indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 11. Januar 2005

Allgemein

Autor und Buchhalter seines Erfolges

Aus José Mourinhos Schriften – Christian Eichler (FAS 9.1.) betreibt Exegese: „Die „Mourinho-Bibel“ hat er nur für sich selber bestimmt: jenes Buch, in das der Rekord-Karrierist unter Europas Trainern alles einträgt, was er mit seinem Lieblingswort „Methodologie“ umschreibt – Methoden, Ideen, Prinzipien, Protokolle jedes Trainings. So hat Mourinho präzise parat, wie er den FC Porto auf eine Partie im Mai 2004 vorbereitete: „Freitag übten wir verteidigen, Samstag angreifen, Sonntag den Übergang von Angriff auf Abwehr, Montag von Abwehr auf Angriff, Dienstag Standardsituationen.“ Mittwoch gewannen sie die Champions League. Ein Zufall war das nicht. Der Kampf gegen die Macht des Zufalls, das ist der Kern der Trainerarbeit, wie sie der Detail-Fan Mourinho beschreibt, der Autor und Buchhalter seines eigenen Erfolges (…) Vermutlich kein anderer Trainer hat den Fußball der Zukunft schon so durchdacht. Mourinho predigt den Rhythmuswechsel, ein Spiel namens „press and rest“: jagen und ruhen. Hat der Gegner den Ball, sind seine Spieler rastlos: Druck ausüben auf dem ganzen Platz, Ball gewinnen. Haben sie ihn, sollen sie die Wahl treffen: schnell attackieren – oder, häufiger, am Ball ausruhen, warten, bis der Jäger ruhig und das Opfer reif ist.“

Siegermentalität

Was will, soll und wird Thomas Strunz in Wolfsburg bewirken, Frank Heike (FAS 9.1.)? „Bei der VfL Fußball GmbH ist man erst einmal begeistert von Strunz‘ neuer Fußballwelt. Dem VfL fehlte bislang das Sieger-Gen, man war zu schnell mit zu wenig zufrieden, und das trotz der von Hauptanteilseigner VW bereitgestellten Millionen. Eine lähmende Selbstzufriedenheit überfiel zu oft die Profis, weil auch kein Sportchef da war, der richtig Druck machte. Strunz, der Europameister von 1996, der deutsche Meister und Pokalsieger, soll dem profilsuchenden Klub mehr Farbe geben auf seinem Weg auf Europas Fußballbühne – er bringt Siegermentalität mit.“

Richard Leipold (FAZ 11.1.) kommentiert das mögliche Comeback Marco van Hoogdalems: “Kaum ein Bundesligaprofi war je so schwer krank und ist zurückgekommen. Für van Hoogdalem bleibt das Comeback, trotz erster Fortschritte, eine vage Hoffnung. (…) Es wäre eines der ungewöhnlichsten Comebacks in der Geschichte der Liga.“

Interview

Interview mit Uli Hoeneß: Nicht mal eine halbe Zigarette

Uli Hoeneß mit Torsten Rumpf (WamS 9.1.)
WamS: Im Sommer ließen Sie Bixente Lizarazu ziehen, weil er zuviel Geld gefordert hatte, jetzt die Rückkehr. Ist das nicht inkonsequent?
UH: Nein, weil wir dieses Mal die Bedingungen stellen konnten. Er hat sehr schnell zugestimmt. Ohnehin werden wir die Gehaltsstruktur weiter nach unten fahren. Wir müssen künftig bei den Spielergehältern noch mehr mit spitzem Bleistift rechnen. Generell glaube ich, daß es in den nächsten Jahren keine Gehaltserhöhungen für einen Spieler mehr gibt. Im Gegenteil: Es muß weitere Reduktionen geben, sonst kommen wir auf keinen grünen Zweig mehr. (…) Wenn man sich nicht für die Champions League qualifiziert, ist es sehr wahrscheinlich, daß man Verluste macht. Deutschland war einmal das Land mit dem TV-Sender, der am meisten in den Topf der UEFA einbezahlt hat. Vor zwei Jahren, als RTL zusammen mit Premiere die Rechte hatte, waren es 200 Millionen Schweizer Franken. Sat.1 und Premiere zahlen jetzt noch nicht einmal die Hälfte. Das Loch in unseren Büchern entsteht durch das Fernsehen, und das ist ein Witz. Denn in allen anderen Ländern steigen die Fernsehhonorare extrem. Nicht nur für die Champions League, auch für nationale Wettbewerbe.
WamS: Was folgern Sie daraus?
UH: Insbesondere national müssen wir höhere Fernseheinnahmen erzielen. Und zwar die Liga als solche. ARD und Premiere müssen in Zukunft mehr Geld bezahlen, da geht kein Weg dran vorbei.
WamS: Die DFL ist stolz, daß sie überhaupt 300 Millionen Euro pro Jahr bis 2006 herausschlagen konnte.
UH: Es kann aber nicht sein, daß ein viel kleineres Land wie Frankreich 500 Millionen Euro an die Liga bezahlt. Ganz zu schweigen von den Zahlen in Italien oder England. Dort kassieren die Ligen jeweils eine Milliarde und noch höhere Beträge. Deshalb: Wir müssen die Fernseheinnahmen beim nächsten Vertragsabschluß 2006 auf mindestens 500 Millionen Euro bringen.
WamS: Glauben Sie wirklich, daß die ARD als gebührenfinanzierter Sender dazu in der Lage ist?
UH: Vor allem aus dem öffentlich-rechtlichen Topf muß künftig mehr kommen. Die ARD verdient doch gutes Geld an der Übertragung der Bundesliga. Sie macht einen Gewinn. Die ARD hatte mit einer Quote von vier Millionen Zuschauern bei der Sportschau kalkuliert, jetzt hat sie sechs Millionen. Und die Werbeeinnahmen sind gekoppelt mit der Quote. Da ist noch viel Luft nach oben, das müssen wir ausschöpfen. Denn wir können unsere Fans in den Stadien oder unsere Sponsoren nicht noch mehr schröpfen.
WamS: Ihre Forderung aber hieße, entweder höhere Gebühren für ARD und ZDF oder mehr Geld fürs Pay-TV zu zahlen.
UH: Ja, wir müssen den Zuschauer etwas belasten, der zu Hause vor dem Fernsehschirm sitzt und die Bundesliga verfolgt. Wenn zehn Cent mehr Gebühren an die GEZ bezahlt werden müssen, was ist denn schon dabei? Zehn Cent ist noch nicht einmal eine halbe Zigarette, nach drei Zügen ist dieser Betrag vernichtet. Doch unsere Politiker haben meistens keinen Mut, eine Gebührenerhöhung – auch wenn sie noch so klein ist – durchzusetzen. Weil sie Angst haben, nicht wieder gewählt zu werden. Alle wollen künftig besseren Fußball und bessere Spieler sehen, dann muß aber auch etwas passieren, daß dies finanziert werden kann.

of: Hoeneß tut weh! Sehr weh! Wie kann jemand seine Bedeutung in der Gesellschaft derart überschätzen und Gebührenerhöhung für Profifußball fordern? Wer ist denn bitteschön der Populist?

