indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 21. Oktober 2004

Interview

Ein Grüßgott-August bin ich nicht

Theo Zwanziger (SZ): „ein Grüßgott-August bin ich nicht“ – Werner Hackmann (Tagesspiegel): „Beckenbauer lässt sich nicht zähmen“

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Theo Zwanziger im SZ-Interview (21.10.)
SZ: Der Ehrenspielführer Matthäus hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Mentalität eines Killers bescheinigt – und damit einen Begriff kreiert, der in der Öffentlichkeit Wirkung hinterlassen hat.
TZ: Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas demnächst zum Sprachgebrauch im deutschen Fußball gehört. Sicher kann man sich auch mal die Meinung sagen, ich akzeptiere das gerade von einem Ehrenspielführer. Aber Sprache ist Teil der Kultur, und jeder der sich in der Öffentlichkeit äußert, sollte auf solche Begriffe verzichten.
SZ: Wird man das Matthäus mitteilen?
TZ: Gehen Sie davon aus! Er muss Rücksicht darauf nehmen, dass er in einer Linie steht auch mit einem Fritz Walter und einem Uwe Seeler. (…)
SZ: Der DFB als der Öffentlichkeit verpflichtetes Organ hält an einem Präsidenten fest, der Umfragen zufolge von über 90 Prozent der Bevölkerung abgelehnt wird und dessen berufliche Karriere von einer Vielzahl von Skandalen geprägt war.
TZ: Die Popularität von Herrn Mayer-Vorfelder kannten wir ja schon, als wir ihn gewählt haben. Er war als Minister wie als Fußballfunktionär ein Mann mit Ecken und Kanten. Aber ich bewerte Menschen danach, wie sie mir begegnet sind. Bei allem, was Sie gesagt haben, habe ich von der Persönlichkeit Mayer-Vorfelder einen anderen Eindruck. (…)
SZ: Die WM-Quartierfrage ist keine rein logistische. Es geht nicht um drei Tage Hotelaufenthalt, sondern darum, das optimale Lebensgefühl für mehrere Wochen während der WM zu schaffen.
TZ: Wenn Klinsmann gesagt hätte, wir werden ein Konzept entwickeln und uns dann mit dem Präsidium zusammensetzen und eine einvernehmliche Lösung suchen, hätte ich mich nicht zu Wort gemeldet. Aber man darf nicht den Eindruck vermitteln – und das sollte und wird Klinsmann auch nicht mehr tun –, als seien alle anderen, die hier in verantwortlichen Ämtern sind, die letzten Hanswurste. Das wird man mit mir nicht machen können, ein Grüßgott-August bin ich nicht. Wir müssen sehr sensibel sein, sonst schreiben die Zeitungen irgendwann, lasst den Klinsmann doch den DFB-Präsidenten gleich mitmachen.
SZ: Gibt es eine vertragliche Festlegung mit Leverkusen, die keine Bewegungsfreiheit mehr zulässt?
TZ: Sie können jeden Vertrag verändern. Aber das sollte man nur bei einer einvernehmlichen Lösung tun, und der Partner muss dann wissen, welchen Ausgleich er erhält. Bisher kenne ich keine alternativen Konzepte und konnte mich daher noch nicht damit befassen. Ich warte in Ruhe ab, ich will keine verbrannte Erde hinterlassen.
SZ: Zumal die Leverkusener Konzernherren viel für die WM-Bewerbung getan haben.
TZ: Egidius Braun wollte das Geld für diese Bewerbung weder aus dem Haushalt des DFB nehmen, noch den Steuerzahler belasten. Es ging um einen sieben-, achtstelligen Betrag. Also musste er es bei Freunden im Sponsorenbereich holen, jeder wusste ja, das ist eine große Risikoinvestition. Und dabei war Leverkusen sein erster Ansprechpartner.
SZ: Wir lesen doch immer, dass der Erfolg der WM-Bewerbung allein Franz Beckenbauer zuzuschreiben ist. Und jetzt hören wir, dass Egidius Braun der wahre Mann hinter 2006 war?
TZ: Ich wäre Ihnen hoch verbunden, wenn das einmal richtig gestellt würde. Die Reihenfolge: Erst war die Bewerbung gesellschaftlich zu begründen, das tat Braun. Dann brauchte es die exzellenten Bewerbungsunterlagen von Horst R. Schmidt. Dann kam wieder Braun, der für den Zusammenhalt der acht Europäer in der Fifa-Exekutive bei der Wahl sorgte. Aber dann hat er gespürt, jetzt brauchen wir eine Welt umspannende Figur wie Beckenbauer. Er hat ihn in einer Nacht- und Nebelaktion überzeugt, ins DFB-Präsidium einzuziehen. Braun tat es um der Sache willen, er hat ja genau gewusst, dass er mit dieser Maßnahme viele Leute vergraulte. Dann hat Beckenbauer seine Arbeit sehr gut gemacht. Mir hat immer weh getan, dass Brauns Rolle nicht ausreichend gewürdigt wurde. Wäre er am Ende noch gesund gewesen, wäre der Eindruck in der Öffentlichkeit ein anderer gewesen.
SZ: Es gibt noch ein paar Köche mehr rund um die WM 2006. Die politischen Parteien haben zu erkennen gegeben, wie verlockend die WM-Bühne für ihre Anliegen im Bundestagswahl-Jahr 2006 ist. Das war schon zu besichtigen im Hickhack um die Eröffnungsfeier der Bundesregierung in Berlin, die dann der Weltverband an sich gezogen hat. Droht dem Fußball, droht dem DFB eine Zerreißprobe?
TZ: Ganz klar, ich sehe das genauso. Ich habe stets gesagt, wir gehen in eine sensible Zeit und müssen aufpassen, dass der DFB gesellschaftsfähig bleibt, sich nicht parteipolitisch vereinnahmen lässt. Einerseits also mit der Bundesregierung zusammenzuarbeiten und ihre Verdienste nicht klein zu reden, andererseits die Opposition nicht auszubremsen. Wir sind Leute, die sich nicht aus Machtinteressen im Staat kurzfristig umlenken lassen, das müssen wir deutlich machen.

