Freitag, 24. August 2007
Strafstoss
Reine Nervensache 10 – Der Queerkopf
von Herrn Mertens und Herrn Bieber
Mathias Mertens: Lieber Bieber, Mehmet Scholl ist homosexuell?
Christoph Bieber: Klar, wussten Sie das nicht? Dazu hat doch schon Moritz Bleibtreu in „Lammbock“ erschöpfend Auskunft gegeben. Ach ja, und Jarvis Cocker hat doch nicht recht – Irony is not over.
MM: Aber Jarvis Cocker is over, oder nicht. Genau wie Mehmet Scholl, der bestenfalls noch als Kegler beim FC Bayern auffallen wird. Ist das eigentlich ein männlicher Sport? Und welche fußballerischen Fähigkeiten kann man dort einsetzen?
CB: Wie bitte, Jarvis Cocker is over? Da haben Sie wohl dessen fulminantes letztes Solo-Album verpasst, mit so schönen Titeln wie „I will kill again“ und „From Auschwitz to Ipswich“. Und Scholls nächstes Solo steht ja auch unmittelbar bevor, und zwar im Kino. Über den Film mit dem bemühten Titel „Frei: Gespielt“ liest man bislang aber nichts wirklich gutes. Für eine Einschätzung des Kegelsports fehlt mir allerdings jegliche Kompetenz – für Herrn Scholl schließt sich aber wohl ein Kreis, denn er war mit dem KV Karlsruhe „Zweiter Deutscher Mannschaftsmeister in der Jugend“. Was auch immer das heißt. Um eine sportliche Wahlverwandtschaft scheint es sich jedoch nicht zu handeln, denn: „Die Oberschenkel fangen schon nach fünfzig Kugeln an zu flattern, weil man beim Stemmschritt am Ende hundert Mal das ganze Körpergewicht mit einem Fuß abfangen muss. 200 Kugeln schaffe ich zurzeit gar nicht, obwohl ich völlig austrainiert bin. Aber Fußball und Kegeln bedeuten für die Beine eine komplett unterschiedliche Belastung. Beim Kegeln bremse ich den eigenen Schwung wie mit dem Bremsschritt beim Speerwerfen ab. Beim Fußball sind die Bewegungen viel runder.“ (siehe hier).
MM: Ich bin immer wieder erstaunt, welche Fachpublikationen Sie studieren. Und das klingt ja, als ob der Scholl Ahnung von der Materie hätte, so mit Bremsen und Stemmen und Flattern und so. Aber ich fühle bei seinem Abschied so dumpfe, reaktionäre Wallungen in mir hochsteigen, wahrscheinlich, weil mir nicht aus dem Kopf geht, wie es seinem „väterlichen Freund“ Uli Hoeneß wohl beim Abschied ergangen sein muss.
CB: Wie denn?
MM: Na ja, eben so als Unvollendeter, der miterleben muss, wie ein anderer Unvollendeter die jahrelangen Bemühungen der „Abteilung Wahrheit“ so ungeniert in den Dreck tritt. Und zwar in den „Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird“. Nicht, dass ich seine geologischen Einschätzungen teilen würde, aber ich habe ein wenig Mitleid mit dem Menschen, dessen Weltbild so erschüttert wird. Heutzutage kokettieren Fußballer mit ihrer sexuellen Ausrichtung und nehmen den Kegelsport auf, wenn sie aufhören. Von Uli Hoeneß aus gedacht: Was ist aus der guten alten Zeit geworden, als Fußballer nach Karriereende ihre Alkoholkrankheit voll ausleben konnten und ihr Erspartes in Toto-Lotto-Annahmestellen verbrannten, um dann vom Hoeneß-Uli mit einem Torschusstrainer- oder Fanshop-Verkäufer-Posten gerettet werden zu können?
CB: Ach, das ist jetzt aber ein unangebrachter Retro-Romantizismus. Passt aber irgendwie zu ihren dumpf-reaktionären Wallungen. Herr Mertens, Sie werden doch nicht etwa … alt? Nimmt Sie der Abgang von Herrn Scholl vielleicht deshalb mit, weil sie gewisse biographische Parallelentwicklungen erkennen?
MM: Vielleicht. Der Hoeneß Uli war mit 27 ja auch schon älter, als der Scholl jemals werden wird. Es müsste mich auch stutzig machen, dass ich plötzlich Mitgefühl mit dem Herrn habe. Aber frei nach Engholm, Croce, Shaw, Fontane, Russell und Churchill (siehe hier) befürchte ich: Wer mit 14 nicht Bayern-Hasser war, hat kein Herz, wer mit 40 nicht Bayern-Fan ist, hat keinen Verstand.
CB: Oh, jetzt wird es mir doch etwas zu schwermütig. Wir reden hier doch über Mehmet Scholl und nicht von Oli Kahn. Womit ich bei ihrer Eingangsfrage wäre, bei der Sie ja auf Herrn Scholls „queere Abschiedsparty“ (O-Ton Spiegel Online) anspielen. Die Einschätzung der Veranstaltung erscheint mir nach der Lektüre des Berichts
zutreffend, nur vermisse ich ein wenig etymologische Zweikampfhärte beim Reporter: queer „bedeutet im amerikanischen Englisch so viel wie „seltsam, sonderbar, leicht verrückt“, aber auch „gefälscht, fragwürdig“; als Verb wird es gebraucht für „jemand irreführen, etwas verderben oder verpfuschen“, substantivisch steht es für „Falschgeld“. (Und das weiß sogar schon wikipedia.de, mit einer gewissen Vorliebe für abseitige Fachpublikationen ließe sich das Definitionsgeplänkel noch massiv ausweiten – empfehlen könnte ich den aktuellen Sammelband „Sport, Sexualities and Queer/Theory“ von Jayne Caudwell oder für Deutschland einfach die gesammelten Werke von Thomas Meinecke. Doch ich schweife ab, habe mich verdribbelt, vertändele den Ball …
MM: Was dem Scholl ja nie passiert wäre. Wie mir überhaupt alles, was Ihre etymologische Recherche ergeben hat, nicht so recht zu Mehmet passen will. Das klingt mir doch eher nach meinem geschätzten Mario Basler. Der war queer. Aber dann müsste ich ja auch meine Eingangsfrage modifizieren: Mario Basler ist homosexuell?
CB: Einspruch! Mario Basler ist nicht queer, der ist nur daneben. Was bei der Wort-Recherche ja verloren gegangen ist, ist nicht nur der positiv-subversive Gehalt des Konzepts, sondern vor allem die Schollsche Leistung bei dessen Übertragung auf das Feld des Fußballs. Ich denke, solche verqueren Avancen tragen bei zu einer Art „makeover“ des bisher tumb-männlich codierten Fußballsports – so wie etwa die (beinahe) weltweit erfolgreiche TV-Serie „Queer Eye (for the Straight Guy)“ zeigt, dass eine „kulturelle Transformation“ für (beinahe) jeden eine wertvolle Erfahrung sein kann. Und ich glaube, genau darum geht es bei Mehmets Mühe um mehr Kultur im Kulturgut Fußball.