Sagen Sie Ihre Meinung über die Forderung Hoeneß‘! Diskutieren Sie mit anderen Lesern in der Südkurve!

Bayern München in der Vorbereitung auf die Rückrunde, SZ

Ball und Buchstabe

Fußball muss in Italien wieder zum Sport werden

Birgit Schönau (SZ 10.1.) kommentiert den Faschistengruß Paolo Di Canios: „Es reicht jetzt. Schluss mit der Verharmlosung, Schluss mit dem Gerede von Volkstribunen und Gladiatoren, gleichgültig, ob sie Totti heißen oder Di Canio. Wer vor 75 000 Zuschauern die Hand zum Duce-Gruß erhebt, muss bestraft werden, so einfach ist das. Wenn Italiens Verband sich nicht traut, muss die Uefa ein Machtwort sprechen. Der Fußball muss in Italien wieder zum Sport werden. Oder doch wenigstens endlich wieder danach aussehen.“

Zwielichtiges Milieu

Dirk Schümer (FAZ 11.1.) ergänzt: „Di Canios keineswegs unbedachte Geste fügt dem schlechten Image seines Klubs und dem gesamten Calcio neuen Schaden zu. Mag auch der Faschistengruß nur ein pubertäter Ausraster sein, der mit konkreter Politik wenig zu tun hat und schnell dementiert wird, so zeugt sie doch von einer Verrohung der Sitten in einem Sport, bei dem mehrere frühere Präsidenten nach Bankrott im Gefängnis sitzen, Schiedsrichter mit Gegenständen beworfen, Gegenspieler bespuckt werden, regelmäßig Wett- und Dopingskandale ans Licht kommen und der allgemeine Hang zum Absahnen und Verschwenden die Serie A an den Rand des Kollapses gebracht hat. In diesem zwielichtigen Milieu, in dem Jugendliche ihre Idole suchen, hatte der allsonntägliche Faschismus als Zugabe gerade noch gefehlt.“

Thomas Fromm (FTD 11.1.) befasst sich mit der Haltung vieler Italiener zu Mussolini: “In Italien ist es gar nicht so unüblich, dem Ex-Diktator zu huldigen. In der Emilia Romagna, der Heimatregion Mussolinis, schmücken stolze Winzer die Etiketten ihrer besten Flaschen mit dem Konterfei des Mannes, der einst aus dem Dorf Dovia di Predappio ausgezogen war, um zuerst Rom, dann Italien, und dann den Rest der Welt zu erobern. Eine Grundüberzeugung ist vielen Italienern geblieben: Mussolini war ein starker Mann, jemand, der die Zügel in der Hand hielt, ein Siegertyp. Einer, wie er überall gebraucht werden kann. In der Politik und auch im Sport. So verbirgt sich nach Meinung vieler hinter Paolo Di Canios Führergruß in Wirklichkeit vor allem ein Marketinginstrument. Zum einen, weil er ein Siegertyp ist. Zum anderen, weil es darum geht, Tausende von rechtsextremen Tifosi an den Verein zu binden.“

Duce, Duce!

Vincenzo Delle Donne (Tsp 11.1.) referiert die Reaktionen anderer Fans: “Mit seinem faschistischen Gruß ist Paolo Di Canio zum Werbeträger der rechtsextremen Fußballfans in der Serie A geworden. Die Tifosi von Inter Mailand widmeten ihm zwei Transparente. Das erste lautete: „Ave Di Canio, Mailand grüßt dich!“, das zweite: „Ehre Di Canio.“ Und als auf der Anzeigetafel sein Ausgleichstor gegen den AC Florenz aufleuchtete, spendeten die Tifosi tosenden Beifall. In Florenz, wo Lazio am Ende 3:2 gewann, grölten die Tifosi: „Duce, Duce!“ Die Fiorentina-Fans antworteten im Chor: „Faschisten! Faschisten!““

SZ: „Der Fußballprofi Paolo Di Canio von Lazio Rom streckt seinen rechten Arm aus – und Italiens Rechtsradikale feiern ihn.“

Peter Hartmann (NZZ 11.1.) fügt hinzu: „Vor dem Derby verhöhnte Di Canio den Intelligenzgrad des Roma-Superstars Francesco Totti, der den Mittleren Osten als „Zone irgendwo im Mittelfeld“ vermute. Totti trat völlig genervt auf und ging aus dem Duell gegen Di Canio wie vernichtet hervor. 24 Stunden vor dem Spiel hatte sich Di Canio als Gutenachtgeschichte im Trainingszentrum Formello seinen Lieblingsfilm angesehen, das Blut- und Gewalt-Video von „Braveheart“, Mel Gibson in der Rolle des unbezähmbaren schottischen Freiheitskämpfers, der am Ende von den Engländern gevierteilt wird. Sein Zimmernachbar Rocchi sagte, aus Di Canios Augen habe der Wahnsinn geleuchtet, und sie hätten dann ein Schlafmittel geschluckt.“

Freitag, 7. Januar 2005

Internationaler Fußball

Junger Friese mit Geheimratsecken

Stefan Coppell (FAZ 4.1.) porträtiert Arjen Robben: „Der junge Flitzer mit den Geheimratsecken hat mit seinen Dribblings, Querfeldeinsprints und langgezogenen Flügelspurts, ob über rechts oder links, in gut zwei Monaten die Premier League im Sturm erobert und, hauptsächlich im verwirrenden Zusammenspiel mit seinem irischen Flügelpendant Damian Duff, etliche gestandene Abwehrreihen durcheinandergewirbelt. Hält der Friese dieses Niveau auch nur annähernd, wird er im Frühjahr Favorit bei den Wahlen zum „Spieler des Jahres“ in England sein. Robben war das fehlende Teilchen im Chelsea-Puzzle.“

