indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 17. September 2008

Deutsche Elf

Zwei einander zutiefst fremde Schlüsselfiguren

Der DFB verkündet (erneut) die Versöhnung zwischen Oliver Bierhoff und Michael Ballack, doch Teile der Presse glauben nicht dran

Der DFB hat gestern verkündet, dass der Streit zwischen Oliver Bierhoff und Michael Ballack durch ein zwanzigminütiges Telefongespräch der beiden ausgeräumt sei. Theo Zwanziger wird auf der DFB-Hausseite so zitiert zitiert: „Manager und Kapitän müssen gemeinsam mit dem Bundestrainer ein vertrauensvoll zusammenarbeitendes Team bilden. Deshalb war es notwendig, die Meinungsverschiedenheiten der jüngsten Vergangenheit offen zu thematisieren, auszuräumen und sich für die Zukunft darauf zu einigen, unterschiedliche Auffassungen, die es zwischen wichtigen Führungspersönlichkeiten immer wieder geben kann, ja geben muss, intern zu lösen.“

Doch es gibt Journalisten, die der Harmonie nicht trauen und die die Verkündung für aufgeblasen halten. Christof Kneer (SZ) schreibt: „Der amtliche Ton dieses Kommuniqués befördert den Fall erneut in den Rang einer Staatsaffäre: hier der traditionsbewusste, sportnahe Ballack-Staat, dort der reformeifrige, PR-nahe Bierhoff-Staat – und dazwischen steht, neutral wie die Schweiz, der Bundestrainer Löw.“ Von Andreas Lesch (Berliner Zeitung) lesen wir: „Was für Sätze! So hoch offiziell, so gestelzt, so bedeutungsschwer. Sie lassen ahnen, wie gewaltig die internen Verwerfungen sind und für welchen Aufruhr sie sorgen. Sie liefern den vorerst letzten Beweis dafür, dass der Zwist zwischen Bierhoff und Ballack die Nationalelf weiter treu begleiten wird – bis zur WM 2010. Der Funktionär und der Spieler haben sich in den vergangenen Wochen oft und öffentlich ihrer gegenseitigen Abneigung versichert. Einen solchen Konflikt mit einem Anruf aufzuarbeiten, das schaffte der schnellste Dampfplauderer nicht. Eher scheint es so zu sein, dass die Streithansel einen Konfliktberater aus einem waschechten Problembezirk bräuchten, um im Frieden miteinander leben zu können.“

Ich finde die Aussagen Zwanzigers gar nicht so aufgeblasen und gefärbt, nicht mal demagogisch. In ihnen klingen doch die unterschiedlichen Prinzipien zwischen Ballack und Bierhoff an. Doch auch Kneer geht von einem weiterhin vorhandenen Zerwürfnispotential in der Nationalmannschaft aus aus: „Was soll man von einer Harmonie halten, die auf einem Telefongespräch zwischen zwei Männern basiert, die kürzlich in Oberhaching dieselbe Sportschule bewohnten und dort ein (natürlich offenes und konstruktives) Gespräch hätten führen können? Wer diese grundsätzlichen Differenzen kennt, mag nicht davon ausgehen, dass sich dieser Zwist per Machtwort wegbefehlen lässt. Beim DFB wissen sie, dass sie zwei einander zutiefst fremde Schlüsselfiguren in die WM-Qualifikation mitnehmen.“

Dienstag, 16. September 2008

Interview

Machtzentrum Ballack

Die deutsche Mannschaft erreichte das Finale der Europameisterschaft 2008. Bei den beiden letzten EM-Turnieren 2004 und 2000 war sie bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Man kann also von einem sehr guten Ergebnis sprechen. Dennoch hat das Team die Experten nicht überzeugt oder begeistert, auch nicht Michael Horeni, FAZ-Sportredakteur und seit Jahren Beobachter der Nationalmannschaft. Wir haben mit ihm am Telefon über die Versäumnisse Joachim Löws vor und während der EM gesprochen, den Rang Michael Ballacks innerhalb des Teams und über die Aussichten Jürgen Klinsmanns bei Bayern München.

Herr Horeni, warum war die deutsche Mannschaft während der EM spielerisch so schwach?

Horeni: Dafür gibt es drei Gründe: Erstens, liefert die Bundesliga nicht das Niveau vieler anderer Ligen. Und man kann nicht dauerhaft über Liga-Niveau spielen, so wie das in der Ära von Klinsmann und Löw oft der Fall war. Zweitens war die Mannschaft nicht so fit wie zwei Jahre zuvor. Drittens schien es mir so, dass die Mannschaft nicht bis ins Letzte motiviert war, um über sich hinauswachsen zu können. Ihr hat ein gewisses Maß an Spannung gefehlt. Diese drei Gründe haben dazu geführt, dass die Mannschaft nicht das gezeigt hat, wozu sie in den letzten Jahren immer wieder in der Lage war. Es war mehr drin. Der entscheidende Faktor, der Schlüssel, war für mich aber die Fitnessfrage.

Joachim Löw hat im Frühjahr 2008 den geplanten Fitnesstest abgesagt. Ein Fehler?

Horeni: Es war ein großes Versäumnis von Löw, darauf zu verzichten und zu glauben, alleine mit spielerischen Mitteln zum Erfolg kommen zu können. So gut sind die deutschen Spieler im Vergleich mit anderen europäischen Spitzenprofis nicht. Die deutsche Mannschaft braucht großes Zutrauen in ihre körperliche Stärke, um Selbstbewusstsein entwickeln zu können, das notwendig ist, um letztlich auch spielstark zu sein. Eine gute Leistung war ja zu sehen: das 3:2 gegen Portugal. Dieses Match hatte eben auch eine psychologische Komponente, denn die Elf hatte nicht viel zu verlieren. Das galt für das Finale nicht mehr, da kann man sich nicht mehr einreden, dass man nichts zu verlieren hat.

Michael Ballack hatte eine starke Rückrunde für Chelsea gespielt. An seiner Fitness kann es nicht gelegen haben, dass auch seine Leistungen schwankten.

Horeni: Das liegt auch an der Umgebung, in Chelsea hat er wesentlich bessere Mitspieler. Er hat sicher nicht immer am Limit gespielt, aber das kann man auch nicht immer erwarten. Er hatte in der Nationalelf nicht die Unterstützung, die er braucht. Ein Mittelfeldspieler von internationaler Klasse ist einfach zu wenig. Ein Ballack reicht nicht! Er hatte übrigens schon vor der EM immer die Sorge, dass die Stärke des Teams nicht ausreicht und er im Misserfolgsfall zum Schuldigen gemacht wird. Und so ist es gekommen. Der einzige Spieler im deutschen Team außer ihm, der Weltklasse-Niveau erlangen kann, Philipp Lahm, hat es bei der EM auch zu selten erreicht.

Ballacks Führungskompetenz wird inzwischen von einigen Medien und Experten angezweifelt. Ist er zu dominant und undiplomatisch?

Horeni: Früher hieß es ja immer, er könne und wolle nicht führen. Bei der EM war genau das Gegenteil der Fall. Ballack war das Machtzentrum. Aber Ballack wird jetzt in der Mannschaft kritisch gesehen, er ist manchen Spielern zu dominant und einflussreich. Er muss um seine Rolle kämpfen. Es hat nun mal schon lange kein Spieler mehr an einem Turnier derartig Einfluss genommen – sowohl was die Taktik betrifft als auch die Begleitumstände. Nach der Kroatien-Niederlage hatte Ballack gefordert, sich auf den Sport zu konzentrieren. Doch stattdessen wurde am Familientag festgehalten. In solchen Fragen manifestieren sich die Unterschiede zwischen Ballack und Manager Oliver Bierhoff. Ballack ist ein Spieler mit Fußballstallgeruch, ihm sind die Ansätze Bierhoffs fremd.

Löw hat den Konkurrenzkampf unterbunden

Ist der Systemwechsel von 4-4-2 auf 4-5-1 während des Turniers auf Ballacks Mist gewachsen?

Horeni: Da wurden vom ersten Tag an Legenden gebildet. Entschieden hat es natürlich der Bundestrainer, doch ohne den Wunsch und die Zustimmung von Ballack wäre es wohl nicht passiert. Das ist das mindeste, was man in dieser spannenden und letztlich offenen Frage sagen kann.

Sie sind ein prinzipieller Befürworter Löws, sind aber während der EM als scharfer Kritiker aufgefallen. Wie lauten Ihre Vorwürfe?

Horeni: Ich mache ihm zwei Vorwürfe: erstens die Vernachlässigung der Fitness bei einem zu starken Augenmerk auf die Taktik – also eine falsche Prioritätensetzung. Zweitens mangelnde Führung während des Turniers. Christoph Metzelder sagte kurz vor Turnier-Ende in einem Interview mit uns, der Trainer habe weitgehend die Zügel aus der Hand gegeben. Das habe ich vom ersten Tag an so empfunden. Löw hat es versäumt, Spannung aufzubauen. Die Möglichkeit, die er sich zum Beispiel durch die Nominierung von Marko Marin, Patrick Helmes und Jermaine Jones in den vorläufigen Kader geschaffen hatte, ließ er ungenutzt, indem er die neuen Spieler dann doch nicht berücksichtigt hat. Diese Entscheidung habe ich nicht verstanden. Dadurch hat er den Konkurrenzkampf unterbunden und bloß alte Verdienste gewürdigt. Man denke an Metzelder, der während der EM – sagen wir es vorsichtig – umstritten gespielt hat. Da haben sich einige Verteidiger gefragt: „Was muss eigentlich noch passieren, dass ich spiele?“

Das mit Klinsmann wird funktionieren

Ein Blick in die Zukunft, bitte: Wird Löw das Ruder herumreißen können?

