indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 12. Oktober 2007

Vermischtes

Profiteure?

Stefan Osterhaus (NZZ) befasst sich mit der deutschen Torwartfrage: „In Deutschland, wo die Nummer 1 als fast sakral gilt und das Angebot an Keepern zwei weitere Auswahlmannschaften versorgen könnte, ist ein Reserve-Keeper kaum vermittelbar, was nicht nur für Jens Lehmann gilt, sondern auch für dessen Stellvertreter Timo Hildebrand, der sich in Valencia ein offenes Rennen mit dem spanischen Evergreen Santiago Canizares liefert. Profiteure der neuen Situation könnten zwei Nachwuchskräfte sein, die das Land der Fänger erstaunen lassen: Manuel Neuer und René Adler. Beide setzten sich in ihren Klubs gegen Keeper durch (Rost in Schalke, Butt in Leverkusen), die bereits auf der Bank der Nationalelf hatten Platz nehmen dürfen – und den Fehler begangen hatten, vor lauter Ehrgeiz bloß nach vorn, aber nicht auf die klubinterne Konkurrenz zu schauen.“

SZ: Joachim Löw hat die DFB-Auswahl in eine moderne Fußballmannschaft umgebaut
SZ: Löw droht Jens Lehmann mit einem vagen Ultimatum: einer Reservistenrolle im Nationalteam
FAZ-Interview mit Lehmann: „Wir sind taktisch zwei Klassen besser als vor der WM“
Tsp-Interview mit Timo Hildebrand über seine Ziele und Pläne
SZ-Interview mit Marcell Jansen über seine unterschätzte Rolle, falsche Bewertungen und das Zusammenspiel mit Franck Ribéry

Tsp: Kelten kicken nicht – nur langsam entdecken die Iren ihre Zuneigung zum Fußball. Es gilt als das Spiel der verhassten Engländer

Färöer-Pepi

Flurin Clalüna (NZZ) schreibt über Österreich und seinen Trainer: „Zu Beginn des Jahres 2006 übernahm Josef Hickersberger die Leitung der Austria-Auswahl erneut. 1990 wurde er als ‚Färöer-Pepi‘ nach dem 0:1 gegen die Schafs-Inseln in die Geschichte traumatischer Staatsaffären eingereiht – es war eine Niederlage, höchstens vergleichbar mit dem 0:9 gegen Spanien 1999 unter Trainer Prohaska. Der Blitz wird nicht zweimal ins gleiche Gebäude einschlagen, das ist Hickersbergers Hoffnung. Wenn er irgendwo die Gefahr einer Blamage wittert, sind die Antennen weit ausgefahren und das Sensorium im Alarmzustand. Man soll sich für die österreichischen Fußballer nicht schämen müssen. Doch im Radio werden sie veralbert, in den Zeitungen zerrissen.“

FR: Schotten zogen am sportlichen Tiefpunkt Konsequenzen und sind nun mit einem jungen Team erfolgreich

NZZ: „Herr Klaus“ in der Rolle des Spielverderbers – Toppmöller mit Georgien gegen Italien

BLZ: Griechenland will vorzeitig die Qualifikation sichern

Corporate football

Markus Hesselmann (Tagesspiegel) entlarvt die Mär von der Romantik Englands: „England – das Mutterland der Fankultur. Im Rest der Welt sehen wir das gern so. Viele deutsche Fans halten deshalb seit Jahrzehnten einem Zweitverein auf der Insel die Treue. Das romantische Bild stammt aus einer Zeit, als sich die Zuschauer auf zugigen Stehtribünen im Nieselregen warmsangen. In der Halbzeitpause stärkten sie sich mit Fleischpasteten und lauwarmem, bitterem Bier. Heute ist England das Mutterland des ‚corporate football‘ – das hohe Kulturgut ist in die Hände der Großsponsoren und ihrer Marketing-Abteilungen gefallen. Wer keinen Hang zum Masochismus hat, kann eigentlich kaum noch Fan einer englischen Mannschaft sein.“

Ascheplatz

Der Blindflug geht weiter

Weiter starke Zweifel am Konzept – wer könnte vom Kirch-Deal der DFL profitieren?

Marcus Theurer (FAZ) verweist auf die hohen Hürden des Pay-TVs in Deutschland: „Zweifelhaft ist, ob es Bundesliga und Kirch gelingt, mit einem fertig produzierten Fußballprogramm für mehr Konkurrenz um die Bezahlfernsehrechte zu sorgen. Wenn mögliche Neueinsteiger das Bundesligafernsehen von der Stange kaufen können, statt es aufwendig selbst zu produzieren, würden diese eher das Wagnis eingehen, hoffen die Vereine. Die Erfahrungen mit dem gescheiterten Premiere-Herausforderer Arena lehren freilich anderes: Arena blieb nicht deswegen erfolglos, weil der Sender selbst keine ordentlichen Bundesligaberichte hinbekommen hätte, sondern weil Vermarktung und technische Verbreitung via Kabel und Satellit nicht funktionierten. An diesen Markteintrittsbarrieren kann auch der Regenmacher Kirch nichts ändern.“

Auch Daniel Theweleit und Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) zweifeln an den Strategien der DFL und Leo Kirchs: „Die Mehreinnahmen sind zu vernachlässigen. Gab es bisher 420 Millionen Euro pro Saison, sollen es von Kirch 500 sein. Das ist, verteilt auf sechsunddreißig Profiklubs, nicht allzu viel. Zudem droht Ungemach von anderer Seite. Die wegen der hohen Bundesliga-Präsenz im Free-TV sehr großzügigen Sponsoren könnten ihre Zuwendungen kürzen, sollte ihr Klub nur noch von wenigen Hunderttausend Fans im Bezahlfernsehen zu sehen sein und nicht mehr von rund sechs Millionen Zuschauern in der ARD-Sportschau. Denn dass sich das neue Geschäft nur lohnt, wenn aktuelle Bundesliga-Bilder samstags nicht vor 22 Uhr ausgestrahlt werden, ist einer der wenigen Punkte, über die Einigkeit herrscht bei der DFL. Nur so könnten dem Bezahlfernsehen mehr Zuschauer zugetrieben werden. Ob die Rechnung aufgeht, ist ungewiss. In Deutschland verhält sich das Publikum anders als in Ländern, in denen die Spiele seit vielen Jahren nur gegen Gebühr zu sehen sind. Der Versuch von Sat 1, mit einem Live-Spiel am Samstag ab 20.15 Uhr Quote zu machen, musste vor ein paar Jahren nach wenigen Wochen abgebrochen werden. Und ob das im internationalen Vergleich mäßige Niveau der deutschen Eliteliga ausreichend Abonnenten fürs Pay-TV beschert, ist fraglich. Kirch und DFL ahnen das Problem und planen deshalb eine Art Mini-Abos. Demnach können Zuschauer für einen kleinen Preis ausschließlich die Spiele ihres Lieblingsvereins buchen. Der Blindflug geht, wie es aussieht, weiter.“