Lieber Käseschnitten als Seezunge Meunière

Martin Pütter (NZZ 4.1.) beschreibt ein englisches Rezept: „Im FC Norwich City hält Delia Smith die Fäden in der Hand – sie ist in Grossbritannien als die Fernsehköchin bekannt. Doch nicht nur weil sie eine Frau an der Spitze haben, sind die „Canaries“ ein spezieller Verein. Norwich City stellt keine hohen Ansprüche und isst lieber Käseschnitten als Seezunge Meunière. Der Klassenerhalt ist für den Aufsteiger das Saisonziel, aber er soll nicht „koste es, was es wolle“ erreicht werden. Der 1902 gegründete Klub in der Hauptstadt der ostenglischen Grafschaft Norfolk will eher dem Beispiel von Charlton Athletic folgen. Anstatt wie andere den finanziellen Bogen zu überspannen, soll wie bisher gewirtschaftet werden. (…) Smith orientiert sich an ihren Prinzipien im Kochen: „Man kann 24 verschiedene Arten finden, thailändische Gerichte anzurichten, aber wichtig bleiben doch die Basisrezepte.““

Halluzinierender Hühnerhaufen

Georg Bucher (NZZ 5.1.) schildert Galiziens Baisse: „Mit dem Markenzeichen „Superdepor“ verbunden, war das Riazor-Stadion eine Festung gewesen. Inzwischen zählt Deportivo zu den heimschwächsten Teams und befürchtet, nächste Saison ohne internationale Einnahmen auskommen zu müssen. Der Wegzug des Marokkaners Naybet verwandelte die Abwehr in einen halluzinierenden Hühnerhaufen. Da die Aushängeschilder Fran und Mauro Silva im Mai ihre Karriere beenden, sind hohe Investitionen erforderlich, um den Verjüngungsprozess abzufedern. Angesichts von 28 Millionen Euro Verbindlichkeiten ein schwieriges Unterfangen. Celta konnte die Schulden vergangenes Jahr um 3 auf 34 Millionen Euro abbauen. Nach dem Abstieg sahen Luccin, Milosevic, Velasco, Edu und Juanfran keine Perspektive mehr in Vigo und verliessen den Klub. Im Vergleich mit Deportivo war der Fall tiefer, denn nach mehreren Anläufen im Uefa-Cup hatten die „Himmelblauen“ erstmals die Hürde Champions League genommen. Statt nach Madrid und London gehen die Reisen jetzt nach Ejido und Pontevedra.“

Real Madrid hat tatsächlich das sechsminütige Nachholspiel gegen San Sebastian gewonnen – Walter Haubrich (FAZ 7.1.) berichtet die Highlights: „Die Voraussage von Roberto Carlos, sein Landsmann und früherer Vereinstrainer bei Palmeiras könne ein Spiel in zwei Minuten gewinnen, hatte sich nicht ganz bewahrheitet; der brasilianische Coach brauchte drei Minuten. Ronaldo wurde unmittelbar nach dem Foul ausgewechselt, womit wieder eine halbe der insgesamt sechs Minuten für Madrid gewonnen war. Bei einem weiteren schnellen Angriff von Real Madrid pfiff der Schiedsrichter in der sechsten Minute ab.“

Der Spieltag in Italien, NZZ

Unterhaus

Jeder Klub kriegt am Ende immer den Trainer, den er verdient

Karlsruhe – Martin Hägele (SZ 7.1.) ist, wie immer, informiert über Mensch und Macht: „Von der gut gepflegten Animosität der schwergewichtigen Mimose Claasen hätte Rolf Dohmen eigentlich wissen müssen, als er seinen ehemaligen Kollegen Fanz zum Nachfolger des glück- und perspektivlosen Lorenz Günther Köstner bestellt hat. Denn inzwischen hängt der badische Traditionsklub geradezu am Tropf seines Hauptsponsors EnBW, und allen im Umfeld von Utz Claasen – hausintern „Wutz“ genannt, weil er sich gelegentlich wie ein wilder Eber aufführt – war klar, dass sich der ehrpusselige Chef nun rächen würde. (…) Gerüchte verdichten sich, dass Dohmen bald einer lokalen Größe Platz machen muss: Winfried Schäfer, derzeit Stadtrat in Ettlingen, sei bereit, noch einmal KSC-Geschichte zu schreiben. Obwohl die letzten Kapitel Schäfers überwiegend von Chaos und von Prozessen geprägt werden. Aber wie gesagt, Herr Claasen versteht ja etwas vom Fußball. Und jeder Klub kriegt am Ende immer den Trainer, den er verdient. Armer KSC.“

Ein funktionierender Club lässt sich von einem Werbepartner niemals unter Druck setzen

Jan Christian Müller (FR 6.1.) zählt die Fehler der Karlsruher Führung: “Ein professionell arbeitender Bundesligist trifft seine wohl abgewogenen Entscheidungen unabhängig davon, welcher Sponsor wie viel Geld dafür zahlt, dass als Gegenleistung der Schriftzug auf die Trikots gebügelt wird oder der Name auf der Sponsorenwand bei der Pressekonferenz auftaucht. Ein gut funktionierender Club lässt sich von einem Werbepartner niemals ernsthaft unter Druck setzen. Er schafft es von vorne herein, so maßvoll zu wirtschaften, dass eine allzu große Abhängigkeit von einem einzigen Geldgeber vermieden werden kann. Das Management eines solchen Clubs ist in der Szene so gut informiert, dass es nicht dazu kommen kann, Personen in verantwortliche Position zu befördern, die sich mit dem Sponsor einstmals ebenso öffentlich wie niveaulos angelegt haben.“

Michael Rosentritt (Tsp 6.1.) lenkt den Blick auf Reinhold Fanz: „Niemand spricht davon, dass ein 50 Jahre alter Trainer öffentlich als Versager abgestempelt worden ist. Und genau darin liegt der kleine, aber feine Unterschied zum richtigen Jürgen Klinsmann. Es ist eben auch alles eine Frage des Stils.“

