZ 21.2.): „Es galt, positiv zu denken, optimistisch zu bleiben – und das alles ohne den Pappnasenplunder, der sonst zum schmückenden Beiwerk der Mainzer Fußballfassenachtsaufführungen gehört. Diesmal rannten, grätschten, preßten und foulten die Mainzer völlig humorlos im Sinn ihrer harten Survivalstrategie. Und auch das Publikum war längst nicht mehr so freundlich wie sonst gegenüber manchem Stadionbesucher.“

Teamarbeit im Vordergrund

Christian Görtzen (FAZ 21.2.) deutet Hamburger Signale: „Der Hamburger Tanzkreis ist mehr als nur der Ausdruck zurückgewonnener Freude, er dient auch als Gruß an die Konkurrenz. Hier ist eine Mannschaft auf dem Vormarsch, die den strapazierten Begriff von elf und noch mehr Freunden alles andere als altmodisch findet. Mittendrin im Ring, mit einem breiten Lachen auf den Lippen, zeigt auch Thomas Doll, der Drehbuchautor der Hamburger Erfolgsstory, was er mal in der Tanzschule gelernt hat. Während beim VfL Bochum in dessen erfolgreichen Tagen nur Trainer Peter Neururer dem Publikum seine Schritte präsentierte, steht beim HSV auch nach dem eigentlichen Dienstschluß die Teamarbeit im Vordergrund. Gemessen an der Leistung in den neunzig Minuten zuvor, wäre ein verstohlener Gruß an die Fans allerdings angemessener gewesen, denn für einen Freudentanz war sie eigentlich zu dürftig. Nur mit viel Glück hatte es gegen eine couragiert auftretende Kaiserslauterer Elf gereicht.“

Trainerstimmen zum 22. Spieltag, sueddeutsche.de

Ascheplatz

Von einer unabhängigen Prüfung kann keine Rede sein

Jan Christian Müller (FR 21.2.) erklärt das Dilemma der Deutschen Fußball-Liga: „Bei den in diesen Tagen wieder auffällig wortkargen Lizenzprüfern der DFL ist man es gewohnt, dass die nervösen Herren der Borussia Jahr für Jahr erst am Stichtag kurz vor 12 Uhr in der DFL-Zentrale aufkreuzen, um ihre Aktenordner mit den Lizenzierungsunterlagen knapp vor ultimo einzureichen. Doch weil die DFL nicht nur gestrenger Lizenzgeber für jeden der 36 Lizenznehmer aus erster und zweiter Liga ist, sondern auch Vermarkter der großen Sause Bundesligafußball und bezahlter Dienstleister für jeden Klub, kann von einer unabhängigen Prüfung der Unterlagen keine Rede sein. Erst recht nicht bei einem Lizenznehmer, der, wie die Borussia, an der Börse notiert ist und bei Lizenzverweigerung erhebliche Schadenersatzforderungen stellen könnte. (…) Die DFL ist am Zug, das Lizenzierungsverfahren transparenter zu gestalten.“

Wolfgang Hettfleisch (FR 21.2.) fügt hinzu: „Die Verantwortlichen für das Lizenzierungsverfahren der DFL sind nicht zu beneiden. Lassen sie die Borussia durchfallen, geht der Liga einer ihrer wichtigsten Markenartikel verloren. Lassen sie den BVB zum Spielbetrieb 2005/2006 zu, werden sie sich die Frage gefallen lassen müssen, ob ihre Prüfungskriterien das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Die DFL hatte stets betont, die Liquidität eines Klubs sei die entscheidende Größe bei der Zulassung zum Wettbewerb. Nun zeigt die Zuspitzung der Dortmunder Krise, dass die vorab nachgewiesenen flüssigen Mittel keineswegs ausgereicht hätten, den Traditionsklub tatsächlich durch die laufende Spielzeit zu bringen. Nur dank eines Schuldenmoratoriums der Gläubiger und der Übereinkunft, das Zinsniveau einzufrieren, kann der Bundesliga-Betrieb fortgeführt werden. Hinsichtlich der Lizenzvergabe an den BVB für diese Saison lässt das nur folgende Schlüsse zu: Entweder waren die von Borussia Dortmund vorigen März eingereichten Unterlagen irreführend, oder die DFL hat bei der Beurteilung derselben versagt. Damit würde sich die Liga-Organisation zumindest fachlich angreifbar machen, im schlimmsten Fall aber dem Vorwurf aussetzen, beim Branchenriesen Dortmund wider besseres Wissen beide Augen zugedrückt zu haben.“