Horeni: Das ist die entscheidende Frage. Löw liegt die Qualifikation eher, weil die Mannschaft nur wenige Tage zusammen ist. Und in den knapp zwei Jahren bis zur EM gelang es ihm hervorragend, die Spieler und Mannschaft vorzubereiten und weiterzuentwickeln. Das ist eine der zentralen Aufgabe eines Nationaltrainers. Aber um ein gutes Turnier zu spielen, sind auch andere Fähigkeiten eines Trainers gefragt. Und es wird spannend sein zu beobachten, wie Löw das 2010 meistern wird – vorausgesetzt, die Elf qualifiziert sich für Südafrika. Schwer genug wird es ja, mit Russland in der Gruppe. Zumal sich die Mannschaft jetzt stärker verändern dürfte als nach der WM 2006. Es stoßen neue Spieler hinzu, etwa Marin und Helmes, und die Spieler aus der bisherigen zweiten Reihe, Piotr Trochowski, Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger drängen nach vorne. Ballack, aber auch Torsten Frings und Bernd Schneider waren ja wegen Verletzungen im letzten Jahr kaum dabei. Es wird zur Löws größten Aufgaben zählen, die Evolution des Teams zu lenken.

Letzte Frage: Sie haben eine Biografie Jürgen Klinsmanns geschrieben. Wie wird es ihm in Bayern ergehen?

Horeni: Das wird funktionieren, auch wenn viele Experten das Gegenteil voraussagen. Die andere Frage ist: Wenn es in England so weitergeht wie es sich jetzt andeutet [Stichwort der Scheich von Manchester City, if], wird der finanzielle Abstand zur Konkurrenz, und damit auch zu Bayern München, zu groß, als dass er durch moderne Trainingsmethoden und Führungspsychologie aufzuholen wäre. Um es deutlich zu sagen: Ich bin in den letzten Jahren Karl-Heinz Rummenigge & Co. nicht gefolgt, dass der Misserfolg deutscher Vereine nur darauf zurückzuführen sei, dass sie weniger Geld hätten als die Italiener, Spanier und Engländer. Ich hielt das für weitgehend vorgeschoben. Die Bundesligaklubs haben nicht gut genug mit ihren Spielern gearbeitet und sich neuen Konzepten viel zu sehr verschlossen. In Anbetracht jedoch dieser finanziellen Dimensionen, die sich nun abzeichnen, ist an dem finanziellen Argument einiges dran. Andererseits, bis die Milliarden Früchte tragen, werden noch ein paar Jahre vergehen. Bis dahin sollte das Champions-League-Halbfinale für Klinsmanns Bayern noch drin sein. Vielleicht sogar schon in dieser Saison.

Fragen von Oliver Fritsch

Internationaler Fußball

Aus Englands Fußball verschwindet das englische Geld

Mike Ashley stellt Newcastle United nach Protesten zum Verkauf, die Fans träumen von einem reichen Märchenprinzen (FAZ) / Räuberpistolen aus Donezk

Newcastle United wird nach starken Turbulenzen den Besitzer wechseln. Mike Ashley, ein englischer Einzelhandelsunternehmer, der angeblich eine dreistellige Millionensumme in den Klub investiert hat, bietet nach lauten Protesten vieler Fans den Klub zum Verkauf an. Zuvor hat er vergeblich versucht, den zurückgetretenen Trainer Kevin Keegan wiedereinzustellen. Kai Pahl (allesaussersport) fasst die Ereignisse zusammen: „Das Theater rund um Newcastle ist atemraubend. Mike Ashley lässt am Freitag Kevin Keegan aus Spanien einfliegen, um ihn doch noch zum Verbleib zu überreden, was dieser nach mehreren Stunden ablehnt. Die Volksseele kocht. Zahlreiche Plätze im Stadion blieben leer. Die Fans demonstrierten vor und nach dem Spiel bis in den tiefen Abend hinein. Es sind Fans, die sich nicht in ihr Schicksal ergeben. Besitzer Ashley und Sportmanager Wise haben keine Zukunft mehr in Newcastle und die Aussage von Ashley, dass er den Club verkaufen möchte, ist die einzig korrekte Konsequenz, die er ziehen kann.“

Keegan 96, der legendäre Auftritt, die Kampfansage an Alex Ferguson

Bei Christian Eichler (FAZ) kommen Newcastles Fans schlecht weg. Er spricht ihnen sowohl sportliche als auch wirtschaftliche Kenntnisse ab: „Die Fans sind für ökonomische Bedenken taub, sie wollen einen Klubbesitzer, wie ihn Chelsea mit Abramowitsch bekam und nun Manchester City mit den Scheichs aus Abu Dhabi: reiche Onkel, die viele Süßigkeiten mitbringen. Doch die Märchenprinzen, von denen sie träumen, sind überaus rar.“ Naive Jungs also. Bereits Ashleys Entscheidung des Frühjahrs, Kevin Keegan zu verpflichten, dem Helden von früher und „taktisch unbedarften Coach“ sei eine „populistische Maßnahme“ gewesen, raunt Eichler. Keegan wäre 1996 mit Newcastle fast Meister geworden, doch sein Team verspielte einen großen Vorsprung auf Manchester United.

Nun ist nicht nur Keegan weg, sondern auch Ashley. Etwas larmoyant hat er sich per Offenem Brief, halb an die Fans adressiert, halb an die Öffentlichkeit, gewendet: „Ich hoffe, der nächste Besitzer kann die Summe Geld spendieren, die die Fans wollen. Ich habe euch zugehört. Ihr wollt mich los sein.“

Eichler versteht den Rückzug Ashleys als weiteren Beleg für eine Trendwende im englischen Profifußball: „Aus Englands Fußball verschwindet das englische Geld – die Kaste der Profiteure der Thatcher-Ära, die in den 80er und 90er Jahren ein Vermögen machten und sich davon einen Klub gönnten. Ihnen ist die Premier League zu groß geworden. Diese wird zur Bühne der Globalisierungsgewinner, der Milliardäre aus Ländern mit teuren Rohstoffen oder billigen Menschen.“

Die NZZ berichtet auch über das „Chaos in Newcastle“.

Ashley, im Trikot auf der Tribüne, leert in zehn Sekunden ein Pint – und behauptet nach Einwänden des Verbands, es für alkoholfreies Bier gehalten zu haben

Blechschaden angerichtet und übernommen

Für die NZZ erzählt Ilja Kaenzig (ja, d e r Ilja Kaenzig) ein paar Räuberpistolen aus Donezk, wo Präsident Rinat Achmetow schon mal die Luxuswagen seiner Spieler mit dem „Basey“ bearbeitet, wenn sie nicht so spielen, wie er das gerne hätte (und zwar als das Match noch im Gange ist). Oder wie er seinem damaligen Trainer Bernd Schuster per Bodyguards ausrichten ließ, was zu tun sei und er zu trainieren habe, und, als Schuster nicht spurte, ihn sofort entließ – mit der Maßgabe, am selben Abend das Land zu verlassen. Außerdem erfahren wir, dass in Donezk ein Stadion gebaut wird, das eine Kopie der Münchner Arena sein soll. Übrigens, Achmetow habe den Blechschaden übernommen – nachdem sein Team noch den Siegtreffer erzielt hat.

BLZ: Trotz eines miserablen Saisonstarts ist der Optimismus beim FC Barcelona ungebrochen
NZZ: Sporting Gijon nach zehn Jahren endlich wieder in der Ersten Liga, doch jetzt auf dem letzten Platz
NZZ: Milan verliert momentan gegen jeden

Am Grünen Tisch

Welche Art Bundesliga wollen wir?

