Dienstag, 18. März 2008
Bundesliga
Konturen einer Spitzenmannschaft
Bayer Leverkusen hat Werder Bremen nicht nur in der Tabelle überholt, sondern auch in der Gunst der Journalisten und Wahrsager
Philipp Selldorf (SZ) verpasst Bayer Leverkusen nach dem 4:1 gegen Nürnberg ein Gütesiegel: „In der zweiten Halbzeit spielte Bayer jene Qualitäten aus, die das Team zu einem seriösen Versprechen machen. Das jugendliche Wirbeln von Barnetta, Castro, Kießling wird dann ziemlich unwiderstehlich, und zum Leidwesen des anwesenden Bundestrainers Löw verlor außer den Nürnbergern auch Bernd Schneider erneut den Anschluss, so dass er zur Pause das Feld verlassen musste. Gemäß dem amtlichen Plansoll ist ein Angriff auf die Champions-League-Ränge der Liga zwar erst fürs nächste oder gar übernächste Jahr vorgesehen. Aber diesen Entwurf hat die ehrgeizige Mannschaft für sich bereits revidiert, zumal sie in Gestalt des quasi neugeborenen Gekas plötzlich über einen zuverlässigen Torschützen verfügt. Während die Konkurrenz in Bremen oder Schalke mit sich hadert, regt sich in Leverkusen neues Interesse.“
Richard Leipold (FAZ) blickt gespannt auf das nächste Spiel in München – und den Rest der Leverkusener Saison: „Diese Partie könnte nach längerer Zeit wieder den Charakter eines Gipfeltreffens gewinnen, weil die Rheinländer sich anschicken, Konturen einer Spitzenmannschaft zu gewinnen. Ist die Leverkusener Kombination aus Spielfreude und Angriffslust am Ende doch besser geeignet, den Favoriten herauszufordern als der Ergebnisfußball des HSV oder die längst nicht mehr kontrollierte Offensive der Bremer?“
Den Nürnbergern rät Selldorf zu mehr Rücksichtslosigkeit: „Unter den Braven ist ausgerechnet der größte und stärkste Nürnberger der bravste: Jan Koller besitzt eine Seele voller Mitgefühl, für jede halbwegs spürbare Gegnerberührung entschuldigt er sich wie ein Sünder vor dem Herrn. Menschlich ist das ehrbar, aber für einen Profi leider nicht angemessen. Der 2,02 Meter lange tschechische Stürmer macht zu wenig Gebrauch von den Vorteilen seines eisernen Körpers. Dieser Mangel an Gemeinheit ist ohnehin ein zentrales Problem im Nürnberger Spiel, das mit Spielern wie Saenko, Misimovic, Mnari gehobene Technik aufweist, aber zu wenig Zweikampfhärte im Zustand der Bedrängnis.“
2008 kein Spitzenteam
Frank Heike (FAZ) meint nach dem 0:1 gegen Wolfsburg, dass aus dem Bremer Vorzug ein Nachteil geworden sei: „Erfrischend offensiv, das war dieses Mal kein Prädikat, sondern ein Makel. Denn es war kopflos, wie Werder spielte – auch nach dem Gegentor. Es blieb genug Zeit, doch ohne den guten Tim Wiese im Tor hätte Werder bei weiteren Kontern höher verlieren können. Wie es in Bremen so ist, hielten sich die Vorwürfe in Grenzen. Die Verantwortlichen vertrauen auf eine ruhige Woche ohne Pflichttermin. Der vermisste Diego wird nach seiner Sperre zurückkehren in Bielefeld. Doch in einer verunsicherten Bremer Mannschaft wird nicht er allein alles ändern können: Seit diesem Sonntag ist man bei Werder ernsthaft besorgt, dass es nichts werden könnte mit der fünften Champions-League-Teilnahme nacheinander.“
Jörg Marwedel (SZ) findet, dass sich Bremen gar keinen rigorosen Offensivstil leisten könne: „Stürmer wie Markus Rosenberg, Hugo Almeida und Boubacar Sanogo sind nicht genug, um Meister zu werden. Ohne schlagkräftige Angreifer ist das riskante Bremer Spiel eben noch riskanter. (…) Bremen hat 2008 überhaupt noch kaum wie ein Spitzenteam gespielt.“
Ultimate crime
Raphael Honigstein (Guardian-Blog) trägt zur Bayern-Niederlage in Cottbus nach: „In the eyes of the media, the Bavarian giants never really lost because the domestic opposition was better. They lost because they were ‚pomadig’, too assured of their own supremacy. The word invokes the idea of dashingly groomed aristocrats afraid to get their shoes dirty against more honest, hard-working opponents. It’s inverted snobbery, and it’s also a backhanded compliment, of course – it assumes superior talent, vast fortunes and a sense of style – but it’s never been perceived as such. In German post-war mythology, the nation was rebuilt through sheer hard work, impeccable professionalism and the will to get stuck in. Relying on money and skill was always seen as a form of cheating. It set you up for a well-deserved fall. ‚Pomadig’, in that sense, was the ultimate crime.“
Montag, 17. März 2008
Vermischtes
Inszenierung der Abwesenheit
Neue Rubrik: Blog-Schau
Jens Weinreich filmt Joseph Blatter bei der Pressekonferenz, auf der er ihm die wichtigsten Fragen zum ISL-Prozess gestellt hat: „Ich habe den Fifa-Präsidenten selten so unsicher returnieren sehen. Erstaunlich, dass er den Blicken des Fragestellers sogar ausweicht. Das ist für einen, der sonst doch jede Kamera sucht und im Spot aufblüht, durchaus bemerkenswert.“
Fooligan ärgert sich über die Sportschau vom Samstag: „Wenn wichtig tatsächlich auf dem Platz ist, frage ich mich, warum im Sportschau-Beitrag gerade Gomez der meistgenannte Name war. Die Sportschau ist ja sowieso eine Inszenierung der Abwesenheit: Essentielles eher selten, lieber über Vergangenes und Verhindertes sprechen. Wer sich dafür interessiert hätte, wie sich Marica geschlagen hat, oder ob Hilbert so langsam wieder ansatzweise den Ball trifft, kann ja in dieses Internetz gehen und Statistiken raussuchen.“
Wie üblich elaborierter äußert sich Trainer Baade zum Thema TV oder WWW: „Warum sollte ich mir die elendig langen Pausen zwischen den Spielberichten, die verquast-gekünstelten Ansagen ohne inhaltlichen Belang, die meine ästhetischen und intellektuellen Ansprüche oft unterschreitende marktschreierische, selten unterhaltsame Werbung und die nur notdürftig als Gewinnspiel verpackte weitere Werbung antun, wenn ich das Eigentliche, die Spielberichte, in seiner reinen Form, fertig zum Genießen ohne störendes Beiwerk, nur ein paar Minuten später bei YouTube und seinen Klonen finde?“ Und Blog-G ärgert sich über Poschmann.
