indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 4. August 2004

Deutsche Elf

Kollision mit dem Gewesenen

Die Experten reagieren uneinheitlich auf die Verpflichtung Jürgen Klinsmanns, Uli Hoeneß stimmt der Lösung zu (SZ) / FR-Interview mit Franz Beckenbauer u.a.

Wie alle radikal neuen Denkmuster kollidiert auch die Dreier-Lösung mit dem Gewesenen

Die Experten reagieren verschieden auf die Verpflichtung Jürgen Klinsmanns; was bedeutet das Ja von Uli Hoeneß, Ludger Schulze (SZ 4.8.)? „Es signalisiert die Trendwende, denn nahezu alle sinnvollen Überlegungen und Neuerungen im deutschen Fußball der vergangenen 25 Jahre haben ihren Ausgang in der Säbener Straße genommen. Wie alle radikal neuen Denkmuster kollidiert auch die Dreier-Lösung mit dem Gewesenen. Sie ist also ein ideeller Gegenentwurf zu der schon traditionellen Arbeitsweise, die den deutschen Fußball im internationalen Mittelmaß versenkt hat, und sie ist obendrein ein personeller Gegenentwurf zum Kandidaten der Rückwärtsgewandten: Lothar Matthäus. Der wäre nach Otto Rehhagels Absage unweigerlich Teamchef geworden, wenn es nach Franz Beckenbauer und dessen Redaktionskollegen von Bild gegangen wäre. Das Doppelpassspiel der auflagenstärksten deutschen Zeitung mit ihrem Starkolumnisten war von beachtlichem Geschick: Beckenbauer verschleppte durch umfassende Passivität beispielsweise die Varianten Hiddink oder Olsen, während gleichzeitig in Bild für den Redaktions- und Beckenbauer-Intimus Matthäus getrommelt wurde. So schien alles auf den Rekordnationalspieler zuzulaufen, ehe der DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, ein unabhängiger Geist ohne persönliche Interessen, überraschend die Klinsmann-Karte spielte. Dass Klinsmann den einstigen Beckenbauer-Assistenten (und von Beckenbauer wieder empfohlenen) Holger Osieck ablehnte, zeigt, mit welcher Entschiedenheit er das Projekt Neubeginn bereits in Angriff genommen hat. Das gemurmelte Unbehagen der Besitzstandswahrer in Teilen der Branche wie der Medien vor einem Umbruch zeigt nur, wie notwendig dieser ist.“

Im Juli einen Trainer zu suchen, ist eine Katastrophe
Franz Hellmann (FR 4.8.) fragt Franz Beckenbauer nach seiner Meinung über die Trainerlösung

FR: Jürgen Klinsmann hat den WM-Titel als Ziel ausgegeben. Ist das richtig?
FB: Die Aussage ist mutig, aber auch vollkommen in Ordnung. Ist doch schön, wenn einer positiv an eine neue Sache herangeht. Es soll ja eine gewisse Aufbruchstimmung her, man hat jetzt ein bisschen Zeit, sich zu erneuern. Dafür ist Klinsmann der richtige Mann. Und vergessen wir nicht: Wenn Michael Ballack gegen Tschechien ein paar Zentimeter weiter nach rechts gezielt hätte, wäre nie eine Trainerfindungskommission gegründet worden.
FR: Das hätte Ihnen Ärger erspart.
FB: Im Juli einen Trainer zu suchen, ist eine Katastrophe.
FR: Spielen die Mechanismen der Medien nicht auch eine Rolle? Die Bild-Zeitung, bei der Sie unter Vertrag stehen, hat viele Kandidaten gespielt, aber am Ende nicht ihren Wunschkandidaten bekommen.
FB: Da ist zu viel spekuliert worden. Da war ich auch von einigen Sachen überrascht. Aber von mir hat Bild die Informationen nicht, sie bekommen keine Geheimnisse verraten. Mein Vertrag beinhaltet die Kolumnen…
FR:…die sie selber schreiben?
FB: Nein, ich telefoniere mit Walter M. Straten (bei Bild Sport-Regionalkoordinator Berlin und neue Bundesländer, FR).
FR: Uli Hoeneß hat am Sonntag im DSF gesagt, ein Bundestrainer Matthäus wäre so gewesen, als würde der Chef-Spion des KGB Bundeskanzler.
FB: Mein Verhältnis zu Lothar ist ein anderes – ich halte ihn für einen guten Trainer. Aber Lothar hat natürlich auch selbst schuld gehabt und sich mit der Klage gegen den FC Bayern keinen Gefallen getan. Dann hat man halt Uli Hoeneß nicht auf seiner Seite.

Klinsmann will einen Sportpsychologen engagieren; Thorsten Jungholt (Welt 4.8.) begrüßt dies: „Florian Holsboer war angenehm überrascht, als der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann seine Agenda vorstellte. Denn ganz oben auf der Prioritätenliste Klinsmanns steht die Erweiterung des Betreuerstabs der Nationalmannschaft um einen Sportpsychologen. „Es ist gut, dass der DFB nun offen ist für das Thema“, sagte Holsboer, Leiter des Münchener Max-Planck-Instituts für Psychologie und Therapeut von Sebastian Deisler. Dass die Einbeziehung von Psychologen in den Leistungssport grundsätzlich Sinn macht, wird mittlerweile nicht mehr bestritten. Im Verantwortungsbereich des Deutschen Sportbundes sind 30 Psychologen in 18 Sportarten tätig, um dafür zu sorgen, dass die Athleten ihre Trainingsleistungen im Wettkampf umsetzen können, Spannungen in Mannschaften schwinden und Nervosität gar nicht erst aufkommt. „Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass man den Faktor Psyche bei sportlichen Erfolgen mit 15 bis 20 Prozent beziffern kann“, sagt Martin Schweer, Sportpsychologe an der Hochschule Vechta. Schon unter Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler hatte es Überlegungen gegeben, einen Mentaltrainer mit zur Europameisterschaft nach Portugal zu nehmen. Doch der Teamchef war letztlich davor zurückgeschreckt, weil er öffentliche Häme fürchtete. Spätestens, als Franz Beckenbauer in der „Bild“ zum Besten gegeben hatte, dass er schon 1990 einen Priester mit zur WM nach Italien genommen hatte, war Völlers Idee ins Lächerliche gezogen.“

Dienstag, 3. August 2004

Allgemein

Entscheidend ist, dass man die richtigen Informationen bekommt – und das schneller als die Konkurrenz

René Martens (FTD 3.8.) stellt Ilja Kaenzig vor, den neuen Macher bei Hannover 96: „ Wenn am Samstag Bayer Leverkusen und Hannover aufeinander treffen, wirkt das auf den ersten Blick nicht wie eine besondere Saisonauftaktpaarung. Dabei duellieren sich in der BayArena die beiden einzigen Vereine, bei denen ein Umbruch im Management stattgefunden hat. Für Bayer beginnt die erste Saison nach dem Ende der Callikratie, und in Hannover zieht mit Kaenzig nun einer die Strippen, der vor zwei Monaten noch Teil dieses Systems Calmund war. Sagt Kaenzig nun, dass es darauf ankommt, bei 96 „mittelfristig Strukturen zu entwickeln“, möchte er das gar nicht als Kritik an der Politik der Vergangenheit verstanden wissen: „Vor sechs Jahren hat Hannover ja noch in der Regionalliga gespielt, das vergisst man ab und zu.“ Da habe man den Schwerpunkt der Arbeit „logischerweise auf die Lösung der kurzfristigen Fragen gesetzt, etwa, dass die Liga gehalten werden konnte. Und dabei sind die Strukturen nicht so schnell mitgekommen“. „Strukturen“ ist eines der Lieblingsworte des Schweizers, der mit 31 Jahren der jüngste Manager in der Bundesliga ist – und somit drei Jahre jünger als etwa der von ihm aus England nach Hannover geholte ehemalige Nationalspieler Michael Tarnat. Die Managerposition, wie Kaenzig sie ausfüllt, gab es vorher nicht in Hannover. Den allmächtigen Clubherrscher Martin Kind soll er „entlasten“, wie der Neue selbst sagt, außerdem hat er die Aufgaben des bisherigen Sportdirektors Ricardo Moar übernommen, der kurz nach Kaenzigs Dienstantritt seine Zelte in Hannover abbrechen musste. Was Kaenzig vorhat, klingt teilweise nach geheimdienstlicher Tätigkeit: „Die richtigen Spieler zu finden, das ist eine große Aufgabe, entscheidend ist, dass man die richtigen Informationen bekommt – und das schneller als die Konkurrenz. Man muss die Quellen haben und wissen, ob man die Information morgens oder abends bekommt. Das muss alles systematisiert werden.“ Ähnlich wie in Leverkusen soll in Hannover nun „ein Netzwerk“ entstehen, „mit dem wir Märkte beobachten und durchleuchten. Da spielt es keine Rolle, ob der Klub klein oder groß ist, sonst hätten wir mit Leverkusen ja auch keine Transfercoups landen können, bei denen wir schneller waren als Real, Barcelona oder andere Größen der Welt“.“