Soap-Opera

Christoph Bertling (FTD 5.1.) leidet mit und durch Fortuna Köln: „Ein Mythos der deutschen Fußballgeschichte ist Fortuna geblieben. Viele Momente sind unvergessen: Wie Präsident Löring („de Schäng“) mit eigenen Händen ein Starkstromkabel reparierte, um ein Ligaspiel nicht ausfallen zu lassen. Auch seine spektakulären Trainereinkäufe. Mit einem Champagnerglas begrüßte er sie. Mit einem cholerischen Wutanfall warf er sie nach wenigen Monaten wieder raus. Egal wie sie hießen: Schumacher, Hans Krankl oder Bernd Schuster. Doch jene Zeiten sind seit Jahren vorbei. Der letzte bekannte Trainer hieß Uwe Fuchs. Aber auch der ehemalige Topstürmer verlor den Überblick. Auf einer Pressekonferenz verglich er seinen Spielmacher Michael Oelkuch gar mit Zinedine Zidane. Selbst den sachlichen Fuchs hatte bei der Fortuna der Hochmut erreicht. Beinahe wäre es Fortuna Köln dabei noch gelungen, aus dem ganzen Desaster herauszukommen. Ausgerechnet an jenem Ort, an dem der Verein einst weltberühmt geworden ist: in der Umkleidekabine. Die wollten die Vereinsoberen für eine Soap-Opera einer TV-Firma kurz vor den Spielen, wenn die Mannschaftsbesprechungen stattfinden, öffnen. Doch es war bereits zu spät. Die Fortuna war selbst für eine Doku-Soap uninteressant geworden.“

Bundesliga

Zerrissenheit hinter den Kulissen

Freddie Röckenhaus (SZ 5.1.) kommentiert den Rücktritt Stefan Reuters: „Reuters spektakulärer Ausstieg dokumentiert vor allem die Zerrissenheit hinter den Kulissen von Borussia Dortmund. So heißt es in Insiderkreisen, dass Niebaum nur deshalb noch in seiner Position als angestellter Geschäftsführer der Aktiengesellschaft geduldet werde, weil er für das von ihm zu verantwortende Finanzdebakel weiterhin juristisch haften soll.“

Es geht ums politische Überleben

Freddie Röckenhaus (SZ 4.1.) befasst sich mit den Problemen der Dortmunder Mannschaft und der politischen Bedeutung Borussias: „Die Zentrifugalkräfte in der zusammengewürfelten Mannschaft sind nach wie vor groß. Fast jeder hält sich für etwas Besseres. Die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Leistung und selbst eingeschätztem Marktwert bleibt drastisch. Ein psychischer Defekt, den manche vielleicht von der inzwischen weitgehend abgedrängten alten BVB-Führungsclique übernommen haben. (…) In dem Millionenpoker um das Stadion entscheide sich nicht nur nach Rauballs Ansicht die Existenz des Klubs. Mit der WM 2006 vor der Haustür ist das Thema längst ein Politikum. Weder die Stadt Dortmund, ohnehin mit Imageproblemen behaftet, noch das Land Nordrhein-Westfalen können sich einen Absturz des BVB leisten. Ministerpräsident Peer Steinbrück, Parteifreund von Reinhard Rauball, stehen in diesem Jahr Landtagswahlen bevor. Während im benachbarten Duisburg eben erst mit sagenhaften 80 Prozent Landesbürgschaften das Wedaustadion aufgemotzt wurde, ist das Westfalenstadion mit einem zumindest halbwegs florierenden BVB eine Frage des Prestige für das bevölkerungsreichste Bundesland NRW. Für Steinbrück und seinen Parteigenossen Gerhard Langemeyer, Oberbürgermeister von Dortmund und seit kurzem im „Beirat“ des BVB, geht es in Dortmund nicht nur um jede Menge Kohle. Auch ums politische Überleben.“

Schalke plant die Rückrunde, FAZ

Ascheplatz

Wer den starken Fußball will, braucht starke und eigenständige Vereine

Michael Ashelm (FAZ 6.1.) klärt das Verhältnis zwischen Sponsor und Verein: „Über Personalien und Konzepte darf gestritten werden, doch nur gleichberechtigte Partner, die eigenes Know-how einbringen, werden erfolgreich zusammenarbeiten können. Es kann niemandem daran gelegen sein, die Entscheidungsfindung im Klub zur Farce verkommen zu lassen, den Fußball mit seinen ganz eigenen Werten und emotionalen Ausprägungen noch mehr zum Spielball von Werbepartnern und Großfinanziers machen zu wollen; die Vorkommnisse in Karlsruhe stellen dazu die Professionalität beider Seiten in Frage. Besser machen es deshalb Klubs, die möglichen Auseinandersetzungen vorbeugen und wichtige Geldgeber in die Vereinsgremien integrieren. Tiefgreifende Meinungsunterschiede können damit schon im Vorfeld bereinigt werden. Über allem sollte jedoch die Entscheidungsfreiheit des Fußballs stehen. Wer den starken Fußball will, braucht starke und eigenständige Vereine.“

Freitag, 31. Dezember 2004

Interview

Auf mich haben die sechseinhalb Jahre in Amerika einen enormen Einfluß gehabt

Jürgen Klinsmann mit Michael Horeni (FAZ 30.12.):