Beckenbauer lässt sich nicht zähmen

Werner Hackmann im Tsp-Interview (21.10.)
Tsp: Wer ist für die Nationalmannschaft zuständig?
WH: Der Präsident des DFBs. Danach der Präsident der DFL, also meine Person.
Tsp: Ab Sonntag soll es zwei Präsidenten geben, Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger. Dann rücken Sie an die dritte Stelle.
WH: Nein. Herr Zwanziger wird ja, sofern er vom DFB-Bundestag gewählt wird, Geschäftsführender Präsident. Es wird eine Doppelspitze geben. Aber deshalb darf die Liga nicht zurückgesetzt werden.
Tsp: Sie wollen mit Mayer-Vorfelder allein über die Nationalmannschaft entscheiden?
WH: Richtig, wir beide entscheiden, wenn es Streitfragen gibt. Auch Generalsekretär Horst R. Schmidt hat bei der Nationalmannschaft immer mitgeredet. Natürlich wird auch der Herr Zwanziger jetzt mitreden. Aber die Hierarchie muss klar sein: Federführend bleibt der Präsident des DFB, und ich bin sein erster Vertreter.
Tsp: Hat nicht die chaotische Trainersuche gezeigt, dass es mit der Federführung des Präsidenten nicht so weit her ist?
WH: Hätte Herr Mayer-Vorfelder nach Rudi Völlers Rücktritt die Liga rechtzeitig in die Suche eines Nachfolgers einbezogen, wäre uns einiges erspart geblieben.
Tsp: Auch die Doppelspitze?
WH: Auch Herrn Mayer-Vorfelder wäre einiges erspart geblieben, wenn er nicht so beratungsresistent gewesen wäre.
Tsp: Was war schwieriger in Ihrer Karriere: die Befriedung der besetzten Hafenstraße als Hamburger Innensenator oder die Befriedung des deutschen Fußballs?
WH: Im Sport geht es um Geschäft und Unterhaltung. In der Innenpolitik geht es um Menschenleben. Bei der Auseinandersetzung um die Hafenstraße hatte ich Sorge um die Unversehrtheit meiner Mitarbeiter. Das Problem in diesem Sommer war, dass der deutsche Fußball auf der Kippe stand. Ich hatte keine schlaflosen Nächte, weil wir ein paar Wochen keinen Bundestrainer hatten. Aber Druck habe ich gespürt. Wenn man jeden Tag in der Presse, vor allem in einer Zeitung mit großen Buchstaben, einen neuen Kandidatennamen lesen muss, ist das bitter.
Tsp: Das lag ja auch an Mitgliedern der Trainerfindungskommission, oder?
WH: Das kann ich nicht ausschließen.
Tsp: Es gab einen, dem enge Kontakte nachgesagt werden zu Lothar Matthäus und zur Bild-Zeitung: Franz Beckenbauer.
WH: Ja, es gab das Thema Matthäus. Ich habe aber nie verhehlt, dass ich Lothar Matthäus nicht für die richtige Lösung hielt.
Tsp: Wie haben Sie Beckenbauer gezähmt?
WH: Der lässt sich nicht zähmen. Aber wir haben uns schließlich auf Jürgen Klinsmann geeinigt, einstimmig.
Tsp: Was mögen Sie an Jürgen Klinsmann?
WH: Seine Unbefangenheit und Frische. Aber auch seine Bestimmtheit.
Tsp: Diese Bestimmtheit hat viel Ärger beim DFB ausgelöst.
WH: Er hat klare Vorstellungen. Die hat er uns von Anfang an mitgeteilt.
Tsp: Auch bei der Frage, in welchem Quartier sich die Nationalmannschaft auf die WM 2006 vorbereitet?
WH: Jeder neue Bundestrainer muss das Recht haben, alles in Frage zu stellen. Herr Klinsmann wird ein Konzept erarbeiten, in dem er erklärt, welche Standorte er für optimal hält. Wenn Leverkusen nicht darunter ist, ist es eben so.
Tsp: Herr Zwanziger pocht auf die Verabredungen mit Bayer Leverkusen.
WH: Ich gehe davon aus, dass Herr Klinsmann nach dem Bundestag sein Konzept vorlegt. Dann wird der Streit gelöst. (…)
Tsp: Funktionieren Doppelspitzen?
WH: Nein, eigentlich nicht. In den Sechzigern bin ich in die SPD eingetreten. Es ging damals darum, wer in Hamburg-Bergedorf Chef der Jungsozialisten wird. Neben mir gab es noch einen Kandidaten, wir konnten uns nicht einigen und haben eine Doppelspitze gemacht. Das ist gescheitert.

Internationaler Fußball

Rassismus in Hollands Stadien

Rassismus in Hollands Stadien – Siggi Weidemann (SZ 20.10.) berichtet: „Dass zum ersten Mal in der Geschichte des holländischen Fußballs ein Spiel in Den Haag abgebrochen wurde, ist kein Zufall, denn dieser Klub, kommentiert De Volkskrant, „hat auf dem Feld des Fußballvandalismus eine miserable Reputation“. Andere Medien beklagen den Verlust gesellschaftlicher Werte in der niederländischen Gesellschaft. Auch farbige Spieler werden immer häufiger diskriminiert. Nach den neuen Vorfällen wird in der Öffentlichkeit die Frage laut, warum die Klubs nicht schon früher hart gegen auffällige Fans aufgetreten sind. Seit Jahren machen holländische Hooligans negative Schlagzeilen, sind die Klubs Gefangene ihrer eigenen Anhänger, und drücken die Verantwortlichen beim Auftreten ihrer teilweise ungehobelten Fans gerne beide Augen zu. „Seit 20 Jahren“, entrüstet sich der frühere Fußballer Jan Mulder in seinem TV-Programm, „werden diese Sprechchöre toleriert. Ein Grund, warum ich keine Spiele mehr besuche.““

Champions League

Divenhaft und phlegmatisch

Buhrufe für AS Rom: “divenhaft im Zweikampf und phlegmatisch, in der Abwehr mäßig organisiert, zudem mit aufreißend dandyhafter Attitüde in ihren körperbetonten Leibchen“ (taz) / „wie eine italienische Mannschaft aus den siebziger Jahren auf“ (SZ) / „Ansammlung von Provokateuren und Schauspielern“ (FR) – Fabio Capello macht in Turin den Unterschied (im Vergleich mit seinem Vorgänger, seinem Nachfolger und seinen Gegnern) / „selten haben sich die Münchner nach einer Niederlage so gelassen und zufrieden gegeben wie in Turin“ (SZ) / „die Bayern waren keine tote Mannschaft, aber auch keine lebendige“ (FTD) – „Rasanz, technische Verspieltheit und Ballverliebtheit in Mailand“ (NZZ)

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Bayer Leverkusen-AS Rom 3:1

Dandyhafte Attitüde in körperbetonten Leibchen

Bernd Müllender (taz 21.10.) buht: „Roma, der italienische Krisenclub, beladen mit aberwitzigen Schuldenbergen von Dortmunder Ausmaßen, verlassen vom entsetzt flüchtenden Trainer Rudi Völler, gebeutelt von rassistischen Fans und Schiedsrichter-Attacken von der Ehrentribüne. Und die Kernabteilung, also die Spieler? Eine Zirkustruppe. Divenhaft im Zweikampf und phlegmatisch, in der Abwehr mäßig organisiert, zudem mit aufreißend dandyhafter Attitüde in ihren körperbetonten Leibchen. Dazu boten sie alles, was der Deutsche am italienischen Fußball so liebt: Kaskaden von Mätzchen, Provokationen, Fallsucht, Verletzungsvortäuschungen. Eine Art fußballerische Commedia dell’Arte – wenn es wenigstens witzig gewesen wäre oder irgendeine Art Kunst oder zumindest gut geschauspielert. Rudi Völler war fortgeblieben, weise ließ er die Tatsachen für sich sprechen. (…) Ein leicht erklärbares Fußballspiel war es dennoch nicht. Manchmal hatte Romas Spielweise etwas von Freizeitfußball der Art Samstag um drei im Park. Die einen igeln sich um den Strafraum und dreschen die Bälle weg, die vermeintlichen Künstler stehen faul vorne herum; Mittelfeldspiel und Laufarbeit ausgeschlossen. Doch mit der Mischung aus Rüpelhaftigkeit und Larmoyanz tat sich Bayer erstaunlich schwer.“

