Montag, 11. Oktober 2004
Internationaler Fußball
Die Glücklosigkeit des kleinen Mannes
Berti Vogts, die Glücklosigkeit des kleinen Mannes – friedliches 0:0 zwischen Serbien/Montenegro und Bosnien/Herzegowina – Frankreich zweifelt
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Schottland-Norwegen 0:1
Die Glücklosigkeit des kleinen Mannes
Christian Eichler (FAZ 11.10.) leidet mit Berti Vogts: „Vogts‘ Wunschbild modernen Fußballs – flüssiges Paßspiel, vernetzte Bewegung, Phantasie, Dynamik, das alles in höchstem Tempo – es bleibt in Schottland ein unvollendetes Gemälde; eine Phantasie, der sich die Realität in zweieinhalb Jahren kaum angenähert hat. Natürlich kam wieder alles zusammen: zur Talentlosigkeit der aktuellen Spielergeneration auch noch der Ausfall von vier Profis; die fehlende Match-Praxis der einzigen Kreativkräfte, Fletcher und McFadden, die in Manchester und Everton nur Ersatzleute sind; dazu einer der unangenehmsten Gegner Europas: die norwegische Antispaßfabrik, die schon viel bessere Teams einfallslos gemacht hat. (…) Die „Glücklosigkeit des kleinen Mannes“ sah Scotland on Sunday im Spielverlauf gespiegelt. Kapitän Barry Ferguson sagte: „Ich fühle mit dem Trainer, weil ihm einfach das Glück fehlt.“ Berti Vogts, das Gegenstück zum Glückskind Beckenbauer – dieses Stigma des Unglücksraben hat ihn auch in der Fremde eingeholt. In einem Interview mit dieser Zeitung hatte Vogts nach wenigen Monaten im Amt auf eine Frage über das Unerklärliche des Trainerjobs historisch geantwortet: „Schauen Sie, was Napoleon über die Auswahl seiner Generäle sagte: Mich interessiert nicht seine Ausbildung, mich interessiert nur: Hat er Glück oder hat er Pech?““
England-Wales 2:0
Rooney, du triffst nur im Bordell
Raphael Honigstein (SZ 11.10.) leidet mit Ryan Giggs: „Nie zuvor dürfte sich der Flügelstürmer im heimischen Old Trafford mit einem roten Trikot auf dem Rücken so einsam und verloren gefühlt hatten. Er war kaum involviert, musste zusehen, wie die Engländer sich unaufgeregt Chance nach Chance herausspielten und seine aus Zweit- und Drittligaspielern zusammengebaute Abwehr auseinander pflückten. Die englischen Fans, berauscht vom ersten britischen Bruderkampf seit 20 Jahren, pfiffen ihn 90 Minuten lang gnadenlos aus. Schon die walisische Nationalhymne war in ekelhaftem Gegröle untergegangen, besonders Dumme nutzten die Schweigeminute für die ermordete Irak-Geisel Ken Bigley vor dem Anpfiff, um besonders laut „Fuck off, Wales“ zu brüllen. Die Waliser wehrten sich mit „Rooney, du triffst nur im Bordell“, aber ihr Team hatte den Widerstand sehr schnell eingestellt. Ihre legendäre Leidenschaft und Aggression schien die Elf des ehemaligen United-Stars Mark Hughes irgendwo zwischen Cardiff und Manchester verloren zu haben. Man nennt sie „die Drachen“, nach dem Wappentier des Fürstentums. Doch aus den Nüstern kam kein Feuer, nur heiße Luft. Die Engländer, die unter dem Banner des versierten Drachentöters St. George antreten, hatten mit dem schlappen Ungetüm keine große Mühe. (…) Im Tofik-Bakhramov-Stadion, benannt nach dem sowjetischen Linienrichter, der 1966 das Wembley-Tor gab [!], muss Eriksson in Aserbaidschan seinen Kapitän Beckham ersetzen.“
Serbien/Montenegro-Bosnien/Herzegowina 0:0
Markus Bickel (Tsp 11.10.) schildert den politischen Hintergrund: „Dass es beim ersten Wettbewerbsspiel der beiden Teams seit dem kriegerischen Zerfall Jugoslawiens vor über einem Jahrzehnt um mehr gehen würde als nur um Fußball, war nicht zu verhindern. So verlief früher die Front nur wenige hundert Meter hinter dem Stadion, in dem 1984 die Olympischen Winterspiele eröffnet wurden. Mehr als tausend Tage lang war Sarajevo von den bosnisch-serbischen Truppen des vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Radovan Karadzic eingekesselt – und das Kosevo-Stadion lag direkt im Visier der rings um die Stadt stationierten Artillerie-Einheiten. 12 000 Bewohner kamen während der Belagerung zwischen 1992 und 1995 ums Leben, auf über 200 000 wird die Zahl der Toten und Vermissten geschätzt. Nicht allen Besuchern fiel es daher so leicht wie Velid Imamovic, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Während des Krieges waren wir Feinde, heute stehen wir uns als sportliche Gegner gegenüber“, sagte der Leiter der Internationalen Abteilung des bosnischen Fußballverbands. Und auch wenn direkt neben dem 30000-Zuschauer-Areal Hunderte von Grabsteinen den früheren Trainingsplatz zieren, ist Imamovic sich sicher, dass das Kosevo-Stadion „immer das Symbol der friedlichen Spiele bleiben“ wird.“
Eine Art Volkshochschulkurs in der Wirklichkeit des westlichen Balkans
Wer hält zu wem, Michael Martens (FAZ 11.10.)? „Auch wenn diesmal in Sarajevo keine größeren Zwischenfälle bekannt wurden, war das Spiel ähnlich dem Duell Albanien gegen Griechenland vor einigen Wochen eine Art Volkshochschulkurs in der Wirklichkeit des westlichen Balkans. In Tirana waren jüngst Fans aus Mazedonien und dem Kosovo angereist, um „ihre“ Mannschaft zu unterstützen. Schließlich käme ein Albaner aus dem formal zu Serbien gehörenden Kosovo nie auf die Idee, die Mannschaft von Serbien-Montenegro als die eigene zu betrachten. Auch die albanische Minderheit in Mazedonien hält es lieber mit der Auswahl Albaniens als mit der mazedonischen Nationalmannschaft. In Sarajevo nun galten die Sympathien eines Teils der Einwohner des gastgebenden Staates eindeutig der aus Belgrad angereisten Mannschaft – denn allen internationalen Bemühungen zum Trotz identifizieren sich die meisten bosnischen Serben auch fast zehn Jahre nach Kriegsende noch nicht mit jenem fragilen Staat, den Karadzic und sein General Mladic in den neunziger Jahren mit aller Macht zertrümmern wollten.“
Frankreich-Irland 0:0
Ihre einzige Waffe ist die Begeisterung
Frankreich zweifelt und ist ungeduldig, meint Ralf Itzel (FR 11.10.): “Nicht mal das Stade de France verdient seinen Namen noch. Am Samstag hätte es in „Stadion Irlands“ umgetauft werden müssen. Fast 35 000 Fans waren von der Insel herübergekommen, um ihre Mannschaft anzufeuern. Mit Trikots, Fahnen, Schals, Hüten und sonstigem Klimbim färbten sie die Tribünen so grün, dass man sich an der Landsdowne Road von Dublin oder im Celtic Park von Glasgow wähnte. Und auch mit ihren Gesängen übertönte die größte Reisegruppe der Welt die etwa gleichstarke Menge französischer Fans problemlos. „Die grüne Armee“ werden Irlands Fanschar genannt, doch weil ihre einzige Waffe die Begeisterung ist, würde das heitere Heer auch die Arenen Deutschlands zieren. (…) Raymond Domenech, in der Freizeit ein erstklassiger Laienschauspieler, hat den Laden in den vergangenen drei Monaten ordentlich aufgemischt. Er erneuerte den gesamten Betreuerstab und piesackt die Fußballer mit öffentlichen Angriffen und verschärften Umgangsregeln. So sind Handys auf der Massagebank jetzt verboten; wer nicht pünktlich zum Mannschaftsbus kommt, muss selbst schauen, wo er bleibt; auch beim Training sind Schienbeinschoner anzulegen; nach den Spielen muss jeder vor versammelter Runde seine eigene Leistung beurteilen; und am Morgen danach wird gemeinsam gefrühstückt. Die verwöhnten Fans bleiben skeptisch. Es fällt ihnen schwer zu akzeptieren, dass aller Neuanfang schwer, und ihr Team nun eben erstmal ein ziemlich gewöhnliches ist. Nostalgisch schwelgen sie in den Erinnerungen an eine Ära, in der das Stade de France noch das Stadion der Franzosen war.“
Liechtenstein-Portugal 2:2
Glückwunsch