Selbst europäische Eliteklubs schauen mit Neid nach Manchester

„Warum ist Malcolm Glazer hinter Manchester United her?“, fragt Clemens Martin (NZZaS 20.2.): „Nicht nur die aktuelle Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse macht den Klub für Glazer interessant, sondern auch die für einen Fussballklub ausserordentlich solide Vergangenheit. Seit 1990 hat die United keinen Verlust mehr geschrieben, sie ist schuldenfrei, der Betriebserfolg (ohne Kosten für Spielertransfers) stieg letzte Saison dank dem starken Merchandising um sechs Prozent auf 58,2 Millionen Pfund. Kein Wunder, dass selbst europäische Eliteklubs wie Real Madrid, AC Milan oder Bayern München mit Neid nach Manchester schauen.“

Samstag, 19. Februar 2005

Interview

„Ich sehe die Glaubwürdigkeit von Hoyzer sehr in Frage gestellt“

Lutz-Michael Fröhlich mit Michael Reinsch (FAZ 19.2.) (mehr …)

Ball und Buchstabe

Ist sportliche Gerechtigkeit käuflich?

Der Züricher Sportökonom Helmut M. Dietl (NZZ 19.2.) empfiehlt im Wettskandal, nach einem Blick in die Sportgeschichte, hartes Durchgreifen: „Eine Art Vorbildfunktion hat die älteste Profiliga der Welt, die nordamerikanische Baseball-Liga. 1919 hatten acht Spieler der Chicago White Sox die Finalserie gegen die Cincinnati Reds manipuliert. Lehrreich ist vor allem die Reaktion der Profiliga. Als infolge des Skandals die Zuschauernachfrage einbrach und die Existenz der Liga gefährdet war, ernannten die Klubeigentümer den ehemaligen Richter Landis zum Ligabevollmächtigten und erteilten ihm die uneingeschränkte Befugnis, alle Vorgänge zu untersuchen, die der sportlichen Integrität der Liga schaden könnten. Landis erhielt zudem die Macht, gegebenenfalls alle Beteiligten zu sanktionieren, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Klubs, Spieler, Schiedsrichter oder Funktionäre handelte. (…) Landis blieb bis zu seinem Tode 1944 im Amt und machte von seinen Rechten ausgiebig Gebrauch. Durch seine kompromisslose Haltung konnte die Liga ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. (…) Auch der deutsche Fussball kann seine Glaubwürdigkeit nur zurückgewinnen, indem er alles daransetzt, seine sportliche Integrität in Zukunft sicherzustellen. Die Einführung eines Frühwarnsystems, das unregelmässig hohe Wetteinsätze erkennt, reicht nicht aus. Es schützt in erster Linie die Buchmacher. An Hinweisen und Warnungen mangelte es ja ohnehin nicht. Es fehlte an der entsprechenden Reaktion. Auch der Vergleich mit dem Hamburger SV sendet die falschen Signale. Ist sportliche Gerechtigkeit käuflich? Wenn der Zuschauer den Eindruck erhält, dass die Wahrheit nicht mehr auf dem Fussballplatz, sondern auf den Bankkonten liegt, wird er dem Sport fernbleiben.“