Das Nachspiel stellt eine spannende Standardvariante des AS Rom vor: den indirekten Eckball. Wenn mich nicht alles täuscht, hab ich das zuletzt von Hans-Uwe Pilz gesehen. Sehr lesenswert! allesaussersport übersetzt einen Text aus der L’Équipe, in dem ein Zehnpunkteplan zur Verbesserung des französischen Vereinsfußballs erstellt wird. Hintergrund: Erneut ist Frankreich nicht im Europapokalviertelfinale vertreten.
offtherecord befürwortet einen Olympia-Boykott, allerdings nicht durch den Sport, sondern durch die Wirtschaft: „Fast schon programmiert lösen die blutigen Unruhen in Tibet die Frage nach einem Boykott der olympischen Spiele aus. Zu kurz gesprungen. Ein Boykottaufruf besänftigt erstmal den Volkszorn, der Boykott selbst bestraft aber die Sportler von Olympia und dürfte Peking kaum beeindrucken. Druck auf China kann wohl nur über eine gemeinsame Aktion der Sponsoren erfolgen. (…) Aus deutscher, europäischer Sicht dabei besonders interessant: Wie verhalten sich Adidas, VW, Coca-Cola, McDonalds, Lenovo, Samsung, Johnson & Johnson, Panasonic, Visa?“
Das Nachspiel sammelt Stimmen aus der Presse, der Politik und dem Sport zum Thema: Olympia-Boykott – Ja oder Nein? In der ZDF-Mediathek sehen Sie das Interview mit dem DOSB-Chef Thomas Bach über die Verantwortung des IOC. Ungewöhnlich kritisch erleben (und goutieren) wir Herrn Poschmann. Irritiert nehmen wir Bachs USA-Vergleich zur Kenntnis: „Müssten wir nicht auch dort mögliche Spiele boykottieren, wo es die Todesstrafe gibt?“
Blog-Schau ist eine neue freistoss-Rubrik. Über die Frequenz wird noch entschieden, auch ein neuer Name soll her. Haben Sie eine Idee? Dann schreiben Sie mir fritsch [at] indirekter-freistoss.de
Bundesliga
Die Bayern haben selbst dafür gesorgt, dass Hitzfeld umstritten ist
Die Fußballjournalisten verkneifen sich Schadenfreude über die Bayern-Niederlage in Cottbus, sorgen sich aber um die deutschen Nationalspieler in den Reihen Münchens und um die Autorität Ottmar Hitzfelds; Huub Stevens habe dagegen alles im Griff; Schalke hat, trotz Sieg gegen Duisburg, keinen Kredit bei Fans und Presse; Maik Franz, „Bad Guy“ aus Karlsruhe; Bochum und Stuttgart gleichstark – die Pressestimmen zum 24. Bundesliga-Spieltag
Dass Cottbus Bayern besiegt – etwas besseres könne der Liga nicht passieren, meint (etwas berechenbar) Roland Zorn (FAZ): „Für die Liga sind die rabenschwarzen Tage der Überflieger ein Segen. Wenn alles nach Programm verliefe, wo bliebe dann eines Tages das Zuschauerinteresse, das in keiner Fußball-Klasse weltweit so rege ist wie in der Bundesliga. Mindestens einmal pro Jahr, wenn nicht gar häufiger, müssen auch die Bayern wie in Spanien zuletzt auch die Fußballriesen von Real Madrid oder dem FC Barcelona zum Gespött der Leute werden, soll sich der Spaß am Spiel auch mit der im Fußball immer wieder gern erlebten Schadenfreude verbinden. Ribéry mal nicht überirdisch, Toni mal auf Stolperkurs, Klose mal (wieder) irgendwo im Abseits und Lucio mal wie die Karikatur eines Abwehrspielers: auch das gehört zum circensischen Massenspektakel.“
Zum Schattengewächs zurück entwickelt
Klaus Hoeltzenbein (SZ) denkt an die deutsche Nationalelf und legt die Stirn in Falten: „Joachim Löw hat einmal das Bild entworfen, wonach jeder Nationalspieler seine eigene Firma sein müsse. Aktuell sieht es so aus, als wären die Indikatoren einer abschwächenden Konjunktur auf dem Fußballplatz zu erkennen. Und die Not ist auch dort, wo sie nicht zu vermuten war: im reichen Süden, beim FC Bayern. Von diesem Klub wird stets erhofft, dass er einen Block zur Verfügung stellt, viele kleine, gesunde Firmen, die bei den Turnieren dann das große Ganze tragen. Wie aber soll das im EM-Sommer gehen, bei solchen Bilanzen? Lukas Podolski hat in der Bundesliga seit einem Jahr nicht mehr getroffen. Miroslav Klose wurde in der Rückrunde erst ein Tor angerechnet – beim 1:0 auf Schalke, als er einem Schuss des Kollegen Ribéry nicht mehr ausweichen konnte. Kloses jüngste Auftritte wirkten verhuscht wie die eines Geckos, der nimmermehr zurück will ans Tageslicht. Und in Cottbus wurde erneut der notorisch aktionsarme Bastian Schweinsteiger bereits zur Halbzeit ausgewechselt, aber auch Philipp Lahm. Die Niederlage des FC Bayern war besonders eine Niederlage seiner deutschen Nationalspieler. Keiner zeigt sich, keiner drängt sich auf, nicht einmal, wenn Ribéry und Toni schwächeln. Im Glanz, den der Franzose und der Italiener auf sich ziehen, hat sich manch einer zum Schattengewächs zurück entwickelt. Die Firma arbeitet nur noch im Dunkeln.“
Selbst dafür gesorgt, dass Hitzfeld umstritten ist
Stefan Osterhaus (taz) stellt die Trainer-„Politik“ der Bayern in Frage: „Das Timing der Klinsmann-Präsentation ist oft bewundert worden – mit dem Argument, dass die Performance des Teams nun nebensächlich sei, weil nur noch der FC Bayern unter Jürgen Klinsmann interessieren werde. In genau dieser Situation finden sich die Bayern jetzt wieder: Sie haben die Kompetenz des Trainers ohne Not untergraben. Sie redeten von Aufbruch, von Zukunft, und von Vision – ungeachtet dessen, dass sie von jenem Zeitpunkt an noch ein halbes Jahr mit Ottmar Hitzfeld leben müssen. Das Signal an die Spieler war nur allzu deutlich: Sie trainieren für ein Auslaufmodell. Und zwar nicht nur für das Auslaufmodell Hitzfeld, sondern für einen Klub, der im Begriff ist, seine Struktur komplett zu erneuern. Dass ein Trainerwechsel, der beschlossene Sache ist, nicht zwangsläufig dazu führen muss, dass ein Klub in Irritationen gerät, zeigt der HSV unter Huub Stevens. Doch der Unterschied zu den Bayern ist offensichtlich: In Hamburg wird der Nachfolger für einen starken Trainer gesucht, der nicht einen Augenblick lang umstritten gewesen war und den die Klubführung gern gehalten hätte. Die Bayern haben selbst dafür gesorgt, dass Hitzfeld alles ist – bloß nicht unumstritten.“