Mittwoch, 10. Oktober 2007

Ball und Buchstabe

Wer Deutscher sein will, darf seinem alten Leben nicht nachweinen

Die Weigerung Ashkan Dejagahs, in Israel für Deutschland anzutreten, wird zum Politikum – Kritik und Beruhigungsversuche in der Presse

Ludger Schulze (SZ) besänftigt die Debatte, auf das Alter und die mögliche Unbedachtsamkeit Dejagahs hinweisend: „Der Beschluss eines 21-Jährigen hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, bis hin zu der Forderung der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, den jungen Mann aus der Nationalmannschaft auszuschließen. Diese Forderung ist apodiktisch, populistisch und überzogen. Denn sie berücksichtigt in keiner Weise die persönlichen Beweggründe Dejagahs. Die iranische Führung ist ein erklärter Todfeind Israels und die Staatsdoktrin verbietet jedweden Kontakt mit dem verhassten Land. Reisen nach Israel sind in Iran per Gesetz untersagt, und man braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was geschehen könnte, wenn sich Dejagah diesem Verdikt widersetzten würde. In Teheran lebende Familienmitglieder hätten mit Sanktionen, möglicherweise mit Gefahr für Leib und Leben zu rechnen, der junge Mann jedenfalls könnte sich vermutlich zeitlebens nicht mehr in seiner alten Heimat sehen lassen. (…) Natürlich muss sein Verband dafür Sorge tragen, dass seine Spieler als Repräsentanten des Landes die grundsätzlichen Werte und Ziele der Nation teilen. Er sollte bei der Neubewertung aber nicht reflexhaft in den Chor jener einfallen, die unerbittliche Konsequenzen für Dejagah fordern. Auf die Schultern eines 21-jährigen Fußballers die Last der Weltpolitik zu packen, wäre ganz einfach in hohem Maß unfair.“

Robert Ide (Tagesspiegel) kritisiert Dejagah unerbittlich: „Sein Verhalten ist ein falsches politisches Statement – ob er das beabsichtigt hat oder nicht. Sport soll verbinden, nicht trennen. Nur so kann er manchmal etwas in einem guten Sinne bewirken: Frieden stiften. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking wollen Nord- und Südkorea mit einer gemeinsamen Mannschaft antreten, vor einigen Jahren schon spielten der Pakistani Aisam-Ul-Haq Qureshi und der Israeli Amir Hadad in Wimbledon ein jüdisch-muslimisches Tennisdoppel. Dejagah dagegen setzt ein Zeichen der Trennung. Seine abgesagte Reise kann nur als Ablehnung des Staates Israel verstanden werden – und dürfte vom iranischen Regime als solche gefeiert werden.“

Fehlende Weitsicht

Volk ohne Raumdeckung stört sich an dem Reflexartigen vieler Wortbeiträge aus der Politik: „Was vor allem irritiert, ist die allzu große Bereitwilligkeit, Dejagahs ‚private Gründe‘ sofort für antiisraelisch oder antisemitisch zu erklären, ohne etwas Genaues zu wissen. Und wären ‚politische Gründe‘ falsche Gründe? Es ist schön, dass man Dejagah mitteilt, für seinen und den Schutz seiner Eltern werde in Deutschland gesorgt. Das Mykonos-Attentat ist ja auch schon fünfzehn Jahre her. Den ermordeten kurdischen Exilpolitikern hat man vorher sicher keine Versprechungen über ihre Sicherheit gemacht, die dann nicht eingehalten werden konnten. Was mit den Verwandten oder Freunden Dejagahs geschehen könnte, die noch im Iran leben, scheint überhaupt keine Rolle zu spielen. Wer Deutscher sein will, darf seinem alten Leben nicht nachweinen. (…) Der Ruf nach dem Ausschluss von Dejagah hat etwas von die Achselstücke von der Uniform reißen. National unzuverlässig, lautet das Verdikt. Etwas mehr Gelassenheit und Respekt vor den Schwierigkeiten einer Immigrantenbiographie würden die Diskussion nicht zu einem Kesseltreiben werden lassen.“

Ronny Blaschke (Berliner Zeitung) wirft dem DFB Versäumnisse und Schlafmützigkeit vor: „Wenn man dem DFB einen Vorwurf machen kann, ist es fehlende Weitsicht, schließlich liegen zwischen Nominierung, Abreise und Spiel mehrere Tage. Der Verband hat einen Sicherheitsausschuss, eine Task Force gegen Gewalt und Rassismus, eine Integrationsbeauftragte und viele Experten in seinem Beraterstab. Er hätte auf das Szenario und den öffentlichen Druck besser vorbereitet sein müssen, zumal es ähnliche Fälle oft gegeben hat.“

Tsp: Die Weigerung von Ashkan Dejagah, in Israel zu spielen, hat sich zu einem Politikum entwickelt; der Zentralrat der Juden fordert den Rauswurf des Spielers, der DFB muss sich mit der Politik auseinandersetzen
Portrait Dejagah (sueddeutsche.de)

Ascheplatz

Comeback des Jahres

Staunen und Kopfschütteln über den Deal der DFL mit Leo Kirch

Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) kommentiert die Entscheidung der DFL, die Fernsehverwertungsrechte an Leo Kirch zu verkaufen: „Es ist das Comeback des Jahres. In der Medienindustrie und auch in der Bundesliga war Kirch nach der Insolvenz lange verbrannt. Zu groß war das Erdbeben auch in den Vereinen gewesen, deren wichtigster Finanzier Kirch mit seinen Fernsehgeldern war. Dass der alte Mann nun wieder groß ins Geschäft einsteigen kann, ist deshalb eine faustdicke Überraschung, ein Fußballmärchen, an das noch vor wenigen Monaten niemand geglaubt hätte.“

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) hebt den Zeigefinger: „Es gibt keinen Zweifel mehr: In der Bundesliga geht es ausschließlich ums Geld. Und wo der finanzielle Erfolg das einzige Ziel ist, sucht man Moral und Ehre vergeblich. (…) Mehr als nur moralische Bedenken ruft allerdings die Vereinbarung zwischen der DFL und Kirchs Agentur Sirius hervor, gemeinsam ein Bundesligaprogramm zu produzieren, das auch Fernsehsendern zur Verfügung gestellt wird. Wer dieses Angebot annimmt, der disqualifiziert sich selbst. Und die DFL disqualifiziert sich mit diesem Angebot, das schließlich nichts anderes darstellt als die klassische PR und damit ein Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit ist.“

