indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 23. Juli 2004

Deutsche Elf

Der Anti-Matthäus

Die (Vor-)Entscheidung der Trainerfrage aus der Sicht eines Zeitungslesers:
Jürgen Klinsmann, „der Anti-Matthäus“ (FR) wird (vermutlich) neuer Bundestrainer, und die Qualitätspresse jubelt, nicht nur im Sportteil: „Diese Personalie hat Charme“ (FAZ), „ein kluger Schachzug“ (FR), „die vernünftigen Kräfte im deutschen Fussball haben gesiegt“ (NZZ). Verlierer ist die Bild-Zeitung, erfreulicherweise hat ein Interview in der geschätzten Süddeutschen Zeitung (if v. 17.7.) scheinbar eine entscheidende Rolle gespielt. Und „wo ist eigentlich Franz Beckenbauer?“, fragt Axel Kintzinger (FTD). „Verwundern muss, dass ausgerechnet Franz Beckenbauer, bisher eine Art DFB-Cheffahnder, bei der Klinsmann-Findung nicht mit von der Partie war“ (taz). Der angeschlagene Gerhard Mayer-Vorfelder hat wohl vieles richtig gemacht; immerhin scheinen er und seine Kollegen aus der TFK, Werner Hackmann und Horst Schmidt, Lothar Matthäus verhindert zu haben, den „Egomanen und krankhaften Selbstdarsteller“ (NZZ) – und Kandidaten Franz Beckenbauers. Uli Hoeneß sagt der FAZ: „Das Gute an der Geschichte ist, daß die Entscheidung ohne mediale Einflußnahme geschah.“
Vielleicht ist alles aber ganz anders gelaufen. Wer kann hinter die Kulissen schauen? Wer kann dort etwas erkennen?

Dem Fußball ist zu wünschen, daß Klinsmann mit einer Vision antritt, die über 2006 hinausgeht

Seite 1 – Jörg Hahn (FAZ/Leitartikel 23.7.) feiert: „Diese Personalie hat Charme. Nach quälenden Wochen, in denen nicht zuletzt der hilflos wirkende Vielerzähler Franz Beckenbauer immer neue Kandidaten nannte, wäre die Öffentlichkeit schon mit einer Notlösung zufrieden gewesen. Klinsmann als Teamchef und, wenn die keineswegs einfachen Verhandlungen der nächsten Tage zu einer klaren Aufgaben- und Kompetenzverteilung führen, sein ebenfalls in der Welt herumgekommener ehemaliger Mannschaftskamerad Oliver Bierhoff als Teammanager – das wäre viel mehr als eine Verlegenheitslösung. Beide verstehen den Charakter und den Stil des deutschen Fußballs. Zugleich können sie aus einer gewissen Distanz heraus den Neuaufbau forcieren. Deutschland steht vor der einmaligen Situation, im Jahr 2006 eine WM im eigenen Lande zu haben. Eine größere Bühne wird es in den nächsten dreißig Jahren nicht mehr geben. Es besteht Handlungsbedarf. Dem Fußball ist zu wünschen, daß Klinsmann mit einer Vision antritt, die über 2006 hinausgeht.“

Anti-Matthäus

„Ein kluger Schachzug“, findet Jan Christian Müller (FR 23.7.): „So weit wird es dankenswerterweise nicht kommen. Die anscheinend doch gar nicht so dummen Verantwortlichen beim DFB haben sich erstens getraut, in Jürgen Klinsmann ihren zuletzt schärfsten Kritiker aufs Schild zu heben. Sie haben zudem zweitens gewagt, dem Boulevard die Stirn zu bieten. Das ist ausgesprochen mutig. Denn niemand verkörpert den „Anti-Matthäus“ vollkommener als Klinsmann. Der Freigeist aus dem Schwäbischen hat sich Zeit seiner Karriere geweigert, mit den mächtigsten Medien der Republik zu kungeln. Sein künftiger Kollege Oliver Bierhoff hielt es ebenso. Beide sind alles andere als typische Fußballer mit fest umrissenem Spielraum zwischen Playstation und Sechzehner, beide haben sich damit zuweilen verdächtig gemacht.“

Jetzt müssen all die gescheiten jungen Männer ihr Wissen in die Tat umsetzen

Martin Hägele (NZZ 23.7.) schätzt den Stil Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoffs: „Klinsmann war zu diesem Job nur unter der Voraussetzung bereit, dass er nicht nur mit einer generellen Konzeption, sondern auch mit einem neuen Funktions-Team antreten könne. Mit Oliver Bierhoff als erstmaligem Manager des Nationalteams kommt nun auf anderer Ebene jenes DFB-Stürmer-Tandem zusammen, das den letzten grossen Titel für Deutschland gewonnen hat – die EM 1996 in London, dank dem Golden Goal Bierhoffs gegen Tschechien. Diese Mannschaft zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass alle Mitglieder teamfähig waren. Für Egomanen und krankhafte Selbstdarsteller vom Typ Lothar Matthäus hatte es in diesem Kollektiv keinen Platz gegeben; Captain Klinsmann hatte die Skandalnudel, den Hauptinformanten der grossen Boulevardzeitung, mit Hilfe der Kollegen aussortiert – auf medialem Gebiet wird unter der neuen Führung wohl jenes Klima herrschen, das Amerikaner mit „political correctness“ bezeichnen. In erster Linie aber setzen die Namen Klinsmann und Bierhoff ein Signal: Den Stürmern gehört die Zukunft (…) Mit Klinsmann und Co. haben sich nun auch die zwei DFB-Präsidenten, der repräsentative Mayer-Vorfelder und der designierte geschäftsführende Funktionär Zwanziger aus den Schlagzeilen gebracht. Dass die vierköpfige Findungskommission mit Mayer-Vorfelder, Generalsekretär Schmidt, Ligachef Hackmann und Franz Beckenbauer nun nicht länger verhöhnt wird als erfolgloses „Fahndungs-Kommando“, ist in erster Linie den alten Fahrens-Leuten zu verdanken, gerade jenen Personen, die zuletzt am meisten Häme abbekommen haben. Im Gegensatz zum „Kaiser Franz“, von dem einige hinter der Hand sogar behaupten, er habe nie oder, wenn schon, dann spürbar zurückhaltend die Kontakte zu ausländischen Kräften wie Morten Olsen bzw. Guus Hiddink gesucht – um nach deren (vermuteter) Absage seinen Zögling Lothar Matthäus zu inthronisieren. Auch der in den letzten Tagen von Beckenbauer immer wieder ins Gespräch gebrachte Winfried Schäfer (Trainer von Kamerun) sei solch ein Ablenkungsmanöver gewesen. In diesem Sinne kann man nur sagen: Die vernünftigen Kräfte im deutschen Fussball haben gesiegt. Jetzt müssen all die gescheiten jungen Männer ihr Wissen in die Tat umsetzen.“

Der Wille zu einer umfassenden inhaltlichen Neubesinnung

„Diese Lösung, die beschlossen scheint, verheißt zumindest so etwas wie Aufbruchstimmung“, schreibt Roland Zorn (FAZ 23.7.): „So reizvoll die Nachfolge von Rudi Völler und die Hinterlassenschaft der aus deutscher Sicht mißratenen Europameisterschaft nun endlich geregelt und produktiv verarbeitet scheint, so merkwürdig bis kabarettreif war die Vorgeschichte, geschrieben und inszeniert von der sogenannten Trainer-Findungs-Kommission im DFB. Diese Gruppierung, in Zeiten der Vervielfältigung von Ressortzuständigkeiten aus vier Männern gebildet, hat seit ihrer Gründung vor einigen Wochen nicht immer glücklich und schon gar nicht ausnahmslos professionell agiert. Lag der erste Versuch, den ersten Kandidaten Ottmar Hitzfeld zum DFB zu lotsen, noch ausschließlich in der Hand des dabei allzu ichbezogen auftretenden Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, übernahm anschließend Franz Beckenbauer als Spiritus rector der TFK die Regie im großen Sommerschauspiel des Fußballbundes. Dabei schien der Münchner Spielmacher zunächst allzu fixiert auf Doppelpässe mit seiner Hausgazette „Bild“, die sich als fünftes, virtuelles Mitglied der TFK verstand und nach Hitzfelds Absage vehement nach Otto „Rehakles“, dem deutschen „Trainergott“ der Griechen, rief. Rehhagel aber erwies sich als vertragstreu, ließ sich auch nicht von den echten oder vermeintlichen letzten Instanzen des deutschen Fußballs umstimmen und blieb, der Weisheit seines Alters verpflichtet, beim Europameister. Was nach der zweiten Absage folgte, waren eher hilf- oder kraftlos anmutende Manöver, mal eine ausländische Fachkraft wie Morten Olsen oder Guus Hiddink ins Gespräch zu bringen, mal Deutsche im Ausland wie den ungarischen Verbandstrainer Lothar Matthäus oder den Trainer Kameruns, Winfried Schäfer, zu kontaktieren. Wie ernsthaft wer wirklich angesprochen wurde, ist bis heute nicht überliefert. Ob sich dahinter gar renovierte Konzeptionen und neue Ideen, wie der Krise des deutschen Fußballs beizukommen sei, verbargen, erschloß sich dem irritierten oder amüsierten Publikum ebensowenig. Erst als Klinsmann in einigen Interviews die wahren Prioritäten beim Namen nannte, nämlich erst zur Sache und dann zu den Personen zu kommen, leuchtete so etwas wie der Wille zu einer umfassenden inhaltlichen Neubesinnung auf.“

Eine seltsame Entwicklung

Skeptisch ist Stefan Hermanns (Tsp 23.7.): „Es ist eine seltsame Entwicklung, die mit der Anstellung Klinsmanns fortgeschrieben wird. Früher galt das Amt des Bundestrainers als Vollendung eines erfüllten Trainerlebens. Mit Klinsmann aber wird nach Rudi Völler zum zweiten Mal hintereinander ein Berufsanfänger in dieses Amt befördert. Das provoziert die Frage, über welche Fähigkeiten der Bundestrainer heutzutage überhaupt verfügen muss. Natürlich unterscheidet sich die sporadische Arbeit mit der Nationalmannschaft ganz erheblich von der täglichen Knochenmühle eines Vereinstrainers. Rudi Völler war im Umgang mit den Nationalspielern eine Art Moderator, das spärliche Training vor Länderspielen diente in erster Linie dazu, die Spieler bei Laune zu halten. (…) Der DFB ist ein System, das sich nur noch um sich selbst dreht und deshalb nicht von der Stelle kommt. Rudi Völler hat sich nicht nur mit diesen Gegebenheiten arrangiert, er hat mit seiner Popularität sogar dazu beigetragen, die Zustände zu kaschieren. Klinsmann aber will eine Revolution, an deren Ende der DFB vom muffigen Verband zum modernen Unternehmen werden soll. Dass Klinsmann und der diplomierte Betriebswirtschaftler Oliver Bierhoff an der Spitze der Bewegung stehen, ist kein Zufall. Sie waren schon in ihrer aktiven Zeit die Spieler, die am wenigsten dem „Elf Freunde“-Ideal entsprochen und immer die ökonomischen Möglichkeiten ihres Sports erkannt haben. Im Grunde kommen sie für den DFB mindestens zehn Jahre zu spät.“