Wird die 50+eins-Regel überdacht, um deutsche Klubs wettbewerbsstärker zu machen? / Der Anachronismus Winterpause wird verkürzt (FAZ) / Bochum gewinnt und zählt doch zu den Abstiegskandidaten (FAZ)

Zur Debatte steht wieder einmal die 50-plus-eins-Regel des deutschen Profifußballs. Sie besagt, dass in einer Aktien- oder Kapitalgesellschaft der Verein mindestens 50 Prozent plus eine Stimme halten muss. Dadurch ist bislang die Übernahme durch Investoren verhindert worden. (Die andere Frage ist, wer sich überhaupt für einen deutschen Fußballverein interessiert und wie viel er ihm wert wäre). Es ist kein Zufall, dass das Thema wieder auf dem Tisch ist, denn heute beginnt die Champions League, und letzte Woche haben unfassbar reiche Scheichs Manchester City gekauft. „Russisches und arabisches Rohstoff-Geld befeuern den europäischen Fußball-Markt“, schreibt die FAS. „Die deutschen Aussichten werden immer geringer.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) fordert alle direkt und indirekt Beteiligten dazu auf, eine angemessene Diskussion zu beginnen über mögliche Regeländerungen und Finanzierungsmodelle im deutschen Profifußball sowie die möglichen Folgen: „Der deutsche Profifußball neigt dazu, Grundsatzfragen, deren Klärung seine Zukunft definieren werden, lieber aus dem Weg zu gehen. Das ist einer gewissen Selbstgefälligkeit geschuldet und kann sich mittel- bis langfristig als fatal erweisen. Es ist höchste Zeit, eine offene Debatte darüber zu führen, wie er in kommenden Jahrzehnten aussehen soll, der Bundesliga-Fußball. Ist die Premier League das Vorbild? Dann müssen Fernseheinnahmen, Spielergehälter, Transfersummen und Eintrittspreise explodieren, müssen sich die Sehgewohnheiten eines Millionenpublikums radikal ändern. Dann werden Milliardäre die Geschicke auch deutscher Großklubs lenken und sie weiterverkaufen, sobald sie die Lust am Spielzeug verloren haben. Zum Lohn stiegen die Aussichten beim Bieten um große Spieler und im Rennen um große Trophäen. Wer das will, muss es sagen, ohne einen Teil der Folgen zu verschweigen. (…) Liga, Klubs, Sponsoren, Medien und Fans müssen klären, welche Art Bundesliga sie künftig wollen.“

Das ist dann nicht mehr mein FC Bayern

Unter dem Titel „Armes Deutschland“ befasst sich Michael Horeni (FAS) mit dem gleichen Thema. Er hat mit einigen Offiziellen gesprochen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Bereitschaft zu einer Änderung gering ist: „Das Beharrungsvermögen der alten Elite in der Investorenfrage ist groß – und es fehlt an Leidensdruck. Denn das nationale Kerngeschäft auf dem gesunden und größten Fußballmarkt Europas läuft trotz der Schwierigkeiten mit dem Fernsehdeal gut. Die meisten Klubs wollen sich ohnehin nur national verbessern.“ Nach seiner Recherche sagt Horeni voraus: „Ändern wird sich so schnell nichts.“

Uli Hoeneß wird ablehnend vernommen: „Das ist dann nicht mehr mein FC Bayern – nur ohne mich.“ Karl-Heinz Rummenigge, der große Visionär, hingegen will mehr wagen. In der Welt sagt er heute: „Man hat in Deutschland Angst vor Investoren. Doch ich halte die Angst für ein bisschen übertrieben, obwohl ich weiß, dass ich damit kein populäres Feld betrete. Man muss sich schon auch mal überlegen, ob es nicht Sinn macht, die Türen zu öffnen. Wir können nicht immer nur kritisieren, was da im Ausland passiert. Sondern sollten selbst Erfahrungswerte sammeln.“

Anachronismus

Roland Zorn (FAZ) begrüßt, dass die DFL ab 2009/10 die Winterpause der Bundesliga um zwei Wochen verkürzen wird, diesen „Anachronismus“ und „Qual ohne Not für die Fans“. Deutschland verfüge über das „attraktivste Stadionlandschaft des Kontinents“, da müsse einem vor dem „Vorfrühling Januar“ nicht bange sein. Zudem habe die Pro-Argumentation nicht gestochen: Deutsche Teams, das würden die letzten Jahre im Europapokal zeigen, hätten keinen Vorteil durch mehr Regeneration (wobei ja nicht auszuschließen ist, dass sie ohne Winterpause noch schlechter abschneiden werden).

Und wo er schon mal dabei ist, begreift Zorn diese Entscheidung „nur als ersten Schritt zu noch mehr Reformeifer“ und fordert eine weitere Kürzung, um dann unter Umständen Zeit für einen Ligapokal mit allen 36 Profiklubs im Januar zu schaffen. Die Forderung, keinen Stein auf dem alten zu lassen – so kennen wir die FAZ!

Kosten und Nutzen

Ein Nachtrag vom Samstag – Hettfleisch (FR) kann nicht verstehen, warum das ausgefallene Frankfurt-Match gegen Karlsruhe nicht auf Sonntag verschoben werden konnte und kritisiert die DFL wegen fehlender Flexibilität: „Mit vielen Millionen Euro hat die öffentliche Hand dazu beigetragen, dass Bundesliga-Klubs in den modernsten und komfortabelsten Stadien der Welt spielen. Nun müssen die Arenen möglichst oft gefüllt werden, sonst fielen deren Betreiber bei der Kosten-/Nutzen-Rechnung in Ohnmacht. Madonna oder Biathlon – ganz egal. Hauptsache, es kommt Kohle rein. Dass da notfalls auch mal ein Komma am heiligen Spielplan verändert wird, sollte selbstverständlich sein. Man nennt das übrigens Marktwirtschaft.“

BLZ: Politiker und Funktionäre diskutieren, ob der Fußball für Polizeieinsätze zahlen soll. Sie reden mal wieder aneinander vorbei

Stille Reserven?

Und noch mal Nachschüsse, diesmal zum letzten Spieltag – Richard Leipold (FAZ) lässt sich vom Bochumer Sieg gegen Bielefeld nicht blenden: „Die Bochumer offenbarten spielend (oder eher: nicht spielend), dass auch sie bei gleichbleibendem Niveau zu den Abstiegskandidaten gehören dürften. Wenn Marcel Koller, wie er sagt, das bestbesetzte Aufgebot zur Verfügung hat, seit er beim VfL arbeitet, dann muss seine Mannschaft noch viele bisher unsichtbare stille Reserven besitzen.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) legt noch mal zum Thema Lukas Podolski und die Bank nach: „Podolski sitzt in der Klemme. Dann und wann vertreten selbst professionelle Beobachter die geradezu abenteuerliche Ansicht, dem Instinktfußballer mangele es an Spielverständnis.“ Ich, zum Beispiel.

Montag, 15. September 2008

Bundesliga

Deutsch-holländische Trainerbelebung

4. Spieltag: Offensive sticht (bisher), oben in der Tabelle stehen Vereine, die auf Tore aus sind, vor allem der Hamburger SV unterhält die Beobachter aufs Beste, denen aber auch die Schwächen nicht entgangen sind / Schiedsrichter Lutz Wagner verliert das Derby Dortmund gegen Schalke (FAZ) / Lukas Podolski auf Heimatbesuch in Köln / Stuttgart gibt sich mit einem 0:0 in Hoffenheim zufrieden

29 Tore in bloß acht Spielen, dazu Spannung, Tempo, Rote Karten und Schiedsrichterfehler – in diesem Spieltag war Musik. Folglich applaudieren heute einige Kommentatoren, die einen neuen Trend zum Sturm erkannt haben möchten und diesen Trend auch an den neuen Trainern festmachen. Michael Horeni (FAZ) prognostiziert frohgestimmt eine Hebung der Qualität: „An der Tabellenspitze stehen vier Vereine, die mit intelligenten Trainern und zum Teil neuen Konzepten aufgebrochen sind: der HSV mit Jol, die Bayern mit Klinsmann, Schalke mit Rutten und Dortmund mit Klopp. So viel ist schon jetzt gewiss: Diese deutsch-holländische Trainerbelebung wird der Bundesliga auch in Zukunft noch sehr guttun.“

Andreas Burkert (SZ) stimmt ein und grenzt mit der hausüblichen Portion Spott den aktuellen Trainerjahrgang von seinen Vorvorgängern ab: „Die Vereine sind bereit, sich einer Idee und deren Urheber zu unterwerfen. Und die Liga hat, nachdem sie ihre Stadien (wegen der WM) und Lehrbücher (wegen Ribbeck, Vogts) modernisierte, nun endlich auch konsequent ihr Personalprogramm reformiert. Und Friedhelm Funkel ist wohl auch deshalb in Frankfurt noch im Amt, um die Generation Klinsmann stets an das einzige ewig gültige Gesetz zu erinnern: Nur Erfolg gewinnt.“

Burkert pocht darauf, Bruno Labbadia in Leverkusen in dieser Riege nicht zu vergessen: „Sollte jemand wie Labbadia, der letztlich beim HSV in Schönheit verlor, doch scheitern, bliebe ihm ein Trost: Die Generation Neururer wird ihm nicht folgen.“ Jörg Marwedel (SZ) ergänzt, der Niederlage in Hamburg zum Trotz: „Bayer inszenierte in den ersten 45 Minuten die wohl beste spielerische Darbietung eines Bundesliga-Teams in dieser Spielzeit.“

Nach van der Vaart sehnt sich kaum noch einer

Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) hingegen diktiert eherne Fußballgesetze, uns Lesern jede Illusion nehmend: „Die Renaissance des Angriffs dürfte ein kurzfristiges Phänomen sein. Am Ende wird die Mannschaft vorn stehen, die ihre Defensive am besten im Griff hat. Und das sind nicht die Moralmeister vom HSV und auch nicht die Schalker, denen ein 3:0 nicht genügt, um es über die Restzeit zu bringen. Es sind die Bayern, die mit der Verpflichtung des Weltmeisters a. D. Massimo Oddo den richtigen Schritt auf dem Transfermarkt getan haben, nach dem Marcell Jansen zum HSV abgewandert ist: Verkaufe als Linksverteidiger getarnten Linksaußen, hole echten Verteidiger – die Flexibilität des bayrischen Spiels dürfte in Zukunft zunehmen. Am Ende wird sich die alte Regel bewahrheiten, wonach die Offensive Spiele, die Defensive aber den Titel gewinnt.“ Mit diesem humorlosen Ton hat sich Osterhaus aussichtsreich für den Udo-Lattek-Award 2008 ins Spiel gebracht.