Das Ende des kritischen Sportjournalismus?! allesaussersport kann da nur lachen: „Ach ja, die Todensanzeigen für den kritischen Sportjournalisten … Ja, habe ich auch schon gehört, dass es in der Bundesligaberichterstattung welche geben soll. Klar, ab Sommer 2009 ist Schluss mit ‚Bayern hat Scheiße gespielt.‘“

stern.de-Kommentar: Das Sündenregister des Leo Kirch
FAZ: Leo Kirch vermarktet die Fußball-Bundesliga

Dienstag, 9. Oktober 2007

Bundesliga

Die Bayern orientieren sich nicht mehr am Ergebnis, sondern an ihrem Spiel

Pressestimmen zum 9. Spieltag, Teil 2: Der Sieg der Bayern gegen Nürnberg verzaubert und erschrickt / Sotirios Kyrgiakos, Frankfurter Hüne

Beim 3:0 Bayerns gegen Nürnberg bedauert Volker Kreisl (SZ) die Einseitigkeit des Geschehens: „Nürnberg hatte von Anfang an keine Chance. So ein Spiel ist großartige Unterhaltung, aber es erinnert auch ein bisschen an jene Jugendpartien, in denen aus irgendwelchen Planungsgründen Ältere gegen Jüngere antreten und dann 11:0 gewinnen. In München in den Senkel gestellt zu werden, blüht allen Bundesligisten, man muss das einfach touristisch sehen. Zur Reise nach München gehören Toni, Ribéry und Zé Roberto, die Architektur der Arena, der Marienplatz und drei bis sechs Gegentore.“

Elisabeth Schlammerl (FAZ) hält den Bayern sehr zugute, dass sie es nicht bei dem Nötigsten belassen: „Den Bayern droht zumindest bis zur Winterpause nicht viel Gefahr – außer Selbstgefälligkeit vielleicht. Die Gegner sind schon froh, wenn sie nur 0:1 verlieren, wie in der vergangenen Woche Leverkusen, vor dem Spiel gegen den Spitzenreiter immerhin Zweiter. Natürlich wird es mal wieder eine Mannschaft geben, die den Münchnern Punkte wie Schalke oder Hamburg abluchst, weil es auch für die Bayern unmöglich sein wird, jedes Spiel mit höchster Konzentration zu absolvieren. Aber insgesamt kann dem Rekordmeister derzeit niemand auch nur halbwegs das Wasser reichen. Er weiß die Kräfte gut einzuteilen, ohne allerdings vollkommen in das frühere Muster zurückzufallen. Die Bayern orientieren sich nicht mehr am Ergebnis, sondern an ihrem Spiel, das dann fast zwangsläufig zum Erfolg führt. Früher haben sie nach einer Führung schnell umgestellt auf kontrollierten Standfußball, jetzt kommt es vor, dass ein Treffer sie erst so richtig in Spiellaune versetzt wie gegen Nürnberg.“

SZ: Die Bundesliga droht dank der Jo-Jo-Bayern eintönig zu werden – es gibt aber noch eine kleine Mängelliste: Ribéry schießt keine Tore, Luca Toni ist nicht Gerd Müller
Die Tore auf youtube

Wille, Wucht und Kraft

2:1 gegen Leverkusen – Ralf Weitbrecht (FAZ) bestaunt den doppelten Torschützen Frankfurts: „Nicht reden, sondern handeln. Kaum jemand in der Bundesliga nimmt sich diesen Grundsatz so zu Herzen wie Sotirios Kyrgiakos. Mit schier unbändiger Wucht und Power hat der hünenhafte, 1,93 Meter große Grieche zwei dieser Tore erzielt, wie es bei den Hessen sonst keiner kann. Abspringen, hochschrauben, Körper einsetzen, den Ball mit Köpfchen druckvoll veredeln. Filigrantechnik und Feinmotorik – für den 28 Jahre alten griechischen Nationalspieler sind das Fremdworte, denn seitdem er für die Eintracht als Verteidiger immer wieder mal auf Torejagd geht, ist dies gepaart mit Wille, Wucht und Kraft.“

Skibbe hat recht: Gegen Kyrgiakos Kopfbälle ist kein Kraut gewachsen.

FR: Die DFL im Dilemma – nicht nur Wolfgang Holzhäuser ist skeptisch, was die Zusammenarbeit mit Leo Kirch angeht
FR-Portrait Kirch

NZZ: Del Piero auf dem Abstellgleis?

SZ: Stahl, Edelmetall und die Fußballseele – der FC Arsenal droht den Kampf gegen eine feindliche Übernahme durch Milliardär Usmanow zu verlieren, viele in England fürchten um die traditionellen Werte ihres Fußballs
NZZ: Liverpool noch ungeschlagen, aber man wundert sich über die Methoden des Trainers

NZZ: Der Maestro unter Druck – das Rücktrittsangebot des italienischen Startrainers Trapattoni in Salzburg vorerst abgelehnt

Montag, 8. Oktober 2007

Bundesliga

Wie lange reicht die Geduld in Stuttgart?

Pressestimmen zum 9. Spieltag: Der Deutsche Meister hinkt immer schlimmer / Komfortzone Karlsruhe / Hamburg hat Rafael van der Vaart längst vergeben / Neuer Realismus in Dortmund / Bremen in der Heilung

Roland Zorn (FAZ) rät dem Deutschen Meister, der gegen Hannover erneut verloren hat, Ruhe und Gelassenheit: „Mag sein, dass die Stuttgarter bei ihren Neuverpflichtungen kein besonders glückliches Händchen hatten; mag sein, dass den Spielern der harte ‚englische‘ Rhythmus zwischen Meisterschaft und Champions League zu schaffen macht; mag sein, dass sich auch Armin Veh hier und da schon mal falsch entschieden hat – wichtig für die Rückkehr zur alten Qualität wird die Wahrung der schwäbischen Zuverlässigkeit in der alltäglichen Arbeit sein. Wenn hier und da schon an den 1. FC Nürnberg erinnert wird, der 1968 Deutscher Meister wurde und 1969 abstieg, muss man sich beim VfB daran nicht stören. Die Stuttgarter sind letztlich aus einem anderen Holz als die Klubs, die am Ende der Saison zweitklassig sein werden. Dass sie nicht noch einmal so weit vorn landen würden wie im Mai, war sowieso absehbar. Bis auf die Bayern, für die das Wort Titelverteidigung selbstverständlicher Auftrag und keine ‚mission impossible‘ ist, hat es mit der Ausnahme von Borussia Dortmund 1996 kein anderer Klub in der jüngeren Vergangenheit geschafft, die Meisterschaft zu wiederholen. Nach gerade neun Spieltagen hat jedoch auch der VfB noch alle Chancen, zumindest in den Kreis der Teams vorzurücken, die für einen Uefa-Pokalplatz in der kommenden Spielzeit in Frage kommen.“