Gegenentwurf zu Stammtisch-Modellen

Wolfgang Hettfleisch (FR/Politik 23.7.) erkennt ein Konzept: „Die Troika Klinsmann, Bierhoff, Osieck wäre ein Gegenentwurf zu zuletzt kursierenden Stammtisch-Modellen und entspräche bestens dem DFB-Leitmotiv für die WM 2006. Da will man vermitteln, „dass wir ein modernes und weltoffenes Land sind“ (Harald Stenger, DFB-Pressechef). Das Trio verfügt über exzellente Fremdsprachenkenntnisse, ist unverbraucht und genießt auch international einen untadeligen Ruf. Klinsmann schaffte das Wunder, in England gemocht zu werden, dem in Deutschland verkannten Bierhoff gelang der Durchbruch in Italien, Osiecks Rat wird bei Fußball-Weltverband und Europäischer Fußballunion gleichermaßen geschätzt. Weiter könnte der Verband die Fensterläden nicht aufreißen.“

Bild schaut in die Röhre, und Frank Ketterer (taz 23.7.) lacht sich ins Fäustchen: „Verwundern muss freilich, dass ausgerechnet Franz Beckenbauer, bisher eine Art DFB-Cheffahnder, bei der Klinsmann-Findung nicht mit von der Partie war. Weder durfte er mit dem DFB-Tross nach New York jetten, noch war Klinsmann jemals vom Kaiser auch nur ansatzweise in Erwägung bzw. in die öffentliche Diskussion geworfen worden. Stattdessen, so scheint es sich nun immer mehr herauszukristallisieren, hat Beckenbauer im inner circle stets mächtig für Lothar Matthäus Stimmung gemacht – und darüber, so jedenfalls stellt es sich derzeit dar, sogar die Verhandlungen mit wirklich ernst zu nehmenden Kandidaten wie Guus Hiddink oder Morten Olsen schleifen lassen. Mit beiden, so weiß es der kicker zu berichten, wurde nie direkt, sondern stets nur über Mittelsmänner in Kontakt getreten. Sehr viel Engagement von Beckenbauers Seite lässt das nicht erahnen. Am Montag soll es in der TFK darob sogar mächtig Zoff gegeben haben, vor allem Mayer-Vorfelder sowie Liga-Boss Werner Hackmann müssen dabei mehr als deutlich gemacht haben, dass Matthäus für sie nie und nimmer in Frage kommt. Für Beckenbauer war das eine herbe Schlappe, für Bild nicht minder. Schließlich war Matthäus, ganz im Gegensatz zu Klinsmann, schon immer ein Günstling des Springer-Blattes, zu seinen aktiven Zeiten galt er gar als Maulwurf der Bild-Reporter in der National- und Bayern-Mannschaft. Schon deshalb ist es mehr als prima, dass Matthäus, der in den letzten Wochen nicht nur in seiner Sportbild-Kolumne keine Gelegenheit ausließ, seine Bereitschaft zu signalisieren, gestoppt wurde. Nun soll also Klinsmann Bundestrainer werden. Ob das eine wirklich gute Idee ist, kann derzeit nicht abschließend beurteilt werden, schließlich hat der große Blonde dafür noch keinen Tauglichkeitsnachweis abgeliefert.“

Von Beckenbauer ist nichts zu hören

Axel Kintzinger (FTD 23.7.) ergänzt: „Wo ist eigentlich Franz Beckenbauer? Der „Kaiser“ ist Kopf der so genannten Trainerfindungskommission (TFK), aber am entscheidenden Schritt bei der Suche nach einem Bundestrainer für die kriselnde Nationalmannschaft war er nicht beteiligt. Seine TFK-Kollegen Gerhard Mayer-Vorfelder und Horst R. Schmidt sind nach New York geflogen, um Jürgen Klinsmann in einem fünfstündigen Gespräch den – nach Bundeskanzler – wichtigsten Job Deutschlands anzubieten. Mittlerweile scheint diese Personalie unter Dach und Fach, aber von Beckenbauer ist nichts zu hören. Sein Hausorgan Bild muss den Meldungen anderer Medien hinterher hecheln. Vielleicht sitzt Beckenbauer ja im Schmollwinkel. Immerhin hatte er einen anderen Kandidaten favorisiert. Genauer gesagt hatte er sogar mehrere Fußballlehrer in seine engere Auswahl genommen, immer wieder purzelten in den letzten Wochen Namen aus seinem Mund: Lothar Matthäus, Morton Olsen, Guus Hiddink, Winfried Schäfer und wieder Lothar Matthäus. Beckenbauer hatte so ziemlich alle üblichen Verdächtigen durch, nur einer fehlte: Jürgen Klinsmann.“

Wolfgang Hettfleisch (FR 23.7.) porträtiert Klinsmann: „Trotz der großen Erfolge des Welt- und Europameisters schieden sich an Jürgen Klinsmann die Geister. Die einen himmelten den smarten Schwiegersohn-Typ an, der so ungekünstelt rüberkam und so offenkundig mehr in der Birne hatte als Fußball. Andere wussten vom beinharten Verhandlungspartner zu berichten, der genau wusste, wo der Bartel den Most holt. Das muss kein Widerspruch sein. Unstrittig ist, dass Klinsmann auch nach der Spielerlaufbahn seinen eigenen Weg ging, dass er die Kraft und Neugier besaß, eine Pause vom Fußball zu nehmen. Das zumindest unterscheidet ihn wohltuend von so vielen anderen.“

Der arroganteste Spieler

Axel Kintzinger (FTD 23.7.) hat auch schlechtes über Klinsmann zu erzählen: „Jürgen Klinsmann, der Bäckerssohn aus Göppingen, kam bei den meisten Menschen gut an. Nicht allerdings bei Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni, der mit Stürmern sowieso nicht viel anfangen kann. Nicht bei Kollegen Lothar Matthäus, der Klinsmann die uneingeschränkte Sympathie der Öffentlichkeit neidete. Und nicht bei Arsene Wenger, der ihn in Monaco trainierte und später als „den arrogantesten Spieler“ bezeichnete, der ihm je untergekommen sei. Aber bei allen, die ihn sonst so sahen. In den USA, wo Fußball keine Rolle spielt, widmete ihm das führende Magazin „Sports Illustrated“ schon 1993 eine große Geschichte und flocht einen Lorbeerkranz der besonderen Art: „Wenn man jemanden sucht, der Amerikaner dazu veranlassen soll, sich für Fußball zu begeistern, oder Deutschland in der Welt beliebter zu machen – Klinsmann wäre die perfekte Wahl dafür.“ Daheim in Deutschland nahm man ihm nicht einmal übel, in Finanzdingen mehr als ehrgeizig zu sein. Manager und Geschäftsführer haben sein Verhandlungsgeschick und seine Beharrlichkeit verflucht, mit der er Millionengehälter und vorteilhafte Ausstiegsklauseln erstritt. Keiner sei härter dabei gewesen, sagt Bayern-Manager Uli Hoeneß noch heute. Einen „freundlichen Abzocker“ nannte ihn damals sogar die dem Fußballspieler Klinsmann ergebene „taz“.“

Wie reagiert die Bundesliga, Thomas Kistner & Ludger Schulze (SZ 23.7.)? „Die ersten, teilweise heftigen Gegenreaktionen aus den Bundesliga-Klubs, in denen die Dreier-Konstruktion um Klinsmann teils noch als Irrläufer gewertet wurde, irritieren die DFB-Führung vorerst nicht. „Diese Struktur ist richtig, sie ist unser Bemühen, das wir auch so abgesprochen haben“, bekräftigte ein Spitzenfunktionär gestern den Kurs des Verbandes gegenüber der SZ. Immerhin gibt es auch ein paar grundsätzliche Übereinstimmungen mit dem in Kalifornien ansässigen Kandidaten. Äußerst wichtig ist Klinsmann das Image der Nationalmannschaft – er hat festgestellt, dass die deutsche Auswahl im öffentlichen Bewusstsein für nichts mehr steht. Tatsächlich hat das Vertrauen der Fans vier Wochen nach dem Vorrunden-Aus bei der EM in Portugal den Tiefpunkt erreicht: Nur acht Prozent der Bundesbürger rechnen jüngsten Umfragen zufolge die Nationalelf noch zur internationalen Elite. Vor der EM fanden 23 Prozent der Befragten das Nationalteam „Weltklasse“. Die deutsche Auswahl hat kein Image – Rudi Völler zwar hatte eines, aber nicht seine Spieler. Das Profil der Mannschaft will Klinsmann nun mit Bierhoff schärfen, denkbar wäre da unter anderem mehr Engagement der künftigen WM-Kicker im sozialen Bereich. Klinsmann unterhält selbst ein Kinderhilfswerk („Agapedia“) mit 50 Mitarbeitern, das in Osteuropa wirkt. Auch die Zeit der Selbstdarsteller soll vorbei sein.

