indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 24. Juni 2004

Allgemein

Mittelmäßigkeit und Gleichförmigkeit

„für Verzweiflung besteht kein Anlass“ (Tagesspiegel) / „Mittelmässigkeit und Gleichförmigkeit“ in der DFB-Elf (NZZ) / „da war kein Feuer im Team“ (FR) – die Holländer können’s kaum fassen (SZ) – „sollte das 2:2 zwischen Dänemark und Schweden doch ein grandioses Täuschungsmanöver gewesen sein, dann Hut ab“ (FAZ) – „die Italiener sind schlechte Verlierer“ (FR) / „ausgerechnet die Italiener fühlen sich von einer Wikinger-Mafia verschaukelt“ (FAZ) / „halb Berlusconien schreit Zeter und Mordio“ (SZ) u.v.m.

Deutschland-Tschechien 1:2

Das war viel zu wenig, Ludger Schulze (SZ 24.6.): „In einer staunenswert schlechten deutschen Mannschaft gab es während der ersten Hälfte einen, der Fußball spielte, kämpfte, grätschte, Pässe zum Nebenmann brachte und zunächst das Tor schoss, das man vom ihm erwartet hatte. Es ist der Mann gewesen, der im Dress des FC Bayern das Publikum und die Vereinsverantwortlichen ratlos machte, weil man sich in Anbetracht seiner Leistungen fragen musste, wo er sein unbestreitbares Können gelassen hatte. Mitunter spielte er so nervtötend lau, dass sich die Klub-Bosse irgendwann überlegten, den Spieler mit der Nummer 13 zu veräußern. Zweifel daran kamen allerdings immer dann auf, wenn er für Rudi Völlers Nationalteam antrat – und oft überzeugte. Der Mann zwischen Tag und Nacht ist Michael Ballack. Die Nacht über dem Stadion in Lissabon zog kurz nach der Pause ein. Zwar war es immer noch Ballack, der am meisten im Bild war bei den Weißen, aber auch er ging mit ihnen unter. Einmal nur, bei seinem Schuss an den Pfosten, sorgte er für Gefahr für das tschechische Tor, aber er war es wieder nicht, der die großen Signale setzte. Wie schon mit den Bayern in der Champions League gegen Real Madrid. Es gelang Ballack nicht, mit seiner Aura abzustrahlen, es gelang ihm nicht, die anderen mitzureißen, ihnen ihre Ängste zu nehmen, sie zu beruhigen. Torwart Kahn trägt zwar die Kapitänsbinde, aber Ballack ist der Chef dieser Mannschaft für die EM 2004, die gegen eine B-Elf unterging.“

Mittelmässigkeit und Gleichförmigkeit

Felix Reidhaar (NZZ 24.6.) fügt hinzu: „Eine noch so überragende Spielerfigur Michael Ballack hat für den WM-Zweiten Deutschland nicht ausgereicht, gegen Tschechiens „zweite“ Nationalmannschaft den nötigen Sieg zu erzielen. Rudi Völlers gegen Holland an sich vielversprechend zum Turnier gestartete Equipe fehlte es nach der einfallslosen Leistung gegen Lettland erneut an Inspiration und spielerischer Klasse, um aus der zuletzt so oft demonstrierten Mittelmässigkeit und Gleichförmigkeit herauszufinden. Gegen die Tschechen, die sich nach Kräften wehrten, liessen es die Deutschen nicht am Willen und Kampfgeist fehlen, sie unternahmen alle Anstrengungen und standen einem Tor in ihrer Druckperiode nach der Pause sehr nahe, doch das Glück konnten sie diesmal nicht erzwingen. Sie wurden im Gegenteil 2:1 geschlagen und bleiben damit seit dem EM-Titelgewinn in London 1996 – gegen die Tschechen – ohne Sieg in sechs EM-Endrundenspielen. Die Skeptiker in den deutschen Medien erhielten damit für ihre pessimistische Einschätzung Recht. Und die Holländer brauchen sich nicht weiter zu ärgern über den tschechischen Rückgriff auf die Reserven. Diese spielten von Beginn weg fair und engagiert um den Sieg, der ihnen zwar schmeichelte, den sie aber nicht stahlen.“

Till Schwertfeger (Spiegel Online) zensiert: „Die Schulnote sechs wäre in der Tat eine angemessene Beurteilung für die Darbietung der deutschen Mannschaft in den ersten 45 Minuten. Als hätten sie kiloweise Blei in den Schuhen, lahmten einige Nationalspieler über den Platz, am schlimmsten sah es bei Didi Hamann aus.“

Da war kein Feuer im Team

Was für eine holprige Partie! Jan Christian Müller (FR 24.6.): „Der DFB-Elf war die Nervosität spürbar anzumerken. Gehemmt, ängstlich, fast hilflos waren sie in der ersten Halbzeit zu Werke gegangen, ohne Ideen, ohne Esprit. Da war kein Feuer im Team, vieles war zu statisch, so als trüge jeder Spieler noch einen extra schweren Tornister auf dem Rücken. Ähnlich holprig wie die deutsche Elf hat sich nur die Gattin des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder angestellt, als sie mit hochhackigen Schuhen und einem Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster ins Stadion Jose Alvalade unterwegs war. Zu verstehen war nicht, warum das deutsche Team nicht in Schwung kam. Die erste Halbzeit hatten Völlers Mannen komplett verschlafen. Vieles wirkte pomadig. Schneider war ein Totalausfall, auch Frings war nicht viel besser auf der rechten Seite, Hamann machte das ohnehin nicht schnelle Spiel der Deutschen immer wieder unnötig langsam.“

Michael Rosentritt (Tsp 24.6.) beobachtet den Bundestrainer: „Rudi Völler hatte seine eigene Taktik geändert. Für das entscheidende Spiel hatte er sich mit verschränkten Armen an der Seitenlinie aufgestellt – und blieb dort stehen, während seine Spieler versuchten, den Ball auf dem Rasen zum Laufen zu bringen. Normalerweise schaut sich der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft die Spiele zunächst im Sitzen an – doch je ängstlicher seine Mannschaft agierte, umso nervöser rannte Völler herum. Doch Völlers Engagement übertrug sich selten auf sein Team.“

Tim Bartz (FTD 24.6.) gratuliert Karel Brückner: „Die Tschechen gelten gemeinhin als liebenswerte Schlitzohren. Legende sind die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Unter der Flagge der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn überlebte der gewitzte kleine Mann den Ersten Weltkrieg dank seiner ausgeprägten Bauernschläue und seines überwältigenden Humors. Über seinen literarischen Vater Jaroslav Hasek heißt es, er habe Geld zeitweise auf böhmischen Kirmesplätzen mit einem Trick verdient: So habe Hasek Neugierige mit dem Versprechen in sein Zelt gelockt, ihnen ein Erlebnis zu bieten, das sie nicht vergessen würden. Einmal hineingelockt ins abgedunkelte Rund, habe er die Kunden mit einem kräftigen Tritt in den Hintern gleich wieder hinaus befördert – fürwahr Entertainment der besonderen Art. Und dann war da noch Antonin Panenka: Im EM-Finale 1976 traf die damalige CSSR auf Deutschland und besiegte den amtierenden Weltmeister nach Elfmeterschießen. Den entscheidenden Strafstoß versenkte der Prager auf bis dato nicht gekannte Art: Panenka nahm einen langen Anlauf, ruderte wild mit dem linken Arm, um Sepp Maier im Tor der Deutschen den Eindruck zu vermitteln, den Ball im rechten Eck zu versenken – um ihn dann mit einem butterweichen Tupfer aufreizend lässig direkt in die Tormitte zu löffeln. Die aktuelle Schwejk-Hasek-Panenka-Variante heißt Karel Brückner, ist Trainer der tschechischen Auswahl und wird ob seiner schlohweißen Haarpracht liebevoll „Kleki-petra“ genannt, frei nach dem weisem Vater Winnetous, dem Häuptling der Apachen. Im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland verzichtete Brückner gestern Abend gleich auf neun Stammspieler seiner bereits für das Viertelfinale qualifizierten Mannschaft. In erster Linie natürlich, um Kräfte zu schonen und Spielsperren zu vermieden. Womöglich aber auch, um die Deutschen zu demütigen, falls sie es nicht schaffen würden, sein B-Team zu schlagen.“

morgen im freistoss: mehr über das Ausscheiden der Deutschen

Holland-Lettland 3:0

Stefan Hermanns (Tsp 24.6.) notiert: „Dick Advocaat ist doch im Stadion Braga erschienen. Der Trainer der Niederlande hat das Rückflugticket nicht genutzt, das enttäuschte Fans für ihn gekauft hatten. Flug TV 541 hob ohne Advocaat ab. Der Trainer wird mindestens bis Samstag bei der EM in Portugal bleiben.“

Peter B. Birrer (NZZ 24.6.) ist genervt: „Vor dem Spiel war ein x-tausendköpfiger, orangefarbener, vorwiegend alkoholisierter Menschen-Wurm durch die kleine Stadt gezogen, einem Saubannerzug ähnlich, da anlässlich einer Euro offenbar jedes Verhalten erlaubt ist. Der Sicherheitsdienst schaute nur hilflos zu, und dem Verkehr blieb nur noch eines übrig: der Zusammenbruch. Die Oranjes nahmen in der Tat wenig Rücksicht, mussten auf tschechische Schützenhilfe hoffen und belagerten schon Stunden vor dem Spielbeginn erwartungsfroh die schmucke Sportstätte, die für einen Abend fast nur in die Farbe Orange gehüllt war. Auf dem Rasen entwickelte sich ein Geschehen mit bizarren Zügen. Und zwar nicht, weil einen der Bauch des Stadions und die Umgebung an die Kulisse eines James-Bond-Films erinnern, sondern, weil schon bald einmal das Spiel zwischen Tschechien und Deutschland auf mehr Interesse stiess als jenes in Braga. Die Menge heulte auf, als die Tschechen zum 1:1 ausglichen. Die Menge begann kurz darauf wieder zu jubeln – und niemand wusste warum. Einfach so. Tschechien wurde auf breiter Front bejubelt. Im Stadion selber fragte man sich, wie lange wohl die lettische Mauer den Angriffen des Favoriten würde standhalten können, der ja tatsächlich gegen den einen Felsen auf der Längsseite des Estádio anrannte. (…) Der Mist war aus Sicht der Niederländer geführt – oder je nach Sichtweise: der Steinbruch bearbeitet.“

Die Holländer können’s kaum fassen, Christoph Biermann (SZ 24.6.): „Am Ende blickten sie sich an, als sei alles ein Märchen. Als hätten sie geträumt. Nein, die Spieler der Niederlande hatten vor dieser Partie nicht daran geglaubt, dass sie ins Viertelfinale einziehen. Es war eine dieser Partien, wie wir sie von den Zuspitzungen letzter Spieltage aus der Bundesliga kennen, bei der eine Mannschaft auf den Ausrutscher einer anderen warten muss. In Braga schienen beide Teams zunächst auf ein Signal aus Lissabon zu warten. Offensichtlich wussten vor allem die holländischen Spieler nicht so recht, was sie mit der Begegnung anfangen sollten. Müde und ratlos trabten sie über den Rasen, dazu dösten ihre Fans auf den Tribünen vor sich hin. Van Nistelrooy vergab nach einer Viertelstunde eine Chance so, wie er das selten tut. Frei vor dem lettischen Keeper schoss er Aleksandrs Kolinko an. Die Depression erreichte ihren Tiefpunkt, als die deutsche Führung aus Lissabon gemeldet wurde. Viele Holländer hatten Radios mitgenommen, denn plötzlich war es so still im Schatten der Felswand, dass man die Rufe der Spieler hören konnte. Doch innerhalb von zehn Minuten änderte sich alles. Die Niedergeschlagenen kamen aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus.“