Interview

Wolfgang Holzhäuser

Ich möchte nicht, daß bei Bayer 04 die alte Struktur wieder aufbricht und sich alles auf einen Mann konzentriert
Roland Zorn (FAZ 3.8.) interviewt Wolfgang Holzhäuser, neuer Vorsitzender der Geschäftsführung Bayer Leverkusens

FAZ: Bayer Leverkusen ohne Reiner Calmund – das war bis vor kurzem unvorstellbar. Jetzt ist Ihr Geschäftsführerkollege, wie es heißt aus gesundheitlichen Gründen, von sich aus gegangen und hinterläßt einen Klub, der sein Markenprofil verliert. Werden Sie als neuer Vorsitzender der Geschäftsführung der Fußball-GmbH von Bayer 04 mit einem Imageproblem zu kämpfen haben?
WH: Das Image bestimmt zuerst der sportliche Erfolg unserer Mannschaft – sowohl in der Innen- wie in der Außenwirkung. Ich gebe aber gern zu, daß Bayer Leverkusens Außenwirkung durch seinen ehemaligen Repräsentanten Calmund etwas anders gewichtet wurde als der Rest der Bundesliga. Bayer Leverkusen wurde praktisch 25 Jahre von Calmund geprägt. Da sind Beziehungsgeflechte entstanden, die im Ergebnis alle auf das Sonnenzentrum Calmund wiesen. Aber selbst er war vom sportlichen Erfolg abhängig, wie der Blick zurück auf unsere schwere Saison 2002/03 beweist, als wir in Abstiegsnot gerieten und auch er kritisiert wurde.
FAZ: Haben auch andere Gründe als die von ihm angeführten gesundheitlichen dazu geführt, daß Calmund die Akte Bayer für sich schloß? Ist etwa sein Umgang mit dem Geld am Ende zu verschwenderisch gewesen?
WH: Er hat vor ein paar Wochen während der Pressekonferenz, bei der er seine Rückzugsgründe nannte, alles gesagt. Ich habe keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln.
FAZ: Ist Calmunds großer Schatten für Sie ein Hindernis, Ihre eigenen Vorstellungen und strukturellen Veränderungen durchzusetzen?
WH: Calmund war die Inkarnation von Bayer 04 in der Öffentlichkeit und ist bei uns nach wie vor hochwillkommen. Die Sympathiewerte, die er in der Öffentlichkeit hatte, sind nicht zu toppen. Ich wäre fehlgeleitet, wenn ich versuchte, da mitzuhalten. Ich bin ein anderer Typ, kann das nicht und werde es auch nicht anstreben. Die Frage „Hätte Calmund das nicht besser gemacht?“ wird kommen, wenn der sportliche Erfolg zu wünschen übrigläßt. Damit müßte ich dann leben. Jetzt ist er aber als Kapitän von Bord gegangen, das Schiff muß von anderen gesteuert werden.
FAZ: Sind Sie ein Teamarbeiter?
WH: Auf jeden Fall. Ich versuche, mich im Hintergrund zu halten. Das geht zwar nicht immer einfach, aber ich will mich dennoch so weit als möglich aus dem Sport heraushalten. Wenn ich mich äußere, werde ich mich mehr zu globalen Dingen äußern. Ich möchte nicht, daß bei Bayer 04 die alte Struktur wieder aufbricht und sich alles auf einen Mann konzentriert.

IMG hat eine Analyse machen lassen, die besagt, daß ich sehr sympathisch, beliebt und sehr werbewirksam sei
Michael Ashelm (FAS 1.8.) spricht mit Felix Magath

FAS: Sie sind ein toller Typ für die Werbung, heißt es, und wurden deshalb gerade von der großen Agentur IMG unter Vertrag genommen. Was ist denn dran an Ihnen?
FM: IMG hat eine Analyse machen lassen, die besagt, daß ich sehr sympathisch, beliebt und sehr werbewirksam sei. Ich hoffe, daß das noch lange so bleibt.
FAS: Welches Produkt würde zu Ihnen passen?
FM: Ich würde gerne mit einer Firma zusammenkommen, die gleiche Ziele hat wie ich, die Spitzenleistung bieten will, die Kunden höchstes Niveau anbieten möchte.
FAS: Wie groß war der Veränderungsprozeß der Persönlichkeit Felix Magath vom glücklosen Fußballehrer zum Erfolgstrainer mit Starpotential?
FM: Ich glaube nicht, daß ich mich großartig verändert habe. Ich habe mich weiterentwickelt. Felix Magath ist der geblieben, der er immer war. Das ist gut so, und das soll bleiben.
FAS: Die Menschen mögen einfach erfolgreiche Typen.
FM: Ich glaube, das ist überall so. Dennoch werden Werte – wie Fleiß, Loyalität und Zuverlässigkeit –, die lange vernachlässigt wurden, von der Gesellschaft wieder geschätzt.
FAS: Welche, die Sie vertreten?
FM: Ich bin jemand, der Erfolg haben will, der ehrgeizig ist und Leistung bringt und verlangt, der sein Geld verdienen und nicht geschenkt haben will.
FAS: Und wie ist es, dann dort angekommen zu sein, wo man sich immer hingeträumt hat?
FM: Ich fühlte mich hier auf Anhieb wohl. Ich wollte immer zu einem Verein, bei dem ich sagen kann: Ich will Meister werden, ich will die Champions League gewinnen und den DFB-Pokal holen. Das ist hier der Fall beim FC Bayern.
FAS: Also sind Sie glücklich und zufrieden?
FM: Mit diesen Worten muß ich aufpassen. Ich bin froh, bei einem Verein zu sein, der genau dieselben Ansprüche stellt wie ich. Hier fühle ich mich zu Hause, ich fühle mich angekommen. Trotzdem weiß ich, der FC Bayern ist einer der Topvereine in der Welt, und ich muß erst beweisen, daß ich auf dieses Niveau gehöre. Ich muß erst noch etwas leisten, um zufrieden und glücklich zu sein.

