indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 24. September 2004

Unterhaus

Es interessiert mich nicht, wer da drei Mal mit seiner Bratwurst an mir vorbei geht

Jörn Andersen hats schwer in Oberhausen – Roland Leroi (FR 25.9.): “Hermann Schulz mag nicht mehr viel sagen. Schon gar nicht über Trainer wie Mirko Votava (zuletzt Union Berlin) oder Georg Kreß (Wuppertaler SV), die neuerdings Stammgäste auf der Tribüne von Rot-Weiß Oberhausen sind. „Es interessiert mich nicht, wer da drei Mal mit seiner Bratwurst an mir vorbei geht“, sagt der RWO-Präsident und winkt genervt ab, wenn ihm jemand die Trainer-Frage stellt. Wundern muss ihn das nicht, denn in den vergangenen sechs Jahren setzte Schulz ebenso viele Übungsleiter vor die Tür. Der Mann, der seit 1979 mit kleinen Unterbrechungen den Verein regiert und viel Geld in sein Lebenswerk pumpte, gilt als einer, der schnell handelt, wenn es nicht läuft. (…) Jetzt spricht vieles dafür, dass auch der aktuelle Coach, Jörn Andersen, in Frankfurt zum letzten Mal auf der RWO-Bank sitzt. Auf Andersen lastet gewissermaßen der Fluch der guten Tat. Als Abstiegskandidat gehandelt formte der 41-Jährige nach seinem Amtsantritt im Vorjahr aus namenlosen Spielern eine Auswahl von Himmelsstürmern, die mit kombinationssicherem Offensivfußball am Ende den Aufstieg um nur einen Punkt verpasste.“

WM 2006

Leichtigkeit, Optimismus, Freundlichkeit

Kann man gute Laune erwarten? Und befehlen? Mark Siemons (FAZ/Reise 23.9.): „Die Fußballweltmeisterschaft ist, völkerpsychologisch gesehen, kein Spaß: Die Wahrheit des Standorts Deutschland, die uns intern schon seit Jahren in immer tiefere Grübelschleifen herunterzieht, wird dann schonungslos ins Scheinwerferlicht der gesamten Welt getaucht. Man rechnet mit dreißig Milliarden Fernsehzuschauern (egal, wie solche Kalkulationen zustande kommen) und fünf Millionen zusätzlichen Übernachtungen, jedenfalls jeder Menge Menschen, die hautnah miterleben werden, wie es bei uns zugeht. Organisationstechnisch braucht man sich wohl die wenigsten Sorgen zu machen. Verantwortliche des Weltfußballverbands sollen schon geäußert haben, nie zuvor seien die Vorbereitungen zu einem solch frühen Zeitpunkt abgeschlossen gewesen. Ja, ja, pünktlich können wir immer noch sein. Doch man übertreibt wohl nicht, wenn man selbst hinter einer solchen Anerkennung schon wieder die Dämonen aufsteigen sieht, die sich an unserem Selbstwertgefühl zu schaffen machen. So hing über dem „Tourismusgipfel“ des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), der sich dieser Tage in Berlin mit der WM beschäftigte, dräuend und drohend ein Damoklesschwert, auf dem in großen Lettern geschrieben stand: Leichtigkeit, Optimismus, Freundlichkeit.“

DFB-Pokal

Packende Partien

Axel Kintzinger (FTD 24.9.) fasst begeistert die 2. Runde des DFB-Pokals zusammen: „Langsam muss mal jemand erklären, warum der DFB-Pokal in der Bundesliga so einen schlechten Ruf hat, warum man ihn nicht sonderlich ernst nimmt und eigentlich auf das Finale reduziert, wenn der Sieger im Konfettiregen auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions jubelt. Es hat zuletzt wohl in einem Jahr Bundesliga – das sind 34 Spieltage à neun Begegnungen – nicht so viele packende Partien gegeben wie allein in dieser Woche im DFB-Pokal. Wer diese Spiele im Stadion oder auch nur am Fernseher sah, wird kaum eines davon so schnell wieder vergessen. (…) Wenn mit möglichst vielen Spielen nicht möglichst viel Geld für die möglichst hohen Gehälter aller Beteiligten verdient werden müsste – man sollte den gesamten Spielbetrieb aufs K.-o-System umstellen. Wie in Deutschland, so in Europa.“

1. FC Kaiserslautern-Schalke 04 7:8 n.E.

Partie mit reichlich Nach- und Nebenwirkungen

Ein Spiel mit knappem Ausgang, aber zwei Stimmungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, beschreibt Michael Ashelm (FAZ 24.9.): „Auf der Gratwanderung zwischen Jubel und Verzweiflung stand Eddy Achterberg als großer Gewinner da, der neue Spaßbolzen der Liga, der immer mehr dem miesepetrigen Schalker Oberguru Rudi Assauer den Status der blau-weißen Kultfigur streitig macht. Kurt Jara versprühte puren Pessimismus, bezeichnete die Leistung seiner Mannschaft zwar als „hervorragend“, ließ aber mächtig Luft ab: „Was hier gegen meine Person abgeht, ist unter der Gürtellinie. Das habe ich nicht nötig, ich bin nicht bereit, alles zu schlucken.“ Eine Partie mit reichlich Nach- und Nebenwirkungen, die den Beteiligten alles abforderte und noch in den nächsten Tagen für genug Gesprächsstoff sorgen wird. Hier die frohgelaunten Schalker, die nach der Entlassung ihres Trainers Jupp Heynckes unter Ersatzmann Achterberg den Erfolg gepachtet zu haben scheinen. Dort die Elf des FCK, deren Unglück nach dem Aus im DFB-Pokal wohl doppelt schwer wiegen könnte. Denn die Sache mit Jara, der bisher nie die volle Anerkennung des bisweilen fanatischen Pfälzer Publikums erhalten hatte, droht auszuufern. Vielleicht der Rücktritt? Grund für die scharfe Kritik der Zuschauer auf den Rängen waren anscheinend die Einwechselungen Jaras in der 57. Minute, als er den ebenfalls im Fanlager nicht besonders beliebten Stürmer Selim Teber und den von der Masse früh geforderten Spielmacher Ferydoon Zandi brachte. Beide hatten, als sie dann kamen, großen Einfluß auf das bis dahin schleppende bis ineffektive Lauterer Spiel, Teber sogar mit zwei Treffern. „Ich habe mir hier ein dickes Fell angewöhnt“, sagte Teber, der einst vom Nachbarn Waldhof Mannheim gekommen war und alleine deshalb bei dem einen oder anderen Anhänger nicht wohlgelitten ist.“

