Dienstag, 19. August 2008
Bundesliga
Mit solider Handarbeit in die späte Schaffensphase
Guter Einstand Jens Lehmanns beim Stuttgarter Sieg in Gladbach / Wird Hoffenheim wirklich noch gehasst?
Jens Lehmanns Alterswerk beginnt mit einem 3:1 in Mönchengladbach. Die Experten klopfen ihm mächtig auf die Schultern. Ulrich Hartmann (SZ) kürt ihn zum Sieger im Duell mit einem amerikanischen Stürmer und prophezeit Lehmann Zukunft: „Die Stuttgarter spüren, dass ihre Probleme in Tor und Abwehr aus der vergangenen Saison behoben sein könnten. Lehmann hat Rob Friend zermürbt und dem VfB bestätigt, dass er eine Problemposition gut besetzt hat. Lehmanns Karriere ist nicht zu Ende, jetzt nicht, und vielleicht sogar für ein paar weitere Jahre nicht.“
Daniel Theweleit (FR) ergänzt, nicht ohne Seitenhieb auf Stuttgart: „Nach einem Jahr des Chaos zwischen den Pfosten, scheint der VfB wieder einen wirklich vertrauenswürdigen Mann fürs Tor gefunden zu haben. Und Lehmann einen Ort für ein geruhsamen Ausklang seiner Karriere.“
Bei Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) hört man die Erleichterung darüber heraus, dass er nicht mehr über die Fehler von Lehmanns Vorgänger, des eigentlich beliebten, aber glücklosen Raphael Schäfer, schreiben muss: „Der zentrale Unterschied war der Torhüter. Es ist ein Spiel zweier Mannschaften gewesen, die munter nach vorne stürmten und es mit den Defensivaufgaben nicht allzu genau nahmen – ein Spiel, das deutlich gemacht hat, wie wichtig ein sicherer Schlussmann ist.“
Dass Medienleute immer Worte benutzen, die sonst keiner in den Mund nimmt: ein Schlussmann! Kann man sich folgenden Dialog im Alltag vorstellen? „Spielen Sie Fußball?“ „Ja, ich bin Schlussmann.“ Oder so: „Papa, bitte schenk mir zu Weihnachten Handschuhe, der Trainer hat mich als Schlussmann aufgestellt.“
Fleischeinlage im Eintopf der Vereinfachungen
American Arena hat einen Radiobeitrag des amerikanischen Senders „Market Place“ über die TSG Hoffenheim gefunden, der einerseits natürlich alleine durch seine Existenz bemerkenswert ist. Andererseits greift er auf Übertreibungen und Vereinfachungen zurück, unter anderem auch bestärkt durch ein Gespräch mit einem Redakteur einer deutschen Zeitung. Jürgen Kalwa, Macher von American Arena, hat das passende dazu gesagt: „Das sind die Stilmittel, mit denen man Zuhörer bei der Stange halten will, die weder etwas von Fußball verstehen noch vom europäischen Konzept mit Aufstieg und Abstieg. Also greift man zum Holzhammer und behauptet: Der Rest von Fußball-Deutschland hasst Hoffenheim, weil da ein Investor mit viel Geld eine Mannschaft nach oben gepusht hat. Das klingt so, als würden Fans von alteingesessenen Clubs normalerweise die anderen alteingesessenen Mannschaften respektieren. Leider wird dieser Mythos nicht vom deutschen Fußball-Experten zurückgewiesen, sondern noch verstärkt. Im Eintopf aus Vereinfachungen schwimmt diese kleine Fleischeinlage von Mathias Klappenbach vom Tagesspiegel: ‚In Germany, when you have money, people don’t like you. If you have success people don’t like you. So the fans of the other clubs they hate Hoffenheim.’ So simpel? Und abgesehen davon: Stimmt das überhaupt?” Mitdiskutieren hier!
Die NZZ gewährt Bruno Labbadia, dem „Offensiv-Apostel“, großen Kredit.
Deutsche Elf
Als Kapitän darf man sich nicht mit solchen Ausdrücken abreagieren
Zwischenmännliches aus der Nationalmannschaft: Michael Ballack ringt mit Oliver Bierhoff, Oliver Bierhoff ringt mit Matthias Sammer, Matthias Sammer ringt mit sich und allen anderen, Joachim Löw vermittelt und tadelt Oliver Pocher, Andreas Köpke fühlt sich von Timo Hildebrand nicht angemessen behandelt, der sich von Andreas Köpke und den anderen nicht angemessen behandelt fühlt; und was folgt daraus? Nun steht Tim Wiese im Kader
Vor dem ersten Länderspiel nach der EM, Gegner ist Belgien, wirft Michael Neudecker (Berliner Zeitung) einen Blick unter Oliver Bierhoffs cremefarbene Sofasessel: „Die Nationalmannschaft bietet ein eher trübes Bild. Sie ist nicht im Endorphin-Rausch wie nach der Party-WM 2006. Nach dem Endspiel gegen Spanien gab es Konflikte. Erst wehrte sich Michael Ballack gegen den Wunsch von Bierhoff, mit einem vorgefertigten Danksagungsplakat in die Fankurve zu gehen. Später rügte Matthias Sammer, dass das Nationalteam sich trotz seiner Niederlage auf der Berliner Fanmeile feiern ließ. Sammer mag die Lounge-Welt nicht, die Klinsmann erschuf und die Löw und Bierhoff nun weiterführen, die Welt, in der immer alles positiv ist.“
Spanier verulkt
Joachim Löw wird heute in der FAZ interviewt. Die spannendsten Passagen haben Boulevard-Format. Mit Blick auf den Streit zwischen Ballack und Bierhoff schickt Löw mahnende Worte an Ballack: „Nach allem, was ich vernommen habe, war Michaels Wortwahl nicht so ganz geschickt. Dass sich Emotionen aufstauen nach einem verlorenen Finale, ist verständlich, zumal Michael ja erst ein paar Wochen vorher auch das Champions-League-Endspiel verloren hatte. Allerdings muss man sich als Kapitän nicht in diesem Maße und mit solchen Ausdrücken abreagieren.“ Das nennt man wohl sanftes Austeilen in zwei Richtungen: Zum einen legt Löw seinen Finger auf Ballacks Wunde (zwei verlorene Endspiele in sechs Wochen stärken den Mythos des angeblich ewigen Zweiten). Und ob Bierhoff, zum andern, gerne in der Zeitung liest, dass ein Spieler es sich traut, ihn zu beleidigen? Das würde uns ja schon interessieren, was Ballack gesagt hat.
Die Diskussion mit Sammer, ob man sich aus als Zweiter freuen darf (oder so), die letzte Woche sogar bei „Hart aber fair“ erörtert wurde, führt Löw nicht fort. Über die Fanmeilenparty am Tag nach dem Finale sagt er schulterzuckend: „Sich feiern zu lassen ist was anderes als das, was wir wollten. Für uns sollte vor allem das Dankeschön an die Fans rüberkommen. Vielleicht schwappten hier und da die Emotionen etwas über.“
Eine kritische Anmerkung hat Löw für einen speziellen Programmpunkt übrig: „Eine klare Meinung habe ich dazu, dass das Rahmenprogramm, in dem die Spanier verulkt wurden, nicht in jeder Hinsicht gelungen war.“ Hier ist das Video von dem „Lied“, das Löw wohl meint, vom „Uploader“ ein wenig alarmistisch als „Skandal“ bezeichnet. Wenn Sie mich fragen – halb so wild. Und natürlich auch halb so lustig. Pocher halt.
Unerwünscht
Weiter geht’s mit Dissonanzen! Andreas Köpke wird heute in der SZ mit einem Satz zu Timo Hildebrands Chancen auf eine Rückkehr ins Nationaltor zitiert: „Einige Aussagen von Timo nach der EM haben uns überhaupt nicht gefallen.“ Christof Kneer interpretiert das konsensfähig: „Das klang nicht so, als ob sie ihm einen prominenten Platz in ihrem Herzen oder zumindest in ihrem Kader reserviert hätten. Im DFB-Ranking hat ihn die jüngere Generation (Adler, Neuer) längst überholt, auch die Angehörigen derselben Generation (Enke) sind an ihm vorbeigewachsen.“
Jan Christian Müller (FR) wertet die Nominierung des rosaroten Panthers Tim Wiese als Backpfeife für Hildebrand: „Sogar der vor noch gar nicht allzu langer Zeit von Löw wegen flapsiger Forderungen zu einer Art persona non grata erklärte Wiese wurde Hildebrand vorgezogen. Der nach einer Sommerdiät und zurückhaltenderem Krafttraining in der Muckibude plötzlich um 8 auf 88 Kilogramm leichtere Wiese soll sich laut Andreas Köpkes etwas verquerer Argumentation auch durch Leistungen in Champions League und Uefa-Cup aufgedrängt haben. Das verwundert deshalb, weil Wiese durch hanebüchene Fehler in Turin und Glasgow zweimal im hohen Maße mitverantwortlich für das verfrühte Aus seiner Mannschaft gewesen war. Es herrscht der dringende Verdacht, dass der Bremer bloß ein Platzhalter sein dürfte. Noch viel mehr Persona non grata als Wiese jemals war, ist Hildebrand schon längst.“
Montag, 18. August 2008
Bundesliga
Ein Dorfverein bereichert die Bundesliga
Drei Themen stechen aus dem Wochenende hervor: Hoffenheims Sprung an die Spitze wird von selbstverschuldeten Zwischentönen begleitet; Klinsmanns durchwachsener Einstand in München legt bloß, dass sein Kredit klein ist; die neue Strenge im Strafraum findet die Zustimmung der Presse
Jan Christian Müller (FR) lässt sich von Hoffenheims Strategie und dem 3:0 in Cottbus zu einer kühnen Prognose verleiten, die wahrscheinlich nur halb im Scherz geschrieben ist: „Vermutlich dürfte sich in die Abneigung gegen ein 150-Millionen-Euro-Projekt, das den Klub in einem Jahrzehnt von der Kreisliga an die Tabellenführerposition der Bundesliga transportierte, nun mehr und mehr Respekt mischen. Und zwar zu Recht: Der Perfektionist Rangnick, der sich gemeinsam mit Dietmar Hopps Millionen und Ex-Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters akribisch auch um die Nachwuchsarbeit kümmert, hat seiner Mannschaft ein attraktives Offensivsystem eingebimst, das dieser zwar nicht bis zum Saisonende den Platz an der Sonne erhalten dürfte, mindestens aber eine ganze Latte weiterer sehr ansehnlicher und erfolgreicher Auftritte. Milliardär Hopp hat sein Geld intelligent investiert. Beliebtheit wird er sich über die Grenzen der Rhein-Neckar-Region aber erst erwerben, wenn er den FC Chelsea im Champions-League-Finale besiegt. Vermutlich also in fünf, sechs Jahren. Eher eher.“ Der Kommentar trägt übrigens den Titel „Klein, aber oho“. Die FR weiß gar nicht wohin mit all ihren Geistesblitzen.