Düpiert
Jan Christian Müller (FR) beantwortet die Frage, wie es eigentlich passieren könne, dass Cottbus München schlägt: „Wenn in einem Fußballspiel jeder der zehn Feldspieler des viel besseren Teams in je zehn Situationen darauf verzichtet, drei, vier, fünf Meter in Richtung Mann oder Ball zu laufen, errechnen sich zusammen 300 bis 500 fehlende Laufmeter und womöglich 30 bis 50 erst gar nicht durchgeführte oder wegen fehlender Hingabe verlorene Zweikämpfe. Körperlich und läuferisch, taktisch und konditionell sind die Unterschiede im Bundesligafußball inzwischen minimal. Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Spielgerät kann somit latente Lustlosigkeit nicht kaschieren. Wer die Bayern nicht mag, braucht seine Schadenfreude darüber nicht zu verhehlen. Bayernfans müssen aber nicht übermäßig traurig sein: Meister werden sie trotzdem.“
Matthias Wolf (FAZ) stimmt in diese Kritik ein: „Das Team zeigte in keiner Phase Siegeswillen. Sinnbild hierfür waren die beiden Tore durch Branko Jelic, bei denen gleich mehrere Nationalspieler wie Lahm, Schweinsteiger, Lucio und van Buyten tatenlos zusahen. Düpieren ließen sie sich vom namenlosen Cottbuser Nationenmix, der noch mehr Treffer hätte erzielen können gegen schwer- und selbstgefällig auftretende Münchner, bei denen auch Franck Ribéry nichts gelang. Das dürfte die Diskussionen nähren, wie abhängig die Bayern von ihm sind. Er verschoss sogar einen Strafstoß, der allerdings ohnehin unberechtigt war, weil Luca Toni sich hatte fallen lassen.“
Differierende Auffassung
Von Andreas Burkert (SZ) erfahren wir, dass die Bayern erneut nicht mit einer Zunge reden: „Uli Hoeneß ist natürlich nicht sonderlich glücklich über Demichelis’ Verhalten, aber er deutete auch an, dass er Ottmar Hitzfelds Maßnahme womöglich für etwas überzogen hält. Eine differierende Auffassung von Sanktionen hatte Hoeneß bereits jüngst nach dem Platzverweis von Mark van Bommel offenbart, als er im Gegensatz zu Hitzfeld nicht für eine Geldstrafe plädierte. Und während der Trainer nun dem Egomanen Demichelis für die Rückkehr ins Training ‚erst mal laufen’ in Aussicht stellte, warb der Manager schon mal um Begnadigung. Demichelis wäre demnach in Abwesenheit und trotz des riesigen Ärgers sogar ein Gewinner von Cottbus. Sonst schlichen ja nur Verlierer davon, wie das überforderte Mittelfeld mit Zé Roberto und Schweinsteiger sowie der seltsam indisponierte Außenverteidiger Lahm. Nur Ribéry mühte sich nach der Pause, in der man ungläubig staunend auf eine zweite Torchance nach dem erschummelten Strafstoß wartete. Vergebens.“
Marcell Jansen wird in der SZ mit der feinen Stilblüte zitiert: „Wir haben den Gegner stark gemacht und sind dann den Torchancen hinterher gelaufen, die wir aber gar nicht hatten.“
So weit ist es noch nicht!
In der Berliner Zeitung bestaunt Wolf die Auferstehung Cottbus’: „Mehrere Tage lang mussten die Profis des Tabellenletzten in der lokalen Presse den Spott ertragen, dass es für sie gegen den übermächtigen Tabellenführer nur noch um zwei Dinge gehe: die Niederlage in Grenzen zu halten und das Trikot von Ribéry zu erhaschen. Als wertvolle Erinnerung an die Abschiedstournee durch die Bundesliga. So weit aber ist es noch lange nicht. Den sportlichen Striptease legte der Tabellenführer hin. (…) Keiner hatte mehr einen Pfifferling auf die zuletzt so kraft- und mutlosen Brandenburger gegeben, die vom eigenen Anhang als Ballerinas verspottet worden waren – und nun spielten sie den Souverän der Liga zeitweise an die Wand.“
Keine Spur vom Lame-Duck-Phänomen
Frank Heike (FAZ) bescheinigt dem Hamburger Trainer große Autorität: „Huub Stevens ist es gelungen, diese Mannschaft ganz auf die Gegenwart einzuschwören. Er hat alles im Griff, obwohl er nur noch zehn Wochen das Sagen hat. Keine Spur vom Lame-Duck-Phänomen. Platz 2 oder 3 und die Champions League soll es schon werden für die Hamburger. Es wäre wirklich interessant zu sehen, wie sich diese taktisch gereifte Mannschaft mit ihren vielen Optionen von der Bank gegen europäische Klasse schlägt. Und vielleicht käme Rafael van der Vaart doch noch mal ins Nachdenken, ob seine Zukunft denn unbedingt außerhalb der Hansestadt liegen muss. Wie der kleine Holländer am Samstag und am Mittwoch kämpfte, war allemal vorbildlich. Dass es den Dortmundern nicht gelang, aus der Hamburger Müdigkeit mehr zu machen, war ziemlich peinlich. Ohne die elf Treffer von Petric steckte sein Team jetzt bis zum Hals im Abstiegskampf. Wenn Thomas Doll sieht, welche Hamburger Mannschaft da so spielt, müssen ihm die Tränen kommen: Außer Boateng waren alle zu seiner Zeit in Hamburg auch schon da. Aber meistens verletzt.“
Das Duisburg Europas
Schalkes knapper Sieg – Richard Leipold (FAZ) sieht Duisburg, denkt an Barcelona und warnt den Schalker Mittelstürmer: „In seiner aktuellen Form läuft Kevin Kuranyi Gefahr, seine Chancen auf eine Nominierung für die Europameisterschaft zu schmälern. Einige Fachleute sehen ihn sogar schon auf ähnlichen Abwegen wie vor zwei Jahren, als er mit unzureichenden Leistungen seine sichergeglaubte Teilnahme an der WM verspielte. Der Unmut mancher Schalke-Fans erinnert auch akustisch an jene Zeit. Unzufriedenheit ist in Schalke ein Stück Normalität – sogar an einem vermeintlichen Glückstag wie diesem, der in der Mittagszeit die Illusion förderte, Schalke könne mehr sein als nur eine Sternschnuppe am europäischen Fußball-Firmament. Aber was hat die Westfalen eigentlich davon abgehalten, ihre Begeisterung über das Champions-League-Los mit auf den Rasen zu nehmen? Die anfangs forschen, später nur noch verteidigenden Duisburger Abstiegskämpfer können es nicht gewesen sein. (…) Vielleicht war der Auftritt ja auch Teil einer besonders raffinierten Verschleierungstaktik; vielleicht wollten die Gelsenkirchener den FC Barcelona in Sicherheit wiegen, auf dass die Katalanen Schalke noch mehr unterschätzen, als sie es möglicherweise ohnehin tun.“