1. FC Köln-Hansa Rostock 5:7 n.E.

Großartiger Pokalabend mit skurrilem Ende

Christiane Mitatselis (taz NRW 24.9.) widmet sich dem Gram in Huub Stevens’ Gesicht: „Da war er wieder, dieser Blick, den man ansonsten nur von genervten Raubtieren im Zoo kennt. Stevens schaute ganz besonders giftig in die Journalistenrunde. „Wir sind draußen, ich kann Rostock nur gratulieren.“. Nach einer kurzen Pause fuhr Stevens fort und schimpfte über die Kölner Fans, die „eigene Spieler vom Platz gepfiffen hätten“. Der Holländer weiter: „Das geht so nicht, darüber werde ich mit dem Präsidenten reden. Aber ich weiß ja, woher es kommt.“ Schweigen im Pressesaal. Was wollte Stevens damit sagen? Der Mann steht immer unter Strom, das ist bekannt. Ein kleiner Piekser kann Eruptionen hervorrufen. Wenn Stevens die Contenance verliert, dann nennt er schon mal einen Journalisten, dessen Fragen ihm nicht gefallen, „Du Arschloch“. So geschehen nach dem 3:2 der Kölner in Aachen. Und nun das. Fordert Stevens ein Pfeifverbot im RheinEnergie-Stadion? Oder womöglich ein Schreibverbot für die boshaften Journalisten, die den Fans auch noch die Vorlagen für ihre Pfiffe liefern? Auf Nachfrage wurde Stevens nicht konkreter, suchte schnell das Weite. Mit extrem genervtem Gesichtsausdruck. Es ist das skurrile Ende eines großartigem Pokalabends.“

Deutsche Elf

Aus dem Randthema ist ein Machtkampf geworden

„Diskretion zählt nicht zu den Stärken der DFB-Führung.“ Gerd Schneider (FAZ 24.9.) bemängelt, dass die Diskussion um das WM-Quartier der Deutschen in den Medien stattfindet: „Von einer professionellen Führung muß man bei einem Problem wie diesem erwarten, konstruktiv und in aller Ruhe eine Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten leben können. Aber offenbar ist das zuviel verlangt. Daß der Fall jetzt eskaliert, daran hat vor allem Theo Zwanziger schuld. Der künftige starke Mann des DFB verkündete dieser Tage bei einem Fernsehauftritt voller Selbstgewißheit, daß sich letztlich auch der neue Teamchef an die Zusage des Verbandes halten müsse. Im Grunde genommen war das ein Affront, und spätestens da war aus dem eigentlichen Randthema ein Machtkampf geworden. Klinsmanns Konter war vorhersehbar. Daß er ihn auf demselben Weg – über die Medien – vortrug, ist nur ein weiterer Beweis für seine radikale Entschlossenheit, die Lähmung des deutschen Fußballs zu beheben. Man kann darüber streiten, ob Klinsmanns Reformfuror hier und da ein bißchen heftig ausfällt. Aber dem früheren Weltklassestürmer bleibt nicht viel Zeit für den berühmten Ruck, den schon der frühere Bundespräsident Roman Herzog für die ganze Republik beschworen hat. Deshalb hat er sich mit einer beinahe revolutionären Machtfülle ausstatten lassen. Der DFB hat sich darauf eingelassen. Jetzt kann der größte Fachverband der Welt nicht mehr zurück.“

Deutsche Elf

Streit ums WM-Quartier

Streit ums WM-Quartier – „Schon jetzt hat die Debatte ein Stadium erreicht, in dem es keine Lösung mehr gibt ohne Flurschaden“, bedauert Thomas Kistner (SZ 25.9.): „Der Hauskrach bringt immerhin Licht in die Frage, wem das Vaterland den Coup wirklich zu verdanken hat: Franz Beckenbauer, dem Kaiser für Bild und Basisteile der Nation – oder hatte der nur das Scheinwerferlicht absorbiert, damit im Schatten die üblichen Verdächtigen der Deutschland AG aktiv werden konnten, von Bayer bis Daimler? Was immer für den WM-Zuschlag notwendig gewesen sein mag, der Geist von gestern beginnt in der Flasche zu rumoren. (…) Deutschland will ein hoffnungsfrohes Team in die WM schicken, nur das zählt. Insofern hat die Debatte schon jetzt eine Grenze erreicht, an der das Publikum hellhörig wird, oder gar stutzig. Das kann keiner wollen: Einblicke in die oft brutale Wirtschaftskulisse hinter dem Profisport sind wirklich das Letzte, was sich der Heile-Welt-Betrieb Fußball leisten kann.“

