indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 20. Februar 2008

Unterhaus

Vorerst aus der Problemphase gerettet

Zwei Pressestimmen zum Auswärtssieg der Mainzer beim Tabellenführer Mönchengladbach

Richard Leipold (FAZ) nimmt dem Trainer der Verlierer die mündliche Prüfung ab: „Im halboffiziellen Teil sagte Jos Luhukay, es sei nun wünschenswert, ja notwendig, den Schwierigkeiten ‚mit Positivismus’ zu begegnen. Nicht jedem hat sich sofort erschlossen, was der Dozent damit meinte. Wollte er die Krise, die keine sein und schon gar keine werden soll, etwa philosophisch angehen, als Vertreter der positivistischen Schule? Die vertraut allein dem Tatsächlichen, Zweifellosen und lehnt metaphysische Erklärungen für den Lauf der Dinge ab. Luhukay ist durchaus ein Trainer, der die Analyse beherrscht und sich an die Fakten zu halten versteht. Aber die vermeidbare Niederlage hatte ihm derart zugesetzt, dass er unentwegt das (fehlende) Glück als maßgeblichen Faktor nannte, so als wäre sonst alles in Ordnung. Vermutlich waren dem Fußball-Lehrer nur die Begriffe verrutscht, und er wollte für ein positives Denken werben, das zur Grundlage für die Rückkehr zu einem erfolgreichen Spiel werden soll. Ob man die Argumente des Trainers philosophisch oder einfach nur mit gesundem Fußballverstand betrachtet: Dem Zuhörer drängte sich der Verdacht auf, die Gladbacher wollten ihre Situation schönreden. Auf dem Rasen waren sie zum wiederholten Mal nicht wie ein Champion aufgetreten, sondern eher wie eine Mannschaft, die gute Vorsätze gefasst hat, sie aber seit längerem nicht (mehr) in die Tat, also in Siege, umzusetzen vermag.“

Ulrich Hartmann (SZ) blickt auf den Sieger und die Tabelle: „Nerven zeigen dieser Tage alle Spitzenteams der Zweiten Liga. Keines legt eine Siegesserie hin, alle haben Angst vor einer Krise. Auch die Mainzer haben sich mit diesem Erfolg vorerst aus einer Problemphase gerettet. Nach zuvor drei sieglosen Spielen haben die Mainzer erstmals wieder gewonnen und sind dadurch gleich auf den 2. Platz gehüpft. Für sie war dieser Erfolg doppelt wichtig. Sie kämpfen ja nicht nur um den Wiederaufstieg in die Bundesliga, sie kämpfen außerdem noch um ihren Trainer Klopp, der bis Ende März entscheiden will, ob er seinen Vertrag verlängert oder nach sieben Jahren in Mainz erstmals bei einem anderen Klub anheuert.“

Dienstag, 19. Februar 2008

Bundesliga

Einer, mit dem Bayern den Jackpot knacken kann

Luca Toni schießt drei Tore und untermauert den Respekt in der Presse / Oliver Kahn empfiehlt sich fürs deutsche Tor (NZZ) / Hamburg wird wieder grimmiger, stevens-hafter (FAZ)

Roland Zorn (FAZ) ortet die Kanonen Luca Tonis beim 3:0 in Hannover: „In Hannover bediente sich Toni, dessen Urgewalt sich mit einer filigranen Schusstechnik mischt, demonstrativ aus seinem sportlichen Waffenarsenal: das 1:0 ein kunstvoller Drehschuss, das 2:0 ein Präzisionsschuss ins rechte Eck, das 3:0 ein gedankenschnell ausgeführter Kopfball. (…) Vier Chancen, drei Treffer, ein Hattrick, der erste der Bayern seit Hans Dorfners Glückstag gegen Hannover 96 am 29. April 1989.“

Jörg Schallenberg (Spiegel Online) bewundert Tonis stämmige Haltung: „Ein Stürmer, der in der Serie A brilliert hat und in der italienischen Nationalmannschaft als unverzichtbar gilt, mag sich vor seiner Mamma daheim oder vor Einbrechern in seiner Luxusvilla fürchten – aber ganz sicher nicht vor den Anforderungen der Bundesliga oder aufgeregten Schlagzeilen am Zeitungskasten um die Ecke. Es ist genau dieser Hintergrund, der Luca Toni zu jenem Stürmer werden lässt, der sein Vorgänger Roy Makaay trotz 78 Toren in 129 Bundesligaspielen und diversen Gerd-Müller-Vergleichen nie werden konnte: ein Stürmer, der nicht nur am Strafraum lauert und gelegentlich auf den Flügel ausweicht, sondern einer, der im ganzen Spiel schon durch seine wuchtige Erscheinung Präsenz zeigt und sich auch international durchsetzen kann. Er ist einer, mit dem Bayern den Jackpot knacken kann – in der Champions Legaue. (…) Selbst die kritischsten Mitspieler bei den Bayern hat der Stürmer schon von sich überzeugt.“

Alte und neue Stärken

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) bringt mit Empirie Oliver Kahn wieder ins Spiel um den Platz im deutschen Tor: „Eine jüngst veröffentlichte Statistik förderte Unglaubliches zutage: Ausgerechnet Kahn, dem selbst allerbeste Freunde zähneknirschend rudimentäres Ballgefühl attestieren müssen, ist die Nummer eins in der Spiel-Eröffnung. Niemand bringt so viele Pässe an die Vorderleute, keiner ist mit seinen Abwürfen präziser. Selbstverständlich wird Kahn auch im Spätherbst seiner Karriere nicht dreißig Meter vor dem Tor intervenieren, wie es der Schalker Neuer schon oft getan hat. Aber wenn er die Linie verlässt, dann macht er einen äußerst sicheren Eindruck. Und das war bei ihm, dem neuzeitlichen Archetyp aller Reflexwunder, nicht immer so. Natürlich will Kahn nach offizieller Lesart keinen Gedanken an das Nationalteam verschwenden. Aber die Not des deutschen Bundestrainers, jenen Posten diskussionslos zu besetzen, den Kahn einst als sein Eigentum betrachtete, dürfte ihn amüsieren. Denn ginge es nach bloßen Leistungskriterien und der internationalen Erfahrung, käme zur Stunde niemand an ihm vorbei. Es wirkt sonderbar, aber ausgerechnet in jenem Moment, in dem der deutsche Fußball die Zukunft feiern wollte, avanciert der Mann der Vergangenheit zu alter Stärke. So ist das mit Kahn. Er ist erst geschlagen, wenn das Spiel zu Ende ist.“

Stevens-Fußball

Frank Heike (FAZ) schöpft aus dem Sieg gegen Bochum Hamburger Hoffnung: „Dieses 3:0 lässt den HSV sehr selbstbewusst zum Tabellenführer nach München reisen. Denn nach zwei zweifelhaften Unentschieden – einem rundweg schwachen Spiel gegen Hannover, einem wenig durchsetzungsfreudigen Auftritt in Leverkusen – hat der HSV pünktlich zum Spitzenspiel die Form wiedergefunden, die für das Bayern-Spiel alles möglich erscheinen lässt: abwehrstark, grimmig, hart, unbequem, nicklig; man könnte die Liste beliebig verlängern, um den Stevens-Fußball zu beschreiben, den vor allem de Jong, Reinhardt, Demel, Guerrero und Jarolim verkörpern. Es ist sehr schwer, diesen HSV zu besiegen. (…) Zwei Tore von Jarolim, der bei seiner Rennerei und dem ständigen Hinfallen manchmal vergisst, dass er auch Fußball spielen kann.“

Bundesliga

Die Bedeutung dieser Personalie ist kaum zu überschätzen

Die Vertragsverlängerung Klaus Allofs’ wird ausnahmslos gefeiert – und zwar nicht nur für Werder Bremen, sondern für die ganze Liga

Jan Christian Müller (FR) sieht das Bremer Modell gesichert: „Der Konkurrenzdruck im Profifußball ist ungleich größer als in vielen anderen Branchen der Wirtschaft – und Bremen hat mit seinen knapp 550.000 Einwohnern, einer Arbeitslosenquote von mehr als zehn Prozent, einem Einzugsgebiet von weniger als zwei Millionen Menschen und einem Stadion, das selbst mit der nun anstehenden Ausbaustufe auf 50.000 nur mühsam den Anschluss an die modernen Großprojekte hält, infrastrukturell unübersehbare Standortnachteile. Standortnachteile, die durch eine geschickte Personalpolitik und ein hervorragendes Krisenmanagement des seit fast neun Jahren Seite an Seite arbeitenden Duos Allofs/Schaaf bislang ausgeglichen werden konnten. Der Markenname Werder und ein wenig Spannung an der Spitze der Bundesligatabelle sind eng mit diesen beiden verbunden. Deshalb ist die Vertragsverlängerung mit Allofs nicht nur ein gutes Signal für den Klub, sondern für die ganze Liga.“