MM: … denn würden die identitäten nicht länger als prämissen eines mediensportlichen syllogismus fixiert, so könnte aus aus dem niedergang der alten eine neue konfiguration des fußballs entstehen. die sportkulturellen konfigurationen von geschlecht und identität könnten sich vermehren, oder besser formuliert: ihre durch mehmet scholl entscheidend vorangebrachte gegenwärtige vervielfältigung könnte sich in den diskursen, die das das intelligible kulturleben stiften, artikulieren, indem man die binarität in verwirrung bringt und ihre grundlegende unnatürlichkeit enthüllt…
Entschuldigung! Da sind mir gerade ein paar Gedanken in die Quere gekommen. Da hilft nur intensive Verdellingung: Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht quer. Auf keinen Fall wollte ich querschießen. Querbeet und querfeldein raste es in meinem Kopf. Es ist aber auch eine verquere Sache, dieses Thema.
CB: Da haben Sie wohl recht, ich nehme diesen Queerpass dankend auf, und beende das Gespräch an dieser Stelle mit einem Netzerismus: Ich nehme Ihnen das nicht übel, Herr Mertens, das bin ich doch von Ihnen gewohnt.
Bundesliga
Stärke und Standfestigkeit bewiesen
Ingo Durstewitz (FR) beglückwünscht die Hamburger Klubführung zu ihrer harten Linie in der Personalie van der Vaart: „Es wäre nahezu unerträglich gewesen, wenn der seinen Abschied provozierende Kapitän mit seinem miesen Spiel durchgekommen wäre. Der HSV hat im Fall van der Vaart nicht nur die Muskeln spielen lassen, sondern im Armdrücken mit Valencia wahre Stärke und Standfestigkeit bewiesen. Die Hamburger haben zwar nicht, wie gerne dargestellt, in bester Robin-Hood-Manier gegen die Verrohung der Sitten und für die ganze Bundesliga gekämpft, aber sehr wohl ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt. Das ist beispielhaft. Denn im Millionenspiel Bundesliga werden die Vereine von den Superstars nicht selten vorgeführt, ja wie Tanzbären am Nasenring durch die Manege gezogen. Die hoch dotierten Profis lassen sich – nicht selten angetrieben durch windige und durchtriebene Berater – durch befristete Arbeitspapiere schon lange nicht mehr halten, sie pilgern dorthin, wo die natürlich ungleich größere sportliche Herausforderung durch ungleich mehr Zaster versüßt wird. Und sie ziehen dabei alle Register: mimen den Schurken, verunglimpfen Trainer oder Vereinsführung (oder beide), sie nutzten alle Tricks und Kniffe, um ihr perfides Spiel erfolgreich zu beenden.“
SZ-Interview mit Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc über seine Transferpolitik
NZZ: Vor dem Beginn der spanischen Meisterschaft zeichnet sich kein Favorit ab
Deutsche Elf
Sie sind wieder wer
Überwiegend Lob für die deutsche B-Elf nach dem 2:1 in England, aber auch Kritik am Spielniveau / Joachim Löw, Glücksfall des deutschen Fußballs / Philipp Lahm, Mann für alle Fälle / Englische Presse klagt über ihren Trainer und ihren Torwart
Roland Zorn (FAZ) gerät nach dem 2:1 in Wembley ins Schwärmen über Joachim Löw und seine Mannen: „Sie feiern ihre Erfolge inzwischen mit derselben Selbstverständlichkeit, wie sie ihre Aufträge serienweise erfüllen. Sie meistern schwierige Situationen mit heißen Herzen und kühlen Köpfen, also mit einer hohen und dazu sehr anschaulichen Professionalität. Sie haben, bis auf kurze Phasen der Verunsicherung, ihre Angst vor Niederlagen beherrschen gelernt. Sie setzen ihre Spielintelligenz als Denksportwaffe in kniffligen Situationen ein. Die deutsche Nationalmannschaft ist nach dem berauschenden Gefühlserlebnis bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land unter dem Nachfolger von Jürgen Klinsmann zusehends gereift. Sie hat den dritten WM-Platz als Startrampe begriffen, noch weiter voranzukommen – und genießt inzwischen weltweit wieder den Ruf, ein Ausbund an Solidität, Organisation und Willensstärke zu sein. Was unter Klinsmann begann, hat sich mit Löw an der Spitze eindrucksvoll fortgesetzt. Besser noch: Dieser Bundestrainer hat die Leidenschaft seines Teams mit den für dauerhaften Erfolg notwendigen Zugaben angereichert: Mit seiner neuen Reife gehört dieses Team, egal in welcher Formation, wieder zu den ersten Adressen in Europa. (…) Sie sind wieder wer – und das ohne Anzeichen von Überheblichkeit und Wichtigtuerei.“
Etwas vorsichtiger stimmt Wolfgang Hettfleisch (FR) ein: „Bei den deutschen Auswahlkickern wächst eine Generation heran, deren Rüstzeug sie zu Höherem befähigen könnte. Löw ist so frei, diese Entwicklung auch mit unorthodoxen Mitteln und Entscheidungen voranzutreiben. Dabei sollte er auch dann Rückendeckung bekommen, wenn ihm das Glück mal nicht mehr so hartnäckig an den Fersen klebt. (…) Wie macht er das nur, der Jogi Löw? Alles, was der Bundestrainer anpackt, scheint sich in Gold zu verwandeln.“
Was ist mit den Engländern los?