Auch Rainer Schäfer (Berliner Zeitung) ermahnt die Hamburger, 3:2-Sieger gegen starke Leverkusener, zu mehr Abwehrkraft, erwartet aber eine Stabilisierung in der Rückrunde: „Der HSV hat mehr Schwächen, als sich ein Tabellenführer auf Dauer leisten kann. Es ist eine kuriose Situation: Auf dem Papier hat Martin Jol ein Spitzenteam beieinander, auf dem Platz steht beinahe unverändert die Mannschaft seines Vorgängers Huub Stevens. Bis Jols Wunschformation sich so einspielen kann, um auch die vereinsintern ins Kraut geschossenen Erwartungen erfüllen zu können, dürfte die Rückserie beginnen. Dann allerdings hat die Konkurrenz Anlass, sich zu sorgen. Martin Jol hat schon nach wenigen Spieltagen die Zuversicht vermittelt, dass er ein Team formen kann, das höchsten Ansprüchen genügt. Nach van der Vaart jedenfalls sehnt sich in Hamburg kaum noch einer.“

Crashkurs Derby

Gesprächsstoff ist natürlich Schiedsrichter Lutz Wagner und der Käse, den er in Dortmund gepfiffen hat. Richard Leipold (FAZ) schreibt ernst: „Lutz Wagner wurde zum Verlierer eines Derbys, das unentschieden ausging.“ Oskar Beck (Welt am Sonntag) verpackt seinen Unbill auf Schiedsrichter in Ironie: „Sie sind ein eigener Menschenschlag. Sie sind so eigen, dass nach dem Abpfiff keiner auf die Idee käme, das Trikot mit ihnen zu tauschen. Kein Fan hängt sich den Starschnitt eines Schiedsrichters an die Wand oder aus Sympathie eine Pfeife um den Hals – und kennen Sie jemanden, der sein Trikot nicht mit ‚Podolski’ oder ‚Ballack’ beflockt, sondern mit ‚Wagner’? Schiedsrichter sind einsam. Keiner liebt sie. Und ihre Lage, wir ahnen es, hat sich übers Wochenende nicht dramatisch verbessert.“

Schalkes Trainer Fred Rutten ist durch eine bemerkenswerte Aussage über eine aus der Hand gegebene 3:0-Führung auffällig geworden, die mit dem Schiedsrichter nichts zu tun hat: „Nach dem dritten Tor habe ich Arroganz bei meinen Spielern gesehen.“ Jan Christian Müller (FR) hat das imponiert: „Es ist angesagt, den Schalkern ein dickes Lob auszusprechen. Normalerweise zürnen Spieler und Verantwortliche angesichts der unzweifelhaften Fehler der Unparteiischen, die unmittelbar zu Gegentoren führten, unerbittlich mit den vermeintlich allein Schuldigen. Samstag aber war das anders: Da schimpften einige Schalker Profis zwar nach der Strafstoßentscheidung in der internationalen, nicht druckreifen Fußballersprache mit Wagner, hinterher aber stellten sie gemeinsam mit Fred Rutten vor die Schiri-Schelte das eigene Versagen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und sollte anderen Trainern und Spielern als Vorbild dienen.“ Schalke-Manager Andreas Müller soll letzte Woche gesagt haben: „Fred ist unsere beste Wahl seit langem auf dieser Position.“ Ein lieber Gruß an Slomka und, vermutlich eher, an Rangnick, der sich jüngst nochmals über die damaligen Arbeitsverhältnisse in Schalke mokiert hat.

Freddie Röckenhaus (SZ) vertritt übrigens die Auffassung, dass Wagner nicht nur gegen Schalke gepfiffen habe (Dortmunder Abseitstor, falscher Elfmeter): „Wagner hat sich halbwegs paritätisch geirrt.“ Auch die Elfmeterentscheidung vor Schalkes erstem Tor sei ein Fehler gewesen, und Rafinha hätte schon in der ersten Halbzeit wegen einer Handgreiflichkeit in die Umkleide gehört.

Viel Adrenalin ist jedenfalls freigesetzt worden; Leipold schließt dialektisch: „Am Ende erging es den Protagonisten und ihren Anhängern so ähnlich wie Briefmarkensammlern. In der Welt der Postwertzeichen gelten Fehldrucke als besonders wertvoll. Insofern war das 132. Ruhrgebietsderby von herausragendem Wert.“ Und Jürgen Klopp lässt von seiner neuen Erfahrung wissen: „Beide Trainer haben in einem Crashkurs erfahren, wie so ein Derby abläuft.“

Holger Pauler (taz) analysiert kühl, nachdem der Rauch verzogen ist, Dortmunder Mängel: „Der Klopp-Zögling Mohamed Zidan scheiterte bereits an den fußballerischen Basics. Der Tausch Zidan gegen den letztjährigen Topscorer Mladen Petric, der nun für den HSV spielt und trifft, könnte noch zur Belastung für Klopp werden. Am Samstag ging der Spielverlauf noch über dieses Personalie hinweg. (…) Wenn die Euphorie verflogen ist, sollten die Dortmunder schnell daran denken, dass nur zweimal im Jahr Derby ist.“

Geld regiert

Eine nette Soap wurde, wie zu erwarten, in Köln gedreht: Lukas Podolski, dem es in der Fremde so schwer ergeht, auf Heimatbesuch. Sein Tor (Eigentor?) gegen Köln ist ihm einerseits sicher schwer gefallen; andererseits muss es ihm eine Genugtuung gewesen sein, findet Daniel Theweleit (Berliner Zeitung): „Er hat den uneinsichtigen Bayern einen weiteren Beweis geliefert, wie falsch sie liegen, wenn sie Podolski immer und immer wieder in den Kreis der Ersatzspieler bannen.“ Mehr über Podolski in Köln lesen Sie in der FR und der SZ.

Jürgen Klinsmann hatte vor dem Spiel ungewohnt unverblümt Podolski die Grenzen gezeigt: „Lukas muss zeigen, dass er besser ist als die zwei anderen. Das kann ein langfristiger Prozess sein, das kann ein, zwei Jahre dauern.“ DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat auch eine Meinung dazu: „An Podolskis Stelle hätte ich die Bayern verlassen.“

Und Uli Hoeneß kennt angeblich die Kontoauszüge der um ihren Spieler werbenden Kölner – und redet wieder mal darüber in der Öffentlichkeit: „Es ist klargeworden, dass die hinten und vorne kein Geld haben, den Lukas Podolski zu holen. Die können sich das ein für alle mal abschminken.“ Da feiert das Kölner Publikum herzzerreißend einen Torschützen der Bayern, und „J.R.“ Hoeneß lässt kein Missverständnis daran aufkommen, dass alleine das Geld regiert. Dass jemand freiwillig die Rolle des kühlen, bösen Geschäftsmanns spielt – dafür danken wir Soap-Süchtigen ihm immer wieder.

Über Podolskis interne Konkurrenz schreibt Theweleit: „Miroslav Klose hat den Schwung aus dem Länderspiel in Finnland ganz schnell wieder verloren, 18 Ballkontakte hatte er, er war an keiner wichtigen Szene beteiligt und wurde gegen Lukas Podolski ausgewechselt. Luca Toni ereilte derweil genau das umgekehrte Schicksal.“

Zu wenig Leidenschaft

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) staunt warnend über die Stuttgarter, die erst ein 0:0 in Hoffenheim verteidigten und es dann genügsam abhakten: „Arg bescheiden, der Meister von einst: Er kuschte vor dem Emporkömmling, statt die Muskeln spielen zu lassen. Ganz so, als gäbe es keinen Konkurrenzkampf um die Gunst des Publikums in der Region. Demnächst, wenn erst mal das Stadion in Sinsheim steht, rückt Hoffenheim den Schwaben noch dichter auf den Pelz.“

Thomas Haid (Stuttgarter Zeitung) erwartet mehr Einsatz: „Der Kader des VfB besitzt zweifellos Talent und Klasse – zumindest theoretisch. In der Praxis spulen die Profis ihr Pensum jedoch zu oft relativ emotionslos ab. Das Feuer fehlt, wie bereits gegen Leverkusen und Hannover und wie auch jetzt in Hoffenheim, das spielerisch über weniger Mittel verfügt, aber mehr Leidenschaft investierte und mehr aus seinen Möglichkeiten machte.“

Freitag, 12. September 2008

Internationaler Fußball

Italienische Fußballtugend: stark sein, wenn’s gilt

Fabio Capello arrangiert sich mit den Verhältnissen, also den taktischen Bildungslücken der englischen Profis, und widerlegt mit dem 4:1 in Kroatien die Skeptiker

4:1 in Kroatien, ein Erfolg des neuen englischen Trainers – Raphael Honigstein (FR) befasst sich spitz mit dessen Aufgabe: „In den Testspielen hatte Fabio Capello schnell gemerkt, dass taktische Flexibilität des englischen Profis natürlicher Feind ist. England fand so in Zagreb einfach zu sich selbst. Er kann mit überzogenen Erwartungen ebenso wenig anfangen wie mit nostalgischer Vergangenheitsbeschwörung. Und der Taktiker weiß: Sein Job ist erst getan, wenn England sich nicht mehr an Erfolgen in der Qualifikation berauschen muss.“

Christian Eichler (FAZ) ergänzt: „Es ist eine italienische Fußballtugend, an die sich die Engländer unter dem neuen Boss noch gewöhnen müssen: dann gut zu sein, wenn es zählt, und nur dann.“ Und macht Theo Walcotts „Energiestoß“ für Englands Auf- und Vortrieb verantwortlich, des „schnellsten Spielers der Premier League“.