Christian Kamp (FAZ) fügt an: „Es hat zuletzt nicht viele Bremer gegeben, die der bayerischen Fußball-Versuchung widerstehen konnten. Dass Klaus Allofs sich nun entschieden hat, in sein zweites Jahrzehnt als Sportchef bei Werder zu gehen, ist für den Klub aus der Hansestadt wichtiger als jede andere Personalie der vergangenen Jahre (mit Ausnahme vielleicht der Trainerfrage). Zwar hat Allofs in seinen bisherigen achteinhalb Bremer Jahren ein System aufgebaut, das die Fluktuation und die Austauschbarkeit zum obersten Prinzip erhoben hat – für den Sportchef selbst gilt das nicht.“

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) stimmt ein: „Die Bedeutung dieser Personalie ist kaum zu überschätzen. Für den SV Werder ist die Tatsache, dass Allofs bleibt, deutlich wichtiger als die Frage, ob die Herren Diego, Mertesacker oder Naldo den Klub früher oder später verlassen. Allofs hat sich gegen den Wechsel, die Herausforderung, die täglichen Streitereien mit den Vielrednern Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge entschieden – und für die Aussicht, in Bremen sein eigener Chef zu sein. Wer eine ausgeglichene, spannende Bundesliga schätzt, für den ist das eine gute Botschaft.“

Christian Zaschke (SZ) hätte sich, in München, auf Allofs gefreut: „Innerhalb der finanziellen Grenzen hat Allofs immense Kreativität bewiesen, zu seinen vielen gelungenen Transfers zählen unter anderem Johan Micoud, Miroslav Klose, Naldo, Diego. Richtig verzockt hat er sich bisher nur bei Carlos Alberto. Wobei verzocken das genau richtige Wort ist: Allofs liebt das kalkulierte Risiko; als Pferdefreund wettet er gern. Und im Zocken steckt ja auch der Gedanke: aus weniger mehr machen. Es wäre äußerst interessant gewesen zu sehen, ob der Zocker Allofs, dessen Kreativität gerade wegen der Bremer Beschränkung wächst, im reichen München funktioniert hätte. Aber dort müssen sie nun eben selbst mal kreativ werden.“

Montag, 18. Februar 2008

Bundesliga

In Wolfsburg schießt Geld Tore und verhindert Gegentore

Der Sieg der Wolfsburger in Schalke fällt auf den Trainermanager Felix Magath zurück; der anhaltende Schwung und die Ästhetik der Karlsruher erfüllen die Wünsche und die Sehnsucht der Fußballliebhaber; Duisburg im Pech; Nürnberg verliert schön – die Pressestimmen des 20. Spieltags

Christof Kneer (SZ) entdeckt immer wieder neue Seiten an Felix Magath, der mit seinem VfL Wolfsburg schon wieder gewonnen hat, diesmal 2:1 in Schalke: „So lange gibt es diesen Trainer nun schon, und noch immer weiß keiner genau, wofür er steht. Magath mag die strenge Körperlichkeit des Spiels, ansonsten ist bisher keine wirklich eigenständige Spielidee überliefert. Magath gilt als eine Art Fitnessdienstleister, der dem strategischen Gespür seiner Spieler vertraut, und das junge Glück des VfL ist noch kein Gegenbeweis für diese These. Die neue Nachricht aus Wolfsburg betrifft eher den Manager Magath – der hat mutig einen sehr interessanten Kader komponiert, mit bisher unbekannten Ausländern (Grafite, Simunek, Costa), mit unterschätzten Talenten (Gentner) und unterklassigen Profis (Schäfer). Auf Dauer wolle er nicht drei Jobs auf einmal machen, hat Magath gesagt. Wenn der Manager Magath weiterhin so schlau einkauft, dann kann er sich vielleicht bald einen neuen Trainer suchen.“

Jan Christian Müller (FR) stimmt zu, fürchtet sich aber ein wenig vor den Neureichen: „Magath hat sich die Globalisierung des Fußballmarktes mit Kennerblick zunutze gemacht Und ist auf dem besten Weg, den Beweis anzutreten: Geld schießt Tore, Geld verhindert Gegentore. Niemand soll sich wundern, wenn der Erstligist aus der Retorte eines gar nicht mal so fernen Tages in der Champions League mitspielt. Hoffentlich nicht zusammen mit Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim.“

Kollektiv voller eigenmotivierter, gut ausgebildeter Profis

Peter Heß (FAZ) analysiert den Erfolg und die Spielkultur des Karlsruher SC und warnt seine Spieler, dieses Biotop zu verlassen: „Was stellt den KSC Jahrgang 2007/08 nun über jeden Aufsteiger der vergangenen zehn Jahre? Was macht ihn zu einer Mannschaft, die in der Lage ist, Leverkusen nach einem 0:2 niederzuspielen anstatt niederzuringen, was befähigt ihn, Spieltag für Spieltag zumindest gehobene Bundesligaklasse zu bieten? Die Antwort lässt sich nicht in einen Satz pressen. Aber der entscheidende Punkt ist, dass Trainer Edmund Becker eine Vielzahl von Spielern gefunden oder entwickelt hat, die bereit sind, Initiative zu ergreifen und Verantwortung zu übernehmen. Die absolute Abwesenheit von Alibifußball zeichnet den KSC aus. In vielen Bundesligateams gehen die Kombinationen von zwei, drei Spielern aus, die zwei drei weitere einsetzen. Die anderen sind Räumezusteller, Balleroberer, Ballträger. Beim KSC versetzt sich fast jeder in die Lage des ballführenden Kollegen. Es wäre falsch, den Aufschwung der Karlsruher an einer Einzelperson festzumachen, höchstens an Becker. Das Geheimnis ihres Erfolges ist das starke Kollektiv voller eigenmotivierter, gut ausgebildeter, aber individuell keineswegs überragender Profis. Die Konkurrenz ist auf den Aufsteiger des Jahrzehnts längst aufmerksam geworden und lockt die Emporkömmlinge mit lukrativen Angeboten. Aber ob die KSC-Helden als Einzeltäter für ihre neuen Vereine genauso wertvoll sein werden wie in ihrem gewohnten Verbund, dahinter darf zumindest ein Fragezeichen gesetzt werden.“

Besonders qualvolles Scheitern

Richard Leipold (FAZ) versucht, den Duisburgern nach ihrem erneut knappen Misserfolg Trost zu spenden: „Vielleicht wäre die Niederlage für die Duisburger leichter zu verkraften oder wenigstens leichter zu verstehen gewesen, wenn sie so weitergespielt hätten wie in der ersten Halbzeit. Dann hätten sie vermutlich weitaus höher verloren, aber sie hätten die Gewissheit gewonnen, dass sie in der Bundesliga nicht das Geringste zu suchen haben. So, wie das 2:3 gegen den VfB Stuttgart zustande kam, riss es jedoch eine tiefere Wunde, als es etwa ein glattes Debakel vermocht hätte. Wieder war es die verlängerte 90. Minute, die aus dem Scheitern des MSV ein Drama machte. Kurz vor Schluss schien alles auf ein Unentschieden hinauszulaufen, erkämpft dank einer Aufholjagd in der zweiten Hälfte. Diese Dramaturgie machte das Duisburger Scheitern besonders qualvoll. Wieder nahm das Unheil spät seinen Lauf – als der MSV sich schon als moralischer Sieger einer spannenden, wenn auch fußballerisch schwachen Partie wähnte. Aber schon bei der Analyse machten die Duisburger den nächsten Fehler. Sie verfielen in Selbstmitleid und redeten sich ein, höhere Mächte seien schuld oder gar die eigenen Fans.“

Vor- oder Nachteil?