Bundesliga

Es geht auch um Macht und um offenbar längst überfällige Abrechnungen

Freddie Röckenhaus (SZ/Seite 3 19.2.) vermutet einen Machtkampf hinter Dortmunder Kulissen: „Auf der Kommandobrücke des leck geschlagenen Luxusliners Borussia Dortmund wird mit harten Bandagen um das Steuerruder gekämpft. Die drohende Insolvenz soll verhindert werden – aber es geht auch um Macht und um offenbar längst überfällige Abrechnungen. (…) Für Insider ist es kein Geheimnis, dass Hans-Joachim Watzke Borussia Dortmunds Schritt in die Öffentlichkeit forciert hat. Er hat Meier offenbar zwingen müssen. Als dann ausgerechnet Meier, der gemeinsam mit Niebaum seit mehr als einem Jahr das selbst angerichtete Finanzchaos verschleiert und verharmlost hatte, sich zu „Transparenz“ bekannte, blieb Watzke nur noch das demonstrative Grinsen. Es ist kein Geheimnis, dass Meier bis zuletzt versucht hatte, Watzkes Berufung zum neuen Co-Geschäftsführer zu verhindern. Und zwischen den beiden Kontrahenten: der Klub-Präsident Reinhard Rauball, der Meier noch halten will und den dynamischen Watzke dennoch installieren wollte.“

Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden

Wie gehen Fans, Trainer und Mannschaft mit der Finanzkrise um, Richard Leipold (FAZ 19.2.)? „Kann man auf einen Klub, den Anleger und Behörden argwöhnisch beäugen, wirklich stolz sein? Die Fans der Borussia können es – auch weil sich im Kerngeschäft, dem Fußballspiel, eine Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden durchzusetzen scheint. Während die KGaA in höchster Abstiegsgefahr schwebt, verhält sich die Mannschaft antizyklisch. Als nach dem Vorbild der New Economy ungebremst Geld verbrannt wurde und ein deutscher Trainer regierte, gaben millionenschwere Legionäre aus aller Herren Ländern der Mannschaft ihr Gesicht; deutsche Spieler waren in der Startelf eine (zuweilen verschwindend geringe) Minderheit. Inzwischen leitet ein niederländischer Fußball-Lehrer mit erstaunlichem Langmut das Training. Unter Bert van Marwijk hat in Zeiten der Not jene Spezies von Profis an Bedeutung gewonnen, die der einfache Fan so lange vermißt hat. Junge deutsche, teils gar aus der eigenen Jugend kommende Spieler.“

Einziger Identifikations- und Hoffnungsträger

Felix Meininghaus (FR 19.2.) gibt zu bedenken: „Die Bedeutung dieses Vereins kann nur der erfassen, der sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt: Die Montanindustrie ist längst weg gebrochen, die letzte Zeche hat 1987 dicht gemacht, das letzte Stahlwerk im Jahr 2000. Und von der einstigen Bierstadt Nummer eins in Europa blieb gerade mal eine Brauerei übrig. Stattdessen gibt es den Technologie-Park, aber von dem, was Dortmund einst groß gemacht hat, was die Menschen hier mit Stolz erfüllt, ist nur noch Borussia übrig geblieben. Ganz abgesehen von den wirtschaftlichen können die moralischen Auswirkungen einer Insolvenz nur erahnt werden in einer Stadt, in der ein Fußballklub der einzige Identifikations- und Hoffnungsträger ist.“

Eine Borussia-Chronik in Bildern, faz.net

Verliert sich der VfB bei der Suche nach sich in der Bedeutungslosigkeit?

Elke Rutschmann (BLZ 19.2.) befasst sich mit Stuttgarts Flaute: „Stuttgart hinkt den eigenen Ansprüchen deutlich hinterher. Viel brüchiger kommt das Team daher als noch im sonnigen Herbst, und mit 28 Gegentoren kassierte man jetzt schon mehr Tore als in der gesamten vergangenen Saison. Es fehlt an Konstanten, an die sich das Team anlehnen kann. (…) Bei den Anhängern geht die Angst um, dass sich der VfB bei der Suche nach sich in der Bedeutungslosigkeit verliert.“