Akt sinnloser Aggression

Christoph Biermann (SZ 21.10.) pfeift auf den AS Rom: „Es gibt Indizien dafür, dass die Partie gegen Rom nachwirken könnte. Sie war nämlich keine rauschhafte Fußballfeier wie die Triumphe über den FC Bayern oder über Real Madrid. Die Partie entwickelte sich eher zu einem zähen Nervenkrieg gegen eine der unangenehmsten Mannschaften, die je in Leverkusen gespielt hat. Glücklich war der AS Rom vor der Pause in Führung gegangen. Schon da traten die Gäste wie eine italienische Mannschaft aus den siebziger Jahren auf: Ständig intervenierte Totti beim französischen Schiedsrichter Eric Poulat, während seine Mannschaftskameraden sich auf den Boden warfen und das Spiel verzögerten. Die kleinen Nickeligkeiten wurden zu offener Brutalität, als Rom in Rückstand geriet. „Hässlich und böse“ fand selbst La Repubblica ein Team, das sich nun in eine Bande von Straßenschlägern verwandelte. Zu verstehen war das nicht, obwohl den Gästen beim Stand von 2:1 ein regulärer Treffer wegen angeblichem Abseits aberkannt wurde. Der Protest dagegen war schwach. Oder machte sich Christian Panucci deshalb Luft, als er kurz darauf Krzynowek seinen Ellbogen in den Nacken knallte? Er sah die Rote Karte, und als Daniele de Rossi kurz vor Schluss den Polen an der Mittellinie umtrat, war im Stadion mehr ein Ruf des Erstaunens denn der Entrüstung zu hören. So einen Akt sinnloser Aggression erwartet man eher von schlecht gelaunten Kreisligakickern als in der Champions League. Stoisch ließen die Leverkusener die Tretereien an sich abprallen.“

Ansammlung von Provokateuren und Schauspielern

Erik Eggers (FR 21.10.) beglückwünscht Jacek Krzynowek: „An fast allen Schlüsselszenen war Krzynowek entscheidend beteiligt: Der Mann auf der linken Außenbahn strotzte nur so vor Vertrauen in seine Fähigkeiten, ging selbstbewusst in die Zweikämpfe, und wenn er einmal einen solchen verlor, sprintete er zurück und eroberte sich den Ball flugs zurück. Seine Flanken fanden fast immer einen Abnehmer, und nach seinen brandgefährlichen Eckbällen und Freistößen von rechts, die er zumeist zum Tor hin zieht, zerbröselte die römische Abwehr stets wie ein trockener Sandkuchen. Und dann diese ansatzlosen Schüsse aus der Ferne! (…) Kein Zufall war, dass die beiden Roten Karten, die sich die frustrierten Römer abholten, jeweils aus bösen Fouls an Krzynowek resultierten. Speziell der brutale Tritt von de Rossi kurz vor Spielende entlarvte die Italiener endgültig als schlechte Verlierer. Derzeit verbirgt sich hinter dem großen Namen AS Rom nicht mehr als eine Ansammlung von Provokateuren und Schauspielern, die offenbar die finsteren Traditionen des italienischen Fußballs aus den 60er und 70er Jahren wieder aufleben lassen wollen.“

Nach dem Spiel gehts weiter – Roland Zorn (FAZ 21.10.): „Augenthaler, als rustikaler Libero des FC Bayern München einst selbst ein Profi der hemdsärmligen Art, konnte nur staunen: „Wie die durch die Gegend getreten haben…“. Nach allem, was an offenen und verdeckten Fouls ausgeteilt wurde, richtet sich der Bayer-Coach für das Rückspiel vor leeren Rängen auf eine Fortsetzungsgeschichte ein: „Ich befürchte, daß die Italiener in Rom genauso hinlangen werden.“ Giftig konterte deren Trainer Luigi del Neri die Aussagen des Niederbayern über die rauhe römische Spielkultur: „Der soll vor seiner eigenen Haustüre kehren.“ Dort aber mußte Augenthaler diesmal nicht viel Staub aufwirbeln. Sein Team hatte mal wieder eine Saisonlektion begriffen, mit der dieses Künstlerkollektiv dauernd konfrontiert wird: daß Fußball nicht nur eine schöne Spielerei mit Ball und Gegner ist.“

Juventus Turin-Bayern München 1:0

Thuram-Cannavaro-Falle

Fabio Capello macht den Unterschied – Peter Hartmann (NZZ 21.10.): „Der Trainer braucht den Stars nur den Ball hinzuwerfen, dann spielen sie drauflos und machen intuitiv alles richtig. Diese fussballromantische Mär wird momentan von Real Madrid mit wechselnden Antreibern widerlegt. Und von der finsteren römischen Gladiatoren-Truppe um Totti und Cassano. Auf die Handschrift des Trainers kommt es an, zu „vielleicht 20 Prozent“, wie Fabio Capello seinen Erfolgsanteil einmal bescheiden beziffert hat. Capello wurde mit Real im Jahre 1997 spanischer Meister. Er war bei Milan der Nachfolger des legendären Arrigo Sacchi und gewann viermal den Titel. Schon in seiner zweiten Saison gewann er 2001 auch mit der AS Roma den Scudetto. Im Sommer wechselte er überraschend zur kränkelnden „Alten Dame“ Juventus, und die Folgen simultan in Turin und in Leverkusen zu besichtigen: Juve besiegte Bayern in einem taktischen Abnützungskampf 1:0, die Roma unterlag Bayer 1:3. Capello baute der Juventus-Squadra, die unter Marcello Lippi nach zwei Meistertiteln chronische Abwehrschwächen offenbart hatte, eine neue Längsachse ein: Er gab Thuram, der jahrelang gemurrt hatte, dass er Aussenverteidiger spielen musste, die Rolle des Stoppers neben Cannavaro, den Inter ausgemustert und unverständlicherweise nach Turin abgeschoben hatte. Der Bayern-Goalgetter Makaay verfing sich hoffnungslos in der Thuram-Cannavaro-Falle. In der Serie A hat der Leader Juventus erst zwei Gegentore erhalten.“

Selten haben sich die Münchner nach einer Niederlage so gelassen und zufrieden gegeben

Andreas Burkert (SZ 21.10.) fängt Stimmen: “Für Felix Magath ist das Gastspiel durchaus ein Vergnügen gewesen, wie er später mitgeteilt hat, trotz des 0:1 vor gerade einmal 18 089 Zuschauern in der schaurig tristen Atmosphäre des Alpenstadions. Der Trainer goutierte als passionierter Denksportler die Auseinandersetzung mit dem italienischen Tabellenführer, einem anerkannten Großmeister des Minimalismus. „Das war nicht langweilig, wenn man einen der Favoriten der Champions League lange klar beherrscht“, entgegnete Magath leicht genervt auf Fragen derjenigen, die das Duell so aufregend fanden wie eine Briefmarkenbörse im Pfarrheim. Auch Uli Hoeneß verbat sich Zweifel an der Hochwertigkeit der lange von überzeugenden Defensivreihen geprägten Auseinandersetzung. „Die Italiener spielen eben Rasenschach“, sagte er, „das ist nur was für Feinschmecker.“ Selten haben sich die Münchner nach einer Niederlage so gelassen und zufrieden gegeben wie in Turin. Dabei wird auch ihnen klar sein, auf welch riskantem Weg sie sich inzwischen bewegen. (…) Magath wirkt wie ein innovativer Architekt, dem seit Wochen ein Handwerker nach dem anderen abgesagt hat. Allmählich gerät die zeitige Fertigstellung in Gefahr. Doch die Termine stehen, Aufschub wird nun nicht mehr gewährt.“