Von Oliver Trust (FAZ) erfahren wir über erste angebliche Zweifel in der Führungsetage, den Trainer betreffend: „Veh und Heldt sind in diesen Tagen auch als Gefangene der Umstände zu betrachten. Intern aber heißt es, die Klubführung warte seit langem auf eine Reaktion, die frische Tatkraft der sportlichen Leitung verrate. Veh jedoch stellte sich nach der Pleite gegen Hannover wieder demonstrativ vor seine Mannschaft. Der Trainer, so heißt es intern hier und da, lasse am Ende vielleicht vieles zu sehr laufen. Auf der anderen Seite taucht die Frage auf, wen Veh als ‚Signal‘ denn überhaupt opfern könne und ob sein ’sanfter Weg‘ nicht doch der richtige sei. Auf viel Geduld des Umfeldes – und sicher bald auch des Vorstandes – kann er nicht mehr bauen.“

Komfortzone

2:0-Sieg in Schalke, Tabellenplatz 2 – Thomas Kistner (SZ) beschreibt den geschützten Lebensraum, in dem das Pflänzchen Karlsruher SC von seinem Trainer gehegt und begossen wird: „Einer wie Edmund Becker muss nicht allabendlich an die Quartalszahlen für die Aktionäre denken. Er muss nicht überlegen, wie er sich durchs nächste Spiel schummelt – oder auf die nächstliegenden Boni und Prämien spekulieren. Einer wie Becker verkörpert den Klub, dem er seit Jugendzeit angehört, für den er als Profi selbst jahrelang im Mittelfeld aufräumte. Schaaf ist Bremen, Klopp ist Mainz, Finke war Freiburg – und Becker ist der KSC. Ein Biotoptrainer. Und in dieser Rolle auf dem Sprung, Vorgänger Winfried Schäfer abzulösen (der prompt scheiterte, als der Klub das hybrische Programm ‚KSC 2000′ ausrief). Biotoptrainer ist kein Job, sondern Berufung. Und weil der KSC (erst Regionalliga, dann Dauergast in der Zweitliga-Abstiegszone) seinem Trainer statt Geld freie Hand gibt, sind alle Ingredienzien für den Erfolg gegeben. Blanke Klubchefs zwingen einem keine Podolskis auf, weil das gut fürs Klubmarketing ist. Was sich aber aus der zähen Marktmasse mit zehn, fünfzehn Millionen zusammenkaufen lässt, findet ein fähiger Teamgestalter sowieso preiswerter abseits der großen Bühnen.“ Andreas Wagner (Welt) fügt hinzu: „Es ist die Geschlossenheit der Mannschaft, die den Erfolg möglich macht. Es gibt keine Stars, die hofiert werden. Auch finanziell werden die Spieler in etwa auf einem Level entlohnt, Neid und Missgunst gibt es kaum. Stattdessen lebt der Aufsteiger von der Euphorie in Stadt und Umland, sowie vom enormen Selbstbewusstsein.“

Richard Leipold (FAZ) pickt zwei Spieler heraus, an deren Entwicklung sich die belebende Kraft des Milieus Karlsruhe belegen lässt, über den Spielmacher schreibt er: „Tamas Hajnals Vita zeigt, dass auch ein scheinbar Gestrandeter aus dem Dunkel ins helle Licht rücken kann, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Der Stratege kehrte so spielfreudig an seinen früheren Arbeitsplatz zurück, dass die Einheimischen sich nur die Augen rieben. Die Erfolgsserie der Westfalen beruht mehr auf Arbeit und Ausdauer als auf Zauberei. Für beides waren die Schalker drei Tage nach ihrem gewonnenen Auswärtsspiel gegen Rosenborg Trondheim zu müde. Ihre beste Leistung an diesem Tag bestand darin, das Arbeitsaufkommen der englischen Wochen nicht als Ausrede anzuführen (die vereinzelten Andeutungen des Trainers Slomka in diese Richtung dürfen angesichts der klaren Mehrheit vernachlässigt werden).“ Den zweifachen Torschützen beschreibt er so: „Christian Timm wirkt gelassen wie einer, der Hunderte von Bundesligaspielen absolviert hat. Aber es sind erst gut neunzig Partien, weil Timm sich bei (einst) großen Klubs wie Dortmund und Kaiserslautern nicht hat durchsetzen können und weil er zwischendurch in Köln von sich und anderen überschätzt wurde. Als Teenager war er mit den Dortmunder Gewinnern des Weltpokals auf Du und Du, aber das nützte ihm nichts. Timm stieg ab bis in die Provinz. Erst bei der zweitklassigen Spielvereinigung Greuther Fürth fand er in den vergangenen zweieinhalb Jahren die Komfortzone, die er offenbar braucht, um den Fußball zu genießen und wieder auf sich aufmerksam zu machen. (…) Mit dem Auftritt in Schalke hat Timm sich wieder einem breiten Publikum bekannt gemacht.“

Spanische Verirrung überwunden

Roland Zorn (FAZ) stellt beim 1:0 in Bielefeld fest, dass die Hamburger ihrem Liebling Rafael van der Vaart seinen Flirt mit Valencia längst verziehen haben: „Er ist nicht nur der spielerisch beste, torgefährlichste und professionellste Spieler im Kader des HSV, er ist auch längst wieder eine Galionsfigur des Vereins – geliebt von den Fans und geachtet bei den Kluboberen. Wie selbstverständlich und mit welcher rasch wieder aufgeflammten Freundlichkeit er seine jüngsten Erfolge feiert und kommentiert, verrät viel über die Qualität dieses stürmischen Stars, der in der glorreichen Geschichte des norddeutschen Klubs seiner spanischen Verirrung zum Trotz jetzt schon zu den ganz großen Spielern zu zählen ist. (…) Der HSV ist auf dem richtigen Weg, die Arminia muss erst wieder in die richtige Spur finden. Das 1:8 von Bremen spukte immer noch in den Köpfen mancher Spieler herum. Die Bielefelder wollen die zwei Wochen Ligapause zur endgültigen Rückkehr in die Normalität nutzen. Falls nicht, droht die fünfte Niederlage in Serie: Am 21. Oktober geht es zum Überraschungsaufsteiger des Jahres. Der Karlsruher SC ist Tabellenzweiter – das waren die Bielefelder vor ein paar Wochen auch schon mal. Lang, lang ist’s her.“