Das Gute an der Geschichte ist, daß die Entscheidung ohne mediale Einflußnahme geschah

Armin Grasmuck (FAZ 23.7.) fragt Uli Hoeneß: „Sollte Jürgen Klinsmann neuer Trainer der Fußball-Nationalmannschaft werden, die Unterstützung des Branchenführers hätte er. Uli Hoeneß, der Manager des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München, sieht das von der Trainerfindungskommission angestrebte Modell durchweg positiv. „Das ist eine kleine Revolution“, sagte Hoeneß dieser Zeitung, kurz bevor er sich zusammen mit den Münchner Profikickern zu einem viertägigen Gastspiel nach Chicago aufmachte. „Es ist auf jeden Fall eine sehr mutige Entscheidung, die ich gut finde.“ Ganz Deutschland habe sich junge, unverbrauchte Leute gewünscht. Eine Verpflichtung Klinsmanns berechtige zu der Hoffnung, daß nun ein Umbruch erfolge „mit Entscheidungen frei von der Leber weg“. Geradezu überwältigt schien der Bayern-Manager von der progressiven Vorgehensweise der Führungsriege des DFBs. Die Wahl Klinsmanns – der einstige Kapitän der Nationalmannschaft hatte den Verband in den vergangenen Wochen mehrfach kritisiert – bezeuge, daß in den obersten Gremien ein Umdenken stattgefunden habe. „Da haben sich die älteren Herren in der Trainerfindungskommission noch einmal kräftig ins Zeug gelegt“, befand Hoeneß schmunzelnd. Der Bayern-Manager erachtete es auch nicht als Nachteil, daß Klinsmann bislang noch nicht als Trainer aktiv war. „Wie viele Mannschaften hatte denn Rudi Völler trainiert, bevor er Teamchef wurde?“ fragte Hoeneß. Zwar berge die neue Konstellation ein gewisses Risiko, „aber bei der Nationalmannschaft war die Situation so festgefahren, da ist es gar nicht einmal so schlecht, wenn man was riskiert“. Den neu zu schaffenden Posten des Teammanagers sähe Hoeneß mit Oliver Bierhoff optimal besetzt. „Bierhoff halte ich für sehr kompetent“, sagte der Bayern-Manager. „Er hat sich nach seinem Rücktritt als aktiver Spieler sehr gut entwickelt.“ Vom aktuellen Geschehen angetan schien Hoeneß auch deshalb, weil der DFB-Spitze mit dem Dreigespann Klinsmann/Osieck/Bierhoff ein von der Öffentlichkeit gänzlich unbemerkter Überraschungscoup gelungen ist. „Das Gute an der Geschichte ist, daß die Entscheidung ohne mediale Einflußnahme geschah“, sagte der Bayern-Manager.“

Was soll Oliver Bierhoff als Manager leisten? Tsp

Donnerstag, 22. Juli 2004

Ball und Buchstabe

Die Behauptungen sind frei erfunden, die Fotos getürkt

alle rügen die Bild-Zeitung, auch die Bild-Zeitung selbst, für die Berichterstattung über Oliver Kahns Privatleben (SZ, FAZ)

Die Behauptungen sind frei erfunden, die Fotos getürkt

Nicht nur Uli Hoeneß verdammt die Berichterstattung der Bild-Zeitung über Oliver Kahns Privatleben, auch Philipp Selldorf (SZ/Medien 21.7.): „Die Wut des Managers entzündete sich an Fotos aus Kahns Privatleben, die Bild am Sonntag und tags darauf Bild als Dokumente des Comebacks der Kahn-Geliebten Verena K. veröffentlicht hatten. Die Aufnahmen der Blätter aus der Axel Springer AG zeigen Kahn beim Verlassen seiner Wohnung in Grünwald und seien am Freitagmorgen entstanden, hieß es in dem Enthüllungsartikel der Bams, der die Überschrift trug: „Erst Liebesnacht, dann Scheidungsschlacht“ – der Nationaltorwart wird demnächst von seiner Frau Simone geschieden. Dabei hatte Kahn die Nacht überhaupt nicht in München verbracht – und war deswegen dort auch nicht mit seiner Freundin Verena zusammengetroffen. Weshalb logischerweise auch keine heimlichen Bilder entstanden sein können. Torwart Kahn, den die Boulevardpresse „Titan“ nennt, machte stattdessen, was er am allerliebsten tut – er spielte Golf. Und für seine Widerlegung der Bams- und Bild-Geschichte konnte er den allerbesten Kronzeugen anführen: Den Sportchef der Bild-Zeitung Alfred Draxler, der wie Kahn zu den erlesenen Gästen eines von Franz Beckenbauer höchstpersönlich verantworteten Golf-Turniers in Bad Griesbach gehört. Draxler wohnte mitsamt seiner Frau im selben Hotel wie Kahn („Maximilian“) und traf ihn dort zum Plausch im Frühstückssaal. Man tauschte sich über die Misere der Nationalmannschaft aus und über das Problem, einen neuen Bundestrainer zu finden. Griesbach statt Grünwald, das war die Wahrheit. Weitere Zeugen für Kahns Golf-Alibi: ein ehemaliger Bundestrainer (Erich Ribbeck), ein Schlagersänger (Howard Carpendale) und ein Schauspieler (Sascha Hehn).“War Liebesnacht frei erfunden? Hetzjagd auf Kahn“, schlagzeilte das Münchner Boulevardblatt tz. Nun bekamen die Springer-Blätter am Dienstag ein gewaltiges Problem. Oliver Kahn fasste es prägnant in eine durchaus hämische Presseerklärung: „Die Behauptungen sind frei erfunden, die Fotos getürkt beziehungsweise recycelt… Im übrigen werde ich es nicht mehr hinnehmen, dass meine Privatsphäre derart grob verletzt wird, wie dies Bild am Sonntag und Bild getan haben – unabhängig davon, dass ihre Geschichten frei erfunden waren.“ In der Zeitungszentrale in Hamburg am Axel-Springer-Platz wurde recht schnell reagiert. Claus Strunz, Chefredakteur von Bild am Sonntag, schickte eine Presseinformation durch die Republik, die einem Ablasszettel gleich kam. Darin bat der Journalist den Torwart Kahn „öffentlich um Entschuldigung für eine falsche Berichterstattung in der Ausgabe vom 18. Juli 2004″. Die Story habe auf Agenturfotos basiert, die der Zeitung „mit falschen Zeit- und Datumsangaben“ angeboten wurden. Es habe sich erst später herausgestellt, dass Bild am Sonntag „trotz Quellenprüfung und vorliegender eidesstattlicher Versicherung des Fotografen offenbar einem vorsätzlichen Betrug aufgesessen ist“. Die Zeitung erstatte deshalb gegen den betreffenden Fotografen Strafanzeige. „Wir haben einen schweren Fehler gemacht“, schreibt Strunz: „Der Leidtragende ist Oliver Kahn und dies bedauern wir sehr.“ Die Berichte in der BamS und in der Montags-Bild verschwanden am Dienstagnachmittag aus dem Online-Angebot der Springer-Blätter.“

Lange psychologische Fernanalysen ohne neue Fakten

Stefan Niggemeier (FAZ/Medien 22.7.) ergänzt: „Es geht um mehr als eine peinliche Panne. In Springers Pressemitteilung, die gestern in Bild abgedruckt wurde, findet sich der Satz: „Alfred Draxler war an der Veröffentlichung nicht beteiligt.“ Die mangelhafte Berichterstattung geschah nicht unter seiner Verantwortung, sondern der von Martin Heidemanns, dem für Unterhaltung zuständigen Mitglied der Chefredaktion. Heidemanns ist der wohl meistgefürchtete Zeitungsmann Deutschlands. Seine Methode, Prominente zur Not auch durch massiven Druck zur Zusammenarbeit mit Bild zu bringen, ist berüchtigt – allerdings immer weniger erfolgreich. Einige Betroffene haben sich öffentlich über die Versuche der „Erpressung“ beklagt, andere wie Herbert Grönemeyer, Stefan Raab, Anke Engelke und die Popgruppe „Wir sind Helden“ weigern sich häufig oder grundsätzlich, mit Bild zusammenzuarbeiten. Heidemanns und seine Methoden sind auch intern umstritten, insbesondere seit sich abzeichnet, daß der Zeitung der exklusive Zugang zu vielen Prominenten der ersten Kategorie verlorengeht, was von Bild-Leuten inzwischen als ernstes Problem wahrgenommen wird. Das Dilemma wird an der Berichterstattung der vergangenen Tage deutlich. Das Protokoll über das Lichtan- und -ausgeknipse in der Wohnung kam nicht zuletzt deshalb ins Blatt, weil offenkundig weder Oliver Kahn noch Verena der Bild-Zeitung Auskünfte geben wollten, Simone Kahn ließ nur einige dünne Statements über ihren Vertrauten ausrichten. Bild mußte Statements der Beteiligten aus anderen Boulevardzeitungen zitieren und füllte die Seiten mit langen psychologischen Fernanalysen ohne neue Fakten.“

Rosa Papier

In Italien am Strand
ein Bedürfnis, ungalant
in der schatt’gen Pinienflucht
finde ich, was ich gesucht.

Rosa liegt Papier im Klo
Doch nicht flauschig oder so
Eine Zeitung ist’s anstatt
Also les ich Blatt um Blatt.

Zwanzig Seiten Fussball pur
Transfer, Trainer, Tore nur
Wer mit wem und wann und wo
Der sagt Si, der andre No

Täglich Lärm um Ball und Star
Morgen ist dann nichts mehr wahr
Fussballwahnsinn in vier Wort’:
La Gazzetta dello Sport.

Wolfgang Bortlik (NZZaS 18.7.)

Bundesliga

Allofs, der Zocker

Jan Christian Müller (FR 21.7.) sieht schwarz für Werder Bremen: „Für Klaus Allofs stehen Gespräche mit drei schwierigen Verhandlungspartnern an: Zunächst mit Johan Micoud, der seit April aus für niemanden nachvollziehbaren Gründen keine Interviews mehr gibt. Der divenhafte Franzose soll über 2005 hinaus bleiben. Tendenz: Er bleibt, wenn Werder das Gehalt auf rund drei Millionen Euro pro anno aufstockt und ihm einen Dreijahresvertrag anbietet, was bei einem fast 31-Jährigen fraglos ein Risiko darstellt. Ebenfalls tief in den sechsstelligen Eurobereich wollen Fabian Ernst und Tim Borowski vorstoßen, deren aktuelle Kontrakte jeweils nur noch ein Jahr laufen. Allofs begibt sich auf dünnes Eis. Denn Werder hat keinesfalls immer hanseatisch gehaushaltet, das Polster ist ausgesprochen dünn. Allofs, der Zocker, weiß, dass er dafür mitverantwortlich ist: „Ich bin im Club eher derjenige, der auch mal ein höheres finanzielles Risiko in Kauf nehmen würde.“ Denn der Sportdirektor wird am Erfolg auf dem Spielfeld gemessen, nicht am Kassensturz zum Jahresabschluss. Dafür steht ein Mann wie Bankdirektor Jürgen L. Born gerade. Der Präsident, wie Allofs und Schaaf ein Glücksfall für Werder, muss den umtriebigen Manager beizeiten auch mal stoppen. Trotz der Abgänge von Ailton und Krstajic und der Absage von Bastürk wähnen sie sich bei Werder aber besser gerüstet als im vergangenen Spieljahr.“

of: Wähnen kommt von Wahn und bedeutet: einem fatalen Irrtum unterliegen. Werder Bremen wähne sich gut gerüstet für die neue Saison?! Jan Müller kann offenbar in die Zukunft schauen – und nichts Gutes für Werder Bremen entdecken.

Deutsche Elf

Stilwechsel

Jürgen Klinsmann wird vermutlich neuer Bundestrainer, Thomas Kistner (SZ) feiert den „Befreiungsschlag“ (SZ) / „Stilwechsel“ (SZ) / „Klinsmann könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden“ (Tsp) u.a.