Sie waren keine tote Mannschaft, aber auch keine lebendige

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 21.10.) teilt das Lob für das Spiel und die Münchner nicht: „In dem auf beiden Seiten gleichwertigen Gestoppel, dem Kreativität sowie Schwung und Abschlusswille abgingen, fanden die Bayern wieder einmal in einer italienischen Mannschaft ihren Meister. Und es erstaunt der teils gleiche Wortlaut und grundsätzlich der gleiche Inhalt, mit dem die Verantwortlichen damals wie heute die Niederlagen gegen italienische Teams beklagen. In der Saison 2002/2003, als Bayern zweimal dem AC Mailand mit 1:2 unterlag, haderte Hoeneß: „Ich kann mich kaum erinnern, dass wir einmal so zu Unrecht verloren haben. Wir waren deutlich besser.“ In Turin nahm ihm jetzt Magath die Worte aus dem Mund: „Wir waren die bessere Mannschaft, wir haben sie im Griff gehabt. Bis auf den Fehler beim Gegentor.“ Eine delikate Auffälligkeit ist das: Speziell gegen italienische Mannschaften verlieren die Bayern in den Augen der Bosse regelmäßig „unverdient“, aber tatsächlich sind diese Niederlagen unausweichlich. Diesen Bayern fehlt Überlegenheit ebenso wie die Entschlossenheit, die einst Stefan Effenberg verkörperte. Sie spielten, wieder einmal, nicht schlecht. Aber auch nicht gut. Sie ließen nur eine Chance zu. Aber sie selbst hatten auch nur eine. Sie waren keine tote Mannschaft. Aber auch keine lebendige. Irgendetwas lastet auf dieser Elf.“

Elisabeth Schlammerl (FAZ 21.10.) fügt hinzu: „Karl-Heinz Rummenigge war offenbar der einzige beim FC Bayern, der erkannt hat, daß die Lage doch ein wenig ernst ist. Beim traditionellen Bankett für Mannschaft und Sponsoren hielt er sich nicht auf mit überschwenglichem Lob. Der Vorstandsvorsitzende kam schnell auf den Punkt: „Wir sollten uns nicht an Niederlagen gewöhnen“, sagte er zu mitternächtlicher Stunde. „Es ist wichtig, daß wir ganz schnell auf den Pfad der Tugend zurückkehren, sprich zum Siegen.“ Der Herbst, der so golden begonnen hat mit den Siegen gegen Ajax Amsterdam und Werder Bremen, könnte am Ende wie schon in den vergangenen Jahren doch wieder ein sehr stürmischer werden.“

AC Mailand-FC Barcelona 1:0

Rasanz, technische Verspieltheit und Ballverliebtheit

In der NZZ (21.10.) lese ich: „Der „Match der Künstler“ war von allem Anfang an auch einer der Tempobolzer. Es mutete fast unglaublich an, welch hohen Rhythmus beide Seiten anschlugen – und konstant einhielten. Die Rasanz, technische Verspieltheit und Ballverliebtheit von Fussballern lateinischer Prägung gingen zwar auf Kosten der Präzision, hielten aber das Publikum fast permanent in Atem. Der Hang zum Direktspiel oder die Provokation des Zufall wurde von den hoch gestimmten Barcelonesen zuweilen übertrieben, aber darin äusserte sich vor allem auch die Bereitschaft, auf fremdem Terrain Risiken einzugehen und den Widersacher zu fordern. Dieser ging vergleichsweise abgeklärter und kontrollierter vor, zeigte sich aber nicht minder initiativ und offensiv und schien eine Spur wirkungsvoller mit seinen Gegenstössen als Barça mit den gar oft um eine Station übertriebenen Ballstafetten.“

Ball und Buchstabe

Gemischte Gefühle

Was darf und soll man in der Öffentlichkeit über Sebastian Deisler und seine Krankheit sagen, Holger Wormer (SZ 21.10.)? „Die einen sind froh, endlich eine Gallionsfigur im Kampf gegen eine Tabu-Krankheit zu haben, die anderen empfinden die öffentliche Darstellung einer prominenten Krankengeschichte als großes Risiko: Der Umgang mit dem Fall Deisler ruft bei Medizinern gemischte Gefühle hervor. In die Kritik gerät dabei nicht zuletzt einer von Deislers behandelnden Ärzten, Florian Holsboer vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Er hatte sich in Interviews ausführlich zu depressiven Erkrankungen geäußert, am Dienstag aber auf seine ärztliche Schweigepflicht verwiesen. (…) „Wenn ein Arzt über die Krankheit seines Patienten in den Massenmedien redet, ist das äußerst problematisch“, sagte Felix Tretter, Psychiater und Chefarzt am Bezirkskrankenhaus Haar bei München. „Sehr leicht werden dabei individuelle Aspekte der Krankheit des Einzelnen mit allgemeinen Hintergrund-Informationen vermischt“, warnt er. Dem Patienten selbst könnten solche Äußerungen sehr schaden. (…) Andere Fachleute wollen in dem Auftreten von Deislers Arzt wenig Verwerfliches erkennen: „Wir waren nach der Pressekonferenz im vergangenen Jahr regelrecht begeistert“, sagt der Depressions-Experte Herbert Pfeiffer, der ebenfalls am Bezirkskrankenhaus Haar arbeitet und sich in einem „Verein zur Unterstützung affektiv Erkrankter“ engagiert. „Die Krankheit wird in der Öffentlichkeit sonst viel zu oft totgeschwiegen“.“

Mittwoch, 20. Oktober 2004

Interview

Interviews mit Jose Mourinho und Theo Zwanziger

José Mourinho (SZ): „in England aber kommen die Leute zum Spiel und denken nur an Fußball, sie genießen jede Minute“ – Theo Zwanziger (Sport-Bild): „ich bin Anhänger von Jürgen Klinsmann“

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Man sollte hier Fußball mehr denken