Auf dem Weg zu alter Stärke

Christian Kamp (FAZ) wertet das 3:1 in Duisburg als weiteren Schritt der Bremer Heilung: „Thomas Schaafs wichtigste Aufgabe ist es, die nach und nach gesundenden Stammspieler bei laufendem Betrieb wieder ins Team zu integrieren. Nach dem 1:3 gegen Piräus hatte Schaaf sich noch dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, die Rückkehrer zu früh, und vor allem Frings zu lange eingesetzt zu haben. So begründet diese Kritik war – auf dem Weg zu alter Stärke helfen auch erfahrenen Akteuren nur Einsätze unter Wettkampfbedingungen. Es war deshalb konsequent, dass Schaaf in Duisburg neben Frings und Clemens Fritz auch Tim Borowski von Beginn an spielen ließ. Von den drei Nationalspielern hinterließ Kapitän Frings den bei weitem besten Eindruck. Nach seiner Kreuzbandverletzung ist er auf einem guten Weg, wieder die zentrale Figur im Bremer Spiel zu werden. Es war auffällig, wie sehr seine Kollegen ihn als Anspielstation im Mittelfeld suchten – weit mehr auch als Diego, der wie schon gegen Piräus etwas müde wirkte und sich allzu oft in kleinteiligen Aktionen verbrauchte. Den einen wie den anderen, den frisch genesenen wie den Dauerläufern der bisherigen Saison, soll die Bundesliga-Auszeit nun eine willkommene Abwechslung bieten.“

Im Mittelmaß angekommen

Beim 2:1 über Bochum staunt Richard Leipold (FAZ) über die Genügsamkeit der Dortmunder Fans: „Die Borussen fanden verlorengegangene Tugenden wie Fleiß und Mumm wieder und entschieden die Partie dank Federicos famoser Schusstechnik noch für sich. Die Basiswerte des Fußballs reichten, um das entwöhnte Dortmunder Publikum zu begeistern. In der Schlussphase bejubelten die BVB-Anhänger auf der Südtribüne fast jeden Ballkontakt, mit dem ihre Lieblingsmannschaft den Gegner vom eigenen Tor fernhielt. Fast hatte es den Anschein, sie hätten sich gut unterhalten gefühlt von einem Kick ohne Finten und Finessen.“ Freddie Röckenhaus (SZ) schließt sich dem Realismus des BVB-Anhangs an und spöttelt über den Medienboykott der Spieler: „Die gesamte zentrale Achse des BVB, mit der schwachen Innenverteidigung, der wacklig besetzen 6 im defensiven Mittelfeld und dem praktisch nicht vorhandenen Spielmacher hinter den Spitzen scheint höchstens durchschnittlich besetzt zu sein. Dortmund ist nach drei Jahren Rück- und Umbau des Kaders offenbar im Mittelmaß angekommen. So ganz will das niemand wahrhaben. Aber die Ahnung davon hat inzwischen auch die treuesten Fans ergriffen. Man freut sich in Dortmund inzwischen auch wieder riesig über die Siege gegen potentielle Abstiegskandidaten wie den VfL Bochum. (…) Dass das Reden über die eigenen dürftigen sportlichen Darbietungen für Wörns und Kollegen offenbar eine größere Strapaze ist, als die Reise nach München zum feuchtfröhlichen Oktoberfest, gehört wohl zur neuen Lässigkeit, die sich in Dortmund breitgemacht hat. Und gegen die selbst der Chefetage der Dortmunder scheinbar nur die Faust in der Tasche als Reaktion bleibt.“

Ascheplatz

Dämlich

Die Bundesliga verhandelt offenbar wieder mit Leo Kirch über TV-Milliarden, und Arnd Festerling (FR) rauft sich die Haare: „Alles schon vergessen? Die Liga wolle Bankbürgschaften als Sicherheit, heißt es. Wahrscheinlich von genau den Instituten, die 2002 Kirch den Kredithahn zugedreht haben. Na dann, viel Glück. Denn Kirch fantasiert die selben absurden Vermarktungskonzepte zusammen, die schon einmal in die Hose gegangen sind. An die deswegen auch niemand glauben mag. Außer ein paar Leuten bei der DFL. Alte Kumpel womöglich. Oder sollte man sagen: Kumpane? Bleibt die Frage, wie dämlich Geldgier eigentlich machen kann.“

FR: Gewagte Geschäfte – die DFL überlegt ernsthaft, wieder mit dem Ex-Medienmogul Leo Kirch zu kooperieren

Freitag, 5. Oktober 2007

Champions League

Vereine und Nationalmannschaft bewegen sich in Parallelwelten

Pressestimmen zum 2. Vorrundenspieltag Teil 2: Hinweis auf die Diskrepanz zwischen deutschem Klubfußball und der DFB-Elf / Bremen enttäuscht nicht trotz, sondern wegen der Rückkehr einiger verletzter Stars / Schalkes sachlicher Sieg in Trondheim / Chelsea minus Mourinho überzeugt auch beim Sieg in Valencia seine Kritiker nicht

Josef Kelnberger (SZ) zieht ein ernüchterndes deutsches Zwischenfazit und klammert sich an der Nationalmannschaft fest: „Für eine Bilanz ist es zu früh, doch ein Trend zeichnet sich ab: Fünf Niederlagen haben die drei deutschen Klubs in sechs Spielen kassiert: erwartbare gegen Real Madrid und Barcelona, überraschende in Glasgow und gegen Valencia, nun eine deprimierende gegen Piräus. Das 1:3 von Werder Bremen erschüttert tatsächlich ein wenig den Glauben an das Gute im deutschen Fußball. Das Team hat mit Klose gewaltig an Spielvermögen verloren und ist aus der Balance geraten wegen der vielen Verletzten, die nun zurück in die erste Elf drängen. Der VfB Stuttgart, Deutscher Meister in der Identitätskrise, muss die Champions League fast schon verloren geben, während ausgerechnet die als flatterhaft bekannten Schalker am meisten Stabilität offenbaren. Vereine und Nationalelf werden sich in Europa weiterhin in Parallelwelten bewegen.“

Blinder Ehrgeiz

Frank Heike (FAZ) kritisiert Bremens Trainer Thomas Schaaf, dass er die Niederlage gegen Piräus durch den Einbau der Verletzten mitverursacht habe: „Frings, Fritz und der für Fritz eingetauschte Borowski, das waren drei nach langen Wochen der Rehabilitation zwar gesunde, aber längst nicht Champions-League-Ansprüchen genügende Profis, die der Rest der Mannschaft mit durchschleppen musste, je länger das Spiel lief. Natürlich muss Schaaf die Stützen einbauen, doch gegen Piräus riss er auch eine funktionierende Mannschaft auseinander, die in den vergangenen Bundesligawochen bewiesen hatte, trotz der langen Verletztenliste klarzukommen. Bei Frings waren es wohl blinder Ehrgeiz und falsch verstandener Führungsgeist, es nach langer Pause gleich wieder über die volle Distanz zu versuchen. (…) Für die Integration der Langzeitverletzten mag dieses Spiel förderlich gewesen sein, für die Bremer Lage in der Gruppe natürlich nicht.“ Sven Bremer (Financial Times Deutschland) pflichtet ihm bei: „Die Ursache für die verkorkste Vorstellung der Bremer dürfte ausgerechnet in den Personalien zu finden sein, in die sie ihre größten Hoffnungen gelegt hatten: in der Rückkehr der so lange und so schmerzlich vermissten Anführer.“

