indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 22. Mai 2008

Deutsche Elf

Wettkampf im Tor?

Der Tagesspiegel macht Indizien ausfindig, dass Jens Lehmanns Stellung nicht so sicher ist, wie man glauben könnte

Hört, hört! Stefan Hermanns (Tagesspiegel) hat uns Bemerkenswertes und Überraschendes zur Torwartfrage mitzuteilen und bemerkenswerte und Überraschende Aussagen Joachim Löws gesammelt: „Timo Hildebrand ist der Leidtragende einer Entscheidung, die in erster Linie als Misstrauensvotum gegen Jens Lehmann zu verstehen ist. Deutschlands designierte Nummer 1 genießt längst nicht mehr den bedingungslosen Rückhalt des Bundestrainers: ‚Wenn alles normal läuft und er in den Testspielen seine Leistung bringt, wenn man spürt, Jens ist in einer Topverfassung, dann kann man davon ausgehen, dass er die Nummer 1 ist’, sagte Löw. Von ‚wenn’ war bisher nie die Rede. Doch weil dem Torhüter nach einer Saison auf der Ersatzbank Wettkampfpraxis und Spielrhythmus fehlen, hat sich die Geschäftsgrundlage zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt entscheidend verändert. Jens Lehmann muss sich erst einmal wieder neu beweisen. ‚Es gibt einen Wettkampf im Tor, aber der Jens hat schon auch Vorteile.’ Wenn Lehmann im Training und in den beiden Testspielen keine Schwächen erkennen lässt, wird sich an der ursprünglichen Planung nichts mehr ändern. Wenn aber nicht …“

Der Jens hat schon auch Vorteile! Noch mal: Der Jens hat schon auch Vorteile!

Zudem würde Hermanns Manuel Neuer dem Leverkusener René Adler vorziehen: „Die allgemeine Wertschätzung für Adler ist der traditionellen Sicht der Deutschen auf ihre Torhüter geschuldet. Sein Ruf profitiert vor allem von den Zusammenschnitten in der Sportschau, in der seine spektakulären Rettungstaten auf der Linie aneinandergereiht werden. Kein deutscher Torhüter seit Oliver Kahn hat das Gefühl der Unbezwingbarkeit derart überzeugend verkörpert wie Adler. Doch das moderne Torwartspiel erfordert mehr als die Beherrschung der Linie. Wenn der Bundestrainer die Moderne konsequent verfolgen wollte, hätte er Manuel Neuer nominieren müssen, der jenseits der Linie eine weit größere Präsenz ausstrahlt. Nach einer Saison mit einigen Fehlern und viel Kritik der Boulevardmedien wäre seine Nominierung für die EM dem Volk jedoch nur schwer vermittelbar gewesen. Wenn Neuer mit seinem Stil das offensive Prinzip Lehmann fortschreibt, dann ist Adler eher ein Widergänger von Oliver Kahn.“

Aus allen Wolken gefallen

Ronald Reng (taz) kann die Nichtnominierung Timo Hildebrands sachlich verstehen, stört sich aber am Stil: „Köpkes Urteil, Enke und Adler vor Hildebrand zu sehen, wird von der überwältigenden Mehrheit der Torwartszene geteilt. Was jedoch auch etliche Kollegen aus der Nationalelf getroffen hat, ist die abrupte Radikalität, mit der Hildebrand verabschiedet wurde. Über vier Jahre wurde er kontinuierlich berufen, bis zu letzt ließen ihn die Trainer im Glauben, die Nummer zwei im Tor zu sein, nur um ihn auf einem Schlag abzuservieren. Dabei sahen Köpke und Löw Hildebrand schon lange nicht mehr klar vor Enke. So beschlossen sie, im Februar gegen Österreich Hildebrand als Ersatzmann einzuladen, aber im März gegen die Schweiz Enke. Hildebrand sollte nur eventuell als dritter Mann dazustoßen. Ihm gesagt haben sie das aber nie. Er fiel drei Wochen vor dem Schweiz-Spiel aus allen Wolken, als er darauf von Journalisten angesprochen wurde.“

Mittwoch, 21. Mai 2008

Champions League

Wer wird siegen: Kontrolle oder das Spektakel?

Vor dem Finale zwischen Chelsea und Manchester United – beide Teams sind hochinteressante Ensembles (SZ) / Michael Ballack wird in England sehr geschätzt / Paul Scholes und Ryan Giggs, zwei Konstanten Manchesters

Christian Zaschke (SZ) blickt mit großer Vorfreude auf das Finale und stellt begeistert die verschiedenen Stile der beiden Teams vor: „Endlich stehen nun wirklich einmal die beiden besten Mannschaften des Jahres im Finale. Geld hin oder her: Beide Teams sind hochinteressante Ensembles. Manchester stellt die jüngere Auswahl, die unberechenbare. Manchmal bricht der Fußball einfach aus ihr heraus, sie kann dann nicht anders, als sich ihrer eruptiven Kraft hinzugeben. Selten glich Fußball so sehr einer Explosion wie in den besten Momenten dieser Elf um den klassischen Solisten Cristiano Ronaldo und den Punkrocker Wayne Rooney. Chelsea ist zuerst eine Zusammenstellung von begnadeten Individualisten, die gemeinsam arbeiten, weil Fußball nun einmal Mannschaftssport ist. Das Team spielt einen erstickenden Stil, der Gegner hat auf dem Platz weniger Raum als in einer Einzelzelle. Im vergangenen Jahr gelang es dem AC Mailand mit seiner kühlen, fließenden Spielweise, Manchester im Halbfinale zu besiegen; wenn man will: das Feuer Uniteds zu kontrollieren und schließlich zu löschen. Der FC Chelsea wird es ähnlich versuchen, nicht ganz so kühl und fließend, dafür mit immensem Druck, der die Flamme kleinhalten soll. Es sind zwei englische Mannschaften, die entgegen allem Gerede mit nicht wenigen englischen Spielern besetzt sind – und doch sind es zwei Prinzipien, die einander gegenüberstehen. Ob die Kontrolle oder das Spektakel siegen wird, ist das große Thema dieses Endspiels.“

