Sonntag, 13. Juni 2004
Strafstoss
Strafstoß #2 – Gefangen im Zeitlooping – Portugalität und andere Visionen
von Christoph Bieber
Das Eröffnungsspiel war noch keine zehn Minuten alt, als Georgios Karagounis die Zeit anhielt: Sein Schuss aus etwa 20 Metern stürzte die Gastgeber in ein Tal der Tränen, aus dem die Figos, Decos und Ronaldos nicht mehr heraus finden sollten. Die Zuschauer an Fernsehschirm, Großbildleinwand oder Videowall hingegen versetzte Karagounis in eine Zeitschleife, denn die von Reinhold Beckmann beschworene „Weltregie“ hatte ihren Spaß am exzessiven Einsatz der Zeitlupe. Anders als die im UEFA-Jargon „Extra Time“ genannte Verlängerung nach Spielschluss setzt die Zeitlupe das medial übermittelte Spielgeschehen bereits während des Spiels außer Kraft und straft damit nicht nur Sepp Herberger Lügen – das Spiel dauert eben nicht mehr neunzig Minuten.
Um dem Publikum die Unterscheidung des sportlichen vom mediensportlichen Ereignis zu erleichtern, nutzen die Berichterstatter schon seit langem allerlei visuelle Vignetten: Das gute alte „R“, ungelenk blinkend im rechten oder linken Bildschirmeck, ist der längst in Rente geschickte Urahn der mittlerweile technisch hochgezüchteten Schnittstellen zwischen Live-Übertragung und zeitversetzter technischer Vervielfachung. Längst hat sich auch die Nutzung dieses aus modernen Sportübertragungen nicht mehr wegzudenkenden Features verändert – die verlangsamte Wiederholung (von Reportern alten Schlages gerne auch liebevoll als „Slo-Mo“ oder gar „Super-Slo-Mo“ gehätschelt) eröffnet neue Perspektiven auf das Spielfeld, bringt den Blick von der ominösen „Gegenseite“ (engl. „reverse angle“) ins Spiel oder liefert kommentierenden Kommissaren Material für individuelle Bewegungs-, Ball- und Fallstudien.
Nicht erst bei der Euro 2004 übernimmt das offizielle Logo auch die Aufgabe des Paravent zwischen „aufm Platz“ und „aufm Bildschirm“. Jede Wiederholung wird mit einem überfallartigen Einblenden der komplexen Komposition aus Ball, Herz und sieben unscheinbaren Punkten begonnen und beendet. Dabei schiebt sich der Ball aus der Tiefe des Raumes in einer PowerPoint-artigen Spiralbewegung in den Vordergrund, verweilt für Sekundenbruchteile zentral im Blickfeld und gibt schließlich die Sicht frei auf die Spielszene. Nur den wenigsten dürfte sich dabei Anspielungsreichtum und Symbolik der Grafik erschließen: Die Ballsegmente greifen traditionelle Formen aus Emaille- oder Schmiedekunst auf, bei der Umrandung handelt es sich um das charakteristisch verformte „Portugiesische Herz“, dem grüne Farbkleckse als Platzhalter für die sieben Weltmeere beigefügt sind. Auch die Farbgebung unterliegt strengen Regeln, so strahlen die warmen Gelb- und Goldtöne am stärksten in der „Herzmitte“, ergänzen Rot- und Orangetöne Leidenschaft und Emotion, während die grünen Punkte die Anmutung der „Portugalität“ unterstreichen. Die Farbpalette der portugiesischen Flagge ist komplett.
Wer denkt sich so etwas aus? Es sind die Strategen der Agentur „Euro RSCG“, die die wesentlichen Entwicklungsschritte auch gleich in eine handliche Darreichung haben einmünden lassen. Dass hier ganze Arbeit geleistet wurde, zeigt sich mit Blick auf die übrige Insert-Landschaft, die sich während der EURO 2004 auf dem Bildschirm entfaltet: Das aktuelle Spielergebnis wird optisch fixiert durch eine goldene Borte, deren Form architektonischen Zierrat nachahmt, Eckball-Statistiken oder Nachspielzeiten werden vor einem stilisierten Pergamentbogen eingeblendet, und auch hier möchte der warme Goldton an die ruhmreiche Zeit der Seefahrernation erinnern.
Bleibt zu hoffen, dass dem Publikum zusätzlich zum oft genug spielbehindernden Kommentar aus dem Off nicht noch mehr grafische Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Man will ja schließlich auch noch was „vom Spiel“ sehen…
Samstag, 12. Juni 2004
Allgemein
Portraits: Otto Rehhagel, Cristian Ronaldo, Dado Prso, Thierry Henry
„welche Mannschaft ist so ausgewogen mit Klasse besetzt wie Spanien?“ (FR) – Dado Prsos langsamer und unerwarteter Aufstieg (NZZ) – FAZ-Interview mit Thierry Henry u.v.m. (mehr …)
Ball und Buchstabe
Heiterkeit kehrt ein, das ungeliebte Porto
Portugal, ein Volk rückt zusammen und erwartet das Turnier mit großer Spannung und Hoffung (NZZ) – Der Fußball soll richten, was beim Gastgeber der Europameisterschaft schiefläuft (FAZ) u. v. m.
Fußballstars sind die Botschafter des Landes am Südwestzipfel Europas
Geht nach der EM ein Ruck durch Portugal? Thomas Klemm (FAZ 12.6.): „Portugal hat eine Vision: Die Nationalmannschaft nutzt ihren Heimvorteil zum Titelgewinn, und alles wird gut. Die Sorgen nach der Ost-Erweiterung der Europäischen Union, das Staatsdefizit und die Erwerbslosigkeit werden kleiner, der wirtschaftliche Aufschwung, die Investitionen und der Touristenstrom werden größer. Der Fußball soll also richten, was beim Gastgeber der Europameisterschaft schiefläuft. Zwar hat Ministerpräsident Durão Barroso bei einem Besuch im Trainingslager den öffentlichen Druck auf die Selecção zu lindern versucht, indem er ihr die Verantwortung für einen Aufschwung des Landes zu nehmen versuchte. Doch allein, daß er darüber sprach, zeigt die geheime Hoffnung, die das Volk und seine Vertreter mit seiner Nationalmannschaft verbinden. Nicht ohne Grund hatte sich das Regierungsbündnis den Schlachtruf der Fußballfans zu eigen gemacht, um die Portugiesen bei der Europawahl zu den Urnen und das Land zu mehr Zuversicht zu bewegen. Força Portugal, auf geht’s Portugal, lautet der Wahlslogan, und er bedeutet nicht weniger als: Es muß ein Ruck durch Portugal gehen. Der schöne Schein bestimmt das schwere Sein. Man ist stolz auf die zehn modernen EM-Stadien – und schert sich zunächst nicht um die Folgekosten. Man erfreut sich daran, daß die große weite Welt auf das kleine Land blickt – und hofft inständig, daß die anreisenden Fußballfans später als Touristen wiederkommen. Wie überhaupt sich der Blick der Portugiesen, nach einem Kinderschänderskandal und einer Korruptionsaffäre im Fußball von Selbstzweifeln geplagt, oft nach außen richtet. Die fußballverrückte Nation gewinnt vor allem dadurch an Bedeutung, daß ihre Wertarbeit in europäischen Spitzenligen hoch geschätzt wird. Figo in Madrid, Rui Costa in Mailand, Ronaldo in Manchester, Pauleta in Paris – Fußballstars stiften nicht nur im Innern Identifikation, sondern sind nach außen Botschafter des Landes am Südwestzipfel Europas.“
Fußball auf Portugiesisch. Oliver Trust (Tsp 12.6.): „Diese Orte sind wie geschaffen für Sehnsüchte und Gebete. Kleine Kapellen, überall entlang den Küsten Portugals. Hoch über den kleinen Fischerbooten, abgelegen, einsam. Außen weiß getüncht, innen, hinter Glas, in jeder Kapelle eine Madonna, die jedem zuhört, der mit seinen Sorgen auf den Berg kommt. Gerade in diesen Tagen der EM. Wie Opfergaben liegen Schals und Trikots zu ihren Füßen, manchmal ein paar Münzen und kleine Zettel, auf die ein paar Sätze gekritzelt sind. Die Portugiesen sind ein gläubiges Volk. Jetzt glauben sie auch an Fußball und ihre Nationalmannschaft. Bis Anfang Juli, wenn das Finale stattfindet, ist es mehr der Fußball als die Kirche, der das Leben in dem Land beherrscht, das einst als Armenhaus Europas galt. Jahrelang haben die Gelder der Europäischen Union geholfen, doch nun haben die Menschen Angst, dass die EU-Gelder in den Osten gepumpt werden und für sie nicht mehr viel bleibt. Ihre ganze Hoffnung sind nun Figo und Co.“
Anstelle der sprichwörtlichen Ungeduld ist Heiterkeit eingekehrt