2006 ist Rückzahltag

In einem zweiten Text berichtet Thomas Kistner (SZ 25.9.), Ko-Autor der Spielmacher, die Rolle von Bayer und der Wirtschaft beim Zuschlag für die WM 2006: „Was ist so wichtig am Standort Leverkusen, dass der DFB dafür zentrale Klinsmannsche Erfolgsprämissen sabotieren will? (…) Bis heute geht die Mär, Franz Beckenbauer habe die WM, das größte globale Gesellschaftsereignis, dank seiner Golf- und Charmierkünste ins Land geholt. Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann: Beckenbauer punktete auf dem Diplomatenparkett, die Weichen wurden natürlich anderswo gestellt. Kurz vor der Wahl beim Weltverband Fifa an jenem 6. Juli 2000 war ein fast hysterisches Massenengagement der deutschen Großindustrie in Fernost zu bestaunen. Den WM-Zuschlag erhielt der DFB nur dank der asiatischen Stimmen aus Katar, Saudi-Arabien, Südkorea und Thailand. Die vier waren in letzter Sekunde zu einem Deutschland-Block verschweißt worden, den nicht mal mehr Südafrikas Nelson Mandela aufbrechen konnte, der kurz vor der Wahl den Emir von Katar, Thailands König und andere Würdenträger um Hilfe bat. All dies nur für Beckenbauer, den golfenden Werber? Tatsächlich gab es verblüffende Geschäftsaktivität unmittelbar vor der Zürich-Wahl: Der Deutschland AG war ein effizientes Timing gelungen beim Ankurbeln und Ankündigen von milliardenschweren Asien-Geschäften, besonders den Sponsoren Bayer und DaimlerChrylser. (…) Milliarden-Zusagen für Thailand und Südkorea, Waffen für die Saudis – alles verhandelt in den Tagen vorm WM-Entscheid. Ob die eisern pro Deutschland gestimmten Fifa-Emissären aus Seoul und Bangkok der Dank der heimischen Wirtschaft ereilte? Hierzulande könnte es sich nur im umgekehrten Sinne verhalten – den Dienst fürs Vaterland haben gewisse Firmen schon erbracht. Der Verdacht, dass 2006 Rückzahltag ist, drängt sich auf, wenn sich die Nationalelf bei der WM partout unter einem Firmenlogo präsentieren soll – koste es offenbar, was es wolle.“

Wer gebietet Klinsmann Einhalt? Das fragt sich zur Zeit mancher im Verband

Droht Theo Zwanziger mit Rücktritt? „Jürgen Klinsmann beherrscht den Diskurs“, stellt Roland Zorn (FAZ 25.9.) fest: „Tatsächlich steht ein Rücktritt vor dem Amtsantritt als geschäftsführender, von 2006 an alleiniger DFB-Präsident nicht auf Zwanzigers Agenda. Der Mann hat gerade erst angefangen, nach der Macht im DFB zu greifen. Daß sein noch vorgesetzter Kollege Mayer-Vorfelder bisher kein öffentliches Wort zur eindeutigen Unterstützung des Kollegen aus Altendiez gesagt hat, gehört zum diffusen Stimmungsbild vier Wochen vor dem DFB-Bundestag. Der DFB-Präsident hat im Stil des alten Politikers lediglich verlauten lassen, daß er einen Konsens anstrebe und für einen runden Tisch plädiere. Daß Klinsmann, ein als Spieler und Stürmer im Zweifel egoistisch bis zur betonharten Sturheit handelnder Profi, diesen Wesenszug auch als Verantwortlicher der Nationalmannschaft beibehalten hat, daran zweifelt Mayer-Vorfelder sowenig wie Zwanziger. Nur sagt er es nicht so laut wie der Schatzmeister, der sich im Duell der Worte mit dem sportlich auf Anhieb erfolgreichen Trainer Klinsmann die ersten Beulen eingehandelt hat. Das wiederum mag Mayer-Vorfelder nicht allzu sehr schmerzen, ist doch der nach der mißratenen Europameisterschaft beinahe um sein Führungsamt gebrachte Präsident auf Zeit gerade wieder dabei, ein paar Pluspünktchen zu sammeln und ein Stück von dem alten Einfluß – den ihm nicht zuletzt Zwanziger genommen hat – zurückzuerobern. Wer gebietet Klinsmann Einhalt? Das fragt sich zur Zeit mancher im Verband, wo nicht jeder gut auf den mit Menschen zuweilen kalt umspringenden Reformator zu sprechen ist.“

Präpotenter Projektmanager im Bundestrainer-Gewand

Auch Wolfgang Hettfleisch (FR 25.9.) sorgt sich wegen der Machtfülle Klinsmanns: „Macht-Instinkt und Sendungsbewusstsein des präpotenten Projektmanagers im Bundestrainer-Gewand haben die Verbandsbosse im Frankfurter Stadtwald anfangs wohl verblüfft. Dass der bislang als vorsichtig geltende Zwanziger nun in Sachen WM-Quartier 2006 auf Konfrontationskurs zu Klinsmann geht, ist ein klares Signal. Dabei geht es nur vordergründig um die Frage, ob die BayArena in Leverkusen das richtige Übungsterrain für eine erfolgreiche Titelhatz bietet oder welche Anfahrt zum Training sinnvoll und zumutbar ist. Die Frankfurter Fußball-Holding will der fortschreitenden Verselbständigung der prestige- und gewinnträchtigen Nationalmannschafts-GmbH nicht länger tatenlos zusehen. Mal sehen, wie der risikofreudige Geschäftsführer Klinsmann reagiert. Bislang hat er in der neuen Firma noch jedes Stop-Schild umstandslos überfahren.“

Donnerstag, 23. September 2004

Allgemein

Schlafwandler im Schlafanzug

„Gelegentlich scheint es, als sei Roy Makaay ein Schlafwandler, der nächtens aus dem Bett gefallen und auf einen Fußballplatz gestolpert ist“ (SZ) – Regis Dorn, Torjäger nach Freiburger Geschmack (FTD)