Hans-Jürgen Jakobs (sueddeutsche.de) hingegen wendet dem Spiel seinen Hintern zu: „Auch in Wembley ist grottenschlechter Kick möglich. Auch ein Klassiker schützt vor Irrtum nicht, und vor allem nicht vor Kreisklassenfehlern. Was die vielen englischen und deutschen Profis boten, war eines solchen Länderspiels einfach unwürdig. Selten hat man auf der internationalen Bühne ein Match mit mehr Fehlpässen gesehen. Gut, die Deutschen waren ersatzgeschwächt und haben immerhin Moral und Schussstärke bewiesen. Sie waren eine Reserve, die sich aus der Reserve locken ließ. Aber was ist mit den Engländern los?“
Philipp Selldorf (SZ) erwartet mit Spannung den Tag der Nominierung des deutschen Kaders für die EM in Österreich und der Schweiz: „Derzeit gibt es mindestens 40 Anwärter auf die 23 Plätze für die Alpenexpedition. Die Begegnung mit England in Wembley hat dabei bestätigt, dass auch aus den Reserven des Kaders große Versprechen hervorgehen: Spieler wie Hilbert oder Pander zum Beispiel, deren Möglichkeiten längst nicht erschöpft, nicht einmal ausreichend erforscht sind. Von verheißungsvollen Neulingen wie Helmes, Khedira und Tasci ganz zu schweigen. Hinter der Elf von Wembley stand eine beinahe komplette Schattenelf von Etablierten, die ihre Verletzungen kurieren. Es war zum Teil zwar mühsam, aber es ging auch ohne Ballack, Frings und Klose. Diese drei werden sich um ihre Plätze für die EM sicher nicht sorgen müssen. Aber mancher sogenannte WM-Held wird während der EM womöglich traurig seinen Sommerurlaub absitzen.“
Einzelkritik
Herausragender Beitrag von Christian Pander
Gewinner des Spiels ist, nach Löw, Philipp Lahm; die FAZ applaudiert: „Der Bundestrainer durfte sich nach dem letztlich auch ein wenig glücklichen Erfolg über die nimmermüden Kämpfer von der Insel in seinem Mut zum Systemwechsel und in seinen wichtigsten Personalentscheidungen bestätigt sehen. Er beorderte den Münchner Links-wie-rechts-Außenverteidiger Lahm erstmals vor die Abwehr und landete damit einen Volltreffer: Lahm war die Energie- und Inspirationsquelle für das deutsche Spiel. Löw ließ den Leverkusener Ballkünstler Bernd Schneider zentral als Brückenspieler zwischen Abwehr und Angriff pendeln. Auch dieser Plan ging auf. Da links neben Schneider der Stuttgarter Thomas Hitzlsperger von vornherein mit hohem taktischem Geschick ein Auge für Freiräume und Nebenspieler hatte, war Löws primäres Ziel erreicht – obwohl die übrigen Mittelfeldrollen von Trochowski nur mäßig und rechts draußen von Odonkor unzureichend besetzt waren. Jens Lehmann steigerte sich nach ein, zwei Unsicherheiten zu einer starken Leistung nach der Pause und gab sich dann mit seinen 37 Jahren ganz abgeklärt.“
Ludger Schulze (SZ) pflichtet bei: „Beinahe schwerelos, weil ohne jede körperliche Gewalt, stahl Lahm dem Gegner die Bälle, stellte Passwege zu und inszenierte eigene Angriffe. Alles ist bei ihm eine fließende Bewegung, geboren aus geistiger Wendigkeit und perfekter Ballbeherrschung. Doch das überaus gelungene Experiment wird kaum eine Fortsetzung finden.“ Dem Siegtorschützen rechnet Schulze hoch an, erst durch ein Tal geschritten zu sein, bevor er den Gipfel erstürmte: „Selten hat ein Profi bei seiner Premiere im Nationaltrikot ein peinlicheres Luftloch getreten, als Christian Pander bei seinem missratenen Versuch, Richards‘ Solo zu stoppen, und selten hat einer betretener dreingeblickt als Pander in dem Moment, in dem er feststellen musste, dass er mit seinem Luftloch einen herausragenden Beitrag zum 0:1 geleistet hatte. Na und? Christian Pander lieferte ja noch einen weiteren herausragenden Beitrag, und der verschafft ihm nun einen vorderen Platz unter den Hauptdarstellern der deutsch-englischen Fußballgeschichte. Sein Siegtreffer zum 2:1 war zwar historisch nicht so wertvoll wie der von Dietmar Hamann vor sieben Jahren, aber er sah besser aus, und er hat ebenfalls seinen mythologischen Wert. Dieses Tor, das im Comic von Lautworten wie wusch, krach, bumm begleitet worden wäre, wird noch in vielen Programmheften zu deutsch-englischen Spitzenbegegnungen Erwähnung finden: 25 Meter Entfernung zum Ziel, kein Meter Anlauf, und trotzdem hatte der Ball das Tempo eines hochbeschleunigten Ferraris.“
Wusch, krach, bumm
Heul, jaul, stöhn
sueddeutsche.de widmet sich einem Innenverteidiger und dem Torwart: „In der Nationalmannschaft ist Christoph Metzelder meistens in bester Form, sogar jenseits von WM-Turnieren. In Wembley unternahm er viel nach vorn und hatte starke Szenen in der Deckung. Sehr gute Partie. Jens Lehmann, der die Debatten um seine Stellung beim FC Arsenal kennt und durchaus fürchtet, machte einen angespannten Eindruck, beim 0:1 trug er aber keine Schuld. Klärte stark gegen Lampard und Owen. Wurde zunehmend gefordert und verdiente sich mehr und mehr mit guten Szenen die Schmähungen der englischen Fans.“
Party wieder von den Deutschen vermasselt
Englands Boulevardpresse schießt sich auf Englands Torwart Robinson ein und versucht sich an den obligatorischen Wortspielen (Sun: „What a load of Robbish”; The Express: „It’s Misses Robinson”). In Anspielung auf den Elvis-Presley-Song „Devil in disguise” und die zwei jüngsten groben Fehler des deutschen Torhüters in der Premier League fragt sich der Mirror, ob Robinson „Lehmann in disguise” ist.
Sam Wallace (Independet) spricht von einer „Horrornacht für McClaren” und kommentiert sarkastisch: „Das neue Wembleystadion beginnt, langsam sich wie ein richtiges Zuhause für die englische Nationalmannschaft anzufühlen. Es sind gerade zwei Spiele gespielt und schon ließ man eine der ältesten Traditionen im englischen Fußball wieder aufleben: eine lähmende Niederlage gegen den alten Feind Deutschland. (…) Erneut wurde uns die Party von einer deutschen Mannschaft vermasselt, in der enormes Selbstvertrauen, ein genaues Passspiel und die Fähigkeit, ein Spiel zu beherrschen, anscheinend genetisch an neue Generationen weitervererbt werden.”
Rob Smyth (Guardian) erkennt in dem 1:2 gegen den Erzrivalen ein böses Omen für Coach McClaren: „Die Probleme auf der Torhüterposition haben dafür gesorgt, dass England, obwohl sie das bessere Team waren und eine Vielzahl von Chancen herausspielten, erneut unter McClaren verloren haben. Dieses mal sogar gegen Deutschlands B-Elf. Eine Niederlage in Wembley gegen Deutschland wird langsam zum Symbol der gescheiterten englischen Teammanager: Graham Taylor begann seine Amtszeit mit einer Niederlage gegen die Deutschen. Kevin Keegan gab nach der Heimpleite im Jahr 2000 seinen Rücktritt direkt nach Spielende unter der Dusche bekannt. Ähnliches ist von McClaren nicht zu erwarten. Doch die Schlinge zieht sich um ihn zusammen. Und die Frage ist nicht ob, sondern lediglich wann, sie ihn erdrückt.”