Georg Bucher (NZZ 11.10.) liest portugiesische Zeitungen: „Am Tag nach dem 2:2 ironisierte das Boulevardblatt „24 horas“ die fussballerische Katastrophe mit dem Titel: „Glückwunsch! Sie haben gegen die schlechteste Equipe Europas unentschieden gespielt.“ Gegen ein Land, dessen Einwohner das Lissabonner Luz-Stadion nur zur Hälfte füllen würden. Ein Schuldbekenntnis erwartete man vom Selektionär, vor allem eine Entschuldigung bei den Emigranten, die ihren bewunderten Stars das Gefühl gaben, vor heimischer Kulisse aufzutreten. Doch Scolari verweigerte die Selbstkritik, obschon die im Vorfeld angemahnten Tugenden Bescheidenheit und Konzentration nicht einmal ansatzweise zu erkennen waren. Stattdessen bescheinigte der Brasilianer Liechtenstein einen verdienten Punktgewinn.“
Die WM-Qualifikation im Überblick NZZ
Ascheplatz
Wenn nicht alles täuscht, sind die Tage Gerd Niebaums gezählt
Neues aus Dortmund – Freddie Röckenhaus (SZ 11.10.): „Wenn nicht alles täuscht, sind die Tage des Präsidenten Gerd Niebaum gezählt. Nach eigenen Angaben hat der neue BVB-Großaktionär Florian Homm mit einem rund 20 Millionen Euro schweren Engagement die Kapitalerhöhung des börsennotierten Fußball-Unternehmens erst am Freitag, kurz vor der Bilanzpressekonferenz des BVB, fast im Alleingang gerettet. Als Bedingung für seinen rettenden Einstieg hat sich der Fondsmanager und Neckermann-Erbe Homm von den beiden Geschäftsführern Gerd Niebaum und Michael Meier offenbar eine „Drei-Punkte-Erklärung“ gegenzeichnen lassen, die der SZ vorliegt. Gemäß dieser Erklärung verpflichtet sich Niebaum, „spätestens im Rahmen der Neuwahl des Präsidiums des BVB im Jahre 2006″ sein Amt „zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Abschnitt heißt es, dass „die Gesellschaft schnellstmöglich einen externen dritten Geschäftsführer für die Bereiche Finanzen und Controlling suchen und einstellen“ wird. Mit dieser Maßnahme sollen alle Bereiche der Geschäftsführung, die im weitesten Sinne mit Geld und Finanzen zu tun haben, Meier und Niebaum aus den Händen genommen werden. Das kommt einer Entmachtung Niebaums gleich. Die langjährigen BVB-Chefs hatten in ihrer Jahresbilanz einen Saisonverlust von unfassbaren 67,7 Millionen Euro präsentiert, sowie Verbindlichkeiten von 118,8 Millionen und „sonstige finanzielle Verpflichtungen“ (überwiegend aus Leasing-Geschäften) von 363 Millionen Euro. BVB-Manager Michael Meier sagte der SZ am Sonntag zu dem Vorgang: „Ich dementiere das nicht. Ich gebe keinen weiteren Kommentar ab.“ Homm erklärte der SZ am Samstag: „Es ist noch nicht ausreichend klar geworden, dass am Freitag der große Verein Borussia Dortmund gerettet worden ist.“ Diese Aussage bedeutet, dass die Liquiditätsprobleme des BVB noch in dieser Woche eskaliert wären. Ohne die Kapitalerhöhung hätte gar die Gefahr einer Insolvenz gedroht, wie das Nachrichtenmagazin Focus in seiner heutigen Ausgabe schreibt.“
Die Chance auf den Turnaround liegt auf dem Fußballplatz
Vielleicht geht’s ja in Dortmund doch noch gut – Richard Leipold (FAS 10.10.): “Es steht schlecht um die Borussia, so schlecht wie noch nie. Mit seinem Urvertrauen in sportliches und wirtschaftliches Wachstum hat Niebaum, der vor achtzehn Jahren als Sanierer antrat und zunächst Erfolg hatte, den Klub erst zum Börsenpionier des deutschen Fußballs gemacht und nun zum größten Verlustbringer der Bundesliga. Ein Jahresfehlbetrag von knapp 68 Millionen Euro, ein gefährlich negativer Cash-flow von gut 22 Millionen Euro und schließlich Verbindlichkeiten von fast 120 Millionen Euro sind die herausragenden unter vielen bedenklichen Kennzahlen, die Niebaum und sein kaufmännischer Kompagnon Michael Meier auf der Bilanzpressekonferenz vermeldet haben. (…) Der BVB steht vor einem Teufelskreis. Er muß die Personalkosten drastisch senken. Andererseits muß der BVB den Kunden, auf den billigen wie teuren Plätzen, attraktiven Fußball bieten, um sie bei Laune zu halten. In der Zuschauergunst steht der Klub in Europa trotz gegenwärtig mittelmäßiger Leistungen an der Spitze. „Fürs erste wird bei den Zuschauern ein Solidarisierungsschub einsetzen“, vermutet der Finanzanalyst Alexander Langhorst. Auf Dauer werde das Publikum nur treu bleiben, wenn die Mannschaft erfolgreicher Fußball spiele. Der Primat des sportlichen Erfolges setzt weiteren Einsparungen bei den Personalkosten enge Grenzen. Was ist zu tun? „Der BVB muß auf Zeit spielen und hoffen, daß trotz des Sparprogramms bald die Qualifikation für den Europapokal gelingt“, sagt Langhorst. Die Dortmunder Mannschaft muß ihre stillen Reserven abrufen, wenn sie denn welche hat. Die Chance auf den Turnaround liegt auf dem Fußballplatz. Aber wie lange noch?“
Deutsche Elf
Fußball ist unser Leben
Sepp Maier, „ein folkloristisches Relikt“ (Tsp), ist entlassen / „Maier konnte zum unkalkulierbaren Geschäftsrisiko werden“ (Tsp) / „das Torwart-Problem muß noch lange nicht gelöst sein“ (FAZ) – 2:0 in Iran, „großes, schönes und ergreifendes Erlebnis“ (SZ) / „Klinsmanns schlüssiges Stellvertreter-Prinzip“ (BLZ)
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Stefan Hermanns (Tsp 11.10.) begrüßt die Entlassung Sepp Maiers: „Sepp Maier stammt aus einer Zeit, in der der DFB noch männerbündisch organisiert war, die Nationalmannschaft in Sportschulen kaserniert wurde und harmlose Schlagerliedchen aufnahm. „Fußball ist unser Leben“, haben die Nationalspieler vor der WM 1974 gesungen, der Franz, der Berti und natürlich der Maiersepp. Einen programmatischeren Titel hätte es für diese Generation wahrscheinlich nicht geben können. Für Bierhoff und Klinsmann ist der Fußball ein Produkt, die Nationalmannschaft eine Marke, die es zu positionieren gilt. Jemand wie Maier kann da in seiner Unberechenbarkeit zum unkalkulierbaren Geschäftsrisiko werden. In einem Interview hat er einmal erzählt, dass er zu seiner aktiven Zeit einem Journalisten wegen eines schlechten Artikels eine saubere Watschn verpasst habe. „Danach war der nur noch nett zu mir.“ Moderne Medienarbeit sieht inzwischen anders aus.“
Das Problem muß noch lange nicht gelöst sein
Michael Horeni (FAZ 11.10.) sieht das ähnlich: “Als Opfer muß sich Maier nach der Nacht-, aber keineswegs Nebelaktion nicht ausgeben. Das eigensinnige Torwartidol von gestern, das sich nie den Mund verbieten ließ, hatte sich mit seiner jüngsten Provokation gegenüber Jens Lehmann sowie der Parteinahme für seinen Golfpartner Oliver Kahn ganz allein für das Amt als Trainer in einem offenen Zweikampf bis zur WM 2006 unmöglich gemacht. Maier verließ „die gemeinsame Basis von Achtung und Respekt“, die Klinsmann nicht nur in Teheran stets einforderte und anmahnte, damit schon zum zweiten Mal. Es wäre kein Ausweis von Klugheit, sollte Maier nicht gewußt haben, was für eine Reaktion er beim knallharten Reformer Klinsmann mit seiner vollkommen verrutschten Attacke auslösen würde. Vielleicht fühlte sich Maier – der stets aus der objektiven Warte des Fachmanns zu sprechen vorgab, den Interessenkonflikt aber als langjähriger Klubtrainer und Vertrauter nie verhindern konnte – durch Kahns Verlust der Sonderstellung selbst angegriffen. (…) Mit Sepp Maier ist nun ein Reizpunkt verschwunden, aber damit muß das Problem noch lange nicht gelöst sein.“
Folkloristisches Relikt