Auch Philipp Selldorf (SZ) misst den Sieg gegen Duisburg nicht mit Bundesliga-Ellen: „Das Bild hinter der aktuellen Punkt- und Wettbewerbsstatistik ist bei Schalke unverändert trist. Die Betrachtung der Partie ließ die Tatsache abstrus erscheinen, dass ein paar Stunden zuvor der FC Barcelona als Gegner bestimmt wurde. Im gegenwärtigen Stadium der Euroliga ist Schalke ein MSV Duisburg, eine Größenverschiebung tritt ein, die komisch ist.“
Übertreibender Leitwolf
Tobias Schächter (SZ) sagt genau, was ihn an Maik Franz stört, dem Karlsruher Abwehrspieler, der gerade dabei ist, zum „Bad Guy“ der Liga zu werden: „Unschuldig ist Franz an seinem Image nicht. Es ist nicht so sehr seine harte Gangart, die ihn ins Gerede bringt, auch andere Abwehrspieler agieren hart. Was Franz schadet, ist die oft übertriebene Interpretation seiner Rolle als Leitwolf, die sich in einer aggressiven Körpersprache ausdrückt. Er müsste wissen, dass es sich verbietet, auf Spieler, die verletzt am Boden liegen, mit dem Finger zu zeigen und auf sie zuzurennen, als wolle man sie durchschütteln. Am Samstag war das nicht zum ersten Mal der Fall. Eine oft angewandte Marotte ist es zudem, beim Verlassen der eigenen Hälfte den gegnerischen Stürmer anzurempeln. Am Samstag hatte man den Eindruck, als bisse sich der Publikumsliebling mit Lust in seiner Rolle fest. Gegen die Eintracht raubten die Hahnenkämpfe, die Franz immer wieder mit Amanatidis und Weißenberger austrug, dem KSC die Kraft und den Spielfluss, um dem Duell noch eine Wende geben zu können.“
Ohne gefühlten Verlierer
Ulrich Hartmann (SZ) bemerkt Gleichmaß beim 1:1 zwischen Bochum und Stuttgart: „Es gab nicht nur effektiv keinen Verlierer, sondern auch keinen gefühlten. Die Stuttgarter hatten nach vier Siegen in Serie mit ihrem zweiten Unentschieden in dieser Saison vorlieb nehmen müssen, und taten das gern angesichts eines Spiels, in dem beide Mannschaften je ein gültiges und ein fälschlicherweise aberkanntes Tor erzielt hatten, in dem beide Teams drei Gelbe Karten und drei Ecken erhalten hatten und in dem beiden beinahe das Siegtor gelungen wäre. Viel ausgeglichener kann solch ein Spiel nicht ablaufen, und viel zufriedener können zwei zur riskanten Offensive neigende Mannschaften nicht auseinandergehen.“
Samstag, 15. März 2008
Champions League
Erobert der englische Fußball die Welt – oder ist das Gegenteil der Fall?
Nach den Achtelfinals in Champions League und Uefa-Pokal differenziert Raphael Honigstein (SZ) das Urteil, die Premier League sei die stärkste Liga der Welt: „Wenn man die Ergebnisse im Uefa-Pokal in die Analyse einbezieht, kommt man zu dem Schluss, dass im Grunde nicht die Premier League den europäischen Wettbewerb dominiert, sondern die großen Vier vielmehr ihre Vorherrschaft in der heimischen Meisterschaft einfach auf den Kontinent ausgedehnt haben. Es spricht ja nicht unbedingt für die Wettbewerbsfähigkeit einer Liga, wenn sie zum fünften Mal in Serie dieselben vier Mannschaften in die Champions League schickt. Genau dieser Mangel an Fluktuation verschafft der Premier League jedoch im Vergleich zu den anderen Ligen einen zweiten, entscheidenden Vorteil: Während anderswo Emporkömmlinge wie Stuttgart, Real Sociedad, Lens oder Chievo internationales Lehrgeld zahlen und unter der Doppelbelastung leiden, sammeln die ‚Big Four’ Jahr für Jahr zusätzliche Millionen aus der Champions League, die ihren Status in Liga und Europa zementieren. Nichts ist erfolgsträchtiger als Erfolg.“
Die Ursachen für die Stärke Chelseas, Arsenals, Liverpools und Manchester Uniteds betrachtet Honigstein sehr skeptisch und versieht ihn mit Warnungen: „Die eigentliche Stärke der Premier League ist es, vier derart teure Spitzenvereine als Wirtschaftsstandort unterstützen zu können. Früher als alle anderen hat die englische Liga die Chancen auf dem internationalen Markt erkannt; ‚English Football’ hat sich als eine führende Marke der Unterhaltungsindustrie etabliert. Die größten Vereine ernten nun die Früchte der Globalisierung, aber der Preis für die Herrlichkeit ist kein kleiner: Chelsea ist auf Jahre hin den Launen von Eigentümer Roman Abramowitsch ausgeliefert. Arsenal kämpft gegen die feindliche Übernahme durch den russischen Milliardär Alischer Usmanow; United und Liverpool wurde von amerikanischen Investoren kassiert, die ihre Schulden auf den Klub abwälzten: Beide müssen große Teile des erwirtschaften Vermögens an die Eigentümer abtreten. Weil der englische Aufschwung auch auf dem Platz kaum noch mit Engländern verbunden ist – in den Achtelfinal-Rückspielen der Großen Vier kamen 13 Landsmänner zum Einsatz – muss sich selbst der Boulevard mit chauvinistischen Schlagzeilen zurückhalten. So ganz sicher ist man sich auf der Insel nämlich nicht: Erobert der englische Fußball die Welt – oder ist doch eher das Gegenteil der Fall?“
Im wöchentlichen Podcast des Guardians ist auch Honigstein Gast. Unter anderem erfahren wir von ihm das Gerücht, dass Barcelona an Manuel Neuer interessiert sei.