Frank Heike (FAZ) findet beim 0:2 in Bremen Gefallen am Stil der Nürnberger, zweifelt aber an der Wahl ihrer Waffen: „Wer in der noch frischen Rückrunde mal einen Blick auf Duisburg oder Bielefeld geworfen hat, konnte sich am ‚Club’ erfreuen: Da läuft der Ball durch die Reihen, es wird kaum gebolzt, und selbst in Unterzahl versuchte Nürnberg, sich nach vorn zu kombinieren. Alles sah durchdacht und geordnet aus – es bleibt nur die Frage, ob das ein Vor- oder Nachteil im Kampf gegen den Abstieg ist. Es gilt als ausgemacht, dass diese Frage am Sonntag beantwortet werden kann: Nürnberg erwartet Energie Cottbus. Und auch in dieser Partie wird der ‚Club’ versuchen, dem drohenden Unheil spielerisch zu entgehen.“

Gaukelei

Andreas Rüttenauer (taz) begeht ein Sakrileg und dreht der Bundesligakonferenz den Ton ab: „Wenn ein Flughafenausbau geplant wird, eine neue Autobahn, wenn die Kinder aus dem Neubaublock anfangen, auf der Straße Fußball zu spielen, dauert es nicht lange und eine Bürgerinitiative wird gegründet. Der Kampf gegen die Lärmbelästigung wird erbittert geführt, auch wenn er noch so aussichtslos scheint. Nur gegen den Krach, den die ARD-Radiosender jeden Samstagnachmittag veranstalten, gegen den will sich so recht niemand zur Wehr setzen. Warum fordert niemand die Abschaltung der Bundesligaschlusskonferenz, der allwochenendlichen Lärmverschmutzung via Äther. Wer einmal ein Spiel von Cottbus im Stadion gesehen hat, wer bei Hertha im Olympiastadion zu Gast war, wer je in Hannover 90 Bundesligaminuten verbracht hat, der weiß, dass nicht stimmt, was die Schlusskonferenz der Hörfunkreporter vorgaukelt.“

Mittwoch, 13. Februar 2008

Bundesliga

Nürnberg ist und bleibt für Trainer unberechenbarer als andere Klubs

Hans Meyer ist überraschend schnell entlassen worden – die Journalisten und Blogger kritisieren die Art der Trennung, zeigen aber auch Verständnis, hier und da dominiert sogar Antipathie gegenüber Meyer

allesaussersport hat sich im Internet umgehört und rekonstruiert, wie die Entlassung Hans Meyers an die Öffentlichkeit gedrungen ist: „Der Beschluss wurde am Sonntagabend gefällt, Hans Meyer offiziell aber erst am Montag gegen 19.30 Uhr informiert. Laut einem Telefongespräch mit BÄHs [gemeint ist DSF; OF] Thomas Herrmann wusste Meyer um 19 Uhr noch nichts von seinem ‚Glück’, das die Bild-Zeitung Minuten vorher auf der Website verkündete. Das reicht eigentlich schon aus, um irgendwo im Kapitel ‚persönliche Integrität’ im Bodensatz zu landen, aber es geht noch schlimmer: Offensichtlich haben ein oder zwei Vereinsobere das Sabbelwasser nicht mal für 24 Stunden halten können. In einem Fall hat gestern Vormittag ein FCN-Verantwortlicher nichts Besseres zu tun, als den Mitarbeitern eines Autohauses gegenüber zu plaudern. Im FCN-Forum ist ein Fan aufgetaucht, der davon spricht, dass der Vizepräsident Finanzen Franz Schäfer gestern Nachmittag ebenfalls die Botschaft verbreitete. Vielleicht ist es der gleiche Vorgang wie die Autohaus-Geschichte, aber wenn Präsidiumsmitglieder nicht in der Lage sind, solche Interna für sich zu behalten, während der abgeschossene Trainer noch nichts ahnend eine Pressekonferenz hält, dann ist das mit ‚unterirdisch’ nur unzureichend beschrieben. Sollten sich die Vorwürfe und Namen bewahrheiten, ist es eigentlich ein Akt der moralischen Hygiene, ein solches Präsidiumsmitglied zum Rücktritt zu zwingen.“

Auch Andreas Lesch (Berliner Zeitung) rügt die Nürnberger Verantwortlichen um Michael A. Roth zünftig: „Die Fußball-Bundesliga ist nie ein Streichelzoo für sensible Seelchen gewesen. Sie hat sich immer als Geschäft verstanden, in dem die raue Gangart dominiert. Die Art aber, wie der 1. FC Nürnberg jetzt Hans Meyer entlassen hat, ist mehr als eine der üblichen Stillosigkeiten der Branche. Sie ist Ausdruck bemerkenswerter Niveauarmut. Sie zeugt davon, dass die Nürnberger eine Führung ohne Führungsqualitäten haben. Die Nürnberger behaupten, sie hätten in den vergangenen Wochen mit verschiedenen Übungsleitern verhandelt, um für einen möglichen Rückzug Meyers ins Rentnerleben gewappnet zu sein. Diese Argumentation ist verlogen: Hier ist nicht ein reibungsloser Trainerwechsel irgendwann in vager Zukunft vorbereitet, sondern ein verdienter Mitarbeiter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gnadenlos abserviert worden.“

Es gibt vermutlich keinen schwierigeren Job

Jan Christian Müller (FR) gibt zu bedenken: „Etwas mehr Respekt hätte der so rüde Geschasste für seine Arbeit verdient gehabt, unabhängig davon, dass sich die Entscheidung durchaus als objektiv richtig herausstellen kann. Zumal sich der Thüringer, dessen Verhältnis zur Mannschaft am Ende gelitten haben soll, sich zuletzt zusehends ärger von den Medien verfolgt fühlte. Das ist keine gute Basis für erfolgreiche Arbeit in einer extremen Drucksituation. Meyer ist nicht das erste Beispiel dafür, dass ein Trainer, der Woche für Woche die richtigen Antworten selbst auf die schwierigsten Fragen wusste, schon in der Saison darauf ratlos wirkt. Thomas Doll hat das beim Hamburger SV erlebt, den er vom letzten Platz in die Champions League und postwendend zurück auf den letzten Platz führte. Armin Veh begann in Stuttgart im Niemandsland, coachte die Mannschaft zum Titel und nun zurück ins Niemandsland. Es gibt vermutlich keinen schwierigeren Job auf der Welt, als 25 Fußballprofis langfristig zu einer erfolgreichen Gemeinschaft zu coachen. Auch nicht für einen alten Fahrensmann.“

Er ist der Star

Steffen Dobbert (zeit.de) weist auf die guten B-Noten von Meyers Mannschaft: „Hans Meyers Team zählt dank seines spielerischen Potenzials, seines taktischen Verständnisses, seiner guten Spielanlage und dank der Systemvariabilität zu den besseren Bundesligisten. Wenn es nach der Anzahl der Torschüsse ginge, würde Nürnberg derzeit statt gegen den Abstieg um einen Platz im Uefa-Cup mitspielen. In der Chancenverwertung belegen sie allerdings den letzten Rang. Von 301 Schüssen landeten nur 22 regelgerecht im Tor. Eine intelligente Vereinsführung könnte darauf kommen, dass ihr Trainer gute Arbeit abliefert.“

Christoph Ruf (Financial Times Deutschland) erörtert die Zweischneidigkeit von Meyers Rhetorik: „Für Meyer mag die Mannschaft der Star sein, für die Öffentlichkeit ist er es. Genau das dürfte manch eitlen Offiziellen im Vorstand und Aufsichtsrat des Vereins stärker gestört haben als die zuletzt niederschmetternden Ergebnisse. Und auch außerhalb des Vereins war er zuletzt nicht nur unumstritten – unabhängig vom sportlichen Erfolg. Meyer ‚nerve’ mit seinen Witzeleien, hieß es immer öfter bei denen, die als Reporter seine Scherze hören mussten. Im Grunde aber übergeht Meyer mit Charme, Ironie und Witzen am Rande des guten Geschmacks gern die ihm als gesichert erscheinende Erkenntnis, dass die meisten Journalisten einen Pflichttermin abarbeiten – und weder an ihm als Person noch am Fußball ernsthaft interessiert sind. Mit Bild lebt Meyer nicht erst seit seiner Gladbacher Zeit, in der ihn das Blatt anrempelte, in einer Dauerfehde. Allein dafür muss man ihn eigentlich mögen.“

Mit Fußballunverstand diskutiere ich nicht

Trainer Baade legt sich darauf fest, dass Meyers Ironie unangebracht gewesen sei: „Wichtig bleibt aber aufm Platz, und aufm Platz spielen immer noch seine Spieler. Seine arrogante, durchaus ungerechtfertigt überhebliche Art – was hat Hans Meyer schon geleistet, außer ein, zwei drei Meisterschaften oder Pokalsiege in einer Liga auf Regionalliganiveau? – gepaart mit einer Art, bei der niemand mehr weiß, wann er Ironie benutzt und wann er gerade ernsthaft spricht, kann bei Fußballern, und seien wir auch im Jahr 2008 und fast alle haben es geschafft, sich bis zum Abitur durchzumogeln, nicht dauerhaft ankommen. Anders wäre das natürlich, wenn er die Hobbymannschaft von Monty Python oder gar der deutschen Journalistenschar trainiert hätte, dann wären seine Interviews und Halbzeitansprachen durchgehend mit Applaus versehen worden. Es scheint, als hätte sich Hans Meyer das falsche Metier ausgesucht. Wäre er Trainer im Hockey mit seinem mehrheitlich akademischen Publikum, würde er heute noch als Kandidat für den Bundestrainerposten gehandelt. Bei all seinen rhetorischen Leistungen und Ausfällen darf man eben nicht vergessen: Wichtig ist und bleibt allein die Zielgruppe.“