Schweden-Dänemark 2:2

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 24.6.) hat das Spiel gefallen – und das Nachspiel: „Vielleicht beging Olsen, der erfahrene, weit gereiste Coach, nun einen Fehler. Er wechselte von seiner geschäftsmäßigen Redeweise in eine Tonart der Empörung, die darauf schließen ließ, er sei eher beleidigt denn verletzt über diesen Vorwurf: „Das ist doch lächerlich, absolut lächerlich!“ Olsen verlor für einen Moment seine Souveränität und Fassung – und genau das deuteten italienische Medienvertreter als vorgespielt und unehrlich. Es wurde nachgefasst, und Olsen grollte ein zweites Mal: „Es ist einfach nur lächerlich.“ Der Auftritt von Schwedens Trainer Lars Lagerbäck war hingegen ein Lehrstück darüber, wie jemand seine innere Haltung ganz unverstellt Dritten vermitteln kann. „Wenn sich Italiens Trainer Giovanni Trapattoni das Video zu dem Spiel ansehen wird, dann wird er sehen, dass es ein total reelles Match war. Es war ein grundanständiges Spiel, das beide Mannschaften unbedingt gewinnen wollten. „Unglücklicherweise“, so Lagerbäck, sei es so ausgegangene, dass es für Gerüchte Platz biete. Im feinsten Sprühregen bei 18 Grad entfaltete sich ein Spiel voller Leidenschaft und Hingabe, das in seinen kleinsten Aktionen wie auch in seinem großen dramaturgischen Bogen unendlich weit entfernt war von Verschwörungsplänen. Jedes Fußballspiel hat seinen eigenen Herzschlag, und das zwischen Dänemark und Schweden hatte einen kraftvollen, gesunden. Hier die leichtfüßigen, variablen, kreativeren Dänen, da die kraftvollen, kompakten, etwas behäbigen Schweden mit ihrem englisch geprägten Stil. Es war ein rassiges Hoch und Runter im prestigeträchtigen Wettkampf um die inoffizielle nordische Meisterschaft. Die Dänen wollten den Sieg dem äußeren Eindruck nach zwingender als der Rivale aus dem großen Nachbarland.“

Sollte es doch ein grandioses Täuschungsmanöver gewesen sein, dann Hut ab

Peter Heß (FAZ 24.6.) sah ein mitreißendes Duell: “Nach der zweiten Nachfrage verlor Morten Olsen die Geduld und die gute Laune: „Ich beantworte zu diesem Thema keine Fragen mehr. Das ist lächerlich.“ Womit der Trainer der dänischen Fußball-Nationalmannschaft natürlich die Verschwörungstheorien der Italiener unterstützte. Die Südeuropäer hatten schon vorher gemutmaßt, daß das letzte Vorrundenspiel zwischen Dänen und Schweden 2:2 enden würde, weil dieses Ergebnis ihrer Squadra Azzurra keine Chance mehr ließ, an einem der beiden Teams vorbeizuziehen und das Viertelfinale zu erreichen. Aber wer das Spiel im Estádio do Bessa verfolgt hatte, mußte Olsen recht geben. In diesem intensiven, hin und her wogenden Match sah nichts nach Absprache aus. Sollte es doch ein grandioses Täuschungsmanöver gewesen sein, dann Hut ab. Dann war es die perfekte Illusion eines Zauberkünstlers à la David Copperfield, dessen Tricks die Gesetze der Natur außer Kraft zu setzen scheinen. Aber der amerikanische Magier kann seine Show monatelang vorbereiten, mit hohem technischen und finanziellen Aufwand an einer effektvollen und überzeugenden Aufbereitung feilen. Den skandinavischen Fußballprofis hätte nichts anderes als ihr Geschick und ihre Improvisationskunst zur Verfügung gestanden. Nein. Es war nicht nur die Darstellung eines epischen Kampfes um den Ball. Die beiden Teams boten ganz real ein mitreißendes Fußballspiel. Bei skandinavischen Wetterverhältnissen – 17 Grad und Sprühregen.“

Selbst beim Weltuntergang würde ein Luigi oder ein Pietro hinter uns stehen und schreien: zwei zu zwei

Nach dem Spiel gab es nur ein Thema! Wolfgang Hettfleisch (FR 24.6.): „“Das ist doch lächerlich. Jeder hat gesehen, dass dies ein ehrliches Spiel war“, ärgerte sich der dänische Coach Morten Olsen nach einer über weite Strecken überlegen geführten Partie seiner Elf über die Verschwörungstheorien aus dem italienischen Lager. Und Lars Lagerbäck, die schmalere Hälfte des für gewöhnlich ziemlich entspannten schwedischen Trainer-Doppel-Whoppers, keilte entrüstet zurück: „Die Italiener haben sich selbst blamiert. Wenn jemand behauptet, dass es hier nicht fair zugegangen wäre, hat er keine Ahnung vom Fußball.“ Tatsächlich ließ die Dramaturgie des unterhaltsamen Spiels in Porto keinen Raum für Spekulationen. „Die Absprache wäre einmalig raffiniert mit Pfostenschüssen, Traumparaden und viel Zufallsdramatik in Szene gesetzt worden“, mokierte sich tags darauf Svenska Dagbladet über die unhaltbaren Vorwürfe. „Es ist unmöglich, so ein Ergebnis zu arrangieren. Das könnte nicht einmal Steven Spielberg“, befand Schwedens Torjäger Henrik Larsson. Und doch ahnte das schwedische Massenblatt Aftonbladet bei allem Frohlocken über die „verrückte Nacht“ von Porto: „Selbst wenn die Ewigkeit uns noch eine Eiszeit bringt, und aus dieser Eiszeit entsteht eine neue Welt, und diese Welt brennt dann wieder ab – selbst dann würde ein Luigi oder ein Pietro hinter uns stehen und schreien: zwei zu zwei.“ Mag sein. Jedenfalls wird kein Offizieller der Uefa hinter einem schwedischen Offiziellen aus dem Boden wachsen, um ihm vorwurfsvoll dieses Ergebnis ins Ohr zu flüstern, das sich die Fans zu beiden Seiten der Öresund-Brücke vorher gewünscht hatten. Die Uefa sieht keinen Grund, die Partie genauer unter die Lupe zu nehmen. „Es gibt keinen Anlass, um eine Untersuchung einzuleiten. Es sind keine Proteste bei uns eingetroffen“, sagte Julien Sieveking, Mitglied der Uefa-Disziplinar-Kommission.“

Italien-Bulgarien 2:1

Mamma, butta la pasta

Birgit Schönau (SZ 24.6.) winkt den Italienern zum Abschied: „Als Antonio Cassano in der 94. Minute den Siegtreffer erzielte, ein nunmehr sinnloses 2:1, als er sich freute wie ein Kind und die Arme hochriss, im Glauben, seiner Mannschaft die Qualifikation fürs Viertelfinale beschert zu haben – da hatte ein Witzbold auf der Tribüne schon sein Spruchband herausgehängt. „Mamma, butta la pasta“, stand darauf, Mamma, wirf die Nudeln ins Wasser. Was man so sagt, als Italiener, wenn man auf dem Weg nach Hause ist und Hunger hat wie ein Wolf nach einer Menge Abenteuern in einer feindlichen Welt. Mamma, gib“ die Pasta herein, in zehn Minuten sind die Nudeln al dente, und ich stehe in der Haustür. Es war ein versöhnliches Schlusswort nach dem ziemlich unwürdigen Zirkus der italienischen Nationalmannschaft, die sich immer knapp am eigentlichen Gegner vorbei auf internationale Verschwörungen, übel wollende Schiedsrichter und zynische Journalisten eingeschossen hatte. Nur Cassano, der heulte Rotz und Wasser, nachdem sie es ihm gesagt hatten. Der zweite Torwart Francesco Toldo war von der Bank aufgestanden, Trauer im Blick. Zweizuzwei im Wikinger-Derby, Antonio. Fasse dich. Wir gehen nach Hause. Unaufhörlich war der Regen auf das Estádio Afonso Enriques in Guimarães niedergegangen und hatte unerbittlich die Träume der Azzurri vom Viertelfinale weggespült. Sich in letzter Minute, allen Umständen zum Trotz, eine Runde weiterzumogeln, das hatten sie gehofft. Mit zwei Toren Abstand zu den Bulgaren und einem Fuß in Dänemark-Schweden, die alles, alles hätten spielen dürfen. Nur nicht zweizuzwei. Es war dann ein melancholischer Abend, der letzte sehr wahrscheinlich für Giovanni Trapattoni in der Rolle seines Lebens, als Nationaltrainer. Hochnervös waren die Italiener in der ersten Halbzeit, fahrig und unsicher, während die Bulgaren langsame, präzise Bälle setzten und ihre Abseitsfalle dreißig Meter vor dem Tor zuschnappen ließen. Es gab ein paar Torchancen für die Azzurri, die sie mit Regelmäßigkeit nicht zu nutzen wussten. Unterdessen wurden die Bulgaren kühner.“

Mit Brüdern ist das so eine Sache. Da ist Rivalität, Neid, und üble Nachrede

Gerhard Fischer (SZ 24.6.) räumt mit den Verschwörungsphantasien auf: „Nein, es war nichts faul im Staate Dänemark, und schon gar nicht bei den politisch korrekten Schweden. Die Bereitschaft für eine Klüngel-Kombination dürfte geringer sein, als sie europaweit erwartet wurde. Zum einen, weil beide einen relativ fairen Volkscharakter besitzen. Zum anderen, weil Schweden und Dänen zwar irgendwie Wikinger und damit Brüder sind, aber mit Brüdern ist das ja so eine Sache. Da ist Rivalität, Neid, und üble Nachrede: Die Dänen sagen über die Schweden, diese seien langweilig, harmoniesüchtig, gleichmacherisch, feige. Die Schweden sagen über die Dänen, jene seien egoistisch, hedonistisch, unzuverlässig, stur; kurz: die Italiener Nordeuropas. Außerdem ist da noch die Geschichte der beiden Staaten. Dass Dänen vor vielen hundert Jahren über Schweden herrschten – geschenkt. Aber eine Sache haben die Schweden bis heute nicht vergessen, sie ereignete sich im Jahre 1520. Damals stand der dänische König Christian II. mit seinen Truppen vor Stockholm. Die Schweden waren hoffnungslos verloren, aber um ihre Stadt zu retten, öffneten die Bürger Stockholms die Tore. Christian versprach, die Menschen zu schonen, gab ein großes Fest – und ließ 82 schwedische Adelige köpfen. Das „Stockholmer Blutbad“ auf dem „Stortorget“ (Großer Platz) im Herzen Stockholms traf die Schweden im Innersten der Seele. Es löste einen Volksaufstand aus, an dessen Spitze ein gewisser Gutsav Wasa stand, nach dem später unter anderem ein berühmter Skilanglauf in der Provinz Dalarna, im Herzen Schwedens, benannt werden sollte. Aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig für den Fußball und die Gegenwart ist, dass manche Schweden den Dänen nicht ganz trauen. Um kein falsches Bild zu zeichnen: Natürlich mögen sie sich, die Brüder, Blut ist schließlich dicker als Wasser, und mit der Weinerlichkeit der Italiener haben die Leute in Skandinavien ohnehin nichts am Hut.“

Ausgerechnet die Italiener fühlen sich von einer Wikinger-Mafia verschaukelt

Wie war das noch mit dem Glashaus und den Steinen, Dirk Schümer (FAZ 24.6.)?: „Schon die Weltmeisterschaften in Fernost, als Italien durch eine indiskutable Schiedsrichterleistung des Ecuadorianers Moreno ausgeschieden war, hatte bei den Tifosi die Vermutung genährt, dunkle Mächte arbeiteten gegen ihre seit 1982 erfolglose Nationalmannschaft. Nun richtete sich der Verdacht zuerst gegen den schwachen russischen Schiedsrichter Iwanow, der den Italienern mindestens zwei eindeutige Elfmeter verweigerte, den Bulgaren aber einen zweifelhaften Strafstoß zusprach. Eine Intrige der slawischen Brudervölker? Alte Ostblock-Kumpanei? Die weit unter ihren Möglichkeiten spielenden Italiener räumten die kyrillische Hürde mühsam aus dem Weg, als Antonio Cassano – einziger Lichtblick im Team – in der Nachspielzeit das Siegtor erzielte. Doch dann trat die nordische Verschwörung in Kraft, vor der die Italiener die meiste Angst gehabt hatten: Ein maßgerechtes Unentschieden in Porto, und der jubelnde Cassano verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein heulendes Häufchen Elend. „Hat man schon je“, so der zynische Kommentar, „einen Straßenjungen aus Bari gesehen, dem Schweden die Tasche geklaut haben?“ Das Vertrauen in die unbestechliche Moral Skandinaviens, wo man sich an die Verkehrsregeln hält und klaglos lachhafte Steuersätze zahlt, ist seitdem in Italien perdu. „Wir glauben nicht mehr an den Weihnachtsmann“, beschrieb Italiens führender Fußballanalytiker Giorgio Tossati den ethischen Öresund, in den eine ganze Nation gestürzt ist. Ausgerechnet die Italiener fühlen sich von einer Wikinger-Mafia verschaukelt, seit der dänische Torhüter Sörensen den entscheidenden Ball verdächtig locker abtropfen ließ. Bei solchen Anklagen gerät in Vergessenheit, daß nicht in Skandinavien, sondern in Italien derzeit zwei mächtige Fußballpräsidenten hinter Gittern sitzen, daß hier die Staatsanwaltschaft wegen Wettbetrugs und Absprachen gegen diverse Spieler der Profiligen ermittelt, daß seit Jahren ernsthafte Vorwürfe des Dopings und der Schiedsrichterbestechung in der Serie A die Runde machen und daß gleich mehrere Großklubs durch desaströses Finanzgebaren am Rande des Bankrotts stehen. (…) Del Piero, seit Monaten außer Form, versiebte ebenso wie Vieri, ein Kopfballungeheuer von gestern, eine Großchance nach der anderen. Solche Unstimmigkeiten liefern den Stoff für Italiens derzeitigen Lieblingssport: Hat Trapattoni die teuren Weltstars nur auf Druck der Großklubs und der Sponsoren eingesetzt? Diktierte der mächtige Verband dem alternden Trainer gar die Aufstellung?“