Vorgestern referierte Eichler noch die Skepsis, mit der Capello leben muss: „Verzweifelt hier der Großstratege des kontinentalen Klubfußballs an der ewigen taktischen Einfalt englischer Kicker?“ Honigstein (SZ) sprach auch schon am Mittwoch von „nicht mit übermäßiger Spielintelligenz gesegneten Kickern“, was „eine auf der Insel unterdrückte Wahrheit“ sei.

Highlights auf fliggo

NZZ-Interview mit Ottmar Hitzfeld nach dem 1:2 der Schweiz gegen Luxemburg

Deutsche Elf

Dumm angestellt

Abwehrlöcher im deutschen Team und der geheilte Miroslav Klose führen zu einem 3:3 in Finnland und einem selten abwechslungsreichen Spiel; von Michael Ballack spricht fast kaum jemand

Nicht allzu viel erhellendes und bemerkenswertes von den Fußballschreibern heute zum 3:3 der deutschen Elf in Finnland (eigentlich ein Spiel, wie Fußball immer sein sollte). Im Vordergrund stehen jedenfalls die Schwächen in der Abwehr, allen voran Heiko Westermanns, aber auch der hohe Unterhaltungswert der Partie. Jörg Hanau (FR) kommentiert unerbittlich: „Die deutschen Elitekicker sind auf ihrem Weg nach Südafrika früh ins Stolpern geraten. Dass es schwer würde, wusste Joachim Löw. Dass man sich aber derart dumm anstellen würde, hatte sich der Bundestrainer wohl nicht vorgestellt. Es spielt im Grunde keine Rolle, ob der EM-Zweite in Finnland einen Punkt gewonnen oder deren zwei verloren hat. Wichtiger ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass das Experiment ‚Jugend forscht’ in der Innenverteidigung wie im Chemieunterricht endete: mit einer Verpuffung.“

Peter Heß (FAZ) kommt zu einem anderen Schluss: „Der Start der deutschen Nationalmannschaft in die WM-Qualifikation ist geglückt.“ Doch der Abwehr und dem defensiven Mittelfeld schickt er Grüße des nächsten Gegners vorab: „In dieser Verfassung bildet der deutsche Sicherheitsdienst für die russische Offensive eine Barriere wie aus Zeitungspapier.“ Langeweile fürchtet Heß jedenfalls nicht, wenn die DFB-Elf demnächst wieder antreten wird – wenn er auch den Verzicht auf etwas Spannung in Kauf nehmen würde: „Die Vorfreude bleibt auf weiterhin gute Unterhaltung mit einer engagierten deutschen Mannschaft, die munter nach vorne spielt. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass die Horrorelemente der kurzweiligen Show weniger werden.“

Auch Philipp Selldorf (SZ) sind die „Probleme mit der Deckung“ ins Auge gestoßen; gibt er zu bedenken: „Das beschert dem Zuschauer muntere Abende wie jenen am Mittwoch, der statt des erwartet drögen deutschen 1:0-Siegs ein doppelseitiges Feuerwerk lieferte, schafft allerdings auf Dauer zu viel Unruhe.“

„Klose trifft wieder, und das ist kein Zufall“ angesichts seines Trainingsfleiß’, lesen wir anerkennend von Heß über den Schützen von drei Toren in einem ausführlichen Bericht über den Geheilten. Finnlands Trainer Stuart Baxter übrigens wird in der Berliner Zeitung zur Frage „Wie geht’s jetzt weiter nach diesem Erfolg gegen Deutschland?“ so zitiert: „Die schwerste Schlacht ist die kleine nach dem großen Krieg.“

War das dritte Tor Kloses Abseits? Beim Nachschuss von Gomez war’s jedenfalls ganz knapp.

3:3 Finnland vs. Deutschland-Highlights – MyVideo

Züge einer Kampagne gegen Ballack

Als einziger greift Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) das große Thema der letzten Tage auf, Michael Ballack und sein Status in der Nationalmannschaft. Dabei stellt er dessen Sonderrolle heraus: „Die vermeintliche Isolation des Leaders könnte möglicherweise auf einen anderen, tatsächlich besorgniserregenden Umstand hindeuten: Vielleicht ist Ballack für dieses Team samt Manager einfach eine Nummer zu groß.“

Eine Nummer zu groß für das Team samt Manager! Die Berichterstattung über Ballacks Streit mit Oliver Bierhoff trage „Züge einer Kampagne“, vollzieht Osterhaus Medienkritik: „Die dem Manager gewogene Presse lässt keine Gelegenheit aus, den Ostdeutschen als Wüterich und seinen Widerpart als besonnenen, ja smarten Macher darzustellen, der sich in Anflügen altruistischen Eifers für die Nationalmannschaft aufopfert.“

Ich finde auch, dass Ballacks Qualität außer Zweifel stehen sollte. Aber es fragt sich, welche Presse gemeint ist. Welche Zeitung, vielleicht mal von der Sport Bild abgesehen, ist denn Ballack gegenüber so feindlich eingestellt? Und wer ist dem an und für sich umstrittenen Bierhoff so „gewogen“ und stellt ihn als „altruistisch“ dar? Würde ich besser finden, wenn man Ross und Reiter nennt.

Donnerstag, 11. September 2008

Ball und Buchstabe

Fußballweisheiten wie in Butter gemeißelt

Biederes Kahn-Debüt im ZDF / Joachim Löw hätte Johannes Kerner beinahe eine gescheuert / Erste Reaktionen auf das 3:3 der deutschen Elf in Finnland / Blamage für Ottmar Hitzfeld: 1:2 gegen Luxemburg

Mit Spannung war Oliver Kahns Einstieg als TV-Experte erwartet worden. Na ja, Spannung ist zu viel gesagt, doch zumindest haben sich die Fachmänner genau angeschaut, was er da gestern so getrieben hat. Gesamtnote: bestenfalls nicht schlecht. Wolfgang Hettfleisch (FR) vernimmt einen Kontrast im Vergleich zu Kahns Vorgänger Jürgen Klopp, den Hettfleisch gar nicht mal vermisst: „Lächelt der Titan a. D., sieht es immer ein bisschen so aus, als käme er gerade vom Zahnarzt und die Spritze wirkte noch nach. Das muss im Flimmerkasten, in dem er jetzt steht, nicht unbedingt ein Nachteil sein. Klopps Studenten-Charme nutzte sich gegen Ende seiner Fernsehkarriere doch merklich ab. Vielleicht dachten sich das ja auch die ZDF-Bosse, als sie sich entschieden, Kahn die Nachfolge anzutragen. Als Anti-Klopp.“

Überraschendes habe der „altkluge Fußballexperte von altem Schrot und Korn“ nicht zu bieten gehabt: „Ruhig und sachlich in Tonlage wie Oberbekleidung lieferte Kahn aufs Kernersche Stichwort Fußballweisheiten wie in Butter gemeißelt: ‚Der Konkurrenzkampf im Tor ist voll eröffnet’ oder ‚Ein Michael Ballack ist aus der Nationalmannschaft nicht wegzudenken’. So hat er es einst schon als Torwart gehalten, wenn ihn der Rückpass eines Mitspielers in Schwierigkeiten brachte: schnörkellos weg mit dem Ball. Hoch und weit.“ Hettfleischs Fazit: „Ein ganz klein bisschen Klopp-Wehmut stellt sich dann doch ein.“

Jochen Hieber (faz.net) nimmt den Wechsel als Rückschritt wahr: „Mit Oliver Kahn kehrt das Fußball-Expertentum im Fernsehen wieder zu den Graswurzeln dieses Sports zurück. Keine intelligenten, gar intellektuellen Analysen einzelner Spielzüge, Formationen und Zuordnungen mehr – was Jürgen Klopp dem ZDF und dessen Zuschauern mehrere Jahre lang mit seinen Kringeln und Pfeilen auf dem touch screen bescherte, ist Kahns Sache ganz und gar nicht.“

Das Glück musst du dir im Gespräch mit dem Trainer erarbeiten

Friedhard Teuffel (Tagesspiegel) lässt Kahn sogar gegen Kerner verlieren: „Das Analyse-Board, mit dem Kahn den Einzelfall hätte vorführen können, ruhte wie eine Staffelei vor jemandem, der in der Schule Kunst abgewählt hat. Das schneidige Einziehen der Luft durch die Zähne wird Kahn als neues Markenzeichen nicht reichen. Mal kitzelte Kerner ihn, mal flankte er ihn an, mal erklärte Kerner einfach. So hatte dieses Spiel mit Johannes B. Kerner am Ende doch noch einen Gewinner.“ Ausgerechnet Kerner, dem Joachim Löw gestern fast eine gescheuert hätte (wenn mein Eindruck nicht täuscht, siehe auch Live-Blog, inklusive Kommentar).