Endlich! Ein Interview mit José MourinhoRaphael Honigstein (SZ 20.10.)
SZ: Täuscht der Eindruck, oder sind Ihre Haare in den vier Monaten auf der Bank des FC Chelsea grauer geworden?
JM: Wenn die Frisur kurz ist, sieht man die grauen Haare einfach besser. Ich spüre nicht mehr Druck als beim FC Porto. Im Gegenteil. Die Atmosphäre in den Stadien ist wunderbar; man wird davon beseelt. Das nimmt den Druck fast weg. In Portugal erlebst du auswärts oft Feindseligkeit, in südlichen Ländern schlägt dir allgemein mehr Hass entgegen. Ich glaube, die Leute gehen dort zum Fußball und bringen ihre Probleme und Ressentiments mit. In England aber kommen die Leute zum Spiel und denken nur an Fußball, sie genießen jede Minute. Eines unserer ersten Matches war bei Aston Villa, Samstagmittag. Samstagmittag! Ich dachte, die Hälfte der Stadt wird da noch schlafen und die andere Hälfte ist bei der Arbeit. Dann komme ich aus der Kabine und das Stadion ist voll, die Stimmung super. Es gibt keinen schöneren Ort für Fußball als England.
SZ: Einige Medien werfen Ihnen und anderen ausländischen Trainern wie Rafael Benítez (FC Liverpool) und Jacques Santini (Tottenham Hotspur) jedoch vor, dass die Premier League langweiliger sei, seit Sie „kontinentalen“ Defensiv-Fußball praktizieren lassen.
JM: Ich kann nur für Chelsea sprechen. Wir sind sehr stark in der Defensive, aber kein defensives Team. Wir hätten mit dem Fußball, den wir spielen, viel mehr Tore schießen müssen – nur diese Kritik akzeptiere ich. Vorne dauert es eben länger, bis sich die Automatismen einstellen. Und wir müssen noch lernen, den Ball besser zu halten. Mit Porto gab es kein Spiel in der Champions League, bei dem wir nicht mehr Ballbesitz als der Gegner hatten. Egal ob gegen Manchester oder Real Madrid, kein einziges Spiel. Und was die Medien angeht: Die sollten mal darüber nachdenken, wer von den zwanzig Trainern in der Liga europäische Trophäen gewonnen hat. Da gibt es nur drei – Sir Alex (Ferguson), Benítez und Mourinho. Sie sollten also sagen, es ist gut für uns, wenn Mourinho und Benítez kommen, vielleicht können wir davon profitieren. Auf jeden Fall ist es gut fürs Prestige, denn diese Leute können ja in der ganzen Welt arbeiten, aber sie entscheiden sich für England. Und vielleicht können wir auch helfen, die Gründe zu entdecken, warum englische Teams, abgesehen von United 1999, nicht die Champions League gewinnen.
SZ: Ja, warum eigentlich nicht? Was ist Ihre Antwort?
JM: Allgemein kann ich sagen, dass man hier Fußball mehr denken sollte und weniger instinktiv spielen. Wegen der Leidenschaft der Spieler, der Leidenschaft der Fans und der Leidenschaft der englischen Journalisten besteht der Großteil des Spiels aus Leidenschaft. Man spielt mit Liebe und Instinkt. Wenn englische Teams gegeneinander spielen, gewinnt so meistens einfach das mit den besseren Möglichkeiten. Aber gegen ausländische Teams, die Fußball mehr denken, während des Spiels kollektive Entscheidungen treffen können und nicht nur auf Instinkt vertrauen, hat man es dann natürlich sehr schwer.
SZ: Lässt sich diese Mentalität ändern?
JM: Ich denke oft daran, was Mario Stanic (ehemaliger Chelsea-Spieler) zu mir gesagt hat. Er meinte, viele Leute kommen nach England und passen sich hier einfach den Gepflogenheiten an. Aber ich kenne deine Philosophie und weiß, dass deine Art, über Fußball nachzudenken, sehr speziell ist, hat er gesagt, du darfst dich nicht ändern. Das werde ich auch nicht. Ich habe schnell gemerkt, dass die Mannschaft meine Ideen versteht und das Training genießt. Ob wir die Champions League und Meisterschaft gewinnen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir dazu in der Lage sind.
SZ: Ist Robert Huth auch in der Lage, bei Ihnen in die erste Elf zu kommen?
JM: Robert ist ein sehr talentierter, junger Spieler, der drei Weltklasse-Verteidiger vor sich hat. Wir stehen hinten sehr gut, deswegen will ich nicht wechseln. Aber wir wissen, was wir an ihm haben. Er wird seine Einsätze diese Saison noch bekommen. Das habe ich auch Jürgen Klinsmann gesagt, als er bei uns im Stadion war.

Ich bin Anhänger von Jürgen Klinsmann

Theo Zwanziger im Gespräch der Sport-Bild (20.10.)
SB: Am Wochenende wollen Sie mit Gerhard Mayer-Vorfelder gemeinsam zum DFB-Präsidenten gewählt werden. Sie werden das nicht gerne hören, aber für uns ist das ein fauler Kompromiss.
TZ: Kompromisse bestimmen unser Leben. Wenn Sie in unserer Gesellschaft nicht mehr kompromissfähig sind, sind Sie führungsunfähig.
SB: Jetzt ändern Sie für die Wahl die DFB-Statuten und führen die Doppelspitze ein. Unser Demokratie-Verständnis ist umgekehrt: Die Personen müssen sich nach der Struktur richten. Es gibt ja auch nicht zwei Bundeskanzler. Warum dürfen sich die Delegierten nicht in einer Kampfabstimmung zwischen Mayer-Vorfelder und Zwanziger entscheiden?
TZ: Natürlich hätte das eine Alternative sein können. Aber hier kommen doch folgende Strömungen zusammen: Ich bin von den Amateur-Verbänden vorgeschlagen worden. Ist es deshalb klug, mit dieser starken Mehrheit gegen einen Großteil der Stimmen aus der Bundesliga anzutreten?
SB: Sie könnten Mayer-Vorfelder stürzen…
TZ: Aber große Teile der 36 Klubs aus der 1. und 2. Bundesliga würden sich am Wochenende gegen mich aussprechen. Weil sie nicht wollen, dass ihr alter Freund MV, mit dem sie sich oft gestritten haben und den sie trotzdem schätzen, jetzt durch das Amateurlager aus dem Amt gedrängt wird.
SB: Und das schreckt sie ab?
TZ: Ja, weil ich für solche Gedanken sogar menschliches Verständnis habe. Außerdem denke ich an den Tag danach. Ich möchte nicht nach der Kampfabstimmung gewaltige Scherben zusammenfegen. (…)
SB: Bei Reformen wirkt der DFB sehr behäbig.
TZ: Bei unserer sportlichen Entwicklung sind wir zu beamtenmäßig vorgegangen in den vergangenen Jahren. Beamte haben eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, aber sie leisten immer nur Arbeit im Ordnungsrahmen. Aber ein Verband braucht Innovation. Daran werden wir verstärkt arbeiten.
SB: Dann müssen Sie Jürgen Klinsmann mögen.
TZ: Absolut, ich bin Anhänger von Jürgen Klinsmann.

Champions League

Vor dem Stadion weht die katalanische Flagge

„Sie genießen es in Barcelona, wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen“ (SZ) – Vincent Kompany, Jung-Star beim RSC Anderlecht

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Javier Cáceres (SZ 20.10.) schildert Aufschwung und Stolz des FC Barcelona: „Sie genießen es in Barcelona, wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Noch vor Jahresfrist hielten sie ihren Klub für impresentable, für nicht vorzeigbar, und darbten an dem Glamour, den Real Madrid verströmte. Nun sind die galácticos ein Fiasko von ebensolchen Dimensionen, und in den Bars von Barcelona kreisen die Debatten nach fünf Jahren der Titeldürre nur noch um die Frage, ob die aktuelle Belegschaft vergleichbar sei mit Johan Cruyffs Dream Team, das Barça in Wembley zur ersten und bislang einzigen Copa de Europa seiner Geschichte verholfen hat, 1992 war das. In der laufenden Saison ist die neue Traumcombo ungeschlagen; und seit sie Mitte September bei Celtic Glasgow 3:1 siegte und ein Angriffsspiel an den Tag legte, das variationsreicher war als das Solo eines Bebop-Trompeters, sind die Erwartungen in die Höhe geschnellt. „Ja, hier herrscht so etwas wie Euphorie“, sagt Sergi Pàmies, katalanischer Schriftsteller und eine Art Erbe des 2003 verstorbenen Manuel Vázquez Montalbán, zumindest als intellektueller Interpret der Barça-Gegenwart. Im Grunde ist die neue Glorie auf dem Rasen fußballerischer Ausdruck des Wandels, den Joan Laporta als 42. Präsident der Barça-Geschichte herbeigeführt hat. (…) Vor allem erkennt man die Handschrift von Sandro Rosell, einem überragend vernetzten früheren Nike-Manager, der Vizepräsident Barças ist. Und der nun daran mitwirkt, den Klub zu globalisieren wie einen multinationalen Konzern? Die neuen Barça-Führer, sagt Pàmies, „mögen Züge von Brokern aufweisen, aber Mythos und Mystik Barças sind ihnen nicht fremd, sie haben sogar die patriotische Symbolik zurückgebracht“. Vor dem Stadion weht die katalanische Flagge, nicht mehr die spanische.“