Das unwürdige Schauspiel der Berlusconier

Thomas Kistner (SZ 24.6.) kann die ganze Aufregung schwer verstehen: „Nun, da das befürchtete 2:2-Ergebnis vorliegt, schreit halb Italien Zeter und Mordio. Halb Berlusconien, könte man sagen, weil es interessanterweise regiert wird von einem schillernden Fußballzar und Medienmogul, über dessen Erfahrungsschatz mit dem skandinavischen Wesen nur so viel bekannt ist, dass er sich des öfteren dagegen hat wehren müssen, hinter schwedische Gardinen zu wandern. Am Ende ließ er sogar die Gesetze ändern. Da ist womöglich nicht auszuschließen, dass der von italienischen Medien und Fußballfunktionären gezielt in ganz Europa verstreute Korruptionsverdacht nichts weiter ist als Ausfluss einer Macht der Gewohnheit. Man könnte auf das aggressive, offensive Spiel der Dänen und Schweden hinweisen, das jederzeit mehr Tore hätte hergeben können. Welcher Defizite an Kampf- und Laufbereitschaft es hingegen bedarf, um ein Turnierspiel wirklich risikofrei für die profitierenden Parteien über die Bühne zu schaukeln, haben einst bei der WM 1982 Deutsche und Österreicher vorgemacht: Der Nichtangriffspakt von Gijon bleibt insofern ein größerer Schandfleck als das unwürdige Schauspiel der Berlusconier.“

Hat Trap den Babyboom übersehen?

Peter Hartmann (NZZ 24.6.) blättert in italienischen Zeitungen: „Der Meinungsmacher Giorgio Tosatti (und er ist längst nicht der Einzige) strickt auf der Frontseite des „Corriere della Sera“ zynisch am 2:2-Remis-Komplott der Dänen und Schweden weiter: „Die wollten sich die Freude machen, Italien rauszuwerfen, dessen Fussball überquillt von Geld und Aufgeblasenheit und ihnen seit Jahrzehnten die besten Spieler wegnimmt.“ Der Wildwuchs der Komplott-Theorien und des „Vittimismo“ (der Einbildung, sich immer als Opfer zu sehen) ist kein Wunder in diesem Land, dessen Ministerpräsident Berlusconi gerade in diesen Tagen behauptet hat, dass er die Europawahlen auch deshalb verloren habe, weil in den Wahllokalen linke Helfer Hunderttausende von Zetteln seiner Forza Italia zum Verschwinden gebracht hätten. Die 2:2-Dolchstosslegende vom 22. Juni wird weiterleben, weil es im Calcio fast nur schlechte Verlierer gibt. Doch der „Corriere“, der momentan selber von einem undurchsichtigen Handwechsel im Besitzerkreis erschüttert wird, lässt auch einen originellen Kronzeugen für die Lauterkeit des Wikinger-Derbys auftreten: Giuseppe Narducci, den Untersuchungsrichter, der sich mit dem neuesten Wettskandal im Calcio befasst. Dottore Narducci schreibt: „Ich muss gestehen, dass ich keinen Grund gesehen hätte, zu diesem Spiel eine Akte anzulegen. Eine Untersuchung würde nicht sehr weit gedeihen. Schweden und Dänemark haben ihre Sache mit gutem Willen gemacht, vielleicht auch deshalb, weil es ihnen leicht fiel, das Spiel so ausgehen zu lassen. (. . .) Den Beweis für ein perfektes Unentschieden gibt es ebenso wenig wie das perfekte Verbrechen.“ Der „an den Haaren herbeigezogene Sieg“ („Corriere della Sera“) durch „Cassanos Siegestor zum Weinen“ in der 94. Minute ändert aber auch für den medialen Scharfrichter Tosatti nichts daran, dass Trapattoni an dieser EM die Gegner unterschätzt habe (. . .), dass keine richtigen Trainings und keine ernsthaften Testspiele stattgefunden hätten. Es sei nutzlos, jetzt noch mit diesem Commissario zu streiten, der von sieben Turnierspielen an der WM 2002 und der Euro 2004 nur zwei gewonnen hat, gegen Ecuador und gegen Bulgarien. Und Gianni Mura diagnostiziert in „La Repubblica“ die nationale Fussballkrankheit der Selbstüberschätzung: „Vielleicht haben wir uns in der Serie A und in der Champions League überdimensionierte Monumente konstruiert . . .“ (…) Francesco Tottis Problem ist sein Nervenkostüm: Er wurde gegen die Dänen fünfmal gefoult, viermal teilte er selber aus, zuletzt mit einer knochenbrecherischen Attacke, die den Ausschluss verdient hätte. Er trug neue, unerprobte Schuhe, ein absolut unverzeihlicher Leichtsinn für einen Profi (und auch den Trainer), und musste sie am Spielfeldrand mit einem Paar alten Schlarpen vertauschen. Der Film des spuckenden Totti ruinierte dann nicht nur Trapattonis Pläne, sondern auch Tottis Image. Für den gesperrten Star brach eine Kunstwelt zusammen. Immerhin war der Coach nun gezwungen, gegen Schweden den genialen 22-jährigen Cassano zu lancieren – doch er holte ihn beim Stand von 1:0 vom Feld, weil er „zu jung“ sei für 90 Minuten. Der alte, unverbesserliche „Trap“: Hat er den Babyboom übersehen, den 18-jährigen Rooney, Cristiano Ronaldo, Robben?“

Jemand sollte sich schämen

Die Italiener sind schlechte Verlierer. Raphael Honigstein (FR 24.6.): „Auf dem Feld hatte die Squadra zum Abschluss eines durchwachsenen Turniers noch einmal Eleganz und Elan verbinden können und sich einigermaßen ehrenvoll aus Portugal verabschiedet. Auf dem Weg zum Mannschaftsbus machten die Spieler den guten Eindruck dann gleich wieder kaputt. Bis auf den noch vom Vortag eingeschnappten Christian Vieri und den untröstlichen Cassano blieben sie gerne stehen. Jeder hatte einen bösen Kommentar zum angeblichen Komplott der Skandinavier parat. „Jemand sollte sich schämen“, sagte Gianluigi Buffon mit einem giftigen Lächeln im Gesicht, „aber nicht wir. Ich bin sehr verbittert, ich hätte nicht geglaubt, dass das passieren könnte. Wer da noch über Fairplay und sportliche Werte redet, sollte seine Augen öffnen.“ Stefano Fiore sprach von „einem sehr seltenen Resultat“, Massimo Oddo hatte „einen schlechten Geschmack im Mund“. Für Alessandro Nesta stand die Ungerechtigkeit des Ausgangs völlig außer Frage: „Es ist bitter, wenn man Dritter hinter zwei Teams wird, die schlechter sind als wir. Es tut weh, unbesiegt und mit fünf Punkten nach Hause fahren zu müssen.“ Und Verbandspräsident Franco Carraro, der schon im Vorfeld mit seinen peinlichen Unterstellungen für Irritationen gesorgt hatte, ließ sich zu der Aussage hinreißen, die Art, wie das Spiel in Porto gelaufen sei, habe gezeigt, dass Dänen und Schweden auf das Unentschieden aus gewesen seien. „Leider finden sich dafür nur sehr schwierig Beweise“, fügte der 65-Jährige an. Vielleicht hat ja eine der 25 von der italienischen Fernsehanstalt RAI platzierten Kameras den geheimen Handschlag der Kapitäne aus Skandinavien einfangen können.“

Wenn jetzt ein Däne oder ein Schwede im Studio säße, würde ich auch drei Spielsperren riskieren

Oliver Meiler (BLZ 24.6.) ergänzt: „Einer hat noch versucht, sich patriotischer zu geben als die Italiener selbst. Zbigniew Boniek, Pole, einst ein exzellenter Offensivspieler, hängengeblieben in seiner Wahlheimat und Kommentator im italienischen Staatsfernsehen, meinte: „Wenn jetzt ein Däne oder ein Schwede im Studio säße, würde ich auch drei Spielsperren riskieren.“ Nicht eben subtil. Boniek stand ziemlich allein da mit seiner Strategie. Freilich, das 2:2 mutete kurios an. Ein Remis nach Drehbuch, sagen die Italiener. „Das ist ein Weltskandal“, meckerte Torhüter Gianluigi Buffon. „Ich glaube, sie wollten Unentschieden spielen, auch wenn sich eine Abmachung nur schwer beweisen lässt“, behauptete auch Franco Carraro, der Präsident des italienischen Fußball-Verbandes. Doch nicht alle beklagen sich. Der Corriere della Sera hat einen Untersuchungsrichter, der sich mit Sportbetrug beschäftigt, gebeten, sich das Spiel der Skandinavier anzusehen. Er schreibt mit feiner Ironie: „Das war ein perfektes Unentschieden, doch für eine Ermittlung reicht es nicht.“ Ohnehin, so tönt es von vielen Seiten: „Es gibt kein Alibi.“ Dafür Selbstkritik. Das Spiel war gerade vorüber, die Tränen des Angreifers Antonio Cassano noch feucht, da begann die Abrechnung.“

Barbara Klimke (BLZ 24.6.) lästert: „Es war alles zu protzig bei den Italienern, Anspruch wie Außendarstellung: Mit goldenen Rückennummern betraten die Spieler das Feld, die Haare kunstvoll drapiert. Es fehlte noch der güldene Pompon in der Hand, und man hätte sie für ihre eigenen Cheerleader gehalten. Es passt ins Bild, dass von den Italienern nicht ein Tor in Erinnerung bleiben wird, sondern der Fakt, dass Francesco Totti einen Gegenspieler bespuckte. Ausreden über Hitze, falsche Schuhe und grobe Socken erhöhten den Unterhaltungswert, nicht aber die Akzeptanz.“

Vermischtes

Zentralorgan der Deutschenhasser

Während in Lissabon angepfiffen wird, blättern die Kurgäste gelangweilt in alten Illustrierten

Deutschland spielt gegen Tschechien, und Karl-Peter Schwarz (FAZ/Medien 25.6.) könnte sich in den Hintern beißen, dass er schon vor Wochen seine Teilnahme an einer politischen Veranstaltung zugesagt hat: „Hotel Radium Palac, Jachymov (Joachimsthal), Nordwestböhmen. Die Parkwächter sehen ganz so aus, als hätte sie Kundera für einen Roman hier abgestellt und dann einfach vergessen. Es regnet nicht, es schüttet. Natürliche Strahlung über dem ehemaligen Uranbergwerk etwa so stark wie neben dem Temelin-Reaktor nach dem 176. Austritt des Kühlwassers. Während in Lissabon angepfiffen wird, blättern die Kurgäste gelangweilt in alten Illustrierten. Im Festsaal tagt das Comenius Forum Erzgebirge, eine ehrenwerte deutsch-tschechische Initiative – an dem Abend, an dem tschechische Kicker deutsches Schicksal besiegeln. Man hat das unangenehme Gefühl, der beruflichen Pflicht nachzukommen und dennoch am absolut falschen Platz zu sein, jedenfalls nicht dort, wo die Kugel rollt; noch dazu unter Leuten, denen es völlig gleichgültig zu sein scheint, wo sie einschlägt. Da wird nicht gevöllert, nicht einmal nachher am Buffet. Statt dessen wird ernstlich darüber nachgedacht, was sich die Deutschen von der EU erwarten und was die Tschechen. Ein journalistischer Betriebsunfall, vorhersehbar, aber unausweichlich, denn die Zusage, an der Veranstaltung teilzunehmen, hatte man schon vor Wochen gegeben. Kurt Biedenkopf kramt in sächsisch-böhmischen Erinnerungen. Václav Havel, erzählt er, habe ihn einmal darauf aufmerksam gemacht, daß die Tschechen ihre Identität über die Deutschen definierten. Da die kleinen Tschechen, dort die riesigen, starken Deutschen, ein hochneurotisches Verhältnis. Aber das muß schon lange her sein. Heute definiert sich über die Deutschen hier keiner mehr. Nicht einmal auf die Kollegen von „Pravo“, dem Zentralorgan der Deutschenhasser, kann man sich noch verlassen. Für ihre Donnerstagausgabe zogen sie eine elegante schmale Zeile über den Titel, in einer Schrift, die ohne Brille kaum noch zu entziffern ist. Darin wird knapp und präzis das krude Faktum vermerkt: „Wir haben die Deutschen nach Hause geschickt.““