Führungsspieler

Ein paar feine Seitenhiebe auf den FC Bayern und den deutschen Fußballstammtisch – Peter Hess (FAZ) unterstreicht, welchen Anerkennung Michael Ballack in Chelsea zuteil wird und vergleicht sie mit der Geringschätzung, mit der er hierzulande zum Teil leben musste: „Der Deutsche machte sich unentbehrlich. Wie bei den Bayern auf die für viele Zuschauer unauffällige, für die Mitspieler aber äußerst dankbare Art: als Anspielstation hinter den Spitzen, der einfach da ist, wenn andere Wege verlegt sind, der den Ball schnell und präzise weiterspielt, so dass der Kollege auch etwas mit ihm anfangen kann, der bei gegnerischem Ballbesitz sofort eine defensive Haltung einnimmt, stört, bremst, den Gegner zumindest zu Umwegen zwingt. Es sieht manchmal etwas seltsam aus, wenn Ballack mit dem schaukelnden Laufstil eines Seemanns auf Landurlaub über das Feld trabt, während die dynamischeren Kollegen wie Essien oder Malaouda oder Drogba um ihn herumpfeilen. Aber Ballack gleicht die mangelnde Schnelligkeit durch seine Antizipationsfähigkeit weitgehend aus. Der deutschen Sehnsucht nach einem neuen Netzer und Overath wollte und konnte Ballack nie gerecht werden, dazu ist er und fühlt er sich viel zu sehr als Mannschaftsspieler. Die Engländer nehmen den Deutschen einfach, wie er ist, und mögen ihn dafür. Während er in Deutschland lange gegen das Vorurteil ankämpfen musste, in wichtigen Spielen unterzutauchen, gilt er in England als Prototyp des Profis, der am besten ist, wenn es wirklich gilt. Günter Netzers einstige Lieblingstheorie, Ballack tauge nicht zum Führungsspieler, weil er in der früheren DDR sozialisiert worden sei und deshalb zu wenig initiativ und zu wenig egoistisch denke, würde in England für Gelächter sorgen.“

Raphael Honigstein (FR) ergänzt: „Seine vermeintlich teutonisch-titanische Siegermentalität hat es den im Verlieren geübten Insulanern besonders angetan. Er sieht sich in seinem Wechsel bestätigt und die Kritiker in der Heimat belehrt. Bayern versage seinetwegen in der Königsklasse, hieß es immer. Es war wahrscheinlich doch eher andersrum. Was fehlt, ist der letzte, große Schritt. Gewinnt aber United, werden ihm viele wieder das Etikett des ‚ewigen Zweiten’ anhängen wollen. Schon nach der knapp verpassten Meisterschaft erlebte man diesen absurden Reflex.“

Sein Wert bleibt

Christian Eichler (FAZ) teilt die Würdigung vieler Spieler für Paul Scholes: „Stoisch und stumm, so verrichtet Scholes seit vierzehn Jahren seinen Dienst im Mittelfeld. Ein Spieler ohne Agent, ohne Klubwechsel, ohne Transfersummen, ohne Vertragspoker, ohne TV-Auftritte, ohne Werbeverträge, ohne Tricks, ohne Show. Scholes ist nicht der Fußballer der Medien oder der Fans, er ist der Fußballer der Fußballer. Er muss gar nicht über sich reden, andere tun es. Der ehemalige Kollege Beckham beschrieb die Bewunderung der ‚Galacticos’ von Real Madrid für Scholes. Die Arsenal-Stars Henry und Fabregas schwärmten für ihn und gaben ihm ihre Stimme bei der Wahl zum ‚Fußballer des Jahres’. Der Weltmeistertrainer Marcello Lippi preist sein Talent, Technik, Beweglichkeit, Schusskraft und Charakter. Die United-Ikone Bobby Charlton lobt ‚sein Köpfchen und seine Killerpässe’. Er nennt ihn seinen Lieblingsspieler unter allen, die je für United spielten. Mit 33 Jahren hat Scholes nicht mehr ganz die Laufstärke, um das ganze Mittelfeld abzudecken und bis in den Strafraum zu dringen wie ein Extra-Stürmer. Er nimmt eine zurückgezogenere Rolle ein, als Meister des präzisen Passes, der Gliederung des Spielaufbaus. Die Tore schießen heute meist andere, sein Wert bleibt.“

Meistdekorierter Spieler im englischen Fußball

Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung): „Aufgewachsen in Wales, litt Ryan Giggs in der Schule an rassistischen Pöbeleien (seine Mutter war Waliserin, sein Großvater väterlicherseits stammte aus Sierra Leone). Er begründet seine Zurückhaltung im Umgang mit den Medien noch heute mit den Erlebnissen von damals. An seinem vierzehnten Geburtstag 1987 unterschrieb er seinen ersten Vertrag mit Manchester United. Alex Ferguson, der ein Jahr vorher hier angekommen war, hatte ihn daheim besucht und von seinem Vorhaben abgebracht, bei Manchester City zu unterschreiben. Die Europameisterschaft 1996, die Fußball plötzlich auch im englischen Mittelstand salonfähig machte, David Beckham und damit das Phänomen ‚Fußballer-Popstar’ standen noch in weiter Ferne. Stars aus dem Ausland, die den kampfbetonten englischen Fußball mit Flair verschönerten, waren damals noch äußerst selten. (…) Heute ist er der meistdekorierte Spieler im englischen Fußball.“

NZZ: Stimmungsbericht aus Moskau

Dienstag, 20. Mai 2008

Internationaler Fußball

Zum Siegen verdammt

Inter Mailand besiegt Parma 2:0 und wird zum dritten Mal hintereinander italienischer Meister, allerdings darf im Gegensatz zu den letzten beiden Titelgewinnen diesmal richtig gefeiert werden / Zlatan Ibrahimovic, Matchwinner mit schwierigem Charakter