Internationaler Fußball

Die neuen Fussball-Grossmächte aus Südkorea und Japan haben sich zu lange ausgeruht auf ihrem WM-Ruhm

Asien-Cup – Martin Hägele (NZZ 3.8.) kommentiert den Sieg Irans gegen Südkorea: „Die schlechte Nachricht fand der Iraner Mehdi Mahdavikia am Sonntag im Internet: „Die haben Ujfalusi für 7,5 Millionen Euro an die Fiorentina verkauft.“ Der Transfer seines tschechischen Teamkollegen hat dem HSV-Professional überhaupt nicht gefallen, weil ihm viel an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Hamburger liegt. Und so hofft der Mann vom rechten Flügel, dass die Kameraden daheim im UI-Cup erfolgreich sind und er dann gegen Atletico Madrid mithelfen kann, den HSV in den Uefa-Cup zu bringen. Die gute Nachricht ist die, dass Asiens „Fussballer des Jahres“ seine Form gefunden hat. Nicht nur die Stürmer des Hamburger SV leben vom besten Tor-Vorbereiter der Bundesliga, auch das iranische Nationalteam ist auf Flanken und Freistösse ihres Spezialisten angewiesen. In der entscheidenden Phase der Viertelfinalpartie gegen Südkorea segelte gleich eine ganze Reihe dieser gefährlichen Effetbälle vors Tor des WM-Vierten: Einen davon beförderte ein koreanischer Verteidiger vor lauter Angst ins eigene Netz zum 2:3; den nächsten tippte Ali Karimi zu seinem dritten Treffer über die Linie. (…) Die neuen Fussball-Grossmächte aus Südkorea und Japan haben sich zu lange ausgeruht auf ihrem WM-Ruhm und offensichtlich vergessen, dass dieser ganz besonderen Umständen und nicht unwesentlich auch dem Heimvorteil zu verdanken war. In Iran dagegen sind die Probleme eher hausgemacht. Sie hängen mit dem Regime des Verbandes zusammen, das auf bestimmte Personen fixiert ist. Bis heute etwa hat sich keiner getraut, dem 35-jährigen Mittelstürmer Ali Daei beizubringen, dass einer wie er niemandem mehr etwas beweisen muss. Bei diesem Thema hält sich selbst Mahdavikia zurück. Ali Daei sei ein Idol, auch wenn ihm allmählich die Energien ausgingen, und als Captain könne er der Mannschaft immer noch helfen. „Der Trainer muss das entscheiden.“ Anderseits aber bricht Mahdavikia eine Lanze für Vahid Hashemian, der sich vor gut zwei Jahren und nach 19 Spielen für sein Heimatland mit den Verbands-Fürsten überworfen hatte. Hashemian hatte sich gerade einen Stammplatz im VfL Bochum erkämpft, als er für eine Länderspielserie nach Hause gerufen wurde, aber dort nur Ersatz war. Worauf er auch noch seinen Platz in der Bochumer Startformation los wurde. „Vahid ist der beste Stürmer Asiens“, sagt Mahdavikia.“

Ball und Buchstabe

Es werden kaum noch Geschichten erzählt

Zeit-Interview mit Michael Palme, ehemaliger ZDF-Reporter, über Wesen und Wandlung des Fußball-Journalismus

Zeit: Wer ist schuld am oft sinnleeren Frage- und Antwortritual nach den Spielen?
MP: Es ist zum Teil absurd, was sich da abspielt, nur um dem Zuschauer das Gefühl von umittelbarer Nähe zu vermitteln. Ich will mich gar nicht freisprechen von mancher sinnleeren Frage. Aber mein Prinzip und das des ZDF ist ein anderes. Ein für den Fußball einflussreicher Privatsender wirbt mit: „Mittendrin statt nur dabei.“ Das ist genau das, was ich nie wollte. „Immer dabei, aber nie mittendrin sein“, das ist mein Motto. Auch wenn es nicht immer so aussieht, auch Sportjournalisten sind Journalisten. Ich will nicht mit im selben Boot sitzen.
Zeit: Wie viele gute Kommentatoren haben wir?
MP: Im Moment sehe ich nur zwei: Marcel Reif und Bela Rehty. Mich stört, dass man oft den Eindruck hat, die da unten spielen nur deshalb Fußball, weil da oben ein Reporter sitzt, der den Entertainer gibt. Anders herum wird ein Schuh draus: Die unten sind wichtig, nicht der da oben.
Zeit: Das Sportfernsehen hat sich gewandelt, der Trend geht weg von der reinen Berichterstattung hin zum Entertainment. Man könnte sogar von einer kleinen Revolution sprechen.
MP: Mein Freund und Kollege Rainer Deicke, der wie ich in diesen Tagen das ZDF verlässt, hat gesagt, es habe einmal ein Reporterfernsehen gegeben, heute hätten wir ein Moderatorenfernsehen. Das finde ich auch. Es werden kaum noch Geschichten erzählt. Da steht einer, fragt etwas, es wird geantwortet, mehr oder weniger intelligent. Mir ist das zu wenig. Die Hintergrundrecherchen, die, wie wir sagen, „gebauten“ Beiträge, die sich aus Interviews, Bildern und selbst gesprochenen Texten des Autors zusammensetzen, die fehlen mir. Stattdessen wird stundenlang in Studios oder auf Hoteldächern gefachsimpelt.
Zeit: Herr Palme, mit 60 Jahren hat Sie das ZDF in den vorgezogenen Ruhestand verabschiedet. Ein freiwilliger Abschied?
MP: Ganz und gar. Niemand wurde aufgefordert zu gehen, auch ich nicht. Man konnte einen Antrag stellen. Und wenn das Haus nichts dagegen hatte, dann konnte man gehen. In meinem Fall hatte das Haus nichts dagegen.
Zeit: Hatten Sie noch Spaß an Ihrer Arbeit?
MP: Ja. Aber ich hatte zunehmend den Eindruck, dass andere weniger Spaß hatten an meiner Arbeit. Mehr will ich dazu nicht sagen.
Zeit: Sie arbeiten jetzt für Premiere, assistieren ihrem langjährigen Freund und Kollegen Marcel Reif. Was ist Ihre Aufgabe?
MP: Ich halte Marcel Reif während der Übertragungen das Händchen. Spaß beiseite. Ich bin Fachberater, schaue mit ihm auf das Spielfeld und gebe ihm Hinweise, wenn mir etwas auffällt. Vier Augen sehen mehr als zwei. Das ist bei der Live-Kommentierung von Spielen ein übliches Modell.
Zeit: Hört er auf Sie?
MP: Das werden wir sehen, das heißt, ich werde es merken, Sie und die anderen Zuschauer können es ja nicht überprüfen. Denn mich wird man auf dem Bildschirm nicht mehr sehen.
Zeit: Sie sitzen neben einem Freund, gucken Fußball und bekommen auch noch Geld dafür.
MP: Ich beschwere mich auch gar nicht.

Unterhaus

Exot in der Provinz

Kathrin Zeilmann (taz 3.8.) befasst sich mit Mario Baslers neuer Aufgabe und Heimat: „Jahn Regensburg wäre ein Verein, der jetzt, wo er in die Regionalliga abgestiegen ist, eigentlich nur in der Region interessieren würde. Doch der Trainer, oder besser: Teammanager der Oberpfälzer heißt Mario Basler. Und dass der Ex-Nationalspieler, dessen Talent nie bestritten, sein Umgang damit aber als schlampig bezeichnet wurde, tatsächlich einmal die Trainerbank drücken würde – und dies auch noch in der Provinz –, das galt als Überraschung und erstaunt viele immer noch. In Kleinbussen verteilt kommen die Spieler vom Trainingsgelände zurück. Mario Basler scherzt ein wenig mit seinen Spielern, seine Klamotten – kurze Hosen, T-Shirt, Turnschuhe – und der Schweiß auf der Stirn zeugen davon, dass er selbst ein wenig mittrainiert hat. Er wolle nur noch schnell zu Mittag essen, sagt er. Das tut er zusammen mit einigen seiner Spieler in der Stadionwirtschaft, wo es so dunkel ist, dass man sogar tagsüber Licht machen muss. Später sagt er, dass er gar nicht so viel Zeit habe, am Nachmittag würde es noch eine Präsidiumssitzung geben. Ja, er sei „bei solchen Sachen“ dabei, erklärt er. Basler ist in Regensburg wichtig, das weiß er. Er ist ein Exot, einer, der dem biederen Verein Glanz und Popularität bringen soll. Weil er noch keine Trainerlizenz hat, wird er als Teammanager bezeichnet. Einen offiziellen Trainer gibt es auch noch, Dariusz Pasieka heißt der. Wie die Aufgabenteilung aussieht? „Ich entscheide.“ Basler hat sein Selbstbewusstsein nicht verloren.“

Bundesliga

Krise? Welche Krise?

Schalke 04 will und muss Erfolg haben (SpOn) – FSV Mainz, „eine gute Zweitligamannschaft“ (FAS) u.v.m.