Auch Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) lässt sich von Meyer abstoßen: „Zweifel an seinen Methoden wischte Meyer gern mit einem Satz beiseite: ‚Mit Fußballunverstand diskutiere ich nicht.’ Dabei erweckte er den Eindruck, als vereine sich in seiner Person der Fußballsachverstand der Kollegen Hitzfeld, Lippi und Wenger. Einen Spitzenklub aber hatte Meyer während seiner Karriere nicht trainiert. (…) Am Ende blieb das Präsidium um Roth einmal mehr seiner Linie treu. Nürnberg ist und bleibt für Trainer unberechenbarer als andere Bundesligaklubs.“

taz: Meyer, ein Opfer seines Erfolgs
SZ: Feuerwehrmann mit Konzept – der Zeitpunkt der Meyer-Entlassung ist unverständlich. Mit der Verpflichtung von Thomas von Heesen haben die Verantwortlichen aber wenigstens eine gute Nachfolgerwahl getroffen
Ernst und eitel – oder geistreich und konsequent?

Dienstag, 12. Februar 2008

Internationaler Fußball

Ein Turnier mit lauter Gewinnern

Ägypten, ein Afrika-Cup-Sieger mit europäischem Stil / Liebenswertes Chaos in Sachen Turnierorganisation

Christian Eichler (FAZ) führt den Titelgewinn der Ägypter beim Afrika-Cup auf deren Anpassung an internationale Standards zurück: „Die Logik, mit der sich Afrikas Fußball auf dem Feld zunehmend organisiert und europäisiert hat, fand beim 26. Afrika-Cup, dem spielerisch besten der Geschichte, seinen logischen Sieger. Ägypten war das am feinsten abgestimmte, am flüssigsten eingespielte, das am besten auf modernen, vernetzten Fußball programmierte Team. Taktisch dominierte Hassan Shehatas Mannschaft mit dem anspruchsvollsten System, einem 3-4-1-2, während sein deutscher Gegenpart Otto Pfister damit kokettierte, ‚sich nicht um Taktik zu scheren’. So wurde das Finale in Person der Trainer und ihrer Arbeitsansätze ein Duell der Gegensätze. Shehata ist dreieinhalb Jahre im Amt und hatte den Großteil der Spieler zuvor schon in der Juniorenauswahl geformt. Pfister dagegen übernahm Kamerun erst zwei Monate vor dem Turnier. Doch wie immer, wenn im Fußball scheinbar logische Siege zu erklären sind, bleibt jener launische Rest an Zufall, der, wenn er anders will, auch ganz andere Sieger produzieren kann (die man hinterher genauso logisch erklärt). Das Finale entschied sich in einer einzigen entscheidungsschwachen Sekunde des Kameruner Mannschaftskapitäns Rigobert Song, der sich als letzter Mann den Ball vom eingewechselten Hamburger Mohamed Zidan stehlen ließ. Dessen Querpass verwertete Mohamed Aboutrika mühelos zum 99. Tor im 32. Spiel des Afrika-Cups – eine Quote, die dessen Schauwert belegt.“

Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland): „Auf den ersten Blick mag es widersprüchlich aussehen, dass ausgerechnet Ägypten diesen Afrika-Cup gewonnen hat. Nie zuvor war der Einfluss Europas auf den afrikanischen Fußball größer als in diesen Tagen, und doch haben die Ägypter dieses Turnier nun schon zum sechsten Mal gewonnen – mit einem Kader fast ohne Stars aus europäischen Klubs. Otto Pfister, der das Finale mit Kamerun gegen die taktisch disziplinierten Kombinationsfußballer aus Nordafrika 0:1 verlor, weiß eine simple Antwort auf die Frage, wie das zusammenpasst: ‚Das sind doch Europäer, verglichen mit uns hier unten.’ Tatsächlich ist der Fußball in Ägypten – anders als in den Nationen Westafrikas – stark vom temporeichen Kurzpassspiel Südeuropas beeinflusst. Technik und Gewandtheit waren in Ägypten immer wichtiger als Kraft, und traditionell steht das Kollektiv über dem einzelnen Star.“

Die Höhepunkte des Endspiels zwischen Kamerun und Ägypten (0:1)

Um das Drumherum des Turniers zu beschreiben, reiht Eichler einige köstliche Anekdoten aneinander: „So gut die Organisation des Spiels in afrikanischen Teams geworden ist, so sehr entsprach die Organisation des Turniers immer wieder den pittoresken Klischees vom unzähmbaren Schwarzafrika – in dem aber wie durch das übliche Wunder auch das größte Chaos die ansteckend lebensfrohe Stimmung der Menschen (und ihrer Besucher) nicht verderben konnte. Es gab einen Platzwart, der den Rasen vor dem ersten Spiel nicht mähte, weil er schon für die Eröffnungsfeier abgedeckt war. Und ihn dann nicht wässerte, weil schon die Kapelle kam. Bei einem Spiel gab es einen Stromausfall, bei einem anderen eine stinkende, ölige Qualmwolke, die über das Stadion fiel. Es gab Pressekonferenzen, bei denen nicht die Trainer über den Lautsprecher zu hören waren, sondern Durchsagen über falsch geparkte Autos. Es gab die Website des Turniers, auf der die persönlichen Daten von Stars wie Drogba oder Essien veröffentlicht wurden – inklusive der Nummern ihrer Reisepässe, eine Einladung zum Missbrauch der Daten durch Betrüger im Internet. Und die ansonsten öde und nur der Präsentation eines Sponsors dienende Auszeichnung für den ‚Man of the Match’ (üblicherweise einer aus dem Siegerteam) und für den ‚fairsten Spieler’ (einer von den Verlierern) wurde dann doch einmal lustig: als nämlich in Folge einer absurden Verwechslung der zweifache Kameruner Torschütze Job den Fairplay-Preis erhielt und dafür der Kollege Felix Katongo aus Sambia als ‚Man of the Match’, als überragender Mann auf dem Platz, geehrt wurde – nachdem sein Team gerade 1:5 verloren hatte. Katongos Blick, als er die klobige Trophäe erhielt, war unvergesslich: Er glotzte sie an wie einer, der sechs Richtige im Lotto hat, obwohl er gar keinen Schein abgab. Typisch Afrika-Cup: ein Turnier mit lauter Gewinnern – auch solchen, die gar nicht damit rechneten.“

Bundesliga

Ohne Ribéry nur Normalmaß?

19. Spieltag, Teil 2: der „Super-Sonntag“ – Kritik an der strategischen Schiedsrichterschelte Uli Hoeneß’ und Thomas Dolls / Bastian Schweinsteiger, Verlierer beim 1:1 der Bayern gegen Bremen / Schalke scheint nach dem Sieg in Dortmund wieder zurück im Titelkampf

Klaus Hoeltzenbein (SZ) will sich die Unverschämtheiten der Herren Hoeneß und Doll gegenüber den Schiedsrichtern nicht länger gefallen lassen: „In einem Spiel, das immer schneller und verbissener wird, das die Abseitsregel immer komplizierter auslegt, muss man sich nicht wundern, wenn versucht wird, mit dieser Rechtsunsicherheit Politik zu betreiben. Es sind meist ja nicht emotionale, sondern strategische Aussagen, die getroffen werden. Hoeneß denkt nicht an das vergangene, er denkt schon an das nächste Abseits – er setzt auf die Drastik seiner Rhetorik, damit im Zweifel auch einmal für Luca Toni entschieden wird. Eine Sportart, die sich beharrlich weigert, das Schiedsgericht mittels optischer Hilfsmittel zu entlasten, muss solche Debatten aushalten. Beängstigend ist nur, welche Qualität diese unter zunehmendem Finanz- und Wettkampfdruck entwickeln. In Dortmund hat der Trainer Doll richtigerweise gesagt, man müsse sich ‚auch ans eigene Näschen’ fassen, ehe er fatalerweise ausführte, warum die Rote Karte gegen Dede keine gewesen sei. Wer Fußball als Beruf angibt und solche Behauptungen auch nach dem Videostudium des Fouls aufrechterhält, sollte künftig bestraft werden: mit Ans-Näschen-Fassen nicht unter drei Monaten.“

Jörg Hanau (FR) unkt: „Mit Ribéry, da waren sich alle Bayern einig, wäre mehr herausgesprungen als nur dieser eine Punkt. Ohne Ribéry ist die kleine Weltauswahl auf Normalmaß zurechtgestutzt. Eine traurige, eine teure Wahrheit, die sich die Bayern da zurechtgeschustert haben. Aber ist sie auch real? Haben es sich die Bayern-Stars nicht vielmehr einreden lassen, dass es ohne das Genie aus Boulogne-sur-Mer nicht gehen kann?