Felix Reidhaar (NZZ 12.6.) fasst Stimmung und Spannung in Portugal zusammen: „Einst dank verwegenen Entdeckungsfahrten auf See als Weltreich Lusitanien gerühmt, im letzten Jahrhundert aber zusehends als Europas Armenhaus bemitleidet, schickt sich Portugal in den nächsten drei Wochen zu „Eroberungszügen“ auf eigenem Land an. Nichts scheint dazu geeigneter als die XII. Fussball-Europameisterschaft, kurz Euro 2004 genannt – die erste grosse Sportveranstaltung überhaupt in der Geschichte der stolzen Nation. Das Turnier hat den Portugiesen lange vor Beginn mächtig Kraft abgefordert. Zu viel, finden manche, die zwar die Fussballbegeisterung ihrer Landsleute teilen, die Milliardeninvestitionen aber nicht nur in Stadien, Strassen und Tourismus verteilt sehen wollten. Am schmalen Westende des alten Kontinents sind innerhalb kürzester Frist schicke, moderne Sporttempel (zu) grosser Dimensionen aus dem Boden geschossen wie in keinem anderen EM-Durchführungs-Land zuvor. Das Verkehrsnetz und weitere infrastrukturelle Massnahmen wurden dadurch auf einen fortschrittlichen Stand gebracht, der sich bei „geschlossenem Schaufenster“ nie hätte realisieren lassen. (…) Porto, des Landes Hanse, in der ebendieser Geist der Conquista (Eroberung) lebendig wirkt, macht am Samstagabend den Anfang. Innerhalb von fünf Tagen sieht die phantastische „fliegende Untertasse“ Do Dragão den Eröffnungsmatch mit dem Heimteam und das Rivalenderby Niederlande – Deutschland. Man empfindet es als glückliche Fügung, dass die Portuenser die kontinentale Elite nur siebzehn Tage nach dem Champions-League-Triumph ihres Lokalvereins empfangen dürfen – in der „Fussball-Metropole“ Europas schlechthin. Man glaubt dieser Vorsommertage Gefühlswechsel unter den Einwohnern beobachten zu können. Anstelle der sprichwörtlichen Ungeduld ist Heiterkeit eingekehrt, Vorfreude auch, und viel international durchmischtes Volk drängt hin zum Lauf des Douro zu fröhlichen Wasserspielen oder Fahrten auf den berühmten Barca rabelo, die gewöhnlich Portweinfässer transportieren. Zudem bewahren Einheimische auch im Zwischenmenschlichen ihre angeborene Tugend der Eroberungen – sympathischen Gastgebern begegnet man täglich. Die Euro 2004 kennt neben den strukturellen, sportlichen und stimmungsmässigen auch wirtschaftliche Superlative. Ohne die Einnahmen aus dem Ticketverkauf beläuft sich das Bruttoeinkommen auf 1,25 Milliarden Franken oder rund die Hälfte von der letzten WM in Ostasien. Damit macht die Uefa einen ähnlichen Mehrfachsprung wie die Fifa dank einträglichen Erlösen aus den Fernseh- und den selber vermarkteten Marketingrechten.“
Porto- bewundert, aber wenig geliebt
Ein Volk rückt zusammen, teilt Georg Bucher (NZZ 12.6.) mit: „Am 26. Mai ist der Pegel nationaler Begeisterung sprunghaft gestiegen. Dass Porto den Krösussen in Europa eine Lektion erteilte und sich auch im Final der Champions League gegen Monaco souverän durchsetzte, war Balsam für die lusitanische Seele und gibt der Nationalmannschaft Rückenwind. Ob in Obidos, Alcochete oder Setúbal, wo sie auftauchte, entstand spontan ein Freudentaumel. Diese Befindlichkeit im Gelsenkirchener Sog haben die Medien gezielt gefördert. Ein kleines Land müsse zusammenspannen und die gerade im Fussball virulenten Spannungen zwischen Nord und Süd, zwischen „Portooo“ und dem politischen Zentrum „Purtugaaals“ überwinden, war der Tenor der Berichterstattung. Die Stadt, die dem Land seinen Namen gab, hatte in früheren Jahrhunderten den christlich-maurisch geprägten Süden missionarisch ins Visier genommen. Aus geographischen Gründen wurde Lissabon Kapitale, Porto bekam das Etikett Hauptstadt der Arbeit – bewundert, aber wenig geliebt. Mit der Folge, dass neue Gräben entstanden, die Douro-Metropole sich abwandte und als Staat im Staate zu begreifen begann, als „Nation“, in der Disziplin und liberale Grundsätze das mediterrane Muster überlagern. Nicht zufällig war hier der Widerstand gegen die Diktatur Salazars besonders ausgeprägt, zog der FC Porto nach der Nelkenrevolution 1974 allmählich an Benfica und Sporting vorbei. Obwohl die sportliche Hierarchie sich verfestigt hat, bildet Porto nicht das Gerüst der Auswahl.“
Deutsche Elf
Wankender Schlussmahn Kahn; Völler nicht unantastbar
Jens Jeremies, Repräsentant der deutschen Mannschaft (SZ) – Unantastbar ist Rudi Völler längst nicht mehr (BLZ) – In Völlers jungem Team ist das französische Ideal von Gleichheit und Brüderlichkeit eher übererfüllt (SZ) u.v.m.
Die Posen eines wankenden Schlussmanns
Michael Horeni (FAZ 12.6.) kauft Oliver Kahn das demonstrativ zur Schau getragene Selbstbewusstsein nicht ab: “Es scheint, als suche der Torwart noch nach dem richtigen Weg, um seine Einstellung für das Turnier zu finden. Immer wieder fällt er zurück in das Vokabular des Druck- und Hochleistungsfanatikers, der lebt, um Grenzen zu überwinden. „Wir können nur eine erfolgreiche EM spielen, wenn wir total als Einheit auftreten, wenn jeder Spieler begreift, daß er über die Hundert-Prozent-Grenze gehen muß.“ Druck, Hundert-Prozent-Grenze, das sind die Begriffe, mit denen Kahn als Torwart groß geworden ist, die aber zuletzt immer mehr zur Pose eines wankenden Schlußmanns gerieten, der den besten Torwart der Welt nur noch darstellt. Seine Fehler seien Vergangenheit, behauptet Kahn in Portugal. Er hat für sich einen besonderen Vorbereitungsplan entworfen und mit Bundestorwarttrainer Sepp Maier zusätzliche Schichten eingelegt. „Ich habe versucht, noch einmal eine Schippe draufzulegen. Das habe ich vor jedem großen Turnier gemacht.“ Außerdem besitze er immer noch und in besonderer Weise die Fähigkeiten, sich „auf den Punkt“ zu konzentrieren, sagt er unbeirrt, obwohl doch gerade daran – ganz anders als vor der Weltmeisterschaft – begründete Zweifel bestehen. (…) Der Kapitän erwähnt bei seinem ersten und einzigen öffentlichen Auftritt vor dem deutschen Auftakt zur Europameisterschaft keinen einzigen Mitspieler mit Namen. Entweder spricht er über sich oder er redet im Plural über gemeinsame Herausforderungen und Ziele („eine deutsche Mannschaft muß nie ängstlich in ein Turnier gehen“). So verstärkt sich der Eindruck, daß der Torwart, der auch beim FC Bayern München zuletzt zunehmend isoliert wirkte, auch in der Nationalmannschaft mit sich selbst genug zu tun habe.“
Jan Christian Müller (FR 12.6.) wundert sich über das sonderbare Auftreten von Oliver Kahn und Jens Nowotny: „Manchmal kann Jens Nowotny, 30, Beruf: ruhender Pol, ganz schön freche Sprüche machen. Er hockt vorn übergebeugt im weißen Hemd vom Ausrüster auf dem Podium des großzügigen Medienzentrums, das der Deutsche Fußball-Bund anlässlich der EM im Bauch eines Nobelhotels an der Algarve errichten ließ. Es hat Fragen gegeben, weil Nowotny zuletzt nicht so souverän wirkte wie damals. Damals, als er noch 28 war und mit dem Kollegen Lucio in der Zweierkette ganze europäische Offensivreihen lahm legte, ehe im Zweikampf mit Manchester Uniteds Holländer Ruud van Nistelrooy das vordere Kreuzband im rechten Knie riss. Und dann, gerade wieder dabei, noch einmal gegen Cottbus. Und jetzt, vorm Aufeinandertreffen mit den Holländern am Dienstag, diese Fragen, Fragen nach seiner Spritzigkeit, Fragen nach seinem mentalen Zustand, Fragen nach dem Spielsystem. (…) Völler muss seine Jungs aufbauen, vor allem die, die hinten drinstehen. Kahn und Nowotny zuallererst. Als Nowotny noch nicht da war, hat Kahn auf dem Podium gesessen. Live im Fernsehen kam das sogar. Komisch: Kahn hat überhaupt nicht locker ausgesehen, eher so zerknittert wie einer, der zu spät ins Bett gekommen ist und am Morgen vergessen hat, sich die Haare zu kämmen. Die Mundwinkel schienen sich der Erdanziehungskraft nicht widersetzen zu können. Aber vielleicht stimmt es ja, dass der Kahn für die Öffentlichkeit ein anderer ist als der für die Mannschaft. Bei der Gruppensitzung mit den Defensivkräften – Friedrich, Wörns, Nowotny, Lahm, Hamann – war auch der Torwart dabei und hat sich eingebracht. Völler hat das eigens erwähnt. Dem Teamchef ist offensichtlich nicht entgangen, dass Kahn zuletzt als einer dargestellt wurde, der in der inneren Immigration verschwindet. Später hat Oliver Kahn dann sogar mal gelacht. Immer dann, wenn die Reporter aus dem Ausland Fragen gestellt haben. Der von der BBC und der vom holländischen Privatsender. Dem hat er sogar ausnahmsweise in die Augen geschaut und einen Einblick in das Seelenleben eines Titan a.D. gewährt: „Ich befinde mich seit Jahren in einem Dauer-Druckzustand. Ich spüre den Druck gar nicht mehr vor lauter Druck.