Der Sprechtrainer Michael Rossié (stern.de) urteilt vorsichtig: „Kahn bekommt den Punktsieg für die souveräne Wirkung und den lockeren Auftritt, so genau untersuchen darf man das, was er sagt, nicht in jedem Falle.“ Bei Rossiés Analyse der K-Töne entsteht eine nette Sammlung von Sachen wie: „Das Glück musst du dir im Gespräch mit dem Trainer erarbeiten.“

Am stärksten beim Schönreden

Erste Reaktionen auf das 3:3 der deutschen Elf in Finnland (morgen lesen Sie hier die ausführliche Analyse) – Matti Lieske (Berliner Zeitung) blickt hinein in Miroslav Klose: „Drei Tore in einem Spiel, das sollte eigentlich genügen, die Krise eines Stürmers zu beenden. Ganz so einfach ist es aber vermutlich nicht, auch wenn der Teil der Misere, der mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun hatte, gewiss behoben ist.“ Lieske hat auch nicht übersehen, dass Klose bei seinem zweiten Tor schon im ersten Versuch hätte treffen sollen.

Im Vorspann auf Spiegel Online liest man: „Haarsträubende Abwehrfehler, Schlafmützigkeiten gegen einen überraschend starken Gegner: Das deutsche Unentschieden in Finnland war höchstens für die Zuschauer ein Vergnügen, da unterhaltsam und spannend. Die allerstärkste Leistung zeigte die Mannschaft nach dem Spiel – beim Schönreden.“

Blamabel

Ein dickes Ding, dass Ottmar Hitzfelds Schweiz in Zürich gegen Luxemburg 1:2 verliert, wobei der Name Jeff Strasser in jedem Spielbericht auftaucht, nicht zuletzt, weil er ein Tor geschossen und eins auf den Weg gebracht hat. Peter B. Birrer (Neue Zürcher Zeitung) holt seine Landsleute auf den Boden zurück: „Nach der 1:2-Niederlage gegen die Amateure aus dem Herzogtum ist der mit Hitzfeld zunächst entfachte Schwung fürs Erste verpufft. Die Realität ist für die Schweizer Auswahl nicht die automatische Teilnahme an Endrunden, wie dies die letzten Jahre vorgaukeln, sondern der enge Kampf um die Teilnahme, der bis in die letzte Runde (und darüber hinaus) dauern kann. Wenn überhaupt.“ Hitzfeld sah er „mit versteinerter Miene, aber routiniert Auskunft gebend“.

Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) fühlt sich an die Schweizer 0:1-Niederlage in Aserbaidschan erinnert: „Baku 1996, Zürich 2008“, lautet die Schlagzeile – wobei er nicht zu erwähnen vergisst, dass sich der damalige Trainer Rolf Fringer nie von dieser Niederlage erholt habe. Große Enttäuschung über das Ergebnis und Hitzfelds Einstand empfindet auch er: „Man sollte sich im schnelllebigen Fußballgeschäft mit überharten Urteilen zurückhalten. Aber wie und dass die Schweizer dieses Spiel verloren haben, war blamabel, nicht mehr und nicht weniger. Dass dies ausgerechnet unter dem Erfolgstrainer Hitzfeld geschah, hatten viele schlechterdings für unmöglich gehalten. Er selber vielleicht auch.“

Und seinen Ärger über die gemeinen Spielverderber aus Luxemburg kann Clalüna gerade noch im Zaum halten: „Die Luxemburger verbarrikadierten sich, sie schlugen die Bälle fort, als wären es gefährliche Sprengkörper, die man besser nicht zu lange am Fuß führt. Ja, am liebsten hätten sie wohl den Mannschaftsbus vor den eigenen Torpfosten parkiert, um die Schweizer am Toreschießen zu hindern. Es war angesichts der Papierform ihr gutes Recht, das Spiel auf diese Weise zu boykottieren, wie eine menschgewordene Solidaritätskette verteidigten sie. Sie löste sich erst ganz am Schluss auf – als sie im Jubel auseinanderbrach.“

Beim Boulevardblatt Blick ist schon von möglichen Rücktrittsforderungen an Hitzfeld die Rede, auch wenn man sie noch ausschließt.

Mittwoch, 10. September 2008

Deutsche Elf

Nicht wegzudenken aus der deutschen Mannschaft

Die Parteinahmen der Presse für Michael Ballack häufen sich / Der „Linksruck“ des Piotr Trochowski (Tsp)

Noch ein Beitrag zum Thema Ballack/Bierhoff – ungewöhnlich eindeutig streicht Markus Völker (taz) die Qualität Michael Ballacks heraus und verteidigt ihn gegen Oliver Bierhoff und die Behauptung der Sport Bild, er sei im Team isoliert: „Ballacks Können und sein Führungsanspruch haben die DFB-Auswahl ins EM-Finale gebracht. Deswegen ist der Versuch seiner Demontage billig. Man muss sich fragen, warum ein DFB-Manager nur zögerlich dazu beiträgt, im Zwist zu deeskalieren? Warum tritt er nicht als Souverän auf? Dahinter kann nur Eigensinn stecken. Bierhoff will die Auseinandersetzung offenbar gewinnen. Aber das kann er nicht. Denn Ballack ist, auch wenn Bierhoff das Gegenteil behauptet hat, derzeit nicht wegzudenken aus der deutschen Auswahl.“ Bierhoff schon, soll das vielleicht heißen.

Vorberichterstattung ist immer geprägt von Spielerportraits, auch heute, vor dem Finnland-Spiel. Hier vier im Schnelldurchlauf mit den entsprechenden Links: Philipp Selldorf (SZ) beobachtet das Erwachsenwerden Bastian Schweinsteigers, der die letzten fünfundzwanzig Minuten in Liechtenstein gar die Kapitänsbinde tragen durfte: „Lange genug fühlte er sich bei den Bayern unter Wert behandelt, es ist das alte Phänomen, das vor ihm schon Spieler wie Hamann, Babbel, Ziege, ein paar Jahre später Hargreaves und Lahm erlebt haben: Im hauseigenen Internat herangezogen, aber immer geringer geschätzt als die neu verpflichteten Millionentransfers.“ Peter Heß (FAZ) zollt dem unauffälligen Heiko Westermann Respekt: „Wohin ihn sein Aufstieg auch führte, er setzte sich schnell durch, machte unaufhaltsam den nächsten Schritt. Nach zwei starken Spielzeiten bei Arminia Bielefeld ist er schon nach einem guten Jahr bei den Gelsenkirchenern zur Spielerpersönlichkeit gereift.“ Und heute, zumindest für einen Tag, Abwehrchef der Nationalelf. Jörg Hanau (FR) schreibt über den anscheinend wirklich enttäuschten Christoph Metzelder: „Der zum Bankdrücker degradierte Ex-Stammspieler fühlt sich verkannt. Die kritischen Töne, die ihn seit der EM verfolgen wie ein Tinnitus im Ohr, kann oder will Metzelder nicht verstehen.“ Hartmut Scherzer (FAZ) stellt uns die wichtigsten Spieler Finnlands vor: „Sami Hyypiä und Mikael Forssell, die alte Garde, sind die beiden interessantesten Spieler in diesem Kader.“ Der große Jari Litmanen, der noch immer aktiv ist, fehlt ja heute leider verletzt.

Noch lange kein Stratege

Und ein längeres – Sven Goldmann (Tagesspiegel) rekonstruiert den erfolgreichen „Linksruck“ (Schlagzeile) Piotr Trochowskis, stutzt ihn aber auch zurecht: „Er ist dabei, seinen Frieden zu machen mit der Position, die ihm nicht gerade ans Herz gewachsen ist. Trochowski hat sich immer als Mann in der Zentrale gesehen, als Stratege und Ballverteiler, als Nummer 10. Dieser Job aber war in Hamburg an Rafael van der Vaart vergeben, den vielleicht besten Fußballspieler, den die Bundesliga in den vergangenen Jahren hatte. (…) Vielleicht wird Trochowksi in ein paar Jahren das Aufeinandertreffen mit van der Vaart als Segen empfinden. Vor allem aber für seine Perspektive in der Nationalmannschaft, in der er gewiss keine Karriere als Nummer 10 gemacht hätte. Joachim Löw lobt seinen guten Blick, aber es ist der Blick für die unmittelbare Situation, nicht der für das Gesamte. Was Trochowski fehlt, ist das 360-Grad-Radar eines Michael Ballack. Oder die von Torsten Frings meisterlich interpretierte Fähigkeit, seine Kollegen mitzureißen und anzutreiben. Ein guter Techniker mit brillanter Schusstechnik ist noch lange kein Stratege.“ Auch hier wieder ein klares Lob für Ballack, das einem im Moment ja besonders auffällt.