FAZ: Haben Sie sich mit Ihrer Arbeit in Amerika in den vergangenen Jahren auf den Job des Bundestrainers vorbereitet, ohne es zu wissen?
JK: Ja, da ist etwas dran. In Amerika haben wir immer wieder Themen unter die Lupe genommen, die mir heute helfen: im Trainerbereich, im Funktionsbereich, in der Führung einer Mannschaft. Ich habe dadurch viel Wissen und Ideen gewonnen, ohne daß ich jemals daran dachte. Ich habe mich öfter mit den Trainern Aime Jaquet oder Carlos Alberto Parreira unterhalten, und dabei ging es immer um die Rollen der Nationalmannschaften, ohne daß ich jemals daran dachte, selbst einmal eine solche Rolle auszufüllen. Auch die Tatsache, daß ich in Amerika viel mit Wirtschaftsunternehmen zu tun hatte, mit anderen Denkweisen, sehr direkten Zielvorgaben, sehr konkreten Marschrouten und es dabei nie Zeit zu verlieren gab, hat mich unbewußt auf meine Rolle als Bundestrainer vorbereitet. Ich wußte, daß wir uns jetzt nicht in Meetings mit zehn Tagesordnungspunkten verlieren dürfen – die können wir in einer Viertelstunde im Conference Call abhandeln. Ich wußte, es geht auch anders.
FAZ: Wieviel amerikanischer ist denn die Nationalmannschaft schon geworden?
JK: Auf mich haben die sechseinhalb Jahre in Amerika einen enormen Einfluß gehabt. Ich packe Dinge an – und wenn es schiefgeht, dann geht es eben schief. Dann halte ich meinen Kopf dafür hin. Die Mannschaft hat von dieser Einstellung schon viel angenommen. Denn sie hat erkannt, daß wir unsere Arbeit auf ihren Stärken aufbauen. Wir denken permanent an sie, wir wollen Dinge für sie verbessern – aber wir wollen von ihnen auch etwas zurückhaben. Es ist ein Wechselspiel, keine Einbahnstraße. Wir erwarten, daß innerhalb der Mannschaft ein Denkprozeß stattfindet, der dazu führt, daß die Spieler von innen heraus angetrieben werden. Wir weisen immer wieder sanft darauf hin, daß sie mehr tun müssen als andere Spieler in der Bundesliga. Wir liefern ihnen dazu die Informationen – und je näher wir jetzt unserer eigentlichen Aufgabe WM 2006 kommen, desto intensiver werden wir das tun.
FAZ: Warum mangelt es im deutschen Fußball seit langem an Selbstverantwortung?
JK: Weil den Spielern zuviel abgenommen wurde. Es ist zwar im ersten Moment angenehm, wenn ich zu einem neuen Klub komme, der mir am ersten Tag gleich fünf Wohnungen zeigt, das Telefon anschließt und den Umzug dem Einwohnermeldeamt mitteilt. Aber so nimmt man den Spielern die täglichen Aufgaben weg und erzieht sie zur Unselbständigkeit. Das ist oft passiert. Davon müssen wir wegkommen, und wir sind es auch schon ein bißchen. Unser Wunsch ist, daß die Spieler die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wir müssen sie darauf vorbereiten, daß sie im entscheidenden Moment auf dem Spielfeld im Viertelfinale einer WM einen 0:1-Rückstand wegstecken können oder sogar ein 0:2. Denn dann hilft ihnen kein Trainer mehr da draußen. Da müssen sie sich selbst helfen. (…) Mit der Art, wie wir seit Sommer Fußball spielen, verschaffen wir uns überall Respekt. Das mag den Spielern gar nicht so bewußt sein, weil sie in ihrem dichten Alltag noch so gefangen sind von Bundesliga und Champions League. Sie sehen noch gar nicht, was dieser Prozeß woanders schon auslöst. Brasilien und andere Top-Nationen beobachten uns wieder ganz anders – die schauen genau hin, was sich bei uns entwickelt. Der Respekt vor uns wächst. (…)
FAZ: Wie sieht denn der ideale Nationalspieler aus, den der Bundestrainer Klinsmann für die WM 2006 formt?
JK: Für uns ist der ideale Spieler, der aus sich selbst das Maximum herausholt – mit all seinen Eigenschaften, mit seiner ganzen Persönlichkeit. Da soll jeder so sein, wie er ist. Unser Wunsch ist, daß der Spieler mit dem Gefühl zur WM kommt: Ich bin an meinen 100 Prozent dran. Ich habe eine Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren durchgemacht, die mich nach vorne gebracht hat – und jetzt ist es Zeit, alles abzurufen.

Alles, was ich tue, kann sich in der Öffentlichkeit niederschlagen

Michael Ballack mit Moritz-Müller-Wirth (Zeit 30.12.)
Zeit: Sie wirken, vorsichtig ausgedrückt, oft sehr überlegt. Worin liegen Ihre Bedenken?
MB: Mit der Zeit lernt man, seine Worte aufmerksam zu wählen, weil man weiß, was daraus in der Öffentlichkeit gemacht werden kann. Ich kenne die Spielregeln der Medien und ziehe daraus meine Lehren.
Zeit: Führen diese Spielregeln nicht zu einer Unaufrichtigkeit, zumindest zu einer Oberflächlichkeit im Umgang zwischen Öffentlichkeit und Sportlern?
MB: Unaufrichtigkeit geht mir zu weit. Grundsätzlich gibt sich jeder, wie er ist. Aber gewisse Abläufe haben sich so eingespielt. Klar, das ist natürlich auch oft oberflächlich. Sobald ich mich in die Nähe von Journalisten begebe, weiß ich: Alles, was ich tue, kann sich in der Öffentlichkeit niederschlagen. Und inzwischen weiß ich auch, was sich wie niederschlagen kann. Da richte ich mich danach. Das würden Sie doch auch tun, oder? (…)
Zeit: Jürgen Klinsmann fordert von seinen Spielern, insbesondere den Älteren, ein Engagement auch jenseits des Fußballplatzes, in der Gesellschaft, als Vorbilder. Können, wollen Sie dieser Rolle gerecht werden?
MB: Ich habe zu vielen Dingen eine Meinung, auch zu solchen, bei denen ich mich – ehrlich gesagt – nicht so gut auskenne. In diesen Fällen ziehe ich es vor zu schweigen, weil ich weiß, dass meine Meinung in der Öffentlichkeit wahrgenommen und auch ernst genommen werden würde. Ich habe zwar Abitur, aber meine Devise lautet: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Ich bin Fußballer. Entwicklungen in der Gesellschaft beobachte ich aufmerksam, mit Äußerungen nach außen bin ich vorsichtig.