Cordt Schnibben (Spiegel Online) freut sich auf die neue Saison: „Für viele der 40 Millionen deutschen Fußballfans ist in dieser Woche, vor dem ersten Spieltag der Bundesliga, dem Tag der Wahrheit, die Welt noch in Ordnung, ihre Mannschaft wird Meister werden oder auf keinen Fall absteigen, und wer aus ihren Prognosen eine Tabelle zusammenstellt, wird fünf Deutsche Meister und zwölf Mannschaften auf den ersten fünf Tabellenplätzen wiederfinden. Die neue Saison, da sind sich alle einig, wird dramatisch, denn in allen Spitzenmannschaften der Liga gibt es große Veränderungen: Bei Bayern München und dem VfB Stuttgart wirken neue Trainer. Bayer Leverkusen hat den Manager Reiner Calmund und die Leistungsträger Lucio und Yildiray Bastürk verloren. Meister Werder Bremen muss seinen Torschützenkönig Ailton und den Innenverteidiger Mladen Krstajic ersetzen. Die spielen jetzt bei Schalke 04, wo sie zusammen mit anderen Neueinkäufen Titelträume wahr werden lassen sollen. Der HSV hat über zehn Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, Borussia Mönchengladbach hat sieben Neue geholt, der 1. FC Kaiserslautern und der 1. FC Nürnberg je neun. 65 Millionen Euro Ablösegeld haben die 18 Bundesliga-Vereine gezahlt, 8 Millionen mehr als im Vorjahr. Auf 700 Millionen Euro sind die Schulden der Profivereine gestiegen, und das bei einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. Krise? Welche Krise? Die TV-Einnahmen der Vereine werden in dieser Saison – nach zwei Jahren der Misere wegen der Kirch-Pleite – wieder steigen, und auch die Zuschauerzahlen in den Stadien wachsen Saison für Saison, sie haben sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Rund 350.000 Deutsche, so viele wie nie, wollen sich kein Heimspiel ihrer Mannschaft entgehen lassen, sie haben sich eine Dauerkarte gesichert. Sie strömen in moderne Arenen, die nicht mehr viel zu tun haben mit den windigen, regendurchpeitschten Stadien der achtziger Jahre, sie jubeln in „Festspielhäusern des deutschen Fußballs“ (Schalke-Manager Rudi Assauer), und die bieten – neben Fußball – die Fröhlichkeit eines Bierzeltes, den Sound eines Rockkonzerts und die Inbrunst einer Gospelmesse. Das Drama des Unberechenbaren macht Fußball reizvoll, also die Chance, dass Werder Bremen, vom Spieleretat nur im Mittelfeld, Deutscher Meister werden kann und Griechenland Europameister. Noch mehr aber schätzt der Fußballfreund den Rausch schöner Spielzüge, das Zusammenspiel von Körperbeherrschung und Ballgefühl, von Intelligenz und Instinkt, wie es während der Europameisterschaft bei den Mannschaften von Portugal, Tschechien oder Dänemark zu bewundern war. Die EM hat die Ballbegeisterung in Deutschland – unabhängig vom Ausscheiden der eigenen Mannschaft – weiter gesteigert, weil der Fußball inzwischen ein Tempo und eine Artistik erreicht hat, die sich auch den Ahnungslosen erschließt. Bis zu 29 Millionen Deutsche bestaunten am Fernsehschirm das dreiwöchige Schauspiel der Ballstafetten und hoffen, dass auch in der Bundesliga immer mehr Erlebnisfußball statt Ergebnisfußball geboten wird. Die kulturelle Blüte des Fußballs ist umso auffälliger, weil das Theater sowieso immer in der Krise ist, das Kino sich immer weiter vom Leben seiner Zuschauer entfernt und die Popmusik sich selbst auffrisst. Die Fußballstars tummeln sich inzwischen in den Feuilletons und den Klatschblättern. Den Zuschauer versorgen die Beckhams und Kahns auch mit Dramen außerhalb des Spielfelds, vor allem aber erzählen sie mit ihren Mannschaften 34 Spieltage lang aufregende Geschichten.“

Wir mögen hier auch Mistkerle

Jörg Kramer (Spiegel Online) nennt das Ziel Schalke 04s: „Platz fünf ist unbedingt geboten. Die jüngsten Bilanzzahlen waren alarmierend. Umsatzrückgang von 118,6 auf 93 Millionen Euro; 102 Millionen Euro Verbindlichkeiten, ein Minus aus dem Geschäftsbetrieb von 19 Millionen. Die Überschuldung von eigentlich 17,4 Millionen konnte nur durch eine akrobatische Transaktion gedrückt werden: Das Grundstück des alten, teils abgerissenen Parkstadions war für einen Euro von der Stadt Gelsenkirchen erworben, dann von einem Gutachter auf 15,6 Millionen Euro taxiert worden – und über eine der Schalke-Töchter als wahrhaft „außerordentlicher Ertrag“ wieder in die Bilanz gesickert. „Für das, was wir investiert haben, ist in den letzten Jahren sportlich zu wenig rausgekommen“, räumt Schalkes Finanzvorstand Josef Schnusenberg ein. Mit 55 Millionen Euro hat der Verein in den letzten vier Jahren Spieler aus anderen Vereinen herausgekauft, auch viel versprechende Torjäger und komplizierte Typen wie Emile Mpenza und Victor Agali. Sie scheiterten und wurden schnell abgeschrieben. Wird in dieser Saison erneut die direkte Qualifikation für den Uefa-Cup verpasst, wird die neue Mannschaft zur Investitionsruine. „Dann müssten wir uns von dem Spielerkader lösen und versuchen, einen anderen Weg zu gehen“, sagt Schnusenberg. Dann wäre Heynckes gescheitert, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft und der schon jetzt ahnt, dass seine akribische Nachwuchsschulung „nicht richtig bewertet wird“. Auch der Vorstand besitze „keinen Persilschein“, verlautete aus dem Aufsichtsrat. Auf derlei Anwürfe reagiert Macher Assauer gewohnt dünnhäutig („Wer hat denn Schalke da oben hingebracht?“), aber schicksalsergeben: „Wenn’s nicht funktioniert, nimmst du den Hut und sagst: Tut mir Leid.“ Die Fans jedenfalls liegen schon auf den Knien vor Ailton. Sie haben ihm verziehen, dass er im Frühjahr über seine neue Wahlheimat Gelsenkirchen sagte, das Leben dort sei „ein Desaster“. Die Schalker Fan-Initiative e. V. schrieb damals dem „Sehr geehrten Herrn Gonçalves da Silva“ einen offenen Brief. „Wir haben uns Gelsenkirchen nicht ausgesucht und Schalke auch nicht. Wir sind es.“ Sie empfahlen: „Komm ma lecker bei uns bei – und nach der ersten Meisterfeier mit uns wirst du am nächsten Morgen gar nicht mehr wissen, wo Bremen überhaupt liegt.“ Der Mitautor des Briefes, der 50-jährige Bodo Berg, gerade nach nächtlicher Busfahrt von der Fußball-WM der Fans aus Italien in den Gelsenkirchener Fan-Laden zurückgekehrt, erzählt, auf der Heimreise habe der harte Kern der Schalker Fans einen neuen Ailton-Anfeuerungsruf kreiert: mit ganz lang gezogenem „Aaaaa“, so dass er an den Torschrei („Goooool“) südamerikanischer Fußballreporter erinnert. „Wir mögen hier auch Mistkerle“, konzediert Berg – das ist wie ein Ritterschlag. Die ewige „Heulsuse“ Andreas Möller etwa, vor vier Jahren aus Dortmund über die Schalker gekommen, mochten sie in Gelsenkirchen nie. Nach Möllers Abschied feierten sie im Fan-Laden ein Fest mit viel Bier und Heintje-Karaoke.“