Freitag, 18. Februar 2005

Ball und Buchstabe

Theo Zwanzigers Lotto-Vergangenheit

Erik Eggers (FTD 18.2.) beschreibt die Lotto-Vergangenheit Theo Zwanzigers: „Der Mann kennt sich aus in der Glücksspielszene – war Zwanziger als Verwaltungsratschef der Sport Toto GmbH Rheinland-Pfalz (kurz Lotto Rheinland-Pfalz) und als DFB-Schatzmeister (2001-2004) doch entscheidend an Aufbau und Verankerung des staatlichen Wettanbieters Oddset beteiligt. Zwanziger gehörte dem Lotto-Verwaltungsrat als Vertreter des Sportbundes Rheinland zwischen 1996 und September 2003 an, seit 1997 als Vorsitzender – nach Aussagen des Geschäftsführers von Lotto Rheinland-Pfalz, Hans-Peter Schössler, erhielt er dafür jährlich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von knapp 5000 Euro. Am Ende der 90er Jahre forcierten Zwanziger und Schössler – „er gehört zu meinen besten Freunden“ (Zwanziger) – die Institutionalisierung der staatlichen Fußballwette Oddset, als sich andeutete, dass das traditionelle Fußball-Toto unattraktiv wurde. Bald blühte die neue Wette in Rheinland-Pfalz – da der Gewinn auch dem Sport zugute kam, auch zum Wohle des Fußballs. Dieser wirtschaftliche Erfolg hat Zwanzigers Einstieg in den DFB-Vorstand, in den er im April 2001 als Schatzmeister gewählt wurde, sicher nicht behindert. (…) Zwanziger, eine Art brutalstmöglicher Aufklärer des Skandals, dementiert jede Interessenkollision.“

Ich habe mich daran gewöhnt, für alles der Prügelknabe zu sein

Gerhard Mayer-Vorfelder mit Torsten Rumpf (Welt 17.2.)
Welt: Während sich Ihr Präsidiumskollege Theo Zwanziger in der Affäre Hoyzer als Krisenmanager profiliert, werden Ihnen die Fehler zugerechnet. Haben Sie im DFB den Rückhalt verloren?
MV: Sie müssen unterscheiden zwischen dem, was kolportiert wird, und dem, was wirklich ist. Wir haben es vielleicht zu Anfang versäumt, nach außen klar zu stellen, daß Theo Zwanziger das Krisenmanagement in dieser Sache übernommen hat, weil das in seinen auf dem DFB-Bundestag beschlossenen Zuständigkeitsbereich fällt. Das hat nichts mit Isolation oder Entmachtung zu tun. Er ist der zuständige Mann. Und ich füge an: Er macht seine Sache wirklich gut. Daß im Umfeld des DFB der eine oder andere jetzt seine Zeit gekommen sieht, überrascht mich nicht. Es ist eine Kampagne gegen mich im Gang.
Welt: Sie zählen nicht zur neuen Eingreifgruppe des DFB, Franz Beckenbauer äußert sich ironisch über Sie, DSB-Präsident Manfred von Richthofen forderte Ihren Rücktritt, Karl-Heinz Rummenigge kritisiert Sie. Wenn das keine Isolation ist.
MV: Ich habe gerade in den vergangenen Wochen etliche Termine für UEFA und FIFA wahrnehmen müssen, damit verträgt sich nun mal eine „schnelle Eingreiftruppe“ nicht. Mit Franz Beckenbauer habe ich telefoniert, er hat sich über die Doppelspitze als Institution geäußert, nicht über mich als Person. Und Herr von Richthofen hat auch gesagt, daß erst mal geklärt werden müsse, wer was wann wußte. Für diesen Interviewteil hat sich niemand interessiert. (…)
Welt: Joschka Fischer wird mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, weil Mitarbeiter seines Ministeriums Fehler gemacht haben, für die er die Verantwortung trägt. Kann es Sie deshalb verwundern, daß angesichts der Vorgänge beim DFB im August 2004 ähnliche Forderungen laut werden?
MV: Mich verwundert gar nichts mehr – außer vielleicht, daß man mich noch nicht für den Wintereinbruch und die Folgen für den Spielbetrieb verantwortlich gemacht hat. Der entscheidende Unterschied zu dem von Ihnen genannten Beispiel ist, daß Herr Minister Fischer den umstrittenen Erlaß abgezeichnet hat, wohingegen ich vom ganzen Vorgang überhaupt keine Kenntnis hatte.
Welt: Laut Spiegel Online sollen Sie während einer DFB-Sitzung gesagt haben: „Wenn ihr mich loswerden wollt, müßt ihr mich schon erschießen!“ Stimmt das?
MV: Früher war es einmal gute journalistische Tugend, derart heikle Aussagen bei dem anzufragen, der sie gemacht haben soll. Diese Äußerung ist frei erfunden. Überhaupt habe ich selten so viele falsche oder verfälschte Zitate gelesen, wie in den vergangenen Wochen. (…)
Welt: Wie ist es, seit dem EM-Aus der Nationalelf ständig als Prügelknabe dazustehen?
MV: Ich habe mich daran gewöhnt, für alles der Prügelknabe zu sein. Das läßt mich nicht kalt, aber es relativiert sich mit der Zeit.