Warum hält man Sepp Maier eigentlich für humorvoll? Stefan Hermanns (Tsp 11.10.): „Wenn Josef Maier für die Öffentlichkeit den Maiersepp gibt, kann es schon mal peinlich werden. Im Frühjahr haben das die Vertreter von Mercedes- Benz erfahren müssen. Da hatte der Großsponsor der deutschen Nationalmannschaft vor einem Länderspiel den Maiersepp als Zeitzeugen zu einer Pressekonferenz geladen. Es ging damals um die Suche nach dem verschollenen Mannschaftsbus der Weltmeister-Mannschaft von 1974, und Maier sollte ein paar lustige Anekdoten aus der alten Zeit beisteuern. Der frühere Nationaltorwart hat dann eine obskure Geschichte erzählt, in der es um Ausflüge in ein Hotel am Timmendorfer Strand ging, die Jacobs Sisters und ihre Pudel eine Nebenrolle besetzten und Maier sich schließlich als Erfinder der „Kondom-Aufhängung“ rühmte. Eigentlich hatte er nur ein Kondom mit Wasser gefüllt, es im Bus aufgehängt und dem Fahrer aufgetragen: „Leg dich richtig rein in die Kurven.“ Irgendwann ist die Hülle dann zerplatzt. „Und alle waren nass. Das war ein Ereignis, die Kondom-Aufhängung.“ Ja, das haben die Herren von Mercedes vermutlich auch gedacht. (…) Maier war 1987 vom damaligen Teamchef Franz Beckenbauer zum DFB geholt worden. Er hat seitdem für fünf Nationaltrainer gearbeitet, war aber unter dem Modernisierer Klinsmann immer mehr zum folkloristischen Relikt einer vergangenen Zeit geworden.“
Großes, schönes und ergreifendes Erlebnis
Die Reise nach Teheran – Philipp Selldorf (SZ 11.10.) gehen die Adjektive aus: „Die Geschehnisse in Teheran empfand der Debütant Per Mertesacker als „sehr unvorstellbar“, also als Erfahrung jenseits des Denkbaren. Das ist die angemessen staunende Einschätzung eines bewegenden Abends und einer Reise, deren Begleiterscheinungen bei jedem Beteiligten eine gewisse Fassungslosigkeit erzeugten. Für die deutschen Fußballer und alle, die sie dorthin begleitet haben, war diese Partie ein großes, schönes und ergreifendes Erlebnis. Die Herzlichkeit und Begeisterung der Menschen, die monumentale Bedeutung, die das Spiel in der iranischen Öffentlichkeit hatte, der revolutionäre politische Subtext der Begegnung – all die außergewöhnlichen Eindrücke dieser Expedition in eine andere Fußballwirklichkeit gaben den Anlass, in Pathos und naiver Euphorie zu schwelgen.“
Grenzen der religiösen Macht
Wind of change? Michael Horeni (FAZ 11.10.): “Klinsmann, Bierhoff und Ballack hatten die Iraner sehnsüchtig erwartet. Aber nicht Eric Clapton, die Eagles und die Dire Straits. Es war etwa zwei Stunden vor dem Anpfiff, im Stadion Azadi war längst kein regulärer Platz mehr zu bekommen, da trauten die Iraner weder ihren Augen noch Ohren. Im Innenraum der Arena spielte eine Band namens „Inan“ die Rockklassiker aus dem Land des großen Satans. Der ideologische Leiter der Behörde, die für den riesigen Stadionkomplex zuständig ist, verstand die Welt nicht mehr und wollte das bisher Unerhörte stoppen. Die Iraner jedoch waren außer sich vor Begeisterung über ein Stückchen Freiheit, das ansonsten dafür geeignet ist, mit einer Festnahme zu enden. „Jeder, der klatscht, ist gegen das System“, sagte ein iranischer Journalist zum größten Freudenfest unter diesmal freiem Himmel seit der WM-Qualifikation vor sieben Jahren. Weil die Deutschen kamen, stieß der islamische Wächter im Stadion diesmal an die Grenzen der religiösen Macht. Unter den riesenhaften Bildnissen des Revolutionsführers Ajatollah Chomeini sowie seines Nachfolgers Ajatollah Chamenei erfuhr der Hüter der Regeln, so erzählten es sich Iraner im Innenraum, daß die Erlaubnis „von ganz oben kommt“. Vom stellvertretenden Ministerpräsidenten, zuständig für den Sport – und für Propaganda, wie man nach dem Marketing-Vorprogramm für den Iran hätte hinzufügen können. (…) Dann wurde es sehr schnell sehr still, als über die Lautsprecher gesungene Suren des Koran als Rezitation vor dem Gebet erklangen. So wie das sonst immer vor Fußballspielen üblich ist.“
of: Aber die Dire Straits sind doch aus London…
Hitler-Gruß
In der SZ (11.10.) lesen wir: „Dass sich die Bundesliga und das deutsche Nationalteam in Iran einer absurden Beliebtheit erfreuen, konnte die DFB-Delegation schon in den Tagen zuvor feststellen. „Was wir hier erlebt haben, war schon positiver Fanatismus, die Leute sind wahnsinnig emotional und aktionsgeladen, aber immer freundlich“, resümierte Trainer Joachim Löw bewegt. Manchen Ausdruck von Jubel muss man da wohl nachsehen. Einige Deutschland-Verehrer entboten den Hitler-Gruß, andere trugen stolz ein riesiges Plakat mit einem Nietzsche-Zitat durch die Gegend.“
Was mich nicht umbringt, macht mich stärker
Christian Oeynhausen (FTD 11.10.) ergänzt: „Es passiert deutschen Fußballspielern nicht allzu oft, dass sie am Stadiontor mit Nietzsche konfrontiert werden. In Teheran haben sie damit eigentlich am wenigsten rechnen können, doch im Iran musste man mit allem rechnen. „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, hatte ein Fan am Eingang auf sein Transparent geschrieben, der junge Iraner nahm Bezug auf das 0:2 des Iran gegen Deutschland bei der WM 1998. Im Stadion selbst war das Plakat später nicht mehr zu sehen. Womöglich gehörte der Nietzsche-Kenner zu jenen geschätzten 150 000 Menschen, die willens, aber vergeblich zum Stadion gekommen waren, weil nur 110 000 Einlass finden konnten. Aber der Spruch galt in gewisser Weise auch als Motto für die deutschen Ambitionen auf dieser Abenteuerreise: Zurechtkommen lernen unter außergewöhnlichen Bedingungen, so und nicht anders lautete die Aufgabe, was im Spezialfall Iran vor allem bedeutete: die Zuneigungen aushalten, die Ruhe bewahren, das Drängeln, das Zerren, das Schubsen, das Schreien stoisch über sich ergehen lassen.“
Schlüssiges Stellvertreter-Prinzip
Was macht Klinsmann anders, Christof Kneer (BLZ 11.10.)? “Es hat nur drei Länderspiele gebraucht, um die Idee zu begreifen, die hinter Klinsmanns neuem Deutschland steht. Er fährt eine Personalpolitik, die schon jetzt viel schärfer konturiert ist, als es die von Rudi Völler je war. Völlers Kader kannte man schon auswendig, bevor er ihn öffentlich machte, und er hat seine Vertrauten dann über die Positionen verteilt. Auf diese Weise hat er den Stammspieler ohne Stammposition erfunden; alle wussten, sie durften wiederkommen, die Frage war nur, auf welcher Position. Man kann Völler den Vorwurf nicht ersparen, dass er durch ständige Rochaden manche Potenzen dramatisch vergeudet hat, etwa die von Torsten Frings. Man darf es wohl für einen Fortschritt halten, dass sich Jürgen Klinsmann dem Problem von der anderen Seite entgegendenkt. Er denkt nicht in Namen, er denkt in Positionen. Man muss sich das wohl so vorstellen, dass er im Kopf ein 4-4-2-Schema mit elf Kästchen hat, und in jedes Kästchen denkt er sich dann einen Stammspieler hinein. Er hat für jeden Spieler eine klare Position, und für jede Position gibt es einen Herausforderer. Auf diese Weise hat er im Team ein schlüssiges Stellvertreter-Prinzip etabliert, das den Kader in einer so produktiven Spannung hält, dass aus jedem Freundschaftsspiel ein kleines Ausscheidungsmatch wird.“
Matti Lieske (taz 11.10.) befasst sich mit dem Sportlichen: “Es ist lange her, dass ein Auftritt der deutschen Nationalmannschaft eine solche Begeisterung hervorgerufen hat. Jürgen Klinsmann sah den Jubel um sein Team natürlich mit großem Wohlgefallen, schließlich ist er angetreten, vergleichbare Zustände der Verzückung bis zum Jahre 2006 auch in der Heimat zu entfachen. Das Spiel selbst zeigte allerdings, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist (…) Die Iraner scheiterten immer wieder an ihrer eklatanten Schuss- und Abschlussschwäche, gelegentlich auch an Torhüter Jens Lehmann, dem ein auf den Platz geeilter iranischer Fan sogar die Handschuhe küsste. Offenbar hielt er ihn für Oliver Kahn – vielleicht ja sogar für Sepp Maier.