Stilwechsel

Jürgen Klinsmann wird vermutlich neuer Bundestrainer, Thomas Kistner (SZ 22.7.) feiert: „Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff als neue Impulsgeber für die angeknockte deutsche Nationalmannschaft, das wäre mehr als eine Trendwende: Ein Befreiungsschlag. Auch ein Befreiungsschlag für den bräsigen, von groteskem Personalgeschacher gelähmten DFB, der so gar nicht passen mag in dessen bürokratisch dahinsiechenden Zeitenlauf – mutig, modern, ja: fast mondän. Immerhin sind Klinsmann und Bierhoff, die ehemaligen DFB-Torjäger und -Kapitäne, auch den deutschen Auswahlspielern mit dem meisten Intellekt der letzten 20 Jahre zuzurechnen. Was einerseits die große Not und den daraus erzwungenen Stilwechsel im DFB signalisiert, zum anderen aber gerade in diesem Geschäft keineswegs ohne Relevanz ist. Denn die Geschicke der Nationalmannschaft werden allzeit kräftig von den Launen der Regenbogenpresse beeinflusst, manchmal sogar erbarmungslos gesteuert. Und dass sich der Boulevard dabei naturgemäß leichter (und lieber) mit den schlichten Gemütern liiert, liegt auf der Hand. Insofern dürfte Klinsmann und Co., die sich schon zu aktiven Zeiten nie mit den lautesten Schreihälsen arrangiert haben, der Wind erst einmal heftig ins Gesicht blasen. Fraglos wäre ein Lothar Matthäus für die Biertischrunden im Land attraktiver gewesen. (…) Klinsmann hat bereits seine Philosophie skizziert. Ein arges Revirement wäre demnach unter seiner Verantwortung zu beobachten, von der Sichtung im untersten Jugendbereich bis zur Altersbegrenzung auf höchster Funktionärsebene. All das klingt vernünftig, vieles davon ist unumgänglich, falls der zweitklassige deutsche Fußball tatsächlich wieder auf die Beine kommen will. Eine andere Frage ist aber, ob der DFB das noch will, wenn dafür auch solche Köpfe rollen müssen, die für den Niedergang der letzten Jahre verantwortlich waren.“

Er könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden

Stefan Hermanns (Tsp 22.7.) analysiert Gerhard Mayer-Vorfelders Motive für die Entscheidung, Klinsmann zu bitten: „Der frühere Nationalspieler hat sich zuletzt als entschiedener Kritiker der Zustände im DFB hervorgetan. „Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinander nehmen“, hat er der SZ gesagt. Klinsmann ist beliebt, er gilt als kluger Kopf, findet bei den Medien Gehör. Kurz: Er könnte den alten Männern beim DFB gefährlich werden. Mayer-Vorfelder jedenfalls folgt mit seiner Strategie einem erprobten Muster. Das Prinzip hat schon im Machtkampf um das Amt des Präsidenten funktioniert. Wenn du deine Feinde nicht ausschalten kannst, musst du sie so heftig umarmen, dass ihnen irgendwann die Luft wegbleibt. Deshalb gibt es im DFB künftig zwei Präsidenten, und der zweite, Theo Zwanziger, redet plötzlich ganz sanft über den ersten, Mayer-Vorfelder, den er zuvor heftig bekämpft hat. Deshalb könnte es bald einen Teammanager Klinsmann geben – unter einem Präsidenten Mayer-Vorfelder natürlich, der weiterhin das letzte Wort hätte. Allerdings lässt sich das Prinzip MV auch nicht bis ins Unendliche ausreizen. Wenn es so weiter geht, ist irgendwann einfach keine Macht mehr da, die geteilt werden kann.“

Chim chiminee, chim chiminee
Chim churoo
Jurgen was a German
But now he’s a Jew

He’s coming home
He’s coming home
He’s coming
Klinsmann’s coming home

Zwei Sprechchöre der Fans von Tottenham Hotspurs über Jürgen Klinsmann, zunächst als Diver geächtet empfangen, später als Torjäger verehrt und als Sympathieträger geliebt. Klinsmann spielte zwei Mal für die Spurs: 1994/95 und von November 1997 bis Juni 1998. Das erste Lied (Melodie aus Mary Poppins) mag in politisch-korrekten deutschen Ohren schellen – doch zu Unrecht: Die Spurs stilisieren sich als Verein mit jüdischem Hintergrund und jüdischer Tradition. Die Rückkehr des (mittlerweile) Europameisters feierten die Fans 1997 mit der Adaption von ‚Football’s coming home‘, der Hymne der EURO 96. Jürgen Klinsmann sang sie beim Empfang der Europameister auf dem Frankfurter Römer – einer seiner schwächeren Auftritte.

Ein Vorschlag, der, sagen wir, etwas abseits des Weges liegt

In den letzten Tagen und Wochen hat die SZ Christoph Schlingensief als Bundestrainer vorgeschlagen und Käpt’n Blaubär und Arnold Schwarzenegger und Miss Marple und und und. Christian Zaschke (SZ 21.7.) schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht: „Zugegeben, bislang waren die hier unterbreiteten Vorschläge einerseits exzellent, andererseits vorhersehbar, denn alle genannten Kandidaten drängen sich ob ihrer mannigfachen Qualitäten auf. Heute nun soll ein Vorschlag unterbreitet werden, der, sagen wir, etwas abseits des Weges liegt. Der zunächst seltsam und befremdlich anmutet, der, seien wir ehrlich: grotesk, irrsinnig, bizarr, wahnwitzig und vollkommen übergeschnappt ist. Ballaballa. Bekloppt. Sicherung durchgebrannt. Aber es geht dem deutschen Fußball gerade nicht so gut, genaugenommen geht es ihm so schlecht, dass es Zeit ist für einen neuen Weg, für ein Experiment. Vielleicht geht es schief, und jene, die nach uns kommen, werden dereinst in großer Verachtung sagen: Wie konnten sie nur! Vielleicht aber wird der Tag der Vertragsunterzeichnung ein nationaler Gedenktag, weil sich alles zum Guten wendete, das Blatt, der Fußball, die Welt. Vielleicht wird unser Kandidat auf den Schwingen des Schicksals zum Höchsten getragen, und mit ihm der Fußball, mit ihm das Land. Es kann eine Zeit des Jubels und der Freude sein, ein Rausch, und ja, nun muss es heraus, das höchste Wort, wir wollen, hosianna, den Bundestrainer vorschlagen, wir rufen: Lothar Matthäus. Kleiner Scherz. Nichts für ungut.“

Mittwoch, 21. Juli 2004

Ballschrank

Spielplan der Saison 04/05 im Tagesspiegel

Spielplan der Saison 04/05 im Tagesspiegel

Spielplan der Zweiten Liga auf Spiegel-Online

interaktive Formate der DFL zum Mitspielen: ein Quiz, ein Manager-Spiel u.v.m.

Der Tagesspiegel stellt die Bundesliga-Vereine der Saison 04/05 vor:
1. FC Kaiserslautern, “Pfälzer Aufbruch”
1. FC Nürnberg, „die Realisten“ Arminia Bielefeld, „die kleinen Überflieger“
„Der 1. FSV Mainz 05 könnte in der Bundesliga den freien Platz für alternativen Fußball besetzen“
viel über Hertha BSC

Dienstag, 20. Juli 2004

Internationaler Fußball

Portugiesische Revolution jenseits von Bosporus und Ural

Martin Hägele (NZZ 20.7.) berichtet den Auftakt der Asien-Meisterschaft: „Wenn es im internationalen Fussball derzeit einen Trend gibt, dann sind daran die Sensations-Europameister aus Griechenland schuld. Am Beispiel von „König Otto“ alias Rehakles und dessen tapferen Hellenen orientieren sich mittlerweile über ein halbes Dutzend Völker in Asien; die portugiesische Revolution ist über Bosporus und Ural hinweggeschwappt nach China, wo seit Samstag 16 Mannschaften ihre kontinentale Fussballmeisterschaft (Asian Cup) austragen. Zum ersten Mal nach dem in Europa gängigen Format und auch gleich nach den dort gerade herrschenden Regeln, wonach die Kleinen rotzfrech die Grossen aufmischen und über Jahre gewachsene Hierarchien auf den Kopf stellen. So musste die Auswahl des Gastgebers froh sein, dass das Eröffnungsspiel gegen Bahrain im nicht einmal halb gefüllten Workerstadion von Peking nicht verloren ging; und Trainer Arie Haan geriet nach dem Ausgleichstreffer zum 2:2 in der Schlussminute ähnlich hart in die Schlagzeilen der Kritiker, wie dies dem brasilianischen Weltmeistertrainer Scolari nach der verpatzten EM-Premiere gegen Griechenland passiert war. Den Holländer mit Hauptwohnsitz Stuttgart bringen die Attacken von Pekings Medien nicht aus dem Konzept. Denn Bahrain zählte von vornherein als schwerster Gruppengegner, zudem tun sich Gastgeberteams beim ersten Vorspielen immer schwer. Folgen hatte dagegen die 1:2-Niederlage Katars gegen Indonesien. Der Franzose Philippe Troussier kündigte an der Pressekonferenz nach dem Spiel seinen Rücktritt zum Turnierende an, möglicherweise kommt er mit diesem Schritt einer Entlassung zuvor. Die Vorstellungen des WM-Helden, der vor vier Jahren in Beirut Team Nippon zum Asienmeister und 2002 zum salonfähigen Gastgeber der Weltmesse gemacht hatte, und jene der ehrgeizigen und reichen Scheichs im Ölstaat passen schon länger nicht mehr richtig zusammen. Troussier war schon mit seinen dubiosen Einkaufs- und Einbürgerungsplänen gescheitert, nachdem die Fifa die allzu freizügige Naturalisierung von internationalen Stars gestoppt hatte. In Peking stand Troussier jedenfalls kein Torschützenkönig namens Ailton zur Verfügung, auch nicht die Brüder Dede von Borussia Dortmund oder sonst irgendwelche arabisierten brasilianischen Koryphäen; der eigenwillige Franzose konnte nur Kicker auf den Platz schicken, die in Katar geboren worden waren.“

Ball und Buchstabe

Hillsborough: Heuchlerische Entschuldigung

Liverpool verzeiht der Sun nicht, die vor fünfzehn Jahren (Hillsborough) Liverpool-Fans zu Unrecht diffamiert hat; Wayne Rooney weiß nichts davon (FAS) u.a. (mehr …)

Bundesliga

Notwendige Weiterentwicklung der individuellen und kollektiven Fähigkeiten

Matthias Sammer doziert über die Perspektiven des VfB Stuttgart (WamS) – Ailton und Schalke freunden sich an