Dirk Schümer (FAZ) fällt es schwer, sich mit Inter Mailand über die Meisterschaft zu freuen: „Heuern und Feuern gehört zum Geschäftsmodell dieses reichen, schicken, kalten Vereins, der die Philosophie der internationalen Wundertüte schon im Namen trägt. Seit jeher aufgestockt mit den besten, vorzugsweise südamerikanischen Angeboten vom Markt, ist Inter zum Siegen verdammt und kennt außer dem argentinischen Kapitän Zanetti und allenfalls dem Rauhbein Materazzi keine eigentlichen Identifikationsfiguren. Eine schmerzliche Durststrecke von fünfzehn Jahren beendete erst der Scudetto vor zwei Jahren, als Inter der Titel nach dem Schiedsrichterskandal am Grünen Tisch zugesprochen wurde. Auch am Triumph 2007 haftete noch der Ruch des Geschenks, weil damals Juventus Turin in die Serie B strafversetzt war und der AC Mailand mit Punktabzug antrat. Umso größer war die Panik bei Inter, den ersten regulären Titel in den letzten Minuten zu verspielen. In Mailand wurde umso ausgiebiger gefeiert, weil der vorige Titel noch im Glanz des Champions-League-Triumphes des Stadtrivalen AC Milan nahezu untergegangen war. Diesmal verpasste die Truppe von Silvio Berlusconi am letzten Spieltag sogar die Qualifikation und muss im Uefa-Pokal antreten. Für alle Inter-Fans ein doppelter Grund, das Herzschlagfinale von 2008 für immer ins Herz zu schließen.“

Birgit Schönau (SZ) widmet sich dem Sein und Bewusstsein des zweifachen Mailänder Torschützen: „Zlatan Ibrahimovics Aufstieg vom Kinder-Vorstadtkicker des Emigrantenklubs FK Balkan in Malmö-Rosengard zu einem der höchstbezahlten Profis im europäischen Fußball ging einher mit einer Vielzahl von Anekdoten über seinen angeblich launischen, unsteten, ja zänkischen Charakter. Von der Schuldirektorin, die angab, Zlatan sei ganz bestimmt der schwierigste Schüler ihrer Laufbahn gewesen, bis zum ehemaligen Ajax-Teamkollegen Rafael van der Vaart, der Ibrahimovic anhängte, ihn beim Freundschaftsspiel absichtlich verletzt zu haben – eine ganze Reihe von Leuten mag über Ibrahimovic nichts Gutes sagen. Ibrahimovic will nicht sympathisch sein. Er will gewinnen. Sympathie ist für den Sohn eines bosnischen Vaters und einer kroatischen Mutter ein Luxus für Verlierer oder Pensionäre. Ibrahimovic schert sich um nichts. Nicht um das Gerede und Gefeixe über die Beziehung zu seiner zwölf Jahre älteren Lebensgefährtin, von der er zwei Kinder hat. Nicht um das rassistische Gegröle, das ihm in gegnerischen Stadien entgegenschlägt: ‚Ibra Zigeuner’, denn die Italiener setzen Osteuropäer inzwischen automatisch mit den Roma gleich, die sie in ihrem Land nicht mehr haben wollen – unter Anleitung der neuen Regierung. Zlatan Ibrahimovic ficht das nicht an. Er will gewinnen, er hat gewonnen.“

Unterhaus

Eliteschule des Ballspiels

Daniel Meuren (FAZ) vertraut und fordert Dietmar Hopp: „Anders als Roman Abramowitsch hat er sich nicht eine etablierte Fußballmarke ausgesucht, um seinem Hobby zu frönen und kurzfristig große Erfolge feiern zu können. Stattdessen hat er den sportlich Verantwortlichen mit auf den Weg gegeben, dass sie langfristig mit Nachwuchsspielern, wenn möglich aus der Rhein-Neckar-Region, etwas aufbauen sollen, was es im deutschen Fußball noch nicht gab: eine Eliteschule des Ballspiels, eine Entwicklungsabteilung für Konzeptfußball, von der bald auch die Frauen-Bundesliga profitieren soll. Deshalb werden in der kommenden Saison auch keine Ronaldinhos oder Kuranyis im hochmodernen Trainingszentrum im Nachbardorf Zuzenhausen das taktische Einmaleins von ‚Professor’ Rangnick erlernen. Der Klub wird stattdessen mit hochbegabten Auszubildenden sehr schnell zum Spitzenteam wachsen, so wie es der Freiburger Trainer Robin Dutt schon vor geraumer Zeit prophezeite: ‚Hoffenheim ist der einzige Verein, der Bayern irgendwann gefährlich werden könnte.’ Vermutlich werden die Hoffenheimer auch dieses ‚irgendwann’ in ein ‚bald’ verkürzen. Den Beweis, dass der Klub tatsächlich eine Bereicherung für die deutsche Fußballkultur und eben kein Retortenverein ist, müssen Hopp, Rangnick und Co. indes noch antreten.“

Oliver Fritsch auf stern.de: Mit Milliarden gegen das Rudiassauerhafte
Dietmar Hopp im SZ-Interview: „Der Vergleich mit Abramowitsch ist Unfug“

Bundesliga

Nicht gut genug für die Bundesliga

Thomas Doll und Borussia Dortmund trennen sich – zu recht, sogar zu spät, wie die Presse einhellig findet / Auf die Frage, wer die Entscheidung getroffen hat, wird gar nicht erst eingegangen

Arnd Festerling (FR) stellt Doll ein schlechtes Zeugnis aus: „Es gibt Nachrichten, an denen überrascht nur noch der Zeitpunkt – und auch der nur ein klitzekleines bisschen. Dortmund hat Doll rausgeworfen. Dass es so kommen würde, so kommen musste, war seit Wochen klar. Und? Müssen wir nun Mitleid haben? Nein! Hier hat sich ein Verein von einem Trainer getrennt, der einfach nicht gut genug ist – für Dortmund so wenig, wie vor 16 Monaten für den HSV. Doll hat den HSV einmal hoch in der Tabelle und genauso fix wieder nach unten trainiert, ehe er entlassen wurde. Gleiches – in weichgespülter Variante – gelang ihm in Dortmund.“