Englische Presse bearbeitet und übersetzt von Alexander Neumann (London)
Die Highlights von der Gegenseite
SZ: Im Kampf für seine Vorstellungen vom schönen Spiel stellt sich Löw seinen Gegnern: dem deutschen Fußball und der Bundesliga
SZ-Interview mit Didi Hamann über die Akzeptanz der Deutschen im englischen Fußball
NZZ: Cannavaros Katastrophenabend – missratene Hauptprobe Italiens beim 1:3 in Ungarn
Mittwoch, 22. August 2007
Ball und Buchstabe
Sorge um seine Idee
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) stimmt dem Bundestrainer zu, der sich über die deutsche Abwehrarbeit beschwert: „Löws Klage richtet sich nicht gegen die Schiedsrichter, die zu viel laufen lassen; sie richtet sich gegen die Spieler, die zu wenig laufen lassen. In Deutschland, das hat der Bundestrainer sehr richtig beobachtet, haben die Verteidiger in erster Linie den Auftrag, den Angriff des Gegners mit allen Mitteln zu stoppen, notfalls auch mit illegalen. Auf diese Weise lebt bis heute das Erbe der guten alten Ausputzerschule fort. Im modernen Fußball aber ist die Unterbindung des gegnerischen Angriffs schon lange kein Selbstzweck mehr; sie ergibt nur dann einen tieferen Sinn, wenn aus ihr der direkte Gegenangriff entsteht. Die Sorge um die Gesundheit der Nationalspieler mag Löw zu seiner Intervention veranlasst haben. Dahinter aber steckt viel mehr: die Sorge, dass seine Idee vom Fußball, vom schnellen, direkten und intensiven Spiel, die Bundesliga noch längst nicht durchdrungen hat.“
Friedhelm Funkel wehrt sich im FR-Interview: „Jahrelang wird gefordert, die Bundesliga solle sich an internationale Härte gewöhnen und die Schiedsrichter müssten deshalb mehr durchgehen lassen. Und jetzt ist das Geschrei groß, weil die Nationalmannschaft mal auf ein paar Spieler verzichten muss. Das kann es nicht sein. Da darfst du doch nicht immer meckern und klagen. Ich habe für das Lamentieren kein Verständnis.“
Erlebnis und Verklärung
Christian Eichler (FAZ) erzählt die Legende Wembley: „In Zeiten der Globalisierung nicht nur von Märkten, auch von Erlebnissen und Erinnerungen gibt es wenige Orte, die unverwechselbar bleiben. Orte wie Wembley. Das ist etwas einmalig Englisches und zugleich: ein deutscher Ort. Erlebnisort, Erinnerungsort. Man hört die zwei Silben, schon knipst das Gedächtnis ein paar Bilder an. Jeder, der eine Passion fürs Spiel hat, wird sich an einen Wembley-Moment erinnern. Daran, wie er ihn erlebte und wie lebendig er war. Sei es das ‚Wembley-Tor‘ von 1966, das als ersten deutschen Wembley-Mythos das Selbstbildnis der ungerechten, tapfer ertragenen Niederlage hinterließ – illustriert durch Sven Simons Foto, auf dem Uwe Seeler hängenden Kopfes neben der Blaskapelle den Platz verlässt. Sei es 1972, jenes 3:1 im grünen Trikot, das als Geburt der spielerisch besten deutschen Nationalelf gilt – zu dem Karl-Heinz Bohrer in dieser Zeitung einen der großen Sätze der Fußballsprache fand: ‚Und Netzer kam aus der Tiefe des Raumes.‘ Dann die beiden EM-Spiele 1996, Elfmeterschießen gegen England, Bierhoffs ‚Golden Goal‘ gegen Tschechien. Nicht zuletzt der 1:0-Sieg 2000, Hamanns Freistoß blieb das letzte Tor im alten Wembley. Zehn deutsche Spiele dort, fünf davon unvergesslich – eine Quote, auf die kein anderes Stadion der Welt kommt. Ob das im neuen Wembley so bleibt? (…) Wembley war stets ein Multiplikator. Es vervielfachte die Leistung der Spieler, das Erlebnis der Zuschauer und die Verklärung durch die Nachwelt.“
Am Grünen Tisch
Geschwächte Autoritäten
Rassismus im Ruhrgebiet? Konspiration am Rhein? Klaus Hoeltzenbein (SZ) mahnt alle zur Ruhe: „Zwei Spieltage ist die Saison erst alt, aber schon herrscht Hochbetrieb beim Kontrollausschuss. Erst der Rassismusvorwurf, kurz darauf der pauschale Manipulationsvorwurf von Christoph Daum gegen die Schiedsrichter zum Nachteil seines 1. FC Köln. Auf den ersten Blick liegen beide Fälle weit auseinander, im Kern aber beleuchten sie das gleiche Problem: ein erbärmliches Krisenmanagement im Amüsierbetrieb. Verfolgt wird eine Politik der begrenzten Horizonte – erst kommt mein Verein, dann nicht mehr allzu viel. Kurzsichtigkeit, die bittere Folgen hat. Denn geschwächt werden die wenigen glaubwürdigen Autoritäten. Im Fall Weidenfeller hat Dortmunds Geschäftsführer Watzke den DFB-Präsidenten Zwanziger wegen eines allgemeinen Statements (‚Der DFB verurteilt rassistische Vorfälle jeder Art und wird sie konsequent bestrafen‘) als eine Art Vorverurteiler kritisiert. Ausgerechnet Zwanziger, dem Kampf gegen Rassismus eine Amtspflicht ist. Daum wiederum traf in seinem Zorn ausgerechnet Florian Meyer, einen der Besten seiner Zunft. Dringende Empfehlung an alle Kurzsichtigen: neue Brille kaufen, aber bitte ohne Vereinsemblem.“
Boris Herrmann (Berliner Zeitung) erneuert angesichts des Daumschen Wutausbruchs die Forderung nach technischer Hilfe für den Schiedsrichter: „Es handelte sich bei jenem Abseitspfiff, der ihn diesmal zum Schäumen brachte, um eine Fehlentscheidung, die zwar in der Superzeitlupe, keineswegs aber mit bloßem Auge zu erkennen war. Hier befinden wir uns nun im Schambereich des modernen Fußballs. Das Spiel wird multimedial durchleuchtet und seziert. Leuten wie Daum wird das Futter für ihre Tiraden mundgerecht auf dem Tablett serviert. Den Schiedsrichter aber hat der Fortschritt irgendwie vergessen. Er muss weiterhin brav seine Tatsachenentscheidungen treffen und sich dafür übel beschimpfen lassen. Langfristig hilft dagegen wohl nur die Einführung des Videobeweises, kurzfristig aber tut es eine harte Strafe für Daum.“
Erik Eggers (Stuttgarter Zeitung) merkt an: „In Wirklichkeit liegt der Verdacht auf der Hand, dass Daum lediglich einen Nebenkriegsschauplatz eröffnen will, um so von den Problemen seines Teams abzulenken.“ Bernd Müllender (Financial Times Deutschland) frotzelt: „Immerhin hatte Christoph Daum die Illuminaten und das Weltjudentum in seiner Brandrede unerwähnt gelassen, verzichtete offiziell auf eine Anhörung vor dem UN-Gerichtshof für Menschenrechte und auf neuerliche Weltraum-Analogien.“
Dienstag, 21. August 2007
Bundesliga
Hundert Prozent
Jörg Marwedel (SZ) streicht die Leistung Rafael van der Vaarts beim 1:0 gegen Leverkusen heraus und betont seinen Rang in der HSV-Elf: „Immer deutlicher wird, dass diese neue HSV-Mannschaft ein Team ist, das ganz nach dem Willen des Trainers Stevens arbeitet: eine Abwehr wie Beton, und vorn ist van der Vaart für das geniale Moment zuständig. Womöglich ist Stevens auch deshalb ein guter Moderator in dieser kniffligen Angelegenheit, weil er genau weiß, dass er den wechselwilligen Spielmacher in dieser Saison nicht verlieren darf. Denn sonst würde diese um van der Vaart herumgebaute Elf wohl kein Spitzenteam der Liga mehr sein. Ob wirklich schon alles vorbei ist? Immerhin hat der Profi inzwischen begriffen, dass der HSV es ernst damit meint, ihn erst im nächsten Sommer gehen zu lassen. ‚Wenn ich bleibe, gebe ich weiterhin hundert Prozent‘, sagte er. Das hat er gegen Leverkusen schon bewiesen. Und das Trikot, das er nach dem Schlusspfiff über dem Kopf schwenkte, war auch nicht jenes des FC Valencia. Es war nur das Oberteil seines Gegenspielers Simon Rolfes.“
Deutsche Elf
Don’t mention the penalties!