NZZ: Die phantastischen Vier – die Premier League setzt die Dominanz in Europas Klubfußball fort
Ball und Buchstabe
Fehlerquelle nur verlagert
Schiedsrichter Herbert Fandel sperrt sich auf Seite 2 der SZ-Rubrik Außenansicht gegen den Videobeweis: „Zeitlupen und Abseitslinien, wie wir sie als Fernsehzuschauer bislang kennen, bieten alles, nur keine Sicherheit. Sie lassen immer noch einen Spalt breit Raum für Interpretationen. Standpunkte sind zu sehr abhängig vom Auge des Betrachters. Als Fußballfan möchte ich nicht, dass Entscheidungen einer Spielszene durch ein Gremium auf der Tribüne entschieden werden. In welchen Situationen soll denn der Videobeweis eingesetzt werden? Bei Abseitssituationen, nach denen ein Tor erzielt wurde? Oder auch bei Zweikampfsituationen zur Klärung der Frage, ob der Unparteiische auf Strafstoß oder nicht erkennen muss? Und auch bei vermeintlichen Handspielen im Strafraum? Was geschieht im Fall von Eckbällen, Einwürfen und Freistößen, nach denen unmittelbar ein Tor erzielt wurde? Wann also soll das Spiel angehalten werden, und wer entscheidet dies? Wie lange darf die Spielunterbrechung dauern? Fragen über Fragen – mehr, als man jemals Antworten finden wird. Ich höre schon die Diskussionen und Streitereien, warum das Spiel gerade an dieser, nicht aber an der anderen Stelle angehalten wurde. Und was geschieht, wenn die Bilder – wie so häufig – keine eindeutigen Erkenntnisse bieten? Schiedsrichter freuen sich über jede Hilfe zur Vermeidung von Fehlern. Allerdings ist niemandem geholfen, wenn die Fehlerquellen nur von dem einen Menschen auf andere verlagert werden – und wenn Forderungen aus der Hitze des Gefechts heraus erhoben werden, nur weil sich gerade wieder einmal jemand im Nachteil wähnt.“
Am Grünen Tisch
Grobarbeit hinter den Kulissen
Der Korruptionsprozess und seine Folgen: neues aus Zug und Zürich
Welche Folgen hat der Zuger Prozess eigentlich für den Fußball, welche Wahrheiten erfahren wir über dessen Funktionäre? Noch kann man nichts genaues nicht sagen. Doch Jens Weinreich (Berliner Zeitung), zugegen auf einer Fifa-Pressekonferenz in Zürich, deutet schon mal an: „Der Fifa-Präsident, seit Montag 72 Jahre alt, ist zunehmend genervt. Doch kann Joseph Blatter gar nichts machen, er wird diese hochaktuellen Probleme nie mehr los. So spitz und ärgerlich wie am Freitag hat man Blatter sehr selten erlebt. Er sah dem Fragesteller nicht mal in die Augen. Das ist neu.“
Auch Wolfgang Hettfleisch (FR) rechnet mit Enthüllungen: „Vollends in die Schusslinie könnten die Fifa und ihr Präsident wegen einer Zahlung an den ISL-Konkursverwalter in Höhe von 2,5 Millionen Franken geraten. Die Transaktion wurde über einen Anwalt abgewickelt, der auch Blatter vertritt. Wer das Geld überwies, ist (noch) unbekannt. Der Staatsanwaltschaft gilt der obskure Geldfluss als Versuch, vorausgegangene Schmiergeldzahlungen zu kaschieren. Vielleicht war es ja auch nur himmlische Fügung, dass der bankrotte Vermarktungspartner im Gegenzug schriftlich erklärte, er sehe von Ansprüchen an Fußball-Funktionäre fürderhin ab.“
Thomas Kistner (SZ) ergänzt: „Als Patron des Korruptionssystems wurde klar der 1987 verstorbene Horst Dassler benannt. Hinter den Kulissen ist auch bekannt, dass damals seine ‚sportpolitische Abteilung’ die Grobarbeit leistete, Jean-Marie Weber zählte dazu. Ein hoher Boxfunktionär berichtete der Stasi in den Achtzigern sachkundig über Sitzungen und Aktionen. All dies hat die Funktionäre des Sports bisher nie gekümmert – eine Überraschung, wenn man nur die Schmiergeldzahlen von Zug als Größenordnung nimmt? Dagegen stehen nun zahllose Fragen. Wie die, warum Fifa-Vorständler Jack Warner aus Trinidad mehrmals Senderechte für die Karibik erwerben durfte – gegen eine nicht ganz marktgerechte Summe in Höhe von einem Dollar.“
Weiteres demnächst.