Schonzeit vorbei

Elisabeth Schlammerl (FAZ) stempelt Bastian Schweinsteiger beim 1:1 gegen Bremen zum Verlierer des Tages: „Das Spitzenspiel hätte für Schweinsteiger ein Neubeginn sein können. Er hätte sich in Abwesenheit des verletzten Franck Ribéry auf seiner Lieblingsposition profilieren und die Diskussion, dass der Tabellenführer allzu abhängig sei von seinem französischen Superstar, beenden können. Hätte. Am Ende hat Schweinsteiger wieder einmal eine Chance ungenutzt verstreichen lassen. Es muss für Schweinsteiger bitter gewesen sein, nach seiner Auswechslung unter Pfiffen mit anzusehen, wie Toni Kroos die Aufgabe auf seiner Position interpretierte. Das gerade 18 Jahre alte Talent hat Ottmar Hitzfeld Argumente geliefert, es am beim FC Aberdeen doch einmal mit ihm als ‚Ersatz-Ribéry’ zu versuchen. Kroos‘ Flanken kamen ziemlich präzise, er suchte den direkten Weg zum Tor, und ein frecher Distanzschuss verfehlte nur knapp das Tor. Schweinsteigers Schonzeit in München müsste langsam vorbei sein.“

Hoeltzenbein schreibt noch zwei anderen Bayern-Spielern einen Blauen Brief: „Wer wissen will, was bei den Bayern – neben einem verschossenen Elfmeter von Luca Toni – noch so alles schief gelaufen war, der konnte sich dieses Mal sehr einfach durch die Lektüre des Spielschemas informieren. Selten einmal hatten Auswechslungen mehr Aussagekraft darüber, wo es in einer Elf hakt: Erst ging Schweinsteiger für Kroos, dann wurde Klose durch Podolski ersetzt, kurz darauf kam Sosa für Sagnol. Drei Berühmtheiten des Vereins, drei vermeintliche Stützen dieser Gesellschaft, denen der Trainer an einem richtungsweisenden Heimspielabend das Vertrauen entzog. Warum scheint der Verein jeden pädagogischen Draht zu Bastian Schweinsteiger verloren zu haben? Weshalb zeigt dieser mehr Präsenz bei Filmpreisverleihungen und Fernsehgalas, auf denen seine Freundin das aufregendste Kleid des Abends trägt? Wo hat Miroslav Klose, gesegnet mit allen Talenten eines Angreifers, seinen Sturm und Drang verloren; warum wirkt er wie gelähmt von schwerer Melancholie? Und zum Pensum von Willy Sagnol meinte Franz Beckenbauer in galliger Fürsorge, der Franzose müsse aufpassen, dass er sich ‚keine Erkältung’ hole.“

Am Samstag war von Schlammerl in etwas erstauntem Ton noch über Miroslav Kloses gelungene Integration in München die Rede: „Er hat sich reibungslos integriert. Dabei fehlt ihm auf dem Platz jene Eigenschaft, die eigentlich Voraussetzung ist, um im Münchner Starensemble nicht unterzugehen: eine Portion Egoismus. Zu selbstlos gibt Klose den Ball manchmal dem in seinen Augen vielleicht einen Tick besser postierten Mitspieler ab, statt selbst die Chance zu nutzen. Die meisten Spieler, die ähnlich dachten, sind nach ihrem Wechsel zum FC Bayern gescheitert. Wer sich klaglos hinten anstellte, seine Interessen nicht mit dem nötigen Nachdruck durchzusetzen versuchte, blieb höchstens ein Mitläufer. Jüngstes Beispiel ist Valérien Ismael. Der Franzose war als Stütze der Bremer Abwehr nach München gekommen. Der lange sehr höfliche, aber eben manchmal zu höfliche Verteidiger hat bis zu seiner schweren Verletzung zu sehr den Ausputzer für Lucio gegeben und somit oft sehr schlecht ausgesehen. Sein Aufbegehren kam zu spät und war – kurz vor seinem Wechsel nach Hannover – auch unpassend. Geschafft haben es in München bisher diejenigen, die neben großer Klasse auch ein großes Selbstbewusstsein hatten wie Michael Ballack, Stefan Effenberg oder Giovane Elber. Selbst Torsten Frings als gestandener Nationalspieler konnte sich in München nicht durchsetzen, er blühte erst bei Werder wieder auf. Ähnlich war es knapp zehn Jahre zuvor Andreas Herzog ergangen. Nach nur einem Jahr bei Bayern kehrte der Österreicher damals ins beschauliche Bremen zurück. Und wie es bei Lukas Podolski ausgeht, ist noch nicht entschieden.“

Die Spitze nicht mehr außer Reichweite

Richard Leipold (FAZ) rechnet nach dem 3:2-Sieg in Dortmund wieder mit Schalke 04: „Der ‚Supersonntag’ hat Schalke wieder dorthin gebracht, wo der Klub seinem Selbstverständnis nach hingehört, wo er auch mindestens stehen muss, um Aufwand und Ertrag in ein angemessenes Verhältnis zu bringen: auf den dritten Tabellenplatz. Der Rückstand auf Bremen ist auf zwei Punkte geschrumpft, und sogar Spitzenreiter Bayern München ist, bei fünf Punkten Abstand, nicht mehr außer Reichweite. Sollte Schalke nach dem besten Rückrundenstart aller Spitzenmannschaften gar als Überraschungskandidat in den Kampf um die Meisterschaft eingreifen? Noch wagen sie es nicht auszusprechen.“

Freddie Röckenhaus (SZ) hält dem Dortmunder Trainer seine Analyse entgegen: „Den charmanten Sonnyboy, den Thomas Doll als Standard in seinem Repertoire hat, konnte man an diesem Derbyabend beim besten Willen nicht entdecken. Während Dolls Gegenstück, Mirko Slomka, in sanfter Rhetorik das übliche Rumpeln des 131. Ruhrpott-Duells entschärfte, gab Dortmunds gefrusteter Trainer den schlechten Verlierer und moserte reichlich unelegant gegen den Schiedsrichter. Das 2:3 gegen Schalke wollte Doll zu großen Teilen Peter Gagelmann anlasten – und das in einem Stil, der dem Debakel von Dortmunds Abwehr beinahe ebenbürtig war. Dabei waren sich selbst hartgesottene BVB-Anhänger einig, dass Doll sich besser die Abwehrarbeit seiner Mannschaft vorgenommen hätte.“

NZZ: Väter der Klamotte – Eintracht Frankfurt mit dem Duo Bruchhagen/Funkel im Aufwind

Montag, 11. Februar 2008

Bundesliga

Der synchrone Niedergang von Stuttgart und Nürnberg ist unerklärlich

Der Meister und der Pokalsieger werden die Saison wohl nicht mehr erfolgreich beenden können, und die Journalisten versuchen sich vorsichtig an Antworten auf die Frage nach dem Warum; Leverkusen und Hamburg begeistern Presse und Publikum; Frankfurt ist langsam auf solidem Pfad nach Oben – die Pressestimmen zum 19. Spieltag

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) befasst sich nach der erneuten Niederlage des VfB (1:3 gegen Hertha BSC) mit der verpassten Chance, die Meisterschaft aus dem letzten Jahr zu einer Fortentwicklung genutzt zu haben: „In Stuttgart wurde der strategische Fehler begangen, vor allem in die Breite des Kaders zu investieren. Es kamen viele Mitläufer, aber kein einziger Ausnahmekönner. Bei der Attraktivität, die ein frischgebackener Deutscher Meister ausstrahlt, wären aber ganz andere, gezieltere Transfers machbar gewesen. Diese Möglichkeit wird der VfB nach einer verkorksten Saison nicht mehr bekommen. Damit ist auch die Chance zunächst einmal wieder vertan, sich ganz oben in der Tabelle zu etablieren.“