Jens Bierschwale (Welt) fügt hinzu: „Als das Spiel losgeht, wird rasch klar, welch ambitionierter Verein die Bundesliga von nun an bereichern wird. Hoffenheim ist alles andere als ein typischer Aufsteiger. Die Mannschaft hat eine Struktur, wirkt seltsam ballsicher, spielt mit klarem System, und sie ist jung.“
Rückblickend beglückwünscht Christian Eichler (FAZ) Ralf Rangnick zu einer mutigen guten Entscheidung: „Der Mann, der Beispielloses wagte, nämlich nach der Champions League drittklassig neu anzufangen, hat jetzt schon Beispielloses geschafft: den Sprung aus der Regionalliga auf Platz 1 der Bundesliga-Tabelle. Das ist nur eine Momentaufnahme, aber eine mit dem Zeug dazu, eine der spannendsten Geschichten der Saison zu werden: ein Dorf im Kraichgau als Bundesligagröße? Wenn es so käme, es gäbe für einige alte Vorurteile des deutschen Fußballs kein Halten mehr.“
Selbstinszenierte Neiddebatte
Doch lesen wir auch über Zwischentöne: „Nur Rangnick schießt ein Eigentor“, titelt die FAZ einen Bericht über dessen Aussagen nach dem Spiel. Rangnick hat, wohl nach der Lektüre eines Artikels in einer Lausitzer Lokalzeitung, klarstellen wollen, dass Hoffenheim einen ähnlich hohen (eher: niedrigen) Etat habe wie Cottbus – und das offenbar in dozierendem Eifer. Cottbus’ Sportlicher Leiter Steffen Heidrich hat in erstaunlich hartem Ton reagiert: „Was bildet der sich ein? Gewinnt ein einziges Spiel und führt sich auf, als ob er drei Mal die Champions League gewonnen und den Fußball erfunden hat.“ Da ist es also wieder, das ätzende Etikett „Fußball-Professor“. Rangnick scheint mit seiner Rechnung ohnehin falsch zu liegen, siehe dazu Jan C. Müllers Korrektur in der FR.
Claudio Catuogno (SZ) wundert sich über diese Themenwahl: „Es war seltsam. Da war der Dorfklub aus Nordbaden genau so in die Liga gestartet wie erhofft: mit einem eindrucksvollen, mit technischer Leichtigkeit herausgespielten Sieg seiner jungen Debütanten. Und gleichzeitig haben sich die Hoffenheimer – ungefragt – genau mit jener Debatte eingeführt, die sie doch gerade verhindern wollten. Geld, Geld, Geld, das war bald wieder das bestimmende Thema.“
Matthias Wolf (Berliner Zeitung) stimmt ein: „Die Geld- und Neiddebatte, die den Emporkömmling seit Jahren begleitet, ist nun gleich zum Bundesliga-Debüt auch in der Beletage angekommen – und das auch noch selbst inszeniert.“
Abwartende Scheinfreundlichkeit
Jürgen Klinsmann darf sich nach seinem ersten Spiel, einem 2:2 gegen (immerhin) Hamburg, schon einiges anhören. Die FAZ vermisst Erhellung: „Klinsmann Funke zündet nicht“; die Stuttgarter Zeitung stört sich, ein alter Vorwurf, an seinem Optimismus: „Klinsmann übt sich im Schönreden“; die taz frotzelt: „Buddha lächelt heute nicht“.
Roland Zorn (FAZ) spürt latenten Missmut im Umfeld: „Der Weg des FC Bayern München bis zur nächsten sportlich erkämpften Trophäe ist noch sehr lang. Zum Start ein Unentschieden, das passte zur Münchner Gemengelage der vergangenen Wochen, in denen das Wort ‚Geduld’ fast schon überstrapaziert wurde. So sehr Klinsmann wieder um Nachsicht bat, so ungeduldig reagierten ein Teil des Publikums und ein Teil der Medien.“ Mirko Weber (Stuttgarter Zeitung) schaut in die Köpfe der Fans: „Im Stadion wird Klinsmann bisher eine abwartende Scheinfreundlichkeit entgegengebracht.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) sucht nach einem Vergleich mit Klinsmanns WM-Mission: „Vieles war im Sturm und Drang des neuen Anfangs zu erkennen, was einst auch beim WM-Start im selben Stadion zu sehen war – im Liga-Start war schon sehr viel Klinsmann drin: der Wille zu Gestaltung und Geschwindigkeit, die Sehnsucht, den Gegner früh und entscheidend zu beeindrucken. Nur wurde nach der furiosen Auftaktviertelstunde ein gravierender Unterschied zum Gestern offenbar: Der HSV ist nicht Costa Rica. Der HSV hat sich nicht ergeben.“
Christoph Leischwitz (taz) hat im Münchner Spiel Gutes und Neues entdeckt, lässt aber Ausreden nicht gelten: „Im Spiel nach vorne war Klinsmanns Handschrift schon zu erkennen, auch wenn das mit der Chancenauswertung noch lange nicht so gut klappte wie seinerzeit mit der Nationalmannschaft. Apropos Nationalspieler: Es wirkt schon ein bisschen komisch, wenn bei den Bayern ständig vom Trainings- und Kraftrückstand der EM-Teilnehmer gesprochen wird, und dann sind ebenjene, mit Ausnahme von Miroslav Klose, die besten Spieler, namentlich Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger.“
Rasenjustiz
Die zwei Elfmeter im bei Bayern gegen HSV, die offenbar einer neuen Richtlinie des DFB entsprechen, sind von den Beteiligten unterschiedlich bewertet worden. Die Presse billigt diese neue Strenge. Eichler erhofft sich davon eine Befreiung von Altlasten: „Zwei Elfmeter für Zupfer und Zupacker, wie man sie bisher dutzendfach im Strafraum hin-, ja kaum noch wahrgenommen hatte, das gab schon im Auftaktspiel die neue Richtung vor. Es ist das allerletzte Adieu für den altdeutschen Vorstoppertypus, wie ihn etwa Dortmund mit der Pensionierung von Christian Wörns gerade noch rechtzeitig vorweggenommen hatte. Der Manndecker gehört nun wie der Scherenschleifer oder Lokführer endgültig zu den aussterbenden Berufen. Woran soll er sich noch klammern?“
Hoeltzenbein verspricht sich eine Läuterung der Profis: „Fast jede Saison gab es ja ein Verbrechen, das gerade groß in Mode war: Grätsche von hinten. Ellbogenschlag beim Kopfball. Rudelbildung. Wäscheklammern. Meist gibt es dann ein Drei-Phasen-Szenario, in dem sich die Rasenjustiz entwickelt: a) Rechtsunsicherheit, b) Rechtssicherheit, c) Rechtsverfall. Das Zupfen befindet sich in Phase a).“
Dienstag, 12. August 2008
Unterhaus
direkter freistoss
Durchwachsener Start für den RSV Büblingshausen in die Kreisoberliga (mehr)
Mittwoch, 6. August 2008
Ball und Buchstabe
Kollegenschelte
Der Fackelträger und IOC-Apologet Dieter Hennig vom sid – hat seine Redaktion überreagiert, als sie seine Befugnisse beschnitt, hat sie sich beeinflussen lassen?