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Schlafwandler

„Was wäre vom FC Bayern anno 2004 noch übrig ohne seine Nummer Zehn?“, fragt Ralf Wiegand (SZ 23.9.) fasziniert: „Gelegentlich scheint es, als sei Roy Makaay ein Schlafwandler, der nächtens aus dem Bett gefallen und auf einen Fußballplatz gestolpert ist. Dort trabt er in seinem FC-Bayern-Schlafanzug mal hierhin, schleicht mal dahin und wird von den anderen Männern auf dem Rasen als nicht weiter störend empfunden. Man lässt ihn gewähren – und reibt sich verblüfft die Augen, wenn der geheimnisvolle Fremde mit schlafwandlerischer Sicherheit den Ball im Tor versenkt. (…) Angreifer wie Makaay, programmiert auf den einen, lichten Moment im Spiel, wirken bisweilen nicht nur wie Fremdkörper in einer Mannschaft – sie sind es auch. Eben das ist ihre Stärke: Hinter ihnen kann es knirschen und knarzen im Teamgefüge, es beeindruckt sie nicht. Irgendein Ball wird schon in die rote Zone vor dem Tor rollen, und den holen sie sich wie ein Frosch die Fliege.“

So ungefähr haben sie sich in Freiburg immer einen Torjäger ausgemalt

Regis Dorn, Freiburgs vortrefflicher Joker – Christoph Kieslich (FTD 23.9.): „Phänomen Dorn – er war vor vier Jahren als 20-Jähriger aus der Fußballschule von Racing Strasbourg nach Freiburg gekommen und hatte sich nicht nur mit vier Toren in 15 Spielen Sympathien erworben. Doch nach dem Wiederaufstieg des SC war er als spielerisch zu leicht befunden worden. Die Arbeitsplatzsuche war für Dorn nicht einfach: Über die französische Zweitliga-Provinz in Amiens und nach einem Abstecher nach Shanghai tauchte er im Frühling dieses Jahres wieder in Freiburg auf. Finke ließ ihn mittrainieren, und im Sommer unterbreitete er Dorn ein Angebot für einen Einjahresvertrag. Einen Platz in der Startelf leitet Dorn aus seiner persönlichen Hausse nicht ab: „Ich bin zufrieden – ich komme rein, bewege was und mache Tore.“ Damit entspricht Dorn den Träumen der Fans, die ihn mit einem herzlichen „Allez les bleus“ zu begrüßen pflegen. So ungefähr haben sie sich in Freiburg immer einen Torjäger ausgemalt.“

Internationaler Fußball

Ein Coach von Real Madrid müsse sich bemühen, die Spieler als Medienfiguren zu verstehen

Das Volk Madrids ist unzufrieden – Walter Haubrich (FAZ 23.9.): „Die Madrider Fans machten sehr lautstark deutlich, wer ihrer Meinung nach für die Krise von Real und den schnellen Rücktritt von Trainer José Antonio Camacho verantwortlich ist: die hochbezahlten Stars der Mannschaft, vor allem die derzeit nicht überall in der spanischen Hauptstadt gern gesehenen Roberto Carlos und David Beckham. Sie wurden vor dem mit 1:0 gewonnenen Punktspiel gegen Osasuna im Bernabéu-Stadion mit einem starken, ihnen dort bisher unbekannten Pfeifkonzert empfangen. Vereinspräsident Florentino Pérez blieb hingegen auf der Tribüne von Pfiffen verschont, obwohl er in der spanischen Sportpresse als der Hauptverantwortliche für die derzeitige Madrider Misere bezeichnet wird. Pérez wird vorgeworfen, nichts vom Fußball zu verstehen und durch seine globalen Marken- und Marketing-Anstrengungen die Spieler mit übermäßigen Werbeeinsätzen und damit verbundenen beschwerlichen Reisen zu belasten. (…) García Remón [Trainer für die Übergangszeit] ist nicht der Typ Trainer, wie ihn sich Pérez für sein Luxus-Ensemble wünscht. Er erinnert an Vicente del Bosque, einen seiner erfolgreichen Vorgänger, und den hatte Pérez trotz beachtlicher Erfolge und guten Einvernehmens mit der Mannschaft überraschend entlassen, weil er nicht „modern“ und „elegant“ genug sei und „keine Fremdsprachen beherrscht“. Ein Coach von Real Madrid müsse sich bemühen, die Spieler als „Medienfiguren“ zu verstehen. Wie er das genau meint, erklärte der in seinen Geschäften sehr erfolgreiche Bauunternehmer bisher nicht.“

Ball und Buchstabe

Großmannssucht und Wichtigtuerei

Roms Medien sind schlechte Verlierer (SZ) – Diego Maradona ist schwer zu heilen (FAZ)

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Schlechter Verlierer Rom – Birgit Schönau (SZ 23.9.): „Schiedsrichter Anders Frisk wird von der römischen Presse in einer Art zur Unperson gestempelt, wie man es seit den Zeiten des unglücklichen Byron Moreno nicht mehr erlebt hatte. Genau wie bei Moreno, der 2002 Italiens Nationalelf aus der WM pfiff, wird gnadenlos im Privat- und Geschäftsleben des Schiedsrichters gegraben. Der Messaggero hat eigens einen Reporter dafür abgestellt, der mit Polizeigewalt aus Frisks Garten vertrieben wurde. Die „neue Freundin“ des Schiedsrichters sei „blond mit butterweichen Formen“, vermeldete der Sportreporter von der Front. Frisk besitze eine „tolle, weiße Riesenvilla mit rotem Dach, einen Park mit Fußballplatz und einen silbergrauen Volvo“, mit dem er davon brause „wie unser Antonio Cassano mit dem Ball am Fuß“. Krankgemeldet habe er sich, und deshalb die „Villa seiner Freunde am Meer“ verlassen müssen, um sich in sein eigenes Landhaus zu begeben. Dabei weiß doch jeder in Rom, dass die Wunde so tief nicht war. Die Ärzte in der Notaufnahme des katholischen Gemelli-Krankenhauses hätten sich geweigert, den Schnitt zu nähen. Es habe eine lange Diskussion gegeben mit Frisk, der auf eine Naht bestand, und dem Mediziner, der in derselben Nacht die aufgeschlagenen Knie einiger Mopedfahrer zu verarzten hatte und dem Referee zum Schluss nur ein dickes Pflaster aufklebte. Soweit die Gerüchte in Rom.“