Die sportlichen Ziele sind bescheiden geworden

Vincent Kompany ist der Star beim RSC Anderlecht – Christian Eichler (FAZ 20.10.): „Es ging vielleicht alles ein bißchen schnell. Am 11. August 2003 das erste Spiel des Brüsseler Eigengewächses im Trikot von Anderlecht, sofort Stammspieler, 43 Pflichtspiele in der ersten Saison, mit 17 Debüt im Nationalteam, sofort Stammspieler; dann die Schulprüfungen, die den Sommerurlaub auf eine Woche reduzierten – und die vielen Angebote. Kompany will die Schule abschließen, ehe er wechselt, das heißt nicht vor dem kommenden Sommer. Wie fast jedes Jahr wird Anderlecht dann den üblichen Rückschlag im europäischen Vergleich erleiden – wieder die ein, zwei besten Spieler weg und neu aufbauen. Die sportlichen Ziele sind ohnehin bescheiden geworden. Trainer Hugo Broos redet nicht vom Achtelfinale, nur von Gruppenplatz drei. Anderlecht und Bremen, die Begegnung hat einen guten Klang, beide schufen schon in der Premierensaison der Champions League einen Klassiker: am 8. Dezember 1993, als Werder im Weserstadion nach 0:3-Rückstand noch 5:3 gewann. Das war gut für einen Platz im Legendenschatz des europäischen Fußballs, nicht aber fürs Weiterkommen: Beide landeten nur auf Platz drei und vier. Das könnte, wenn es dumm läuft, diesmal wieder so sein.“

Ball und Buchstabe

Sitzt denn der junge Wildmoser noch?

Das Streiflicht (SZ 20.10.) über Ursprung und Variation: „Das Stück bezieht seinen Witz daraus, dass die Frage „Lebt denn dr alte Holzmichl noch?“ mit „Ja, er lebt noch!“ beantwortet wird, und zwar nach Möglichkeit vom ganzen Saal oder Bierzelt. Ohne den „Randfichten“ an die Borke zu wollen, muss man doch anmerken, dass ihr „Holzmichl“ ein alter Bekannter ist. Die Zeitschrift Volksmusik in Bayern hat seine Vergangenheit kürzlich in allen Verästelungen nachgezeichnet. Demnach ist er 1877 zum ersten Mal belegt, und in welchem Maße ihn sich das Volk zurechtgesungen hat, zeigen die unterschiedlichen Namen, die er je nach Region trägt: Holzmichl, Hausmichl, Hansmichl, Hauschild oder Hanauer. Letztmals hat der Volksmund zugeschlagen, als er die Variante „Sitzt denn der junge Wildmoser noch?“ in Umlauf brachte.“

Bundesliga

Lehrstück

„Das Dortmunder Lehrstück eines aus seinen Vereinsstrukturen hinausdrängenden und an der Börse nie so richtig angekommenen Unternehmens“ (FAZ/Leitartikel) – „niemand weiß, ob Deisler den Beruf des Fußballprofis wird dauerhaft ausüben können“ (Tsp) / „Mutmaßungen über einen bayerischen Patienten“ (FAZ)

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Lehrstück

Roland Zorn (FAZ/Leitartikel 20.10.) kommentiert den Sinkflug Borussia Dortmunds: „Was in Dortmund seit Beginn des Jahres für jedermann sichtbar aufgeführt wird, ist das Lehrstück eines aus seinen Vereinsstrukturen hinausdrängenden und an der Börse nie so richtig angekommenen Unternehmens. Niebaum und seine Helfer erlagen der Faszination von „Fresh Money“, die im Jahr des Börsengangs, als noch die New Economy blühte, verständlich schien. Schließlich hatte Borussia Dortmund als erster und bisher einziger Bundesligaklub nur vorweggenommen, was auch an anderen Fußball-Standorten der Premiumklasse längst geplant wurde. Das schlechte Beispiel aus dem Revier, aber auch die schwache Konjunktur haben den Elan möglicher Nachahmer längst erlahmen lassen. Zu abschreckend war die Vorstellung der Dortmunder Start-up-Unternehmer, die sich mit den Millionen aus dem Börsengang eine zu teure Mannschaft, ein zu teures Stadion und eine zu riskante Geschäftspolitik leisteten. Dem Größenwahn eines Klubs, der sich an der einzig erfolgreichen Fußball-Börsengeschichte von Manchester United orientierte, folgte ein böses Erwachen. (…) Beschleunigt durch den tiefen Fall der lange als neureich geltenden Dortmunder, haben wieder alte Kaufmannsprinzipien eine Chance, auch in den Statuten verankert zu werden. Diese lebt der deutsche Fußballprimus Bayern München seit Jahr und Tag mit Augenmaß und Solidität vor. Auf dem Umweg immer neuer Finanzierungsmodelle die inzwischen längst nicht mehr so kreditfreudigen Banken zu umdribbeln kann nicht der Weg der Zukunft sein. Daß sie eines Tages mit den fußball-fernen Unternehmern dieser Welt nach der Bruchlandung von heute einen neuen Aufschwung proben müssen, daran haben die zukunftsgläubigen Borussen nicht gedacht, als sie im Oktober vor vier Jahren voller Hoffnung an die Börse zogen. Inzwischen wissen sie, daß sie dieses Spiel nicht einmal halb so gut beherrschen wie ihre nur noch mittelmäßigen Profis den Fußball.“

Niemand weiß, ob Deisler den Beruf des Fußballprofis wird dauerhaft ausüben können

Armin Lehmann (Tsp 20.10.) stört sich an der Diskussion um Sebastian Deisler: „Depressionen gehören noch immer zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit in Deutschland und zu den Hauptursachen von Selbstmorden. Trotz dieser möglichen dramatischen Konsequenzen wissen die Laien – Familienangehörige, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte – noch immer viel zu wenig über diese Krankheit und sind dementsprechend hilflos. Sebastian Deislers Fall ist dafür exemplarisch. Als der Fußballprofi des FC Bayern im Sommer wieder lachte, trainierte und tolle Spiele ablieferte, haben viele das gedacht, was Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge laut aussprach: „Wer lacht, hat keine Depressionen.“ Auch das ist leider falsch. Man kann den Menschen im Umfeld von Depressiven nicht vorwerfen, dass sie die Hoffnung auf vollständige Heilung haben und Heilung ist ja auch nicht ausgeschlossen. Aber zu dieser Krankheit gehört leider auch der beklagenswerte Umstand, dass sie immer wieder ausbrechen kann. Niemand weiß, ob Deisler den Beruf des Fußballprofis unter Dauerdruck wird dauerhaft ausüben können – in einem Umfeld, das mehr Hoffnung hat als Wissen.“