Mehr Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, Investitionen in Zeit und Geld
Frank Hellmann (FR 11.10.) schaut ins Pflichtenheft der Nationalspieler: „“Bei der Nationalmannschaft zu sein“, sagt ein Spieler im Rückblick, „das hatte früher ein bisschen was von Urlaub.“ Die Zeit der Muße ist vorbei. Zwar kann jeder Kicker auch den Spieltrieb an der Playstation weiter befriedigen – doch bleibt weniger Zeit dafür. Das Programm ist umspannend umfassend. Ob durch PC-Schulung oder Stadtrundfahrt, Videostunde oder Kinoabend, Training oder Taktikbesprechung: Die Kicker der Ära Klinsmann sind deutlich mehr gemeinschaftlich ausgelastet als unter der Führung des Duos Völler/Skibbe. Die Liste der Neuerungen ist umfangreich – und verlangt von den Profis mehr Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, ja sogar Investitionen in Zeit und Geld:
• DVDs ansehen: Jeder Spieler hat eine mit 20 Einzelszenen erhalten – als eine Art Zwischenzeugnis der ersten Länderspiele.
• E-Mails checken: Für jeden ist eine Team-E-Mail eingerichtet – so kann Klinsmann aus Kalifornien kommunizieren. Für Kölns Jungstar Lukas Podolski wurde eigens ein EDV-Fachmann geordert.
• Benimmliste lesen: Schon zum Länderspiel am 17. November gegen Kamerun gibt es einen Verhaltenskodex.
• Zusatztraining absolvieren: Koordination und Schnelligkeit sollen daheim verbessert werden. Dazu gibt es bald für jeden Gummiband, Schaumstoffrolle und Sprungseil vom DFB zur Gymnastik.
• Trainingstagebuch schreiben: Ab der WM-Saison 2005/06 sollen die Spieler Buch über geleistetes Training, eingenommene Medikamente oder ihre persönlichen Empfindungen führen.“
Freitag, 8. Oktober 2004
Allgemein
Keiner spielt fantasiereicher als er, keiner öffnet Räume aus engerem Winkel
Antonio Cassano, genial und verzogen – Oliver Meiler (BLZ 8.10.): „Auswechslungen erlebt er wie eine Schmach. Selbst wenn ihm das Publikum beim Abtreten mit stehenden Ovationen Tribut zollt: seinen feinen Hebern, seinen spitzbübischen Finten, seinem butterweichen Hackenzucken, seinen selbstverliebten Soli, seinen präzisen Zuspielen, seinen ansatzlosen Sturmläufen. Keiner spielt fantasiereicher als er, zumindest in Italien, keiner öffnet Räume aus engerem Winkel. Er führt Regie, als Stürmer. Am ehesten gleicht er in dieser Rolle seinem Sturmkollegen Francesco Totti. Aber auch mit dem legt er sich zuweilen an. Dann ruft Totti in allen Bars und Restaurants Roms an, die beide frequentieren, und fordert, den undankbaren Schnösel von der VIP-Liste zu streichen. In einem ärmlichen Viertel im süditalienischen Bari, seiner Geburtsstadt, wurde er groß. Seine Mutter erzog ihn allein. Der Vater hatte die Familie verlassen, als Antonio erst zwei Jahre war. Er war siebzehn, als er für den AS Bari mit einem unwiderstehlichen Solo ganz Italien schwärmen ließ: In seinem zweiten Spiel der Serie A ließ er Laurent Blanc und Christian Panucci mit einem Hackentrick ins Leere laufen, stoppte den Ball und traf ins Tor. Fortan jagten ihn Juventus Turin, AS Rom und Manchester United. Rom machte das Rennen. Cassano hatte den sozialen Aufstieg geschafft. Schon bald aber drang Cassanos dunkle Seite durch. Einmal blieb er dem Training fern, erbost über sein Ersatzbankdasein, und schaltete sein Handy aus – ein Sakrileg.“
Internationaler Fußball
Die Bundesliga verkaufte sich schon schlecht, als sie noch besser war
In Sachen Vermarktung ist die Premier League Vorbild – Christian Eichler (FAZ 8.10.): „Der englische Fußball prosperiert. Sein Spiel ist so dynamisch wie seine internationale Vermarktung. So zieht er Interesse und Geld aus der ganzen Welt an. Nicht nur die Millionen des Amerikaners Glazer, der ManU will, nicht nur die des russischen Milliardärs Abramowitsch, der sich Chelsea kaufte; der FC Liverpool hat schon den dritten Übernahme-Interessenten des Jahres: erst einen Geschäftsmann, dann Thailands Regierung, nun einen Hollywood-Produzenten. Aber auch da, wo Klubs nicht geschluckt, sondern als Partner gesucht werden, ist die Premier League weit vorn. So wird die Fluglinie Emirates für rund 150 Millionen Euro Trikotpartner und Stadion-Namensgeber von Meister Arsenal. Und die Bundesliga? Welcher Ausländer, welches ausländische Unternehmen investiert in den deutschen Fußball? Nicht mal die Bayern haben einen internationalen Sponsor, selbst die größte örtliche Unternehmung wirbt im Ausland – Siemens bei Real Madrid. Als es hieß, die Bundesliga sei „die stärkste Liga der Welt“, interessierte man sich kaum fürs Ausland. Nun, da sie es lange nicht mehr ist, kann sie mit ausländischem Geld schon gar nicht mehr rechnen. Dafür wird sie in anderen Teilen der Welt zuwenig wahrgenommen – anders als die englische Konkurrenz. Die Bundesliga verkaufte sich schon schlecht, als sie noch besser war. Die Premier League verkaufte sich schon gut, als sie noch schlechter war.“
Wozu braucht Real Madrid überhaupt noch das Spielfeld?