Ascheplatz

Folgen der Hybris

Michael Horeni (FAZ 18.2.) fühlt sich um die Vorfreude auf die WM betrogen: “Eigentlich sollte in Deutschland längst Aufbruchstimmung vor der Weltmeisterschaft herrschen. Aber statt freudig die Tage bis zum Turnierbeginn zu zählen, werden im deutschen Fußball seit über einem halben Jahr nur noch Krisen und Skandale summiert. Die Existenznot des hochverschuldeten und nahezu zahlungsunfähigen ehemaligen Vorzeigeklubs Borussia Dortmund ist ein weiterer spektakulärer Höhepunkt eines sich stetig verdüsternden Gesamtbildes. Nachdem der Schiedsrichter- und Betrugsskandal in den vergangenen Tagen und Wochen die Glaubwürdigkeit das Sports im Kern beschädigte, werden nun die existenzbedrohenden Folgen der Hybris einer Vereinsführung sichtbar, die ebenfalls glaubte, für Geld alles kaufen zu können – sportlichen Erfolg des Vereins und damit auch persönliches Ansehen. Die verantwortungslose Geschäftspolitik von Gerd Niebaum und Michael Meier haben das einzige börsennotierte deutsche Fußball-Unternehmen an den Rand der Pleite geführt. (…) Die Dortmunder haben sich vor sieben Jahren den Gesetzen des Kapitalmarkts verschrieben. Der Markt wird nun auch das Urteil über einen großen Traditionsklub sprechen.“

Die Schwüre waren bloß eitles Geschwätz

Wolfgang Hettfleisch (FR 18.2.) kritisiert das lange Schweigen und Vertuschen der Borussia-Führung: „Im Ausblenden der Realität haben sie es beim BVB in den vergangenen Jahren zu bemerkenswerter Meisterschaft gebracht. Damit war es gestern vorbei. Michael Meier, Niebaums treuer Erfüllungsgehilfe, schenkte der Öffentlichkeit reinen Wein ein: Rien ne va plus. Das im Herbst mit großem Tamtam verkündete Sparprogramm? Ein Witz. Die Einnahmen aus der Kapitalerhöhung im September? Ratzfatz verbraten. Nein, Kapitän Niebaum und sein Erster Maat Meier haben den schlingernden schwarz-gelben Vergnügungsdampfer entgegen all ihrer Versprechungen nicht annähernd wieder auf Kurs gebracht. Die Schwüre waren bloß eitles Geschwätz, das noch die Kapitänsmesse füllte, als das Schiff längst auf Grund gelaufen war.“

Die FTD (18.2.) spekuliert über das NRW-Wahlkampfthema Borussia: „Dass Landesgelder fließen werden, ist kaum zu erwarten. In Zeiten von Hartz IV würde der von der Opposition genutzte Slogan „Staatsknete für Fußball-Millionarios“ bei den Wählern ganz schlecht ankommen. Und so versucht die Staatskanzlei, bei heimischen Konzernen wie der WestLB oder den großen Energieversorgern Geld locker zu machen. Natürlich bleibt es den Unternehmen unbenommen, Not leidenden Fußballklubs unter die Arme zu greifen. Aber jeder Borussia-Helfer aus der NRW-Wirtschaft muss sich bewusst sein, dass anschließend sehr genau geschaut wird, ob er im Gegenzug geschäftliche Unterstützung durch die Landesregierung erhält – weil er in den Ruch verdeckter Wahlkampfhilfe geriete.“