Vorberichte auf den Länderspielklassiker: das Nationalteam, das fünfte Rad in Englands Fußball
Raphael Honigstein (SZ) befasst sich mit der ernsten Lage des englischen Nationalteams: „Angestaubte Helden, Stürmer, die keine Tore schießen, Rücktritte und ein Trainer, der aus wenig noch weniger macht – ein bisschen erinnert die fatalistische Stimmung an deutsche Unpässlichkeiten vor dem Spiel im Oktober 2000. Deutschlands souveränes 1:0 gegen die von dem völlig überforderten Kevin Keegan trainierten Engländer – der letzte deutsche Auswärtssieg gegen eine Fußballgroßmacht – täuschte damals über die wahre Misere beim DFB hinweg und führte die Briten in die relativ erfolgreiche und stabile Ära mit Sven-Göran Eriksson. Auf der Insel sind nicht wenige Experten überzeugt, dass es eines ähnlich heilsamen Schocks bedarf, um grundlegende Änderungen durchzusetzen. ‚Für uns alle wäre es wohl das Beste, wenn wieder Deutschland gewinnt‘, meint der Guardian. Ganz im Ernst.“
Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) ergänzt und weist auf die schwierige Aufgabe des Nationaltrainers hin: „Der seit langem schwelende Interessenkonflikt zwischen Zaster (Premier League) und Ehre (Nationalmannschaft) hat sich noch mehr zugespitzt. Premier League und Klubs stellen ihre besten Spieler ungern für das Nationalteam frei. Freundschaftsspiele gelten als überflüssige Plage. Sonntagsspiele finden ohnehin nur statt, weil es Sky TV so will. Auf die Bitte McClarens, die vorgesehenen Partien von Sonntag entweder auf den Samstag vorzuziehen oder zu verschieben, wurde nicht eingetreten. Das bedeutet, dass das Nationalkader nur ein richtiges Training durchführen kann. Nicht genug damit, dass eine Begegnung mit Deutschland auch dann kein Freundschaftsspiel ist, wenn es als solches angesagt ist. Der Match ist Steve McClarens einzige Testmöglichkeit, die von vielen Ausfällen gebeutelte Nationalmannschaft auf die enorm wichtigen Qualifikationsspiele gegen Israel und Russland am 8. und am 12. September vorzubereiten. Selbst die überzeugtesten Kritiker sind sich einig, dass ein Nationaltrainer unter solchen Umständen keine Wunder vollbringen kann.“
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) blickt auf Thomas Hitzlsperger, den bayerischen Engländer aus Stuttgart: „Die deutsch-englische Länderspielgeschichte ist eine Folge gegenseitiger Demütigungen, und wer als junger Spieler im anderen Land spielt, gerät fast automatisch in diesen Kontext. Bei Hitzlsperger war das nicht anders. Im Sommer 2000 wechselte er, gerade 18-jährig, aus der zweiten Mannschaft des FC Bayern München zu Aston Villa nach Birmingham, und bei seinem neuen Klub wurde er gleich mit der Historie konfrontiert. Villas Kapitän hieß damals Gareth Southgate, ‚eine Persönlichkeit, von der ich viel gelernt habe‘, wie Hitzlsperger sagt. Dass Southgate so einen reifen und erwachsenen Eindruck auf ihn machte, hängt wohl auch mit dessen wohl bitterster Erfahrung als Fußballer zusammen. Im Halbfinale der EM 1996 trat Southgate im Elfmeterschießen an, Andreas Köpke parierte, England schied aus, und die Deutschen wurden am Ende Europameister. ‚Ich habe ihn nie darauf angesprochen‘, sagt Hitzlsperger. ‚Das wollte ich nicht, gerade nicht als junger Deutscher.‘ Don’t mention the penalties!“
Hier nochmals Southgates Fauxpas – in einer Retroperspektive
NZZ-Portrait: Kevin Kuranyi – der kritische Profi
Montag, 20. August 2007
Bundesliga
Spitzenfußball, zelebriert
Pressestimmen zum 2. Spieltag: Bayern München betört Freund und Feind, Bremen derzeit kein Konkurrent / Schalke besiegt Dortmund und einen Teil seiner Vergangenheit / Meister Stuttgart lässt sich von Berlin übertölpeln (mehr)
Bundesliga
Spitzenfußball, zelebriert
Pressestimmen zum 2. Spieltag: Bayern München betört Freund und Feind, Bremen derzeit kein Konkurrent / Schalke besiegt Dortmund und einen Teil seiner Vergangenheit / Meister Stuttgart lässt sich von Berlin übertölpeln
Trotz des Münchner 4:0-Erfolgs in Bremen warnt Roland Zorn (FAZ) vor voreiligen Meisterschaftsprognosen – auch sich selber: „Die gute Nachricht für die Bundesliga vorweg: Der Spielbetrieb wird trotz der derzeit überdeutlichen Dominanz des Klassenprimus nicht eingestellt. Die schlechte Nachricht für die sogenannte Konkurrenz des FC Bayern München: Für sie könnte der Wettbewerb um die besseren Plätze erst von Rang 2 an beginnen. Die beste Nachricht für den Konsumenten: Ganz oben zelebriert eine Mannschaft Spitzenfußball, die ihre Freude am Spiel auslebt und ihren Rivalen en passant Angst und Schrecken einjagt. Und doch brauchen Ribérys Artistik, Tonis und Kloses Treffsicherheit oder Zé Robertos Organisationskunst dauerhafte Bestätigungsvermerke, will der FC Bayern aus dem Blickwinkel der Konkurrenz eines Tages tatsächlich, wie es Uli Hoeneß prophezeit hat, nur noch mit dem Fernglas zu sehen sein. Der Lauf des Fußballs ist nämlich oft derart irrational, dass auch den höchsten Favoriten Wochen des Malheurs widerfahren können. Da mögen sich die Bayern prophylaktisch beim FC Barcelona erkundigen. Die Katalanen schienen bis zum Endspurt um den Titel der Primera División allemal stärker und besser besetzt zu sein als Real Madrid – und wurden im Juni dann doch nicht Meister. Also nicht verzagen, ihr Schalker, Stuttgarter und sogar Bremer, obwohl Werder derzeit meilenweit von den eigenen Ansprüchen entfernt ist.“