Neues in der Debatte Hennig (sid) – Andreas Rüttenauer (taz) moniert Tugendherrschaft: „Man muss gewiss nicht alles toll finden, was Thomas Bach absondert. Auch vom Auftreten des IOC muss man nicht begeistert sein. Doch jemanden kaltzustellen, der äußert, was derzeit gesellschaftlich nicht opportun ist, geht doch ein wenig arg weit. Dass es einen Fall Hennig gibt, liegt auch an einflussreichen Journalisten, die in ihren Blogs das Thema erst so richtig groß gemacht haben. Einer von ihnen ist Jens Weinreich. Er hat ausführlich über den IOC-Freund Hennig berichtet und geurteilt. Der sid ist dem Urteil gefolgt und hat einem seiner langjährigen Mitarbeiter einen Maulkorb verpasst. Hennigs Fehler, so wie sie oben beschrieben wurden, mögen schwer zu verzeihen sein, eine harte arbeitsrechtliche Maßnahme, etwa ein Kündigung, rechtfertigen sie nicht. Hennig wurde klammheimlich ruhiggestellt. Ein beinahe absurder Vorgang. Ausgerechnet beim Thema Zensur wird die Meinung auf den Druck eines Meinungsführers wie Weinreich hin gleichgeschaltet. Wer bei den Mitarbeitern im Pekinger Olympiabüro nach Hennig fragt, wird unterdessen nicht viel erfahren. Die Kollegen geben keine Auskunft, sie wurden zum Schweigen verdonnert. Manchmal ist keine gut ausgestattete Zensurbehörde von Nöten, um das Recht auf freie Meinungsäußerung zu behindern.“
Jens Weinreich verteidigt sich: „Ich wusste, dass der Vorwurf der ‚Kollegenschelte’ kommen wird. Das Spiel kenne ich seit Jahren. Nun, ich habe Dieter Hennig weder abberufen noch kaltgestellt. Ich habe seine Berichterstattung und Kommentare erwähnt und keinen Hehl daraus gemacht, dass ich es für wenig angebracht halte, als sportpolitischer Chefkorrespondent mit der olympischen Fackel zu laufen. Das finde ich immer noch. So weit ich weiß, hat Hennig in diesen Minuten seinen großen Moment und trägt das olympische Feuer, als Privatmann, wie der sid-Geschäftsführer sagt. Und ich muss damit leben, dass mich jemand als Zensor bezeichnet.“
Im Kommentar-Teil des Weinreich-Blogs schreibt der User Gilad: „Die taz klärt selten bis nie etwas auf, obwohl sie doch die eigentliche kritische Instanz der bundesrepublikanischen Zeitungslandschaft sein möchte. Rüttenauers Text ist so pseudogerecht und dabei hochgradig (profil)-neurotisch, so als verstehe nur er es die feinen Schwingungen der Macht ‚wahrhaftig‘ aufzuspüren, um sie als solche auch beim Namen zu nennen: dort das IOC, da die chinesischen Zensurbehörden und dazwischen die Fraktion Weinreich, die Teil dieser Machtkonstellation ist und ‚Berufsverbote‘ erteilt. Sehr peinlich das.“
Dienstag, 5. August 2008
Ball und Buchstabe
Von Zierpudeln und Fackelträgern
Ein sid-Redakteur wird wegen übertriebener Nähe nicht mehr über das IOC berichten – ein in der Branche typischer Hintergrund mit einer untypisch konsequenten Folge
Nachdem Jens Weinreich den Sportjournalisten Dieter Hennig (sid) als Fackelträger enttarnt hat und dessen IOC-freundlichen Kommentar zur Zensurfrage („Niemand hat die Absicht, Websites zu sperren“ oder so) als gefärbt, entscheidet sich der sid nun dafür, Redaktionsleiter Henning nicht mehr über das IOC und chinesische Politik berichten zu lassen. Eine erstaunlich konsequente Entscheidung. Die ARD protegiert ihre Sünderlein viel ausdauernder und, nun ja, loyaler. Weinreich schreibt: „Dem Vernehmen nach hat es in der sid-Redaktion härtere Auseinandersetzungen um die Berichterstattung und den Kurs von Hennig gegeben.“
Stefan Niggemeier greift Weinreichs Recherche auf und stellt pointiert klar: „Der sid-Geschäftsführer fügte hinzu, ‚anders als unterstellt wurde’ habe es ‚keinen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung des sid und dem Fackellauf von Dieter Hennig gegeben’. Hennig vertrete seine Linie seit Jahrzehnten. Ich habe keinen Zweifel, dass das stimmt. Ich habe nie vermutet, dass Hennig vergangene Woche so IOC-freundlich (und falsch) berichtet hat, weil er für den Fackellauf nominiert wurde. Meine Vermutung ist, dass er für den Fackellauf nominiert wurde, weil er seit Jahrzehnten so IOC-freundlich berichtet hat.“
Propaganda
Holger Gertz (SZ) sieht das ähnlich: „Ein technischer Fehler sei zwar mitverantwortlich gewesen, teilte der sid mit; die Agentur habe einen privilegierten Netzzugang, aber als Entschuldigung reichte das nicht mehr. Wer über die Jahre die Texte von Hennig gelesen hatte, wäre manchmal froh gewesen, alles hätte sich mit einem technischen Fehler erklären lassen. Ihn als unkritisch gegenüber dem IOC und nicht zuletzt Thomas Bach zu bezeichnen hieße, die Wahrheit sanft zu ummanteln. Was er schrieb, las sich wie Propaganda.“ Folgendes Zitat Hennigs überliefert uns die SZ: „Das Olympische Feuer wird rund um die Welt die Menschen in seinen Bann ziehen.“
Gertz fügt diesem Medienthema einen weiteren Aspekt hinzu: „Interessant ist, dass die verqueren Berichte Hennigs von den Bloggern Stefan Niggemeier und Jens Weinreich aufgegriffen und zum Thema erst gemacht wurden, über das dann wieder Printmedien berichteten. So ist dem sid-Mann das Internet irgendwie in doppeltem Sinne zum Verhängnis geworden.“
Diese Beobachtung ist deswegen so bemerkenswert, weil sie in der SZ steht, die das Internet auch schon mal als Heimat der Denunzianten bezeichnet. Doch geben wir (Internet-Fuzzys) es zu: Weinreich und Niggemeier sind zwar Blogger, aber nicht dem Internet entwachsen. Es sind Leute, die ihr Rüstzeug in der Zeitung mitbekommen haben.
Besondere Spezies
Nach der Lektüre von Christian Zaschkes ausführlichen schamhaften Selbstreflexion in der SZ am Wochenende müssen wir lachen – aber auch ein bisschen weinen: „Heißt Peking die besten, die kritischsten, die aufrechtesten Berichterstatter der Welt willkommen, die sich ungestört umsehen dürfen? Nein. Wer da kommt, das ist eine besondere Spezies: Peking erwartet den Einmarsch der Sportjournalisten. Mit Freude. Denn seien wir ehrlich: Sportreporter sind im Berufsstand der Journalisten das, was die Zierpudel unter den Hunden sind. Ich bin einer von ihnen.“
Neulich in der SZ-Redaktionssitzung
Am Grünen Tisch
Einer der peinlichsten vorolympischen Auftritte
Joseph Blatter weiß, dass es die Fifa in Sachen Olympia-Abstellungspflicht versäumt hat, klare Regeln zu verordnen und setzt nun auf seine „Soft Power“ / Dürfen Olympioniken bloggen? SWR schlampt groß, taz schlampt klein
Hat die Fifa geregelt, dass Vereine ihre Spieler zu Olympia abstellen müssen? Wie wird der Internationale Sportgerichtshof CAS entscheiden? Jens Weinreich (Berliner Zeitung) mokiert sich darüber, wie der Fifa-Präsident nun versucht, die undeutliche Gesetzeslage mit seiner „Soft Power“ zu schließen: „Was war das für eine Predigt, die Joseph Blatter gehalten hat. Fulminant. Nachdrücklich. Flehend. Raffiniert. Lächerlich. ‚Lasst sie spielen! Lasst sie spielen! Lasst sie spielen!’ Das sagte Blatter gefühlte tausend Mal. Und er rief den Journalisten zu: ‚Sehen Sie das nicht auch so? Sind Sie meiner Meinung? Unterstützen Sie mich! Unterstützen Sie den Fußball!’ Wer Blatter ein wenig kennt, der weiß, dass er am wehmütigsten predigt, am lautesten jammert, wenn er nicht mehr weiter weiß. Blatter weiß natürlich, dass die Fifa im Streit mit den Vereinen einen der peinlichsten vorolympischen Auftritte geliefert hat.“
Weiter heißt es: „Im Kern beruft sich die Fifa weiterhin auf ein Gewohnheitsrecht, hat es aber in zwei Jahrzehnten versäumt, die Frage rechtlich verbindlich zu klären. Das Olympiaturnier taucht nicht auf im Fifa-Kalender. (…) Die Wahrscheinlichkeit, dass Messi, Diego und Rafinha mitwirken, selbst wenn der CAS im Sinne der Vereine entscheidet, scheint stündlich zu steigen. Aber nicht wegen Blatters Kanzelreden, sondern weil sich die Klubs großzügig verhalten.“
In seinem Blog erzählt Weinreich von seinem Treffen mit Blatter und Anhang in Peking: „Er war wieder unglaublich, ein seltener Genuss. Langsam aber wird es grausig. Joseph Blatter flehte die versammelten Reporter mehrmals an, sie mögen ihm doch bitteschön im Kampf gegen jene unnachsichtigen Klubs, die drei Spieler (Diego, Rafinha, Messi) nicht für Olympia freigeben wollen. Das Problem: die Fifa selbst. Denn Blatters Verband hat es versäumt, klare Regeln zu definieren. Stattdessen setzte man auf das Gewohnheitsrecht und einen Beschluss eines Fifa-Kongresses von 1988. Ich fragte Blatters Generalsekretär Jerome Valcke, einen Mann, der laut einem New Yorker Gericht wiederholt Geschäftspartner belügt und die Wahrheit ständig beugt (so geschehen im Visa-Mastercard-Streit, der die Fifa rund 100 Millionen Franken kostete), wer denn auf die gloriose Idee gekommen sei, die olle Kamelle von 1988 auszukramen. Er lachte nur. So dass ich es mir denken kann: der Mann, dem fast alle Ideen in der Fifa kommen.“
NZZ: Von Amateuren zu U-23-Akteuren – 100 Jahre Fußball an Olympia
Jagdfieber
allesaussersport ärgert sich über eine übereifrige und falsche Kritik des SWR an einem angeblichen Blog-Verbot für Olympia-Athleten: „Nach dem Scoop mit dem Medien-Briefing des IOCs steht der SWR dank seines Jagdfiebers nun mit dieser Blog-Geschichte mit heruntergezogener Hose da – entweder weil sie schlampig recherchiert haben und sich eine Story haben entgehen lassen oder weil sie schlichtweg eine Falschmeldung publiziert haben. Furchtbarerweise wurde die SWR-Meldung von AFP verbreitet und vom Tagesspiegel ungeprüft übernommen.“