Eine gute Zweitligamannschaft

Der FSV Mainz 05 habe nicht viel zu verlieren, schreibt Michael Eder (FAS 1.8.): „Ob die Konkurrenz wohl einen einzigen Mainzer Spieler kennt? Die Trainer aus beruflicher Notwendigkeit vermutlich schon, aber die Anhänger von Dortmund, Schalke oder Bayern? „Wenn sie lesen, der und der fehlt uns zum Saisonstart in Stuttgart, werden sie fragen: Welche Sportart betreiben die?“ Das zumindest vermutet Jürgen Klopp, der Trainer von Bundesliga-Aufsteiger Mainz 05. Und er findet es prima, denn das gibt seinen Leuten die Chance ihres Lebens: Sie können sich einen Namen machen. Die Mainzer, die nach zwei dramatisch verpaßten Aufstiegen die Versetzung in den Fußball erster Klasse im dritten Anlauf geschafft haben, sind geblieben, was sie waren: eine gute Zweitligamannschaft. Nur vier Verstärkungen haben sich die Rheinhessen geleistet. Noveski und Casey kamen aus der zweiten Liga aus Aue und Karlsruhe, Weigelt und Jovanovic aus der Regionalliga, aus Dresden und Essen. Dazu kauften die Mainzer den zuletzt von Werder Bremen ausgeliehenen Innenverteidiger Manuel Friedrich für die vereinsinterne Rekordsumme von 1,2 Millionen Euro zurück – das war’s. Verschiedene Kandidaten aus aller Herren Ländern haben sie nach zum Teil wochenlangen Tests wieder heimgeschickt. Niemals, sagt Klopp, werde er den Spielern, die den Aufstieg erkämpft haben, Spieler gleicher Qualität vor die Nase setzen, die fünfmal soviel verdienten. Und erstligagestählte Profis mit Leidenschaft und überragender Klasse könne man sich nicht leisten. Stichwort Leidenschaft: Wer in Mainz spielen wolle, sagt Klopp, müsse Lust auf Fußball haben, Lust zu lernen, Lust zu laufen. Denn Klopp hat sich vorgenommen, in der ersten Liga zu spielen wie in der zweiten, und wenn das seiner Mannschaft hier und da gelingt, wird sich mancher Gegner wundern. Klopps Standard ist ein weit vorgeschobenes 4-3-3-System mit Offensivpressing, Fußball mit englischem Akzent. Das wird manchmal ins Auge gehen, darüber sind sich die Mainzer im klaren. Doch was haben sie zu verlieren?“

Deutsche Elf

Wie lange kann der neue Bundestrainer sein Machtfeld erhalten?

„wie lange kann Jürgen Klinsmann sein Machtfeld erhalten?“ (FAS) / Klinsmanns „Marsch durch die Institutionen“ (SZ) u.a.

Michael Ashelm (FAS 3.8.) bewertet den Einstand Jürgen Klinsmanns: „Klinsmann diktiert seine Bedingungen. Durch sein offensives Handeln hat der blonde Schwabe mit dem kalifornischen Lächeln gleich zwei Machtinstanzen des deutschen Fußballs in die Defensive gedrängt. Zuerst einmal die alteingesessene Funktionärsriege im DFB – und gleich dazu noch Franz Beckenbauer. Vielsagend der Kommentar des neuen Bundestrainers bei seiner offiziellen Vorstellung am Donnerstag in der Frankfurter DFB-Zentrale: „Ich komme aus der Angreiferecke.“ Die ersten wichtigen Punktsiege hat Klinsmann bei der Bewältigung seiner bislang schwersten Aufgabe zu verzeichnen. Kleinlaut, fast beleidigt zog sich die sonst so wortreiche Fußball-Allmacht Franz Beckenbauer dieser Tage in die Schmollecke zurück. Sein direkter Einfluß auf die strategisch wichtigen Dinge der Nationalelf ist mit der Inthronisierung des neuen Ankermannes plötzlich arg geschwunden. Noch Anfang der Woche sah der „Kaiser“ wenigstens noch die Chance, mit der Besetzung seines Mannes Holger Osieck (mit ihm als Zuarbeiter gewann er den WM-Titel 1990) auf den Posten des Bundestrainers neben dem Teamchef Klinsmann zumindest etwas Kontrolle über die wichtigste Mannschaft des Landes behalten zu können. Als vom DFB am Mittwoch die Zusammenarbeit mit Osieck ad acta gelegt wurde, glaubten viele zuerst an den ersten satten Tiefschlag für Klinsmann. Doch im Gegenteil: Der clevere Bäckergeselle aus Stuttgart emanzipierte sich nur mal schnell von Beckenbauer, erteilte Osieck, den er selbst nie für den Job an seiner Seite in Betracht gezogen hatte, die Absage. Eigentlich die logische Konsequenz seines Machtanspruchs, den verlängerten Arm des „Kaisers“ nicht im Nationalteam spüren zu wollen. Der Ärger über die Niederlage war Beckenbauer, der durch den merkwürdig chaotischen Verlauf der Trainersuche und die Absagen von Ottmar Hitzfeld sowie Otto Rehhagel Imagepunkte eingebüßt hat, ins Gesicht geschrieben. Grantelnd kommentierte er die Kotrainerfrage: „Irgendeiner wird es schon machen.“ In seinem inoffiziellen Mitteilungsorgan, der „Bild“-Zeitung, nahm der omnipräsente Fußballfunktionär, dessen Name beim Vorstellungsakt Klinsmanns in Frankfurt nur ein einziges Mal genannt wurde, auch am Samstag noch wie ein schlechter Verlierer auf die persönliche Schlappe Bezug. (…) Die spannendste Frage wird sein, wie lange der neue Bundestrainer sein Machtfeld erhalten kann. Also wer steht bei Rückschlägen zu ihm? Die DFB-Männer müssen ihn stützen, anders sieht das mit denen aus, die mit Klinsmann schon jetzt Probleme haben und über genug Power in der Meinungsmache verfügen. Äußerst reserviert mit eher negativem Unterton begleitete bislang die „Bild“-Zeitung das Engagement. Als zur Krönung in der Freitagausgabe Leser ihre Meinung zu Klinsmann kundtun sollten, zeigten sieben von acht Leserbriefen eine sehr negative Einstellung. Das erste Störfeuer? Das schlechte Verhältnis zwischen Klinsmann und dem Boulevard-Schlachtschiff des Axel-Springer-Verlages hat Tradition. Die Auseinandersetzungen gingen sogar schon bis vor Gericht. 1997 erhielt der Profi wegen unkorrekter Berichte, die ihn in seinem Persönlichkeitsrecht verletzten, sogar eine Entschädigung. Mal sehen, wie sich „Bild“-Mann Beckenbauer nun in schweren Stunden positionieren wird? Und auch der alte Klinsmann-Rivale Lothar Matthäus benutzt das Blatt gerne als Sprachrohr.“

Beim Thema Fußball reden halt alle mit, da kann es leicht passieren, daß auch viel Unsinn verzapft wird

Peter Penders (FAZ 3.8.) ergänzt: „Daß er ein ganzes Expertenteam um sich scharen will, hat viele irritiert, die doch überzeugt sind, längst alles über Fußball zu wissen. Mag sein, aber manchmal ist es ganz hilfreich, über den Tellerrand hinauszublicken – und dafür muß man nicht einmal in die Vereinigten Staaten umziehen. Mit Psychologen, Sprinttrainern oder anderen Fachleuten arbeiten die Bundestrainer in vielen Sportarten in Deutschland schon so lange zusammen, daß sie sich mitten in ihrer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele über die Ignoranz beim Vorreiter Fußball mal wieder ausgiebig wundern. Natürlich gab es da auch einen Rat von Lothar: „Ein Psychologe beim Fußball ist Quatsch.“ Da muß Klinsmann wirklich nicht hinhören. Beim Thema Fußball reden halt alle mit, da kann es leicht passieren, daß auch viel Unsinn verzapft wird. Selbst die Lichtgestalt des deutschen Fußballs hatte sich während der Europameisterschaft in den Augen vieler erfahrener Trainer lächerlich gemacht. Als der Schwede Lars Lagerbäck während einer Partie einem Einwechselspieler auf einer kleinen Taktiktafel erklärte, welche Aufgaben der neue Mann gleich zu bewältigen habe, machte sich Beckenbauer lustig. So etwas müsse man vorher machen, da habe der Kollege wohl etwas verpaßt, befand er erst via Fernsehen und tags darauf in seiner Hauspostille „Bild“. Das kommt am Stammtisch vielleicht gut an – aber außer im Fußball sind die Taktiktafeln ein Utensil jedes Trainers. Der Trottel war sicherlich nicht Herr Lagerbäck.“