Bremen–Olympiakos (1:3)

Steigerung nötig

Alexander Schäffer (FAZ) fasst den Schalker Sieg in Trondheim zusammen: „Um bei Chelsea zu bestehen, bedarf es einer weiteren Steigerung. Die Norweger entpuppten sich zwar als zäher Widersacher, doch ernsthaft in Gefahr brachten sie die Schalker bestenfalls in der ersten Spielhälfte. Sonst dominierte Slomkas Mannschaft, wobei sie sich lange selbst schwertat, den Trondheimer Abwehrriegel zu knacken. Verlass war allerdings von neuem auf Jones und Kuranyi, zwei der besten Schalker in den vergangenen Wochen. Gerade Jones wird für die Schalker zum Glücksfall.“

Chelseas Probleme sind geblieben

Ronald Reng (Berliner Zeitung) lässt sich trotz des 2:1 in Valencia nicht von seinem Urteil über Chelseas Wertverlust abbringen: „Siege wie in Valencia markieren oft einen Aufbruch. Manchmal sind sie auch nur ein großer Selbstbetrug. Chelsea mag mit dem 2:1 die Hoffnung aller Schadenfrohen beerdigt haben, es könnte in einer Vorrundengruppe mit Schalke und Rosenborg ausscheiden. Doch es war nichts zu erkennen, was glauben machte, so gehe es nun weiter. Mit Mourinho hat Chelsea die Überzeugung verloren, was es sein will: ‚Bestien‘, wie Valencias Verteidiger Iván Helguera sagte. Grant hat von Abramowitsch den Auftrag, Mourinhos Gallensaftfußball durch ästhetisches Spiel zu ersetzen. Die Spieler passen nun den Ball passabel, wo sie bei Mourinho nur ruppig konterten. Aber so kommt Chelsea nicht mehr in den Angriff. Wo Mourinhos tiefe Verteidigung in zwei beeindruckend stabilen Linien stand, sind nun riesige Löcher, was auch daran liegt, dass ihr Stopfmeister Claude Makelele offenbar in die Jahre kommt. Dass Chelsea am Ende dank des späten Kontertors zum 1:2 von Didier Drogba nach einem 50-Meter-Pass von Joe Cole trotzdem gewann, ließ sich damit erklären, dass auf diesem Niveau nur Knock-out-Momente zählen statt durchgehende Überlegenheit. (…) Die Probleme, die zu Mourinhos Weggang führten, sind geblieben. Im Klub arbeiten zu viele gegen- statt miteinander.“

Die Höhepunkte aus Valencia–Chelsea (1:2) und Rosenborg–Schalke (0:2)

Das Establishment ein wenig aufgemischt

Roland Zorn (FAZ) besingt die Siege Piräus‘ (in Bremen), Marseilles (in Liverpool) und Glasgows (in Lyon und gegen Mailand) als freudige Abweichung von der Champions-League-Routine: „Frische Sieger, die ihr Glück noch aus vollem Herzen genießen, tun der Champions League gut. Bekannt routinierte Gewinner auf hohem Niveau sieht man in der frühen Phase der Champions League eh oft genug. Die jüngsten Triumphe der Außenseiter sind auch Wasser auf die Mühlen von Michel Platini, dem Präsidenten der Uefa. Platini will in Zukunft mehr Meister aus mehr europäischen Ländern in der Champions League mitspielen lassen. Ein Reformvorhaben für die Kleinen, das fürs große Ganze belebend wirken könnte. Die Vorboten der neuen Zeit waren am Dienstag und Mittwoch unterwegs. Sie haben das europäische Fußball-Establishment ein wenig aufgemischt und damit dem unvoreingenommenen Publikum Spaß gemacht.“

Celtics Sieg über Milan

D i e Szene des Spieltags: Milans Tormann Dida wird von einem Betrunkenen „verprügelt“

FR: Von der unsichtbaren Keule getroffen – mit einer unrühmlichen Schauspieleinlage sorgt Milan-Torwart Dida für einen Eklat

Marseilles Siegtreffer in Liverpool

Bundesliga

Nicht einmal Zweitverein

Christoph Biermann (Spiegel) macht Hertha auf ihre Gesichtslosigkeit, ihre Anziehungsschwäche und ihre schlechten Sympathiewerte aufmerksam, vermutet jedoch in ihrem Trainer eine Chance zur Wende: „Auch intern ist schon längst klar, dass Hertha ein klares Profil fehlt. Selbst im 18. Jahr nach der Wende steht der Club immer noch für West-Berlin, nur jedes fünfte Mitglied kommt aus dem Osten der Stadt. Doch nicht nur dort verpasst Hertha sein Publikum. Vor allem die Zugereisten haben eine verblüffende Antipathie gegenüber dem Club entwickelt. Über eine Million neue Bewohner sind seit 1989 in die Stadt gekommen, und für die meisten ist Hertha nicht einmal Zweitverein geworden. Wenn in den Kneipen von Berlin-Mitte die Schwaben, Westfalen und Hessen die Bundesliga-Konferenz anschauen, mögen sie Stuttgart, Bielefeld oder Frankfurt die Daumen drücken, vereint gejubelt aber wird bei Gegentoren für Hertha. Gerade in den Teilen der Stadt, die für das neue Berlin stehen, ist Hertha ein Paria. Als Grund dafür werden gern Anekdoten von unangenehmen Fahrten mit fragwürdiger Klientel in der Bahn erzählt. Die sind zwar längst nicht mehr so schlimm wie zu Zeiten der gefürchteten Hertha-Frösche, aber ein Streetworker vom Fan-Projekt Berlin konstatiert immer noch, ‚unpädagogisch gesprochen, einen hohen Proll- und Pöbelfaktor.‘ Irgendwie bekommen sie es bei Hertha nicht hin, solch rauen Ton als Volksnähe zu präsentieren, wie man das von Schalke oder aus Dortmund kennt. Hertha fehlt die lokale Verwurzelung. (…) Lucien Favre versteht nicht nur sein Handwerk, er hat Stil und Humor, Eigensinn und gute Umgangsformen. Dinge, über die Hertha BSC nicht im Übermaß verfügt und daher gut gebrauchen kann.“

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Ball und Buchstabe

Nürnberger Kulturpreise

Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur in Nürnberg vergibt heute Abend den Deutschen Fußball-Kulturpreis 2007 in fünf Kategorien: Der Sportjournalist Ronny Blaschke, oft zitiert an dieser Stelle, wird für das Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet. „Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball“ heißt das Werk, in dem er seine jahrelangen Recherchen über Gewalt unter Fußballfans darlegt. Auf den Plätzen folgen Christoph Biermann („Wie ich einmal vergaß, Schalke zu hassen. Wahre Fußballgeschichten“), Jürgen Roth „Fußball! Vorfälle von 1996 bis 2007“) und Markwart Herzog („Der „Betze“ unterm Hakenkreuz. Der 1. FC Kaiserslautern in der Zeit des Nationalsozialismus“).