Was wird aus dem VfB Stuttgart? Markus Lotter (WamS 18.7.) protokolliert Matthias Sammers Wort-Ballons: “Die Stimmung ist gut beim VfB. Sammer ist zurück im Ländle. Der Mann, der 1990 von Dynamo Dresden nach Schwaben gekommen war, die Stuttgarter 1992 zur Deutschen Meisterschaft führte, danach bei Inter Mailand sein Glück suchte und für einige Jahre in Dortmund fand, soll jetzt als Trainer an dem Haus weiterbauen, für das sein Vorgänger Felix Magath den Grundstein gelegt hatte. Vom Titel als Saisonziel mag Sammer nicht reden, er stapelt lieber tief. „Wir wollen auch nächstes Jahr international spielen.“ Doch die Erwartungen der ambitionierten Vereinsführung an den jüngsten Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte (2002 mit Dortmund) sind klar, der Sachse Sammer ist Schwabens Meisterhoffnung. Nicht sofort, aber auf Sicht will der VfB nicht weniger, als an der Position des FC Bayern München als Branchenführer kratzen. Das weiß auch Sammer, er formuliert es nur umständlicher: „Der VfB ist auf einem guten Weg, aber das kann noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, es muss noch mehr geben.“ Sammer spricht von einer „Stabilisierung der Ansprüche“ und einer „notwendigen Weiterentwicklung der individuellen und kollektiven Fähigkeiten“, um sich auf Dauer in der Spitze der Bundesliga einzurichten. Den Kader dafür hat er. Zwei Jahre spielte Stuttgart unter Magath auf höchstem Niveau. Vizemeister 2003, in der Champions League bis ins Achtelfinale vorgestoßen, vergangenes Jahr kickte sich der VfB auf den fünften Tabellenplatz. Doch jetzt ist erst einmal Arbeit angesagt. Versüßt durch Zuckerstückchen. „Okay, ab zum Mittagessen“, lautet des Trainers finaler Befehl für die heutige Trainingseinheit. Kiebitze und Spieler gucken ungläubig, der sonst so pflichtbewusste Fußballlehrer streicht tatsächlich das bei den Balltretern so unbeliebte Auslaufen aus dem Übungsprogramm. Sammer, rotschöpfig, sonnenempfindlich, flüchtet mit einem breiten Grinsen in den Schatten und urteilt über sich und seine Mannschaft: „Es macht mir richtig Spaß, die Jungs ziehen einfach super mit.“ Was zu erwarten war. Denn Sammers Vorgänger, der gestrenge Felix Magath, hat den Spielern in den vergangenen zwei Jahren von A wie Athletik bis Z wie Zielstrebigkeit das große Alphabet der Professionalität anerzogen. „Es ist erkennbar“, sagt Sammer, „dass die Mannschaft nicht nur positionstechnisch und tabellarisch von Magath profitiert hat, sondern auch von der Professionalisierung.“ Das klingt kryptisch, will aber etwas Einfaches sagen: Sammer hat als Magaths Erbe eine intakte und erfolgshungrige Mannschaft übernommen.“

In einem Gemisch süßer Damen- und holziger Herrendüfte

Ailton und Schalke – das scheint zu passen, meint Richard Leipold (FAZ 19.7.): “Spätestens nach fünfzig Minuten schienen die anfänglichen Vorbehalte der Schalker Basis vergessen. Nach dem Tor zum 3:0 verkündete der Stadionsprecher, Ailton sei „auf Schalke gelandet“. Der Anflug war nicht ohne Turbulenzen verlaufen, weil der Bundesliga-Schützenkönig seinen Abschiedsschmerz deutlich artikuliert und zudem die Lebensqualität im Ruhrgebiet in Frage gestellt hatte – ein Verhalten, das die in diesem Punkt empfindlichen Gelsenkirchener Gemüter vorübergehend erhitzt hat. Trainer Jupp Heynckes und Manager Rudi Assauer versicherten jedoch, Ailton habe nur Spaß gemacht, ganz seiner Natur und seinem Charakter geschuldet. Vieles, was er sage, sei nicht ernst und schon gar nicht böse gemeint. Wie es scheint, hat ein einziges Tor im UI-Cup gereicht, um die atmosphärischen Störungen zu beseitigen. Von jenem beherzten Schuß ins lange Eck an steigerte sich der Beifall zu einem veritablen Crescendo. (…) Dank der klaren Verhältnisse blieb auf der Schalker Trainerbank alles ruhig, obwohl es eine geradezu epochale Änderung der Sitzordnung gab. Manager Assauer hat seinen Stammplatz neben dem Trainer aufgegeben und sich zum ersten Mal in seiner Karriere auf die Tribüne zurückgezogen. Dieser unangekündigte Rückzug hat dem Impresario eine Menge Fragen eingebracht – auf dem Boulevard wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Als richtiger Macho müsse er doch den Schweiß hart kämpfender Männer bevorzugen, wie könne er da auf der Tribüne sitzen, in einem Gemisch süßer Damen- und holziger Herrendüfte? Assauer verstand die Frage nicht – oder tat zumindest so. In der VIP-Lounge angekommen, wirkte er längst nicht so in seinem Element wie Ailton bei seiner Arbeit an der Basis. „Ich habe immer gesagt, mit sechzig ist Schluß auf der Bank“, behauptete Assauer tapfer.“

Deutsche Elf

Ich bin alt genug als Bundestrainer

die Bild-Zeitung diktiert, und „der DFB tut sich schwer, sich den Gang der Dinge nicht von außen diktieren zu lassen“ (FR) / Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und Christoph Daum reden und reden u.v.m.

Der DFB tut sich schwer, sich den Gang der Dinge nicht von außen diktieren zu lassen

„Die wahre Trainerfindungskommission sitzt nicht im DFB-Haus im Frankfurter Stadtwald, sondern in den Redaktionsstuben“, bemerken Wolfgang Hettfleisch & Jan Christian Müller (FR 20.7.): „Die Macht der Bild-Zeitung, hat Alfred Draxler (Sportchef von Bild und BamS) mal gesagt, werde total überschätzt. Weil er das in Wahrheit ganz anders sieht, ist die größte deutsche Boulevardzeitung mitnichten bereit, die Völler-Nachfolge ein paar Offiziellen zu überlassen. Also wird am Rad gedreht – je größer dasselbe, desto besser. Draxler dirigiert sein Ensemble beim Boulevard-Fortissimo aus dem Hamburger Orchestergraben während der legendären Telefonkonferenzen. Hand in Hand mit Duz-Freund Franz gab er bei der informellen Kandidatenkür den Takt vor. Erst musste es Hitzfeld sein, der war Konsens – und liegt dem FC Bayern auf der Tasche. Nach Hitzfelds Absage hisste Bild eilig die Fahne von Otto Rehhagel. „Komm zurück“, barmte das Blatt und greinte: „Deutschland braucht ihn.“ Draxler bescheinigte Rehhagel, der sei „wahrscheinlich genau der Richtige für uns“. Tagelang orgelte das Blatt für die Ottokratie. Dann war die Kirche aus – der „Otto-Schock“ (Bild). „Willkommen in der Fußball-Bananenrepublik“, fauchte der bloßgestellte Draxler. Ein paar Tage lang spielte auch die wohl einflussreichste Sportredaktion der Republik eher lustlos Kandidaten-Roulette, dann wurde, o Wunder, Lothar Matthäus auf den Schild gehoben – mittels einer lustigen Telefon-Leserumfrage. Nun also auch noch Winfried Schäfer. Die SZ ist einen Schritt weiter. Ihr aktueller Vorschlag: Käpt‘n Blaubär. So lustig geht’s bei der Sportbild nicht zu, dazu ist Fußball eine zu ernste Sache. Auch wenn durchaus mal was schief gehen kann: „Alles perfekt mit Hitzfeld“ titelte das Wochenblatt just an dem Tag, an dem der absagte. Ob dieses Desasters gänzlich unverzagt, gab die Gazette zuletzt dem großen Bruder Bild Geleitschutz in der Matthäus-Passion: Chefredakteur Gottschalk, der über seinem Editorial gefährlich nach vorn aus dem Bild fällt, „versteht nicht, wieso sein Name nicht ernsthaft diskutiert wird.“ Sechs Seiten weiter hinten darf sich Loddar dann zweispaltig selbst bewerben (und wird dafür bezahlt): „Ich bin alt genug als Bundestrainer.“ Begreift da einer gar nicht, dass er sich mit der penetranten Werbung in eigener Sache auch noch der letzten Chancen beraubt hat? Der DFB tut sich schwer, sich den Gang der Dinge nicht von außen diktieren zu lassen. Anrufe in der DFB-Zentrale sind dieser Tage zwecklos. Gebetsmühlenartig wird wiederholt: Kein neuer Sachstand. Den kriegen die Bild-Leser dafür am nächsten Morgen aufs Brötchen geschmiert. Bevorzugt vom selbst ernannten Teamchef-Fahnder Beckenbauer. Trotz der Kollateralschäden war es ein kluger Schachzug, den Übervater des deutschen Fußballs bei der Trainersuche ins Boot zu holen. Denn es lässt sich leicht ausmalen, wie die „TFK“ ohne die Immunität der Lichtgestalt durch den Wolf gedreht worden wäre. Kein anderer besäße die Narrenfreiheit, ohne Erfolg drei Kandidaten ins Amt singen zu wollen. Der angeschlagene Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wäre für ein ähnliches Tohuwabohu in den Orbit geschossen worden. Im Schlachtengetöse bleibt einer in Deckung: Rainer Holzschuh vom Kicker. Seine knallharte Botschaft: „Der neue Bundestrainer muss ohne Wenn und Aber die WM ins Visier nehmen.“ Wer hätte das gedacht?““

Ich bin alt genug als Bundestrainer

Das Feuilleton der SZ (20.7.) empfiehlt Matthäus den Sprachkurs „Deutsch und Fußball“ des Goethe-Instituts: „Vormittags wird graue Theorie geübt, Grammatik, Verbformen, Satzbau. Aber alles immer eng am Ball. So wird der Konjunktiv II, knifflige Sache, ein grammatikalischer Doppelpass, mithilfe der Frage: „Was würdest Du machen, wenn Du Bundestrainer wärst?“ eingeübt. Oder es werden, ausgehend von Texten aus dem Kicker, Aufsätze verfasst. Lothar Matthäus, der dritte große Deutsche, hat in der aktuellen Ausgabe des Zentralorgans des deutschen Fußballs übrigens den schönen Satz geschrieben: „Ich bin alt genug als Bundestrainer“, ein Bonmot, das ihn zwar noch nicht für das Amt desselben, aber doch auf jeden Fall für den Einsteigerkurs des Goethe-Instituts qualifiziert.“