Auch Freddie Röckenhaus (SZ) kann wenig Befriedigendes erkennen und verpasst Doll sogar schlechte Kopfnoten: „Schon die Vertragsverlängerung war angesichts der haarsträubenden Leistungen von den meisten Anhängern mit Kopfschütteln quittiert worden. Später wurde lanciert, Doll erhalte nur 450.000 Euro Abfindung. Möglicherweise, um den Unsinn der symbolischen Verlängerung im Nachhinein noch als Verhandlungsgeschick wirken zu lassen. Vor der Saison hatte man den BVB-Kader blauäugig in der Nähe der Champions-League-Plätze vermutet. Am Ende konnte man froh sein, dass die wankelmütige Mannschaft durch das Erreichen des Pokalfinals äußerst glücklich einen Platz im Uefa-Pokal-Wettbewerb ergatterte. Am Gesamtbild von Dolls Performance aber änderte dieser Überraschungserfolg nichts. Wirtschaftsratsmitglied Werner Müller, Vorstandschef des BVB-Sponsors Evonik, hat die Erkenntnis auf den Punkt gebracht: ‚Wenn man Gäste mit ins Stadion bringt, schämt man sich manchmal fast, was da für ein Fußball geboten wird.’ Auch in der Mannschaft hatte Doll seinen Kredit mehr und mehr verspielt. Mit der nervenden Wiederholung von immer gleichen Textbausteinen, mit Disco-Auftritten und anderen Eskapaden, mit personellem Schlingerkurs und rund zwanzig wechselnden Defensivaufstellungen war Doll teamintern längst unten durch. Unverständlich, warum die Klubführung dieser Selbstauflösung so lange zugesehen hatte.“

Felix Meininghaus (Financial Times Deutschland) fügt an: „Der Eindruck, dass Doll in Dortmund keinen Kredit mehr hatte, verstärkte sich mit der Meldung, der Wirtschaftsrat um Präsident Gerd Niebaum, Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer und den Bossen der beiden wichtigsten Geldgeber habe gegen Doll votiert. Im hierarchischen Gefüge dieses Klubs bedeutete das zwar nur eine Empfehlung, doch einem klaren Hinweis der Schwergewichte können sich auch die beiden Geschäftsführer nicht so einfach entziehen.“

Unseriöser Lebenswandel

Richard Leipold (FAZ) informiert uns über die Stimmung hinter den Kulissen: „Obwohl die sportliche Entwicklung nicht erst seit dem Saisonende von allen Beteiligten als unbefriedigend eingestuft wurde, hatte Hans-Joachim Watzke erwogen, weiter mit Doll zusammenzuarbeiten. Als in der Öffentlichkeit längst über die Ablösung des Trainers spekuliert wurde, hatte der Geschäftsführer immer wieder darauf hingewiesen, wie gut er sich mit dem Fußball-Lehrer verstehe. Doch dieses menschliche Fundament reicht offenbar nicht aus, um darauf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zu gründen. Zuletzt stand Doll nicht nur bei den meisten Medien in der Kritik, sondern auch bei einflussreichen Sponsoren und beim Vereinspräsidenten Reinhard Rauball. Zwei Tage vor dem letzten Saisonspiel soll der Wirtschaftsrat des BVB dafür votiert haben, die Trennung vom Trainer herbeizuführen. Doll steht in dem Ruf, abseits des Fußballplatzes einen Lebenswandel zu haben, der konservativen Führungskräften als unseriös und wenig imagefördernd erscheint.“

Montag, 19. Mai 2008

Unterhaus

Ende einer Ära

Jan Christian Müller (FR) erweist Jürgen Klopp die Ehre, der mit Mainz den Aufstieg verpasst hat: „Seit Otto Rehhagel und Thomas Schaaf in Bremen, Hennes Weisweiler in Gladbach, Winfried Schäfer in Karlsruhe, Volker Finke in Freiburg und den Bayern Udo Lattek und Ottmar Hitzfeld hat kein Fußballtrainer einen Verein ähnlich geprägt wie Jürgen Klopp Mainz 05. Es ging gestern also eine Ära zu Ende, eine beeindruckende Ära. Mit nahezu perfekt getrimmtem Defensivverhalten gelang es dem sowohl umgänglichen wie bei Bedarf auch aufbrausenden Fußballlehrer, eine Mannschaft mit bescheidenen Mitteln drei Jahre in der Bundesliga zu halten. Zudem schaffte es Klopp dank positiver Ausstrahlung und präziser wie unterhaltender Analysen von Länderspielen im ZDF, sich und ein bisschen auch den Verein überregional bekannt und beliebt zu machen. Wie viel vom charismatischen Trainer tatsächlich auf den Klub ausgestrahlt hat, wird die Zukunft zeigen müssen.“

Märchen

Joachim Klumpp (Stuttgarter Zeitung) schreibt über Hoffenheims Aufstieg: „Selten hat ein Club so polarisiert wie 1899 Hoffenheim. Was vor allem an dessen Mäzen Dietmar Hopp liegt, dem Milliardär und SAP-Mitbegründer, der das Märchen erst möglich gemacht hat: Die finanziellen Möglichkeiten in Hoffenheim sind dank Hopp nahezu unbegrenzt. Doch Hoffenheim hat nicht nur Geld, sondern auch ein Konzept. Ein gravierender Unterschied zu anderen Emporkömmlingen, weshalb der häufig herangezogene Vergleich mit Roman Abramowitsch unzulässig ist. Schließlich investiert der russische Milliardär weder direkt vor der Haustüre wie Hopp noch in talentierte Spieler, sondern vornehmlich in gestandene Stars. Es ist kein Zufall, dass Hoffenheim den jüngsten Kader der Liga stellt und ein ausgeklügeltes Nachwuchsfördersystem besitzt, das selbst dem baden-württembergischen Platzhirschen VfB Stuttgart Respekt, wenn nicht sogar Angst einflößt.“

taz: Wer zum Teufel ist Hoffenheim?