“ Derzeit beschäftigt sich Kahn „24 Stunden mit dem Beruf. Mit Fußball.“ Sagt er. Und er sagt auch, dass es eine gute Europameisterschaft werden kann. „Wenn wir als totale Einheit auftreten und alle über hundert Prozent bringen.“ Aber Oliver Kahn, fast 35, klingt dabei längst nicht so Furcht erregend entschlossen wie noch vor zwei Jahren in Japan. Irgendwas ist anders. Nicht nur die Frisur.“
Unantastbar ist Rudi Völler längst nicht mehr
Michael Jahn (BLZ 12.6.) setzt sich in den Schatten: „Trotz der Dementis bleibt Hitzfeld während dieser EM-Tage der Schatten Völlers, und es hat ja eine gewisse Ironie, dass Hitzfeld selbst auch erst dann verscheucht wurde, als es einen Nachfolgekandidaten gab. Lange galt eine Trennung als schwer vorstellbar – bis Felix Magath in Stuttgart so Karriere machte, dass er plötzlich eine Alternative war. Er war Hitzfelds Schatten. Jetzt ist Hitzfeld selber einer. Unantastbar ist Rudi Völler längst nicht mehr, er, der bei der WM 2002 neben Guus Hiddink als der Trainer des Turniers galt. Und man verlangt nicht wenig von ihm: Er soll eine erfolgreiche EM abliefern, was mindestens das Viertelfinale bedeuten würde, und zusätzlich soll er beweisen, das er der richtige Mann für 2006 ist.Völler gibt sich in diesen Tagen an der sonnigen Algarve jedenfalls zuversichtlich: „Wir haben zuletzt nicht unser wahres Gesicht gezeigt“, sagt er freundlich, aber bestimmt. „Und was die deutsche Öffentlichkeit betrifft, die ist doch immer misstrauisch.“ Doch als er nach seinen Turnierfavoriten gefragt wird, fällt der Name Deutschland nicht. „Mein großer Favorit ist Frankreich“, sagt der Teamchef, „dann Italien, auch Holland und Portugal.“ Das, immerhin, gibt einen Extrapunkt für Ehrlichkeit.“
Gregor Derichs (FAZ 12.6.) ist gespannt auf Nowotnys Duell mit Ruud van Nistelrooy: „Am 30. April 2002 begann das Leiden des Jens Nowotny. Im Halbfinale der Champions League gegen Manchester United erlitt der Kapitän von Bayer 04 Leverkusen einen Kreuzbandriß, der ihn die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Asien kostete und ihn insgesamt 528 Tage aus der Bahn warf. Das Elend, das durch eine zweite Kreuzbandruptur bei einem Comebackversuch im Januar 2003 verschärft wurde, gründete in einem mißglückten Zweikampf mit Manchesters Stürmerstar Ruud van Nistelrooy. Am Dienstag trifft Nowotny wieder auf den Niederländer. Dem Duell zwischen dem gebürtigen Badener und dem holländischen Weltklassestürmer, den an der schweren Verletzung von Nowotny keine Schuld traf, kommt im ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft entscheidende Bedeutung zu. Der Leistungsstand der deutschen Abwehr wird seit der mißratenen Generalprobe beim 0:2 gegen Ungarn äußerst negativ beurteilt. Insbesondere an der Verfassung der Innenverteidigung mit den erfahrenen Akteuren Christian Wörns und Nowotny wird gezweifelt.“
Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient
Holger Gertz (SZ/Seite 3 12.6.) porträtiert Jens Jeremies: „Jeremies mag den Sänger Udo Jürgens. Nicht alles von ihm, „Aber bitte mit Sahne“ oder „Die Sonne und du“: so was eher nicht. Jens Jeremies sagt, er hört lieber nachdenkliche Sachen. Ihm fällt nicht gleich ein Beispiel ein. „Illusionen“ vielleicht? Nein, Illusionen kennt er nicht. Er findet auch, Illusionen würden nicht zu ihm passen, aber die Lieder, die er mag, die müssen irgendwie schon mit ihm selbst zu tun haben. Jens Jeremies denkt nach, im Café des Schwarzbauernhofs, einem gewaltigen Landgasthof in der Nähe von Winden, in dem die deutschen Nationalspieler untergebracht sind vor der EM. Trainingslager. Er trägt den schwarzen Trainingsanzug des DFB mit dem Mercedes-Benz-Stern hinten drauf. Draußen bescheint die Sonne die Gipfel des Schwarzwalds, und die Kinder kreischen nach Autogrammen. Jens Jeremies denkt nach, er denkt über Udo Jürgens nach und klopft mit zwei Fingern auf der Tischplatte rum und findet erst die Melodie und dann den Text: „Jetzt hab“ ich“s: ,Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient.““ Das ist es. Sein Lieblingslied von Udo Jürgens. Ein ziemlich unbekannter Schlager eigentlich, ein Liebhaberstück, und für einen Augenblick sieht es so aus, als wolle Jeremies die Melodie ansummen. Aber dann kommen ein paar Männer vom Fernsehen und fragen, ob sie hier ihre Kameras aufbauen können, Interview mit Kevin Kuranyi, und schon ist die intime Situation zerstört, in der der deutsche Nationalspieler Jens Jeremies zu singen hätte anfangen können. Schade. Trotzdem lohnt es sich, bei dieser Gelegenheit an das Lied zu erinnern, es hat wirklich viel zu tun mit Jens Jeremies und damit auch mit der deutschen Nationalmannschaft. Eine Strophe geht so: Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient. / Wer alles will, muss viel von sich geben. / Wer nichts riskiert, hat sein Glück nur gelieh“n. / Wer sich nicht einsetzt, gewinnt nicht das Leben. Damit sind im Großen und Ganzen die grundlegenden Fragen vor einem solchen Turnier schon umrissen. Wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft tatsächlich alles wollen? Und wenn sie will – wird das reichen, um womöglich das Leben zu gewinnen, aber auf jeden Fall doch wenigstens die Europameisterschaft? Wird die Fußball-Nationalmannschaft, wenn sie verliert, im ersten Spiel gegen Holland, genug Gelegenheit haben, sich Siege zu verdienen, oder wird dann nach der Vorrunde schon Schluss sein? Wer immer verliert, hat den Sieg nicht verdient: Die Zeile könnte ja auch passen, aber darüber will Jens Jeremies nicht reden. Jens Jeremies, 30 Jahre alt, defensives Mittelfeld, kein Stammspieler, das nicht, aber trotzdem wichtiges Mitglied dieses Teams. Wenigstens als Mutmacher. Rudi Völler, der Teamchef, sagt ja immer, dass es auf alle ankommt, und Jens Jeremies sagt das auch: „So ein Turnier ist lang, und alle hier wissen: Ich bin da, wenn ich gebraucht werde.