Der Bayern-Sieg hat Freund und Feind bezaubert – Andreas Burkert (SZ) blickt in glückliche Gesichter: „Selten zuvor wohl haben die Münchner die gegnerische Gemarkung so aufgeräumt verlassen. Denn auch sie hatten gleich begriffen, dass ihnen soeben die ansehnlichste Leistung des FC Bayern seit einer kleinen Ewigkeit gelungen war. Nur deshalb wohl verzichtete Uli Hoeneß darauf, über Naldo zu schimpfen und wegen dessen Attacke ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof einzufordern. Diesmal trug er nach dem Abpfiff einfach ganz gelassen seine dicke Vereinsjacke über den Rasen und rätselte sicher, wieso er eigentlich an diesem schönen Samstag die Winterausrüstung dabei hatte. Mit dem Spiel mochte er sich nicht mehr öffentlich beschäftigen, er ließ es wirken. Vielleicht macht Geld doch glücklich, zumindest ein wenig; wenn man es so sinnvoll verwendet, wie dies aus Münchner Sicht geschehen ist. Denn ihre teure Zirkustruppe hat sogar unter Bremer Beobachtern vernehmbar eine erhöhte Produktion von 5-Hydroxytryptamin provoziert.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) macht den Bremern ein Kompliment, das sie aber wohl nicht trösten wird: „Angesichts der bisher in dieser Saison gebotenen Leistungen hatten viele Anhänger der Bremer damit gerechnet, dass es eine deftige Niederlage geben könnte, überraschend war allerdings, wie sie zustande kam. Zunächst bestimmten nämlich die Bremer das Spiel und setzten die Bayern so unter Druck, wie man es von früheren Heimpartien gegen diesen Gegner gewöhnt war. Das reichte jedoch nicht, um das Tor von Oliver Kahn ernsthaft zu bedrohen. Zunehmend drängte sich der Eindruck auf, dass es in Wirklichkeit doch kein Duell unter Gleichen war, sondern der typische Auftritt eines tapferen Außenseiters, der einem Spitzenteam zunächst Paroli bietet, seine Chancen jedoch nicht nutzt und schließlich die Fehler begeht, die dem Favoriten einen komfortablen Sieg ermöglichen.“
Ralf Wiegand (SZ) stellt die Umkehrung der Verhältnisse fest: „Fürs Erste hat Bremen, der ewige Stachel im Fleisch von Uli Hoeneß, sein Gift verloren. Fast schien es so, als habe er vor dem Spiel den Weg über den Rasen des Weserstadions genossen, wobei er ein Meer von Pfiffen und wüsten Beschimpfungen pflügte. Lächelte er? War es nicht genau dieser Neid, den er vermisste, als alle Welt das schöne Spiel von Werder Bremen rühmte und es jedermann ob der blutleeren Bayern-Elf nur fröstelte? Und nun? Knipsten Bremer Zuschauer mit ihren Digitalkamras Luca Toni, als der, ausgewechselt, zur Trainerbank stolzierte.“
FAZ: Rache nach Uli Hoeneß‘ Geschmack
SZ-Interview mit Klaus Allofs über Miroslav Klose, Rafael van der Vaart und die neue Macht von Profis und Spielerberatern
Morbus Chelsea
Zum Schutze der Kleinen und der Nichtganzgroßen empfiehlt Christof Kneer (SZ) eine Fristenänderung der Transferregeln: „Erneut lernt der HSV jetzt die Nebenwirkungen stiller Deals kennen, denn im Grunde drängt van der Vaart einfach nur ein Jahr zu früh auf einen Wechsel – oder ein paar Wochen zu spät. Das Dramatische ist ja der neue Trend zum August-Transfer, der es den Listigen immer schwerer macht, ein Leben in der Nische zu führen. Wenn das Großkapital den mittelgroßen Klubs kurz vor Transferschluss das Herz herausreißt, zementiert das brutal die Wettbewerbslage im europäischen Fußball: Die Großen bleiben groß oder werden größer; die Nischen (wie Bremen oder Lyon) bluten aus. Der europäische Fußball ist an Morbus Chelsea erkrankt, Heilung kann nur von ganz oben kommen. Hilft eine Synchronisierung der Spielpläne in Europa? Helfen andere Öffnungszeiten der Transferfenster?“
Erik Eggers (Financial Times Deutschland) hat, zum Schaden des HSV-Sportdirektors, ein gutes Gedächtnis: „Die Argumente Dietmar Beiersdorfers dürften angesichts seiner eigenen Biografie an Gewicht verlieren. Er hatte als Profi einen vergleichbaren Ton wie nun van der Vaart angeschlagen. Als der 1. FC Köln ihn 1996 nicht zum italienischen Klub Reggina ziehen lassen wollte, hatte er sich so gewehrt: ‚Wenn ich gegen meinen Willen bleiben muss, bin ich nicht mehr motiviert. Das ist meine letzte Chance, nach Italien zu wechseln. Wenn sie (die Kölner) mir die verbauen, fange ich ein Studium an. Außerdem wissen sie ja, wie es um mein Knie bestellt ist. Wenn ich bleiben muss, bin ich ständig verletzt.‘ Das Resultat: Beiersdorfer ging gegen Zahlung einer Ablöse.“
Großer Wurf
Richard Leipold (FAZ) beschreibt das 4:1 gegen Dortmund als Teil 1 der Schalker Wiedergutmachung: „Die Schalker schicken sich an, die Zweifler zu überzeugen. Das Schalker Fußballsystem arbeitete zuverlässig und schnell – wie ein Rechner, der nach einem Neustart wieder all seine Funktionen abrufen kann; sogar die dem Personal weniger vertraute Variante des 4-4-2, die Trainer Mirko Slomka dieses Mal bevorzugte. Die mitreißende Vorstellung der Schalker versetzte manches in den Ausgangszustand zurück, der vor dem 12. Mai erreicht war. An dieses Datum erinnerte im Stadion nur noch ein Dortmunder Transparent, das die Borussen nicht beflügelte und die Schalker nicht störte. Mit einer im zweiten Teil auch künstlerisch wertvollen Leistung ohne Kunstpausen rückte die Heimelf einiges wieder gerade. Vollständig aufgearbeitet ist das Trauma wohl erst, wenn Schalke die Schale nicht mehr nur angucken darf, sondern auch anfassen.“
Philipp Selldorf (SZ) fügt Lob an: „Slomkas überraschende Systemvariation – zwei statt drei Stürmer, vier statt drei Mittelfeldspieler mit Rakitic als zentralem Impulsgeber – erwies sich als großer Wurf und als Versprechen darauf, dass Schalke im Sommer zwar einen Regisseur namens Lincoln verloren, aber einen ganzen Strauß spielerischer Möglichkeiten hinzugewonnen hat. Dass die Mannschaft aber in jedem Punktspiel eine Motivation wie am Samstag aufbringt, ist unwahrscheinlich.“
Demütigung