Allgemein
Rätselhaftes Phänomen
Werder Bremen scheidet aus, verliert aber nicht an Sympathie
Frank Heike (FAZ) kann es schwer begreifen, wie Bremen gegen Glasgow ausscheiden konnte, verschont den Verlierer aber mit Kritik: „Werder Bremen in guter Form mit etwas mehr Glück hätte diesen limitierten Gegner rausgeworfen. Allerdings läuft es 2008 nur schleppend bei Werder, und es ist ja ein bekanntes, wenn auch rätselhaftes Phänomen des Fußballs, dass, wenn es einmal nicht mehr läuft, gegnerische Torhüter plötzlich alles halten oder Bälle um Zentimeter am Tor vorbeigehen. Es war frustrierend für die Werder-Profis, die Europa-Tournee trotz des riesigen Aufwandes beenden zu müssen. Aber es tat auch gut, die Reaktion des sachkundigen Publikums zu erleben. Werder hatte in der Sprache Thomas Schaafs wieder ‚etwas angeboten’, einen unterhaltsamen Abend nämlich, an dessen Ende zwar das Scheitern stand, der doch aber Diskussionen um die Bremer Spielweise beenden sollte: Kein deutsches Team kann solch einen Angriffswirbel entfachen wie Werder. Insgeheim war Schaaf also enttäuscht, aber irgendwie auch zufrieden. Dass die Zuschauer seinen Fußball wertschätzen, bedeutet ihm etwas.“
Werder Bremen 1 – 0 Rangers First HalfHochgeladen von mk171995
Jörg Marwedel (SZ) über die Stärken der Sieger: „Die Schotten hatten einen kleinen Gag auf Lager: Am Zaun hatten sie eine Fahne mit der Raute des Hamburger SV aufgehängt, dem unbeliebtesten Werder-Gegner nach dem FC Bayern München. So viel zum britischen Humor. Außer ihrem Witz und ihrer Trinkfestigkeit hatten die Rangers nur noch einen Pluspunkt: Sie hatten Allan McGregor im Tor. Der machte nicht nur keinen Fehler wie Werders Tim Wiese, der im Hinspiel beide Gegentreffer verschuldete. McGregor machte zeitweise im Minutentakt Werder-Chancen zunichte.“
Werder Bremen 1 – 0 Rangers UEFA Cup Goal 1Hochgeladen von mk171995
In Taktik und Tempo verbessert
Matti Lieske (Berliner Zeitung), üblicherweise ein großer Kritiker des deutschen Fußballs, zieht ein zufriedenes Zwischenfazit: „In dieser Saison sah das alles schon wesentlich besser aus. In den frühen Runden des Uefa-Cups setzten sich die deutschen Mannschaften durch, oft in überzeugender Manier. Die Bundesliga hat sich bei Taktik und Tempo so weit verbessert, dass sie zwar nicht an Europas Topklubs heranreicht, aber wieder auf einer Stufe mit den Mittelklasseklubs der großen Ligen und den Spitzenteams der kleineren konkurrieren kann. Zwar waren zuletzt Verluste zu beklagen, doch fielen die Niederlagen sehr knapp aus und erfolgten gegen respektable Gegner.“
Bundesliga
Unart
Cottbus‘ Präsident Ulrich Lepsch blickt in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung auf die Kritik zurück, die ihm wegen der Entlassung Petrik Sanders entgegenschlug: „Das Schlimmste war für mich, dass jeder in Deutschland geglaubt hat, dazu einen Kommentar abgeben zu müssen – von Franz Beckenbauer über Joachim Löw bis zu Armin Veh. Das ist eine Unart, so etwas gehört sich einfach nicht. Kein Außenstehender hatte damals doch einen Einblick in unsere Situation. Im Nachhinein hat sich unsere Maßnahme als völlig richtig erwiesen. Aber komischerweise hat man seitdem dann von diesen Experten nichts mehr gehört.“
Du fühlst dich dort wie ein Roboter
Giovane Elber vergleicht im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung die unterschiedlichen Rahmen in München und Stuttgart: „Wenn wir früher beim VfB ein Pokalviertelfinale gewonnen haben, haben wir gejubelt, als wären wir Meister. Bei den Bayern hat über so etwas keiner gejubelt. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Nach ein paar Wochen habe ich meine Mitspieler mal gefragt: Darf man hier eigentlich gar nicht feiern? Nach einem Titel wird schon gefeiert – aber eben nur einen Abend lang. Am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Du fühlst dich dort wie ein Roboter, der auf Erfolge programmiert ist. Das ist der große Unterschied zu einem Verein wie dem VfB, in dem es familiärer zugeht. Wenn man in München bestehen will, braucht man einen starken Charakter, sonst hält man keine zwei Monate durch.“
Vize?
Thomas Klichenstein (FR) sagt zum Abschied höhnisch Servus: „Ramelow hat in seiner ganzen, 13 Jahre währenden Karriere keinen einzigen Titel gewonnen: Er wurde viermal deutscher Vizemeister, zweimal Vize-Pokalsieger (darunter einmal mit den Amateuren von Hertha BSC Berlin), er wurde Zweiter in der Königsklasse. Keiner verkörperte seinerzeit Bayer ‚Vizekusen’ besser als er. 2002 in Japan und Südkorea wurde er Vize-Weltmeister. Er ist, irgendwie passend, aktuell Vize-Präsident der Spielergewerkschaft VdV.“
Es ist aber auch wirklich komisch, dass beim letzten Leverkusen-Titel (1993) ausgerechnet Ramelow auf der Gegenseite stand. Man könnte die Spitze also noch weiter treiben: Wenn zwei typische „Vizes“ aufeinandertreffen, unterliegt eben der größere „Vize“. Haben wir eigentlich schon erwähnt, dass dieser Begriff meist falsch verwendet wird. Vize bedeutet Stellvertreter. Das ist ja mit Vizemeister irgendwie nicht gemeint. Ich sah das Spiel übrigens im Stadion, ein maues 1:0 für Bayer gegen die Berliner Zweite. Damals hatten viele Zuschauer gelbe Kappen auf: Werbung für die Berliner Olympia-Kandidatur 2000 – auch ein großes Kapitel deutscher Sportgeschichte …
Ascheplatz
Unterschiedliche Märkte