Es war ein Spiel, was eine junge Katze mit einer alten Maus treibt

„Langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass der Fußball hierzulande die schwerste Zeit wohl noch vor sich hat“, resigniert Holger Gertz (SZ/Seite 3 25.6.): „Mittwochnacht fahren Fans in dieser U-Bahn, die das Deutschland-Trikot tragen, das schwarze, hintendrauf gedruckt ihre Namen: Plautze, Ralle, Steini. Richtig deutsche Spitznamen, solche, mit denen man auf dem Fußballplatz seinen Mitspieler ruft. Wie die drei wirklich heißen, ist nicht wichtig. Plautze, Ralle und Steini könnten Klaus, Herbert und Hans sein, oder Olaf, Peter und Michael: Fans, die der Nationalmannschaft folgen, auch in den Untergang. Steini sagt, man könne ja nicht wirklich böse sein, die Spieler hätten sich angestrengt und alles. Und Ralle sagt: „Es war auch Pech dabei.“ Die Bahn fährt, die gekachelten Wände der Stationen ziehen vorbei, Cidade Universitária, Entre Campos, irgendwo kullert eine Cola-Dose durch den Gang, ohne Halt zu finden. Man hört das kalt scheppernde Geräusch, während einer Heimfahrt in aller Stille. Ralle sagt: „Wir haben ja keine Besseren.“ Es sind ungewöhnliche Fans, hilflos, ratlos und sehr schweigsam. Zwischen Depression und Annahme des Schicksals. Es sind deutsche Fans in der Lissaboner U-Bahn, noch fahrend, aber schon angekommen in der Realität. Ralle sagt: „Die Tschechen waren einfach besser.“ Zwei Stunden vorher war passiert, was die meisten ihrer Glaubensgenossen daheim wahrscheinlich befürchtet, aber irgendwie doch nicht geglaubt hatten. Raus in der EM-Vorrunde, 1:2 verloren hatte die deutsche Nationalmannschaft gegen die Tschechen, gegen deren B-Mannschaft, die Besten wurden für die nächste Runde geschont. Es war ein Spiel, was eine junge Katze mit einer alten Maus treibt. Eigentlich hat die Katze die Maus schon sicher, die deutsche Maus, aber aus Spaß jagt sie sie noch ein bisschen rum und packt irgendwann zu. Die Tschechen wechselten in der zweiten Halbzeit zwei ihrer Spieler aus dem A-Team ein, den Mittelfeldmann Poborsky und den Stürmer Baros. Kurz darauf schoss Baros das 2:1, sie hatten ihre Arbeit erledigt, zweckmäßig, effektiv und schön, einfach ihre Arbeit, und eine größere Demütigung für das deutsche Team wäre es nur noch gewesen, wenn der Tschechencoach Karel Brückner die zwei aus dem A-Team nach dem Tor, nach vollbrachter Vollstreckung, wieder ausgewechselt hätte. Als alles vorbei war, fielen einem zwei Bilder besonders auf. Der deutsche Torwart Oliver Kahn, wie er nach dem Spiel über den Platz geht, um sich von den Schiedsrichtern zu verabschieden. Im WM-Finale vor zwei Jahren trug er sein Haar kurz, eine Titanenfrisur, von entschlossener Klinge getrimmt. Jetzt stand ihm das Haar ungeordnet nach allen Seiten. Die Spannung war weg, auch bei ihm, und als er zu den Schiedsrichtern trottete, mit einem weißen Handtuch über den Schultern, sah er aus wie ein Bademeister nach Dienstschluss. Das zweite Bild, die deutschen Fans in der Kurve: klatschten ihren Fußballern zaghaft Beifall, ein Applaus wie in Zeitlupe. Wenig Pfiffe, dann ging der Teamchef Rudi Völler – der inzwischen keiner mehr ist – Richtung Tribüne und applaudierte mechanisch zurück, während unten, auf der anderen Seite des Spielfelds, die Tschechen sich mit Wasser vollspritzten. Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat den Prozess des Trauerns in fünf Phasen unterteilt, sie heißen Leug-nen, Wut, Feilschen und Verhandeln, Depression und schließlich Annahme des Schicksals. Auf die Fans und den Fußball und die Nationalmannschaft bezogen – immer vorausgesetzt, dass es sich hier um einen Trauerfall handelt – bedeutet das: Man leugnet, dass es vorbei ist mit der Nationalmannschaft und verweist auf deren Wiederauferstehungspotential als so genannte Turniermannschaft. Leugnen ist wichtig, damit einen der Schmerz nicht frisst. Dann, die Wut: Warum spielen wir so viel langsamer, so viel langweiliger als alle anderen? Ausgedrückt durch lautes Pfeifen und wütendes Trommeln auf Gegenstände. Feilschen und Verhandeln: Die Tschechen werden nicht konzentriert sein, sie sind schon in der nächsten Runde, sie haben sich müde gefeiert. Depression schließlich: Hamann hat keine Strategie, Nowotny keine Schnelligkeit, dafür inzwischen fast eine Halbglatze. Der Stürmer Kuranyi trifft nicht, aber auf der Bank sitzt nur der Stürmer Klose von einem Fastabsteiger, der Stürmer Bobic von einem Fastabsteiger, der Stürmer Brdaric von einem Fastabsteiger, der Stürmer Podolski von einem Absteiger. Depression führt zum vorübergehenden Verlust von Spaß an Aktivitäten, die einem sonst gefallen. Also: die Fans rollen ihre Fahnen ein. Am Ende des Trauerprozesses, nach vielen Kämpfen: die Annahme der Realität. Oder, wie Steini das nach dem Spiel in der U-Bahn sagen wird, Steini mit dem schwarzen Hemd: „Unsere Mannschaft ist nicht gut genug fürs Viertelfinale.““

Niederlagen auf dem Fußballplatz sind offenbar keine nationalen Katastrophen mehr

Stefan Reinecke (taz/Politik 25.6.) bewundert die Gelassenheit Deutschlands: „Wir haben verloren – wegen Pech, wegen Unvermögen, weil die anderen halt besser waren. Und genau so scheint das nationale Kollektiv die Niederlage zu betrachten. Man leidet an diesem Scheitern gemeinsam und auf auf eine sehr vernünftige, erwachsene Art (zumindest jenseits der Redaktionszimmer der Bild-Zeitung). Niederlagen auf dem Fußballplatz sind offenbar keine nationalen Katastrophen mehr. Vorbei die Zeit als Berti Vogts, wie 1998, sinistre Mächte für das WM-Aus verantwortlich machen musste. Und nichts von dem Absturz in die Depression nach dem schrecklichen 0:3 gegen Portugal 2000. Die Deutschen haben verlieren gelernt. Das zeigt auch der Rücktritt von Rudi Völler. Er will nicht mehr – und alle verstehen ihn. Nichts von der Häme, mit der Erich Ribbeck und zuvor Berti Vogts bedacht worden waren. Deutschland kann verlieren, ohne dass der emotionale Notstand ausgerufen wird. Das ist die gute Nachricht in der schlechten. Die Fähigkeit von Kollektiven, Niederlagen, die das eigene Selbstbild empfindlich stören, zu ertragen, ohne Revanchegelüste und den Zwang, Schuldige dingfest zu machen, zeigt ein erfreuliches ziviles Niveau an. (…) Die Deutschen haben bei EM und in den Wirtschaftsstatistiken der EU keinen naturgegebenen Anspruch auf Sieg mehr. Zumindest beim Fußball dürfte sich das auch nicht so schnell ändern. Mit der Industriearbeit scheint in Deutschland auch der proletarische Volkssport Nummer eins auf dem absteigenden Ast zu sein. Die Jugend fährt lieber Skateboard. Die stählerne Verknüpfung von Nationalgeschichte und Fußball, die seit 1954 existiert, lockert sich. Das Echo auf diese Niederlage zeigt, dass die Deutschen pragmatischer und gelassener geworden sind. Sie verstehen, dass sie nicht mehr die Besten sind – und auch nicht mehr sein müssen. Parallel dazu ist ein ebenso erfreuliches Verblassen der früher rituell alle Jahre inszenierten Feuilletondebatte, was eigentlich deutsch ist, zu beobachten. Auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Diskurse steht auch der ewige „linke“ Gegenaffekt, der die deutsche Elf verlieren sehen will. Das antideutsche Ressentiment war stets eng an den verbohrten Nationalismus gekoppelt, als dessen Gegenteil es sich verstand. Beides gehörte lange zur mentalen Grundausstattung der Republik. Beides verschwindet nun. An seine Stelle tritt ein relaxter Wirklichkeitssinn, der die eigenen Omnipotenzträume ohne Hysterie mit der Einsicht in die eigenen Möglichkeiten abgleicht. Was soll daran falsch sein?“

Seit ich denken kann, ist Deutschland an sich selbst enttäuscht

Dagegen wirft Robin Alexander (taz/Politik 25.6.) ein: „Immer siegen macht dumm. Immer verlieren aber auch. Seit ich denken kann, ist Deutschland an sich selbst enttäuscht. Selbst die Ironie, die letzte Phase vor der Verzweiflung, scheint mittlerweile aufgebraucht. Die objektiv falsche Vorstellung, alles ginge den Bach herunter, wird in diesem Land gepflegt. Gestern erschien der Stern mit dem Cover: „Wir sind besser, als wir glauben.“ So machen sich notorische Verlierer Mut. Deutsche Niederlagen als Normalisierung zu beschreiben ist irrig: In der Krise wird Deutschland ja nicht europäischer. Im Gegenteil. Umfragen zeigen, unsere Nachbarn werden immer gelassener, wir werden immer selbstmitleidiger. Auch die Krise der Wirtschaft macht diese ja nicht den anderen, erfolgreicheren europäischen Ökonomien ähnlicher. Wenn sich – wie angeblich in den fernen Zeiten der Erfolge – die gesellschaftlichen Verhältnisse tatsächlich auf dem Fußballplatz abbilden würden: Wo wird der deutsche Fußball denn normal? Es ist nicht normal, keine Stürmer zu haben, die Tore schießen können. Es ist nicht normal, dass Angst alle Kreativität erstickt. Europa wundert sich über Deutschland, das es immer weniger versteht: Wie sich dieses Land in seine Niederlagen fügt.“

Mehr Schrecken geht nicht

Benjamin Henrichs (SZ/Medien 25.6.) stöhnt über Reinhold Beckmann: „Es war ganz kurz vor Spielschluss, als der Reporter endgültig das Land des Grauens betrat. „Jetzt ist also“, sagte Reinhold Beckmann, „die Reformdiskussion auch im deutschen Fußball da.“ Er sagte es nicht etwa ironisch, sondern staatsmännisch-tragisch. Und da wusste der Mensch vor dem Bildschirm, dass er auch aus diesem Elysium vertrieben wird: aus dem Fußballparadies, dem wohl letzten Ort, an dem man sich noch sicher fühlte vor der würgenden, alles verschlingenden deutschen Reformdebatte. Jetzt muss eine Regierungserklärung zum Fußball her, sonst: Schröder raus! Jetzt müssen Hartz und Rürup wieder ran. Jetzt muss der Bundespräsident zum deutschen Fußballvolk sprechen, oder besser: beide Bundespräsidenten, Rau und Köhler zusammen. Und auch von Roman Ruck-Herzog wollen wir unbedingt ein Wörtlein hören. Und in allen Feuilletons der Republik müssen alle Schwerdenker des Landes gemeinschaftlich zur Großen Fußballdebatte antreten. Damit Deutschland endlich wieder auf die Beine kommt! Es wird fürchterlich werden, aber es muss sein. Denn der Deutsche ist kein Italiener. Der Italiener kann jetzt, wie der Kollege vom Corriere dello Sport, einfach losbrüllen: „Wir brauchen eine totale Revolution!“ Wir, so viel ist sicher, wollen keine Revolution, sondern die totale Reformdiskussion. Nebst der dazugehörigen totalen Teamchefdiskussion. Nebst der Frage: Was tut Mayer-Vorfelder? Mehr Schrecken geht nicht.“