Auch Jan Christian Müller (FR) kritisiert, sarkastisch, die Stuttgarter Einkaufsabteilung: „Nicht ein Neuzugang hat sich bislang als Verstärkung erwiesen. Der in der Winterpause von der Wolfsburger Bank geholte Sergiu Radu wechselte nur den Klub, nicht aber den Status. Gledson wurde zurück nach Rostock geschickt, Ewerthon zu Espanyol Barcelona, Torwart Raphael Schäfer auf die Ersatzbank, wo Stürmer Ciprian Marica schon auf ihn wartete. Yildiray Bastürk durfte zuletzt immerhin konturlos mitspielen. Die Transferbilanz könnte trister nicht sein. Horst Heldt und Armin Veh sind selbstkritisch genug, sich ihrem Versagen zu stellen. Sie betreiben nun Krisenmanagement mit Augenmaß. Der Titel hat ihnen zudem intern so viel Respekt verschafft, dass sie von Boss Erwin Staudt und Aufsichtsratschef Dieter Hundt (noch) nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Die durch das Verpassen von Champions League-Viertelfinale und Uefa-Cup-Achtelfinale auch finanziell noch verschärfte Situation im Niemandsland der Bundesliga lässt nun für die kommende Saison kaum teure Einkäufe zu. Also auch keine Fehleinkäufe. Das ist doch mal eine gute Nachricht.“

Michael Horeni (FAZ) rätselt, ähnlich und doch anders als im letzten Jahr, über Meister Stuttgart und Pokalsieger Nürnberg, das nach dem 1:1 gegen Rostock nach wie vor auf einem Abstiegsplatz rangiert: „Unendlich weit zurück liegen jene Tage, in denen Schwaben und Franken sich mit ihren Trainern Armin Veh und Hans Meyer aufmachten, die Liga zu überrumpeln. Es waren die beiden großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Saison. Sie kamen aus dem Nichts und waren eigentlich völlig unerklärlich. Der synchrone Niedergang von Stuttgart und Nürnberg ist in seinem Ausmaß nun eigentlich genauso unerklärlich wie die Titelerfolge zuvor.“

Von einem Extrem ins andere

Auch Philipp Selldorf (SZ) widmet sich den beiden Erfolgscoachs des letzten Jahres und baut möglichen Zweifeln an ihnen vor: „Derzeit ist die Hilflosigkeit der beiden Männer offensichtlich. Sie sind vom einen Extrem ins andere geraten und wissen auf die Dynamik der Entwicklungen keine Antwort. Der eine – Meyer – mag das aberwitzige Verletzungspech beklagen, der andere – Veh – die Folgen einer missratenen Einkaufspolitik. Diese unbestreitbare Fakten heben die Haftbarkeit der Trainer nicht auf. Über deren Schicksal befinden irgendwann die Vereinsgerichte, doch bevor sich die Verantwortlichen in Nürnberg und Stuttgart ihre Ansicht bilden, sollten sie einen Blick nach Frankfurt und Leverkusen werfen: Dort hatten Friedhelm Funkel und Michael Skibbe jahrelang gegen wuchernde Skepsis und ein notorisch negatives Ansehen kämpfen müssen. Inzwischen weiß natürlich jeder echte Anhänger, dass Funkel und Skibbe schon immer brillante Baumeister des Erfolgs waren.“

Schwindelerregender One-Touch-Fußball

Bernd Müllender (Berliner Zeitung) reißt es beim 1:1 zwischen Leverkusen und Hamburg von den Sitzen: „Dem Offensivspektakel zwischen Bayer Leverkusen und dem Hamburger SV hätten ein triumphaler Glückssieger und ein tragischer Loser gut zu Gesicht gestanden. Oder zumindest ein 4:4. Hohe Ballsicherheit, schnelle Ballzirkulation mit einer Fülle offensiver Finessen bei Leverkusen, geradlinig fixer Konterfußball des HSV. Zwei extrem passsichere Teams, die die Abwehrspieler hetzten und ungewöhnlich viele Aktionen bis zum Abschluss durchspielten. Krachende Schüsse, Chancen hier im Dutzend und dort auch, meist zunichte gemacht von zwei weiteren glänzenden Linienwarten in der Lehmann-Republik.“

Christian Kamp (FAZ) sagt Leverkusen eine schöne Zukunft voraus: „Es schien, als wollten beide Mannschaften den Schatten des Super-Sonntags nutzen, um selbst noch einmal zu probieren, wie hoch sie in dieser Saison hinaus können. Da waren die Leverkusener, die eine halbe Stunde lang mit schwindelerregendem One-Touch-Fußball vorführten, dass sie technisch keinen Vergleich in der Liga zu scheuen brauchen. Barnetta, Rolfes, Schneider und Barbarez heißen die Schwungräder dieser Kombinationsmaschine, die, einmal in Gang gesetzt, nur schwer zu bremsen ist. Selten hat sich eine Mannschaft so viele Möglichkeiten gegen den von Huub Stevens‘ Organisationsdenken geprägten HSV herausgespielt wie diese Bayer-Elf. Die Hamburger wären nicht die erste Mannschaft gewesen, die sich am knisternden Bayer-Spiel die Finger verbrennt. Es ist in den vergangenen Wochen fast ein wenig zu kurz gekommen, dass Michael Skibbe aus einer Mannschaft, die vor nicht allzu langer Zeit noch ebenso regelmäßig wie beängstigend unter ihren Möglichkeiten geblieben war, ein Ensemble geformt hat, das einer klaren Spielidee folgt und inzwischen auch die entsprechenden Resultate liefert. Den Leverkusenern, so scheint es, gehört die Zukunft.“

Selldorf ruft Bravo: „Besäße die Leverkusener Rasenbühne einen Vorhang, man hätte ihn mindestens 43 Mal aufziehen müssen, damit sich die beiden Ensembles vor den applaudierenden Besuchern verneigen.“

Ruhe und Abgeklärtheit

Ralf Weitbrecht (FAZ) stellt der Frankfurter Führung ein solides Zeugnis aus: „Die Eintracht im Fußballjahr 2008 ist mehr als nur Millionen-Neuzugang Martin Fenin. Bestärkt durch wirtschaftliche Erfolge der vergangenen Jahre, hat der vom Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen angeführte Klub bisher ein feines Händchen gehabt. Frühzeitig wurde der Vertrag mit Trainer Friedhelm Funkel um ein weiteres Jahr verlängert. Langfristig wurden vielversprechende Kräfte wie Marco Russ, Patrick Ochs und eben Fenin gebunden. Zudem hat es Funkel mit der nötigen Ruhe und Abgeklärtheit verstanden, den richtigen Mix zwischen jungen und routinierten Profis zu finden.“

Doch keine Champions League

Ulrich Hartmann (SZ) stellt beim 3:3 gegen Cottbus Ernüchterung in Bochum fest: „Voller Gram waren nach dem Überraschungssieg in Bremen diesmal die Bochumer. ‚Das ist eine gefühlte Niederlage’, sagte der Trainer Koller, und die offenbar zittrige Presseabteilung des Klubs kopierte die frische Tabelle darob derart schief aufs aktuelle Informationspapier, dass die Punktstände der achtzehn Mannschaften überhaupt nicht zu sehen waren. Mit 23 Zählern balancieren die Bochumer tabellarisch dermaßen unentschieden zwischen Himmel und Hölle, dass es Koller ein Anliegen war zu betonen, niemand dürfe sich einbilden, ‚wir spielen hier um die Champions League’. Wer solche Gedanken nach dem 2:1 von Bremen versehentlich zugelassen hatte, wurde in die triste Realität heimgeholt, denn die Bochumer machten gegen Cottbus trotz ihrer drei Tore zwischenzeitlich einen solch verwirrten Eindruck, dass sie in Ballbesitz und bei 3:2-Führung von ihren Fans sogar ausgepfiffen wurden.“

Deutsche Elf

Auf und Ab

Jochen Hieber (FAZ) gibt angesichts der Leistungsschwankungen Jens Lehmanns Entwarnung: „Warum weiter auf Lehmann bauen? Weil das Auf und Ab seiner Leistung keineswegs neu ist. Zu Anfang der 90er Jahre verhöhnten ihn die Schalke-Fans als Fliegenfänger, nur um ihn 1997 zu vergöttern, als er durch einen gehaltenen Elfmeter den Uefa-Cup sicherte. Kaum anders erging es ihm später bei Borussia Dortmund, kaum anders ergeht es ihm heute bei Arsenal. Bei vielen Torleuten der Extraklasse liegen Genie und Wahnsinn dicht beieinander, bei Lehmann eben in extremem Maß. Solange die Aussicht besteht, dass, wie bei der WM 2006, auch bei der EM das Genie überwiegen wird, besteht kein Grund, ihn zu ersetzen – Spielpraxis hin oder her.“

Hier kann über Lehmann diskutiert werden

Freitag, 8. Februar 2008

Deutsche Elf

Rückschritt zum langatmigen Breitwandfußball

Nach dem „Sieg“ (3:0) in Österreich: Die deutsche Presse befallen starke Zweifel an der Nationalmannschaft und ihrem Favoritenstatus für die Europameisterschaft / Harte Kritik an der Leistung, insbesondere an Jens Lehmann / Forderung nach Joachim Löws harter Hand