Mutmaßungen über einen bayerischen Patienten

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 20.10.) ergänzt: „Das Aufflackern von Symptomen sei „eine natürliche Reaktion“. Diese ausgesprochen optimistische Schnelldiagnose des Professors Florian Holsboer mag auch eine vorbeugende Reaktion darauf sein, den einmal erzielten und verkündeten Heilungsprozeß nicht in Frage stellen zu lassen. Vielleicht steht Holsboer ja unter ähnlichem Erfolgsdruck wie Trainer Felix Magath. Der hatte bei seinem Sebastian in den vergangenen Wochen ein „Kopfproblem“ ausgemacht. Wenn sich Deisler einen Kopf macht, das werden selbst Laien unterscheiden, ist das etwas anderes, als wenn Kahn ins Grübeln kommt. Jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung. Deisler, diese Vermutung sei erlaubt, fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Wie es drinnen ausschaut, geht gemeinhin keinen an, aber alle sehen hin. So gesehen, gleicht jeder Auftritt in der Bundesliga einem Aufenthalt in der Hochdruckkammer. Deisler trägt seine offenkundig dünne Haut zu Markte. (…) Mutmaßungen über einen bayerischen Patienten, jetzt sind sie wieder en vogue. Im Fall Deisler wünschte man sich gelegentlich, daß jemand schlicht und ergreifend zugibt: „Wir wissen, daß wir nichts wissen.““

Dienstag, 19. Oktober 2004

Internationaler Fußball

Skandalfigur der Boulevardpresse

Skandalfigur der Boulevardpresse

Adrian Mutu vom FC Chelsea steht (nicht nur) unter Dopingverdacht – Christian Eichler (FAZ 19.10.) kommentiert: „Der Niedergang von einem der begehrtesten Stürmer Europas zur begehrten Skandalfigur der Boulevardpresse brauchte kaum ein Jahr. Für rund 24 Millionen Euro aus Parma gekommen, war Mutu im Sommer 2003 einer der Top-Einkäufe des russischen Milliardärs Abramowitsch. Mit sechs Toren in den ersten fünf Spielen erfüllte er die Erwartungen. Doch nach dreizehn Partien ohne Treffer landete er im Abseits der Reservebank, gar im Reserve-Team mit den Nachwuchsspielern. Schlagzeilen machte Mutu trotzdem: mit einem Rosenkrieg (seine Frau, eine Fernseh-Moderatorin behauptete, von ihm geschlagen worden zu sein), den Affären mit zwei weiteren TV-Moderatorinnen („Hattrick“, schrieb die „Daily Mail“), dem unfreiwilligen Mitwirken in einem rumänischen Pornofilm; und noch im letzten Monat mit einer Verfolgungsjagd in Bukarest. Der Verkehrspolizei entkam Mutu so wenig wie den Dopingtestern.“

Ein Tor von Küste zu Küste

Eine Ode an Adriano von Peter Hartmann (NZZ 19.10.): „Veron schiebt Adriano vom Sechzehner den Ball zu, und der schwarze Riese beginnt seinen Traumtanz. Fast wie in Zeitlupe schlängelt er sich hakenschlagend zwischen zurückweichenden Udinese-Mittelfeldspielern durch, sieht den freien Raum hinter der Mittellinie, beschleunigt seine Gigantenschritte; die drei Gegner dribbelt er schwindlig bis zum Umfallen und zieht dann ab, von der Strafraumlinie aus, mit links. Ein Tor von Küste zu Küste. Dieses equilibristische Spiel mit Ball und Gegner – Erinnerungs-Blitze: Maradonas Solo, sein zweites Tor gegen England an der WM 1986 in Mexiko. Oder die Galoppaden des jungen Ronaldo. Und doch ganz anders: Maradona war klein, ein Zauberer, der den Ball als Trabanten beherrschte, mit millimetergenauer Virtuosität, Ronaldo ein Fluchttier, ein verletzliches Rennpferd, unwiderstehlich schnell in den frühen Jahren – Adriano ist Superman, kraftstrotzend, unangreifbar, mit dem Radar-Gefühl für jede Chance.“

vom Duell FC Porto gegen Benfica Lissabon gibt es viel zu erzählen NZZ

zur Lage in Lille NZZ

Champions League

Mammasantissimo

Sehr schön! Felix Magath erschreckt heute wieder Turin. Birgit Schönau (SZ 19.10.) horcht in Turiner Seelen hinein: „Athen und Magath, diese Kombination löst beim italienischen Rekordmeister und seinen zwölf Millionen Tifosi ähnlich traumatische Erinnerungen aus wie das Fotofinish 1999 gegen Manchester bei den Bayern. „Magath“, sagt der sonst jedem Superlativ abgeneigte Dino Zoff, „das war der härteste Schlag meiner ganzen Karriere.“ Magath, seufzt Roberto Bettega, heute Juve-Vizepräsident, „so viele Jahre sind vergangen, aber es tut noch weh“. Bettega erwartete die Krönung seiner Karriere, als Magath ihm davonzog, „er hatte den Ball leicht angeschnippelt, und der flog an mir vorbei zu Zoff ins Tor“. Man erzählt sich, dass Giampiero Boniperti, der legendäre Juve-Stürmer und spätere Präsident, den HSV-Torschützen viele Jahre später traf und ihm zuraunte: „Verflucht sei der Tag, an dem du geboren bist!“ Felix Magath ist in Italien eine Legende. So oder so. Für die Juventini ein Mammasantissimo, ein Unaussprechlicher, einer, dessen Name fällt und der Abend ist gelaufen oder die Ehekrise eingeläutet. Und für die andere Hälfte Italiens – ein Held. „Magath eroe“, stand am Morgen nach dem Match, das keiner je vergessen hat, auf den Hauswänden in Rom und Neapel zu lesen. Magath, der Heros: stellvertretend für alle anderen Nobodys der Fußballwelt hatte er es der stolzen, erfolgsverwöhnten, arrogant von einem Titel zum nächsten eilenden Alten Dame gegeben. Auf der Website der organisierten Antijuventini www.antijuve.com steht Magath als „Idol“ gleich unter Francesco Totti, dessen AS Rom der Juve in der letzten Saison ein glattes Vierzunull verpasst hatte.“

Bundesliga

Hannover 96-VfL Wolfsburg 3:0

Frank Heike (FAZ 19.10.) stößt mit Erik Gerets an: „Nach dieser Enttäuschung brauchte Gerets ein Bier. Die Dame mit der Schürze brachte ihm eine Flasche aufs Podium. Nach dem ärgerlichen 0:3 brauchte der Trainer des VfL Wolfsburg ein paar Prozente, um den Ärger zu verdauen. Die Spielanalyse des Mannes aus dem Land mit den vielen Biersorten fiel ungnädig aus. „Die zweite Halbzeit müssen wir besprechen. Da hat plötzlich jeder gemacht, was er wollte.“ Das System war nicht mehr zu erkennen, mit dem der VfL die Hannoveraner im ersten Durchgang kaum aus deren Hälfte hatte kommen lassen. Trotz des frühen Rückstands spielte Wolfsburg wie ein Spitzenteam, ließ den Ball laufen, kam zu Chancen. Nur das Tor fehlte. Geduldig weiterspielen und auf weitere Möglichkeiten warten, das war das Konzept für die zweiten 45 Minuten. „Das haben wir zumindest in der Pause besprochen“, sagte Gerets. Es hatte wohl keiner zugehört.“