Internationaler Fußball

Trümmerhaufen

Birgit Schönau (SZ 30.12.) urteilt über den offiziellen Rückzug Silvio Berlusconis vom Präsidentenamt beim AC Mailand: „Berlusconi und der Fußball, das Kapitel wird noch lange nicht abgepfiffen. Hinter Berlusconis Klub steht ein Großunternehmen, der einzige ernstzunehmende Rivale ist Juventus Turin. Das hat er aus dem italienischen Fußball gemacht: einen Trümmerhaufen. Aber als Regierungschef sorgt er dafür, dass die Show trotzdem weitergeht, notfalls per Schuldenerlass-Dekret. Er wird sich weiter einmischen, und im übrigen… „hätten wir denn die Kraft“, fragte in einem Leitartikel die Gazzetta dello Sport, „uns aus den Führungsfragen einer Mannschaft herauszuhalten, die wir aus purer Leidenschaft gekauft haben?“ Aus purer Leidenschaft. Wenn es um Fußball geht, ist der reichste Mann im Land auch nicht anders als alle anderen 57 Millionen Tifosi. Und genau um das weiter zu suggerieren, braucht Silvio Berlusconi den AC Mailand.“

Einiges mitgebracht, was anderen englischen Managern fehlt

Martin Pütter (NZZ 27.12.) befasst sich mit dem Erfolg José Mourinhos in England: „Mourinho hat einiges mitgebracht, was anderen englischen Managern fehlt. Da wäre etwa die Kenntnis der – bisher immer noch nicht ins Englische übersetzten – lateinamerikanischen Fachliteratur zum Thema Fussballtraining. Dazu kommt die Gründlichkeit des Portugiesen. Auch gegen Aston Villa hatte Mourinho wieder einen Notizblock dabei. Darin hielt er sämtliche Situationen fest, die ihm während der 90 Minuten aufgefallen waren – positive und negative. Mit der Art, wie Mourinho seine Wahrnehmungen den Spielern mitteilt, hat er sich den Respekt der Mannschaft verschafft. Und damit schuf er auch einen Teamgeist unter den „Blues“, der zuvor gefehlt hatte.“

British sense of humour

Wie feiert der englische Profi Weihnachten, Ludger Schulze (SZ 29.12.)? „Wenden wir uns dem britischen Fußball zu; respektive den merkwürdigen Sitten und Gebräuchen seiner Profis anlässlich der Würdigung der Geburt des Herrn. Vielleicht liegt dem ja nur ein Verständnisproblem zugrunde, weil sie Fest der Besinnung mit Fest der Besinnungslosigkeit verwechseln. Denn wenn der Großteil der Menschen auf Erden unterm Tannenbaum besinnlich „Es ist ein Ros’ entsprungen“ anstimmt, gibt sich der britische Fußballer alle erdenkliche Mühe, die Besinnung auszuschalten: die eigene durch exzessiven Konsum von diversen Alkoholika, die der Mit-/Gegenspieler durch mit maximaler Wucht ausgeführte Schläge der Fäuste. Beides ist in der Regel von Erfolg gekrönt. (…) Im Grunde gilt, was ein Strafrichter andernorts unter Körperverletzung einordnen würde, drüben auf der Insel als eine Spielart des british sense of humour. Wie beispielsweise diese hintergründige Debatte mit einem Teamkollegen, bei der Joey Barton von Manchester City kürzlich das letzte Wort behielt und dem Kontrahenten eine Zigarre aufs Auge drückte. Eine brennende. O du fröhliche.“

Unterhaus

Imageschaden beidseitig

Jan Christian Müller (FR 30.12.) kommentiert den Konflikt um die Einstellung Reinhold Fanz’ beim Karlsruher SC: “Im Verein hat offenbar niemand gewusst, dass sich die Wege des neuen Cheftrainers vor sieben Jahren bereits einmal mit dem gewieften Top-Manager des mächtigen Karlsruher Hauptsponsors EnBW, Utz Claasen, gekreuzt haben. Und zwar auf höchst unerfreuliche Weise und auf ausgesprochen niedrigem Niveau. Claasen war seinerzeit einen kurzen Sommer lang Präsident von Hannover 96, Fanz Trainer. Es gehört also eine gehörige Portion Naivität und Unwissenheit dazu, dem zahlungskräftigen Geldgeber ausgerechnet diesen Mann als vermeintlichen Retter zu präsentieren. Erst recht, nachdem der Club aus seiner Abhängigkeit zu EnBW nie ein Geheimnis gemacht hat. (…) Unabhängig davon, ob der EnBW-Marketingchef zumindest rudimentär über den Findungsprozess informiert worden war, wie der KSC-Vizepräsident Rainer Schütterle behauptet, oder ob er durch Dritte davon erfuhr, wie EnBW vorgibt, ist der Imageschaden beidseitig beträchtlich.“

Jochen Breyer (SZ 30.12.) fügt hinzu: „Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Sponsor in die Politik des Vereins einmischt, noch nie aber ist das so öffentlich und in diesem Ton geschehen.“

Die Stellungnahme von EnBW

Ascheplatz

Beitrag zum Selbstwertgefühl der Portugiesen

Die NZZ (28.12.) resümiert die wirtschaftlichen Folgen der Euro 2004: „In Zahlen allein lassen sich die Effekte der Euro nicht messen. Nach Ansicht der Forscher war das Turnier dank effizienter Vorbereitung und perfekter Organisation ein Erfolg. Es habe Portugal im Ausland positiv dargestellt. Nicht unwichtig sei auch sein Beitrag zum Selbstwertgefühl der Portugiesen. In wirtschaftlicher Hinsicht hofft man im Lande nun auf den „Barcelona-Effekt“ – auf stärkeren Andrang von Touristen wie in der katalanischen Metropole nach den Olympischen Spielen von 1992. Schon im Vorfeld der Euro hatten die Zeitungsanzeigen und TV-Spots des Aussenhandelsamtes nicht primär für Portugal als Land des Fussballs, sondern als Reisedestination geworben. Ziel war es, die Anhänger – im Stadion oder daheim am Bildschirm – als künftige Touristen zu gewinnen. Sowohl die Eindrücke der Fussballbegeisterten im Lande – von Gastfreundschaft, Qualität der Dienstleistungen, Gastronomie, Landschaft und Kultur – als auch Berichte und Reportagen ausländischer Medien seien dem Landesimage zugute gekommen, heben die Ökonomen hervor. Sie stützen sich unter anderem auf eine Umfrage der Universidade do Algarve unter rund 800 ausländischen Besuchern, von denen 75% erstmals in Portugal waren. Während 74% sagten, dass sich ihr Bild vom Lande positiv gewandelt habe, reisten 24% mit einer unveränderten Vorstellung wieder nach Hause. 37% verbrachten drei bis fünf Nächte in Portugal. Nur 12% beliessen es bei einer bis zwei Nächten. Immerhin 87,5% bejahten die Frage, ob sie in den nächsten fünf Jahren wiederzukommen gedenken.“