Marsch durch die Institutionen

Klinsmann hat sein Diplom in einem Kurzlehrgang erworben. Christoph Biermann (SZ 3.8.) recherchiert: „„Ich musste den Kurs gegen massiven Widerstand im DFB durchsetzen“, erinnert sich Berti Vogts. Zwei Jahre lang hatte er als Bundestrainer darum gekämpft, einem Modell zu folgen, das in Holland schon erprobt worden war. Guus Hiddink hatte dort 1997 einen ähnlichen Kurs angeregt, an dessen Ende Ronald Koeman, Frank Rijkaard und Ruud Gullit ihre Trainer-Diplome bekamen. In Deutschland kürzte Trainerausbilder Gero Bisanz die Lerninhalte von sonst 560 auf 240 Unterrichtsstunden, in denen Sportmedizin und Taktik, Psychologie und Rhetorik, Trainingsführung und Mannschaftsansprache in verdichteter Form enthalten waren. „Weil das Programm so komprimiert war, entstand bald eine sehr intensive Arbeitsatmosphäre“, erinnert sich Bisanz. Dem erfahrenen Ausbilder machte der Kurs auch deshalb Spaß, weil er weniger als üblich eingreifen musste. Das Gespür für das Spiel war größer, weil es alle auf höchstem Niveau betrieben hatten, „und viele von ihnen hatten die eigenen Erfahrungen als Spieler reflektiert“, sagt Bisanz. Gerade Jürgen Klinsmann attestiert er diese Fähigkeit: „Er sieht die Fußballstruktur eindeutig klar.“ Klinsmann sah während der Übungen die Fehler und sprach sie richtig an, beobachtete Bisanz, für den gerade das eine der Voraussetzungen ist, ein guter Trainer zu werden. Doch nicht nur die Arbeitsatmosphäre und die Vorbildung der Trainerschüler war anders als bei den sonstigen Lehrgängen. Weil fast alle Teilnehmer einander kannten und die beiden Frauen sofort integriert wurden, entstand ein besonderes Gruppengefühl. „Man kann fast von einer verschworenen Gemeinschaft sprechen“, sagt Bisanz. Eigentlich war der Sonderlehrgang 2000 nämlich die Klasse von 1996. (…) Nicht nur in der Frage der Nachwuchsförderung artikulierte sich im Kurs ein neues Denken, es gab auch ein grundsätzliches Unbehagen mit dem Fußballgeschäft. Vor allem der rüde Umgang mit dem bereits im September 1998 geschassten Berti Vogts, dem nicht nur Klinsmann viel verdankte, empörte seine Spieler von einst noch. Da saßen abgebrühte Profis zusammen, die wussten, wie das Geschäft funktioniert, doch zugleich träumten sie irgendwie vage von Veränderung. Gero Bisanz sagt heute leicht distanzierend: „Die jungen Leute haben eben ihre eigenen Ideen.“ Das gilt vor allem für die im Sonderlehrgang entstandenen Aktivitäten im Jugendfußball, die in direkter Konkurrenz zu denen des Deutschen Fußball-Bundes stehen. So macht die Übernahme des Bundestraineramtes durch Jürgen Klinsmann den Eindruck, als hätte er den Marsch durch die Institutionen angetreten. Oder die Chance genutzt, sich gleich an ihre Spitze zu setzen.“

Kulturtheoretiker Lothar Matthäus über den Amerikaner an sich: „Ein Amerikaner denkt doch ganz anders als ein Deutscher. Ich sage: Man darf seine Wurzeln nicht verlieren. Ich glaube, wenn man den Fußball zur Professoren-Arbeit macht, verliert man diese Wurzeln.“

Historiker Uli Hoeneß antwortet: „Ich achte das Amt des Bundestrainers auch als eine gesellschaftliche Verantwortung. Aus diesem Grund traue ich Lothar das Amt nicht zu. Ein Bundestrainer Matthäus wäre wie ein KGB-Mann als Kanzler.“

Montag, 26. Juli 2004

Internationaler Fußball

It’s Shao time

Asien-Meisterschaft – Martin Hägele (NZZ 26.7.) befasst sich mit China: „Die Überschrift „It’s Shao time“ sagt viel und das grosse Foto noch mehr. Shao Jiayi hat den Finger auf die Lippen gelegt, was vor heimischer Kulisse so ganz und gar nicht passte zum gewaltigen Applaus für Chinas Fussballer am Asian Cup. Die Gestik von Shao sollte den unzähligen Fussball-Anhängern im Reich der Mitte sagen, dass noch nichts erreicht ist, auch wenn die Chinesen nach dem Erfolg gegen Katar nun bereits in den Viertelfinals des Cups stehen. Der holländische Trainer Arie Haan ist da nicht ganz so zurückhaltend. Ihm imponierte, wie sein Team immer deutlicher Konturen annimmt, die Handschrift seines Vorgängers Bora Milutinovic verschwindet. Das hat nichts mit Krach oder Neid zu tun. Haan gönnt dem serbischen Weltenbummler, der als WM-Experte in vier Ländern wirkte (Mexiko, USA, Costa Rica, China) die Ovationen auf der Tribüne. Und es stört ihn auch nicht, wenn Klaus Schlappner, der jetzt in der Mongolei Trainer ausbildet, als der Grossvater des chinesischen Fussballs gefeiert wird. Eine Dekade nach dem Entwicklungshelfer aus der Bundesliga, der Chinas Auswahl schon in den Final der Asienspiele geführt hatte, und zwei Jahre nach Boras geglückter Mission, der ersten WM-Teilnahme, geht es nun darum, dem Fussball in China einen Stil und das entsprechende Selbstbewusstsein zu verschreiben. Ein Land mit den wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen einer Weltmacht darf sich im Fussball nicht länger mit hartnäckigem Verteidigen und gelegentlichen Kontern begnügen, meint Haan, weshalb von den verdienten Helden aus Boras WM-Kader nur noch sieben Mann übernommen wurden. In den Augen des zweimaligen WM-Zweiten zählen keine Orden, erst recht keine Privilegien.“

Ball und Buchstabe

Wer steigenden Umsatz und höhere Gewinne erzielen will, muß kleinere Brötchen backen

Fast hätte der DFB sich einen Trainer backen müssen, Patrick Bahners (FAZ/Feuilleton 23.7.): „Nun, was hatten wir denn hier? Brötchen von Bäckergeselle Jürgen Klinsmann! Die Testesser waren begeistert, als im Sommer 1990 die mit dem Konterfei des Nationalstürmers vermarkteten „Weltmeisterbrötchen“ in die Auslagen der Bäckereifachgeschäfte gelangten. Noch nie hatte man so knusprige braune Brötchen gesehen, die dabei so federleicht waren. Das Rezept, für dessen Qualität Klinsmann mit seinem guten Namen und seinem original schwäbischen, in der väterlichen Bäckerei in Stuttgart-Botnang erarbeiteten Gesellendiplom bürgte: Der weltmeisterliche Brocken sieht nach Vollkorn aus, besteht aber in Wahrheit aus Weizenmehl, in das ein paar Kürbiskerne hineingemischt werden. Im Jahr der Wiedervereinigung, als ein junges, freundliches Deutschland die Welt verblüffte, wollte der von Beckenbauer, dem Luftgeist der Ball- wie der Redekunst, mit dem Titel beschenkten Nation dieses Luftige, Leichte und Lockere schmecken. Aber eine Grundlage für eine aufbauende Ernährung wurde nicht gelegt. (…) Klinsmann hat für sich mit dem Satz geworben: „Man muß den ganzen Laden auseinandernehmen.“ Nun, man schaue sich in der Nachbarschaft um, wie ein Bäckerladen aussieht, der auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt worden ist: gläserne Theke, knalliger Wandanstrich – und Backwaren, die nur noch mit heißer Luft gemacht sind. In allen Vertragsverhandlungen seiner Laufbahn hat Klinsmann bewiesen, daß er vom Vater auch den kaufmännischen Genius seines Stammes geerbt hat. Wer steigenden Umsatz und höhere Gewinne erzielen will, muß kleinere Brötchen backen.“

if-Leser Holger Szesny singt

We always chant and cheer when we got penalties
‚cos he’s the mighty German who’s always on his knees!