“ Michael Ballack ist der Star dieses Teams. Oliver Kahn ist auch ein Star, aber er ist ein bisschen auf der Suche im Moment, und bei einem schon recht reifen Mann wie ihm wirkt das etwas eigenartig. Lukas Podolski ist auch auf der Suche, aber er ist noch ein halbes Kind, da ist das kein Wunder. Jens Jeremies hat seine Rolle längst gefunden. Vielleicht ist sie ihm zugefallen. Wenn er mitspielen darf, ist er ein Wühler, ein Kämpfer, wie Jerry, die Maus aus diesem Comicfilm. So wird er genannt: Jerry. Wenn er draußen bleiben muss, kann er brüllen und anfeuern wenigstens, vielleicht mal ein Handtuch reichen oder eine Wasserflasche. Alles in allem ist er damit recht erfolgreich, all die vielen Meisterschaften mit dem FC Bayern. Er ist kein Star. Er ist halt auch dabei. Die deutsche Nationalmannschaft ist keine große Mannschaft, kein Favorit für dieses Turnier. Sie ist halt auch dabei. Jens Jeremies ist eine ziemlich gute Symbolfigur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. (…) Jens Jeremies ist einmal nicht zurückgetreten, im Jahr 2000, vor der vergangenen Europameisterschaft. Und das ärgert ihn noch immer. In einem Interview war er damals gefragt worden, wie denn der Zustand der Nationalmannschaft so sei – und er hatte gesagt: jämmerlich. Es war nur ein Nebensatz, und seine Beschreibung gab die Realität ziemlich exakt wieder. Aber, es gab viel Geschrei damals, der Trainer namens Ribbeck warf ihn für ein Spiel aus dem Team, zur Strafe. „Wäre ich konsequent gewesen, hätte ich damals gesagt: Dann spielt auch die EM ohne mich. Da habe ich oft drüber nachgedacht, dass ich das heute anders machen würde.“ Aber er kam zurück, verletzte sich vor der EM, „da habe ich dann noch trainiert wie ein Verrückter, um wieder dabei zu sein“. Die Mannschaft flog trotzdem nach der Vorrunde raus, überall redeten sie von Scheißmillionären und abgezockten Rumpelfüßlern, und wenn ihn was ärgert, dann dieses Image: „Dass da welche glauben, wir hängen uns nicht rein, wir verlieren da absichtlich.“ Da steckt viel Arroganz drin, in dem Glauben der Öffentlichkeit in Deutschland, wenn man ein Spiel verliert, liege das daran, dass die Fußballer sich nicht angestrengt hätten. „Vielleicht muss man einfach lernen zu sagen: Die anderen waren besser.“ Jens Jeremies sagt jedenfalls: Wenn er das Gefühl hat, alles getan zu haben, wenn er gewühlt und gegrätscht hat, Handtücher gehalten und Wasserflaschen, wenn er gebrüllt hat bis zur Heiserkeit und es hat trotzdem alles nicht gereicht, dann kann er Niederlagen auch abhaken. Und das Gefühl hatte er eigentlich ziemlich oft. Aber, das Image ist nun mal da. Das Image der Nationalmannschaft, das ja auch seines ist.“ Scheißmillionäre“ brüllen die Fans. Für ihn hat sich der Name Jens Jämmerlich damals eingebürgert. Eigentlich paradox, jemand sagt, wie es ist, kritisiert sich damit ja auch selbst. Und dann klebt so ein Wort an einem wie Leim. Jens Jämmerlich. Und jetzt, wo er nur Ersatzmann ist – Ergänzungsspieler, sagen die freundlicheren Trainer –, jetzt kann er eigentlich wenig tun, um dieses Image der deutschen Nationalmannschaft wegzugrätschen, abzulaufen. Und dem eigenen Image davonrennen kann man auch nicht, wenn man jahrelang so spielt wie er, knapp überm Rasen den Bällen hinterher.“
Die quälende Ungewissheit ist der ständige Begleiter der Nationalmannschaft
Philipp Selldorf (SZ 12.6.) vermisst eine Hackordnung: „In Völlers jungem Team ist das französische Ideal von Gleichheit und Brüderlichkeit eher übererfüllt. Man braucht keine Effenbergs herbeizusehnen, um festzustellen, dass etwas mehr Hierarchie der Mannschaft gut täte. Bei der WM vor zwei Jahren hat Oliver Kahn seine Rolle als Kapitän effektvoll ausgeübt, indem er seine Routine und seine Überzeugung weitergab, und diese Aufbauhilfe wünscht sich Völler auch in Portugal wieder. Zuletzt erschöpften sich Aufmunterung und Ansprache allerdings in Redensarten nach Art von „Auf geht’s, Männer“, wie er es auf dem Hotelflur und nach der Nationalhymne den Kollegen zuzurufen pflegt. Kahn war mit seiner seelischen Unordnung beschäftigt und konnte nicht das Kraftwerk des Optimismus sein, als das er in Japan und Korea fungierte. Doch jetzt behauptet er: „Ich bin absolut in Superform.“ Bisher ist Kahn der einzige, der die schöne Illusion von absoluter Superform reklamiert. Nur schüchtern behaupten sich die Deutschen, wenn sie von schwedischen, holländischen oder britischen Reportern durchaus skeptisch aufgefordert werden, ein paar Argumente für ihre Zuversicht aufzuzählen. „Wir wissen, wie wir im Ausland gesehen werden, doch wir wissen auch, dass wir eine Turniermannschaft sind“, sagt Rudi Völler – um sofort zu relativieren: „Aber wir galten auch vor vier Jahren als Turniermannschaft und sind trotzdem in der Vorrunde ausgeschieden.“ Diese Art der quälenden Ungewissheit, in der die Katastrophe à la Rotterdam 2000 und der Erfolg à la Yokohama 2002 bloß einen winzigen Gedanken auseinander liegen, ist offenkundig der ständige Begleiter.“
Strafstoss
Strafstoß #1 – Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß – die Regie in Portugal
von Mathias Mertens
Fox Mulder, Robert A. Wilson und ich haben es ja schon immer vermutet, Reinhold Beckmann hat es nun in seiner Kommentierung des Eröffnungsspiels durchblicken lassen: Das mit dem freien Willen und dem pursuit of happiness ist nur eine schöne Lüge. Die Matrix hat uns. O-Ton Beckmann: „Die Weltregie spielt ein bisschen zu viel Zeitlupe ein für meinen Geschmack. Aber darauf haben wir ja keinen Einfluss.“ Eine Weltregie also hat die Fäden in der Hand, und wir können nichts dagegen tun.
Gott mag tot sein, sein Regiestuhl bleibt weiterhin besetzt. Aber er oder sie oder was immer dort jetzt sitzt ist Fußballfan, das ist doch einigermaßen beruhigend. Schade nur, dass er/sie/es keine Ahnung vom Fußball hat. Wie sonst lässt sich Christian Ziege erklären? Oder das Brummen im Oberarm des Schiedsrichters, wenn der Linienrichter auf einen Knopf seiner Fahne drückt? Das Pyjama-Oberteil, mit dem Oliver Kahn im Nationaltor stehen muss? Die Riegelabwehr Griechenlands, die doch von den Schweizern in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erfunden wurde und die nach keinem Regelbuch für „modernen“ Fußball mehr gespielt werden darf?
Wichtig war auch Beckmanns Hinweis auf die Zeitlupe, die die Weltregie zu oft einspiele. Ein schönes Fernsehspielzeug, aber wirklich sinnvoll nur für äußerst strittige Szenen und für stundenlange Nachberichte und Jubiläumsdokumentationen – unterlegt mit Pink Floyd oder Air. Im laufenden Spielgeschehen dagegen eher störend, weil das laufende Spielgeschehen nicht zu sehen ist. Und wenn das nicht schon nervig genug wäre, baut sich jetzt immer noch das EM-Logo bestehend aus Herz, Ball und sieben kleinen Klecksen auf, die für die sieben Weltmeere stehen. Ganz nett, aber nicht im Minutentakt und Endlos-Loop.
Man munkelt, daß Jean Luc Godard, seines Zeichens Daueravantgardist des europäischen Kunstautorenfilms, während der WM in Deutschland für ein Spiel die Bildregie gestalten darf. In Portugal erleben wir wohl schon seine Fingerübungen. Was, wenn man der Beckmannschen Indiskretion Glauben schenkt, bedeutet, dass Jean Luc Godard die Weltregie übernommen hat. Ich weiß nicht, ob mir dieser Gedanke wirklich behagt.
Als Lehrfilm für unsinnigen Kameraeinsatz im Sportfernsehen sei allen Weltregisseuren der aktuelle Werbespot von T-Mobile empfohlen. Ein Fußballspiel ist dort zu sehen beziehungsweise nicht. Denn das Geschehen ist aus der Perspektive des Balls gefilmt – woran in den Premiere-Labors wohl schon seit Jahren gearbeitet wird. Jedenfalls kann man erleben, wozu exzessiver Einsatz von absurder Technik führen kann: Nicht nur, dass man das laufende Spielgeschehen nicht mehr sieht, es gibt überhaupt kein Spiel mehr. Denn der Blick vom Ball auf das Spiel zerstört jeglichen Zusammenhang des spielerischen Raums und lässt uns ratlos mit schönen Bilder zurück.
P.S.: Mehr zum Thema Weltregie findet sich übrigens in Martin Krauß‘ Artikel „Der Sieger ist…“ und Fritz Tietz‘ Erinnerung „Die Weltregie“
Freitag, 11. Juni 2004
Vermischtes
Europas erfolgreichste Zivilreligion
„Fußball ist Deutschlands und Europas erfolgreichste Zivilreligion“ (SZ) – Interviews am Spielfeldrand, „eine Art Embedded Journalism in den Stadien“ (SZ) – BLZ-Interview mit Martin Schneider, Assistent von ZDF-Reporter Bela Rethy u.v.m.