Großmannssucht und Wichtigtuerei

Diego Maradona ist schwer zu heilen – Josef Oehrlein (FAZ 23.9.): „Von der Behandlung in Kuba erwartet Maradona wahre Wunderdinge. In 45 Tagen will er wieder in Argentinien zurück sein, um nichts Dringlicheres zu tun, als an der Eröffnung eines neuen Hotels seines Freundes Alan Faena in einem exklusiven Flanier- und Residenzviertel von Buenos Aires teilzunehmen. Selbst sein Leibarzt, Doktor Cahe, der während der vergangenen Monate seinem vom Entziehungsdelirium heimgesuchten Schützling manche lebensgefährliche Eskapade nachgesehen hatte, gibt sich jetzt streng und meint, daß die Behandlung viel länger werde dauern müssen. Maradona hält sich für erhaben über derlei medizinischen Rat. Das ist Teil seiner Krankheit. Als er im April wegen akuten Herz- und Lungenversagens in das Argentinisch-Schweizerische Spital in Buenos Aires eingeliefert wurde, entließ er sich bald darauf selbst, weil er den Klinikbetrieb nicht mehr aushielt. Die Großmannssucht und Wichtigtuerei um die eigene Person konnten nur gedeihen, weil seine Umgebung und die Öffentlichkeit das Spiel stets mitmachten. Sogar der argentinische Präsident Néstor Kirchner, der illustre Besucher und selbst Amtskollegen oft stundenlang warten läßt oder sie trotz fester Terminvereinbarung schließlich doch nicht empfängt, hofierte Maradona und gab ihm eine Audienz, als er um die Ausreise nach Kuba ersuchte. Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung in Kuba müsse es sein, Maradona zu „entmaradonisieren“, meinte eine spanische Zeitung. Das hat bisher noch niemand geschafft. Es hat bisher aber auch noch nie jemand gewollt.“

DFB-Pokal

VfL Osnabrück-Bayern München 2:3

DFB-Pokal, 2. Runde: wie zufrieden darf Bayern München mit dem 3:2 beim VfL Osnabrück sein? – Peter Neururer, was machen Sie bloß? (taz) – Schmerzen in Nürnberg

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Wie bitte? Marcus Bark (FTD 23.9.) fragt nach: “Wer die Münchner in diesen Tagen nach ihren höchstens durchwachsenen Spielen reden hört, könnte meinen, der Klub sei auf dem besten Wege, mit einem Rekordvorsprung Deutscher Meister zu werden. Doch in Wirklichkeit ist es eher der Dusel, der ihn vor dem Untergang bewahrt. Pizarro und Makaay brachten die Bayern in die nächste Runde nach einem „sagenhaften Spiel“, wie Uli Hoeneß fand. Er war richtig stolz auf die Mannschaft.“

Zufriedenheit bei den Bayern – Benedikt Voigt (Tsp 23.9.) mit dem Versuch einer Deutung: „Es gehört zu den Gepflogenheiten beim FC Bayern München, dass die Verantwortlichen gerne antizyklisch reden. Gewinnen die Bayern in der Bundesliga mit 4:0, hört man Franz Beckenbauer oder Uli Hoeneß das schlechte Abwehrverhalten rügen oder die Stürmer, die mehr Tore schießen müssten. Längst haben die Fußballfreunde verstanden, dass diese Kritik das eigentliche Lob darstellt. Wie aber steht es um den Klub, wenn Manager Uli Hoeneß nach dem Pokalspiel beim Drittligisten Osnabrück sagt: „Ich war mit der Mannschaft sehr zufrieden, da gibt es nichts zu kritisieren.“ Es sieht wirklich nicht gut aus.“

Wir werden Mannschaften fressen können

Dahingegen findet Ralf Wiegand (SZ 23.9.) den Münchner Optimismus angebracht: „Zwar taumelten sie einer demoralisierenden Niederlage entgegen, erzielten aber den gegenteiligen Effekt. Durch das Last-Second-Tor von Roy Makaay, der sich im Bewusstsein dieser letzten Chance mit der Eiseskälte einer Gletschermuräne durch den Osnabrücker Strafraum fräste, wuchs bei den Bayern wieder ein Stück der Gewissheit, dass nicht alle Schinderei unter dem neuen Trainer vergebens war. Irgendwann, hatte Torsten Frings neulich angedeutet, würden sich die Bergläufe und Medizinbälle aus der Vorbereitung auszahlen: „Dann werden wir Mannschaften fressen können“, sagte er. Es scheint bereits so weit zu sein. Tatsächlich fielen die Bayern nach dem 1:2-Rückstand wie ein Schwarm Heuschrecken über die bedauernswerten Osnabrücker her, denen im gleichen Maße die Kräfte schwanden, wie der Gegner die Drehzahl mühelos in den roten Bereich trieb. „Wir haben gezeigt, dass wir durchaus Tempofußball spielen können“, stellte Magath im Stile eines TÜV-Prüfers fest, der ein defektes Auto zur Nachuntersuchung auf die Hebebühne fährt. Kraft, Tempo und Moral: keine Beanstandungen mehr. Für das Binnenklima ist es von Bedeutung, psychologische Begründungen für die Annahme zu finden, dass nicht nur Magath seine Karriere bei den Bayern abrundet, sondern auch die Mannschaft etwas davon haben könnte.“