Dienstag, 9. September 2008

Internationaler Fußball

Stolpertänze und Bettgeflüster

Italien stümpert (NZZ) / Spanien ist großzügig / England trifft auf kroatische Gespenster; Trainer Slaven Bilic haut auf die Pauke und steigt mit Spielern ins Bett / Berti Vogts verschont Schottland nicht mit Ratschlägen

Tom Mustroph (Neue Zürcher Zeitung) jagt die Italiener trotz des 2:1-Siegs in Zypern wegen „Stümperei“ fort: „Rückkehrer Marcello Lippi muss nun sein Talent als Ruinenabräumer beweisen, bis die Spielstärke der Squadra Azzurra wieder in die Nähe ihres Rufes kommt, ist noch einige Arbeit zu leisten.“ Und wieder liest man vom „unsicheren Barzagli“, dem Neu-Wolfsburger, der „einen weiteren Stolpertanz im Nationaltrikot“, aufs Parket gelegt habe.

Generös

Georg Bucher (Neue Zürcher Zeitung) sieht erst zögerliche, dann stürmende Spanier Bosnien-Herzegowina besiegen: „In Madrid, Valencia oder Sevilla hätte das Publikum die erste Hälfte mit Pfiffen quittiert. Nicht so in Murcia. Das Privileg, erstmals ein Pflichtspiel der Selección zu sehen, verlieh dem Anhang Geduld. Dafür entschädigte ein Feuerwerk, das an die Euro-Highlights erinnerte. Wie im EM-Final wäre ein Kantersieg drin gewesen. Generosität beließ es bei der Mindeststrafe (1:0).“ Ein kleiner Piekser für die Deutschen. Im weiteren Text geht es um Portugal, 4:0-Sieger in Malta, und das Debüt des Trainers Carlos Queirós.

Wir liegen im Bett und reden

Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) spürt und hört die „wachsende Ungeduld, mit der England heute auf den längst überfälligen WM-Titel wartet“. Morgen geht es nach Kroatien, wo man auf die Gespenster der jüngeren Vergangenheit trifft, insbesondere auf das Obergespenst Slaven Bilic, den England-Schreck und die von manchen Experten angeblich bevorzugte Lösung auf dem Trainerstuhl. Dort verdingt sich momentan Fabio Capello, dem Künzler einen schweren Stand nachsagt: „Sven-Göran Eriksson hatte mehrere friedliche Amtsjahre genossen, ehe die Kritiker mit schwerem Geschütz auffuhren. Der neue Deus ex Machina, Capello, wurde schon nach fünf belanglosen Freundschaftsspielen selbst von Profis wie dem Portsmouth-Manager Harry Redknapp scharf angegriffen. Wenn England in Kroatien verlieren sollte, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Capello durch Slaven Bilic ersetzt wird …“

Bilic hat in der Daily Mail mächtig auf die Pauke gehauen. Der immer lesenswerte Fiver des Guardian nimmt ihn und, wie in England üblich, auch ein bisschen sich selbst auf die Schippe: „‚Niemand fürchtet England’, behauptet Bilic – und übersieht wohl das englische Volk. ‚England spielt keinen guten Fußball, sie spielen berechenbaren Fußball. Ich erwarte, dass wir die Gruppe gewinnen. Das habe ich schon vor zwei Jahren getan. Meine Mannschaft ist jetzt sogar noch stärker als diejenige, die England zwei Mal geschlagen hat.’ Außerdem erklärt Bilic, dass der kroatische Erfolg auch auf seine progressiven Führungsmethoden zurückzuführen seien: ‚Manchmal liege ich im Bett mit meinen Spielern. Wenn ich merke, dass Vedran Corluka und Luka Modric ein Problem haben, gehe ich in ihr Zimmer, lege mich in ihr Bett, und wir reden zehn Minuten.’“

Verhängnisvolle Herrschaft

Und das jüngste Berti-Vogts-Zitat ist dem Guardian natürlich günstigste Gelegenheit zur Verhöhnung: „Wenn irgendjemand in Schottland Informationen über Island braucht, dann bin ich sehr gerne bereit zu helfen. Ich hatte eine schöne Zeit in Schottland, egal, was manche Leute glauben. Ich würde mich freuen, wenn sie mich anrufen“, wird Vogts zitiert. Der Guardian unkt „Berti Vogts lässt sich von seiner verhängnisvolle Herrschaft als schottischer Nationaltrainer nicht davon abhalten, seinem früheren Arbeitgeber Ratschläge zu erteilen. Also kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis ‚Shecond-Choice Shteve’ (gemeint ist Ex-Coach Steve McClaren) an Fabio Capello herantritt, um ihm seine besten Tipps zu verraten, wie man von Kroatien versohlt wird.“

Deutsche Elf

Löw honoriert keine Leistung, sondern zählt Jahresringe

Folgen der EM: Am Bundestrainer entzündet sich die gleiche Kritik wie während und unmittelbar nach der EM, diesmal weil er Patrick Helmes nicht aufgestellt hat; außerdem wird seine Fähigkeit bezweifelt, Michael Ballack und Oliver Bierhoff in Schach zu halten / Im „Kulturstreit“ mit Bierhoff erhält Ballack zunehmend Rückendeckung aus der Presse; Theo Zwanziger schaltet sich ein

Der prägnanteste Satz in der überregionalen Fußballpresse von heute steht in Stefan Osterhaus’ Hommage an Patrick Helmes, seiner Meinung nach neben Lukas Podolski den besten deutschen Stürmer; allerdings ist der Adressat der Bundestrainer, der Helmes in Liechtenstein nicht einsetzte. In der Neuen Zürcher Zeitung wirft Osterhaus Joachim Löw erneut vor, nicht nach Leistung aufzustellen: „Bloß im Nationalteam, wo Löw entgegen allen Äußerungen ein Bonussystem etabliert hat, das nicht die Leistung, sondern die Jahresringe honoriert, hat Helmes noch das Nachsehen. Wer die Performance der Stürmer Nummer 2 (Klose), 3 (Gomez) und 4 (Kuranyi) nach ihren Einsätzen gegen den fußballerischen Zwerg betrachtete, der fragte sich, warum hier nicht der Mann spielte, dem der Fußball ähnlich viel Vergnügen zu bereiten scheint wie Podolski.“

Helmes’ Vorzug sei die „Gedankenlosigkeit“ vor dem Tor und überhaupt: „Dass sich Helmes wie Gomez von einer plötzlichen Offerte aus München aus dem Tritt bringen lassen würde, ist kaum vorstellbar.“ Eine Hand hat Osterhaus noch frei, um Rudi Assauer, dem ehemaligen Konzeptmanager von Schalke 04, eine Backpfeife zu verpassen; denn Ralf Rangnick sei, nach eigener Auskunft, schon vor Jahren ein Bewunderer Helmes’ gewesen, doch nach Schalke, Rangnicks damalige Arbeitstätte, habe er ihn nicht holen dürfen: „Dass Rangnick Helmes nicht verpflichtete, lag nach seiner Auskunft vor allem daran, dass bei seinem damaligen Klub Schalke 04 klangvolle Namen auf den Einkaufslisten erwartet wurden.“ Das sitzt!

Osterhaus spricht mir übrigens aus der Seele, auch ich hätte Helmes am Samstag gerne gesehen (siehe Live-Blog). Vielleicht ja morgen. Und unbedingt lesen: die SZ vom Freitag über Ungereimtheiten beim Agali-Transfer nach Schalke im Jahr 2001. In den Hauptrollen: Assauer und Jürgen Möllemann.

Isoliert?

Ein paar gewohnt steile Thesen entwirft Matti Lieske (Berliner Zeitung). Er kann in der DFB-Elf keinen Spieler finden, der Michael Ballack den Rang streitig machen könnte. Was wäre, fragt sich Lieske, wenn die Mannschaft in Rückstand gerät? „Wer würde die Initiative ergreifen, die richtigen Worte finden, die Mitspieler motivieren, aus der Lethargie reißen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen?“ Und nun geht er eine lange Liste von blassen Figuren durch: „Robert Enke, der spätberufene Torhüter in seinem dritten Länderspiel? Thomas Hitzlsperger, der zwar schon 39 Mal das DFB-Trikot getragen hatte, aber eigentlich immer als Notnagel. Miroslav Klose, der kaum einen gescheiten Ball zustande brachte? Philipp Lahm, der kürzlich von sich sagte, er glaube schon, dass sein Wort etwas zähle, was nicht sehr überzeugend klang. Schweinsteiger, Podolski, die einstigen Gute-Laune-Buben, deren Äußerungen wahrscheinlich jeder für einen Scherz halten würde? Oder gar Christoph Metzelder von der Reservebank aus? Kein Zweifel, das Team von Löw hat ein Autoritätsdefizit.“

Alles nur Mitläufer? Kann schon sein. Doch auch an Ballack zweifelt Lieske, auf die neue Situation in dessen Klub blickend: „Ballack wird seine dominierende Position nur halbwegs verteidigen können, wenn er fit ist und beim FC Chelsea eine große Rolle spielt, was unter Felipe Scolari nicht unbedingt zu erwarten ist.“ Und wir sind darauf gespannt, ob Ballacks Berater Michael Becker Lieske für den folgenden Vergleich eine Unterlassungserklärung unter die Nase hält: „Ballack muss aufpassen, dass es ihm nicht wie dem späten Matthäus geht, der bei der EM 2000 als letzter Vertreter des ruhmreichen Teams der Neunziger völlig isoliert war.“