Borussia Mönhengladbach-1. FC Kaiserslautern 2:0

Thomas Klemm (FAZ 19.10.): „Was Oliver Neuville in diesen Wochen auf dem Fußballplatz leistet, hat Hand und Fuß. Aber das ist beileibe nicht nur als Kompliment zu verstehen. Zwar hat der Angreifer in sechs aufeinanderfolgenden Begegnungen für Borussia Mönchengladbach getroffen und damit wiederholt, was zuletzt Heiko Herrlich vor zehn Jahren gelungen war. Doch seit Sonntag gilt Neuville nicht nur als achtmaliger Torschütze, sondern auch als einfacher Falschspieler. „Der Schiri hat es nicht gesehen. Was soll ich jetzt sagen?“ fragte der Stürmer unmittelbar scheinbar betreten in die Fernsehkamera. Neuville hätte auch gleich sagen können, daß seine Körpergröße von 1,71 Meter nicht ausreichte, um den Ball über die Linie des leeren Pfälzer Gehäuses zu köpfen, und er deshalb spontan die rechte Hand zur Hilfe genommen hatte. Aber nein (…) „Wir haben später auch noch ein Tor gemacht und waren die bessere Mannschaft.“ Eine Einschätzung, die Ursache und Wirkung gehörig verdreht. Denn bis zum 1:0 war der Tabellenvorletzte aus der Pfalz ebenbürtig, hatte in der Anfangsphase des schleppenden Spiels sogar die weitaus besseren Torchancen.“

Montag, 18. Oktober 2004

Interview

Wir sind nicht an Macht interessiert, wir sind an gutem, erfolgreichem Fußball interessiert

Karl-Heinz Rummenigge im Interview mit Torsten Rumpf (WamS 17.10.)
WamS: Schwindet der Einfluß des FC Bayern beim DFB?
KHR: Ich sehe das amüsant. Wir sind nicht an Macht interessiert, wir sind an gutem, erfolgreichem Fußball interessiert. Man sollte das nicht miteinander verquicken.
WamS: Ihr Vorstandskollege Uli Hoeneß verdächtigte Jürgen Klinsmann der Vetternwirtschaft, weil der Andreas Köpke zu Maiers Nachfolger machen will.
KHR: Es ist keine Vetternwirtschaft. Der Andreas Köpke hat sich einige Male nicht glücklich über Oliver Kahn geäußert. Aber das sehe ich nicht als riesengroßes Problem an. Köpke wird sich, nachdem man sich von Sepp Maier getrennt hat, zurückhalten.
WamS: Können Sie die Trennung von Maier nachvollziehen?
KHR: Wir im Verein haben den Sepp Maier gewarnt. Wir haben im August, als es zum ersten Mal gekracht hat, zu ihm gesagt: Wir raten Dir dringend ab, weiter Interviews zu den Themen Torwart oder Klinsmanns Arbeitsweise zu geben. Leider hat er diese Warnung von uns nicht befolgt, sonst wäre er heute wahrscheinlich noch Bundestorwarttrainer.
WamS: Ist Maiers Demission kein Nachteil für Kahn?
KHR: Ich sehe es nicht als Problem an. Oliver Kahn hat seit 1999 bewiesen, wer die Nummer eins in Deutschland ist. Ich gehe davon aus, daß er sich auch diesmal durchsetzen wird. Er hat die Klasse, den Ehrgeiz. Da kann der Herr Lehmann sich noch so auf den Kopf stellen. Wir brauchen hier gar keine Werbung zu machen. Ich nehme das alles belustigt zur Kenntnis, wenn der Arsene Wenger sich für den Jens in die Bresche haut. Das läuft für mich unter „fishing for compliments“ [of: Da hat er mal wieder ein Fremdwort verwechselt.].

Theo Zwanziger im Interview mit Jan Christian Müller & Frank Hellmann (FR 18.10.)
FR: Nach der EM gehörten Sie zu denen, die versuchten, Mayer-Vorfelder zu stürzen. Der Präsident hockte nach dem Aus der Nationalmannschaft, die Landesfürsten trafen sich in Barsinghausen und planten den Sturz des Königs.
TZ: Bei uns gibt es keinen König. Wir sind ein demokratisch gewähltes Team, das auf der Basis des gegenseitigen Respekts arbeitet. Aber es gab Probleme mit dem Führungsstil des Präsidenten. Und ich habe bei der EM ja das Umfeld gesehen…
FR:…Sie waren gemeinsam mit den Chefs der Landesverbände im Hotel rund 300 Meter von der Mannschaft und dem Präsidenten untergebracht.
TZ:… ich habe das ganze Erscheinungsbild aus allernächster Nähe miterlebt. Ich habe auch ein Interview von ihm nicht so ganz verstanden, als er sagte, dass er eventuell für 2007 noch kandidieren wird. Parallel lief die Erkenntnis der Präsidenten der Landesverbände, die sich wünschten, stärker mitgenommen zu werden. Auch als Personen. Personen und Sache können Sie im Ehrenamt nicht trennen.
FR: Die haben dann bei Ihnen angerufen und gefragt: „Theo, stehst du bereit?“
TZ: So ähnlich war es.
FR: War das nicht ziemlich fies? „MV“ hockt im Süden Europas und verhandelt mit Ottmar Hitzfeld, und in Barsinghausen wird heimlich an seinem Stuhl gesägt, was das Zeug hält.
TZ: Nun, es war ja der dringende Wunsch, dass „MV“ mal herkommt und wir das Thema Bundestrainer in einer Präsidiumssitzung besprechen. Das hielt er nicht für nötig. Natürlich hat der Präsident das Recht und die Pflicht, solche Gespräche zu führen. Aber er muss wissen, dass er auf den Schultern eines sehr stark ehrenamtlich geprägten Verbandes mit 27 000 Vereinen steht. Das sind alles ehrenwerte Leute. Diese Leute wollen informiert sein, wollen nicht aus der Zeitung erfahren, wie der Stand der Dinge in der allerwichtigsten Entscheidung, die der DFB zu treffen hat, tatsächlich ist.
FR: Aber die Landesverbandschefs waren in Portugal doch alle dabei.
TZ: Die sind aber just in aller Früh um 6 Uhr an jenem Morgen, als Rudi Völler seinen Rücktritt um 9 Uhr der Öffentlichkeit bekannt gab, zum Flughafen nach Faro gefahren worden. Ich bin gegen 3 Uhr nachts vom Generalsekretär Horst R. Schmidt geweckt worden, der mir sagte, Rudi Völler sei zurückgetreten. Ich bin deshalb um 6 Uhr an den Bus, um die Kollegen zu informieren, damit sie nicht am Frankfurter Flughafen von Journalisten erfahren, dass Völler zurückgetreten ist. Das sind ja keine Dummerchen. Das muss man mit in Rechnung stellen, wenn man Führungsverantwortung inne hat.
FR: Also hätte „MV“ am Bus stehen müssen?
TZ: Das nicht unbedingt. Aber er hätte sich bereit erklären sollen, eine Präsidiumssitzung durchzuführen. Hat er nicht. Das war der Auslöser für vieles.
FR: Jetzt wollen Sie eine Doppelspitze installieren. Wir haben da unsere Bedenken. Sie und „MV“ sind völlig unterschiedliche Menschen.
TZ: Ich gebe Ihnen Recht. Es gibt mehr Beispiele, bei denen es nicht funktioniert. Aber es gibt drei Punkte, weshalb es bei uns funktionieren kann: Wir haben das Amt sauber funktionsbezogen aufgeteilt. Es geht sowieso nur während einer begrenzten Zeit, in der eine besondere Aufgabe zu erledigen ist, bei uns die WM 2006. Und auch dann geht es nur, wenn zwischen den handelnden Personen ein gewisses Grundvertrauen vorhanden ist. Das ist bei uns der Fall.

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