Einzel- oder Zentralvermarktung – wohin steuert die Bundesliga? DFL-Chef Christian Seifert erklärt sich heute in einem Interview mit der SZ: „Das Kartellamt hat sich entschlossen, die Zentralvermarktung im Allgemeinen juristisch zu prüfen. Faktisch ist die Zentralvermarktung unter gewissen Voraussetzungen zulässig, und die EU hat in Rat, Parlament und Kommission eine Zentralvermarktung unter Berücksichtigung gewisser Aspekte als absolut gangbaren Weg erklärt. Das hätte sie nicht getan, gingen damit unakzeptable Nachteile einher. (…) Von den Top 5 Ligen vermarkten 3 die Fernsehrechte zentral: England, Frankreich, Deutschland. Spanien vermarktet dezentral, auch Italien, allerdings wird man in Italien auf Intervention der Politik zur zentralen Vermarktung übergehen. Damit werden dann 18 von 20 Ligen der EPFL (Vereinigung der europäischen Fußball-Ligen) zentral vermarkten. Die Bundesliga hat dabei über Jahre hinweg wesentlich mehr Geld aus der Vermarktung der Medienrechte erlöst als zum Beispiel die spanische Liga. Doch in Spanien erhalten die ersten beiden Klubs 50 Prozent dieser Gelder, in Deutschland sind es etwa 11 Prozent. Man kann die Märkte nur sehr bedingt vergleichen, wir werden gezwungen, es zu tun, weil es internationale Fußballwettbewerbe gibt. Das einzige, was diese allerdings gemeinsam haben, ist die Sportart. TV-Märkte, Finanzgebaren und selbst die Besteuerung von Spielergehältern unterscheiden sich grundlegend.“
Unakzeptabel
Jan Christian Müller (FR) kritisiert den Plan, die Fußballsendungen vom Rechtevermarkter produzieren zu lassen: „Dass die DFL per Order di Mufti ein journalistisch fix und fertig produziertes Produkt zum Verkauf plant, sollte in einem Land, in dem die Pressefreiheit etwas gilt, unakzeptabel sein.“
FR: Rekordzahlen unter dunklen Wolken – DFL präsentiert positive Bilanz, macht sich aber über das Kartellamt Sorgen
Freitag, 14. März 2008
Ball und Buchstabe
Eine Stewardess im Cockpit
Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) zweifelt an der Eignung des Rekordspielers und Spielerekordlers Lothar Matthäus zum Welttrainer und Trainer von Welt: „Er hält sich für einen Trainer mit Perspektive. Am liebsten hätte er sich die Lizenz schon vor Jahren schenken lassen. Schließlich kennt er alle Stadien und Eckfahnen dieser Welt, ist mit jedem Grashalm per Du, hat auf allen Kloschüsseln sämtlicher Umkleidekabinen schon gesessen, dazu sein offenes Wesen, das Blendaxgebiss, die schöne Frisur, kein Schuppenbefall, schicker Anzug, der Gürtel passt zu den Schuhen – und dann auch noch 150 Länderspiele. Doch die Lästermäuler gönnen ihm keine Ruhe: Noch besser, goschen sie, wäre ein IQ von 150. (…) Ahnt Matthäus, was zu einem guten Trainer gehört? Dass ein solcher den Ball nicht nur fehlerfrei aufpumpen und eine gute Taktik aushecken, sondern auch in puncto Wettkampfpsychologie, Menschenführung und Trainingslehre dazulernen muss, inklusive Krisen- und Konfliktbewältigung bis hin zum Sport- und Vertragsrecht – kurz: wie man als Trainer einen vielköpfigen Hühnerhaufen mit allen Göckeln, Diven und Doofen, Spinnern und Klugen hütet, die eigene Zunge zügelt und an ‚Bild’ weder exklusiv die Aufstellung durchtelefoniert noch den Stoff für einen Schulmädchenreport mit Fortsetzung. Würde man denn eine Stewardess, nur weil sie zwanzig Jahre lang in Jumbojets auf allen Flughäfen dieser Welt gelandet ist und in jedem Luftraum den Kaffee serviert hat, ohne Pilotenlizenz eine Boeing 747 fliegen lassen?“
Allgemein
Zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird
Frank Heike (FAZ) spürt Ärger in Hamburg aufkommen: „Versteinert waren die Gesichter bei den Vorständen Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann, nachdem der HSV trotz des packenden 3:2-Sieges ausgeschieden war. Beiersdorfer haderte mit dem spanischen Schiedsrichter, Hoffmann schien darüber nachzudenken, dass auch der zweite mögliche Titel nun futsch ist: Die Meisterschaft hat er nie für erreichbar gehalten, wohl aber den DFB-Pokalsieg (verschenkt in Wolfsburg) oder eben den Triumph im Uefa-Pokal. Die Realität im Hamburger Dauerregen hieß: zweimal gescheitert, bevor es richtig interessant wird. Das drückte trotz der guten Ausgangslage in der Bundesliga richtig aufs Gemüt. (…) Die Leverkusener konnten ihr Glück kaum fassen. Doch in der Gesamtbetrachtung ist Skibbes Mannschaft mit zwei Auswärtstoren und einem Zu-null-Spiel daheim verdient weitergekommen.“
Jörg Marwedel (SZ) fügt hinzu: „Womöglich hat auch Huub Stevens seinen Anteil am Ausscheiden, dem nach dem Abschied aus dem DFB-Pokal zweiten K.o. binnen zwei Wochen. Er hatte Trochowski in der ersten Halbzeit draußen gelassen und dafür den Vadis Odjidja-Ofoe aufgeboten, der überfordert wirkte. Eine eigenartige Umstellung für ein Team, das im Rückstand liegt. Auf die HSV-Führung kommt nach dem Aus Kritik zu. Dass es noch keinen Nachfolger für den scheidenden Stevens gibt, macht nicht nur im Aufsichtsrat einige Leute unruhig. Angeblich haben Hoffmann und Beiersdorfer unterschiedliche Vorstellungen. Klingt nicht gut angesichts der ehrgeizigen Ziele.“
Christian Oeynhausen (FR) schimpft mit einem Leverkusener Simulanten: „Eine Rüge fing sich der kleine Kämpfer Arturo Vidal ein, weil er kurz vor Schluss, verletzt außerhalb des Spielfeldes liegend, auf den Rasen robbte, in der erfolglosen Absicht, sich dort zeitaufwändig behandeln zu lassen. Solche Nummern aus dem Theater-Repertoire des südamerikanischen Fußballs soll er unterlassen.“
3-2 Hamburger SV vs. Bayer Leverkusen UEFA Cup – MyVideo
So prickelnd wie ein Bottich Pflaumenmus
Wolf Dantonello (FAZ) fällt Münchner Schweigen und gute Laune auf: „Wieder lieferten die Münchner im Uefa-Pokal eine Heimvorstellung der ärgerlichen Art. Die Kundschaft zog verärgert aus dem Stadion ab – doch Karl-Heinz Rummenigge verkniff sich einen Auftritt vor den Medien, wie er nach internationalen Spielen üblich ist. Der Punktverlust gegen Bolton in der Zwischenrunde hatte letztlich keinen Schaden angerichtet, ebenso wenig tat es das 1:2 gegen Anderlecht. Die Münchner Verantwortlichen haben im Uefa-Cup gelernt, die punktuellen Enttäuschungen zu verkraften, solange das große Ganze nicht in Frage gestellt ist. Also zählt, dass man das Viertelfinale erreicht hat, und Uli Hoeneß und Ottmar Hitzfeld reagierten so gelassen, als kämen sie gerade von einer Kur im Land des Lächelns. Hoeneß trug schmunzelnd seine Hoffnung vor, dass man bei der Auslosung eine schöne Reise beschert bekomme (er favorisiert Florenz, wo er gerne Schuhe kauft).“
In der SZ lesen wir: „Die sportliche Ausgangslage war so prickelnd wie ein Bottich Pflaumenmus, daher sollte es für den FC Bayern ein Mottoabend werden: ein Empfehlungsspiel für den so genannten zweiten Anzug. Abgesehen davon, dass es bei den Münchnern keinen echten zweiten Anzug gibt, weil der Trainer ein Dauerwechselverfahren namens Rotation erfunden hat, war man kaum schlauer in der Personalbewertung.“