Maßgeblich ist die Bilanz

Auf Seite 1 der FAZ (17.2.) lesen wir: „Damit rücken gleichzeitig mit dem Schiedsrichterskandal die Schattenseiten des Millionenspiels Fußball ins grelle Flutlicht. Warum Sponsoren, Medien und letztlich die Zuschauer für das eigentlich doch so preiswerte Ballett von zweimal zweiundzwanzig Beinen immer aberwitzigere Summen bezahlen, gehört zu den Mysterien einer Unterhaltungskultur, die ihr Herz an diese unblutigen Gladiatorenkämpfe verloren hat. Die Tabellenführung wird dabei immer unabhängiger vom sportlichen Glück, beruht vielmehr auf langfristiger Vermarktung samt Gegenfinanzierung, wie der keineswegs zufällige Höhenflug von Dortmunds soliderem Nachbarn und Erzrivalen Schalke 04 beweist. Die heute todkranke Borussia wurde mit legendären Erfolgen in den sechziger Jahren, durch Spieler wie „Emma“ Emmerich und Sigi Held zum Symbol des Wirtschaftswunders. „Maßgeblich is‘ auf‘em Platz“ lautete damals im Revier das Motto ehrlich erkämpfter Siege. Das stimmt längst nicht mehr. Maßgeblich ist die Bilanz.“

SZ-Dossier zum Thema

Interview mit Florian Homm im manager-magazin

FR-Interview mit Analyst Peter-Thilo Hasler

Chronik des Dortmunder Absturzes, faz.net

Bildstrecke Borussias Niedergang, sueddeutsche.de

Über das dritte Übernahmeangebot Malcom Glazers an Manchester United heißt es von Gerd Zitzelsberger (SZ 18.2.): „Ob Glazer an der Übernahme, wenn sie ihm gelingt, Freude hat, steht auf einem anderen Blatt. Denn wenn beispielsweise die Fans Heimspiele boykottieren – solche Drohungen kursieren – geht die Rechnung des Milliardärs nicht auf. Auch Spieler und Manager der mittleren Ebene bedenken Glazer nicht mit freundlichen Worten. (…) Die Fans befürchten, dass Glazer die Übernahme kaum mit eigenem Geld bezahlen wird, sondern letztlich aus der Vereinskasse – indem er beispielsweise das Stadion beleiht oder Anleihen begibt, die mit künftigen Eintrittsgeldern abgesichert werden. Damit verschlechtert sich natürlich die Rentabilität des Klubs; es bleibt nicht nur weniger Geld für den Einkauf von Spielern, sondern Manchester United müsste versuchen, die Einnahmen zu erhöhen. Den einfachsten Dreh dafür bilden höhere Eintrittspreise. Zumal bei einem Klub, dessen Heimspiele regelmäßig ausverkauft sind.“

Donnerstag, 17. Februar 2005

Internationaler Fußball

Intelligent und attraktiv im Stil

Bertram Job (FTD 17.2.) hält große Stücke auf den AZ Alkmaar: „Er nährt als romantischer Favorit die niederländische Hoffnung, dass endlich mal wieder ein Außenseiter Landskampioen wird. Solch Wunder wurde zuletzt 1981 vollbracht – vom AZ, der in jenem Sommer der Glückseligkeit auch den holländischen Pokal gewann und im UEFA-Cup bis ins Finale kam. Nun sieht es ganz danach aus, als ob die aktuelle Hochphase des Vereins, 1967 aus Alkmaar ’54 und dem FC Zaanstreek fusioniert, nachhaltiger ausfallen könnte. Vor einem Jahr wurde es noch als Sensation gewertet, als der 1997 wieder aufgestiegene Club plötzlich die Eredivisie aufmischte. Intelligent und attraktiv im Stil, spielte sich die Mannschaft vorübergehend nah an die Tabellenspitze heran, um am Ende auf dem fünften Rang zu landen. (…) Es regnet lauter Blumen. Nationaltrainer Marco van Basten, einst Weltklassestürmer bei Ajax und Milan, sagt, dass Alkmaar zusammen mit dem FC Barcelona zur Zeit den schönsten Fußball in Europa spielt. Fünf AZ-Spieler hat van Basten in die Nationalelf berufen. Ähnlich euphorisch äußern sich holländische Kolumnisten, die in der Spielweise des AZ den ewig-jungen niederländischen Traum wiederfinden – hinten souverän stehen und vorne attraktiven Angriffsfußball zeigen.“