Kein Herr im Haus

Der Teamführung obliege es, die Fliehkräfte dieses vermutlich anstehenden Rangkampfs gering zu halten. Doch dem Manager spricht Lieske den Draht zu Ballack ab: „Für Joachim Löw und Oliver Bierhoff wird es eine delikate Aufgabe, die Dinge in der Balance zu halten und in die gewünschten Bahnen zu lenken. Vor allem Bierhoff scheint damit überfordert zu sein, wie sein andauernder Zwist mit Ballack zeigt.“ Auch Löw wird beäugt: „Der Trainerstab wirkte im EM-Sommer gelegentlich ziemlich isoliert vom Team und entsprechend hilflos.“

Im Kommentar verschärft Lieske seine Kritik an Löw, an dem er Härte vermisst: „Der nächste Knall scheint unvermeidlich, wenn nicht jemand ein Machtwort spricht. Derjenige, der dazu berufen scheint, war bisher seltsam unsichtbar. Er habe Ballack auf seine Pflichten als Kapitän hingewiesen, sagte Löw, fehlte nur noch, dass er Bierhoff seine Rechte als Manager verlas. Um den Eindruck zu vermeiden, dass es ihm an Autorität beiden Seiten gegenüber gebricht, wäre es hilfreich, wenn vorn auf dem Podium kein Vakuum säße, sondern ein Bundestrainer mit klaren Worten. Der zeigt, wer der Herr im Hause ist.“

Angriffsfläche im DFB

Präsident Theo Zwanziger hat sich in den Ballack/Bierhoff-Zwist eingeschaltet, der dpa sagte er gestern mahnend: „Es gibt immer mal Meinungsverschiedenheiten, auch bei uns im Präsidium. Aber so etwas muss intern geklärt werden und darf nicht über die Medien immer am Laufen gehalten werden. Es hat eine Aussprache gegeben. Da ist alles ausgeräumt worden. Nach der Berichterstattung der vergangenen Tage müssen wir aber aufpassen, dass sich das Thema in den Medien nicht verselbständigt.“ Natürlich, die Medien sind’s wieder mal. Hat Steinbrück gestern bei Beckmann nicht ähnlich argumentiert?

Philipp Selldorf (SZ) befasst sicht mit Zwanzigers Worten: „Wenn das Statement auch nicht den Tonfall eines Donnerwetters hatte, so war es doch so ähnlich gemeint.“ Selldorf führt auch angebliche geschäftliche Interessensgegensätze zwischen Bierhoff auf der einen und Ballack und dessen Berater Michael Becker auf der anderen Seite ins Feld. Ballack wirbt für Adidas, Bierhoff warb für Nike. Doch ob man sich deswegen in die Haare kriegen muss? Der Werbekonflikt verläuft wohl eher zwischen dem DFB und Bierhoff, worauf auch Selldorf hinweist. Bierhoff biete eine „Angriffsfläche für seine Kontrahenten im Verband“, etwa Wolfgang Niersbach. Kontrahenten?! Interessante Bezeichnung.

Hier der aktuelle Bierhoff-Spot für eine Bank; der DFB kooperiert seit kurzem mit einem direkten Konkurrenten

Künstliche Symbolik, inszenierte Danksagungen

Uneinigkeit, so ist nun zu hören, soll es in den Tagen nach dem Kroatien-Spiel gegeben haben. Knallharte Aussprache unter Männern oder Wohlfühlatmosphäre mit Frauen und Kindern? Also die Methode Ballack oder die Methode Bierhoff? Entschieden hatte man sich für die Methode Bierhoff, was Ballack aufgestoßen sein soll. Jan C. Müller (FR) gibt ihm Geleitschutz: „Ballack hat nie ein Hehl aus seiner strukturkonservativen Auffassung gemacht. Er hält nach vermeidbaren Niederlagen einen ordentlichen Anraunzer noch immer für motivierender als Sinnsprüche im Hotelfoyer. Psychologische Rundumbetreuung und Familienzusammenführung während der Arbeitszeit lehnt er ebenso ab wie die unter Bierhoff gepushte, künstliche Symbolik der Nähe zu den Fans. Massenmedial inszenierte Danksagungen wie wiederholt mit Transparenten oder den beiden Auftritten auf der Fanmeile in Berlin 2006 und 2008 sind Ballack ein Gräuel.“

Müller deutet an, dass die deutschen Spieler zu weich für den Engländer Ballack sein könnten: „Der auf dem Fußballplatz eher zu herrischem Habitus denn zur einfühlsamen Unterstützung neigende Kapitän hat sich, erst recht seit seinem Engagement beim FC Chelsea, eine direkte, unverblümte Fußballersprache zu eigen gemacht. Was in England zum herzlichen Umgangston gehört, wird in Deutschland mitunter als verletzend empfunden.“ Carlos Ubina (Stuttgarter Zeitung) fühlt den Wind aus der gleichen Richtung wehen: „Seit er beim FC Chelsea täglich mit Weltklasseleuten arbeitet, sind seine Erwartungen gestiegen, und nicht jeder im Kreis der Nationalmannschaft scheint den Ballack’schen Ansprüchen gewachsen.“

Zum Schluss noch ein Piotr-Trochowski-Portrait von Peter Heß (FAZ): „Insgesamt wirkt der gebürtige Pole viel positiver und entschlossener. Seine Körpersprache hat sich verändert.“

Montag, 8. September 2008

Internationaler Fußball

Störanfällige Ansammlung von Schönspielern

Frankreich verliert in Österreich und schreibt seinen Trend fort / Luca Toni, ein Denkmal wird gestürzt (SZ) / USA reist nach Kuba

Österreich schlägt Frankreich – obwohl beide mit derselben Bilanz bei der EM in der Vorrunde ausgeschieden sind, ist das d i e Sensation. Nicht für die Leute, die Philipp Selldorf (SZ) kennt: „Die Entwicklungen der beiden Teams sind unübersehbar gegenläufig: Frankreich sucht in der Ära nach Zidane ziemlich ratlos seine alte Größe, Österreich baut aus den Trümmern einer schlimmen, demütigenden Zeit ein interessantes neues Team. Kenner haben das vorhergesehen, bevor sie durch Österreichs 3:1-Sieg bestätigt wurden.“ Sein Fett weg bekommt natürlich Trainer Raymond Domenech, „der für seinen unbeugsamen Hochmut bekannt“ sei.

Auch Roland Zorn (FAZ) beschreibt, wie sich die beiden Mannschaften entgegenkommen: „Aus der Grande Nation des Fußballs ist inzwischen eine störanfällige Ansammlung von Schönspielern geworden, die auf sperrige Widersacher zunehmend ratlos reagiert. Während Österreich, beim EM-Turnier in der Vorrunde mit nur einem Punkt und einem Tor ausgeschieden, aus diesen Erfahrungen gelernt zu haben scheint, geht bei der verjüngten, aber keineswegs aufgefrischten französischen Elf die leidige Geschichte vorerst weiter.“

Hier noch ein Bericht der SZ über den Österreich-Sieg.

Sturz

Luca Toni wurde beim 2:1 in Zypern von Marcello Lippi in der Halbzeit ausgewechselt, obwohl er schon zwei Spieler wegen Verletzungen vom Feld genommen hatte. Birgit Schönau (SZ) misst dieser Tat schwerstes Gewicht bei: „Toni wirkte wie ein Denkmal der Weltmeister von 2006, und weil Lippi die Erinnerungen an seinen größten Erfolg inzwischen erklärtermaßen als Belastung empfindet, räumte er das Denkmal lieber aus seinem Gesichtsfeld. Für Toni bedeutet das den Sturz.“

Irland, unter Giovanni Trapattoni, gewinnt in Georgien, also in Mainz, 2:1. Die SZ hat zwei neue Trap-Verse aufgelesen. Über das Spiel singt er: „The ball nimmt bum, bum flieg.“ Und, zu seinen Beobachtungsmethoden, die er angesichts einer beginnenden Wohnortdebatte offen legt: „Vertraue Assistente. Ich looke außerdem twenty, dreißig DVDs, knowe alles von my players.“

Hier noch mal zwei Trapattonis aus dem Mai 2008 bei einer Inauguration in Irland:

Politische Kluft

Der kubanische Journalist Rinaldo Escobar (Berliner Zeitung) berichtet wenig Erwärmendes von der ersten Länderspielreise der USA nach Kuba seit 1947: „Auffällig waren die zahlreichen Studenten aus anderen lateinamerikanischen Ländern, von denen es in Kuba viele gibt. Sie kannten sich nicht nur am besten mit der Materie aus – Kubaner verstehen mehr von Baseball als von Fußball – sondern waren auch die lautesten Antiamerikaner im ganzen Stadion. Die Zeremonie vor dem Spiel war kurz und kam ohne Reden aus. Kein einziger bedeutender Politiker war gekommen. Die Flaggen der beiden Länder waren in einem Abstand von fünfzehn Metern von einander platziert worden, sie waren gerade noch so zusammen auf ein Foto zu bekommen. Ein Symbol für die politische Kluft, die seit einem halben Jahrhundert zwischen Kuba und den USA wächst.“

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