Schon wieder ein Fehler der taz mit einem Kleintext! Denn der Titel zum Blog-Thema geht nicht konform mit dem Text. dogfood knirscht mit den Zähnen:„Die taz gehört dafür geprügelt, dass sie eine Headline gewählt haben, die dem Inhalt des Artikels widerspricht: ‚Kein öffentliches Tagebuch für Olympioniken – der Blog ruht’. Doch, doch. Autor John Hennig schildert recht präzise und differenziert was deutsche Olympioniken machen können und wie Blogs weitergeführt werden können.“
Montag, 4. August 2008
Ball und Buchstabe
Berufsethos steht zur Debatte
Heute beginnt der Prozess gegen den ehemaligen HR-Journalisten Jürgen Emig, dem unter anderem vorgeworfen wird, Sendeplätze verkauft und das Geld in die eigene Tasche gesteckt zu haben
Hans Leyendecker (SZ) sieht die ganze Branche, nämlich auch den Sender, im Verhörstand: „Die Namen Emig und Mohren sind zum Synonym geworden für den gekauften, dreckigen Journalismus. Sie stehen aber auch für den kommerziellen Wildwuchs rund um irre gewordene Anstalten, in denen leitende Mitarbeiter sitzen, die öffentlich senden und privat kassieren. Es ist ein System, in dem nicht nur die Grenzen zwischen Journalismus und PR verwischen, sondern auch die Methoden von privaten TV-Anbietern und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer ähnlicher werden.“
Den Intendanten des HR schreibt er hinter die Ohren: „Wie kamen die Verantwortlichen des Senders auf den Gedanken, dass es auch nach den gängigen Kriterien der journalistischen Unabhängigkeit zulässig sein sollte, dass Emig Motorsport- oder Tanzsportveranstalter dazu brachte, die Beiträge zu finanzieren, mit denen sie dann ins Fernsehen kamen?“
Bissig ergänzt Leyendecker: „Die Einnahmen, die zum allergrößten Teil aus Gebühren finanziert werden, liegen bei rund 480 Millionen Euro (die Personalkosten betragen 145,8 Millionen Euro). Eigentlich müsste das Geld doch reichen, um nicht nur den ‚Hessentag in Butzbach’, das ‚Herzstück der Aktivitäten des Landessenders’ (HR) angemessen zu übertragen, sondern auch das übrige Programm.“
Auf Spiegel Online lesen wir dazu: „Der Fall Emig wirft auch ein Schlaglicht auf den Zustand des Sportjournalismus in Deutschland. Diesem wird häufig eine gefährliche Nähe zu den Protagonisten unterstellt. Wenn etwa der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien den Sportbetrieb als ‚große Familie’ bezeichnet, deutet dies nicht darauf hin, dass übermäßig viel Ehrgeiz besteht, den Familienfrieden durch kritische Fragen zu gefährden. Noch immer gibt es Journalisten, die Nebenjobs im Sportbusiness nachgehen, auch wenn einzelne ARD-Sender wie der WDR ihre diesbezüglichen Regeln seit dem Fall Emig verschärft haben. (…) Ein Berufsethos steht zur Debatte.“
Am Grünen Tisch
Ein hoher Preis für die Tugendwächter
China rückt nicht von der Internet-Zensur ab, auch wenn es einige Seiten inzwischen freigeschaltet hat; doch das IOC belässt es bei harm- und folgelosen Wunschbekundungen
Evi Simeoni (FAZ) lässt es Jacques Rogge nicht durchgehen, das IOC als zahnlosen Kreis von Idealisten darzustellen: „Dafür, dass es sich Naivität leisten will, handelt das IOC mit einer ziemlich begehrten Ware: Olympia, dem Milliarden-Event. Weltverbesserer alter IOC-Schule wollen die Funktionärs-Heroen auf einmal nie gewesen sein. Es ist ja auch schon lange her, dass Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch durchblicken ließ, er sei nun reif für den Friedensnobelpreis. Zwanzig Jahre später ist die Ernüchterung groß. Das IOC argumentiert zwar seit sieben Jahren damit, dass die Olympischen Spiele eine Öffnung Chinas bewirken würden. Doch es zeigt sich: China öffnet sich für die Spiele nur so weit, wie es selbst will.“
Thomas Kistner (SZ) legt dar, an wen sich die Internet-Zensur eigentlich richte: „Welche Gefahr aus Pekings Sicht bestünde darin, wenn Journalisten aus New York, Sydney oder Berlin über Tibet-Seiten surfen, die sie zuhause ohnehin ständig besuchen können? Und wie viele westliche Journalisten sind interessiert, die chinesische Website von Amnesty International oder der BBC runterzuladen? Sinologen sind rar gesät unter Sportreportern. Peking zensiert nach innen. Die Partei hat Angst, dass sie über diese Spiele-Wochen eine mediale Revoluzzerschar heranbilden könnte. Nur sind Innen und Außen nicht mehr zu trennen, wenn die Spiele im Gange sind. Also wartet da jede Menge Sprengstoff, und ein hoher Preis in der Endabrechnung für die IOC-Tugendwächter.“
Auch Jan Mühlethaler (Neue Zürcher Zeitung) befasst sich mit dem braven Verhalten des IOC gegenüber den Veranstaltern: „Das IOC hätte in dieser Angelegenheit deutlichere Worte finden müssen. Die chinesische Regierung ist mit der teilweisen Lockerung ihrer Zensurpolitik um einen Gesichtsverlust eben noch herumgekommen – gleiches kann vom IOC, das auf Gedeih und Verderb von der erfolgreichen Durchführung der Plattform Olympia abhängig ist, dieser Tage nicht behauptet werden.“
FAZ/Hintergrund: Surfen Sie zivilisiert!
SWR (Report Mainz): Olympia und die Medien – wie das IOC mit kritischen Journalisten und Organisationen umgeht
Meine Lust auf die Werbeveranstaltung von McDonald’s und Coca Cola, die die nächsten Wochen in China stattfinden wird, hält sich in Grenzen. Doch der Olympia-Blog des ehemaligen Sportchefs der Berliner Zeitung Jens Weinreich, das er seit letzter Woche aus Peking führt, werde ich immer lesen. Aus den Kommentaren von allesaussersport: „Liebe Medienkonzerne! Die nächste Zeitung, die Herrn Weinreich zum Sportchef macht, hat mich als Kunden gewonnen.“
Donnerstag, 31. Juli 2008
Ball und Buchstabe
Ballbesitz ist die beste Defensive
Fundstücke, nachgereicht: Volker Finke über EM-Trends (taz); Ralf Rangnick über deutsche Abwehrmängel; Manfred Breuckmann und Nia Künzer über Event-Fans
In einem etwas zu lang geratenen Interview mit Peter Unfried in der taz resümiert Volker Finke seine Erkenntnisse von der EM. Finke, dem am Ende seiner Freiburg-Ära nachgesagt wurde, seine Idee von Fußball, nämlich Schwerpunkt Ballbesitz und Kurzpass, sei überholt, Finke also, das ist rauszuhören, fühlt sich durch Spaniens Sieg rehabilitiert: „Es ist nie so, dass nur eine Sache gut ist. Bei der WM 2006 war zum Beispiel die Spielweise der Deutschen ein Schlüsselerlebnis: Offensivpressing spielen, wenn der Gegner den Ball hat, sind wir stark, weil wir das suuuuper können, den Gegner jagen. Und wenn wir ihn haben – dann gehts ab, hohes Tempo, zwei, drei Stationen zum gegnerischen Sechzehner, möglichst mit ein, zwei Kontakten. Diese Spielweise galt plötzlich als die modernste Entwicklung. Und bei dieser EM hat sich nun wieder die andere Fußballphilosophie durchgesetzt. Die sagt: An jeder Stelle des Platzes ist auch für uns der Ballbesitz die beste Defensive. An jeder Stelle des Platzes können wir uns frei kombinieren.“
Über seine Auffassung von Medienarbeit und seine Abneigung gegen PR sagt Finke: „Ich bin ja in meinem Leben nicht nur unfreundlich gewesen gegenüber Journalisten. Aber ich weiß, woher unser Erfolg kam. Dass es einen geschützten Bereich gibt, von dem die Spieler ganz genau wissen: Da kommt nie etwas nach draußen. Nie. Das führt dazu, dass du eine Einheit auf dem Platz wirklich hinkriegst. Das ist etwas anderes als inszeniertes Teamwork, das nach draußen mit Positivmeldungen verkauft wird. Da hab ich manchmal das Gefühl, je mehr darüber transportiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass manche Leute sich morgens nicht mal grüßen, wenn sie sich sehen.“
Die Antwort auf die Nachfrage, ob er gerade von Oliver Bierhoff rede, ist ein vielleicht viel sagendes Nein: „Ich schwärme von Luís Aragonés.“ An Spaniens Trainer schätzt Finke, wie könnte es anders sein?, dessen Hang zum Kollektiv: „Der alte Kauz ist in bestimmten Sachen gnadenlos. Im Ergebnis steht, dass die Spieler ganz viele Freiheiten haben, dass sie befreit sind von Zwängen, die teilweise auch aus den Vereinen kamen. Die spielten nur die Viererkette als feste Position. Und er hat seine Aufgabe als Nationaltrainer nicht darin gesehen, die elf besten Spieler von Spanien aufzustellen, sondern die elf, die am besten zusammenspielen. Das führt dazu, dass ganz gute Spieler entweder mal warten mussten, gar nicht mitgenommen wurden oder zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgewechselt werden, sodass ein Außenstehender sagt: Was macht der denn?“
Außerdem kann, wer mag, nachlesen, wie kompliziert Finke auf die einfache Frage eingeht, ob er eigentlich zu Deutschland halte. Das Interview hat den Titel „Der alte Kauz ist gnadenlos“, ein Zitat Finkes über Aragonés. Im Vorspann jedoch wird Spaniens Meistertrainer gar nicht erwähnt, so dass der erste Eindruck entsteht, mit dem gnadenlosen Kauz sei Finke gemeint. Eine kleine handwerkliche Schlamperei im Umgang mit den so wichtigen, aber häufig unterschätzten Kleintexten.