Die immer grenzenlosere Welt der Interaktion

Andreas Rosenfelder (FAZ/Feuilleton 22.7.) besucht Electronic Arts, Hersteller von digitale Fußball-Simulationen: „Das Erfolgsgeheimnis von „Electronic Arts“ scheint darin zu liegen, daß sich das 1982 gegründete Unternehmen immer wieder Tortenstücke der Außenwelt einverleibte – und in den Untersystemen der bestehenden Wirklichkeit, ob sie nun Sport, Kino oder Literatur heißen, die verlockendsten Stoffe zur Einspeisung in die Spielkonsolen aufspürte. 1993 erwarb EA die Spielelizenz von der „Fifa“, 1999 die Rechte an „James Bond“, 2000 und 2002 folgten die Lizenzen für „Harry Potter“ und den „Herrn der Ringe“. Unlängst sicherte sich der Spielehersteller auch die Lizenz zur interaktiven Umsetzung der „Marvel“-Comics. Auch die möglichen Welten der „interaktiven Unterhaltung“, wie der offizielle Name der Branche lautet, entstehen nicht als Schöpfungen aus dem Nichts. Selbst in der Abteilung für Schöpferisches, deren Büros hinter spiegelnden Glaswänden liegen, ist von jenem sanften Weltverschwörungswahn, welcher die Nerds der achtziger Jahre umwehte und schon in den Kinofilmen „War Games“ und später „23″ seinen Niederschlag fand, nichts zu spüren. Keine Freimaurer-Pyramiden an den Wänden, keine Pizzakartons mit vertrockneten Krusten, nicht einmal nonkonformistische Rechner von Apple auf den Schreibtischen. Statt dessen kerngesunde Äpfel für die Mittagspause und an der Wand die Sportschlagzeilen aus der örtlichen Boulevardpresse: „FC Sturmlos – so steigt ihr wieder ab!“ In der Entwicklungsabteilung entsteht unter der Leitung des Gamedesigners Gerald Köhler, fünfunddreißig Jahre alt und schon eine Legende in der Spieleszene, eine großartige Einübung in die Prosa der Verhältnisse und die Unbeherrschbarkeit des Glücks – nämlich die inzwischen auch auf ausländische Ligen übertragene Bundesliga-Simulation „Fußball Manager“, wo der Spieler sämtliche Entscheidungen vom Stadionausbau bis hin zur Zimmerbelegung in den Spielerhotels trifft, auf Verlauf und Ausgang der Partien aber keinerlei Einfluß nehmen kann. Mit dem faktenversessenen Ehrgeiz der Enzyklopädisten füttern Köhlers Mitarbeiter die Datenbanken zu diesem Spiel. An der Wand hängen Ansichtskarten unbedeutender Arenen wie des „Vogtlandstadions“ in Plauen. Und auf dem Tisch liegen für die virtuellen Mannschaften Bögen mit Kopfformen („kaukasisch“ bis „lateinisch“) und Fußballerfrisuren („Pferdeschwanz“ bis „Halbglatze“). Stars wie Figo bekommen natürlich eine Extrabehandlung und werden abfotografiert, aber das Fußvolk vom abgestiegenen 1. FC Köln basteln die Designer aus dem Musterkatalog nach. Ab und zu gehen die Programmierer, wie es sich für echte Empiriker gehört, auch zu Forschungszwecken ins Stadion – zum Beispiel, um neue Fangesänge für die elektronische Klangkulisse aufzuschnappen. Manch ein Klassiker wie das aus den Stadien der Republik nicht wegzudenkende „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ fällt allerdings weg: Hier liegt die geschützte Melodie von „Yellow Submarine“ zugrunde. Das Urheberrecht setzt selbst dem ästhetischen Detailrealismus enge Grenzen. Tatsächlich ist ein kaum mehr von der Wirklichkeit zu unterscheidender Fotorealismus zum entscheidenden Anspruch der Spielekultur geworden – was, wenn man an die archaischen Spiele aus den achtziger Jahren mit ihren blinkenden Pixelmännchen vor magentafarbenen Hintergründen zurückdenkt, an den Sprung von den flächigen Bildtafeln des Mittelalters zum dreidimensionalen Raum der Renaissancemalerei erinnert. (…) Die immer grenzenlosere Welt der Interaktion bezieht ihren Reiz offenbar gerade daraus, dem handelnden Betrachter an entscheidenden Stellen die Hände zu binden – und ihn damit zum Publikum der eigenen Geschichte zu machen. Gerald Köhler sieht das Wesen des von ihm entwickelten „Fußball-Managers“ in einer „gewissen Wehrlosigkeit“ und der „Spannung, wie im echten Fußballeben nicht ins Spiel eingreifen zu können“. Soll niemand davon träumen, hinter dem Bildschirm beginne ein täuschendes Zauberland ohne jeden Widerstand.“

Bundesliga

An Deisler kommt derzeit niemand vorbei

Elisabeth Schlammerl (FAS 26.7.) rechnet mit Sebastian Deisler: „An Deisler kommt derzeit niemand vorbei. Daß der in der vergangenen Saison an Depressionen leidende Nationalspieler eine feste Größe sein würde, wenn Körper und Seele intakt sind, war stets klar. Aber selbst Magath hat die gute Verfassung des Nationalspielers gleich zu Beginn der Vorbereitungsphase überrascht, die physische und die psychische. Wie sich der Vierundzwanzigjährige in den bisherigen Testspielen auf dem Platz präsentierte, „das habe ich so nicht erwartet“, gibt der neue Bayern-Trainer zu. „Er hat einen blendenden Eindruck hinterlassen, und er ist immer gut gelaunt.“ Der früher sehr zurückhaltende Deisler, der auch innerhalb der Mannschaft nur durch Leistung überzeugen wollte, nie durch Worte, ist plötzlich nicht mehr zu überhören auf dem Rasen. Er gibt lautstark Anweisungen, dirigiert seine Mitspieler und übernimmt Verantwortung, wenn sie gefordert ist. Er füllte die Lücke, die in den ersten Trainingswochen klaffte, als die Führungsspieler des FC Bayern noch im Urlaub waren. „Er ist sehr kommunikativ“, lobte Magath intern und nun auch extern. Früher, vor dem Ausbruch seiner Krankheit, hatte der Mediendirektor des FC Bayern, Markus Hörwick, oft vergeblich versucht, den Mittelfeldspieler zu einem Pressetermin zu überreden. Und wenn Deisler dann tatsächlich einmal erschien, wirkte er genervt, manchmal sogar pampig. Jeder öffentliche Auftritt war für ihn nicht nur Last, sondern eine riesige Belastung, eine große Qual. Es wäre zwar übertrieben zu behaupten, Deisler findet mittlerweile an Interviews Gefallen. Aber er hat offenbar eingesehen, daß PR-Arbeit Teil seines Jobs ist.“