Der Rücktritt war ein großer Fehler

Die SZ (19.7.) notiert Beckenbauers Rüffel an Rudi Völler: „Allmählich bekommt Franz Beckenbauer auf seinem Hindernislauf schlechte Laune. Und der Hauptkommissar der mit der Bundestrainersuche beauftragten Sondereinheit des DFB hat inzwischen auch einen Schuldigen für die Misere ausgemacht, die den deutschen Verband hilf- und ratlos erscheinen lässt. Es ist Rudi Völler, dem Beckenbauer im Interview mit der Passauer Neuen Presse vorwirft: „Das war der überflüssigste Rücktritt überhaupt. Er kam zum ungünstigsten Zeitpunkt. Wo kriegst du jetzt einen Coach her?“ Das klingt wie eine Anklage, und damit steht Beckenbauer nicht allein. Auch andere Persönlichkeiten des Fußballs sind zu der Ansicht gelangt, dass Völlers überraschender Rücktritt verantwortungslos war und dem Verband ein Rätsel aufgegeben hat, das er nicht lösen kann. Der Kritik, dass der DFB auf die Situation hätte vorbereitet sein müssen, tritt Beckenbauer entgegen: „Wir haben alle gesagt, Rudi macht weiter bis 2006, egal was passiert. Und wir haben uns ja bei der EM nicht blamiert. Der Rücktritt war ein großer Fehler.“ Ähnlich wertet er auch den Entschluss von Ottmar Hitzfeld, das Angebot zur Nachfolge Völlers abzulehnen, weil er den Stress der sechs Jahre beim FC Bayern noch nicht überwunden habe. „Als Bundestrainer“, gibt er Hitzfeld zu bedenken, „hast du andere Aufgaben, die viel interessanter sind. Da fliegst du mal nach London und schaust dir England gegen Brasilien an, das ist doch schön.““

Bei diesem Bruderpaar muss man sehr vorsichtig sein

Randschauplatz – Javier Cáceres (SZ 19.7.) stellt fest, dass Christoph Daum nicht mehr viel zu verlieren und nicht mehr viel zu gewinnen hat: „Ob es nun zu größeren Verwicklungen kommt? Die Journalisten der türkischen Presse etwas in den falschen Hals bekommen haben, wegen einer womöglich unzulänglichen Übersetzung der Bemerkungen des deutschen Cheftrainers von Fenerbahce Istanbul, Christoph Daum, ins Türkische? Daum jedenfalls mühte sich erkennbar, seinen Dolmetscher mittels eines Schnellkurses in Semantik wieder auf Linie zu bringen, um mögliche Fehldeutungen zu vermeiden. „Dann hat in dieser Situation mal der Herr (Dieter) Hoeneß ein Näschen gehabt“, hatte Daum nämlich gesagt, und damit am Samstagabend im Pressesaal des Berliner Ludwig-Jahn-Stadions, nach dem Sieg von Fenerbahce im Freundschaftsspiel gegen Türkiyemspor Berlin (3:2) unter Journalisten, die des Deutschen mächtig waren, Heiterkeit, unter den türkischen Kollegen Nervosität hervorgerufen. Daum, Hoeneß, Näschen?!? „Im Sinne von: das richtige Gespür gehabt“, flüsterte Daum seinem Interpreten zu. Ach so. Es war nur die Fortsetzung einer von mehreren Sottisen Daums gegen Dieter und Uli Hoeneß, die Manager von Hertha BSC und des FC Bayern München; geäußert hatte er sie am Samstagmittag. In bester Fenerbahce-Demagogie hatte sich Daum darüber amüsiert, dass Hertha für die Eröffnung des renovierten Olympiastadions Besiktas als Freundschaftsspielgegner verpflichtet hatte – und nicht den Lokalrivalen Fenerbahce Spor Kulübü, der allein das Olympiastadion zur Hälfte gefüllt hätte. Sagt Daum. Doch am Samstagabend wollten kaum mehr als 4500 Zuschauer Fenerbahce sehen, und Daum ruderte zurück: „Hoeneß“ Näschen“ eben. Wobei Hertha, wie Daum ebenfalls sagte – „und bei diesem Bruderpaar muss man sehr vorsichtig sein“, die Worte am besten vorher „mit drei Rechtsanwälten“ besprechen – wobei Hertha durchaus bei Fenerbahce um einen Termin gebeten habe; er könne das „schriftlich dokumentieren“. 120 000 Euro habe er von Hertha BSC als Gage verlangt, „aber weil mir der Manager bekannt ist, habe ich über die 120 000 Euro eine Bankgarantie gefordert“, sagte Daum und feixte. Das sei seine Art, „so etwas auszudrücken“. So etwas? Offenbar seinen Ärger darüber, dass Dieter Hoeneß, den Daum aus gemeinsamen Tagen beim VfB Stuttgart kennt, unlängst mit den Worten zitiert worden war, der bis zu seiner Kokain-Affäre bei Bayer Leverkusen tätige Fußball-Lehrer habe zwar kurzfristig Erfolg, hinterlasse aber in seinen Klubs Scherbenhaufen. „Eine 80-Stunden-Woche ist für mich eine Selbstverständlichkeit“, zeterte Christoph Daum; sein Motto sei, „das Doppelte von dem, was ich an Gehalt bekomme, zurückzugeben“. Bei all seinen bisherigen Arbeitgebern sei er daher in bester Erinnerung, und „das lasse ich mir nicht von einem Quatschkopf von Hertha kaputt reden“. Dass er nun, nach einer Periode verbaler Waffenruhe, doch auf Krawall gebürstet zu sein scheint, sobald die Rede auf Hoeneß & Hoeneß kommt, hängt wohl damit zusammen, dass er eingesehen hat, in Deutschland nicht mehr an prominenter Stelle tätig werden zu können.“

Samstag, 17. Juli 2004

Interview

Interview mit dem indirekten freistoss von der taz

Die taz (16.7.) fragt mich nach dem Was, Wie und Warum der EM-Berichterstattung

taz: Sie haben die Berichterstattung der deutschen Tageszeitungen über die Fußballeuropameisterschaft untersucht. Gibt es neue Trends?
OF: Es fällt Sportjournalisten immer schwerer, überhaupt an Informationen ranzukommen. Sie sind stattdessen auf die Verlautbarungen der Mannschaften und Delegationen angewiesen. Anders als in der Vergangenheit gelingt es heute kaum noch, das Innenleben der Nationalmannschaft darzustellen. Und Interviews, in denen wirklich etwas Essenzielles gesagt wird, gab es diesmal gar nicht.
taz: Die Berichterstattung nimmt in der Qualität ab, aber im Umfang dennoch zu?
OF: Ja, und nicht nur in erweiterten Sportteilen. Auffällig ist vielmehr, dass auch andere Ressorts auf den Zug aufspringen. Im Feuilleton, aber auch zum Beispiel im Wissenschaftsressort lesen wir plötzlich etwas über Fußball.
taz: Wird dadurch etwas anderes über die Europameisterschaft vermittelt?
OF: Nein, Null-Informationen bleiben Null-Informationen. Egal an welcher Stelle in der Zeitung man sie druckt. Eher ist eine andere Herangehensweise an den Gegenstand festzustellen, gewissermaßen eine Feuilletonisierung der Fußballberichterstattung. Und diese schlägt interessanterweise sogar in die Sportteile zurück.
taz: Haben Sie ein Beispiel?
OF: Die Geschichte von Luis Figo: seine Auswechslung gegen England. Darum wurde eine Art männliche Seifenoper inszeniert – und zwar in allen Zeitungen. Das war von den portugiesischen Offiziellen durchaus gewollt: Hier gab es auf einmal Informationen: nämlich dass Figo nicht schmollte, sondern während des Elfmeterschießens im Whirlpool gesessen habe und mit einer religiösen Figur in der Hand mitgefiebert habe. Hier wurden offenkundig gezielt Klischeevorstellungen angesprochen. Aber niemand hat das kritisiert: Wenn man schon nicht an echte Information hinter den Kulissen herankommt, dann nimmt man eben die Seifenoper.

Deutsche Elf

Interview mit Jürgen Klinsmann, Kritik am DFB

Kritik am DFB: „Der abermals mangelnde Wille des Verbandes, sich organisatorisch wie personell neu zu ordnen, droht das Projekt WM 2006 zu beschädigen“ (FAZ) / SZ-Interview mit Jürgen Klinsmann über die Notwendigkeit einer radikalen DFB-Reform

Welcher Zwilling kommt, wer hat das letzte Wort?

Michael Horeni (FAZ 17.7.) klagt über die Unfähigkeit und den Unwillen der DFB-Spitze zur Veränderung: “Der abermals mangelnde Wille des Verbandes, sich nach dem Aufstand der Basis gegen Mayer-Vorfelder organisatorisch wie personell entschieden neu zu ordnen, droht das Projekt WM 2006 zu beschädigen. Der vom DFB selbst aufgeworfene und nicht konsequent gelöste Führungskonflikt dürfte den Verband bis zum gesellschaftlichen Großereignis immer wieder einholen. Es wird interessant bis pikant werden, wenn etwa der Präsident von einer internationalen Organisation eingeladen wird und die Themen und Zuständigkeiten ineinanderfließen – oder wenn mit Kapitän Kahn um WM-Prämien verhandelt wird: Welcher Zwilling kommt, wer hat das letzte Wort? Der öffentliche Grundton gegenüber dem Verband und seinen Führungskräften ist auf Moll gestimmt. Das registrieren auch besorgt die WM-Organisatoren, die dem Land fröhliche und unbeschwerte Fußballwochen schenken wollen – und bis zur EM immer nur auf begeisterte Zustimmung in Deutschland gestoßen sind. Das hat sich geändert – seit der DFB sich auf Kompromißsuche machte, obwohl die Misere nach Idealen und neue Wegen verlangte. Die Kraft zur Reform von innen bringt der DFB nicht auf – und die Hoffnung, daß die Nationalelf den Funktionären als Stimmungsmacher aushelfen könnte, ist auch gering. Sie könnte vielmehr Teil des Machtspiels werden.“

Im Moment ist es so, dass jeder um den heißen Brei herumredet
SZ-Interview (16.7.) mit Jürgen Klinsmann über die Notwendigkeit einer Reform des DFBs