Falls die Bundesliga es ernst meint mit ihrer Erneuerungswelle, darf sie sich so einen Mann nicht entgehen lassen

Ronald Reng (BLZ 17.2.) hält große Stücke auf den Trainer Alkmaars: „Im Sommer wird Co Adriaanse in Alkmaar aufhören. „Jeder Trainer hat sein Verfallsdatum. Besser kann ich diese Elf nicht mehr machen.“ Übernehmen wird den Posten Louis van Gaal, das kann Adriaanse als Adelung seiner Arbeit verstehen: Wenn der Choreograf des Champions-League-Sieges von Ajax Amsterdam aus dem Jahre 1995 ins kleine Alkmaar kommt, muss dort etwas Großes entstanden sein. Adriaanse selbst möchte sich im Ausland erproben. Falls die deutsche Bundesliga es ernst meint mit ihrer Erneuerungswelle, darf sie sich so einen Mann nicht entgehen lassen. Denn der jüngsten Begeisterung für Systemfußball zum Trotz sind die ausländischen Trainer, die bislang in Deutschland werken (Erik Gerets, Kurt Jara, Dick Advocaat, Bert van Marwijk), doch eher von der alten Schule, die Blut und Tränen predigte.“

Zukunftsangst

Raphael Honigstein (SZ 17.2.) sorgt sich um Arsenal London: „Es dürfte derzeit keinen Spitzenverein geben, bei dem so viele Spieler weg wollen. Schuld daran ist nicht Wenger. Es geht mehr um die äußeren Umstände, mit anderen Worten wie immer: um Geld. (…) Wenger hat es bisher geschafft, dem finanziell stärkeren Manchester United durch sorgfältige Einkaufspolitik und intelligente Nachwuchsförderung Paroli zu bieten, doch gegen die zweite Front, die jetzt der Russe Roman Abramowitsch beim FC Chelsea aufgemacht hat, wird Arsenal auf Dauer kaum bestehen können. Schon jetzt wirken die Profis oft müde, weil Arsenals Bank zu schwach besetzt ist, um für Entlastung zu sorgen. In Nordlondon leidet man unter Zukunftsangst, die bei einer Niederlage gegen den FC Bayern zu konkreten Zerfallserscheinungen führen dürfte. In Manchester und an Chelseas Stamford Bridge drückt man den Münchnern die Daumen.“

Die Seele des türkischen Fußballfans tanzt auf Extremen, wie die Karriere des Nicolas Anelka

Tobias Schächter (BLZ 17.2.) schildert die Hoffnung Fenerbahce Istanbuls: „Trainer Christoph Daum sieht Anelka auf einer Stufe mit Ronaldo und Henry. Groß, größer. Im Umfeld erwartet man nach der Verpflichtung des französischen Stürmers nichts weniger als den Gewinn des Uefa-Cups. Die Seele des türkischen Fußballfans tanzt auf den Extremen, so wie die Karriere des Nicolas Anelka. Der in Versailles geborene Sohn von Einwanderern aus Martinique ist erst 25 Jahre alt und doch eine der umstrittensten Figuren des internationalen Fußballs. Er hat renommierte Trainer reihenweise um den Verstand gebracht, seit er Paris mit nur 17 Jahren verließ und zu Arsenal London wechselte. „Nicht teamfähig“ (Gerard Houllier), „nicht integrierbar“ (Vicente del Bosque), „geldgeil“ (Louis Fernandez), „egoistisch“ (Kevin Keegan), urteilten sie am Ende. Aber sein außergewöhnliches Talent ist unbestritten und wirkt auf viele wie ein Versprechen auf eine goldene Zukunft.“

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