1. FC Nürnberg-LR Ahlen 2:3 n.V.

Hier lernt man immer wieder Demut

Das tut Nürnberg weg – Gerd Schneider (FAZ 23.9.): „Der Mittwoch ist ein besonderer Tag für Wolfgang Wolf. Jeden Mittwoch macht sich Wolf nach dem Vormittagstraining gemeinsam mit Sportdirektor Martin Bader auf den Weg in den Nürnberger Norden, zur Firmenzentrale des Teppichunternehmens aro. Dort erwartet Michael A. Roth, der Chef der Firma und des 1. FC Nürnberg, seine beiden Führungskräfte zum Arbeitsessen. Man kann sich vorstellen, daß die drei Herren schon in entrückterer Stimmung getafelt haben als gestern, keine 15 Stunden nach dem desaströsen Auftritt. Das, was der „Club“ seinen ohnehin leidensfähigen Anhängern vorsetzte, war eine schwer verträgliche Kost. Ob der mächtige Vereinspräsident tags darauf genießbar war, ist nicht überliefert. Am Dienstag abend ließ er sich nach dem unerwarteten Knockout jedenfalls nirgendwo blicken, er soll sich schnurstracks auf den Heimweg gemacht haben. Das ließ tief blicken, zumal der Mann mit dem leuchtend weißen Haarschopf und der Attitüde des Patriarchen es gewöhnlich genießt, von Journalisten umringt zu sein. Entweder Roth war so erschüttert von der Vorstellung seiner Mannschaft, daß es ihm die Sprache verschlug. Oder, was wahrscheinlicher ist, er machte sich aus Selbstschutz von dannen. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß er mit unbedachten Äußerungen („ich habe einen Waffenschein und würde einigen Spielern am liebsten das Hirn durchpusten“) Schaden anrichtete, der sich kaum reparieren läßt. Dafür sprach ein anderer, und er tat es nicht minder deutlich. „Ich bin maßlos enttäuscht. Wir haben unsere treuesten Fans vergrault, das ist brutal“, sagte Sportdirektor Martin Bader und kam zu der Erkenntnis: „Hier lernt man immer wieder Demut.““

SC Freiburg-VfL Bochum 3:2 n.V.

Wie ein Schachcomputer ohne Offensiv-Chip

Was macht Peter Neuruer bloß? Malte Oberschelp (taz 23.9.) zuckt mit den Brauen: „In der 86. und 89. nahm er die beiden Torschützen vom Platz und ersetzte Stürmer wie offensiven Mittelfeldspieler durch zwei nominelle Verteidiger, um das Ergebnis über die Zeit zu bringen. Dummerweise erzielte der eingewechselte Régis Dorn in der 90. Minute das 2:2. „Bringen wir das Ding nach Hause, reden alle vom Trainerfuchs“, rechtfertigte sich Neururer. „Ich würde es wieder so machen – man kann doch nur nach den Erkenntnissen aus dem Spiel heraus wechseln.“ Dennoch hatte er, wenn auch in bester Absicht, die Wende der Partie eingeleitet. In der Verlängerung spielte Bochum wie ein Schachcomputer ohne Offensiv-Chip und kassierte 4 Minuten vor dem Ende das 2:3. Selbst im Elfmeterschießen, das Freiburg bekanntlich so gut beherrscht wie die holländische Nationalelf, hätte der SC beste Chancen gehabt: Die Spezialisten dafür hatte Neururer gleich mit vom Platz geholt.“

Bundesliga

Kollektive Sehnsucht nach dem Ruck

Sehr lesenswert! Christoph Biermann (Zeit 23.9.) erklärt Anziehungs- und Aussagekraft des FSV Mainz 05, ihn mit dem SC Freiburg der frühen Neunziger vergleichend: „Der Verein mag keine Geschichte haben und die Spieler keine Namen, aber Mainz 05 hat eine Botschaft. „Freiburg hat Deutschland das Kurzpassspiel geschenkt, Mainz den Leidenschaftsfußball“, jubelt der Tagesspiegel und verrät damit auch, dass der FSV Mainz 05 die Sehnsüchte nach anderem Fußball nicht so befriedigt, wie es der SC Freiburg tat. (…) Am liebsten wurde von Volker Finke gesprochen, denn mit dem Lehrer, der 1968 20 Jahre alt war, kam die Alternativkultur in der Bundesliga an – ein Vierteljahrhundert nach 68. Jeder im weitesten Sinne politisch Linke sah, dass seine Werte und Vorstellungen irgendwie doch mit Fußball zusammenzubringen waren. Dank Finke! So konservativ bis reaktionär der DFB auch sein mochte und so modernisierungsresistent die Branche insgesamt, Freiburg zeigte, dass es auch anders ging. Und zwar dort, wo es zählte: auf dem Platz. Denn nicht der Habitus allein war anders – eine andere Spielweise sicherte dem SC Freiburg seinen Platz in der Bundesliga. Kurzpassspiel und Organisation im Raum bedeuteten über Jahre einen Modernisierungsvorsprung. Das Mainz-Fieber jedoch ist anders. Fußball ist heute längst keiner gesellschaftlichen Gruppe mehr peinlich, ganz im Gegenteil. Eher schon dient das Spiel manchem Beobachter als Seismograf dafür, was im Lande vorgeht. Hieß es nicht auch beim Fußball: Krise? Im internationalen Vergleich Anschluss verloren? Keine Innovation und Stagnation? Jürgen Klopp hingegen, der Trainer ohne Trainerschein, verbreitet eine Atmosphäre von Dynamik und Aufbruch, wenn er mit spürbarer Lust und Leidenschaft über Lust und Leidenschaft spricht. Vielleicht kann man sagen, dass der Aufstieg des SC Freiburg die rot-grüne Bundesregierung vorweggenommen hat. Inzwischen hat der Klub seine Nische gefunden, auf den Stadiondächern sind Sonnenkollektoren montiert, auf dem Rasen funktioniert ein multikulturelles Kollektiv, und Volker Finke klingt wie Joschka Fischer. Die Entsprechung zu Klopp ist in der Politik noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es in der Politik auch niemanden, der so glaubhaft zum Aufbruch ruft. Dass ein Ruck durchs Land gehen muss, hört man schließlich zumeist von Leuten, die an Positionen hocken, wo schon lange nicht mehr geruckt wurde. Deshalb trifft die kollektive Sehnsucht nach dem Ruck, der durchs Land gehen soll, auf den instinktiven Widerstand dagegen, auf Kosten anderer geruckt zu werden. Vielleicht macht also genau das den momentanen Reiz von Mainz 05 aus: Klopp und seine Jungs verbreiten den Eindruck, sie selbst seien der Ruck.“