Michael Horeni (FAZ) stimmt allen Mahnungen und Warnungen zu: „Die deutsche Nationalmannschaft scheint, wenn man auf das Resultat schaut, auf dem besten Weg, nach dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft nun die Europameisterschaft gewinnen zu können. Schade nur, dass das 3:0 von Wien zu den wenigen Fußballbegegnungen zählt, nach denen es sich vollständig verbietet, ergebnisorientiert zu urteilen. Die statistische Betrachtung führt in diesem besonders schweren Fall von sportlicher Täuschung nur in die Irre. Als Maßstab weit besser geeignet war diesmal der eigene Anspruch bei einem deutschen Erfolg mit vielen Grauschleiern. Oliver Bierhoff hatte ihn zuletzt nachdrücklich formuliert. Der Manager appellierte an das gesamte Team, sich endlich wieder stärker ins Zeug zu legen. Bierhoffs Weckruf aber ist ungehört verhallt. Das können auch drei Tore nicht aufwiegen. Das Team von Joachim Löw ist vier Monate vor der EM in der Phase des Rückschritts angekommen.“

Ralf Köttker (Welt) könnte aus der Haut fahren: „Die Geschichte grausamer Fußballspiele zwischen Deutschland und Österreich ist um ein trostloses Kapitel reicher. Was die Mannschaft von Joachim Löw gezeigt hat, war eine Zumutung für jeden Zuschauer und der Beweis dafür, dass es intern die Tendenz zu einer gefährlichen Gleichgültigkeit gibt. Einige Spieler haben offenbar immer noch nicht realisiert, dass in 120 Tagen eine Europameisterschaft beginnt.“

Selbstgefällig statt selbstbewusst

Matti Lieske (Berliner Zeitung) ergänzt: „Es scheint verloren gegangen zu sein, was die Mannschaft lange Zeit auszeichnete: die Fähigkeit, dank guter Organisation, hoher Konzentration und großer Laufbereitschaft jeden Gegner zu dominieren. In Wien war plötzlich wieder das alte Kraut-und-Rüben-Spiel der Vor-WM-Ära zu sehen.“

Die erste Halbzeit schenken wir uns

In einem anderen Artikel verfeinert Horeni seine Kritik: „Nach der im Oktober frühzeitig geglückten Qualifikation wirkt die Mannschaft wie von ihrem guten Geist verlassen. Die erste Halbzeit geriet dabei zum größten Tiefpunkt seit dem 1:4 vor zwei Jahren gegen Italien. Löw beschönigte nichts. ‚In der ersten Halbzeit haben wir keinen Fußball gespielt, weder defensiv noch offensiv’, sagte der Bundestrainer, dem es fast schon körperliches Unbehagen bereitete, wie seine Mannschaft in den langatmigen Breitwandfußball scheinbar längst vergangener Zeiten zurückfiel. Selbstgefällig statt selbstbewusst, überheblich statt überlegen präsentierte sich sein Team.“

Großer Verlierer

Moritz Müller-Wirth (zeit.de) erwartet nun eine harte Hand: „Der charmante Herr Löw muss vor dem Länderspiel gegen die Schweiz Ende März ein wirklich unmissverständliches Zeichen setzen und durch Nichtberücksichtigung einige Spieler aus der Komfortzone holen. Kandidaten hat er in Wien genug gesehen.“

Michael Ashelm (FAZ) zieht den deutschen Tormann am Ohr: „Vorerst ist kaum vorstellbar, dass Jens Lehmann bei anhaltender Unterbeschäftigung in London auch in der Nationalelf ernsthaft zur Disposition stünde und seine in ihren Vereinen vollbeschäftigten Hintermänner Hildebrand und Enke an ihm im Dreikampf um den Platz im Tor bei der Europameisterschaft vorbeizögen. Doch Lehmanns Pfund, aufgrund vergangener Taten wie selbstverständlich gesetzt zu sein, hat seit dem Auftritt in Wien an Gewicht verloren. Lehmann muss sich zu den großen Verlierern einer kaum überzeugenden Mannschaft zählen.“

Herablassend-gönnerhaftes Zweikampfverhalten

Lieske fällt ein hartes Urteil: „Wenn es nicht Nerven oder fehlende Spielpraxis waren, die ihm einen Streich spielten, handelt es sich möglicherweise um ganz normale Alterserscheinungen eines mittlerweile 38-jährigen Torwarts.“

Entgegen seinen Beteuerungen war Lehmann die fehlende Spielpraxis anzumerken

Ludger Schulze (SZ) packt alle Spieler und Mannschaftsteile bei der Ehre: „Chaos in der Abwehr, die von grotesken Fehlleistungen des Torwarts Lehmann zusätzlich in Verlegenheit gestürzt wurde, Gedankenleere im Mittelfeld, in der die alten Chefs Ballack und Schneider vergeblich ihr Ego suchten, und ausgeprägte Tarnkappenmentalität im Angriff, das ergab das blanke Nichts. Kaum ein Pass kam an, kein Dribbling gelang, das Zweikampfverhalten herablassend-gönnerhaft, die Laufbereitschaft aufs Nötigste beschränkt, um nicht im Rasen zu wurzeln. Fatale Folgen kann eine solche der Arbeitsverweigerung nahekommende Haltung haben, wenn der Gegner anders heißt als Österreich.“

Beeindruckend und begeisternd

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) freut sich und leidet mit Österreichs Trainer Josef Hickersberger: „Wie mutig hatten seine Männer den Ball in die Hälfte des Gegners gespielt, wie sehr hatten sie den Kontrahenten beeindruckt und das eigene Publikum eine Halbzeit lang derart begeistert, dass es den eigenen Sinnen nicht zu trauen glaubte! War das tatsächlich Österreichs Nationalmannschaft? Das einzige Problem war, dass sie vergaßen, den Ball ins Tor zu kicken, weswegen die gar nicht einmal so gute Mannschaft aus Deutschland am Ende 3:0 gewann und abermals bekräftigte, dass Fußball gegen die Deutschen eine ziemlich grausame Sache sein kann.“

Mittwoch, 6. Februar 2008

Ball und Buchstabe

Das Fundament im Geist des Wiederaufstehens

Heute vor fünfzig Jahren verunglückte von Manchester United auf dem Münchner Flughafen, ein Teil des Teams verstarb – was diese Tragödie für den Klub bedeutet, wie er und Uniteds Feinde heute damit umgehen

Richard Williams (Guardian) erinnert an das Erbe der Busby Babes: „In bestimmtem Sinne ist München 1958 die Geburt des modernen Manchester United – eine Tragödie, die den Klub zusammenschweißt und die ihm ein emotionales Fundament bietet, auf dem seine Spieler, seine Mitarbeiter und seine Fans gemeinsam und sicher auch schwere Zeiten bestehen können. Zudem sichert sie ihm in vielen Herzen einen Platz, die unter normalen Umständen United verschlossen wären. Wo immer es auftritt, wohin immer es reist – Man United trägt das Vermächtnis des englischen Fußballs dieses bitteren Februartags.“

Christian Eichler (FAZ) fügt hinzu: „Diese Geschichte hält eine gewaltige Erinnerungsmaschine in Gang. Schon seit Jahren zeigt die ‚Munich clock’ an der Südost-Ecke des Old Trafford die Minute der Tragödie, 15.04 Uhr. Nahebei steht die Tafel mit den Namen der Opfer, erhebt sich ein in Bronze gegossener Busby. Nun kommt eine Dauerausstellung im südlichen Tribünengang hinzu, der fortan ‚Munich Tunnel’ heißen wird. An diesem Mittwoch um 15.04 Uhr gibt es einen Gedenkgottesdienst. (…) Der Mythos von Manchester sieht in der überstandenen Katastrophe die Wurzel jener Siegesmentalität, die den Verein heute ausmacht. Trainer Alex Ferguson übernahm von seinem schottischen Landsmann Busby den Appell an die Spieler, ‚die Leute von den Sitzen zu reißen’. Dass sein größter Erfolg, der Champions-League-Sieg 1999, ausgerechnet gegen ein Team aus München gelang, und das am 90. Geburtstag von Busby, hat Ferguson als einen Wink des Schicksals bezeichnet. Für den Klub ist der Gedenktag auch die Demonstration seiner globalen Popularität, die nicht zuletzt in jener Ur-Katastrophe begründet liegt. So wie sich Real Madrid durch die Rückbesinnung auf das ‚weiße Ballett’ der fünfziger Jahre im sportlichen und geschäftlichen Erfolg neu definierte, so fand Manchester United, das andere Weltunternehmen des neuen, globalen Fußballs, sein Fundament im Geist des Wiederaufstehens, Nie-Aufgebens, der überwundenen Katastrophe. Diese Integrität schafft Popularität, man versteht sie überall auf der Welt. Dass United heute eine globale Gemeinde (und Wirtschaftskraft) hat wie sonst nur Real, ist für Geschäftsführer David Gill auch eine Folge von 1958: ‚Vieles von dem, was diesen Verein heute ausmacht, wurde aus der Tragödie geboren.’“