Mit David Beckham gewinnt Real Madrid nicht auf dem Rasen, mit David Beckham gewinnt Real Madrid auf dem Konto, stellt Peter Burghardt (SZ 8.10.) fest: „Die sportliche Dekadenz schien mit der Verpflichtung von David Beckham ihren Lauf zu nehmen. Andererseits begann mit Beckham ein Aufstieg, bei dem Tore nicht mehr so wichtig sind. Kurz vor dem letzten Reinfall fand die Jahreshauptversammlung statt, und Präsident Florentino Pérez präsentierte wunderbare Zahlen. Demnach stieg der Bruttogewinn mit dem Beau aus Liverpool von 8 auf 50 Millionen Euro, im kommenden Jahr sollen es 137 Millionen Euro sein. Die PR-Einnahmen sind auf 300 Millionen Euro empor geschnellt, womit der Etat bereits zu 45 Prozent aus dem Marketing bestritten wird – vor Beckham waren es 27 Prozent gewesen. Stimmt die bombastische Rechnung, so ist aus dem Pleiteverein in vier Jahren Pérez der reichste Fußballkonzern der Erde geworden. In einem neuen Buch über das Phänomen gab der Anführer bekannt, er werde eher das Bernabéu-Stadion verkaufen als David Beckham, was dem bedeutendsten Bauunternehmer Spaniens ohne weiteres zuzutrauen wäre. Wozu braucht Real Madrid überhaupt noch das Spielfeld? Dem Geschäft schaden die Peinlichkeiten auf dem Rasen offenbar keineswegs – bislang.“
WM 2006
Friedliche Stimmung wird durch Miteinander geschaffen
Wie integriert man die Fans in die Planung, Carsten Biermann (taz NRW 8.10.)? „Wie eine nette WM aussehen kann, darüber machen sich Kommunen, Polizei und DFB schon jetzt Gedanken. Eine wichtige Rolle übernehmen die lokalen Fan-Projekte, die sich gestern zu ihrer Jahrestagung in Bielefeld trafen. Die Fan-Projekte sehen sich als Sprachrohr für die „echten Fans“: Jugendliche, für die Fußball mehr bedeutet als 90 Minuten zu einem Spiel zu gehen. Dieser Gruppe droht aber eine WM vorm Fernseher, da das Kontingent von rund 4.000 frei verkäuflichen Karten pro Spiel übers Internet veräußert werden soll, zahlbar nur mit Kreditkarte. Bei den Fanprojekten sorgt dieses Gedankenmodell des Organisationskomitees für Unbehagen. Sprecher Ralf Busch: „Wir wollen keine Ausgrenzung von bestimmten Fan-Gruppen, sondern eine Integration.“ Und die soll schon vor den Stadien beginnen. Wie die EM in Portugal gezeigt hat, wird eine friedliche Stimmung nicht durch strikte Trennung, sondern durch ein kommunikatives Miteinander geschaffen.“
Ascheplatz
Die Lage ist längst nicht so dramatisch, wie sie dargestellt wird
Vor der Bilanzierung in Dortmund: „die Lage ist längst nicht so dramatisch, wie sie dargestellt wird“ (Gerd Niebaum, FR) / „wer starke Kreativität zu seinen Gunsten nutzt, macht seine Aktie zur Zockeraktie“ (Analyst Christoph Schlienkamp, SZ) / „mit dem Wort Finanzkrise sollte man vorsichtig sein“ (Lutz Meyer, Finanzexperte, FAZ)
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Gerd Niebaum im Interview mit Felix Meininghaus (FR 8.10.)
FR: Borussia Dortmund ist europaweit Rekordhalter im Kartenverkauf und weist gleichzeitig eine Rekordverschuldung auf. Wer trägt die Schuld für diese ungeheure Diskrepanz?
GN: Sie können doch aus einer Bilanz nicht nur die Passivseite lesen, sondern müssen auch die Aktivseite berücksichtigen. Unserer Verschuldung steht ein entsprechend hohes Vermögen gegenüber. In der Öffentlichkeit werden die Zahlen aus der Passivseite herausgelöst, ohne unser Eigenkapital zu berücksichtigen, das nach der Kapitalerhöhung 100 Millionen Euro betragen wird. Ich will nichts schön reden: Wir haben einen hohen Verlust, aber die Lage ist längst nicht so dramatisch, wie sie dargestellt wird.
FR: Das haben Sie bislang nicht überzeugend darstellen können.
GN: Natürlich werden wir kritisch beobachtet, weil wir an die Börse gegangen sind, was ein Pilotprojekt bedeutete. Zudem haben wir sehr viel Geld in Steine und Beine investiert. Wir sind international nicht vertreten und haben uns deshalb einen ganz strikten Sparkurs verordnet, den wir einhalten.
FR: Die Personalkosten waren vergangene Saison mit 70 Millionen Euro dreimal so hoch wie etwa beim VfB Stuttgart. Haben Sie zu lange über Ihre Verhältnisse gelebt?
GN: Solche Zahlen sind definitiv falsch. Dennoch ist die Frage berechtigt. Wir haben eine teure Mannschaft unterhalten, die für die Champions League ausgelegt war. Die haben wir in der vergangenen Saison verpasst und deshalb ein Problem.
FR: Nun laufen die laut einer großen Tageszeitung „dringend notwendigen Reparaturmaßnahmen nach verschwenderischen Jahren“?
GN: Es waren üppige Jahre, keine verschwenderischen.
FR: Das sehen die Beobachter aber anders.
GN: Man kann kritisieren, dass wir eine teure Mannschaft für einen bestimmten Wettbewerb unterhalten haben. Am Ende ist das wie bei einer Firma, die einen Großauftrag verliert. Wenn Sie den Transrapid bauen sollen und plötzlich wird Ihnen dieser Auftrag entzogen, dann haben Sie Probleme und müssen abspecken. Das tun wir.
Andreas Rüttenauer (taz 8.10.) kritisiert die Verzettelung der Dortmunder: „Als die Borussia 2000 an die Börse ging, hat die Geschäftsführung verkündet, dass man nicht nur im sportlichen Bereich Geschäfte machen wolle. Wer sich das Unternehmen vor der Bilanzpressekonferenz angesehen hat, stellt schnell fest, dass auch in den Bereichen, die nicht direkt mit dem Fußball zu tun haben, nicht gerade erfolgreich gearbeitet wurde. Ein Beispiel dafür ist die Sports & Bytes GmbH. Mit Hilfe der IT-Firma wollten die Borussen im Bereich sportaffiner Internetangebote Geld verdienen. Bevor die Borussen ihr Engagement starteten, erstellte diese Homepages von Spielern und Vereinen aus ganz Deutschland. Doch viele Kunden sind abgesprungen, als Borussia einstieg. Ein Verein wie der TSV 1860 München lässt sich nun mal ungern von einer Firma darstellen, die einem Ligakonkurrenten gehört. Heute ist Borussia Dortmund selbst einer der letzten verbliebenen Großkunden von Sports & Bytes.“
Wer starke Kreativität zu seinen Gunsten nutzt, macht seine Aktie zur Zockeraktie
Christoph Schlienkamp, Analyst, im Interview mit Freddie Röckenhaus (SZ 8.10.)
SZ: Was wäre zu tun, um die Borussia bald aus der Verlustzone zu holen?
CS: Der reine Fußballfan sollte sich darauf einstellen, dass der Spielerkader des BVB sicherlich kleiner, das heißt preiswerter werden muss. Dort muss man dramatisch einsparen. Es könnte absolut richtig sein, das Westfalenstadion zurückzukaufen. Kapitalanleger erwarten einfach eine gewisse Substanz, dazu gehören Immobilien. Man wird auch Schritte tun müssen, wie etwa die Eintrittspreise zu erhöhen, die Fantrikots müssen vielleicht teurer werden.
SZ: Um das Westfalenstadion zurückzukaufen, muss der BVB voraussichtlich rund 100 Millionen und mehr aufwenden. Mindestens 25 Prozent mehr, als es beim Verkauf eingebracht hat.
CS: Das ist genau das, was man dem Management vorwerfen muss. Dieser Ausflug, das Stadion erst teilweise zu verkaufen, dann zurückzukaufen, dann wieder zu verkaufen, es nun wieder zurückzuholen. Das ist wirtschaftlich fatal. In anderen Fällen müsste das Management für so eine Politik den Hut nehmen. Der Aufsichtsrat hätte einschreiten müssen. Generell stellt sich beim BVB die Frage: Was ist die langfristige Strategie? Wo soll das alles hin? Man hat immer den Eindruck, es wird unter hohen Verlusten mal dies, mal jenes ausprobiert.
SZ: Der BVB hat in seinen letzten Geschäftsberichten meist alle möglichen Sondereffekte benötigt, um eine halbwegs passable Bilanz zu erreichen. In diesem Jahr ist diese Kosmetik nicht mehr erfolgreich gewesen. Was hält man in Anleger- und Bankenkreisen davon?
CS: Bilanzkosmetik ist negativ belegt. Wer starke Kreativität zu seinen Gunsten nutzt, macht seine Aktie zur Zockeraktie. Gefragt sind Substanz und ein verlässliches Management. Beides gibt es bei Borussia Dortmund seit Jahren nicht. Der Anleger wünscht sich faire Durchschaubarkeit aller wichtigen Geschäftsvorgänge. Beim BVB gibt es diese Transparenz nicht.