Wenig Hoffnung, dass die Lücke in der deutschen Abwehr schnell geschlossen wird
Oliver Hartmann vom kicker hat Ralf Rangnick in den Zeugenstand gerufen, um die Langzeitfolgen der verschlampten Nachwuchsausbildung im deutschen Fußball zu beweisen. Rangnick sagt: „Wir waren in Deutschland nie für andere Nationen Wegweiser in taktischer Hinsicht. Im Gegenteil: Es gibt riesigen Nachholbedarf. Wir waren der Entwicklung 15 bis 20 Jahre hinterher und werden noch heute dafür bestraft.“
Pessimistisch, zumindest kurzfristig, schließt Hartmann mit Blick auf eine zentrale Position im Fußball, den Innenverteidiger: „Immerhin hat man mittlerweile die Zeichen der Zeit erkannt – auch beim DFB. Für Joachim Löw spielt der Innenverteidiger eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die eigene Spielphilosophie vom blitzartigen Umschalten zu verwirklichen. Kurze Ballbesitzzeiten, schnelle Spieleröffnung über das Zentrum – nach diesen Grundregeln, die Mertesacker/Metzelder im EM-Finale völlig außer Acht gelassen hatten, werden in allen Auswahlteams die Innenverteidiger von morgen unterrichtet. Doch bis das Ausbildungskonzept in ganzer Breite Früchte trägt, werden nach Hochrechnungen der DFB-Spitze rund zehn Jahre ins Land gehen. Derzeit gibt es jedenfalls wenig Hoffnung, dass die Lücke in der deutschen Abwehr schnell und dauerhaft geschlossen werden kann.“
Als erste Hoffnungsträger nennt Hartmann Serdar Tasci, Mats Hummels und Benedikt Höwedes aus Stuttgart, Dortmund und Schalke. Der Text ist schon drei Wochen alt. Spätestens nach dem Sieg der U19 bei der EM in Tschechien vor fünf Tagen wird man sicher noch Kapitän Florian Jungwirth von München 60, Stefan Reinartz aus Leverkusen und den Freiburger Ömer Toprak nennen dürfen.
Pooooldiiiiii – süüüüüüß!
Das evangelische Journal chrismon hat in seiner Online-Ausgabe Nia Künzer und Manfred Breuckmann über dies und das befragt. Zwei Stellen seien kurz zitiert. In der ersten geht es um Breuckmanns Einstellung gegenüber Event-Fans:
chrismon: In die Stadien kommen viele Menschen, die einfach nur die Stimmung erleben möchten. Wie stehen Sie dazu, Herr Breuckmann?
Breuckmann: Die stoßen damit nicht auf meine moralisch begründete Verachtung. Aber wenn ich mir die WM 2006 angucke – da gab es viele Leute, die null Ahnung hatten. Die haben immer nur gerufen: ‚Pooooldiiiiii – süüüüüüß!’ Hui, das finde ich schwierig.
Künzer: Also muss ein Fan nicht nur Leidenschaft, sondern auch Ahnung haben?
Breuckmann: Ich habe immer gedacht, Fan sein setzt Ahnung voraus.
Künzer: Aber es ist doch legitim, trotzdem hinzugehen.
Breuckmann: Ja, klar. Frankfurter Eintracht, im Schnitt 48.000 Zuschauer …
Künzer: Ich als Frankfurterin sage: zu Recht!
Breuckmann: … bei der Art, wie die teilweise spielen? Da kommt ein Gutteil der Leute, weil es um Party geht. Sollen sie haben. Ist halt eine besondere Einstellung, und zwar nicht meine.
An anderer Stelle lesen wir über den Unterschied zwischen Fußballer und Fußballerin:
chrismon: Frauen sagen auch schlimme Dinge auf dem Platz, oder?
Künzer: Wir haben ein höheres Niveau, ohne dass ich jetzt genau weiß, was bei den Männern in der Bundesliga abgeht.
Breuckmann: Schlimme Dinge!
Künzer: Das Beleidigende, das Provozierende, das gibt es bei uns nur ganz selten. Bei uns gibt es auch keine Rudelbildung. Wir stehen uns nicht Nase an Nase schreiend gegenüber.
Mittwoch, 2. Juli 2008
Ball und Buchstabe
Journalistische Maßstäbe muss man hier nicht setzen
ARD und ZDF kriegen von der Presse ihr Fett weg / Gastgeber Schweiz und Österreich, bescheiden und fein
allesaussersport zieht den steuergemästeten ARD und ZDF die Ohren lang: „Wie man gemerkt hat, bin ich bei den Fußballspielen zu den britischen Sendern geflüchtet. Dass ich und viele andere die Vorberichterstattung nicht prall fanden, dürfte hinlänglich bekannt sein. Ich bin ein großer Verfechter des Öffentlich-Rechtlichen Systems und eines starken Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und habe immer wieder Partei für die Öffentlich-Rechtlichen ergriffen. Aber ganz ehrlich: Mir fehlt langsam die Kraft dazu, und inzwischen reift bei mir die Überzeugung, dass man die Läden vielleicht doch in die Luft sprengen sollte. Bei den Diskussionen rund um den Rundfunkstaatsvertrag oder der Implementierung der ARD-Mediathek habe ich noch nie einen derartigen Haufen distanzloser Scheiße in den ‚ÖRs’ gesehen und gehört, wie in den letzten Wochen, Stichwort Zapp oder Thomas Leif. Aktueller Anlass: die in Buchstaben geflossene Onanie des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender über die ZDF Seebühne in Bregenz: ‚Die Zuschauer haben uns für dieses Engagement belohnt. Rekordzahlen bei den Einschaltquoten, viel Lob und Anerkennung für Moderatoren, Reporter, Experten und Kommentatoren und eine Bildschirmpräsentation auf hohem Niveau zeichnen die Euro 2008 im ZDF aus (…) Das große Auge aus der Opernkulisse der Tosca-Aufführung ist zum Symbol für journalistische Qualität und die Leichtigkeit bester Fernsehunterhaltung geworden.’ Wenn Führungspersonal eines Senders abseits jedes Geschmäcklerischen so tief und ohne Not in die Propagandakiste greifen, ist jegliche ernsthafte Auseinandersetzung sinnlos. Das Maß der Verblendung macht deutlich, dass hier nur noch aus einer autistischen Binnensicht heraus argumentiert wird. Es hat schlichtweg keinen Sinn, hier noch journalistische Maßstäbe anzusetzen. Hier hat sich etwas verselbständigt, und es wäre Kraftvergeudung zu versuchen, es vor seinem Tod durch Implosion zu ändern.“
taz: Waldemar Hartmann ist mit seinem anbiedernden Interviewstil eine aussterbende Spezies, trotzdem schauen seinen Fußball-Talk regelmäßig rund vier Millionen Zuschauer
Bewegt, bewegter, am bewegtesten
Benjamin Henrichs (SZ) schätzt offenbar das Nichtsagende an Monica Lierhaus: „Das Lierhaus-Interview ist ein wunderliches Ding: Man muss nicht unbedingt immer zuhören, aber man schaut stets frohgemut zu. Denn Frau Lierhaus stellt zwar niemals eine originelle Frage, aber auch niemals eine peinliche. Sie hat keine starken Tage und keine schwachen – nur gute. Selbst wenn der Himmel wolkenverhangen ist und ein Unwetter droht, spricht sie darüber mit einem Jauchzen. Und wenn sie einmal, wie nach dem verkorksten Kroatien-Spiel, streng zu ihren Fußballern sein möchte, ist sie schon nach drei Sätzen wieder beim Tröstlichen und Hoffnungsvollen angelangt. Als Freund der Klassiker könnte man sagen: Ihr Anblick gibt den Bengeln Stärke – aber das wäre ein Witz, und auch Witze macht Frau Lierhaus nie, schon gar keine blöden. Kein Zweifel, sie liebt diese seltsame Männerwelt des Fußballs und ihre eigene, besondere Rolle darin – aber sie verteidigt doch immer eine kleine, unüberwindlich freundliche Distanz.“
Christian Eichler (FAZ) hingegen verdreht die Augen: „An Monica Lierhaus: Bitte einmal, nur ein einziges Mal, ein Interview ohne eine Frage aus dem Wortbaukasten ‚Wie groß ist jetzt die Enttäuschung/Erleichterung/Freude?’ Ja, wie groß nur? So groß wie Philipp Lahm? Wie Per Mertesacker? Liebe Frau Lierhaus, diese Emotionsrauskitzel-Trickfragen funktionieren bei Fußballern schon seit gefühlten hundert Jahren Nationalteam nicht mehr. Außerdem ist es immer peinlich zu sehen, dass die, die als neutrale Beobachter bezahlt werden, bewegter scheinen als die Beteiligten. Wie nach dem Sieg gegen Österreich: ‚Das 1:0 ausgerechnet durch Michael Ballack, ausgerechnet durch einen Freistoß. Wie wichtig war dieses Tor, wie wichtig war, dass es durch den Kapitän gefallen ist?’ Antwort Joachim Löw: ‚Es war wichtig, dass es überhaupt gefallen ist.’“
Bitte einweisen
Jürgen Roth (FR) muss würgen: „Ein Béla Réthy ist ein Béla Réthy und bleibt ein Béla Réthy. Er hat die Rolle erfunden, von der er ständig ist: die des wahrlich allerschlimmsten Ignoranten und Krachschnablers, der es tatsächlich zuwege brachte, die irrsinnige, mitreißende Partie zwischen Holland und Russland konsequent madig zu machen (‚Es muss ein besseres Spiel werden’), bis er in der 70. Minute endgültig durchdrehte und grunzte: ‚Schöner Fußball sieht anders aus.’ Dazu fällt mir nur mehr ein: Bitte einweisen.“
Das große Sommer-Open-Air mit Marianne, Michael & Katrin