Jürgen Roth (FR 25.6.) stöhnt über Johannes Kerner und dies und das: „Allerdings erfüllt das auch von einem gewissen J. Kerner permanent im Mund spazieren geführte Wort „Euro“ einen stilistischen Straftatbestand oberster Güte. Es heißt: Europameisterschaft. Ist das so schwer? „Im tristen, langweiligen Europa“, so Viegas, „brauchen wir eine radikale Schönheit, die stärker ist als die Macht der Europäischen Bank.“ Und eine Sprache, die ein langes, schönes Wort nicht durch einen Währungsnamen oder eine kapitalistische Effizienzabbreviatur ersetzt, zum Henker! „Das Fernsehen“, klagte Viegas hellsichtig, „hat den Fußball eben auch ziemlich massakriert.“ Deutlich wird das an einer fetischistischen, trotz ihres Tempos entscheidende Spielszenen verschlafenden Wiederholungs- und Zeitlupendramaturgie – sowie an eingeblendeten Graphiken, die einerseits dem Kitsch des Herzens huldigen (Logo), andererseits zuweilen sogar die Aktionen verdecken. „Gallas humpelt sich hier unter der Schrifteinblendung ins Spiel zurück“, meckerte Reinhold Beckmann kürzlich zu Recht. Überhaupt: Was ist denn das für eine portugiesische Spielstandeinblendung? Dieser gekrümmte, gold-braune Balkenprotz am unteren Bildrand? Ein folkloristisches Emblem, eine südeuropäische Variante des Gelsenkirchener Barock? Prangen 2006 Graphiken in Hirschgeweihform auf dem Schirm?“

Fritz Tietz (taz 25.6.) über das Zuschauertelefon von ARD und ZDF

Allgemein

Sexuelle Anspielungen mag er am liebsten

„man ahnt, wie sehr Michael Owen unter den unerfüllten Erwartungen leidet, vor allem den eigenen“ (FR) – David Beckham und Luís Figo, „die Herren Diener“ (FAZ) u.v.m. (mehr …)

Allgemein

Der älteste 31-Jährige, den der Fußball hervorgebracht hat

Luís Figo, der einstige Torjäger, braucht nichts dringender als ein Tor

Wie alt ist Luís Figo, Stefan Willeke (Zeit 24.6.)? „Auf dem Podium im Pressezelt gibt ein Mann Auskunft, der nicht über sich Auskunft geben möchte. Dies tut er auf Portugiesisch, Spanisch, Englisch, Italienisch und Schwedisch, ein Mann von Format. Draußen, im Hinterland von Lissabon, liegt das Trainingscamp der portugiesischen Nationalelf auf abgeschiedenem Gelände, großflächig mit Korkeichen dekoriert. Drinnen im Zelt ein Weltstar, an dem die Welt seit dieser Europameisterschaft zu zweifeln beginnt. Luís Figo, der Anführer der „Goldenen Generation“ in der portugiesischen Nationalelf, jener Generation, die 1991 in Lissabon als U-20-Juniorenauswahl Weltmeister wurde. Luís Figo will seinem Land noch einmal beweisen, zu was es imstande sein kann. Portugal hat es ins Viertelfinale geschafft, aber Luís Figo, der einstige Torjäger, braucht nichts dringender als ein Tor. Darüber allerdings will er nicht sprechen. Luís Figo sitzt verkniffen auf einem Stuhl, als müsse er verbergen, dass ihm gerade ein peinliches Malheur passiert ist. Luís, wie siehst du selbst deine Leistung während der EM? Erst schweigt er ein paar Sekunden lang, dann sagt er: „Ich bin sehr glücklich mit mir.“ Heldenhafter kann kein anderer Nationalspieler lügen. (…) Auf einem Foto in einer Ecke der Hafenbar grinst Paulo China zwischen Luís Figo und David Beckham. Figo trägt einen sandfarbenen Sommeranzug, Beckham hat eine Wollmütze aufgesetzt. Figo sieht aus wie der älteste 31-Jährige, den eine Fußballmeisterschaft je hervorgebracht hat. Ein Gesicht wie aus einer Zeit, als noch Jean-Paul Belmondo und Clint Eastwood Hauptrollen abkriegten. (…) Luís Figo war elf Jahre alt, als der Gaslieferant Mário Ferreira ihn erstmals spielen sah, hier, auf dem Betonplatz vor dem Hochhaus, aus dessen Fenstern Leinen mit aufgespannter Wäsche baumeln. Neben dem Spielfeld fraßen sich damals Ratten durch Müllbeutel, als der hakenschlagende Luís den Gaslieferanten Ferreira so sehr beeindruckte, dass Ferreira Spielerbeobachter vom berühmten Club Benfica Lissabon herholte. „Zu schmächtig“, urteilten die Besucher über Figo, und der Junge durfte bei dem Straßenfußballverein anfangen, den Mário Ferreira mitgegründet hatte, bei Os Pastilhas, einem winzigen Club ohne Tradition und ohne eigenen Platz. Os Pastilhas, Pastillen – ein Apotheker war unter den Gründern. Später ging Figo zu Sporting Lissabon, von dort aus zum FC Barcelona, danach zu Real Madrid. „Luís ist berühmt geworden, aber er ist von hier“, sagt Ferreira. Ein liebenswerter, hagerer Mann mit ovalem Kopf spricht über den großen Traum eines kleinen Landes. Es gibt eigentlich keine Verbindung zwischen diesem aschgrauen Viertel und den weiß lackierten Segelyachten im Hafen von Vilamoura. Luís Figo aber, dieser Teufelskerl, habe einen schmalen Pfad entdeckt. Auch deswegen verehren sie ihn in Cova da Piedade noch stärker als im übrigen Land. Ein kitschiges Märchen mit einem schönen Prinzen namens Figo, eine verspielte Variante des unausrottbaren Tellerwäscher-Mythos, so aufdringlich bebildert, dass man zunächst nichts davon glauben will. Aber manche Wahrheiten bleiben kitschig, egal, wie lange man sie dreht und wendet. In diesem ballverliebten Land, das Geld und Prestige nach wie vor sehr ungleich verteilt, taugt auch ein abgekämpfter Figo als Anspielung auf ein besseres Leben.“

Deutsche Elf

Wir Deutschen, wir Pfeifen

Völler hat seine Tauglichkeit für den Job unzweifelhaft unter Beweis gestellt

Jan Christian Müller (FR 24.6.) hätte an Rudi Völler festgehalten: „Dem struktur-konservativen Teamchef Völler ist es aber gelungen, einen Generationswechsel einzuleiten, den er so weitreichend eigentlich nicht geplant hatte. Forderungen nach einem radikalen Umbruch im Hinblick auf die WM 2006 wird Bauchmensch Völler jedoch nicht nachkommen und vom Kollegen Skibbe, dem Kopfmenschen an seiner Seite, auch nicht gedrängt werden. Lediglich die 32-jährigen Fredi Bobic und Christian Ziege dürften keine Zukunft mehr in der Nationalmannschaft haben. Aber selbst das könnte angesichts der Treue des Teamchefs zu seinen einmal Auserwählten eine gewagte These sein. Ziege hat seine Qualitäten in der Coaching-Zone und als Stimmungsmacher in den Tagen von Portugal immerhin mehrfach eindrucksvoll demonstriert. Auch wenn es zum „Modell Völler“ derzeit in Ottmar Hitzfeld eine Alternative auf dem Arbeitsmarkt gibt, die ein ähnliches Durcheinander wie vor vier Jahren nach dem Rücktritt von Erich Ribbeck verhindern könnte – Völler hat seine Tauglichkeit für den Job unzweifelhaft unter Beweis gestellt. Ein Führungswechsel käme zur Unzeit. Seine Darstellung in der Öffentlichkeit hat der 44-Jährige – möglicherweise aufgrund der Liveübertragung der Pressekonferenzen – optimiert, den Anteil an Leerformeln und Floskeln spürbar verringert. Sein Umgang mit den Spielern gilt als vorbildlich. Er wird von den Profis als zuverlässiger Partner angesehen. Wie auch von den Bundesligaclubs. Völler hat es dank seiner Fähigkeit zur Diplomatie, seiner natürlichen Autorität als ehemaliger Weltklassespieler und Trainer des WM-Zweiten geschafft, öffentliche Konflikte zu vermeiden. Doch hinter verschlossenen Türen versteht er Klartext zu reden. Der Teamchef, nicht Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, ist der uneingeschränkte Boss, dessen Stimmung die Stimmung aller maßgeblich beeinflusst, und mitunter werden Mitarbeiter wegen einer unvermittelten üblen Laune des Rudi Völler auf harte Proben gestellt.“

Liebe Leser, Rudi Völler ist zurückgetreten. Lesen Sie morgen darüber im freistoss! Und hoffen wir auf Ottmar Hitzfeld!

Sven Goldmann (Tsp 24.6.) rechnet Völler die Verjüngung der Nationalelf hoch an: „So jung ist Deutschland lange nicht mehr dahergekommen wie gestern Abend im Estadio José Alavalade zu Lissabon. Niemand kann Rudi Völler vorwerfen, er habe sich nicht um einen Generationswechsel in der Nationalmannschaft bemüht. Mit Arne Friedrich, Bastian Schweinsteiger, Kevin Kuranyi und Philipp Lahm hatte der deutsche Teamchef gestern gegen Tschechien gleich vier Spieler für die Anfangsformation nominiert, die beim WM-Turnier vor zwei Jahren in Fernost noch nicht einmal zum erweiterten Kreis gehörten. Zur zweiten Halbzeit kam mit Lukas Podolski noch ein fünfter dazu. Das ist ein weitaus rigoroserer Verjüngungsprozess, als ihn etwa die Franzosen verfolgen, die in Portugal mit ziemlich genau derselben Mannschaft auflaufen, die vor vier Jahren in Holland und Belgien Europameister wurde.“

Bin ich Phantast, wenn ich einen Weg sehe?

Marcel Reif (Tsp 24.6.) lässt sich nicht schocken: „Und nun? Das Grundgesetz ändern, die Wirtschaft verschrotten, den Papst zwecks göttlicher Hilfe eindeutschen? Genau. Wir können Letten nicht besiegen, patzen gegen Tschechiens zweite Wahl, haben Ärger mit der EU – gerade reicht es noch zur Gewohnheit, gegen die Holländer nicht zu verlieren. Da stehen wir also, wir Deutschen, wir Pfeifen – wie das Land, so sein Fußball: zweitklassig. (…) Es hat nicht gereicht, noch nicht. Noch ist der deutsche Fußball nicht wieder Spitze, aber bin ich Phantast, wenn ich einen Weg sehe? Die Franzosen, die wir so bewundert haben, haben zehn Jahre gebraucht für den Generationswechsel, wir sind seit der letzten EM im Jahre vier. Für Verzweiflung besteht kein Anlass.“

Europameister der Herzen

Das Feuilleton der FAZ (23.6.) er kennt eine neue Wertehierarchie im deutschen Team: „Sogar ein in sich gekehrter Träumer wie Torsten Frings taut regelrecht auf im Kreis von Stimmungskanonen wie Bobic oder Brdaric, bei denen offenbar jede Pointe ins Schwarze trifft. Selbst ein Spiel wie das gegen Lettland schlägt nicht aufs Gemüt – kaum hatte die Mannschaft hinterher am Fernseher verfolgt, wie supergut drauf erst die nächsten Gegner, die Tschechen, sind, war die Stimmung wieder auf dem Höhepunkt. Fast wie vor vier Jahren in Vaals, als die Spieler auch nach der Packung gegen Portugal noch ausgelassen wie junge Hunde nach „Anton aus Tirol“ verlangten. Nun mag ein Spielverderber humorlos einwenden, Stimmung sei doch etwas höchst Subjektives, und gute Laune allein trickse noch kein Abwehrbollwerk aus! Oder wie Kassandra Jens Nowotny warnt: „Euphorie ist ja gut, sie darf nur nicht kopflos werden.“ Nun, das mag vielleicht beim Italiener oder einem anderen Bruder Leichtfuß so sein. Beim deutschen Team aber beruhen selbst Lockerheit und Frohsinn auf schlichten Tatsachen. Behaviourist Michael „Black box“ Skibbe verrät: „Ich bin optimistisch aufgrund der objektiven Werte, die ich von den Spielern habe.“ Zweifellos wird Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfühl nach neuestem sportwissenschaftlichem Wissen täglich den Endorphin-Pegel messen und zur Not noch Einzeltraining mit Sepp Maier verschreiben – falls der sich einmal vom Fun-Sport mit Jens Lehmann freimachen kann, der leider nach wie vor hartnäckigsten Spaßbremse im deutschen Team. So mögen denn endlich alle schweigen, die nur buchhalterisch auf nacktes Zahlenwerk schauen, auf Punktestand und Torausbeute. Völler hat seine wichtigste Mission schon erfüllt: Die sichtliche Freude vor, während und sogar nach dem Spiel ist endlich eine deutsche Tugend. So wird unsere sympathische Elf, ein Lächeln auf den Lippen, den Gute-Laune-Adler auf der Brust, Europameister der Herzen.“