Freitag, 24. Dezember 2004

Interview

Ich habe fast jeden Tag an der Uni genossen, sogar das Geräteturnen

Höchst lesenswert! Ralf Rangnick mit Wolfgang Hettfleisch & Jan Christian Müller (FR 24.12.)
FR: Wie geht es Ihrer Viktoria Backnang, die Sie vor 20 Jahren als Spielertrainer nach vorne gebracht haben?
RR: Schlecht. Allen Clubs hier geht es schlecht. Backnang hat sich ins Niemandsland des Fußballs verabschiedet. Die Viktoria ist leider wieder da angelangt, wo ich sie damals übernommen habe: Sie dümpelt in der Bezirksliga herum.
FR: Sie haben die Mannschaft in zwei Jahren zweimal zum Aufstieg geführt…
RR:… dabei hat es keinen Pfennig Geld für die Spieler gegeben. Ich war damals 26 und kam vom Zweitligaaufsteiger SSV Ulm 1846. Ich war dort Stammspieler, stand in 33 von 34 Spielen in der Anfangsformation und in der Aufstiegsrunde in sieben von acht Spielen. Für eine Bezirksligisten wie Backnang war ich also damals fast wie ein Geschenk. Sie haben einen Zweitligaspieler im besten Alter bekommen, der darüber hinaus dabei war, seinen Fußballlehrer zu machen.
FR: Wir fragen jetzt nicht nach Ihrem aktuellen Gehalt. Sagen Sie uns ja sowieso nicht. Aber Sie dürfen uns ruhig verraten, wie viel es damals war?
RR: Genau tausend Mark. Der Präsident lag damals mit einem Leistenbruch im Krankenhaus. Ich habe ihn dort besucht. Wir sind unten im Garten herumgelaufen und haben uns schnell geeinigt.
FR: Warum haben Sie den Job in Backnang überhaupt gemacht?
RR: Weil ich nichts anderes hatte. Das glaubte zwar keiner, aber es war so. Die Ulmer …
FR:… wo Sie im defensiven Mittelfeld gespielt haben …
RR:… ich musste immer den gegnerischen Spielmacher ausschalten. Jedenfalls steigen wir auf und ich erhalte ein Angebot …
FR:… das Sie nicht annehmen konnten?
RR: Ich habe bald gemerkt, dass sie mich eigentlich gar nicht mehr wollten. Das Angebot, 800 Mark Grundgehalt, war hanebüchen. Ich bot sogar an, neben der E-Jugend auch noch die D-Jugend zu trainieren. Das war ihnen hundert Mark mehr wert, aber für mich zu wenig zum Leben. Da habe ich das Handeln selbst übernommen.
FR: Im Studium galten Sie unseren Informationen zufolge als sehr strebsam.
RR: Mir hat es einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe fast jeden Tag an der Uni genossen. Sogar das Geräteturnen…
FR:…macht keinem Fußballspieler Spaß.
RR: Genau. Ich hatte am Anfang Muffe ohne Ende und habe das Geräteturnen lange vor mir hergeschoben. Drei Monate vor der Prüfung habe ich dann jeden Tag vier bis fünf Stunden an den Geräten trainiert und am Ende die Prüfung mit der Note 1,5 bestanden. Das war eines der größten Erfolgserlebnisse, die ich als Sportler hatte. Denn seither weiß ich: Wenn du wirklich willst, kannst du alles lernen. Sogar Salto vorwärts, Salto rückwärts und so weiter.
FR: Sagt Ihnen die Adresse Old Barn Way noch etwas?
RR: So hieß wahrscheinlich das Stadion des FC Southwick.
FR: Stimmt. Sie haben dort in der sechsten oder siebten englischen Liga gespielt.
RR: Ich bin in erster Linie ein Jahr lang in England gewesen, um richtig Englisch zu lernen. Ich wusste: Wenn ich mein Studium schaffen und irgendwann mal 800 Seiten Hard Times von Charles Dickens lesen können will, muss ich über einen längeren Zeitraum in England gelebt haben.
FR: England gilt inzwischen als Schlaraffenland des Fußballs. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
RR: Soll ich Ihnen das wirklich erzählen?
FR: Nur zu.
RR: Also: Mein erstes Spiel – Spielbeginn war 15 Uhr. Als ich um 13.45 Uhr ankam, war noch kein Mensch da. So gegen 14.30 Uhr kamen die ersten Spieler in die Kabine. Ich habe mich dann ganz schnell umgezogen und wollte raus zum Warmmachen. Da kam der Kapitän und fragte: „Hey, wo willst Du hin? Hier führt der Captain die Mannschaft raus.“ Zehn vor drei sind wir dann alle raus. Der Captain vorneweg.
FR: Und Sie haben sich gleich eine Zerrung zugezogen?
RR: Nein, aber im zweiten Spiel, auswärts in Chichester, habe ich mir drei Rippen gebrochen und einen Lungenflügel durchbohrt. Danach lag ich drei Wochen im Krankenhaus. Es war keine Absicht. Ich glaube sogar, der Ball war danach im Tor. Aber ich konnte danach vier Monate keinen Fußball mehr spielen.
FR: Gibt es etwas, das Sie vom englischen Fußball gelernt haben?
RR: Jede Menge. Erst einmal: das Kopfballspiel; dann: von hinten heraus immer langer Ball. Aber vor allem: Es wird unglaublich viel gesprochen auf dem Platz. Es gibt kaum eine Situation, in der man sich untereinander nicht coacht und anfeuert. Man baut sich ständig gegenseitig auf: „Come on, boys!“ und so weiter. Das hat mich total begeistert und geprägt. Noch heute sage ich zu meinen Mannschaften: „Ich will Euch spielen hören, nicht nur spielen sehen.“