Bundesliga

Das Scheitern gehört zum Wesen dieses Klubs

34. Spieltag: Leiden mit Nürnberg, aber auch Kritik / Nervenstarke Bielefelder / Wolfsburgs Endspurt

Christian Kamp (FAZ) betrauert Nürnberg: „Das Scheitern gehört zum Wesen dieses Klubs wie zu keinem anderen im deutschen Fußball. Seit dem Abstieg 1969 als Meister schreibt der FCN fleißig weiter an seiner Geschichte der Kuriositäten mit – fast immer – traurigem Ausgang. Auch in diesem Jahr scheint es, als wären die Franken für einen Anflug von Hybris nach dem Pokalsieg hart bestraft worden. Als man die Gefahr so richtig erkannt hatte, war es womöglich schon zu spät. Auch wenn die Fans noch einmal nach Kräften Hans Meyer besangen, herrscht in Nürnberg inzwischen die Meinung, dass der ‚Club’ sich eher zu spät von ihm getrennt habe.“

Frank Hellmann (FR) kritisiert: „Wieder einmal zeigte sich, dass die Mannschaft ungeachtet ihrer spielerischen Klasse zu lieb und zu brav auftritt: untauglich für den Abstiegskampf. Der verklärte Pokaltriumph, das zu lange Festhalten an Trainer Meyer, das übertriebene Vertrauen in Torwart Jaromir Blazek, die fatale Selbstüberschätzung aller Beteiligten – die Ursachen des Nürnberger Absturzes sind vielschichtig. Immerhin hält der Klub an Thomas von Heesen und Manager Martin Bader fest. Vielleicht, weil die Vereinsführung keine alternativen Vision hatte. Im Ergebnis aber sicher das Beste, was sie in dieser Situation tun konnte. Mit der Entlassung der beiden wäre der Club nämlich endgültig wieder im Chaos angelangt.“

Nervenstärke

Roland Zorn (FAZ) macht Arminia Bielefelds Klassenerhalt an der Gelassenheit ihres Trainers fest: „Michael Frontzeck lebte die Nervenstärke vor, die am Ende vor allem gefragt war, und die Spieler, eine No-Name-Truppe, begriffen nach holprigem Start in die Rückrunde rasch. Sowieso seit Jahren gewöhnt an Hängepartien am Rande des Abgrunds, belegten die Ostwestfalen eine Woche nach der Rettung von Energie Cottbus, wohin echter Teamgeist führen kann: zu Zielen, die anderswo selbstverständlich beansprucht werden und in Vereinen wie Bielefeld und Cottbus Jahr für Jahr mit existentiellen Kraftakten erkämpft werden müssen.“

Die Verhältnisse stimmen

Peter Unfried (taz) würdigt Wolfsburgs Erfolg und die Arbeit des Trainers: „Sicher hat die Saison mit dem Aufstieg der so genannten Geldklubs Wolfsburg und Hoffenheim, sowie der für 75 Millionen Euro gekauften Wiederherstellung der Verhältnisse durch den FC Bayern für Romantiker oder Marxisten kein utopisches Moment parat gehabt. Trotzdem greift die populistische Formel ‚Geld schießt Tore’ zu kurz. Geld schießt dann Tore, wenn die Verhältnisse stimmen, zum Beispiel wenn große Trainer wie Ottmar Hitzfeld oder Ralf Rangnick das teure und qualifizierte Personal anleiten. Das gilt zu diesem Zeitpunkt auch für Felix Magath.“

Freddie Röckenhaus (SZ) fügt hinzu: „Von zuletzt zweimal Rang 15 (unter Klaus Augenthaler) hoch auf Rang 5 – einen größeren Sprung hat kein Klub in diesem Jahr gemacht. Wer verstehen will, wie Magath das gelang, musste sich bloß die Startelf anschauen: Marcelinho war der einzige Spieler, der bereits in der vorigen Saison für Wolfsburg zum Einsatz kam. Drum herum: lauter talentierte (und mehr oder weniger profilierte) Nationalspieler. Achtzehn neue Profis hat Magath verpflichtet, für 30 Millionen Euro, die ihm der Großsponsor und Klubeigner VW zur Verfügung gestellt hat – eine Summe, bei der die meisten Konkurrenten neidvoll erblassen. Der ehemalige Bayern-Trainer hat sie sachkundig angelegt: 34 Punkte holte der VfL alleine seit der Jahreswende, als der zu Saisonbeginn umgekrempelte Kader immer besser zu funktionieren begann. Rang 5 bedeutet die beste Platzierung der elfjährigen Bundesliga-Geschichte. In Dortmund kam allerdings neben einem beherzten eigenen Auftritt auch die Schwäche des Gegners hinzu.“

BLZ: Es war ein eigenartiger Auftritt – Rummenigge schimpft auf Münchens OB Ude

Samstag, 17. Mai 2008

Ball und Buchstabe

In kriegerischer Tradition

Oliver Kahn tritt ab – Würdigungen, Grüße, Videos

Christof Kneer (SZ) entschlüsselt Stil, Technik und Entstammung Oliver Kahns: „Kahn hat sein Handwerk immer gern für sich behalten, und so geht in diesen Tagen ziemlich unter, dass hier nicht nur ein Halsbeißer, Kollegenschüttler, Tunnelblick-Erfinder und Verena-Aufgabler aufhört – sondern ein sehr bemerkenswerter Torwart. Ein Torwart, dessen historische Leistung es ist, eine fünfzigjährige Ära zu ihrem Höhepunkt zu führen. Und zu vollenden. Oliver Kahn ist der letzte Torwart. Er ist der letzte sog. Zerberus, der letzte jener Höllenhunde, die den Eingang zur Unterwelt bewachen. Mit Kahn geht der letzte und beste jener deutschen Torhüter, deren vorrangige Aufgabe es war, Tore zu verhindern. Seit Toni Turek 1954 die Ungarn in Bern zum Wundern brachte, hat dieses Land seine Torhüter so lieb wie kein anderes Land auf der Welt, und so hat sich der deutsche Keeper wie von selbst fortgepflanzt. Es gab Zeiten, da hätte der siebzehntbeste Torwart der Bundesliga in jedem anderen Land (außer Italien) das Nationaltor bewacht – egal, ob es die geschmeidigen Teufelskerle der Frühzeit waren (Turek), die souveränen Stilisten (Maier) oder die Kraftmeier à la Schumacher, die das Torwartspiel in den Achtzigern um eine terminatorhafte Note erweiterten. In dieser kriegerischen Tradition steht Kahn – eine Drohkulisse mit Torwandhandschuhen. Als Kahn ein Torwart wurde, gab es noch keine Rückpassregel, und es gab keine Bälle, die links antäuschen und rechts einschlagen. Die Torwartwelt wurde von Peter Schmeichel regiert, einem hünenhaften Dänen, vor dem sich selbst der Höllenhund fürchtete. Das ist die Zeit, die Kahns Spielstil geprägt hat. Er fängt keine Flanken ab, er hält die Bälle lieber, wenn sie auf ihn zugeflogen kommen. Wenn ein Stürmer auf ihn zuläuft, wirft sich ihm Kahn knurrend entgegen. Läuft ein Stürmer auf die Torhüter neuen Typs zu, auf Robert Enke, Manuel Neuer oder René Adler, dann bleiben diese unverschämten Kerle aufrecht stehen, tänzeln, und nicht selten schießt der Stürmer dann vorbei – die neue Generation kann Paraden, ohne den Ball zu berühren.“