Der Walther-Bensemann-Preis geht an Alfredo Di Stéfano. „Der Preis ehrt das Andenken an den Gründungsvater des kicker-sportmagazins, Walther Bensemann, und würdigt Personen, die sich im Umfeld des Fußballs kontinuierlich für gesellschaftliche Verantwortung, Fairplay und interkulturelle Verständigung eingesetzt und dabei neue Wege beschritten haben“, heißt es in der Pressemitteilung der Akademie. „Der 81-jährige Di Stéfano gilt als Stürmer- und Spielmacherlegende von Real Madrid und wird in Fachkreisen bis heute immer wieder genannt, wenn es um den besten Spieler des Jahrhunderts geht.“ Di Stéfano, der heute um 20 Uhr in der Tafelhalle Nürnberg ebenso erwartet wie Jürgen Klopp und Hans Meyer, folgt übrigens Franz Beckenbauer, der sich im letzten Jahr die Ehre gab.

Mit dem Fußball-Bildungspreis „Lernanstoß“ zeichnet die Akademie innovative pädagogische Projekte aus, die sich an Kinder und Jugendliche richten und Fußball als Mittel der Bildungsarbeit einsetzen. Die Jury entschied sich schließlich dafür, den Preis 2007 zu teilen. Die beiden Gewinnerprojekte sind: zum einen die Richard-von-Weizsäcker-Schule Münster mit „Gemeinsam sind wir stark“, einem Projekt für die Integration von verhaltensauffälligen Sonderschülern in einen Sportverein; zum zweiten das Lernzentrum 1. FC Union Berlin mit seinem ergänzenden Bildungsangebot für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche.

Außerdem wird der schönste Fußballspruch und der beste Fan-Gesang ausgezeichnet. Moderiert wird der Abend wie im letzten Jahr von Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) und Jochen Hieber (FAZ), Laudatoren sind Django Asül, Günther Koch, Birgit Schönau (SZ), Prof. Dieter H. Jütting (Uni Münster) und Rainer Holzschuh (kicker). Die Juroren rekrutiert die Akademie aus ihren Mitgliedern, Journalisten, Autoren, Wissenschaftlern und anderen Fußballliebhabern (etwa dem Gründer der Fußball-Presseschau indirekter-freistoss.de).

mehr zur Preisverleihung, auch Lese- und Hörproben (Fan-Gesang)

Champions League

Die Spieler des FC Barcelona finden Lücken, die es gar nicht gibt

Die Presse bescheinigt dem VfB Stuttgart im Duell mit den spanischen Stars Chancenlosigkeit

Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) beschreibt die eindeutige Hackordnung: „Es waren nur trügerische Hoffnungsschimmer, die Stuttgart wenige Momente vor der Pause glauben machten, er könne dem Starensemble aus Barcelona vielleicht doch auf Augenhöhe begegnen. Der VfB-Stürmer Gomez, der bekennende, gedankliche Überläufer (er ist Anhänger Barças), scheiterte nach einer halben Stunde zweimal an Keeper Valdes, der Schwede Farnerud war kurz vor der Pause allein vor dem Tor glücklos. Es blieben optische Täuschungen, ohne Wert und Nachhall, denn der FC Barcelona gab sich nur in diesen wenigen Minuten dem Leichtsinn hin. Sonst traten die Katalanen so überzeugend auf, dass keine Fragen über die Kräfteverhältnisse offen blieben.“

Jörg Hanau (FR) fährt den VfB-Spielern, die sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellen, übers Maul: „Haben die einen Ball zu viel gegen die Birne gekriegt? Der Realitätsverlust bei den bemitleidenswerten Stuttgarter Berufsfußballern war jedenfalls kaum auszuhalten. ‚Gleichwertig‘, ‚auf Augenhöhe‘, ja sogar von einem möglichen Sieg war nach der verdienten Niederlage des Krisenmeisters die Rede. Hallo? Dass manch einer beim Kopfball die Augen verschließt, okay, das kommt vor. Aber 90 Minuten lang? Der VfB Stuttgart, das sei nicht verschwiegen, mühte sich redlich. Die Schwaben kämpften mit den vergleichsweise biederen Mitteln einer durchschnittlichen Bundesligamannschaft. Mehr ist momentan nicht drin. Zehn gute Minuten am Ende der ersten Hälfte, zwei zweifellos gute Chancen, die Gomez und Farnerud versemmelten, das war’s aber auch schon. Gegen die Weltauswahl war der VfB schlicht und ergreifend chancenlos.“

Roland Zorn (FAZ) hat mehr Herz erwartet: „Letztlich konnte Vehs Aufgebot das Format, das die Mannschaft in den letzten zwanzig Minuten vor der Pause bewiesen hatte, nicht halten. Die zweite Hälfte war wie zuletzt in der Bundesliga von Mühsal statt von Leichtfüßigkeit, von Mangel an Phantasie statt von einem Schuss Extra-Esprit, von Zaghaftigkeit statt von Mut vor Europas Fußballthronen gekennzeichnet. So kommt der VfB weder in der heimischen noch in der europäischen Spitzenklasse voran. Dass der Anfang vom Stuttgarter Ende mit einem Führungstreffer für Barcelona gekommen war, dem so gar nichts ästhetisch Wertvolles anhaftete, war Ironie des Schicksals.“

Die Perspektive dieser Elf wird aufgefressen von der Gegenwart

Christof Kneer (SZ) träumt von Barcelona: „Vermutlich werden sich die Spieler des FC Barcelona in ein paar Jahrzehnten noch entschuldigen für dieses Tor gegen den VfB, das sie so nie schießen wollten. Eine Viertelstunde später haben sie das Tor geschossen, das sie schießen wollten. Es war eines jener Kleinkunsttore, die man sich noch mal im Fernsehen anschauen muss, um sie zu begreifen. Die Spieler des FC Barcelona finden Lücken, die es gar nicht gibt.“