Mit dem Wort Finanzkrise sollte man vorsichtig sein
Lutz Meyer, Finanzfachmann und Berater, sagt im Interview mit Henning Peitsmeier (FAZ 8.10.) über die Lage in Dortmund: „Mit dem Wort Finanzkrise sollte man vorsichtig sein. Dennoch muß der BVB die Kosten senken. Damit steht der Verein nicht allein. Wir propagieren seit Jahren, daß die Kosten der Fußballklubs, insbesondere die Personalkosten, stärker an den sportlichen und somit wirtschaftlichen Erfolg geknüpft sein müssen. (…) Der Jahresabschluß zum 30. Juni 2003 wies ein Eigenkapital von 149 Millionen Euro aus. Sollte der Verlust für das Geschäftsjahr 2003/2004 wie angekündigt 67 Millionen Euro betragen, würde sich das Eigenkapital auf 82 Millionen Euro reduzieren – der BVB wäre somit auch ohne Kapitalerhöhung nicht überschuldet. (…) Grundsätzlich ist eine Anleihe eine legitime und in der Wirtschaft verbreitete Finanzierungsalternative. Die in der Öffentlichkeit emotionsgeladene Diskussion über einen Verkauf der Zukunft wäre sachlich nur begründet, wenn die durch das Darlehen gewonnenen Mittel nicht wirtschaftlich vernünftig verwendet werden.“
Deutsche Elf
Dreikampf der Torwartdiven
Sepp Maier kann den Mund nicht halten und erweitert den Kahn-Lehmann-Streit zum „Dreikampf der Torwartdiven“ (FAZ) / Oliver Kahn, „Risiko für das Betriebsklima“ (BLZ) – „die Nationalkicker sollen ein Trainingstagebuch führen“ (FR) – Fußball im Iran, mehr als Sport (SZ)
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Sepp Maier macht jetzt auch den Mund auf, und Michael Horeni (FAZ 8.10.) fasst sich an den Kopf: “In unübersehbaren Lettern machte Deutschlands dünnste Zeitung auf den Torwart-Krieg in der Nationalelf aufmerksam. In der neuesten Ausgabe dieser Fußballseifenoper meldete sich der Bundestorwarttrainer in Bild zu Wort und verkündete bayerisch derb: „Da kann sich Lehmann aufhängen. Kahn ist der Bessere.“ Kaum hatte der Bundestrainer diese neueste von vielen Unfreundlichkeiten in dieser scheinbar endlos-eitlen Torwartkonkurrenz um den Platz bei der Weltmeisterschaft 2006 verdaut, bat er noch im Flugzeug zu einer informellen Pressekonferenz. „Wir haben das registriert“, sagte der Bundestrainer. Aber in diesen Tagen vor dem Länderspiel hätten andere Dinge Priorität. „Wenn wir zurück sind, haben wir Zeit, die Dinge zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen“, sagte Klinsmann. Es ist nicht das erste Mal, daß Maier die Position seines Golfkumpels und bayerischen Klubkollegen Kahn glaubt stützen zu müssen. (…) Maier erklärte seine Attacke damit, daß auch Lehmann zuletzt etwas gegen ihn gesagt habe. Kahns Herausforderer im Torwart-Kasperletheater hatte seinem Trainer zu Beginn der Woche über den kicker in der ihm eigenen Überheblichkeit mitteilen lassen: „Was er zum Fußball sagt, ist manchmal Quatsch.“ So entwickelt sich das von Selbstgefälligkeit und dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit gespeiste Duell der beiden Konkurrenten mittlerweile zu einem Dreikampf der Torwartdiven.“
Jan Christian Müller (FR 8.10.) fordert Klinsmann zur Handlung auf: “Nun hat Maier ein drittes Mal gegen den DFB-Ehrenkodex verstoßen, wonach Kritik intern zu üben ist und für Journalisten Worthülsen bleiben. Zudem hat sich der Münchner Kahn-Spezl in der Wortwahl vergriffen, weshalb aus dem „Fall Lehmann/Kahn“ nun ein „Fall Maier“ geworden ist. Womöglich steht ja Klinsmanns alter Kumpel Andi Köpke schon bald am Elfmeterpunkt. Maiers unglückliche Selbstdarstellung lenkt vom eigentlichen Problem ab und ändert nichts daran, dass Kahn und Lehmann unberechenbare Charaktere sind, für die gemeinsam kein Platz im WM-Kader sein sollte. Es wäre naiv, würde Klinsmann tatsächlich, wie angekündigt, bis kurz vor Turnierbeginn warten, ehe er sich für den einen oder den anderen als Nummer eins entscheidet.“
Risiko für das Betriebsklima
Die Berliner Zeitung (8.10.) fordert die Ablösung Oliver Kahns: „Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Kahn im Nationalteam das nächste Mal zum Thema wird – ob er gerade eine Pause bekommt oder nicht. Der Torwart ist die Reizfigur im deutschen Team. Er ist ein Risiko für das Betriebsklima, das sich sonst wunderbar entwickelt. In vielen Fragen hat Jürgen Klinsmann, der neue Bundestrainer, stringent seine Pläne umgesetzt. Er hat der Jugend ihre Chancen gegeben und jene entfernt, die ihm nicht mehr passten. Für die Torwartposition gäbe es junge Alternativen: Timo Hildebrand oder Tim Wiese. Irgendwann könnte die Fragen aufkommen, warum Klinsmann nicht handelt.“
Wer schafft denn 15 Klimmzüge? Keiner!
Auf dem Trainingsplatz tut sich einiges: Die steifen Fußballer sollen gelenkiger und frischer werden. Frank Hellmann (FR 8.10.) protokolliert: „Oliver Schmidtlein, der den nach seiner Depressions-Erkrankung untrainierten Sebastian Deisler fit gemacht hatte, führte in den Tagen vor Teheran mit Klinsmanns Kader Übungen durch, die bisweilen ulkig aussahen – weil Gerald Asamoah wacklig auf einem Bein balancierte oder Per Mertesacker sich bei schnellen Schrittfolgen in kleinen Rechtecken gern verhakte. Doch danach klatschten die meisten Nationalspieler Applaus – das hat es unter Erich Rutemöller nie gegeben. Bedarf an neuen Übungen ist also da, Schmidtlein nennt die drei Bereiche Schultergürtel, Rumpf und Hüfte. „Wer schafft denn 15 Klimmzüge? Keiner!“ Der 39-Jährige ist im Hauptberuf Physiotherapeut des FC Bayern und seit einem zweijährigen Aufenthalt in Santa Monica ein Klinsmann-Spezi. Sofern Uli Hoeneß einlenkt, soll er möglichst oft den Nationalspielern Bewegung verschaffen. Nach den neuesten Methoden. „Immer alle zusammen im Wald, immer im gleichen Tempo – das ist vorbei“, sagt Joachim Löw, den innovativen Kurs vorantreibend. Spätestens zur nächsten Saison sollen die Nationalkicker ein Trainingstagebuch führen: Darin wird aufgelistet, was, wann, wo und wie lange trainiert wurde. Auch über Medikamente und Krankheiten, ja selbst über ihr Befinden sollen die Kicker täglich schriftlich Rechenschaft ablegen. Das Büchlein ist dem Trainerstab regelmäßig zur Kontrolle vorzulegen. Owen Hargreaves vom FC Bayern tut das für Englands Teamchef Sven-Göran Eriksson schon heute. Löw denkt noch weiter: Er will nächstes Jahr einen Mentaltrainer einbinden, der als Motivator und Moderator fungieren soll.