Save of the decade – Peter Schmeichel

Eigentlich ein Fall für den Kinderpsychiater

Thomas Hüetlin (Spiegel Online) blickt zurück ins Kahns Kindheit: „Kahn ist der erste, der zugeben würde, dass seine Karriere mit Talent wenig zu tun hatte. Talent ist bis heute ein Wort, das er nicht mag, was daran liegt, dass die Talente früher stets andere waren, nicht er. Kahn war nicht der geborene Gewinner, aber er lernte früh im Leben, dass er ein Gewinner werden könnte, wenn er das tat, was andere in ihrer Jugend für gewöhnlich ablehnen: hart zu arbeiten. Er begann, sich auf Erfolg zu programmieren, und dazu gehörte, dass er sich nur mit denen identifizierte, die siegen, immer. Konsequenterweise wählte er nicht den allseits beliebten Loser Donald Duck zu seinem ersten Idol, sondern den Unsympathen Dagobert. Als Sechsjähriger besorgte er sich auf dem Flohmarkt einen braunen Spazierstock, der jenem des Milliardärs ähnlich sah, die Mutter bat er, die Badewanne mit Geld zu füllen. Eigentlich ein Fall für den Kinderpsychiater, ganz klar, oder eben einer fürs Tor.“

Kahn 2002, ein Titan mit Fangschwäche – hier gegen Kamerun

Hier zwei tolle Kahn-Paraden gegen die USA 2002 und sein Fehlgriff vor dem Frings-Handspiel

Angekettet wie ein Hund

Der Kolumnist Hugo Gatti, ehemaliger argentinischer Nationaltorwart von 1967 bis 1977, schickt im SZ-Magazin Grüße: „Sein Gesicht! Wer er sah, bekam Angst. Das Lächerlichste, was der Fußball je verbrach, war Oliver Kahn zum besten Spieler der WM 2002 zu wählen. Sobald er den Fünf-Meter-Raum verließ, brach er sich doch jedesmal das Genick. Er war nur auf der Torlinie stark, an den Torpfosten war er angekettet, angekettet wie ein Hund. Dass er jetzt zurücktritt, dazu fällt mir nur ein: Er hätte es schon vor Jahren tun sollen.“

Deutsche Elf

Eindeutiges Zeichen an seine Mannschaft

Lob für Joachim Löws Entscheidung, vorerst 26 Spieler zu erwählen / Mitgefühl mit Timo Hildebrand, dessen Nichtnominierung jedoch von der Presse gebilligt wird

Michael Horeni (FAZ) billigt Löws Entscheidung, drei Spieler „zu viel“ mit in die Vorbereitung zu nehmen, hält sie aber für eine notwendige Korrektur dessen bisherigen Strategie: „Mit dem harten Weg überraschte der Bundestrainer nicht nur Spieler, Experten und Fans. Löw sendete mit der vorläufigen Nominierung von 26 Profis, von denen sich 3 noch ganz kurz vor der Ziellinie von ihrem sportlichen Traum verabschieden müssen, vor allem ein eindeutiges Zeichen an seine Mannschaft: Der Konkurrenzkampf, der in dieser Saison durch Löws Freifahrtscheine für Ersatzspieler, Verletzte und Rekonvaleszenten schon fast einzuschlafen drohte, ist durch den Nominierungs-Coup neu entfacht worden. Spät zwar, aber vielleicht nicht zu spät.“

Christian Zaschke (SZ) stimmt ein: „Die Nominierung macht erstmals ernst, sie ist auch ein Bekenntnis zur Reibung. Das anstehende Trainingslager auf Mallorca wird für viele Spieler so stressig werden wie eine Casting-Show auf RTL für die Kandidaten. Jeden Tag stehen sie im Blickpunkt und unter Druck, jeden Tag können sie versuchen zu beweisen, dass sie besser sind als die anderen Wackelkandidaten.“

Roland Zorn (FAZ) lobt Löw: „Wieder einmal zeigt Löw, dass seine verbindliche Art bei wichtigen Entscheidungen nicht mit einem Hang zum faulen Kompromiss verwechselt werden sollte. So schnell er aus dem großen Schatten seines Vorgängers hervortrat, so entschlossen nimmt er nun seinen eigenen Weg zum Gipfel in Angriff.“

Knallharte und konsequente Entscheidung

Ronald Reng (Berliner Zeitung) macht die Nichtnominierung Timo Hildebrands an wichtigen Kleinigkeiten fest: „Die versteckte Botschaft der Entscheidung ist offensichtlich: Die Zukunft nach dem mutmaßlichen Abtritt von Deutschlands Nummer 1, Jens Lehmann, soll ab Sommer anderen gehören Ist es gerecht? Es ist gnadenlos konsequent. Während Adler und Enke Meister der hohen Konstanz waren, weckte Hildebrand in Valencia im Detail Zweifel. Dabei war er selten so gut und selten so schlecht wie ihn viele deutsche Medien abwechselnd machten, die ihn hier nie spielen sahen – die Mehrzahl seiner Auftritte war schlichtweg niveauvoll. Auch die zwei, drei groben Schnitzer müssen nicht überhöht werden; sie passieren einem Torwart, der neu in einem Land, in einem Chaosverein, hinter einer aufgescheuchten Abwehr gelandet ist. Doch es gab immer wieder diese kleinen Momente: Hildebrand hielt einen Schuss, aber er musste nachgreifen, seine Fangtechnik korrigieren, um den Ball sicher in den Händen zu halten. Oder er rannte bei einer Flanke raus, an die er gerade so herankam, weshalb er den Ball nur unkontrolliert fausten konnte. Nach solchen Momenten ging das Spiel weiter, nichts war passiert, wenig hatte das Publikum bemerkt, doch es müssen solche Momente gewesen sein, in denen Andreas Köpke zur Meinung gelangte, Robert Enke und René Adler seien grundsätzlich besser.“