Der Geist von Malente ist endgültig in der Flasche

Deutsche Nationalspieler reden, und Klaus Brinkbäumer (Spiegel 21.6.) gähnt: „Nicht öffentlich „ich“ sagen. Nicht den Trainer oder den Mitspieler kritisieren. Kein Geheimnisverrat. Den Mannschaftsgeist preisen. Den Gegner ernst nehmen. Es scheint zu funktionieren. Die Nationalspieler der Generation Frings wirken nicht mehr männerbündlerisch wie jene, die einst über die Zäune der Sportschule Malente stiegen, sie wirken eher ein wenig einsam: Sie spielen heute kaum noch Karten beim DFB. „Der Geist von Malente ist endgültig in der Flasche“, so sagt es Völler, „das ist eine erwachsene Mannschaft“; sie sind Unternehmer, die sich selbst verkaufen, und Völler hat eine durchaus smarte Strategie entwickelt, mit der er die Jungs, die er „Männer“ nennt, auf Linie hält. Völler sagt und zeigt seinen Männern, „dass ich alles weiß und kenne, was ein Spieler versucht oder denkt, weil ich das auch mal versucht oder gedacht habe“. Er verlangt und gibt Loyalität; im Alltag geplagte Spieler wie Michael Ballack oder Christian Ziege sind immer schwer erleichtert, wenn sie endlich wieder zum Rudi reisen dürfen. Man konnte in den vergangenen Wochen ja gleichsam dabei zusehen, wie diese Mannschaft sich in ihrer schönen, deutschen Welt stärker redete, als ihre einzelnen Bauteile in Wahrheit sind – und wie sie dann gegen Holland so spielte, wie sie redet. (…) Die täglichen, live in die Heimat übertragenen Pressekonferenzen finden 100 Meter vom Teamhotel entfernt statt, es geht hinab in den Keller, dort unten muss man dann an den Ständen der Sponsoren vorbei: Die Postbank verschenkt gelbe Fußbälle, Bitburger zapft schon früh am Morgen, und Adidas verteilt „Give-aways“ und meint T-Shirts, mit denen die Journalisten gleich dreigestreift ins Fernsehen kommen. Und ganz hinten, vor einer Wand mit vielen Firmenlogos und hinter einem kleinen Fußball, aus dem sein Mikrofon ragt, sitzt nun Presse-Chef Harald Stenger, der Pressechef, und wenn der um zwölf Uhr Ortszeit das Signal von der jungen Dame neben der Führungskamera bekommt, sagt er: „Guten Tag und herzlich willkommen hier in Almancil, der Ball rollt.“ Und Jens Nowotny sagt: „Ich denke, die Einzigen, die im Unklaren sind, sitzen mir gegenüber“, und das ist einer der wahren Sätze in der ersten EM-Woche. Und Philipp Lahm sagt: „Ich vermute mal, dass ich das weiß“, als er nach einem Gegenspieler gefragt wird. Und alle versprechen eine Mannschaft, in der jeder insbesondere die Ordnung hält und so weiter. Was macht der Fußballreporter damit? Er nimmt, was er kriegt, und wird selbst ein Star für Sekunden. In der Welt der deutschen Nationalmannschaft laufen Journalisten herum, die Dietmar Hamann fragen, ob er deshalb ein langärmeliges Trikot trage, weil er der lange Arm des Trainers sei. Sogar „Bild“, einstmals nur im ganz kleinen Kreis gesprächig, weil es einstmals noch um Exklusives ging, fragt jetzt live, weil es jetzt um Präsenz geht – nur dabei statt mittendrin, es ist die Simulation von Recherche. Es ist alles ein bisschen wie Phönix für Fußballfans und auch ein bisschen Seifenoper (…) Natürlich ist es nicht so, dass Rudis Männer auf einmal zu jenem „Elf-Freunde“-Glauben gefunden hätten, der schon 1954 eine Lüge war. Spieler wie Torsten Frings sind keine Romantiker; wenn der den Verein wechseln will, dann betreibt er das mit öffentlicher Kritik an seinem Arbeitgeber, so lange, bis Borussia Dortmund ihn gar nicht mehr behalten kann; dann geht Frings zu Bayern München, „weil ich da mein Ziel, Deutscher Meister zu werden, am besten erreichen kann“. Und sein Berater schließt die Verhandlungen am Tag des Holland-Spiels ab, und Frings sagt, so was lenke ihn nicht ab, so was gehöre dazu. Es gilt als ausgemacht in dieser Mannschaft, dass man genau so heutzutage sein muss: bissig, niemals schwach und „immer absolut flexibel“, so Frings. Der Münchner Sebastian Deisler war vermutlich der letzte Fußballprofi, der mit viel Talent und weniger Ehrgeiz nach oben durchdrang; „du brauchst heute den absoluten Willen, sonst schaffst du es nicht“, sagt Frings. Darum sind Spieler wie er heute Hersteller und Händler und Ware zugleich, und man darf unterstellen, dass sie die drei schönen Wörter von Portugal nur deshalb ständig benutzen, weil sie verstanden haben, dass sie sonst nichts erreichen würden, für sich selbst, für wen sonst? Dass alle 23 das verstanden haben, genau das ist die Qualität dieser Mannschaft.“

Internationaler Fußball

Der Dosenöffner

„Die Reserven der Tschechischen Republik schicken Deutschland nach Hause“, meldet La Repubblica (24.6.): „Tschechien B, eine alternative Formation, die erst später mit ein paar Spielern aufgefrischt wurde, hat die Deutschen, den Vizeweltmeister, nach Hause geschickt. Zu viele Fehler von Völlers Männern vor dem Tor in der zweiten Halbzeit, die dann mit einem Solo von Baros bestraft wurden, einem hervorragenden Angreifer, der die Tschechen für die Niederlage 1996 beim EM-Finale in London gerächt hat. Ein sehr schönes Spiel, gut gespielt von den Tschechen, großen Ballkünstlern, in der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit dann die unglückliche Serie verfehlter Gelegenheiten der Deutschen. Rudi Völler wird nach dieser unerwarteten Eliminierung sicher nicht mehr besonders geschätzt werden.“.

„Deutschland von den Tschechen versenkt“, ergänzt Corriere della sera (24.6.): „Deutschland versinkt unter den Schlägen der bereits qualifizierten Tschechischen Republik. Das ist das unglaubliche Resultat des letzten Vorrundenspiels. Rudi Völlers Mannschaft musste um jeden Preis gewinnen, um ins Viertelfinale zu kommen. Aber die Tschechen haben nichts gegönnt.“

Der Dosenöffner

Daniel Taylor (The Guardian 23.6.) schreibt über die beiden Senkrechtstarter der EM: “Es gibt so viele Dinge, die die beiden auffälligsten Youngstars der Euro 2004 gemeinsam haben – doch gibt es auch viele Unterschiede. Wie bekannt wurde, hat Ronaldo von seinen Mitspielern den Spitznamen „Dosenöffner“ erhalten, aufgrund der Art wie er Verteidiger in Stücke schneidet. Warum haben die hellen Köpfchen in Englands Team sich das nicht als erste für Rooney ausgedacht? (…) Bei seiner ersten Pressekonferenz des Turniers, schien Ronaldo sichtlich verwirrt, mehr Fragen über Rooney als über sich selber gegenüber zu stehen. „Man kann uns nicht vergleichen,“ protestierte er. „Wir sind zwei völlig unterschiedliche Spielertypen.““

Colin Droniou (Le Figaro 23.6.) prophezeit Italien eine schwere Heimkehr: „Kein Wunder für die italienischen Gladiatoren, die sich trotz des Sieges in der letzten Minute in den Netzen der tapferen Bulgaren fangen ließen. Die Spieler von „Trap“ mussten für ihre Schwächen zahlen. Nun wird die Squadra dem Zorn, der durch diese grausame Enttäuschung ausgelöst wurde, die Stirn bieten müssen.“

Strafstoss

Strafstoß #11 – Reine Nervensache 2 – Die Pfeifeprüfung

von Herrn Mertens und Herrn Bieber

Mathias Mertens: Wenn Sie ein Schiedsrichterpfiff wären, Herr Bieber, welcher würden Sie denn sein?

Christoph Bieber: Ist das ihr Ernst, Sie Pfeife?

MM: Ts, ts! Aber ich verstehe, worauf Sie mit diesem (naheliegenden) Wortspiel hinauswollen: Sie wollen der Pfiff sein, mit dem der Schiedsrichter aufgrund eines verbalen Angriffs gegen seine Autorität das Spiel unterbricht, um den betreffenden Spieler dann zu verwarnen. Sie wollen also eine gelbe Karte sein.

CB: Ich verbitte mir derartige Kurzschlüsse, Sie, Sie… Eugen Strigel des investigativen Interviews! Auch hier muss man doch zunächst wieder über eine Typologie der Schiedsrichterpfiffe nachdenken – und über die Frage, ob sich trennscharf zwischen Pfiff und Pfeifer unterscheiden lässt. Was meinen Sie, inwiefern beeinflusst hier das „Medium“ die „Nachricht“?

MM: Hm, also wenn ich meinen McLuhan richtig gelesen habe, dann wollte er mit seinem Sinnspruch „Das Medium ist die Botschaft“ sagen, dass die persönlichen und sozialen Auswirkungen jedes Mediums – das heißt jeder Ausweitung der eigenen Person – sich aus dem neuen Maßstab ergeben, der durch jede Ausweitung unserer eigenen Person oder durch jede neue Technik eingeführt wird. Übertragen auf den Schiedsrichter und den Pfiff hieße das wohl, dass der Schiedsrichter durch die Pfeife, die ja wohl das Medium darstellt, einen anderen akustischen Aktionsradius bekommen hat. Er kann gewissermaßen in die Ferne wirken, wird zum Fernpfeifer und fühlt sich plötzlich befähigt, alles zu stoppen, was er noch irgendwie sehen oder hören kann. Die Botschaft oder die Nachricht ist dann: Egal wo Du bist, egal was Du tust, egal was Du sagst, ich kann die Zeit anhalten, mich zu Dir bewegen, das Spiel so zurechtlegen, wie es sein sollte, und dann weiterlaufen lassen. Eine Typologie der Schiedsrichterpfiffe müßte also ihren Grad an Reorganisation des Geschehens berücksichtigen.

CB: Ich glaube, da muss ich jetzt passen (bin noch geplättet vom Ausgang der C-Gruppenspiele).

MM: O.K., da gingen jetzt die medienwissenschaftlichen Pferde mit mir durch. Eigentlich wollte ich nur sagen: Schiedsrichterpfiff ist dann, wenn der Schiedsrichter pfeift. Wobei ich mir gerade überlege, dass wenn die Pfeife das Medium ist und ich die Pfeife – wie Sie so schön bemerkten – ich ja das Medium und damit die Botschaft bin.

CB: Gut, gut, Sie berauben mich also auch noch dieser Pointe. Also wo waren wir stehen geblieben – die Typologie der Schiedsrichterpfiffe. Ob mir da vielleicht die Schiedsrichter Zeitung weiter helfen kann? Nach erstem Durchsehen würde ich sagen – eher nicht. Aber: Lehrarbeit mit Eugen Strigel (dem echten), Regelfragen mit Peter Gabor, das klingt interessant. Gastbeiträge von Pierluigi Collina scheint es jedoch nicht zu geben. Doch ich schweife ab, ein Pfiff also… ist alles erlaubt oder scheiden die Standards wie An- oder Abpiff, Eckball oder Auswechslung von vornherein aus?

MM: Wie könnte beim Thema Schiedsrichter alles erlaubt sein?

CB: Na, sie sind mir eine große Hilfe. Ich denke, ich würde ein historischer Pfiff sein wollen, denn in den FIFA-Statuten heißt es: „Seine Entscheidungen über Tatsachen, die mit dem Spiel zusammen hängen, sind endgültig.“ Das wäre doch schon mal was, eine bleibende Entscheidung mit Endgültigkeitsanspruch.

MM: Sind Sie sich sicher, dass Sie im Bücherregal nicht versehentlich neben den FIFA-Statuten-Band gegriffen und das Alte Testament erwischt haben?

CB: Herr Mertens, Sie kennen doch die Ordnungspolitik in meiner kleinen Heim-Bibliothek – nie könnten FIFA-Statuten und Altes Testament nebeneinander stehen!