Frauen schwenkten ihre Kopftücher, und die Revolutionswächter mussten machtlos zusehen
Fußball im Iran, mehr als Sport – Rudolf Chimelli (SZ 8.10.): “Die Politisierung des Fußballs begann 1997 im Qualifikationsduell für die WM 1998 gegen Australien. Binnen Minuten erfasste Teheran ein Freudentaumel. Die Leute rannten auf die Straße und feierten bis tief in die Nacht. Seit die Iraner 1979 den Revolutionsführer Chomeini bei dessen Heimkehr aus dem Exil begrüßt hatten, waren nicht mehr so viele Menschen auf den Beinen gewesen. Doch diesmal riefen sie nicht „Allahu akbar!“ (Gott ist groß), sondern „Iran, Iran“. Es war nicht religiöse Begeisterung, wie das Regime sie wünscht, sondern der Ausdruck von Patriotismus und Lebensfreude. Frauen schwenkten ihre Kopftücher, und die Revolutionswächter mussten machtlos zusehen. Es war noch nicht lange her, dass der Reformer Mohammed Chatami zur Verblüffung der Konservativen zum Präsidenten gewählt worden war: Jetzt schien sich die politische Wende auf dem Fußballfeld zu bestätigen. Als die Mannschaft aus Australien heimkehrte, bereitete ihnen die Menge einen stürmischen Empfang. Zusammen mit den Spielern strömte das Volk ins Stadion, das auf persisch den Namen „Freiheit“ (Asadi) trägt. Aber nicht nur Männer, auch Tausende von Frauen drängten sich an den hilflosen Ordnungshütern vorbei. Eigentlich dürfen Frauen Fußballer nur am Bildschirm sehen. (…) Deutschland hat unter den Iranern seinen Ruf als Fußball-Großmacht auch in schlechten Zeiten bewahrt. Bundesliga-Spiele werden häufig vom staatlichen Fernsehen übertragen. Die vielen Jugendlichen, die auf Straßen oder leeren Flächen spielen, tragen mit Vorliebe nachgemachte Trikots der deutschen Nationalmannschaft.“
Donnerstag, 7. Oktober 2004
Internationaler Fußball
Vom iranischen und israelischen Fußball
Iran, Deutschlands Gegner, sieht sich als Asiens Vorreiter (SZ) – eine Analyse (NZZ) des israelischen Fußballs
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Sobald sie länger unter einem Dach leben, bricht einer der genetischen Konflikte aus
Martin Hägele (SZ 7.10.) befasst sich mit der Stimmung in Iran, dem Gegner Deutschlands: „In Teheran hat man längst einen Superlativ gefunden: Das „größte Fußball-Event seit über 30 Jahren“ ist es aus Sicht der Einheimischen, und schon macht man sich Gedanken darüber, ob es wohl einen offiziellen Zuschauer-Rekord geben wird im Azadi-Stadion; die jüngsten Schätzungen schwanken zwischen 100 000 und 120 000 Besuchern. Jedenfalls bedeutet der Staatsbesuch durch die Delegation des WM-Zweiten endlich mal wieder gute Nachrichten für die Iraner, die sich in Asien als Vorreiter in Sachen Fußball sehen, nachdem die wertvollsten Erfolge doch schon eine Weile her sind. (…) Der englische Sportjournalist Tim Maitland verfolgt die Fußball-Entwicklung in Asien seit fast zwei Jahrzehnten. Nirgendwo hat er bessere Spieler und größere Talente für dieses Spiel gefunden als auf den Straßen, den Bolzplätzen und später in den Stadien Teherans. Normalerweise müsste der erste der viereinhalb WM-Plätze der asiatischen Konföderation automatisch gebucht sein für Ali Daei und die Erben des mittlerweile 35-jährigen Torjägers. „Doch sobald sie länger als nur ein paar Tage unter einem Dach leben, bricht einer der genetischen Konflikte aus“, sagt Maitland. Das wird gegen Deutschland nicht passieren.“
Achterbahn
Zur Lage des israelischen Fußballs liest man von Ofer Roner-Abels (NZZ 7.10.), Experte der Jerusalem Post: „Israels Fussball befindet sich diesen Herbst auf der Achterbahn. Was im September noch als möglicherweise beste Phase in den letzten Jahren bewundert wurde, droht im Oktober Episode zu bleiben. Dem torlosen Remis in Paris zum WM- Qualifikationsstart gegen die – auch fussballerische – „Grande Nation“ folgte der knappe Sieg im ersten Heimspiel des Nationalteams nach fast dreijährigem internationalem Bann gegen die Zyprioten. Vier Punkte aus zwei Wettbewerbsspielen waren mehr als erhofft. Auf Klubebene hatte sich Maccabi Tel Aviv für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert, drei israelische Klubs standen in der 1. Uefa-Cup-Runde (Maccabi Haifa, Maccabi Petah Tikva) – ein massiver Anstoss für das populäre Spiel im Judenstaat auf asiatischem Territorium. Weil die drei Vereine allesamt schon wieder ausgeschieden sind und der nationale Runner-up noch ohne Champions-League-Punkte dasteht, könnte der Oktober weniger vielversprechend ausfallen, als es zunächst den Anschein machte. Wenn am Samstag Schweizer Besuch ins Nationalstadion in Ramat Gan ausserhalb Tel Avivs kommt, rechnen sich die Israeli immerhin die Chance auf Punktezuwachs aus. Als Avraham Grant, anerkannte Trainerpersönlichkeit im eigenen Land, den Dänen Richard Möller-Nielsen während der EM-Kampagne 2002 als Nationalcoach ablöste, kündigte er den Umbruch einer Mannschaft an, die längere Zeit von erfahrenen Spielern dominiert wurde.“
Ball und Buchstabe
Gerne jeden Morden die Adiletten putzen
Fritz Tietz (taz 7.10.) macht Quatsch: „Warum bei der Quartierswahl nicht mal ähnlich verfahren wie zuletzt bei der des offiziellen WM-Posters und das Fußballvolk darüber entscheiden lassen? Vorschläge bitte an den DFB in Frankfurt. Meine Empfehlung: Macht es wie die Kirchen, die die Teilnehmer ihrer Kirchentage genannten Weltmeisterschaften in privaten Quartieren unterzubringen pflegen. Meine Familie und ich zum Beispiel wären bereit, ein, zwei Nationalspieler, gern auch mit ihren Spielerfrauen, während der WM bei uns einzuquartieren. Unser ländliches Anwesen bietet genügend Ruhe zur Regeneration. Gute Trainingsmöglichkeiten bietet ein fünf Gehminuten entfernter Bolzplatz, dessen Geläuf ich vorher sogar eigenhändig von den überaus zahlreichen Maulwurfhügeln befreien würde. Meine beiden Töchter – mit meinem Vorschlag konfrontiert – wollen übrigens nur Oliver Kahn als WM-Gast haben. Was ich ihnen zum Glück umgehend madig machen konnte, da Kahn 2006 gar nicht mehr im Nationalteam sein wird. Ich schlug ihnen stattdessen Torwart Jens Lehmann vor – sehr zur Freude auch meiner Frau. Dem würde sie, wie sie spontan ausrief, auf Wunsch auch jeden Morgen die Adiletten putzen.“
Ascheplatz
Schulden und Verluste, die man in Generationen kaum abbauen kann
Dortmunder Schulden – Freddie Röckenhaus (SZ 7.10.) lässt nicht locker; viele tun das nicht: „Die beiden Macher des Höhenflugs, Gerd Niebaum und Michael Meier, scheinen über Jahre mit gepumptem Geld, Börsengang und „Sondereffekten“ ein potemkinsches Dorf aufgebaut zu haben, mit angebautem Geldverbrennungsofen. Hinter den Fassaden gähnt nun die Wirklichkeit. Wo Finanzmittel ohne Ende suggeriert wurden, sind Schulden und Verluste aufgetürmt, die man in Generationen kaum abbauen kann. (…) Die DFL hat das Duo stets gewähren lassen, die Banken haben Kredite abgenickt, die Sponsoren immer wieder Ja gesagt. Und die Wunderwelt der vermeintlichen Kaufleute Niebaum und Meier wird auch jetzt noch von keiner namentlich bekannten Opposition im Traditionsklub bedroht. Mit harten Bandagen werden potenzielle Kandidaten für einen Neuanfang in Schach gehalten. Der Aufsichtsratsvorsitzende Winfried Materna hatte sich Anfang des Jahres aus der Deckung gewagt und Kritik geübt. Flugs hatte Materna ein obskures Verfahren wegen angeblich rechtswidriger Parteispenden am Hals. Das Verfahren ist längst eingestellt.“
Schminkschatulle der Bilanzkosmetik