In einem zweiten Text analysiert Kneer wohlwollend die Zwangslage der Stuttgarter: „Im Grunde muss man sich dieses Spiel wie eine große Party vorstellen, auf die man sich monatelang gefreut hat – aber wenn die Party da ist, hat man plötzlich schreckliche Kopfschmerzen. Um solche Spiele spielen zu dürfen, haben sie beim VfB ein Jahr lang gekämpft, und am Ende des Kampfes waren sie plötzlich Meister. Die Stuttgarter sitzen gerade in der Meisterfalle. Könnten sie dieses Barcelona-Spiel herauslösen aus den Zwängen des Alltags, dann hätten sie es mit einem Spiel zu tun, mit dem sie sich womöglich anfreunden könnten. Natürlich hat die Abwehr oft naiv ausgesehen gegen Hochgeschwindigkeitsdribbler wie Messi; natürlich wirkt das Spiel von Farnerud oder Magnin holzschnittartig verglichen mit den samtbeinigen Iniesta oder Deco; sichtbar wurde aber auch, wozu diese Mannschaft einmal fähig sein könnte. Es war durchaus eine Erkenntnis, dass Spieler wie Mario Gomez, 22, Sami Khedira, 20 und Roberto Hilbert, 22, das Spiel auch auf dieser Ebene verstehen. Gäbe es diesen lästigen Alltag nicht, so könnten sich Heldt und Veh die Kopfbälle von Gomez, die Dribblings von Hilbert und die Steilpässe von Khedira rahmen und übers Bett hängen – als Bestätigung dafür, dass sie dabei sind, eine zukunftsfähige Elf anzumischen. Das Problem ist aber, dass der VfB Stuttgart keine Zeit für die Zukunft hat. Die Perspektive dieser Elf wird aufgefressen von einer Gegenwart, die ein kraftraubendes Spiel wie jenes gegen Barcelona eher zur Belastung macht.“

Dienstag, 2. Oktober 2007

Champions League

VfB Stuttgart, Projekt ohne Zielmarke

Vor dem Spiel gegen den FC Barcelona

Christof Kneer (SZ) würde dem VfB Stuttgart, dem stolpernden Meisterteam, am liebsten Ruhe verordnen: „Am Beispiel Stuttgart lässt sich stellvertretend studieren, wie schwer es sein kann, die nächste Stufe zu erklimmen. Sie sind wenig meisterhaft in die Saison gestartet, sie haben aus vier Auswärtsspielen exakt null Punkte erlöst, und es hilft ihnen nichts, dass sie in jedem Spiel 15 bis 20 Minuten wie ein Meister spielen. Auf zwei, drei individuelle Fehler pro Spiel können sie sich im Moment verlassen, und dann kommt die verunsicherte Elf so vom Weg ab, dass ihr keiner mehr den Meister ansieht. Was sie unerwartet trifft, ist die Wucht der öffentlichen Kritik. So wie die Spieler noch lernen müssen, Meister zu sein, so lernen es auch die Verantwortlichen. Diese Mannschaft ist ein Projekt, aber ihr Problem ist, dass sie keine klar definierte Zielmarke hat wie einst Jürgen Klinsmanns Nationalelf. Der konnte seine Mannschaft dem bevorstehenden Sommer 2006 entgegenwachsen lassen, die Mannschaft von Armin Veh wird dagegen immer an einem Sommer gemessen, der bereits vergangen ist – am Meistersommer 2007, dem Gründungsdatum dieser Elf, die einerseits dringend Zeit zur weiteren Reife braucht, andererseits am besten wieder Meister werden soll. An solchen Widersprüchen können Teams auch zerbrechen.“

Bonbonverteiler

Ronald Reng (taz) stellt uns Andrés Iniesta als das Filet Barcelonas vor: „Er ist die Erinnerung, dass dieses Barça immer viel mehr war und ist als die persönliche Magie Ronaldinhos oder Messis. Iniesta steht für die Gemeinschaftswerte der Elf, das blitzende Passspiel, die exquisite Ballsicherheit, die taktische Kontrolle. Er kann den Rhythmus einer Partie nicht so diktieren wie sein Mitspieler Deco, ihm kommt die Inspiration des tödlichen Steilpasses nicht so leicht wie seinem Kollegen Xavi Hernández, aber welcher Fußballer hat so viele Qualitäten wie er? ‚Den Bonbonverteiler‘ taufte ihn sein Trainer Frank Rijkaard wegen seiner zuckersüßen Pässe. Er ist der Liebling der Fußballszene, seit er 11 war. Damals holte Barça ihn aus den Weiten der Mancha, der dürren Heimat Don Quijotes, ins 700 Kilometer entfernte Barcelona; einen 11-Jährigen. Er wurde eine 4. Die Trikotnummer gehört bei Barça dem defensiven Mittelfeldspieler – vor allem aber steht sie mehr als jede andere Position für Barças Stil. Hier ist der defensive Mittelfeldspieler kein Zerstörer, sondern ein technisch brillanter Spieleröffner. Doch zwei von Iniestas Stärken – seine Vielseitigkeit sowie seine Fähigkeit, sich sofort im hitzigsten Spiel zurechtzufinden – bleiben seine Schwäche: Er ist der ideale zwölfte Mann, der immer dorthin geschoben wird, wo etwas zu reparieren ist.“

Fragen darf man ja mal

Jörg Schallenberg (Spiegel Online) vermisst bei den Stuttgarter Politikern das einheitliche Maß in der Skepsis gegen über Doping-Verdächtigen: „Wie ernst es der Stadt Stuttgart mit ihrem eisenmannharten Antidoping-Kurs ist, wird sich bei künftigen Veranstaltungen zeigen. Am Dienstag gastiert der FC Barcelona beim VfB Stuttgart. Der Radprofi Jesus Manzano hat ausgesagt, dass auch die Barça-Kicker zu den Kunden des Blutmischers Eufemiano Fuentes zählen – was nebenbei auch Fuentes in einem später zurückgezogenen Interview erklärt hat. Mehr als die inoffizielle Aussage eines früheren Radprofis lag auch gegen Paolo Bettini nicht vor, sieht man von der ohnehin nicht relevanten Ehrenerklärung einmal ab. Ob die Stadt Stuttgart nun wohl versuchen wird, die Austragung des Spieles zu stoppen? Oder ein BKA-Beamter Ronaldinho nach seinen merkwürdigen Leistungsschwankungen fragt? Fragen darf man ja mal.“

NZZ: Tottis Schreckgespenster – entzauberte AS Roma in der Sinnkrise vor Reise nach Manchester

NZZ: Die Träume von Enschede – der FC Twente sucht den sanften Anschluss an die europäische Zwischenetage

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