Freddie Röckenhaus (SZ) hört aus Thomas Dolls Worten nichts Hoffnungsstimmendes für Dortmund: „Der Tonfall, wenn auch nicht unbedingt die Inhalte, erinnert an Dolls Dauergezeter, das in der vergangenen Saison die erstaunlichen Niedergang des HSV begleitet hatte. In Hamburg allerdings konnte der Trainer seinerzeit auf eine rabiate Verkaufspolitik des Klubs und eine länger werdende Verletztenliste verweisen. In Dortmund dagegen suchen sie verzweifelt nach Gründen. Nach der Heimpleite gegen Duisburg konnten sich die BVB-Macher noch mit dem Allerweltsargument trösten, der Aufsteiger sei unterschätzt worden. Bei der Demütigung in Schalke machte sich dagegen der Eindruck breit, dass das ganze Konstrukt der neuen Mannschaft ein Missverständnis sein könnte. (…) Finanziell geht es dem BVB inzwischen wieder gut – in Sachen Fußball-Personal geht es dagegen schleichend bergab.“
Leichtsinnig geworden
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) ist nach dem 1:3 in Berlin enttäuscht darüber, dass sich der Meister Stuttgart von einem falschen Elfmeter aus der Bahn werfen lässt: „In Berlin, wo Geduld und Zuversicht nicht gerade zu den urtypischen Tugenden zählen, haben drei Punkte die Wirkung einer hochdosierten Beruhigungspille. Glückshormone, kombiniert mit ein wenig Alkohol, ließen manchen Fan schwärmen, als wäre der Triumph über den Titelverteidiger der erste Schritt auf dem Weg zur Meisterschale. Wer sich einen klaren Rückblick für den Gang der Ereignisse auf dem Rasen bewahrt hat, muss nüchtern feststellen, dass es ohne die Mogelei von Lucio kaum zur Wende in dieser Partie gekommen wäre. Bis dahin war sie von einer Einseitigkeit, die den VfB in seinem Gefühl bestärkt haben muss, dass man hier gar nicht verlieren könne. Aber dann verwandelte Chahed jenen Foulelfmeter, der aus dem Souverän VfB ein Team machte, das es fortan an allem fehlen ließ, was es zuvor ausgezeichnet hatte. Schmerzlich wurde der Meistersturm mit Gomez und Cacau vermisst, kamen ihre Stellvertreter Marica und Ewerthon nicht über hoffnungsvolle Ansätze hinaus, ließ sich Torhüter Schäfer von der grassierenden Verunsicherung anstecken. Auch des Bundestrainers Kandidat Tasci war keine Stütze in jener halben Stunde, als der Meister einknickte.“
Boris Herrmann (Berliner Zeitung) ergänzt: „Herthas Spiel der ersten 45 Minuten war eine Finte, und die Stuttgarter sind darauf reingefallen. Sie waren über weite Strecken so überlegen, dass sie leichtsinnig wurden.“
Samstag, 18. August 2007
Bundesliga
Image ruiniert
Wie soll sich der HSV mit Rafael van der Vaart umgehen? / Über die Bedeutung des Klose-Transfers (SZ)
Doch verkaufen? Frank Heike (FAZ) schildert das Dilemma des HSV: „Längst hat die ‚Affäre van der Vaart‘ die Mannschaft erreicht. Es ist eine brisante Gemengelage für ein Team, das einerseits hofft, dass der fußballerisch unumstrittene Star zurückkommt. andererseits aber auch von dessen Transferpoker genervt ist. Für den HSV bleibt es schwierig, bei der bisherigen starren Linie zu bleiben. Auf der Tribüne verliert van der Vaart schnell an Wert, dem Verkauf will man nicht zustimmen – doch kann es eine Rückkehr auf den Rasen geben, womöglich schon an diesem Sonntag? Die Reaktion der Fans dürfte ähnlich sein wie die der mitgereisten 700 Anhänger in Budapest. Sie riefen: ‚van der Vaart – Hochverrat!‘ Dabei hat er den günstigen Moment für einen Absprung längst verpasst: Hätte er im Juni gesagt, er wolle im Sommer 2008 wohin auch immer wechseln, wäre nach dann drei guten Hamburger Jahren niemand überrascht oder enttäuscht gewesen, und der HSV hätte auch noch kassiert. So aber hat er sein hervorragendes Image als größter Werbeträger des HSV in nur einer Woche ruiniert.“
Jörg Marwedel (SZ) macht auf die Gesetzeslage aufmerksam: „Ein grundsätzliches Problem, dem sich Fifa und Uefa zudem stellen müssten, ist der 31. August, an dem international das Transferfenster schließt. Das bedeutet: Während in der Bundesliga längst wieder gespielt wird, ist in Spanien oder Italien die Saison noch nicht eröffnet. Im Grunde müsste die Wechselzeit aber dann schließen, wenn in einem Land die Punktspiele losgehen. Die mächtigen südeuropäischen Klubs werden jedoch alles tun, um genau das zu verhindern.“
Großes Stück herausgebrochen
Christian Zaschke (SZ) widmet sich dem symbolischen Politikgehalt des Klose-Wechsels nach München: „Keiner der spektakulären Transfers des FC Bayern wurde so skeptisch beäugt wie der von Klose. Der werde nicht klarkommen in München, hieß es, der steht sich mit Toni nur im Weg herum, überhaupt sind dann zu viele Stürmer da, und in einem Jahr kann er ohnehin ablösefrei kommen. Tatsächlich aber ist die Bedeutung von Kloses Wechsel immens: Für den FC Bayern bedeutet Klose, dass das mit all den Kreativspielern besetzte Mittelfeld eine Zuspitzung findet. Für den SV Werder bedeutet das Fehlen Kloses noch viel mehr: eine sportliche Schwächung, eine Demütigung und die Erkenntnis, verwundbar zu sein. Kloses Wechsel hat in Bremen einiges kaputtgemacht. Nachdem das Geheimtreffen Kloses mit den Bayern bekannt geworden war, offenbarte die Mannschaft ihr Mobbing-Potential. Es hatte zwar zuvor schon einmal kleine Eifersüchteleien zwischen Frings und Diego gegeben, aber nun ging es schlimmer zu als in der Vorabendserie ‚Verbotene Liebe‘. Klaus Allofs verkündete, Klose werde bleiben, doch natürlich ging Klose. In den Fanforen des Klubs herrschten Entrüstung und Entsetzen, Gerüchte über Kloses Privatleben wurden gestreut. Am Ende gingen alle beschädigt aus der Sache hervor, Mannschaft, Manager und Fans. Werder war verletzt. Dabei ist wichtig, wie der Wechsel vonstatten gegangen ist: Die heimliche Ansprache, die vielen Dementis – weder der FC Bayern noch Klose haben das besonders gut gelöst. Im Grunde kann man es sich so vorstellen, dass der FC Bayern aus dem funktionierenden Gebilde Werder mit einiger Gewalt ein großes Stück herausgebrochen und dann zu seiner Freude erkannt hat, dass das Stück in München genau passt. Das Loch in Bremen ist ein willkommener Nebeneffekt.“
BLZ: Über die Rivalität zwischen Bayern und Bremen
SZ-Interview mit Gerald Asamoah über sein Unverständnis über die Dortmunder Häme am 12. Mai 2007
Ascheplatz
Weiß der DFB, wie man Verhandlungen führt?