SZ: Sie haben einen Manager der Nationalelf gefordert.
JK: Das ist alles eine Wiederholung von alten Dingen, an denen man schon seit sechs bis acht Jahren herumüberlegt. Eine solche Position ist überfällig. Aber das wäre auch nur der erste Schritt. Man muss eine gesamte Umstrukturierung in Gang bringen. Es ist mehr als selbstverständlich, dass die Nationalmannschaft einen Manager haben muss. Fußballteams haben sich zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt, auch die Nationalmannschaft, und es gehört zu einem Unternehmen, dass es professionell geführt wird.
SZ: Was wären die Aufgaben eines solchen Managers?
JK: Er ist ein Bindeglied zwischen Trainer, Mannschaft, Medien und Sponsoren. Er muss Einfluss haben in diesen Bereichen und natürlich auch eine Ausstrahlung. Ich fand Karl-Heinz Rummenigges Vorschlag sehr gut, dass Oliver Bierhoff das machen könnte. Es muss eine junge Person sein, die die Bindung hat zu der jungen Generation von Spielern. Ein Manager muss auf deren Niveau kommunizieren können, das heißt etwa, E-Mails austauschen. Dazu muss er mit Medien und Sponsoren umgehen können. Und der Trainer muss das Gefühl haben, er kann bei diesem Mann mal was abladen. Zuletzt war es so, dass Rudi Völler nirgends etwas abladen konnte.
SZ: Was muss noch geschehen?
JK: Man muss ein Team aufbauen mit Fachleuten für jeden Bereich. Aber bevor man das macht, muss man eine Bestandsaufnahme vornehmen. Also fragen: Wer arbeitet mit den Jüngsten, wer mit den Mittleren, das muss man bis rauf zur U23 ansehen. Wer arbeitet im Management, mit den Medien, in der Sportpsychologie? Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinander nehmen.
SZ: Wer soll das machen?
JK: Es sollte einen Workshop geben. Drei, vier Leute von Verband und Liga, einer vom WM-OK, drei, vier Top-Trainer und drei, vier Top-Manager der Bundesliga. Und die müssen es mal richtig krachen lassen. Im Moment ist es so, dass jeder um den heißen Brei herumredet, und jeder denkt, wenn wir jetzt schnell einen neuen Nationaltrainer präsentieren, dann ist der Druck weg. Dann haben wir uns wieder rausgemogelt.
SZ: So wird es wohl kommen.
JK: Ja, so scheint es. Wenn allen die Nationalelf so am Herzen liegt, warum kommt man dann nicht zusammen und redet Tacheles? Man muss analysieren und einen Plan vorlegen. Auch die Medien müssen eingebunden werden.
SZ: Aufgabe der Medien ist es, eine kritische Distanz zu wahren.
JK: Ja natürlich, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich meine, dass man einen offenen Umgang miteinander pflegt. Wenn man für einen Spieler einen Zweijahresplan entwirft, kann man auch vorhersagen, dass er irgendwann in der Entwicklung ein Tief erreicht. Dann muss man offen mit den Medien umgehen und sagen: Der Junge wird mal einbrechen, weil er im Moment an manchen Dingen mehr arbeitet. Wenn man zum Beispiel jetzt zwei Mal die Woche Schnellkraft trainiert, dann kommt nach zwei Monaten ein Tief. Aber aus einem Spieler, der 12,5 Sekunden auf 100 m läuft, mache ich einen, der 11,8 läuft. Thierry Henry läuft nicht umsonst 11,0. Der hat das trainiert, dem ist das nicht angeboren. Auch mir war das nicht angeboren, ich habe mir die Schnelligkeit zusätzlich erarbeitet. Die gesamte Trainingslehre des DFBs muss dringend reformiert werden.
SZ: Was Sie da vorschlagen, ist eine grundlegende Änderung des Systems.
JK: Die Nationalmannschaft ist ja nur das Aushängeschild. Man muss alles darunter bis in die Jugend durchleuchten. Uli Hoeneß hat mal den FC Bayern von einer Unternehmensberatung ansehen lassen, um herauszufinden, was man besser machen kann. So muss es jetzt beim DFB auch sein. Man schaut, wo es nicht passt, und dann muss man Leute suchen, die das ändern können. Diese Leute gibt es.
SZ: Das würde das Anforderungsprofil für einen Bundestrainer verändern.
JK: Bevor man ein Anforderungsprofil für den Trainer entwirft, muss man erst mal ein Anforderungsprofil für die Leute haben, die den Verband betreiben. Ich fand das gut, was Karl-Heinz Rummenigge vorgeschlagen hat, nämlich eine Altersbegrenzung im DFB. Dazu muss man sich fragen, was man rund um den Bundestrainer aufbaut, was für ein Team, wer dazugehört. Ein Psychologe beziehungsweise Mentaltrainer gehört dazu, die Spieler kommen in Stresssituationen, auf die sie niemals vorbereitet worden sind. Ich habe das Gefühl, die Maschinerie steht in Deutschland seit 20 Jahren.
SZ: Solche Funktionsteams, wie Sie sie beschreiben, haben in Deutschland keinen guten Ruf. Berti Vogts hat das mal in Leverkusen versucht, und er ist nicht nur verspottet worden, er ist auch kläglich gescheitert.
JK: Das Team, das Berti hatte, hat nicht ineinander gegriffen. Aber wenn man ein Team hat, das richtig greift, das auf der gleichen Wellenlänge liegt, dann gibt es nichts Besseres. So etwas praktiziert man in der NBA seit Jahren. Da übergibt Phil Jackson, bis vor kurzem Trainer der LA Lakers, an seinen Taktiktrainer oder an seinen Mentaltrainer, aber er, mit seiner Ausstrahlung, seiner Persönlichkeit – er führt das Ganze.
SZ: Was Sie sagen, klingt so grundlegend, dass man sich fragen muss, ob zwei Jahre überhaupt reichen.
JK: Zwei Jahre sind nur der Anfang. Aber man muss ja irgendwann mal loslegen. Das muss langfristig geplant werden, da muss mindestens ein Zehnjahresplan entwickelt werden. Aber viele beim DFB haben die Einstellung: Hauptsache, ich bin bei der WM 2006 noch im Boot. Danach bekommen wir für mindestens 30 Jahre ohnehin keine Großveranstaltung mehr.
SZ: Sie fordern eine Revolution.
JK: Na ja, es ist ja nichts Neues. Das hat Aimé Jacquet vor zehn Jahren in Frankreich gemacht. Das war auch praktisch eine Revolution. Das heißt nicht, dass andere Länder immer besser sind, aber man muss sich die Informationen holen. Dann rufe ich Aimé Jacquet an und frage: ,Aimé, hast Du mal eine Woche Zeit?“ Dann geht man das mal durch und kann sich immer noch rauspicken, was für den deutschen Fußball am besten ist.
SZ: Sie kennen die handelnden Personen im DFB, das sind seit langem dieselben. Sind Sie nicht skeptisch, dass eine solche Umstrukturierung gelingen kann?
JK: Die Frage ist, inwieweit die Herren – in diesem Fall Herr Mayer-Vorfelder und Herr Zwanziger – inwieweit diese Herren offen sind. Oder ob sie nur eine schnelle Lösung suchen, damit sie bis 2006 aus dem Schneider sind.

Mittwoch, 14. Juli 2004

Deutsche Elf

Alles bricht in schallendes Gelächter aus

ganz Deutschland sucht einen Trainer / wie suchen Franzosen ihren Trainer? wie machen’s die Holländer? / Morten Olsen, „Fußball-Idealist“ (FR) / Guus Hiddink wäre „gut für die Außendarstellung des DFB“ (FR) u.v.m.

Wenn alle witzeln, wird die taz ernst. Fritz Tietz (taz 15.7.) fasst die Suche zusammen und macht einen Vorschlag: „Mit dem größten Vergnügen verfolgt die deutsche Fußballgemeinde momentan die verzweifelt-komischen Bemühungen jener ominösen (und schon an sich sehr witzigen) Trainerfindungskommission (TFK). Alles bricht in schallendes Gelächter aus, wenn mal wieder ein Candidatus unter fadenscheinigsten Vorwänden auf die angeblich so hohe Ehre verzichtet, unter der Fuchtel (und Fahne) einer Schnapsdrossel Teamchef der deutschen Nationalmannschaft zu werden. Unbändig geradezu ist die Heiterkeit, wenn mit Lothar Matthäus unverdrossen immer nur ausgerechnet der ins Chefamt drängt, den partout keiner dort will. Ungezählt bleiben die Lachtränen, wenn es plötzlich heißt, dass möglicherweise wieder Rudi Völler den Posten übergangsweise bekleidet, bis Ottmar Hitzfeld sein Nervenkostüm so weit gelüftet und er zu ausreichend mentaler Stärke gefunden hat. Es ist ein außerordentlicher Spaß, den die Trainersuche des DFB ausgelöst hat und seither begleitet. Insbesondere die Satiriker, Glossisten und Crash-Analytiker haben allen Grund, mit der lustigen Trainerkür zufrieden zu sein. Sie versorgt sie schließlich mit genügend Stoff zur mal mehr, mal weniger geistreichen Betrachtung der Angelegenheit. Sehr beliebt ist es momentan, die TFK mit Vorschlägen bei der Trainersuche zu unterstützen. So präsentiert etwa die SZ seit einigen Tagen etliche potenzielle Kandidaten. Darunter auch Christoph Schlingensief, dem die SZ völlig zu Recht attestiert, dass „der nichts nicht macht und alles mit großer Leidenschaft“. So bekomme die anstehende Operation WM nicht nur einen griffigen Namen („Chance 2006″), mit dem Teamchef Schlingensief wäre auch eine demokratische Kaderschmiede garantiert: „Vor dem Turnier werden so dreißig, vierzig Fußballer in einen Container gesteckt und rund um die Uhr gefilmt. Jeden Tag werden dann per Umfrage zwei rausgewählt, bis die Elf steht“. Erstaunlich leichtfüßig für ihre Verhältnisse geht sogar die Bild-Zeitung mit dem Trainerproblem um. Sie bietet einen Vordruck an, mit dem sich ihre Leser um den Teamchefjob bewerben können. Eine Chance, die auch Bild-Leser und Ex-Bundesligatrainer Dragoslav Stepanovic („Lebbe geht weider“) nutzte. Für ihn spräche neben der Bereitschaft und internationalen Erfahrung vor allem dieses Kriterium: „Ich habe die Erlaubnis meiner Frau“, so Stepi in Bild. Ein sehr bedenkenswerter Vorschlag kommt indes von Welt-Kolumnist Hans Zippert. Er bringt einen interessanten Mann ins Spiel, „der für brutales Angriffsspiel steht, aber auch die Verteidigung beherrscht und der lange Jahre in Holland Erfahrungen sammeln konnte: Slobodan Milosevic.“ Mein Vorschlag soll dagegen ein seriöser sein, auch wenn ich eigentlich der Ansicht Friedrich Küppersbuschs bin, dass man niemandem den Job empfehlen kann, solange die DFB-Vorgabe heißt, 2006 Weltmeister zu werden. Es sei denn, so mein Einwand, es gäbe da jemanden, der irre genug ist. Womit ich, ganz klar, für Peter Neururer plädiere.“