Christian Eichler (FAZ 12.6.) denkt nochmal über den WM-Sieg von 1954 nach: „Die Schweiz blieb von Hitlers Krieg verschont. Und so war das Austragungsland jener WM, bei der Deutschland wieder eine „Siegernation“ wurde, eines der wenigen in Europa, in denen ein solches Ereignis, nur neun Jahre nach Ende des deutschen Terrors in Europa, nicht die Volksseele zum Schäumen gebracht und zu Haß auf die Sieger geführt hätte. Für andere war der Anblick triumphierender Deutscher ein kaum zu ertragender Anblick. Etwa die Franzosen. Bei Wiederaufnahme der sportlichen Beziehungen, einem Länderspiel 1952 in Paris, hatte man, um die Zuschauer nicht zu provozieren, auf die Hymnen verzichtet. Nach dem WM-Finale 1954 aber erklang das Deutschlandlied, und Tausende Zuschauer sangen die erste, verbotene Strophe. Das geschah wohl eher aus dem Grund, daß sie die dritte, erst seit kurzem vorgeschriebene, noch nicht kannten, als aus nationalistischem Überschwang. Doch der negative Effekt war groß. Der Schweizer Rundfunk schaltete sich aus der Übertragung aus. „Achtung! Achtung!“ hielt der Reporter der französischen Zeitung „Le Monde“ die verhaßten deutschen Wörter fest. „Zehntausende von Deutschen stehen still. Es regnet. Es regnet, und mir ist kalt. Freudestrahlend, jung, begeistert singen sie mit fester Stimme, auf daß es die ganze Welt hört und weiß, daß Deutschland wieder einmal ,über alles‘ gilt.“ Das war die Schattenseite des „Wunders von Bern“ und doch auch ein Schritt zu einer neuen Normalität: Was folgte, bewies die Belastbarkeit der neuen europäischen Nachbarschaft und die Bereitschaft, Verständigung über Vorurteile zu stellen. Den Befürchtungen eines neuen deutschen Größenwahns, die DFB-Präsident Peco Bauwens mit einer peinlichen Feierrede über „Führerprinzip“ und „die Fahne im Herzen“ verstärkte, machte Bundespräsident Theodor Heuss ein Ende, als er der Mannschaft, die mit ihrem bescheidenen Auftreten in der Stunde des Sieges Sympathien gewonnen hatte, das Silberne Lorbeerblatt überreichte: „Wir wollen aber die guten Worte über diesen Sieg nicht überspannen. Man sollte nicht glauben, daß gutes Kicken schon gute Politik sei.“ Europa spürte, daß in Bern zum ersten Mal ein anderes Deutschland gewonnen hatte: ein Teil des neuen Europa, ein Nachbar, vor dem die alten Ängste nicht mehr nötig waren. Der Geist von Spiez mochte triumphieren, das deutsche Gespenst blieb in der Mottenkiste.“
Com uma força
Michael Reinsch (FAZ 12.6.) schüttelt den Kopf über den offiziellen EM-Song: „In den kommenden drei Wochen wird unsere Seele mit der portugiesischen Zeile „Com uma força“ traktiert werden, wenn sie zum Fußball an die Oberfläche kommt. Für ihre Sängerin Nelly Furtado haben Universal Records die Position „offizieller Song der Euro 2004″ erworben, was vor allem bedeutet, daß sie vor dem Endspiel und damit vor rund einer Milliarde Fernsehzuschauer auftreten wird. Das Feld bereitet ihr unser erstes Programm, indem es den Song mit den so erstaunlich unportugiesischen Trommeln und dem noch erstaunlicheren Banjo drei Wochen lang zu allen Zusammenschnitten dudelt – Universal zahlt dafür. Beim zweiten Programm hat Universal ihre Band Nickelback eingekauft. Als schwämme Portugal nicht in musikgewordenem Gefühl, stammen all diese Musiker aus Kanada. Fräulein Furtado will wenigstens in den Sommerferien erlebt haben, wie tief Fußball ihre portugiesischen Cousins aufwühlt. Dem Song entnimmt man das nicht. Chad Kroeger, der Kopf von Nickelback, hat eine Art Tellerwäscher-Karriere gemacht. Er akquirierte früher Anzeigen für ein Fußball-Blatt. Spielt die deutsche Auswahl so, wie zu befürchten ist, wird uns der Sinn statt nach der unerträglichen Leichtigkeit von Pseudo-Samba und metallisch glänzendem Gitarrenrock eher nach authentischem Fado stehen, nach der sehnsüchtigen Klage Portugals, die allein tiefer Leidenschaft entspringen kann. Wer angesichts der Musikauswahl des deutschen Fernsehens am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, der könnte es ja rhythmisch tun: Klatsch, klatsch, klatsch-klatsch-klatsch. Hörst du, sie spielen unser Lied!“
BLZ-Interview (12.6.) Schneider, Assistent von ZDF-Reporter Bela Rethy. Er hilft ihm während des Spiels:
BLZ: Herr Schneider, Sie sitzen neben Bela Rethy auf der Tribüne. Er kommentiert, was machen Sie?
MS: Wir bereiten uns gemeinsam auf die Spiele vor. Wir erstellen Statistiken, machen uns Listen zu den einzelnen Spielern. Siebzig Prozent der Arbeit findet dann während des Spiels statt. Als Assi bin ich das dritte und vierte Auge von Bela Rethy. Wenn er auf den Monitor guckt, guck‘ ich aufs Spielfeld und umgekehrt. Ich muss dann relativ flott sein, wenn was passiert: Von wem war das Tor? War es Elfmeter, war es keiner? War es Abseits, war es keins? Das bekommt er dann von mir, falls er es selbst nicht genau gesehen hat. Man muss sich gut im Regelwerk auskennen.
BLZ: Wie verständigt man sich während des Spiels?
MS: Wir arbeiten seit acht Jahren zusammen, unser erstes Spiel war 1996 bei der EM. Da haben wir uns schon eine Zeichensprache angewöhnt. Daumen hoch, richtige Entscheidung des Schiedsrichters, Daumen runter, falsche Entscheidung. Ich habe auch Sprechkontakt auf seinen Kopfhörer. Bela ist sehr belastbar, ich kann raufsprechen während er redet. Da kann er sich zwischendurch korrigieren, wenn es sein muss. Wir schieben uns auch Zettel hin und her. Ich schreibe ihm jede Viertelstunde ein Fazit auf, wie ich das Spiel sehe, wie ich es einsortiere, welche Stärken und Schwächen ich ausgemacht habe.
BLZ: Korrigieren Sie ihn auch?
MS: Klar. Bela hat aber eine sehr schnelle Auffassungsgabe. 95 Prozent unserer Beobachtungen sind deckungsgleich. Und wenn man sich nicht sicher ist, wartet man lieber ein paar Minuten, um sich nicht hinterher korrigieren zu müssen.
BLZ: Haben Sie sich schon beide geirrt?
MS: Wir haben 60, 70 Spiele miteinander gemacht, da passiert das schon mal. Mir fällt ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft ein, es gab einen abgefälschten Schuss von Arne Friedrich, den wir für den Schützen des Tores hielten. Das Tor wurde aber nachher dem zugeschrieben, der abgefälscht hatte.
BLZ: Wo bekommen Sie auf der Tribüne so schnell Informationen her? Haben Sie Zugriff auf eine Datenbank?
MS: Eine Datenbank haben wir in der Regel nicht, manchmal bieten die Veranstalter Material an, das man aufrufen kann. Aber das meiste ist von uns vorbereitet. Wir haben seit ein, zwei Jahren noch einen Statistiker dabei, der hat dann noch ein paar Specials parat.
BLZ: Seit wann haben Reporter eigentlich Assistenten? Mussten die früher nicht alles selbst wissen?
MS: Das gibt es seit zwanzig Jahren. Bela war vorher Assistent bei Rolf Kramer, das war 1986. Marcel Reif war Assistent von Dieter Kürten.
BLZ: Ist das auch international üblich?
MS: Ja. Die Spanier haben häufig noch einen zweiten Kommentator, einen ehemaligen Nationalspieler. Manche haben sogar drei Leute auf der Tribüne sitzen, von denen einer nur den Schiedsrichter beurteilt. Da gibt es diverse Modelle.
BLZ: Der Zuschauer hört und kennt nur den Reporter. Ist das für den Assistenten nicht deprimierend?
MS: Nein. Bela ist das Gesicht und die Stimme nach draußen. Das stört mich überhaupt nicht.