Mittwoch, 22. September 2004

Allgemein

Der beste Nationaltrainer, den England nie hatte

Lars-Christer Olsson, neuer schwedischer Uefa-Generaldirektor: „die Schweden sind die heimliche Fußballmacht Europas“ (FAZ) – Nachrufe auf Brian Clough, „der beste Nationaltrainer, den England nie hatte“ (NZZ) und „überzeugter Sozialist und praktizierender Diktator“ (FAZ)

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Die Schweden sind die heimliche Fußballmacht Europas

Christian Eichler (FAZ 21.9.) stellt den Lars-Christer Olsson vor, den neuen Uefa-Generaldirektor: „Fußball hat genug Anziehungskraft, da braucht man nicht auch noch charismatische Funktionäre. Olsson, der Anfang des Jahres dem Deutschen Gerhard Aigner folgte, ist äußerlich eher unauffällig. Er wirkt mit dem blassen Teint und der randlosen Brille fast wie ein Vetter seines schwedischen Landsmannes Sven-Göran Eriksson. Im europäischen Fußball ist Schweden keine Macht – die Klubs ohne Bedeutung, die Nationalelf titellos –, doch der höchstbezahlte Nationaltrainer, dazu der Präsident der Uefa, Lennart Johansson, und nun noch deren Generaldirektor, sie alle sind Schweden. Die Skandinavier sind die heimliche Fußballmacht Europas. Lars-Christer Olsson hat einen Ruf als stiller, effektiver Arbeiter. Er war Organisator der Europameisterschaft 1992 in seinem Heimatland und zuletzt Direktor für Profifußball und Marketing der Uefa. (…) Den großen Fußball verkörpert die G 14, der Zusammenschluß der mächtigsten Klubs Europas. Doch für Olsson ist das „nur eine Lobbygruppe“, kein Partner: „Die Uefa braucht die G 14 nicht.“ Vergangene Woche hat Olsson sein erstes eigenes Projekt präsentiert, die Verschärfung des Anti-Doping-Kampfes. „Es wird mehr Kontrollen auch außerhalb des Wettkampfes geben, auch im Frauen- und Jugendbereich“, sagt er. Eine andere, schon lange geplante Neuerung soll bekämpfen, was Olsson „finanzielles Doping“ nennt: das unsolide Geschäftsgebaren mancher Klubs. Es soll durch das Lizenzierungsverfahren der Uefa verhindert werden, das in der kommenden Saison einsetzt.“

Überzeugter Sozialist und praktizierender Diktator

Ein Nachruf auf Brian Clough von Christian Eichler (FAZ 20.9.): „England trauert um einen seiner größten Fußballtrainer – den ungewöhnlichsten unter den Großen. Brian Clough war wie eine Quadratur von Otto Rehhagel: ein Mann des Volkes, immer für einen Spruch gut, kompromißlos in seinen Ansichten, völlig von sich eingenommen – und mit Erfolgen, deren Zahl andere vielleicht übertrafen, aber nicht deren Unwahrscheinlichkeit. Wie Rehhagel 1998 mit Kaiserslautern schaffte es Clough 1978 mit Nottingham Forest, im Jahr nach dem Aufstieg aus der zweiten Liga den Meistertitel zu gewinnen. Ein weiteres Jahr später gewann er mit Nottingham den Europapokal der Landesmeister – und verteidigte ihn auch noch erfolgreich. Aufstieg, Meisterschaft, Europacupsieg, Europacupsieg – vier Jahre, die ohne Beispiel sind in der Fußballgeschichte. Clough war ein Monolith des Trainergeschäfts. Seine giftig-humorige Art trug ihm große Popularität ein. Bis heute herrscht Unverständnis darüber, warum er nie Nationaltrainer wurde (…) „Wenn Gott gewollt hätte, daß wir in den Wolken spielen“, blaffte er seine Spieler an, wenn sie zu viele hohe Pässe spielten, „dann hätte er Gras auf die Wolken gepflanzt.“ Auf das gepflegte Kurzpaßspiel legte er ebenso Wert wie auf gepflegte Kurzhaarschnitte seiner Profis. Der überzeugte Sozialist und praktizierende Diktator schaffte es, daß seine Spieler für ihn durch dick und dünn gingen.“