of: … und ich war stolz auf meine 4+ in der Turnprüfung …

Ich bin die Nummer eins

Äußert lesenswert! Oliver Kahn mit Michael Horeni (FAZ 24.12.)
FAZ: Welches Buch lesen Sie gerade?
OK: Helmut Schmidt, Mächte der Zukunft.
FAZ: Mögen Sie keine Biographien mehr, das war doch immer Ihre bevorzugte Gattung?
Doch, danach will ich das Buch von Robbie Williams lesen, das ist zwar auch keine richtige Biographie, aber es ist sicher interessant, was er alles erlebt hat.
FAZ: Welche Biographie hat Sie am stärksten beeindruckt?
OK: Die meisten Biographien waren von Sportlern – zum Beispiel „Tiger“ Woods, „Air“ Jordan, Boris Becker und andere. Mich hat keine spezielle Biographie besonders fasziniert, sondern ich habe aus den jeweiligen Lebensbeschreibungen die für mich interessanten Phasen auf mich wirken lassen. (…)
FAZ: Wenn man nach diesen Erfolgen eine solche Heroisierung erfährt, dann besteht doch die Gefahr, zu glauben, alles, was man macht, sei richtig.
OK: Wenn einen die Medien so übermenschlich darstellen, als fehlerloses Wesen, dann besteht die Gefahr, genau dieses Bild zu leben. Genau das habe ich getan. Heute weiß ich: Ich will kein Titan mehr sein, sondern ein menschliches Wesen mit Stärken und Schwächen. Bevor man an diesen Punkt kommt, ist es teilweise schwer einzusehen, daß man etwas ändern soll. Auch wenn man es gesagt bekommt. Wenn doch alles, was man bis dahin gemacht hat, so erfolgreich war.
FAZ: Wäre ein Trainer wie Jürgen Klinsmann, der sich mit Psychologie beschäftigt, für Sie nicht schon vor einigen Jahren eine Hilfe gewesen?
OK: Ein Trainer, der wie Jürgen Klinsmann psychologisch sehr geschult ist, ist auf alle Fälle hilfreich. Aber wenn man selber noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen ist, dann kann auch so ein Trainer nur schwer helfen. (…)
FAZ: Es könnte ja sein, daß 2006 ein anderer deutscher Torwart besser ist als Sie. Würden Sie Ihre Karriere auch als Nummer zwei beenden?
OK: Für mich ist es psychologisch enorm wichtig, mich damit nicht auseinanderzusetzen. Das darf ich nicht. Denn sonst setzt man solche Prozesse im Kopf in Gang. Ich betrachte die Situation im übrigen so: Ich bin die Nummer eins. Das hat auch Jürgen Klinsmann immer gesagt. Ich habe jetzt fast 80 Länderspiele gemacht und glaube nicht, daß ich mir in der Nationalmannschaft viel habe zuschulden kommen lassen. Bei der EM habe ich solide gespielt. Ich habe bei allen WM- und EM-Qualifikationen meinen Mann gestanden, bei den Turnieren dem Druck immer standgehalten und meine Leistung gebracht. Aber natürlich muß ich, da ich beim FC Bayern kein gutes Jahr hatte, meine Position verteidigen gegen meinen Herausforderer. Dem stelle ich mich, damit habe ich überhaupt keine Probleme.
FAZ: Und wer ist der beste Torhüter der Welt? – Immer noch Oliver Kahn?
OK: Momentan halte ich den Italiener Buffon für den besten Torhüter der Welt. Wenn Sie mir diese Frage in einem Jahr noch einmal stellen, dann gebe ich Ihnen vielleicht eine andere Antwort.
FAZ: Und wenn auch in Deutschland 2006 einer besser sein sollte als Sie?
OK: Ich möchte spielen, weil ich der beste Torwart bin. Und wenn ich es nicht schaffen sollte, dann gehe ich zu meinem Konkurrenten, gebe ihm die Hand und wünsche ihm viel Glück.

of: Diskutieren Sie über Oliver Kahn in der Südkurve!

Extreme Auswüchse

Sehr lesenswert! Urs Meier mit René Hofmann (SZ 24.12.) über die englische Kampagne gegen ihn
SZ: Wie war das, als Sie am Abend das Stadion verließen?
UM: Nach dem Spiel kam Sven-Goran Eriksson zu mir und sagte: Danke für die Leistung, aber das Tor hätte zählen müssen. Kaum hatte er die Schiedsrichterkabine verlassen, riefen Freunde an und gratulierten mir: „Wir haben alles im TV gesehen, die Entscheidung war absolut korrekt, weil der Torhüter behindert wurde.“ Die Engländer im Stadion haben das ja auch akzeptiert. In der Nacht gab es eine riesige Party – mit Portugiesen und Engländern. Erst mit den Zeitungen kam am nächsten Morgen alles ins Rollen.
SZ: Was geschah?
Meier: Telefonterror. Die Fax- und E-Mail-Flut in meinem Geschäft für Haushaltswaren in Würenlos haben wir relativ schnell gestoppt. Mit den Anrufen war das nicht so einfach. Das Spiel war am Donnerstag, am Montag gingen immer noch mehr als 5000 Schmäh-Anrufe ein. Nach Hinweisen der Polizei hat die Gemeinde eine Woche lang zwei bewaffnete Sicherheitsleute vor dem Geschäft positioniert. Als ich am Dienstag nach Hause kam, wurde ich von der Polizei abgeholt. Ich bin dann direkt untergetaucht. Zunächst im Schweizer Jura, dann in Lenzerheide.
SZ: Reporter der Sun rollten eine gewaltige Union Flag vor ihrem Haus aus.
UM: Ursprünglich wollten sie die Flagge aufs Dach legen. Jemand hat mir erzählt, dass die Briten im Zweiten Weltkrieg so ihre Bombenziele markierten. Das waren extreme Auswüchse. Ein Abgeordneter regte an, man solle den Kanton Aargau bombardieren. Unglaublich.
SZ: Gab es direkte Morddrohungen?
UM: Zuhauf.
SZ: Gab es auch Aktionen, über die Sie schmunzeln konnten?
UM: Den Gratis-Sehtest für alle Schweizer und den Boykott-Aufruf gegen Schweizer Käse, Schokolade und Kuckucksuhren – die kommen gar nicht von uns, sondern aus Deutschland.
SZ: Endete der Spuk mit der EM?
UM: Mehr oder weniger. Gelegentlich hört immer mal wieder einer meinen Namen und denkt, dem habe ich auch schon lange nicht mehr geschrieben. Und eine Strafanzeige läuft noch, gegen einen Hacker, der meine Homepage umgeschrieben hat. Dort stand plötzlich, dass ich mich beim englischen Volk entschuldige. Ich hätte von hohen Funktionären der Uefa Geld erhalten, um Portugal weiterkommen zu lassen.

of: … dabei war doch nicht das aberkannte Tor der Engländer eine Fehlentscheidung, sondern der verweigerte Elfmeter gegen Wayne Rooney, bei dem er sich schwer verletzte…

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