Katholische Werkgerechtigkeit und protestantische Gnadentheologie
Woran glauben wir, Matthias Drobinski (SZ/Meinungsseite 12.6.)? „Fußball ist Deutschlands und Europas erfolgreichste Zivilreligion, in der Millionen Leid und Erlösung erleben, andere Wirklichkeiten ahnen, Identität finden; das „Tor des Ich zur Welt“ finden, wie der Soziologe Klaus Theweleit formuliert hat. Der Fußball ist die Mischung, die eine Religion des 21. Jahrhunderts attraktiv macht: ekstatisch, undogmatisch und so weit gefasst, dass jeder alles hineinlegen kann – wobei Besinnung und Meditation vielleicht ein bisschen kurz kommen. Das Fußballspiel ist ökumenisch. Nirgendwo sonst vereinen sich so reibungslos katholische Werkgerechtigkeit („wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem andern fällt“) und protestantische Gnadentheologie, der zufolge es vom Erbarmen des Herrn abhängt, ob der Ball vor oder hinter der Linie landet. Fußball ist, trotz seiner Regeln, undogmatisch: Ein Spielsystem ist abgelöst, wenn ein neues erfolgreicher ist. Und der Fußballgott ist überhaupt nicht eifersüchtig: Er kennt das Mönchische jener Fans, die ihr letztes Geld geben um auch das fernste Auswärtsspiel zu durchleiden – und er verzeiht, wenn einer nach 45 Minuten die Glotze abschaltet. Vor allem aber ist im Fußball das Verhältnis von Vergangenheit zu Gegenwart aufgehoben. Es lebt in jeder Fangemeinde die Erinnerung an große Spiele, wichtig aber ist das nächste Match, das immer wieder von vorne beginnt. Die Vergangenheit ist auf diese Gegenwart hin ausgerichtet; wohl auch deshalb sind all die haarsträubenden Skandale vom Fußball abgeperlt. Mögen Christen, Muslime, Buddhisten an der Last ihrer Geschichte tragen: der Fußball ist die Religion der totalen Gegenwart. Selbst Himmel und Hölle gibt es nur auf Zeit, und die Frage nach dem gerechten Gott stellt sich weniger drängend, wenn man weiß: Deutschland-Holland gibt es immer wieder. Auch deshalb werden die gut gemeinten Inkulturationsversuche kickender Vikare und missionierender Kicker erfolglos bleiben: Fußball ist und bleibt säkularreligiös. Wenn nun Deutschland das Endspiel erreichen sollte, wird er groß werden, der runde Gott. Er wird Straßen leeren und Wohnstuben füllen und dann wieder Stuben leeren und Straßen füllen. Und wenn sie rausfliegen, die Jungs? Dann werden ein paar Intellektuelle sinnieren, wie das zusammenhängt mit dem Reformstau im Land. Der Rest wird sagen: Ist doch bloß ein Spiel. Auch das macht den Erfolg des runden Gottes aus.“
Manche sind auch nicht die Hellsten
Interviews am Spielfeldrand; Detlef Esslinger (SZ/Medien 12.6.) dreht der Welt den Hintern zu: „Wenigstens Oliver Kahn beeilt sich nicht. Der Kapitän ist einer von zwei Spielern, die sich nicht gleich nach Abpfiff davon gemacht haben. Die nicht an dem TV-Reporter vorbeigegangen sind und getan haben, als sähen sie ihn nicht. Kahn, der Torwart, befindet sich noch im Mittelkreis, klatscht in Richtung Zuschauer. Jürgen Bergener, der Reporter, wird später erzählen: In dem Augenblick wusste er“s – der Kapitän sammelt sich für ein Statement. Vor zwei Jahren, in Wales, war es genauso: Damals ging der letzte Test vor der WM ebenfalls verloren – und Kahn sagte als einziger etwas. Und jetzt? 0:2 gegen Ungarn. Mit dem Schlusswort des Kommentators Steffen Simon ist die ARD-Übertragung noch lange nicht vorbei. Jetzt folgen die Interviews: Was fühlen Sie nach dieser Niederlage? Wie ratlos sind Sie? Wie tief ist dieser Tiefpunkt für Sie? Das waren die Fragen, die nach dem 1:5 in Rumänien von den ZDF-Kollegen gestellt wurden; das ist die Kategorie Journalismus, mit der in diesem Moment gerechnet werden muss, der Auftritt der Field Reporter, wie die Spezies in der Branche genannt wird. Der Auftritt dieser Feldarbeiter kommt, wenn der letzte Pass gespielt ist – ein Dienst am Fan, den vor allem Frauen nie begreifen werden. Senta Berger zum Beispiel: Die Schauspielerin stellte neulich das Buch von Oliver Kahn vor. Sie nutzte den Auftritt für eine Frage, die sie wohl seit Jahren umtreibt: „Warum tun Sie sich das an – diese absurden Interviews direkt nach dem Spiel?“ Oder Amelie Fried, die Talk-Moderatorin: Sie hatte in 3 nach 9 vor kurzem den Premiere-Kommentator Marcel Reif zu Gast und erzählte von zu Hause: Der Schiedsrichter pfeift ab, und sie fragt Mann und Sohn, ob man jetzt endlich abschalten könne. (Worauf die natürlich „Nein, nein!“ brüllen.) Und was antwortete der große Reif? Er goss Hohn über seine TV-Kollegen: „Wenn die sich öfter mal überlegen würden: Was ist eigentlich „ne Frage?“ . . . Das sagte Reif. (…) Es gilt, eine Art Embedded Journalism in den Stadien zu bestaunen. Die Field Reporter sitzen nie oben auf der Pressetribüne, sondern stets unten am Spielfeld. In Kaiserslautern haben sie ihren Platz an der Eckfahne, in Dortmund in einem Bretterverschlag hinter der Trainerbank. Um wirklich etwas zu sehen, schauen diese Reporter auf zwei Monitoren Fernsehen. In Dortmund bekommt der WDR-Reporter Reiner Lefeber nur an diesem Ort mit, was an der Trainerbank besprochen wird. Wenn der Kommentator später den Zuschauern vom Muskelfaserriss eines Spielers berichtet, hat er die Information von einem wie Lefeber. Steffen Simon, 39, im Hauptberuf Chef der Sportschau, rühmt den 50-Jährigen noch heute für ein Interview, das dieser im Dezember mit Dortmunds Trainer Sammer führte. Dessen Torhüter hatte kurz vor Schluss einen kapitalen Fehler begangen, weshalb das Spiel gegen Kaiserslautern nur 1:1 endete. Lefeber fragte: „Wie ist das zu erklären?“ Worauf Sammer raunzte: „Was stellen Sie für Fragen? Ich hab“ denen nicht gesagt, dass sie nicht den Ball fangen sollen.“ Lefeber hakte nach: „Sie haben aber auch eine Menge Chancen nicht verwertet.“ Zwei-, dreimal noch wurde er von dem Trainer beschimpft, blieb aber standhaft. Irgendwann hatte er Sammer wieder am Boden. Im Leben eines Field Reporters ist ein solcher Dialog ein kleines Kunststück. Denn der Journalist hat nur 1:30 Minuten zur Verfügung. Und dann steht da ein emotionalisierter Trainer in einer Arena mit 80 000 pfeifenden Zuschauern. „Sie brauchen Mut in dem Job“, sagt Steffen Simon. Die Live-Interviewer kennen die Sportler oft seit Jahren, und man will sie auch künftig ans Mikro bekommen. Anders als viele Kollegen können diese Interviewer ihre Fragen hinterher auch nicht wegschneiden oder redigieren. Okay, manche sind nicht sehr souverän, manche sind auch nicht die Hellsten.“
Sandmännchen schon zur Mittagszeit
Benjamin Henrichs (SZ/Medien 12.6.) gähnt: „Zu den Exzessen der Vorberichterstattung gehörten natürlich auch die nahezu täglichen Heldensagen über das Wunder von Bern. Sodann die historischen Rückblicke auf sämtliche Fußballschlachten der Fußballgeschichte seit dem Skandalspiel Griechenland gegen Troja. Gleich zwei Sendungen beschäftigten sich ausschweifend mit dem WM-Spiel 1974 gegen die DDR: die westdeutsche Schande, das Sparwasser-Tor! Aufwühlend ist das alles auch heute noch – wenngleich ein intimer Zusammenhang mit der EM nicht recht zu erkennen ist. Und jetzt kommt die Apotheose der Zeitvernichtung: die Originalübertragung der DFB-Pressekonferenzen aus Portugal. Rudi redet, sagt aber nix. Das macht aber nix. Weil Rudi einfach süß ist! Die Pressekonferenzen live: Das ist Kinderfernsehen für alte, todmüde Kinder, das ist das Sandmännchen schon zur Mittagszeit.“
Allgemein
Italienisches Türenknallen
„ein bisschen meckern, ein wenig Türenknallen“ (SZ): die Italiener sind in Form – David Beckham, zweifelnder Weltstar (SZ) – Frankreich, der Favorit, „wo sind die französischen Schwächen?“ (FAZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Lettischer Roboterfußball
11. Juni
taz-Interview mit Aleksandrs Starkovs, Lettlands Trainer – Roy Makaay, Torschütze vom Dienst und Hollands Ersatzspieler (FTD)
taz-Interview mit Aleksandrs Starkovs, Lettlands Trainer
taz: Wird der lettische Fußball nun respektiert?
AS: Zumindest werden wir jetzt sehr höflich und respektvoll begrüßt. Für die anderen lohnt es sich jetzt, uns zu besiegen. Und die Esten fragen sich: Warum haben die Letten das geschafft und wir nicht? (lacht)
taz: Das haben Sie geschafft mit dem als Roboterfußball verunglimpften Stil der russischen Fußballschule.
AS: Ich möchte die Einflüsse Russlands nicht beiseite schieben, aber auch nicht betonen. Am besten gefällt mir der italienische Fußball. Durch seine spielende Verbindung von Athletik, Technik und Disziplin kommt er meiner Vorstellung vom perfekten Spiel sehr nahe.
taz: Einige in Ihrem Kollektiv drohen nun zu Stars zu werden. Ein Gefahr für das System?
AS: Ich wüsste wenig über die Menschen, wenn ich diese Gefahr nicht sehen würde. In der Mannschaft merke ich allerdings davon nichts. Ich verwende viel Zeit darauf, mit welchen Emotionen in Spiel anzugehen ist. Einen Spieler, der in Portugal nur eine schöne Zeit haben will, denn nehme ich ihn nicht mit. Die Bereitschaft, alles zu geben für die Mannschaft und deren Erfolg, dieser Charakterzug ist wichtiger als Talent. Die Deutschen sind in diesem Punkt Vorbilder. Vielleicht ist ihr Spiel nicht so schön, aber die Resultate stimmen fast immer. Und bei einer Nationalmannschaft steht das Ergebnis über allem anderen. Es geht schließlich auch um das Prestige des Landes.
taz: Ein Nachteil ist, dass Sie nun ernst genommen werden.
AS: Wir können nicht erwarten, weiter unterschätzt zu werden. Vielleicht unterschätzen uns die gegnerischen Spieler. Vielleicht. Aber die Trainer bestimmt nicht. Ja, das ist ein Nachteil für uns. Aber viel wichtiger ist: Wir haben verstanden, dass wir nicht zu den Favoriten gehören. (schmunzelt)
taz: Das klingt nach gnadenlosem Catenaccio?