MM: Stimmt, bei Ihrer alphabetischen Ordnung könnten Sie bestenfalls das Grundgesetz erwischt haben. Und da steht ja, dass alle Deutschen das Recht haben, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Das trifft ja auf unsere Nationalmannschaft schon mal zu, denn wirkliche Kanonen haben wir ja nicht dabei gehabt. Interessant dann aber der Zusatz, dass Versammlungen unter freiem Himmel durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden kann. Womit wir wieder beim Fußballplatz und dem Schiedsrichter wären. Aber ich spüre Ihre Ungeduld, weil ich schon wieder abschweife. Sie wollen also ein historischer Pfiff sein. Der Anpfiff der Verlängerung des Spiels Italien – Deutschland 1970 vielleicht?

CB: Politische Versammlungen – da erwischen Sie mich ausnahmsweise auf dem richtigen Fuß. Beim Spiel der deutschen Mannschaft könnte man im übrigen noch zwischen einer „stehenden“ und einer „bewegten“ Versammlungen differenzieren. Ersparen Sie mir bitte eine detaillierte Ausführung. Aber zurück zum Thema: ihr historischer Pfiff von 1970 wurde zwar in einem fürwahr merk-würdigen Spiel getätigt, aber er selbst hatte doch kaum eine Funktion, er war lediglich eine Art Intermezzo oder Pausenzeichen, der reguläre und Extra-Zeit voneinander trennte. Halten Sie das bereits für einen „entscheidenden“ Pfiff?

MM: Herr Bieber, der vierte Offizielle signalisiert mir gerade, dass die reguläre Spielzeit vorbei ist. Aber es sind noch 3 Minuten Extra-Zeit angezeigt. Wenn Sie noch scoren wollen, dann jetzt.

CB: Nachspielzeit? Schade, dann muss ich auf meinen Exkurs zur „bewegten Versammlung“ verzichten, die man selbstverständlich auch als „Demonstration“ bezeichnen könnte. Und demonstriert haben die Deutschen in Portugal ja relativ wenig, wie Sie wissen. Also will ich keine Zeit verlieren und in bester Goalgetter-Manier aus kurzer Distanz einnetzen: Ich wäre gerne der legendäre 1966er-Pfiff nach dem so genannten „Wembley-Tor“ – denn damit bleibt man doch für lange Zeit in aller Munde.

MM: Nach langem Lavieren im Mittelfeld dann doch ein beherztes Verwandeln. Und jetzt sage ich Ihnen, welcher Pfiff ich gerne bin: Der Schlusspfiff dieses Gesprächs.

CB: Herr Mertens, wie soll ich das verstehen?? Da ein möglicherweise unsportliches Nachtreten auch nach dem Schlusspfiff noch geahndet werden würde, verzichte ich auf eine Replik und verbleibe mit Sepp Herberger: „Das nächste Interview ist immer das schwerste“. Zumal ich dann die Fragen stellen werde.

Gibt es eigentlich einen schottischen Schiedsrichter bei der EM?

Mittwoch, 23. Juni 2004

Allgemein

Heruntergeputzt wie einen Schulbuben

„ob die Gerichtskameras des italienischen Staatsfernsehens RAI den flotten Auftakt zwischen Dänemark und Schweden eingefangen haben?“ (SZ) – „hat sich Christian Vieri schmollend und in ein großes Handtuch heulend zurückgezogen?“ (SZ) – „Zinedine Zidane putzte den behäbigen Angreifer David Trezeguet herunter wie einen Schulbuben“ (BLZ) / Lob für die Schweiz (FAZ) – England siegt, „künftig wird es zwei Nationalheilige im Königreich geben, Saint Georg und den heiligen Sankt Wayne“ (BLZ) u.v.m. (mehr …)

Vermischtes

Der Fußball ist in Sachen Massenkonsum unschlagbar

„der Fußball ist in Sachen Massenkonsum unschlagbar“ (FAZ) / „die Gruppenphase lieferte interessante Inhalte, enthielt begeisternde Spiele“ (NZZ) – „Rehhagelismus“ (taz) u.v.m. (mehr …)

Allgemein

Hohes Tempo, hohes Risiko, hohe Energie

Holland „wetzt die Messer“ (FAZ) für Dick Advocaat – „vielleicht sollte Jörg Stiel sich ein Bewerbungsvideo von dieser glorreichen EM zusammenschneiden lassen“ (FR) (mehr …)

Deutsche Elf

Kevin allein im Sturm

„der deutsche Fußball hat seine größte Krise hinter sich“ (SZ) / „die Deutschen versuchen es, mehr kann man nicht verlangen“ (FAZ) – SZ-Interview mit Torsten Frings – „Christian Wörns ist zum dichthalten da. Verbal und auf dem Platz“ (FR) u.v.m.

Die Deutschen versuchen es. Mehr kann man nicht verlangen

Michael Horeni (FAZ 23.6.) nimmt Rudi Völler und Michael Skibbe vor Kritik in Schutz: “Die Diskussionen um die Auswechslungen erzeugen jedoch in der Öffentlichkeit nur die Illusion eines großen Gestaltungsspielraums, den Völler und Skibbe angesichts eines limitierten Kaders gar nicht besitzen. Der deutschen Mannschaft fehlen einige zentrale Elemente im Repertoire, die eine internationale Spitzenmannschaft auszeichnen. Zur Grundregel einer Welt- oder Europameisterschaft zählt seit Jahrzehnten: ohne zumindest einen torgefährlichen Stürmer kein Turniersieg. Die Deutschen besitzen einen solchen Angreifer diesmal nicht. Die Fähigkeit, eine Mannschaft durch spielerisches Talent zu besiegen, fehlt ihnen auch. Damit sind die beiden größten Schwächen genannt, weitere individuelle und taktische Unzulänglichkeiten kommen hinzu. Das bedeutet jedoch noch nicht, daß die Deutschen gegen die Tschechen – oder gegen jede andere Mannschaft bei der EM – ohne Chance wären. Die Kampfkraft und Laufbereitschaft sind groß, die Geschlossenheit im Team ist vorhanden, die Grundordnung stimmt. Dazu gibt es mit Michael Ballack und Oliver Kahn immer noch herausragende Spieler. Es ist eine ganz einfache Rechnung: Wer nicht so viele Möglichkeiten besitzt wie die Deutschen, der muß sie immer optimal nutzen. Es ist aber irrig zu glauben, die vorhandenen Optionen ließen sich in jeder Partie hundertprozentig ausschöpfen. Die Deutschen versuchen es. Mehr kann man nicht verlangen.“

Kämpft Tschechien wie ein Rudel Straßenhunde um den Kalbsknochen?

Wer soll das Tor schießen, Philipp Selldorf (SZ 23.6.)? „Schweinsteiger, der Schneider in beiden Partien ersetzte, spielt frech seine fußballerischen Möglichkeiten aus. So unbekümmert, „dass man ihn manchmal bremsen muss, weil er zu viel auf einmal will“, wie Ballack anmerkt, und so frech, dass ihm geraten wurde, er solle nicht so oft an den älteren Kollegen seine Tricks demonstrieren und ihnen den Ball zwischen den Beinen hindurch schieben. Sonst herrscht verschärfte Grätschengefahr. Nun wünscht sich Völler für das Spiel gegen Tschechien jedoch genau diese Respektlosigkeit. Schweinsteiger soll mit einigen Soli unter anderem Raum schaffen für Ballack, der als hängender Mittelstürmer fungieren wird, weil die Facharbeiter Bobic, Klose und Brdaric den Dienst versagen und nur Kuranyi einen Platz in vorderster Linie erhält. Irgendeiner muss ja dieses verdammte Siegtor schießen. „Wichtig ist, dass Michael oft gefährlich ist“, meint der Teamchef, und es klingt wie ein Flehen, „dann herrscht beim Gegner Nervosität und Alarmstimmung.“ Wobei sich die Frage stellt, ob die Tschechen Grund zur Nervosität haben, da sie den Platz im Viertelfinale längst sicher haben, und ihre Partie in der Gruppe D als Zugabe betrachten dürfen. So bedauerlich berechenbar das Spiel der deutschen Mannschaft ist, so unkalkulierbar ist der nächste Gegner. Ist die Ankündigung des tschechischen Trainers Karel Brückner, der zweiten Besetzung Auslauf zu verschaffen, „ein großer Bluff“, wie Oliver Kahn misstrauisch mutmaßt? Oder wird die deutsche Mannschaft eine porentief motivierte Zweitbesetzung antreffen, die so leidenschaftlich um die Punkte kämpft wie ein Rudel Straßenhunde um den Kalbsknochen?“

Der deutsche Fußball hat seine größte Krise hinter sich

Wie geht es weiter, wenn Deutschland ausscheidet, Ludger Schulze (SZ 23.6.)? „Die Stunde Null ist nun vier Fußballjahre her, und die zählen doppelt und dreifach. Der Auswahl steht ein aufgeschlossener Trainer vor, der gründliche taktische Überlegungen anstellt, Verband und Vereine haben sich aufschrecken lassen und eine umfassende Jugendarbeit aufgenommen, die fast unverzüglich Früchte trug. Es wird, im Falle eines Scheiterns bei der Verfolgung des Plans Viertelfinale, zwar eine intensive Debatte über den Trainer, die Zukunft und Auswirkungen auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land anheben. Mit größter Wahrscheinlichkeit aber wird Rudi Völler auch bei Misserfolg bleiben, und seine Arbeitsgrundlagen werden kaum verändert sein. Schon jetzt gehörten die Jüngsten, Lahm, Schweinsteiger oder Friedrich, zu den Besten, und hinter ihnen steht eine Phalanx von Talenten: Podolski, Lauth, Hitzlsperger, Broich, Madlung, Fahrenhorst, Mertesacker. Hinzu kommen zwischenzeitlich verhinderte Stammkräfte wie Metzelder und Deisler. Der deutsche Fußball hat seine größte Krise hinter sich – unabhängig vom heutigen Resultat aus dem Stadion José Alvalade von Lissabon.“

„Kevin allein im Sturm“, heisst der neue Völler-Film

Martin Hägele (NZZ 23.6.) sieht gar nicht so schwarz für Deutschlands Fußball: „Noch lebt der deutsche Fussball. Und anders als vor vier Jahren, als es im letzten Gruppenspiel gegen Portugal ebenfalls gegen eine aufgepäppelte Reservemannschaft ging, muss kein Putsch befürchtet werden, falls die bereits für die Achtelfinals qualifizierten Tschechen Rudi Völlers Auswahl aus dem Turnier kicken sollten. Damals bestand die Vertretung des dreimaligen Welt- und Europameisters überwiegend aus einer Generation alternder Spieler, geführt von dem fast 40- jährigen Rekordinternationalen Lothar Matthäus, präsentiert von einem Fussball-Lehrer, Erich Ribbeck, über dessen taktische Vorstellungen bzw. mannschaftliche Ausrichtung nicht nur an deutschen Sporthochschulen, sondern auch an vielen Theken immer noch gelästert wird. Auch das Kader von Rudi Völler hat sich in den letzten Monaten mehrfach blamiert, dem ehemaligen Idol aber würde das zweite Scheitern in Folge bei einer Euro-Veranstaltung nicht persönlich angelastet. Er würde in diesem Fall – anders als von vielen vermutet – eher nicht demissionieren. Mit Lahm, Friedrich, Schweinsteiger haben sich zwei 20-Jährige und ein 24-Jähriger im Verlauf der EM in der Stammelf etabliert, der 19-jährige Podolski, für Mittwoch als Alternative eingeplant, gilt ebenfalls als Mann für die Zukunft. Und als Lehre aus der unendlichen Fortsetzungsgeschichte mühseliger Auseinandersetzungen mit vermutlich Kleinen bringt Völler nicht mehr länger die Leier, wonach auch ehemalige Entwicklungsländer mittlerweile fast alle Grossen schlagen können, sondern spricht die Tatsache an, auch wenn das wehtut, und einem wie dem ehemaligen Goalgetter ganz besonders. Deutschland hat keine Stürmer mehr, und weil lediglich Kuranyi und vielleicht irgendwann einmal Podolski das Profil eines effizienten Angreifers erfüllen, will sich die DFB-Equipe nun durch Portugal verteidigen. „Kevin allein im Sturm“, heisst der neue Völler-Film.“