Ralf Wiegand (SZ) erblickt Katrin Müller-Hohenstein im schwarz-rot-goldenen Dirndl und läuft schreiend davon: „Es ist nicht so, dass es keine guten Sportjournalisten mehr im Fernsehen gäbe. Sogar das ZDF hat welche, es sind die Pflänzchen, die im Verborgenen blühen. Boris Büchler etwa, der nach Schlusspfiff seine Fragen an die Spieler stellt, oft im Keller eines Stadions. Kenntnisreich ist es, das Kellerkind Büchler, und der Respekt der Fußballer vor dem Sachverstand ist zu spüren. Nils Kaben ist so einer, den kann man heute zum Skifahren in die Alpen und morgen zum Jojo in die Wüste schicken. Er weiß immer, was er zu tun hat. Es sind die Uneitlen ihrer Branche, zu denen auch Bela Rethy gehört. Er hat eine Stärke, das Live-Spiel, und die pflegt er. Er ist sich da genug. Es gibt sie in der ARD wie beim ZDF, die Abteilungen Eitelkeit und Sachverstand. Thomas Bartels ist wohldosiert am Mikrofon, und Sven Kaulbars (beide ARD) rettet das Sportfeuilleton ins Fernsehen mit seinen kuntsvollen Einspiel-Filmchen. Wer braucht Pocher? Der Fisch stinkt halt auch hier vom Kopf, und am Kopf, da sind die Moderatoren. Die EM hat vollendet, was lange schon zu beobachten war. Nicht die gelungene Moderation ist das Markenzeichen für einen Sender, sondern jeder Moderator ist seine eigene Marke. Sie alle müssen eine Rolle besetzen: der Schwiegersohntyp Kerner, der Rock’n’Roller Beckmann, der Dauerläufer Poschmann, der Fußball-Soziolge Steinbrecher und der brave Delling. Als das ZDF mal keinen Typen mehr fand, erfand es Christine Reinhardt: Die Schauspielerin bekam ein Engagement als Moderatorin des journalistischen Formats Sportstudio. Als würde Veronica Ferres die Tagesschau lesen, als würde Günter Jauch Bundespräsident werden, was ja die meisten Deutschen wollen. Und jetzt Katrin Müller-Hohenstein. Dass sich das Auge in der Kulisse der Bregenzer Seebühne nicht schamvoll schloss oder wenigstens tränte! Es war gerade so, als sei ‚Das große Sommer-Open-Air mit Marianne & Michael’ einfach ins Sportstudio übergegangen, als hätte sich Marianne bloß umgezogen.“
29 Minuten Dauerwerbung
Wiegand protestiert auch gegen die Ausstrahlung von Pressekonferenzen im Live-Fernsehen: „Nicht, dass man behaupten müsste, jede Frage, die ein schreibender Journalist in einer Pressekonferenz stellt, sei geistiger Höhenflug – geistiges Eigentum aber ist sie schon. Pressekonferenzen sind das Rohmaterial des Journalisten, das er noch formen muss. Manchmal fragt man einfach so und weiß noch nicht, wohin es führen soll, manchmal plaudert man miteinander. Erst später wird dann eine Geschichte daraus. Seitdem das Fernsehen die ‚PK’ überträgt, wird aber jede Frage, jeder Gedanke sofort versendet, wirkt bisweilen dämlich, banal, gar dumm, weil der Zweck, den der Journalist damit verfolgte, dem Zuschauer vor dem Fernseher nicht geläufig ist. Es ist, als würde man jemandem einen Klumpen Ton verkaufen statt einer Vase. Wer von diesem Diebstahl geistigen Eigentums etwas hat? Wie immer nur der Dieb und seine Komplizen. In diesem Fall kann der DFB seine Sponsoren streicheln – und danach melken. Denn deren Firmen-Logos sind im Pressezentrum von keiner Kamera zu verfehlen. Eingerahmt von einem riesigen Adidas-Ball und einem tollen Mercedes-Modell sitzen Löw und Co. vor Sponsorenwänden, bepinselt mit den Schriftzügen von Postbank, Bitburger, McDonald’s, Lufthansa, Kinder/Ferrero, T-Home und LG. 29 Minuten Dauerwerbung im ZDF mit der schreibenden Presse als Staffage – noch Fragen?“
Auf die Knie! Auf die Knie!
Und über Fan-Reporter schreibt er mitfühlend: „Antonia Rados würde längst daheim gebraucht für den embedded EM-journalism nach dem Spiel. Was haben diese bedauernswerten Kollegen in ihren Redaktionen wohl ausgefressen, die – nur bewaffnet mit einem puscheligen Mikrofon – sich auf dem Ku’damm oder der Leopoldstraße der Gefahr für Leib und Leben aussetzen müssen? ‚Wir schalten jetzt zu Susanne Gelhard nach Berlin’, hieß es neulich im Zweiten, und dann sah man Susanne Gelhard in Berlin, wie ihr jemand (ein ‚Fan’) im Gesicht herumfuchtelte. Zu fürchten war, dass sie im nächsten Moment entweder von einem Golf-II-Cabrio mit zwölf Insassen überfahren, von einem Leuchtraketenwerfer abgeschossen oder von einer Acht-mal-Acht-Meter-Fahne erstickt würde. Bei einer anderen Live-Übertragung aus dem Auge eines Fanzyklons sah man einen Reporter, um den herum eine Meute ständig brüllte: ‚Auf die Knie! Auf die Knie!’ Antonia, können Sie uns hören?“
Next Stop: Aphasie
Spreeblick sammelt Beweise gegen Delling und Netzer: „In der Pause die Gelegenheit, einen der viel zu selten zu hörenden echten Dellings zu genießen. Delling deutet auf einen Bildschirm, der das Gewitter über dem Stadion zeigt, beschreibt, was er sieht, was wir alle sehen und sagt dann: ‚So hochspannend soll es weitergehen, deswegen blitzschnell zu den Kollegen aus Hamburg.’ Delling ist nicht zu karikieren. Kürzlich habe ich versehentlich entdeckt, dass er eine Personality/Talk/Reality/Dramedy-Show veranstaltet. Der Mann kann alles. Kann man eigentlich Fehler machen, wenn man einmal einen Moderatoren-Posten bei den Öffentlich-Rechtlichen ergattert hat? Denken Intendanten dort überhaupt in der Dimension unterhaltsam? Eloquent? Geistreich? Ahnung vom Fußball? Ahnung vom Denken? Sein ihm geistig nicht nachstehender Mitmoderator Netzer, der Bewunderern als große alte Dame des Fußballs gilt, durfte auch noch einmal sein Bestes geben: ‚Das ist Torres natürlich, der immer wieder gefährlich ist natürlich, besonders wenn er Platz hat, Torres ist ein Strafraumspieler.’ Next Stop: Aphasie. Einen hat er noch: ‚Sie werden ihr Spiel jetzt in der zweiten Halbzeit entwickeln, vielleicht auch erst in der Verlängerung.’ Vielleicht auch jetzt oder nie oder was interessiert mich mein Scheiß von vor 5 Sek…, ja, für mich auch noch einen, Sie alter Dummschwätzer, immer her mit dem, auf einem Bein kann man nicht, das wissen Sie doch am besten.“
Da bläst er
Ulrich Knapp (Berliner Zeitung) staunt über die Medien- und Sozialkompetenz Reiner Calmunds, dem Video-Blogger von calli-tv: „Der Informationsgehalt der Clips hält sich zwar in Grenzen, aber man wundert sich doch, wen Calmund alles kennt und duzt. Waldemar Hartmann wäre sicher neidisch. Auf jeden Fall beweist der Geschäftsmann mit seinem Blog, dass er neue Medien für sich einzusetzen weiß. Bereits im vergangenen Jahr erschuf sich Calmund mit ‚Calli Island’ als erster deutscher Prominenter eine Existenz in der virtuellen Welt der Internetplattform Second Life. Dass auch Reiner Calmund der Versuchung der übertriebenen Selbstdarstellung erliegt, die das Internet bietet, zeigt ein ziemlich privates Urlaubsvideo aus Thailand. Doch selbstironisch kommentiert er auch diesen Clip, wenn man ihn im Wasser planschen sieht und er sagt: ‚Abends wage ich mich als weißer Wal ins Meer.’“
Locker
Was außer Kuckucksuhren? Christian Eichlers (FAZ) Kommentar über den Gastgeber Schweiz endet mit einem interessanten Zwischenton über die Deutschen: „Es scheint, als könnte das Land, das der Welt das Rote Kreuz bescherte, nicht anders, als auch im Fußball ein selbstloser Helfer für andere zu sein. Aus der Schweiz kam der Gründer des FC Barcelona, kamen die Mitbegründer von Inter Mailand. Die Schweiz beherbergt die Zentralen des Weltfußballs und des europäischen Fußballs. Und die Schweiz ist ein Gegner und ein Gastgeber, bei dem Deutschland fast nie etwas falsch machen konnte. Dafür und für eine tadellos ausgerichtete EM hätten die Schweizer mehr verdient, als ihre Mannschaft erreicht hat. Aber, vom Sportlichen abgesehen, sind sie alles andere als leer ausgegangen. Die EM hat ihnen neue Sympathien und Geschäftsfelder beschert, mehr noch: Sie hat die Schweiz verändert – wenn man der veröffentlichten Meinung im Lande glaubt und ein wenig auch den eigenen Eindrücken in Bern und Basel. Dort, wo das Leben tobte, in Gestalt einer hunderttausendköpfigen Oranje-Party. Und wo viele Schweizer plötzlich so locker wirkten, wie sich die Deutschen bei der WM vor zwei Jahren gern sahen.“
Das Detail macht die Stimmung