Nach dem Spruch des Schiedsgerichts in der Sponsoring-Frage: Irritationen in der Presse über die bevorstehende Einigung mit Adidas
Roland Zorn (FAZ): „Gewinner gab es in dieser Affäre keine. Adidas hat den Großangriff des amerikanischen Marktrivalen abgewehrt, zahlt demnächst aber dem Vernehmen nach zweieinhalbmal so viel wie bisher an den DFB; der Verband, vor allem Theo Zwanziger, konnte die Position, gegenüber Adidas im Recht und damit frei zu sein für das Nike-Angebot, auch nicht durchsetzen; Nike muss noch lange warten, ehe der DFB wieder ein möglicher neuer Partner werden könnte; und dem deutschen Fußball entgeht eine Menge Geld. So geht denn ein Wirtschaftskrimi und eine Beziehungsgeschichte auf den ersten Blick so zu Ende, wie der Plot angefangen hat. Herrscht also demnächst wieder die alte Harmonie zwischen DFB und Adidas? Die Scheidung ist zwar vermieden worden, doch ob das alte Vertrauen zueinander aufs Neue zurückkehrt, darf bis zum Beweis des Gegenteils bezweifelt werden.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) hält die Entscheidung für unübersichtlich: „Daumen hoch oder Daumen runter sollte es heißen, beide Seiten hatten versprochen, sich an den Spruch zu halten. Das Schiedsgericht entschied sich nach neunstündiger Beratung aber für Daumen quer. Da die Sache höchst kompliziert sei, sollten sich die Parteien, die sich bislang partout nicht einigen konnten, doch bitte einigen und einen Vergleich schließen. Und siehe da, auf einmal begannen laut Zwanziger ‚konstruktive Gespräche‘, ein Kompromiss schien plötzlich wie von Zauberhand gewirkt möglich zu sein. Das riecht nach einer deftigen Niederlage für den DFB, der angesichts der Entscheidungsunfähigkeit der Vermittler offenbar eiskalte Füße bekommen hat. (…) Der DFB hat im August 2006 vielleicht nicht strafbar gehandelt, aber sträflich fahrlässig und hyper-super-mega-naiv.“
Auch Thomas Kistner (SZ) wundert sich und spekuliert über Hinterzimmerpolitik beim DFB: „Alle Zeichen standen auf Trennung. Anfeindungen kursierten. Um so krasser ist nun die Kehrtwende des DFB im Vertragsstreit mit Adidas. Zumal diese Wende ja nicht durch eine neue juristische Sachlage erklärbar wird, nach welcher der Verband die Situation bisher einfach falsch eingeschätzt hätte. (…) Sind also Zwanziger – erst seit 2006 Alleinpräsident und einer der wenigen DFB-Granden ohne gewachsene Adidas-Beziehung – einige Leute von der Fahne gegangen? Er hat noch keine starke Hausmacht, die Struktur der alten Garde ist stark. Jetzt wirkt sie noch stärker. Eine Garde, die übrigens über Jahrzehnte von Adidas gut behandelt wurde. Da passt, dass Zwanziger und Schmidt Verlierer einer erzwungenen Einigung sein sollen; schon Adidas hatte die zwei ja im Prozess als Betreiber eines doppelten Spiels hingestellt. Es bleibt ein Geruch an diesem Deal. Und der Fußball? Der braucht auf lange Sicht nicht zu jammern, dass ihm für irgendwas Geld fehlt.“
An anderer Stelle heißt es bei Kistner: „Medienwirksame Schauveranstaltungen wären garantiert, wenn das komplette DFB-Präsidium inklusive Franz Beckenbauer, dazu von Adidas benannte Zeugen aus der Kickerbranche zwecks Eidesstattlicher Aussagen vorm Amtsrichter hätten antreten müssen. In DFB-Kreisen ein Horrorszenario, zumal nicht wirklich gesichert wäre, wie mancher alter Funktionär die damaligen Gespräche mit Adidas aus seiner subjektiver Sicht wahrgenommen hat. Gelänge es dem Konzern, hier die Front ins Wackeln zu bringen, blühte dem DFB schlimmstenfalls sogar ein Urteil, das festschreibt, was im Fall eines Vergleichs nur unausgesprochen im Raume steht: Dass der Verband nicht so recht weiß, wie man Verhandlungen führt.“
SZ: Nur wer mit Millionen Sieger und erfolgreiche Mannschaften unter Vertrag nehmen kann, hat die Nase vorn bei jungen, auf Idole fixierten Käufern
Freitag, 17. August 2007
Champions League
Eine Mannschaft ohne Mitte, ohne Struktur
Die Leistung der Bremer beim 2:1 gegen Dinamo Zagreb kommentieren die Journalisten mit Entsetzen
Jörg Marwedel (SZ) erschrickt über die Form Werder Bremens: „Auch beim nicht unbedingt verdienten 2:1 gegen Zagreb hat sich bestätigt, was sich schon beim DFB-Pokalspiel in Braunschweig und beim ersten Bundesligaspiel in Bochum angedeutet hatte: Werder Bremen ist derzeit nicht mehr Werder Bremen. International haben sie jedenfalls kaum einmal eine schlechtere Halbzeit abgeliefert als die erste in diesem Spiel. Das hat auch damit zu tun, dass zwölf Spieler momentan verletzt ausfallen. Gleichwohl fällt auf, dass die einzelnen Mannschaftsteile kaum wissen, was die Mitspieler vorhaben und wohin sie laufen. Allein Tim Wiese, Mertesacker und Boubacar Sanogo hatten annähernd Normalform.“
Frank Heike (FAZ) fügt hinzu: „Ohne die verletzten Frings, Borowski, Fritz und Womé war vor allem das Bremer Defensivgerüst wacklig, im Mittelfeld weiß Carlos Alberto noch gar nicht, wie er spielen soll, und vorn stand Schindler dem Sturmkollegen Sanogo meistens im Weg. Angesichts der misslichen Umstände war man in Bremen doch eher froh und auch ganz zufrieden, dieses Spiel überhaupt gewonnen zu haben. Formschwäche, Verletzungen, ungewisse Aussichten und die Meinung vieler Beobachter, dies sei ein schwächerer Werder-Jahrgang als zuletzt – es hakt bei den Bremern, doch wurde auch eine der großen Stärken dieses Vereins sichtbar: Schaaf und Allofs bleiben gelassen.“
Auch Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schwant nichts gutes: „Die Bremer haben sich als eine einzige große Problemzone präsentiert. Sie schickten elf Spieler auf den Platz, aber kein Team. Sie fanden keinen Halt, keine Orientierung, keine Struktur; sie geisterten ziellos umher, sie waren eine Mannschaft ohne Mitte, eine Ansammlung von Missverständnissen. (…) Die Bremer durchleben nach Jahren des Aufschwungs eine kritische Phase. Sie sind in der neuen Saison noch nicht angekommen, aber die Saison nimmt darauf keine Rücksicht.“
Alle Tore
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