B-Elf? Frank Ketterer (taz 23. 6.) notiert: „Rudi Völler mag das Wort nicht – und in der gar nicht so alten deutschen Fußballgeschichte gibt es dafür einen sehr guten Grund. Schließlich war es vor vier Jahren und somit bei der letzten EM just eine so genannte B-Elf, jene aus Portugal nämlich, die die Deutschen bereits in der Vorrunde aus dem Turnier kegelte – und Völler schließlich zum Nachfolger von Sir Ribbeck machte. Ob sich das Szenario wiederholen und also auch für Völler ein Nachfolger gesucht werden muss, mochte der deutsche Teamchef gestern aus nachvollziehbaren Gründen nicht prognostizieren. Bei der alltäglichen Pressefragestunde im deutschen EM-Quartier wurde aber allemal deutlich: Das Wort B-Elf mag Bundesrudi wirklich nicht. Mehr noch: In seinem Wortschatz taucht es allerhöchstens mit dem Zusatz „vermeintliche“ auf. Natürlich hat Völler gute Gründe parat, die von ihrem Trainer Karel Brückner für Mittwoch angekündigte „vermeintliche B-Elf“ der Tschechen nicht als solche zu sehen, sondern einfach als: ganz normale Elf. „Die da nachrücken, spielen alle in der Bundesliga oder in anderen europäischen Top-Ligen“, weiß Völler – und sind nach 180 Minuten auf der Ersatzbank ohnehin mehr als heiß darauf, aller Welt und vor allem ihrem Trainer zu zeigen, dass auch sie Fußball spielen können – und zwar gar nicht so viel schlechter als die zu schonenden Stars wie Nedved, Koller oder Rosicky.“

Ist nicht gerade meine Stärke, Mittelstürmer zu spielen

Jan Christian Müller (FR 23.6.) traut dem Frieden bei der Nationalelf nicht: „Völler ist beseelt von dem Gedanken, Michael Ballack als verkappten Stürmer im Herz der tschechischen Defensive zu platzieren. „Ist nicht gerade meine Stärke, Mittelstürmer zu spielen“, sagt Ballack und wirkt dabei doch ganz entspannt. Denn er erinnert sich auf Nachfrage dunkel, dereinst bei der Betriebssportgemeinschaft Motor Karl-Marx-Stadt schon mal ganz in vorderster Front agiert zu haben, „und manchmal sogar als Libero“. Den Libero gibt’s ja nicht mehr, so dass dieser Kelch an Ballack vorbeigehen wird. Ohnehin ist die vor Turnierbeginn aufgeregt diskutierte Abwehrschwäche überhaupt kein Thema mehr unter den Meinungsmachern im Dunstkreis des Nationalteams. Das veritable Angriffsproblem hat sich stattdessen mühevoll nach vorn gekämpft. Ballack soll es lösen. Er soll, fordert Völler, „sich vorne etwas länger aufhalten“ und dort natürlich nicht nur rumstehen, sondern mächtig „Alarm machen“, und er soll von Schweinsteiger fantasievoll und mutig unterstützt werden. (…) Langjährige Beobachter interpretieren diese Sätze auch für den Fall einer Niederlage, wenn sie denn nicht zu peinlich zustande käme, als recht eindeutiges Bekenntnis zum Weitermachen. DFB-Pressechef Harald Stenger bestätigt das auf Nachfrage ausdrücklich. Weder in trauter Runde beim allabendlichen gemeinsamen Schlummertrunk noch bei anderer Gelegenheit seien Anzeichen von Amtsmüdigkeit bei Völler erkennbar. „Egal, was passiert. Rudi Völler wird am 12. August um zwölf Uhr den Kader für das Testländerspiel am 18. August in Wien gegen Österreich bekannt geben“, verkündet Stenger. Alles, was „sonst gesagt und geschrieben“ würde, gehe „meilenweit an der Realität vorbei“. Die Stimmung „im Team und innerhalb des Teams hinter dem Team“ sei „absolut positiv“. Dass Sepp Maier nur 1:1 tippt, hat Stenger aus einem Interview mit dem Bundestorwarttrainer herausstreichen lassen. Passt jetzt gerade nicht ins Stimmungsbild.“

Der ist zum dichthalten da. Verbal und auf dem Platz

Christian Wörns hat sich verändert. Jan Christian Müller (FR 23.6.): „Solcherlei Selbstironie traut man einem wie Christian Wörns gar nicht zu. Er kommt so bieder und brav daher, dass man ihm am liebsten eine Fliege um den Hals binden und eine Schultüte in die Hand drücken würde. Aber da würde man den dienstältesten Akteur im DFB-Kader unterschätzen. Das hat er gar nicht gern. (…) Dieser Wörns ist nicht gleichmütig, sondern ehrgeizig. Und er hat auf seine alten Tage gelernt, prägnant zu formulieren. Wer wahrgenommen werden will, darf nicht nur an gegnerischen Trikots zerren (seine Spezialität), er muss auch verbal Profil entwickeln: „Ich kann versprechen“, sagt er also im Tonfall eines kreuzbraven Messdieners, „dass wir bis an die Kotzgrenze gehen.“ Da schauen sich die Zuhörer an: Kotzgrenze? Die Wortschöpfung hätte Wörns niemand zugetraut. Kotzgrenze: So etwas hat Effenberg vielleicht gesagt, als der noch was zu sagen hatte, oder vielleicht noch Olli Kahn – aber Wörns? Der ist zum dichthalten da. Verbal und auf dem Platz.“

SZ-Interview (23.6.) mit Torsten Frings

SZ: Mittwoch spielen Sie gegen zwei Noch-Vereinskollegen aus Dortmund, Tomas Rosicky und Jan Koller. Haben Sie mit denen vorher über ein mögliches Aufeinandertreffen gesprochen?
TF: In der Kabine haben wir mal Witze gemacht. So in der Art: Wir hauen euch weg! So ist das ja immer. Beide sind Supertypen, ich hab“ total gerne mit ihnen gespielt. Beide sind eher ruhigere Vertreter, ein bisschen so wie ich, mit dem Unterschied, dass sie nicht alles verstehen. Jan Koller lebt deshalb auch etwas zurückgezogen.
SZ: Kommen wir zu Ihrem neuen Klub. Weshalb haben Sie sich denn so früh auf den FC Bayern festgelegt?
TF: Ganz einfach. Ich bin damals von Bremen nach Dortmund gegangen, weil ich überzeugt war, das ist der beste Verein für mich. Mit dem kann ich Deutscher Meister werden. Matthias Sammer hat mich überzeugt, nach Dortmund zu gehen. Ich hab“ mich schnell für die Borussia entschieden, und ich stehe dazu, wenn ich einmal zugesagt habe. Die zwei Jahre in Dortmund haben mir hervorragend gefallen. Jetzt wollte ich nicht ins Ausland wechseln, weil ich unbedingt mal Deutscher Meister werden will . . .
SZ: . . . der berühmte Kindheitstraum?
TF: Genau. Für mich kommt nur ein Verein in Frage, mit dem ich ziemlich sicher Meister werden kann. Und das ist Bayern München.
SZ: Wer war der Sammer der Bayern?
TF: Da gab’s kein“ Sammer, davon musste mich keiner überzeugen. Ich wäre ja vor zwei Jahren schon zu Bayern gegangen, wenn ich nicht Matthias Sammer schon mein Wort gegeben hätte. Ich freue mich total auf München.
SZ: Felix Magath wird dort neuer Trainer, ausgerechnet der Mann, mit dem Sie in Bremen Probleme hatten.
TF: Ich habe damals relativ viel gespielt, obwohl ich ziemlich jung war. Obwohl ich als Stürmer immerhin auf 24 Einsätze kam, ist man unzufrieden, wenn man mal nicht spielt. Dann ist man sauer, hasst alles um einen herum, den Trainer, den Verein. Mit ihm persönlich hatte ich keine Probleme. Und das ist ja auch schon sechs Jahre her. Magath hat sich verändert, ich habe mich verändert.
SZ: Vor kurzem haben Sie in einem Interview gesagt, Sie seien damals noch „schlimmer“ gewesen. Was verbirgt sich denn dahinter?
TF: Ich war noch nicht so weit im Kopf. Mir war alles scheißegal, hab“ auf nichts geachtet, war faul, lauffaul im Training.
SZ: Felix Magath geht ja der Ruf voraus, den Spielern alles abzuverlangen. War das wirklich so schlimm?
TF: Wir hatten vorher Wolfgang Sidka, da war alles schön ruhig. Und dann kam ein Trainer, der hat Sachen gemacht, da hast Du gedacht, was hat das mit Fußball zu tun?
SZ: Medizinbälle und so?
TF: Genau. Da lernst du erst mal laufen. Deswegen war das so schlimm. Bei Werder hat damals nichts gestimmt, wir wären beinahe abgestiegen. Aber die Stuttgarter Spieler sagen, Magath habe sich sehr verändert. Jetzt sind wir beide bei einem Verein, wo nur die Meisterschaft zählt. Er ist noch nicht Meister geworden als Trainer, ich bin noch nicht Meister geworden als Spieler – das sind doch ideale Voraussetzungen.

Druckreif. Sendereif. Grammatikalisch korrekt. Und immer angriffslustig

Michael Jahn (BLZ 23.6.) traut seinen Augen kaum: „Früher, sagen altgediente Begleiter der deutschen Nationalmannschaft, sind sie lieber noch in aller Ruhe an den Tresen eines Biersponsors gegangen, wenn Bundestrainer Michael Skibbe (38) als Vorturner bei den Pressekonferenzen angekündigt war. Den Skibbe, den könne man sich schenken, hieß es – man schenkte sich stattdessen lieber noch einen Drink ein. Skibbe referierte meist in gestelzten Akademiker-Worten. Über das „Verhalten der Stoßstürmer im gegnerischen Strafraum“ zum Beispiel oder über den „Kalorienverbrauch der Mittelfeldspieler bei Spielen in der Nachmittagssonne“. Das hat sich längst geändert. Wenn Skibbe, der einst nur 14 Bundesligaspiele für Schalke 04 bestritt, ehe ihn eine Knieverletzung stoppte, in diesen Tagen im Medienzentrum in Almancil aufs Podium klettert, ist der Saal genauso rappelvoll wie bei Teamchef Rudi Völler. Dabei ist es nicht so, dass die Medien Skibbe plötzlich neu entdeckt hätten. Aber der eloquente Dynamiker spricht inzwischen klare Worte, was selten geworden ist in diesem Geschäft, in dem Plattitüden alles beherrschen. Skibbe hat sich längst als Mann fürs Scharfe profiliert – natürlich in Abstimmung mit Rudi Völler. Er ist fast so etwas wie der sechste Stürmer im deutschen EM-Aufgebot. Im Unterschied zum Teamchef, der einigen Fragestellern schon mal vertraulich und jovial vom Podium herunter zuzwinkert, blickt Skibbe seinem Gegenüber direkt in die Augen, ohne mit der Wimper zu zucken – dann antwortet er ohne Punkt und Komma. Druckreif. Sendereif. Grammatikalisch korrekt. Und immer angriffslustig.“

Ballschrank

München 60 auf dem Weg zurück in die Zukunft

Elisabeth Schlammerl (FAZ 23.6.) sieht München 60 auf dem Weg zurück in die Zukunft: „Die Fans des TSV München 1860 sind in zwei Lager gespalten, von jeher. Aber in den vergangenen Jahren wurde dies besonders deutlich. Die einen passen sich neuen Gegebenheiten an, gehen mit der Zeit. Das sind aber nur wenige und für die anderen gar keine richtigen „Blauen“. Die anderen, das ist die große Mehrheit. Dieser Teil der „Löwen“-Fans glorifiziert längst vergangene Zeiten, lebt lieber im Gestern als im Heute. Zumindest bis vor ein paar Tagen war das so. Aber nun ist der Klub wieder angekommen in der ach so viel besseren Vergangenheit: In „seinem“ Grünwalder Stadion in Giesing. 13 von 17 Heimspielen wird der Absteiger aus der Fußball-Bundesliga in der neuen Saison dort wohl bestreiten, die Partien gegen den 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt, Dynamo Dresden und Energie Cottbus müssen aus Sicherheitsgründen im Olympiastadion ausgetragen werden. Für die Anhänger, die in den vergangenen neun Jahren, seit dem Umzug in die stimmungsarme Betongruft, einen steten Kampf um eine Rückkehr in das marode Stadion geführt haben, wider jede Vernunft, ist es wie das Nachhausekommen nach einer langer Reise. Allerdings mit kurzer Verweildauer. Denn in einem Jahr ziehen die „Löwen“ wieder aus, dieses Mal in die neue Allianz-Arena im Münchner Norden. (…) Wirtschaftlich gesehen ist es trotz womöglich höherer Zuschauereinnahmen als im Olympiastadion ein Risiko für den ohnehin finanziell klammen Klub. Die Vereinsführung und die Spieler sehen allerdings bessere Chancen im Grünwalder Stadion, den sofortigen Wiederaufstieg zu realisieren.“

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