Was sagt die Dortmunder Führung über ihren Haushalt, Freddie Röckenhaus (SZ 7.10.)? „Die Finanzkrise von Dortmund entwickelt sich mehr und mehr zu einem Kampf der beiden Klub-Geschäftsführer Gerd Niebaum und Michael Meier um ihre Posten. (…) Kein Wunder, dass die beiden obersten Borussen für die bevorstehende Bilanzpressekonferenz voraussichtlich erneut tief in die Schminkschatulle der Bilanzkosmetik greifen wollen. Während in den vergangenen Jahren durch einfallsreiche „Sondereffekte“ stets die gigantischen Jahresverluste im operativen Fußballgeschäft verdeckt wurden, dürfte dieses Mal der Schuldenstand der Borussia zum Stichtag 30. Juni 2004 im Mittelpunkt des Make-ups stehen. Der Spiegel hatte bereits die Frage aufgeworfen, mit welchen kreativen Ideen dieses Mal der offizielle Stand der „Verbindlichkeiten“, wie es im Wirtschaftsdeutsch heißt, optisch schöner gestaltet werden könnte. Banker Peter-Thilo Hasler und Verbraucherschützer ten Doornkaat weisen darauf hin, dass ein Schuldenstand etwa mit „Factoring“ gedrückt werden kann. Bei dieser Form der Bilanzkosmetik werden eigene zukünftige Forderungen, zum Beispiel gegenüber Sponsoren, beim BVB etwa Nike oder die Kunden von „VIP-Logen“, an Dritte abgetreten. Dieser Dritte zahlt die erst in der Zukunft zu erwartenden Einnahmen sofort in bar aus, so dass sich die Dispokredit-Linien für den Augenblick entlasten. Allerdings: Er kassiert dafür eine ordentliche Gebühr. Und: Die Einnahmen, die zum Beispiel erst im Januar 2005 fließen würden, sind dann bereits weg. Ein Finanzexperte bringt solche Manöver auf die einfachere Formel: „Früher haben sich Arbeitnehmer beim Chef schon mal ein Gehalt im voraus als Vorschuss geben lassen. Das haben sie dann auf den Kopf gehauen, und im nächsten Monat musste die Familie hungern.““
Deutsche Elf
Macht und das Ansehen sind geschwunden
„Oliver Kahns Macht und das Ansehen sind geschwunden“ (FAZ) – dank „Klinsmanns West-Erweiterung: Der deutsche Fußball weiß jetzt, dass es England gibt“ (BLZ) – Dieter Eilts, „nach Klinsmann und Löw der wichtigste Trainer beim DFB“ (FR)
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Oliver Kahn wurde für seine respektlose Handlung gegen seinen Kollegen Klose zwar leider nicht vom Schiedsrichter bestraft, musste sich aber einiges, auch von Gefährten, anhören. Elisabeth Schlammerl (FAZ 7.10.) registriert Signale eines Machtverlusts: „Weil er im Moment eben nur ein guter, aber kein hervorragender Torhüter ist, wird ihm dieser Ausraster vielleicht mehr übel genommen als frühere und läßt diejenigen, die mit ihm zusammenarbeiten, ein wenig mehr grübeln, als sie es bei den letzten Zwischenfällen getan haben. (…) Auch in der Nationalmannschaft schwindet sein Rückhalt. Da wird die Frage sein, ob Kahn überhaupt noch zumutbar ist, zumal sein Herausforderer Lehmann derzeit nicht unbedingt schlechtere Leistungen zeigt. Oliver Kahn ist mittlerweile 35 Jahre alt, und es sieht ganz so aus, als ob er seine beste Zeit als Torhüter hinter sich hätte. (…) Aus dem einst weltbesten Torhüter ist ein durchschnittlicher Bundesligatorwart geworden. Er hat Gründe dafür gefunden, seine ungeklärte private Situation oder daß eine neue sportliche Herausforderung nach dem verlorenen Finale der Weltmeisterschaft 2002 fehlte. Kahn hat nach dieser eingehenden Selbstanalyse am Ende der vergangenen Saison angekündigt, etwas zu ändern in seinem Leben. Aber auf diesem Weg zur Selbstfindung nahm er wenig Rücksicht auf Verluste, zumindest als er in diesem Sommer plötzlich auf einen Vereinswechsel spekulierte. Vermutlich hätte er sogar mit Nachdruck auf eine Freigabe bestanden, wäre ein Verein nach seinem Gusto und nicht nur ein Klub aus Japan gekommen. Es hätte ihn kaum interessiert, daß der FC Bayern dann womöglich ein Torwart-Problem gehabt hätte. Das haben sich die Verantwortlichen in München sicher gemerkt. Als Kahn in der vergangenen Woche in einer Sportzeitschrift wissen ließ, er gedenke seinen bis 2006 laufenden Vertrag beim deutschen Rekordmeister doch bis 2008 zu verlängern, machte überraschenderweise niemand vor Freude Luftsprünge. Die Ankündigung wurde geflissentlich übergangen, fast ignoriert. Allein das zeigt, wie sehr die Macht und das Ansehen von Kahn auch beim FC Bayern München schon geschwunden sind.“
Was bedeutet das für Jens Lehmann, Gregor Derichs (BLZ 7.10.)? „Seine wahre Wertschätzung für Lehmann äußerte der zurückgetretene Völler erst mit Verspätung. Der Torwart von Arsenal habe es eigentlich „verdient gehabt, bei der EM zu spielen“. Diese Aussage sei für ihn „die größte Enttäuschung“ gewesen, hat Lehmann gestanden. Doch gewundert hat ihn diese etwas Völler-typische Inkonsequenz nicht; beim ehemaligen Teamchef hatte er einfach schlechte Karten. Unter Jürgen Klinsmann macht er sich aber nun wieder Hoffnungen auf ein faires Duell mit Kahn. Es ist dieser seltsame Widersacher Kahn, der dem Westfalen zuweilen das Leben vergällt. Kahn habe die größere Lobby, beklagt Lehmann zu Recht; das zielt vor allem auf Sepp Maier, der Torwarttrainer beim FC Bayern und bei der DFB-Auswahl ist. (…) Es sieht im Moment nicht schlecht aus für Lehmann, denn womöglich kann er davon profitieren, dass Kahn selbst von seinen Seilschaften inzwischen kritisiert wird. „Wir haben ihm deutlich gesagt, dass er mit solchen Aktionen seinen Ruf gefährdet“, erklärte Uli Hoeneß. Auch Sepp Maier fand die „Nasenbohr-Aktion“ völlig daneben: „Das war ein Schmarrn, was er mit Klose gemacht hat. So was soll er ja nicht einreißen lassen.“ Kahn habe den Sieg gefährdet, sagte Maier der Münchner Abendzeitung. Kahn solle sich „besser zusammenreißen“, forderte der Torwarttrainer, der zuvor stets in Treue fest zu Kahn stand.“
Der deutsche Fußball weiß jetzt, dass es England gibt
Robert Huth, Thomas Hitzlsperger und demnächst auch Moritz Volz – Jürgen Klinsmann hält England für eine gute Ausbildungsstätte, berichtet Christof Kneer (BLZ 7.10.): “Es ist noch nicht lange her, da galt unter DFB-Fachleuten die Erkenntnis, dass Talente, die nicht in Deutschland spielen, eine entscheidende Schwäche haben: nämlich jene, nicht in Deutschland zu spielen. In Deutschland vertraute man stur den deutschen Jugenden, Spielern wie Hanno Balitsch oder Michael Zepek, die möglicherweise mehr Jugendnationalteams durchlaufen haben, als es überhaupt gibt. Balitsch, eine Art Mini-Ramelow, wärmt in Leverkusen verlässlich die Ersatzbank. Zepek, eine Art Nowotny in langsam, ist inzwischen in Hoffenheim gelandet, in Liga drei. Womöglich hat es erst einen eingeflogenen Global Player wie Jürgen Klinsmann gebraucht, um dem deutschen Fußball ein bisschen Geografie beizubringen. Der deutsche Fußball weiß jetzt, dass es England gibt (…) Man kann sich denken, dass Klinsmanns West-Erweiterung nicht überall auf Gegenliebe stößt. So registriert die Liga scharfe Widerrede aus dem sonst so loyalen Bremen – dort finden sie es gar nicht gut, dass Klinsmann den antrittsstärkeren No-Name Robert Huth dem renommierten Frank Baumann vorzieht.“
Nach Klinsmann und Löw der wichtigste Trainer beim DFB
Was qualifiziert Dieter Eilts als U-21-Trainer, Jan Christian Müller (FR 7.10.)? “Stürmer Klinsmann hat er bei der EM 1996 den Rücken freigehalten, die beiden haben sich auch danach nie aus den Augen verloren, sind gemeinsam im Kurzlehrgang für verdiente Nationalspieler Fußballlehrer geworden, und jetzt ist Eilts nach Klinsmann und Joachim Löw der wichtigste Trainer beim DFB. (…) Eilts gehört neben Ex-Größen wie Meier, Sidka, Votava, Völler, Basler, Neubarth, Reinders, Möhlmann oder Schaaf zu jenen Rehhagel-Zöglingen, die später Trainer wurden und zumindest Teile der Lehre des Meisters verbreiten. Bei Rehhagel hat Eilts gelernt, „ein Klima zu schaffen, in dem sich die Spieler wohl fühlen. Nur dann sind sie auch in der Lage, ihre optimale Leistung zu bringen.“ Eine Leitlinie von oben gibt es beim DFB unter Klinsmann nicht, aber Eilts ist sich mit dem Bundestrainer in seiner Philosophie einig und lässt Spielern „einen großen Freiraum.“ Anders als sein Vorgänger Uli Stielike, der ein gestrenger Herbergsvater war.“
Die SZ meldet: „Die neuen Nationalbosse führen den Spielern individuelle Stärken und Schwächen optisch vor. Vor dem Abflug nach Teheran führen erhielt jeder Spieler eine DVD mit zehn bis 20 persönlichen Szenen aus den beiden bisherigen Länderspielen. Die neue Technik soll ihnen die Möglichkeit einer gezielten Verbesserung eröffnen.“
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