Geschmacklosigkeit ohne Grenze

Raphael Honigstein (FR) macht uns darauf aufmerksam, dass sich Man Uniteds Feinde nicht an der Trauer beteiligen und dass auch innerhalb der eigenen Fan-Gemeinde Zweifel an der Aufrichtigkeit existieren: „In den 90er-Jahren, als kommerzieller und sportlicher Erfolg sich gegenseitig verstärkten, schlug in Liverpool, Leeds und anderswo die Abneigung gegen die Verehrung der Toten in blanken Hass um. Die Geschmacklosigkeit kennt seither keine Grenzen: United-Fans werden als ‚Munichs’ verspottet, bei Torerfolgen setzen gegnerische Fans mit ausgestreckten Armen zum Sturzflug an. Im protestantischen England werden Helden nicht an der Größe der Taten, sondern an der Größe ihres Leids gemessen; mit dem Verlust einer halben Mannschaft kann kein anderer Klub konkurrieren. Dazu kommt das Gefühl, dass ManU München mehr oder minder bewusst zu einem wichtigen Teil seiner Marke gemacht hat. Der 6. Februar 1958 ist in den Augen der ManU-Fans der Geburtstag des modernen United. Mittlerweile weiß man übrigens auch, dass die Überlebenden des Unglücks vom eigenen Verein kaum unterstützt wurden. Jackie Blanchflower und Johnny Berry, die nach München nicht mehr spielen konnten, mussten aus vereinseigenen Häusern ausziehen, um Platz für Neuverpflichtungen zu machen. Erst nach öffentlichem Druck fand vor zehn Jahren ein Benefizspiel im Old Trafford statt, dabei kam eine Million Pfund an Spenden zusammen. United stellte damals die Kosten für die Stadionmiete voll in Rechnung. So etwas will man diesmal vermeiden. Dem aktuellen Team wurde eine DVD über das Unglück gezeigt, um 15:04 findet am Mittwoch in der Stadt ein Gottesdienst statt. Am Mittwoch tritt England gegen die Schweiz in Wembley an, eine Schweigeminute wird es dort übrigens nicht geben. Der Verband hat zu große Angst vor Pfiffen und Schmährufen von den United-Hassern im Stadion.“

Als würde man Werbung auf einem Grabstein anbringen

Broder-Jürgen Trede (Financial Times Deutschland) macht Geldmacherei ausfindig: „Der Umgang mit der eigenen Geschichte erweist sich für ManU wieder einmal als diffizile Angelegenheit. Der reichste und bestvermarktete Fußballklub der Welt scheint an der eigenen Vorgabe zu scheitern, diesen wichtigen Jahrestag komplett frei von Kommerz zu halten. Ausrüster Nike und der Versicherungskonzern AIG als Hauptsponsor haben zugestimmt, dass United in Retrotrikots im Stile der 50er-Jahre auflaufen darf. Die Spieler werden schlichte rote Jerseys mit weißem V-Ausschnitt tragen, durchnummeriert von 1 bis 11 – ohne Spielernamen auf dem Rücken und vor allem ohne Werbung auf der Brust. Kritiker sehen in dieser Idee einen cleveren Marketing-Schachzug. Und tatsächlich mehren sich schon die Anfragen, wo und wann denn das ‚Anniversary Dress’ zu erwerben sei. Besonders kritisch wird zudem ein Banner diskutiert, das seit Januar den Haupteingang von Old Trafford ziert. Zu sehen ist ein Foto des Teams von 58 vor seinem Auftritt in Belgrad. Dazu ein Auszug aus dem ‚Manchester United Calypso’, dem berühmten Fanlied, das seit fünfzig Jahren zur Erinnerung an die Babes gesungen wird. Peinlich: Das Banner zitiert nicht nur das Lied unkorrekt, sondern ist auch noch mit einem Sponsorenlogo versehen. Ein Fan fragt im ManU-Internetforum stellvertretend für viele: ‚Was hat das Logo da zu suchen? AIG hat nichts mit den Busby Babes zu tun. Es ist ein bisschen so, als würde man Werbung auf einem Grabstein anbringen!’“

Welt: Das Schicksal der Busby Babes bewegt die Briten immer noch

NZZ: Aus der bisher schwächsten Mannschaft seiner gesamten Trainerlaufbahn, der englischen Nationalelf, soll Fabio Capello ein Siegerteam schmieden. Begonnen hat er wie gewohnt – mit dem Aufbrechen alter Hierarchien
FR: Capello vor seinem ersten Spiel mit England

BLZ: Michael Ballack hat sich nach seiner Verletzung als Führungskraft beim FC Chelsea etabliert

Dienstag, 5. Februar 2008

Internationaler Fußball

Er hat sich nie auf sie eingelassen

Nach dem Aus im Viertelfinale des Afrika-Cups – Daniel Theweleit (taz) schildert die Beziehungsprobleme zwischen Nigeria und Berti Vogts: „In einer Online-Umfrage von Kick Off Nigeria, in der nach den Gründen für den Misserfolg gefragt wurde, gaben 54,5 Prozent der Teilnehmer an, Vogts sei der Schuldige für das schlechteste Abschneiden der Nation beim Afrika-Cup seit 1982. Herzlich ist das Verhältnis zwischen den Nigerianern und Vogts nie geworden, und das liegt weder allein am bescheidenen sportlichen Erfolg noch an Vogts schwierigem Verhältnis zu den nigerianischen Journalisten. Der Trainer hat den Nigerianern einfach kaum liebenswerte Seiten gezeigt. Spätestens nach dem Kick Off Nigeria im vergangenen September den Vertrag zwischen dem Deutschen und dem nationalen Fußballverband abgedruckt hatte, litt Vogts unter dem Ruf, viel zu nehmen und wenig zu geben. Sein Gehalt (98.000 Euro im Monat) erschien überhöht, außerdem sei fixiert worden, dass Vogts keinen Wohnsitz in Afrika beziehen müsse. Auf Nigeria und seine Menschen hat er sich nie eingelassen.“

Guardian: Über Vogts’ begrenzte Fähigkeiten

Hört, hört! Jeff Klein (New York Times) adelt das Viertelfinale zwischen Ghana und Nigeria (2:1), wie es ein Amerikaner nicht besser tun kann: „Es fanden zwei Super Bowls am Sonntag statt: einer in den USA mit den Giants des ‚gridiron football’ [kann mir jemand sagen, wie das zu übersetzen ist?] – und einer ein Afrika mit den zwei Riesen des afrikanischen Fußballs Ghana und Nigeria. Beide Spiele waren fantastisch. Keine andere Rivalität auf diesem Kontinent ist so groß wie die zwischen den Black Stars aus Ghana und den Super Eagles aus Nigeria.“

Radio Hexenkessel stellt klar: „Dass drei Teams aus dem mittleren Afrika kommen, zeigt, wie weit sich der Fußball dort inzwischen entwickelt hat. Und es hat sicher nichts damit zu tun, dass Ochsen für den Sieg geopfert werden müssen, wie Sportschau-Moderator Reinhold Beckmann in dümmlicher Rückständigkeit am Samstag zu wissen glaubte. Stattdessen spielen diese Teams einen gut organisierten und offensiven Fußball. Plus: Alle drei haben Weltstars in ihren Reihen, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen (können).“

Theweleit (Financial Times Deutschland) zählt die deutschen Manager aus: „Es scheint ein deutsches Phänomen zu sein, sich nicht wirklich auf Afrika einlassen zu wollen. Nicht nur, dass deutlich weniger in Deutschland spielende Fußballer am Turnier teilnehmen als Profis aus den anderen großen europäischen Ligen. Die meisten Bundesligaklubs ignorieren das Turnier. Natürlich kann niemand mehr einen Spieler im Kader der Elfenbeinküste oder der Nigerianer entdecken, doch Teams wie Sambia, Sudan, Benin oder die überraschend starken Angolaner sind gespickt mit Akteuren, die noch keine Verträge in Europa haben.“

Radio Hexenkessel: Der Afrika-Cup wird in den deutschen Medien stiefmütterlich behandelt

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