Déjà-vu-Erlebnis

Borussia Dortmund scheidet aus dem UI-Cup aus und verliert an Rückenwind Richard Leipold (Tsp 26.7.): “Zwei Wochen vor dem Start in die Bundesliga-Saison ist das Befinden der Borussen so schlecht wie nach der zurückliegenden Spielzeit, in der die Mannschaft den fünften Tabellenplatz in der letzten Runde noch an den kleinen Nachbarn VfL Bochum verlor. Die Dortmunder scheitern nicht an Madrid, Mailand oder München – alles Klubs, denen die Westfalen vor ein paar Jahren noch auf Augenhöhe begegneten. Der sportliche Abstieg manifestiert sich an eher provinziellen Städtenamen wie Cottbus, Brügge, Kaiserslautern und nun auch noch Genk. Nach dem jüngsten Misserfolg sprach Manager Michael Meier von einem Déjà-vu-Erlebnis. Vor einem Jahr unterlagen die kickenden Millionäre, eine Etage höher, in der Qualifikation zur Champions League, dem FC Brügge. Aus dem Stimmungstief, das diese Niederlage hervorrief, vermochten sie sich in der Bundesliga nicht zu befreien. (…) Der neue Trainer Bert van Marwijk hatte so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugt, bei den Fans und vielleicht sogar bei seinem Personal. Doch der erste und bis auf weiteres letzte Versuch, sich international zu profilieren, spricht für eine Kontinuität im Misserfolg: Wenn es darauf ankommt, sehen sich die überbezahlten Fußballstars der Kommanditgesellschaft auf Aktien außerstande, in Normalform aufzulaufen, geschweige denn in Hochform.“

Powerfußball, mehr Tore, Angriff, Spielfreude

Euphorie in Stuttgart? Matthias Sammer hätte was dagegen – Oliver Trust (FR 24.7.): “Sammer spürte sie wohl in diesem Augenblick. Diese Angst aller Fußballtrainer: Allzu beliebt bei seinen Spielern zu sein, das galt auch für den neuen Trainer des VfB Stuttgart als wenig erstrebenswert. Selbst nach dem beachtlichen 3:0 über den müde wirkenden VfL Bochum, das den Schwaben den Einzug ins Halbfinale gegen den Meister Werder Bremen beschert. Als bedeute das schon vor dem Saisonstart eine Art Bankrotterklärung für einen Mann, der eine erfolgreiche Mannschaft zu neuen Erfolgen führen soll, verdrehte Sammer die Augen und gab Bemerkungen von sich, die mitunter einen verächtlichen Unterton in sich trugen. „Wie stabil das alles ist, zeigt sich immer dann, wenn es schwierig wird, wenn es Niederlagen gibt“, sagte Sammer. „Bis jetzt ist doch noch nichts passiert.“ Dass der ehemalige Dortmunder Coach herumläuft, als habe er allein die gesamte Last der Welt auf seinen Schultern, will nicht so recht zur Begeisterung passen, die sich bei den Schwaben breit macht. Überaus groß ist die Erleichterung, dass nach dem Abgang des erfolgreichen Felix Magath zu Bayern München nun nicht der unweigerlich Absturz folgen muss. Die Testspielergebnisse des Neuen sind bestens, das Trainingslager in Österreich mit ihm war ein voller Erfolg, die Lobeshymnen der Spieler für ihren Chef sind frei von Vorbehalten. Sammer lasse mehr mit dem Ball arbeiten, erzählen die Spieler (seine ehemaligen Dortmunder Spieler haben da ganz andere Erinnerungen), als atmeten sie mit Gier die neue Luft der Freiheit ein. Die strengen Methoden Magaths, der seinen Kader mit ausgeprägter Vorliebe zu erschöpfend langen Treppenläufen verdonnerte, gehören der Vergangenheit an. Und nur hier und da schimmert durch, was nun als Markenzeichen des VfB Stuttgart gelten soll: Powerfußball, mehr Tore, Angriff, Spielfreude. Auch das will nicht recht zu den Gesten Sammers passen. Der wirkt in diesen Tagen, als sei er nur geboren, um Vorsicht und Zurückhaltung zu transportieren.“

Deutsche Elf

Kulturschock für den deutschen Fußball

Armin Lehmann (Tsp 26.7.) vernimmt einen frischen Luftzug: „Klinsmann aber ist genauso wenig ein Heilsbringer, wie es Völler war. Klinsmann ist ein echter Kulturschock für den deutschen Fußball. Nicht nur, weil er als Schwabe alles außer Hochdeutsch kann –, sondern vor allem auf Grund seiner Vita ist Klinsmann eine Art „ausländischer Kandidat“ von der Sorte, für die der DFB bisher nicht zugänglich war. Rudi Völler war der Kumpel der Nation, einer von uns, jeder konnte sich vorstellen, wie er an der Theke nebenan ein Bier trinkt. Völler war auch mal in Italien, aber eigentlich war er ein konservativer, vorsichtiger, defensiver Teamchef, der öffentlich nicht gerne sagte, was er wollte. Er war ein typischer Vertreter aus der Mitte des deutschen Fußballs. Klinsmann kann von außen einwirken. Klinsmann ist ambivalenter als Völler, und das macht ihn interessant. Für viele ist der Sohn eines Bäckers immer nur der Sunny-Boy gewesen, der so schön lacht. Hinter der lächelnden Fassade steckte aber stets ein harter Geschäftsmann, der seine Ziele durchzusetzen und beste Verträge auszuhandeln wusste. Klinsmann hat dieses Durchsetzungsvermögen hart trainiert, deshalb sagt er von sich, dass er „immer Schüler sein will“. Auch das ist eine aufreizende Aussage für einen künftigen Teamchef, der doch den größten und mächtigsten Fußball-Verband der Welt vertreten soll, einen Verband, der sich Belehrungen von außen immer verbeten hat. Klinsmann adaptiert die Dinge, die er woanders sieht. Aus Italien hat er die Lust am Leben mitgebracht. In Frankreich hat er gelernt, charmant mit Rückschlägen klarzukommen. In England hat er sich angucken können, wie professioneller Fußball organisiert wird, und verinnerlicht, was Teamgeist ist. Und in den USA hat er perfektioniert, seine Überzeugungen smart, aber mit innerer Substanz zu vertreten. Deshalb ist Klinsmann für den deutschen Fußball ein Mentalitätswechsel.“

Klinsmann wird als interkontinentaler Trendforscher alles dafür tun, Weltmaßstäben seines Sports zu genügen

Roland Zorn (FAZ 24.7.) konkretisiert Klinsmanns Arbeitsweise: „Der American way of life, soviel ist sicher, hat auf die Ideenwelt des Jürgen Klinsmann längst abgefärbt. Der im Großraum Los Angeles heimisch gewordene frühere Weltstar am Ball weiß die strukturellen und organisatorischen Stärken amerikanischer Profiteams wohl zu schätzen, bei denen Job-sharing zum Wohle des großen Ganzen eine Selbstverständlichkeit ist. Bei ihm um die Ecke hat bis zum Mai Phil Jackson, eine Trainerlegende des Basketballs, bei den Los Angeles Lakers gearbeitet. Jackson war ein Meister der auch von Klinsmann bewunderten Kunst, Solisten, Künstler und Handwerker zu einem effektiven Gemeinschaftsbündnis zusammenzuschweißen. „Bewußtes Handeln ist alles“, hat Jackson einmal gesagt und es dabei stets verstanden, Verantwortung sinnvoll zu delegieren. Stattliche Trainerteams um den Headcoach gehören im amerikanischen Profimannschaftssport zu den Selbstverständlichkeiten, die niemand in Frage stellt. So unterstützen Larry Brown, den Cheftrainer des nordamerikanischen Profibasketballmeisters Detroit Pistons, vier Assistenten und ein Athletiktrainer. Auch Mentaltrainer oder Psychologen gehören in der National Basketball Association (NBA) oder der National Football League (NFL) zur Grundausstattung der mit Unternehmergeist aufgestellten Klubs. Spezialisten, die jene Dinge beherrschen, die Klinsmann einfordert, um seine Trainervorstellungen umsetzen zu können, werden demnächst auch beim DFB anheuern. (…) Die Leute innerhalb der DFB-Mauern müssen auf einen Chefneuling gefaßt sein, dessen Rollenverständnis nur noch wenig mit dem gemein haben wird, was in Deutschland jahrzehntelang zum Ritual der Bundestrainer gehörte. Klinsmann sieht sich im Wortsinn als global player und wird deshalb auch als interkontinentaler Trendforscher alles dafür tun, Weltmaßstäben seines Sports zu genügen.“

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