Die Arbeit mit dem Fußball-Nachwuchs ist in Deutschland so populär wie die Erziehungszeit für Väter

Michael Horeni (FAZ 14.7.) empfiehlt das Vorbild Frankreich: „Den entscheidenden Impuls, wie in den Jahren zuvor weiter auf einen Trainer des Verbandes zu setzen, gab Aimé Jacquet, der die Grande Nation 1998 zum Weltmeister machte. Jacquet, wie seine Nachfolger Roger Lemerre und Santini aus dem Verband hervorgegangen, hielt in der Fédération Française de Football ein zwanzigminütiges Plädoyer für Kontinuität. Der Verband solle nicht seiner eigenen Arbeit mißtrauen und nach einem Nachfolger nur in den eigenen Reihen suchen. Die konzeptionelle Arbeit über viele Jahre macht es den Franzosen immer noch möglich, selbst nach zwei großen Enttäuschungen in zwei Jahren, auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Der 52 Jahre alte Domenech, der im Fußball die Phantasie leben läßt, hat in der „U 21″ schon die Stars Zidane, Henry und Trezeguet fortgebildet. Da die Franzosen ihre Auswahlmannschaften nach einem abgestimmten taktischen Konzept spielen lassen und auch deren Trainer als Fachleute anerkannt werden, gilt Domenech im Land auch nicht als umstrittene Wahl. In Deutschland ist eine Lösung, die nicht sogenannte große Namen hervorbringt, kaum denkbar. Noch immer haftet Nachwuchstrainern hierzulande der Makel an, vom „richtigen“ Fußball angeblich nichts zu verstehen. Die Arbeit mit dem Fußball-Nachwuchs ist in Deutschland so populär wie die Erziehungszeit für Väter. Die Qualität einiger Auswahltrainer des Verbandes ist danach. Dieses Defizit ist ein Zeichen für die Geringschätzung der unverzichtbaren Grundlagenarbeit im Fußball – und die Suche nach einem Bundestrainer daher auch nur ein Kapitel in der Trainer-Malaise des DFB.“

Wie und wen sucht Holland? if-Leser Henk Mees sichtet die holländische Presse: Vier Stunden lang haben sie gesprochen in Barcelona, und die holländische Zeitung Algemeen Dagblad (13.7.) weiß, was Johan Cruijff dem holländischen Fußballverband KNVB empfohlen hat: Marco van Basten soll der neure Bundestrainer werden, zusammen mit seinem Ajax-Kumpel John van ’t Schip. KNVB-direktor Henk Kesler und das Sodann wurde bekannt, wie sein erster Rat lautet: nimm doch Van Basten! Cruijff und van Basten (39) hatten immer schon ein enges Band. Ihre Ideen über Fußball kommen immer überein, aber wie Cruijff hat van Basten die letzten Jahre Abstand gehalten. Elf Jahre ist es her, dass van Basten in München, im Europapokal-Endspiel zwischen AC Mailand und Olympique Marseille (0:1) sein letztes Pflichtspiel machte. Das Knochengelenk funktionierte nicht mehr nach Belieben. Erst vor zwei Jahren begab er sich zu einem Trainerkurs. Mit seinem ehemaligen Mitspieler van ’t Schip (40 Jahre, 41 Länderspiele, gescheitert als Trainer bei FC Twente) startete er voriges Jahr bei der Reserve-Mannschaft Ajax Amsterdams. Jetzt winkt der Aufstieg zur Nationalmannschaft. Zu erwarten ist, dass van Basten viel Beifall erhalten würde in Holland, wenn es tatsachlich so weit kommt. Bei den Spielern der Nationalmannschaft und beim Publikum genießt er großen Respekt. Das Algemeen Dagblad berichtet, dass van Basten schon damit rechnete, erster Kandidat für die Nachfolge Dick Advocaats sei. Auch De Telegraaf (13.7.) schildert die geheim gehaltene Mission des KNVB in Barcelona. Erstaunlich: Obwohl Cruijff schon Jahrzehnte lang als Kolumnist dem Telegraaf treu ist, weiß diese Zeitung nichts über den Inhalt der Gespräche. In der holländischen Presse fällt zudem auf, wie Guus Hiddink einen Wechsel zum DFB offen lässt: ,,Ich habe die Gerüchte auch gehört, aber vorübergehend sind das nur Gerüchte”, sagt der Trainer des PSV Eindhoven im Brabants Dagblad (13.7.). PSV-Beobachter Frans van den Nieuwenhof entdeckt in den Äußerungen Hiddinks eine nuancierte Änderung. ,,Bisher hatte Hiddink über eine eventuelle Kandidatur nur gesagt ‘Kein Kommentar’. Jetzt klingt es wie: ‘Noch nicht.’

Franz Beckenbauer ist nicht zu beneiden

Philipp Selldorf (SZ 15.7.) hält die Situation in Holland für schwer vergleichbar: “Wir schauen mit eitler Sehnsucht auf unser Nachbarland im Westen, weil es einen neuen Bundestrainer gefunden hat, der nicht nur einen großen Namen trägt, sondern auch eine respektierte Person ist. Die Rede ist von Marco van Basten, der nach Lage der Dinge das Erbe des zurückgetretenen Dick Advocaat übernehmen wird. Seit Advocaats unauffälligem Verschwinden hat wie in Deutschland auch der Königlich Niederländische Fußballbund (KNVB) angestrengt nach einem Betreuer für die Nationalmannschaft gefahndet. Und wie hierzulande ist auch in Holland eine in den Adelsstand erhobene nationale Fußball-Autorität hervorgetreten, um den geeigneten Mann zu finden. Noch eine Analogie: Wie der deutsche Hauptkommissar Franz Beckenbauer verdingt sich auch Johan Cruyff, der inoffizielle Sonderberater des KNVB, nebenberuflich als Guru in den Medien und geht den meisten Leuten damit auf die Nerven. (…) Gibt es nicht auch in Deutschland außer den Absolventen der Trainerakademie (über die erschreckend wenig gesprochen wird) genügend renommierte Alt-Nationalspieler, die gern Trainer wären? Schon, aber die arbeiten entweder bereits beim DFB (Hrubesch, Stielike, Eilts), oder sie sind aus gutem Grund dort nicht beschäftigt (Kohler, Brehme, Matthäus). Der Versuch mit Deutschlands van Basten – Rudi Völler – wurde soeben beendet; Jürgen Klinsmann, eine vergleichbare Alternative und im Besitz einer Trainerlizenz, lebt sorgenfrei in Kalifornien. Franz Beckenbauer ist nicht zu beneiden.“

Fußball-Idealist

Frank Hellmann (FR 15.7.) stellt Morten Olsen vor: „Das Spiel, das er mag, nannte er früher schon mal „undeutsch“. Morten Olsen, seit 2000 Nationaltrainer Dänemarks, ist ein Freund jenen Fußballs, der die just vergangene Europameisterschaft prägte. Ansehnlich, anziehend, auf Angriff ausgerichtet. „Im Fußball gibt es viele Wege, die zum Erfolg führen. Ich wähle den schweren“, hat er einmal gesagt. Davon ist Olsen bis heute überzeugt: Von ihm wird das 4-3-3 mit zwei echten Flügelstürmern propagiert, technisch versierte, flexibel verwendbare, weil vielseitig ausgebildete Profis stehen auf seiner Prioritätenliste weit oben. Der ästhetische Stil und das attraktive Spiel sind ihm fast ebenso wichtig wie das Ergebnis. Olsen, 54, ist noch so etwas wie ein Fußball-Idealist. (…) Der Mann genießt in Dänemark bei Fans, Medien und Spielern höchste Wertschätzung. Die Abschottung deutscher Art war den Dänen diesen Sommer im EM-Trainingslager in der Nähe von Lagos fremd: Vor den Übungseinheiten gaben die Spieler unbehelligt Interviews, der lockere Plausch war durchaus auch Olsens gängiges Kommunikationsmittel.“

Gut für die Außendarstellung des DFB

Wie wär’s mit Guus Hiddink, Jan Christian Müller (FR 15.7.)? “Der Niederländer aus der Provinz Geldern, ein Liebhaber von Blues-Musik und leidenschaftlicher Golfspieler, hat zwar als Spieler nie das Dress der niederländischen Elftal getragen, gehörte allerdings vor der WM 1974 zum erweiterten Kader und bewegt sich außerhalb des Fußballplatzes im Stile eines Weltmannes. Thomas Schnelker, der exzellente DFB-Dolmetscher, bräuchte einem wie Hiddink nicht zur Seite zu stehen. Der derzeit bis 2007 als Trainer und Teammanager beim PSV Eindhoven unter Vertrag und dort moralisch in der Pflicht stehende mehrfache Meistertrainer spricht neben seiner Muttersprache fließend englisch, französisch und deutsch. Bei Pressekonferenzen pflegt Hiddink seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, was als Bundestrainer im eigenen Land dem Anliegen der Weltpresse und der Außendarstellung des DFB fraglos zugute käme. Er selbst zerstreut Zweifel, dass ausgerechnet ein Coach aus den Niederlanden den Erzrivalen betreuen würde: „Warum nicht, jetzt sind alle Länder europäisch.“ Ähnlich wie Otto Rehhagel gilt Hiddink als guter Analytiker, der genau weiß, mit welchem taktischen Konzept seine Mannschaft reüssieren kann. Bei Bedarf offensiv – wie mit den Niederlanden 1998, die erst in einem atemberaubenden Halbfinale gegen Brasilien ausschieden; oder defensiv mit ungeheurer Laufbereitschaft und ungemeinem Einsatzwillen – wie Südkorea, das 2002 erst im Halbfinale von Michael Ballack gestoppt wurde. In Südkorea wurde Hiddink zum Volkshelden. Korean Air gewährt ihm unbegrenzt Freiflüge nach Südkorea, außerdem stellen Sponsoren ihm ein Haus auf der Ferieninsel Jeju zur Verfügung.“

Trainerfrage

Hitzfeld sagte Nein
Daum kann’s niemals sein
Herberger ist tot
Deutscher Fussballbund in Not

Ob Rehakles will?
Ob Matthäus … still!
Stange, Ex-Irak
Ist ein Mann, der Krisen mag

Drängt’s zum Traineramt
Spieler insgesamt?
Olli Kahn, ein Mann
Der schon auch mal brüllen kann

Deutsch? Spricht das noch wer?
Gebt halt Jakob her,
Schweizer! Lösung nun
Die ist: Deutschland, Kahn und Kuhn!

Wolfgang Bortlik (NZZaS 11.7.)

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 0,838 seconds.