Eine Leser-Mail
Arrogant und respektlos
Was sich ProSieben und Kommentator Holger Pfandt erlaubt haben, ist mit „peinlich“ kaum zu beschreiben. Eine dermaßen gefärbte Berichterstattung, gepaart mit Ekel erregender Arroganz, die ich selten erlebt habe. Die ganz netten ersten fünfzehn Minuten der Bayern wurden wahlweise mit „atemberaubernd“, „zauberhaft“ oder „Feuerwerk“ tituliert, für die katastrophal lustlose Leistung der folgenden fünfundsiebzig Minuten ließ sich Herr Pfandt lediglich zu einem ‚mäßig’ hinreißen. Natürlich vergaß er dabei nie zu betonen, wie undankbar ein solches Spiel doch sei und dass die Bayern eigentlich nur verlieren könnten. Ähnliches gelte für die kommenden Spiele gegen Cottbus oder im Halbfinale gegen Wolfsburg. Von peinlichen Wortspielen mal ganz abgesehen, als er die üblichen dämlichen Gewinnspielfragen ankündigen musste („Präsident vom FC Bayern? Beckenbauer oder Kroos? – Eine kroosartige Frage!“). In der ersten Halbzeit ein Smalltalk mit Giovane Elber, in der zweiten mit Bastian Schweinsteiger. Mit Schweinsteiger tippte er die Vorrundenspiele der deutschen Nationalmannschaft bei der EM. Als Schweinsteiger anmerkte, dass Anderlecht eigentlich nur zweimal vor das Münchener Tor kam, verpasste Pfandt es selbstverständlich, seinen Co-Kommentator auf diese selten blinde Ansicht hinzuweisen, denn eigentlich hätte es schon 4:1 für Anderlecht stehen müssen. Alles in allem merkte man jedem Beteiligten bei ProSieben an, dass man sich auf ein Schützenfest der Bayern eingestellt hatte. Natürlich war ein Weiterkommen der Belgier (die Pfandt Mitte der zweiten Halbzeit in die Niederlande setzte) unrealistisch, aber muss der Kommentator das dauernd wiederholen? Das Spiel lief wenige Minuten, ein Anderlechter kassierte Gelb. Pfandt: „Das wird ihn nicht interessieren, denn das Viertelfinale für Anderlecht ist Utopie!“. Das ist dermaßen arrogant und respektlos … von journalistischen Ansprüchen mal ganz zu schweigen, aber die stelle ich an ProSieben sowieso nicht.
Ich weiß, vielleicht reagiere ich über, weil ich insgesamt zu wenig TV gucke, die Privaten ohnehin fast gar nicht mehr. Aber dieses unreflektierte, einzig auf „Event“ gerichtete Ausschlachten eines normalen Fußballspiels des FC Bayern geht mir inzwischen dermaßen auf den Senkel, dass man echt die Lust darauf verliert. Gott bewahre, wenn die Einzelvermarktung der BuLi-Clubs kommen sollte …
Eigentlich müsste man das Spiel Minute für Minute sezieren, so wie es seinerzeit mit dem ähnlich peinlichen Auftritt von Katrin Müller-Hohenstein im Bayerischen Rundfunk geschah. Ich hoffe sehr, dass dieses fast schon skandalöse Gebaren des Münchener (!) TV-Senders in der Qualitätspresse der kommenden Tage Erwähnung findet.
Mike Lukanz (Bonn), freier Journalist
Donnerstag, 13. März 2008
Internationaler Fußball
Ruf als Nummer zwei verspielt
Frank Heike (FAZ) berechnet vor dem Achtelfinalrückspiel im Uefa-Pokal den Bremer „Worst Case“ für diese Saison: „Der schlimmste Fall ist schnell ausgemalt: mit höchsten Zielen gestartet, dann ausgeschieden in DFB- und Europapokal und in der Liga auf Platz vier oder fünf gestrandet – ein Bremer Desaster? Nein. Spätestens hier kommt die Besonderheit (und Stärke) des Bremer Umfelds ins Spiel. In Person von Thomas Schaaf. Die Gelassenheit des Trainers ist keine Pose. Er sieht die Schwächen seiner Mannschaft (ohne sie in der Öffentlichkeit zu nennen). Schaaf kennt die Hintergründe. Eine derartige Häufung von Negativereignissen wie in dieser Saison habe er noch nie erlebt. Kranke, Verletzte, Platzverweise, Schlägerei, Transfertheater. Einmal fiel mangels Masse sogar das Training aus. Und das alles am beschaulichen Bundesliga-Standort Bremen?“
Von einem Ansehensverlust in Europa könne die Rede sein: „Der Abstand zu den europäischen Klasseteams ist größer geworden. Auf Dauer verspielt Werder Bremen als ständiger deutscher Vertreter in der Champions League ohne Chance aufs Achtelfinale seinen guten Ruf als deutsche Nummer zwei. Die englische Qualitätspresse wunderte sich nach Chelseas Spaziergang gegen Piräus, wie diese Griechen gleich zweimal gegen Werder hatten gewinnen können – und für die schottischen Kollegen war der Hinspielsieg eher Ausdruck der Rangers-Überlegenheit als Resultat zweier Bremer Fehlgriffe.“
Quittung für den Provinzialismus der vergangenen Jahre
Nur ein Team im Champions-League-Viertelfinale, England dagegen schickt vier – Birgit Schönau (SZ) misst nach dem Ausscheiden Inters gegen Liverpool die verschiedenen Kräfte, die Italiens Fußball in verschiedene Richtungen ziehen: „Die Dominanz der Engländer bedeutet noch nicht das Ende – vor fünf Jahren standen drei Italiener im Halbfinale, das Mailänder Derby bildete ein Semifinale, und im Endspiel besiegte der AC Mailand die ewige Rivalin Juventus Turin. Der Niedergang des italienischen Fußballs ist oft herbeigeschrieben worden, tatsächlich haben die Klubs inmitten der Hooligan-Krawalle zumindest die finanzielle Talsohle durchschritten, und eine neue, beispielsweise von Arrigo Sacchi geprägte Trainergeneration führt die alten Catenaccio-Klischees ad absurdum. Es ist andererseits nicht zu leugnen, dass die Nachwehen des Manipulationsskandals von 2006 auf der internationalen Bühne bis jetzt zu spüren sind. Die Champions League wurde erstmals von den traditionell heimatfixierten Klubs zum Saisonziel Nummer eins erklärt, das hieß aber noch lange nicht, dass die Mannschaften tatsächlich fit waren für die Auseinandersetzung mit der europäischen Konkurrenz. Jetzt kommt die Quittung für den Provinzialismus der vergangenen Jahre, den Kleinkrieg in der Liga, die Verschwörungstheorien und die Schiedsrichteraffären, mit denen sich die Klubs weitaus intensiver befassten als mit einem vernünftig gemanagten Transfermarkt.“
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