Auch Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) versetzt sich mitfühlend in Hildebrand, kann aber an der Nominierung René Adlers nichts falsches entdecken: „Seit der WM war er die Nummer 2 im deutschen Tor, er hat sich immer loyal verhalten. Er hat vor einem Jahr den Schritt ins Ausland gewagt und sich beim FC Valencia unter widrigen Bedingungen durchgesetzt. Hildebrand wollte seinen Horizont erweitern, neue Erfahrungen sammeln – um so die Nummer 1 im deutschen Tor zu werden, wenn Jens Lehmann seinen Platz nach der Europameisterschaft räumt. Jetzt liegt Timo Hildebrands Karriereplanung in Trümmern, es besteht kaum noch ein Zweifel daran, dass seine Zeit in der Nationalmannschaft beendet ist. Es ist eine knallharte Entscheidung – konsequent ist sie aber auch. Löw hat offenbar René Adler als Kronprinzen auserkoren, wofür es gute Gründe gibt: Der Leverkusener blickt auf eine überragende Saison zurück, er hat herausragende Fähigkeiten und ist erst 23. So gesehen ist es richtig, Adler schon jetzt mitzunehmen und zu integrieren. Ein Torhüter musste seinen Platz räumen – es traf Hildebrand, der als schwieriger und eigenbrötlerischer gilt als Robert Enke.“

Horeni fügt an: „Die Entscheidung für Adler und gegen Hildebrand wird vor allem Konsequenzen für die Zeit nach Jens Lehmann zeitigen. Mit dem Verzicht auf Hildebrand ist der Kampf um die Nachfolge für den Posten der Nummer 1 im deutschen Tor erstmals seit Generationen vollkommen offen.“

Reng rührt uns: „Hildebrand wird Sonntag nicht spielen, er hatte das schon vor Löws Absage entschieden, wegen einer gestauchten Hüfte. Er wollte sich schonen. Für die EM.“

Freitag, 16. Mai 2008

Unterhaus

Endgültige Ruhe?

Welche Folgen haben die derzeitigen Querelen bei 1860 München? Sebastian Krass (Berliner Zeitung) kann den Ruin nicht ausschließen: „Es stehen sich nun zwei hochgradig eitle Menschen gegenüber: Geschäftsführer Stefan Ziffzer ist scharfsinnig und wortgewandt, er wollte die Organisation des Vereins professionalisieren. Vize-Präsident Karsten Wettberg ist vor allem eine Vereinslegende. Unter dem ‚König von Giesing’ kehrten die Löwen 1991 aus den Niederungen der Bayernliga in die Zweite Liga zurück. Die beiden symbolisieren den altbekannten Konflikt zwischen Geschäft und Tradition, und der wird beim TSV so erbittert gefochten wie in kaum einem Verein. Den Auszug aus dem Grünwalder Stadion unter dem damaligen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser 1995 haben viele bis heute nicht akzeptiert. Welche Zukunft der Verein hat, ist unklar. Auf jeden Fall müssen bald Millionen von außen her. Der Hauptsponsor hat dem Präsidium einen Katalog mit Fragen vorgelegt, wie es weitergehen soll. Bis Montag, 12 Uhr, sollen die Fragen beantwortet sein. Sonst will die Firma sich verabschieden. Dem Verein droht der Fall in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Sollte der TSV jemals zur Ruhe kommen, dann wird es wohl eine endgültige sein.“

SZ/Seite 3: Sollte der 1. FC Kaiserslautern jetzt in die dritte Liga absteigen, zöge er damit das Selbstbewusstsein einer ohnehin schwachen Region mit nach unten

Allgemein

Kommt der Titel zu früh?

Wird Zenit St. Petersburg, 2:0-Sieger im Finale gegen die Glasgow Rangers, seine besten Spieler halten können? / Glasgow verliert Sympathien durch sein risikoarmes Spiel und seine randalierenden Fans

Michael Eder (FAZ) sieht die besseren Fußballer siegen und beschäftigt sich mit der Zukunft des Siegerklubs: „Für Zenit hatte sich das Finale zum erwartet schweren Stück Arbeit entwickelt. Gegen die technisch beschränkten Defensivkünstler aus Glasgow suchten die Russen lange vergebens nach der entscheidenden Lücke – und mussten dazu auf der Hut sein, nicht in einen der wenigen Konter des Gegners zu laufen. Den Platz zum ersten Tor räumten die Schotten ihrem Gegner im Überschwang der Gefühle ein, nachdem sie durch Darcheville zu einer Chance gekommen waren und in der Folge eine Spur offensiver spielten. Doch dann zeigte sich schnell der spielerische Klassenunterschied. Während die Schotten auf Kraftfußball setzten, kombinierten die Russen in den entscheidenden Szenen prächtig. Dass die Russen am Zenit ihres Könnens angelangt sein könnten, ist nicht zu erwarten. Vielleicht aber kommt der Titel sogar zu früh für eine Mannschaft, in der in Arschawin, Tymoschuk, Anyukow und dem im Finale gesperrten Toptorjäger Pogrebnyak eine ganze Reihe außergewöhnlicher Profis stehen. Die Frage wird sein, ob St. Petersburg schon die Finanzkraft aufbringen kann, solche Spieler zu halten – oder ob die Verlockungen der Ligen in Spanien und England noch zu groß sind.“

Raphael Honigstein (Financial Times Deutrschland) spottet über Glasgow: „Die Rangers-Anhänger, die im Stadtzentrum randalierten, weil kurz vor Anpfiff eine Großleinwand ausgefallen war, wussten gar nicht, was für ein Glück sie da hatten. Ihre nach 63 Pflichtspielen sichtlich erschöpfte Mannschaft zeigte kein Interesse an einer ansehnlichen Partie und wollte sich nur ins Elfmeterschießen mauern. In einem indischen Dorf soll es vor zwei Jahren Fische vom Himmel geregnet haben – die Tatsache, dass es diese erschreckend limitierte Rangers-Elf in ein Finale geschafft hatte, mutete kaum weniger bizarr an. Es war allerdings ebenfalls gut zu sehen gewesen, dass die nach dem 4:0 gegen den FC Bayern schon zum künftigen Champions-League-Favoriten verklärte Elf eine gute, aber keine sensationell besetzte Elf ist.“