AS: Lettland spielt so, wie es für Lettland am besten ist. Wir haben uns entwickelt: In der Qualifikation Polen hinter uns gelassen, die Schweden besiegt und die Türken geschlagen. Unsere Spieler haben jetzt ein größeres Selbstvertrauen und die Mannschaft ist mental und physisch stärker geworden. Wir werden also in Portugal stärker sein als noch vor einem Jahr.
taz: Stark genug, um Deutschland, Holland und Tschechien zu schlagen?
AS: Wir können alle schlagen, selbstverständlich auch Deutschland. Sie dürfen nicht vergessen: Jedes Spiel beginnt bei 0:0.
Nicht nur Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 11.6.) empfiehlt für Hollands Startelf: „Roy Makaay ist ein toller Stürmer. Seine Klasse ist leicht ablesbar an der Zahl der Tore, die er für seine Vereine schießt. In der Bundesliga kam er auf 23 Tore für den FC Bayern München. Bei der EM geht er vielleicht leer aus, denn Dick Advocaat stellt den Mittelstürmer nicht auf. Der Bondscoach der Niederlande will Makaay im Spiel gegen Deutschland nicht neben Ruud van Nistelrooy in der Startformation sehen. Advocaat begründet seine Haltung damit, dass für die Holländer ein forciertes Spiel über die Flügel erfolgversprechender sei. Der 56-jährige Nationaltrainer sagt: „Die Mannschaft ist besser, wenn sie Flügelstürmer einsetzt, die van Nistelrooy in der Sturmmitte mit Flanken versorgen.“ Seine Anwärter an der Außenlinie für den entscheidenden Zangengriff in Porto gegen Deutschland sind Marc Overmars vom FC Barcelona und sowie Andy van der Meyde von Inter Mailand. (…) Das „Allgemeen Dagblad“ ergreift deutlich Partei: „Makaay muss allein aus psychologischen Gründen von Anfang an aufs Spielfeld. Weil alle vor ihm Angst haben.“ Alle außer Dick Advocaat. Der stellt sich derart trotzig, dass er wegen der Kollegenkritik an seinem Spielsystem sogar aus der holländischen Trainervereinigung ausgetreten ist. So stur ist im holländischen Fußball nur einer: Roy Makaay mit seiner Treffsicherheit.“
Ball und Buchstabe
Fußball-Hauptstadt Europas, für ein paar Wochen
Porto, „Fußball-Hauptstadt Europas“ für ein paar Wochen (FAZ) – das Stadion in Braga, „Bruch mit dem üblichen architektonischen Schema“ (SZ) u.v.m.
Thomas Klemm (FAZ 11.6.) notiert (zu) viel portugiesische Selbstkritik: „Die Stimmung in Portugal brodelt, seit der hiesige Fußballverband eine Broschüre veröffentlicht hat, in der die Autoren kaum ein gutes Haar an Luiz Felipe Scolari und seinen Nationalspielern lassen. Beispiele gefällig? Scolari pflege als Trainer einen „harten und autoritären Stil, war aber niemals ein begabter Spieler“; Weltstar Luis Figo „hat 2002 eine schlechte WM gespielt“, zudem „belastet ihn die Saison mit Real Madrid“. Nicht einmal die Champions-League-Sieger vom FC Porto träten mit breiter Brust bei der EM an, meinen die Autoren des Infoheftchens. Solche Kommentare erschienen selbst den überaus selbstkritischen Portugiesen als reine Nestbeschmutzung. Wie konnte es bloß dazu kommen? Es handele sich hierbei nicht um Miesmacherei, sondern um kritische Würdigungen gestandener Journalisten, hieß es vom Verband. Es ist wahr: Die Einschätzungen sind einerseits richtig, stehen aber auf der falschen Seite.“
Portugal setzt auf Figo, schreibt Axel Kintzinger (FTD 11.6.): „Diese EM ist für einige portugiesische Stars die letzte Chance, mit ihrem Land einen großen Titel zu gewinnen. Rui Costa gehört dazu und natürlich Luis Figo von Real Madrid, schon jetzt ein Nationalheld vom Range Eusebios und Hauptwerbeträger für alle möglichen Markenartikler. „Wir werden es möglich machen“ ist einer der Slogans, mit denen Figo da wirbt. Er selbst hat es möglich gemacht, auf den staubigen Plätzen des Lissabonner Armenviertels Almada aufzufallen, wo er sich für den Klub Os Pastilhas (die Tabletten) die Knie aufschrammte. Später sollte er den Tejo, der Almada von der Hauptstadt trennt, überqueren, um für Sporting Lissabon zu spielen. Die weiteren Stationen sind bekannt: FC Barcelona und, bis heute, Real. Dort galt er spätestens nach der Verpflichtung David Beckhams aus Auslaufmodell. Vor allem auf Figo ruhen die Hoffnungen, etwas Großartiges zum gebührenden Abschluss zu bringen. Das nämlich fehlt diesem Land, das vor 30 Jahren mit der so genannten Nelkenrevolution vormachte, wie man eine Diktatur aus den Angeln heben und eine formidable parlamentarische Demokratie etablieren kann. Daran, dass Portugal ein Armenhaus Europas geblieben ist, konnte das aber nichts ändern. Und auch ein Wirtschaftsboom Mitte der 90er Jahre ist längst wieder verebbt. In letzter Konsequenz enttäuscht hat bislang auch die „Goldene Generation“, die 1991 U20-Weltmeister wurde und im Jahr 2000 EM-Dritter – jeweils mit Figo und Rui Costa als zentralen Spielern. Für den letzten Schritt aber hat es nie gereicht.“
Fußball-Hauptstadt Europas für ein paar Wochen
Peter Heß (FAZ 11.6.) schildert die Bedeutung des Fußballs für die Portista: “Wie ein mächtiger weißer Tempel erhebt sich das neue Estadio Dragão über Porto. Der Prunkbau signalisiert Besuchern von weitem: Sie sind angekommen in der Fußball-Hauptstadt Europas. Zumindest noch ein paar Tage lang kann die zweitgrößte portugiesische Stadt den Ehrentitel mit Recht führen. Vor ein paar Wochen gewann der FC Porto die Krone des europäischen Vereinsfußballs, die Champions League. Und an diesem Samstag richten sich die Augen aller Fußballfreunde auf das Drachen-Stadion, das der EM 2004 die Bühne für das Eröffnungsspiel bietet. Wenn am 4. Juli in Lissabon das Finale der Euro ausgetragen wird, mag Porto schon wieder aus dem Bewußtsein der europäischen Fußballfans gerückt sein. Wenigstens für ein paar Tage der ungeliebten Hauptstadt Lissabon den Rang abgelaufen zu haben macht die Menschen im Norden schon stolz und froh. „Fußball hat für uns eine fast religiöse Bedeutung“, sagt Pedro, Manager eines Hotels. „Die Leute haben das Vertrauen in die Wirtschaft und in die Politik verloren, der Fußball gibt ihnen etwas, woran sie glauben können.“ Pedro meint mit dieser Aussage „seinen“ FC Porto. Der Abonnementsmeister der vergangenen Jahre – mit wenigen Ausnahmen – vereint die meisten Fans der Stadt hinter sich.“
Bruch mit dem üblichen Schema
Wolfgang Jean Stock (SZ/Feuilleton 11.6.) bestaunt die Architektur des Stadions in Braga: „Portugal ist Rekordhalter: Mit solchem Aufwand hat sich noch kein Land für eine EM gerüstet. Nicht weniger als zehn Stadien sind zwischen Faro in der Algarve und Braga im hohen Norden neu errichtet oder grundlegend umgebaut worden. Erstmals wird ein Endturnier in so vielen verschiedenen Arenen ausgetragen. Was aber die Architektur der Sportstätten angeht, bricht nur eine mit dem heute üblichen Schema der völlig umbauten Schüssel: das grandiose, aus Stahlbeton errichtete Stadion in Braga, das sich auf zwei Seiten zur Landschaft öffnet. Als ein Bollwerk des reaktionären Katholizismus hat die Stadt Braga eine politisch belastete Geschichte: Hier wurde der Militärputsch vorbereitet, der 1932 den portugiesischen Diktator Salazar an die Macht brachte. Heute ist das einstige „Rom Portugals“ außerhalb seines historischen Zentrums eine hässliche Industriestadt. Der von satten EU-Subventionen genährte Bauboom hat vor allem die Peripherie massiv geschädigt. Dabei ist die Umgebung attraktiv – von Osten her gehen die dicht bewaldeten Bergrücken allmählich in sanfte Hügel über. Die noch vorhandene Landschaft bei Bauprojekten zu schützen, gehört deshalb seit einigen Jahren zu den Zielen der Stadtplanung. Dass dies kein Lippenbekenntnis ist, zeigt das neue Stadion, mit dessen Entwurf Eduardo Souto de Moura beauftragt wurde, der nach Álvaro Siza prominenteste portugiesische Architekt der Gegenwart. Als Bauplatz wurde am wüst zersiedelten Nordrand der Stadt ein Gelände ausgewählt, das künftig noch weitere Sportanlagen aufnehmen soll. Um einen schmalen Fluss, der sich durch die Talöffnung schlängelt, nicht durch einen Damm abzuriegeln, hat Souto de Moura den Stadionbau nach Westen hin in eine Felswand eingebettet. Dafür wurde in den Granitberg eine große Schneise gesprengt, in der jetzt die Westtribüne aufsteigt. Weil der Naturstein ohnehin ein wichtiges Thema von Souto de Moura ist, sind die gesprengten Felsbrocken am Ort für Stützmauern und Terrassen in den renaturierten Hängen verwendet worden. Das Stadion selber ist eine so einfache wie überzeugende Anlage: Das von Norden nach Süden gerichtete Spielfeld wird von den beiden überdachten Tribünenbauten mit jeweils zwei steilen Rängen begleitet, die insgesamt 30 000 Plätze bieten. Im Gegensatz zu dem gewöhnlich geforderten „Hexenkessel“ hat Souto de Moura sein Stadion auf den Schmalseiten geöffnet. Durch die lineare Anordnung der Tribünen können somit alle Zuschauer das Spiel in Laufrichtung verfolgen – und zugleich die Ausblicke in die Umgebung genießen. Andererseits steigert diese Konzeption für die ankommenden Besucher das Erleben der Architektur: Der 45 Meter hohe Bau mit seinem charakteristischen Hängedach steht wie ein riesiges Zeichen im Gelände.“
Deutsche Elf
8-1-1-Formation
„irgendwie durchschlagen“ (FAZ) – wie schwach ist die Abwehr? u.a.