Der beste Nationaltrainer, den England nie hatte

Martin Pütter (NZZ 22.9.) reiht sich ein: „Exzentrisch, aber erfolgreich, ein grosser Motivator, aber auch ein Diktator, der beste Nationaltrainer, den England nie hatte, arrogant, rüde, pompös, kontrovers – so lauteten in den britischen Medien die Umschreibungen Brian Cloughs, der am Montag 69-jährig an Magenkrebs gestorben war. Tribut wurde „Old Big ‚Ead“ (alter Grosskopf, wie er sich selber manchmal bezeichnete) aber überall gezollt (…) Dieses Jahr trafen sich Nottingham Forests ehemalige Spieler, um noch einmal ihren ersten Europacup-Erfolg vor 25 Jahren zu feiern. „Wir sassen im Raum und lachten und scherzten. Als die Tür aufging und Clough hereinkam, wurden alle sofort still“, schilderte John Robertson den Respekt, den sie immer noch vor ihrem Boss hatten.“

Interview

Das Problem Heynckes war kein Problem der Mannschaft, sondern eines von Rudi Assauer

Hört, hört! Ulrich Hartmann (SZ 22.9.) spricht mit Clemens TönniesOk, Aufsichtsratschef von Schalke 04, über Rudi Assauer, „einen verdienten Mitarbeiter“ (sic!)
SZ: Rudi Assauer ist nach der Entlassung von Jupp Heynckes in die Kritik geraten und scheint viel zu grübeln, aber nach außen gibt er sich kämpferisch.
CT: Er hat sehr damit zu kämpfen, was abgelaufen ist. Für mich ist dieser Trainerwechsel auch keine Sache, die nur von der Mannschaft ausgegangen ist, sondern auch von Assauer selbst, mit welchen Methoden auch immer, das will ich nicht kommentieren. Rudi Assauer hat erkannt, dass er jetzt nur noch Erfolg haben kann. Wenn er jetzt noch mal daneben greift, dann kriegt er’s schwer.
SZ: Mit wem?
CT: Mit dem Aufsichtsrat und mit den Vorstandskollegen, weil er immer stur seine Meinung vertreten hat. Wir sind uns einig, dass wir das jetzt noch mittragen, weil es auch sachliche Gründe für den Trainerwechsel gab, aber er weiß, dass er mit dem Feuer spielt und jetzt Erfolg haben muss, sonst sehe ich ihn in Gefahr.
SZ: Assauer sagt, seine Schalker Bilanz sei unter dem Strich noch immer positiv.
CT: So eine persönliche Aufrechnung ist nicht wertfrei. Der Erfolg der Arena und die Erfolge auf Schalke sind nicht allein ihm zuzuschreiben. Er macht seine Aufgabe hervorragend, aber man muss die Arbeit eines Teams bewerten.
SZ: Was hat er erreicht auf Schalke?
CT: Rudi Assauer ist bienenfleißig und hochloyal, aber er hat es hier und da überzogen, wir sind ja nicht in einem Fürstentum. Er ist in den vergangenen Jahren teamfähiger geworden, nach außen mimt er den Macho, das soll er auch. Ich sehe insgesamt den Erfolg auf Schalke, und wir haben einen Manager, der Schalke nach außen repräsentiert wie es ist, ein bisschen verrückt, aber liebenswert. Eigentlich gibt es gar nicht viel zu kritisieren, wir müssen nur darüber nachdenken, wie wir in Zukunft mit Rudi Assauer umgehen, denn im nächsten Jahr stehen Wahlen an, und wir müssen die Vertragsverlängerungen machen.
SZ: Rudi Assauers jüngere Bilanz auf Schalke beinhaltet vier Trainerwechsel in zwei Jahren, 60 Millionen Euro für Spielereinkäufe in fünf Jahren, über 100 Millionen Euro Schulden.
CT: Das sind genau die Dinge, über die wir diskutieren müssen. Aber das hat er nicht allein zu verantworten, sondern der gesamte Vorstand. (…)
SZ: Die Kritik an Assauer wird lauter. Ist er noch der Richtige für Schalke?
CT: Wir müssen uns jetzt mit Rudi Assauer zusammen Gedanken machen, wie es weitergeht. Er ist 60 Jahre alt, und für einen Patriarchen kann es schlimm sein, zu spät abzudanken. Ich war nicht glücklich über diese Trainerentlassung, das gebe ich zu.
SZ: Rudi Assauer wusste, was für ein Typ Jupp Heynckes ist – wie kann er sich hinterher beschweren, dass der altmodisch ist?
CT: Das „Problem Heynckes“ war kein Problem der Mannschaft, sondern eines von Rudi Assauer. Die beiden sind miteinander nicht klar gekommen.
SZ: Wenn der Trainer keinen Erfolg mit der Mannschaft hat, wird er vom Manager zur Verantwortung gezogen. Wenn der Manager aber mit seinen Trainern keinen Erfolg hat, muss der Aufsichtsrat reagieren.
CT: Das ist normal, aber wir müssen jetzt noch drei, vier Spiele abwarten. Wenn wir die gewinnen, brauchen wir den Manager nicht in Frage zu stellen.
SZ: Rudi Assauer sagt: „Wann ich aufhöre, entscheide nur ich!“
CT: Dann muss er in die Satzung gucken, da steht drin, wer zu sagen hat, wann er aufhört.
SZ: Warum ignoriert er, dass es mit dem Aufsichtsrat ein Kontrollgremium gibt, das auch für ihn gelten sollte?
CT: Weil er das vielleicht noch nicht verstanden hat. (…) Wir werden einem verdienten Mitarbeiter wie Rudi Assauer immer das letzte Wort gönnen, aber die letzte Entscheidung trifft formaljuristisch nur einer: der Aufsichtsrat.

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