In seinem Fazit wiegt er die Bedeutung des Uefa-Pokals: „Die sportliche Relevanz dieses Sammelbeckens für große Kleine (Hamburg, Bremen), kleine Große (Bayern) und alle anderen, die nicht genau wissen, wo sie international hingehören, wird mit jedem Jahr schwerer einzuschätzen. Immerhin taugt der Cup als Seismograph für die Entwicklung einzelner Teams. Die von der Moskauer Sportpresse kritisch beäugten Emporkömmlinge aus St. Petersburg werden mit Hilfe der Gasprom-Millionen wohl bald Russlands Premier Liga dominieren.“

Zenit St.Petersburg – Glasgow Rangers 2:0 – MyVideo

Donnerstag, 15. Mai 2008

Bundesliga

Wird die Bundesliga von der Spielerliga zur Trainerliga?

Hamburgs neuer Trainer Martin Jol ist kein Deutscher – das könnte ein Trend sein / Qualitätsfragen in der Trainerausbildung / Auch die Rolle der Torhüter hat sich geändert

Christof Kneer (SZ) stellt fest, dass sich, zum Vorteil für den deutschen Fußball, zum Nachteil für manch Etablierten, das Trainerleitbild in der Bundesliga wandelt: „Es ist nicht so, dass das berühmte Trainerkarussell abmontiert, kaputt oder zur Reparatur wäre; es kreiselt lustig wie eh und je, es guckt nur keiner mehr hin. Dort oben sitzen Peter Neururer, Jürgen Röber, Klaus Augenthaler, Falko Götz, Wolfgang Wolf oder Willi Reimann, aber wer in diesen Tagen einen Trainer sucht, der sucht einen, der ausdrücklich nicht in der Bundesliga sozialisiert wurde. Und falls doch, dann sollte es zumindest einer sein, der in seinem Trainerleben mindestens dreimal unfallfrei Philosophie oder Konzeptfußball gesagt hat. Fürs Land ist es eine gute Nachricht, dass die Bundesliga so langsam ihre Trainer schätzen lernt. Viel zu lange haben sich die Erstligisten hierzulande über ihre Spieler definiert, sie haben ihnen jeden Wunsch erfüllt, und wenn ein Wunsch versehentlich mal unerfüllt blieb, dann beschwerte sich der Spieler gleich beim Präsidenten – und schwupps, fand sich der zuständige Trainer plötzlich auf dem Karussell wieder, worauf, schwupps, von ebendort ein neuer zuständiger Trainer beschafft wurde. Die Bundesliga war immer mehr eine Spielerliga als eine Trainerliga. Im Ausland gelten die Trainer längst als die zentralen Gestalter, die Bundesliga ist gerade erst dabei, das so zu sehen.“

Roland Zorn (FAZ) ergänzt, auf die Vorbildlichkeit ausländischer Schulen hinweisend: „Die Trainerausbildung in der Schweiz und in den Niederlanden gilt inzwischen in Deutschland als vorbildlich. Von den anderen lernen, das ist in der Heimat des dreimaligen Weltmeisters nicht mehr verpönt. Setzt Matthias Sammer seine Pläne durch, wird sich in der Ära nach dem DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller einiges ändern. So dürfte die Zeit des Studiums länger werden; viele Qualitätsfragen harren einer gründlicheren Antwort als bisher. Sechs Jahre dauert die Ausbildung in den Niederlanden bis zum höchsten Diplom. Die derart umfassend geschulten Trainer sind begehrt in aller Welt. Zwar gehören die Bundesliga-Neulinge Fred Rutten und Martin Jol nicht zu den Trainerstars ihres Landes wie Guus Hiddink, Frank Rijkaard oder Leo Beenhakker, sie gelten aber als vielversprechend und unverbraucht. Sie passen zur Bundesliga, die international auch nicht allererste Wahl ist. Umso erfreulicher, dass in ihr zumindest die Neugier zu wachsen scheint, alte Pfade zu verlassen und mit neuen Männern neue Wege zu finden.“

Einer der Fußballabende, die ich nie vergessen werde

Lesens- und sehenswertes über Martin Jol findet man auf allesaussersport, wo an das letzte Spiel Jols als Tottenham-Coach erinnert wird, als er und das Stadion während des Matchs per SMS von seiner Entlassung erfuhren: „Die Mannschaft schießt aus allen Lagen, doch der Ausgleich will nicht fallen. Das Spiel geht in die Nachspielzeit und die Zuschauer erheben sich ein letztes Mal, um Jol Standing Ovations zu geben und seinen Namen zu skandieren. Als das Spiel abgepfiffen wird, geht Jol wort- und grußlos unter den Standing Ovations der Zuschauer in die Kabinen. Selbst aus über tausend Kilometer Entfernung und nur am Fernseher, war dies einer der Fußballabende, die ich nie vergessen werde. Auch deshalb bin ich gespannt drauf, Martin Jol wiederzusehen.“

Tsp: Jol, der Sechs-Millionen-Euro-Mann

Essen auf Rädern per Laptop

Andreas Burkert (SZ) erneuert die These vom geänderten Status deutscher Tormänner: „Sie müssen sich vorkommen wie die Großeltern, die plötzlich am Laptop bei ‚Essen auf Rädern’ ihre Mahlzeiten bestellen sollen. Denn Torwächter haben ja neuerdings nicht nur Bälle zu halten, sondern auch Fußball zu spielen, das Spiel zu lesen und zu eröffnen. Ein sprintstarker Verteidiger sollen sie auch noch sein. Und Fehler sind verboten, nach Malheuren werden sie entweder in der Halbzeit des Amtes enthoben, wie dies in Wolfsburg auf eine recht unwürdige Weise Simon Jentzsch erfuhr. Oder es ersetzt sie rasch junges Gemüse, wie vergangene Spielzeit Jörg Butt vom Teufelskerl René Adler und Frank Rost von Manuel Neuer verdrängt wurde. Klinsmann ist schuld!, heißt es seitdem zurecht, denn sein revolutionärer Geist hat sich auch in diesem Detail als Trend durchgesetzt.“

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