Irgendwie durchschlagen
Wie erfolgreich wird die deutsche Elf sein? Peter Heß (FAZ 11.6.) ist skeptisch: “Sind „wir“ nicht eine Turniermannschaft? Wir waren es bei der WM 2002 in Südkorea und Japan. Damals wirkte die Erfahrung des befreienden 4:1 in der Relegation gegen die Ukraine nach, das den Deutschen die Blamage des erstmaligen Scheiterns in einer WM-Qualifikation ersparte. Diese durchstandene Extremsituation förderte ein Zusammengehörigkeitsgefühl und einen gemeinsamen Willen, der bis ins Finale von Yokohama reichte. Die Lage vor der EM in Portugal ist gänzlich anders. Die wenigen Stars sind vornehmlich mit sich selbst und ihrer Zukunft beschäftigt. Und Völler hat schon durchblicken lassen, er werde im Falle eines frühen Ausscheidens aufhören. Irgendwie sind so kurz vor dem Start die falschen Themen auf dem Markt, um an ein erfolgreiches Abschneiden zu glauben. Doch an einen europäischen Triumphzug denkt im Moment ohnehin niemand im deutschen Aufgebot. Daß man sich irgendwie durchschlagen könne, stellt schon den Gipfel des Optimismus dar. Vom Durchschlagen bis ins Endspiel indes spricht so gut wie niemand.“
Spötter empfehlen eine 8-1-1-Formation
Wer wird in der Abwehr spielen, Philipp Selldorf (SZ 11.6.)? „Auch Rudi Völler kann sich der Debatte nicht entziehen, die über den Zustand und die Möglichkeiten der deutschen Verteidigung entbrannt ist, zumal in Anbetracht der Premierenbegegnung mit dem holländischen Team, das mit sieben furchterregenden Angreifern bewaffnet ist. Der Teamchef selbst hat die Diskussion eröffnet, als er die Überlegung offenbarte, die Deckung nicht mehr als Quartett sondern als Trio zu formieren und dadurch das Mittelfeld auf den Außenpositionen zu verstärken. Ein bisschen verwunderlich ist das schon, nachdem Advocaat angekündigt hat, er werde mit seinen Oranjes zum traditionellen holländischen 4-3-3 zurückkehren, was im Prinzip den Gegner zur Bildung einer Viererkette auffordert. Völlers Gedankenspiel könnte allerdings auch bedeuten, dass er seine Verteidigung zur Festung verstärkt, weil er mit einem 0:0 glücklich und zufrieden wäre – die von ihm beschworene taktische Flexibilität würde also bedeuten, dass das erweiterte Mittelfeld vor allem den Auftrag zur verdeckten Gefahrenabwehr erhält. Im Zentrum stünde dann Jens Nowotny wie ein Libero und vorne sollten Konter überraschenden Erfolg bringen. Nowotny würde mitmachen, er würde schlechthin alles mitmachen: Das System sei ihm „relativ egal“, erzählte er, „wir müssen bloß eins haben, und das müssen dann alle durchziehen.“ Spötter empfehlen übrigens eine 8-1-1-Formation.“
Ziege hofft, zur richtigen Zeit den Höhepunkt zu erreichen
Victor Vago (The Times 7.6.) schreibt über Christian Ziege und das deutsche Team: „Es scheint komisch, dass Ziege darüber spricht, dass sein Team lange im Turnier bleiben könnte, wenn man die mittelmäßigen Ergebnisse aus der Vorbereitung betrachtet, aber das ist ja normal für Deutschland – eine schwache Vorbereitung und dann ein starkes Turnier, genau wie bei der letzten WM. (…) Ziege hat mit 72 Länderspielen die meisten in der deutschen Mannschaft, trotzdem bedeutet diese EM etwas besonderes für ihn. „Ich habe vier Turniere gespielt, dieses ist mein fünftes,“ sagt er. „Aufgrund der Verletzungen, die ich überstehen musste, um mich bis hier durchzuschlagen, ist dieses Turnier etwas Besonderes. Ich hatte nur eine winzige Hoffnung, nominiert zu werden. Der Konkurrenzkampf in unserem Team ist groß, wir haben viele gute Spieler, und unser Coach Rudi Völler hat eine tolle Atmosphäre geschaffen.“ Aufgrund seines Engagements für die Mannschaft wollte Völler, trotz starker Kritik, Ziege unbedingt in der Mannschaft haben. Mit seinen ermutigenden Worten und seinem kumpelhaften Charakter, ist er fast schon eine Vaterfigur.“
Roland Zorn (FAZ 11.6.) blickt kopfschüttelnd zurück: „Als der damals 73 Jahre alte Präsident einen 61 Jahre alten Trainer aus dem Ruhestand von den Kanaren heimgeholt und dieser den 37 Jahre alten Kapitän von gestern reaktiviert hatte, war das deutsche Fußballdesaster programmiert. Das Unglück vollzog sich im Jahr 2000 bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden – es begann aber schon 1998 zu keimen. Damals hatte Egidius Braun, seinerzeit der erste Mann im DFB, den verhängnisvollen Einfall, Erich Ribbeck zum Teamchef zu machen. Da auch der „Sir“ dem Motto „Laßt alte Männer um mich sein!“ huldigte, suchte er sein spätes Glück im Bund mit Lothar Matthäus, den Ribbecks Vorgänger Berti Vogts schon ins Abseits gestellt zu haben schien. Das Herrendoppel Ribbeck/Matthäus brachte es bei der EM zusammen auf 101 Jahre, und genauso uralt sah auch die Mannschaft des dreimaligen Welt- und Europameisters bei diesem Turnier aus. Die Deutschen blamierten sich wie noch nie bei einem internationalen Fußball-Großereignis und schlichen sich schon nach der Vorrunde sieg- und trostlos nach einem dürftigen 1:1 gegen Rumänien, einer vermeidbaren 0:1-Niederlage gegen England und einem lachhaften 0:3 gegen Portugals zweite Mannschaft durch den Nebenausgang der EM zurück nach Hause, wo Spott, Häme und vernichtende Kritik auf den rundum verhinderten Titelverteidiger prasselten. Erich Ribbeck bekam davon nicht mehr allzuviel mit – der Mann, der weder ein konkurrenzfähiges Team gebildet hatte noch ein richtiger Chef war, trat umstandslos mit der Schlußbemerkung, „für das katastrophale Abschneiden übernehme ich die volle Verantwortung“, zurück und widmete sich danach wie schon vor seiner fehlgeschlagenen Mission dem Golfen unter der Sonne des Südens. Teneriffa hatte seinen rüstigen Rentner wieder, während in Deutschland der kurz danach als Kokser enttarnte Christoph Daum zum Bundestrainer in spe und Rudi Völler zum Interimscoach ernannt wurden. Nothelfer Völler, der nie davon geträumt hatte, auch als Teamchef zu reüssieren, sollte sich als Glücksfall erweisen; der spätberufene Ribbeck, der schon immer mal Bundestrainer oder Teamchef werden wollte, entpuppte sich als fatale Fehlbesetzung. Unter dem Wuppertaler kam der deutsche Fußball nicht einen Zentimeter voran, im Gegenteil: Sein Aushängeschild, die Nationalmannschaft, begann zu verwittern.“
Donnerstag, 10. Juni 2004
Vermischtes
Sonneborns „böses Spiel gegen Franz“
die Titanic tut alles für den deutschen Fußball (FR) (mehr …)
Allgemein
England will Helden, Markus Merk, der nette Nachbar
höchst lesenswert! „David Beckham und ich“ (Ronald Reng/FR) – England will Helden (Spiegel) – „wie kann Giovanni Trapattoni das System Milan übersehen?“ (NZZ) – Ryan Giggs wird wohl mal wieder in den Urlaub fahren (BLZ) – „Markus Merk ist der, den man gern als Nachbarn hat oder als Zahnarzt“ (FAZ) – die Geschichte des Kroaten Dado Prso hat eine seltene Wende genommen (Tsp) – Otto Rehhagel, Fußball-Weiser (SZ) u.v.m. (mehr …)
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