Holger Gertz (SZ/Seite 3) streicht im 06/08-Stimmungsvergleich das Liebenswerte an Österreich heraus: „Vor zwei Jahren war es genau umgekehrt. Anfang Juni musste man noch im Wollpullover losziehen, um die Biervorräte aufzufüllen, aber mit Beginn der WM, als Franz Beckenbauer ein geheimes Zeichen gegeben hatte, lösten sich die Wolken auf und gaben den Himmel frei. Es war unnatürlich warm bei der WM in Deutschland, es war so warm, dass die Spieler aus Togo und Angola zu Hause anriefen und sagten, wie warm es sei. Die Sonne erst war es, die das Sommermärchen auf Betriebstemperatur brachte, und in den Fankurven zogen Frauen und Männer sich halbwegs aus, bei denen man sich gewünscht hätte, sie täten es nicht. Die EM in der Schweiz und in Österreich ist keine Kopie der WM geworden, weil die Gastgeber-Teams zu früh rausgeflogen sind. Und es hat ja dauernd geregnet. Andererseits waren die Stadien trotzdem immer voll, und in der U-Bahn-Linie 2 ruckelten Fans aus Österreich gemeinsam mit denen aus Polen vor dem Spiel Richtung Stadion, Türken quetschten sich an Kroaten, Spanier atmeten Russen an. Die Frauen aus all diesen Ländern schauten während der Fahrt ins Fensterglas, um sich darin zu spiegeln und zu prüfen, ob die Gesichtsbemalung sitzt. Die Männer aus all diesen Ländern trugen hohe Hüte in den Nationalfarben, Hüte aus billigem Plüsch, und als sie von der U-Bahn ausgespuckt wurden, an der Endstation ‚Stadion’, waren alle perfekt geschminkt, die Hüte wackelten auf den Köpfen, ein zugleich lächerlicher wie rührender Anblick. Die Österreicher hatten vor der EM befürchtet, Horden von Hooligans würden die Mauern des Stephansdoms vollpinkeln oder die Fiaker-Pferde am Schwanz ziehen oder Schlimmeres tun. Aber es ist im Großen und Ganzen ruhig geblieben, Wien hat die EM unbeschadet überstanden. Wenn die Bedingung für ein Sommermärchen ist, dass die Fanmeilen überfüllt sind, war es keins. Die Österreicher wollten sich nicht von einer modernen Besatzungsmacht namens Uefa vorschreiben lassen, wo sie welches Bier zu welchem Preis trinken, man hätte vorher darauf kommen können. Die Österreicher sind sperrig und stolz, während die Deutschen immer noch beweisen müssen, dass sie richtig feiern können. Bei den Deutschen misst sich die Qualität einer Party an der Zahl der Gäste, 500.000 Menschen auf der Fanmeile am Brandenburger Tor. Bei den Österreichern macht das Detail die Stimmung.“
Angstmacherei
Der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag, die sich mit der Fremdenfrucht der Klagenfurter befasst, sei empfohlen, Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider nach den Ursachen zu fragen: „Die rührende Aufforderung des Klagenfurter Bürgermeisters an die Kärntner Bevölkerung, doch bitte die eigene Hauptstadt während der Euro nicht im Stich zu lassen, sagt alles. An keinem anderen Ort ist die vor Sportereignissen seit Jahren übliche Angstmacherei auf so fruchtbaren Boden gefallen wie in Kärnten. Und als die Einheimischen merkten, dass die in Aussicht gestellten Exzesse (Hooligans, Wucher, Vergewaltigungen) im Großen und Ganzen ausblieben, war’s zu spät. Da war Klagenfurt schon kein Austragungsort mehr. Und die Euro-Gäste, die sich in der ersten Juni-Hälfte ganz unter sich in ‚Österreichs erster Fußgängerzone’ (erbaut 1961) getummelt hatten, waren wieder nach Deutschland, Kroatien, Polen heimgereist. So wird nach dem Final nichts mehr daran erinnern, dass hier mal ‚etwas’ war.“
NZZaS: Der Fan in der EM-Hauptrolle – wenn sich Fußballanhänger zum Handlanger des Sponsors machen
Streichelt und schmust
Else Buschheuer (SZ) kann keine Ruhe finden (also sie tut nur so oder sie tut so, als ob sie nur so täte), solange sie nicht weiß, wer denn jetzt schwul ist: „Vielleicht wird es ja einer mit W. Viele Schwule fangen mit W an: Wowereit, Westerwelle, Walz, Wer-Weiß? Aber mir fällt kein Fußballer mit W ein. Nur Fritz Walter, und der ist schon tot. Und einer mit B. Beckham. Der ist zwar nicht schwul, aber er hat sich für ein Schwulenmagazin als Pin-up ablichten lassen. Kommerz, Solidarität, Gipfel der Coolness? Das Spiel mit dem Schwulsein ist ein Spiel mit dem Feuer. Ballack fängt auch mit B an. Und hat er nicht neulich in Moskau geweint? Und leckt er sich nicht dauernd die Lippen? Und trägt er nicht rote Fußballschuhe? Hitzlsperger hat keine Freundin. Verdächtig? Schweini bleicht sich die Haare. Macht das ein richtiger Kerl? Und Lahm. So viel Gel. Und Frings mit Brustpanzer. Aus Latex? Und welche Sehnsucht versteckt Metzelder hinter seinem Vollbart? Und was machen die eigentlich in der Pause? Zweites deutsches Tor im Halbfinale. Schweini schmatzt auf Kloses Hals. Fußball ist atemberaubend körperlich. Jeder Kopfball ist ein verzauberter Kuss, jedes Foul hat was Frivoles. Gökhan haut Klose den Ellenbogen vors Ohr. Aber Gökhan entschuldigt sich, streichelt Klose, schmust. Und jetzt! Lahm schießt das 3:2. Alle Jungs hüpfen auf einen Haufen. Sie sind einander so nah.“
Zug weg, Banditen weg, Damn!
Licht aus im Halbfinale – das Streiflicht (SZ) ist im falschen Film: „Ist es der Zufall, der ausgerechnet bei einem Halbfinalspiel zuschlägt, wo er doch bei ‚Verbotene Liebe’, beim ‚Traumschiff’ oder bei ‚Siska’ mit seinen Stromausfällen wüten könnte, ohne dass ein Hahn danach krähte? Oder ist es eine höhere Macht, die uns genau in solchen Augenblicken an die Nichtigkeit unseres Seins und Tuns und unserer Spiele erinnert, den Fußball eingeschlossen, der ja, bei aller Achtung vor Schweinsteigers glückhaftem Außenrist, Kloses herausragender Birne und Lahms Gespür für den linken Torwinkel, letztlich auch nichts anderes ist als ein vergebliches Rumpeln und Strampeln. Andererseits: Wieso sollte sich, wenn das alles so vergeblich ist, die Vorsehung dazwischenklemmen und uns das bisschen Gaudi durch Bild- und Tonausfälle vermiesen? Wahrscheinlich war es, ob aus Zufall oder höherem Walten, nichts anderes als ein die Spannung steigernder dramaturgischer Kniff, vergleichbar den endlos langen Güterzügen, die in amerikanischen Filmen just dann durchs Bild fahren, wenn der Sheriff die Banditen fast erreicht hat. Ist der Zug dann durch, sind auch die Banditen weg, und der Sheriff sagt: ‚Damn!’“
taz-Autoren resümieren die EM: „Fußball auf gehobenem Uefa-Pokal-Niveau meets postmodern-ironisch-gebrochenen Chauvinismus.“ (Raphael Honigstein)
welt.de: Fünfzig magische EM-Momente
Am Grünen Tisch
Die vielen Tests sind Geldverschwendung
Kritik an der angeblich so strengen Anti-Doping-Politik der Uefa / Kritik an der Uefa wegen der Vergabe 2012 / Kritik an dem Uefa-Plan, die EM-Teilnehmerzahl aufzustocken / Lob für die Uefa, weil die Spieler zu politischen Botschaften im Stadion verpflichtete
Doping im Fußball – ein Thema, über das man wenig liest und über das wenig recherchiert wird. Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) folgert nach Gesprächen mit Experten, dass die Uefa Alibihandlungen vollzogen hat, indem sie die Zahl der Wettkampftests erhöhte: „Werner Franke hält die Maßnahmen für Geldverschwendung. Diejenigen, die dopen wollten, könnten es auch tun. Seiner Meinung nach ist der Zeitpunkt der Kontrolloffensive falsch gewählt worden, in der Aufbauphase hätte angefangen werden müssen, in der Winterpause. Die EM-Spieler wurden wenige Tage vor dem ersten Anstoß überprüft, das deutsche Team bekam am 30. Mai Besuch von den Kontrolleuren. Danach wurde nur noch nach den Spielen getestet, stichprobenartig. Testosteron oder Epo sind aber höchstens zwei Tage nachweisbar, trotzdem wirken sie lange und intensiv. (…) In der Leichtathletik und im Radsport, den mit am meisten betroffenen Sportarten, wird um ein Vielfaches mehr kontrolliert, aber auch nicht immer mit der gewünschten Aufklärung. (…) Die Anforderungen an das Kraft- und Ausdauervermögen im Fußball sind enorm gestiegen. In den sechziger und siebziger Jahren legten Spieler in neunzig Minuten 4 bis 6 Kilometer zurück, allein im Viertelfinale gegen Holland schafften vier Russen fast 15 Kilometer, allerdings inklusive Verlängerung. Die Höchstgeschwindigkeit vieler Spieler überschreitet inzwischen 30 Stundenkilometer, in verkehrsberuhigten Zonen hätten sie ein Problem mit der Polizei. Alles Zufall? Eine Errungenschaft des Sports? Und das, obwohl die Kicker von Spieltermin zu Spieltermin hetzen? (…) Die Fifa zerstörte lange seine wenigen Dopingproben, wohl wissend, dass diese in einigen Jahren mit moderneren Tests neue Erkenntnisse bringen könnten. Auch der DFB war lange kaum interessiert. Vor kurzem veranstaltete er dann ein Symposium zum Thema, künftig lässt er die Kontrollen von der Nada durchführen, auch die Zahl der Proben wird steigen. ‚Gemessen an früheren Jahren ist die Entwicklung positiv’, sagt Ulrike Spitz, Pressesprecherin der Nada. ‚Aber rundum zufriedenstellend ist sie nicht.’ Dass bei der EM niemand enttarnt wurde, bedeutet nicht, dass niemand gedopt hat.“
Andreas Burkert (SZ) stellt klar: „Immer werde auf den Radsport gezeigt, klagen die Radsportler. Und es stimmt schon: Auf die Puerto-Akten zum Fußball wartet man immerzu vergebens, und die Rüpeleien, die sich etwa vor einem Jahr der Bayern-Torwart Kahn beim Dopingtest leistete und nun, in einem viel gravierenderen Fall inklusive des Ignorierens der Anti-Doping-Regeln durch Verband und Bundestrainer, der Eishockey-Nationalspieler Busch – all diese Vorgänge erreichen selten Skandalwerte. Das hat sicher vielerlei Gründe, und einer von ihnen lautet: So dreist wie das System Radsport heucheln wenige.“
EM in der Schlammlandschaft?
Wo wird das Turnier 2012 stattfinden? In Polen und der Ukraine anscheinend eher nicht. Kommt also doch wieder das kleinere Übel Italien ins Spiel, lobbystark, aber zunächst mit dem Moggi-Handicap belastet, wie Thomas Kistner (SZ) vermutet? „Bis zur Kür 2007 hatten es Italiens sportpolitische Seilschaften geschafft, alle Brocken aus dem Weg zu räumen. Schotten und Iren nahmen Abstand von der Bewerbung wie das Trio Dänemark/Schweden/Norwegen, weil Sondierungen ergaben, dass die Uefa eine Allergie gegen Gemeinschaftskandidaturen hege. Dann stieg Russland aus; Türken und Griechen wurden 2005 per Vorauswahl rausgekegelt – um ‚ganz sicher’ zu gehen, so ein Uefa-Manager, dass Italien die EM kriegt. Ein Witz: Im Ring verblieb nur etwas Kanonenfutter, Polen/Ukraine und Ungarn/Kroatien. Die Spielwiese war gemäht für Italien. Dann entpuppte sich der Calcio als Schlammlandschaft: Spiele waren en gros gekauft worden. Juventus Turin verschwand in Liga zwei, Titel wurden umgewidmet, Krawalle garnierten das Chaos, 48 Referees und Funktionäre wurden angeklagt. Unter den Augen der EU-Politiker konnte es sich die Uefa nicht leisten, ihre EM einer Fußballmafia unbekannter Größenordnung auszuhändigen. Nun hat sich die Szene beruhigt, und Korruption wie Spielbetrug kennt man auch in Polen und der Ukraine. Polens Verband wollte sogar die eigene Regierung das Handwerk legen. Ukraines Verbandsboss Grigorij Surkis war als Klubchef von Dynamo Kiew in einen Bestechungsfall involviert, bei dem es um Pelzmäntel für den Referee ging. Jetzt aber sind die Oligarchen von Kiew in die politische Opposition geraten, sie hissen angeblich schon von sich aus die weiße Fahne: Wir schaffen’s nicht. Also Italien? Da bedürfte es einer Kernsanierung aller Stadien. Aber das käme Platini, Franzose mit nie verleugneten italienischen Wurzeln, von Herzen gelegen.“
taz: Wo 2012 das Turnier stattfinden wird, ist gerade fraglich. In Polen und der Ukraine laufen die Vorbereitungen schleppend. Jetzt rückt die Uefa an
Ramschverfahren
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) warnt die Uefa davor, die Teilnehmerzahl an Europameisterschaften aufzustocken: „Die EM in ihrer Kompaktheit zeigt: Klasse schlägt Masse. Wird die Europameisterschaft künftig mit 24 Teams ausgespielt, verliert sie ihre Identität. Sie ist dann eine Art WM, nur ohne den Glanz der Argentinier und Brasilianer und ohne die Exotik, die Mannschaften wie Trinidad & Tobago einbringen. Die Exoten, die Europa zu bieten hat, heißen im Zweifelsfall Schottland, Albanien und Lettland und sind vergleichsweise gewöhnlich. Ihre Teilnahme führte dazu, dass in der Vorrunde täglich drei statt zwei Spiele ausgetragen werden – eine Menge, die kaum zu konsumieren ist. Auch der Modus geriete zum Problem: Es gäbe sechs Vorrundengruppen mit je vier Teams; die Ersten und Zweiten kämen ins Achtelfinale, dazu die vier besten Gruppendritten. Welch spannungsfreie Farce die erste Turnierphase dadurch wird, haben andere Ballsportarten schon leidvoll erfahren. (…) Die EM muss bleiben, wie sie ist.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) ergänzt: „Fraglich wird sein, ob das Turnier eine Verwässerung verkraftet. Der Reiz der aktuellen EM lag auch darin, dass es ein tolerables Niveaugefälle gab, mehr von Mut als von Angst diktierte Spielstrategien sowie kaum Partien mit gesicherter Ergebnisprognose. Wenn aber künftig halb Europa das Startrecht im Ramschverfahren übereignet bekommt, kann aus hartem Wettbewerb zumindest in den Gruppenduellen ein Sichtungsturnier für Fußballzwerge werden. Im Gegensatz zu einer WM, die ihren Anfangsreiz aus der Exotik bezieht.“
BLZ: Michel Platini droht den EM-Veranstaltern 2012, Polen und Ukraine, und will die das Turnier ab 2016 aufstocken
Die Olympier besiegt
Die Uefa verpflichtete die Spielführer der K.o.-Runden-Teilnehmer, im Stadion kurz vor Anpfiff Botschaften für den Einhalt der Menschenrechte vorzulesen; an den Trikotärmeln trugen während des Turniers alle Teams „Respect“-Buttons. Thomas Hahn (SZ) schickt das IOC in den Nachhilfeunterricht: „Nach all den Debatten über die Olympischen Spiele, welche die KP-Diktatur Chinas im August zur Feier ihres neuen Anspruchs als Weltwirtschaftsmacht veranstaltet, ist das ziemlich peinlich gewesen für das IOC. Die Menschenrechtssituation in China ist kritikwürdig, viele Sportler überlegten, wie sie als Olympia-Teilnehmer in Peking ein Zeichen setzen konnten für die allgemeingültigen Werte einer aufgeklärten, freien Gesellschaft. Prompt präzisierte die juristische Kommission des IOC unter Vorsitz Thomas Bachs die Charta-Regel 51.3 so, dass im Grunde gar keine Möglichkeit mehr blieb, irgendwelche Zeichen zu setzen. Ausgerechnet der durchkommerzialisierte Fußball ließ nun Raum für Banner und Bekleidungsgegenstände, die das Publikum sogar als Demonstration verstehen sollte. Mehr noch, er ließ die Sportler politische Reden halten, bevor sie das taten, weshalb auch Fußballfunktionäre sie am meisten schätzen: spielen, um der Unterhaltungsindustrie zu dienen. Und die Schweizer als Gastgeber, die das Problem der Ausländerfeindlichkeit auch kennen, applaudierten einmütig. Es wirkte in diesen Momenten, als könnte der Fußball mehr zu einer besseren und friedvollen Welt beitragen als das IOC, das sein teuer vermarktetes Feuer genau mit diesem Vorsatz durch die Welt tragen lässt.“
Der Schiedsrichter als Gouvernante
Jürgen Kaube (FAZ) ärgert sich über maßregelende Gelbe Karten wegen Trikotausziehen beim Torjubel, Ballaufdotzen und anderen Kleinigkeiten: „Das alles passt nicht zu einem Spiel, das von adrenalinüberfluteten Jugendlichen betrieben wird, von denen man auch genau dies möchte: dass sie lebendig sind, brüllen, Enttäuschung ausdrücken und überschnappen, wenn sie getroffen haben. Grob foulen sollen sie nicht, Schwalben sollen sie unterlassen, und wenn sie ständig Schmerzen simulieren, wünscht man sich einen Schiedsrichter, der dieses Getue als affigen Betrugsversuch unterbindet. Aber ständig mit dem Knigge unterm Arm herumzulaufen, verfehlt den Sport. Die Regeln sind für das Spiel da, nicht umgekehrt. (…) Ein Irrsinn, der seit Jahren den Fußball drangsaliert: die Moralisierung des Spiels, Betragensnoten für jede Aktion, der Schiedsrichter als Gouvernante.“
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